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Reinhard Gehlen hat in der Öffentlichkeit stets bestritten, dass die von ihm geleitete Organisation politische Inlandsspionage betreibe. Tatsächlich gehörte dies jedoch zu ihren zentralen Tätigkeitsfeldern, wie in diesem Buch auf der Grundlage bislang geheimer Akten nachgewiesen wird. Ins Visier des BND-Vorläuferapparates gerieten dabei Institutionen, Personen und Milieus, die nicht in das konservativ-autoritäre Weltbild Gehlens und seiner Mitarbeiter passten oder dem Kurs von Bundeskanzler Adenauer kritisch gegenüberstanden. Sie wurden ausgeforscht und bekämpft – bis hin zum Rufmord. Dreh- und Angelpunkt dieser geheimen Dienste für Bonn war das symbiotische Verhältnis zwischen Gehlen, der 1956 zum BND-Präsidenten aufstieg, und Hans Globke, dem starken Mann im Bundeskanzleramt.
Klaus-Dietmar Henke gibt einen umfassenden Einblick in die illegalen Machenschaften der Organisation Gehlen. Dabei zeigt sich, dass deren kämpferischer Antikommunismus lediglich als Fassade für einen obrigkeitsstaatlichen Antiliberalismus diente, der sich gegen die allmähliche Demokratisierung der jungen Bundesrepublik stellte.
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Seitenzahl: 1585
Veröffentlichungsjahr: 2018
Veröffentlichungen der UnabhängigenHistorikerkommission zurErforschung der Geschichte desBundesnachrichtendienstes1945–1968
Herausgegeben von Jost Dülffer,Klaus-Dietmar Henke, WolfgangKrieger und Rolf-Dieter Müller
Klaus-Dietmar Henke
Die politische Inlandsspionageder Organisation Gehlen 1946 – 1953
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.
1. Auflage als E-Book, Oktober 2018
entspricht der 1. Druckauflage vom Oktober 2018
© Christoph Links Verlag GmbH
Schönhauser Allee 36, 10435 Berlin, Tel.: (030) 44 02 32-0
www.christoph-links-verlag.de; [email protected]
Reihenlayout: Stephanie Raubach, Berlin
Lektorat: Dr. Daniel Bussenius, Berlin
eISBN 978-3-86284-435-7
Vorbemerkung
Einleitung
I.»Dr. Schneiders« Erzählungen und das amerikanische Kalkül
II.Erste Schritte im Innern
1.Frühe »Spionageabwehr«
»Zipper« und CIC
Ein Maximalprogramm
»Most reactionary and nationalistic Germans«
2.Subversionsphobie
Das internationale Umfeld, die Besatzungsmacht und »Rusty«
Gegen die »Dissidenz«
Erich Kästner und Fritz Fischer – Hans Heinz Holz, Walter Maria Guggenheimer, Harry Schulze-Wilde, Erich Wollenberg, André Gide, Joseph Rovan – Werner Friedmann – Eugen Kogon
III.Fuß fassen in Bayern
1.Kontaktoffensive
Spitzenkontakte
Ministerpräsident Hans Ehard, Kultusminister Alois Hundhammer – Augustin Rösch (S. J.), Prinz Albrecht von Bayern, Martin Riedmayr – Bayerisches Staatsministerium des Innern: Minister Willi Ankermüller, Staatssekretär Josef Schwalber, Ministerialdirektor Hans Ritter von Lex
Polizei-Liaison
2.Kommunistisch unterwanderte Polizei?
Amerikanische Analyse
Pullacher Daueralarm
3.Dominanz beim Verfassungsschutz
Nachrichtendienstliche Infiltration als Demokratiesicherung
Blaupause einer freundlichen Übernahme
IV.Nach Bonn!
1.Fehlstart 1949
Bemühung um Adenauer, Zukunftsüberlegungen
Kontaktverbot und kritische Zwischenbilanz der CIA
2.Fehlgriff auf das Bundesamt für Verfassungsschutz
Der Traum von nachrichtendienstlicher Allzuständigkeit und der britische Widerstand
Alliierte Verhandlungen und Pullacher Interessen
Um die Präsidentschaft
Die Iden des März 1950 und der Absturz
3.Annäherung an das Bundeskanzleramt
Hans Globke
Durchbruch zum Kanzler
4.CIA-Problem Gehlen: Halten oder entlassen?
Bestandsaufnahme nach einem Jahr: »Institutional ›Kampf um’s Dasein‹«, »RSHA footsteps«
Führungsversagen: »Extended absences«, »Repulsive Performance«
Scherbengericht in Washington: »Disregard of our complicated interests«, »Mischievous record of deception«
V.Instrumente der politischen Inlandsspionage
1.»Sonderverbindungen«
2.»Spionageabwehr«
3.»Strategischer Dienst«
VI.Gegnerbekämpfung: Verdächtigung, Verleumdung, Rufmord
1.Der Kampf gegen den Sicherheitsberater des Bundeskanzlers – Gerhard Graf von Schwerin: »Kleiner Mann«
Das »Problem Schwerin«
Abschießen und zerstören
Vergebliche Warnungen
2.1Der Kampf gegen den Leiter des »Bundesnachrichtendienstes« – Friedrich Wilhelm Heinz: »Deadly Rival«
Kooperation oder Konkurrenz?
Ein Gegner von Statur – Der FWH-Dienst: klein, aber fein
Der Kampf beginnt
Munitionsbeschaffung – Ausweitung der Kampfzone
Sperrfeuer
Blößen, Konfidenten, Memoranden: »Einfangen oder abschießen« – Verlagerung auf die Regierungsebene – Im politischen Abseits
2.2Virtuosen der Intrige: Das Anti-Heinz-Kartell
Der Fall Eland
Ein nützlicher Rechtsanwalt – Das Zweckbündnis Globke–Gehlen–John
Endkampf mit allen Mitteln
Ein General wird in Stellung gebracht – Theodor Blank in Washington und Adenauers Ultimatum
3.Der Kampf gegen den Präsidenten des Bundesamts für Verfassungsschutz – Otto John: »Feind«
Pullachs Machtanspruch und Einflussnahme
Brandmarkung eines Unbequemen
»Bent to destruction«: Ressentiments, Unterstellungen, üble Nachrede, Verleumdung
VII.Verbindungen, Verbündete, Verdächtige
1.Behörden: Polizei, Innenverwaltung, »Vetting Service«
2.Medien: Diskreditierung, Kritikabwehr, Einflussnahme
Pressesachen – Chefsachen
Hauptfeind NWDR
Sefton Delmer und andere Unbequeme
»Immer maßlos anständig«: Die Org und Der Spiegel
Annäherung – Entfaltung
3.Die Abendland-Bewegung und die Anfänge des Instituts für Zeitgeschichte
Politischer Katholizismus und Gehlens Kalkül
Gleichklänge – Annäherung von Org und IfZ – Dr. Krolls Panorama und Wolfgang Langkaus Mission
Ein Forschungsinstitut als Operationsbasis
Die Staffelsteiner – Stellungswechsel – ein militanter Fürst – Ein General als Historiker: Hermann Foertsch
4.»Neutralisten« und Pazifisten
»Ohne mich«, »Nauheimer Kreis«
Martin Niemöller und Gustav Heinemann
Volksstimmung, »Gesamtdeutsche Volkspartei«, »Bund der Deutschen«
5.Arbeitnehmer und Arbeitgeber
Gewerkschaften
Der frühe DGB – DGB-Krise 1952 – Der DGB im Wahljahr: Ein »IM« informiert
Arbeitgeber
Erste Kontakte – Dominanz beim Betriebsschutz – Fachverbände, Firmen, Ostausschuss
VIII.Die Beobachtung von FDP und SPD
1.Unsichere Kantonisten: Freie Demokraten
Zwei Topinformanten
Die FDP-Naumann-Affäre
»The whole story?« – Friedrich Middelhauve und ein Fauxpas von »Justus«, Bundesminister der Justiz
2.Die »klare Gefahr«: Sozialdemokraten
Annäherung und Aufklärung
»Watchdog« des Kanzlers – Politikanalyse – »Unlösbares Rätsel«: Herbert Wehner
Nach Schumacher
Verstärkte Gegnerbeobachtung – Ministerpräsident Zinn (SPD) und die rechtsradikale Guerilla
Bundestagswahlkampf
Zinn, Mende, Strauß, Reuter – Wundenlecken und Nachbereitung
3.Politische Organisationskosmetik
Resümee
Anhang
Quellen und Literatur
Zitierte Archivquellen
Zitierte Memoiren und Quellensammlungen
Zitierte Literatur
Abkürzungen
Personenregister
Dank
Der Autor
Die Unabhängige Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes 1945–1968 (UHK) wurde im Frühjahr 2011 berufen und sechs Jahre mit insgesamt 2,2 Millionen Euro aus Bundesmitteln finanziert. Die Kommission sowie ihre zeitweilig zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, denen zuallererst gedankt sei, hatten im Bundeskanzleramt und im Bundesnachrichtendienst freien Zugang zu allen derzeit noch klassifizierten und bisher bekannt gewordenen Akten des Untersuchungszeitraums. Nach vorbereitenden »Studien« (www.uhk-bnd.de) legt sie ihre Forschungsergebnisse nun in mehreren Monografien vor. Die UHK hatte sich verpflichtet, die Manuskripte durch eine Überprüfung seitens des BND auf heute noch relevante Sicherheitsbelange freigeben zu lassen. Dabei ist sie bei keiner historisch bedeutsamen Information einen unvertretbaren Kompromiss eingegangen.
Das Forschungsprojekt zur Geschichte des BND unterscheidet sich von ähnlichen Vorhaben insofern, als es sich nicht auf die Analyse der personellen Kontinuitäten und Diskontinuitäten zur NS-Zeit beschränkt, sondern eine breit gefächerte Geschichte des geheimen Nachrichtendienstes aus unterschiedlichen Perspektiven bietet. Eine Bedingung der Vereinbarung mit dem BND war es gewesen, dass die UHK den Rahmen und die Schwerpunkte ihrer Forschung selbst festlegt. Gleichwohl waren auf einigen Feldern Einschränkungen hinzunehmen, namentlich bei den Partnerbeziehungen und den Auslandsoperationen des Dienstes.
Die Zusammenarbeit mit dem Bundeskanzleramt, vertreten durch Herrn Ministerialdirigent Hans Vorbeck, war ausgezeichnet. Bei den BND-Präsidenten Ernst Uhrlau, der das Projekt durchsetzte, Gerhard Schindler, der es förderte, und Bruno Kahl, der die Erträge erntet, stieß die Arbeit der Kommission auf wachsendes Verständnis und Entgegenkommen. Der Kommission ist es eine besondere Genugtuung, dass sie den entscheidenden Anstoß dazu geben konnte, dass die Einsichtnahme in historisch wertvolle Unterlagen des deutschen Auslandsnachrichtendienstes für alle Interessierten inzwischen zu einer selbstverständlichen Gewohnheit geworden ist.
Jost Dülffer, Klaus-Dietmar Henke (Sprecher),
Wolfgang Krieger, Rolf-Dieter Müller
Legitime Herrschaft geht oft mit illegitimen und illegalen Praktiken einher. Schon ein flüchtiger Blick in die Geschichte moderner Demokratien zeigt, dass solche Machenschaften ubiquitär, in einem funktionierenden Gemeinwesen jedoch stets davon bedroht sind, ans Licht zu kommen. Manchmal geschieht das, während die Verantwortlichen im Amt sind, häufig erst danach, manchmal allerdings auch nie. Dann versagt selbst die »nachträgliche Machtkontrolle« der Geschichtswissenschaft (Martin Broszat).
Am geringsten ist die Chance für Aufklärung und Kontrolle dort, wo nach den Buchstaben des Gesetzes, nach allgemeiner Überzeugung oder auch nur im Selbstverständnis der Beteiligten nicht hineingeleuchtet werden sollte: bei den Geheimdiensten im Innern der Arcana Imperii. Diese sind dazu angehalten, sich illegitimer und illegaler Methoden zu bedienen, um die gewünschten Informationen zu beschaffen. Uneingeschränkte Handlungsfreiheit genießen sie trotzdem nicht. In Demokratien wie in Diktaturen unterliegen sie den Weisungen ihres Dienstherrn. Freilich lehrt die Erfahrung, dass Geheimdienste immer wieder der Kontrolle entgleiten und die Grenzen überschreiten, die ihnen gezogen sind. Mitunter wird ihnen diese Grenzüberschreitung von oben nahegelegt. Historisch einzigartig dürfte allerdings sein – in der Geschichte ist Vergleichbares jedenfalls nichts bekannt –, dass der Auslandsnachrichtendienst eines demokratischen Rechtsstaates über zwei Jahrzehnte hinweg politische Inlandsspionage betrieb.
Die Rede ist vom Bundesnachrichtendienst (BND) und seinem Vorläufer, der Organisation Gehlen (Org). Deren illegale Machenschaften in der Bundesrepublik fallen ausgerechnet in jene Schlüsseljahre, als eine erfolgreiche Demokratiebegründung »nahezu ausgeschlossen«1 erschien, als schier erdrückende moralische und materielle Hypotheken und eine Vergangenheit überwunden werden mussten, zu deren Signum die Schreckensherrschaft geheimer Dienste gehört hatte. Die innenpolitische Ausforschung durch die 1946 von der U. S. Army ins Leben gerufenen Organisation Gehlen, die zehn Jahre später Bundesbehörde wurde, begann in enger Anlehnung an die Ton angebenden katholisch-konservativen Kräfte parallel zu den ersten demokratischen Gehversuchen in Westdeutschland und setzte sich über das Ende der Ära Adenauer 1963 hinaus bis zum Ausscheiden Reinhard Gehlens 1968 fort. Sie hatte nichts mit dem zeittypischen Streben nach innerer und äußerer Sicherheit2 zu tun und sie erfolgte in einer solchen Breite, dass wir es bei dem Apparat des ehemaligen Chefs der für die Feindlagebeurteilung im Krieg gegen die Sowjetunion zuständigen Generalstabsabteilung »Fremde Heere Ost«3 im Grunde nicht mit einem, sondern mit zwei geheimen Nachrichtendiensten zu tun haben: mit einem regulären des üblichen Aufgabenprofils eines Auslandsnachrichtendienstes und einem irregulären mit innenpolitischer Stoßrichtung.4
Institutionalisierte Illegalität bedarf eines entschlossenen Organisationswillens, der sich kristallisieren, artikulieren und behaupten muss. Dem frühen BND blieb solche Mühewaltung erspart, weil die innenpolitische Informationsbeschaffung zu Freund und Feind erwünscht und angeordnet war. Spiritus Rector der verdeckten innenpolitischen Offensive ist Reinhard Gehlen selbst gewesen,5 welcher der grauen Eminenz an der Seite des Bundeskanzlers, Hans Globke, in einer nachgerade symbiotisch anmutenden Kooperationsbeziehung verbunden war. Diese Ausforschung und Einflussnahme, die von der in Pullach bei München residierenden Führungsgruppe organisiert und mit dem Allzweck-Argument »Spionageabwehr« gerechtfertigt bzw. getarnt wurde, speiste sich zwar auch aus einem ungebrochenen, lediglich seiner rassistischen Komponente entkleideten Antikommunismus, doch die in diesem Buch ausgeleuchteten Machenschaften zielten gar nicht gegen den real existierenden Kommunismus sowjetischer Prägung mit seinen Vorfeldorganisationen und »fünften Kolonnen« im Innern.
Worum es tatsächlich ging, war die illegale Ausforschung der demokratischen Milieus der Bundesrepublik Deutschland, ihrer Parteien, Vereine und Verbände, um die verdeckte »Aufklärung« unbescholtener Bürger, Rivalen und »Feinde«, die manches gewesen sein mögen – nur keine Verfassungsfeinde. Kurz: Gehlens Mitarbeiter, Zuträger, Einflussagenten und V-Leute richteten ihre illegalen Aktivitäten von Anfang an gegen alles, was nicht in ihr Weltbild passte, durchaus auch gegen Menschen, die ihnen aus irgendwelchen, weder justiziablen noch offengelegten Gründen missliebig waren; nicht zuletzt gegen alle, die nicht mit dem politischen Kurs von Bundeskanzler Adenauer einverstanden waren. Gerhard Sälter hat von der Selbstermächtigung des Gehlen-Dienstes gesprochen, sich für »politische Sauberkeit zuständig zu machen«.6
Der jedes reale Maß missachtende, selbstblendende Antikommunismus, der hier am Werke war, ist in Wahrheit das Feigenblatt eines militanten Antiliberalismus gewesen. Unter militärischem Denkhorizont blieben in dem abgeschirmten, bald auf einige Tausend Mann angewachsenen demokratiefernen Männerverbund etatistische und autoritär-konservative Staats- und Gesellschaftsvorstellungen besonders lange virulent. So entschieden die Männer des zehn Jahre lang amerikanisch finanzierten Spionageapparats die West- und Amerikabindung befürworteten und förderten, so fern standen sie dem Demokratisierungsprogramm, das die Vereinigten Staaten in Deutschland zu ihrer Leitidee gemacht hatten, erst recht jeglicher Form von Amerikanisierung und »Westernisierung«.7
In diesem Band, wie in dem Folgeband, soll die erstmals vorgenommene umfassende Bestandsaufnahme zweifelsfrei nachweisbarer Sachverhalte immer auch mit der Beschreibung und Analyse der hier nur angedeuteten Paradoxien, Verschränkungen und Widersprüche, vor allem des in heutiger Perspektive kaum glaublichen, staatlich organisierten und fortgesetzten Verstoßes gegen Recht, Gesetz und menschlichen Anstand einhergehen. Es leidet keinen Zweifel, dass die Kanzlerschaft Konrad Adenauers in schwere See geraten wäre, wenn schon damals die Chance bestanden hätte, hinter die nachrichtendienstlichen Kulissen zu blicken.
Bereits Gehlens Zeitgenossen hegten früh den Verdacht, sein Apparat betreibe als Instrument des Bundeskanzleramts und damit des Regierungschefs selbst innenpolitische »Aufklärung«. Deutsche wie ausländische Medien versuchten Genaueres herauszufinden, kamen immer wieder auf das Thema zurück, doch letztlich nicht über Mutmaßungen hinaus. Nach dem Ausscheiden des ersten BND-Präsidenten und dem Amtsantritt der sozialliberalen Bundesregierung unter Willy Brandt Ende der sechziger Jahre trugen diverse Publikationen immer neue Indizien für die innenpolitischen Machenschaften des Bundesnachrichtendienstes zusammen, besonders spektakulär 1971 die Spiegel-Serie »Pullach intern«, die auch als Buch erschien.8 Darin war bereits von der »unheiligen Allianz zwischen Geheimdienst und Staatspartei« die Rede.9
Parlamentarische Debatten nahmen diesen Verdacht ebenfalls wiederholt auf. Der Guillaume-Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages ging 1974 mit besonderem Nachdruck der Frage nach, in welchem Ausmaß Gehlens Agenten die Bundesrepublik unterwandert und »innenpolitische Aufklärung« betrieben haben könnten. In geheimen Sitzungen wurden dabei eine Reihe ehemaliger BND-Mitarbeiter und Reinhard Gehlen selbst einvernommen, der solche Vorwürfe immer entrüstet bestritt. Der Abschlussbericht von Februar 1975 kam dann zu dem Ergebnis, dem ersten BND-Präsidenten könne nicht nachgewiesen werden, sein Wissen politisch missbraucht zu haben, er habe allerdings »nicht genügend darauf hingewirkt, jede Art von innenpolitischer Aufklärung zu unterbinden«. Es sei für das Ansehen des Dienstes verhängnisvoll, »dass Beschaffer des BND ihre Aufgaben nicht nur in der Auslandsaufklärung für die Bundesrepublik Deutschland, sondern auch in der Vermittlung von Sondererkenntnissen für ihren Präsidenten sahen«.
Das Minderheitsvotum der CDU/CSU-Fraktion stellte fest, dass »ein innenpolitischer Missbrauch des BND durch die Bundesregierung ernsthafter Weise nicht behauptet« werden könne. Es sei aber nicht auszuschließen, dass »in einer so großen Behörde in Einzelfällen auftragswidrige innenpolitische Aufklärung stattgefunden« habe; es sei weltfremd anzunehmen, dass gar keine »Fehler« gemacht worden seien.10 Man sieht, die Parlamentarier waren nicht in der Lage, den Dschungel des Geheimen zu lichten und sich ein annähernd zutreffendes Bild von dem Ausmaß der politischen Inlandsspionage zu machen; zudem verfügten nicht alle Abgeordnete über gleich starken Aufklärungseifer.
Thomas Walde war in seinem Standardwerk über die Nachrichtendienste im Regierungssystem der Bundesrepublik Deutschland schon weiter gewesen. Vier Jahrzehnte vor Öffnung des BND-Archivs für die Forschung schrieb er, Pullach habe, »besonders dazu angehalten vom früheren Kanzler Adenauer und seinem Staatssekretär Globke, zum Zwecke innenpolitischer Ausspähung ein dichtes Beziehungs- und Kontaktnetz von V-Leuten, freien und gelegentlichen Mitarbeitern und Informanten in fast allen Bereichen des politischen, ökonomischen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens in der Bundesrepublik zusammengezogen. Diese missbräuchliche, durch kein Gesetz gedeckte und durch die Organisationsgewalt der Bundesregierung nicht hinreichend legalisierbare Verwendung des BND hat früheren Kanzlern zu intimer Kenntnis innenpolitischer, parteipolitischer und wirtschaftlicher Vorgänge verholfen, gab dem BND aber gleichzeitig Gelegenheit zu eigenem Nutzen zu arbeiten.«11
Auch andere Autorinnen und Autoren haben ohne ausreichenden Aktenzugang auf die Inlandsspionage und die Infiltrationsbestrebungen Pullachs verwiesen, am nachdrücklichsten Peter-Ferdinand Koch,12 Erich Schmidt-Eenboom,13 Stefanie Waske14 und Peter F. Müller/Michael Mueller. Diese sprechen treffend von der »Akribie, ja Manie«, mit welcher die Organisation Gehlen »bemüht war, das gesamte politische und gesellschaftliche Leben im Blick zu behalten und in ihren Akten zu dokumentieren«.15 Unter den rückblickenden Betrachtungen ragen ausgerechnet die Erinnerungen von Heinz Felfe heraus, des sowjetischen Doppelagenten im BND. Wie sich zeigte, kommt seine Schilderung der historischen Wahrheit manchmal recht nahe.16
Die Germanistin Eva Horn stellt in ihrer anregenden, rein literaturwissenschaftlichen Abhandlung fest: »Erst in modernen Demokratien – und nicht in modernen Diktaturen – stellen die arcana imperii einen inhärenten Selbstwiderspruch des politischen Systems genau dadurch da, dass sie – im Dienste des Schutzes und der Abwehr von Feinden und Bedrohungen – eine Grauzone der Rechtlosigkeit und Unkontrollierbarkeit eröffnen, in der verschwiegen, gelogen, bespitzelt, desinformiert, erpresst, schlimmstenfalls getötet werden kann.«17 Das wird ungeachtet aller politischen und gesetzlichen Sicherungen immer der Fall sein können (auch wenn der BND keine Lizenz zum Töten hat). Die Gefahren des Machtmissbrauchs sind angesichts der erreichten technischen Möglichkeiten besonders groß. Die beste Vorkehrung dagegen ist eine in Rechts- und Demokratietreue aufgewachsene, sorgfältig geschulte Mitarbeiterschaft.18 Die Studien der Unabhängigen Historikerkommission geben eine Vorstellung davon, wohin es führt, wenn sich sowohl die Regierungsspitze wie die Spitze des Dienstes ohne Bedenken über die keineswegs schwer zu erkennenden Grenzen des Rechts und des Anstands hinwegsetzen.
Hatte Thomas Walde noch beklagt, »Aufklärung über das Ausmaß der vom BND betriebenen geheim-nachrichtendienstlichen Ausforschung und Unterwanderung der innenpolitischen Szenerie in der Bundesrepublik ist nicht zu erhoffen«,19 so änderte sich das 2011 doch noch, als der deutsche Auslandsnachrichtendienst unter Ernst Uhrlau mit der Öffnung der BND-Archive und der Einsetzung einer Unabhängigen Historikerkommission selbst die Voraussetzung dafür schuf, seine ungeahndet gebliebene Einmischung in die Demokratiewerdung der Bundesrepublik Deutschland wenigstens im Nachhinein offenzulegen. Dass die Erforschung des wahrlich staunenswerten Gehlen-Dienstes überhaupt in Angriff genommen werden konnte, verdankt sich der über Jahrzehnte zu stattlicher Blüte gelangten kritischen Auseinandersetzung mit der jüngeren Geschichte und, natürlich, der wachsenden Argumentationsnot des Bundesnachrichtendienstes, der irgendwann keine überzeugenden Argumente mehr dafür finden konnte, weshalb gerade er sich als einzige verbliebene Behörde von Bedeutung weiterhin der Aufklärung seiner Vergangenheit entziehen können sollte.20 Das umso mehr als der frühe BND schon seit Jahrzehnten als eines der dunkleren Kapitel der Bundesrepublikgeschichte galt.
Obgleich das Augenmerk einer florierenden »Behördenforschung« zumeist auf die personellen NS-Kontinuitäten gerichtet ist (bei der Untersuchung des Auswärtigen Amts,21 der Studie über das Bundeskriminalamt22 oder des Bundesamts für Verfassungsschutz23 etwa), wählte die Unabhängige Historikerkommission, frei von jeglicher Vorgabe, einen anderen Zugriff. Sie strebte eine möglichst umfassende Analyse von Struktur, Funktion und Wirkungsweise des BND während der Amtszeit Reinhard Gehlens an. So ist der vorliegende Band Teil eines Tableaus eng miteinander verwobener Studien. Sie behandeln den Aufbau des westdeutschen Auslandsnachrichtendienstes;24 sein Sozialprofil;25 seine Spionagetätigkeit gegenüber der Sowjetunion, der DDR und in anderen Weltregionen;26 seine Auseinandersetzungen mit dem Staatssicherheitsdienst der DDR;27 seine Beziehungen zu den westlichen Partnerdiensten;28 seine Hauptrolle im Hintergrund der westdeutschen Wiederbewaffnung;29 die Anfänge der elektronischen Aufklärung;30 die Agonie des Dienstes in den sechziger Jahren31 und schließlich die Rekrutierung und das Wirken von hauptamtlichen Mitarbeitern, die aus den Partei-, Spionage- und Terrorapparaten des Dritten Reiches kamen.32
Die Geschichte der Wiederbelebung des Gestapo-Feindbildes der »Roten Kapelle« gab bereits einen Vorgeschmack auf das gesinnungspolizeiliche Unwesen, das sich, von der Leitung befohlen und gefördert, im frühen Gehlen-Dienst entfalten konnte. Da die Mutmaßungen und Behauptungen zur »Verstrickung« Pullachs in die Innenpolitik der Ära Adenauer33 die Öffentlichkeit seit Jahrzehnten beschäftigen, waren die politische Inlandsspionage und die geheimen Dienste des BND für das Bundeskanzleramt, war die illegale geheimdienstliche »Aufklärung« einer gründlichen zeitgeschichtlichen Aufklärung zu unterziehen.
Eingebettet in die Geschichte der frühen Bundesrepublik handeln die vorliegende Untersuchung und der Folgeband von der Ungeheuerlichkeit illegaler Ausforschung, Unterwanderung, Irreführung, Gesinnungsschnüffelei, Verleumdung und Einflussnahme in der Hochzeit des Kalten Krieges. Sie suchen Antworten auf die Frage, wie es zu der politischen Inlandsspionage des Gehlen-Dienstes kommen konnte, wie sie motiviert und organisiert war, welche Formen sie annahm und welche Ergebnisse sie zeitigte, wer sie anordnete, förderte und deckte, wem sie zugutekam und wem sie schadete, wie sich diese Aktivitäten des BND in der formativen Phase der zweiten deutschen Demokratie auswirkten und welche historische Bedeutung ihnen beizumessen ist. Mancher sieht in der frühen Bundesrepublik sogar eine Art Koalition klerikalkonservativer Führungskräfte und NS-Funktionseliten am Werk.34
Es war nicht einfach, zu den Ergebnissen zu gelangen, die in diesem und dem nachfolgenden Band niedergelegt sind. Die Welt der geheimen Dienste und der Niederschlag, den sie in ihrem oftmals apokryphen Schriftgut gefunden hat, ist ein fremder Kontinent, der Schritt für Schritt erkundet sein will. Aus einer zügigen Publikation wurde jedenfalls nichts. Bei der Analyse der Motive und Methoden der politischen Inlandsspionage und Einflussnahme, die aus dem verschlossensten Bereich des demokratischen Staates heraus erfolgten, war mit den vertrauten Routinen des Historikers nicht allzu weit zu kommen, vielmehr waren neue Lese- und Deutungsfähigkeiten zu entwickeln, um dem Gegenstand einigermaßen gerecht zu werden. Die Eigenheiten des dunklen Kontinents BND zeigen sich dem Leser umso klarer, je deutlicher sie zur Anschauung gebracht werden. Sie wollen analysiert und ad oculos demonstriert sein. Es war daher von Anfang an meine Absicht, nach Bekanntschaft mit dem Erbe des Staatssicherheitsdienstes der DDR, nun auch die innenpolitischen Machenschaften des BND und die dort anzutreffenden Weltbilder und Mentalitäten, den Esprit de Corps, der sich in scheinbar nebensächlichen Bemerkungen, in eingefahrenen Denkfiguren oder Argumentationsmustern zu erkennen gibt, minutiös und in größtmöglicher Deutlichkeit – und das heißt: breit – zu vergegenwärtigen. Denn wann wird jemand jemals wieder Gelegenheit dazu haben? Wird sich der geheime Nachrichtendienst eines demokratischen Staates je wieder einer derart gründlichen Durchleuchtung unterziehen? Wohl kaum.
Der vorliegende Band behandelt den Zeitraum von der Etablierung der Organisation Gehlen unter amerikanischer Ägide in der unmittelbaren Nachkriegszeit bis zum Ende der ersten Legislaturperiode des Deutschen Bundestages. Bekanntlich markieren die zweiten Bundestagswahlen im Herbst 1953 einen tiefen Einschnitt in der Geschichte der zweiten deutschen Demokratie. Die Wähler bescherten den Unionsparteien und dem Bundeskanzler persönlich eine nicht für möglich gehaltene, in der Geschichte der deutschen Demokratie zuvor nicht gekannte Dominanz. Jetzt begann die eigentliche »Ära Adenauer«. Das überraschende Wählervotum brachte für das konservative Lager und die junge Demokratie das »Ende der Unsicherheit«.35 Auch die Organisation Gehlen hatte erst jetzt sicheren Boden unter den Füßen, denn der Bundeskanzler würde seine seit langem gegebene Zusage zweifellos umsetzen und den Pullacher Apparat in den Bundesdienst übernehmen. Neben den Vereinigten Staaten hatten Großbritannien und Frankreich inzwischen ebenfalls ihr Einverständnis signalisiert. In Washington war der freundlich gesinnte Allen W. Dulles an die Spitze der Central Intelligence Ageny (CIA) getreten. Nach dem Volksaufstand am 17. Juni 1953 mochte sich niemand mehr gegen eine vertiefte geheimdienstliche Befassung mit dem SED-Staat aussprechen. Hans Globke, der eigentliche Dienstherr des BND, stieg zum Staatssekretär des Bundeskanzleramts auf.
Man würde annehmen, dass die während der ersten Legislaturperiode erreichte Breite und Tiefe der politischen Inlandsspionage nach der fulminanten Bestätigung der bürgerlich-konservativen Regierung und dem Vertrauensbeweis für den Kanzler getrost hätte abgebaut werden können. Das Gegenteil war der Fall: In freiem Belieben, fern jeder Gesetzlichkeit und demokratischer Verfahren weiteten Gehlen und Globke die nachrichtendienstliche Durchdringung des Landes höchstpersönlich nun noch aus. Sie wurde noch breiter und hemmungsloser. Diese Aufgipfelung des Illegalen und Illegitimen auf dem Höhepunkt der Ära Adenauer ist Gegenstand des Folgebandes.
Die innenpolitische Indienstnahme des Auslandsnachrichtendienstes in einer veränderten politischen Landschaft, in der die nach 1949 virulenten neonationalsozialistischen Bestrebungen und neonationalistischen Strömungen nicht mehr recht gediehen, führte zu einer allmählichen Lockerung der keineswegs über alle Zweifel erhabenen Verbindungen des Dienstes in diese rechtsnationalen und rechtsradikalen Milieus hinein. Die Zukunft der Republik lag zu offensichtlich nicht in einer Wiederbelebung des Vergangenen. In einer Gesellschaft mit weiterhin starken antidemokratischen Potentialen blieb die weltanschaulich relativ homogene Org mit ihren verdeckten Einflussmöglichkeiten zwar weiterhin ein Akteur autoritär-antiliberaler Prägung, doch zeigte der überwältigende Wahlsieg der demokratischen Parteien auch hier Wirkung. Da sich in der Bevölkerung nach und nach eine »passive Akzeptanz der parlamentarischen Demokratie«36 herauszubilden begann, konnte sich der frühe BND den allmählich einsetzenden Wandlungsprozessen ebenfalls nicht gänzlich entziehen. Vollständig den geheimen Diensten für das Kanzleramt ergeben, passte man sich jetzt wenigstens nach außen hin den demokratischen Trends an und achtete darauf, alles zu vermeiden, was den Dienst in den Augen der Öffentlichkeit als ein rückwärtsgewandtes Residuum und Fremdkörper in einem sich allmählich stabilisierenden Staat erscheinen lassen konnte.
Die Ausweitung und Intensivierung der politischen Inlandsspionage nach den »Adenauer-Wahlen« 1953 profitierte von der Tatsache, dass sich die im Grundgesetz niedergelegten Grundrechte des Bürgers in der bundesdeutschen Behördenpraxis und im allgemeinen Rechtsverständnis gegenüber den dominanten Staatsschutz-Bestrebungen nur langsam durchsetzen konnten.37 So gesehen, bewegte sich der Bundesnachrichtendienst nach wie vor in einem Umfeld, in dem er weiterhin auf Verständnis rechnen durfte. Er ging bei seinen Inlandsoperationen freilich weit über alles hinaus, was selbst vor diesem Horizont gerade noch als tolerabel hätte gelten können. Da der Zweck der Bekämpfung von vermeintlichen oder tatsächlichen Gegnern, Oppositionellen, Andersdenkenden, Missliebigen und Konkurrenten nicht jedes Mittel heiligt, beschädigte der BND des Reinhard Gehlen sich in irreparabler Weise selbst. In den sechziger Jahren stürzte er personell, organisatorisch und moralisch in eine Krise, die ihn fast zerstörte. Nicht nur die Bundesrepublik mit ihren einschneidenden politischen und gesellschaftlichen Veränderungen der Nach-Adenauer-Zeit, auch der westdeutsche Auslandsnachrichtendienst schlug Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre ein neues Kapitel auf. Die Tilgung des Gehlen’schen Erbes wurde zur Voraussetzung seines Überlebens.
1Ulrich Herbert: Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, München 2014, S. 16.
2Vgl. Eckart Conze: Die Suche nach Sicherheit. Eine Geschichte der Bundesrepublik Deutschland von 1949 bis in die Gegenwart, München 2009.
3Siehe Magnus Pahl: Fremde Heere Ost. Hitlers militärische Feindaufklärung, Berlin 2012.
4Thomas Wolf hat jüngst herausgearbeitet, dass die Vorläufer-Organisation des BND für Bundeskanzler Konrad Adenauer drei politische Kernfunktionen hatte: In ihrem praktischen nachrichtendienstlichen Wert nur von untergeordneter Bedeutung, diente sie ihm (wie im Folgenden beschrieben) erstens als innenpolitisches Machtinstrument. Zweitens ließ er sie beim Aufbau und Ausbau der Sicherheitsstrukturen der jungen Bundesrepublik verdeckt agieren, namentlich im Rahmen der Wiederbewaffnung. Drittens betrachtete der Kanzler den Auslandsnachrichtendienst als eine »Insignie der außenpolitischen Souveränität« und benutzte ihn, um die Stellung Westdeutschlands gegenüber den Westalliierten zu stärken. Siehe Thomas Wolf: Die Entstehung des BND. Aufbau, Finanzierung, Kontrolle, Berlin 2018, S. 513; das Zitat ebd.
5Umfassend nun Rolf-Dieter Müller: Reinhard Gehlen. Geheimdienstchef im Hintergrund der Bonner Republik. Die Biografie, Berlin 2017.
6Gerhard Sälter: Phantome des Kalten Krieges. Die Organisation Gehlen und die Wiederbelebung des Gestapo-Feindbildes »Rote Kapelle«, Berlin 2016, S. 61.
7Siehe Anselm Doering-Manteuffel: Wie westlich sind die Deutschen? Amerikanisierung und Westernisierung im 20. Jahrhundert, Göttingen 1999.
8Hermann Zolling, Heinz Höhne: Pullach intern. General Gehlen und die Geschichte des Bundesnachrichtendienstes, Hamburg 1971; darin namentlich die Kapitel »Jagd auf den Staatsfeind«, »Sieg im Kanzleramt« (S. 173–205) und »Eine Achse zerbricht« (S. 219–236). Siehe dazu Jost Dülffer: Pullach intern. Innenpolitischer Umbruch, Geschichtspolitik des BND und »Der Spiegel«, 1969–1972, Marburg 2015.
9Zolling/Höhne, Pullach intern, S. 184.
10Deutscher Bundestag, 7. Wahlperiode, Drucksache 7/3246, 19. 2. 1975: »Bericht und Antrag des 2. Untersuchungsausschusses«, S. 55, 87, 89.
11Thomas Walde: ND-Report. Die Rolle der Geheimen Nachrichtendienste im Regierungssystem der Bundesrepublik Deutschland, München 1971, S. 102.
12Peter-Ferdinand Koch: Enttarnt. Doppelagenten: Namen, Fakten, Beweise, Salzburg 2011.
13Erich Schmidt-Eenboom: Geheimdienst, Politik und Medien. Meinungsmache Undercover, Berlin 2004, sowie Erich Schmidt-Eenboom: Gustav Heinemann im Visier der Organisation Gehlen, in: Das Blättchen. Zeitschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft 19 (2016) 19, S. 38–41.
14Stefanie Waske: Mehr Liaison als Kontrolle. Die Kontrolle des BND durch Parlament und Regierung 1955–1978, Wiesbaden 2009; Stefanie Waske: »Nach Lektüre vernichten!« Der geheime Nachrichtendienst von CDU und CSU im Kalten Krieg, München 2013.
15Peter F. Müller/Michael Mueller mit Erich Schmidt-Eenboom: Gegen Freund und Feind. Der BND: Geheime Politik und schmutzige Geschäfte, Reinbek 2002, S. 165.
16Heinz Felfe: Im Dienst des Gegners. 10 Jahre Moskaus Mann im BND, Hamburg 1986, S. 256–274.
17Eva Horn: Der geheime Krieg. Verrat, Spionage und moderne Fiktion, Frankfurt/Main 2007, S. 507.
18Siehe Klaus-Dietmar Henke: Zur innenpolitischen Rolle des Auslandsnachrichtendienstes in der Ära Adenauer, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 18–19/2014, S. 32–36, hier S. 36.
19Walde, ND-Report, S. 191.
20Siehe etwa Christian Mentel, Niels Weise: Die zentralen deutschen Behörden und der Nationalsozialismus. Stand und Perspektiven der Forschung, München/Potsdam 2016, sowie zuletzt Stefan Creuzberger, Dominik Geppert (Hrsg.): Die Ämter und ihre Vergangenheit. Ministerien und Behörden im geteilten Deutschland 1949–1972, Paderborn 2018.
21Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes, Moshe Zimmermann: Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik, München 2010.
22Imanuel Baumann, Herbert Reinke, Andrej Stephan, Patrick Wagner: Schatten der Vergangenheit. Das BKA und seine Gründergeneration in der frühen Bundesrepublik, Köln 2011.
23Constantin Goschler, Michael Wala: »Keine neue Gestapo«. Das Bundesamt für Verfassungsschutz und die NS-Vergangenheit, Reinbek 2015.
24Thomas Wolf: Die Entstehung des BND. Aufbau, Finanzierung, Kontrolle, Berlin 2018.
25Christoph Rass: Das Sozialprofil des Bundesnachrichtendienstes. Von den Anfängen bis 1968, Berlin 2016.
26Dies der Projektteil von Wolfgang Krieger.
27Ronny Heidenreich, Daniela Münkel, Elke Stadelmann-Wenz: Geheimdienstkrieg in Deutschland. Die Konfrontation von DDR-Staatssicherheit und Organisation Gehlen 1953, Berlin 2016.
28Dies ebenfalls ein Projektteil von Wolfgang Krieger.
29Agilolf Keßelring: Die Organisation Gehlen und die Neuformierung des Militärs in der Bundesrepublik, Berlin 2017.
30Armin Müller: Wellenkrieg. Agentenfunk und Funkaufklärung des Bundesnachrichtendienstes 1945–1968, Berlin 2017.
31Jost Dülffer: Geheimdienst in der Krise. Der BND in den 1960er-Jahren, Berlin 2018.
32Dies ein Projektteil von Gerhard Sälter.
33Ein aktengestützter Einblick bereits bei Bodo Hechelhammer: Die »Dossiers«. Reinhard Gehlens geheime Sonderkartei, in: Die Geschichte der Organisation Gehlen und des BND 1945–1968: Umrisse und Einblicke. Dokumentation der Tagung am 2. Dezember 2013, hrsg. von der Unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes 1945–1968, Berlin 2014, S. 81–90.
34So etwa Lutz Hachmeister: Die Rolle des SD-Personals in der Nachkriegszeit, in: Michael Wildt (Hrsg.): Nachrichtendienst, politische Elite und Mordeinheit. Der Sicherheitsdienst des Reichsführers-SS, Hamburg 2003, S. 347–369, hier S. 368.
35Hans-Peter Schwarz: Die Ära Adenauer, Band 1: Gründerjahre der Republik 1949–1957, Stuttgart 1981, S. 187.
36Axel Schildt: Moderne Zeiten. Freizeit, Massenmedien und Zeitgeist in der Bundesrepublik der 50er Jahre, Hamburg 1999, S. 322.
37Vgl. Jan Hecker: Allgemeine Verfassungsfragen der Nachrichtendienste, in: Jan-Hendrik Dietrich, Sven-R. Eiffler (Hrsg.): Handbuch des Rechts der Nachrichtendienste, Stuttgart 2017, S. 233 f.
Kam Reinhard Gehlen alias »Dr. Schneider« auf sich und seinen Nachrichtendienst zu sprechen, spielte Wahrheit nur eine untergeordnete Rolle. Das ging weit über die erwartbare Beweglichkeit eines Geheimdienstchefs hinaus und war mit dem Selbstverständnis eines Generalstabsoffiziers oder den Pflichten eines Staatsdieners schwerlich vereinbar. Dieses Talent erwies sich allerdings als eine nützliche Eigenschaft, um im Dienste der ersten deutschen Demokratie, des NS-Staates, der amerikanischen Besatzungsmacht und der Bundesrepublik Deutschland gleichermaßen zu reüssieren.
Die Fähigkeit Gehlens, Potemkin’sche Fassaden aufzuziehen und frei heraus zu lügen, kam dem Nachrichtendienst von Beginn an zugute. Der mit erheblichem Aufwand in die Medien lancierte, von der Feindpropaganda der DDR befeuerte und von einer ihrer nationaler Helden beraubten Nachkriegsgesellschaft gern angenommene Nimbus eines deutschen Jahrhundertspions haftete dem »Doktor« bis in die sechziger Jahre hinein an. Dieser Nimbus strahlte kräftig auf den 1956 aus der Organisation Gehlen hervorgegangenen Bundesnachrichtendienst ab und verlor sich nach dem Ausscheiden seines ersten Präsidenten 1968 nur langsam. Die Gloriole des Gründungspräsidenten leuchtet bereits in der Gründungslegende des 1946 ins Leben getretenen Dienstes auf. Reinhard Gehlen, als Chef der Abteilung Fremde Heere Ost (FHO) im Oberkommando des Heeres bis vier Wochen vor dem Zusammenbruch an Hitlers Seite, setzte sie nach seinem Übertritt in die Dienste des amerikanischen Kriegsgegners gezielt in die Welt und hielt über seine Pensionierung hinaus an ihr fest. In den Lebenserinnerungen Gehlens ist die Gründungslegende des BND auf das Schönste ausgeformt.1
Wie die meisten nahm Reinhard Gehlen an, die Koalition von USA und UdSSR werde irgendwann zerbrechen, die Verteidigung Europas gegen einen weltrevolutionären Kommunismus ohne Deutschland dann aber unmöglich sein. Deshalb habe er beschlossen, die Spezialisten und die Unterlagen der militärischen Ostaufklärung noch vor der Kapitulation des Deutschen Reiches in Sicherheit zu bringen, um sie »einer späteren deutschen Regierung« zur Verfügung zu stellen. Das war ebenso eine retrospektive Fiktion wie der angebliche Plan, diese Morgengabe den Amerikanern zu überreichen. Die Reste der Abteilung Fremde Heere Ost konnten im Frühjahr 1945 gar nicht absehen, vom wem sie in der imaginären »Alpenfestung« aufgegriffen würden. Sie hätten dort genauso gut in französische Kriegsgefangenschaft geraten können.2
Da Reinhard Gehlen und seine Kameraden Überläufer wie Tausende andere waren, laborierte »Utility« an diesem Makel besonders heftig – ein sogenannter Ehrenpunkt eben. Für ihn sei es niemals in Frage gekommen, so der Generalmajor a. D., sich mit dem Feind von gestern zu sehr gemein zu machen: Der künftige Dienst durfte »nicht von vornherein mit dem psychologischen Quisling-Makel« behaftet sein, schreibt er. Genau das war natürlich der Fall, deshalb ja die intensiven Bemühungen, ihn abzustreifen. Die Gehlen-Gruppe hatte im April 1945, als auf allen Etagen des zerfallenden Staates ein wüstes Rette-sich-wer-kann herrschte, nur das gemacht, was viele geschlagene Offiziere und Soldaten ebenfalls vorhatten oder taten, nämlich sich so weit wie möglich von der Roten Armee abzusetzen und sich so weit südlich wie möglich in Sicherheit zu bringen; am besten in Bayern.3 Da der FHO-Chef und seine Leute sich jedoch sofort in den Dienst des Feindes gestellt hatten, musste das im Nachhinein möglichst heroisch verbrämt werden. Die Flucht von Schreibtischoffizieren galt in den ersten Nachkriegsjahren als nicht eben rühmlich, im soldatischen Milieu zumeist als unwürdig oder feige – zumal wenn sie ihre Schäfchen sogleich beim Gegner von gestern ins Trockene brachten. Erst spätere Generationen vermochten darin überlebensklugen Opportunismus zu sehen. Der »Übertritt auf die amerikanische Seite« sei »eine so ungewöhnliche Handlung« gewesen, liest man in einem internen Papier der Org aus dem Jahr 1946, »dass sie jedem Außenstehenden – und besonders jedem außenstehenden Soldaten – unverständlich« habe sein müssen.4 Die CIA sprach noch 1950 von einem »Geruch des Söldnertums«5, welcher der Org für manch einen anhafte. Entsprechend aufwändig waren von Anfang an die Bemühungen, Vorbehalte gegen die Arbeit für »den Ami« zu zerstreuen.6
Beim Frontwechsel seiner Gruppe sei es nicht um das eigene Überleben, sondern um höhere Zwecke gegangen, spinnt Gehlen die Gründungslegende des BND fort. Man habe weitsichtig gedacht, kühn gehandelt und damit durchschlagenden Erfolg gehabt. Bei seiner Rückkehr nach elfmonatigem Gewahrsam in den USA im Sommer 1946 habe ihn nämlich der Chef des Geheimdienstes der U. S. Army in Europa, General Edwin L. Sibert, aufgesucht, der ganz auf seiner politischen Linie gelegen habe: Angesichts der kommunistischen Bedrohung säßen nicht nur Amerikaner und Deutsche, sondern alle Europäer in einem Boot und müssten an eine gemeinsame Verteidigung denken. Die von Gehlen zu einem denkwürdigen historischen Treffen stilisierte Unterredung zwischen ihm und Sibert habe dann genau das Ergebnis gezeitigt, das er mit der amerikanischen Seite bereits während seiner kurzen Gefangenschaft wiederholt durchberaten habe – jenes »Gentlemen’s Agreement« nämlich, das mit den Jahren den Rang einer Art Magna Charta des Gründungsmoments gewann.7
Noch ein Vierteljahrhundert später lobte der pensionierte BND-Präsident Sibert. Mit diesem kühnen Schritt habe sein weitblickender Gesprächspartner, dem er »heute noch die allerhöchste Hochachtung« zolle, so kurz nach der Niederwerfung des Dritten Reiches ein erhebliches Wagnis auf sich genommen, macht Gehlen seinen Lesern weis und zugleich plausibel, dass eine derart brisante Vereinbarung unter Generälen gewissermaßen natürlich nur mündlich, »aus vielerlei Gründen nicht schriftlich« habe erfolgen können. Kurz: Im Anfang waren zwei entschlossene, den Zeitgenossen gedanklich vorauseilende Männer, die aus dem gemeinsamen Interesse an einer Verteidigung des Westens gegen den Kommunismus einen historischen Pakt schmiedeten. Damit habe man die Schaffung einer deutschen nachrichtendienstlichen Organisation besiegelt, die, so Gehlen, »nach Osten aufklärt bzw. die alte Arbeit im gleichen Sinne fortsetzt«. Von einem General des Feindes sei respektvoll konzediert worden, dass die Gehlen-Gruppe weder für noch unter, sondern mit den Amerikanern arbeite.
Die Flügel der Phantasie trugen den BND-Präsidenten sogar noch weiter. Zu einem Zeitpunkt, als die Sieger in Nürnberg über den deutschen Untaten zu Gericht saßen und die Amerikaner weniger darüber nachdachten, wie ein neuer deutscher Staat entstehen, sondern wie die alten Eliten dauerhaft entmachtet werden könnten, da habe ihm Sibert bereits zugesichert, die amerikanische Hilfstruppe arbeite unter »ausschließlich deutscher Führung«. Es werde eine künftige souveräne deutsche Regierung sein, die darüber zu entscheiden habe, ob die Arbeit des Gehlen-Dienstes fortgesetzt werde oder nicht: »Sollte die Organisation einmal vor einer Lage stehen, in der das deutsche und das amerikanische Interesse voneinander abweichen, so steht es der Organisation frei, der Linie des deutschen Interesses zu folgen.«
Anders als landläufige Legenden enthält die Gründungslegende des BND nicht einmal einen wahren Kern. Es gibt keinen einzigen Beleg für das selbstgewisse Auftreten, das »Utility« nachträglich zu seiner persönlichen Sternstunde patriotischer Unbeugsamkeit stilisierte, ganz im Gegenteil. General Sibert, der die Zuarbeit seiner deutschen Helfer prinzipiell akzeptiert hatte, konnte sich später weder an den angeblichen politischen Gleichklang noch an ein wegweisendes »Gentlemen’s Agreement« erinnern. Er habe Gehlen nur ein einziges Mal getroffen, und zwar am 30. August 1946. Das war der Tag, an dem Sibert nach Washington aufbrach, um eine leitende Position in der Central Intelligence Group (CIG), einem Vorläufer der CIA, zu übernehmen. »General Sibert did not believe that he had made a rather formal, verbal, gentlemen’s agreement with General Gehlen«, hielt der amerikanische Nachrichtendienst aus einem Interview mit ihm später fest: »It is entirely possible that the two men just said hello and goodbye.«8 Die BND-Unterlagen bestätigen, dass der auf dem Absprung befindliche Amerikaner ein wenig in Eile gewesen war. »Gehlen: Gekürzter Vortrag wegen Zeitmangel General Sibert«, verzeichnet eine später gefertigte Chronik.9 Auch in der Ausarbeitung, die Gehlen für dieses Treffen vorbereitet hatte, fehlt jeglicher Hinweis auf das angebliche »Gentlemen’s Agreement«.
Thomas Wolf hat gezeigt, dass dem Zusammentreffen von Sibert und Gehlen eine größere historische Bedeutung zukommt als die spätere Eigengeschichtsschreibung der CIA annahm, dass sie allerdings genau in die gegenteilige Richtung der Gehlen’schen Stilisierung des 30. August 1946 weist.10 Als er im Sommer nach Europa zurückgebracht wurde, war Reinhard Gehlen bei der bereits im Frühjahr angelaufenen deutschen nachrichtendienstlichen Tätigkeit für die U. S. Army nämlich nur die Nr. 2. Der Mann der Zukunft schien Hermann Baun zu sein, der an der Ostfront die Nachrichtenbeschaffung für den Hauptabnehmer FHO geleitet und sich mit einer Gruppe Vertrauter bei Kriegsende ebenfalls nach Süddeutschland abgesetzt hatte. Der als exzellenter Fachmann geltende Baun war mittlerweile nicht nur dabei, einen Nachrichtendienst nach seinen Vorstellungen aufzubauen, er gebot als Einziger auch über die dafür von den Amerikanern bereitgestellten Mittel.11
Die Frage des Sommers 1946 lautete daher keineswegs, welche Bedingungen Reinhard Gehlen den Vereinigten Staaten von Amerika für seine Mitarbeit stellte, sondern wie eine geheime deutsche Mitwirkung im Rahmen der Neuordnung des amerikanischen Intelligence-Kosmos aussehen könne. Als ein Unterpunkt war dabei zu klären, wie Gehlen und seine lediglich in der Nachrichtenauswertung versierten Männer am besten mit der Baun-Gruppe zusammengespannt und in das »Operation Rusty« genannte Unternehmen eingepasst werden konnten. Darüber hatten Sibert und Gehlen schon vor ihrem August-Treffen gesprochen. Der auf dem Sprung nach Washington befindliche General erwog nämlich den Gedanken, die deutsche Hilfstruppe eventuell in die CIG zu integrieren und in die USA zu verlegen; ihre Führungskräfte würden dann amerikanische Staatsbürger werden. In dem Vortrag, den Gehlen für das Treffen mit General Sibert vorbereitete, hieß es denn auch, »dass meine Mitarbeiter und ich den persönlichen Wunsch haben, unsere Arbeit für Sie, Herr General, fortzusetzen, selbst wenn wir direkt unter dem War Department arbeiten sollten«.12 In der englischen Fassung, die er an Sibert gab, machte Gehlen sich dessen Überlegungen vorbehaltlos zu eigen: »I would suggest a transfer of the leading personalities of the organization to the USA.«13
In der Nachbesprechung zu dem Treffen sagte Gehlen im kleinen Kreis: »Org wird Teil des künftigen amerikanischen ND werden […], ein dem amerikanischen Staat gehörendes Unternehmen in Form eines Beamten- oder Angestelltenverhältnisses.« Entscheidend sei, »dass wir zum Kampf gegen den Bolschewismus alles einsetzen, und dazu gehört auch die bedingungslose Erfüllung solcher amerikanischen Forderungen. Wenn der Bolschewismus erst einmal vernichtet sei, lässt sich weitersehen.«14 Aus der von Sibert ventilierten und von Gehlen vorbehaltlos akzeptierten Idee wurde dann aber doch nichts. Der CIA-Vorläufer wollte die »Operation Rusty« erst einmal genauer unter die Lupe nehmen.
Nach zwei Jahren in amerikanischen Diensten, angesichts der zunehmenden Spannungen zwischen den beiden Großmächten und der Hoffnung, weiterhin von den Amerikanern alimentiert zu werden, begann der Rückblick auf die Anfänge allmählich selbstbewusster zu werden. Hatte Gehlen im Sommer 1946 noch betont, seine Gruppe arbeite »mit und für« die Vereinigten Staaten, so wählte er eineinhalb Jahre später bereits die Formel, man arbeite »nicht für, sondern mit« der amerikanischen Seite. Von einem Gentlemen’s Agreement war allerdings noch immer nicht die Rede.15
Reinhard Gehlens Gründungslegende schrieb also das genaue Gegenteil der historischen Tatsachen fest. Gehlens Fabel von seiner patriotischen Entschlossenheit und frühen Durchschlagskraft gegenüber der neuen Weltmacht diente dem Dienst als Integrations- und Disziplinierungsinstrument. Sie war außerdem gut geeignet, seinen Mitarbeitern bei ihrer Arbeit für den Feind von gestern ein besseres Gewissen zu verschaffen. Nach außen hin machte die im Geheimen gesponnene und von niemandem überprüfbare Gründungslegende ebenfalls Eindruck. Politik und Öffentlichkeit lebten zwar nicht gerade in der Vorstellung, die Bedingungen Gehlens seien 1946 »wie Peitschenhiebe«16 auf General Siberts Tisch geknallt,17 doch sogar die BND-kritische Spiegel-Serie »Pullach intern« sprach noch Anfang der siebziger Jahre von »Bedingungen«,18 die Gehlen den Amerikanern diktiert habe. In der CIA, die sich das Manuskript dieser Serie vorab verschafft hatte, konnte man über die »romantische« Zeichnung Reinhard Gehlens und seiner Gründungslegende durch das Magazin nur schmunzeln: »Particular emphasis given to how Utility beguiled Americans into sponsoring his Org rhapsodizes General Sibert as true visionary who went to bat for Utility counter to orders [ from] superior headquarters.«19
Solange die BND-Archive unzugänglich waren, musste die exzessive Selbststilisierung des Dienstes ungeprüft bleiben. Das heißt aber nicht, dass nicht schon früh Manipulationsverdacht aufgekommen wäre. Als Pullach beispielsweise einen Mitarbeiter dazu brachte, Anfang 1954 im Vorfeld der Berliner Außenministerkonferenz in der Welt am Sonntag einen die Grenzen der Peinlichkeit weit hinter sich lassenden, geheimnisvoll mit drei Sternchen gezeichneten Artikel zu platzieren, waren sich im Bundestagsausschuss für Fragen der europäischen Sicherheit so unterschiedliche Abgeordnete wie Herbert Wehner, Helmut Schmidt und der wahrlich konservative Vorsitzende Richard Jaeger von der CSU ausnahmsweise einig: Eine derart durchsichtige Selbstbeweihräucherung sei nicht nur peinlich, sondern auch gefährlich: »Eine Abwehrorganisation«, schimpfte Jaeger, »die selber über sich berichten lässt, dazu in ruhmrediger Weise, wäre von allen guten Geistern verlassen.«20
Die Selbststilisierung Reinhard Gehlens fügt sich in die fragwürdigen Darlegungen, Behauptungen und Lügen, mit denen der Pensionär daran ging, auch seine Lebenserinnerungen an die Zeit vor 1945 zu schönen und zu verhunzen. Martin Bormann sei ein Agent des Kreml gewesen: Der Krieg gegen die Sowjetunion ist durch Verrat verloren gegangen, konnte das nur heißen. Die Abteilung Fremde Heere Ost habe – tatsächlich war das genaue Gegenteil der Fall21 – die Absichten der sowjetischen Armeeführung durchweg zuverlässig prognostiziert, sie träfe an dem Desaster im Osten also keinerlei Mitschuld. Der kurz vor dem Überfall auf die Sowjetunion erlassene verbrecheriche »Kommissarbefehl«, wonach Politkommissare der Roten Armee umstandslos zu erschießen waren, sei gewiss problematisch gewesen, aber nur insofern, als seine Nichtbefolgung durch die Truppe zu verbreitetem Ungehorsam im Ostheer geführt habe. Die Wehrmacht hatte nach dem Zeugnis eines der bestinformierten Männer der Ostfront also mit den Mordorgien dort nichts zu tun. 1972 gab er einer Mitarbeiterin des Instituts für Zeitgeschichte zu Protokoll: »Ich persönlich bin davon überzeugt, dass der Russlandfeldzug richtig war. Er hätte auch gewonnen werden können, wenn er politisch geführt worden wäre.«22
Genauso weit von Wahrheit und Wirklichkeit entfernt wie die abwegigen Mitteilungen zur Frühzeit der Org liegt die Darstellung, die der Ex-Präsident zur Arbeit des BND unter seiner Verantwortung gab. Einen Höhepunkt erreicht seine Geschichtsklitterung immer dann, wenn Gehlen auf die Betätigung des Auslandsnachrichtendienstes im Innern und die bald virulenten Vorwürfe politischer Inlandsspionage zu sprechen kommt. In sicherem Vertrauen darauf, dass kein Fremder jemals die Unterlagen seines Nachrichtendienstes zu Gesicht bekommen werde, beteuerte Gehlen durchweg, alle diese Anschuldigungen seien falsch: Aus Pullach sei »nicht eine einzige Meldung mit innenpolitischen Aufklärungsergebnissen« nach Bonn gegangen.23 Der BND habe niemals innenpolitische Aufklärung betrieben. Wer das behaupte, sei ein Opfer der Ostpropaganda, ein Laie oder ein Verleumder, der den Dienst »verteufeln« wolle.24 Das unverwandte Abstreiten jeglicher innenpolitischer Ausforschung, die er höchstselbst bereits in den ersten Monaten seiner Nachkriegskarriere auf den Weg gebracht und bis zum Ausscheiden aus dem Dienst über zwanzig Jahre später mit nicht erlahmendem Eifer betrieben hatte, gehört zu den markantesten Lügen des ersten BND-Präsidenten. Wie wir sehen werden, zeigen die historischen Tatsachen auch hier das genaue Gegenteil von Gehlens Erzählungen. Noch in seinen Memoiren entrüstet er sich in selten bigotter Manier: »Man soll mich doch nicht für so töricht halten, dass ich durch eine innenpolitische Aufklärungsarbeit, welche Aufgabe der Verfassungsschutzämter ist, die Existenz des Dienstes aufs Spiel gesetzt hätte.«25
Es hat dem Dienst und seinem ersten Präsidenten sicherlich genützt, sich in Legenden einzuleben, als verfolgte Unschuld zu posieren und die Moltke’sche Maxime »Mehr sein als scheinen« für sich nicht gelten zu lassen. Bis zu einem gewissen Grad mag das zum Metier gehören. Unwahrhaftigkeit und Kulissendenken konnten im BND jedoch nur deshalb derart verheerende Ausmaße annehmen, weil es Reinhard Gehlen selbst gewesen ist, der sie verkörperte, ermöglichte und förderte. Er ist es gewesen, der seinen Dienst auf das innenpolitische Feld und in die politische Inlandsspionage führte. Er tat das aus taktischem Kalkül wie aus politischer Überzeugung und beförderte damit die tiefe Verstrickung des Nachrichtendienstes in Politik und Gesellschaft.
Karl-Eberhard Henke, Historiker und profilierter BND-Mitarbeiter, der seinen Chef aus nächster Nähe kannte, rätselte bald nach dessen Ausscheiden in einer internen Ausarbeitung über das Paradoxon Gehlen. Das Seltsame »an diesem so kühlen, humorlosen und kontaktarmen Mann« hätten seine Kritiker nie bemerkt, notierte er, nämlich, »dass er [der] so farblos und distanziert wirkt, durch lange Zeit hin die fast unbedingte Loyalität von Menschen an sich hat binden können, von denen die Mehrzahl ganz anders war als er und von denen fast die meisten ihn nie oder nur ganz selten einmal gesehen und gesprochen haben. Ich halte es für ein historisches Phänomen ersten Ranges, dass sich ein Mann, der auf den ersten Blick so wenig Eigenschaften zu besitzen scheint, die ihm dazu dienen könnten, in einer so außergewöhnlichen Zeit hat ›einen Namen machen können‹, den auch die zumeist vordergründige Kritik, die er innerhalb und außerhalb ›seines‹ Dienstes hat hinnehmen müssen, den selbst seine Memoiren noch nicht haben zerstören können.« Gehlens Nachfolger Gerhard Wessel konnte sich auf dieses Paradoxon ebenfalls keinen Reim machen. Neben den Befund Henkes, er halte das Ganze für ein außerordentliches Phänomen, schrieb der neue Präsident nämlich mit rotem Kugelschreiber an den Rand: »Ich auch!«26
James H. Critchfield, der 1949 in Pullach die Regie für die CIA übernahm und mit »Utility« manchen Strauß auszufechten hatte, ihm aber letztlich entscheidend dabei half, sein Lebensprojekt zu verwirklichen, bewahrte trotzdem ein nüchternes Urteil über den Blender Gehlen. »Ein schwieriger Mensch«, ein »Mann ohne Charisma«, wie er das Urteil eines engen Mitarbeiters des »Doktors« wiedergab: Er glaube, schreibt Critchfield alias »Kent J. Marshall« in seinen Erinnerungen weiter, dass Reinhard Gehlen von einem »ständigen Bedürfnis nach Anerkennung« getrieben worden sei, das sich auch an seinen Memoiren ablesen lasse. »Er schien an dem plötzlichen Ansehen der ›Organisation Gehlen‹ Gefallen zu finden, während er gleichzeitig das Image eines geheimnisumwitterten Mannes mit Sonnenbrille und Schlapphut pflegte. Gehlen war von Natur aus ein höchst argwöhnischer Mensch. Mit zunehmendem Alter neigte er dazu, beinahe paranoisch Leute kommunistischer Verbindungen und politischer Ansichten zu verdächtigen, die nicht mit seiner eigenen konservativen Überzeugung in Einklang standen […] Keiner von uns, der mit Gehlen häufig zu tun hatte, hielt ihn für einen ›geheimnisumwitterten Mann‹ oder den ›Spion des Jahrhunderts‹, als der er in der Öffentlichkeit gesehen wurde.« Was ihn vor allem angetrieben habe, sei seine »schwer zu übertreffende Begeisterung für politische Angelegenheiten« gewesen.27
Womöglich war Critchfield der ungemein kenntnisreiche anonyme Rezensent gewesen, der Anfang der siebziger Jahre in einem internen Journal der CIA Gehlens Memoiren und andere Studien über den BND besprochen hat; vielleicht stammte die Besprechung auch von dem brillanten Deutschland-Chef Gordon M. Stewart. Jedenfalls lesen wir dort: »Gehlen is bedeviled by one of the problems which beset the intelligence business. The problem is that people will believe almost everything you tell them about it. As a senior CIA officer put it: ›Talking to people about intelligence is the same as talking about sex. The more improbable you make it, the more they believe it.‹ For years Gehlen was the Master Spy, the Man of Mystery, Spy of the Century. His whole career as a General Staff officer, then the secrecy of the U. S. Army and CIA trusteeship, the mystery surrounding the Pullach headquarters compound, and particularly, because of a genuine fear of Communist reprisals (such things frequently occurred during the Cold War days), the fact that he never allowed himself to be photographed – all this built up a legend far in excess of the reality.«28
Neben der Selbststilisierung des ersten BND-Präsidenten und seiner Version, wonach die Org mit den Amerikanern von Anfang an beinahe von Gleich zu Gleich verkehrt sei, steht Gehlens politisch-strategische Grundüberzeugung. Vergleichbare Klitterungen und Retuschen finden sich hier nicht. Die Grundhaltung des ehemaligen FHO-Chefs hatte sich in der Endphase des Krieges herausgebildet und er blieb ihr bis zuletzt treu. Sie ist in zahlreichen Vorträgen und Denkschriften niedergelegt, so auch bereits in einem Brief an Wessel von November 1945.
Die Lage Deutschlands sei historisch ohne Parallele, heißt es dort, ein Wiederaufstieg zu einem selbständigen Faktor in der europäischen Politik »in den nächsten 50 Jahren mit Sicherheit nicht möglich«. In Europa würden sich in der kommenden post-nationalstaatlichen Phase die Völker gleichen Kulturkreises und gleicher Wirtschaftsräume zusammenschließen. Deutschland sei fundamental geschwächt, »das Slaventum und der Kommunismus – beides Erscheinungsformen der gleichen Ursache – haben Europa bis zur Elbe gewonnen«. Daher habe man nun Europas »Aufgaben im Rahmen der Völkerfamilie des westlichen Kulturkreises vorzuarbeiten«.
Das geschlagene Land stehe vor der Wahl, sich entweder für den Osten oder für den Westen zu entscheiden, schreibt Gehlen, der sich hier im Einklang mit vielen seiner Zeitgenossen, darunter Konrad Adenauer,29 befindet: »Eine Entscheidung für den Osten würde praktisch ein kommunistisches Deutschland bedeuten, das auf weitere Sicht weitgehend im Slaventum aufgehen würde. Für jeden vaterländischen Deutschen muss also die eindeutige Entscheidung für den Westen ein klares Gebot sein.« Das Schicksal Deutschlands, fährt Gehlen fort, werde künftig auf das Engste mit den USA verbunden sein, die vermutlich zum »entscheidenden Faktor der Weltpolitik« aufstiegen: »Ich bin Optimist und glaube durchaus, dass noch die Chance besteht, dass ein neues, besseres Deutschland, wenn auch in bescheidenem Rahmen, wiederersteht«. In einem kommunistischen Deutschland aber, das kein anderes sein würde als »das nationalsozialistische der letzten Jahre mit einem anderen Mäntelchen«, wäre alles verloren und »kein Platz für uns«. Daher dürfe man sich in der Bereitschaft zu »bedingungsloser Mitarbeit« durch nichts beirren zu lassen. Zwar müsse man dafür politisch einiges herunterschlucken, was einen »national gesinnten Deutschen schwer ankomme«, aber, so schließt Gehlen sein Bekenntnis Ende 1945: »Es gibt überhaupt nichts, was uns beirren darf, solange unsere persönliche Ehre nicht berührt ist.«30
In seinem Bericht für General Sibert von August 1946 findet sich ein ähnliches Bekenntnis: »Die USA werden das demokratische System in der Welt repräsentieren auf der Grundlage individueller Menschenrechte und werden die Verantwortung tragen als Beschützer der westlichen Nationen […] Es gibt daher für jeden weitsichtigen Deutschen, der die sowjetischen Endziele kennt, nur eine Entscheidung, nämlich die für den Westen ohne jede Vorbehalte. Diese grundsätzliche Entscheidung muss so stark sein, dass sie sich nicht durch irgendwelche kleinere Mängel in der Arbeitsweise der westlichen Besatzungsmächte beeinflussen lässt. Die innere Entscheidung für den Westen muss notwendigerweise von deutscher Seite die Bemühung einschließen, dem Westen bei der Bewahrung und Verteidigung der westlichen philosophischen Grundlagen mitzuhelfen.«31 In einem anderen Schriftstück spiegelt sich dieser Tenor in der Formel, der Org-Mitarbeiter verpflichte sich dazu, »im Dienste der USA mitzuarbeiten, um hierdurch meinen Teil zur Erhaltung einer christlich-demokratischen Weltauffassung – als deren Hauptträger ich die USA ansehe – beizutragen«.32
Die eigentliche Mission, die sich die Vereinigten Staaten im besiegten und besetzten Deutschland auf die Fahnen geschrieben hatten und ungeachtet der raschen Verhärtung ihrer Beziehungen zur Sowjetunion energisch verfolgten, findet bei Gehlen so gut wie nie Erwähnung, geschweige denn Zustimmung: die Ausrottung des Nationalsozialismus, die Bekämpfung militaristischer und autoritärer politischer Traditionen, die Normalisierung der Gesellschaft in einem langen Prozess der Umerziehung und die entschiedene Geburtshilfe bei dem zweiten deutschen Demokratie-Versuch. Die Selbstprüfung des eigenen Verhaltens in der NS-Zeit, die Annäherung an die Prinzipien der Demokratisierung von Staat und Gesellschaft oder gar deren aktive Unterstützung waren Gehlens Sache nicht. Damit befand er sich im Einklang mit einem Großteil der gefallenen Eliten und ganz gewiss mit den meisten seiner Kameraden. Zum Vernunft-Amerikaner konvertiert, nahm er die demokratischen Bestrebungen der USA, in deren Sold er stand, als Begleiterscheinung ihrer Dominanz nolens volens hin.
Die ohnehin schmale Vertrauensbasis der Anti-Hitler-Koalition war bereits während des Krieges ruiniert worden, vor allem im Streit über die Zukunft Polens. Die Allianz zerfiel, als der Sieg über das nationalsozialistische Deutschland errungen war. In Jalta war Anfang 1945 der Antagonismus zwischen dem Staats- und Gesellschaftsmodell sowjetischen Typs und dem demokratischen Verfassungsstaat westlicher Prägung mit Kompromissformeln nur noch notdürftig überdeckt worden. Die Konferenz von Potsdam im Sommer 1945, Deckname »Terminal«, markierte das Ende der Kompromissfähigkeit.
Die Spannungen zwischen den neuen Führungsmächten USA und UdSSR wurden in der internationalen Arena, im Alliierten Kontrollrat und bei der rapiden Auseinanderentwicklung des sowjetischen und des angelsächsischen Besatzungsgebiets in Deutschland gleichermaßen fühlbar. Schon im Frühjahr 1946 hatten die Westmächte den sicheren Eindruck gewonnen, dass nicht nur ihre Interessen, sondern auch ihre Grundüberzeugungen und Ordnungsvorstellungen mit dem Gebaren Stalins unvereinbar waren und dass weder die Sowjetunion noch deren kommunistische Kollaborateure im Einzugsbereich der Roten Armee den guten Willen und das Vertrauen rechtfertigten, die bei den Westmächten anfangs durchaus vorhanden waren.33 So war es nur folgerichtig, dass in Washington Anfang 1946 mit der Central Intelligence Group und der National Intelligence Authority (NIA) Gremien und Institutionen entstanden, die Präsident Truman nun, da das Office of Strategic Services (OSS) aufgelöst war, mit Einschätzungen zur sowjetischen Politik, ihres Potentials und ihrer möglichen Absichten zu versorgen begannen.
Die Auffassung von CIG und NIA, die UdSSR werde militärisch wohl stillhalten, änderte nichts daran, dass die massive sowjetische Präsenz in Mitteleuropa als bedrohlich empfunden wurde. Spätestens seit Frühjahr 1946 entwickelten die Amerikaner daher ein starkes Interesse an allen erreichbaren Informationen über Ausrüstung, Aufstellung, Stärke und Struktur der sowjetischen Streitkräfte. Entscheidend war, etwaige Angriffsvorbereitungen so früh wie möglich zu erkennen: Hier verfügten die Reste der ehemaligen deutschen Feindaufklärung im Osten zweifellos über reiche Erfahrung. Weit davon entfernt, in den politisch-strategischen Überlegungen der Vereinigten Staaten auch nur entfernt die Rolle zu spielen, die Reinhard Gehlen sich und seinen Kameraden zuzuschreiben pflegte, waren sie bei Kriegsende nur eine der zahlreichen Gruppen und Grüppchen, die sich dank ihres Spezialwissens eine Vorzugsbehandlung durch die Amerikaner erhoffen durften.
Es ist hier nicht neuerlich darzulegen, wie sich im Sommer 1945 untergeordnete amerikanische Dienststellen für die Gehlen-Gruppe zu interessieren begannen und sie ein Jahr später nach Deutschland zurückführten. Deren nachrichtendienstliche Aufklärungsarbeit geschah die gesamte Besatzungszeit über jedenfalls praktisch unbeaufsichtigt, da die Army für ihre Anleitung und Überwachung lediglich zwei, drei Offiziere abgestellt hatte.34 Richard Helms, Chef der Mitteleuropa-Abteilung der CIA, sprach später von den »uninquisitive, unprying and uninterfering habits developed by the Army over a four year period«.35 Nicht einem imaginärem »Gentlemen’s Agreement«, sondern der mangelnden amerikanischen Kontrolle verdankten Hermann Baun und Reinhard Gehlen ihre Spielräume.36
Während sich Letzterer nach und nach gegen seinen Rivalen durchsetzte, hing die Existenz der Gehlen-Organisation, wie mittlerweile vielfach gezeigt, auch dann noch an einem seidenen Faden, als Truman seine Politik des Containments und den Marshallplan (European Recovery Program) verkündete und im Sommer 1947 mit dem National Security Act die amerikanische Sicherheitsstruktur auf kommende Herausforderungen einzustellen begann. Starke Kräfte in Washington gedachten die deutsche Hilfstruppe aufzulösen, doch die Army stellte sich quer. Im folgenden Jahr kam das Thema neuerlich auf den Tisch. Reinhard Gehlen war sich der unsicheren Existenz seiner Organisation durchaus bewusst, denn einige Zeit später sagte er rückblickend zu leitenden Mitarbeitern: »In den U. S. A. hatten viele Leute im Hinblick auf unsere Organisation kalte Füße und es sind dort um unsere Org. erhebliche Kämpfe geführt worden.« Es habe die Auflösung gedroht. Nun aber, im April 1948, könne er feststellen: »Die ganze Lageentwicklung arbeitet für uns.«37
Da die Währungsreform im Sommer 1948 zu einer so dramatischen Finanzierungskrise geführt hatte, dass ein Auseinanderfallen des Gehlen-Dienstes zu befürchten war,38 wurde neuerlich geprüft, ob die inzwischen formell ins Leben getretene CIA ihn nicht vielleicht doch übernehmen könne. Im Dezember lag der Untersuchungsbericht vor. Er empfahl, die nützliche, aber mit vielerlei Mängeln behaftete »Operation Rusty« um mindestens ein Jahr fortzuführen. Damit gewinne man Zeit, um sie weiter zu testen, umzugestalten und in das übergeordnete amerikanische Aufklärungsinteresse einzupassen.39 Ein junger Mann, 31 Jahre alt, der eine aussichtsreiche Karriere in der Army aufgeben hatte und zur Agency gewechselt war, hatte die Weichen stellende Empfehlung dafür gegeben: James H. Critchfield. Bis 1956 blieb »Jim« der maßgebende Mann in Pullach.
Der entscheidende Satz der Empfehlung war dann in eine rhetorische Frage gekleidet: »The issue than appears to be whether, from a national viewpoint, it is desirable for the U. S. completely to relinquish control of the resurgent Abwehr and nucleus of a future German General Staff which has been nurtured for three years by the U. S. Occupation Forces.«40 Bereits hier klang ein ausschlaggebendes Motiv dafür an, weshalb die Amerikaner trotz herber Kritik und fachlicher Bedenken der Org immer entschieden die Treue hielten: Sie hatten früh eine gute Kenntnis des führenden Personals, seiner Arbeitsweise und seiner nachrichtendienstlichen Kontakte gewonnen und erfreuten sich eines vorzüglichen Einblicks in den neuen und künftigen westdeutschen Auslandsnachrichtendienst: Und den wollten sie selbstverständlich gerne behalten.41
Die Antwort auf die zitierte rhetorische Frage von Ende 1948 bereitete Washington daher wenig Kopfzerbrechen. Freilich konnte die Organisation Gehlen erst nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und dem Abgang des widerstrebenden Militärgouverneurs Lucius D. Clay – er »hatte zu keiner Zeit auch nur das geringste Interesse an Gehlen und seinem Projekt erkennen lassen«42 – am 1. Juli 1949 in die Obhut der CIA übergehen.43 Das war der Beginn einer langen Konfliktgeschichte: »American relations with Gehlen were strained from the start«, hält der Allen-Dulles-Biograf Peter Grose fest.44
In den ersten Jahren hatte es keine Anweisung gegeben, in der die deutsche Zuarbeit für die U. S. Army geregelt gewesen wäre.45 Erst am 13. Oktober 1948 ersetzte der Intelligence-Stab des European Commands (EUCOM) frühere Absprachen durch eine grundlegende Direktive. Darin war die Unterordnung des Gehlen-Dienstes unzweideutig festgeschrieben. Die Gesamtverantwortung lag demnach beim Kommandeur der »7821 Composite Group«, die sich aus dem amerikanischen Stab und der Organisation Gehlen zusammensetzte. »The German Leader«, hieß es weiter, »is responsible for implementation of the policy and directives of the American Commander, such responsibility requiring that he exercises close control over the German element and be accountable to the American Commander for all variations from established policies and directives […] Discipline within the German Element is the immediate responsibility of the German Leader. It will be the prerogative of the American Commander to order any person dropped from the Organization who has demonstrated himself to be unfit for such employment […] The production of the Organization will be kept under constant review by the Intelligence Division, EUCOM, and the German Leader will be advised through the American Commander when the quantity or quality of reports becomes unsatisfactory.«46 Als Deutsche und Amerikaner sich bereits als künftige Verbündete zu betrachten begannen, war diese Anweisung noch immer in einer Tonlage gehalten, in der Gentlemen gewöhnlich nicht miteinander verkehren. Sie markierte den Unterschied zwischen Wunschdenken und Realität.
James Critchfield machte die CIA sogleich darauf aufmerksam, dass die Org eine viel umfassendere Spionageabwehr betreibe, als ihr offiziell zugestanden worden sei. Die späte Anweisung der Army erlaubte an sich nur Spionageabwehr zum Schutze der eigenen Organisation. Nach den Buchstaben der Direktive war sogar jeglicher Versuch, etwa in die KPD oder andere verdächtige Zusammenschlüsse einzudringen, vorher mit dem amerikanischen Abschirmdienst Counter Intelligence Corps (CIC) abzustimmen.47 Davon konnte bei der inzwischen längst angelaufenen politischen Inlandsspionage in der Praxis allerdings überhaupt keine Rede sein, wie wir sehen werden. Die Oktober-Anweisung war daher nichts anderes als ein spätes Windowdressing.
1Reinhard Gehlen: Der Dienst. Erinnerungen 1942–1971, Mainz 1971, S. 123 und S. 148 f.
2Vgl. Siegfried Graber, Notizen zu einem Aufbau (1945–1946), 1991, in: BND-Archiv, NL 4, Bd. 17, Bl. 17–44.
3Vgl. Klaus-Dietmar Henke: Die amerikanische Besetzung Deutschlands, München 1995, S. 777 ff. und S. 937 ff.
4Gerhard Wessel, Geistige Führung der Org (Entwurf), 9. 8. 1946, in: BND-Archiv, NL 1, Bd. 10, o. Bl.
5Chief of Station Karlsruhe (Stewart) an Chief Foreign Division M (Helms), Offspring – Review of Record and Problems, 25. 6. 1950, in: Forging an Intelligence Partnership. CIA and the Origins of the BND, 1949–1956, Bd. 1, hrsg. v. Kevin C. Ruffner, Washington 2006, S. 345–356, hier S. 350.
6Siehe etwa die Aktennotiz Siegfried Grabers, des Chefs der SBZ/DDR-Aufklärung, von Juli 1946 mit dem Anhang »Gedanken zu den ideolog. Grundlagen unserer Arbeit im Dienste der USA«, in: BND-Archiv, NL 4, Bd. 15, Bl. 12–14.
7Gehlens Nachfolger Gerhard Wessel blieb bei dieser Legende. Vgl. sein Rundschreiben an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Dienstes anlässlich des 20-jährigen Bestehens des BND von März 1976 (in: BND-Archiv, 4310, o. Bl.) sowie Gerhard Wessel: BND – der geheime Auslandsnachrichtendienst der Bundesrepublik Deutschland, in: Beiträge zur Konfliktforschung 1985, Heft 2, S. 5–23, hier S. 9 f.
8Report of Interview with Brigardier General Edwin L. Sibert on the Gehlen Organization, 26. 3. 1970, in: Forging an Intelligence Partnership, 1945–1949, Bd. 1, hrsg. v. Kevin C. Ruffner, Washington 1999, S. 43 f. Widersprüchliche Angaben bei James H. Critchfield: Auftrag Pullach. Die Organisation Gehlen 1948–1956, Hamburg 2005, S. 52. Auch Eric Waldman, einer der frühesten Förderer Gehlens in der U. S. Army, ist sich sicher, dass dieser und Sibert keine solche Vereinbarung getroffen hatten; siehe Debriefing of Eric Waldman on the US Army’s Trusteeship of the Gehlen Organization during the Years 1945–1949, 30. 9. 1969, in: Forging an Intelligence Partnership, 1945–1949, Bd. 1, S. 45–50, hier S. 46.
9Resümee der Besprechung mit Sibert am 30. 8. 1946, in: BND-Archiv, 4310, o. Bl. Siehe auch die Aufzeichnung Wessels vom 30. 8. 1946, in: BND-Archiv, NL 1, Bd. 10, o. Bl.
10Thomas Wolf: Die Anfänge des BND. Gehlens Organisation – Prozess, Legende und Hypothek, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 64 (2016), S. 191–225, auch zum Folgenden.
11Siehe auch Rolf-Dieter Müller: Reinhard Gehlen. Geheimdienstchef im Hintergrund der Bonner Republik. Die Biografie. Teil 1: 1902–1950, Berlin 2017, S. 421 ff.
12Bericht Gehlens für Sibert (einschließlich Übersetzung), 30. 8. 1946, in: BND-Archiv, 1111, Bl. 41–66.
13Bericht, 30. 8. 1946, in: BND-Archiv, 1111, Bl. 51. Hervorhebung von mir.
14Nachbesprechung am Abend des 30. 8. 1946, in: BND-Archiv, NL 1, Bd. 10, o. Bl.
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