Gefühlsachterbahn - Jannik Reisberg - E-Book

Gefühlsachterbahn E-Book

Jannik Reisberg

0,0

Beschreibung

Jannik Reisberg ist 26 Jahre alt, als er sich auf die Reise seines Lebens macht. Den Abschluss als Luftfahrtingenieur gerade in der Tasche, zieht er wenige Tage später schon los in die weite Welt. Was ihn genau erwartet, weiß er nicht. Was passiert mit dir, wenn du so lange reist? Was passiert, wenn du dich innerhalb kürzester Zeit mit den dramatischen Gegensätzen dieser Welt konfrontiert siehst? Fragen, die ihn letztlich auf die Reise seines Lebens bringen. Rucksack, BVB-Trikot, robuste Schuhe und der Wille es zu schaffen. Manchmal braucht es nicht mehr und nicht weniger. Was kommt ist ein hochemotionales Auf- und Ab, eine unvorstellbare Reise, die nicht nur seine Gefühle auf ungeahnte Höhen treibt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 923

Veröffentlichungsjahr: 2024

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



#widenyourmind

Erweitere deinen Horizont

1. Auflage März 2019

Aktualisierte 9. Auflage Dezember 2023

© Copyright by Jannik Reisberg

Kontakt: [email protected]

Verlag: epubli

Lektorat: Sara Grasso

Umschlaggestaltung: Tobias Jan Pienta

Karten: Tobias Jan Pienta

Mock-up: Tobias Jan Pienta

Ohne euch beide wäre dieses Buch niemals erschienen.

Vielen Dank für euer Engagement.

Die klügste Entscheidung meines Lebens war mein Studium.

Die beste Entscheidung meines Lebens war es auf diese Reise zu gehen.

Reisen ist tödlich für Vorurteile.

Mark Twain

Erst wenn man unterwegs ist, begreift man, dass die größte Entfernung die größtenIllusionen weckt und dass Alleinreisen sowohl Vergnügen als auch Strafe ist.

Paul Theroux

Mit 15.000 Euro um die Welt:

422 Tage (6. Oktober 2017 - 1. Dezember 2018)

26 Länder auf 6 Kontinenten

100.000 zurückgelegte Kilometer davon 75.000 km per Flugzeug, 25.000 km per Landweg

40 Flüge

5 Tage und 20 Stunden in Flugzeugen verbracht in 3 Ozeanen geschwommen

8 Weltwunder besichtigt

39 % auf der Süd- , 61 % auf der Nordhalbkugel verbracht

2 Schuhpaare abgelaufen

& unzählige Male an meine Grenzen gekommen

Die in diesem Buch getroffenen Aussagen sind rein subjektiver Natur. Sie sind das Ergebnis ausmeinen täglichen Erlebnissen, Eindrücken undErfahrungen, die ich während der Reise in den jeweiligen Ländern gemacht habe. Sie sind weder vollständig, noch zwangsläufig richtig. Sie sind schlichtweg persönlich.

Die Aufzeichnungen in diesem Buch erfolgten parallel zum Reiseverlauf. Eine spätere inhaltliche Änderung erfolgte nicht. Es kann daher nicht ausgeschlossen werden, dass sich die von mirbeschriebene Lage im jeweiligen Land mittlerweile umfassend geändert hat.

Die in diesem Buch genannten Länderfakten wurden zum Zeitpunkt der Weltreise intensivrecherchiert. Sie sind jedoch nicht vollständig und es sei bei tieferem Interesse auf einschlägige Literatur verwiesen.

Vorwort

Im Jahre 2010 begann alles. Damals war ich gerade in der 12. Klasse der gymnasialen Oberstufe und befand mich ein Jahr vor meinem Abitur. Ich war seit kurzem Mitglied der Jungen Liberalen und interessierte mich in meinen jungen Jahren neben der Kommunalpolitik meines Geburtsortes Ennepetal vor allen Dingen für die internationale Politik. Beim Besuch einzelner Veranstaltungen der Freien Demokratischen Partei lernte ich viele neue Menschen kennen, bekannte Persönlichkeiten etwa wie Guido Westerwelle oder Hans-Dietrich Genscher, aber auch andere ebenfalls liberal eingestellte Menschen in meinem Alter.

Im August 2010 sollte ich jedoch lernen, dass es in Sachen Politik - besonders im internationalen Raum - stets auch an Feingefühl bedurfte und meine Angriffslust oftmals schlichtweg kontraproduktiv war. Über einen damaligen Parteifreund wurde ich auf ein internationales Jugendforum im südkoreanischen Seoul aufmerksam gemacht. Nach einem äußerst spontanen Buchen der Flüge und der Ausstellung eines Reisepasses im Eilverfahren (ich hatte damals noch gar keinen) zog es mich also im Alter von 18 Jahren für zehn Tage erstmals alleine raus in die weite Welt, fernab von Zuhause und allem, was ich bisher kannte. Schnell kam ich in Kontakt mit gleichaltrigen jungen Menschen aus aller Welt. Ein Traum, der Realität wurde.

Ich begann schließlich zu verstehen, wie klein mein bisheriges Universum Ennepetal in Deutschland und wie groß die Welt war. Mir wurde klar, wie unterschiedlich Menschen auf der ganzen Welt ihr Leben leben, wie verschieden sich Ansichten und Lebenswege bilden und entwickeln können. Gleichzeitig lernte ich in dieser kurzen Zeit sehr viel über mich selbst. Ich lernte zuzuhören, aus dem vorlauten und vorschnell urteilenden Jungen wurde ein offener, neugieriger und die Worte und Meinungen anderer reflektierender Mensch. Ein Chinese oder ein Ägypter sieht die Welt nun einmal anders als ein Deutscher - und das ist eine wunderbare Möglichkeit. Bei allen Differenzen und den daraus resultierenden Konflikten, die zwischen Ländern und Kulturen entstehen, ist der offene Dialog essentiell. Wir müssen in einem ständigen Austausch zuhören und zuhören lassen.

Ich bin mir sicher, dass diese kurze, aber so intensive Zeit in Südkorea aus mir über die Jahre den Menschen geformt hat, der ich heute bin: ein Weltmensch. Ein Mensch ohne Vorurteile gegenüber anderen und ihre Kulturen. Ein Mensch, der die Welt liebt und der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, sie zu einem besseren Ort für alle zu machen. Ich möchte für eine Welt kämpfen und einstehen, die ihre Unterschiede als Reichtum wahrnimmt. Diese Unterschiede dürfen wir nicht zerstören, wir müssen sie bewahren und mit allem schützen, was wir haben.

Der 9. Mai 2022 hat mein Leben völlig verändert. Während meiner Weltreise vor ein paar Jahren war ich in vielen sehr gefährlichen Situationen. Aber an diesem Tag - meinem zweiten Geburtstag - saß ich auf meinem Fahrrad und entspannte mit meiner Freundin an der Alster in Hamburg. Ein wunderbarer Ort. Ein wunderbarer, sicherer Ort. Aber Unfälle passieren immer dann, wenn man nicht daran denken kann, sie zu haben. Durch einen schweren Fahrradunfall mit tagelangem Aufenthalt auf der Intensivstation eines Krankenhauses wegen Hirnblutungen weiß ich jetzt, was für ein Glück ich habe, dass ich diese Weltreise bereits gemacht habe. Ich bin jetzt in meinem zweiten Leben und kann immer noch all das tun, was ich vorher getan habe. Ich kann reisen. Allerdings gab es nach dem Unfall eine Zeit von mehreren Wochen, in denen ich überhaupt nichts wusste. Ich wusste nicht, wo ich war, was überhaupt passiert war. Und ich wusste nicht, warum ich jetzt anders war, ohne Geruchs- und Geschmackssinn. Das Leben geht immer weiter, aber jetzt weiß ich noch besser, was ich mir auf meiner Reise um die Welt immer gesagt habe: Genieße dein Leben, jede Sekunde.

Hamburg, Juli 2023

Inhaltsverzeichnis

Teil I: Aufbruch

Teil II: Europa

1. Istanbul (Türkei)

Teil III: Asien I

2. Libanon

Teil IV: Afrika

3. Ägypten

4. Äthiopien

5. Südafrika

Teil V: Asien II

6. Vereinigte Arabische Emirate

7. Sri Lanka

8. Indien

9. Vietnam

10. Kambodscha

11. Thailand

12. Singapur

13. Malaysia

14. Indonesien

Teil VI: Fotoerinnerungen an meine Reise

Teil VII: Ozeanien

15. Australien

16. Neuseeland

17. Französisch-Polynesien

18. Osterinsel (Chile)

Teil VIII: Südamerika

18. Chile

19. Bolivien

20. Peru

21. Ecuador

22. Kolumbien

Teil IX: Nordamerika

23. Mexiko

24. Panama

25. Costa Rica

26. New York City (Vereinigte Staaten von Amerika)

27. Rückkehr

Teil X: Ankunft

Gipfelerfolg

Abstieg

Teil I: Aufbruch

Ein großer Vorteil des Studentendaseins war es für mich sicherlich, mein eigener Herr zu sein. Nicht mehr von der Hand eines Lehrers geleitet zu werden, das befreite mich nach meinem Abitur sehr. So zog ich nach einem sechswöchigen, technischen Vorpraktikum im August 2011 nach Aachen in meine erste eigene Wohnung. Damit war ich in einem neuen Lebensabschnitt angekommen. Niemand fragte mich mehr, wann ich wieder Zuhause sein oder endlich mit dem Hund rausgehen würde oder wen ich denn da gerade mit nach Hause brächte. Ich hatte die Freiheit einfach nur ich zu sein und das war gut so.

Nach meinen Erlebnissen in Südkorea und vor allem auch Dank der sozialen Medien, konnte ich zu meinen neu gewonnenen Freunden aus aller Welt Kontakt halten und in mir wuchs der Wunsch, meinem Alltag so schnell wie möglich wieder zu entfliehen. Entkommen in eine andere, mir noch fremde Welt. So reiste ich knapp ein Jahr später, die ersten großen Hürden meines Studiums lagen schon hinter mir, über Silvester 2012/2013 zu meinem Freund Naoufal nach Marokko. Naoufal und ich lernten uns in Südkorea kennen, sofort gefiel mir seine frische und offene Art sehr. Sie war etwas, das mir damals eher fremd war. Damals bot ich ihm spät in der Nacht eine Packung Kekse an, um ihm beim Fastenbrechen zu helfen. Das war der Beginn unserer Freundschaft. Während meines Besuchs stellte er mich dann seinen Freunden als den „Mann mit den Keksen“ vor. Was für mich nur eine Geste der Höflichkeit und nichts ausgesprochen Großes war, bedeutete ihm weit mehr. Ihn überraschte die Hilfsbereitschaft eines Fremden, sein Verständnis für eine Religion, der er gar nicht angehörte. Die Tatsache, dass Naoufal als streng gläubiger Mensch der Welt mit so viel Offenheit begegnete, faszinierte mich: Er ließ sich kein Fußballspiel in der Mittagshitze entgehen und ging voller Energie in jeden Sprint, verweigerte aber aufgrund des Fastens während des Ramadans jegliches Essen und Trinken am Tag.

Marokko war für mich eine äußerst interessante und erfahrungsreiche Zeit. Ich konnte mich zum ersten Mal unter die Betenden in einer Moschee mischen, hautnah bei einem Gebet dabei sein und all die Facetten dieses wunderbaren Landes erfahren. Allein über diese Reise könnte ich noch heute sehr viel erzählen, aber das soll nicht Gegenstand dieses Buches sein. Marokko war der nächste Schritt auf meinem Weg hin zu einem neuen Lebensideal, einem neuen Lebensziel: dem Reisen.

Nach Marokko folgte 2014 ein Auslandssemester, welches ich in Istanbul, der größten Stadt der Türkei verbrachte. Trotz offizieller Anwesenheitspflicht konnte ich dank meiner Professorin während meines Aufenthalts sehr viel im Inland herumreisen. Schon zu dieser Zeit war die Situation in der Türkei sehr angespannt, dennoch lernte ich viele neue Menschen kennen und gewann sogar neue Freunde dazu. Per Anhalter ließ ich mich von LKW-Fahrern in Richtung türkisch-iranischer Grenze mitnehmen, auf dem Weg hörte ich ihnen aufmerksam zu, wenn sie von ihren Sorgen und Problemen erzählten. Alles war ein großes, ganz neues Abenteuer für mich. Wenn ich keine Mitfahrgelegenheit fand, musste ich eben mitten im türkischen Ödland einsam am Straßenrand zelten, bis mich am nächsten Morgen die ersten Autos weckten und die Suche nach einer Mitfahrgelegenheit von neuem begann.

Oft werde ich heute noch gefragt, warum ich mich damals ausgerechnet für die Türkei entschieden habe. Für mich war die Entscheidung ziemlich banal. Im Rahmen des Erasmus - Programms der EU war die Türkei das einzige Land, von dem ich einen genügend großen kulturellen Unterschied zu Deutschland erwarten konnte. Ich wollte mir ein Bild von dem Land machen, aus dem so viele meiner Mitbürger in Deutschland abstammen. Um es ganz einfach zu sagen: Es war die Neugier an einer mir noch fremden Kultur und Religion, die ich bereits in Marokko kennen und zu schätzen gelernt habe.

Im Herbst 2014 wieder in Aachen angekommen, war für mich klar, dass es mit dem Reisen weiter gehen musste. Natürlich wollte ich auch mein Studium zu Ende bringen, aber das Reisen entfachte eine Lust in mir, die ich unbedingt stillen musste.

So folgten auf Südkorea, Marokko, Kenia, die Türkei und Israel 2015 schließlich noch Uruguay und Argentinien, nach meinem bestandenen Bachelor-Abschluss Anfang 2016 die Philippinen, Singapur und Hongkong, sowie Rumänien später in demselben Jahr. Ohne Ausnahme verzichtete ich während meiner Reisen - egal ob alleine oder zu zweit - auf touristischen Komfort und versuchte stattdessen in die Schuhe eines Einheimischen zu schlüpfen, sein Leben zu leben, wenn auch nur für kurze Zeit. Ich wollte das Leben durch ihre Augen sehen. Ich wollte wissen, wie es sich anfühlt, in einem Slum von Mombasa zu wohnen und keine Liste von Luxus-Ressorts am indischen Ozean anfertigen. Das hat sich bis heute nicht geändert. Ich möchte die Länder noch immer fühlen, ihre Menschen mit ihrer Geschichte und ihren Kulturen und sie nicht nur durch die Brille der reichen westlichen Gesellschaft anschauen. All diese Länder haben mich inspiriert, ihre wundervollen und zugleich erschreckenden Erfahrungen sind der Grund für die Entstehung dieses Buches.

Neben der einfachen Lust am Reisen mit dem Rucksack geht es mir aber auch um noch viel mehr. Dazu muss ich ein wenig ausholen und von meiner Vergangenheit berichten. Alles in meinem Leben habe ich immer ohne große Umwege erreicht. Auf meinen Abiturabschluss folgte unmittelbar mein Maschinenbau Studium in Aachen, nun befinde ich mich im Masterstudium. Das klingt nach einem vorzüglichen Lebenslauf. Dennoch habe ich zurzeit noch große Probleme mir vorzustellen, bald nach meinem Studium den Rest meines Lebens in irgendeinem Büro in irgendeiner Provinzstadt Deutschlands zu sitzen. Das ist nicht unbedingt der Wunsch einer Zukunft eines 25-jährigen jungen Mannes, der die Welt so sehr liebt. Vor dem beruflichen Alltag will ich daher noch einmal entfliehen und auf meine große Reise gehen. Ich weiß nicht, was sie in mir bewirken wird. Vielleicht wird mir meine Familie zu sehr fehlen und mich schließlich doch zurück nach Deutschland ziehen, und damit zu einem konventionellem Leben, zu einem Schreibtisch in irgendeinem Büro in irgendeiner Provinzstadt. Vielleicht finde ich aber auch in einem anderen, weit entfernten Land den Ort für mich und meine Zukunft. Wer kann das schon sagen? Ich weiß nicht, wie lange ich reisen oder überhaupt noch die Möglichkeit dazu haben werde. Ich vertraue darauf, dass sich alles fügen wird, denn egal was und wie es noch kommen mag, über eine Sache bin ich mir sicher: Ich freue mich sehr auf diese Zeit!

Dezember

Ich komme meinem Ziel immer näher, zwar auf Umwegen, aber es geht voran. Ab April werde ich Aachen nach fünfeinhalb Jahren verlassen und nach Göttingen ziehen, um mein Studium zu Ende zu bringen und meine Masterarbeit anzufertigen. Natürlich könnte ich die Arbeit wie die Mehrheit meiner Kommilitonen auch an der Uni selbst schreiben und noch bis Ende September in Aachen verbleiben. Ich habe aber in den letzten Tagen und Wochen eine gewisse Langeweile verspürt. Es wird Zeit für mich. Ich muss einen neuen nächsten Schritt in meinem Leben machen, an einem neuen Ort, in einer neuen Gegend. Ein Neubeginn. Aachen ist eine tolle Stadt, die ich in all der Zeit kennen und lieben gelernt habe, vielleicht zu sehr. Vielleicht muss man manchmal offen für eine neue Liebe sein. Natürlich ist Göttingen nicht China, der Unterschied zwischen Aachen und Göttingen ist nicht außergewöhnlich bemerkenswert. Dennoch freue ich mich auf eine neue und hoffentlich spannende Zeit in einer anderen Universitätsstadt Deutschlands. Glücklicherweise kann ich den Sommer in Göttingen verbringen und bin gespannt, was die Stadt für den stressgeplagten Studenten alles bereithält. Und ja, es gibt auch stressgeplagte Studenten. Nun heißt es also in den kommenden Wochen für mich meine Zelte in Aachen vollständig abzubrechen und eine vorübergehende Unterkunft in Göttingen zu finden. Es geht vorwärts. Ein verdammt gutes Gefühl.

März

Alle benötigten Impfungen sind erledigt. Den Umzug nach Göttingen habe ich dazu genutzt, um jeglichen Ballast loszuwerden, den ich nun erst einmal nicht brauchen werde: Fernseher, Playstation, Kameraobjektive, Möbel. Alles hat einen Abnehmer gefunden, die Reisekasse klingelt.

August

Die Zeit rennt und in den letzten Monaten hat sich viel verändert. Ich bin nach Göttingen gezogen und schreibe an meiner Masterarbeit. Die Flüge für die ersten drei Monate meiner Weltreise sind gebucht und ich bin um zwei Weisheitszähne leichter. Durch die Flugbuchung wird die Weltreise real, das Abflugdatum ist der 6. Oktober. Und nach dem Abschluss meiner Reisekrankenversicherung und der Abmeldung bei meiner deutschen Krankenkasse ist es nun klar: Die Ungewissheit hat ein Ende, die Sache ist fix! Das Anfertigen meiner Masterarbeit ist bisher ziemlich gut verlaufen, doch dadurch sind leider auch die Vorbereitungen der Weltreise viel zu kurz gekommen. Dass ich bereits vor gut einem Jahr mit den ersten Planungen angefangen habe, erspart mir aber jetzt unheimlich viel Stress und die Angst, etwas wichtiges vergessen zu haben. Planen wie ein waschechter Deutscher zahlt sich manchmal also doch aus! Ich bin trotzdem unheimlich gespannt darauf, was ab dem 6. Oktober auf mich zukommen wird. Starten werde ich in Istanbul, wo ich 2014 mein Auslandssemester absolviert habe. Der weitere Weg wird mich dann über den Libanon nach Ägypten führen und dann weiter nach Äthiopien und Südafrika. Ich möchte tauchen und freue mich ganz besonders auf meine Zeit am Roten Meer. Vielleicht treffe ich ja den Weißen Hai? Von Kapstadt aus wird es dann Ende Dezember in Richtung Dubai gehen, um dort gemeinsam mit meiner Freundin Rebecca Silvester zu feiern und natürlich die beeindruckenden Feuerwerke zu bewundern. Im Anschluss wollen wir noch gemeinsam durch die Vereinigten Arabischen Emirate reisen, bevor es schließlich für mich alleine wieder weiter nach Sri Lanka gehen soll. Vermutlich werde ich von den bis dahin ersten drei Monaten Dauerreise schon ein wenig reisemüde sein. Deshalb plane ich dort meine erste kleine Auszeit zu nehmen. Alles weitere danach wird sich ergeben. Eine grobe Route habe ich zwar schon im Kopf, was aber am Ende daraus wird, entscheidet sich spontan. Jetzt stehen noch die verbleibenden sechs Wochen in Deutschland bevor. Diese Zeit werde ich natürlich mit meiner Familie und meinen Freunden so intensiv wie nur möglich nutzen.

September

Heute ist der 27. September. Es bleiben nur noch neun Tage. In etwas mehr als einer Woche geht es also wirklich los zu meinem ersten Ziel: Istanbul. Die Masterarbeit habe ich mittlerweile schon fertig und abgegeben. Nach sechs Jahren ist damit am vergangenen Donnerstag mein Studium zu Ende gegangen und ich kann mich mit dem Erhalt meines Abschlusszeugnisses nun endlich Luftfahrt-Ingenieur nennen. Wenn ich zurückblicke, dann kann ich nur sagen, dass ich eine sehr schöne Studienzeit hatte. Umso glücklicher bin ich jetzt, wo ich endlich in der Lage bin, einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen.

Am ersten Oktober steht noch der Geburtstag meiner Mutter an. Diesen Tag werde ich nutzen, um mich vom Großteil meiner Verwandten zu verabschieden. Es ist ein komisches, aber dennoch wahnsinnig schönes Gefühl zugleich. Nach knapp einem Jahr Planung wird mein Traum nun tatsächlich Realität, alles ist zum Greifen nahe. Ich bin sehr froh, dass ich meine Weltreise schon lange im voraus geplant habe. Dadurch habe ich hoffentlich nichts wichtiges vergessen und die Hürden der deutschen Bürokratie erfolgreich bewältigt.

Teil II: Europa

Es war soweit. Nach mehr als einem Jahr Planung, stand ich nun also an meinem Gate des Düsseldorfer Flughafens und wartete auf meinen bereits verspäteten Flug. Der Abschied von meinen Eltern, meiner Schwester, meinem Neffen und vor allem von Rebecca fiel mir schwer. Rebecca würde ich in zweieinhalb Monaten in Dubai schon wieder sehen, aber was den Rest meiner Familie betraf, war noch ungewiss. Aber wie die lange und akribische Planung, die Vorfreude und die Aufregung ins weite Ungewisse zu treten, gehören Abschiede eben auch dazu. Abschied von alten Gewohnheiten. Abschied vom Alltag. Abschied von Freunden und der umso schwerere Abschied von der Familie. Es wird dieses Jahr das erste Mal überhaupt sein, dass ich Weihnachten nicht mit ihnen verbringe. Stattdessen werde ich vermutlich in Kapstadt sein, 9.500 Kilometer von meiner Geburtsstadt Ennepetal und meiner Familie entfernt.

Rebecca hatte mir noch eine Überraschung mit auf meine Reise gegeben, die ich mir während der Wartezeit am Düsseldorfer Flughafen anschaute. Sie hatte eine Emailadresse erstellt, an die mir meine Bekannten, Freunde und Familienmitglieder ihre Wünsche für den Beginn meiner Weltreise geschickt hatten. Es war ein sehr bewegender Moment für mich und so schön jedes ihrer warmen Worte zu lesen. Noch heute wird meine Stimme wackelig und ich fange an zu zittern, wenn ich an diesen Moment am Flugsteig zurück denke. Es war ein Abschied, den ich mir selbst ausgesucht hatte, den ich mir selbst so sehr gewünscht hatte und den ich eben als Anfang eines neuen Kapitels in meinem Leben in Kauf nehmen musste. Ich musste mich loslösen, um in den kommenden Tagen die Erlebnisse meiner Reise tatsächlich genießen zu können.

Ich war in den letzten Jahren ein eher kühler Mensch geworden, der seine Gefühle nicht in der Öffentlichkeit zeigte und selbst hinter verschlossenen Türen nur äußerst selten weinte. Ja, man warnte mich sogar davor, dass ich das Weinen und das Zeigen meiner Gefühle verlernen und überhaupt nicht mehr dazu in der Lage sein würde. Es war nichts, worauf ich stolz war, doch konnte und wollte ich nichts an mir ändern. Doch im Moment des Abschieds und insbesondere, als ich alleine am Flugsteig saß und all die Nachrichten las, fühlte ich mich plötzlich unerwartet alleine gelassen. Dieser Moment sollte der erste von vielen auf dieser Reise sein, in welchem mir ohne darüber nachzudenken Tränen über die Wangen liefen. Ich begann einfach zu weinen. Vielleicht weil ich endlich realisierte, dass ich in den kommenden Wochen und Monaten ganz auf mich alleine gestellt sein würde. Ja, ich weinte Tränen, weil ich meine so innig geliebte Familie nun zurück lassen musste. Und das fiel mir umso schwerer, weil ich in den Wochen vor Beginn der Reise eine so intensive und schöne Zeit mit ihnen verbracht hatte wie selten davor. Insbesondere mit meinem Neffen Mika. Es tut gut ein junges Kind in der Familie zu haben, dass wie ein Wirbelwind alle anderen wieder aktiver und lebendiger werden lässt.

Doch es war soweit. Ich hatte meine Entscheidung getroffen und das war auch gut so. Ob ich es also nun wollte oder nicht, es ging los: Das Flugzeug war endlich zum Boarding bereit, ich verabschiedete mich von der freundlichen Flughafenmitarbeiterin, betrat das Flugzeug, nahm Platz und winkte beim Abheben noch ein letztes Mal meiner alten Heimat, die immer meine Heimat bleiben wird.

1. Istanbul (Türkei)

Das erste Ziel meiner Reise stand bis zuletzt auf wackligen Beinen. Die ursprüngliche Überlegung, die Weltreise mit Istanbul zu beginnen, war aufgrund der sich zunehmend verschlechternden diplomatischen Beziehung zwischen der Türkei und Deutschland, insbesondere bedingt durch die Festnahmen von Deniz Yücel und Peter Steudtner, ins Wanken gekommen. Dennoch blieb es mein Wunsch diese große Reise in einer Stadt zu beginnen, die ich bereits sehr gut kannte. Damit gab es für mich auch keine großen Alternativen und mir war klar, dass ich entweder Istanbul oder erst verzögert in das eigentlich erste neue Land, den Libanon, reisen würde. Als Entscheidungszeitraum hatte ich mir daher Ende September - eine Woche vor Beginn meiner Reise - gelassen. Zuvor hatte ich noch Kontakt mit dem Auswärtigen Amt in Berlin, um mich über die genaue politische Lage und etwaige Warnungen zu informieren. Bei meinem letzten Besuch 2014 hielt ich nämlich auf einer öffentlichen politisch bewegten Veranstaltung einen Vortrag über das allgemeine Auftreten der Polizei bei Demonstrationen in Deutschland im Vergleich zu meinen damaligen Beobachtungen in der Türkei. Das Auswärtige Amt sprach keine Warnungen aus, auch wenn mir natürlich niemand Versprechungen machen konnte. Im schlimmsten Falle würde mir die Einreise Verweigert und ich am Flughafen abgefangen und wieder zurückgeschickt werden. Eine Festnahme konnte weitestgehend ausgeschlossen werden, solange ich während meiner Zeit in Istanbul als regulärer, nicht politisch motivierter Backpacker auftreten würde. Das war mittlerweile ohnehin meine feste Motivation geworden. Mir blieb ein mulmiges Gefühl, als ich in Düsseldorf am Freitagnachmittag in das Flugzeug nach Istanbul einstieg, doch für mich war klar, dass ich es den lieben Menschen dort schuldig war, sie noch einmal zu besuchen und mit eigenen Augen zu sehen, wie sie sich verändert hatten. Ich vermied es, obwohl ich es selbst für absurd hielt, durch meine sozialen Medien bekannt zu machen, dass ich nach Istanbul fliegen würde. Sicher ist sicher.

Schließlich landete ich mit knapp zwei Stunden Verspätung gegen 21.30 Uhr in Istanbul-Atatürk. Kurz danach stand ich nervös vor der türkischen Einreisekontrolle. Zum Glück waren die Warteschlangen zu diesem Zeitpunkt auffällig kurz. Der Flughafen war insgesamt sehr leer. Dadurch konnte ich nicht lange an meinem Vorhaben zweifeln, denn jetzt war es bereits ohnehin zu spät. Ich gab mich gelangweilt, versuchte so gleichgültig wie möglich auszusehen und begrüßte einen türkischen Polizeibeamten mit einem leisen, aber vernehmbaren „Merhaba abi” („Hallo, großer Bruder“). Mein Plan war es, das Gespräch schon von Beginn an in eine vertraute Richtung zu lenken, ich wollte es freundlich halten. Rückblickend war es natürlich naiv von mir zu glauben, dass das auch nur das Geringste ändern würde. Ich reichte ihm meinen Pass, er musterte mich mit dem typisch gelangweilten Blick eines türkischen Mannes. Bevor ich noch etwas sagen konnte, war da dieser Moment, vor dem ich mich gefürchtet hatte. Der Moment der Stille. Er dauerte nicht lange an, vielleicht waren es nur 10 oder 15 Sekunden. Mir kam es wie eine Ewigkeit vor. Während ich also angespannt auf seine Reaktion wartete, beobachtete ich die Menschen hinter der Kontrolle. Es waren junge Männer in ziviler Kleidung, offensichtlich von der türkischen Polizei oder vom türkischen Geheimdienst so wie ich sie bereits aus 2014 von den Anti-Erdogan-Protesten vom Taksim kannte. Damals hatten sie sich unter die Demonstranten gemischt, verhielten sich eher unauffällig und beobachten das Geschehen. Solange, bis sie die angeblichen Anführer der Demonstration ausfindig machen konnten und diese daraufhin schlagartig zuschlugen: Mit einem lauten „Polis!” („Polizei!") gaben sie sich zu erkennen, nahmen die entsprechenden Personen fest, zerrten sie aus der demonstrierenden Menschengruppe heraus und brachten sie hinter den Hundertschaften der Polizei in einem Wagen in Gewahrsam. Ab diesem Zeitpunkt war es mir und den internationalen Reportern, die ich aus reinem politischem Interesse während der Demonstrationen begleitete, nicht mehr möglich zu verfolgen, was mit ihnen passierte. Sobald der Polizeibus voll genug war, fuhr er geschützt von einem Polizeiaufgebot ab und verschwand in den Wirren der Stadt. Ich nahm diese Gefahr damals auf mich, weil ich verstehen wollte, was die jungen Menschen in meinem Alter auf die Straße trieb. Ich, als Teil einer Generation von jungen Deutschen, die in ihrer Heimat noch nie auf einer Großdemonstration waren und die deutsche Polizei stets als Freund und Helfer verstand, war neugierig. Neugierig zu erfahren, wie es mir ergehen würde, wenn ich in Istanbul geboren worden wäre. Weil ich bereits seit 2010 in Deutschland als politisch Liberaler aktiv war und mich primär immer schon für Themen der internationalen Politik begeisterte, war mein Durst selbst zu erleben und zu sehen, inwiefern die Bürger in der Türkei tatsächlich zunehmend ihrer Menschenrechte und ihrer Freiheit zu Meinungsäußerung und Lebensgestaltung beraubt wurden, natürlich umso größer. Damals hatte ich mich, zusammen mit anderen Austauschstudenten mit dem deutschen Generalkonsul von Istanbul getroffen, der uns Ratschläge gab, wie man sich angemessen verhalten konnte. Nach diesem Treffen war für mich klar, dass ich stets mit den internationalen Reportern unterwegs sein musste, um nicht Gefahr zu laufen, wie ein Demonstrant zu wirken. Gleichzeitig war es - zumindest damals noch - bei einer Demonstration in einer Gruppe internationaler Fotografen recht sicher, da diese fast immer von der Polizei beschützt wurden. Man ließ sie in aller Ruhe ihrer Arbeit nachgehen. Natürlich gab es Situationen, in denen Demonstrationen innerhalb von Sekunden eskalierten, in denen man sich zusammen mit anderen Fotografen in einem nahegelegenen McDonald’s Restaurant verstecken musste und die ein oder andere Reizgas-Granate gezündet wurde. Und natürlich kam ich dort an meine Grenzen. Doch man half sich gegenseitig, die Fotografen verteilten untereinander etwa feuchte Tücher oder Gasmasken. Ich kann mich an eine Situation erinnern, in der uns der Inhaber des McDonald’s Restaurants am Taksim sogar mit kostenlosen Burgern versorgte und uns Unterschlupf gab, bis sich die Situation beruhigt hatte. Man kann mir ohne jeden Zweifel Leichtsinn unterstellen. Allerdings sollte man die Situation vor ihren zeitlichen Hintergründen betrachten. Damals musste ich als Ausländer zu keinem Zeitpunkt Angst davor haben, vom türkischen Staat festgehalten zu werden. Als neutraler Beobachter wurde man auf Demonstrationen akzeptiert. Bis auf eine strapazierte Lunge am Ende eines solchen Tages oder eine irrtümliche Festnahme durch die Polizei (ein zuvor beschriebener Polizist in Zivilbekleidung nahm mich plötzlich fest, weil er dachte, dass ich auch ein Demonstrant sei, ließ mich jedoch nach dem Zeigen meines deutschen Ausweises unter wiederholten Entschuldigungen wieder laufen), gab es keine außergewöhnlichen Vorkommnisse. Ich empfand diese Zeit schon damals - und das tue ich auch noch heute rückblickend - als sehr wichtig für mich, auch wenn sie gefährlich war. Sie hat mich geprägt, denn immerhin lernte ich schnell, wie sehr die eigene Bevölkerung ihre Regierung zu Recht unter Druck setzen kann. Zurück zur Situation an der Einreisestelle am Flughafen: Ich stand also dort und wartete auf eine Reaktion des Polizeibeamten. Für ein paar Sekunden tat sich gar nichts, er musterte nur abwechselnd das Bild auf meinen Ausweis und mich. Was darauf folgte war eine Bewegung, die mich von jetzt auf gleich wieder in die Realität zurückholte. Er blätterte nach einer freien Seite in meinem Pass, hob den Einreisestempel und drückte ihn fest an. Schon war es passiert. So einfach. So schnell. Und so erlösend. Niemand wartete hinter ihm noch auf mich, um mich festzunehmen oder einer noch ausführlicheren Kontrolle zu unterziehen. Alles war genau wie damals bei meiner ersten Einreise. Hatte ich mich durch die deutsche Presse vielleicht doch zu sehr beeinflussen lassen? Zu sehr Angst gehabt vor etwas, das letztendlich niemals passieren würde? Ich weiß es nicht, aber fünf spannende Tage bei meiner alten Bekannten Istanbul lagen vor mir und schon bald würde ich mir alle brennenden Fragen beantworten können: Was hat sich verändert und was nicht? Wie verhalten sich die Menschen, was sind die Reaktionen der jungen Generation? Natürlich galt es nun auch alles daran zu setzen, wieder Gesund aus dem Land herauszukommen. Das bedeutete für mich zu allererst keine Beiträge in den sozialen Medien, wenn überhaupt mussten sie absolut unpolitisch sein und Istanbul und die Türkei als Land ausschließlich in einem positiven Licht zeigen. Meine Vorfreude war genauso enorm wie meine Aufregung. Nach der Ankunft am Taksim am späten Abend ging ich zuerst auf die Suche nach etwas Essbarem. Auf dem Weg zurück ins Hostel verlief ich mich ein wenig, da ich etwas leichtsinnig mein Handy nicht mitgenommen hatte und fiel schließlich müde ins Bett. Die Anspannungen des Tages hatten sich bemerkbar gemacht.

Nun, was ist mein Fazit aus den ersten zwei Tagen in Istanbul? Nach Anfangsschwierigkeiten bin ich wieder ganz gut in der Stadt angekommen. Ich spüre die gewohnte Müdigkeit am Abend, die diese Stadt einem jeden Tag aufs Neue schenkt, ganz umsonst, dank ihrer Größe und Lautstärke und ihren Muezzins, die zum Gebet rufen. Ich habe diese Stadt 2014 zu lieben gelernt, und ich stelle schnell fest, dass diese Liebe auch heute noch geblieben ist. Ich liebe den Geruch von heiß gebrühtem Çay und frischem Fisch, der aus den Restaurants strömt, wenn man über die Galatabrücke läuft. Ich liebe die Simit-Verkäufer, die überall stehen und alle zum gleichen Preis das typische ringförmige Gebäck verkaufen. Ich liebe das Engagement der Menschen, die auf der Straße Wasserflaschen und Taschentücher verkaufen, um ihr Einkommen oder ihre Rente aufzubessern. Ich liebe es in einem Café zu sitzen und diese Worte zu schreiben, während neben mir ein arabisches Pärchen sitzt und die Frau sich geübt Pommes durch ihre Niqab bugsiert, oder am Nachbartisch zwei westlich aussehende Männer mittleren Alters Händchen halten. Istanbul ist eine Stadt für alle Menschen. Sie lebt gerade durch ihre Gegensätze. Ihre Vielfältigkeit und ihre Offenheit gegenüber anderen Kulturen und Lebensstilen kann man nicht einmal in einer Stadt wie Köln oder Berlin finden. Istanbul ist nicht die Türkei, so heißt es oft. Das stimmt wohl. Bewegt man sich abseits der Touristenpfade und besucht Stadtteile wie Üsküdar oder Fatih, so merkt man schnell, dass auch die kleine liberale Welt Istanbuls ihre Grenzen hat. Gerade diese Vielfalt, das Eintauchen in neue Welten, wenn man den Stadtteil oder den Kontinent wechselt, macht Istanbul so authentisch und formt die Ecken und Kanten dieser Stadt. Doch die Stadt hat sich in den letzten drei Jahren sehr gewandelt und damit auch die Art der Touristen. Aufgrund der aktuellen Geschehnisse findet man keinerlei deutsche Stimmen mehr unter den Touristen. Zur Zeit meines Austauschsemesters gehörte die deutsche Sprache - neben der türkischen natürlich - zu den meist gesprochenen Sprachen auf der Straße, insbesondere in den Touristenhochburgen Beyoglu, Taksim und Sultanahmet. Das ist heute nicht mehr so. Die Stadt wirkt stellenweise touristenleer; beinahe leergefegt. An Orten wie den großen Basaren, wo sonst immer tausende Touristen die Plätze füllten, langweilen sich die Händler heute. Auf meinen Spaziergängen sehe ich nichts als leere Verkaufsgassen. Was aber ebenso auffällt, sind die zunehmenden Touristen aus arabischen Ländern, insbesondere aus Saudi-Arabien kommende Pärchen - gut zu erkennen an der typischen Ganzkörperverschleierung der Frauen. Sie ersetzen derzeit die Touristen aus der gesamten EU, die die Türkei spätestens seit dem vermeintlichen Putschversuch und den darauffolgenden Reaktionen des türkischen Staates auf kritische Bemerkungen meiden. Es ist allerdings anzuzweifeln, inwiefern die fehlenden europäischen Touristen wirklich ersetzt werden können; sei es quantitativ, vor allem aber qualitativ. Ein saudi-arabisches Pärchen wird kulturell bedingt niemals in einem Hostel, schon gar nicht in einem Mehrbettzimmer übernachten. Bereits in den letzten Monaten seit dem Putschversuch musste eine Vielzahl von Hostels schließen. Vorgestern erst habe ich mit einem Hostelbesitzer sprechen können, der mir offen sagte, wie schlecht es derzeit für ihn aussehe. Gleichzeitig ist das Ansehen der oben genannten Besucher - vorsichtig formuliert - in der Türkei als eher schlecht zu bezeichnen. Konservatives, auf Pump setzendes und ihren Reichtum zur Schau stellendes Verhalten ist nicht gern gesehen, zumindest nicht bei dem Großteil der türkischen Gesellschaft. Ebenso wenig die zu strenge Auslegung des Islams. Natürlich könnte man nun einfach sagen, dass es mit der Zeit automatisch zum Wandel kommen müsse, dass es nun am Hostelbesitzer liege, ein Fünf-Sterne-Hotel zu eröffnen und sich der Markt eben an die Nachfrage anpassen müsse. Trotzdem spüre ich, wie sehr sich viele Türken nach Normalität sehnen, nach einer Rückkehr zu dem Zustand vor dem versuchten Militärputsch. Bereits vor drei Jahren reagierten die Türken auf mein Bekenntnis hin Deutscher zu sein mit großer Verbundenheit. Das hat sich bis heute nicht geändert, trotz verbaler Verfehlungen der türkischen Regierung. Deutschland war und ist für viele Türken noch immer das große Vorbild. Ihnen ist die deutsch-türkische Beziehung, die sich derzeit in einer äußerst schwierigen Lage befindet, sehr wichtig. Wenn ich heute nun auf Nachfrage erzähle, dass ich Deutscher bin, so reagieren die Einheimischen noch positiver und netter als damals. Es kommt mir vor, als würde die türkische Gesellschaft dadurch wieder das reparieren wollen, was ihre Regierung in den letzten Monaten durch Taten und vor allem Worte zerstört hat. Es spricht Bände, wenn der Inhaber eines Cafés im konservativen Üsküdar neben den Tee eine deutsche und eine türkische Fahne auf meinen Tisch stellt, nachdem er von meiner Nationalität erfährt. Er will mir zeigen, dass ich ein besonderer Gast bin und zum Ausdruck bringen, für wie wichtig er die deutsch-türkische Freundschaft empfindet. In einem Plausch auf der Fähre zwischen Europa und Asien bekomme ich als Reaktion auf die Herkunftsfrage ein „Pardon Almanya“ als Antwort zurück. Ein einfacher Arbeiter der türkischen Gesellschaft, der sich für die Taten seiner Regierung schämt, bittet mich um Entschuldigung. Das Wort des großen Machtmannes an der Spitze des Landes hört man in dieser Situation nie. Ich will an dieser Stelle keinesfalls eine politische Diskussion beginnen. Ich stelle lediglich fest, dass die Menschen sehr vorsichtig mit ihren Worten geworden sind. Wenn sie sich trauen ehrlich zu antworten, dann nur mit leiser Stimme und eher darauf bedacht, von Atatürk, dem tatsächlichen Gründer der Türkei, zu schwärmen. Die türkische Wirtschaft ist derzeit in einem desolaten Zustand. Während 2014 ein Euro etwa 2,8 türkische Lira wert war, ist er heute über 4,20 Lira wert. Der Verfall der türkischen Währung ist dramatisch, die daraus resultierende Inflation immens. Der kleine Bürger merkt es an den gestiegenen Preisen für alltägliche Güter, etwa dem Simit. Natürlich profitiert der klassische Tourist von dem Preisverlust der türkischen Währung. Trotz der Preiserhöhungen ist die Türkei für einen Deutschen insgesamt noch günstiger geworden als vor drei Jahren. Aber als ein interessierter Gast dieses Landes spürt man auch direkt, wem dieser Verfall allen voran schadet: der türkischen Mittelschicht.

Das Stadtbild als solches hat sich in den drei Jahren seit meinem letzten Besuch ebenso grundlegend verändert. Während 2014 die türkischen Straßen, insbesondere an namhaften Orten wie dem Taksimplatz oder der Innenstadt von Besiktas¸, noch übersät mit der Staatsmacht in Form von Polizeihundertschaften und schwer gepanzerten Fahrzeugen waren, sind es jetzt - und das ist in der Tat ein angenehmeres Bild für den Touristen - vor allem die Bürger, die die Straßen füllen. Die Staatsmacht scheint unsichtbar geworden zu sein. Vielleicht, weil es aufgrund der Angst vor der Reaktion des Staates zu keinen Demonstrationen mehr kommt. Die verbalen Waffen sind nahezu verstummt. Statt eines schwer bewaffneten Polizisten, findet man nun wieder den üblichen Straßenpolizisten vor, der 2014 nahezu nirgends zu finden war.

Mit Bus und Metro fuhr ich vom Taksim aus in Richtung Schwarzes Meer nach Norden. Vorbei an der dritten Bosporus-Brücke, die 2016 mit einer für türkische Verhältnisse üblichen Inszenierung vom „großen Mann“ stolz eröffnet worden ist. Die Brücke war dieses Mal viel befahren, zumindest auf der Seite von Westen nach Osten. Ich möchte keine Aussage darüber treffen, inwiefern sich der Bau der Brücke tatsächlich gelohnt hat und ob er wirklich nötig war. Klar ist aber, dass es sich hier natürlich ähnlich wie beim Marmaray oder dem sich noch im Bau befindlichen neuen Istanbuler Flughafen in erster Linie um ein Statussymbol der derzeitigen Regierung handelt. Gleichzeit soll es den türkischen Bürger in wirtschaftlich schlechten Zeiten besänftigen: Der Eindruck soll entstehen, dass die Türkei zu einer modernen und autonomen Macht herangewachsen ist, die nicht auf ausländische Hilfe angewiesen ist. Das ist türkischer Nationalstolz, wie man ihn kennt und sich oftmals - zumindest in einer abgeschwächten Version - auch für Deutschland wünscht. In Kilyos angekommen setzte ich mich in ein offenes Café am Ufer des Schwarzen Meeres und genoss vor allem eines: die Ruhe. Die Ruhe vor der lauten Stadt, vor den Menschenmengen, vor den hupenden Autos. Ich kann verstehen, warum viele Istanbuler die, die es sich leisten können - dort ein Ferienhaus haben. Man ist nur knapp anderthalb Stunden von der Innenstadt entfernt und gut erreichbar. Man fühlt sich aber dennoch wie in einer anderen Welt. Der türkische Çay hat wieder normale Preise. Die Menschen sind ruhig, alles wirkt fast verschlafen. Man könnte meinen, dass es den Menschen dort noch viel besser geht als in Istanbul. Ein höherer Lebensstandard, jeder kennt sich und die Vetternwirtschaft hat eben auch seine Vorteile. Zurück an diesem Ort musste ich zwangsläufig an die vielen Reisen denken, die ich während meiner Studienzeit gemacht hatte. Ich war fast mehr im Land unterwegs, als in der Universität in Istanbul. Zu groß war die Faszination Türkei für mich, zu stark die Freude über die Vielfalt dieses Landes, ob an der Schwarzmeer-Küste, im touristischen Süden, an der Ägäis-Küste, im Landesinneren oder aber im tiefen Osten der Türkei. Dieses Land ist meine große Liebe und ich bin wahnsinnig froh, dass ich es auch mit dem Rucksack kennenlernen durfte und noch zu einer Zeit, in der es problemlos möglich war, auch in die Kurdenregionen zu reisen. Besonders der tiefe Osten der Türkei, direkt an der Grenze zum Iran, Irak und Syrien, hat mich verzaubert. Gleichzeitig erinnere ich mich noch lebhaft an das mulmige Gefühl, welches ich in einer Kleinstadt direkt an der syrischen Grenze bekam. Mardin ist eine wunderschöne Stadt auf einem Berg gelegen, doch kann die Schönheit nicht die Brutalität des direkten Nachbarlandes Syrien verdecken. Von meinem damaligen Hostel in Mardin aus hatte ich eine wunderbare Sicht auf die Grenzregion und konnte bis weit hinter die Landesgrenze nach Syrien schauen. Man spürte das durch den Krieg verursachte Leid der Syrer bereits beim Aussteigen aus dem Bus. Viele syrische Kinder verkauften Wasser oder bettelten einfach um ein paar Münzen. In mir sahen sie nur einen sehr reichen, aus dem Westen stammenden jungen Mann. Das mulmige Gefühl entstand, als ich abends in einem kleinen Restaurant die einheimische Küche genoss. Es passierte plötzlich, als wie aus dem Nichts etwas am Horizont aufleuchtete. Ich, als verwöhnter Deutscher, dachte an Feuerwerk. Ich hörte das Knallen und dachte: Schön, eine Hochzeit findet ihren krönenden Abschluss. Ich, als Junge einer Generation, die glücklich genug war, Kriege nie selbst erlebt haben zu müssen, wusste nicht, dass es kein Feuerwerk war. Es war Krieg. Es war Flakfeuer. Dann passierte es: eine große Explosion. Der Schall hatte einfach nur ein paar Sekunden bis zu uns herüber gebraucht. Er erfüllte die Luft. Es war wie das laute Donnern eines Gewitters, etwas, was ich damals als kleines Kind immer so geliebt hatte. Geschützt und behütet, gemütlich in meinem warmen Bett, während draußen hinter dem Fenster die Welt für einen kurzen Augenblick unterzugehen schien. Aber nicht wegen eines Krieges, sondern wegen eines lächerlichen Gewitters. Es sind diese Momente, diese Erlebnisse, die mich für mein ganzes Leben lang prägen werden, mich aus meiner behüteten Realität herausreißen und mich daran erinnern, vorsichtig mit meinem Leben umzugehen. Ich werde niemals mehr vergessen wer ich bin und wertschätzen, was ich habe und dass ich ein solches Leid in meinem Heimatland wahrscheinlich niemals werde ertragen müssen. Gleichzeitig wird mir aber ebenso klar, wie sich mein Großvater und meine Großmutter gefühlt haben müssen, als sie damals vor dem Krieg und den Nazis flüchteten und nach tagelangen Märschen zu Fuß ohne Wasser oder etwas zu Essen an fremden Orten Unterschlupf suchten. An Orten, wo nicht jeder sie willkommen hieß, sondern manchmal auch beschimpfte, missbrauchte und beklaute. Diese Erlebnisse haben die Generation meiner Großeltern maßgeblich geprägt, auch wenn sie mittlerweile fast alle nicht mehr leben. Was mir immer im Gedächtnis bleiben wird, ist, was die Großmutter einer sehr guten Freundin einmal erzählte. Sie sagte damals am Hochpunkt der Flüchtlingssituation in Deutschland 2015: „Mir wurde damals geholfen. Aus Nächstenliebe haben sie mich, eine bettelarme Frau, aufgenommen und umsorgt. Nun kann ich endlich das zurückgeben, was ich ihnen zu verdanken habe. Nächstenliebe zeigen. Menschen helfen, die in Not sind. Egal welcher Herkunft, welcher Hautfarbe und welcher Nationalität.“ Lasst diese Worte einen Moment lang in euren Köpfen nachklingen. Flucht hat immer eine Ursache. Lasst uns diese Ursachen bekämpfen und gleichzeitig die Menschen, die nichts für ihre Lage können, in ihrem Handeln unterstützen, anstatt sie abzulehnen und zu diskriminieren. Asyl hat und muss Grenzen haben, aber die Grenzen dürfen nicht allein aus Stacheldraht und staatlicher Willkür bestehen. Es bedarf der Ordnung und Vorkehrungen, damit Europa nicht noch einmal an seine Grenzen kommt, nur weil die letzten Jahre mit einer grundlegend falsch angesetzten Afrika-Politik verschlafen wurden. Lasst uns aus unseren Fehlern lernen und alles daran setzen, sie in Zukunft zu vermeiden, nicht in eine Angsthaltung verfallen, die die Propaganda der rechten Parteien nur bestärkt. Es macht mich traurig Aussagen darüber zu hören, dass mit der AfD in Deutschland wieder jemand an der Macht sei, der vergesse, was die deutsch-historische Verantwortung bedeute und Parallelen zum zweiten Weltkrieg gar nicht mehr so absurd seien. Deutschland hat in den letzten Jahrzehnten sehr hart daran gearbeitet, sein Ansehen in der Welt wieder zu verbessern. Wir sind sehr beliebt in der Welt, bedingt durch unseren wirtschaftlichen Erfolg und unsere Seriosität. Deutschland steht für Qualität, Disziplin und Garantie. Mir kommt es aber so vor, als wären wir derzeit dabei, dieses Bild vom neuen Deutschland wieder zu zerstören. Vertrauen verwandelt sich in Angst. Angst, was mit Deutschland und Europa in der Zukunft passieren könnte. Jeder sollte die Menschen unseres Landes davon überzeugen, dass das Wählen einer rechtsextremen Partei, sei es aus Protest oder um sich Gehör zu verschaffen, immer aussichtslos ist. Wir müssen den Dialog mit den Menschen suchen, insbesondere in Ostdeutschland, wo die AfD besonders stark vertreten ist, um sie für die deutschen Werte der Nachkriegszeit zurückzugewinnen: Toleranz, Multikulturalität und Demokratie.

Nach dem Çay geht es runter zur Strandpromenade von Kilyos. Zumindest was davon noch übrig ist. Es ist eben typisch türkisch: Vor ein paar Jahren wurden hier Betongebäude errichtet, welche wohl als Umkleiden, Toiletten und Cafés dienen sollten, ganz nach dem Vorbild der türkischen Mittelmeerküste rund um Antalya. Doch die Touristen blieben offenbar aus oder nicht lange genug. Im Vergleich zu meinem letzten Besuch vor drei Jahren, hat sich das Bild in keiner Weise verändert. Die Gebäude liegen brach und man trifft an diesem verschlafenen, aber wunderschönen Strand lediglich noch ein Touristen-Pärchen, welches im Wasser stehend den Wellen des Schwarzen Meeres trotzt. Das übliche türkische Spiel zwischen Sein und Schein oder besser zwischen Hoffnung und Realität liebe ich bis heute. Es ist ein sonniger Herbsttag; nicht zu heiß und auch nicht zu kalt. Einfach wunderbar. Ich genieße die Seeluft, das Rauschen des Meeres und trete mit den Füßen im Wasser herum. In diesem Moment frage ich mich, wie viele Meere ich während dieser Reise noch auf meiner Haut spüren werde. Ich nehme mir vor dies jeweils mit einem Bild festzuhalten. Das Schwarze Meer ist als erstes seit heute bereits abgehakt. Als nächstes folgt das Marmara-Meer in Moda, Kadıköy, dort will ich morgen hin. Ich begebe mich wieder zurück zu den vielen Fisch-Restaurants am Ufer von Kilyos. Auf dem Weg treffe ich einen alten Mann, der Strandbälle verkauft. Er hat eine Art an sich, die mich gleich in Ehrfurcht versinken lässt. Noch ein Teil der Türkei, den ich liebe. Er sucht einen Nebenverdienst zur spärlichen Rente. Neben ihm am Strand liegen noch drei Pferde, auf denen er interessierte Touristen am Ufer entlang führt. Touristen, das meint in Kilyos vielleicht ein paar Dutzend Personen pro Tag, wenn überhaupt. Ich befinde mich seit vier Stunden an diesem Ort und habe in den Cafés und Restaurants am Strand genau sechs Touristen gesehen, davon war ich der einzige nicht türkische. Durch den alten Mann muss ich an meinen Großvater denken. Nach dem Tod meiner Großmutter fuhr er weiterhin jeden Tag in den kleinen Garten, um den sie sich gemeinsam schon seit langer Zeit kümmerten. Früher diente er meinen Großeltern vor allem zur Erholung. Ich kann mich noch an die großen Mengen an frischem Obst und Gemüse erinnern, die wir jedes Jahr von ihnen bekommen haben. Die selbstgezogenen Möhren meiner Oma waren immer mein Lieblingsgemüse. Das führte mein Großvater fort, vielleicht als eine Art Beschäftigungstherapie. Ganz wie der alte türkische Mann hier in Kilyos, wollte er einfach nur etwas zu tun haben. Es ist ein bisschen Routine, etwas, woran er festhalten kann. Er war nie ein Mensch, der lange still und ruhig an einem Ort sitzen konnte. Er war immer unterwegs, ob zu Fuß oder mit seinem Auto. Trotzdem zog er das bekannte Umfeld dem Unbekannten vor. Er liebte die Orte, in denen er sich auskannte und die er deshalb immer wieder besuchte, eben wie den Garten oder aber die deutsche Küste, wo er viele Jahre mit seiner Frau hinfuhr. Er ist eine Person, an die ich so viele schöne Erinnerungen habe und zu der ich schon immer aufgeschaut habe. Es ist schade, dass ich in den letzten Jahren nicht genug Zeit mit ihm verbracht habe. Man erkennt so etwas erst, wenn es zu spät ist. Die Familie ist das Wichtigste, das weiß ich heute. So sehr es mir leid tut, dass er heute nicht mehr da ist, weiß ich aber, dass er irgendwo dort oben auf mich aufpasst und mich trotzdem auf meinen Reisen begleitet, meine Großmutter fest im Arm. Bei einem leckeren Brot mit frisch gefangenem Fisch aus dem Schwarzen Meer beobachte ich die Fischer und wie sie ihren Fang an Land und direkt in die Restaurants bringen. Danach geht es mit ein paar Zwischenstopps wieder zurück in die Innenstadt von Istanbul. Ich werde diesen Ort niemals vergessen. Er war schon damals bei meinem ersten Besuch etwas ganz besonderes für mich und wird es auch für alle Zeit bleiben.

Istanbul, ich bin von Deiner Lebensqualität wieder einmal überwältigt. Ja, Du forderst mich jeden Tag heraus, und wenn ich spät am Abend dann endlich mal zum Schlafen komme, bin ich tot müde. Du lässt mich so schnell nicht los, Deine Straßen schlafen nie. Die Lautstärke der Menschen, des Verkehrs und der Straßenverkäufer dringt immer zu mir durch, egal wo ich bin. Auch um drei Uhr nachts im Bett meines Hostelzimmers spüre ich deinen Impuls. Aus diesem Grund habe ich derzeit einen für Istanbul bzw. für die Türkei angepassten Tagesablauf. Ich stehe erst spät auf, mein Tag beginnt erst gegen 11 Uhr. Als erstes gehe ich dann gemütlich in ein Café und trinke einen Çay, um dann nach einer Kleinigkeit zu Essen Ausschau zu halten. Der verhältnismäßig späte Tagesanfang bedeutet, dass der Abend in Istanbul umso länger ist. Während vor allem unter der Woche in Deutschland ab 22 Uhr auf den Straßen kaum mehr etwas los ist und man sich da bereits mehr oder weniger auf dem Weg in sein Bett befindet, fängt der Tag in der Türkei erst an. Bis tief in die Nacht sind die Menschen auf den Straßen und treffen sich mit ihren Freunden, trinken, teilen sich eine Shisha und genießen die Geselligkeit. Am nächsten Morgen um 6 Uhr wieder aufstehen und zur Arbeit gehen? Kein Problem für die Türken, dann macht man halt am Nachmittag noch ein kleines Nickerchen. Die Leute, die jeden Abend neben mir in den Bars sitzen sind ja - im Unterschied zu mir - durchaus berufstätig. In Zeiten der Globalisierung arbeiten viele von ihnen hier in Istanbul in ausländischen Unternehmen mit vergleichbaren Arbeitszeiten wie in Deutschland. Trotzdem ist es ein ganz anderes Leben hier in der Türkei. Man lebt den Tag irgendwie mehr aus, ist im ständigen Austausch mit Anderen und sitzt sorglos in Cafés und genießt auf eine gewisse Art und Weise wesentlich intensiver als wir es in Deutschland tun. Hier dreht sich nichts um Zeit, Disziplin oder Effizienz. Einmal abgesehen von den Abgaswerten unserer Dieselmotoren, werden wir in Deutschland schon von Geburt an darauf gedrillt, ein nützliches und produktives Mitglied der Gesellschaft zu sein. Effizienz in allen Lebensbereichen. Seien es die Hausaufgaben oder nur der einfache Weg zur Arbeit. Und wenn das einmal nicht klappt, lassen wir uns von einem banalen Stau die Laune verderben. Am Abend erzählen wir unserem Partner dann nicht wie unser Tag war, sondern beschweren uns über die vielen Baustellen, oder den Idioten vor uns, der nichts Besseres zu tun hatte, als ausgerechnet dann einen Unfall zu bauen, wenn ich zur Arbeit muss. Das beliebteste Gesprächsthema auf Geburtstagen, Feiern oder bei beruflichen Terminen ist sowieso immer zuerst das Wetter. Ich bin jedes Mal selbst darüber verwundert und nehme es mit eher stoischer Begeisterung hin. Natürlich: das Wetter. Der Regen ist zu nass, der Sommer viel zu heiß. Als gäbe es unter Freunden oder in der Familie nichts Wichtigeres zu bereden. Warum reden wir nicht über das Leben? Darüber, wie es uns über ein unbedeutendes „gut“ hinaus wirklich geht und was uns Sorgen bereitet? Interessant wird es bei dem Thema „Winter“. Hier sind die Meinungen meistens verschieden. Die einen lieben den Schnee förmlich und wünschen ihn sich herbei, sie verfluchen den Klimawandel. Die anderen hingegen, meist berufstätig, haben mehr Angst vor Eis und Schnee, als sie vor ihrem ersten Treffen mit den Schwiegereltern haben. Sie könnten dadurch doch zu spät zur Arbeit kommen, ihr penibel getakteter Tag droht dadurch aus den Fugen zu geraten. Am Ende läuft es aber immer auf die Unfähigkeit der Großstädter hinaus. Großstädter, die doch überhaupt keinen Schnee kennen und gar nicht wissen, wie sie mit ihm umgehen sollen, wenn er einmal da ist. Großstädter, die im Schneechaos versinken und Unfälle verursachen, die den gesamten Verkehr lahmlegen. Sollen sie doch ihr Auto stehen lassen, oder nochmal anständig fahren lernen, um auch im dritten Gang auf Glatteis ruhig den Berg hochzukommen. Ich liebe diese deutsche Art. Kurz nach meiner Zeit in Istanbul kam sie mir sehr befremdlich vor. Mittlerweile gibt sie mir aber die Geborgenheit, die ich brauche und über die ich wirklich froh bin, wenn ich nach einer langen Reise wieder in Deutschland angekommen bin. Ich empfehle es jedem zu reisen. Doch neben dem Reisen selbst sind die ersten Tage nach der Rückkehr, wenn es sich nicht gerade um eine Pauschal-Reise handelt, äußerst interessant. Man wird feinfühliger für seine eigene Kultur und für Dinge, die man sonst niemals bewusst wahrnehmen würde. Dazu fällt mir ein gutes Beispiel ein. Nach meinem Bachelor-Abschluss war ich mit Rebecca für zwei Monate mit dem Rucksack durch Asien unterwegs. Wir waren auf den Philippinen, in Singapur und Hongkong und haben dutzende Flughäfen gesehen, die alle kostenlosen Gepäckwagen anboten und sehr oft auch WLAN. Als wir nach zwei Monaten wieder am Frankfurter Flughafen ankamen, stellten wir eine Sache sofort fest: nur kostenpflichtiges WLAN und geldschluckende, an einem speziellen Gepäckwagen-Terminal festgekettete Gepäckwagen. Natürlich sollte man für etwas bezahlen, das man in Anspruch nehmen will. Dieses kleine Detail fiel uns nur als sehr bezeichnend für die deutsche Leistungsgesellschaft auf. Kostenloser Service ist in Deutschland leider viel zu selten vorhanden, wenn überhaupt.

Gegen 1 Uhr in der Nacht ging ich in Richtung Hostel und kam noch am Taksim-Platz vorbei, dem wohl bekanntesten Ort Istanbuls. Mein Hostel war nur noch wenige Meter von mir entfernt, in Gedanken lag ich bereits in meinem Bett. Doch von einem Moment zum anderen veränderte sich meine Laune. Vielleicht war ich durch das kurz zuvor getrunkene Bier auch ein wenig emotionaler geworden, ich weiß es nicht. Ich folgte der Istiklal Caddesi und sah am Rand der Einkaufsstraße einen blinden Mann stehen. Eigentlich nichts Seltenes in Istanbul. Er stand dort und verkaufte Taschentücher und Feuerzeuge an die vorbeigehenden Menschen, was für Istanbul ebenso typisch ist. Ich dachte sofort an den alten Strandball-Verkäufer in Kilyos. Sein Anblick machte mich traurig. Dort stand ein hilfsbedürftiger Mensch und um ihn herum lauter feierwütige Betrunkene, die ihm keine Beachtung schenkten. Ich habe so etwas schon oft gesehen, besonders in den touristischen Gebieten Istanbuls. Dort trifft Arm auf Reich. Syrische Flüchtlingskinder spielen Mundharmonika, um Geld für die Familie zu erbetteln, während gleich daneben das gleichaltrige Kind aus Westeuropa von seinem Vater ein leckeres Eis in die Hand gedrückt bekommt. Es ist so absurd. Es trifft mich bis heute noch jedes Mal. Doch diese Gegensätze sind überall auf der Welt vorhanden, zwar unterschiedlich in ihrer Ausprägung, aber am Ende doch immer gleich. So kam es eben, dass ich nicht einfach an ihm vorbeigehen konnte. Ich konnte nicht selbst meine Augen verschließen. Ich nahm eine Packung Taschentücher aus seiner Hand und legte ihm in die andere drei türkische Lira. Während mir durch den Kopf ging, wie glücklich ich doch in meinem Leben gewesen war, drückte ich seine Hand. Ich wurde in Deutschland geboren, ich wuchs in einer liebevollen Familie auf, ohne Geldsorgen, behütet und vollkommen gesund. Ich konnte sehen, laufen, lachen und reisen. Ich drückte seine Hand und küsste sie, wünschte ihm alles Gute und bedankte mich, bevor ich wieder im Trubel der betrunkenen Menschen verschwand. Es traf mich wie ein Schlag. Ich war Privilegiert, schon mein ganzes Leben lang. Ich konnte innerhalb eines Jahres als Student durch Nebenjobs so viel Geld ansparen, dass ich für mehr als ein Jahr auf Weltreise gehen konnte. Ich war in meinem Leben noch nie wirklich in Geldnot geraten und würde es sehr wahrscheinlich auch nie. Allein die Tatsache, dass ich gesund war und reisen konnte, war etwas, was grundsätzlich nicht der Fall sein musste. Ich hatte Glück. Selbst als gesunde, wohlhabende Person ist doch das Reisen längst nicht so einfach, wie für einen Deutschen. Wir als Deutsche haben die Möglichkeit mit unserem Reisepass in die meisten Länder der Welt zu reisen, ohne zuerst über langwierige bürokratische Prozesse unflexible Visa einholen zu müssen. Warum war wohl ein junger Ägypter oder Thailänder noch nicht in Europa? Ich will weder die Daseinsberechtigung der Anforderungen für ein Schengen Visum anzweifeln, noch will ich sie in irgendeiner Weise kritisieren. Vor allen Dingen in der derzeitigen Flüchtlingssituation sind strenge Regeln für Visa wichtig. Viel zu oft werden sie dafür missbraucht, um schneller und einfacher an Asyl zu kommen. Ich habe durch dieses Treffen mit dem blinden Mann gelernt, meine Privilegien viel mehr zu schätzen. Was ich bin und was ich werden durfte, all das habe ich im Grunde genommen doch nur dem Zufall zu verdanken. Ja, ich hatte Glück zum richtigen Zeitpunkt im richtigen Land geboren worden zu sein und einen Studienplatz an der besten technischen Universität Deutschlands bekommen zu haben. Ich konnte meine Freiheiten bislang vollständig genießen und ausleben, weil mir Einschränkungen jeglicher Art völlig fremd sind. Doch ich habe nicht nur über meine Privilegien gelernt, sondern auch über meine daraus entstehende Verantwortung. Auf meiner Reise werde ich noch Regionen besuchen, in der die Menschen ein so einfaches Leben wie meines nicht kennen. Ihr Leben ist mehr Überleben, ihre Sorgen für den Tag bestehen aus dem Suchen nach etwas Essbarem, nicht aus dem Finden der besten Location mit Bar und Dachterrasse für das perfekte Selfie. Das Leben ist so vielfältig; es kann wunderschön sein, aber genauso oft absurd, ungerecht und grausam. Und damit meine ich nicht das grausame Wetter oder die Autobahnbaustellen.

An diesem Abend war ich der einzige Gast in meinem Gemeinschaftsschlafsaal mit sechs Betten. Der Hostelbetreiber teilte mir aber mit, dass er derzeit noch auf einen Gast warte und dass dieser mir für eine Nacht in meinem Zimmer Gesellschaft leisten würde. Er war schon drei Stunden zu spät und hatte sich noch nicht gemeldet, also ging ich schlafen und setzte meine Schlafmaske auf, nur für den Fall. Eine Schlafmaske ist übrigens besonders in Mehrbettzimmern ein kleiner Retter, besonders wenn man sehr empfindlich auf plötzliche Helligkeitsunterschiede reagiert. Irgendwann tief in der Nacht wurde ich dann plötzlich wach, mein neuer Mitbewohner war angekommen. Das zeigte er mir auch, indem er die Tür weit aufriss, lautstark seine beiden Koffer auf den Boden krachen ließ, das Licht anmachte und begann auszupacken. Das konnte doch wohl nicht sein Ernst sein. Angefressen stöhnte ich vor mich hin, um ihm spätestens jetzt klar zu machen, dass er kein Einzelzimmer gebucht hatte und gefälligst Rücksicht nehmen sollte. Aber vergebens, es sollte noch eine ganze Weile dauern, bis er sich schließlich auch hinlegte und unüberhörbar anfing zu schnarchen. Fertig mit den Nerven fand auch ich irgendwann meinen Schlaf. Am nächsten Morgen wurden wir beide gegen 11 Uhr wach und begrüßten uns nur kurz auf Englisch. Im Anschluss fragte ich den Hostelbetreiber nach einem guten Restaurant für Menemen, eine typisch türkische Speise zum Frühstück. Mein bereits verhasster Zimmerkollege bekam davon Wind und so blieb mir als freundlicher Deutscher natürlich nichts anderes übrig, als ihn zu fragen, ob er mich begleiten wolle. Wenig später saßen wir zusammen an einem Tisch und stärkten uns für den bevorstehenden Tag. Das Fazit aus dem Frühstück mit ihm: Widen your Mind, Erweitere deinen Horizont! Er stellte sich sehr schnell als äußerst sympathischer Belgier mit marokkanischen Wurzeln heraus, der in Brüssel lebte. Obwohl auch er studierter Ingenieur war, gehörte ihm dort eine Shisha-Bar und er verdiente zusätzlich noch sein Geld mit dem Importieren von Öl und Safran aus Marokko. Was für ein spannender Mensch, der beinahe im selben Alter wie ich war und damals noch mit seiner Frau sein erstes Kind erwartete. Was für ein Schlag ins Gesicht. Man Jannik, wir Menschen sind verschieden und haben eine andere Vorstellung davon, was die Worte leise und rücksichtsvoll bedeuten. Ich hasse Vorurteile. Ich hasse sie umso mehr, wenn ich feststelle, dass sie meine eigenen sind. Es wird nie eine Welt ohne Vorurteile geben, aber ich werde nun noch bewusster alles daransetzen, um offener durch die Welt zu gehen. Ich will meine Vorurteile abbauen und gleichzeitig die aller anderen Menschen zumindest in Frage stellen. Höflich, aber überzeugt. Ebenso, auch das hat das Gespräch mit ihm gezeigt, werde ich in Zukunft versuchen meine Meinung weniger offensiv zu vertreten und andere nicht mehr durch meine ewigen Monologe so lange in Grund und Boden zu reden, bis sie aufgeben (Eine Politiker-Eigenschaft, mit der ich erst kürzlich bei der Verteidigung meiner Masterarbeit für Gelächter sorgte, bis alle meine Thesen nur noch bejahten). Und dann wurde ich wieder einmal daran erinnert, wie sehr ich die Community der Reisewütigen liebte. Da hilft mir eine völlig fremde Person aus dem Libanon ganz selbstverständlich über das Internet meine Tage in seinem Heimatland zu planen und erkundigt sich in meinem Namen nach einer Schlafmöglichkeit in einem Kloster. Ich wünsche einem Nepalesen, den ich damals 2010 bei dem jugendpolitischen Forum in Südkorea kennengelernt habe, auf Facebook viel Spaß in Deutschland, weil ich online seine geposteten Fotos und Videos von seinem Heidelberg-Trip sehe. Daraufhin lädt er mich sofort zu sich nach Nepal ein, ich solle auf meiner Weltreise auf alle Fälle bei ihm vorbeikommen, das wäre meine Pflicht. Eine Pflicht, der ich liebend gern nachkommen würde. Diese Welt der internationalen Freundschaften liebe ich einfach. Niemand ist beleidigt, wenn man sich nach Jahren nur dann meldet, wenn man eine Unterkunft sucht oder Hilfe bei der Reiseplanung braucht. Stattdessen freut man sich einfach nur über den Kontakt. Niemand wirft dir böse Worte an den Kopf wie „du meldest dich aber auch immer nur, wenn du was von mir willst. Wenn ich mal was von dir will, bist du nie erreichbar.” Worte, die ich von meinen deutschen Freundschaften nur zu gut kenne. Man freut sich einfach über jede Nachricht, muss nichts erst einmal kritisch hinterfragen. Einem fernen Freund zu helfen, ist keine Last, sondern für viele eine Ehre, eine Selbstverständlichkeit. Das gefällt mir sehr. Ich liebe es und werde versuchen, es all diesen Menschen gleich zu tun, alles zurückzugeben, was ich dankend annehmen durfte. Mehr als ich es dank meiner Reisen und Erfahrungen bereits getan habe. Ihr seht einen Touristen, der in eurer Heimatstadt fragend durch die Gegend schaut, aber sich nicht traut jemanden anzusprechen? Geht auf ihn zu. Fragt, ob ihr helfen könnt. Zeigt Initiative und ihr werdet um das Gefühl bereichert, etwas Gutes getan zu haben. Es ist ein wunderbares Gefühl. Jemandem geholfen zu haben, allein aus freiem Willen, aus einfachster Nächstenliebe. Es tut so gut.