Gesichter-Geschichten - Joachim Salmann - E-Book

Gesichter-Geschichten E-Book

Joachim Salmann

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Beschreibung

Die Gesichter-Geschichten aus der Edition Limitkunst erzählen von Hellsehern, Migranten, Volkshochschülern, Bauern, Rechtsradikalen, Agenten, Porno-Stars, Geliebten, Ärzten und anderen Menschen. Long Covid bringt sie an ihr Limit, das Veränderungen erfordert. Joachim Salmann ist selbst von Long Covid betroffen. Mit diesen Geschichten wendet er sich an Mitbetroffene und ihnen nahestehende Freunde und Familie, genauso aber auch an Ärzte, Therapeuten und Gutachter. Er will ihnen deutlich machen, wie besonders das Leben jedes Einzelnen ist. Durch eine virale Infektion kann sich dieses Leben fundamental ändern. Es fordert jeden heraus.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Joachim Salmann

Gesichter-GeschichtenLeben vor Long Covid

 

Edition Limitkunst

Die Edition Limitkunst bringt Bücher und andere kreative Werke von Menschen heraus, die eine Krankheit an ihr Limit gebracht haben.In diesem Limit drücken Sie künstlerisch ihre guten und schlechten Erfahrungen, Befürchtungen und Hoffnungenmit ihrer Erkrankung, dem Verständnis von Freunden und Familieund dem Gesundheitssytem aus.

Innerhalb dieser Edition Limitkunst möchte ich hier Geschichten über Gesichter von fiktiven Personen vorstellen, die ein besonderes Leben geführt haben, das durch ihre lange/schwere Erkrankung eine überraschende Wende erfahren hat. 

Inhaltsverzeichnis

Sie hatte das zweite Gesicht

Sie verbarg ihr Gesicht

Das Gesicht war ihm fremd

Er war mir wie aus dem Gsicht gschnittn

Sie zeigten ihr wahres Gesicht

Er verlor beinahe sein Gesicht

Das Grinsen im Gesicht

Er brauchte ein neues Gesicht

Keiner kannte sein Gesicht

Jeder kannte ihr Gesicht

Mach doch nicht so ein Gesicht!

Dein schönes Gesicht

Dein entstelltes Gesicht

Sie bekam ihn nie zu Gesicht

Ihr Gesicht war alt geworden

Dein Angesicht, Herr, will ich suchen

Sie hatte das zweite Gesicht

Verstehen heißt, mit dem Herzen hellsehen! (Victor Hugo)

Ich weiß jetzt gar nicht, wie das mit dem Urheberrecht an diesem Text hier ist. Es ist klar, dass er auf meinen Einfällen beruht und dass ich ihn geschrieben habe. Aber ich habe nicht gewartet, bis mir die Ideen kamen. Ich war nämlich vorher bei der Tante.

Natürlich ist es nicht meine echte Tante, also meine leibliche. Jeder im Ort nennt sie Tante. Und wenn sie jetzt für alle die leibliche Tante wäre, dann wären wir ja alle im Dorf irgendwie verwandt. Und das kann ich mir jetzt nicht so ganz vorstellen. Vor allem nicht bei meinem Nachbarn. Also das kann ganz und gar nicht sein.

Auf die Tante ist Verlass. Wenn einer im Dorf etwas wissen will, vor allem wenn er etwas wissen will, bevor es überhaupt passiert ist, dann fragt er die Tante. Dann macht sie eine Sitzung, Séance nennt sie das. Die Tante kann nicht gut Französisch. Aber wenn sie ein Wort kann, dann ist es wichtig. Sie kennt auch das Wort Portemonnaie. Sie muss halt auch von etwas leben.

Für so eine Séance verwendet sie manchmal eine Kristallkugel, manchmal legt sie Karten oder liest aus der Hand. Aber eigentlich braucht sie das alles gar nicht. Sie weiß es auch so. Aber mit ein bisschen Hokuspokus macht sie mehr Eindruck und bekommt dafür auch mehr in ihr Portemonnaie.

Die Tante hat nämlich das zweite Gesicht. Das braucht sie auch dringend, denn mit dem ersten Gesicht ist es nicht mehr weit her. Ob sie jemals eine Schönheit war, weiß sie vermutlich selbst nicht mehr. Aber ihr Gesicht ist jetzt schon sehr lange so runzelig, ihre Augen sehen nicht mehr so gut, ihre Ohren hören nur noch, was sie nicht sollen, und die Zähne? Ich will Euch jetzt keine Angst machen.

Gut, dass sie das zweite Gesicht hat. Und mit dem sieht sie alles. Sie hat sogar gesehen, was ich in diesem Text schreiben werde. Und bevor ich mir den Kopf zerbrochen habe und gewartet habe, dass mir etwas einfiel, habe ich die Tante gefragt. Und sie hat mir dann diktiert, was ich irgendwann geschrieben haben werde tun können.

Sie wusste auch, dass diese Pandemie aus China kommen würde. Sie wusste, wer im Dorf sich wann ansteckte und wie schlimm es für den Einzelnen werden würde. Sie wusste auch, wer Geruch und Geschmack verlieren würde, und dass kein Kraut aus ihrer Küche helfen würde. Sie kannte Long Covid, bevor die Fledermäuse auf den Markt kamen.

Die Leute im Dorf fragten sie daher auch, wer vom Dorfarzt krankgeschrieben würde, welchen Pflegegrad die Pflegekasse feststellen würde und welchen Grad der Behinderung das Versorgungsamt. Sie wollten wissen, wessen Wiedereingliederung erfolgreich wäre, wessen Reha einen völlig überfordern würde, ob die Nahtlosigkeitsregelung klappen würde und welche Erwerbsminderung Rentenkasse und BG bescheiden würden.

Und zum ersten Mal wusste die Tante die Antworten nicht. Das würde von Land zu Land, von Amt zu Amt und von Sachbearbeiter zu Sachbearbeiter abhängen. Und was der Sachbearbeiter gefrühstückt hatte. Nun, das wusste sie wieder.

Sie verbarg ihr Gesicht

Unterschieden ist nicht das Schöne vom Guten, das Schöne ist nur das Gute, das sich lieblich verschleiert uns zeigt. (Johann Wolfgang von Goethe)

Sie sagte  [in schāa llāh], als sie ihren Ehemann im Alter von zwölf Jahren kennenlernte. Er war ein netter Junge und sie hatten viel Zeit, sich kennen und lieben zu lernen, bevor sie mit achtzehn Jahren heirateten. Ihre Eltern hätten keinen besseren Mann finden können, die Großfamilie hätte nicht glücklicher sein können.

Dann kamen die [tālibān]. Schüler nannten sie sich und führten sich doch auf wie Meister. Sie hatten keine Bildung, aber sie hatten Gewehre. Und diese richteten sie auf die eigenen Leute. Ganz brutal unterdrückten sie vor allem die Frauen. Das entsprach nicht den Lehren des [islām]. Der Prophet predigte die Gleichberechtigung aller Menschen. Es war die Aufgabe der Gläubigen, die Ungläubigen auf den rechten Weg zu führen, und die Aufgabe der Männer, ihre Frauen zu schützen.

Der [dschihād] bezeichnete die Anstrengung jedes Gläubigen, nach den Lehren Mohammeds ein gutes und vorbildliches Leben zu führen. Jeder hatte sich nach den fünf [arkān] zu richten: [aš-šahāda], das Glaubensbekenntnis, [salāt], das Gebet,   [zakāt], das Almosen, [saum], das Fasten, [hadsch], die Pilgerfahrt.

Natürlich trug sie den [hidschāb] als Zeichen ihrer Besonderheit als erwachsene Frau. Doch was jetzt willkürlich vorgeschrieben wurde, war deutlich eine Unterdrückung von Frauen und Mädchen. Mohammed, [sallā llāhu alayhi wa-sallama] hatte das nicht gewollt. Und ihr frommer Mann auch nicht.

Ihnen blieb nichts anderes übrig, als sich den vielen anderen anzuschließen, die ihrem Dorf, ihrer Sippe und ihrem Land den Rücken kehrten. Ihr treuer Mann blieb ihr stets zur Seite und beschützte sie vor allen Gefahren der Flucht, bis sie am Ziel waren.

Das Erstaufnahmelager war furchtbar. Es gab keine Privatsphäre. Mit anderen Familien und damit auch fremden Männern in der gleichen Parzelle zu wohnen und zu schlafen bedeutete, dass sie Tag und Nacht ihr Gesicht verbergen musste. Manche, vor allem junge Frauen, ließen nach einigen Wochen und Monaten das Kopftuch fallen. Zum Glück verlangte ihr Mann nie von ihr, sich so zu entblößen.

Außerhalb des Lagers wurde sie von vielen Männern wegen ihres Kopftuchs angegafft. Auch hier wussten viele offensichtlich nicht, wie man sich einer Frau gegenüber ordentlich verhält. Was sollte man von Ungläubigen auch anderes erwarten? Schlimm waren nur die Männer, die keine Haare hatten. Sie verhielten sich ähnlich wie die Männer in ihrer Heimat, die einen langen Bart hatten.

Dann kam Corona und alle Frauen verhielten sich auf einmal wie in ihrer Heimat. Entweder sie blieben zu Hause oder sie trugen eine Maske. Auch die Quarantäne war nichts Neues, als sie sich infizierte. Und als sie nicht wieder gesund wurde, kümmerte sich ihr Mann weiter liebevoll um sie.

Es kam nicht darauf an, ob Männer lange Bärte trugen, glattrasierte Köpfe oder Corona-Masken. Wichtig war nur, welches Gesicht darunter verborgen war. [bism-illāh].

Das Gesicht war ihm fremd

Man darf niemandem seine Verantwortung abnehmen, aber man soll jedem helfen, seine Verantwortung zu tragen. (Heinrich Wolfgang Seidel) 

Seine Eltern sagten [bism-illāh] und schickten ihren zweiten Sohn zusammen mit dem jüngsten los. Der älteste Sohn musste die Verantwortung zu Hause übernehmen und die anderen ihn unterstützen.

Der Sohn, der mit 16 auf einmal erwachsen werden und sich um seinen kleinen Bruder kümmern musste, antwortete [bism-illāh]. Er wusste ja, dass der Krieg immer näherkam. Die Verwandten aus der Großstadt hatten ihre zerbombten Wohnungen schon lange verloren, sie hatten schon zahlreiche Tote betrauern müssen. Seitdem saßen alle bei seiner Familie mit am Tisch und fragten sich, welche Lösung ihnen denn noch bliebe.

Und die Lösung war nach langer Diskussion in der Männerrunde gewesen, dass zwei ihrer Söhne das Weite suchen sollten, bevor die Soldaten des Präsidenten oder die Milizen der Widerstandsbewegung auch die beiden noch rekrutieren würden. Man wusste in der aktuellen Lage nicht mehr, welche Partei schlimmer gewesen wäre.

Und trotzdem war der Sohn nicht darauf gefasst, Vater und Mutter, seine Geschwister und seine ganze Großfamilie, sein Dorf und sein Land in einer Nacht- und Nebelaktion verlassen zu müssen und sich einem Fremden anzuvertrauen, dem der Vater genug Geld für eine sichere Fluchtroute gezahlt hatte. Seine Mutter hatte noch eine Notreserve in das Jackenfutter eingenäht.

---ENDE DER LESEPROBE---