Verlag: Bastei Lübbe Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2011

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E-Book-Beschreibung Gegen alle Zeit - Tom Finnek

Ein stinkender Keller voll Schlafender und ein fluchender Mann mit Dreispitz - Henry Ingram traut seinen Augen nicht, als er nach einem heftigen Rausch zu sich kommt. Nur langsam begreift er das Unglaubliche: Er wurde um dreihundert Jahre in der Zeit zurückversetzt, mitten hinein ins London des 18. Jahrhunderts, ein London der Ganoven und Diebe. Unfreiwillig hilft er beim Ausbruch des Räuberhauptmanns Jack Sheppard aus dem berüchtigten Newgate-Gefängnis - und wird so selbst zum gejagten Gesetzlosen.

Meinungen über das E-Book Gegen alle Zeit - Tom Finnek

E-Book-Leseprobe Gegen alle Zeit - Tom Finnek

Über den Autor

Tom Finnek, 1965 in Westfalen geboren, lebt als Filmjournalist und Schriftsteller in Berlin. Als Autor beschäftigt er sich schon länger mit historischen Stoffen. Für ihn ist gerade London mit seiner langen, wechselhaften Geschichte besonders faszinierend, und dem trägt er in seinen Romanen UNTER DER ASCHE, GEGEN ALLE ZEIT und VOR DEM ABGRUND Rechnung: Sie spielen alle in London, aber in unterschiedlichen Jahrhunderten. Tom Finnek ist verheiratet und stolzer Vater von zwei Söhnen.

TOM FINNEK

GEGEN ALLE ZEIT

Historischer Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Originalausgabe Copyright © 2011 by Bastei Lübbe AG, Köln

Für den Stich von Jack Sheppard: Copyright © ullsteinbild – united archives

Illustrationen: Tina Dreher, Alfeld Umschlaggestaltung: Pauline Schimmelpenninck Büro für Gestaltung, Berlin Umschlagmotiv: © FinePic®, München Karte auf dem hinteren Vorsatz: Reinhard Borner, Wipperfürth E-Book-Produktion: Dörlemann Satz, Lemförde

ISBN 978-3-8387-1031-0

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

INHALT

Die handelnden PersonenERSTER TEIL Henry IngramZWEITER TEIL Edgworth BessDRITTER TEIL Captain MacheathVIERTER TEIL Mistress LyonFÜNFTER TEIL Blueskin BlakeSECHSTER TEIL Mack the KnifeSIEBTER TEIL Der DiebesfängerEPILOG Die BettleroperANHANG Anmerkungen und Übersetzungen

DIE HANDELNDEN PERSONEN

Die Gauner und Huren:

Henry Ingram, genannt »Captain Macheath«, Schauspieler

Jack Sheppard, Räuberhauptmann und Ausbrecherkönig

Edgworth Bess, eigentlich Elizabeth Lyon, Hure und Jacks Geliebte

Poll Maggott, Hure und Diebin

Joseph Blake, genannt »Blueskin«, Dieb und Räuber, Jacks Freund

Hope, Blueskins Schwester

Jane Blake, ihre Mutter, Besitzerin eines Gin-Shops

George und Godfrey, zwei diebische Zwillinge

Will(iam) Page, Jacks Kumpan

Jenny Diver, Beutelschneiderin

Geoff(rey) Ingram, genannt »der irre Geoff«, einbeiniger Bettler

Mutter Needham, Kupplerin in der Cross Keys Tavern

Die Diebesfänger:

Jonathan Wild, selbst ernannter »Generaldiebesfänger« und Bandenführer

James Sykes, genannt »Hell and Fury«, Mr. Wilds Spitzel

Quilt Arnold, Mr. Wilds Handlanger und Mann fürs Grobe

William Pitt, Hauptwärter im Newgate-Gefängnis

Die Künstler:

John Gay, Dichter und Autor der Bettleroper

Johann Christoph Pepusch, Kapellmeister und Komponist der Bettleroper

John Arbuthnot, genannt »der Doktor«, Schriftsteller und Mathematiker

Albrecht Niemeyer, Oboist

In Little Stanmore:

Mr. Hornby, Wirt im Little Stanmore Inn und Konstabler

Mr. Milton, Stallknecht im Inn

Tessa und Violet, seine Töchter

Matthew Lyon, verstorbener Küster von Whitchurch, Gatte von Bess

Mr. und Mrs. Lyon, seine Eltern, Küsterehepaar

In Bedlam:

Dr. Featherstone, Anstaltsleiter

Gavin Bramble, Wundarzt

Duncan, sein Lehrling

Bernie und Seamus, zwei Wärter

ERSTER TEIL

HENRY INGRAM

Player:

But now I see it is time for us to withdraw;

the Actors are preparing to begin.

Play away the Overture.

Schauspieler:

Aber jetzt ist es Zeit, dass wir uns zurückziehen;

die Schauspieler bereiten sich vor anzufangen.

Spielt die Ouvertüre.

John Gay, The Beggar’s Opera, Einführung

1

Henry konnte sich nicht erinnern, jemals mit einem solchen Kater aufgewacht zu sein. Vor allem hatte er keine Ahnung, wie es zu diesem Kater gekommen war. Die Ereignisse der letzten Nacht waren wie weggeblasen, und auch an den vorhergehenden Abend hatte er nur undeutliche und zudem sehr unschöne Erinnerungen. In seinem Kopf hämmerte es, als würde die Schädeldecke von innen mit einem Schlagbohrer bearbeitet, gleichzeitig fühlte es sich an, als steckten seine Schläfen in einer Schraubzwinge, und seine Augen schmerzten, als würden sie von hinten aus den Höhlen gedrückt werden. Henrys Zunge klebte am Gaumen und war rau wie Schmirgelpapier, der Geschmack in seinem Mund war ekelerregend, und in seinem Magen rumorte es, als müsste er sich jeden Augenblick übergeben. Wenn er seiner Nase trauen durfte, hatte er das längst getan. Es roch säuerlich und modrig, wie in einem Stall oder einer öffentlichen Toilette. Er lag rücklings auf einem feuchten Steinboden, der mit muffigem Stroh oder Heu ausgelegt war, und durch zwei schmale Schlitze in etwa sechs Fuß* Höhe drang schummriges Licht in den Raum, ohne wirklich etwas zu erhellen.

Henry hatte keine Ahnung, wo er sich befand. Oder wie er hierhergekommen war. Dem Geruch, der Feuchtigkeit und der Dunkelheit nach zu urteilen, war dies ein Keller oder eine unterirdische Garage, und an dem Schnarchen und leisen Gurgeln, das er um sich herum vernahm, erkannte er, dass er die Nacht nicht allein in diesem Loch verbracht hatte. Henry wollte sich erheben, doch seine Muskeln und Sehnen folgten den Befehlen des Gehirns nicht. Und jede noch so kleine Bewegung seines Oberkörpers wurde prompt mit Explosionen in seinem Schädel bestraft. Er wollte auf seine Armbanduhr schauen, doch als er mit letzter Kraft den Arm hob, bemerkte er, dass er seine Uhr nicht mehr trug. Dafür stellte er erstaunt fest, dass er immer noch sein Theaterkostüm anhatte.

Das Theater! Ja, daran erinnerte er sich. Und an das, was er nach dem letzten Vorhang hinter der Bühne hatte sehen müssen. Einen »Inzest« der besonderen und abscheulichen Art!

Es war sein erster professioneller Auftritt als Schauspieler gewesen. Sah man einmal von den lausigen Aufführungen des Schultheaters und den selbst konzipierten Stücken ab, bei denen er und Sarah während ihrer Zeit an der Schauspielschule mitgewirkt hatten. Die Bettleroper jedoch war echtes und ernstzunehmendes Theater und ein Klassiker obendrein, auf einer richtigen Bühne, vor zahlendem Publikum, das nicht nur aus wohlmeinenden Freunden und Familienmitgliedern bestand. Zwar war das Rosemary Lane in der Royal Mint Street, unweit des Towers, nur ein unbedeutendes Kellertheater und eine Art Ableger des gleichnamigen Restaurants im Erdgeschoss, doch Henry bekam eine Gage, die diesen Namen annähernd verdiente, und spielte zudem die Hauptrolle des Gaunerhauptmanns Macheath. Und Sarah, die ihm diese Rolle verschafft hatte, war bei der Premiere als seine Geliebte Polly Peachum gefeiert worden.

Zumindest auf der Bühne war sie seine Geliebte gewesen. Denn hinter der Bühne, nach Ende der Vorstellung, hatte sie es vorgezogen, mit ihrem Bühnen-Vater Mr. Peachum, dem Fernsehseriendarsteller Sean Leigh, herumzuknutschen und sich vom ihm befingern zu lassen. Und Henry, noch ganz benommen von seinem Erfolg in der Rolle des räuberischen Frauenhelden, war Zeuge dieses unwürdigen Schauspiels geworden und hatte die anschließende Premierenfeier dazu genutzt, sich und seinen Liebeskummer mit Gin zu begießen. Alles Weitere war nur noch ein schwarzes Loch in seiner Erinnerung.

Und in einem ebenso finsteren Loch war er nun aufgewacht.

Ein Tritt gegen seine Schulter riss Henry aus seinen Gedanken. Er zuckte zusammen und hob den Kopf. Und im nächsten Augenblick trat ihm jemand mit dem Stiefel auf die Hand.

»Ah, verdammt!«, schrie Henry und bereute es sofort, weil der Schrei in seinem Kopf einen noch viel größeren Schmerz nach sich zog. »Pass doch auf, wo du hintrittst!«

»Was liegst ’n auch mitten im Raum?«, knurrte eine raue Männerstimme. »Scher dich an die Wand, Kerl! Man kann sich ja die Haxen brechen, Herrgott, Sakrament.« Der Mann schien sehr alt zu sein und sprach mit einem seltsam übertriebenen Cockney-Akzent, er nuschelte und verschluckte jede zweite Silbe, wobei seine Wortwahl irgendwie antiquiert erschien. »Herrgott, Sakrament!« Diesen Ausdruck hatte Henry vor einer Ewigkeit zuletzt gehört. Der Mann zog den Rotz hoch, spuckte zu Boden, direkt neben Henrys Kopf, und setzte knurrig hinzu: »Herrschaftszeiten!« Dann stapfte er weiter zu einer steinernen Treppe in der Ecke, die nach wenigen Stufen zu einer niedrigen Holztür führte. Tock, tock machte es auf dem Steinboden und den Stufen. Vermutlich benutzte der Mann einen Gehstock oder eine hölzerne Krücke. Als er die Tür öffnete, drang für einen Moment Sonnenlicht in den Keller und blendete Henry, sodass er die Augen schließen musste. Kurz darauf fiel die Tür ins Schloss, und es war wieder finster wie im Grab.

Henry riss erschrocken die Augen auf. Hatte er das gerade richtig gesehen? Als der Mann in der offenen Tür gestanden hatte, hatte Henry dessen Schattenriss im gleißenden Licht gesehen. Und auch wenn er seinen Sinnen im Moment nicht trauen wollte, war er sich doch sicher, dass der Mann einen Dreispitz auf dem Kopf getragen hatte. Und unterhalb seines linken Knies einen Holzstumpf! Eine plumpe Beinprothese wie aus einem alten Piratenfilm. Der Schiffskoch Long John Silver aus Die Schatzinsel, dachte Henry. Fehlte nur der Papagei auf der Schulter.

Er lachte ungläubig und schaffte es schließlich, sich aufzurappeln. Er hatte weder Schuhe noch Socken an den Füßen, wollte aber auf dem klebrigen und schmierigen Boden nicht danach tasten. Dann erst fiel ihm ein, dass er gestern auf der Bühne keine Schuhe getragen hatte. Also setzte er seine Mütze auf und wankte barfuß und mit wackligen Knien zur Treppe. Dort schaute er sich noch einmal in dem stinkenden Verlies um, ohne wirklich etwas erkennen zu können, hielt sich schützend die Hand vor die Augen und trat hinaus ins Freie.

Es musste bereits Mittag sein. Die Sonne stand hoch am wolkenlosen Himmel, eine sengende Hitze schlug Henry entgegen, der Gehweg zu seinen Füßen war staubtrocken und sandig, was umso erstaunlicher war, weil es gestern, kurz vor der Premiere, wie aus Kübeln gegossen hatte und für heute das gleiche Regenwetter vorhergesagt worden war. Was Henry aber viel mehr verwirrte und vollends an seinem Verstand zweifeln ließ, spielte sich nicht am Himmel, sondern auf der Erde ab, direkt vor seiner Nase. Denn er war mitten in einem Film gelandet. Oder besser gesagt, in einer Filmkulisse.

Die Straße vor ihm war eng bebaut und mit holprigem Kopfstein gepflastert, über den in diesem Augenblick eine zweispännige Pferdekutsche ratterte. In einer breiten Rinne in der Mitte der Straße warteten Unrat, Abfälle und allerlei tierischer Kot darauf, vom nächsten Regenguss weggespült zu werden. Eine Art Sänfte wurde von zwei livrierten Lakaien vorbeigetragen. Männer mit voll beladenen Handkarren eilten über das Pflaster, Frauen mit riesigen Körben auf dem Rücken folgten ihnen und wurden von verlotterten Kindern beobachtet, die im Rinnstein saßen und sich den Platz mit frei herumlaufenden Schweinen und diversem Federvieh teilten. Die Häuser auf beiden Straßenseiten waren niedrig, schmal und windschief. Sie ragten ab dem ersten Stockwerk in die Gasse hinein, als wollten sie am Himmel zusammenwachsen. Die meisten von ihnen waren aus Fachwerk oder gänzlich aus Holz gebaut, und die wenigen Steinhäuser, die Henry sah, wirkten ebenfalls wie Relikte aus einer anderen Zeit. Gleiches galt für die Kleidung der Leute. Sie trugen, genau wie Henry, allesamt Kostüme. Die Männer hatten Schlapphüte oder Lockenperücken auf dem Kopf und trugen Hemden mit riesigen Kragen und ebensolchen Ärmelaufschlägen sowie Kniebundhosen. Die Frauen trugen Hauben und stramme Mieder, Brusttücher und gebauschte Petticoats, die unter den schäbigen, meist bräunlichen oder grauen Kleidern hervorlugten. Für Henry konnte es keinen Zweifel geben: Er befand sich auf dem Gelände eines Filmstudios. Alle um ihn herum, er selbst einbegriffen, sahen aus, als wären sie einer Daniel-Defoe-Verfilmung entfleucht.

Aber wo waren die Kameras? Wo befanden sich die Scheinwerfer, die Mikrofone, das Regie-Pult, der Catering-Wagen, die Chemie-Toiletten? Und wo, zum Teufel, war die Crew? Wer drehte diesen Film? Wer hatte Action! gerufen und die zahlreichen Komparsen losgeschickt?

In Henrys malträtiertem Kopf ging es drunter und drüber, doch bevor er weiter über diese Fragen nachdenken oder nach dem Ausgang des Studiogeländes suchen konnte, stand plötzlich ein junger Kerl neben ihm, klopfte ihm auf die Schulter und fragte: »Na, mein Guter, von den Toten auferstanden?«

Der Bursche war etwa in Henrys Alter, Anfang zwanzig, und trug eine Kleidung, die Henrys Theater-Outfit nicht unähnlich war: grobe Kniehosen, Leinenhemd, darüber einen Gehrock mit langen Schößen, außerdem eine Mütze auf dem Kopf, die an ein Barett oder eine Baskenmütze erinnerte. Das Auffälligste an dem Mann aber war seine Hautfarbe, sie war auffallend dunkel wie bei einem Südländer und beinahe bläulich schimmernd. Als wäre er in ein Tintenfass gefallen und hätte die Farbe nicht wieder völlig abbekommen.

Henry hatte den Kerl noch nie gesehen. Daran hätte er sich bestimmt erinnert, Alkoholkater hin oder her. Er starrte den Blauen an und fragte: »Kennen wir uns?«

»So schlimm, Henry?«, lachte der andere. »Hat Mutters Wacholderfluch dir den Garaus gemacht?«

»Wer? Was?«, stammelte Henry. »Wovon redest du?«

Der Mann lachte abermals und deutete auf ein hölzernes Schild, das nur wenige Zoll über Henrys Kopf baumelte und auf dem zu lesen war: »Mother Blake’s Gin Shop«. Bebildert war das Schild mit einem Tonkrug und einem Zweig mit Beeren, von denen man annehmen konnte, dass es sich um Wacholder handelte.

»Wo, zum Henker, bin ich?«, entfuhr es Henry.

»Na, Rosemary Lane«, antwortete der andere.

»Das Theater?«

»Theater? Hier gibt’s kein Theater! Ich meine die Straße.« Jetzt wies der Blaue nach Südwesten, wo hinter den Häusern am Ende der Gasse vier weiße Zwiebeltürme in den strahlend blauen Himmel ragten. »Da vorne ist der Tower, wie du siehst, und gleich rechts geht die Mansell Street ab.«

Henry sah die wohlbekannten Türme des Towers, und es handelte sich nicht etwa um aufgemalte Kulissen oder fadenscheinige Attrappen. Aber diese winzige Straße auf der rechten Seite konnte niemals die Mansell Street sein. Denn das war eine vierspurige Hauptverkehrsstraße, die direkt unter den Gleisen eines Bahndamms hindurchführte. Doch von den Gleisen, die zum nahe gelegenen Bahnhof Fenchurch Street führten, war ebenfalls weit und breit nichts zu sehen. Wieder schaute Henry zu den Türmen des White Towers, dann zur Sonne, dann wieder zum Tower. Wenn es jetzt Mittag war und die Sonne ungefähr im Süden stand, dann befand sich Henry genau an der Stelle, an der eigentlich die Royal Mint Street sein sollte. Doch das hier war angeblich die Rosemary Lane. So hatte die Straße geheißen, bevor die Königliche Münzanstalt vor zweihundert Jahren aus dem Tower hierher umgesiedelt war. Das hatte ihm zumindest der Besitzer des Rosemary Lane Theatre erzählt. Daher stammte nämlich der Name des Theaters und des Restaurants darüber.

»Was wird denn hier gedreht?«, wollte Henry wissen. »Fielding oder Thackeray oder was?«

»Wer? Wieso gedreht? Ich versteh nicht.«

»Welcher Film? Fernsehen oder Kino? Oder ist das hier so was wie ein Freiluft-Theater?«

»Was hast du nur ständig mit deinem verdammten Theater? Ich sag doch, hier gibt’s kein Theater. Keine Ahnung, was meine Mutter dir letzte Nacht eingeschenkt hat, aber es ist dir anscheinend nicht bekommen. Du solltest die Finger vom Fusel lassen, wenn du ihn nicht verträgst.«

Henry sah auf das Schild und fragte: »Mutter Blake ist deine Mutter?«

»Ay, Sir!« Der Blaue verneigte sich grinsend und lüpfte die Mütze. Darunter kam nicht nur ein kahl geschorener Schädel, sondern auch eine breite Narbe zum Vorschein, die sich hell auf der dunklen Haut abzeichnete und kerzengerade vom linken Ohr direkt bis zum Scheitel des Kopfes führte.

»Wer bist du?«, fragte Henry.

»Eigentlich müsste ich jetzt beleidigt sein, aber da du offensichtlich keine Ahnung hast, was letzte Nacht passiert ist, will ich mich gern noch mal vorstellen: Gestatten, Joseph Blake, aber meine Freunde nennen mich Blueskin.«

»Blueskin Blake?« Woher der Spitzname rührte, war offensichtlich, aber wieso kam er Henry so bekannt vor? Irgendwo, irgendwann hatte er diesen Namen schon einmal gehört oder gelesen. Dann stutzte Henry plötzlich und fragte: »Was meinst du mit: ›Was letzte Nacht passiert ist‹?«

»Na, was wohl!« Blueskin griente verschmitzt und klopfte Henry erneut auf die Schulter. »Hast dich gut gehalten fürs erste Mal. Und keine Bange, auch wenn du dich nicht erinnern kannst, werd ich dich nicht um deinen Anteil betuppen. Hast ihn dir redlich verdient. Aber jetzt müssen wir los! Oder hast du es dir anders überlegt? Heute Nacht schienst du Feuer und Flamme zu sein.«

Als wäre das ihr Stichwort gewesen, kam in diesem Augenblick eine junge Frau aus der angeblichen Mansell Street, wartete an der Kreuzung und winkte ihnen zu.

»Da ist Poll«, sagte Blueskin, setzte seine Mütze wieder auf und zog Henry wie einen störrischen Jungen hinter sich her. »Komm schon!«

Henry kam sich vor wie in einem absurden Albtraum. Und er wartete darauf, endlich aufzuwachen. Das alles ergab überhaupt keinen Sinn. Irgendjemand erlaubte sich offensichtlich gerade einen üblen Scherz mit ihm, und es hätte ihn nicht erstaunt, wenn plötzlich eine versteckte Kamera aus einem dunklen Winkel aufgetaucht und er einer albernen Fernsehshow auf den Leim gegangen wäre. Doch kein Fernsehteam erschien, niemand rief: »April, April!« Der Albtraum ging einfach weiter, und Henry blieb nichts anderes übrig, als sich zu fügen und zu warten. Worauf auch immer.

»Wo ist Bess?«, begrüßte Blueskin die junge Frau und drückte ihr einen Kuss auf den Mund. »Sag nicht, sie will kneifen.«

»Bess ist schon am Newgate, sie wollte vorher noch was besorgen«, antwortete Poll und beäugte Henry misstrauisch. »Wer is’n der Kerl?«

»Darf ich vorstellen: Henry Ingram. Er ist neu bei uns und hat gestern seine Feuertaufe bestanden. Auch wenn er im Augenblick nicht ganz frisch aussieht und sich an nichts erinnern kann. Das Saufen muss er jedenfalls noch lernen.« Er grinste, deutete auf Poll und sagte: »Und das ist Poll Maggott. Die zweitbeste Hure von London.«

»Blödmann!«, zischte Poll und schlug ihm mit einem Fächer auf den Unterarm.

»Ehre, wem Ehre gebührt«, antwortete Blueskin, lachte dreckig und gab ihr einen Klaps auf den Hintern.

Henry starrte die Frau ungläubig und zugleich fasziniert an. Sie schien sehr jung zu sein, vielleicht siebzehn oder achtzehn Jahre alt, was jedoch nicht so einfach zu beurteilen war, weil sie sich das Gesicht weiß geschminkt und gepudert hatte, sodass es beinahe wie eine Maske wirkte. Wangen und Nase waren mit schwarzen Schönheitspflästerchen geradezu übersät, und auf ihrem hochgesteckten dunkelblonden Haar thronte ein Ungetüm von Federhut, der an einen ausgestopften Fasan erinnerte. Poll hatte ihr freizügig dekolletiertes Mieder derart fest verschnürt, dass die Brüste, die ebenfalls weiß gepudert und mit Schönheitspflastern beklebt waren, hervorquollen und herauszuhüpfen drohten. Poll geizte nicht mit ihren Reizen, aber gleichzeitig erschienen diese Reize so übertrieben und unnatürlich zur Schau gestellt, dass sie ihre Wirkung beinahe gänzlich verloren. Henry fühlte sich an die Wachsfiguren bei Madame Tussauds erinnert.

»Was gibt’s ’n da zu glotzen?«, fauchte Poll ihn an, fächerte sich Luft zu und rümpfte verächtlich die Nase. »Hast du noch nie Titten gesehen?« Dann klappte sie den Fächer zu, fuhr auf dem Absatz herum und stapfte in Richtung Tower davon.

Blueskin stieß Henry verschwörerisch mit dem Ellbogen an, hob die Augenbrauen und grinste vielsagend. »Poll ist ’ne wilde Katze. Nimm dich in Acht, mein Lieber, sie hat scharfe Krallen.«

»Wer ist denn die beste Hure?«, fragte Henry etwas verwirrt, während sie Poll folgten und unweit des Towers auf die alte Stadtmauer stießen, die den Blick nach Westen versperrte.

»Hm?«, machte Blueskin.

»Du hast gesagt, dass Poll die zweitbeste Hure in London ist. Wer ist die beste?«

»Edgworth Bess natürlich. Jedenfalls behauptet sie das.« Er hob die Augenbrauen und fügte pikiert hinzu: »Ich selbst hatte noch nicht das Vergnügen.«

»Edgworth Bess?« Henry hätte beinahe laut losgelacht. »Die Edgworth Bess?«

»Kenn nur die eine!«

Das war es also! Plötzlich wusste Henry, wieso ihm der Name Blueskin Blake so bekannt vorgekommen war. Er konnte es nicht fassen. Nur mit Mühe zwang er sich, ernst zu bleiben und nicht zu erkennen zu geben, dass er den Scherz durchschaut hatte. Auch wenn er den Sinn des Ganzen nach wie vor nicht verstand.

Er fragte: »Dieselbe Bess, die am Newgate auf uns wartet?«

»Ay.«

»Und was werden wir dort tun?«

»Na, was wohl! Wir holen Jack aus dem Gefängnis. Also eigentlich holen ihn Bess und Poll aus dem Gefängnis, wir anderen sorgen nur für ein wenig Ablenkung und Verwirrung. Bess hat alles mit Jack besprochen.«

»Ich vermute, du redest von Jack Sheppard«, sagte Henry, ohne sich ein Grinsen verkneifen zu können. »Dem großen Jack Sheppard.«

»Freut mich, dass die Erinnerung zurückkommt«, meinte Blueskin und zog Henry nach rechts, wo sie nun an der mehr als zehn Fuß hohen Stadtmauer entlang nach Norden gingen. »Aber groß würde ich Jack nicht unbedingt nennen.« Er lachte schelmisch und setzte hinzu: »Sieht man mal von seiner großen Klappe ab.«

»Ähm, sag mal … nur aus Interesse«, sagte Henry und wich einer schwarzgefleckten Sau aus, die mitten auf dem Weg im Dreck wühlte. »Welchen Tag haben wir heute?«

»Na, du stellst Fragen. Heute ist Montag, der letzte Tag im August, wenn ich mich nicht irre.«

»Und welches Jahr?«

»Fragst du das im Ernst?«

»Jetzt sag schon!«

»1724«, antwortete Blueskin und musterte ihn kopfschüttelnd.

»Natürlich!« Henry konnte sich nicht länger zusammenreißen, der Lachkrampf überkam ihn, und er konnte sich nicht dagegen wehren. »1724, was sonst? Wie dumm von mir!« Er drehte sich um die eigene Achse, breitete die Arme aus und rief: »Ihr könnt rauskommen, Leute! Ich hab’s geschnallt.«

»Was is’n mit dem los?«, fragte Poll, die vor einem steinernen Tor in der Stadtmauer stehen geblieben war und auf sie gewartet hatte. »Verrückt geworden, oder was?«

Blueskin zuckte mit den Schultern und knurrte: »Mutters Wacholderfluch!«

2

Henry hatte sich gründlich auf seine Rolle in der Bettleroper vorbereitet. Nicht nur den Text gelernt, wie es sich von selbst verstand, sondern sich auch in die historischen und literarischen Hintergründe eingearbeitet. Er hatte sich mit der Biografie des Autors John Gay befasst, hatte die Entstehungs- und Aufführungsgeschichte der Bettleroper recherchiert und wusste daher nicht nur, wie das Stück im Laufe der Jahrhunderte auf der Bühne interpretiert worden war, sondern auch, welche realen Figuren in dem Schauspiel verarbeitet worden waren. So war der Gaunerboss und Hehler Peachum einerseits dem berüchtigten Londoner Ganoven Jonathan Wild nachempfunden und andererseits als Karikatur auf den Politiker und Englands ersten Premierminister Robert Walpole angelegt. Auch für Captain Macheath, den Henry auf der Bühne verkörpert hatte, hatte es ein reales Vorbild aus dem frühen 18. Jahrhundert gegeben: Jack Sheppard, den später als Volkshelden gefeierten Räuber, der mit seinem Kumpan Blueskin die Straßen Londons unsicher gemacht und es geschafft hatte, gleich mehrmals und auf abenteuerliche Weise aus dem Newgate-Gefängnis zu entkommen. Was besonders deswegen für Aufsehen sorgte, da das Newgate als völlig ausbruchsicher galt. Sheppards Geliebte und Gehilfin war die Hure Edgworth Bess gewesen, und diese Bess, oder Elizabeth Lyon, wie sie eigentlich hieß, war gleichzeitig eine der Vorlagen für Polly Peachum aus der Bettleroper gewesen.

Henry hatte keine Ahnung, was das genau zu bedeuten hatte und wie alles zusammenhing, aber er begriff nun, dass er das Opfer eines groß angelegten und aufwendig inszenierten Scherzes geworden war. Gestern Abend hatte er den Captain Macheath auf der Bühne gegeben, und heute sollte er Zeuge werden, wie Macheaths reales Vorbild Jack Sheppard aus dem Newgate-Gefängnis befreit wurde. Im Jahr 1724! Auf solch einen Unsinn konnte einfach nur das Fernsehen kommen. Candid Camera, Verstehen Sie Spaß?, Punk’d – es gab viele Versionen dieser Reality-Shows, die es darauf abgesehen hatten, irgendwelche Leute auf die Schippe zu nehmen. Und in einer dieser Shows war Henry gelandet – dessen war er sich inzwischen felsenfest sicher. Mehr denn je war er davon überzeugt, dass er sich auf einem Filmgelände befand, und hinter dieser zugegebenermaßen echt wirkenden Nachbildung der Stadtmauer von London (die es bekanntlich seit Jahrhunderten nicht mehr gab) lag das wirkliche Leben, das echte London, das Ende dieser albernen Fernseh-Inszenierung.

Henry wollte kein Spielverderber sein und kämpfte gegen seinen Lachkrampf an. Das Lachen tat seinem Kopf und seinem Magen ohnehin nicht gut. Und er fragte sich, welche Drogen sie ihm gestern verabreicht hatten, um einen solchen Filmriss und derartige Kopfschmerzen zu fabrizieren.

»Was’n nu?«, schimpfte Poll mit Blueskin und deutete auf Henry. »Kommt der Kerl mit, oder bleibt er hier? Du bist für ihn verantwortlich, Blueskin. Sieh zu, dass er keinen Unfug anstellt! Sonst kratzt dir Bess die Augen aus.«

»Es geht schon wieder«, schnaufte Henry und hielt sich den Schädel, in dem eine ganze Elefantenherde im Kreis zu marschieren schien. Dann deutete er auf das Steintor in der Stadtmauer und fragte: »Was ist das?«

»Das Aldgate, was sonst?!«, sagte Blueskin. »Müssen wir uns eigentlich ernsthaft Sorgen um dich machen?«

Henry kannte das ehemalige östliche Stadttor nur von alten Kupferstichen, die er vor ewigen Zeiten im Museum of London gesehen hatte. Zwei mächtige, rechteckige Türme mit Zinnen an der Brüstung und gemauerten Nischen für Statuen oder Reliefs flankierten einen gedrungenen und schmucklosen Rundbogen, der die Hauptstraße von Aldgate überspannte und zwei kleineren Fuhrwerken gleichzeitig Durchlass bot. Einen weiteren Durchgang für Fußgänger gab es im nördlichen der beiden Türme, und durch diesen schritt Poll nun, ohne sich noch einmal nach den beiden Männern umzuschauen. Henry wappnete sich innerlich für die Auflösung des Gags, die ganz sicher auf der anderen Seite des Tores auf ihn wartete.

Einen einzelnen Straßenzug, ein paar hölzerne und mit Mörtel verputzte Hausfassaden, die vier Türme des Towers oder eine alte römische Stadtmauer nachzubauen war auf einem Filmgelände sicherlich ohne Weiteres möglich. Aber eine ganze Stadt? Undenkbar! Und deshalb würde der Spuk gleich vorbei sein.

Als Henry jedoch das Tor durchschritten hatte, bot sich ihm auf der Westseite ein Anblick, der ihm den Atem nahm und ihn einen leisen Schrei ausstoßen ließ. Das Grinsen auf seinen Lippen wich einem entsetzten Gesichtsausdruck, und er traute seinen Augen nicht. Weil das Aldgate höher gelegen war und das Gelände vor allem nach Süden hin, in Richtung Themse, merklich abfiel, lag die City von London gewissermaßen zu seinen Füßen. Vor ihm entfaltete sich ein Gewimmel von kleinen Gassen, niedrigen und gedrängt stehenden Häusern und zahlreichen Kirchtürmen, die die Silhouette der Stadt dominierten. Keine Hochhäuser, keine Wolkenkratzer, kein riesiger Swiss-Re-Tower, dessen seltsame Gurkenform ihm den Spottnamen »The Gherkin« eingebracht hatte. Keine Busse, keine Autos, kein Asphalt, keine Baukräne. Dafür eine Unzahl von Menschen, Tieren und altmodischen Gefährten auf den mit Kopfstein gepflasterten Straßen.

Wie benommen folgte Henry den beiden anderen die Leadenhall Street entlang in Richtung Westen, und je weiter sie gingen, desto unbegreiflicher war ihm, was er zu sehen bekam. Händler verkauften ihre Waren direkt vom Karren, fein gekleidete Bürger inspizierten die Auslagen der Geschäfte, Schilder aus Holz oder Messing verkündeten, welchem Gewerbe die Bewohner der Häuser nachgingen. Bettler lungerten herum und streckten ihre mit Ekzemen übersäten Hände gen Himmel, es wimmelte von Pferdekutschen, Sänften und schwer bepackten Dienstleuten, die eifrig wie Ameisen umherirrten.

Auf der rechten Seite erkannte er die alte Kirche von St. Katherine Cree mit ihrem niedlichen Ecktürmchen. Hier hatte seine Schwester Zoe vor einigen Jahren ihren Mann James geheiratet, einen langweiligen Investmentbanker, der unbedingt im Londoner Finanzdistrikt hatte heiraten wollen. Doch während heutzutage die Kirche von riesigen Bürohäusern, Banken und Versicherungsgebäuden regelrecht umzingelt war und erdrückt wurde, bot sich Henry nun ein völlig anderer Anblick. Die Kirche stand auf einem alten Friedhof und überragte die umstehenden, meist dreistöckigen Fachwerkhäuser, deren dunkel angelaufene und schiefe Fassaden aus der Tudor-Zeit zu stammen schienen. Auf der gegenüberliegenden Seite hätte eigentlich der viktorianische Leadenhall Market mit seinen reich verzierten Gängen und imposanten Hallen stehen müssen, doch stattdessen sah Henry nur ein verfallenes Bauwerk aus Backstein, dessen Holzdach löchrig war und aus dem es nach verwestem Fleisch und verrottendem Gemüse stank.

»Scheiße!«, murmelte Henry und hatte Angst, den Verstand zu verlieren. »Das kann doch alles nicht wahr sein.«

»Stinkt fürchterlich, nicht wahr?«, meinte Blueskin und deutete auf die Markthalle. »Wird Zeit, dass die schäbige Bude endlich abgerissen wird.«

Sie hatten inzwischen das Ende der Leadenhall Street erreicht, wo die Straße in den Cornhill überging und sich der Anblick der Stadt fast schlagartig änderte. Das schwarz-weiße Tudor-Fachwerk und die windschiefen Holzkonstruktionen waren weiter westlich nicht mehr zu sehen, dafür waren die meist vierstöckigen Häuser aus rotbraunem Backstein errichtet. Schmucklos gehaltene Reihenhäuser mit schmaler Front, ohne Erker oder Vorsprünge, alle mit der gleichen Traufenhöhe und sehr ähnlich im Aussehen.

Zur Linken führte eine steile Straße hinab zum Fluss, oder genauer gesagt, zur London Bridge. Unweit der Brücke ragte die steinerne Säule The Monument in den Himmel, die an den Großen Brand von 1666 erinnern sollte. Und plötzlich begriff Henry, was der seltsame und abrupte Wandel der Architektur zu bedeuten hatte. Bei dem Feuer war die gesamte Innenstadt niedergebrannt, weil beinahe sämtliche Häuser aus Fachwerk und Holz bestanden hatten. Nur die Bezirke auf der Südseite der Themse und die nordöstliche City rund ums Aldgate waren den Flammen entkommen, der gesamte Rest war dem Erdboden gleichgemacht worden. Und beim Wiederaufbau hatte man darauf geachtet, nur Häuser aus Stein zu errichten, die einem zukünftigen Feuer besser standhalten würden.

»He, Henry!«, wurde er von Blueskin aus seinen Gedanken gerissen.

»Was?«

»Es stimmt doch, dass Jack dich zu uns geschickt hat, oder?«

»Wer hat denn das behauptet?«, antwortete Henry ausweichend.

»Du!« Blueskin packte ihn plötzlich brutal am Kragen und schüttelte ihn derart heftig, dass sein Kopf regelrecht zu explodieren schien. »Du hast gesagt, dass du ein Freund von Jack bist und er dich geschickt hat. Du hast Jack als deinen Bürgen genannt.«

»Na, dann wird’s wohl so sein«, murmelte Henry überrascht und riss sich los.

»Wehe, wenn nicht!«, knurrte Blueskin. Von seiner vorherigen, so demonstrativ zur Schau gestellten Heiterkeit war nichts übrig geblieben, stattdessen funkelte er Henry böse an und setzte hinzu: »Wenn du einer von Wilds Spitzeln bist, dann gnade dir Gott!«

»Hab doch meine Feuertaufe bestanden, oder etwa nicht?«

»Ich mach dich kalt, wenn du mit dem Mistkerl Wild unter einer Decke steckst«, stieß Blueskin wütend hervor, und sein finsterer Gesichtsausdruck unterstrich die Worte. Plötzlich jedoch grinste er wieder, boxte Henry freundschaftlich gegen den Oberarm, als wäre nichts gewesen, und deutete über Henrys Schulter nach vorn. »Schau! Da sind die anderen.«

Vor der Kirche von St. Mary-le-Bow an der Cheapside, deren Turm mit dem kreisrunden Säulengang zumindest genauso aussah, wie Henry ihn in Erinnerung hatte, schlossen sich zwei junge Kerle und eine Frau der kleinen Prozession an. Die Frau war etwa Mitte zwanzig, sah – gerade im Vergleich zur aufgetakelten Poll – recht unscheinbar aus und wurde Henry als Jenny Diver vorgestellt.

»Lass dich von ihrem schlichten Äußeren nicht täuschen, Henry«, meinte Blueskin lachend. »Sie trägt den Namen Diver nicht von ungefähr. Jenny ist die trickreichste Taschendiebin in der ganzen City. Pass also auf deinen Geldbeutel auf, mein Lieber!«

»Halt’s Maul, Blueskin!«, sagte Jenny mit starkem irischen Akzent, schüttelte ihre rotbraunen Locken und bedachte Henry mit einem skeptischen Blick. »Geht den da gar nichts an.«

Auch Jennys Name war Henry bekannt, denn eines der Straßenmädchen aus der Bettleroper hieß Jenny Diver. Allerdings hatte Henry bislang nicht gewusst, dass es auch für sie ein reales Vorbild gegeben hatte.

Bei den beiden Männern an ihrer Seite handelte es sich um eineiige Zwillinge namens George und Godfrey, die sehr knabenhaft aussahen, auffallend knarzige Stimmen hatten, als hätten sie gerade erst den Stimmbruch hinter sich gebracht, und nur daran zu unterscheiden waren, dass der eine einen Schlapphut und der andere eine Mütze aus Biberfell auf dem Kopf trug. Godfrey, der Bursche mit dem Schlapphut, schlug Henry kameradschaftlich auf die Schulter und meinte: »Hast dich nicht gut gehalten seit letzter Nacht, Alter! Du siehst aus, als wärst du unter ’ne Kutsche geraten.«

»So fühl ich mich auch«, antwortete Henry und bemerkte, dass der junge Mann ein großes »T« auf seinem rechten Handrücken eingebrannt hatte. Vermutlich die Abkürzung für »Thief«. Kaum anzunehmen, dass sich der Bursche das hässlich verwachsene Brandzeichen aus modischen Gründen selbst zugefügt hatte. Unwillkürlich schaute Henry auf die rechte Hand des Zwillingsbruders, und tatsächlich, auch dort prangte das eingebrannte Schandmal. Familienehre!

Henry lachte bitter, obwohl ihm eher nach Weinen zumute war, und während sie die Cheapside entlanggingen und im Südwesten die imposante Kuppel der Kathedrale von St. Paul über den Hausdächern auftauchte, zerbrach er sich den Kopf darüber, was er nun tun und wie er aus diesem gottverdammten Schlamassel wieder herauskommen sollte. Sein erster Gedanke war, sich in eine der vielen winzigen und verwinkelten Seitengassen zu verdrücken und schleunigst das Weite zu suchen. Auf keinen Fall wollte er daran mitwirken, einen notorischen Verbrecher aus dem Newgate-Gefängnis zu befreien. Entweder würden sie dabei ertappt und selbst eingesperrt werden, oder aber der befreite Jack Sheppard würde Henry als Schwindler und Hochstapler entlarven und Blueskin ihn kurzerhand ins Jenseits befördern. Ein Menschenleben galt bekanntlich wenig in dieser Zeit, und das Leben eines vermeintlichen Spitzels rein gar nichts.

Doch wohin sollte Henry gehen? An wen sollte er sich wenden? Wie wollte er sich an diesem Ort und in dieser sonderbaren Zeit zurechtfinden? Und vor allem: Wie würde er es schaffen, in die Gegenwart zurückzukehren? Oder besser gesagt, in die Zukunft?

Es war offensichtlich kein Zufall, dass es ihn ausgerechnet hierher und in diese finstere Gesellschaft verschlagen hatte. Der fiktive Gaunerhauptmann Macheath hatte ihn in das Jahr 1724 katapultiert, also musste der reale Gauner Sheppard, der den Macheath erst ermöglicht hatte, ihn wieder zurückbefördern. Der Schlüssel lag in der Bettleroper! Das klang nicht sehr logisch oder vernünftig, aber was hatte das alles schon mit Vernunft zu tun? Nichts! Es war der reine Irrsinn. Und vielleicht lag ja genau darin die Lösung des Rätsels: Henry hatte den Verstand verloren. Alles nur krankhafte Einbildung und Wahn? Womöglich lag er just in diesem Augenblick in einer Nervenklinik und wurde wegen einer akuten Schizophrenie behandelt. Halluzinationen infolge irgendeiner Demenzkrankheit. Oder war er etwa auf einem Drogentrip hängen geblieben? In seinem Kopf spielte sich ein absurder Film ab. Er sah, hörte und fühlte etwas völlig Irreales, weil es in seinem Hirn einen Kurzschluss oder Defekt gegeben hatte. Es war zum Verrücktwerden!

Um herauszufinden, was das alles zu bedeuten hatte, musste er den eingeschlagenen Weg weitergehen. Die Flucht zu ergreifen würde sein Schicksal nur besiegeln. Wenn er jemals wieder in »seine Welt« zurückkehren wollte, blieb ihm gar nichts anderes übrig, als sich seinen neuen Bekannten anzuvertrauen und auszuliefern. Er hatte keine andere Wahl!

»Da sind wir«, sagte Poll, deutete auf das steinerne und mit einem schweren Fallgitter versehene Tor, das die Newgate Street wie ein Nadelöhr blockierte, und wandte sich an Jenny. »Hättest dir ruhig was Hübscheres anziehen können. Wie sollen die Kerle riemig werden, wenn du aussiehst wie ein Bauerntrampel?«

»Was hätte ich sonst anziehen sollen? Etwa mein Schwangeren-Kostüm?«, meinte Jenny achselzuckend. »Für die Wärter wird’s allemal reichen. Riemig sind die ohnehin den ganzen Tag.« Dennoch nahm sie das Brusttuch aus dem Ausschnitt, schob ihre Brüste nach oben, bis die Ansätze der Brustwarzen zu sehen waren, und fragte: »Besser so?«

»Wurde aber auch Zeit!«, hörte Henry plötzlich eine tiefe und heisere Frauenstimme hinter sich. »Ich steh mir hier die Beine in den Bauch, und ihr habt nichts Besseres zu tun, als an euren Titten herumzuspielen.«

Als Henry sich umwandte, sah er eine groß gewachsene und stämmige Frau, die sich vor Jenny und Poll aufbaute und die Hände in die Seiten stemmte. Das war dann wohl Edgworth Bess. Ihre Kleidung ähnelte der von Poll und lenkte die Blicke unwillkürlich auf ihre üppigen, hoch geschnürten Brüste, allerdings war Bess nicht ganz so aufdringlich geschminkt und mit Schönheitspflästerchen beklebt, und auch der schlichte Hut auf ihrem Kopf stahl ihrem Haar nicht die Schau, sondern brachte die dunklen Locken erst richtig zur Geltung. Trotz ihrer fülligen Statur und des rundlichen Gesichts war Bess eine ausgesprochen schöne Frau, die es nicht nötig hatte, durch weißen Puder, ausladende Federn oder bunte Perlen auf sich aufmerksam zu machen. Henry fühlte sich an Filmdiven der Vierziger- und Fünfzigerjahre erinnert. Obwohl sie noch keine zwanzig Jahre alt sein konnte, hatte sie eine Reibeisenstimme wie eine verlebte Matrone, die jahrzehntelang den Whisky in sich hineingeschüttet hatte. Ein seltsamer Widerspruch, der Henrys Interesse erst recht weckte.

»Wo habt ihr so lange gesteckt?«, wollte Bess wissen, wobei sie sich nur an Poll und Jenny wandte und für die anwesenden Männer keinen Blick übrighatte.

»Krieg dich wieder ein, Bess!«, maulte Jenny und zog eine Grimasse.

»Wir sind ja da«, meinte Poll. »Mach hier nicht so ’nen Wirbel.«

»Der Exekutionsbefehl ist heute Morgen aus Windsor gekommen«, sagte Bess und schob Poll kurzerhand beiseite. »Nächsten Freitag soll Jack an den Galgen.«

»Dazu wird’s nicht kommen«, antwortete Poll. »Dafür werden wir schon sorgen.«

»Dann los!«, befahl Bess und deutete auf eine Lederflasche in ihrer Hand. »Das wird uns die Arbeit erleichtern. Feinster Brandy aus dem Black Lion! Mit den besten Grüßen vom Wirt.«

»Seit wann gibt’s im Black Lion feinen Brandy?«, lachte Godfrey. »Ich krieg dort immer nur billigen Fusel serviert.«

»Wie immer hast du noch ein Ass im Ärmel, Bess«, meinte Blueskin lächelnd und sah sie an, als hätten seine Worte einen geheimen Hintersinn.

»Wenn’s sonst keiner hat«, antwortete Bess knapp, ohne ihn dabei anzuschauen. Ja, Henry hatte sogar das Gefühl, dass sie Blueskins Blick auswich. Weil sie ihre Augen zu Boden gerichtet hatte, stieß sie beinahe mit Henry zusammen, der sich nicht vom Fleck bewegt hatte und ihr im Weg stand.

»Platz da!«, schnauzte sie ihn an und schaute ihm eher beiläufig ins Gesicht.

»’tschuldigung«, sagte er kleinlaut und starrte Bess unverwandt an. Ohne es zu wollen und obwohl sie keinerlei Ähnlichkeit miteinander hatten, hatte Henry plötzlich Sarahs Gesicht vor Augen. Er sah ihre verwuschelten blonden Haare, die geröteten Wangen und ihren schuldbewussten Blick, als er sie mit Sean Leigh hinter der Bühne ertappt hatte. Miss Polly Peachum in den Händen ihres Vaters.

»Hast du ’nen Geist gesehen, oder warum glotzt du mich so an?«, fragte Bess.

»Kann man so sagen«, meinte Henry und räusperte sich. »Ein Geist, ja.«

Bess schüttelte ärgerlich den Kopf, stieß ihn beiseite und wandte sich an die Runde: »Wollt ihr hier noch lange Maulaffen feilhalten oder euch nützlich machen? Auf geht’s!« Damit stapfte sie zum Tor, und alle anderen folgten ihr wie Gänseküken ihrer Mutter.

3

Das Newgate-Gefängnis war nur eines von unzähligen Gefängnissen in London, aber es war das mit Abstand bekannteste und berüchtigtste seiner Zeit. Einige Szenen der Bettleroper spielten in den Zellen von Newgate, und deshalb hatte Henry im Internet ein wenig über die grausigen Zustände in dem Gefängnis recherchiert. »Ein Ort der Not, ein Wohnhaus des Elends, eine bodenlose Grube der Gewalt«, so hatten Zeitgenossen das alte Newgate beschrieben. Das galt zumindest für jene Insassen, die es sich nicht leisten konnten, die Wärter und Schließer zu bestechen. Für alles und jedes musste ein Pfand oder Handgeld gezahlt werden, beim Eintritt wie bei der Entlassung war eine Zahlung an den Kerkermeister fällig, sogar für die bloße Unterkunft und Verpflegung wurde ein saftiger Obolus verlangt, gerade so, als befände man sich in einem Hotel oder einer Herberge. Ja, selbst für Fesseln und Ketten musste man bezahlen.

Nichts war umsonst oder selbstverständlich, aber alles war für Bares zu bekommen, sogar Putzfrauen, Huren und Alkohol, der in der gefängniseigenen Kneipe gebrannt und verkauft wurde. Wer jedoch kein Geld hatte, um die exorbitanten Preise in diesem schauerlichen Gasthaus zu bezahlen, der landete unweigerlich in einer der düsteren Massenzellen und schlief unter einer zerfetzten Decke auf dem verdreckten Steinboden, den er sich nicht nur mit Hunderten Leidensgenossen, sondern auch mit Flöhen, Läusen und Ratten teilen musste. Kein Wunder, dass ansteckende Krankheiten nicht die Ausnahme, sondern die Regel waren. Angeblich brachten Typhus und Fleckfieber jeden vierten Gefangenen von Newgate um, bevor der Galgen von Tyburn es tun konnte.

Von außen betrachtet, machte das Gefängnis jedoch einen durchaus ansprechenden, fast angenehmen Eindruck. Das zentrale Torhaus, das nördlich und südlich der Newgate Street von zwei weiteren Gefängnisgebäuden gesäumt war, erinnerte Henry an eine herrschaftliche Festung oder Burg. Die beiden sechseckigen Türme waren fünf Stockwerke hoch und mit Zinnen bewehrt, und über dem Bogengang zwischen den Türmen waren Säulen mit hübschen Kapitellen, verschnörkelte Statuen und reich verzierte Ornamentfenster zu sehen, die so gar nicht zu einem Gefängnis passen wollten. Gerade im Vergleich zu dem plumpen Aldgate auf der anderen Seite der Stadt wirkte das Newgate beinahe einladend. Auch wenn niemand diese Einladung freiwillig annahm.

»Was war ’n das gerade mit dir und Bess?«, fragte Blueskin, als sie das Wärterhaus, die sogenannte Lodge, durch eine niedrige, mit Eisen beschlagene Holztür im südlichen Turm betraten und in einer Art Vorraum landeten, dessen Zweck Henry unklar blieb. Vielleicht hatte sich hier einmal der Zugang zu einem Treppenhaus befunden, jedenfalls gab es keine Möbel oder sonstige Gerätschaften in diesem kargen und dunklen Raum.

Henry zuckte mit den Schultern und antwortete mit einer Gegenfrage: »Bess scheint ihren Jack sehr zu lieben, oder? Jedenfalls unternimmt sie alles, um ihn aus seinem Elend zu befreien.«

»Das ist auch das Mindeste«, knurrte Blueskin leise und bedachte Bess, die durch einen gemauerten Durchlass in das angrenzende Wärterzimmer schaute, mit einem skeptischen und beinahe feindseligen Blick. Dann zog er sich eine weite Kapuze über den Kopf, sodass nur noch seine Nasenspitze zu sehen war.

»Wie meinst du das?«, fragte Henry.

»Dreimal darfst du raten«, antwortete Blueskin. »Ohne Bess säße Jack doch gar nicht hier. Sie hat ihn ja selbst an Wild verpfiffen. Im Suff zwar, aber trotzdem. Kein Wunder, dass sie ein schlechtes Gewissen hat. Verdammtes Luder!«

Bevor Henry etwas darauf erwidern konnte, wandte sich Bess an Godfrey und George: »Ihr wisst, was zu tun ist?«

Die Zwillinge nickten und grinsten.

»Hast du alles, was wir brauchen, Poll?«

Poll deutete unter ihren Rock und nickte.

Bess reichte Jenny die Lederflasche und befahl: »Los, Mädels!«

Gemeinsam betraten die drei Frauen die Lodge, die vom Korridor aus nur zum Teil einzusehen war. Das Wärterzimmer war durch mehrere Pfeiler, Säulen, Nischen und Mauervorsprünge in kleinere Abschnitte unterteilt und wirkte sehr verwinkelt und unübersichtlich. Auch die Deckenhöhen und der Wandputz variierten, als wäre dieser Raum aus mehreren Kammern zusammengefügt worden. Im hinteren Teil der Lodge führte eine steile Steintreppe in die oberen Stockwerke, zur Linken befand sich vor einer Regalwand eine Art längliches Pult oder Tresen, hinter dem ein schwarz gekleideter Mann mit Perücke auf einem Schemel hockte und gelangweilt in großformatigen Büchern blätterte, und zur Rechten führte eine hölzerne Halbtreppe zu einem höher gelegenen Gewölbe, aus dem die Stimmen mehrerer Männer zu hören waren, die sich angeregt unterhielten und lachten. Während Bess und Poll sich nach links wandten und den Wärter hinter dem Pult ansprachen, stieg Jenny die Stufen zum Gewölbe hinauf und verschwand hinter einem Pfeiler.

»Der Warteraum«, sagte Blueskin, bevor Henry überhaupt fragen konnte.

»Auch wenn es darin meistens zugeht wie in einer Schänke«, ergänzte George abfällig, »und man sogar fürs Warten bezahlen muss.«

Kurz darauf waren aus der Richtung des Warteraums lautes Grölen und anerkennendes Pfeifen zu vernehmen.

»Die Wärter haben den Brandy gekostet«, vermutete Godfrey und zog den Schlapphut tief in die Stirn.

»Oder Jennys Titten«, antwortete sein Bruder und grinste dreckig.

»Wie auch immer«, meinte Blueskin, der sich in einer Mauernische neben dem Durchlass regelrecht verkrochen hatte. »Auf jeden Fall sind die Kerle für eine Weile beschäftigt.«

Bess und Poll hatten inzwischen dem Wärter am Pult das Besuchsgeld gegeben und wurden von ihm auf Gegenstände wie Feilen, Nägel oder Sägeblätter durchsucht. Der Mann ließ es sich dabei nicht nehmen, vor allem die Dekolletés und die Hinterteile der Frauen zu inspizieren und unter ihre Petticoats zu grapschen. Die beiden Huren ließen die erniedrigende Prozedur stoisch über sich ergehen, und Poll schaffte es sogar, schallend zu lachen und dem Wärter ganz nebenbei in den Schritt zu fassen. Vermutlich um den Mann von dem abzulenken, was sie unter ihrem Rock versteckt hatte – was auch immer das sein mochte. Schließlich hatte der Wärter sich ausreichend aufgegeilt, ohne dabei fündig geworden zu sein, und ließ die Frauen passieren.

»Sheppard, Jack!«, rief er über seine Schulter. »Besuch!«

Direkt hinter dem Pult führte ein schmaler und dunkler Gang zu einer Gittertür, die nun von einem zweiten Wärter geöffnet wurde. Bess und Poll betraten den niedrigen Gang und verschwanden im Dunkeln.

»Wohin geht’s da?«, wollte Henry wissen, der das Geschehen gebannt verfolgt hatte und nun weiteren Besuchern Platz machte, die das Wärterzimmer betreten wollten.

»Zu den Todeszellen«, sagte Blueskin, der inzwischen vollends in seiner Nische verschwunden war und nicht einmal mehr seine Nasenspitze herausstreckte. »Sie dürfen aber nicht hinein, sondern müssen durch eine schmale, mit Eisenspitzen versehene Öffnung mit ihm reden.«

»Und wie will er da rauskommen?«

»Das lass nur Jacks Sorge sein«, meinte George und lachte. »Wenn er uns herbestellt hat, dann wird er schon einen Weg finden. Jack ist ’n gerissener Fuchs, kannst dich drauf verlassen.«

»Und was machen wir jetzt?«, wollte Henry wissen.

»Warten«, sagte Godfrey. »Wie besprochen.«

»Willst du Bess nicht helfen, Jack zu befreien?«, wandte sich Henry an Blueskin. »Immerhin seid ihr Freunde, oder?«

»Wenn ich da reingehe«, antwortete Blueskin und deutete mit dem Daumen in die Lodge, »dann ich kann ich mich auch gleich selbst am Triple Tree in Tyburn aufknüpfen. Den Gefallen will ich Mr. William Pitt nicht machen.«

»William Pitt?«, wunderte sich Henry. »Meinst du den älteren oder den jüngeren?« Er war sich ziemlich sicher, dass beide Politiker im Jahr 1724 noch gar nicht geboren oder zumindest in Amt und Würden waren.

»Kenn nur den einen«, knurrte Blueskin und deutete auf den Wärter hinter dem Pult. »Und das ist der Hauptwärter von Newgate, der nur darauf wartet, mich in die Hände zu bekommen. Nee, Junge, ich bin doch nicht lebensmüde! Bei dem Einbruch, für den sie Jack drangekriegt haben, hab ich schließlich auch mitgemacht, und unter den Wärtern bin ich bekannt wie ’n bunter Hund.«

»Wie ’n blauer Hund, um genau zu sein«, meinte Godfrey und kicherte über seinen Witz.

Blueskin fuhr herum, sprang ihm wütend an die Gurgel und drückte mit beiden Händen zu.

»He, lass gut sein«, zischte George und zerrte an Blueskins Armen. »Du bringst ihn ja um.«

Widerwillig lockerte Blueskin den Griff, hatte die Hände aber immer noch um Godfreys Hals gelegt.

»War nicht so gemeint«, stotterte Godfrey und rang nach Luft. »Tut mir leid, Joseph.«

»Ich besorg uns schon mal ’ne Kutsche«, knurrte Blueskin, ließ von Godfrey ab und verschwand ohne weiteren Kommentar nach draußen.

»Immer so empfindlich, der Gute«, meinte George kopfschüttelnd.

»Ein verdammter Irrer, wenn du mich fragst«, sagte Godfrey und rieb sich den Hals. »Im einen Augenblick macht er Scherze, und im nächsten geht er dir an die Gurgel, als hätte ihn der Teufel geritten. Bei dem Mistkerl weiß man nie!«

George zuckte lediglich mit den Schultern und wandte sich dann an Henry: »Also? Wie sieht’s aus, Kumpel? Machst du mit?«

»Ich bin dabei«, antwortete Henry, bevor er sich auf die Lippen beißen konnte. »Wie besprochen.«

Die Zwillinge betraten gemeinsam die Lodge, und Henry folgte ihnen dicht auf den Fersen, als wollte er hinter ihnen Deckung suchen. Doch weder der Kerkermeister Mr. Pitt, der von den nächsten Besuchern das Handgeld einstrich, noch der Schließer an der Gittertür beachteten die drei. Als Henry in das höher gelegene Gewölbe schaute, das sich direkt über dem Torbogen von Newgate befand, bot sich ihm ein erstaunliches Bild. Der Raum war tatsächlich wie eine Schankstube eingerichtet, mit Bänken und Tischen und einem Regal an der hinteren Wand, in dem sich zahlreiche Zinnkrüge, Holzbecher und Tassen befanden. Auf einem Stehtisch vor dem Regal standen verschiedene Karaffen und Tonkrüge sowie eine halb volle Weinflasche.

In einer Ecke des Raumes, gleich neben einem Bleiglasfenster, saß Jenny Diver auf einer Holzbank zwischen zwei schwarz gekleideten Wärtern, die immer abwechselnd entweder die Frau befingerten oder sich den Brandy an den Hals setzten und dabei unentwegt wie kleine Kinder kicherten. Dass weitere Gefängnisbesucher in unmittelbarer Nähe saßen und verlegen auf ihre Füße starrten, schien ihnen nichts auszumachen. Sie waren zu abgelenkt und betrunken, um es überhaupt zu bemerken. Für die Neuankömmlinge hatten sie ebenfalls kein Auge.

Als Jenny die Zwillinge sah, nickte sie ihnen unmerklich zu und schlug gleichzeitig einem der Wärter auf die Nase, der sich allzu aufdringlich mit seinen Lippen ihrem entblößten Ausschnitt genähert hatte.

»Jenny hat recht gehabt«, sagte George. »Riemig wie alte Böcke.«

Godfrey stieß seinen Bruder an, deutete nach links und sagte: »Es geht los!«

In dem schmalen Gang, der zu den Todeszellen führte, war eine Bewegung zu erkennen. Zwei Frauen näherten sich der Gittertür und wandten sich an den Schließer, der auf einem Hocker hinter einem Tisch gedöst hatte. Im zuckenden Kerzenschein sah Henry die schlanke Gestalt von Poll, die sich mit dem Schließer unterhielt, doch er musste zweimal hingucken, um sie zu erkennen, denn statt des riesigen Fasanenfederhuts trug sie nun eine einfache Haube auf dem dunkelblonden Haar. Der ausgestopfte Fasan war stattdessen auf dem Kopf der anderen Frau gelandet, allerdings handelte es sich dabei nicht um Edgworth Bess. Die zweite Frau war trotz des Huts deutlich kleiner als Poll und noch schmächtiger gebaut. Sie trug ein schlichtes braunes Kleid, ohne Mieder und Dekolleté, mit langen Ärmeln und hochgeschlossenem Kragen. Die Kleidung einer Puritanerin oder Gesindefrau, sah man einmal von dem unpassenden Federschmuck auf ihrem Kopf ab. Auch der Fächer aus Seide und Spitze, den sie halb vors Gesicht hielt, wollte nicht zu einer einfachen Magd passen.

Dem Schließer schien dieser Widerspruch nicht aufzufallen. Auch dass eine der beiden Frauen vorhin nicht von ihm in den Todestrakt hineingelassen worden war, schien ihm zu entgehen. Wenn sie drinnen waren, mussten sie schließlich auch hineingelangt sein. Und zwar durch diese Tür. Er erhob sich schwerfällig von seinem Hocker und schaute in seine Liste, die vor ihm auf dem Tisch lag. Dann öffnete er gelangweilt die Gittertür, ließ die Frauen mit einem Kopfnicken passieren und wollte die Tür wieder schließen, als plötzlich ein Tumult im Wärterraum ausbrach.

Genau in dem Moment, als der Schließer die Gittertür geöffnet hatte, stieß Godfrey seinen Bruder George an, und dieser prallte, wie von einer Kanonenkugel getroffen, rücklings gegen das Wärterpult, sodass einer der schweren Folianten auf dem Boden landete und der Wärter erschrocken zur Seite sprang.

»Was fällt dir ein, mich anzurempeln, Kerl?«, schrie Godfrey außer sich.

»Wer hat hier wen angerempelt?«, fauchte George und setzte die verrutschte Biberfellmütze wieder gerade auf seinen Kopf. »Dir werd ich’s zeigen, Halunke!« Und schon stürzte er sich auf seinen Bruder, als ginge es um sein Leben.

Während die beiden Männer sich wie balgende Kinder auf dem Boden herumwälzten und dabei gegen jedes Mobiliar stießen, das irgendwie in Reichweite stand, beeilten sich Poll und ihre schmächtige Begleiterin, sich zum Ausgang zu begeben. Niemand schenkte ihnen Beachtung, alle Augen waren auf die Kämpfenden gerichtet, und so verschwanden sie schleunigst durch den Korridor nach draußen.

»Heda, Kerle!«, schrie der Wärter am Pult. »Aufhören mit dem Unsinn!«

Doch George und Godfrey hatten sich derart ineinander verkeilt, dass sie wie eine verbeulte Kugel durch den Raum kullerten.

Die beiden Wärter im Gewölbe wollten sich ebenfalls ins Getümmel werfen, wurden aber von Jenny zurückgehalten, die sich nun regelrecht auf die beiden Männer warf und sie unter sich begrub. Zur gleichen Zeit hatte der andere Wärter hinter dem Pult einen hölzernen Prügel hervorgeholt und schlug damit auf die Kampfhähne ein, deren Schmerzensschreie nun sehr viel glaubhafter wirkten.

Auch der Schließer an der Gittertür wollte seinen Anteil am Geschehen haben und verließ seinen Posten hinter der Tür, doch im gleichen Augenblick wurde er von dem Hauptwärter angeschnauzt: »Was soll das, Schwachkopf? Scher dich zurück hinters Gitter! Du hast hier vorne nichts verloren.«

Der derart Gescholtene ging zurück an seinen Platz und stieß beinahe mit Bess zusammen, die ihm aus dem Dunkeln entgegenkam und im gleichen Augenblick durch die Tür wollte.

»He, wo kommst du denn her?«, rief der Schließer verdutzt, schob Bess zurück in den Todestrakt und zog die Gittertür ins Schloss. Er starrte abwechselnd auf seine Liste und in Bess’ Gesicht und schüttelte den Kopf. »Wer bist du?«

»Verdammt!«, hörte Henry die Stimme von Jenny im Gewölbe.

Und wie auf einen unhörbaren Befehl hin stellten die beiden Kampfhähne auf dem Boden ihre unsinnige Keilerei ein.

»Raus mit euch!«, fauchte der Wärter und drosch abermals mit dem Prügel auf die Zwillinge ein. Die beiden Wärter aus dem Warteraum hatten sich inzwischen der entsetzt und wie versteinert wirkenden Jenny entledigt und halfen ihrem Chef, die Streithähne vor die Tür zu setzen. Godfrey und George ließen es ohne jeden Widerstand geschehen, wurden mit Fußtritten und Fausthieben zum Vorraum getrieben und von dort wie Abfall in die Gosse geworfen.

Jenny Diver hastete ebenfalls zum Ausgang und raunte Henry im Vorbeigehen zu: »Los, raus mit dir! Wir können nichts für sie tun.«

Doch Henry blieb wie angewurzelt an Ort und Stelle stehen. Er kam sich vor wie im Kino und schaute gebannt zu Bess, die hinter dem Gitter auf den Schließer einredete, aber nur verständnisloses Kopfschütteln erntete. Mr. Pitt, der Kerkermeister, war noch nicht wieder an seinem Platz hinter dem Pult, und auch die beiden Wärter aus dem Gewölbe standen noch im Korridor, um Jenny ein paar Handgreiflichkeiten mit auf den Weg zu geben. Es war Eile geboten, und bevor sich Henry recht überlegen konnte, was er eigentlich vorhatte, schrie er plötzlich: »Ach, da bist du! Verdammt! Was treibst du denn jetzt schon wieder?« Mit diesen Worten lief er zur Gittertür und zerrte durch das Gitter an Bess’ Ärmel. »Komm sofort da raus!«

»Gehört diese Frau zu Euch, Sir?«, fragte der Schließer.

»Jawohl, Sir! Leider!«, sagte Henry kopfschüttelnd. »Eine wahre Plage!«

»Und was macht sie hier?«

»Das wüsste ich auch gern«, antwortete Henry und zerrte erneut an Bess’ Ärmel. »Antworte gefälligst, wenn man dich was fragt. Wie kommst du hinter das Gitter, verdammt? Oder soll ich die Antwort aus dir rausprügeln?«

»Also … das war so«, stotterte Bess und schaute Henry scheinbar verstört und eingeschüchtert an. »Als die beiden Männer zu kämpfen anfingen, hab ich’s mit der Angst zu tun bekommen. Drum bin ich hinters Gitter gelaufen. Die Tür stand offen. Konnte ja nicht wissen, dass …«

»Hatte ich dir nicht gesagt, du sollst am Pult stehen bleiben, bis ich wiederkomme?«, unterbrach Henry sie und wandte sich dann entschuldigend an den Schließer: »Wie ein kleines Kind, meine Missis. Ständig muss man auf sie aufpassen, als wär sie nicht bei Trost. Kaum dreht man sich einmal um, schon hat sie sich eingesperrt.« Er schnaufte abfällig und zwinkerte dem Schließer komplizenhaft zu. »Nichts als Scherereien mit den Weibern.«

»Passt das nächste Mal besser auf Eure Missis auf, Sir«, meinte der Schließer, lächelte nachsichtig und öffnete schließlich die Gittertür. »Sonst landet sie wirklich noch mal in der Todeszelle.«

»Wär nicht schade drum«, fauchte Henry, fasste Bess grob am Handgelenk und zerrte sie hinter sich her. »Und jetzt raus mit dir!«

»Was ist denn hier schon wieder los?« Der Kerkermeister stand plötzlich vor ihnen, den hölzernen Prügel noch in der Hand, und versperrte ihnen den Weg. »Wie ist Euer Name, Sir?«

Henry verneigte sich, überlegte kurz und sagte: »Captain Macheath, Sir!«

»Und warum schreit Ihr so, Captain?« Mr. Pitt schaute Henry abschätzig von oben bis unten an, und sein Blick blieb an der schäbigen Kleidung und den nackten Füßen haften. »Was geht hier vor? Was wollt Ihr von der Frau?«

»Verdammte Weiber«, knurrte Henry und wusste plötzlich nicht mehr weiter. »Sie hat … Ich wollte …« Er hatte den Faden verloren und ahnte, dass er beim Kerkermeister mit einer plumpen Lüge nicht durchkommen würde. Er öffnete den Mund, aber kein Ton kam ihm über die Lippen. Nichts! Blackout! Dann jedoch erinnerte er sich mit einem Mal an einen Spruch seines Improvisations-Lehrers an der Theaterschule: »Wenn du keine Ahnung hast, was du sagen sollst, dann mach etwas Unerwartetes! Überrumple das Publikum!« Und deshalb fuhr Henry auf dem Fuß herum, gab der völlig überraschten Bess eine schallende Ohrfeige, sodass sie nach hinten taumelte und beinahe rücklings zu Boden ging.

»Mach das nie wieder!«, rief Henry und holte erneut aus.

»He, sachte!«, sagte Mr. Pitt und griff ihm in den Arm. »Kein Grund, gleich so rabiat zu werden, Captain Macheath.« Er zögerte einen Augenblick und befahl dann: »Nehmt Eure Missis und schert Euch weg!«

Henry murmelte etwas Unverständliches, starrte zu Boden und zog Bess hinter sich her zum Ausgang. Die beiden Wärter standen immer noch in der Tür und schauten sich verwundert an.

»Sind denn heute alle verrückt geworden?«, fragte einer der beiden.

»Scheint so«, meinte der andere. »Dabei ist nicht mal Vollmond.«

Als sie auf der Straße waren und die schwere Tür hinter ihnen ins Schloss fiel, riss Bess sich los, strich sich über das Kleid, als hätte sie sich beschmutzt, und richtete ihren Hut auf dem Kopf. Dann rannte sie plötzlich westwärts durchs Stadttor hinaus. Henry atmete tief durch, schaute sich um und erkannte, dass von den anderen Gaunern niemand mehr da war. Vermutlich waren sie mit der Kutsche gefahren, die Blueskin hatte besorgen wollen. Henry rannte ebenfalls durchs Tor und sah gerade noch, dass Bess linker Hand in eine schmale Gasse einbog und am alten Gerichtsgebäude von Old Bailey vorbeihastete. Jedenfalls vermutete er, dass es sich um das Old Bailey handelte, weil das Gebäude am selben Ort stand. Rein äußerlich hatte der Gerichtshof allerdings nichts mit dem heutigen Gebäude gemein und erinnerte eher an eine Markthalle mit umzäuntem Vorplatz. Henry hatte Mühe, Bess zu folgen, denn seine nackten Füße taten ihm weh, und ihn plagte heftiges Seitenstechen. Von dem Dröhnen in seinem Kopf ganz zu schweigen. Erst kurz vor Ludgate Hill erreichte er sie, als sie unter einem schmalen Torbogen zwischen zwei Häusern innehielt und auf ihn zu warten schien.

Henry näherte sich ihr langsam und hob entschuldigend die Hände. »Tut mir leid, dass ich dich geschlagen habe«, sagte er und schnaufte atemlos. »Aber mir blieb nichts anderes übrig. Ich wusste nicht, was ich sonst tun sollte.«

Bess sah ihn lange und eindringlich an. Ihr Kiefer mahlte unruhig, ihr Busen hob und senkte sich bei jedem Atemzug. Dann nickte sie schließlich, streckte wie zur Versöhnung die Hand nach ihm aus und rammte ihm, als er sich ihr näherte, das Knie mit voller Macht zwischen die Beine.

Henry ging wie ein gefällter Baum zu Boden. Während er röchelnd und sich windend im Dreck lag, sich den Unterleib hielt und nach Luft schnappte, kam Bess seinem Gesicht ganz nahe und sagte ruhig und ohne jede erkennbare Regung: »Mach das nie wieder!«

Henry rappelte sich unter Schmerzen auf, hielt sich nur mühsam auf den Beinen und meinte: »Ein einfaches ›Dankeschön‹ hätte es auch getan.«

Bess lachte abfällig und schüttelte den Kopf. »Jetzt jammer nicht rum, Macheath! Die Wärter werden den Braten bald riechen, und dann gibt’s hier ringsum einen Heidenaufstand.«

»Okay«, murmelte Henry.

»Was?« Bess sah ihn verständnislos an.

»Ay, in Ordnung«, verbesserte sich Henry.

Bess nickte und sagte: »Wir sollten schleunigst verschwinden.«

»Wohin?«

»Zum Black Lion Inn. Die anderen warten vermutlich längst da.«

»Und wo ist das?«

»Das weißt du nicht?!« Bess sah ihn entgeistert an und fuhr sich mit der Zunge über die Schneidezähne, als wollte sie Essensreste entfernen. »In der Drury Lane. Die wirst du hoffentlich kennen.«

»Und ob!«, sagte Henry und unterdrückte ein Grinsen. »Die kenn ich.«

»Wir gehen lieber getrennt«, meinte Bess mit finsterem Blick und deutete zum Ludgate Hill. »Nach unserem Auftritt im Newgate sollten wir nicht zusammen gesehen werden. Warte, bis ich außer Sichtweite bin!«

Sie wandte sich ab, doch Henry hielt sie am Ärmel fest und sagte: »Eine Frage noch! Wie ist Jack eigentlich rausgekommen?«

»In Frauenkleidern«, antwortete Bess knapp. »Hast du doch gesehen.«

»Nein, ich meine, wie ist er aus der Zelle gekommen?«

»Mit ’ner Feile und viel Glück«, sagte sie und lachte plötzlich wie über einen Witz. »Bis vor einer Woche saß Jack mit ’nem armen Teufel in der Zelle, der wie er auf die Hinrichtung wartete. Dieser Mann hat die eisernen Spitzen in dem Sichtfenster zwischen Todeszelle und Besucherraum mit einer Feile bearbeitet. Da man nur bei Besuch die Hand- und Fußfesseln gelöst bekommt, hat er Wochen dafür gebraucht. Dummerweise wurde er am Galgen aufgeknüpft, bevor er fertig war und selbst die Biege machen konnte. Und als er nach Tyburn gebracht wurde, hat er Jack seine Feile dagelassen. Der Rest war ein Kinderspiel, jedenfalls für einen schmächtigen Mann wie Jack.« Sie überlegte und setzte dann hinzu: »Das mit den Frauenkleidern war übrigens meine Idee.«

»Respekt«, sagte Henry.

»Respekt?«, wunderte sich Bess, zuckte mit den Schultern und hastete davon, ohne sich noch einmal umzuschauen. Sie bog rechts in die Fleet Street ein und verschwand im Getümmel.

4

Wann war Henry das letzte Mal in der Fleet Street gewesen? Das musste Jahre her gewesen sein. Als seine Schwester Zoe noch als Anwältin gearbeitet hatte– also vor ihrer bedauernswerten Heirat mit dem stinkreichen James–, hatte sie sich mit drei weiteren Anwälten eine kleine Kanzlei in den südlich der Straße gelegenen Inns of Courts geteilt. Damals hatte sich Henry manchmal mit Zoe auf ein Feierabendbier im Ye Olde Cheshire Cheese getroffen, einem düsteren und höchst eigenwilligen Pub nördlich der Fleet Street, der von sich behauptete, einer der ältesten in der City zu sein. Nur wenige Touristen, dafür allerlei Anwälte flanierten heute noch die einst ruhmreiche Fleet Street entlang, zumeist auf dem Weg zu The Temple, den labyrinthartig angeordneten Gebäuden der altehrwürdigen Anwaltskammern. Im Mittelalter hatte dieses Gelände zwischen Fleet Street und Themse den Tempelrittern gehört– daher auch der Name–, und noch heute wirkte der Temple wie eine geheimnisvolle Stadt in der Stadt. Die angrenzende Fleet Street selbst hatte wenig Vergleichbares zu bieten, den einstigen Ruf als Presse- und Zeitungsmeile hatte die Straße bereits vor Jahrzehnten eingebüßt. Keine renommierte Zeitung wurde hier noch gedruckt, kein namhaftes Verlagshaus hatte seinen Sitz in der Straße. Die Fleet Street war nichts weiter als eine laute Durchgangsstraße mit hässlichen Bürogebäuden, ein paar alten Kirchen und einigen wenigen Hausfassaden aus der Tudorzeit.

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