Geoökonomie - Serge Ragotzky - E-Book

Geoökonomie E-Book

Serge Ragotzky

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Beschreibung

Der Begriff der Geoökonomie hat sich in der politischen Debatte seit einigen Jahren zu einer beliebten Vokabel entwickelt. Ziel dieser Darstellung ist es, einen einführenden Überblick über die geoökonomischen Verhältnisse unserer Welt aus einer Vogelperspektive zu geben. Zentrales Thema dieses Buches ist das Handeln von Staaten im Kontext geopolitischer Realitäten und ökonomischer Machtverhältnisse. Der Autor spannt den Bogen von der Berücksichtigung historischer, rechtlicher, ökonomischer, kultureller und soziologischer Aspekte über die wichtigsten ökonomischen Machtfaktoren, die den Staaten zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele zur Verfügung stehen, bis hin zur Betrachtung einzelner Staaten, ihres Handelns und ihrer Einbettung in ein globales System. Das vorliegende Buch leistet einen Beitrag zum Grundverständnis geoökonomischen Handelns in der realen Welt. Konkret werden u.a. folgende Fragen behandelt: Wie werden geoökonomische Hebel gegen Wettbewerber eingesetzt? Welche Optionen bestehen für die Lösung bestehender globaler Konflikte?

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Seitenzahl: 321

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Serge Ragotzky

Geoökonomie

Finanzmärkte und wirtschaftliche Ressourcen als Hebel staatlicher Macht

Umschlagabbildung: © Suphanat Khumsap iStockphoto

 

In der Lehre immer am Zahn der Zeit zu sein, wird in unserer schnelllebigen Zeit immer mehr zur Herausforderung. Mit unserer neuen fachübergreifenden Reihe nuggets präsentieren wir Ihnen die aktuellen Trends, die Forschung, Lehre und Gesellschaft beschäftigen – wissenschaftlich fundiert und kompakt dargestellt. Ein besonderes Augenmerk legt die Reihe auf den didaktischen Anspruch, denn die Bände sind vor allem konzipiert als kleine Bausteine, die Sie für Ihre Lehrveranstaltung ganz unkompliziert einsetzen können. Mit unseren nuggets bekommen Sie prägnante und kompakt dargestellte Themen im handlichen Buchformat, verfasst von Expert:innen, die gezielte Information mit fundierter Analyse verbinden und damit aktuelles Wissen vermitteln, ohne den Fokus auf das Wesentliche zu verlieren. Damit sind sie für Lehre und Studium vor allem eines: Gold wert! So gezielt die Themen in den Bänden bearbeitet werden, so breit ist auch das Fachspektrum, das die nuggets abdecken: von den Wirtschaftswissenschaften über die Geisteswissenschaften und die Naturwissenschaften bis hin zur Sozialwissenschaft – Leser:innen aller Fachbereiche können in dieser Reihe fündig werden.

 

Prof. Dr. Serge Ragotzky ist Professor an der Fakultät Betriebswirtschaft und Internationale Finanzen der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen.

 

DOI: https://doi.org/10.24053/9783381146628

 

© UVK Verlag 2026‒ Ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KGDischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

 

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

 

Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor:innen oder Herausgeber:innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor:innen oder Herausgeber:innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich.

 

Internet: www.narr.deeMail: [email protected]

 

ISSN 2941-2730

 

ISBN 978-3-381-14661-1 (Print)

ISBN 978-3-381-14663-5 (ePub)

Inhalt

1 Einführung2 Lehren aus der Geschichte2.1 Staaten als politische Gemeinschaft2.2 Entstehungsgeschichte expansiver europäischer Staaten2.3 Entwicklung zur Westfälischen Ordnung2.4 Westliche Kolonialherrschaft2.5 Europa in der Thukydidesfalle2.6 Transatlantische Machtverlagerung2.7 Neuer Sheriff in der Stadt2.8 Westlicher Pyrrhussieg im Kalten Krieg2.9 Emanzipation und Aufholjagd des Ostens und Südens3 Staatliche Macht und Macht im Staate3.1 Legitimation staatlicher Macht3.2 Eliten und Völker3.3 Funktionseliten in globalen Organisationen und Unternehmen3.4 Club der Milliardäre3.5 Zerrissener Westen3.6 Perspektiven westlicher Nationalstaaten4 Wichtige geoökonomische Machthebel4.1 Freihandelstheorie4.2 Handelsabkommen und Zölle4.3 Nahrungsmittel und Rohstoffe4.4 Demographie und Bildung4.5 Geld und Finanzmärkte4.6 Technologie und Innovation4.7 Wettrüsten4.8 Guerillataktiken5 Geoökonomische Positionen einflussreicher Staaten und Bündnisse5.1 Die Vereinigten Staaten von Amerika5.2 Europa5.3 China5.4 Russland5.5 Indien5.6 Ausgewählte weitere wichtige Staaten6 Zusammenfassung und AusblickLiteraturhinweiseIndex

1Einführung

Die Verhängung von Zöllen und Sanktionen, die Kontrolle über Ölvorkommen, Gaspipelines und Seltene Erden, die Beherrschung von Produktionsstätten und Handelsketten für Mikrochips und Antibiotika, die Kontrolle technologischer Infrastruktur:

In einer globalisierten Welt definiert wirtschaftliche Macht zunehmend geopolitische Einflusssphären. Der Terminus „Geoökonomie“ hat sich deswegen zu einem Schlüsselbegriff entwickelt. Doch was verbirgt sich hinter diesem oft missverstandenen Ausdruck? Der Begriff setzt sich aus den altgriechischen Wörtern „geo“ (Erde) und „Ökonomie“ (Wirtschaft) zusammen, beschreibt damit aber nur unvollständig ein vielschichtiges Themenfeld. Geoökonomie vereint Geographie, internationale Politik und Wirtschaftswissenschaften. Die in der Disziplin gewonnenen Erkenntnisse helfen, das Handeln von Staaten und Entscheidungsträgern in einer komplexen, von gegenseitigen Abhängigkeiten und Unsicherheiten gekennzeichneten Welt zu beschreiben und zu erklären.

Dieser Text führt in die Grundlagen der Geoökonomie ein, beleuchtet ihre historischen Wurzeln und zeigt, wie Staaten wirtschaftliche Instrumente nutzen, um ihre politischen Ziele zu erreichen. Geoökonomie entstand durch die schrittweise Abgrenzung und Vernetzung der verschiedenen Wissensbereiche. Der erste Schritt war die Definition der Geopolitik, der zweite die Entwicklung der International Political Economy und der dritte die Synthese der beiden Gebiete zur Geoökonomie.

Die Wurzeln der Geopolitik

Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts haben Geographen die Bedeutung der räumlichen Positionierung von Staaten für deren außenpolitisches Handeln erkannt, unter anderem Halford Mackinder (Oxford) und Karl Haushofer (München). Diese Forscher waren die Begründer der akademischen GeopolitikGeopolitik, die analysiert haben, welche Einflüsse geographische Gegebenheiten und Dynamiken auf politische Strategien und Handlungen haben. Das Konzept der Geopolitik hat sich im weiteren Verlauf zu einer praktischen Methode sicherheitspolitischer Entscheidungsfindung und -umsetzung von Großmächten entwickelt, sowohl in Autokratien als auch in Demokratien.

Mackinder entwickelte die Theorie, dass die Kontrolle über Eurasien die Weltherrschaft sichert, da dieser Kontinent die meisten Menschen und Ressourcen der Welt vereint.

„Who rules the Heartland commands the World-Island; who rules the World-Island commands the World“.

Die Weltinsel besteht aus den Kontinenten Europa, Asien und dem mit Eurasien direkt verbundenen Afrika. Das Heartland umfasst Teile des heutigen Russlands, der zentralasiatischen Staaten wie Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan sowie angrenzende Regionen weiterer Staaten. Mackinder betonte, dass das Heartland aufgrund seiner Ressourcen und seiner Unzugänglichkeit für Seemächte die strategische Schlüsselregion ist, um die Welt zu dominieren. Viele Jahrzehnte später bestätigte Zbigniew Brzezinski Mackinders Analyse: Eurasien beherrschen bedeutet, zwei der drei wirtschaftlich stärksten Regionen zu kontrollieren, Europa und Asien. Für Brzezinski ist dabei die Ukraine die Drehscheibe (Brzezinski, 1997).

Eurasische Kontrolle entsteht von innen, durch Eroberung oder Kooperation, oder außen, durch Intervention. Historische Fehlschläge wie Napoleons und Hitlers Ostfeldzüge illustrieren die Risiken kontinentaler Expansion durch militärische Aggression. Im Kontrast steht Chinas Belt-and-RoadBelt-and-Road-Initiative: Ein kooperativer Ansatz, der Eurasiens Infrastruktur unter Pekings Führung verbindet und geopolitischen Einfluss verschafft.

Maritime Mächte wie das britische Empire oder die Vereinigten Staaten beachteten Mackinders Logik mit umgekehrtem Vorzeichen: Sie verhinderten eurasische Einheitsfronten, um ihre Vorherrschaft zu wahren. Statt teure Landeroberungen anzustreben, setzten sie auf eine Balance-of-Power-Politik. Sie operierten strategisch geschickt mit Stützpunkten, Kolonien und gezielten Interventionen in Europa, Ost- und Südasien. Das römische Prinzip „Divide et impera“ (teile und herrsche) ermöglichte ihnen eine effiziente Ressourcenausbeutung bei minimalem Risiko (Brzezinski, 1997). Wie wirkt sich das heute aus? In einer Welt von Allianzen und Sanktionen bleibt die Geopolitik der Kompass für Staaten, die um Einfluss ringen, aber ergänzt um ökonomische Faktoren.

Entstehung der International Political Economy (IPE)IPE

Politologen aus der Disziplin der „Internationalen Beziehungen“ (International Relations) haben zwei Generationen nach Mackinder und Haushofer begonnen, systematisch die Beziehung von internationaler Politik und Weltwirtschaft zu untersuchen und so den Forschungszweig der International Political Economy („IPE“) begründet (Strange, 1970). Die IPE beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Frage, wie Staaten, internationale Organisationen und multinationale Unternehmen das globale Wirtschaftssystem beeinflussen. In der IPE wird insbesondere analysiert, wie sich politische Entscheidungen und Machtstrukturen auf den internationalen Handel, die globalen Finanzmärkte und die weltweite Verteilung von Wohlstand und Armut auswirken. Seit Ende der 1960er-Jahre, angeregt durch globale wirtschaftliche Krisen und Entwicklungsprobleme, hat sich die IPE als zentraler Bestandteil der Internationale BeziehungenInternationalen Beziehungen etabliert (Cohen, 2008). Sie integriert verschiedene theoretische Ansätze, darunter Realismus, Liberalismus und kritische Perspektiven, und berücksichtigt neben den Staaten auch nichtstaatliche Akteure (Gilpin, 1987). Die IPE legte mit diesen Analysen den Grundstein für die Geoökonomie, die geopolitische Strategien mit wirtschaftlichen Mitteln verknüpft.

Geoökonomie: Eine Synthese der DisziplinenGeoökonomie

Wiederum eine Akademikergeneration später wurden die drei Disziplinen Geographie, Politik und Ökonomie in einen ganzheitlichen Untersuchungsansatz unter dem Begriff „Geoökonomie“ integriert.

Unter Geoökonomie wird die Umsetzung geopolitischer Strategien durch den Einsatz wirtschaftlicher Instrumente zur Erreichung politischer und wirtschaftlicher Ziele verstanden. Sie analysiert, wie Staaten wirtschaftliche Ressourcen, Handel und Finanzinstrumente einsetzen, um Einfluss in internationalen Beziehungen zu gewinnen (Luttwak, 1990).

Im Gegensatz zur klassischen Geopolitik, die sich auf territoriale Kontrolle konzentriert, betont die Geoökonomie wirtschaftliche Abhängigkeiten und globale Märkte (Sparke, 2007). Beide Themenfelder sind aber verbunden, wie Blackwill und Harris betonen, die Geoökonomie folgendermaßen definieren:

„The use of economic instruments to promote and defend national interests, and to produce beneficial geopolitical results; and the effect of other nations economic actions on a country’s geopolitical goals“. (Blackwill und Harris, 2016).

Kurz zusammengefasst, beschreibt Geoökonomie den Einsatz wirtschaftlicher Macht, um staatliche Interessen durchzusetzen. Sie umfasst Themen wie Handelsabkommen, Sanktionen, Energiepolitik und multinationale Infrastrukturprojekte. Staaten nutzen geoökonomische Strategien, um ihre Position in der globalen Wirtschaft zu stärken, etwa durch Kontrolle über Lieferketten oder Technologiestandards. Ökonomische Instrumente staatlicher Machtdurchsetzung können auch destruktive Maßnahmen wie Zölle und nichttarifäre Handelshemmnisse, Wirtschaftssanktionen, Spionage und Sabotage sein.

Staaten versuchen, in einem System wechselseitiger Abhängigkeiten die eigene Position zu optimieren, also für sich selbst ein Höchstmaß an AutarkieAutarkie zu erreichen und gleichzeitig den eigenen wirtschaftlichen Einfluss auf andere Staaten zu erhöhen. Politische Macht ist ein zentrales Ergebnis dieser beiden Optimierungshebel. Bei extremer Ungleichverteilung wirtschaftlicher Macht und einseitigen Abhängigkeiten ergeben sich hegemoniale Ordnungen, die Regionen, Kontinente und temporär auch die ganze Welt prägen können. Beispiele sind die globale Führerschaft des britischen Empires im 19. Jahrhundert oder die unipolare, US-dominierte Weltordnung nach dem Zusammenbruch des Ostblocks.

Die hohe Relevanz der Geoökonomie für außen -und wirtschaftspolitische Entscheidungen der Staaten ist offensichtlich. Diese staatlichen Entscheidungen haben wiederum Auswirkungen auf Unternehmen, weil sie sowohl Inputfaktoren (z. B. Energiekosten, Mitarbeiter) als auch Absatzmärkte (z. B. Sanktionen, Zölle, Transportkosten) betreffen. Gerade geopolitische Risiken zählen zu den wichtigsten Erwägungen für unternehmerische Entscheider, etwa wenn neue Produktionsstätten im Ausland errichtet werden sollen. Auch für institutionelle und private Investoren sind geoökonomische Analysen wertvoll, weil sie wertvolle Hinweise auf erforderliche Änderungen bei der Asset AllocationAsset Allocation1 geben können. Das kann allgemein die Übergewichtung wachstumsstarker Regionen oder aussichtsreicher Branchen im Aktienportfolio betreffen, aber auch sehr konkret die Anlage in Einzeltiteln. Die westlichen Russlandsanktionen hatten z. B. sehr unterschiedliche Auswirkungen auf die Kurse verschiedener Aktien in der Energiebranche, im Technologieumfeld oder im Rüstungssektor. Auch die Zollpolitik der Trump-Regierung bewegt immer wieder die Börsen, die Turbulenzen am „Liberation Day“Liberation Day waren dafür nur ein Beispiel.

Disziplin

Anfang

Ausgewählte wichtige Kernfragen

Vertreter

Geopolitik

ca. 1900

Wie wirkt sich die geographische Lage von Staaten auf ihre Außenpolitik aus?

Welche Bedeutung haben Ressourcen für Staaten?

Was unterscheidet Seemächte von Landmächten?

Mackinder

Haushofer

Brzezinski

International Political Economy

ca. 1970

Wie beeinflussen Staaten und Unternehmen einander?

Welche Rolle spiele internationale Organisationen?

Wie wirkt sich Politik auf Finanzmärkte und Wohlstandsverteilung aus?

Welche Folgen haben Freihandel und Globalisierung?

Strange

Cohen

Gilpin

Geoökonomie

ca. 1990

Wie nutzen Staaten wirtschaftliche Macht, um politische Interessen durchzusetzen?

Welche Bedeutung haben Ressourcen, Handel und Finanzen für globale Machtverteilung und Konflikte?

Wie instrumentalisieren Unternehmen, globale Organisationen und Eliten nationale Politik?

Luttwak

Blackwill, Harris

Sparke

Tab. 1: Überblick: Geoökonomisch relevante akademische Disziplinen

Vier Pfeiler geoökonomischer Macht

Welche Faktoren verleihen Staaten geoökonomische Dominanz und wie lassen sich diese strukturieren? Glenn Diesen definiert drei Pfeiler geoökonomischer Macht: Eine überlegene Wettbewerbsposition in strategischen Industrien, die Kontrolle wichtiger Transportwege und die Herrschaft über das globale Finanzsystem. (Diesen, 2024). Ein weiterer wichtiger Machtfaktor ist die Soft Power (Nye, 2004). Sie wird deswegen in diesem Buch als vierter Pfeiler in die Analyse einbezogen, obwohl ihr ökonomisches Gewicht im Vergleich zu den anderen drei Faktoren schwerer messbar ist:

Die Bedeutung der Herrschaft über SchlüsselindustrienSchlüsselindustrie ist seit langer Zeit Gegenstand strategischer Überlegungen von Entscheidungsträgern führender Mächte. Bis in die 1970er Jahre ging es primär um Nahrungsmittel und Öl. Zu den strategischen Industrien zählen aber auch andere Rohstoffe wie seltene Erden oder Uran und moderne, innovative Wirtschaftszweige wie die Pharmaindustrie, die Software- und Technologiebranche sowie der Rüstungssektor.

Die Kontrolle über TransportwegeTransportwege ist ein weiterer wichtiger Machtfaktor. Schon das römische Imperium verfügte über eine überlegene Infrastruktur, die unter anderem durch für die damalige Zeit moderne Verkehrswege, Landwirtschaft und Wasserversorgungssystem geprägt war. Auch andere historisch bedeutende Mächte wie Spanien, Portugal, die Niederlande und Großbritannien gründeten ihren Einfluss maßgeblich auf die Kontrolle von Handelsrouten. Wenn einzelnen Staaten anderen, nicht-autarken Ländern den Zugang zu Transportwegen abscheiden können, können sie deren Bevölkerung sogar verhungern lassen.

Das Überleben von Staaten wie Unternehmen hängt nicht zuletzt auch vom Zugang zum Kapitalmarkt ab. Börsen und Banken verschaffen Eigen- und Fremdkapital, ermöglichen die Abwicklung von Handelsgeschäften. Finanzielle Risiken können mit Hilfe von Versicherungen und Termingeschäften abgesichert werden. Ohne freien Zugang zum globalen Kapitalmarkt drohen Abhängigkeit und Zahlungsunfähigkeit. Die Bedeutung des Finanzsektors und seiner Kontrolle über die meisten Unternehmen der Realwirtschaft überragt alle anderen Wirtschaftszweige und stellt deswegen auch einen eigenständigen Machtpfeiler der Geoökonomie dar.

Die Soft PowerSoft Power wird oft unterschätzt. Sie bezeichnet die Fähigkeit eines Staates, gewaltlos durch kulturelle und ideologische Mittel Einfluss auf andere Länder auszuüben. Beispiele sind kulturelle Exporte wie Filme, Musik oder Bildung, aber auch Werte wie Freiheit, Demokratie und Menschenrechte.

(1)

(2)

(3)

(4)

Schlüsselindustrien

Transportwege

Finanzen

Soft Power

Nahrungsmittel

Rohstoffe

Technologie

Pharma und Medizin

Rüstung

Seewege

Häfen

Straßen

Bahntrassen

Pipelines

Reservewährung

Börsenplätze

Banken

Zahlungsverkehr

Versicherungen

Bildung

Sprache

Kultur

Unterhaltung

Werte

Tab. 2: Geoökonomische Machtpfeiler

Realpolitik

Rationale staatliche Entscheidungsträger analysieren nüchtern die Machtposition ihres Landes im Vergleich zu konkurrierenden Staaten und leiten daraus ihre nutzenmaximierenden Handlungen ab. Politische Sympathien und Moralvorstellungen haben dagegen keinen dauerhaften Einfluss auf geoökonomische Entscheidungen. Der russische Präsident Putin wurde durch US-Präsident Trump im August 2025 in Alaska – trotz anhaltender gravierender – Spannungen mit großem Bahnhof empfangen. Auch der Empfang von Donald Trump beim Staatsbesuch in London wenig später war pompös, obwohl den US-Präsidenten und den britische Premierminister Sir Keir Starmer politisch und persönlich wenig verbindet. Ausschlaggebend war möglicherweise das britische Interesse an besseren US-Wirtschaftsbeziehungen, insbesondere an niedrigen Zöllen.

Die Behandlung einiger EU-Politiker durch Präsident Trump kurz zuvor in Washington war dagegen regelrecht respektlos, womöglich, weil die EU aus Sicht der US-Regierung geoökonomisch wenig anzubieten hat. Die Beispiele verdeutlichen, dass die Außenpolitik souveräner Mächte stets Realpolitik ist, die mehr von Nutzenerwägungen und Opportunismus als von „Wertegemeinschaften“ geprägt ist, und sich auch jederzeit sehr abrupt ändern kann, wenn sich Einschätzungen und Prioritäten ändern. Der britische Staatsmann Lord Palmerston sagte schon im Jahr 1846:

„We have no eternal allies, and we have no perpetual enemies. Our interests are eternal and these interests it is our duty to follow“.

Der verstorbene SPD-Außenpolitiker Egon Bahr formulierte am 3. Dezember 2013 im Rahmen der „Willy-Brandt-Lesewoche“ in Heidelberg wörtlich:

„In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt.“

Welche Mittel Staaten zur Durchsetzung ihrer Interessen einsetzen, hängt in erster Linie davon ab, welche Optionen ihnen zur Verfügung stehen. Von Carl v. Clausewitz stammt der berühmte Satz, der Krieg sei die „Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“. Blackwill und Harris (2016) bezeichnen, angepasst an die heutige Zeit, geoökomische Auseinandersetzungen bereits im Titel ihres Buches als Krieg mit anderen Mitteln. Ähnlich wie Luttwak (2009) definieren sie Geoökonomie als Ersatzkrieg, auch weil reale Kriege der Bevölkerung westlicher Staaten kaum noch vermittelbar sind und zudem im Atomwaffenzeitalter existenzielle Risiken für alle Beteiligten bergen.2 Dennoch sind irrationale Handlungen aufgrund einer Unterschätzung der Kriegskosten und möglicher Fehleinschätzungen bezüglich der Kräfteverhältnisse oder der Entschlossenheit von Konkurrenten nie auszuschließen.3

Westlich geprägte Vogelperspektive

Ziel dieser Darstellung ist es, interessierten Lesern aus der Vogelperspektive einen sachlichen, einführenden Überblick über die geoökonomischen Verhältnisse in der Welt zu geben. Dieses Buch ist zugleich aus einer westlichen Perspektive geschrieben. Der Grund dafür liegt nicht in mangelnder Anerkennung der Leistungen anderer Kulturräume. Die Staatenbildung in anderen, zeitweilig zivilisatorisch fortgeschritteneren und mächtigeren Weltregionen (z. B. Ägypten, Persien oder China) könnte jedoch allein aus Platzgründen nicht in derselben Tiefe nachgezeichnet werden. Entscheidend ist aber die prägende Rolle von 500 Jahren westlicher Machtpolitik für die gegenwärtige Weltordnung, die erst durch koloniale Eroberungen ermöglich worden ist. Samuel Huntington argumentiert provokativ in seinem bekannten Buch Clash of Civilisations:

„Der Aufstieg des Westens wurde nicht durch die Überlegenheit seiner Idee, Werte oder Religion ermöglicht, sondern durch seine Überlegenheit in der Anwendung organisierter Gewalt“.4

Das bedeutet nicht, dass es keine westlichen Werte gebe, die eine Verbreitung verdienten, wenn sie willkommen sind.5 Mit Huntingtons Statement ist auch nicht gesagt, dass sich andere Kulturen bei Eroberungen fremder Territorien rücksichtsvoller verhalten hätten als die Staaten des Westens, wenn sie die Möglichkeit gehabt hätten. Diese spekulative Frage lässt sich im Rahmen dieses Buches auch nicht beantworten.

Aufbau und Kernfragen

Zentrales Thema dieses Buches ist das Handeln von Staaten im Kontext geopolitischer Realitäten und ökonomischer Machtverhältnisse.

Zunächst wird in Kapitel zwei (Lehren aus der Geschichte) untersucht, was Staaten ausmacht und wie sie entstanden sind, unter Berücksichtigung, politischer und ökonomischer Aspekte. Dafür werden ausgewählte Meilensteine der westlichen Staatenformation und ihrer kolonialen Expansion chronologisch nachgezeichnet und Analogien zur Gegenwart beschrieben. Am Ende des Kapitels steht ein erster aktueller Vergleich westlicher Staaten mit den BRICS-Nationen anhand aktueller ökonomischer und demographischer Daten. Auch wenn sich Geschichte bekanntlich nicht wiederholt, sondern nur reimt, können durch historisches Wissen auch zahlreiche aktuelle Konflikte besser verstanden werden. Im Idealfall können historisch gebildete Entscheider sogar die Wiederholung von Fehlern vermeiden.

In Kapitel drei (Staatliche Macht und Macht im Staate) wird betrachtet, wie (insbesondere westliche) moderne Staaten organisiert sind, welche Wertvorstellungen die Staaten prägen und welche gesellschaftlichen Gruppen und Organisationen die Geschicke der Nationen bestimmen. Dabei wird auch die Grundsatzfrage nach der Legitimation von Staaten und ihrer Machtausübung über freie Individuen diskutiert. Ein besonderes Augenmerk wird auf Herkunft, Prägung und Konsens der Eliten gelegt, deren Denken und Handeln das politische und geoökonomische Handeln einzelner Staaten prägt, zugleich aber auch nationale Grenzen überschreitet.

Im Kapitel vier (Wichtige geoökonomische Machthebel) werden die wichtigsten ökonomischen Strategien und Instrumente beschrieben, die den Staaten zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele zur Verfügung stehe. Dabei geht es primär um die Kontrolle über strategische Industrien, über Transportwege und über das globale Finanzsystem. Aber auch angrenzende Themen wie die Konkurrenz in den Bereichen Bildung und Talente (als Teil der Soft Power) und die militärischen Fähigkeiten werden einbezogen.

Im fünften Kapitel (Stellung und Strategien einflussreicher Staaten und Bündnisse) werden in einer ausführlichen individuellen Betrachtung die internen Strukturen und relativen Machtpositionen ausgewählter Staaten betrachtet, um deren geoökonomisches Handeln zu erklären. Die zentrale Frage des Kapitels ist, welche Staaten und Bündnisse über die effizienteren Hebel, die strategische Weitsicht und das Durchsetzungsvermögen zur Verteidigung oder Verbesserung ihrer geoökonomischen Position verfügen.

Das vorliegende Buch soll entsprechend eines Beitrags zum Verständnis staatlichen und nicht-staatlichen geoökonomischen Handelns in der realen Welt leisten. Konkret wird ein Versuch unternommen, Erkenntnisse zur Beantwortung folgender Fragen zu liefern:

Welche ökonomischen und politische Ziele verfolgen Staaten?

Welche Lehren können aus der Geschichte gezogen werden, zum Beispiel aus den Imperien der Antike, den Erfahrungen der Kolonialzeit und den Weltkriegen?

Welche Einzelpersonen, gesellschaftlichen Gruppen und Institutionen haben Einfluss auf das geoökonomische Handeln von Staaten und was sind deren Interessen?

Welche ökonomischen Faktoren – Rohstoffe, Finanzen, Technologie – sind entscheidend im Wettbewerb der Staaten um globalen Einfluss, Ressourcen und Macht?

Welche Staaten bestimmen heute aktiv die globale geoökonomische Agenda?

Wie sieht die aktuelle Machtverteilung zwischen einzelnen Staaten und Allianzen – EU, NATO, BRICS, SCO -SCOaus und welche geoökonomischen Entwicklungen zeichnen sich ab?

Welche Optionen – Ressourcenteilung, wirtschaftliche Kooperation, Krieg – bestehen für die Lösung bestehender globaler Konflikte?

2Lehren aus der Geschichte

2.1Staaten als politische Gemeinschaft

Die Rolle der Staaten in der Geoökonomie

Die Evolution und das Handeln von Staaten bilden den Kern der Geoökonomie. Über Jahrhunderte prägten sie das Weltgeschehen – anfangs durch Diplomatie und Militär, heute zunehmend durch wirtschaftliche Hebel. Luttwak betont, dass Staaten auch im Zeitalter internationaler Unternehmen und Vernetzungen eine zentrale Rolle im globalen Machtgefüge einnehmen, nicht zuletzt, weil sie die nationalen Identitäten verkörpern:

„The interest of solidarity of peoples derives from a common national identity which exists only because it excludes other peoples“ (Luttwak, 1999).

Ohne gemeinsame Werte und Ziele einer solidarischen Gemeinschaft ist es schwierig, Interessen gegenüber Dritten durchzusetzen.

Auch mächtige nichtstaatlichen Akteure wie internationale Organisationen, Banken, Tech-Giganten oder Milliardäre sind, wie im vierten Kapitel konkretisiert wird, auf Unterstützung ihrer Heimatländer angewiesen. Giganten wie Nvidia dominieren zwar globale Märkte. In Zeiten von US-China-Tech-Konflikten zeigen diese Konzerne aber ihre Abhängigkeit von staatlichen Sanktionen. Es fehlt ihnen zudem die emotionale Bindung, die Nationen durch Identität schaffen – ein Faktor, der in geoökonomischen Konflikten oft entscheidend ist. Der in Krisenzeiten oft zitierte Spruch „right or wrong, my country“ lässt sich nicht ohne weiteres auf Unternehmen übertragen. Denn wie viele Menschen würden freiwillig für BlackRock den Gürtel enger schnallen oder für Google in den Krieg ziehen? Zunächst soll daher geklärt werden, was allgemein unter einem „Staat“ Staatverstanden wird.

Das Konzept des Staates: Rechtliche und politisch

Die bekannteste deutschsprachige Definition, was ein Staat ist, stammt aus dem 19. Jahrhundert, formuliert von dem Juristen Georg Jellinek: „Ein Staat ist die mit ursprünglicher Herrschaftsmacht ausgerüstete Körperschaft eines sesshaften Volkes“. Im Völkerrecht hast sich die Drei-Elemente-Lehre etabliert, der zufolge Staatsgebiet, Staatsvolk und Staatsmacht Staatsmachtdie drei konstitutiven Merkmale sind. In der Politologie wird unter einem Staat eine politische Instanz verstanden, die zur Schaffung und Wahrung von Recht und öffentlicher Ordnung in der Gesellschaft zuständig ist und diese mittels einer Verwaltung, dem Staatsapparat, auch durchsetzt.

Ein Staat ist kurz gesagt eine souveräne politische Gemeinschaft, die auf einem bestimmten Gebiet ein GewaltmonopolGewaltmonopolGewaltmonopol ausübt, ihre Bürger organisiert und durch Gesetze sowie Institutionen für Sicherheit und Verwaltung sorgt. Zentrale Merkmale sind:

Äußere SouveränitätSouveränität: Autonome Entscheidungen gegenüber anderen

Innere RechtsordnungRechtsordnung: Legitime Herrschaft durch Gesetze

AutonomieAutonomie: Fähigkeit, InteressenStaatsgewalt durchzusetzen

Im westlichen Verständnis legitimiert vor allem die RechtsordnungRechtsordnung die staatliche Macht. Der verstorbene Papst Benedikt XVI. zitierte am 22. September 2011 in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag Augustinus’ Aussage aus De Civitate Dei: „Remota itaque iustitia quid sunt regna nisi magna latrocinia?“ („Ohne Recht bzw. Gerechtigkeit, was sind Staaten anderes als große Räuberbanden?“).

Die Staaten sind aber nicht zufällig aus dem Nichts entstanden. Im Gegenteil, die heutige Staatenwelt ist das Ergebnis langwieriger historischer Prozesse. Westliche Staaten haben, ausgehend von Europa, mit politischen, militärischen und ökonomischen Mitteln Macht über Menschen und Territorien errungen und verteidigt. Werfen wir daher zunächst einen Blick auf die historische Entwicklung ausgewählter europäischen Staaten.

2.2Entstehungsgeschichte expansiver europäischer Staaten

Geographische Abgrenzung des europäischen Westens

Welche Staaten bilden den Kern des expansiven Westens? Für diese Betrachtung eignen sich die atlantischen Seemächte Spanien, Portugal, Niederlande und Großbritannien sowie Frankreich. Im Einklang mit Historikern wie Heinrich August Winkler zählt auch die mitteleuropäische Landmacht Deutschland dazu (Winkler, 2016), trotz ambivalenter Zuordnung vor 1945. Der Diplomat Ulrich Graf Brockdorff-Rantzau verkörperte in den 1920er Jahren diese Mittelposition: Als Verhandlungsführer des Rapallo-VertragRapallo-Vertrags1 im Jahr 1922 balancierte er zwischen Ost und West (Scheidemann, 1998).2 Dennoch ist Deutschlands Entwicklung – geistes-, religions- und wirtschaftsgeschichtlich – eng mit dem Westen verflochten. Im 19. Jahrhundert wurde Deutschland auch Kolonialmacht in Afrika und Asien.

Russland dagegen wird nicht zum Westen gezählt, obwohl das Land in der europäischen Geschichte politisch und kulturell eine prägende Rolle eingenommen hat. Die Kiewer Rus als Nukleus der Nation wurde sogar von skandinavischen Wikingern gegründet und lange von den Rurikiden3 beherrscht (Pares, 1956). Russland hat sich aber als eurasische Macht historisch primär nach Osten und Süden orientiert.

Von der Stammesgesellschaft zum Imperium

Die Ursprünge europäischer Stammesgemeinschaften waren durch enge verwandtschaftliche Bindungen geprägt. Die Familienclans organisierten sich in Stämmen, die oft nomadisch oder halbnomadisch lebten und durch gemeinsame Sprache, Rituale und Bräuche verbunden waren. Die steinzeitliche Wirtschaft basierte überwiegend noch auf Jagen und Sammeln. In der Jungsteinzeit ab ca. 5000 v Chr. entwickelten sich dann auch Ackerbau und Viehzucht. Der Übergang zur Landwirtschaft führte zur Entstehung komplexer organisierter Gesellschaften. (Bogucki, 1999).

Mit der Bronze- und Eisenzeit (ca. 3000–500 v. Chr.) entwickelten sich im Mittelmeerraum die ersten Stadtstaaten, unter anderem im heutigen Griechenland und Italien. Diese Staatstaaten markierten einen Übergang von Stammesverbänden zu zentralisierten politischen Einheiten. Einige Stadtstaaten bildeten später die Keimzelle großer Herrschaftsgebiete. Ein mächtiger Stadtstaat war das attische Imperium, das noch als hierarchischer Handelsverbund unter Führung AthensAthen organisiert war. Zur Bildung eines integrierten Großstaates war Athen aber noch nicht in der Lage. Erst der makedonisch-griechische König Alexander der Große eroberte ab 336 v. Chr. ein europäisch dominiertes Großreich unter Einschluss Persiens und Ägyptens, dem jedoch aufgrund seiner geographischen Überdehnung und des frühen Todes seines Begründers keine lange Lebenszeit beschieden war. Wenig später entwickelte sich aus dem bereits 753 v. Chr. gegründeten römischen Staatstaat durch Politik, Handel und Eroberungen das riesige Römischen Reich.

Kulturelle Machtfaktoren in der Antike

Wesentliche Machthebel früher europäischer Großmächte waren Militär und Handel sowie die Durchsetzung ihrer Landessprachen als „Lingua franca“. Im östlichen Mittelmeerraum bildete zunächst das Altgriechische eine gemeinsame sprachliche Basis. Die griechische Sprachkultur brachte Philosophie, Literatur und Kunst hervor, die bis heute das westliche Denken prägen. Im Römischen Reich wurde Latein zur dominanten Sprache.4 Die Römer adaptierten und erweiterten die griechischen Errungenschaften, etwa durch Architektur (z. B. Aquädukte) und ihr bis heute prägendes Rechtssystem. Das Römische ReichRömisches Reich entwickelte ein ausgeklügeltes Netzwerk von Handelsrouten, das den Austausch von Waren, Ideen und Kulturen bis weit nach Asien und Afrika förderte. Auch die Idee der Bürgerschaft entstand im „Alten Rom“ und bildete später die Grundlage für das rechtliche Verständnis von Staatszugehörigkeit. Die Verbreitung des klassischen Lateins durch Eroberungen und Handel legte später auch den Grundstein für die modernen romanischen Sprachen, die im Falle Spaniens, Portugals und Frankreichs ihrerseits später große Einflusssphären markierten.

 

Finanzmacht der Römischen Imperiums

Das Römische Reich hat zur systematischen Ausbeutung eroberter Provinzen und Vasallenstaaten ein Tributsystem eingerichtet, um Armee, Verwaltung und die eigene Elite zu finanzieren. Römische Provinzen wie Ägypten oder Spanien zahlten jährliche Tribute in Form von Getreide, Gold und Silber. Vasallenstaaten wie Judäa oder Pergamon leisteten Naturalabgaben und Schutzgeldzahlungen. Der rücksichtslose Abbau natürlicher Ressourcen wie Holz, Metalle und Marmor führte immer wieder zu sozialen Spannungen und Aufständen in den beherrschten Gebieten. Das Tributsystem stärkte Roms Hegemonie, zerstörte aber lokale Ökonomien.

Bereits in der Römerzeit stabilisierte das Geldsystem die Herrschaft. Die römischen Münzen, vom goldenen Aureus bis zur Sesterze, waren weit über den Mittelmeerraum hinaus als Zahlungsmittel anerkannt. Das Währungsprivileg hat der Staat bereits damals erfolgreich zum Betrug seiner Bürger und Handelspartner durch Münzverschlechterung genutzt.5 Das Alte Rom war eine Art Pionier bei der Schaffung und Nutzung geoökonomischer Machthebel. Nach dem Untergang des weströmischen Reichs dauerte es sehr lange, bis sich wieder ähnlich stabile Strukturen in Europa etablieren konnte.

Fragmentierung Europas

Die Bildung immer größerer staatlicher Herrschaftsräume ist aber in der Geschichte bisher nie als linearer Prozess verlaufen, auch nicht für das Alte Rom. Im Gegenteil, nach dem Eroberung des Weströmischen Reiches im Jahr 476 n. Chr. durch die Goten zerfiel Europa zunächst wieder in kleinere Königreiche und Fürstentümer, die durch feudale, lokale Strukturen geprägt waren. Diese größeren Stammesverbände wurden zwar sukzessive durch komplexere politische Einheiten ergänzt, das gesamte Herrschaftssystem basierte jedoch weiterhin auf persönlichen Loyalitäten.

Kirche als europäisches Bindeglied im Mittelalter

Aufgrund der Verbreitung Lateins als elitäre Kirchen-, Verwaltungs- und später als Wissenschaftssprache bewahrte Europa wichtige Elemente seiner kulturellen Einheit. Das Mittelalter war von einer starken Verbindung zwischen weltlicher und kirchlicher Macht geprägt. Die römisch-katholische Kirche mit dem Papst an der Spitze war nicht nur die mit Abstand wichtigste spirituelle Kraft Europas und ein eigenes politisches Machtzentrum, sondern durch ihre Klöster, Schulen und Universitäten auch der wichtigste Träger des Bildungswesens. Im Mittelalter haben sich auch die ersten europäischen Nationalstaaten konstituiert, angefangen mit Frankreich, Großbritannien, Spanien und Portugal. Entscheidende Meilensteine sind die Zentralisierung der Macht, die Etablierung einer einheitlichen Sprache und Kultur sowie kriegerische oder diplomatische Ereignisse, die die territoriale Einheit festigten. Diese Nationen legten durch ihre frühzeitige Konsolidierung den Grundstein für die moderne Staatsbildung in ganz Europa.

Frankreich

Die französischen Könige trieben seit der Krönung Hugo Capets im Jahre 987 sukzessive eine Machtzentralisierung in Paris voran. Der Hundertjähriger Krieg mit England (1337–1453) stärkte die nationale Identität Frankreichs. Zwischen 1387 und 1417 kam es zum Kirchenschisma, wobei Frankreich aus politischen Motiven die Gegenpäpste in Avignon unterstützte und den aktiven Einfluss Roms auf die eigene Politik dauerhaft begrenzte. Könige und durchsetzungsstarke Minister wie Kardinal Richelieu förderten zudem die Verbreitung der französischen Sprache zulasten regionaler Sprachen. Französisch wurde durch die Verordnungen von Villers-Cotterêts 1539 als Amtssprache festgeschrieben. Spätestens mit der Regentschaft Ludwigs XIV. im 17. Jahrhundert war Frankreich ein klar definierter Nationalstaat mit zentralisierter Verwaltung.

England

Den Grundstein für die Etablierung Englands als Nationalstaat legte dessen normannische Eroberung unter Wilhelm dem Eroberer im Jahr 1066, der die Verwaltung des Landes zentralisierte. Im Jahr 1215 wurde mit der Magna Carta die Machtteilung zwischen König und Adel festgelegt und eine Rechtsordnung gebildet. Heinrich VIII. setzte 1534 mit dem Act of Supremacy die spirituelle und politische Unabhängigkeit Englands vom päpstlichen Rom durch und stärkte so weiter die nationale Identität. Die englische Machtarchitektur profitierte ab dem 16. Jahrhundert von einer effizienten Kooperation von Krone, Adel, Hochfinanz und anglikanischer Kirche. Die Insellage sicherte zudem Schutz vor Invasoren.

Iberische Staaten

Spanien wurde mit der Vollendung der Reconquista 1492 und der Vertreibung der Juden und Muslime zu einer religiös und kulturell homogenen Gesellschaft. Im selben Jahr begann, mit Kolumbus’ Entdeckung Amerikas, die spanische Kolonialexpansion.

Portugal ist ein weiteres europäischer Land, das früh durch seine Einigung und die für maritime Abenteuer privilegierte geographische Lage eine klare nationale Identität entwickelte. Die portugiesische Reconquista wurde bereits im Jahr 1249 abgeschlossen Im Jahr 1385 wurde mit der Schlacht von Aljubarrota zudem die Unabhängigkeit Portugals gegenüber Kastilien (Spanien) gesichert und durch Abgrenzung vom iberischen Nachbarn die nationale Identität gestärkt.

Niederlande

Die Niederlande etablierten im Jahr 1602 durch die Vereenigde Oost-Indische Compagnie eine merkantilistische Handelsmacht. Die Ostindien-Kompanie war die erste börsennotierte Aktiengesellschaft der Welt, die ein Monopol auf den Handel mit Asien hatte und die Voraussetzungen für die staatliche holländische Kolonialexpansion schuf.

Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation

Auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands konnte sich dagegen zur selben Zeit kein Nationalstaat etablieren. Im „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“ war ein von 962 bis 1806 bestehendes politisches Gebilde in Mitteleuropa, das sich aus vielen Gründen nicht zu einem Nationalstaat entwickeln konnte. Das Reich wurde ursprünglich als Fortsetzung des Römischen Reiches gegründet, war aber über die meiste Zeit seiner Geschichte ein eher lockerer Verbund von Fürstentümern, Königreichen und Städten. Das Reich war geprägt von föderaler Struktur und ständigen Machtkämpfen.

Der Kaiser verfügte nur über eine begrenzte Macht, weil die Kaiserkrone nicht erblich weitergegeben, sondern in einer Wahl durch die kirchlichen und weltlichen Kurfürsten vergeben wurde. Die katholische Kirche stellte mit den Erzbischöfen von Mainz, Köln und Trier ursprünglich drei von sieben Kurfürsten. Die Mehrzahl der Kaiser wurde vom Papst gekrönt, wodurch die hervorgehobene Stellung der Kirche im Machtgefüge symbolträchtig betont wurde.

Das Reich war überwiegend von der deutschen Kultur und Politik geprägt, umfasste aber auch Teile Italiens und Zentralosteuropas. Die fremdsprachigen Gebiete standen einer zentralisierten Nationalstaatsbildung ebenfalls im Wege. Es fehlte außerdem bis ins 19. Jahrhundert an einer einheitlichen deutschen Schriftsprache. Der deutsche Nationalstaat entstand erst nach längeren Geburtswehen im Jahr 1871. Aufgrund seiner Zersplitterung war Deutschland zuvor oft Schauplatz blutiger Konflikte, deren Höhepunkt der Dreißigjährige Krieg war.

Das historische Beispiel des Heiligen Römischen Reiches hat aktuelle Relevanz, weil es zeigt, wie Zersplitterung zu Schwäche führen kann. Zwar hat der Wettbewerb kleiner Monarchien und Stadtstaaten Europa in den Bereichen Kultur und Handel oft beflügelt, der Nachteil lag aber in der Wehrlosigkeit gegenüber aggressiven Mächten, vor allem von Invasoren.6

Land

Meilenstein

Schlüsseljahr

Wichtige geoökonomische Aspekte

Athen

Delisch-Attischer Seebund

ca. 478 v. Chr.

Hierarchischer Handelsbund; Seemacht und Tribute als Vorläufer imperialer Ökonomie

Makedonien

Feldzüge Alexanders des Großen

336–323 v. Chr.

Eroberung Persiens/Ägyptens; kulturelle und handelstechnische Integration Eurasiens

Römisches Reich

Etablierung des Tributsystems

ca. 200 v. Chr.

Systematische Ausbeutung von Provinzen; Finanzmacht durch Münzsystem

Frankreich

Krönung Hugo Capets

u.a. 987

Zentralisierung in Paris; Grundlage für absolutistische Expansion

England

Magna Charta

u.a. 1215

Interne Machtteilung und Rechtsordnung als Stütze für merkantile Kolonialmacht, Freihandel

Portugal

Schlacht von Aljubarrota

1385

Unabhängigkeit von Kastilien; Grundlage für maritime Expansion in Afrika/Asien

Spanien

Ende der Reconquista

1492

Rechristianisierung und Amerika-Entdeckung; Aufbau kolonialer Ressourcenflüsse

Niederlande

Gründung der Ostindien-Kompanie

1602

Globale Handelsmonopole und Börse; Seemacht als Modell für wirtschaftliche Hegemonie

Deutschland

Reichsgründung

1871

Nationalstaatsgründung; späte Kolonialpolitik und Konkurrenz zum britischen Empire

Tab. 3: Ausgewählte Meilensteine der europäischen Staatenbildung und Machtausweitung

2.3Entwicklung zur Westfälischen Ordnung

Dreißigjähriger KriegDreißigjähriger Krieg

Erst der Dreißigjährige Krieg brachte ein stabiles System staatlicher Souveränität hervor, welches die geoökonomischen Machtverhältnisse auch außerhalb Europas bis heute beeinflusst. Schon seit dem frühen Mittelalter war Europa Schlachtfeld zahlreicher kriegerischer Auseinandersetzungen, in denen um territoriale Grenzen gerungen wurde, um die einzelnen Staatsgebiete zu definieren. Im 16. Jahrhundert führte die Reformation zur Spaltung der katholische Kirche. Der Antagonismus von Katholiken und Protestanten löste danach immer wieder blutige Streitigkeiten aus. Im Jahr 1618 kam es dann zum Prager Fenstersturz, einem Protestakt böhmischer Protestanten gegen die katholische Dominanz des Hauses Habsburg, der den Beginn des Dreißigjährigen Kriegs markierte.

Der Konflikt eskalierte schnell von einem regionalen Streit zu einem europäischen Krieg, der religiöse, politische und dynastische Interessen verband (Parker, 1997). Die Konfliktlinien illustrieren die komplexe Verflechtung von Mächten wie dem Heiligen Römischen Reich, Frankreich, Schweden, Spanien und den Niederlanden. Der Krieg führte in Europa, aber ganz besonders auf deutschem Gebiet, zu massiven Zerstörungen, Bevölkerungsverlusten und wirtschaftlichem Niedergang (Mortimer, 2002). Auf deutschem Gebiet reduzierte sich die Bevölkerungszahl um etwa ein Drittel (Englund, 1993). Die Erschöpfung trieb alle Mächte zu einer dauerhaften Verständigung. Das Ergebnis war der Westfälische Frieden, dessen Grundsätze Völkerrecht und Politik auf lange Sicht prägen sollten.

Der Westfälische Frieden von Münster und Osnabrück

Der Westfälische FriedenWestfälische Frieden markiert einen Wendepunkt in der europäischen Geschichte und legt die Grundlage für das moderne Völkerrecht. (Lesaffer, 2004). Die Verhandlungen begannen 1641 in Münster und Osnabrück, nachdem frühere Versuche, den Krieg zu beenden, gescheitert waren (Dickmann, 1998). Die Gespräche waren komplex, da sie nicht nur den Krieg beenden, sondern auch territoriale, religiöse und politische Streitfragen klären mussten (Croxton, 2013). Teilnehmer waren unter anderem Vertreter des Heiligen Römischen Reiches, Frankreichs, Schwedens, Spaniens, der Niederlande und zahlreicher deutscher Fürsten. Die Verhandlungen waren von diplomatischen Innovationen geprägt, wie der Gleichstellung der Verhandlungspartner und der Einbindung kleinerer Staaten (Osiander, 1994).

Die Verträge von Münster und Osnabrück, unterzeichnet am 24. Oktober 1648, klärten wichtige europäische Territorialfragen und etablierten völkerrechtlichen Prinzipien (siehe Tabelle am Ende des Abschnitts).

Gleichgewicht der Mächte

Der Westfälische Friedensvertrag schuf ein Gleichgewicht der Mächte in Europa, das bis ins frühe 20. Jahrhundert Bestand hatte. Das Abkommen verankerte, aufgrund der zerstörerischen Erfahrungen des Dreißigjährigen Kriegs, das Prinzip der Souveränität und der Nichteinmischung in die Angelegenheiten anderer Staaten. Der Friedensvertrag ermöglichte die Entstehung eines Staatensystems, in dem Machtpolitik und Diplomatie die Beziehungen zwischen Staaten auf friedliche Weise bestimmten. Die religiösen Konflikte wurden zwar nicht vollständig gelöst, aber dauerhaft eingedämmt. Die in den Verträgen enthaltene Anerkennung der Souveränität kleinerer Staaten förderte die Diversität der internationalen Gemeinschaft. Gleichzeitig festigten die Verträge aber auch die Vorherrschaft größerer Mächte wie Frankreich und Großbritannien.

Völkerrechtliche Grundsätze

Der Westfälische Friedensvertrag setzte entsprechend nicht nur dem europäischen Krieg ein rechtliches Ende. Er schuf auch die Grundlage für tragfähige zwischenstaatlichen Beziehungen. Der Westfälische Frieden gilt als Geburtsstunde des modernen VölkerrechtsVölkerrecht, da er zentrale Grundsätze etablierte, die bis heute relevant sind. Durch die Etablierung der Prinzipien der Souveränität, Gleichheit und Nicht-Einmischung beeinflusst er bis heute die Struktur und Funktionsweise der internationalen Gemeinschaft. Seine Bedeutung liegt nicht nur in den historischen Ergebnissen, sondern auch in der Einführung diplomatischer Praktiken, die die Grundlage für die moderne Diplomatie und internationale Organisationen bilden. Die westfälischen Regeln wurden von den Nationen anschließend weiterentwickelt, um den vermeintlich anarchischen Charakter der Welt durch ein umfangreiches Netz internationaler Rechts- und Ordnungsstrukturen zu bändigen (Grewe, 2000). Die völkerrechtlichen Prinzipien haben der Welt – trotz wiederholter Verletzungen und westlicher Kolonialpolitik – über Jahrhunderte einen stabilen Ordnungsrahmen gegeben und die Funktionsfähigkeit einer multipolaren Ordnung bewiesen. Der kürzlich im Alter von 100 Jahren verstorbene ehemalige US-Außenminister Kissinger bezeichnet die Westfälischen Prinzipien noch vor elf Jahren sogar als die bis heute wirksame Grundlage der weltweiten Beziehungen der Staaten untereinander. (Kissinger, 2015). Das stabile europäische multipolare Mächtesystem nach 1648 könnte auch zum Vorbild für eine neujustierte, kooperative Weltordnung im 21. Jahrhundert werden.

Basis für europäische Expansion

Die Befriedung Europas und das entstandene Machtgleichgewicht erleichterte ab dem 17. Jahrhundert den atlantischen Großmächten ihre imperiale Ausdehnung, da das Westfälische System ihnen zuhause den Rücken freihielt.

Prinzip

Beschreibung

Langfristige Auswirkung

Staatliche Souveränität

Exklusive staatliche Kontrolle über innere Angelegenheiten

 

Stärkung der Einzelstaaten

Schwächung supranationaler Autoritäten (Heiliges Römisches Reich)

Religionsfreiheit

Erweiterung des Augsburger Religionsfriedens von 1555

Beendigung konfessioneller Kriege

Etablierung des Prinzips „cuius regio, eius religio“

Territoriale Veränderungen

Gebietsgewinne für Schweden und Frankreich; Unabhängigkeit der Niederlande und der Schweiz

Neuverteilung von Ländereien und Ressourcen in Europa

Präzedenzfälle für Sezession

Diplomatie und Gleichheit

Anerkennung der Gleichberechtigung großer und kleiner Staaten bei Verhandlungen

Grundlage moderner Staatssysteme

Begrenzung des Rechts des Stärkeren

Friedenssicherung

Anerkennung kollektiver Interessen und Etablierung neutraler Vermittler bei Konflikten

Ermöglichung außereuropäischer Expansion

Vorläufer internationaler Organisationen

Tab. 4: Wichtige Prinzipien des westfälischen Friedens und deren Folgen

2.4Westliche Kolonialherrschaft

Christopher Kolumbus‘ Entdeckung Amerikas im Jahr 1492 entfesselte eine Welle der Eroberungen, die die Welt dauerhaft veränderte. Das westliche Streben nach geoökonomischer Dominanz wurde primär von wirtschaftlichen Interessen und geopolitischen Ambitionen angetrieben. Die Aneignung überseeischer Gebiete begründete die Epoche der westlichen Kolonialherrschaft. Die resultierende Überlegenheit sicherte den Zugang zu Edelmetallen, Rohstoffen und Märkten. Westliche Dominanz kennzeichnete danach für mehr als vier Jahrhunderte die geoökonomischen Machtverhältnisse, durch die Kontrolle über Ressourcen, Handelsrouten und geopolitische Einflusssphären.

Europas Mächte waren zentralisiert, homogen und konfessionell einheitlich. Monarchische Stabilität, gekennzeichnet durch eine Gesellschaft, in der jeder seinen Geburtsplatz fürs Leben hatte, erleichterte die äußere Expansion. Materielle Interessen tarnten sich in Narrativen. Anfangs dominierten religiöse Missionsbegründungen, später rückten humanitäre Argumente in den Vordergrund. Zudem entwickelte sich innerhalb der westlichen Staaten über die Jahrhunderte ein ausgeprägter Patriotismus zur gesellschaftlichen Norm. Die Regierenden sicherten sich mit diesen inklusiven Erzählungen eine breite Unterstützung der einheimischen Bevölkerung für ihre Kolonialpolitik.

Die westliche KolonisierungKolonisierung der übrigen Welt vollzog sich in drei Abschnitten. Dabei handelt es sich um die erste Phase der iberischen Expansion in der Renaissance, die zweite Phase der nordwesteuropäischen Expansion im Zeitalter der Aufklärung und die dritte und finale Phase der globalen Aufteilung im Zeitalter der industriellen Revolution. Spanien und Portugal waren die ersten Kolonialmächte. In der zweiten Phase kamen die Niederlande, England1 und Frankreich hinzu. In der dritten Kolonialperiode betraten mit Deutschland, Italien und Frankreich weitere europäische Nationen die globale Bühne. Auch die Vereinigten Staaten beschlossen in dieser Zeit, ihre Selbstbeschränkung aufzugeben und zu expandieren.

Periode

Zeitraum

Neue Mächte

Motive und Schlüsselereignisse

1. Iberisch

15.-16. Jh.

S/P

Edelmetalle, Abenteuer, Karriere, christliche Mission und erste Aufteilung