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In den nächsten Jahren wächst die Zahl derer, die in Rente gehen, explosionsartig. Eine geballte Mischung aus Kompetenz, Erfahrung und Motivation verlässt die Arbeitswelt. Die Rentner von heute und morgen können nach ihrem Ausstieg aus dem Arbeitsleben noch auf viele gesunde Jahre hoffen. Neben denen, die froh sind, dem Berufsalltag entronnen zu sein, gibt es nicht wenige, die weiter arbeiten wollen oder es aus finanziellen Gründen müssen. Sie wollen gebraucht werden. Bei ihnen handelt es sich um ein schlummerndes Potenzial. Diese Reserve bewusst und klug zu nutzen, ist für alle Beteiligten von Vorteil.
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Seitenzahl: 158
Veröffentlichungsjahr: 2018
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In den nächsten Jahren wächst die Zahl derer, die in Rente gehen, explosionsartig. Eine geballte Mischung aus Kompetenz, Erfahrung und Motivation verlässt die Arbeitswelt.
Die Rentner von heute und morgen können nach ihrem Ausstieg aus dem Arbeitsleben noch auf viele gesunde Jahre hoffen. Neben denen, die froh sind, dem Berufsalltag entronnen zu sein, gibt es nicht wenige, die weiter arbeiten wollen oder es aus finanziellen Gründen auch müssen. Sie wollen gebraucht werden. Bei ihnen handelt es sich um ein schlummerndes Potenzial. Diese Reserve bewusst und klug zu nutzen, ist für alle Seiten von Vorteil.
Vorwort
Prolog
Meine Zeit vor dem Ausstieg
Die Zeit nach dem Ausstieg
Qualifizierte Rentnerin sucht Job
Umdenken
KAPITEL 1
Altern beginnt im Kopf!
Man ist so alt wie man sich fühlt
Die Macht der Gedanken
Die Suche nach der Aufgabe, die Sinn macht
Selbstwirksamkeit – den eigenen Weg gehen
KAPITEL 2
Rentner im Unruhestand
Ehrenamt geht immer
KAPITEL 3
Leistung gegen Bezahlung
Lebenszeit für unbezahlte Arbeit
Reicht die Rente?
KAPITEL 4
Arbeit – Last oder Lust?
Frauen – Verliererinnen bei der Rente
KAPITEL 5
Arbeiten im Alter – Geld oder Sinn?
Arbeit ist Erfüllung
Arbeit bedeutet Teil einer Gemeinschaft sein
Arbeit bedeutet gebraucht werden
KAPITEL 6
Win-Win Situation
Ungenutzte Chancen
Es rechnet sich in vielerlei Hinsicht
KAPITEL 7
Verschenktes Potenzial?
Bekannte Vorbilder
Erfahrungswissen gesucht!
KAPITEL 8
Was hindert uns?
Fehlende Konzepte und Lösungsansätze
Vorurteile
Vorurteil 1: Ältere nehmen den Jüngeren Aufstiegschancen
Vorurteil 2: Ältere sind nicht mehr lernfähig
Vorurteil 3: Älteren fehlt Innovationskraft
Vorurteil 4: Ältere sind ein gesundheitliches Risiko
Vorurteil 5: Wir brauchen neue und vor allem junge Talente
KAPITEL 9
Chancen verpasst!
Fall 1: M., 68 Jahre
Fall 2: K., 64 Jahre
Fall 3: M., 68 Jahre
Fall 4: D., 64 Jahre
Fall 5: M., 68 Jahre
Fall 6: K., 62 Jahre
KAPITEL 10
Vorteile für Rentner und Unternehmen
Vorteil 1: Motivation und Einsatzbereitschaft
Vorteil 2: Erfahrungswissen
Vorteil 3: Soziale Fähigkeiten
Vorteil 4: Diversität in Teams
Vorteil 5: Beziehungswissen
Vorteil 6: Kenntnis der Strukturen
Vorteil 7: Zeitlich befristeter Einsatz
KAPITEL 11
Kapazitätsreserve im Fokus
Begehrt: Minijobs für Rentner
Beliebt: Freiwillig mit Lust arbeiten
Bedauerlich: Schrumpfkur vernichtet Wissen und Erfahrung
Bewusst: Potenzial der Ruheständler nutzen
KAPITEL 12
Jetzt kommt es darauf an: strategisch handeln
Chefsache
Einsatzmöglichkeiten
Rahmenbedingungen
Nach dem Ausstieg ist vor dem Ausstieg
KAPITEL 13
Möglichkeiten für aktive Ruheständler
Epilog
Anmerkungen
„Du bist so jung wie Deine Zuversicht …
Niemand wird alt, weil er eine Anzahl Jahre hinter sich gebracht hat.
Man wird nur alt, wenn man seinen Idealen Lebewohl sagt.
Mit den Jahren runzelt die Haut, mit dem Verzicht auf Begeisterung aber runzelt die Seele.
Sorgen, Zweifel, Mangel an Selbstvertrauen, Angst und
Hoffnungslosigkeit,
das sind die langen, langen Jahre,
die das Haupt zur Erde ziehen
und den aufrechten Geist in den Staub beugen.
…
Du bist so jung wie Deine Zuversicht, so alt wie Deine Zweifel,
so jung wie Deine Hoffnung,
so alt wie Deine Verzagtheit.
Solange die Botschaft der Schönheit, Freude und Größe der Welt, des Menschen und des Unendlichen, Dein Herz erreichen, solange bist Du jung.
Erst wenn die Flügel nach unten hängen und Dein Herz vom Schnee des Pessimismus und vom Eis des Zynismus bedeckt ist, dann erst bist Du wahrhaft alt geworden.“
Albert Schweitzer 1875 – 1965
Ein vor wenigen Wochen in den Ruhestand entlassener Ressortleiter berichtete mir kürzlich begeistert von seinen Aktivitäten im noch jungen Ruhestand. Kein Druck mehr, viel Freiheit und unendlich Gestaltungsmöglichkeiten. Noch weiter arbeiten? Nein danke! Das wäre ja jetzt Gott sei Dank vorbei.
Dabei muss man sagen, dass wir uns in einem Arbeitskreis trafen, in dem unsere Expertise für die Gestaltung einer Veranstaltungsreihe gefragt war. War das Arbeit? Ja! Eine Arbeit, bei der Kreativität, Expertenwissen und strategisches Vorgehen bei allen Beteiligten gefordert waren. Allerdings unbezahlt und freiwillig!
Wenn man sich näher damit beschäftigt, kann man an vielen Stellen erleben, dass das Wissen und die Erfahrung von Menschen im so genannten Ruhestand gebraucht wird. Sie verfügen nicht nur über Expertise, sondern vor allem auch über Zeit. Und sie sind hoch motiviert, wenn sie eine Aufgabe übernehmen, denn sie tun das in der Regel freiwillig und ohne Zwang. Enkelkinder liebevoll und engagiert beaufsichtigen, Marmelade kochen, Kuchen für Geburtstagsfeste backen, den Garten auf Vordermann bringen, Fahrräder reparieren, Fahrdienste übernehmen, bei der Steuererklärung helfen – diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen.
Im privaten Umfeld, in der Familie oder im Freundeskreis ist ein solches Engagement kostenlos und wird selbstverständlich erwartet. Nicht selten wird der Ruhestand für die Engagierten zum Unruhestand. Sie engagieren sich zusätzlich im Ehrenamt, das meistens viel Zeit und Energie in Anspruch nimmt. Selbstverständlich ebenfalls kostenlos.
Was aber passiert mit denen, die zu ihrer Rente etwas dazu verdienen wollen oder es sogar müssen? Auf welche Chancen treffen sie?
Ist Unternehmen bewusst, wie hoch der Verlust an Wissen und Erfahrung in den nächsten Jahren sein wird, wenn viele langjährige ältere Mitarbeiter fast gleichzeitig ausscheiden? Mit welchen Strategien wollen sie diesem Verlust begegnen?
Durch eine bewusste Personalpolitik, die das Potenzial von älteren und ausgeschiedenen Mitarbeitern in den Fokus nimmt, können beide Seiten profitieren.
Diejenigen, die sich zu jung für den Ruhestand fühlen und die Unternehmen, die dieses Potenzial erkennen und nutzen.
Wenn ich in diesem Buch ausschließlich die männliche Form gewählt habe, so ist das in der besseren Lesbarkeit begründet. Frauen sind wie Männer von der Gestaltung ihres Ruhestandes – inhaltlich und finanziell – betroffen.
Auch ich zähle zu den so genannten Ruheständlern im Unruhestand und kann aus eigener Erfahrung mitreden.
Kurz vor meinem Ausscheiden aufgrund einer Altersteilzeit mit 60 Jahren wurde ich im Kollegen- und Bekanntenkreis immer wieder nach meinen Plänen für die nun anbrechende Freizeitphase gefragt.
Hinter mir lagen einige Jahre in Führungspositionen im öffentlichen Dienst. In dieser Zeit hatte ich mich nicht nur bei Vorgesetzten und bei meinen Kollegen als Jemand bekannt gemacht, die aktiv war und voll Ideen steckte. Ich wurde geschätzt mit meinem strategisch-analytischen Verstand, meinen konzeptionellen Fähigkeiten und meiner großen Einsatzbereitschaft. Ich hatte mehrfach meine Fähigkeit für Problemlösungen auch bei schwierigen Aufgabenstellungen bewiesen und einige größere und komplizierte Veränderungsprojekte erfolgreich zum Abschluss gebracht. Ich galt als visionär, innovativ und kommunikationsstark. Ich hatte mich extrem belastbar gezeigt und war anerkannt und geschätzt.
Einige Jahre vor meinem Ausscheiden wurde ich mit der Leitung einer überregional beratenden Stelle für Frauen beauftragt. Diese Stelle setzt sich für die Chancengleichheit von Frauen vor allem im Wirtschaftsleben ein. Während der Zeit in dieser Stelle entwickelte ich erfolgreich zahlreiche größere Veranstaltungen. Es gelang mir, ein großes Netzwerk aufzubauen. Auch hier wurden meine konzeptionellen Fähigkeiten und meine strategische Vorgehensweise geschätzt. Ich erlebte in der Beratung häufig die Probleme der Frauen, die sich für sie aus der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ergeben. Karriereabbrüche, Probleme beim Wiedereinstieg nach einer Berufsunterbrechung und prekäre Lebens- und Einkommensverhältnisse vor allem bei alleinerziehenden Müttern.
Als mein damaliger Chef wenige Monate vor meinem Ausscheiden und dem Einstieg in die so genannte passive Phase der Altersteilzeit andeutete, dass er mich eigentlich nicht im Ruhestand sehen würde, waren die Weichen bereits gestellt. Auch im öffentlichen Dienst wurde den Angestellten eine Altersteilzeit nahe gelegt. Die Chance, auf diese Weise Personalkosten einzusparen, wollten sich die Personalverantwortlichen unter hohem Kosteneinsparungsdruck nicht entgehen lassen. Damit einhergehender Wissens- und Erfahrungsschwund wurde in Kauf genommen.
Schon damals hatte ich mich mit Modellen beschäftigt, die meinem Arbeitgeber die Kompetenzen und das Wissen derer, die frühzeitig ausscheiden, sichern könnten. Es war vorhersehbar, dass durch frühzeitigen Ausstieg in eine Altersteilzeit und die große Zahl der zu erwartenden Rentenabgänge an vielen Stellen Lücken an Wissen und Erfahrung entstehen würden, die nicht ohne weiteres zu schließen wären. Mein Vorstoß in Hinblick auf eine Initiative, bewusst Lösungen zu entwickeln, wurde auf der oberen Ebene wohlwollend aufgenommen. „Schreiben Sie mal ein Konzept!“ wurde ich aufgefordert. Dabei blieb es dann auch.
„Was machen Sie nach Ihrem Ausscheiden?“ wurde ich von verschiedenen Seiten gefragt und die wenigsten, glaube ich, konnten sich vorstellen, dass ich mich ab sofort nur noch mit der Pflege von Haus und Garten, mit Hobbys und der Betreuung von Enkelkindern – die ich damals noch gar nicht hatte – beschäftigen würde. Vor allem für meine externen Gesprächspartner, die sich für meine Zukunft als Rentnerin in der Altersteilzeit interessierten, war es irgendwie klar, dass ich weiter arbeiten würde. Meinen Arbeitgeber schien das nicht zu interessieren. Ich wurde am Ende mit „großem Bahnhof“ verabschiedet und dann war ich weg.
Ich hatte bis zum letzten Tag an einem geordneten Übergang gearbeitet und meine Nachfolgerin mit all dem Wissen versorgt, das ich weitergeben konnte.
In den nächsten Monaten begann ich mich zu sortieren und meine neu gewonnene freie Zeit zu strukturieren. Ich fühlte mich vor allem nicht ausschließlich für ein Ehrenamt bereit. Ich wollte mit meinen Fähigkeiten noch Geld verdienen. Die Möglichkeit hierfür ergab sich nur durch freiberufliche Beratertätigkeit, allerdings stark eingeschränkt durch die strengen Verdienstgrenzen, die in der Altersteilzeit galten.
Meine konzeptionellen Fähigkeiten und meine Ideen wurden weiterhin geschätzt, aber überwiegend unentgeltlich im Ehrenamt. Wenn ich gewollt hätte, hätte ich mit verschiedenen ehrenamtlichen Tätigkeiten meine Zeit komplett füllen können.
Ich engagierte mich bei Deutschkursen für Flüchtlinge. Was wäre mit den Flüchtlingen passiert, hätten nicht zahlreiche Ehrenamtliche wie ich auf der Höhe der Flüchtlingswelle im Jahr 2016 und 2017 schnell und unbürokratisch gehandelt. Kinderbetreuung, Lotsendienste, Arbeit in der Kleiderkammer oder einer Teestube. Alle diese Aufgaben wurden von Ehrenamtlichen übernommen. Ihre Leistung kostete die Kommunen nichts und trug mit den vielfältigen Betreuungsaktivitäten sicherlich zum friedlichen Miteinander in den Unterkünften bei.
Ich übernahm weiterhin Verantwortung im Rahmen eines Bürgervereins. Hier tragen die vielen in den Vorständen ehrenamtlich Tätigen dazu bei, dass eine wichtige Schnittstelle zwischen Verwaltung und den Menschen in einer Stadt gepflegt wird. Eine umfangreiche und oft zeitfressende Aufgabe.
Aus meinen Ideen sind bisher durch mein aktives Zutun zwei nachhaltige Projekte entstanden. Beide zum Nutzen der Gemeinschaft in meiner Stadt. Beide mit einem großen zeitlichen Aufwand verbunden. Dafür gab es immerhin viel Anerkennung.
Trotz der langen Jahre, in denen ich als relativ gut Verdienende in die Rentenkasse einbezahlt hatte, war meine tatsächliche Altersrente sehr bescheiden. Ich musste am eigenen Leib erleben, wie Frauen meiner Generation aufgrund längerer beruflicher Auszeiten während der Familienphase im Alter finanziell benachteiligt sind.
Ich erlebte schmerzhaft, wie sehr das Gefühl nicht mehr gebraucht zu werden am Selbstwertgefühl nagt. Bei meinem früheren Arbeitgeber war ich schneller als ich dachte in Vergessenheit geraten. Auch Kollegen, mit denen ich früher gut und intensiv zusammengearbeitet hatte, meldeten sich nicht mehr.
Inzwischen bin ich in einem Alter, in dem ich immer häufiger zu Verabschiedungen früherer Kollegen eingeladen werde. Vor wenigen Monaten fragte mich bei einer solchen Abschiedsfeier ein früherer Kollege: „ … und was machen Sie jetzt?“ Beruflich sagte er nicht, dachte er aber. Ohne eine entsprechende Antwort, schien es mir, war ich für ihn nur noch wenig interessant. Seine Lebensphase und die damit verbundenen Themen waren verständlicherweise anders gelagert – da konnte ich nicht mehr mitreden.
Gehörte ich nun endgültig zu der Gruppe leistungsfähiger, motivierter und gesunder Rentner, die gerne Geld verdienen würden? Für die aber Jobs, die ihren Fähigkeiten entsprechen, rar sind? Gehörte ich zu denen, die von Jüngeren neidvoll betrachtet werden, weil die das Gefühl haben, dass es ihnen selbst in diesem Alter nicht so gut gehen wird? War ich eine der Rentnerinnen, die gerne als gut Qualifizierte für Ehrenämter gesucht werden, in denen sie nichts kosten, aber wo man sie händeringend braucht?
Meine Erlebnisse und Erfahrungen blieben nicht ohne Wirkung auf mich und mein Befinden. Ich war frustriert, ich war wütend und ich begann an mir selbst zu zweifeln. War ich einfach zu empfindlich? Geht es nur mir so und wie geht es anderen in der ähnlichen Situation?
Vor allem aber ärgerte ich mich darüber, wie wenig offensichtlich das Potenzial älterer Menschen, die nach dem offiziellen Eintritt in den Ruhestand noch arbeiten wollen, genutzt wird. Und das angesichts der Diskussion um die am Horizont aufziehenden Probleme bei der Finanzierbarkeit der gesetzlichen Rente.
Wenn ich mit anderen Menschen in einer ähnlichen Lebenssituation sprach, fühlte ich mich häufig bestätigt. Natürlich gab es viele, die froh waren, nicht mehr arbeiten zu müssen. Aber es gab mindestens genauso viele, die noch ihre Fähigkeiten einbringen wollten. Und das gerne auch gegen eine angemessene Bezahlung. Es gab die, die sich abgeschoben, vergessen, nicht mehr gebraucht fühlten. Finanzielle Gründe wurden vor allem von Frauen meiner Generation angeführt, die fast immer nach einer längeren Familienauszeit Schwierigkeiten gehabt hatten, beruflich wieder Fuß zu fassen. Denen es häufig nicht gelungen war, eine ihrer Qualifikation entsprechende Karriere zu machen. Viele von ihnen hatten zumindest einige Zeit nur in Teilzeit gearbeitet mit entsprechenden Auswirkungen auf ihre Einkommenssituation und damit natürlich auch auf die zu erwartende Altersversorgung.
Endlich im Ruhestand! Zwischen Erleichterung und Freude mischen sich bei vielen Menschen vor oder im Ruhestand finanzielle Sorgen. Wird meine Rente auf lange Sicht reichen? Werde ich meinen Lebensstandard halten können? Werde ich von meiner Rente eine würdige Pflege bezahlen können?
Auch in der Politik mehren sich Stimmen, die offen aussprechen, was viele befürchten. So wie der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil in einer Talkrunde bei Anne Will: „… dass wir es nicht zulassen dürfen, dass wir wirklich millionenfache Altersarmut im Bereich der Rente sicher auf uns zukommen sehen. Die Frage der sozialen Absicherung von Menschen ist für die gesellschaftliche Stabilität von immenser Bedeutung …“ (1)
Dem gegenüber sehen wir die Arbeitgeberseite auf der Suche nach Fachkräften. In den nächsten Jahren wird es altersbedingt zu einem enormen Schwund auf der Personalseite kommen. Es sind nicht nur die Menschen, die gehen, sondern mit ihnen geht Erfahrung, Wissen und Kompetenz. Im weiteren spreche ich von angestellten Arbeitnehmern, denn im Gegensatz zu ihnen scheint es für viele Selbstständige ganz normal zu sein, so lange wie möglich zu arbeiten. Unternehmer, Rechtsanwälte, Steuerberater, Ärzte, Unternehmensberater – sie alle kennen keine Altersgrenze. Für sie gilt: ich arbeite so lange wie es mir Spaß macht, solange ich fit bin und meine Leistung Geld bringt.
Aus dieser Situation reifte die Idee zu diesem Buch. Zunächst führte ich zahlreiche Gespräche mit Menschen, die zwar im Ruhestand sind, aber noch weiter aktiv Geld verdienen wollen. Die Gespräche waren sehr persönlich und häufig emotional. Nicht nur ich profitierte von der Offenheit und den Berichten meiner Gesprächspartner, sondern auch sie bekamen für sich Impulse und gewannen nebenbei Erkenntnisse über sich selbst und ihre Bedürfnisse in dieser Lebensphase. Ich bekam zunehmend den Eindruck, dass über dieses Thema selten offen geredet wird. Zuzugeben, dass man mit dem Ruhestand nicht wirklich zufrieden ist, fällt schwer.
Später kamen Gespräche mit Vertretern der Arbeitgeberseite dazu. Auch hier traf ich auf Aufgeschlossenheit zu diesem Thema, aber genauso auf Zweifel an der Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit, etwas zu ändern. Eine herausragende Ausnahme stellte mein Gespräch mit dem langjährigen Geschäftsführer des Bosch Management Service, Alfred Odendahl, dar. Das Unternehmen hatte schon früh und strukturiert begonnen, auf das Potenzial der Ausgeschiedenen zu setzen.
Mit diesem Buch möchte ich die Diskussion über das in Wirtschaft und Verwaltung ungenutzte Potenzial von älteren Menschen ankurbeln. Ich möchte Arbeitgeber anregen, sich Gedanken zu machen, wie der Ausstieg aus dem Berufsleben als Einstieg in eine neue Phase mit einem Nutzen für beide Seiten gelingen kann. Vor allem im Handwerk, in mittelständischen Betrieben und im Öffentlichen Dienst brauchen wir ein Umdenken und neue Konzepte. Ich möchte aber auch Menschen am Übergang in diese neue Lebensphase anregen, sich rechtzeitig Gedanken über die Gestaltung ihres Ruhestandes zu machen. Die Verantwortung liegt auf beiden Seiten, der Ball befindet sich nicht nur in einem Spielfeld. Im gegenseitigen Austausch kann eine für beide Seiten gute Lösung entstehen.
Das Projekt Ruhestand kann dann gelingen, wenn wir weniger in Lebensalter, sondern mehr in umfassenden Kompetenzen denken.
Meinen Gesprächspartnern habe ich immer die gleichen Fragen gestellt, um Antworten auch vergleichen zu können. Ich habe mich entschieden, die Gespräche nicht als Ganzes zu übernehmen, sondern die Antworten dort einfließen zu lassen, wo sie individuell Meinungen beisteuern.
Meine Auseinandersetzung mit dieser Thematik ist einerseits eine sehr persönliche. Ich bin eine Betroffene. Andererseits bringe ich meine Kompetenz ein, wenn es darum geht, das Thema strukturiert und zielorientiert zu betrachten.
Ich bedanke mich bei den Menschen, die sich bereit erklärt haben, mit mir offen über sich und ihre Beweggründe im Rentenalter weiter zu arbeiten, zu sprechen. Sie waren für mich Vorbild und inspirierende Anregung. Ich komme ihrem Wunsch nach Anonymität nach.
Ich bedanke mich besonders bei Alfred Odendahl, der mir bereitwillig über den Bosch Management Service und seine Erfahrungen berichtete.
Ein Zeitungsbericht brachte mich zufällig auf die Spur des mittelständischen Unternehmens Dr. Thomas & Partner, die mir ebenfalls bereitwillig die Beweggründe auf das Potenzial der Älteren zu setzen, offen legten.
Zu Dank verpflichtet bin ich auch weiteren Vertretern der Arbeitgeberseite, die bereit waren sich meinen Fragen zu stellen.
Gerade, was die Arbeitgeberseite betrifft, war es für mich schwer, konkrete Beispiele zu finden, die die Ressource der Rentner im Fokus haben. Ich hoffe, es gibt sie weit mehr als ich sie gefunden habe.
„Wenn du eine Aufgabe hast und weißt, was du morgen tun wirst, dann erlebst du auch den nächsten Morgen.
Wenn du aber überlegen musst, was mache ich morgen, dann näherst du dich dem Tod.
Du musst immer ein Morgen haben.“
Oleg Popov (2)
Mein Vater hatte eine Aufgabe, die er mit großer Leidenschaft nach dem Ausscheiden aus seinem Berufsleben ausfüllte. Diese Aufgabe hatte ihn sein Leben lang begleitet und er fieberte seiner Pensionierung entgegen, um ausschließlich dieser Aufgabe nachgehen zu können. Mein Vater war leidenschaftlicher Jäger. Leider war es ihm nach dem Krieg, als die Entscheidung anstand, womit er seinen Lebensunterhalt bestreiten wollte, nicht gelungen, seine Leidenschaft auch zu seinem Beruf zu machen. Er hätte damit seine Familie nicht ernähren können.
