Ghostwalker - Rainer Wekwerth - E-Book

Ghostwalker E-Book

Rainer Wekwerth

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Beschreibung

Walk on, Ghost!

Hamburg 2047: Die Ausspähung von Daten ist ein weltweites Geschäft. Große Firmen nutzen zum Versand von Nachrichten sogenannte Ghostwalker in der virtuellen Welt, um Datendiebstahl zu vermeiden. Einer dieser Ghostwalker ist der siebzehn Jahre alte Jonas. In der realen Welt kommt er gerade so über die Runden, im Netz jedoch ist er eine Legende und unter dem Namen Moondancer bekannt. Als er einen sehr lukrativen Auftrag annimmt, heftet sich die geheimnisvolle Blue an seine Fersen und will ihn mit allen Mitteln aufhalten. Dann aber tauchen unvermittelt Feinde auf, die sie beide und die ganze Welt bedrohen. So werden aus den Konkurrenten Blue und Moondancer Verbündete, die sich gemeinsam dem Kampf auf Leben und Tod stellen müssen.

Spannender Jugendroman ab 13 Jahren für Jungen und Mädchen, die Gaming und virtuelle Welten mögen.

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Das Buch

Jonas träumt von einem anderen Leben, ein letzter lukrativer Auftrag als Bote in der virtuellen Stadt Golem City soll das möglich machen.

Blue träumt davon, die Beste zu sein. Keine virtuelle Welt ist ihr zu gefährlich. Bis sie ihr Gedächtnis verliert und nach Golem City reist, um wiederzubekommen, was ihr gestohlen wurde.

Zwei Ghostwalker mit gegensätzlichen Zielen.Eine Welt, die keine Gnade kennt.Zwei Möglichkeiten: leben oder sterben.

Der Autor

© Christian Witt

Rainer Wekwerth hat zahlreiche Bücher veröffentlicht und dafür Preise gewonnen. Zuletzt die Jugendbuchpreise Segeberger Feder, Goldene Leslie und Ulmer Unke. Mit seiner „Labyrinth“-Trilogie landete er zudem auf der Spiegelbestsellerliste. Die Kinoverfilmung ist in Vorbereitung. Seine „Pheromon“-Buchreihe, erschienen bei Planet!, wurde für vier weitere Buchpreise nominiert, darunter für den renommierten Buxtehuder Bullen und den Deutschen Phantastik Preis.

Mehr über Rainer Wekwerth: www.wekwerth.comRainer Wekwerth auf Facebook: www.facebook.com/rainer.wekwerthRainer Wekwerth auf Instagram: www.instagram.com/rainerwekwerth/

Der Verlag

Du liebst Geschichten? Wir bei Planet! in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH auch!Wir wählen unsere Geschichten sorgfältig aus, überarbeiten sie gründlich mit Autoren und Übersetzern, gestalten sie gemeinsam mit Illustratoren und produzieren sie als Bücher in bester Qualität für euch.

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Viel Spaß beim Lesen!

Für Anna.Walk on!

1.

North Guard

Unter Jonas’ Stiefeln knirschte der gefrorene Schnee. Immer wieder brach er bis zu den Knien ein, aber er kämpfte sich unermüdlich vorwärts. Der Wind hatte den Schneefall in eine wirbelnde weiße Wand aus tanzenden Flocken verwandelt, die es ihm unmöglich machte, weiter als zehn Meter zu sehen. Der Himmel selbst blieb unter tief hängenden, dunklen Wolken verborgen.

Jonas ächzte vor Anstrengung, während er sich durch den Wald kämpfte. Hohe Bäume begleiteten seinen Weg und immer wieder spähte er nach oben, ob sich einer der Nordmänner in den Kronen verbarg. Er hatte schon zwei Angriffe unverletzt überstanden, aber es war nur eine Frage der Zeit, bis er in einen weiteren Hinterhalt geriet. Er war ein Fremder in dieser Welt und die Nordmänner ließen ihn spüren, dass er nicht willkommen war. Seit sie ihn entdeckt hatten, jagten sie ihn. Unerbittlich. Gnadenlos. Und langsam war er am Ende seiner Kräfte angekommen. Er war erschöpft.

Die Firma, die diese Simulation erschaffen hatte, nutzte die computergenerierten Nordmänner als Sicherheitsprogramm, sogenannte Jaeger, die Eindringlinge aufspürten und verfolgten. Sie waren für jeden Ghostwalker eine Gefahr, erwünscht oder unerwünscht, denn sie ließen sich nicht austricksen oder durch einen Zugangscode außer Kraft setzen. Das gehörte zum Sicherheitskonzept der Firmen dazu: Obwohl der Auftrag von der Firma selbst kam, konnten die Jaeger nicht deaktiviert oder umprogrammiert werden. Zu viele Sicherheitslecks, zu viele gestohlene Daten und immer bessere Hacker hatten diesen Schritt notwendig gemacht.

Einzig das Wissen, wo die Jaeger sich auf dem Weg aufhielten, konnte einen vor ihren Angriffen schützen, aber Jonas hatte einen Fehler gemacht und war entdeckt worden, als er vom Pfad abgewichen war, um einen gefrorenen, zweihundert Meter hohen Wasserfall zu bestaunen. Die Programmierer hatten in seiner Nähe eine Horde Jaeger positioniert und er war prompt in die Falle getappt. Natürlich hätte man ihm eine Liste geben können, welche Orte er zu meiden hatte – aber das war das Problem mit den Ghostwalkern. Jede Arbeit mehr war für die Auftraggeber müßig, und wenn Jonas so dumm war, in der virtuellen Welt zu sterben, würde der nächste kommen, der seinen Platz einnahm. Das Leben eines Ghostwalkers war nicht viel wert, das musste Jonas auf die schmerzhafte Tour lernen. Nun waren die Jaeger hinter ihm her und ihm blieb nichts anderes übrig, als sie abzuschütteln, was allerdings nicht einfach war, denn er hinterließ deutliche Fußspuren im Schnee, die so tief waren, dass nicht einmal der Schneefall sie verdecken konnte.

Jonas stöhnte. Er hatte inzwischen jegliches Zeitgefühl für diese Welt verloren. Sicherlich war er erst ein paar Stunden hier, aber es fühlte sich wie Tage an.

Bleib ruhig, Junge. Du schaffst das. Du hast es immer geschafft. Du bist Moondancer. Du kommst und gehst wie ein Schatten in der Nacht.

Sein Atem stand als kleine, weiße Wolke in der Luft, als er stehen blieb, um sich zu orientieren. Dieser verfluchte Wald musste irgendwann ein Ende haben, aber noch konnte er es nicht erkennen.

Die Schneeflocken vermischten sich mit dem Schweiß auf seinem Gesicht, aber er fror nicht. Bei allem, was die heutigen VR-Anzüge vermitteln konnten – das hatten sie noch nicht drauf.

Der Pelzkragen seiner grob genähten ledernen Jacke war inzwischen ebenso von Schnee bedeckt, wie das leichte Kettenhemd, das er darüber trug. Auf eine Kopfbedeckung hatte er verzichten müssen, da sie nicht zur Ausrüstung gehörte, die ihm sein Auftraggeber in dieser Welt bereitgestellt hatte.

Einfache Kleidung, die der der Nordmänner gleichkam, ein Kurzschwert und einen Dolch, der an seiner Hüfte in einer Lederscheide baumelte. Alles sah handgefertigt aus und passte perfekt zur Simulation.

Dass er tatsächlich schwitzte und keuchte, war der Aufregung geschuldet und den Impulsen, die ihm sein VR-Anzug an die Hautkontakte übermittelte. Zehntausende kleiner Nanomarker, die auf alles reagierten, was er sah und tat. Sie wandelten die Energie in Vibrationen und Schmerzwellen um. Nicht tödlich, aber schmerzhaft genug, dass es Jonas vorzog, lieber nicht von den Nordmännern entdeckt zu werden.

Jeder Kampf mit ihnen barg zudem die Möglichkeit, dass er einen virtuellen Tod erlitt und aus der Simulation geworfen wurde. Einen weiteren Zugang würde es nicht geben. Dann hatte er versagt und sein Auftraggeber würde sich einen anderen Ghostwalker suchen. Und das durfte auf keinen Fall geschehen, denn er brauchte das Geld dringend.

Es war das Jahr 2047.

Manches hatte sich in der Welt zum Guten gewendet, vieles zum Schlechten. Die digitale Revolution brachte Überwachung in einem kaum vorstellbaren Ausmaß hervor. Schlimmer noch war die Ausspähung von Daten geworden. Besonders die japanische Mafia, die Yakuza, hatte daraus ein weltweites Geschäft gemacht und agierte nun auch in Deutschland.

Große Firmen schützten ihre Geheimnisse auf eine neue Art und Weise: Wichtige Nachrichten, Daten oder Unterlagen wurden nicht mehr über das Netz versandt, sondern sogenannten Ghostwalkern übergeben, die mit ihren Avataren als Boten in der virtuellen Welt unterwegs waren. Wie diese Welt im Einzelnen aussah, wurde durch die Konzerne bestimmt, die ihren jeweiligen Bereich als erlebbare Umgebung programmierten.

Jeder Ghostwalker, der ein virtuelles Gebiet betrat, musste sich damit auseinandersetzen. Diejenigen, die erwünscht waren, erhielten Ausrüstung und eine Wegbeschreibung, alle anderen mussten mit tödlichen Gefahren und Schmerzen rechnen. Was ihrem Avatar widerfuhr, hatte körperliche Folgen in der Realität, bis hin zum Herzstillstand.

Und dennoch ist es für mich die einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen, ohne dass ich in der realen Welt auffliege.

Der Wind ließ nun etwas nach. Jonas stapfte weiter. Es war still, so still hier. Nur ein sanftes Rauschen lag in der Luft, dessen Ursache er nicht ausmachen konnte. Es war wie ein Flüstern, das zwischen den Stämmen der Bäume auf ihn zuschlich, ihn umgab, als wäre es ein schützender Mantel. Aber dieser Eindruck war falsch. So falsch.

Als Jonas den Kopf hob, entdeckte er vor sich einen Schimmer. Das Ende des Waldes. Endlich. Nun war es nicht mehr weit bis zur schwarzen Festung. Er richtete sich auf und holte tief Luft. Jetzt einen harten Sprint hinlegen und es war geschafft.

Der Pfeil kam aus dem Nichts und bohrte sich tief in Jonas’ rechten Oberschenkel. Die Nanomarker seines Anzugs reagierten augenblicklich und sandten brennenden Schmerz durch sein Bein. Jonas keuchte auf. Ihm wurde für ein Moment schwarz vor Augen, aber er riss sich zusammen, um die Lage zu analysieren. Aus welcher Richtung war der Pfeil gekommen?

Von vorn. Irgendwo vor ihm war ein Feind, der ihn im Visier hatte. Die Erkenntnis traf ihn wie ein Blitz und er warf sich seitwärts in den Schnee. Keinen Augenblick zu früh. Ein weiterer Pfeil schlug an der Stelle in den Schnee, an der er gerade eben noch gestanden hatte.

Verdammt!

Jonas zog den gefiederten Pfeil aus seinem Bein und musste sich beherrschen, nicht laut aufzubrüllen. Die Schmerzen, die die Nanomarker übertrugen, raubten ihm den Atem.

Das hier war kein Spaß mehr. War es eigentlich nie gewesen, aber nun war er wirklich in Gefahr. Weitere Treffer bedeuteten mehr Schmerzen und irgendwann würde sein Organismus die Impulse des VR-Anzuges nicht mehr verkraften können und zusammenbrechen. Einfacher und weniger schmerzhaft war es, den virtuellen Tod zu erleiden, indem sein Avatar eine tödliche Verletzung abbekam und er somit automatisch aus der Simulation geworfen würde. Dann könnte er einfach aus seinem 360-Grad PSI-Stuhl aufstehen, den Anzug abkoppeln und ihn ausziehen.

Sich selbst auszuloggen war unmöglich, wenn man eine simulierte Welt erst einmal betreten hatte. Der einzige Ausgang war, das Ziel der Mission zu erfüllen. Er hatte also drei Optionen: virtuelle Verletzungen zu erleiden, bis sein Körper schlappmachte, den Löffel abgeben oder die verdammte Burg erreichen. Jonas entschied sich für Letzteres.

Scheiß auf die Schmerzen. Ich brauche die 500 Eurodollar, sonst bleibt der Kühlschrank leer und ich kann keine Miete zahlen. Dann wird meine Scheinwelt auffliegen und ich wandere in staatliche Obhut, bis ich achtzehn bin. Was von heute an gerechnet in 364 Tagen der Fall sein wird. Happy Birthday, übrigens.

Jonas hob den Kopf. Der Rest seines Körpers blieb hinter dem niedrig gewachsenen Gestrüpp verborgen, in dessen Schutz er sich geworfen hatte, aber wenn er sich noch etwas mehr aufrichtete, würden seine blonden Haare sich deutlich vom Schnee abheben. Es hieß also vorsichtig sein.

Er starrte in die Richtung, in der er den Schützen vermutete, konnte aber nichts entdecken. Der Eintrittswinkel des Pfeiles in sein Bein verriet, dass der Schuss von oben gekommen sein musste. Also erneut ein Gegner, der sich in einem Baumwipfel verbarg. Der hiesige Wald bestand zum größten Teil aus Schwarzfichten, deren dicker Nadelbewuchs einen sehr guten Schutz bot. Jonas zog den Kopf wieder ein, nachdem er nichts hatte entdecken können.

Aber etwas war seltsam: Warum schoss der Gegner nicht weiter auf ihn? Waren ihm die Pfeile ausgegangen? Kaum vorstellbar. Niemand bestieg eine dreißig Meter hohe Fichte und nahm nicht ausreichend Munition mit.

Was hat der Typ vor?

Die Erkenntnis kam mit einem Schlag.

Er hat mir seine Reichweite gezeigt und will mich nun zwingen, zur Seite oder nach hinten auszuweichen.

Warum?

Weil von dort Verstärkung kommt, wurde es Jonas plötzlich klar. Der Typ soll mich nur aufhalten, bis die anderen Jaeger da sind. Bestimmt hat seine Wahrscheinlichkeitsberechnung keine weitere Treffermöglichkeit ergeben und deshalb verschwendet er keine Pfeile mehr.

Die Lage war ernst. Sehr ernst sogar. Vor ihm verbarg sich ein zielsicherer Feind und von hinten rückte Verstärkung an.

Wenn er jetzt zur Seite auswich, würde er kostbare Zeit verlieren und den heranpirschenden Verfolgern die Chance geben, ihn einzuholen.

Blieb also nur eine Möglichkeit.

Vorwärts.

Bogenschütze hin oder her. Er musste durch die Bäume, die ihm immerhin etwas Schutz boten, und dann über das freie Feld vor der Burg, um sein Ziel zu erreichen.

Jonas versuchte, die Entfernungen einzuschätzen. Noch mindestens einhundert Meter Wald, dann eine offene Fläche von der Länge zweier Fußballfelder. Eine ordentliche Strecke, besonders wenn man eine virtuelle Verletzung erlitten hatte, die sein Anzug nutzen würde, um die Simulation noch realistischer zu gestalten. Hieß also weitere und immer schlimmer werdende Schmerzen, wenn er sich fortbewegte. Jonas fluchte stumm.

Allerdings glaubte er, dass er dem Bogenschützen schnell entkommen konnte: Seine Reichweite dürfte nicht mehr als fünfzig Meter betragen. Ein Langbogen wäre dort oben in den Bäumen viel zu unhandlich, also schoss er höchstwahrscheinlich mit einem einfachen Jagdbogen.

Jonas presste die Lippen aufeinander. Noch einmal sog er tief die Luft ein, dann sprang er auf und rannte los.

Humpelnd.

Der nächste Pfeil kam prompt. Ein leises Surren, Jonas machte einen Satz nach rechts, gleich darauf einen nach links. Nur Zentimeter hinter seiner Ferse schlug ein weiterer Pfeil in den Schnee ein. Der Kerl in den Bäumen war ein wirklich guter und schneller Schütze.

Ein weiterer Angriff ließ nicht lange auf sich warten und dieses Mal verfehlte er seinen Kopf nur um Haaresbreite.

Jonas hinkte so schnell er konnte ein paar Schritte vorwärts, dann warf er sich seitlich hinter einen Baum. Er kroch durch den Schnee, bevor er sich zehn Meter weiter aufrichtete.

Mit einem deutlichen Plonk drang ein Pfeil neben seiner linken Hand in die Rinde ein.

Vor Jonas’ Augen tanzten Sterne, als er losrannte, so gut es eben mit der Einschränkung ging.

Zwei Pfeile.

Einer landete vor ihm, der andere drang in seine linke Schulter ein.

Jonas wurde durch den Angriff ungebremst in den Schnee geworfen. Die Nanomarker hämmerten unerbittlich auf ihn ein und verursachten Schmerzen, aber diesmal ignorierte er sie und wälzte sich zur Seite. Keinen Augenblick zu früh, wie der nächste Pfeil bewies.

Jonas sprang auf. Während er wie ein Hase im Zickzack lief, riss er sich auch diese Pfeilspitze aus dem Körper. Vor ihm standen die letzten Bäume. Er hetzte zwischen ihnen hindurch und befand sich auf freiem Feld. Nicht weit entfernt lockte eine mächtige, dunkle Burg, die Sicherheit versprach.

Also los. In seinem Rücken erklangen Rufe. Die Verbündeten des Bogenschützen hatten aufgeholt, aber waren doch noch so weit hinter ihm, dass er sie nicht sehen, nur hören konnte.

Seine Kehle war trocken und brannte vor Durst. Da er im PSI-Stuhl festgeschnallt war und seine Hände nicht frei bewegen konnte, blieb es auch dabei.

In seinem Rücken surrte etwas. Jonas wirbelte herum und sah gerade noch rechtzeitig den auf ihn zufliegenden Speer von mindestens zwei Meter Länge. Er ließ sich nach hinten fallen und das Mörderteil bohrte sich direkt zwischen seinen Beinen in den Boden. Die Verfolger waren also doch nicht so weit weg. MIST!

Jonas rappelte sich auf – zum wievielten Mal eigentlich? – und sprintete los.

Schmerzen spielten jetzt keine Rolle mehr, auch nicht die simulierte Behinderung in seinem rechten Bein. Die Nordmänner durften ihn nicht kriegen. Unter gar keinen Umständen. Mal abgesehen von den Schmerzen, die in so einem Fall auf ihn warteten, wäre die Schande, versagt zu haben, noch viel größer. Das Bushido der Ghostwalker war da ziemlich ungnädig und er hatte einen Ruf zu verlieren, der ihn zur Legende in der Szene erhob. Es gab nur wenige Walker wie ihn, die derartig gefährliche Aufträge annahmen und meisterten. Die Liste derjenigen ließ sich an einer Hand abzählen und er war der Zeigefinger dieser Hand. Der Daumen allerdings war die unvergleichliche Blue. Ein weiblicher Avatar, der einen hauchdünnen, blau glitzernden Anzug trug, der ihr Gesicht, aber nicht ihre weiblichen Formen verbarg. Der Figur nach zu urteilen, jung oder sehr fit oder beides.

Es hieß in der Szene, Blue trage einen mobilen VR-Anzug neuester, geheimer Bauart, der es ihr ermöglichte, gleichzeitig in der realen Welt und in einer Simulation zu agieren, aber vielleicht war das auch nur ein Gerücht. Wer dieses Gerücht in Umlauf gebracht hatte, wusste er nicht und es war ihm auch egal. Im Moment zählte nur das Hier und Jetzt und das bestand aus einer grölenden Horde Nordmänner, die gerade auf ihn zustürmte.

Jonas nahm all seine Kraft zusammen und versuchte noch schneller zu rennen. Hier draußen auf dem offenen Feld war der Schnee nicht so tief, da der Wind, der von den Berggipfeln herunterwehte, ihn über die Ebene davontrug.

Vor ihm ragten die düsteren Mauern der Burg auf. Selbst wenn er den Kopf in den Nacken legte, konnte er den höchsten Punkt nicht erkennen. In einer Höhe von über fünfzig Metern liefen Wehrgänge an der Mauer entlang. Türme für Bogenschützen wuchsen aus dem Stein und gigantische Brücken, für die schweren Katapulte, streckten ihre steinernen Arme aus. Ein unglaubliches Bauwerk, das sich die Programmierer von FeDTex da ausgedacht hatten.

Noch zwanzig Meter.

Pfeile und Speere schlugen rechts und links von ihm im Sekundentakt ein.

Männer brüllten.

Das Tor. Kaum sichtbar in all dem grauschwarzen Stein. Durch ein vergittertes Sichtfenster spähte ein Wächter heraus.

Jonas fasste, ohne langsamer zu werden, unter seine Jacke und zog die Schriftrolle heraus, deren Transport seine Aufgabe in dieser Simulation war und die nun auch seinen PassKey darstellte.

Vor ihm begann die Burg zu flimmern. Das massive Tor aus Eichenholz schwang auf und er stürzte hindurch. Noch während er sich auf dem Boden abrollte, wurde das Tor hinter ihm geschlossen. Der Wächter bückte sich, Jonas streckte ihm die Schriftrolle entgegen, dann wurde aus dem Flimmern ein blauglänzendes Flirren, das die ganze Umgebung erfasste. Vor ihm löste sich der Wächter in silbernes Funkeln auf, gleich darauf verschwanden seine eigenen Beine.

In seinem Sichtfeld erschien eine pulsierende Nachricht:

Auftrag erfülltBelohnung wird angewiesen

2.

Hamburg(reale Welt)

Die Anschnallgurte fuhren leise summend zurück. Mit einem Stöhnen drückte Jonas den Knopf an seiner Armkonsole, der die Stromverbindung zum VR-Anzug unterbrach. Er löste die Anschlusskabel und erhob sich schwerfällig aus dem PSI-Stuhl.

Alles an seinem Körper schmerzte, aber ganz besonders die beiden Stellen, an denen in der Simulation Pfeile in seinen virtuellen Körper eingedrungen waren. Die Nanomarker hatten ganze Arbeit geleistet.

Als er aus dem Anzug schlüpfte, entdeckte er rote Flecken an den Stellen auf seinem Körper, wo die Pfeile ihn getroffen hatten.

Jonas ließ den Anzug achtlos fallen und humpelte nackt hinüber ins Bad. Er war vollkommen verschwitzt. Ein Blick in den Spiegel zeigte, dass seine blonden, halblangen Haare an Stirn und Wangen klebten. Die Wangen sahen eingefallen aus, der sonst etwas zu breite Mund wirkte nun viel schmaler und die Lippen waren blass. Er musste unbedingt etwas trinken und essen, um seinen Energiehaushalt wieder in Schwung zu bringen … Aber zuerst duschen.

Das war das Wichtigste.

Immer zuerst duschen.

Jonas betrat die kleine Glaskabine.

»Regendusche. Kalt«, befahl er dem System. Augenblicklich fiel Wasser auf ihn herab. Er fröstelte, aber das kalte Wasser belebte seinen Geist und seinen Körper. Jonas stützte seine Hände an den Fliesen ab und zählte stumm bis zehn. Dann sagte er: »Wasser aus.«

Die Dusche hielt an.

»Seife.«

Ein feiner Sprühnebel aus nicht sichtbaren Düsen hüllte ihn ein.

»Wasser ein. Heiß, Stufe 2.«

Die Waschlotion wurde abgespült. Dann gab Jonas den Befehl, das Wasser abzustellen und die Lufttrocknung zu aktivieren. Noch während er sich mit den Fingern durch die Haare rubbelte, damit es schneller ging, ertönte ein Ping und im Glas der Duschkabine leuchtete das Symbol für den Nachrichteneingang auf.

Sein Konto im Darknet meldete eine Zahlung von fünfhundert Eurodollar. Er rief seinen Kontostand auf und bleckte die Zähne.

Er hatte fast dreitausend Eurodollar angespart, aber bei Weitem nicht genug, um seinen Traum von einem Leben in Kalifornien wahrzumachen.

Hamburg war okay, aber die meiste Zeit des Jahres kalt und regnerisch und hier gab es kein Meer, keine Wellen, die er reiten konnte.

Sein Blick wanderte wehmütig zu seinem Surfbrett, das in der Ecke des Badezimmers stand. Bisher war er seiner Leidenschaft immer an den Küsten der Nordsee nachgegangen, aber die dortigen Wellen stellten schon lange keine Herausforderung mehr für ihn dar. Wenn es mal Sturm gab und das Meer sich aufwühlte, waren die Strände gesperrt und er ging jedes Mal ein hohes Risiko ein, wenn er heimlich trotzdem surfte.

Sollte man ihn erwischen, würde alles auffliegen und sein schönes Leben wäre vorbei – obwohl man es nicht direkt schön nennen konnte. Aber immer noch besser als das, was ihm bevorstand, wenn man hinter sein Geheimnis kam.

Jonas schlüpfte in Jeans und ein weißes T-Shirt, dann tappte er auf nackten Füßen ins Wohnzimmer.

Der Anrufbeantworter blinkte. Jonas sagte »Nachrichtenwiedergabe« und das Gesicht seines Schuldirektors erschien als Hologramm über dem Gerät. Er sah ungeduldig aus.

»Liebe Frau Decker, hier ist Jürgen Baumgärtner vom Helmut-Schmidt-Gymnasium. Ich weiß, Sie machen eine schwere Zeit durch, aber ich möchte Sie trotzdem bitten, zu einem Gespräch in die Schule zu kommen. Jonas’ Noten werden immer schlechter und ich befürchte, wenn nichts Drastisches geschieht, kann er nicht zum Abitur zugelassen werden, sondern muss die Stufe wiederholen. Dies ist nun mein dritter Anruf bei Ihnen, ohne dass Sie sich bisher bei mir gemeldet haben. Ich –«

Jonas drückte die Stopptaste und unterbrach die Wiedergabe. Er musste sich unbedingt etwas einfallen lassen, denn lange würde sich Baumgärtner nicht mehr von ihm mit irgendwelchen Ausreden vertrösten lassen. Der Mann wurde immer misstrauischer.

Jonas nahm das Hochzeitsfoto seiner Eltern in die Hand und betrachtete es. Die beiden sahen glücklich aus. Sein Vater trug einen schicken Anzug, seine Mutter ein weißes Kleid, an ihrem kleinen Bäuchlein erkannte man, dass sie damals mit ihm schwanger gewesen war. Sie strahlten sich an. Daneben standen ihre beide Trauzeugen John Tanaka und Miriam Hofmann. Die Frau war eine Cousine seiner Mutter, Tanaka der Chef seines Vaters bei BioCom und ein Freund aus Studententagen.

Die dunklen Haare seiner Mutter waren hochgesteckt. Ihr schmales Gesicht mit der etwas zu spitzen Nase schien regelrecht vor Freude zu leuchten, während ihr Ehemann sie hingebungsvoll anlächelte.

Martin Decker hatte ebenso wie er helle, blonde Haare gehabt, nur waren seine immerzu verstrubbelt gewesen, was ihm ein verwegenes Aussehen verliehen hatte.

Jonas blickte auf das Datum des Fotos, das rechts unten in der Ecke abgedruckt war.

23. März 2030.

Siebzehn Jahre, davon waren fünfzehn unbeschwert wie dieser Sommer gewesen. Bis sich sein Vater das Leben genommen hatte, ohne einen Brief zu hinterlassen oder eine Ahnung, was ihn zu dieser Tat getrieben hatte.

Seine Mutter war daran zerbrochen, hatte sich nicht mehr um ihren Sohn gekümmert. Nur noch verzweifelt weinend im Bett gelegen und gesoffen. Jeden Tag war es schlimmer geworden. Schnaps und Wein hatte sie sich per Lieferdienst direkt vor die Tür bringen lassen. Er hatte die Kartons ins Schlafzimmer geschleppt und die leeren Flaschen zum Container gebracht.

Sechs Monate war es so gewesen. Er hatte sich um alles gekümmert: Eingekauft, gekocht, die Wäsche gewaschen. Bis er eines Tages von der Schule nach Hause gekommen war und einen Brief von ihr gefunden hatte. Sie war nicht mehr da.

Jonas,

es tut mir leid. Ich muss gehen. Ich weiß noch nicht wohin, aber wenn ich bleibe, ziehe ich dich in meinen Abgrund.

Mama

Er hatte sie nie »Mama« genannt, immer nur »Mom«, klang irgendwie cooler. Nun war sie weg und er konnte sie mit keinem der Namen mehr rufen. Er konnte nicht fassen, dass sie ihn allein gelassen hatte. Sich um sie zu kümmern, hatte ihm die Kraft gegeben, die Tage durchzustehen, in die Schule zu gehen, obwohl seine Noten immer schlechter wurden. Nun war seine eigene kleine Sonne nicht mehr da und der Mond längst untergegangen. In ihm herrschte Dunkelheit.

Jonas hatte das Internet nach Informationen durchforstet, was mit minderjährigen Jugendlichen geschah, die beide Elternteile verloren hatten, und erfuhr, dass staatliche Obhut und das Waisenhaus auf ihn warteten. Das war keine Option. Dieses Jahr würde er sein Abitur machen und danach aus Deutschland verschwinden. Er musste nur noch eine Weile durchstehen, ohne dass jemand etwas merkte.

Also begann er der Welt vorzugaukeln, alles sei in Ordnung. Er fälschte die Unterschrift seiner Mutter für alle Bankgeschäfte und was sonst so anlag, loggte sich mit ihrem Account in den sozialen Medien ein und likte hier einen Beitrag oder schrieb dort eine kurze Nachricht.

Sämtliche persönlichen Kontakte blockte er mit der Begründung ab, seiner Mutter gehe es gesundheitlich nicht so gut, daher arbeite sie auch nur noch von zu Hause aus. Was natürlich nicht stimmte, denn er hatte ihren Arbeitsvertrag als Projektleiterin für IT-Unternehmen längst gekündigt. Da er keinen Antrag auf Arbeitslosengeld stellen konnte, war sein Erspartes sehr schnell knapp geworden und er hatte die ersten Jobs als Ghostwalker angenommen.

Harley, sein bester Freund, hatte ihm den ersten Auftrag vermittelt, nichts Großes, aber es war ein Einstieg gewesen. Danach war es schnell gegangen. Er hatte sich einen Namen gemacht, Geld verdient, aber die hohen Mietkosten fraßen alles wieder auf. Als seine Eltern in die Vierzimmerwohnung nach Nienstedten gezogen waren, hatte das kein Problem für die beiden Gutverdiener dargestellt, aber da er nun für alles allein aufkommen musste, sah die Sache anders aus.

Zudem hatte er seinen VR-Anzug und die Handschuhe aufrüsten müssen, um höheren technischen Standards zu entsprechen, ohne die man nicht an die wirklich lukrativen Aufträge herankam.

Eine leise Melodie ertönte. Das V-Phone. Nummer und Gesicht wurden eingeblendet.

Harley.

»Annehmen.«

Aus Harleys Standbild wurde ein lebendiges Hologramm. Die wilden, roten Haare sahen wie immer so aus, als wäre er gerade erst aus dem Bett aufgestanden. Sommersprossen tanzten auf der breiten Nase, die er sich im Alter von acht Jahren gebrochen hatte. Er lächelte.

»Alter, wieder nicht in der Schule gewesen«, waren seine ersten Worte.

»Hatte einen Job.«

»Was Großes?«

»Fünfhundert Eurodollar. Für FeDTex.«

Harley pfiff leise durch die Zähne. »Nicht schlecht. Alles gut gelaufen?«

»Die Company hat eine Welt simuliert, die aussah wie aus der alten Fernsehserie Game of Thrones, also mit Wald, Schnee und Eis und jeder Menge Pfeilen, die durch die Luft fliegen.«

»Dieses alte 2D Zeug?«

»Ja.«

»Gab es wenigstens Drachen?«

»Keine Drachen.«

»Schade.«

»Eigentlich nicht, war heftig genug.«

»Baumgärtner hat nach dir gefragt. Hab gesagt, du bist krank.«

»Hat er dir geglaubt?«

»Nein, natürlich nicht. Was glaubst du denn?«

»Er hat gerade hier angerufen.«

Harley verzog den Mund zu einem müden Grinsen. »Langsam musst du dir etwas einfallen lassen.«

»Weiß ich, aber ich hoffe auf einen großen Job. Genug Geld, dass ich hier wegkomme.«

Sein Freund schüttelte langsam den Kopf. »Das wird nicht passieren. Hör auf zu träumen und komm in der Realität an. Mann, wir machen Abi, dann studieren wir irgendeinen Scheiß, suchen uns Jobs, heiraten, bekommen Kinder und ab und zu, wenn alle schlafen, kramen wir den alten VR-Anzug raus, machen einen kleinen Walk und fühlen uns wie Rebellen. So ist das Leben.«

»Nicht für mich. Damit werde ich mich keinesfalls zufriedengeben.«

»Ja, ja, jetzt laberst du mich gleich wieder mit diesem Kalifornien-Mist zu. Dass du Profisurfer werden willst … Das sind doch Hirngespinste. Dort drüben gibt es Hunderte wie dich, die warten nicht auf Jonas Decker aus Good Old Germany.«

»Dein Problem ist, dass du keine Träume hast.«

Er lachte. »Wenn ich dich so anschaue, kann das nur von Vorteil sein.«

Jonas kannte Harley seit dem Kindergarten. Schon damals waren sie komplett verschieden gewesen. Er selbst still und ruhig, Harley ein Wirbelwind, der alle Erzieher in den Wahnsinn getrieben hatte.

»Hast du einen Job?«, fragte Jonas.

»Nein, nichts los. Deswegen rufe ich an. Wie schaut es aus, mal wieder Lust darauf, die reale Welt unsicher zu machen? Nicht nur irgendwelche virtuellen Girls anzubaggern? Lass uns was trinken gehen.«

Für einen Moment war Jonas in Versuchung, dann winkte er ab. »Bin total platt. Muss jetzt schlafen.«

»Echt jetzt?«

»Wir sehen uns morgen in der Schule, Bud.«

»Alles klar, Spencer.«

Ein Running Gag am Ende jedes ihrer Gespräche. Das Hologramm fiel in sich zusammen. Zurück blieb Stille.

3.

Oicho-Kabu

Blue presste sich an die Wand und lauschte hinaus in die Dunkelheit. Sie spürte, dass da jemand war, sie verfolgte, aber sie konnte niemanden sehen. Ihr Blick wanderte die Fassaden der Hochhäuser entlang, in denen sich der bleiche Mond spiegelte, der in dieser Welt wie ein grinsender Totenschädel aussah. Ansonsten überall nur nackter Stahl und Beton, so weit das Auge reichte. Gebäude, die in den Himmel wuchsen. Kalt und leer. So schien es zumindest, und doch war ihr klar, dass ihr jemand folgte. Eine einzelne Person. Ob Mann oder Frau wusste sie nicht, aber er oder sie war da, verbarg sich in den Schatten.

Hatte ihr unbekannter Auftraggeber einen zweiten Ghostwalker gesandt?

Möglich war es. Manchmal gingen Kunden auf Nummer sicher und schickten zwei oder sogar mehrere Walker mit dem gleichen Ziel los. Unabhängig voneinander, ohne dass die Ghostwalker von der Existenz der Konkurrenten wussten. Für den Auftraggeber hatte das den großen Vorteil, dass sich die Chancen vervielfachten, das »Paket« sicher an seinen Bestimmungsort zu bringen, aber nur einmal die Belohnung ausgezahlt werden musste.

Natürlich war das in der Szene verpönt und die Walker führten eine Blacklist mit vertragsbrüchig gewordenen Kunden, die sie untereinander austauschten – aber es gab immer jemand, der sich für schlau genug hielt, es trotzdem zu versuchen.

In diesem Fall war das gar nicht so abwegig, denn dies war die Welt Oicho-Kabu, man musste nicht lange herumrätseln, wer sie erschaffen hatte.

Oicho-Kabu war ein traditionelles japanisches Kartenspiel, dem Baccarat ähnlich. Es wurde normalerweise mit speziellen Kabufuda-Karten gespielt und war ein Symbol der Yakuza, den japanischen Gangster-Clans, die sich inzwischen über die ganze Welt ausgebreitet hatten. Die Häuser in dieser Simulation ähnelten alle den Spielkarten mit ihren merkwürdigen Symbolen, die man in den Beton gebrannt hatte. Bizarr, aber ganz hübsch.

Blue musste vorsichtig sein. Ihr Zugang war illegal, trotzdem steckte mit Sicherheit ein Insider hinter ihrem Auftraggeber, denn sonst hätte sie die Welt nicht betreten können und auch das Ziel nicht gekannt. Blue mochte ihren Job. Die illegalen Walks brachten dreimal mehr Kohle ein als die legalen. Außerdem waren sie weniger langweilig und sie liebte Herausforderungen.

Natürlich versuchten immer wieder Hacker in die Simulationen der großen Firmen und Konzerne einzudringen, um Daten zu stehlen, aber auf sie warteten unzählige Fallen, Schmerzen und im realen Leben hohe Gefängnisstrafen. Darum musste Blue sich aber heute keine Gedanken machen, wenn das hier schiefging, kam Schlimmeres auf sie zu.

Noch einmal lauschte sie in die Nacht.

Stille.

Sie huschte die Wand entlang und sprintete dann über einen freien Platz zum nächsten Gebäude. Ein einzelner Baum mit merkwürdigen silbernen Blättern wiegte sich im sanften Wind hin und her.

Wahrscheinlich auch so ein Yakuza-Ding. Eingeweihte wissen, was das bedeuten soll, ich finde es allerdings ein wenig gruselig.

Sie atmete durch. Es war nicht mehr weit. Sie konnte den kleinen alten Shintō-Schrein sehen. Der Eingang wurde durch ein Torii, ein Tor mit zwei Querbalken, markiert. Das Holz, das man dazu verwendet hatte, war mit scharlachroter Farbe gestrichen worden. Kanji-Schriftzeichen waren mit Blattgold daraufgemalt.

Blue hatte keine Ahnung von der Bedeutung der japanischen Schriftzeichen, aber sicherlich stand dort der Name des Kami, des Geistes oder Gottes, der hier verehrt wurde. All diese Begriffe hatte sie in Anime-Serien aufgeschnappt, die schon seit Jahren der Renner im Internet waren.

Sandmännchen hat ausgedient.

Ihre Mutter hatte ihr von dieser lustigen Figur erzählt, die abends kam und den Kindern den Schlaf brachte. Heute waren da ganz andere Gestalten im Netz unterwegs und sie brachten auch keinen Schlaf.

Blue schaute sich noch einmal um. Nichts zu sehen … und auch nichts zu hören. Wahrscheinlich habe ich mich getäuscht und da ist niemand.

Etwas beruhigt richtete sie sich auf und ging am Gebäude entlang auf den Schrein zu.

Als sie vor das Tor trat, erschien ein Samurai wie aus dem Nichts. Er trug einen Kabuto-Helm und eine glänzende Gesichtsmaske, die ihn wie eine Statue wirken ließ. In seinem Gürtel steckten sowohl ein Lang- als auch ein Kurzschwert. Dort wo die Augen hinter der Maske sitzen sollten, glimmten zwei rote Lichtpunkte auf. Blue wusste, was das bedeutete: Sie wurde durchleuchtet. Danach verbeugte der Samurai sich tief vor ihr und Blue stieß den angehaltenen Atem aus. Ihr unbekannter Auftraggeber musste ein mächtiger Mann innerhalb der Yakuza und in jedem Fall ein Verräter sein, der den Tod zu erwarten hatte, wenn man hinter sein falsches Spiel kam.

Um was es genau ging, wusste Blue nicht. Das verzerrte Hologramm, mit dem der Kunde Kontakt zu ihr aufgenommen hatte, ließ ebenso wenig einen Rückschluss auf den Auftraggeber zu, wie die elektronisch veränderte Stimme, die ihr fünfzigtausend Eurodollar angeboten hatte, wenn sie diesen Walk übernahm und erfolgreich zu Ende brachte. Die Hälfte war im Voraus auf ihr Konto im Darknet überwiesen worden. So weit, so gut.

Der Auftrag war einfach: Betreten Sie Oicho-Kabu. Gehen Sie zu Kakureno-Miya, dem Schrein der Toten. Dort wird Ihnen das Paket übergeben. Bringen Sie es mir.

Wobei nicht gesagt worden war, wie und wo die Übergabe stattfinden sollte, aber sie würde es noch früh genug erfahren. Und eines war klar: Blue würde sich niemals mit einem Kunden in der realen Welt treffen. Dieser Auftrag war auf mehr als eine Weise ungewöhnlich, denn normalerweise brachte man »Pakete« nur innerhalb einer virtuellen Welt von einem Ort zum anderen und nicht aus ihr heraus.

Das Ganze roch nach Datendiebstahl und wer immer verrückt genug war, die Yakuza zu bestehlen, hatte mit Sicherheit Vorkehrungen getroffen, damit weder die eigene Identität noch die von Blue aufgedeckt wurde.

Der Samurai vor ihr richtete sich wieder auf und wandte sich wortlos um. Mit großen Schritten ging er voraus. Blue folgte ihm schweigend.

Sie überquerten eine alte, aus groben Steinen gemauerte Brücke, unter der ein Bach mit glasklarem Wasser plätscherte, in dem leuchtende Goldfische schwammen. Sie erreichten ein weiteres Tor, das diesmal an eine Reihe aus Zäunen erinnerte, dann kamen sie zu einem kleinen Wächterhaus, neben dem ein steinernes Waschbecken stand. Schwarzer Felsstein, in seiner Mitte eine Flüssigkeit, die wie Milch aussah.

Der Samurai deutete darauf und Blue verstand, dass sie eine rituelle Waschung vornehmen sollte, bevor sie den Schrein betrat.

Blue tauchte ihre Hände in die Flüssigkeit und sie war wie Nebel, der durch ihre Finger floss. Sie strich sich über das Gesicht und glaubte den Duft von Jasmin wahrzunehmen, was natürlich Unfug war, denn so etwas konnte kein VR-Anzug der Welt simulieren. Der Samurai schien zufrieden zu sein, denn er trat in das Wächterhäuschen und erstarrte dort zu einer Statue. Für Blue das Zeichen, dass sie nun die Haupthalle betreten konnte.

Blue stieg eine lange Treppe aus nachtschwarzem Holz empor, dann lag der honden vor ihr. Er war nicht besonders groß und nach allen Seiten offen. Unter dem Dach, das sich in drei Metern Höhe über ihren Kopf spannte, flatterten winzige bunte Vögel, deren Zwitschern den ganzen Raum erfüllte. Es gab keine Möbel, nur einen Holzaltar, vor dem ein alter Mann in einem einfachen Kimono auf einer Bastmatte kniete. Seine langen, weißen Haare waren zu einem Zopf geflochten, der ihm bis weit über die Schulter fiel. Er schien ihr Kommen bemerkt zu haben, denn er drehte sich in einer fließenden Bewegung um, ohne dass er seine kniende Position aufgab oder Blue sehen konnte, wie er das gemacht hatte.

Das Gesicht war glatt, zeitlos, ohne Falten irgendeiner Art, am Kinn spross ein weißer Bart, der eine Handbreit lang war. Hatte Blue auf den ersten Blick geglaubt, es handele sich um einen alten Mann, wurde sie jetzt eines Besseren belehrt.

Er trug keine Waffen, jedenfalls keine, die sie sehen konnte. Seine Hände waren im Schoß gefaltet, aber er löste sie und deutete auf die Matte vor ihm. Blue trat heran und kniete sich nieder. Als sie mit ihm auf Augenhöhe war, verbeugte sich der Fremde tief vor ihr, um seinen Respekt zu bekunden. Blue tat es ihm nach, um auch seine Anwesenheit zu würdigen.

Dann saßen sie sich schweigend gegenüber, betrachteten einander.

Der Mann hatte dunkle, bodenlose Augen, in denen man mühelos versinken konnte, wenn man nicht achtgab, aber Blue blieb vorsichtig. Sie wusste nicht, was von ihr erwartet wurde, und war bereit, wenn etwas schiefging, sofort aufzuspringen und zu fliehen. Wohin, war allerdings eine ganz andere Frage.

»Wolken ziehen auf, von Zeit zu Zeit – sie bringen die Chance, ein wenig auszuruhen von der Betrachtung des Mondes.«

Blue hatte nicht gesehen, wie der Mann die Lippen bewegte, aber die Worte waren deutlich zu hören.

Was soll ich darauf antworten?

»Ein Gedicht von Bashō«, erklärte der Mann. »Kennen Sie ihn?«

Blue schüttelte den Kopf.

»Eigentlich war sein Name Matsuo Munefusa, er lebte im Japan des 17. Jahrhunderts als verehrter Mann. Mögen Sie Haikus?«

»Was ist das?«, fragte sie.

»Wenn Sie es nicht wissen, können sie es auch nicht mögen, daher ist dieses Thema nun für mich uninteressant, aber ich will Ihnen einen weiteres Bashō-Gedicht schenken.«

Er ließ einen Moment vergehen.

»Nur das Sommergras ist noch da von den Träumen früherer Helden.«

»Was wollen Sie mir damit sagen? Sind Sie Bashō?«

»Ein ideelles Abbild von ihm. Was Ihnen die Worte sagen können, müssen Sie selbst herausfinden. Die Antwort ist für jeden Menschen anders.«

Blue überlegte, was sie sagen konnte, um endlich ihren Auftrag abschließen zu können, aber ihr Grübeln wurde beendet, als sich in Bashōs Hand ein Schwert materialisierte. Ein kunstvolles Katana in glänzender Holzscheide. Bashō betrachtete es liebevoll, dann reichte er es ihr. Blue nahm die Waffe mit ausgetreckten Armen entgegen und verbeugte sich respektvoll.

»Das ist das Schwert Chīsana sasayaki. Der kleine Flüsterer. Bring es nach Golem City.«

Blue wollte etwas antworten, aber da erwachte das Schwert in ihren Händen zum Leben, wurde zu einem Datenstrom, der in ihren Geist floss. Bilder und Töne wurden in ihre VR-Brille projiziert. Ein Video.

Das Abbild … nein … der Querschnitt von … einem Lebewesen wurde gezeigt. Eine Strichzeichnung auf einem Flipchart. Die Kamera zoomte zurück und ein Mann wurde sichtbar. Er trug einen weißen Arztkittel und begann zu sprechen.

»Was Sie vor sich sehen, ist die Abbildung eines genveränderten Tiefseebakteriums, das in der Lage ist, einen neuartigen Biotreibstoff zu erzeugen. Es –«

Vollkommen unerwartet löste sich vor ihr Bashōs Hologramm auf. Die Stimme im Video sprach von einem Code und dass sich diese Nachricht nun selbst verschlüsseln würde. Blue fasste sich an den Kopf. Alles drehte sich und sie verstand nicht, was vor sich ging.

Plötzlich spürte Blue die Anwesenheit einer weiteren Person im Raum. Sie wandte sich um. Am Eingang des Schreins stand jemand. Ein Ninja. Golden gekleidet. Nur die dunklen Augen waren zu sehen. Er starrte sie an.

»Gib mir das Schwert«, forderte er.

Blue sprang auf, rannte los. Etwas flog an ihrem Kopf vorbei und schlug ins Holz des Altars. Ein shuriken.

Der Wurfstern hatte sie nur knapp verfehlt und schon zischte der nächste an ihr vorbei.

Ohne zu zögern zog der Ninja nun sein Schwert und kam mit großen Schritten auf sie zu.

Mist, und wohin jetzt?

Ich muss aus dem Schrein raus. Wo ist der verdammte Wächter?

Sie gab sich selbst die Antwort. Tot. Der maskierte Attentäter war wie sie durch den Haupteingang gekommen. Eigentlich hatte sie keine Wahl. Vorwärts.

Blue umklammerte das Katana fester.

Etwas traf sie mit unglaublicher Wucht im Rücken und sie wurde nach vorn geworfen. Sie stolperte, dann fiel sie zu Boden. Blue versuchte wieder hochzukommen, schaffte es aber nicht. Sie keuchte auf. Ihre Gliedmaßen schienen plötzlich Tonnen zu wiegen, trotzdem versuchte sie weiter zu fliehen, indem sie vorankroch. Sie konnte den Ninja nicht sehen, spürte aber, dass er näher kam.

»2030«, sagte der Mann in der Videoaufzeichnung plötzlich und verschwand. Das Bild flackerte. Eine metallene Stimme meldete sich. »Der Code wird aktiviert. Verschlüsselung in 5 …«

Leise Schritte näherten sich ihr.

»4 …«

Dann war der Ninja bei ihr. Sie konnte seine Füße sehen, die ihr ganzes Sichtfeld einnahmen.

»3 …«

»Zeit, mir zu geben, was mir gehört«, sagte er.

»2 …«

Er beugte sich herunter, griff nach dem Katana. Noch hielt sie es eisern umklammert.

Er darf es nicht bekommen!

»1 …«

Alles wurde blendend weiß.

Und Blue hatte das Gefühl, in eine Sonne zu stürzen.