Genie und Gewissen - Michael Wolffsohn - E-Book

Genie und Gewissen E-Book

Michael Wolffsohn

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Beschreibung

Musik, Macht und Moral – wer war Herbert von Karajan im Nationalsozialismus? Bestseller-Autor Michael Wolffsohn legt durch diese historische Einordnung eine umfassende Neubewertung zu Karajan vor und korrigiert zentrale Fehleinschätzungen über dessen Verhältnis zum Nazi-Regime. Herbert von Karajan gilt als bedeutendster Dirigent des 20 Jahrhunderts. Sein Einfluss auf die Musik – nicht nur die Klassik – ist enorm. Er prägte einen eigenen Klangstil und hat bis heute ca. 300 Mio. Tonträger verkauft. Doch seine Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus wird kontrovers diskutiert. In Aachen, seiner ehemaligen Wirkungsstätte, wurde 2023 gar eine Büste Karajans aufgrund seiner Vergangenheit entfernt. Allerdings fehlte bislang eine vollständige historische Einordnung. Karajan – unpolitischer Künstler? Opportunistischer Mitläufer? Oder gar überzeugter Regimefreund? Michael Wolffsohn legt auf der Grundlage umfangreicher internationaler Archivarbeit mit teils erstmals ausgewerteten Quellen ein umfassendes Gesamtbild des Stardirigenten vor. Er widerspricht verbreiteten Annahmen einer besonderen Nähe Karajans zum NS-Regime. Wolffsohn betrachtet: - Handlungsspielräume, Opportunismus und Strukturzwänge im nationalsozialistischen Kulturapparat, - Karajans Mitgliedschaft in der NSDAP, - die Bewertung Karajans durch die Entnazifizierung, - politische Zuschreibungen von 1945 bis heute und wie sie den Blick auf Karajan prägten - sowie Karajans Ehe- und Familienleben anhand zahlreicher Quellenstücke. Mit "Genie und Gewissen" legt Wolffsohn eine differenzierte Gesamtschau vor, die zentrale Irrtümer korrigiert und eine fundierte Einordnung ermöglicht. Es ist - ein Beitrag zu einer historisch präzisen, nicht ideologisch verzerrten Auseinandersetzung mit Herbert von Karajan, - eine exemplarische Untersuchung über die Handlungsspielräume von Künstlern in autokratischen Systemen - sowie eine Einordnung, ob Kunst nur der Ästhetik oder auch der Politik, Ideologie und Weltanschauung verpflichtet ist.

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Seitenzahl: 519

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Michael Wolffsohn

Genie und Gewissen

Herbert von Karajan zwischen Musik und Nationalsozialismus

Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2026

Hermann-Herder-Str. 4, 79104 Freiburg

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich an

[email protected]

Umschlaggestaltung: Finken und Bumiller, Stuttgart

Umschlagmotiv: © Hanns Hubmann / bpk (Herbert von Karajan während eines Gastspiels beim Berliner Deutschlandsender, 1938)

E-Book-Konvertierung: ZeroSoft, Timișoara

ISBN (Print): 978-3-451-07317-5

ISBN (EPUB): 978-3-451-84123-1

ISBN (PDF): 978-3-451-84126-2

Inhaltsverzeichnis

Salzburger Ouvertüre: Statt einer biografischen Skizze

„Glühender Nazi“?

Salzburger Erinnerungs-Festspiele

Mythen und Irrtümer

Pro und Contra Karajan

Schuldig?

Teil I Musik und Politik

NAZIfizierung?

Unsichere Existenz: Wie Karajan eine Nazi-Karteileiche wurde

Dreimal Nazi? Von Ulm nach Aachen

Einschub: Rotary Aachen

Aufstieg und Fall im Dritten Reich: Gewichtete Fakten

Ein „zweites Wunder Karajan“?

Musikprogramm als Gesinnungstest?

Das „Judenhaus“ – „Villa Schubert“

ENTnazifizierung

Moralische oder funktionale Entnazifizierung? Neustart in Wien

Berlin ruft: Karajan und die Philharmoniker

Juden und Judenfreunde – Lackmustest oder scheinkoscheres Alibi?

Exkurs: Gazakrieg und Auschwitz als Kainszeichen

Rudolf Vedder (1895–1952)

Franz Kardinal König (1905–2004)

Edwin Fischer (1886–1960)

Christoph von Dohnányi (1929–2025)

Anita von Karajan, geborene Gütermann (1917–2015)

Otto Schulmann (1902–1989)

Michel Schwalbé (1919–2012)

Leon Spierer (geboren 1928)

Hellmut Stern (1928–2020)

Leonard Bernstein(1918–1990)

Henry Alter (1918–1999)

Ernst Lothar (1890–1974)

Ernst Haeusserman (1916–1984)

André Mertens (1904–1963)

Peter Csobádi (1923–2023)

Anne-Sophie Mutter (geboren 1963)

Bruno Kreisky (1926–1990)

Simon Wiesenthal (1908–2005)

Bruno Walter (1876–1962)

Isaiah Berlin (1909–1997)

Yehudi Menuhin (1916–1999)

Alexis Weissenberg (1929–2012)

Roberto Paternostro (geboren 1957)

Nathan Milstein (1904–1992) und David Oistrach (1908–1974)

Leonard Hirsch (1902–1995)

Evgeny Kissin (geboren 1971)

Mariss Jansons (1943–2019)

Gidon Kremer (geboren 1947)

Siegfried Salomon (1882–1962)

Erich Lessing (1923–2018)

Eugene Ormandy (1899–1985)

Arthur Rubinstein (1887–1982)

Theodor W. Adorno (1903–1969)

Heinz Galinski (1919–1992)

FREMDnazifizierung

Aufregung in Amerika?

„Klassenkampf“

Die American Federation of Musicians

Das jüdische Establishment

Das New York Philharmonic Orchestra

Das American Jewish Committee

Eine Stimme der Vernunft

Nachdenken, einordnen

Die Wiederentdeckung des „Nazis“

Der „James Bond der Nazis“?

Sowjets oder braunblinde Rote

„Heldenplatz“ oder Widerstand der Nachgeborenen

Das Salzburger Gutachten

Wiens Dilemma

Aachen – Karajan bei Kaiser Karl

Teil II Privates als Politisches?

Elmy von Karajan

Anita von Karajan

Isabel Karajan

Karajans Bücher

Rückblick und Ausblick: Geschichte, Ideologie und Transzendenz

Anhang

Archive

Deutschland

Frankreich

Israel

Österreich

USA

Vereinigtes Königreich

Zusätzlich

Quellen und Literatur

Personenregister

Anmerkungen

Über den Autor

„Kunst war nie ein Mittel, die Welt zu verändern, aber immer ein Versuch, sie zu überleben.“

Thomas Brasch, ein Verwandter (siehe „Deutschjüdische Glückskinder, Eine Weltgeschichte meiner Familie“)

Ich widme dieses Buch

dem Holocaustüberlebenden und langjährigen Berliner Konzertmeister Karajans

Michel Schwalbé (1919–2012)

sowie

Gisela Tamsen (1922–1995), der Pionierin vorurteilsfreier Karajan-Forschung.

Der von Schwalbé selbst gewählte Text auf seinem Grabstein – „Ein Leben für Musik und Aussöhnung“ – sagt viel nicht nur über ihn und seinen Chef, sondern auch über die Möglichkeit, Brücken über den Abgrund der Geschichte zu bauen.

Salzburger Ouvertüre: Statt einer biografischen Skizze

„Glühender Nazi“?

„Ardent Nazi“. Um diese beiden Wörter aus einem amerikanischen Geheimdienstbericht über Herbert von Karajan, datiert auf den 4. Januar 1946, kreist die Auseinandersetzung um Karajans Rolle in und nach der Ära der „großdeutschen“ NS-Megaverbrecher. War Karajan Nazi? Und was für einer? Formalnazi und als Mitglied der NSDAP nur eine Karteileiche, Gesinnungsnazi oder etwa NS-Täter?

Ohne Wenn und Aber, unumwunden hatte Karajan im Rahmen seiner „Entnazifizierung“ bereits 1946 und danach mehrfach in zahlreichen Interviews eingestanden: Ja, er sei NSDAP-Mitglied gewesen. Damit hielt er den Kampf um sein Ansehen nach dem zwölfjährigen „Tausendjährigen Reich“ für beendet. Er irrte. Noch heute „kämpfen“ Berufs- und Laienhistoriker, Musiker, Musikmanager, Journalisten, Politiker, Stammtischler, Männer in Nadelstreifen, Damen in Abendroben sowie Herr und Frau Jedermann um die „richtige“ politisch-ideologische Einordnung dieses Jahrhundertmusikers.

„Ardent Nazi“, diese beiden Wörter wirken bis über Karajans Tod hinaus, ja, bis heute. Eingeweihte geben sie ungeprüft weiter. Andere sind beeindruckt und dankbar, von Eingeweihten ihrerseits eingeweiht worden zu sein. Manche fühlen sich in ihrer Annahme bestätigt, anderen fällt es schwer, der Behauptung zu glauben.

War Karajan also Nazi, gar ein glühender Nazi? Wir begeben uns auf die Suche nach der „Wahrheit“ im Sinne der Faktizität, doch so und wo möglich, ohne die üblich-eitlen Fußnotenschlachten zu schlagen.

Viel bedeutsamer, weil grundsätzlich stellt sich – nicht nur, aber eben auch – im Zusammenhang mit Karajans Rolle im NS-Reich die ewige Frage der Kultur und zur Kultur: Ist Kultur eine Welt für sich oder ist sie unauflösbar mit der politischen Welt verflochten? Ist die Kultur, hier die Musik, Gegenwelt zur realen Welt der Verbrecher oder deren Dienstmagd?

Jedem Akteur in der realen Welt, besonders in der realen Welt des Verbrechens, stellt sich natürlich die Frage: „Kann ich, darf ich passiv bleiben und meine Passivität mit meinem Gewissen vereinbaren?“ Auch in der Gegenwelt der Ästhetik, hier: der Musik, stellt sich diese Gewissensfrage: „Kann, darf ich mich angesichts der Verbrechen um mich herum in mein ‚Schneckenhaus‘, in die Welt des Schönen und Reinen, einfach zurückziehen? Sehen ja, hören ja, aber nichts sagen, geschweige denn etwas dagegen tun?“

Unter erfreulicheren, demokratisch-marktwirtschaftlichen Vorzeichen stellt sich diese Frage weniger existentiell, doch nicht folgenlos: Ist Kultur Gegenteil oder Teil der Konsumwelt? Auch hierzu gibt es einen Karajan-Bezug, denn der Musiksoziologe Theodor W. Adorno bezeichnete den Starmusiker als „musikalischen Genius des Wirtschaftswunders“. Meistens wird Adorno falsch zitiert, mit „Dirigent des Wirtschaftswunders“. Der klein-feine Unterschied signalisiert Unkenntnis. Weshalb? Die Karajan-Kritiker reduzieren ihn auf seine Funktion als Dirigent. Ein solcher kann ein Feld-Wald-und-Wiesen-Kapellmeister oder leuchtender Stern am Musikhimmel sein. Letzteres hält der Musikexperte Adorno Karajan zugute und kritisiert ihn aus anderen Gründen. Aus welchen Gründen? Hierzu, liebe Leser, werden Sie um Geduld gebeten und auf das Kapitel „ENTnazifizierung“ und darin auf Adorno verwiesen.

Sowohl Stützen als auch Gegner bestehender Systeme beschäftigen sich seit jeher mit jener Urfrage der Kultur: System-Stabilisator oder System-Sprenger? Zur Veranschaulichung ein persönliches Erlebnis: Juli 1967, im überfüllten Audimax der Freien Universität Berlin. Der große alte Mann und Denker der Neuen Linken, der Philosoph Herbert Marcuse, diskutierte mit dem spätstudentischen Einpeitscher Rudi Dutschke (zwölftes Semester Soziologie) über diese weltbewegende Frage: „Wer ist Träger der erhofften antikapitalistischen Revolution?“ Für Dutschke war klar: „Das Proletariat!“ Marcuse schüttelte freundlich lächelnd sein weises und greises Haupt: „Nein, Rudi, du irrst dramatisch. Die Welt der Ästhetik, die Welt der Kultur ist die wahre revolutionäre Kraft. Sie vor allem ist Gegenwelt zur Realwelt.“

Daraus folgt: Eine nicht nur an der politisch-historischen Oberfläche plätschernde Karajan-Studie muss sowohl die politisch-historische Dimension darstellen und einordnen als auch und nicht zuletzt die Frage erörtern: Lebte und schuf Karajan durch seine Musik (s)eine Gegenwelt oder war seine Kunst Dienstmagd der jeweiligen Politik und Gesellschaft?

Schein und Sein, Schein oder Sein? Ein Urthema der Menschheit. Ein Thema, das auch den Menschen Herbert von Karajan betrifft. Ebenso die Menschen, die sich zu seinen Lebzeiten oder danach mit ihm beschäftigten. Freundlich, feindlich, neugierig. Manche interessiert nur seine meist „genial“ genannte Musikkunst, andere seine „Frauengeschichten“ oder die Fliegerei in seinen Privatflugzeugen, des Meisters Raserei schon 1929 mit dem Harley-Davidson-Motorrad, mit BMW, diversen Mercedes, Porsches (in Serien- und Sonderanfertigung), seine Skikünste, seine Kauzigkeiten oder – unser Thema – der tatsächliche oder vermeintliche, gar (so ein US-Geheimdienstbericht 19461) „glühende“ Nazi.

Mit offenen Augen durch seine Geburtsstadt schlendernd begegnet jeder Tourist sowohl dem Karajan’schen Sein und Schein als auch dem seiner Geburtsstadt Salzburg, ja, seines Vaterlandes Österreich. Ich schlenderte einmal mehr am 2. März 2025, nachdem ich Isabel Karajan ausführlich über ihren Vater befragt hatte, durch die (zwischen 1938 und 1945 „großdeutsche“ und nun wieder österreichische) Mozart-Karajan-Stadt. Wegen ihrer „größten Söhne“, Mozart und Karajan, durchweht diese schöne Stadt doch so etwas wie der Duft der großen weiten Kulturwelt.

Weshalb befragte ausgerechnet ich Isabel Karajan über ihren Vater? Weil Isabel und ihre Schwester Arabel, quasi in der Tradition der Historikerikone Ranke, wissen wollen „wie es eigentlich gewesen“. Sie wollen wissen, ob ihr Vater wirklich, wie vielfach behauptet, „Nazi“ war oder nicht. Ein löbliches Ansinnen – das mich eigentlich nichts angeht.

Als West-Berliner bis 1967 und nach 1970 – als 1947 in Israel geborener Sohn und Enkel von deutschstämmigen Holocaustüberlebenden diente ich von 1967 bis 1970 freiwillig in der israelischen Armee – hatte ich Herbert von Karajan oft erlebt. Vor allem in der hinreißenden Philharmonie, die von der Berliner Schnauze „Zirkus Karajani“ genannt wurde. Meine Eltern pilgerten regelrecht zu ihm. Ihr Philharmoniker-Abo schloss die Konzerte Karajans ein. „Er war zwar Nazi“, sagte meine Mutter immer, „aber erstens nur ein kleines, bedeutungsloses Rädchen und zweitens ist er für mich der weltweit beste Dirigent.“ So die Meinung meiner Mutter, und bekanntlich ist jede Meinung grundgesetzlich geschützt.

Warum habe ich mich – nach der Anfrage der Familie Karajan – entschieden, das Thema „Karajan und der Nationalsozialismus“ zu erforschen? Weil mich seit Jahren diese Frage immer mehr fesselte: Wie war es möglich, dass so viele hochgebildete und hochkultivierte Menschen – einige auf ihrem Gebiet sogar Genies – Vorläufer, Nachläufer, Mitläufer, Mitmacher oder sogar Mitmörder des nationalsozialistischen Verbrecherregimes wurden? Noch pointierter gefragt: Schließen Genie und Gewissen einander aus, Genie und niedere Gesinnung, Kultur und direkte oder auch nur indirekte Teilhabe an oder Funktionieren in der Barbarei?

Man denke in diesem Zusammenhang an Emil Nolde, Gottfried Benn oder Gustaf Gründgens. Klaus Mann hatte sich in seinem Roman „Mephisto“ diesem Thema und dem genialen Schauspieler Gründgens gewidmet. István Szabó hat auf Basis dieses eher mediokren Buches (meine Meinung …) einen großartigen Film produziert. Demselben Thema „Genie und Gewissen“ hat sich Filmkünstler Szabó im Zusammenhang mit Karajans Erzkonkurrenten Wilhelm Furtwängler in „Taking Sides – Der Fall Furtwängler“ zugewandt. Kurzum, „Genie und Gewissen“, dieses Thema interessierte mich zuerst und vor allem. Ergebnisoffen, emotional unbeteiligt. Sowohl bezüglich Herbert von Karajans als auch und erst recht bezüglich Isabels, Arabels oder Mutter Eliette Karajans.

Genug des Autobiografischen, des eigenen Erkenntnisinteresses sowie der Bestimmung des eigenen normativen Standortes. Methodisch zwingend, das Motto einer weltbekannten Tageszeitung umformend aufgreifend: „All the facts and documents that are to be found, quoted and analyzed.“

Salzburger Erinnerungs-Festspiele

In Salzburg stand ich in Max Reinhardts Arbeitszimmer, im Schloss Leopoldskron, das Erzbischof Leopold von Firmian im 18. Jahrhundert erbauen ließ und das – Scheinumkehrung christlich-jüdischer Geschichte – der jüdische (!) Theatermagier Reinhardt 1918 erworben hatte. Am 16. April 1938 wurde es ihm nach dem „Anschluss“ geraubt. „Arisierung“ nannte man das. Bevor das Anwesen, nicht mehr unter schwarz-katholischen, sondern braun-nazistischen Vorzeichen, wieder „judenrein“ wurde, hatte der berühmte Regisseur dort nicht nur „Hof gehalten“ und legendäre Feste gefeiert, sondern auch die von ihm und Hugo von Hofmannsthal gegründeten Salzburger Festspiele vorbereitet und für sie gearbeitet. Einer der Mitarbeiter war Herbert von Karajan. Im Sommer 1933 (also kurz nach seinem vermeintlichen Eintritt in die NSDAP) dirigierte er in der Max-Reinhardt-Inszenierung des „Faust“ die Bühnenmusik. Chamäleon, Opportunist, Gesinnungsnazi, Taktiker?

Als Vater führte Karajan seine Töchter Isabel (geboren 1960) und Arabel (geboren 1964) in den 1970er und 1980er Jahren stolz und gern zur Wirkungsstätte des großen Meisters.2 Wie nazistisch, narzisstisch oder narrzistisch mag so ein Vater gewesen sein? Führte der Dirigent (s)eine Variante des Verdi’schen „Maskenballs“ auf?

Herbert-von-Karajan-Platz: Gleich neben dem Großen Festspielhaus. Der Ort der Festspiele. Zuerst gab es nur die Sommerfestspiele Max Reinhardts: Jedermann auf dem Domplatz und mehr. Einen Steinwurf entfernt: die Felsenreitschule, die 1948 in eine Opernbühne verwandelt wurde. Wessen Idee? Herbert von Karajans. Aus eins mach zwei, zwei Wie eh und je seit 1920 im Juli und August – sowie seit 1967 zu Ostern. Wessen Idee? Herbert von Karajans. Noch mehr seine Festspiele. Und welches Orchester war in den Jahren seines Wirkens, 1967 bis 1988, für und bei diesen Osterfestspielen (und danach bis 2012) fest gebucht? Seine Berliner Philharmoniker, dessen Chef er von 1955 bis kurz vor seinem Tod im Jahre 1989 war.

Erbaut wurde das Große Festspielhaus zwischen 1956 und 1960. Architekt Clemens Holzmeister. An „seiner Seite brachte auch Herbert von Karajan Anregungen insbesondere zur Konzeption des Theatersaales in das Bauvorhaben ein. Weder Kosten noch Mühen wurden gescheut.“ Stolz klingt der Website-Text der Salzburger Festspiele.3 Eröffnung mit Festakt, versteht sich, am 26. Juli 1960. Dirigent? Na, wer wohl! Von 1956 bis 1960 agierte „HvK“ als Künstlerischer Leiter der Festspiele, blieb auch danach, bis 1988, Mitglied des Direktoriums und inszenierte und dirigierte, solange es seine Gesundheit erlaubte, die ganz besonderen Leckerbissen.

Salzburger Festspiele, egal ob zu Ostern, Pfingsten oder im Sommer: Bist du dort, bist du was. Sehen und gesehen werden. Glamour allemal. Aber mit Substanz, Weltkultur.

Salzburger Festspiele. Ohne zwei Genies undenkbar, unmachbar. Zuerst Max Reinhardt, das österreichisch-jüdische Theatergenie, und dann Herbert von Karajan, der geniale österreichisch-„großdeutsche“ Dirigent. Nazi-Dirigent? Das sei in diesem Buch geprüft.

Eine Gedenktafel der Stadt am Herbert-von-Karajan-Platz. Im Dezember 2022 beschloss der Kulturausschuss des Salzburger Gemeinderates folgenden Text: „Dr. h. c. Herbert von Karajan (1908–1989). In Salzburg geborener Dirigent, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. Er trat 1933 der NSDAP bei und nutzte das NS-Regime für seine Karriere. Künstlerischer Leiter der Salzburger Festspiele 1956–1960 und Gründer der Osterfestspiele 1967.“4

Wirklich so klar? Nutzte Karajan „das NS-Regime für seine Karriere“ oder nutzte das NS-Regime Karajan für seine Zwecke? Instrumentalisierte möglicherweise jede Seite die andere für ihre jeweiligen Interessen? Karajan habe das NS-Regime für seine Karriere genutzt – das bedeutet im Klartext: Ohne seine NSDAP-Mitgliedschaft hätte er es nicht so weit gebracht. Noch klarer: Eigentlich konnte er nichts oder wenig. Ist diese ebenso unausgesprochene Behauptung nicht zumindest etwas banausenhaft-hochmütig? Man mag Karajans Person, seine (un?)politische und opportunistisch(?)-angepasste Haltung unterschiedlich bewerten, kann man ihm aber seine musikalische Meisterschaft, manche sagen: Genialität, deswegen absprechen? Begegnen wir hier etwa einer unfreiwilligen Verharmlosung von Nationalsozialismus und Nationalsozialisten in dem Sinne, dass unausgesprochen behauptet wird, jeder Stümper wäre im Hitler-Reich erfolgreich gewesen, wenn er nur Parteigenosse (Pg.) war? Leider beherrschten die Nationalsozialisten ihr mörderisches Gesamtprojekt nahezu perfekt. Tragischerweise schließen Unmoralität und Funktionalität einander nicht aus. Man musste kein Stümper sein, um Nazi zu werden. Das bedeutet bezogen auf den Karajan-Gedenktafel-Text: Unfreiwillig (!) haben die Salzburger Verantwortlichen das NS-Verbrecherregime verharmlost.

Kritisch und gegenwartsbezogen gefragt: Nutzte – und nutzt bis heute – nicht die Stadt Salzburg ihrerseits den nach Mozart berühmtesten Sohn der Stadt für ihr kulturelles Flair? Ist es nicht ein wenig selbstgerecht, nur dem anderen zu unterstellen, er nutze jemanden oder etwas für sich, wenn man selbst ähnlich handelt? Kritik ja, Selbstkritik nein? Ist es nicht etwas selbstgerecht, nur den Vorfahren zu unterstellen, sie wären Opportunisten oder Zeitgeist-Mitläufer gewesen, wenn man selbst, freilich unter veränderten politischen Vorzeichen, sich ebenfalls dem Zeitgeist anschließt? Diese nur scheinketzerische Frage drängt sich auf. Von früheren Salzburg-Besuchen weiß ich, dass auf der Gedenktafel am Herbert-von-Karajan-Platz ein anderer Text zu lesen war: „In Salzburg geborener Dirigent. Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, künstlerischer Leiter der Salzburger Festspiele und Gründer der Osterfestspiele. Er begann seine Karriere im NS-Deutschland.“

Auch mit diesem Text wollten die Salzburger Verantwortlichen alles richtig, vor allem ausgewogen gestalten. Nach den Verdiensten wurde das wirklich (!) Unerfreuliche nicht verschwiegen: die NS-Mitgliedschaft. Leider stimmt jedoch die Aussage nur halb. Ja, Karajan „begann seine Karriere“ in Deutschland, aber, nein, nicht im nationalsozialistischen, sondern in Weimar-Deutschland, nämlich 1929 am Ulmer Stadttheater. Nebenbei: Jener Satz war auch grammatikalisch falsch. Richtig wäre „in NS-Deutschland“, weil sich das „in“ auf Deutschland bezog. Wollte man den Akzent der Aussage auf das Nationalsozialistische des damaligen deutschen Staates setzen, hätte es heißen müssen: „… im nationalsozialistischen Deutschland“.

Boshafte Zungen würden sagen: „Das ist eben Österreich. Einst bezeichnete man sich als erstes Opfer Hitler-Deutschlands, und erst lange danach beschäftigte man sich – widerwillig – mit der Anschluss-Begeisterung der Vorfahren.“ Den „Persilschein“ als erstes Hitler-Opfer stellten Österreich am 1. November 1943 in der Moskauer Deklaration die USA, die Sowjetunion und Großbritannien aus. Es sei das erste freie Land, das der typischen Angriffspolitik Hitlers zum Opfer gefallen sei. Teil zwei derselben Erklärung verdrängten die vielen, ab 1945 besiegt-befreiten, Österreicher nicht selten: Darin hieß es, dass Österreich als Kriegspartner Hitlers Verantwortung trage, der es nicht entrinnen könne. Aber in der Geschichtspolitik ist es wie mit der Speisenkarte im Gasthaus. Man wählt aus, was man mag. Mich erinnert diese Salzburger Realsatire an einen Gymnasiallehrer der 1960er Jahre. Von Beamten auf Lebenszeit war im Unterricht die Rede. Der Lehrer: „Ich war bisher dreimal Beamter auf Lebenszeit. Einmal in der späten Weimarer Republik, dann unter Hitler und jetzt als bundesdeutsch-westberliner Beamter. Ich frage mich, wessen Lebenszeit jeweils gemeint war.“ Harren wir also geduldig des nächsten amtlichen Salzburger Karajan-Textes.

Ja, aus heutiger Sicht wurde Salzburg, wie ganz Österreich, vom NS-Terror befreit. Wie Deutschland hatte es sich jedoch nicht selbst befreit. Groß- und Kleindeutschland wurden (den Alliierten sei Dank) im Zweiten, von Deutschland begonnenen, Weltkrieg besiegt. Befreit fühlten sich die meisten besiegten Österreicher und Deutschen, wenn überhaupt, erst viel später und die meisten ihrer Nachfahren ohnehin. Zu Recht. Dasselbe, zu unterschiedlichen Zeiten begutachtet, ist oft eben nicht dasselbe, sondern etwas ganz anderes.

Erst der Beginn der „Waldheim-Affäre“ leitete ab 1986 eine breite, selbstkritische Debatte über Schuld und Mitschuld von Österreich und Österreichern ein. Die, sagen wir, noch heute, auch in Karajans Salzburg und dort sowie in Österreich über Karajan erkennbare stilistische Unsicherheit der Vergangenheitsbewältigung mag auf die späte Besinnung der damals dominanten kollektiven und individuellen Gesinnung zurückzuführen sein. Neidisch belustigt liebten es „die“ Deutschen, sich mit diesem Kalauer über die „Ösis“ lustig zu machen: Ihnen sei es gelungen, der Welt einzureden, Hitler wäre Deutscher und Beethoven Österreicher gewesen.

Wie geschichtsethisch tugendhaft und einfühlsam antinazistisch ist die Stadt Salzburg wirklich, wenn sie einerseits Karajan als Nutznießer der Nazis dar- und bloßstellt und andererseits zuließ, dass Wolfgang Porsche im Jahre 2020 das ehemalige Wohn-„Haus“ des österreichisch-jüdischen Dichters Stefan Zweig, das Paschinger Schlössl auf dem Kapuzinerberg, kaufte und für den lächerlichen Preis von 40.000 Euro die Genehmigung der Stadt erhielt, einen unterirdischen Zufahrtstunnel von der Stadt auf seine Anhöhe bauen zu lassen? Wolfgang Porsche ist der Sohn Ferry Porsches, Mitentwickler von Hitlers KdF („Kraft durch Freude“)-Volkswagen, großer NS-Profiteur, ab 1941 SS-Untersturmführer … „Volkswagen“ und Zwangsarbeiter, Produktion für Wehrmacht und SS – keine Frage, Vaters Schuld ist nicht Sohnes Schuld. Aber ein Ferry-Porsche-Sohn im einstigen Wohnhaus des emigrierten Juden Stefan Zweig? Fingerspitzengefühl? In diesem Zusammenhang ist es zumindest kess bis mutig, wenn das amtliche Salzburg auf einer städtischen Plakette verklausuliert und dennoch klar behauptet, der Jahrhundert-Dirigent Karajan hätte seine Weltkarriere den Nazis zu verdanken.

Unweit der eher distanziert bis ablehnend formulierten Karajan-Gedenktafel ein Plakat: „Am 4. Mai 2025 jährt sich die Befreiung Salzburgs vom NS-Terror zum 80. Mal.“ Die Bürger werden aufgefordert, „alle 517 Stolpersteine in der Stadt Salzburg anlässlich dieses Jahrestages zu reinigen“. Eine wahrlich schöne, weil aktive und nicht versteint-verbale Erinnerungsgeste, würde sie mich nicht an den hinreißend klugen und bösen Carl-Merz-und-Helmut-Qualtinger-Monolog „Der Herr Karl“ erinnern. Dieser „Feinkostmagazineur“ Herr Karl war zuerst Sozialist, dann Christsozialer und seit dem „Anschluss“ vom März 1938 Nazi durch und durch. Den Herrn Levi ließ Herr Karl mit der Zahnbürste den Gehsteig putzen – wie einst die großdeutschen Herren die Wiener Juden. „Reibpartie“ hieß das im damaligen Politjargon in „Felix Austria“. Viele Wiener standen dabei und glucksten vor Vergnügen, während „ihre“ Juden das Trottoir bürsteten. Das (wie der Künstler wuchtige) „Mahnmal gegen Krieg und Faschismus“ des österreichischen Bildhauers Alfred Hrdlicka am Wiener Albertinaplatz (heute Helmut-Zilk-Platz) erinnert daran. Enthüllt wurde es im November 1988, 60 Jahre nach der „Reibpartie“ vom März 1938. So edel und antinazistisch die Gesinnung des Aufrufs, ob die Reinigungsaktion 2025 das passende geschichtsethische und -ästhetische Kontrastprogramm zu den „Reibpartien“ war, darf zumindest bezweifelt werden. Sieht Pietät oder Stilsicherheit nicht doch anders aus?

Noch zu nennende schein- oder seins-fortschrittliche Österreicher verdammen Karajan als Nazi und verehren zugleich den sozialdemokratischen, formaljüdischen Ex-Kanzler Bruno Kreisky als Ikone. Denselben Kreisky, der den ehemaligen FPÖ-Obmann Friedrich Peter ab 1970 aus koalitions-, sprich: machtpolitischen Motiven koscher stempelte, obwohl dieser als Obersturmführer der Waffen-SS an Kriegsverbrechen an der Ostfront beteiligt gewesen war.

In Salzburg gibt es (noch?) keine nach Bruno Kreisky benannte Straße, Allee oder einen Platz. Natürlich ist das lokalpolitisch bedingt, sprich: gewollt. Überraschend, denn es amtierten nach Kreiskys Tod durchaus Bürgermeister seiner sozialdemokratischen SPÖ, und auch der 2024 gewählte Bernhard Auinger gehört zur SPÖ. Ebenfalls lokalpolitisch bedingt gibt es im traditionell „Roten Wien“ den Bruno-Kreisky-Platz. Dort die Nummer 1: das „Austria Center Vienna“, Österreichs größtes Tagungsgebäude. Gleich daneben die „UNO-City“. Repräsentativ. Nicht weniger, doch anders (noch?) der Herbert-von-Karajan-Platz, direkt an der Wiener Staatsoper. Wie in Salzburg am Festspielhaus ist auch in Wien der Karajan-Platz historisch-geografisch absolut überzeugend gewählt, eben an der Staatsoper.

In Salzburg, zeitweise in Wien, (noch?) nicht in Berlin setzten sich engagierte Bürger, echte Citoyens, dafür ein, den jeweiligen Karajan-Platz umzubenennen. In Berlin geht man, pilgern manche regelrecht, in die grandiose, 1963 eingeweihte Philharmonie des genialen Architekten Hans Scharoun in der Herbert-von-Karajan-Straße 1. Ohne die Intervention von HvK wäre Scharouns Entwurf nicht verwirklicht worden. Wer dirigiert das Eröffnungskonzert im Zirkus Karajani? Und das Programm? Na, was wohl in der damals ehemaligen Reichshauptstadt und dann Frontstadt West-Berlin? Natürlich, Beethovens Neunte mit Schillers Schlusschor-Worten „Alle Menschen werden Brüder“. Eine wunderschöne Illusion, auch bezüglich Karajans.

Umbenennen, warum? Die Begründung, in Anlehnung an den Text der Salzburger Gedenktafel: Weil Karajan Nazi gewesen sei. Man machte es sich nicht leicht. Fachliteratur und eigene Dokumente wurden durchkämmt. In der Mozart-und-Karajan-Stadt Salzburg gibt es dazu eine eigenständige, sorgfältige, ernsthafte und tugendhafte Studie. Ergebnis: Daumen runter. Umbenennen! Später mehr dazu.

Mythen und Irrtümer

Was sagt „die“ Wissenschaft über Karajan als tatsächlichen oder vermeintlichen Nazi? Dazu nur eine skizzenhafte Zusammenfassung. Im Jargon der Wissenschaft nennt man das „Stand der Forschung“.

„Er war kein Nazi“, sondern Mitläufer, bilanziert der seinerzeit prominente österreichische Musikkritiker Kulturjournalist Karl Löbl auf etwa zehn Seiten seines zweiten Karajan-Buches.5

Österreichs, auch bezogen auf Karajan, kenntnisreichster Zeithistoriker Oliver Rathkolb sieht dieses „wirkliche Problem“: Karajan habe „nach 1945 nicht die Größe aufgebracht, seine Funktion im nationalsozialistischen Musik- und Kulturbetrieb in Europa kritisch zu hinterfragen“.6 Das ist falsch, denn bereits 1946 hat Karajan im Rahmen seines Entnazifizierungsprozesses, anders als die meisten der rund acht Millionen mitmachenden oder mitlaufenden Pgs., ohne Wenn und Aber seine Parteimitgliedschaft eingeräumt und dies als Fehler bezeichnet. Ebenso in unzähligen Interviews; nicht zuletzt mit einigen seiner Biografen. Zuletzt in seinem „Lebensbericht“ aus dem Jahr 1988.7 Darin Karajan resigniert: „Wir kennen alle die Debatten [über die NS-Mitgliedschaft; M. W.] und hören und sehen sie ja immer wieder – ich halte sie alle für falsch und irreführend, weil ich auch sehe, dass sie zu nichts mehr führen […] Ich weise [deshalb; M. W.] nie darauf hin, wie schwer es für mich und meine Frau zuletzt in Deutschland wurde.“8 Der Dirigent glaubte, er könne auch die öffentliche Debatte über sich selbst dirigieren. Was er nicht ahnte: In Österreich holte man bald nach und auf.

Warum ich Karajans Sichtweise für realistisch halte? Weil ich als jüdisch-deutscher Historiker natürlich die vielen, vielen teils hervorragenden Studien, Lehrinhalte, Medien- und Politikbeiträge über das „Dritte Reich“ und das universalhistorisch wirksame Gift des Antisemitismus kenne, dankbar schätze und mich teils selbst an ihnen beteiligt habe. Aber: Ich sehe, dass diese lobenswerten Bemühungen weder den gegenwärtigen Neonazismus, sogenannten Populismus noch, jedermann erkennbar, den globalen Antisemitismus-Tsunami seit Oktober 2023 verhindern konnten.

Richtig ist: Karajan war, so das wohl allgemeine Expertenurteil, zwar ein Musikgenie, doch alles andere als ein Sprachgenie, sein politisch-historisches Denken (und Fühlen?) sowie, daraus abgeleitet, Vokabular und Sprechen waren eher unterdurchschnittlich.

„Täter“ im nationalsozialistischen Staat sei Karajan gewesen, nicht nur „Nähe zu hohen SS-Funktionären und seine frühe Mitgliedschaft in der NSDAP (1933)“ sei zu konstatieren. Diesen Vorwurf erhebt Autor Klaus Riehle.9 Noch schlimmer: Agent des Sicherheitsdienstes (SD) in Aachen war Karajan, also im Geheimdienst der SS, seit 1939 dem Reichssicherheitshauptamt unterstellt, einem entscheidenden Instrument des NS-Verbrecherstaates beim sechsmillionenfachen Judenmorden, „Holocaust“. Jahre später schmolzen die Vorwürfe zusammen: „Wenn Herbert von Karajan sich nach dem Krieg nicht so aus dem Fenster hinausgelehnt hätte, mit bewussten Unwahrheiten, die er erzählt hatte, wäre die Auseinandersetzung heute vielleicht eine andere mit ihm.“10 Riehle selbst revidierte also. Nicht jedoch seinen zweiten Vorwurf: Er habe Goebbels nicht, wie behauptet, nur einmal „getroffen“, sondern „nachweislich mehrfach“. Was sagt das wirklich aus? Drittens: Karajans zweite Ehefrau, Anita, sei nicht „Halbjüdin“ gewesen. „Sie war ‚Vierteljüdin‘ und wurde von Goebbels geschützt.“11 Ist das entscheidend? Man beachte: Hier wurde das NS-Vokabular eins zu eins übernommen. Spricht „man“ – wohlgemerkt, im Rahmen antinazistischer Aufklärung – „schon wieder“ oder „immer noch“ über Voll-, Halb- oder Vierteljuden, also in NS-Deutsch? Und wurde sie geschützt? Wir werden sehen.

Ähnlich wie Riehle geht der Dirigent und Komponist Robert Bachmann vor. Seine Archivquellenbasis ist, wie die Riehles, so begrenzt, dass beide wissenschaftlich nicht ernst genommen werden müssen. Bachmann: „der Mord an Millionen schutzlos Verfolgter hat sich ‚aus sehr vielen schuldhaften Entscheidungen und Handlungen einzelner zusammengesetzt‘“. Das alles sei Ergebnis „unglaublichen Gehorsams“ gewesen.12 Durchaus, doch wo hat Karajan konkret beim NS-Millionenmorden welche Schuld auf sich geladen? Da, wo Bachmann Karajanisches beschreibt, etwa die Freundschaft zum „halbjüdischen“ (sic) Ulmer Kapellmeister und Kollegen Karajans, Otto Schulmann, liegt er, wie zu belegen, ganz und gar falsch. Ebenso falsch ist die von vielen wiederholte Behauptung, Karajan sei zweimal in die NSDAP eingetreten.13

Witzigerweise unterstellt Bachmann dem Doppel-Nazi Karajan, freilich (Vorsicht, Ironie) frei von jedwedem Antisemitismus, „jüdische Chuzpe“.14 Erstaunliche Kausalitäten bietet Bachmann ebenfalls. Teil eins: Karajan habe am 15. März 1939 in Stockholm „gastiert“. Falsch, am 29. Januar 1939 sowie am 1. und 7. Februar 1939. Teil zwei: „Gleichentags [also am 15. März 1939; M. W.] marschierten deutsche Truppen in die restlichen Teile der Tschechoslowakei ein.“15 Das geschah tatsächlich am 15. März 1939. Wegen jener drei Konzerte Karajans in Stockholm? Unfreiwillige Komik. Und so weiter und so weiter. Nebenbei: Den Namen des einstigen Intendanten der Berliner Philharmoniker, Gerhart von Westerman, schreibt Bachmann durchgehend falsch als „Westermann“. Die meisten Autoren, die über Karajan forschten und schrieben, sind keine Historiker. Die große Ausnahme ist Oliver Rathkolb.

Schein und Sein. Historiker können nur das Augenscheinliche anhand von Dokumenten, Zahlen, Daten, Taten, Fakten von und über Menschen nachweisen, belegen. Sie rekonstruieren, machen nachträglich manches, wahrlich nicht alles, sichtbar. Was im Menschen vorgeht, ist unsichtbar. So gesehen, besteht bei Historikern stets die strukturelle Gefahr, dass sie, methodisch bestens belegt, eine Scheinwelt rekonstruieren – weil und wenn sie sich nur auf das von außen Sichtbare oder Nachlesbare beziehen und nicht versuchen, ins Innere des jeweiligen Menschen zu dringen. Von außen nach innen. Das ist zugegebenermaßen bei Toten noch schwerer als bei Lebenden, doch ist es unmöglich? Hier sei es wenigstens versucht.

Wer kennt nicht den unsterblichen Satz aus dem „Kleinen Prinzen“ von Saint-Exupéry? „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Psychologen haben das weitaus bessere Instrumentarium als Historiker, um, wenn überhaupt, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Konkret zu Karajan: Ja, er war Mitglied der NSDAP, formal also eindeutig Nazi. Die einen sagen: zweimal 1933, am 8. April und am 1. Mai. Die anderen: im Frühjahr 1935. Wir werden sehen. War Karajan auch in seinem Innern Nazi, also Gesinnungsnazi? Und wenn nicht im Innern, hatte er als formaler Nazi – aus heutiger Sicht zu Recht – zu verdammende Taten zu verantworten?

Schostakowitsch hat in der Stalin-Ära komponiert, Karajan in der Hitler-Ära dirigiert. War, wer damals musizierte, deshalb in Deutschland Hitlerist und in der Sowjetunion Stalinist? Das Musizieren an sich ist auch in Diktaturen weder strafbar noch politisch schuldhaft oder unmoralisch. Beethoven und Mozart waren damals wie heute Beethoven und Mozart.

Diejenigen, die sich freiwillig in den Dienst einer Diktatur stellten, laden Schuld auf sich. Doch kann man auch von Schuld sprechen, wenn jemand von einer Diktatur für diese unfreiwillig und sozusagen notgedrungen ge- und missbraucht, also instrumentalisiert wird? Karajan hat sehr wohl erkannt, dass er instrumentalisiert wurde. „Es gab böse Intrigen gegen ihn [Furtwängler; M. W.], und ich diente seinen Gegnern als der junge, unverbrauchte Konkurrent.“16

Wie erlebten der Formalnazi Karajan und seine Nächsten, allen voran seine Frauen, mit ihm und er mit ihnen, ihren Alltag, jenseits von Glanz und Gloria? Hatten er und sie ihre eigene Gegenwelt? In der Musik, durch die Musik? Bot Karajan den „Volksgenossinnen und Volksgenossen“ seinerseits durch Musik, durch die Welt des Schönen, eine Gegenwelt zur massenmörderisch-terroristisch realen NS-deutschen Welt?

Wir müssen versuchen, so tief und indiskret wie möglich in Karajans Privatsphäre einzudringen, um diese Frage beantworten zu können. Führten Karajan und die (jeweiligen) „Seinen“ eine Art Zwitterleben: Hier bejubelt und dort erniedrigt, weil erpressbar? Wie und wodurch erpressbar?

Ich bummele weiter durch Salzburg und gelange an das „Karajan-Haus“. Es hat, recht besehen, zwei Adressen: Josef-Friedrich-Hummel-Straße 1, Ecke Elisabethkai, gleich neben dem Nobelhotel Sacher am Salzachufer sowie, Salzach-abgewandt, Schwarzstraße Nummer 9, früher Nummer 1. Ein Juwel mit traumhaftem Blick auf Altstadt und Burg. Der Elisabethkai – erinnert an Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn, „Sisi“ oder auch „Sissi“ (1837–1898). Josef Friedrich Hummel war Dirigent, Komponist, Direktor des Mozarteums und 1880 Gründer von dessen Orchester. Der Text der städtischen (?) Gedenktafel: „Geburtshaus Herbert v. Karajan, geb. 5. 4. 1908, gest. 16. 7. 1989.“ Hier nahm man es mit der Korrektheit auch nicht so genau. Geboren wurde Karajan nämlich im Sanatorium Schenk, einem Privatkrankenhaus. Auch gehörte nur ein Drittel des Hauses seit dem 12. April 1918 seiner Mutter. Am 16. März 1950 übertrug sie ihr Drittel zu gleichen Teilen ihren Söhnen Wolfgang und Herbert.17

Die Eltern: „Herr von Karajan war ein guter Dienstherr, seine Frau das Gegenteil“, erinnert sich Katharina Diernesberger, die 1906 als Dienstmädchen angestellt wurde. Martha Karajan „war in den letzten Monaten vor der Geburt ihres ersten Kindes [Wolfgang, geboren am 21. Juli 1906; M. W.] und brauchte jemanden, wo sie sich um gar nichts kümmern musste […] Mir oblag die ganze Wirtschaft und ich musste nachmittags in der Ordination mithelfen.“18 Eine kleine Kostprobe für die Liebenswürdigkeit von Frau Karajan senior: „Einmal war mein Kind sehr krank.“ Frau Diernesberger bat, zum Arzt gehen zu dürfen, „um zu wissen, was meinem Kind fehlt. Sie erlaubte es nicht.“19 Kein Wunder: „Ich sah nun, dass ich auch bei Karajan nicht bleiben würde. Die Frau hat mir verboten, das Haus zu verlassen, wenn sie jetzt sechs Wochen mit ihrer Mutter von Salzburg weggeht. Ich muss immer da sein, wenn der Herr Primar im Spital ist und nachmittags in der Ordination helfen. Ich kam mir wie eine Gefangene vor […] Als Frau Karajan heimkam, kündigte ich auf drei Tage. Da war sie nun freilich enttäuscht, da sie bald zur Entbindung kam.“20

Aber Musik, Musik, Musik. Auch und schon bei den Eltern: „Bei Karajan war jede Woche zweimal Musikabend […] Zum Schluss musste ich die Gäste hinabführen und aufsperren. Da bekam ich auch Trinkgeld, denn es war ja jedes Mal zwei Uhr früh, und am Morgen musste ich als Erste wieder auf. Einmal sagte die Frau Karajan zu den Gästen, sie brauchen mir kein Trinkgeld geben, ich hätte einen größeren Lohn, weil ich so lange aufbleiben muss. Das kränkte mich sehr, da ich ja [als Alleinerzieherin; M. W.] für das Kind sehr viel brauchte. Ich war noch nicht eine Woche fort, da kam die Frau im Fiaker angerauscht. Sie bat mich, doch über die Geburt und Taufe zu ihr zu gehen, da ihr die Köchin nach drei Tagen weggegangen sei.“ Kein Wunder bei der beschriebenen Gutsherrin-Art der Martha von Karajan. Dagegen Frau Diernesberger: „Das tat ich dem Herrn Primarius zuliebe.“21 Vater Karajan war demnach liebenswürdig(er).

Historisch, politisch viel bedeutsamer: Schwarzstraße 1 ist heute Schwarzstraße 9. Warum nicht Nummer zwei oder drei? Version eins: Weil die NSDAP in der damaligen Nummer eins ihr Salzburger Büro gemietet hatte. Das passt so schön zum Vorurteil: „Schon die Eltern … Der Apfel fällt nicht weit vom Stamme.“ Doch es kursieren unterschiedliche Versionen. Version zwei: Das Werbebüro wäre in der damaligen Schwarzstraße 9, also nicht im Haus Karajan gewesen. Version drei: Das Büro sei ein Kiosk gewesen. Ein Kiosk an, nicht in der Schwarzstraße 1. Die Karajans also schuldlos. Im Haus gab und gibt es mehrere (drei?) Eigentümer oder Mieter. Ging die Vermietung von den Karajan-Eltern aus, stimmten sie zu, wurden sie überstimmt? Das sagt das Stadtarchiv Salzburg: „Wir konnten im Zuge der biografischen Recherchen zu Herbert von Karajan keine weiteren Hinweise auf die NSDAP-Werbestelle in der Schwarzstraße finden, die in dem Ihnen bekannten Akt aus dem Bundesarchiv Berlin erwähnt wird. Soweit über ANNO recherchierbar, gab es in den Salzburger Zeitungen bis zum Parteiverbot keine Inserate der NSDAP über ihre Werbestellen. In den Zeitungen taucht ab ca. 1919 an dieser Adresse häufig das ‚Österreichische Verkehrsbüro‘ auf, beispielsweise ANNO, Salzburger Chronik für Stadt und Land, 1933-01-19, Seite 5. Ob es hier einen Zusammenhang gibt, wissen wir nicht.“22 Apropos Zeitung und Kiosk: Karajan hatte das Prinzip, „keine Zeitung zu lesen“.23 Das bedeutet: Er war ein unpolitischer Mensch, der allein in seiner Musik-Blase lebte und seinen ganz persönlichen Neigungen frönte. Musik als Gegenwelt?

Brachte die erwähnte stadtgeografische Nähe zum NSDAP-„Kiosk“ Herbert von Karajan auch in politisch- opportunistische Nähe? Mag sein oder nicht. Seit Beginn seiner Tätigkeit in Ulm, also ab 1929, hatte er sich seltener in Salzburg aufgehalten. Was daher in Deutschland politisch und nicht zuletzt karrierebedingt opportun war, dürfte weitaus wichtiger gewesen sein als der nachbarschaftliche Salzburger NSDAP-Blickfang. Dafür spricht auch das Datum seines vermeintlichen (?) Parteieintritts, der 8. April 1933. Dazu ausführlicher in den folgenden Kapiteln.

Die sterblichen Überreste Karajans ruhen in Anif. Auf dem Grab ein schönes Eisenkreuz. Auf dem Grabstein, schlicht: „Herbert von Karajan, 1908–1989“. Vor dem Friedhof auf einem Steinpodest. Der Text: „Herbert v. Karajan, langjähriger Bewohner von Anif“. Auf dem Steinpodest seine Büste.

In einem seiner zahlreichen Filmporträts verriet uns Karajan, er sei fest davon überzeugt, nach seinem Tod wiederzukehren. Das heißt es ebenfalls über den Messias der Christen, dessen Wiederkehr noch auf sich warten lässt. Noch ruht er auf dem Anifer Friedhof. Am Eingang ist das „von“ im Nachnamen ein „v.“, am Grab ein „von“. In der Rangstufe des Adels gibt es durchaus Unterschiede. Das abgekürzte v-Von ist „feiner“, weil „echt blaublütig“.24 Das muss mich Bürgerlichen nicht kümmern. Gibt es noch die Bourgeoisie? Karajan bediente sie jedenfalls. Bediente er das Bildungs- oder Wirtschaftsbürgertum? Wohl beide, und beide wollten „dabei“ sein. So gesehen, ist Theodor W. Adornos nicht unpolemisches Diktum, Karajan sei das „musikalische Genius des Wirtschaftswunders“, dreifach wirklichkeitsnah. Denn erstens wirkte Karajan in jener Ära. Zweitens war oder galt er damals als „der“ Dirigent. Drittens nannte der dem Publikum meistens als Jude „verkaufte“ Nichtjude, Großdenker, Exilant, Rückkehrer und eindeutige Antinazi Adorno den Maestro nie einen „Nazi“ oder „Antisemiten“. Von beidem verstand Adorno viel mehr als die meisten damals und heute. Er hatte Nazismus und Faschismus theoretisch wissenschaftlich durchdrungen und selbst durchlitten. Nicht unerwähnt sei, dass Adorno Karajans großes musikalisches Können schätzte, aber seine Art zu musizieren und Musik zu inszenieren nicht sonderlich mochte und dagegen polemisierte.

Anif: Wenn in Salzburg, wohnte Karajan dort mit seiner dritten Frau Eliette sowie den beiden Töchtern Isabel (geboren 1960) und Arabel (Jahrgang 1964). Der ständige Wohnsitz war St. Moritz in der Schweiz. Berge, Berge, Berge, sei es in Österreich oder im Engadin. Den leidenschaftlichen und vorzüglichen Skifahrer zog es zu ihnen und auf sie, wo und wenn nötig auch mit dem Hubschrauber. Privatflug, versteht sich.

Pro und Contra Karajan

So viel zum Karajan-Haus und -Grab. Was dachte man im Karajan-Haus? Wes Geistes Kind war er, in welchem politischen Geist erzogen ihn seine Eltern? Dass „Karajan ideologisch durchaus dem NS-Regime nahestand und deutsch-national sozialisiert war“, nicht nur durch die Eltern, bilanziert der österreichische Historiker Oliver Rathkolb zu Recht.25 Die Bewertung Rathkolbs ist eindeutig negativ. Ist sie richtig? So jedenfalls nicht. Zunächst hebt Rathkolb, absolut korrekt, Deutsch-Nationales (mit Bindestrich) im territorial und machtpolitisch dramatisch geschrumpften Österreich nach dem Ersten Weltkrieg vom Deutschnationalen (ohne Bindestrich) im Deutschen Reich ab 1918/19 ab. Die Bezeichnung „deutsch-national“ müsste gerade deshalb genauer beschrieben werden, denn sie enthält zwei Bezüge, die heutzutage für Demokraten durchaus unterschiedlich zu bewerten sind. Einen österreichischen sowie einen deutschen.

Der deutsche Bezug: Bis 1928 war die Deutschnationale (ohne Bindestrich!) Volkspartei (DNVP) erzkonservativ bis reaktionär und antirepublikanisch sowie im Kern antidemokratisch – aber eben nicht nationalsozialistisch. Ab 1928 war Alfred Hugenberg der starke Mann der DNVP, die unter seiner Regie noch weiter nach rechts rückte. Ja, die Hugenberg’sche Deutschnationale Volkspartei diente im Januar 1933 Hitler und Konsorten als Steigbügelhalter zur Macht, doch bereits im Juni 1933 war sie entmachtet und „gleichgeschaltet“. Die DNVP degradierte sich selbst zu einem der unzähligen nützlichen Idioten der Nazis. Missverständnissen sei vorgebeugt: Mich verbindet mit Hugenberg und den Deutschnationalen eine grimmige Antipathie. Mit seiner Ufa gehörte Hugenberg 1933/34 zu den „Arisierern“, sprich: Räubern meines Großvaters Karl Wolffsohn.26 Das entbindet mich aber nicht von der wissenschaftlichen Pflicht, sauber zu analysieren, sprich: zu unterscheiden.

Der österreichische Bezug: „Deutsch-National“ bedeutete nach dem Ende des großen Habsburger Vielvölkerstaates in der Ersten, nun demografisch, politisch und kulturell nahezu rein deutschen Österreichischen Republik dies: Wenn schon durch die Siegermächte des Ersten Weltkrieges nur aufs Deutsche geschrumpft, dann, so intensive Aktivitäten hierfür im Jahre 1919, solle das kleine Österreich bitte schön zum großen Bruder, zum – ab 1918 republikanisch-demokratischen Deutschen Reich. Es waren besonders die Spitzenmänner der österreichischen Sozialdemokraten, Karl Renner und Otto Bauer, die sich hierfür vehement einsetzten. Die Siegermächte machten diesen Plänen von Anfang an einen Strich durch die Rechnung – was ihrem deklamatorischen Ziel, der Verwirklichung des Selbstbestimmungsrechtes der Völker (auch hier) widersprach. Nicht einmal eine Volksabstimmung ließen sie zu. Renner befürwortete übrigens 1938 den „Anschluss“ an das Deutsche Reich Hitlers nachhaltig, ebenso die Annexion des Sudetenlandes im Herbst selben Jahres. Er blieb konsequent „großdeutsch“ – und wurde trotzdem (gerade deswegen?) 1945 zum ersten Präsidenten der Zweiten Republik Österreichs gewählt. So gesehen, ist die Verbindung „deutsch-national“ und „nationalsozialistisch“, gar erweitert um „völkisch“27, falsch.

Aber, aber … Karajans nicht ganz so „arische“ Mutter war bereits im Jahr 6 des „Tausendjährigen Reiches“, also 1939, von Adolf Hitler so be- und verzaubert, dass sie von „unserem lieben Führer“ sprach.28 Von Vater Ernst sind (bislang) keine vergleichbaren Liebesbekundungen auffindbar. Aber erstens sind die Sünden oder Dummheiten der Eltern nicht die Sünden oder Dummheiten der Kinder, und zweitens begingen, soweit bekannt, weder Mama noch Papa Karajan irgendein Verbrechen.

„Wie viele Österreicher und Deutsche war Karajan vom Antisemitismus der Zeit infiziert“, bilanziert Rathkolb, einen eigenen Zeitungsartikel zitierend.29 Und weiter: „Zwischen 1927 und 1928 trug er sich in den Studienbüchern der Universität Wien als ‚(Deutsch-)Arier‘ oder ‚Arisch‘ ein, was damals nur ganz rechte deutschnationale und offensiv antisemitische Studenten vermerkten. Seinen Eltern berichtete er, dass er bei dem Rechtsanwalt Dr. Karl Samuely eine Wohnung gefunden hatte: ‚Er ist ein Jude Rechtsanwalt.‘“30

Ist bereits die Nennung der Tatsache „Jude“ antisemitisch? Ich erinnere mich an meinen hochverehrten, eher areligiösen Glaubensgenossen, den legendären, unvergessenen Literatur-„Papst“ Marcel Reich-Ranicki. In einem seiner „Literarischen Quartette“ – ich glaube sogar, es sei in Salzburg zur Zeit der Festspiele gewesen – belehrte er einen Mit-Diskutanten: „Ich sage, die Vorhänge sind grün. Wie kommen Sie darauf, dass mir die Farbe Grün nicht gefällt? Ich beschreibe lediglich die Farbe.“ Zum Vermerk in den Studienbüchern später mehr.

Sein oder Schein? Gar beides? Fakt ist, und ich habe es bereits erwähnt, dass Karajan, ebenfalls als Student, mit dem Juden Max Reinhardt und seiner nicht ganz „arischen“ Entourage im Rahmen der Salzburger Festspiele zusammenarbeitete. Der Meister förderte den künftigen Maestro. War Reinhardt der sprichwörtliche „jüdische Freund“ eines Antisemiten, hier Karajans? Belege findet man nur für wechselseitige Wertschätzung.

Rathkolb selbst erwähnt: „Der Student Karajan durfte den Blüthner-Flügel des Rechtsanwalts benützen.“ Karajan verfahre hier wie Karl Lueger, Wiens legendärer und legendär antisemitischer Bürgermeister: „Wer ein Jud’ ist, bestimme ich.“31 War Lueger tatsächlich der „Erfinder“ dieses grässlichen Satzes? Das zynische Zitat wird auch anderen in den Mund gelegt. Sei’s drum. Wenn der jüdische Vermieter seinen Mieter auf seinem wertvollen Flügel spielen ließ, dürfte er den jungen Mann durchaus wertgeschätzt haben. Verschätzte er sich? Versteckte Karajan seinen Antisemitismus und spielte (wieder?) Maskenball auf kleiner Bühne?

Nazi oder nicht? Das ist hier die Frage. Bei jeder Antwort ist das Judenthema, sind Aussagen von Juden aus dem Umfeld Karajans ein, wenn nicht sogar der Lackmustest. Aus sechsmillionenfachem Grund. Der, im doppelten Wortsinn, Fall von Otto Schulmann ist deshalb ganz besonders aussagefähig. Von 1929 bis Sommer 1934 dirigierte Karajan am Stadttheater Ulm. Wahrlich nicht Mittelpunkt der Musikwelt. Am Anfang war der blutjunge Musikus als Kapellmeister die Nummer zwei. Nummer eins war Otto Schulmann, geborener Jude, katholisch getauft. Die Taufe interessierte die Nazis nicht, für sie zählte die jüdische „Rasse“. Schulmann galt als Jude. Als solchen nahm ihn auch Karajan wahr.32

1933 musste Schulmann weichen, emigrierte, richtiger: floh in die USA, und Karajan wurde Erster Kapellmeister. War er aktiv an dieser Ausbootung beteiligt? Dann trüge er Schuld. Nicht im NS-Unrechtsstaat, gewiss, aber nach rechtsstaatlichen Kriterien und erst recht im Sinne moralischer Schuld. Kein Wunder, dass Robert Bachmann in seiner Abrechnung mit Karajan mehr als nur andeutet, dass dieser, wie auch immer, an Schulmanns Abgang beteiligt war.33 Die zugänglichen Dokumente werden im Ulm-Kapitel dieses Buches präsentiert und interpretiert. So viel vorweg: Jene Behauptung ist falsch.

Fast jeder Karajan-Kritiker zitiert gern auch einen Satz aus einem Karajan-Brief an seine Eltern, Wien, 1. Juni 1934.34 Die Wiener Volksoper mochte Herbert nicht. Dort wolle er nicht dirigieren. Es sei „ja doch nur ein Vorstadttheater“ und „außerdem wird das gesamte Palästina dort gesammelt sein“.35 Historiker und Nichthistoriker seien daran erinnert, dass Palästina 1934 das Mandatsgebiet „Britisch Palästina“ und somit weder jüdisch-zionistisch noch arabisch-palästinensisch war. Den Namen „Palästina“ verfügte der Römische Kaiser Hadrian im Jahre 136 n. Chr., um die zuvor aufständische und dann besiegte Provinz „Judäa“ zumindest begrifflich zu entjuden. „Palästina“ war damals demnach politisch und demografisch weniger jüdisch als Berlin. So oder so, Karajan klopfte einen der vielen dummen antisemitischen Jedermannssprüche. Wie Millionen andere „Volksdeutsche“. Wären doch alle Antisemitismen so harmlos geblieben wie die historisch und inhaltlich total falsche Bezeichnung „das gesamte Palästina“ für „die“ Juden. Wir Juden haben für Antisemitismen dieser Kategorie eine ironische, scheinbar verniedlichende und zugleich ernst gemeinte Bezeichnung und nennen Tölpeleien jener Art „den guten, alten Rischess“. „Rischess“ vom hebräischen „Rescha“ für Bosheit. „Gut und alt“ soll heißen so viel wie: „Vergiss es. Wenn’s nur dabei bleibt.“

Der Pros gibt es viele: Judenfreunde, spätere Exilanten, Juden ebenso wie Nichtjuden, mit denen Karajan nicht nur beruflich harmonierte, nicht zuletzt im Rahmen der Salzburger Festspiele. Was zählt? Jene zeitgeistig antijüdische Palästina-Juden-Bemerkung oder, nach 1945, Karajans jüdische Freunde oder Mitstreiter und seine geradezu „verjudete“ Entourage. Dieses jüdische Umfeld, liebe Leser und Leserinnen, stelle ich Ihnen nachher ausführlich vor und dar. War es, von Karajan aus, emotional-freundschaftlich oder funktional-opportunistisch, alibiorientiert? Die Antwort ist zur Einschätzung von Karajans Haltung Juden gegenüber wichtig. Dabei sollte gelten, was der ungarisch-jüdische Holocaustüberlebende István Szabó in seinem großartigen, weil differenzierenden, Oscar-prämierten Furtwängler-Film „Taking Sides“ den amerikanisch-jüdischen Leutnant David Wills sagen lässt, als sich dessen Vorgesetzter, Major Steve Arnold, über Furtwänglers Verbal-Antisemitismen im Dritten Reich erregte: „Nennen Sie mir auch nur einen, der damals nicht antisemitische Sprüche klopfte.“ Es waren eben nicht nur die Hitlers, sondern davor auch die Luegers und Hugenbergs dieser Welt. Hitler beließ es nicht bei Sprüchen. Die Furtwänglers und Karajans jener Zeit waren schlimmstenfalls nützliche Idioten des Regimes. Aber Verbrecher, Täter? Und was zählt schließlich methodisch-wissenschaftlich mehr: zwei in der Jugend hingeworfene Rotzigkeiten über oder spätere Hilfen und Freundschaften für Juden und andere Menschen, die „rassisch“ bei den Nazis als Juden galten?

Mit einer (NS-Jargon) „Vierteljüdin“ hatte Karajan, ganz wörtlich, hautnahe Berührungen: mit Anita Gütermann aus der Nähseiden-Fabrikanten-Dynastie. Am 22. Oktober 1942 heirateten beide. Recht(s) und braun besehen war eine „arisch-vierteljüdische“ Verbindung im NS-Staat noch keine „Rassenschande“. Erst eine „arisch-halbjüdische“. Wer sich darauf einließ, musste damit rechnen, öffentlich mit einem umgehängten Schild zur Schau und Verachtung ausgesetzt zu werden. Zu lesen war zum Beispiel: „Ich bin am Ort das größte Schwein und lasse mich mit Juden ein.“ Trotzdem waren auch „vierteljüdisch-arische“ Beziehungen riskant.

Viele Biografen und Akteure gingen und gehen elegant über diese strukturelle, nicht personelle, Problematik hinweg. Reichsmarschall Görings „Einfluss“ habe dazu geführt, dass Frau von Karajan (geborene Gütermann, Enkelin eines Juden), die „Teiljüdin“ sei, zur „Ehren-Arierin erklärt“ wurde.36 Tatsächlich hatte nicht Göring, sondern sein Rivale Goebbels entschieden, wer hier Arier sei. Hinterher weiß man, wie jener entschied. Von vornherein war die „Nobilitierung“ alles andere als gewiss, denn gerade der Propaganda-Teufel Goebbels favorisierte Furtwängler gegenüber Karajan und tat alles, um die beiden gegeneinander auszuspielen.

Wenn Karajan zudem, wie viele, auch ihm Nahestehende, sagten, ein hundertprozentiger Opportunist gewesen wäre, hätte er es sich gerade bei seiner „Damenwahl“ erheblich leichter machen können. Wozu also? Vielleicht war Karajan ja doch nicht so antisemitisch? „Frau Gütermann war keine verfolgte Jüdin – ganz im Gegenteil“, befindet Oliver Rathkolb.37 Im Rückblick nicht, doch damals konnte sich das Schicksal auch für „Halb- und Vierteljuden“ jeden Augenblick ändern.38 Dabei war besonders Anitas Vater Paul emsig bemüht, sein „halbes Judentum“ bereits im Kaiserreich zu verdrängen. Anita (1917–2015): „Wir wurden als Kinder unentwegt getauft, was ganz komisch war […] Wenn Papi im Krieg war, nahm Mami schnell irgendein Weihwasser-Fläschchen, schüttete es uns über den Kopf – und wir waren katholisch. Kaum kam der Papi auf Urlaub, wurde man sofort zum protestantischen Priester geführt und zum Protestanten. Das war schon mal furchtbar albern, weil die Ehe kurz danach geschieden wurde.“39 Was weder Mutter noch Vater Gütermann ahnen konnten: dass eines Tages nicht die Religion, sondern die „Rasse“ entschied. Auch hundert Taufen konnten keinen Juden retten. Vater Paul war als „Halbjude“ nicht nur ein guter Christ, als NS-Untertan bemühte er sich ebenfalls sehr. 13 Tage nach Hitlers Überfall auf Polen pries er „die feste Zuversicht einer sicheren Führung“ und schwärmte von den „wunderbaren Erfolgen unserer braven Männer“.40 Dass er, ebenso wie Anita, seit den Nürnberger Gesetzen von 1935 gefährdet war, hatte auch Paul Gütermann verstanden: „Ich habe heute an Deine Mutter einen Abstammungsnachweis in doppelter Ausführung, bestätigt vom Standesamt, schicken lassen. Ich glaube, dass diese genügen sollten und ebenfalls noch eine Bestätigung des ev.[angelischen] Pfarramtes in Waldkirch, dass auch in der Richtung Deines Großvaters väterlicherseits Deine Großeltern und Urgroßeltern der ev. Kirche angehört haben. Es wird bei den Nürnberger Gesetzen ja bekanntlich immer auf die Großeltern der Betreffenden abgehoben und wenn da bei Deinem Großvater Alexander etwas hineinspielt, so ist das eben nicht zu ändern, dürfte aber meiner Ansicht nach bei einer Eheschließung bei wohlwollender Beurteilung kaum eine Rolle spielen.“41 Glatt verlief der Eheschließungsprozess also nicht. Von im Einzelnen nicht genannten „Schwierigkeiten“ berichtete Anita ihrem Vater.42 Seine Antwort: „Wir können da eben gar nichts machen, als immer wieder zu bestätigen, dass Deine sämtlichen Eltern, Großeltern und Urgroßeltern der christlichen Religion angehört haben.“43 Paul Gütermann kannte die Nürnberger Gesetze, aber so richtig verstanden hatte er sie offenbar noch nicht. Jedenfalls nicht die Dominanz der „Rasse“ vor Religion. Anita war mit seiner Antwort unzufrieden.44 Er ärgerlich und nun den NS-Rassismus erkennend und benennend: Es „ist nicht möglich, dass ich Arier aus dem Jahr 1750 servieren kann, wenn ich keine Unterlagen dafür habe.“45 Bang und bänglich war es dem halbjüdischen Vater, und er war froh, wenn „man uns […] in jeder Beziehung in Ruhe lässt“.46 „Furcht und Elend des Dritten Reiches“ (Bert Brecht) gingen auch an den Gütermanns nicht spurlos vorüber. 11. Oktober 1941, Aufatmen. Teilweise: „H.v.K. ist geschieden und wir hoffen nun nur noch, dass auch die letzten Schwierigkeiten meinerseits bald bereinigt sind.“47 Das fand dann auch der Vater „etwas aussichtsreicher […] über Dein Vorhaben mit H.v.K. Ist da irgendetwas Positives zu erwarten? Das würde mich sehr beruhigen.“48

„Bald bereinigt“? Erst fast genau ein Jahr später, Berlin, 13. Oktober 1942: „Lieber Pa, […] ich heirate in 10 Tagen.“ Erleichtert und erschöpft, weil „wir diese zwei Jahre alleine für dieses Glück gekämpft haben“.49 Alles glatt und problemlos? Von wegen. Und doch: „Im Oktober 1942, nach der gewissen Erlaubnis von Herrn Goebbels, heirateten wir“, resümiert Anita in ihren Erinnerungen.50 Über Bekannte erreichte Anita Goebbels’ Zustimmung. Nun entschied dieser millionenfache Schreibtischmörder nach schlechter Guter Rischess-Tradition, „wer Jud“ sei. Wegen oder trotz oder unabhängig von seinem vermeintlichen Parteiaustritt nach der Eheschließung mit seiner „Vierteljüdin“ – entzog des Führers Verführer Karajan noch mehr als zuvor seine Gunst im fremd- und selbstgesteuerten Wettbewerb mit Furtwängler.

Hat die („viertel“)-jüdische Connection also Karajans Karriere genützt? Nutzte er, wie auf der Salzburger Gedenkplakette zu lesen, das NS-Regime für seine Karriere? Karajan selbst behauptete nach 1945, wegen der ihm bereiteten Schwierigkeiten bei seiner Heirat sei er aus der Partei ausgetreten. Dafür gibt es kein Beweisdokument. Doch dass Partnerschaften zwischen „Ariern“ und Juden (welchen NS-„Grades“ auch immer) für beide gefährlich waren, steht außer Frage.

So mancher „Arier“, nicht zuletzt in der Welt der Kultur, ließ sich in der NS-Zeit von seiner jüdischen, halb- oder vierteljüdischen Ehefrau scheiden. Das war für sie nicht nur das Ende ihrer Ehe, sondern oft auch ihres Lebens. Karajan ließ sich von Anita deutlich „nach Hitler“ scheiden, 1958, um die deutlich jüngere Französin Eliette zu heiraten. Wären „rassische“ oder nationale Kriterien für ihn entscheidend gewesen, hätte er keine von beiden heiraten dürfen, denn auch für einen Spät- und Post-Habsburger waren „die“ Franzosen mit Ausnahme der Ära des „Allianz-Wechsels“ 1756 bis 1792 „Erzfeind“. Für einen „Großdeutschen“ ab 1938 ebenfalls. Stichwort Erster Weltkrieg. Außerdem, heißt es, habe es sich Karajan seit Mai 1941 mit „den“ Franzosen dauerhaft verdorben. Sein damaliges Pariser Konzert hatte er mit dem Horst-Wessel-Lied eröffnet. Seltsamerweise wurde er danach vom freiwillig teilnehmenden Pariser Publikum be- und umjubelt. Vielleicht musste er das Horst-Wessel-Lied spielen? Sein restliches Programm wäre von den verwöhnten und kundigen Parisern wohl kaum beklatscht worden. Warum aber wurde Karajan 1969 musikalischer Berater des Orchestre de Paris, wenn der Zorn „der“ Franzosen dauerhaft gewesen wäre? Wir werden auch das prüfen.

Seltsam nur, dass kaum ein Karajan-Ankläger sich über seine drei Dezember-1940-Konzerte im besetzten Paris entrüstet. Am 17. und 18. Dezember dirigierte er sein Städtisches Orchester Aachen für „deutsche Soldaten“ sowie am 19. für (was immer darunter zu verstehen war) „Pariser Soldaten“ eine „Soirée Musical de Noel“. Das Programm: die H-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach. Karajan berichtete seinem Berliner Staatsoper-Generalintendanten Heinz Tietjen: „Paris war in mehr als einer Hinsicht bekannt interessant, nicht nur wegen des schönen himmlischen und fraglos eminenten diplomatischen Erfolges – das erste Konzert für Franzosen seit dem Krieg – das von ihnen mit einem fast Berliner Enthusiasmus besucht und aufgenommen wurde.“51

War denn Karajan ein koscherer „Arier“? Schein und Sein sind hier ebenfalls nicht deckungsgleich. Es genügt ein Blick in das Jedermannslexikon Wikipedia, und auch gelehrte Bücher sagen nichts anderes: Das Geschlecht derer von Karajan wird erstmals 1743 als Familie „Karagiannis“ im damals osmanischen Nordgriechenland, Makedonien, erwähnt. Herberts Mutter stammte aus einer slowenischen Familie.

Die Griechen, Nord- wie Süd-, haben bekanntlich seit der slawischen Landnahme auf dem Balkan ab 590 – nicht zu knapp – „slawisches Blut“ (NS-Vokabular). Ebenso die manchmal „Alpenslawen“ genannten Slowenen, von denen Mutter Martha von Karajan stammte. Man muss kein Experte für nationalsozialistische oder frühere deutschnationale Rassenkunde sein, um zu wissen: „Die“ Slawen wurden von deutschen, österreichischen und ab 1938 großdeutschen Rassisten als „Untermenschen“ betrachtet. Sozusagen knapp über „den“ Juden. Die Verachtung von Slawen durch „die“ Germanen und ihre Nachfahren ist freilich keine Erfindung der Nationalsozialisten. Sie führt ins frühe Mittelalter zurück.

Wollte vielleicht Jung-Herbert als Salzburger „Konkneipant52 bei der schlagenden Alldeutschen Gymnasialverbindung Rugia“53 nicht gerade deshalb seiner echt „arischen“ Umwelt mit der Einschreibung in die Studienbücher als „arisch“ oder „(Deutsch-Arier)“ imponieren? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Eindeutig ist weder das eine noch das andere. Aber ein Beweis für Antisemitismus? Man übersehe nicht: Konkneipant war ein Mitglied mit eingeschränkten Rechten und Pflichten. Die Vermutung, Karajan habe imponieren oder überkompensieren wollen, ist also alles andere als unwahrscheinlich, wenngleich die Annahme weder bewiesen noch widerlegt werden kann. Allerdings suchte Karajan 1934/35 mit Hilfe seiner Eltern geradezu verzweifelt seinen „Ariernachweis“.54 Soll man das Schuld nennen oder Täterschaft? In seinen Bittbriefen an die Eltern fällt, wie beim frühen Paul Gütermann, auf, dass auch Karajan die Bedeutung der Religion über- und der „Rasse“ total unterschätzte.55

Klaus Riehle stellt, ausgehend von einer „ironisch“ anvertrauten Mitteilung zweier Zeitzeugen, die Vermutung in den Raum, Karajan habe „auch jüdische Wurzeln“.56 Dann präsentiert Riehle ein an Aachens Oberbürgermeister am 8. Januar 1936 gerichtetes Schreiben des Präsidenten der Reichstheaterkammer. Es liege bezüglich Herbert von Karajans eine „Anfrage der Reichsleitung der NSDAP“ vor. Es sei „Veranlassung […] gegeben […] da wiederholt gerüchteweise verlautet […], dass der Genannte ‚bedenkliche Lücken in seiner Ahnentafel‘ haben soll.“57 Gibt es auch nur einen einzigen Beleg für jüdische Ahnen Karajans? Nein.

Tatsache ist: Slawische Ahnen hatte Karajan. War angesichts seiner „rassisch“ nicht NS-salonfähigen, ja, eher als „Untermenschen“ eingestuften slawischen Vorfahren das von Karajan hervorgehobene „Ariertum“ nicht Mittel zum Zweck? Beruflich und vielleicht sogar existenziell? In der mir bekannten Literatur stellte keiner diese Frage, obwohl sie eigentlich naheliegt, wenn man auch nur einen ersten, oberflächlichen Blick auf seine Ahnentafel wirft.

Bezüglich der Balkan-Slawen waren andererseits im rassistischen NS-Staat die Übergänge zwischen „akzeptiert“ und „Untermenschen“ fließend. Motto, in meinen Worten: „Wer Slawe ist, bestimme ich.“ Wiederum andererseits: Karajan und seine Familie waren nicht nur in der NS-Frühphase höchst beunruhigt, dass sie und besonders er den NS-Deutschen nicht „arisch“ genug sein könnten.

Eher unwillentlich bestärkt die Karajan-Biografie Klaus Riehles diese Vermutung.58 Ausführlich zitiert er aus Briefen Karajans, vor allem an seine Eltern, in denen er sie 1934/35 nahezu verzweifelt und verzweifelnd bittet, ihm die für seine Aachener Anstellung unverzichtbaren Ariernachweise zu organisieren und zuzuschicken. Glattgelaufen? Keineswegs. Wer Einzelheiten mag, lese bei Riehle nach.

Nein, nicht nur 1934 sorgte sich die Familie furchtsam, weil zumindest Probleme fürchtend, um ihre „Rassenreinheit“ im „großdeutschen“ Sinne. Zum Beispiel im August 1938 bat Karajans Mutter ihren Bruder um die „gewünschten Papiere“.59 Offenbar hatte es Nachfragen „zwecks Abstammung unseres [Hervorhebung im Text; M. W.] Vaters 60 gegeben. „Wegen Jugoslawien wird man höchstens durch das Konsulat hier in Graz näheres erfahren können, vorausgesetzt, dass die dort einem überhaupt antworten. Hinzufahren würde ja zu viel kosten und höchstens einen Erfolg haben, wenn man auch die Sprache sprechen könnte.“61 Eben „rassisch“ fließende Grenzen und damit mögliche Gefahr für den mütterlichen ebenso wie den väterlichen Stamm. Mutter Marthas „Sorgen“62 versuchte Bruder Adolf zu mildern: „beruhige Dich, es wird in nächster Zeit möglich sein, Gewünschtes Dir einzusenden“. 63

Fakt ist: Karajan hatte slawische Vorfahren. Und solche konnten gemäß der NS-„Rassenlehre“ keine Arier sein, geschweige denn gute. Lässt man sich auf die NS-Ideologie ein – und das muss man, um Karajans damalige Situation historisch und psychologisch beurteilen zu können –, bedeutet diese Tatsache: Über Karajan hing im NS-Staat ein Damoklesschwert.

Erste, makabre Ironie der Geschichte: Karajan war zum 13. Juni 1939 eingeladen, in Athen das dortige Conservatory Symphony Orchestra zu dirigieren. Offenbar beharrte ausgerechnet das seit dem sechsten nachchristlichen Jahrhundert mehrheitlich aus Slawen bestehende Griechenland auf einem „Abstammungsnachweis“, sprich: Ariernachweis. Karajan erhielt ihn von der „Reichsstelle für Sippenforschung“ mit dem Vermerk: „Gegen die Annahme, dass der oben Bezeichnete nicht Jude im Sinne der Ausführungsbestimmungen zum Reichsbürgergesetz ist, bestehen keine Bedenken. Diese Bescheinigung ist ausschließlich bestimmt zur Vorlage beim […] griechischen Generalkonsulat in Berlin.“64 Es besteht kein Zweifel: „Der Antrag wird gestellt zwecks Einreise nach Griechenland wegen Konzert in Athen.“65 Zweite makabre Ironie der Geschichte: Ab April 1941 wurde das „rassenpolitisch“ NS-konforme Griechenland Opfer des NS-deutschen Staates.

Schuldig?

Allerlei Räuberpistolen bieten manche Biografen: zum Beispiel die Beschreibung der Umstände von Karajans Verhältnis im Frühjahr 1943 in Treuenbrietzen mit der Mutter seiner vermeintlichen unehelichen Tochter. Einer der Kronzeugen: der unvergessene Chef der DDR-Staatssicherheit, Erich Mielke.66 Jahre später entdeckte derselbe Autor eine weitere Liebschaft Karajans, diesmal aus Krefeld in den Jahren 1933 bis 1935, und deckte sie auf. Wichtiger: Den Vorwurf, Karajan sei auch ein Agent des SD in Aachen gewesen, hielt er weiter aufrecht.67 Die US-Sicherheitsdienste hatten kurz vor Karajans Tod, Anfang 1989, ein, wie es schien, echtes, ihn betreffendes Problem entdeckt. Man „entdeckte“ und thematisierte dort eine bereits 1945/46 aufgetauchte Beschuldigung: Karajan sei in Aachen seinerzeit Agent des Sicherheitsdienstes (SD) des Reichsführers SS gewesen. War das wahr? Also doch Überzeugungstäter? Karajan drohte die dauerhafte Einreisesperre in die USA. Der US-Justizminister sollte entscheiden. Dazu kam es nicht mehr. Am 16. Juli 1989 starb Karajan in Anif. Wir werden den Wahrheitsgehalt dieser Behauptung prüfen.

Räuberpistole, Nazi, Stasi, Sex und Seitensprünge – das alles, um aufzuzeigen, „dass Herbert von Karajan und seine Ehefrau Anita keine Opfer, sondern Täter sind“.68 Was nachzuprüfen und dabei zu fragen wäre, von welcher Art ihre Täterschaft, also ihre Schuld, gewesen sein sollte.

Schuld? Die Jaspers’schen Schuldkategorien halte ich nach wie vor für den besten, weil nachvollziehbaren Maßstab:69

Die

kriminelle Schuld

aufgrund objektiv nachweisbarer Gesetzesverstöße,

die

politische Schuld

durch Handlungen der Staatsmänner, an denen der Einzelne durch seine Staatsbürgerschaft und durch seine Mitverantwortung, wie er regiert wird, beteiligt ist,

die

moralische Schuld

durch Handlungen, deren Charakter nicht allein dadurch nicht verbrecherisch wird, dass sie befohlen sind,

die

metaphysische Schuld

aus der Mitverantwortung für alles Unrecht und alle Ungerechtigkeit in der Welt

(Wenn ich nicht tue, was ich kann, um es zu verhindern, so bin ich mitschuldig.)

.

Die Instanzen zur Klärung der einzelnen Kategorien der Schuld sind

zur ersten Kategorie das

Gericht

(im formellen Verfahren),

zur zweiten die

Gewalt

und der Wille des Siegers (wenn das Regime im Krieg unterlegen ist),

zur dritten das

eigene Gewissen

und schließlich

Gott allein zur vierten Kategorie – womit wir abschließend beim Salzburger Domplatz wären, wo Hofmannsthals „Jedermann“ jedes Jahr aufgeführt wird.

Am Ende meines karajanbiografischen Salzburg-Bummels frage ich mehr als zuvor nach Schein und Sein bezogen auf Karajans NS-Vergangenheit und deren „Bewältigung“. Machen wir uns auf den Weg zur „Wahrheit“ – im Sinne von „Richtigkeit“ bzw. Korrektheit. Suchen wir Nachprüfbarkeit. Ich sammele die erreichbaren Fakten und versuche, sie in den persönlichen, familiären und allgemeinhistorischen Zusammenhang einzuordnen. Das Urteil fälle jeder selbst.

Ende der Salzburger Ouvertüre. Anfang der historischen Karajan-„Oper“. Vorhang auf!

Teil I Musik und Politik

NAZIfizierung?

Tatsachen und Legenden seien einander gegenübergestellt. In drei Phasen muss man Herbert von Karajans NS-Vergangenheit unterteilen.

Phase eins: Wann, wie, warum, ob und wie intensiv er NSDAP-Mitglied wurde oder blieb.

Phase zwei: Wann, wie, warum, ob, wie intensiv und von wem er ENTnazifiziert wurde.

Phase drei: Wann, wie, warum, ob, wie intensiv und von wem er seit den 1980er Jahren auch nach seinem Ableben FREMD- bzw. REnazifiert wurde.

In drei verschiedenen Kapiteln seien diese Frage beantwortet. Vorweg diese nicht nur auf NS-bezogene, empirische Forschung beruhende Aussage, sozusagen als Grundtatsache: Die formale Mitgliedschaft in einer Partei ist mit ja oder nein eindeutig zu beantworten. Sie ist objektivierbar und hängt nicht von der Wahrnehmung oder Einstellung des diese Tatsache feststellenden Subjektes ab.

Über die subjektive Einstellung, die wahre Gesinnung, des jeweiligen Parteimitgliedes sagt die Mitgliedschaft an sich nichts aus. Anders formuliert: Die Mitgliedschaft an sich ist keineswegs automatisch auch die Einstellung des jeweiligen Mitglieds für sich selbst. Noch kürzer und formelhaft: Eine Mitgliedschaft an sich ist nicht notwendigerweise eine Mitgliedschaft für sich. An dieser fundamentalen Unterscheidung scheiterten bislang so manche, die über Karajans Nazi-Vergangenheit urteilten und ihn verurteilten. Historiker, Politiker, Journalisten und Jedermänner. Wer weiter ein Karajan-Foto (oder mehrere) mit Hakenkreuz-Armbinde sucht und gar findet, setzt Schein und Sein gleich. Oberflächlichkeit als Methode.

Judenretter Oskar Schindler war formal Nazi. Anfänglich vielleicht, möglicherweise, wahrscheinlich, überzeugter. Oder nur Nazi aus Opportunismus? Später wurde er Judenretter und als solcher die Ikone der Judenretter. Wahrlich nicht jedes NSDAP-Mitglied war oder wurde ein Oskar Schindler, doch nicht jedes formale Parteimitglied auch glühender Parteisoldat oder gar Täter. Wie viele Mitglieder waren eher Karteileichen? Sehr spät und trotzig gestand Günter Grass seine SS-Mitgliedschaft ein. Kollege Siegfried Lenz war Pg. und „danach“ ein guter Freund des Holocaustüberlebenden Marcel Reich-Ranicki. Der eher linke Kabarettist Dieter Hildebrandt bestritt bis zuletzt seine Mitgliedschaft. Die Mutter habe wohl seinen Aufnahmeantrag unterschrieben. Kontrafaktisch, weil ohne eigenhändige Unterschrift keine NS-Mitgliedschaft. Siegfried Unseld, „der“ Verleger fortschrittlicher Nachkriegsschriftsteller, verheimlichte das Pg.-Faktum. Erst nach seinem Tod wurde es bekannt. Des Antinazis Willy Brandt Minister Horst Ehmke, Erhard Eppler, Karl Schiller (alle SPD) oder Josef Ertl (FDP) waren Parteigenossen. Sie alle be- oder verschwiegen diese Tatsache und sonnten sich im hellen Schein von Willy Brandt. Anders Karajan: Bereits im März 1946 hatte er ohne Drumherumgerede eingestanden, der NSDAP beigetreten zu sein. Ein Fehler sei das gewesen, fügte er hinzu.