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Ariane und Sam versuchen seit ihrer Kindheit gemeinsam, ihren Platz in einer unwirtlichen Stadt zu finden. Die Wohnungslosigkeit hat ein solches Ausmaß angenommen, dass viele Menschen – auch solche, die Arbeit haben – auf die stark begrenzten öffentlichen Schlafräume der Stadt zurückgreifen müssen. Nur wenige können sich eine Übernachtung in privaten Schlafhotels leisten. Eigene Wohnungen sind der Elite vorbehalten. Da Sam auf der ID-Karte nicht zu erkennen ist, auf der obendrein nur zwei Geschlechter zur Verfügung stehen, sind den beiden fast alle Türen versperrt. Sie verbringen ihre Nächte also in Bussen und finden Schlaf, während sie durch die Stadt gefahren werden. Tagsüber führt Ariane ein von außen betrachtet normales Leben und hat einen Bürojob, den sie zwar verabscheut, der den beiden aber immerhin ein geringes Maß an Sicherheit garantiert. Eines Tages findet Sam eine Unterkunft bei Menschen, denen es gelingt, am System vorbeizuleben, und Ariane bleibt allein zurück. Sie beginnt, ihr spärliches Erspartes für temporäre Zimmer auszugeben, und lebt weit über ihren Verhältnissen, flüchtet sich von einer Übergangssituation in die nächste. Schließlich kündigt sie ihren Job, wird Kindermädchen bei einer reichen Familie, folgt auf ihrer Suche anderen in ihre Häuser und Betten und versucht einen Ort zu finden, an dem sie bleiben kann und will – getrieben von einem Hunger auf das Leben, der ihr Angst und Hoffnung zugleich macht.
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Seitenzahl: 278
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Thea Mantwill
Dies ist der Roman
GESCHEITERTE
STERNE
von Thea Mantwill,
in dem es um Nachtfahrten, Schwimmbecken, Straßenfeger*innen, Zimmer voller Luft und kleiner Lampen, um weirde Kinder und verlorene Erwachsene, Liebe mit großem L, ein ganz bestimmtes blaues Haus, Zierkissen und Zigaretten, ein bisschen um den Mond und ganz kurz auch um Kaninchen (wobei es recht emotional wird) und um einiges mehr geht.
Folge deiner Neugier.
Paris Hilton
Und plötzlich ist es so: Ein Damm ist gebrochen und ich stehe vor einem neuen Weg. Dem einzigen, der mir auf einmal noch offenzustehen scheint. Auch wenn es eine Sackgasse oder eine selbst gestellte Falle ist, es ist mir gleich. Ich sehe mich nicht um und biege ein, einem leuchtenden Schild entgegen. Etwas, das lange Zeit zu schwer für mich war, ist von meinen Schultern verschwunden, und auch wenn diese Zeit der Leichtigkeit vielleicht nur von kurzer Dauer sein wird: Ich kann wieder atmen, ohne Hast und diesen ständigen Druck auf der Brust. Ich fülle meine Lunge, meine Flügel, mit Luft, mit Gerüchen und Farben, Stimmungen und allem, was ich aufnehmen kann. Das ist nicht nur einfach Hunger, es ist Gier. Genau diese Gier hat für mich schon oft zu Erfahrungen geführt, von denen ich in dunklen Phasen wie dieser hier zehren konnte, während alles andere in einem Nebel aus Hoffnungslosigkeit verschwand.
Ich sehne mich nach Schlaf. Mein Körper sehnt sich nach echtem, tiefem Schlaf, nach der Bewusstlosigkeit eines Wesens, das sich sicher fühlt. Manchmal denke ich darüber nach, wieso die Natur es so eingerichtet hat, dass wir überhaupt nur auf diese Art schlafen können: in eigens dafür gebauten Vorrichtungen, plüschig, plauschig, weich, in abgeschotteten Räumen mit dicken Wänden, auf vier Metern Höhe, auf 54 Metern Höhe, auf 90 Metern Höhe über »unserer« Straße, dem Teil der Struktur in der Stadt, den wir uns für diese Nacht, für einen Monat oder mehrere »verdient« haben. Womit ich meine: erkauft. Ist das nicht eine vollkommen künstliche Kategorie? Also sehr viele künstliche Kategorien, wenn man das mal an seine Wurzeln zu verfolgen versucht, welche Umstände dazu führen, dass manche Menschen auf diese Art schlafen und andere eben nicht. Zwischen diesen Arten liegt ein himmelweiter Unterschied – so groß, dass man annehmen könnte, dass es tatsächlich zwei unterschiedliche Arten von Mensch gibt, um die jeweilige Art des Schlafens zu erfüllen, um ihren Körper und ihren Geist darauf zu optimieren, ihre Möglichkeiten perfekt nutzen zu können. Die einen schlafen in absurd großen Betten: Matratzen mit Elastizitäts- und Belüftungsstrategien, deren Raffinesse ich im Schlaflabor ebenso angewandt wissen möchte, auf die Anatomie des Kopfes und der Wirbelsäule angepasste Kissen, für jede Region des Körpers eines, und flauschige Decken mit den wildesten und teuersten Federn gefüllt, wahrscheinlich noch mit spezieller Luft, ich denke da an die der Bretagne oder der Normandie, jedenfalls Meeresluft. Wirklich, es ist verrückt … Manchmal stehe ich vor einem Bettengeschäft, weil mich das Paradoxon der Auslagen im Schaufenster und des Bodens, der kleine Spikes hat, die nachts ausfahren, damit niemand sich dort hinlegen kann, sowie des Vordaches, das nachts eingefahren wird, nicht loslässt – und es gibt darin alles, sogar Wasserbetten. Nur schlafende Menschen in der Nacht gibt es in und vor diesem Laden nicht.
Solche wie ich, die anderen, befinden sich in einer Situation, der sie nicht ganz entfliehen können, nicht einmal im Schlaf. Es ist nicht so sehr die Angst, bestohlen zu werden, die wertvollsten Dinge kann ich kostenfrei an meinem Arbeitsplatz einschließen, sodass ich gewöhnlich nur meine Work-ID-Card und etwas Kleingeld dabeihabe. Diese ID-Card ist wertvoll, weil sie mir einen bestimmten Wert bescheinigt, würde ich verloren gehen oder überfallen werden, auf irgendeine Weise beschädigt, dadurch kurz aus dem System herausfallen und an anderer Stelle – zum Beispiel einem Krankenhaus – wieder hineingeschleust werden. Ich bin zwar ein immer raum- und oft schlafloser Mensch, aber auch ein arbeitender und somit ist es von einem gewissen Interesse, dass ich wieder an die richtige Stelle innerhalb des Gefüges finde und weiterarbeiten kann. Würde mir die ID-Card abhandenkommen, bekäme ich umgehend eine neue, denn der Zutritt zu meiner Firma funktioniert auch mit Gesichtsscannern. An dieser Stelle falle ich nicht so schnell heraus. Die ID-Card – ein Stückchen Plastik mit Zahlenkolonnen – ist also einer der wertvollsten Gegenstände, die ich in dieser Welt habe, auch wenn er nicht einmal meine Identität, sondern nur meine Funktion bestätigt.
Jedenfalls habe ich das Gefühl, für die einzige Art des Schlafens, die mir gerade möglich ist, nicht richtig gebaut worden zu sein. Sie füllt die Speicher, auf die mein Körper tagsüber zugreifen muss, nicht richtig auf. Das kann ich natürlich nicht beweisen, aber es fühlt sich so an. Vielleicht habe ich einfach die falschen Augen. Frösche zum Beispiel haben welche, die tagsüber, wenn sie schlafen, offen bleiben und nur von einem leichten, rötlichen Schleier überzogen werden. So können sie schlafen und Gefahren doch wahrnehmen. Es ist ja hell, wenn sie schlafen – so wie bei mir, und auch das fühlt sich falsch an. Natürlich ist das Licht nachts in den Bussen etwas gedimmt, die Verkehrsbetriebe wissen, dass Menschen dort schlafen müssen, aber ganz ausschalten können sie es aus nachvollziehbaren Gründen nicht. Und dann noch die Lichter von draußen, die überreizte Stadt, die stoischen Straßenlaternen, die Reklamen, die ohnehin nicht mich meinen können und trotzdem um die Aufmerksamkeit aller buhlen… Egal, wie ruhig der Bus fährt: Die Stadt schläft nie. Sie stiehlt sich durch meine flackernden Lider auf meine Netzhaut, in meinen Kopf und meine Träume, sie und ihre Lichter, ihr Lärm und ihr Dreck, ihre Menschen, andere Schlaflose, Verzweifelte, Gefährliche.
Im Grunde spielen wir unserem Körper vor dem Schlafen vor, dass wir es bereits tun: schließen die Augen, atmen ruhiger, legen uns hin, wenn wir es können. Am Anfang steht immer eine Lüge. Manchmal gebe ich auf und öffne die Augen, wenn ich weiß, dass es diesmal zwecklos ist oder es mir zu anstrengend wird. Dann sehe ich die jetzigen und vergangenen Szenarien auf den Straßen wie einen Film an mir vorbeiziehen, sehe bekannte und nur bekannt erscheinende Ecken, frühere Versionen von mir geistern manchmal durchs Bild. Alles wirkt wie eine Falle oder eine weitere Lüge: Da die Straße, an der ich mal mit diesem Typen langging, der dabei seinen Finger in meinem Arsch stecken hatte. Es fuhren so viele Autos an uns vorbei, wir knutschten, manche hupten, und ich fragte mich, ob sie sehen konnten, dass er mich führte wie einen seltsamen Hund an einer noch seltsameren Leine. Die Straße ist eigentlich hässlich, habe ich nun aus dem Bus heraus verstanden, aber damals schien sie mir schön. Viele Lichter, schnelle Autos. Das fand ich gut. Hier der Weiher mit den Schwänen, an dessen Ufer sich der Müll sammelt, wo ich mich mal von einem anderen getrennt habe, der mir das ewig nicht geglaubt hat. Vielleicht, weil er schon ein Herz aus Stein hatte. Als er es dann verstand, rollte er sich an meiner Brust zusammen wie ein kleines Kind und weinte. Danach fuhr ich auch Bus und weinte auch. Und dort der Club, in dem Sam und ich immer waren… Einmal ging es Sam sehr schlecht, Sam übergab sich auf die Treppe und wir gingen schnell nach Hause. Ich kochte Sam am nächsten Tag eine Suppe, dabei kann ich gar nicht kochen. Ich glaube, meine ehemalige Affäre hatte mir was ins Getränk getan, aber dann unsere Gläser versehentlich vertauscht. Dumm, nicht?
Und so geht es immer weiter, wenn ich gar nicht schlafe, die ganze Nacht: Da habe ich mal gearbeitet und es so gehasst, dass ich oft mit den schlimmsten Katern kam und regelmäßig fürchtete, auf den fischgrätenartigen Teppich zu kotzen (was seiner Hässlichkeit nichts hätte hinzufügen können), an diesem Büdchen habe ich immer meinen Kaffee geholt – 60 Cent, schwarz, Pappbecher –, in dem Pentagon-Häuschen neben dem Weiher hat die hübsche Zeitungsverkäuferin mit dem Nasenpiercing gearbeitet, von der ich so gern beachtet werden wollte und die immer nur Augen für Sam hatte. So viele Zeitungen konnte ich mir schon damals nicht leisten. Sam tröstete mich damit, dass sie gar nicht wisse, was sie an mir verpasst – ich brauchte trotzdem einige Zeit, um meine Eifersucht auf Sam in den Griff zu kriegen – die ich natürlich für Geld nicht zugegeben hätte, und wir brauchten schon damals Geld. Solange ich mich erinnern kann, brauchten wir eigentlich immer Geld. Aber in allen Erinnerungen, an denen ich nachts vorbeigefahren werde, hatten wir zumindest eine Wohnung oder ein Zimmer, einen Platz zum Schlafen. Ach, da ist immer noch die Praxis von dem Arzt, der so daddymäßig mit mir gesprochen und dann bei der Untersuchung meine Knie ganz fest zwischen seine geklemmt hat. Aber seine enge weiße Hose fand ich gut. Komisch eigentlich. Manchmal glaube ich, meine Mutter Elisa auf einer Straße zu sehen, ihren typischen federnden Gang, die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihre Nachtspaziergänge unternimmt, die ich ihr schon zeitlebens vergebens auszureden versuche. Und an dieser Ecke habe ich mal gewohnt, nur kurz. Dort haben wir zusammen gewohnt. Und in unzähligen Häusern auf der Route haben wir uns Wohnungen und Zimmer angesehen, die wir nicht bekommen haben. Meistens habe nur ich sie mir angesehen, in meinen besten Schuhen und dem guten Mantel, den ich von Elisa »geerbt« habe (kann man etwas erben, wenn die Person noch gar nicht tot ist?). Sam habe ich dann als »meinen Verlobten« bezeichnet. Das hatten wir so besprochen, um unsere ohnehin kläglichen Chancen auf eine Zusage zu erhöhen, und es fühlte sich so fies und falsch an, dass ich froh war, dass Sam nicht dabei war. Auch wenn ich es hasste, dort allein hinzugehen, in einer Traube von Menschen zu stehen, auf ihre Schuhe zu gucken, ihre Haare und Hände, und zu wissen, dass wir schon verloren hatten. Vor dem Laden mit den Interior-Gegenständen, die so viel kosten wie eine ganze Monatsmiete für eine ganze Wohnung, hat mich mal plötzlich ein Typ geküsst. Das hatte ich zwar schon geahnt, aber es überraschte mich dann trotzdem: Eigentlich wollte ich seine Freundin. Ich bin trotzdem mit ihm mitgegangen an diesem Abend, weil ich nicht nach Hause in mein Zimmer wollte, das ich damals sogar noch für mich allein hatte. Es schien mir zu langweilig dort. Ich verwöhnte Bratze, hätte ich den Luxus lieber genutzt, solange ich ihn noch hatte! Jetzt sitze ich hier.
Und selbst wenn ich die Augen geschlossen halte und wegdämmere: Die Stadt hält nicht nur meine Gedanken in Beschlag, sondern auch meinen Körper, sie sitzt in jeder Faser und verhindert, dass er endgültig in einen Schlaf der Erholung fallen kann. Ruhe, rest, in peace. Das kann ich nicht riskieren; dieser Schlaf fehlt und höhlt mich mit seiner Abwesenheit langsam aus. Auch wenn ich wenigstens nicht allein bin: Neben mir ist immer Sam.
Halbschlaf ist ein dauerhafter Zustand, habe ich gelernt, dessen eine Hälfte sich durch die Nacht zieht und die andere durch den Tag, und auch mein Körper ist ein Raum, den ich mir verdienen muss, hätte verdienen müssen. Aber das habe ich wohl nicht geschafft und ich versuche, den Moment zu finden, an dem ich das hätte tun müssen oder zumindest diesen Riss, die Zäsur zwischen meinem bisherigen Leben und dem jetzigen, provisorischen, dem ich permanent entfliehen möchte, hätte verhindern können – aber ich finde ihn nicht, diesen Moment in der Vergangenheit, zumindest nicht in der Chronik meiner eigenen Handlungen.
Es ist ein seltsamer Zustand, in dem ich mich gegenwärtig befinde, auf eine Art gemeinsam mit Sam. Jede Nacht diese hastigen Bewegungen. Mein Körper ist immobil, wenn ich neben Sam im Bus sitze und versuche zu schlafen, wird aber doch die ganze Zeit über bewegt. Ohne Kontrolle darüber, wo mein mobiler Käfig hinfährt.
Der Bus ist die günstigste Möglichkeit, sich nachts in einem Innenraum aufzuhalten. Sam und ich treffen uns abends immer zur selben Zeit am Alten Stadttor, um zusammen zu fahren, nebeneinander zu schlafen. Nicht so wie früher, als wir zusammen schliefen, obwohl wir beide sogar zeitweise je ein eigenes Zimmer in einer Wohngemeinschaft hatten und doch ein Bett teilten, weil es einfach schöner war. Nun ist es ein rein zweckgebundenes Schlafen zu zweit, außerdem ein öffentliches, das uns zu einer reinen Zweckgemeinschaft hat werden lassen. Wahrscheinlich verfolgt jede Bindung, auch unsere, immer einen Zweck: sich selbst und einander am Leben zu erhalten.
Mit dem plötzlichen Verlust dieser ohnehin immer kleiner und unwirtlicher werdenden Räume, schließlich mit dem letzten, winzigen Zimmer, das wir uns geteilt hatten und das uns um unsere gemeinsame Kaution brachte, ohne die wir uns wiederum nicht die Kaution für ein neues Zimmer leisten konnten, war unsere bisher so selbstverständlich gemeinsam verbrachte Zeit auf einige Stunden zusammengeschrumpft: nebeneinander, ja, aber in unruhigem Schlaf, in einem Nachtbus. Ich war Sam sehr dankbar dafür, an unserer Freundschaft und dieser Vereinbarung festzuhalten, auch wenn ich mich manchmal darum sorgte, wie ich schlafen sollte, wenn Sam eines Tages einen neuen Weg, einen anderen Raum und vor allem einen weiteren Menschen fände, in dessen Schlafen, Leben, Essen ich keinen Platz mehr haben würde. Wie schutzlos ich dann wäre, allein in diesen Bussen. Ich musste sparen, verzichten und planen, am besten unsere neue Kaution selbst aufbringen und schnell ein neues Zimmer für uns auftreiben, um dieser neuen Realität zu entkommen, die mich schon in Gedanken so ängstigte, dass ich mir gar keinen Schlaf mehr vorstellen konnte. Natürlich gibt es unendlich viele, vorwiegend weiblich gelesene Personen, die dasselbe Problem haben und es über Schlaf- und Solidargemeinschaften zu lösen versuchen. Viele schließen sich zu einer Art Club mit einem festen monatlichen Beitrag zusammen. Von dem gesammelten Ertrag zahlen sie dann eine Wohnung zur Zwischenmiete, die zwar eigentlich zu klein für alle ist, aber wen interessiert das schon, wenn die Alternative das Draußen ist. Wenn die Zeit der Zwischenmiete endet oder herauskommt, dass wesentlich mehr Personen dort wohnen als vereinbart, ziehen sie weiter. Andere besetzen Häuser, bauen alte Busse aus, eine relativ bekannte Gemeinschaft hat sogar eine leerstehende U-Bahn-Station komplett umgebaut und bewohnbar gemacht. Andere nutzen Konzepte wie »Wohnen gegen Hilfe« oder das Schlafgänger*innenwesen, in solchen meistens nur aus Flinta* bestehenden Clubs allerdings nur zu zweit oder im Schichtwechsel. Zu viele Geschichten gab es von Hausbewohner*innen, die dann tagsüber doch in ihre Wohnungen zurückkehrten und plötzlich vor den Betten der Schlafgänger*innen standen. Oder von Vermieter*innen, die nach Einzug noch andere Dienste für die kostenfreie Unterkunft einforderten als ursprünglich vereinbart.
Eine dieser Möglichkeiten könnte wohl auch ein Ausweg für mich sein, allerdings einer, den ich lieber vermeiden würde. Denn allen Gruppen eingeschrieben, das weiß ich, ist das Aushandeln von Positionen und Vorteilen. Offensichtlich können Menschen sich ein Zusammenleben ohne Hierarchien, ohne Klassifikationen und Zuteilungen – und damit in einem gewissen Maß auch ohne Unterdrückung – gar nicht erst vorstellen. Vielleicht sind sie dessen tatsächlich nicht fähig oder sie können ab einer bestimmten, untergeordneten Stufe nur noch das imitieren, was sie weiter oben beobachten. Mir reicht schon das Beharren auf meiner etwas randständigen, dafür aber relativ ruhigen Position auf der Arbeit, warum sollte ich das in den restlichen Stunden des Tages noch einmal, von vorne und immer wieder aufs Neue fortführen, nur um schlafen zu können, nur für diesen kurzen, oft unterbrochenen und immer unzureichenden Genuss des Nichtwissens über die Welt.
Anfangs, als sich Sams und meine unausgesprochene Vereinbarung gerade eingependelt hatte und wir uns beide im Stillen bewusst geworden waren, dass dies zwar eine Ausnahmesituation war, aber keine vorübergehende, sondern eine auf unbestimmte Zeit, bis sich etwas Unvorhergesehenes für eine*n von uns ergab, hatte ich mich oft in quälende Überlegungen darüber verloren, wie viel schlimmer meine Situation wohl ohne Sam wäre. Nach einiger Zeit war dann selbst das Alltag geworden: trübe Nächte, von Zukunftsängsten und dem plötzlichen Bedürfnis, uns durch einen Lottogewinn zu »retten«, durchzogene Tage. Meistens war mir der Lottoschein dann doch zu teuer und die Gefahr, dass ich nicht mehr aufhören könnte, es mit den immer gleichen Ziffern zu versuchen, zu groß.
Jedenfalls kann man sagen, dass das Prinzip der Unterdrückung, von dem Elisa immer gesprochen hat, sich bewährt hat:
– Solange es jemanden gibt, den die Menschen noch unter sich sehen, einen Zustand, der noch schlimmer ist als ihr jetziger, werden sie sich bemühen, sagte sie, Abstiegsangst.
In ihrem typischen Fatalismus, von dem ich, so fürchte ich, ebenfalls eine gehörige Portion mitbekommen habe, sprach sie weiter:
– Und weil wir alle in dieser Hinsicht – dem drohenden Abstieg – noch durchaus mehr Kapazitäten zum Leiden haben als uns lieb und politisch und gesellschaftlich gesehen zuträglich ist, wird es noch sehr lange so weitergehen und erst, wenn eine Grenze wirklich, wirklich überschritten ist – eine, die entweder akut das eigene Leben oder etwas von einem selbst außerhalb Liegendes, das man zum Leben benötigt, oder jemanden, den man zum Leben braucht, bedroht –, erst dann, wenn genügend Menschen sich gleichzeitig in dieser Kippsituation befinden und es ihnen gelingt, sich zu verbinden und zu formieren, gäbe es eine realistische Chance auf eine Änderung der Zustände (und so weiter)…
Dieses Minipamphlet endete meistens mit Elisas trockener Feststellung, dass sie diesen Moment nicht zwangsläufig in der ihr verbleibenden Lebensspanne erwarte. Und auch wenn ich spätestens bei diesem Satz immer die Augen verdrehte, habe ich in letzter Zeit doch oft das Gefühl, genau diese Skizze von Welt in der mich umgebenden Realität wiederzufinden, ein Schlachtengemälde in Zeitlupe. Weil ich das nun zu sehen glaube und weil ich mich in den Zeitfenstern, in denen ich mich kurz erholen kann – wie in diesem, in einem Imbiss mit Elisa, in dem wir uns häufiger treffen –, die kurz vor meinem wackligen Schlaf, aber nach einem ganzen, zehrenden Tag Arbeit liegen, nicht mit solchen Tatsachen beschäftigen will, verdrehe ich die Augen jetzt nicht mehr. Ich versuche, viel darüber zu erfahren, wie Elisa sich fühlt, denn was sie denkt, das weiß ich bereits. Und ich versuche, Kleinigkeiten von mir zu teilen, Beobachtungen, die guten, schönen, etwa das Glitzern im Wasser, oder ich erzähle ihr von Scherben auf dem Boden, wie ein Spiegel der Sonne. Eine Freundin hatte einmal zu mir gesagt, ihr Leben sei ein steiler Pfad durch einen eher dunklen Wald, aber da sei immer wieder ein Funkeln. Dieses Funkeln suche ich seither ganz bewusst, für mich und für Elisa, damit ich ihr davon erzählen kann, und nicht davon, wie es im Wald ist. Das weiß sie selbst.
Elisa weiß nichts von dem letzten Zimmer, es war zu schäbig, um sie dorthin einzuladen, sie weiß nichts von dem abgestellten Strom, dem eiskalten Wasser, von dem Rauswurf und dem Vermieter, der unsere Kaution einbehielt, obwohl es ein weit größerer Betrag war als der, den wir an Neben- und Energiekosten nicht nachzahlen konnten, und überhaupt mehr als jeder Betrag, den er für diese Bruchbude je verdient hatte.
Trotzdem: Weder wir noch Elisa hätten eine Möglichkeit gehabt, dagegen vorzugehen, und leider hatte Elisa kaum für mich, erst recht nicht für uns beide Raum, auch wenn Sam für sie schon immer und selbstverständlich zu unserer Familie gehört hat. Also schwieg ich mich darüber aus, ich schwieg zu den brüchigen Nächten, den ängstlichen Tagen und zu meinen immer tiefer werdenden Augenringen, und Elisa, die mich noch nie gedrängt hatte, etwas zu teilen, das ich nicht von mir aus ansprach, ließ mich darüber schweigen, ließ mich nur von den Lichtblicken erzählen. Und als ich für sie danach suchte, stellte ich fest, dass meine Freundin damals recht gehabt hatte: Es gibt sie immer.
Meine liebste Kindheitserinnerung ist das Bad, in das Elisa mit mir sonntags ging, um schwimmen zu üben. Erst nachdem wir ein von Elisa lange angespartes Wochenende im Schwimmhotel zugebracht hatten, gelang es mir, hastig und hechelnd eine wackelige Bahn durch das Schwimmbecken zu ziehen, unter den übertrieben stolzen Augen von ihr, meiner Mutter, die abziehbildartige Szenen wie diese normalerweise zu vermeiden suchte. Ich erinnere mich daran, dass abends eine Plane zur Abdeckung über das Becken gezogen wurde, automatisch auf Knopfdruck, und dass auf dieser grauen Plane silbern glänzende Fische aufgedruckt waren, was in meinem eher fantasie- als realitätsbegabten Kindergehirn zu der unverrückbaren Erinnerung führte, dass im Pool Fische lebten, denen ich beim Schwimmen ausweichen musste. Ich erinnere mich also an ihr schnelles, glattes Huschen unter meinen Beinen im Wasser, daran, wie ich den Kopf gleichzeitig nach oben zu halten und mit den Augen nach unten zu schielen versuchte.
Von da an gingen wir eisern jeden Sonntag ins Schwimmbad, je zwei alte, ausgewaschene Handtücher, eine Banane und eine Süßigkeit, die es heute nicht mehr gibt, deren Geschmack ich aber erinnere und sehnsüchtig vermisse, im Gepäck. Wir gingen auch ins Wasser. Aber keine von uns hatte die Disziplin, dort dröge das Schwimmen zu üben, wenn doch über allem eine fantastische, geschwungene Rutsche thronte, zu allem Überfluss auch noch eine, bei der die Rillen zwischen den einzelnen Versatzteilen unter den Knien kaum zu spüren waren. Auf Knien zu rutschen war selbstverständlich untersagt. Leider konnten wir uns daran nicht halten, weil wir im Rutschen zu gut für solche Regeln waren: Stundenlang duellierten wir uns mit Charlotte und ihrem Vater, die ebenfalls hervorragende Rutscher*innen waren: Wer konnte am schnellsten und am dramatischsten rutschen, wer schaffte es, am meisten Wasser an die beschlagene Glaswand klatschen zu lassen?
Heute denke ich, dass nicht nur Charlotte und ich ein großes und gleichzeitig schüchternes Interesse aneinander hatten, das sich über das spielerische Duell hervorragend und unauffällig ausleben ließ, sondern auch Elisa und Charlottes Vater, dessen Namen ich vergessen habe oder vielleicht auch einfach nie wusste. Auch wenn bei ihnen an irgendeinem Punkt die Schüchternheit in etwas Wildes, mir Unbekanntes umschlug und wir die beiden bisweilen aus den Augen verloren, was uns in der Hitze und im Eifer des Gefechts zunächst nicht auffiel. Ich erinnere mich daran, dass die beiden später versetzt wieder auftauchten, was mir seltsam erschien, da sie ja so lange gemeinsam gerutscht waren – aber es gab keinen Grund, ihnen deshalb irgendetwas zu unterstellen. Meine Lieblingssüßigkeit befand sich auch nach ihrem Verschwinden noch in meiner Badetasche, und damit hatte sich mein damaliges Repertoire an Unterstellungen bereits erschöpft. Ich erinnere mich daran, dass Elisa oft gerötete Wangen und manchmal, wie sie es selbst nannte, »wildes Haar« hatte, obwohl sie gerade aus der Dusche kam, Wasserperlen auf der Haut, was für mich überhaupt keinen Sinn ergab, da wir ja schon bei Eintritt geduscht hatten. Aber ich dachte nicht weiter darüber nach, zumal ich alle Hände voll damit zu tun hatte, mich mit Charlotte auf die Rutsche zu stürzen, kurz nacheinander, mich auf Knien ganz klein zu machen, immer schneller zu werden, mich so in die Kurven zu legen, dass mein Körper darin fast über den Rand hinaussprang, um schließlich – der Punkt, an dem sich unsere Körper trafen, unter Wasser sanft aufeinander aufschlugen – in einem hitzig hohen Tempo ins Becken zu sausen und unter den Ermahnungen der Bademeisterin zusammen mit Charlotte unterzugehen.
Diese Sonntage waren der Höhepunkt meines und, wie ich später verstanden habe, Elisas damaligen Lebens. So war der Geruch von Chlor für mich lange ein One-Way-Ticket zu einem längst vergessenen Gefühl, das sich aus Glück, Erwartung, Aufregung, Melancholie, Geborgenheit und etwas Flatterhaftem zusammensetzt und an körperliche Empfindungen wie Kraft, Erschöpfung, Berührung und Aufprall geknüpft ist. Nie bin ich im Schwimmbad, wenn ich diesen Geruch wahrnehme. Meistens geschieht es bei der Arbeit, wenn ich mal wieder viel zu früh da bin und auf die Putzkolonne treffe. Ich glaube, eine Zeit lang bin ich nur so früh dorthin gegangen, um den Geruch von Chlor und damit eine kurze Reise ins Glück zu erleben, auch wenn ich mir natürlich eine schnelle Beförderung, einen baldigen Aufstieg erhoffte, so wie alle jungen Menschen, was mir, wie allen, die von Haus aus keine weiteren Vorzüge mitbrachten, verwehrt blieb.
Erst vor wenigen Wochen stellte ich fest, dass der Geruch von Chlor mich traurig machte. Dass das Gefühl des Verlustes das kurze Glück der Erinnerung überwog. Seitdem kam ich nicht mehr früh zur Arbeit, sondern fuhr neben Sam in die erste Dämmerung, das erste Licht eines unbarmherzigen Tages durch einen unruhigen Schlaf und zerfetzte Traumbilder in ebendiesen Tag hinein, trank meinen ersten Kaffee mit Sam, umarmte Sam auf der Straße, bevor unsere Wege sich trennten, statt mich leise und mit einem Anflug des schlechten Gewissens von meinem Platz davonzustehlen, nicht ohne einen Zettel mit einer Botschaft, einer Zeichnung oder einem schlechten Witz (meine Spezialität) in Sams Tasche hinterlassen zu haben. Man könnte ein Museum aus diesen morgendlichen Liebesbriefen aufbauen, denn die hatte ich schon geschrieben, als wir noch eine Wohnung, dann ein Zimmer, schließlich nur noch ein Bett teilten. Ich wollte immer die erste Person in Sams Tag sein, wollte jeden Tag mit einem Funken von etwas Hellem beginnen lassen, sein Licht wärmer erscheinen lassen, seine Härte etwas abmildern.
An den Tagen, an denen sich unsere Wege nicht trennen, weil Sam duschen muss, gibt es meistens keinen Brief. Wir müssen uns konzentrieren, denn ich muss Sam in die Waschräume der Firma hineinschmuggeln und das früh genug, dass wir einen der beiden abschließbaren Räume für uns haben. Zwar gibt es hier, wie in allen öffentlichen Bädern und Unterbringungen auch, nur nach zwei Geschlechtern getrennte Bereiche, aber wenn wir früh genug da sind, haben wir das Stockwerk oder zumindest einen abschließbaren Raum für uns. Nur das Putzteam ist da und ein Pförtner, und glücklicherweise habe ich mich mit beiden gut gestellt. Wenn mal jemand Neues da ist, begrüße ich die Person sofort. Ich weiß alle Namen und bei den meisten auch, ob sie Kinder haben, was ihr Interesse ist oder welches Gebrechen sie haben, und ich frage immer danach. Ab und an, wenn ich etwas Süßes dabeihabe, teile ich es mit ihnen. Es ist ein bisschen berechnend, das gebe ich zu, denn ich bin auf ihre Loyalität angewiesen, wenn ich Sam problemlos in die Firma hinein- und auch wieder hinausbringen will. Aber ich fühle mich ihnen tatsächlich am meisten verbunden, ich mag sie, und ich frage auch aus ehrlichem Interesse. Sonst könnte ich mir das alles gar nicht merken.
Wenn wir den Raum für uns haben, ist es nicht wie damals, als wir Kinder waren und den Sommer meistens im Freibad verbrachten. Auch dort machten wir alles zusammen: Sam folgte mir überallhin. Es war kein Problem, vielleicht, weil Erwachsene Kinder oft nicht als ernstzunehmende Personen betrachten. Wenn sie es überhaupt bemerkten, machten sie dumme Witze darüber, dass wir später heiraten würden, worüber wir uns abends mit Elisa lustig machten. Sam sagte, wenn überhaupt, werde Sam Elisa heiraten. Um nach einer Kunstpause brav an Elisa gewandt hinzuzufügen:
– Natürlich nur, wenn du möchtest!
– Was sonst, antwortete Elisa ungerührt und fuhr fort mit dem, was auch immer sie gerade getan hatte.
Ich habe Jahre gebraucht, selbst nach meinem Auszug, um zu verstehen, was für eine coole, schlaue und elegante Mutter ich hatte und habe. Eigentlich mag ich Kategorien wie »cool« nicht, aber wenn ich heute durch die Fotos meiner Kindheit klicke, komme ich nicht umhin, zu denken, dass sie das verkörpert, was sich heute Momcore nennt. Dass das alles Teil einer Bildstrecke in einem der Magazine sein könnte, die ich damals von mühsam zusammengeklaubtem Pfandgeld bei der schönen Zeitungsverkäuferin gekauft habe, die mich immer übersehen hat. Dass Elisa den Fotos von Jane Birkin, Helena Bonham Carter und Rihanna als junge Mütter in ihrer Gelassenheit und ihrem so eigenen Stil in nichts nachstand. Wir trugen immer schon Kleidung aus dem Diakonie-Kaufhaus oder die wir geschenkt bekamen oder für wenig Geld übernahmen, und nicht nur Elisa sah immer großartig aus. Auch ich war ein erstaunlich gut gekleidetes Kind. Ganz im Gegensatz zu Sam, weswegen wir uns meinen Kleiderschrank auch teilten. Wenn Sam nicht bei uns übernachtete, brachte ich ein zweites Outfit mit zur Schule und hielt Wache, während Sam sich auf der Mädchentoilette umzog. Und nach der Schule wieder dasselbe: Ich nahm die Kleidung wieder mit nach Hause und Elisa wusch sie dort oder, wenn es keine Waschmaschine gab, im Waschsalon, in den wir auch meistens zu dritt gingen. In Gesellschaft liebe ich Waschsalons, aber nur, wenn Elisa oder Sam mit dabei sind.
Ab einem bestimmten Alter konnte ich selbst meine Outfits aussuchen und achtete streng darauf, dass Sams dazu passten. Ich bemerkte irgendwann auch Elisas Wirkung auf andere Menschen. Vor allem Männer schienen oft von ihr irritiert zu sein, ich fragte mich, ob sie so beeindruckt waren, dass sie Angst bekamen, so wie ich von Ursula (der einzigen vernünftigen Figur in Arielle, und der mit dem meisten Stil!) oder meiner Grundschullehrerin oder meinen wöchentlich wechselnden Crushes. Aber im Gegensatz zu ihnen war ich noch ein Kind. Heute denke ich, dass es weniger Elisas Schönheit war, die sie so verunsichert hat, sondern eher ihr Desinteresse: die Tatsache, dass sie nichts und niemanden brauchte und dass sie selten nach etwas auf der Suche war, sondern sich das, was sie wollte, in aller Ruhe eroberte. Ich denke auch, dass ich, wenn ich auch nur einen Bruchteil von Elisas Swag geerbt hätte, noch wesentlich mehr Spaß hätte haben können als ich ihn früher ohnehin hatte. Stattdessen hatte ich immer das Verlangen nach mehr, ich war ständig auf der Suche, und noch während ich etwas hatte oder genoss, überlegte ich schon, wie ich mehr davon oder etwas anderes haben, was ich als Nächstes wollen könnte. Etwas von Elisas Ruhe und Genügsamkeit hätte mir gutgetan. Aber als junge alleinerziehende Mutter brauchte sie die wohl auch.
Und man kann nicht alles haben, was man braucht oder wünscht, habe ich nun gelernt – manchmal nicht einmal das Nötigste.
In dem Moment, in dem ich nachts auf der mir so unbekannt scheinenden Straße stehe und auf diesen Schriftzug starre, erinnere ich mich plötzlich an eine Nacht neulich im Bus und habe fast ein Erleuchtungsgefühl, denn ich glaube kurz, den Grund gefunden zu haben, den Augenblick, in dem vielleicht auch in Sam etwas ein- oder ausrastete wie in mir: Jäh wurde ich aus meinem bröckelnden, katerartigen Halbschlaf gerissen, obwohl ich an Lärm, Erschütterungen und ungewöhnliche Geräusche gewöhnt bin und meine Erschöpfung solcherlei Irritationen nicht zu mir durchdringen lässt. Doch diesmal drang er zu mir durch, der obdachlose, schreiende Mann. Wohnungslos war auch ich, aber ich hatte eine Arbeit, ein Bankkonto, etwas Erspartes (die klägliche Basis für unsere neue Kaution), eigene Gegenstände in meinem Spind auf der Arbeit und – wenn auch sehr wenige, aus Angst vor Diebstahl – in der kleinen Tasche, deren Schlaufe ich mir unter der Jacke mehrmals um den Arm geschnallt hatte. Ich hatte eine Begleitung zu meiner rechten Seite, die ebenfalls wach geworden war und mit erschreckend leerem Blick nach vorn in Richtung des üblichen Spektakels blinzelte. Erst jetzt fiel mir auf, wie fahl Sams Gesicht inzwischen war, wie tief die Augenringe und die Falten an den Mundwinkeln, und plötzlich hatte ich einen bitteren Geschmack im Mund und sah unwillkürlich zurück auf die Schnapsflasche in der Hand des immer noch lamentierenden Obdachlosen. Im Gegensatz zu ihm hatte ich keine nennenswerte Sucht und immer eine kostenfreie Möglichkeit zu duschen.
Trotzdem war die Distanz zwischen uns gering, viel zu gering, wie mir in diesem Moment bewusst wurde, auch wenn ich noch versuchte, die in mir aufkeimende, laut Elisa absichtlich in uns allen angelegte Abstiegsangst niederzukämpfen. Der Abstand zwischen uns war weit geringer als eine Buslänge, weniger als mehrere Sitzreihen, eigentlich standen er und ich Nase an Nase, ich roch seinen Atem und er meine Angst. Wer reißt einen schon aus dem Schlaf? Entweder Menschen, die einen nachts beschäftigen, die immateriell mitgekommen waren und sich neben und in einem niedergelegt haben, oder eben Menschen, die mit einem am selben Ort sind, die ebenfalls ihr Lager dort aufschlagen wollen oder müssen, Menschen, die in einer ähnlichen Situation sind wie man selbst. Dass diejenigen, die mit uns regelmäßig in diesem Bus fuhren, die wir teilweise schon vom Sehen beziehungsweise vom müden Blinzeln kannten und grüßten, in einer ähnlichen Situation – oder einer ganz anderen mit denselben Konsequenzen – waren wie wir, dessen war ich mir natürlich bewusst gewesen. Aber dass ich vielleicht noch eine Handbreit davon entfernt war, mit diesem Bus nicht mehr fahren zu können, wenn etwas kippte, nicht einmal hier mehr schlafen zu können, das war eine neue Erkenntnis. Was, wenn auch mich etwas aus dem Gleichgewicht brachte? Ich verrückt oder krank wurde? Gefeuert? Unglücklich verliebt? Traumatisiert, angegriffen, verletzt? Ich hatte mir den Weg in die unvermeidbare Zukunft immer als einen Weg mit Steigung vorgestellt, einer geringen vielleicht nur, aber eben leicht nach oben, war stets davon ausgegangen, dass ich den Tiefpunkt schon kannte. Aber Kennen und Ahnen sind nicht dasselbe und die Zukunft hält nicht nur Gutes bereit.
All das wurde mir bewusst, als ich den schreienden und spuckenden Herumtreiber betrachtete, während ich diesen rast- und ortlosen Mann in diesem Moment hasste – und gleichzeitig zu verstehen glaubte.
Der vor meinen Augen flirrende Schriftzug im Dunkeln erinnert mich an etwas, das ich jetzt vergessen, aber schon einmal gesehen habe, vielleicht als ich in einer schlaflosen Nacht tatsächlich Bus fuhr – wach und beobachtend, Busfahren als Handlung – und mich, nicht ohne Sams Kopf sachte auf meinen Schoß gebettet zu haben, ans dreckige Fenster gesetzt hatte, durch das ich eine Werbeanzeige der BLACK IVY PARKS – einer der exklusiven Schlafclubs der Stadt – sah. Um Zutritt zu haben, muss man nicht nur das Zimmer zahlen können, das selbst in der niedrigsten Kategorie deutlich teu
