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Die "Gesammelten Werke von John Locke" präsentieren das umfangreiche schriftstellerische Erbe eines der einflussreichsten Denker der Aufklärung. Locke, ein Pionier des Empirismus, thematisiert in seinen Schriften grundlegende Fragen der menschlichen Erkenntnis, des individuellen Eigentums und der politischen Philosophie. Seine kritische Auseinandersetzung mit der Natur des Wissens und der menschlichen Erfahrung entfaltet sich in klarer, sachlicher Prosa, die sowohl philosophische Tiefe als auch Zugänglichkeit vereint und so ein breites Publikum anspricht. Diese Sammlung bietet einen faszinierenden Einblick in die Entwicklung der modernen Philosophie und des politischen Denkens, die weit über die Grenzen seiner Zeit hinaus Wirkung zeigte. John Locke (1632–1704) war ein englischer Philosoph, dessen Ideen die Grundlagen des Liberalismus und der modernen Demokratie maßgeblich beeinflussten. Sein Leben war geprägt von politischen Umwälzungen, die ihn zur Abfassung seiner Werke motivierten. Er setzte sich intensiv mit Fragen zu Freiheit, Toleranz und dem sozialen Vertrag auseinander. Lockes Denken spiegelt die turbulente Zeit des 17. Jahrhunderts wider, in der er sowohl als medizinischer Wissenschaftler als auch als politischer Berater tätig war. Die "Gesammelten Werke von John Locke" sind eine unverzichtbare Lektüre für jeden, der sich für die Entwicklung der Philosophie und die Grundlagen moderner politischer Theorien interessiert. Die klaren Argumente und philosophischen Anregungen regen dazu an, kritisch über die eigenen Überzeugungen nachzudenken. Dieses Buch ist ein Schlüsselwerk für Studierende, Akademiker und jeden, der das Denken der Aufklärung vertiefen möchte. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Die Gesammelten Werke von John Locke versammeln in dieser Ausgabe drei seiner maßgeblichen Prosa-Schriften: Brief über die Toleranz, Ein Versuch über den menschlichen Verstand und Gedanken über Erziehung. Ziel der Zusammenstellung ist es, die Breite von Lockes Denken in Politik, Erkenntnistheorie und Pädagogik in einem Band zugänglich zu machen und zugleich die innere Verknüpfung dieser Texte sichtbar zu machen. Anstatt eine vollständige Werkausgabe zu sein, bietet die Sammlung eine konzentrierte Auswahl, in der sich Grundfragen des Zusammenlebens, des Wissens und der Bildung bündeln. Sie richtet sich an Leserinnen und Leser, die Lockes Werk in seiner thematischen Einheit erfahren möchten.
Die ausgewählten Schriften entstanden im späten 17. Jahrhundert, einer Epoche tiefgreifender Umbrüche in Europa. Religiöse Konflikte, neue Naturwissenschaften und entstehende bürgerliche Öffentlichkeiten prägten das Denken. Vor diesem Hintergrund verfolgt Locke das Projekt einer nüchternen, erfahrungsnahen Prüfung dessen, was Menschen wissen können, wie sie zusammenleben und wie sie heranwachsen sollen. Die drei Texte spiegeln unterschiedliche Reaktionen auf dieselbe Situation: Sie fragen, wie sich Vernunft, Gewissensfreiheit und praktische Lebensführung so ordnen lassen, dass Frieden und persönliches Gedeihen möglich werden. Dadurch gewinnen sie bis heute Relevanz, weil sie Grundkonflikte moderner Gesellschaften in allgemein verständlicher Prosa verhandeln.
Die Sammlung entfaltet ein Spektrum von Textsorten. Der Brief über die Toleranz nimmt die Form eines argumentierenden Schreibens an, das politische und religiöse Gesichtspunkte in einem zivilen Ton miteinander ins Gespräch bringt. Der Versuch über den menschlichen Verstand ist ein systematischer philosophischer Essay, der Schritt für Schritt Begriffe klärt und Überzeugungen prüft. Die Gedanken über Erziehung führen als praxisnahe Betrachtungen eine Vielzahl konkreter Beobachtungen zusammen und richten sich direkt an Eltern, Erziehende und Lernende. Gerade die Wechselwirkung zwischen Brief, Essay und Ratgebertext macht sichtbar, wie Locke seine Ideen jeweils dem Gegenstand und dem Publikum anpasst.
Im Brief über die Toleranz wendet sich Locke der Frage zu, wie religiöse Vielfalt in einer bürgerlichen Ordnung friedlich bestehen kann. Der Text sondiert die Aufgaben weltlicher Macht, die Ansprüche religiöser Gemeinschaften und die Freiheit des Gewissens. Er argumentiert in einem maßvollen, auf Verständigung zielenden Stil und sucht Kriterien, die die Grenzen legitimer Einmischung markieren. Nicht dogmatische Setzungen, sondern Gründe, die für unterschiedliche Leserinnen und Leser nachvollziehbar sind, sollen überzeugen. So entsteht ein Modell politischer Argumentation, das auf wechselseitigen Respekt setzt und den Schutz individueller Überzeugungen mit der Sicherung des öffentlichen Friedens verbindet.
Der Versuch über den menschlichen Verstand untersucht Ursprung, Reichweite und Grenzen menschlicher Erkenntnis. Locke beschreibt, wie Erfahrungen, innere Reflexion und Sprache unsere Begriffe formen, und er prüft, welche Ansprüche auf Gewissheit angemessen sind. Der Text entwickelt seine Einsichten ohne Berufung auf Autoritäten, sondern durch sorgfältiges Abwägen von Alltagsbeobachtungen und theoretischen Überlegungen. Damit schafft er ein methodisches Ideal, das Skepsis mit konstruktiver Klärung verbindet. Für Leserinnen und Leser eröffnet der Versuch eine ebenso anspruchsvolle wie zugängliche Reflexion über Wissen, Irrtum und die Bedingungen vernünftigen Urteilens, die sich nicht auf Fachkreise beschränkt, sondern allgemeine Orientierung bieten will.
Die Gedanken über Erziehung wenden Lockes Philosophie in den Bereich des Alltags. Ausgehend von der Frage, welche Gewohnheiten und Umstände Charakter, Urteilskraft und Gesundheit fördern, entwickelt der Text Grundsätze einer Erziehung, die Rücksicht auf individuelle Anlagen nimmt und zugleich auf Selbstbeherrschung und Verantwortlichkeit zielt. Die Darstellung bleibt lebensnah und rät zu Maß, Beständigkeit und aufmerksamer Beobachtung. Bildung wird nicht als Anhäufung von Wissen verstanden, sondern als Übung, die Freiheit und Urteilskraft stärkt. Damit ergänzt der Erziehungstext die theoretischen Analysen der anderen Schriften um praktische Leitlinien für das Aufwachsen und Zusammenleben.
Zwischen den drei Werken verläuft ein roter Faden. Überall geht es um angemessene Grenzen: der politischen Gewalt gegenüber dem Gewissen, des Wissens gegenüber Vermutungen und der Erziehenden gegenüber den Lernenden. Diese Grenzziehungen sollen keine Schranken des Fortschritts sein, sondern die Bedingungen seiner Möglichkeit. Locke verbindet dabei Vertrauen in die Fähigkeit des Einzelnen zur vernünftigen Einsicht mit Sensibilität für die Fehleranfälligkeit menschlicher Urteile. So verknüpft sich individuelle Freiheit mit sozialer Verantwortlichkeit. Die Toleranz wird durch Erkenntnisklarheit gestützt, und Bildung wird zur Praxis, in der sich die Grundsätze eines friedlichen Gemeinwesens alltäglich bewähren.
Stilistisch zeichnet sich Locke durch Klarheit, Zurückhaltung und argumentative Transparenz aus. Er bevorzugt eine Sprache, die Beispiele vorführt, Einwände ernst nimmt und Schritte der Begründung offenlegt. Lange, sorgfältig gegliederte Abschnitte dienen der Prüfung von Begriffen und der Rückbindung abstrakter Überlegungen an Erfahrungen. Der Ton bleibt dabei nüchtern und respektvoll, selbst wenn strittige Themen verhandelt werden. Diese Schreibweise vermeidet rhetorische Schärfe und lädt zum Mitdenken ein. Leserinnen und Leser finden keine fertigen Parolen, sondern gut begründete Vorschläge, die zur Überprüfung auffordern und auf gemeinsames Urteilen statt auf bloße Autoritätsberufe setzen.
Die anhaltende Bedeutung dieser Schriften beruht auf ihrer Doppelwirkung: Sie sind zugleich historisch situiert und überzeitlich anschlussfähig. In Fragen der religiösen Koexistenz, der Grenzen von Wissen und der Ziele von Bildung bleiben die von Locke skizzierten Probleme aktuell. Moderne Diskussionen über pluralistische Gesellschaften, evidenzbasierte Urteile und kompetenzorientierte Pädagogik können an seine Überlegungen anknüpfen, ohne sich von deren Entstehungszeit lösen zu müssen. Dass die Texte weit über Fachkreise hinaus gelesen werden, liegt an ihrer Verbindung von begrifflicher Präzision und praktischem Sinn, die für unterschiedliche Kontexte fruchtbar gemacht werden kann.
Diese Sammlung lädt dazu ein, die drei Schriften nicht isoliert, sondern im Dialog zu lesen. Wer den Brief über die Toleranz mit dem Versuch über den menschlichen Verstand verbindet, sieht, wie epistemische Bescheidenheit politische Mäßigung stützen kann. Wer die Gedanken über Erziehung hinzunimmt, versteht, wie sich Urteilsfähigkeit und Selbstbestimmung bilden lassen, auf die Toleranz und Erkenntnissicherung angewiesen sind. Die Nachbarschaft der Texte macht sichtbar, wie sich philosophische Grundannahmen in politischer und pädagogischer Praxis niederschlagen und wie praktische Fragen ihrerseits philosophische Klärung verlangen.
Die Texte erlauben unterschiedliche Lektürewege. Man kann mit dem Versuch beginnen, um die erkenntnistheoretischen Grundlagen zu erschließen, oder mit dem Brief, um die politische Relevanz unmittelbar vor Augen zu haben. Ebenso kann man über die Gedanken über Erziehung einsteigen, wenn die praktische Anwendung im Vordergrund steht. In jedem Fall empfiehlt sich eine geduldige, wiederholende Lektüre, die zentrale Begriffe verfolgt und Übergänge zwischen Beispielen und allgemeinen Thesen aufmerksam macht. So wird die Sammlung zu einem Instrument, das eigenständiges Urteilen fördert, statt vorgefertigte Antworten zu liefern.
Die Gesammelten Werke von John Locke bieten mit diesen drei Schriften einen konzentrierten Zugang zu einem Denken, das Vernunft, Erfahrung und Gemeinsinn miteinander verschränkt. Die Vielfalt der Gattungen spiegelt die Vielfalt der Fragen, denen sich Locke widmet, und zeigt, wie philosophische Reflexion in öffentliche Debatten und alltägliche Praxis hineinwirken kann. Wer sich auf diesen Band einlässt, wird eine Sprache der Maßhaltung entdecken, die weder Skepsis noch Hoffnung preisgibt. So entsteht ein offener Rahmen, in dem Leserinnen und Leser die bleibenden Fragen nach Toleranz, Wissen und Erziehung mit nüchterner Zuversicht neu verhandeln können.
John Locke (1632–1704) gilt als einer der prägenden Denker der frühen Aufklärung und als maßgeblicher Begründer des Empirismus. Sein Werk verband erkenntnistheoretische Strenge mit praktischen Anliegen der Politik, Religion und Erziehung. Besonders einflussreich waren Ein Versuch über den menschlichen Verstand, der Brief über die Toleranz und die Gedanken über Erziehung. In ihnen formulierte er eine Methodik der Erfahrung, ein Plädoyer für Gewissensfreiheit und eine Reformpädagogik, die Charakterbildung über bloße Gelehrsamkeit stellt. Lockes nüchterner Stil, seine skeptische Zurückhaltung und sein Vertrauen in Beobachtung und Prüfung machten ihn zu einer Leitfigur moderner, vernunftgeleiteter Öffentlichkeit.
Locke wurde in Wrington, Somerset, geboren und erhielt seine Ausbildung an der Westminster School sowie an Christ Church, Oxford. Dort lernte er die scholastische Tradition kennen, wandte sich jedoch zunehmend experimenteller Naturphilosophie zu. Wichtige Anregungen verdankte er dem Kreis um Robert Boyle und dem medizinischen Pragmatismus von Thomas Sydenham. Auch die methodische Nüchternheit Francis Bacons prägte sein Denken, während er zentrale Thesen René Descartes’ kritisch prüfte. Aus dieser Mischung entstand ein empirischer Ansatz, der Beobachtung, sorgfältige Begriffsanalyse und methodischen Zweifel kombinierte. Früh verband Locke philosophische Reflexion mit medizinischer Praxis und naturwissenschaftlicher Recherche, was seine spätere Theorieentwicklung nachhaltig prägte.
In seiner beruflichen Laufbahn verband Locke gelehrte Tätigkeit mit politisch-administrativer Praxis. Die Zusammenarbeit mit einflussreichen Staatsmännern eröffnete ihm Einsicht in Regierungsfragen, Handelsinteressen und Religionskonflikte seiner Zeit. Reisen und ein längerer Aufenthalt in den Niederlanden förderten Kontakte zu toleranzfreundlichen Kreisen und boten intellektuelle Freiheit. In diesem Umfeld reifte der Brief über die Toleranz, dessen erstes Erscheinen in den späten 1680er Jahren stattfand. Zugleich arbeitete Locke intensiv an erkenntnistheoretischen Grundfragen, die er im Ein Versuch über den menschlichen Verstand systematisch bündelte. Die Rückkehr nach England stärkte seine Position als öffentlicher Denker, dessen Schriften bald europaweit diskutiert wurden.
Ein Versuch über den menschlichen Verstand entwickelte eine umfassende Theorie der Erkenntnis. Locke bestritt angeborene Ideen und erklärte den Geist als durch Erfahrung geformt: Sinneseindrücke und innere Reflexion liefern das Material, das der Verstand ordnet. Er unterschied Qualitäten der Dinge, analysierte die Bildung komplexer Begriffe und betonte den Grad an Wahrscheinlichkeit, mit dem Urteile gerechtfertigt sind. Erkenntnis entsteht demnach nicht durch autoritative Setzungen, sondern durch überprüfbare Erfahrung und vorsichtige Schlussbildung. Diese Konzeption machte ihn zum Wegbereiter empirischer Forschung, prägte Debatten der Aufklärung und forderte rationalistische Positionen zu systematischer Rechtfertigung ihrer Prinzipien heraus.
Der Brief über die Toleranz formulierte eine scharfe Trennung von religiöser und staatlicher Zuständigkeit. Locke argumentierte, dass bürgerliche Gewalt ausschließlich den Schutz von Leben, Freiheit und Eigentum betrifft, während die Sorge um das Seelenheil dem freiwilligen Zusammenschluss von Gläubigen obliegt. Glauben dürfe nicht erzwungen werden, denn Überzeugung entsteht durch Einsicht, nicht durch Zwang. Er plädierte für weite, wenn auch historisch nicht grenzenlose Toleranz und setzte auf friedliche Koexistenz konfessioneller Vielfalt. Seine Überlegungen boten eine systematische Begründung von Gewissensfreiheit und kultivierten eine politische Kultur, die religiöse Unterschiede als vereinbar mit bürgerlicher Ordnung betrachtet.
Mit Gedanken über Erziehung wandte sich Locke dem praktischen Aufbau eines guten Lebens zu. Er setzte auf Charakterbildung durch Gewohnheit, Selbstdisziplin und vernünftige Anleitung, verbunden mit körperlicher Robustheit, spielerischem Lernen und anschaulichen Übungen. Bildung sollte nützliche Kenntnisse und Urteilskraft fördern, statt bloß gelehrtes Zitatwissen zu sammeln. Maßvolle Strenge, Ermutigung und das Interesse des Kindes galten ihm als wirkungsvollere Mittel als strafende Härte. Damit griff er verbreitete Unterrichtspraktiken an und bereitete eine Pädagogik vor, die Tugend, Gesundheit und Erfahrung in den Mittelpunkt stellt. Das Werk fand breite Resonanz und beeinflusste Reformdebatten des 18. Jahrhunderts.
In seinen späteren Jahren überarbeitete Locke zentrale Schriften, pflegte Gelehrtenkontakte und lebte zurückgezogen in Oates, wo er 1704 starb. Sein Vermächtnis reicht weit über seine Epoche hinaus: Der empirische Erkenntnisbegriff prägte philosophische Schulen, und sein Toleranzgedanke befruchtete Debatten über Religionsfreiheit und staatliche Neutralität. Die erzieherische Programmatik inspirierte praktische Reformen und pädagogische Theorien. Spätere Denker der Aufklärung griffen seine Ideen auf, kritisierten sie und entwickelten sie weiter. Bis heute dienen seine Werke als Referenz für Fragen nach den Quellen des Wissens, den Grenzen staatlicher Macht über das Gewissen und den Zielen einer menschenwürdigen Bildung.
Die Sammlung vereint drei Schriften aus der späten Lebensphase John Lockes, verfasst und publiziert zwischen 1689 und 1693, als England nach Jahrzehnten religiöser und politischer Konflikte eine neue Verfassungsordnung gewann. Der Autor, 1632 geboren und 1704 verstorben, gehört zur frühen Aufklärung. Seine Texte reagieren auf eine Epoche, in der Gewissensfreiheit, Erkenntniskritik und bürgerliche Bildung zu Kernfragen der öffentlichen Debatte wurden. Die Werke spiegeln diese Schnittstelle: religiöse Duldung im europäischen Konfessionszeitalter, empirische Erkenntnistheorie im Umfeld der Naturforschung und praktische Erziehungsfragen der aufstrebenden städtischen Gesellschaft. Zusammen kommentieren sie die Umbrüche nach Bürgerkrieg, Restauration und Revolution.
Der Hintergrund ist die lange Nachwirkung des englischen Bürgerkriegs und des Interregnums. Nach 1660 brachte die Restauration zwar monarchische Stabilität, aber keine konfessionelle Einigkeit. Der Act of Uniformity von 1662 und weitere Bestimmungen des sogenannten Clarendon Code engten abweichende protestantische Gruppen ein. Kirchliche Zugehörigkeit bestimmte Zugang zu Ämtern, Bildung und öffentlichem Leben. Geistliche und Laien diskutierten, ob staatliche Zwangsmittel Gewissen binden dürfen. In dieser Atmosphäre entstand eine Debattenkultur, die theologische, juristische und politische Argumente kreuzte – ein Resonanzraum, in dem ein Brief über Toleranz breite Aufmerksamkeit fand und kontrovers aufgenommen wurde.
Politische Krisen der 1670er und frühen 1680er Jahre verschärften die Fronten. Der Exclusion Crisis um die Thronfolge folgte eine Phase schärferer Überwachung vermeintlicher Regimegegner. Locke war mit dem Staatsmann Anthony Ashley Cooper, Earl of Shaftesbury, verbunden, dessen Lager in die Auseinandersetzungen verstrickt war. Nach 1683 geriet Locke unter Verdacht und verließ England. Exil und Distanz schufen einen Beobachtungsposten, von dem aus er europäische Entwicklungen, Druckorte und Netzwerke nutzen konnte. Die Erfahrungen von Parteinahme, Zensur und Flucht prägten das Gespür für institutionelle Grenzen und für die Trennung von weltlicher Gewalt und religiöser Gemeinschaft.
Der Zufluchtsort Niederlande war ein Knotenpunkt gelehrter Kommunikation, religiöser Vielfalt und vergleichsweise freier Presse. In dieser republikanischen Handelsgesellschaft zirkulierten französische, lateinische, niederländische und englische Schriften schnell über Verlage in Amsterdam, Rotterdam oder Gouda. Dort erschien 1689 eine lateinische Fassung des Toleranzbriefs, die Zielkonflikte zwischen kirchlicher Autorität, bürgerlichem Frieden und individuellen Bekenntnissen in einen europäischen Diskurs einspeiste. Der niederländische Buchmarkt ermöglichte es, sensible Themen mit geringerem polizeilichem Zugriff zu verhandeln. Diese Infrastruktur begünstigte auch rasche Übersetzungen und die Rückkopplung in den Londoner Debattenraum.
Die Glorious Revolution von 1688/89 verschob das englische Machtgefüge zugunsten des Parlaments. Die Bill of Rights verankerte Grenzen monarchischer Prärogative, und der Toleration Act von 1689 gewährte bestimmten protestantischen Dissentern eingeschränkte Duldung. Diese Gesetzgebung blieb selektiv und schloss Katholiken und einige Gruppen aus, veränderte aber den Ton öffentlicher Diskussion. Lockes Schriften trafen auf Leserschaften, die nach normativen Begründungen einer neuen Ordnung suchten. Das Publikum erwartete Argumente, die Gewissensfreiheit, zivile Ruhe und Loyalität unter Bedingungen konfessioneller Pluralität miteinander vereinbar machten – eine Konstellation, die der Sammlung einen zeitdiagnostischen Charakter verlieh.
Die naturwissenschaftliche Revolution prägte den intellektuellen Horizont. Seit 1660 verband die Royal Society Forscher, die experimentelle Methoden, Quantifizierung und Replikation betonten. Locke stand in engem Austausch mit Naturforschern und Medizinern, arbeitete mit dem Arzt Thomas Sydenham zusammen und verfolgte Arbeiten von Robert Boyle. Diese Praxis der vorsichtigen Hypothesenbildung und der Aufmerksamkeit für Erfahrung schuf eine Sprache des Wahrscheinlichen und Vorläufigen. Sie begünstigte eine erkenntnistheoretische Haltung, die Systemzwang und scholastische Autorität zugunsten methodischer Selbstbeschränkung zurückstellte. In diesem Klima gewann die Frage, wie sicher Wissen sein kann, besondere Dringlichkeit.
Philosophisch stand Locke zwischen kontinentaleuropäischem Rationalismus und der englischen Tradition politischer und moralischer Debatten. Auseinandersetzungen mit kartesianischen Lehren, scholastischer Begriffsdogmatik und hobbesianischer Staatsphilosophie bildeten den Hintergrund. Die Herausforderung bestand darin, Wahrnehmung, Sprache und Urteilskraft so zu beschreiben, dass sie der neuen Naturforschung und der religiösen Vielfalt gerecht wurden. Diskurse über angeborene Ideen, die Reichweite der Vernunft und die Grenzen der Spekulation gehörten zum Gemeingut gelehrter Journale. Dass ein Überblick über das menschliche Erkennen genau in diesen Jahren Furore machte, verdankt sich dieser Konvergenz von Methodenstreit und Erfahrungsoptimismus.
Der Buchmarkt vernetzte London mit der Niederländischen Republik und den frankophonen Gelehrtenkreisen. Ein englischer Übersetzer machte den Toleranzbrief 1689 rasch zugänglich. Auszüge aus Lockes Erkenntnislehre zirkulierten über gelehrte Zeitschriften, was die spätere Buchausgabe vorbereitete. Übersetzungen – darunter frühe französische Versionen im Umfeld des Hugenotten Pierre Coste zu Beginn des 18. Jahrhunderts – verbreiteten die Ideen in den Salons und Akademien des Kontinents. Kaffeehäuser, Lesegesellschaften und Leihbibliotheken erweiterten die Leserschaft über Universitäten hinaus. Dadurch verschob sich die Autorität im Diskurs: Gelehrte Debatten wurden zu Angelegenheiten einer wachsenden, meinungsfreudigen Öffentlichkeit.
Europäische Konfessionspolitik lieferte zusätzliche Dringlichkeit. Der Westfälische Friede von 1648 hatte das Nebeneinander unterschiedlicher Bekenntnisse rechtlich gefasst, doch lokale Mehrheiten übten vielfach Druck aus. Als Ludwig XIV. 1685 das Edikt von Nantes widerrief, flohen Hugenotten in großer Zahl in die Niederlande, nach England und Brandenburg-Preußen. Diese Migration machte konfessionelle Vielfalt sichtbar und ließ Argumente für Gewissensschutz konkret erscheinen. In London entstanden französischsprachige Gemeinden, deren Schicksal die Presse beschäftigte. Vor diesem Hintergrund wirkten Überlegungen zu friedlichem Zusammenleben und zivilen Pflichten nicht abstrakt, sondern als Antwort auf greifbare Spannungen.
Zensurregime und ihre Erosion rahmten die Publikationschancen. Die englische Licensing Act von 1662 regelte Druckgenehmigungen; religiöse Themen unterlagen besonderer Kontrolle. Gleichwohl fanden Schriften in ausländischen Offizinen Umwege in den englischen Markt. Als die Licensing-Gesetzgebung 1695 auslief, weitete sich der Spielraum für kontroverse Abhandlungen merklich. Debatten, die zuvor vorsichtig kodiert waren, traten offener hervor, und Nachauflagen konnten schneller erscheinen. Diese Entwicklung verstärkte die Wirkung bereits kursierender Werke und band sie in eine anhaltende öffentliche Kontroverse über Autorität, Vernunftgebrauch und die Grenzen obrigkeitlicher Einmischung ein.
Die Erziehungspraxis der Zeit war von der humanistischen Tradition geprägt: Latein, Rhetorik und klassische Autoren dominierten an Grammar Schools und Universitäten. Hausunterricht bei Tutorinnen und Tutoren formte den Nachwuchs der Gentry. Gleichzeitig wuchs im 17. Jahrhundert die Aufmerksamkeit für körperliche Gesundheit, Sittenbildung und nützliche Kenntnisse für Handel und Verwaltung. Ab den 1690er Jahren förderten Gesellschaften Wohltätigkeitsschulen, die Grundfertigkeiten vermittelten. In dieser Landschaft rückten Fragen des Charakters, der Disziplin und der frühen Gewöhnung in den Vordergrund. Ein pädagogischer Traktat konnte hier konkrete Orientierungen liefern, ohne auf Schulpolitik im engeren Sinne zu zielen.
Die gesellschaftliche Dynamik der Londoner Handels- und Finanzwelt verlieh pädagogischen Debatten neue Akteure. Der Ausbau des atlantischen Handels, der Aufstieg von Unternehmen und die Gründung der Bank of England 1694 veränderten Erwartungen an bürgerliche Lebensführung. Familien investierten in Sprachen, Buchhaltung und Umgangsformen. Ratgeberliteratur florierte, die Tugenden wie Fleiß, Selbstbeherrschung und Zuverlässigkeit propagierte. Diese Verschiebung verband sich mit medizinischen und moralphilosophischen Diskursen über Körper, Geist und Gewohnheit. In diesem Umfeld gewann eine Erziehungslehre, die Alltagspraxis und sittliche Urteilskraft betonte, Resonanz weit über akademische Zirkel hinaus.
Lockes intellektuelle Netzwerke reichten in naturwissenschaftliche und theologische Kreise. Kontakte zu Boyle und Sydenham stärkten die Orientierung an Beobachtung und Probabilität. In der Theologie bildeten sogenannte Latitudinarier – moderat-angelikanische Theologen, die Gewissensfreiheit und Vernunft betonten – einen wichtigen Resonanzraum. Ihre Predigten und Traktate suchten ein Minimum an Lehrsätzen, das kirchliche Einheit ohne Zwang sichern sollte. Diese Strömung beeinflusste Ton und Strategie der Argumentation: statt polemischer Zuspitzung die Prüfung praktischer Folgen, statt metaphysischer Notwendigkeiten die Spurensuche im menschlichen Vermögen, Irrtum zu vermeiden und doch zusammenzuleben.
Die unmittelbare Rezeption war streitbar. Der Theologe Edward Stillingfleet, Bischof von Worcester, griff Ende der 1690er Jahre erkenntnistheoretische Thesen an und sah Gefahren für die Lehre von Substanz und Person. Locke antwortete in ausführlichen Verteidigungen und Klärungen. Zugleich widersprachen anglikanische Autoren wie Jonas Proast der Duldungskonzeption und argumentierten für begrenzte religiöse Zwangsmittel zugunsten der Wahrheitspflege. Die Kontroverse spielte sich in Traktaten, Erwiderungen und Gegenerwiderungen ab – Ausdruck einer Öffentlichkeit, die Autorität nicht schweigend hinnahm, sondern argumentative Legitimierung verlangte und Druckorte jenseits enger Universitätsgremien nutzte.
Die Kontinentalrezeption verlief kanalisiert über Hugenottennetzwerke und gelehrte Journalistik. Jean Le Clerc verbreitete Zusammenfassungen und Rezensionen, die früh Einblick in Lockes Erkenntnisüberlegungen gaben. Pierre Coste trug durch französische Übersetzungen im frühen 18. Jahrhundert erheblich dazu bei, dass die Schriften in frankophonen Kontexten lesbar wurden. In den Niederlanden verbanden sich diese Texte mit Diskussionen um Religionsfrieden und kommerzielle Sittlichkeit. Später griffen Aufklärer wie Voltaire Elemente des empirischen Ansatzes und der Duldungsargumente auf und setzten sie gegen dogmatische Systeme in Szene – ein Transfer, der die europäischen Debatten nachhaltig prägte.
Innerhalb der britischen Philosophie wurden Lockes Thesen produktiv transformiert und kritisiert. George Berkeley wandte sich im 18. Jahrhundert gegen bestimmte Annahmen zu Abstraktion und Materie, während David Hume Skepsis gegenüber Kausalität und Selbstidentität radikalisierte. David Hartley entwickelte Assoziationsmodelle, die an Lockes Beobachtungen über die Verknüpfung von Ideen anknüpften und pädagogische Konsequenzen nahelegten. So floss eine erkenntnistheoretische Grundhaltung in psychologische Theorien und Unterrichtskonzepte ein. Pädagogisch wurden Beobachtung, Gewöhnung und Umgebungsgestaltung zu Schlagwörtern, die in der gentry und in bürgerlichen Kreisen praktische Orientierung boten.
Auch jenseits Europas wirkte die Sammlung über Diskurse der Aufklärung. In den englischsprachigen Kolonien kursierten Zusammenfassungen und Übersetzungen, und Universitätscurricula des 18. Jahrhunderts führten erkenntnistheoretische Debatten fort. Toleranzargumente prägten Predigten, Pamphlete und lokale Schulordnungen, die konfessionelle Vielfalt integrieren mussten. Die Betonung von Erfahrung und Erziehung unterstützte Vorstellungen bürgerlicher Tugenden, die in transatlantischen Handelsgesellschaften gefragt waren. Dadurch verbanden sich die Schriften mit institutionellen Experimenten einer sich formierenden Zivilgesellschaft, in der religiöse Zugehörigkeit, Wissensproduktion und soziales Lernen neu austariert wurden – oft pragmatisch, selten systematisch abgeschlossen, aber einflussreich nachhaltig geprägt durch diese Texte der 1690er Jahre.
Der Text entfaltet ein Plädoyer für religiöse Duldung und die Trennung von Glaubensfragen und staatlicher Gewalt. Locke argumentiert, dass bürgerlicher Frieden und gesellschaftliche Stabilität durch Gewissensfreiheit besser gesichert werden als durch Zwang, und prüft zugleich die Bedingungen und Grenzen von Toleranz. Der Ton ist nüchtern-argumentativ, mit Fokus auf praktischer Vernunft und sozialem Nutzen.
Dieses Werk untersucht Herkunft, Reichweite und Gewissheit menschlichen Wissens und weist angeborene Ideen zurück. Locke entwickelt eine empiristische Theorie, nach der alle Vorstellungen aus Erfahrung stammen, und ordnet sie systematisch, um die Unterscheidung zwischen Wissen, Wahrscheinlichkeit und Meinung zu klären. Der Ton ist analytisch und didaktisch; das Ziel ist intellektuelle Bescheidenheit durch die Bestimmung der Grenzen des Erkennens.
Die Schrift skizziert ein praxisnahes Erziehungsprogramm, das Charakterbildung, Selbstdisziplin und Gesundheit in den Mittelpunkt stellt. Locke empfiehlt Gewöhnung, maßvolle Leitung und Lernen an realen Aufgaben, um Tugend und Urteilskraft zu fördern. Der Ton ist pragmatisch und beratend, mit Augenmerk auf Individualität des Kindes und den Nutzen lebensnaher Bildung.
Gemeinsam ist den Texten ein empirischer Grundzug: Erfahrung als Ausgangspunkt des Wissens, der Erziehung und der politischen Moral. Wiederkehrend sind Misstrauen gegenüber Dogmatismus, die Begrenzung von Autorität (Staat, Kirche, Lehrer) und die Verbindung von Freiheit mit Verantwortlichkeit. Stilistisch überwiegen Klarheit, Systematik und ein moderater, zweckrationaler Ton.
Ihr Götter der Erden merkt auf und nehmt es Euch zu Herzen und zu Ohren, denn ich habe Gottes Wort an Euch!
Ihr sollt diejenigen sein, die den Weg des Herrn und das Recht Eures Gottes wissen? Ihr sollt ja erkennen und bedenken, was Euer Stand und Amt sei, was Gott von Euch fordert, worüber und wie weit sich Eure von Gott gegebene Macht, Gewalt und Herrschaft erstreckt. Ihr werdet es Euch ja zu Ruhm und Ehre erachten, im Geist der berühmtesten und glückseligsten Könige, Davids und Salomons zu stehen und zu wandeln, deren jener von sich bekennt, dass der Gerechte ihn schlagen solle und das werde ihm eine Wohltat sein, er solle ihn strafen und das werde ihm so wohl wie ein Balsam auf seinem Haupt. Dieser aber schreibt, es sei besser zu hören das Schelten des Weisen als den Gesang, die Schmeicheleien, Lobreden oder kurzweiligen Possen der Narren. Es trifft Eure und Eurer Staaten zeitliche und ewige Glückseligkeit an, davon man mit Euch reden will. Darum nehmt Euch wenigstens halb so viel Zeit wie Ihr in einer Komödie oder beim Spielen oder bei einer Mahlzeit verschwendet und lest und betrachtet in Euch selbst, was man Euch hier vorlegt! Und zwar umso mehr, weil es nicht von einem obskuren, sondern berühmten, nicht von einem vermeintlichen Phantasten, sondern von einem klugen und gelehrten Staatsmann her-kommt. John Locke (1632–1704), ein Engländer, hat sich durch sonderbare Gelehrsamkeit bei allen Gelehrten und durch Staatsklugheit und gute Führung bei seinem glorreichen König gesetzt, sodass er auch verschiedene wichtige Staatsbedienungen in England mit höchstem Vergnügen seines Königs und zu großem Nutzen seiner ruhmwürdigen Nation verwaltet, auch noch größere verwaltet haben würde, so ihn nicht seine Bescheidenheit und schwache Leibeskondition die-selben auszuschlagen bewogen. Das Traktat, das man Euch von ihm hier vor Augen legt, ist kurz, deutlich und durchdringend, und kann Euch völlig unterrichten von Eurer Pflicht und Macht in Religionssachen, damit Ihr nicht anstoßt, wider den Herrn Eure Arme erhebt und wider ihn und sein Werk streitend fallt und zugrunde geht. Da kein einziger Staat und Machthaber bestehen und glückselig sein kann, der durch ungerechte Staatsmaximen oder blinden Eifer sich dem Herrn, seinem Reich, Wort und Wahrheit trotzig entgegen-setzt, wie Euch solches unter anderen die Beispiele des Pharao, Saul, Jerobeam, Herodes, der Juden und der heidnischen römischen Kaiser zeigen werden. Denn der Herr lässt seine Gesalbten und Propheten nicht umsonst antasten noch ihnen Leid zufügen ohne es nachdrücklich zu ahnden. Er straft Könige um ihretwillen. Anstatt also die Tore Eurer Herzen, Ohren, Paläste und Länder zuzuschließen und zu verriegeln vor dem Herrn und vor seinen Knechten und deren Zeugnissen, wie bisher meistens geschehen, so tut jetzt was der Geist Gottes an Euch begehrt: Macht die Tore Eurer Herzen, Städte und Länder weit auf, vergrößert und erweitert die Türen und macht durch Eure gerechte Regierung Bahn, dass der König der Ehren mit seiner Wahrheit und mit dem Staat seiner Hausgenossen, welches die Armen, Elenden und Stillen im Land sind, da hineinziehen und darin wohnen möge und man also unter Eurem Schatten ein ruhiges und stilles Leben führen könne in aller Gottseligkeit von innen und in aller Ehrbarkeit von außen. So werdet Ihr alsdenn Gnade und Segen, Glück und Heil von dem König aller Könige und Herrn aller Herren über Euch und Eure Länder bringen. Gestattet Ihr, dass Gott, dem Himmel und Erde und allem, was darin ist, eigentümlich zugehört, sein Feuer und seinen Herd, das ist seine Wohnung und sein Reich in Eurem Herzen oder wenigstens in Euren von ihm zu Lehen tragenden Ländern haben möge. So werdet Ihr Frieden und alles Gute zu genießen haben und Eure Throne werden gefestigt werden.
Seht! Ihr erkennt und bekennt Euch ja als Amtleute, Diener und Haushalter des großen Gottes, so müsst Ihr ja gestehen, dass es Euch zukomme zu lernen und zu wissen, was Euch anvertraut und nicht anvertraut worden und dann zu sorgen, dass Ihr in dem, was Eures Amtes ist, möchtet treu und rechtschaffen gefunden werden, hingegen Euch dessen nicht anmaßen, was Euch nicht befohlen ist, damit Euer Zepter der Gerechtigkeit und nicht der Gottlosigkeit sei. So soll dann Eure Herrschaft und Regierung den Nutzen, die Ruhe und den äußerlichen Wohlstand Eurer Untertanen zum Zweck haben, Eure Gesetze sollen Gerechtigkeit, Zucht und Ehrbarkeit erhalten, Eure Gewalt und Strafen sollen den Frommen zu gut, den Bösen zum Schrecken und zur Besserung gereichen. Wo ist aber ja von Euch gefordert oder Euch anvertraut worden die Regierung, Verfügung, Macht und Gewalt über Gott, sein Reich, seine Kirche, seine Wahrheit, über das Gewissen, die Religion und Seligkeit der Menschen? Zu allen diesen Dingen schickt sich Euer Stand nicht, Eure Gesetze sind untauglich, Eure Macht unzulänglich. Hindern, aufhalten und verderben könnt Ihr wohl damit, so viel Euch Gott zulässt, aber nicht aufrichten, schützen, erhalten und befördern. Das ist nur ein Werk Gottes, der sein Reich, das nicht von dieser Welt ist, auch ohne die Welt und weltliche Mächte, wider alle Macht der Höllen erhalten kann und wird. Er begehrt nichts weiter an Euch, als dass Ihr nur nicht dagegen seid, sondern ihn frei handeln lassen sollt, damit werdet Ihr seinem Reich den größten Vorteil erweisen. Lasst Ihr Euch nun noch ferner hin durch Stolz und Übermut oder durch ungerechte Staatsmaximen oder durch blinden Eifer für die vermeintliche reiche Lehre und Kirche gelüsten und bewegen, Euch der Meisterschaften in Religions- und Gewissensdingen anzumaßen, die Wahrheit Gottes in Ungerechtigkeit aufzuhalten, die Zeugen und Knechte Gottes als Ketzer und schädliche Leute, wie sie Euch von Euren außerordentlichen Versammlungen und Euren nach dem Willen des Fleisches und der Welt gemachten lehrenden und lebenden Bauchdienern abgemalt werden, zu verfolgen, zu verjagen und zu plagen. So sei es Euch hiermit angekündigt, dass beide, Ihr und Eure Staaten, werdet verloren sein. Denn Jehova ist auf das Recht anzustellen und steht da die Völker zu richten. Ja, Jehova kommt zum Gericht gegen die Ältesten seines Volkes und gegen ihre Fürsten, denn Ihr habt den Weinberg verdorben. Ja gewiss des Herrn Tag naht, der da gehen wird über alles Hoffärtige und Hohe und über alles Erhabene, dass es geniedrigt werde, auch über alle hohen und erhabenen Zedern und über alle großen Eichen, über alle hohen Türme und über alle hohen Mauern, dass sich bücken müssen alle Hohen der Menschen und demütigen, was hohe Leute sind und der HERR allein hoch sei, und mit allen Götzen wird es ganz aus sein. Ja Ihr werdet in die Felshöhlen gehen und in der Erden Klüfte Euch verkriechen vor der Furcht des Herrn und vor seiner herrlichen Majestät, wenn er sich aufmachen wird zum Schrecken der Erde. Gott hat Euch wohl zu Göttern auf Erden gesetzt und von Euch gesagt: Ihr seid Götter und allzumal Söhne des Höchsten. Aber seht! Weil Ihr anstatt Götter also Erhalter und Glückseligmacher der Erde zu sein, Verderber der Erde mit Eurer missbrauchten Macht werdet und nichts als Last und Plage mit Eurer Üppigkeit, Hochmut und Grausamkeit macht, so spricht Er zu Euch, dass Ihr wie andere Menschen sterben werdet und obwohl Ihr vornehme Fürsten seid, dennoch wie einer von dem gemeinen Pöbel vor Ihm fallen und zugrunde gehen sollt. Der Herr hat ja noch Schrecken genug Euch solchen einzujagen, damit Ihr erkennt, dass Ihr elende sterbliche Menschen seid und der Herr noch Richter auf Erden sei, damit der Mensch, der von Staub ist, nicht mehr so trotze noch auf seine Gewalt poche. Wollt Ihr nun, gleichwie Euer geistlicher Stand (das Lehramt an und für sich selbst und auch die tüchtigen und treuen Haushalter Gottes, die noch darin sein mögen, unbescholten) schon der Leviathan, die krumme Schlange, wurde (denn der mein Brot, als mein Lehrer und Diener, isst, tritt mich mit Füßen, sagt Christus) also auch Ihr der Leviathan, die gerade Schlange, werden. Siehe! So hat der Herr ein großes, schweres und starkes Schwert gewetzt diesen Leviathan heimzusuchen, der nun in seinem geistlichen und weltlichen Stand eine gerade und krumme Schlange geworden ist, und ihm Kopf und Schwanz ab-zuhauen auf einen Tag. Denn was trotzig ist, kann der Herr wie den Pharao zerbrechen und was stolz ist, kann er wie den Nebukadezar demütigen. Denkt Ihr aber, Ihr dürft dieser Zeugnisse und der Kinder Gottes, die Euch zwar in diesem Namen und dieser Gestalt unbekannt und verborgen sind, weil ihr als Kinder der Welt, sie für Narren und Schwärmer haltet, lachen und spotten, ja wohl gar Euren Arm nach ihnen, wie dort Jerobeam als der Prophet wider seinen Altar rief, ausstrecken, so wisset, dass der im Himmel sitzt, auch Eurer lache und spotte und einst in seinem Zorn mit Euch reden und mit seinem Grimm Euch sodann nicht gleiches Gericht wie den Jerobeam treffe, dessen Arm verdorrte. Bedenkt selbst: dass Ihr nun den Frommen, die eines rechten und schlechten Wandels sind, zu gute und zu liebe Regenten seid, dass Ihr Hirten und Pfleger sein sollt aller Eurer Untertanen, und ihnen also Weide, Ruhe und Schutz gönnen und verschaffen, dass ihr Bäume sein sollt, die Schirm und Schatten geben. Wenn Ihr Euch nun selbst zu Dornen und Disteln macht, die nur stechen und beleidigen, wenn ihr Euch selbst zu grimmigen und räuberischen Wölfen und wie Nimrod zu gewaltigen Jägern macht, die nur jagen und plagen und die Leute als Bestien traktieren, was zeigt es anderes an, als dass Feuer und Schwert des Allmächtigen auf Euch warte. Ihr schreibt Euch zwar alle von Gottes Gnaden, aber Eure Werke zeigen an, dass Ihr von Gottes Ungnaden seid, als Herrscher, die eitel Heulen, Klage, Ach und Weh machen. So seht dann um Eures eigenen Heils willen zu, wie Eure Regierungen beschaffen und aus welchem Geist, auch nach welchen Gesetzen sie geführt werden. Vor allem vergreift Euch nicht weiter an dem Herrn und seinen Knechten und Kindern, setzt Euch nicht mit dem Antichrist in den Tempel Gottes und ordnet und handelt in Religions- und Gewissensdingen nicht Eures Gefallens oder nach Gewohnheit, Aufsätzen der Väter und tollen Urteilen der verkehrten falschen Propheten.
Von diesen Materien werdet Ihr nun in folgender kleinen Schrift des Herrn Locke vollkommenen Unterricht finden, bitte Euch also solchen Euch und Eueren Staaten, ja auch der Kirche, Gottes wohl zunutze zu machen. So lasst Euch denn zu-rechtweisen Ihr Könige, lasst Euch züchtigen Ihr Richter und Regenten auf Erden. Küsst den Sohn und huldigt ihm, dass er nicht zürne und Ihr um-kommt auf dem Weg der Ungerechtigkeit, denn sein Zorn wird bald anbrennen, aber wohl allen, die sich so verhalten, dass sie auf ihn trauen können und dürfen. Nun Gott werde bei Euch erhöht, Ihr Hohen der Erde!
Mein Herr!
Auf die von demselben mir vorgelegte Frage, was von der Toleranz oder Erduldung und Vertragung der Christen untereinander zu halten sei, antwortete ich kürzlich, dass mir selbige das vornehmste Kennzeichen der wahren Kirche zu sein scheine. Denn was auch andere immer rühmen mögen von Autorität und Ansehen des Altertums, Namens und Ortes oder von der Zierde und Vortrefflichkeit ihres Gottesdienstes, andere von Reformation und Verbesserung der Kirchenzucht und Ordnung – alle insgesamt aber von dem orthodoxen Glauben, das ist von den rechten und wahren Meinungen (denn ein jeder ist sich selber orthodox und rechtgläubig) – alles dieses und dergleichen mag vielmehr ein Kennzeichen einiger um den Vorzug und die Oberherrschaft streitenden Menschen als der Kirche Christi sein. Weil, wenngleich einer alle dergleichen Dinge wahrhaftig besitzt, dabei aber ohne Liebe ist, ohne Sanftmut, ohne Milde und ohne Gutherzigkeit gegen alle Menschen insgesamt, geschweige solche, die doch den christlichen Glauben eben auch bekennen, so ist er gewiss noch nicht einmal ein Christ. Die weltlichen Könige herrschen usw. ihr aber nicht also, sagt der Heiland, dessen Königreich nicht von dieser Welt ist, zu den Seinigen Lk 22. Hat es also mit der wahren Religion und Kirche eine ganz andere Art und Beschaffenheit, welche nicht zu einem äußerlichen Pomp und Pracht, nicht zu einer kirchlichen Herrschaft und Regierung, endlich gar nicht zur Gewalt leitet und führt, sondern bloß sein Leben recht und gottselig anzustellen und zu führen. Wer ein Streiter Jesu Christi in seiner Kirche sein will, muss zuallererst den Hochmut und die Wollust seiner eigenen Laster bekämpfen. Anders wird er ohne Heiligkeit des Lebens, Ehrbarkeit der Sitten, Güte und Milde des Gemüts, sich des christlichen Namens vergeblich anmaßen. Wenn du erst bekehrt bist, so stärke und bekehre nachher deine Brüder, sagt dort Christus zu Petrus Lk 22. Denn schwerlich wird derjenige, der seine eigene Seligkeit nicht mit Ernst und Eifer wahrnimmt, einen anderen bereden, dass er sich dessen Heil sorgfältigst angelegen sein lasse. Niemand kann mit Wahrheit und aus redlicher Absicht seine Mühe und Kräfte dahin anwenden, andere zu Christen zu machen, der die Religion Christi selbst noch nicht mit seinem Herzen und Gemüt wahrhaftig angenommen noch mit seinem Leben, seinen Werken und seinem Wandel profitiert und bekennt. Da, so wir dem Evangelium und den Aposteln glauben, ohne die Liebe, ohne den Glauben, der durch die Liebe, nicht aber durch Zwang und Gewalt tätig und wirkend ist, niemand ein Christ sein kann. Ob nun diejenigen, die unter Vorwand der Religion andere plagen, peinigen, berauben, verjagen, würgen usw. solches aus einem freundlichen liebreichen Herzen tun? Will ich sie hiermit auf ihr Gewissen gefragt haben, will es auch alsdenn glauben, wenn ich solche Eiferer auf gleiche Art und Manier ihre Freunden und Verwandten, die offenbar wider die Regeln des Evangeliums handeln, werde bestrafen und bessern sehen, und wenn ich wahrnehme, dass sie ihre Religionsgenossen und Anhänger, die in allen Lastern und fleischlichen Wesen stecken, hinfolglich ohne Änderung und Besserung auch ganz gewiss verloren gehen, ebenfalls mit Feuer und Schwert zurechtzubringen suchen, und also auch diesen die Liebe und Begierde zu ihrer Seligkeit mit allerlei Arten der Grausamkeit und Marter beweisen werden. Denn so sie, ihrem Vorgeben nach, aus Liebe und Eifer für der Seelen Wohlfahrt und Erhaltung die zeitliche Glückseligkeit und Güter einem rauben, den Körper mit Gefängnis, Pein und Qual martern, ja gar das Leben nehmen, um gläubig und selig zu machen, warum können sie dann Hurerei, Geiz, Betrug, Schalkheit und andere offenbar heidnischen Laster nach dem Zeugnis des Apostels Röm 2 unter den Ihrigen, ohne dergleichen Strenge und Schärfe zu gebrauchen, allgemein verbreitet sein gehen lassen? Da doch solche und dergleichen Dinge der Ehre Gottes, der Reinigkeit der Kirche und dem ewigen Heil der Seelen mehr schädlich und zuwider sind, als ein Irrtum des Gewissens den kirchlichen Schlüssen und Satzungen zuwiderläuft oder ein Fehler und Mangel im äußeren Gottesdienst, bei welchem sich jedoch eine Unschuld des Lebens und Wandels findet. Warum ist dieser für Gott, für die Kirche, für das Heil der Seelen bis zur lebendigen Verbrennung entbrannte Eifer in Bestrafung und Verbesserung solcher Sünden und Laster, die, wie alle einstimmen, der Prozession und dem Bekenntnis des Christentums gerade entgegen sind, so kalt und erfroren? Und lässt seine Hitze und Kräfte nur daran aus, eine andere subtile Opinion oder Meinung, davon der gemeine Mann nichts versteht, zu widerlegen oder festzusetzen und diese oder jene Zeremonie aufzudringen? Welche unter den beiden widrigen und über solchen Dingen streitenden Parteien richtig liegt und recht habe, welche einer Spaltung oder Ketzerei zu beschuldigen sei, ob die obenliegende oder unterliegende Partei? Das muss alsdenn erst klar werden, wenn die Bewegursache der Absonderung untersucht wird. Denn wer Christus nachfolgt, seine Lehre an- und sein Joch auf sich nimmt, derselbige ist kein Ketzer, obgleich er Vater und Mutter, väterliche Weisen und Satzungen, öffentliche Versammlungen und Haufen dieser oder jener Menschen verlässt.
Sind Sekten und Trennungen dem Heil der Seelen so schädlich, so sind Ehebruch, Hurerei, Unreinheit, Geiz, Bilderabgöttterei und dergleichen nicht minder Werke des Fleisches, von welchen der Apostel Paulus ausdrücklich schreibt, dass die solche Dinge tun, das Reich Gottes nicht ererben werden Gal 5. Wären also diese mit nicht geringerem Fleiß, Schärfe und Eifer zu tilgen und auszurotten als die Ketzereien und Sekten, wo einer um das Reich Gottes ernstlich und wahrhaftig bekümmert sein wollte, und es als seinen Beruf erachtete, sich dessen Ausbreitung und Beförderung zu widmen. Handelt er aber anders, und bezeigt sich gegen die Andersglaubende hart und feindselig, schont hingegen und verfährt mild mit den Gottlosen, Sündern und Lasterhaften seiner Partei, die doch des christlichen Namens allerdings unwürdig sind, so zeigt er damit öffentlich an, dass er, obwohl er ein großes Geschrei und Wesens von der Kirche macht, ein anderes als Gottes Reich suche.
Wäre jemand, der eines anderen Seelenheil so eifrig suchte und wünschte, dass er ihn auch durch allerhand Marter noch unbekehrt in die andere Welt zu schicken gedächte, so werde ich, und andere mit mir, mich höchlich darüber verwundern müssen, weil niemand irgendwo wird glauben können, dass ein solches aus Liebe, Erbarmung und gutgeneigten Herzen herrühre. Gewiss so die Menschen mit Feuer und Schwert, Gefängnis und Strafen zu Annehmung gewisser Lehren zu bringen und zu einem äußerlichen Gottesdienst zu zwingen sind. Da indessen von deren Leben und Sitten weiter keine Frage ist: So einer die Ketzer und Irrgläubigen also zum Glauben bekehrt, dass er sie zwingt dasjenige zu bekennen, was sie doch im Herzen nicht glauben noch für wahr halten, im Übrigen aber ihnen gestattet solche Dinge zu tun, die das Evangelium keinem Christen und ein wahrer Gläubiger sich selbst nicht erlaubt. Von dem ist es wohl gewiss, dass er einen großen Anhang und gleiches mit ihm bekennenden Haufen suche, dass er aber damit Christus eine Gemeinde und Kirche zu sammeln gedächte, wer wird das glauben können? Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass solche sich keiner christlichen Waffen bedienen, da sie, was sie auch vorgeben, nicht für die wahre Religion und Kirche Christi streiten. Wären sie, wie der Herzog unseres Heils, in Wahrheit nach der Seelenerhaltung begierig, so würden sie in seine Fußstapfen treten und seinem besten Beispiel nachahmen, er als ein Friedensfürst, seine Diener und Trabanten nicht mit Büchsen und Degen noch mit jeglicher menschlichen Gewalt bewaffnet, sondern sie mit dem Evangelium, mit der Botschaft des Friedens, mit heiligem Leben und Beispiel ausgerüstet und gesandt, die Heiden zum Gehorsam des Glaubens zu bringen und in die Kirche zu versammeln. Da er doch ganze Legionen himmlischer Heerscharen zu seinem Dienst noch besser hätte brauchen können als jetzt irgendein weltlicher Machthaber seine Scharen und Truppen (der Leibes- und Seelenmörder, gottloser Soldaten und Pfaffen), wenn die Ungläubigen mit Waffen zu bekehren, die Blinden durch Soldaten von dem Irrweg zurückzurufen und die Widerspenstigen durch Gewalt zu beugen wären. Die Toleranz und Erduldung derjenigen, so in Religionsmeinungen und Übungen von uns abgehen, ist der gesunden Vernunft und dem Evangelium so gemäß, dass man es als etwas Monströses ansehen muss, wie doch die Leute bei so hellem und klarem Licht noch immer so blind sein können. Ich will hier nicht der einen Hochmut und Stolz, noch der anderen Ungestüm und heftigen lieblosen Eifer beschuldigen und ausschelten, denn dergleichen Gebrechen sind bei menschlichen Handlungen fast unabsonderlich, dabei aber so beschaffen, dass niemand sich derselben will beschuldigen lassen. Ein jeder der davon eingenommen und getrieben ist, sucht gleichwohl selbige mit einem anderen Schein und guter Gestalt zu bemänteln, dass sie für etwas Lobwürdiges durchgehen möchten. Doch damit niemand die Staats-und Reichsgesetze und die Wohlfahrt der Republik zum Vorwand und Deckmantel seiner unchristlichen Grausamkeit und Wüterei nehmen, andere hingegen unter Prätext und Namen der Religion sich nicht eine ungezäumte und unziemende Freiheit zu leben und zu sündigen herausnehmen mögen, oder damit niemand unter dem Namen eines treuen Untertanen und Dieners des Fürsten noch unter dem Namen eines treuen Gottesdieners sich und andere bekriege,1 so lasst uns hier vor allen Dingen unter Zivil- und Religionssachen, unter bürgerlichen und Gewissensdingen genauen Unterschied machen, und die Grenzen zwischen der Kirche und der Republik deutlich beschreiben. Denn wo dieses nicht geschieht und in Acht genommen wird, kann den Zänkereien weder Maß noch Ziel unter denen gesetzt werden, welche um die Wohlfahrt der Seelen oder der Republik entweder ernstlich und wahrhaftig besorgt und beschäftigt sind, oder es doch zu sein vorgeben.
Ein Staat oder eine Republik scheint mir eine solche Gesellschaft der Menschen zu sein, die sich nur darum und dahin zusammen verbunden haben, um die bürgerliche Glückseligkeit zu erhalten und zu befördern.
Bürgerliche Glückseligkeit nenne ich: Leben, Freiheit, Frieden, Gesundheit und Schutz des Leibes und Besitz aller zeitlichen Dinge[2q]. die zu diesem irdischen Leben gehören wie Haus, Hof, Geld, Hausrat und dergleichen.
Nun dann einen rechtmäßigen und geruhsamen Besitz und den Genuss solcher zum Wohl des äußerlichen Lebens gehöriger Dinge dem ganzen Volk und einem jeden Untertanen zu verschaffen, zu erhalten und zu befördern, das ist es, was der weltlichen Obrigkeit Amt und Pflicht ist2 und zu welchem Zweck sie Gesetze und Ordnungen allen und jedem vorschreiben kann, und wenn solche jemand mutwilliger Weise wider Recht und Billigkeit zu übertreten sich unterstehen wollte, so muss die Drohung und Furcht der Strafe dessen Kühnheit zurückhalten, welche Strafe dann entweder in gänzlicher Verlierung und Wegnahme oder doch in Verminderung solcher Güter und zeitlichen Glückseligkeiten besteht, die er sonst hätte genießen können und sollen. Weil aber niemand gerne und freiwillig einen Teil seiner Güter und zeitlichen Glückseligkeiten, viel weniger Freiheit und Leben zur Strafe hingibt und verliert, so ist eben darum die Obrigkeit und Gewalt bewaffnet, nämlich mit den Kräften und dem Beistand aller übrigen Untertanen, um solche Strafen, denen, die eines anderen Recht kränken und Gewalt üben, nach Verdienst aufzulegen.
Dass nun das ganze Amt und Recht weltlicher Obrigkeit nur über gedachte bürgerliche Güter gehe und alle bürgerliche Gewalt, Herrschaft und Regierung bloß und allein auf deren Beobachtung und Beförderung sich erstrecke, keineswegs aber bis zur ewigen Seligkeit und Wohlfahrt der Seelen zu erweitern und auszuspannen sei, solches scheinen mir nachfolgende Gründe zu erweisen.
1. Weil der weltlichen Obrigkeit nirgends eine speziellere und größere Sorgfalt für die Seelen3 anbefohlen ist als anderen Menschen und zwar erstlich, nicht von Gott, weil man nirgends findet, dass Gott eine solche Macht und Gewalt einem Menschen über und gegen andere gegeben, dass sie andere zur Annahme ihrer Religion sollten zwingen können und dürfen. Anders kann auch von den Menschen selbst der Obrigkeit keine solche Gewalt aufgetragen und übergeben werden, weil sich niemand der Sorgfalt um seine eigene Seligkeit dergestalt begeben kann, dass er schlechthin eines anderen Vorschrift im Glauben und Gottesdienst notwendig folgen wollte, denn niemand kann schlechterdings nach eines anderes Meinung glauben, ob er schon gern wollte. In dem inneren Glauben aber besteht die ganze Kraft und der Kern der wahren und selig machenden Religion. Indem, was einer auch mit dem Mund bekennt und in äußerlichen Gottesdiensten verrichtet, wo er nicht davon in seinem Herzen gänzlich überzeugt ist, dass es recht, gut und gottgefällig sei, so nützt es ihm nicht nur nichts zur Seligkeit, sondern es schadet ihm auch noch dazu.4 Da auf diese Weise zu den anderen Sünden, deren Versöhnung man durch die Religion sucht, noch hinzu-getan wird die Vortäuschung der Religion selbst und die Verachtung Gottes, indem du Gott einen solchen Dienst leistest von dem du doch glaubst, dass er ihm missfalle.
2. Die Sorgfalt und Aufsicht der Seelen kann weltlicher Obrigkeit nicht zugehören, weil deren Macht und Gewalt bloß in einem äußerlichen Zwang besteht. Da nun die wahre und selig machende Religion den innersten Herzensgrund und Glauben erfordert, als ohne welche nichts vor Gott gilt das menschliche Gemüt und Verstand aber von solcher Natur und Art ist, dass ihm keine äußerlichen Gesetze können aufgelegt noch er durch äußerliche Gewalt gezwungen werden, anders zu erkennen und zu urteilen, als er für sich selbst erkennt und urteilt, noch anders zu wollen, als er von selbst will, so mag man dann einem die Güter hin-wegnehmen oder den Leib mit Gefängnis und allerlei Marter belegen, wird es doch alles umsonst sein, mit dergleichen Torturen die Meinung und Urteil des Gemüts zu verändern.
Sprichst du: Doch kann die Obrigkeit Grund und Beweis brauchen und damit die Irrigen auf den Weg der Wahrheit bringen und also selig machen.
Wohl! Alles dieses hat die Obrigkeit mit allen anderen Menschen gemein, so sie lehrt, unterweist, mit Beweisgründen die Irrenden zurückruft, so tut sie freilich was einem gütigen und Gutes für seinen Nächsten suchenden Mann zusteht. Es ist aber darum nicht Not, dass die Obrigkeit die Person, Natur und Pflicht eines Menschen und Christen von sich werfe.5 Also ist ein anderes Bereden, ein anderes Befehlen, ein anderes mit Beweisgründen und ein anderes mit Gesetzen und Edikten Handeln, dieses ist ein Werk der weltlichen Macht, jenes der menschlichen Gutwilligkeit. Denn es steht einem jeden Menschen frei einen anderen zu ermahnen, zu bewegen, des Irrtums zu überzeugen und mit guten Gründen auf seine Meinung zu bringen suchen. Aber mit Gesetzen gebieten und mit Strafen zwingen, gehört bloß und allein weltlicher Obrigkeit zu und ist nur in weltlichen und bürgerlichen Sachen zu praktizieren. Und das ist es nun, was ich sage, nämlich dass die Obrigkeit nicht könne noch solle Glaubensartikel und Lehren noch Art und Weise Gott zu dienen mit Gesetzen und Befehlen aufdringen. Denn ohne dazu gesetzte Strafen und Drohungen verlieren die Gesetze ihre Autorität und Kraft, setzt man aber Strafen darauf, so sind sie ganz gewiss unnütz und überzeugen oder bereden nicht, weil einer, ehe er eine Lehre oder einen Gottesdienst annimmt, zuvor von Herzen glauben muss, dass die Lehre wahrhaftig und der Dienst Gott angenehm und gefällig sei. Zwang und Strafen also sind weder geschickt noch vermögend eine solche Überzeugung einem zu geben. Ein helleres Licht, größere Einsicht und Erkenntnis tut es allein, die Meinung und Urteil des Gemüts zu ändern, welche aber durch Leibesstrafen gar nicht gegeben noch zuwege gebracht werden.6
3. Die Aufsicht und Inachtnahme der Seelen kann keineswegs weltlicher Obrigkeit zugehören, weil, gesetzt auch, dass die Autorität der Gesetze, Zwang und Strafen tüchtig und vermögend wären, die Gemüter der Menschen zu bekehren, solches dennoch nichts zur Seligkeit der Untertanen helfen würde. Weil, da nur eine einzige wahre Religion sein kann, und ein einziger Weg, der zum Leben führt, was könnte man für Hoffnung haben, dass der größte Teil der Menschen dazu gelangen würde, wenn es also um sie stünde, dass ein jeder seine eigene Vernunft und das Zeugnis seines Gewissens hintansetzen und nur blindlings seines Fürsten Glauben annehmen, auch Gott auf eine solche Weise dienen müsste, wie es in den Gesetzen des Vaterlandes und dessen hergebrachten Gewohnheiten gesetzt ist? Bei so mancherlei gegeneinanderlaufenden Meinungen der Fürsten und Obrigkeiten dieser Welt in Religionsdingen würde es notwendig folgen, dass jener schmale Steg und enge Pforte. die gen Himmel führen, den allerwenigsten, ja gar nur in einem einzigen Land offen stünden, und dass also die ewige Seligkeit oder Verdammnis bloß auf das Glück und Schicksal unserer leiblichen Geburt ankäme und davon ab-hingen, welches doch höchst absurd und unrecht ist von der Weisheit und Güte Gottes zu denken.
Das bisher Angeführte dünkt mir unter vielen anderen, so man noch hätte beibringen können, genügsam zu sein zu erweisen, dass alle Gewalt eines Staates nur über weltliche und bürgerliche Güter gehe und sich nicht weiter als auf Beobachtung der Dinge dieser Welt erstrecke, keineswegs aber dasjenige angehe, was zum künftigen Leben gehört.
Lasst uns nun betrachten, was der Kirche gebührte und zukomme. Die Kirche scheint mir eine freiwillige Sozietät oder Gesellschaft solcher Leute zu sein, die sich aus freien Stücken zusammen vereinigen, Gott auf eine solche Weise öffentlich zu dienen, wie sie glauben, dass es Gott gefällig und zu ihrer Seelen Heil dienlich sei.
Ich sage: Eine Kirche sei eine freie und freiwillige Gesellschaft[1q]. Niemand wird als ein Mitglied einer Kirche geboren, denn sonst käme die Religion der Väter und der Vorfahren zugleich mit den zeitlichen Gütern erblich auf uns und ein jeder hätte seinen Glauben seiner Geburt und seinen Eltern zu danken, welches höchst absurd und närrisch zu denken ist. Verhält sich demnach die Sache hierin also: Ein Mensch steht und gehört der Natur nach in keine Kirche, ist auch keiner Sekte eigen und zugetan, begibt sich aber nachmals freiwillig in diejenige Gemeinde und Gesellschaft, in der er die rechte Religion und gottgefälligen Dienst gefunden zu haben glaubt. Wie nun die geschöpfte Hoffnung seine Seligkeit darin zu schaffen einzig und allein die Ursache seines Eingangs in die Kirche gewesen, also bleibt sie auch das Maß und Ziel seines Verharrens darin. Sobald er nun etwas findet, das ihm entweder in der Lehre falsch oder im Gottesdienst ungereimt scheint, so folgt, dass so frei es ihm gestanden hineinzugehen, so frei muss es ihm auch stehen, sich wieder darauszubegeben. Weil kein anderes Band und keine andere Verbindung der Kirche mit dem Glied ist als nur die gewisse Hoffnung und Erwartung des ewigen Lebens. Aus solchen freiwillig zu solchem Endzweck sich vereinigenden Gliedern entsteht und erwächst nun eine Kirche.
Nun müssen wir untersuchen, welches ihre Gewalt sei und welchen Gesetzen sie unterworfen ist.
Nachdem keine einzige, obwohl freie, auch nur um geringer Ursachen willen angestellte Gesellschaft (sie sei nun von gelehrten Personen der Gelehrtheit halber oder von Kaufleuten der Handelschaft wegen oder auch von müßigen Menschen zur Lust und Kurzweil angestellt worden) bestehen kann, sondern sich sogleich wieder trennen muss, wenn sie ohne einige Gesetze, Verfassungen und Ordnungen sich befindet. Also ist es notwendig, dass die kirchliche Gesellschaft auch dergleichen habe. Da müssen denn eine gewisse Zeit und ein Ort der Zusammenkunft ausgemacht und bestimmt, auch gewisse Bedingungen gesetzt werden, nach welchen einer in die Gesellschaft entweder soll aufgenommen oder davon ausgeschlossen werden. Endlich muss man gewisse Ämter und Bedienungen, auch sonst eine Ordnung in allen Stücken anrichten und was dergleichen mehr ist. Weil nun die Zusammenvereinigung, wie erwiesen worden, ganz freiwillig und ohne alle zwingende Gewalt geschieht, so folgt daraus notwendig, dass das Recht Gesetze zu machen niemandem zustehe als der Sozietät selbst oder (welches auf eines hinausläuft) denen, welchen es die Sozietät überlassen und mit sämtlicher Zulassung und Genehmigung aufgetragen.
Doch du wirst etwa sagen, es könne keine wahre Kirche sein, wo sie nicht eines Bischof oder Ältesten das Amt habe, der mit der Autorität zu regieren versehen und von den Aposteln an durch beständige und ununterbrochene Nachfolge sei fortgeführt worden.
Aber ich frage erstlich, wo das Edikt zu finden, darin Christus ein solches Gesetz seiner Kirche gegeben, und ist es nicht umsonst, dass ich in einer so wichtigen Sache klare Worte fordere, was folgender Spruch ganz ein anderes dartut: Wo ihrer zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen. Kann derjenigen Versammlung, darin Christus zugegen ist, etwas mangeln, dass sie nicht die wahre Kirche sein sollte? Erwäge solches selbst! Gewiss, nichts kann da fehlen, das zum Heil nötig ist. Und dieses ist hierzu genug.
Zum andern, stelle dir doch vor und siehe, wie diejenigen, die da also von Christus eingesetzte Regierer der Kirchen und deren beständige Nachfolge und Fortwehrung haben wollen, selbst gleich anfangs bei der Wahl miteinander über der Person etwa strittig werden möchten. Dieser Streit erlaubt notwendig die Freiheit zu wählen, nämlich, dass es einem jeden freistehe, sich zu derjenigen Kirche und Partei zu schlagen und zu halten, die er der anderen vorzieht.
Drittens. So magst du dir immer ein solches Haupt und solchen Regierer, den du für nötig und bestellt hältst, dir vorsetzen. Wenn ich mich aber indessen zu einer anderen Gesellschaft fügen soll, darin ich dasjenige anzutreffen glaube, was zum Heil der Seele nötig ist, so bleibt abermals die kirchliche Freiheit einem jeden gelassen und hat keiner von uns einen anderen Gesetzgeber, als welchen er sich selber erwählt und sich ihm unterwirft.
Weil du aber um die wahre Kirche so sehr bekümmert bist, will ich hier nur im Vorbeigehen fragen: Ob es nicht der wahren Kirche Christi mehr gezieme und besser anstehe, nur solche Bedingungen, Gesetze und Ordnungen ihrer Gemeinschaft zu haben, welche nur allein dasjenige in sich halten und begreifen, welches der Heilige Geist in Heiliger Schrift mit klaren und deutlichen Worten zur Seligkeit nötig zu sein gelehrt, als dass man seine eigene Erfindungen und Erklärungen als einen göttlichen Ausspruch und ein göttliches Gesetz aufdringen und als zum Wesen und zur Bekenntnis des Christentums höchst nötig, durch Kirchengesetze bekräftigen will, davon doch die hinterbliebenen göttliche Zeugnisse entweder gar nichts oder doch nichts Gewisses gesetzt oder ausgemacht haben? Wer zur kirchlichen Gemeinschaft solche Dinge erfordert, die doch Christus nicht zum ewigen Leben fordert, derselbe mag wohl für seine Meinung und seinen Nutzen eine Kirche und Gesellschaft versammelt haben.
Aber wie kann man solche die Kirche Christi nennen, da sie doch auf anderen Gesetzen und Ordnungen beruht und daraus diejenigen ausgeschlossen werden, die doch einst Christus in sein Himmelreich zu sich nehmen wird.7 Doch weil wir die Kennzeichen der wahren Kirche hier nicht auszumachen haben, so will ich nur denjenigen, die für die Satzungen ihrer Seele so heftig streiten und mit dem Namen der Kirche gleicherweise und vielleicht aus eben dem Trieb, wie dort die Ephesische Goldschmiede mit ihrer Diana (Akt 19) so viel Lärmens und Wesens machen, dieses einzige zu Gemüt führen, dass nämlich das Evangelium hin und wieder bezeugt, das wahre Jünger Christi allezeit Verfolgungen zu erwarten und zu erdulden haben. Dass aber die wahre Kirche Christi andere verfolgen und plagen oder mit Gewalt, Feuer und Schwert zur Annahme ihres Glaubens zwingen sollte, kann ich mich nicht entsinnen irgendwo im Neuen Testament gelesen zu haben. Der Endzweck einer Religionssozietät oder kirchlichen Gesellschaft ist, wie schon gesagt, der öffentliche Gottesdienst und die dadurch gesuchte Erlangung des ewigen Lebens. Danach muss nun die ganze Kirchenverfassung und -ordnung gerichtet und alle Kirchengesetze danach abgefasst und eingeschränkt werden. Nichts wird noch kann von zeitlichen und irdischen Gütern in dieser Gesellschaft gehandelt werden. Hier ist keine äußerliche Gewalt um keinerlei Ursache willen zu gebrauchen, als welche alle weltlicher Obrigkeit zugehört, wie denn auch der Besitz und die Haushaltung der äußerlichen Güter unter ihrer Gewalt und Verfügung steht.
Sprichst du: Was wird aber den Kirchengesetzen Kraft, Autorität und Nachdruck geben, um gehalten zu werden, wenn kein Zwang und Gewalt dabei sein solle?
Antworte ich: Nichts sonst als dasjenige, was zu solchen Dingen sich schickt, deren äußerliche Bekenntnis und Beobachtung nichts gilt noch nutzt, wo sie nicht dem Gemüt tief eingeprägt sind und vollkommen das Gewissen überzeugen, fesseln und bewegen. Das sind die Waffen und Fesseln dieser Gesellschaft, dadurch deren Glieder zu Beobachtung ihrer Pflicht und Schuldigkeit zu bringen und dabei zu erhalten.8 Wo die Verbrecher dadurch nicht gebessert noch die Irrenden zurechtgebracht werden können, ist alsdenn nichts weiter übrig, als dass man die Widerspenstigen und Hartnäckigsten, die keine Hoffnung der Besserung von sich spüren lassen, gänzlich von der Gesellschaft absondere und ausschließe. Dieses ist die letzte und höchste Gewalt9 der kirchlichen Macht, die keine andere Strafe auf sich hat und mit sich bringt, als dass nach aufhörender Gemeinschaft zwischen dem Leib und dem abgeschnittenen Glied, der Verurteilte aufhört ein Teil von selbiger Kirche zu sein.
Nachdem wir bisher dieses ausgemacht, müssen wir nun ferner untersuchen, was bei der Toleranz und Vertragung eines jeden Teils Pflicht und Schuldigkeit sei?
Zum 1. sage ich, dass keine Kirche verbunden sei, denjenigen unter Vorwand gerechtfertigter Toleranz unter sich als ein Glied zu halten und zu leiden, der nach ein- und andermal vorher geschehener Erinnerung freventlich gegen die anfänglich aufgerichteten Gesetze der Gesellschaft handelt. Denn wo es einem frei und ungestraft erlaubt ist dagegen zu handeln und diese Gesetze zu übertreten, so ist es um die Sozietät geschehen, welche alsdenn entweder eine ganz andere Art und Gestalt gewinnen oder zugrunde gehen muss: weil ja die Gesetze und Ordnungen beides die Bedingungen und Gegenstände der Gemeinschaft als auch das Band der Gesellschaft sind. Doch muss man sich hüten, dass zur Exkommunikation oder Ausstoßung aus der Gemeinde, weder Schmähworte noch andere Gewalttätigkeiten hinzugefügt und ausgeübt werden, dadurch entweder der Leib oder die Güter oder der bürgerlich-ehrliche Name des Verbannten verletzt werden. Denn alle äußerliche Gewalt gehört, wie schon gedacht, weltlicher Obrigkeit zu und es ist keiner Privatperson erlaubt, sich solcher zu gebrauchen als nur im Fall der Notwehr, da man unrechtmäßig angetane Gewalt mit Gegengewalt abtreibt. Die Exkommunikation, oder der Kirchenbann, kann und soll einem an seinen bürgerlichen Gütern, die er sonst als ein Untertan und Glied des Staates und nicht als Glied der Kirche besitzt, nicht das Geringste schaden und nehmen. Denn selbige gehören einem zu als Bürger und als ein Mitglied des Staates und stehen unter obrigkeitlichem Schutz und Herrschaft. Alle Wirkung des Banns muss ganz und allein darin bestehen, dass nach vorgelegtem Willen der Sozietät oder Kirche, die Vereinigung und Gemeinschaft zwischen einem Glied und dem übrigen Körper aufgelöst und aufgehoben wird. Nach deren Aufhebung freilich auch notwendig die Teilhabung und der Genuss einiger Dinge aufhören muss, die die Sozietät ihren Gliedern zu genießen gibt, und zu welchen niemand sonst ein Bürgerrecht oder einen Anspruch hat. Denn einem Ex-kommunizierten geschieht damit keine Zivilinjurie, wenn ein Diener der Kirchen ihm bei Begehung des Abendmahls nicht das Brot und den Wein darreicht, das nicht für das Geld der Verbannten, sondern der Kirche angeschafft wird.
Zum 2. Niemand soll und darf eines anderen bürgerliche Güter und Gerechtigkeiten darum anfal-len und schwächen, weil jener sich zu einer anderen Religion und einem anderen Gottesdienst bekennt. Alle so menschliche als bürgerliche Rechte müssen ihm bleiben und er dabei erhalten werden. Denn diese laufen nicht in den Bezirk der Religion: Es mag einer ein Christ oder Heide sein, muss man ihm keine Gewalt noch Unrecht tun, das Maß der Gerechtigkeit muss ebenfalls gegen ihn mit den Pflichten und Werken der allgemeinen Liebe und Gutherzigkeit gehäuft werden. Dieses befiehlt das Evangelium: Dieses bezeugt einem die gesunde Vernunft und die Art der gemeinschaftlichen Sozietäten der Menschen, welche sie durch Trieb und Anleitung der Natur ausgerichtet. Irrt einer vom rechten Weg des Lebens ab, so ist der Schaden und das Elend davon sein, dir aber geht damit nichts ab, musst ihn also um die Güter dieses Lebens nicht darum bringen, weil du meinst, dass er in jener Welt verloren sein werde.
Was ich bis hierher von Vertragung eines jeden Menschen besonders gegen andere, die der Religion nach unterschieden, gesagt, das will ich auch von einzelnen Kirchgemeinden gesagt haben, die sich hierin gegeneinander wie Privatpersonen verhalten und keine über die andere ein Recht und eine Herrschaft hat, auch nicht einmal alsdenn, wenn die weltliche Obrigkeit, wie es geschehen kann, sich zu der einen oder anderen Kirche bekennt und hält. Denn der Staat kann der Kirche kein neues und größeres Recht geben, wie hinwiederum die Kirche dem Staat auch nicht. Denn die Kirche, es mag nun die Obrigkeit darbeibleiben, oder sie verlassen, bleibt einmal wie das andere eine freie und freiwillige Sozietät und bekommt oder verliert durch Unterstützung oder Entziehung des obrigkeitlichen Arms keineswegs die Macht, die sie vorher gehabt, zu lehren und die Kirchenzucht und Bann bei ihren Gliedern auszuüben. Das ist ein ewiges und unveränderliches Recht einer freiwilligen Sozietät, dass sie von den Ihrigen, welche sie will, ausschließen kann. Aber über andere außerhalb ihrer Gemeinschaft lebenden Personen bekommt sie kein Recht und Macht dadurch, dass die obrigkeitlichen Personen zu ihrer Gemeinschaft treten. Deshalb sollte Frieden, Rechtmäßigkeit und Freundschaft unter verschiedenen Kirchgemeinden wie unter Privatpersonen, ohne einigen Vorzug und Vorrecht allezeit und gleich gepflogen werden.
