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Nebulosa. Zeitschrift für Sichtbarkeit und Sozialität 03/2013
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Seitenzahl: 229
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Nebulosa – Zeitschrift für Sichtbarkeit und Sozialität
03/2013
Gespenster
Nebulosa
Zeitschrift für Sichtbarkeit und Sozialität
03/2013
Gespenster
Herausgegeben von Eva Holling, Matthias Naumann und Frank Schlöffel
Neofelis Verlag
Nebulosa − Zeitschrift für Sichtbarkeit und Sozialität
03/2013: Gespenster
Hrsg. v. Eva Holling / Matthias Naumann / Frank Schlöffel
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© 2013 Neofelis Verlag UG (haftungsbeschränkt), Berlin
www.neofelis-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten.
Umschlaggestaltung: Marija Skara
E-Book-Format: epub, Version 2.0
ISSN: 2193-8490
ISBN: 978-3-943414-22-6
Erscheinungsweise: zweimal jährlich
Jahresabonnement 22 €, Einzelheft 14 €
Erhältlich in Ihrer Buchhandlung oder direkt beim Neofelis Verlag unter:
Ein Abonnement verlängert sich automatisch um ein Jahr, wenn die Kündigung nicht mindestens drei Monate vor Ende des Kalenderjahrs erfolgt ist.
Inhalt
Einleitung
Gerhard Mayer / Uwe Schellinger / Michael Schetsche
Diesseits des Gespenstermythos. Phänomenologie und Analyse geisterhafter Erscheinungen
Christian Sternad
Das Gespenst und seine Spektralität. Die hermeneutische Funktion des Gespensts, oder: eine phänomenologische Hantologie
Björn Wittmayer
Von den Geistes- zu den Geisterwissenschaften
Oliver Dimbath / Anja Kinzler
Wie sozial sind Gespenster? Wissenssoziologische Untersuchungen zu einem unheimlichen Phänomen
manche(r)art
Ist Theater (k)ein Medium?
Paul Sörensen
Ein Gespenst geht um. Überlegungen zu Kultur, Macht und (Inter-)Sexualität im Anschluss an Hannah Arendt
Friederike Thielmann
Technik des Wieder-holens. Das Erscheinen des barocken Theatergeistes in Andreas Gryphius’ Catharina von Georgien oder Bewehrete Beständigkeit
Katharina Adeline Engler
Gespenster, die mit Puppen spielen. Zum Phantasma der Identität in Diderots Paradoxe sur le comédien
Ralph Fischer
Ghost Machines. Gespenstische Klangräume bei Janet Cardiff / George Bures Miller, Kitchen Sisters und Soundwalk
Raiko Hannemann
Subversives Denken im sich vollendenden Kapitalismus. Ein Kommentar zu Nebulosa 02/2013
Kommentierendes Interview mit Karen Eliot Die Lösung ist so einfach wie naheliegend
Abbildungsnachweise
Calls for Papers
Weitere Titel im Neofelis Verlag
Einleitung
Ihr seid noch immer da! nein, das ist unerhört.
Verschwindet doch! Wir haben ja aufgeklärt!
Das Teufelspack, es fragt nach keiner Regel.
Wir sind so klug, und dennoch spukt’s in Tegel.
Wie lange hab’ ich nicht am Wahn hinausgekehrt,
Und nie wird’s rein; das ist doch unerhört.
(Johann Wolfgang von Goethe: Faust I)
Diese Zeilen lässt Johann Wolfgang von Goethe den Proktophantasmisten (Steißgeisterseher) im Faust I sprechen – die Figur ist eine Anspielung auf den Aufklärer Friedrich Nicolai, der im Frühjahr 1791 einige Wochen an Geistererscheinungen litt und diese mittels Aderlass sowie Blutegeln, die er sich am After ansetzen ließ, therapierte. 1799 wird sich Nicolai einer öffentlichen Selbstschau unterziehen, indem er an der Berliner Akademie der Wissenschaften einen detaillierten Bericht über seine Gespenstererfahrung gibt.1 Jene ist hier allerdings nicht Selbstzweck, sondern wird, die Philosophie Johann Gottlieb Fichtes angreifend, als Vehikel benutzt, um analytisch der Ordnung der Realität auf die Spur zu kommen. Nicolai zufolge seien Gespenster in diesem Zusammenhang „Phantasmen“ und „Blendwerke“ eines „kranken Ich[s]“,2 sie seien medizinisch und psychologisch erklärbare Bestandteile einer individuellen pathologischen Vorstellungswelt, damit eingebannt in die Innerlichkeit des Individuums als Störfaktoren des Außen.
Bis heute werden Erfahrungen mit Gespenstern – wie jene Nicolais – selten aus der Perspektive des Gespensts geschildert. Das hat seine Gründe, denn Gespenster, als stets an der Schwelle von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit handelnde Akteure, sind an ihre Bezeugenden geknüpft. Kein Gespenst taucht auf ohne diejenigen, die es als theologische oder philosophische Diskursfigur in Besitz nehmen und funktionalisieren, als (para-)psychologisches Phänomen vermitteln oder literarisch, theatral oder filmisch inszenieren. In jeglichen Kontexten erscheinen Gespenster als Repräsentationsformen, die Persistenz und Absenz, Identität und Differenz, Ordnung und Unordnung, Sinnlich- und Übersinnlichkeit, Tod und Leben usf. in sich vereinen. Die Beiträge der vorliegenden Nebulosa-Ausgabe erschließen schlaglichtartig jene hier angedeutete Vielfältigkeit der bis heute spukenden Doppelwesen. Den Modi der Bezeugung des gespenstischen Spuks und der damit verbundenden individuellen und kollektiven Wirklichkeitskonstruktion widmen sich Gerhard Mayer, Uwe Schellinger und Michael Schetsche im eröffnenden Beitrag. Die Autoren gehen ‚Spukphänomenen‘ in einem Schwarzwälder Traditionshotel nach und fragen nach den subjektiven Vermittlungen jener „Sprache der Geister“. Im Ausgang von Jacques Derrida analysiert Christian Sternad im darauffolgenden Beitrag das Gespenst als philosophische Denkfigur und Emblem des Poststrukturalismus. Björn Wittmayer hingegen beschäftigt sich, auf Jonathan Culler aufsetzend, mit einer sich dem hermeneutischen Zugriff entziehenden Poetik von textuellen Zeichen im Kontext strukturalistischer Theoriebildung. Die erste Sektion beschließt ein Beitrag von Oliver Dimbath und Anja Kinzler. Sie diskutieren das Potential des Gespensts als sozialtheoretisches Konzept. manche(r)art fragen mit ihrem Beitrag formal und inhaltlich nach dem Verhältnis zwischen Gespenstern und dem ‚Medium‘ Theater, welches ein besonderes zu sein scheint – wie auch die Häufung weiterer Analysen im Hinblick auf Theater und Performance im dritten Teil nahelegt. Dieser unterzieht das Gespenstische anhand ausgewählter Beispiele genauen Lektüren und wird mit einem Beitrag von Paul Sörensen eröffnet. Sörensen reflektiert, ausgestattet mit dem begrifflichen Instrumentarium Hannah Arendts, Intersexualität als soziales Phänomen von Weltlosigkeit. Die Beiträge von Friederike Thielmann und Katharina Adeline Engler analysieren die Konzeption des Gespensts in zwei dialogischen Texten. Während sich Thielmann im Zuge der Lektüre von Andreas Gryphius’ Catharina von Georgien mit der Figur des Gespensts als Wiedergänger der Märtyrerin und den Problemen ihrer szenischen Darstellung auseinandersetzt, liest Engler das Gespenst als Figur des Spiels zwischen Verkörperung und Körperlosigkeit in Denis Diderots Paradoxe sur le comédien. Anhand künstlerischer Arbeiten von Janet Cardiff, Kitchen Sisters und Soundwalk macht sich Ralph Fischer abschließend auf die Suche nach den Spuren auditiver Gespenstigkeit. Im Forum der vorliegenden Nebulosa-Ausgabe reagieren Beiträge von Raiko Hannemann und Karen Eliot auf das vorangegangene Heft, welches Subversion zum Schwerpunktthema hatte.
Frank Schlöffel
Anmerkungen
1 Vgl. Friedrich Nicolai: Beispiel einer Erscheinung mehrerer Phantasmen nebst einigen erläuternden Anmerkungen; vorgelesen in der K-Akademie der Wissenschaften zu Berlin, den 28. Hornung 1799. Berlin: [1799]. http://digital-b.ub.uni-frankfurt.de/files/13025/Schop_603_444_2.pdf (Zugriff am 18.02.2013).
2 Ebd., S. 36.
Diesseits des Gespenstermythos
Phänomenologie und Analyse geisterhafter Erscheinungen
Gerhard Mayer / Uwe Schellinger / Michael Schetsche
Nach einer um die Jahrtausendwende durchgeführten Repräsentativbefragung waren fast 16 Prozent der deutschen Bevölkerung mindestens einmal in ihrem Leben mit der geisterhaften Erscheinung eines Verstorbenen konfrontiert.1 Solche individuellen Erlebnisse können, wie wir exemplarisch an einem Fallbeispiel zeigen werden, überraschend wenig mit dem medialen Mythos des ‚Gespenstes‘ zu tun haben, den wir von inszenierten oder überlieferten Geisterfotos und filmisch-fiktionalen Darstellungen her kennen.2 Dort werden wir mit allbekannten durchscheinenden und oft weißverschleierten Schemen konfrontiert, die manchmal erkennbare Physiognomien verstorbener Personen aufweisen, uns aber oft auch mit den drastischen Insignien des Todes, nämlich mit Verwesung und Skelettierung, konfrontieren.3 Allerdings liegt in diesem Fall die Problemlage nur allzu offen: Die Konzeption geisterhafter Wesen, die einer anderen Realitätssphäre angehören – dem ‚Jenseits‘, einem ‚Zwischenreich‘ – beinhaltet naturgemäß ihre Unsichtbarkeit aus einer lebensweltlichen Alltagsperspektive heraus. Visuelle Medien zwingen zur visuellen Darstellung des eigentlich Unsichtbaren – dies gilt deutlich mehr für statische Bilder als für den um die akustische Dimension bereicherten Tonfilm – was in vielen Fällen zu einer weitgehend symbolhaften Nutzung solcher Visualisierungen führt: Das Durchscheinende verweist auf die Unsichtbarkeit, der Knochenmann auf den unterirdischen Todesgrusel.
Abb. 1Der Zauberkünstler Jacoby- Harms mit spiritistischer Erscheinung, Fotografie von F. A. Dahlström, 1886.
Diesseits der Fiktionalisierungen – die ‚Sprache der Geister‘
Diesseits solcher Fiktionalisierungen bekommen wir ein weitaus differenzierteres Bild, wenn wir ernsthaft denjenigen zuhören, die von Begegnungen mit Geistern berichten können. Diese lebensweltlich erfahrbare ‚Gespensterwelt‘ stellt ein reiches Feld phänomenologisch höchst unterschiedlicher Erscheinungen dar, die anhand dreier Leitdimensionen wissenschaftlich rekonstruiert werden können: das Verhältnis von subjektiver und wissenschaftlicher Evidenz der Phänomene, das Kontinuum zwischen Einmaligkeit und raumzeitlicher Persistenz (Stichwort ‚ortsgebundener Spuk‘) sowie die Bedeutung der Dialektik von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit im Kontext der individuellen und sozialen Wirklichkeitskonstruktion. Die letztgenannte Dimension soll im Mittelpunkt unserer Betrachtungen stehen.
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