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Wie man Beziehungen jeglicher Art gut beendet Der Psychotherapeut Dr. Gary McClain zeigt in seinem hilfreichen Ratgeber, wie man auf eine gute Weise loslassen kann. Der Begriff "Closure" ist inzwischen weit verbreitet in Social Media. Wir möchten nicht nur irgendwie eine Beziehung beenden, sondern sie wirklich gut beenden. Eine für beide Seiten befriedigende Aussprache zu haben und einen sauberen Schlussstrich zu ziehen, ist ein Bedürfnis von fast allen Menschen. Aber was ist ein wirklich guter Abschluss? Warum scheinen wir ihn immer so sehr zu wollen? Und wie können wir damit umgehen, wenn wir ihn nicht bekommen? Viele praktische Tipps und Übungen zur inneren Klärung Gary McClain erklärt zunächst, was ein guter Abschluss ist (und was nicht) und warum wir einen so starken Wunsch nach Closure haben. Im zweiten Teil bietet er verschiedene Wege an, wie wir eine gute und respektvolle Trennung erreichen - und auch wie wir uns lösen können, wenn wir keinen Abschluss bekommen. Der Ratgeber für jede Closure-Lebenslage hilft ganz praktisch mit: • konkreten, alltagstauglichen Ratschlägen, • Anleitungen zur Selbstbefragung, • Meditationen. Eine Beziehung gut zu beenden, ist wichtig für unsere Psychohygiene. Good Bye!hilft dabei, dass uns das Loslassen/die Trennung/der Abschied so gut wie möglich gelingt.
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Seitenzahl: 371
Veröffentlichungsjahr: 2025
Gary McClain
Von der Kraft, Dinge gut zu beenden
Aus dem amerikanischen Englisch von Horst Kappen
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Wie man Beziehungen jeglicher Art gut beendet
Der Psychotherapeut Dr. Gary McClain zeigt in seinem hilfreichen Ratgeber, wie man auf eine gute Weise loslassen kann. Der Begriff »Closure« ist inzwischen weit verbreitet in Social Media. Wir möchten nicht nur irgendwie eine Beziehung beenden, sondern sie wirklich gut beenden. Eine für beide Seiten befriedigende Aussprache zu haben und einen sauberen Schlussstrich zu ziehen, ist ein Bedürfnis von fast allen Menschen. Aber was ist ein wirklich guter Abschluss? Warum scheinen wir ihn immer so sehr zu wollen? Und wie können wir damit umgehen, wenn wir ihn nicht bekommen?
Viele praktische Tipps und Übungen zur inneren Klärung
Gary McClain erklärt zunächst, was ein guter Abschluss ist (und was nicht) und warum wir einen so starken Wunsch nach Closure haben. Im zweiten Teil bietet er verschiedene Wege an, wie wir eine gute und respektvolle Trennung erreichen – und auch wie wir uns lösen können, wenn wir keinen Abschluss bekommen. Der Ratgeber für jede Closure-Lebenslage hilft ganz praktisch mit:
konkreten, alltagstauglichen Ratschlägen,
Anleitungen zur Selbstbefragung,
Meditationen.
Eine Beziehung gut zu beenden, ist wichtig für unsere Psychohygiene. Good Bye! hilft dabei, dass uns das Loslassen/die Trennung/der Abschied so gut wie möglich gelingt.
Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de
Widmung
Einführung
Teil I: Was einen Abschluss ausmacht
Kapitel 1: Was ein Abschluss ist
Beispiele für den Wunsch nach einem Abschluss
Versuch einer Definition
Das menschliche Bedürfnis nach einem Abschluss
Abschließende Überlegung: Meine eigene Geschichte zum Thema Abschluss
Kapitel 2: Was ein Abschluss nicht ist
Mit etwas abzuschließen, ist nicht gleichbedeutend mit Vergeltung
Mit etwas abzuschließen, ist nicht gleichbedeutend mit Kontrolle
Mit etwas abzuschließen, ist nicht (unbedingt) gleichbedeutend mit Akzeptanz
Abschließende Überlegung: Eine Arbeitsdefinition von Abschluss
Teil II: Warum wir einen Abschluss suchen
Kapitel 3: Wir sind verletzt
Verlustschmerz
Kindheitstrauma und Abschluss
Die Kraft von Geschichten
Abschließende Überlegung: Zu leiden, ist menschlich
Kapitel 4: Wir verspüren Wut
Wut als verdeckende Emotion
Wie Wut dazu motivieren kann, einen Abschluss zu suchen
Die Risiken abwägen
Eine Anmerkung zum Thema Wut auf Institutionen
Abschließende Überlegung: Eine bessere Wahl treffen
Kapitel 5: Wir fühlen uns ohnmächtig
Und wenn ich so tue, als wenn nichts wäre?
Zähle ich etwa nicht?
Wenn die Dinge unverständlich bleiben
Der Schlussstrich als Waffe
Abschließende Überlegung: Sich ohnmächtig zu fühlen, ist menschlich
Kapitel 6: Wir wünschen uns Vergebung
»Es tut mir leid« zu sagen, ist nicht leicht
»Ich kann nicht damit leben, was ich dir angetan habe!«
»Tut es dir nicht leid, was du mir angetan hast?«
Die Machtdynamik
Was wir von der Bitte um Vergebung erwarten können
Vergebung nach dem Tod
Abschließende Überlegung: Es ist immer eine Erwägung wert
Kapitel 7: Wir sind in einem Muster gefangen
In einer Hassliebe gefangen
Gefangen in einem ungeliebten Job
Der ewige Familientanz
Der Teufel, den wir kennen
Der Mythos der perfekten Ausgewogenheit in Beziehungen
Ein ernst gemeinter Rat
Abschließende Überlegung: Nicht jede Beziehung ist dazu bestimmt zu funktionieren
Teil III: Wie wir einen Abschluss finden
Kapitel 8: Sich ein Ziel setzen
Die Bedeutung von Zielsetzungen
Die eigenen Emotionen überprüfen
Für eine klare Kommunikation sorgen
Eine klare Absicht und die Entscheidung, etwas auf sich beruhen zu lassen
Leitfaden zur Klärung Ihrer Absichten
Seien Sie vorbereitet, aber proben Sie nicht
Abschließende Überlegung: Intentionalität ist Macht
Kapitel 9: Die Aussprache suchen (oder unterlassen)
Um ein Gespräch bitten
Das klärende Gespräch führen
Missbrauchen Sie einen Schlussstrich nicht, um mit jemandem abzurechnen
Nonverbale Kommunikation, stillschweigender Abschluss
Abschließende Überlegung: Sie schaffen das!
Kapitel 10: Eine Bewertung vornehmen
Wie fühlen Sie sich?
Was denken Sie?
Die Kraft des rationalen Verstandes
Wenn Sie für sich keinen Abschluss finden konnten
Wie geht es weiter mit Ihrer Beziehung zu der anderen Person?
Wie geht es der anderen Person damit?
Halten Sie Ausschau nach der Lektion
Abschließende Überlegung: Segen und Fluch des Rückschauhaltens
Teil IV: Wenn wir nicht den Abschluss erreichen, den wir uns wünschen
Kapitel 11: Wann es Zeit ist weiterzugehen
Geben Sie auf Ihr seelisches Wohlbefinden acht
Hüten Sie sich vor Tyrannen
Die wahre Bedeutung von Verständnis und Mitgefühl
Andere Gründe, von der Suche nach einer Lösung abzusehen
Folgen Sie Ihrem Bauchgefühl
Die Dinge auf sich beruhen lassen
Abschließende Überlegung: Zu sich selbst stehen
Kapitel 12: Sich in Akzeptanz üben
Akzeptanz ist Macht
Akzeptanz ist vernünftig
Akzeptanz ist Mitgefühl
Die Lektionen des Lebens lernen
Das Leben ergibt nicht immer einen Sinn
Ansätze, um sich in der Akzeptanz zu üben
Abschließende Überlegung: Der erste Schritt zur Freiheit
Kapitel 13: Nach einem Todesfall zu einem Abschluss finden
Bedeutet ein Abschluss das Ende des Schmerzes?
Der Trauerprozess als eine Form von Abschluss
Meine Geschichte: Dad, Mom und ich
Abschließende Überlegung: Ein Kapitel muss enden, damit ein neues beginnen kann
Schlussbetrachtung: Nach vorne blicken
Sorgen Sie für weniger Klärungsbedarf
Kommen Sie in Ihre Kraft
Respektieren Sie die Grenzen der anderen
Seien Sie sich bewusst, wann Sie Hilfe in Anspruch nehmen sollten
Ein paar abschließende Gedanken zum Thema Abschluss
Dank
Über den Autor
Für alle, die jemals versucht haben, mit einem anderen Menschen zu einem Abschluss zu finden: für jene, die damit Erfolg hatten, für jene, die damit keinen Erfolg hatten, und für jene, die akzeptiert haben, dass es an der Zeit ist weiterzugehen. Möge es mir mit diesem Buch gelingen, ihnen allen eine Orientierungshilfe, Ermutigung und Trost mit auf den Weg zu geben.
»Könnte ich doch nur einen Abschluss damit finden …«
Haben Sie in letzter Zeit jemanden diesen Satz sagen hören? Oder ihn vielleicht sogar selbst ausgesprochen? Vermutlich ja. Denn das ist wahrscheinlich der Grund, warum Sie dieses Buch in die Hand genommen haben.
Mir selbst geht es da nicht anders. Er gehört zu den Sätzen, die ich in meiner mehr als zwanzigjährigen Tätigkeit als Psychotherapeut am häufigsten gehört habe. Ob es um Trauer aufgrund eines Todesfalls geht, den Verlust des Arbeitsplatzes, eine Trennung, um familiäre Probleme, eine gravierende ärztliche Diagnose oder um einen der vielen anderen Gründe, die Menschen zu mir in die Therapie führen – oft stellen sie sich die gleiche Frage: Wie kann ich einen Abschluss damit finden?
Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an das Thema Abschluss denken? Vielleicht das Ende einer Liebesbeziehung. Nach einer Trennung ist es nur menschlich, ein paar abschließende Worte finden zu wollen, die eigenen Gefühle auszudrücken, verstehen zu wollen, was passiert ist, oder den Wunsch zu haben, einen »endgültigen Schlussstrich« zu ziehen (oder zu schauen, ob die Beziehung noch eine Chance hat). Vielleicht ist es aber auch der Tod eines geliebten Menschen. Wenn jemand stirbt, wird es – unabhängig davon, wie gesund oder ungesund Ihre Beziehung zu diesem Menschen war – mit ziemlicher Sicherheit Dinge geben, die ungesagt geblieben sind und die Sie ihm nun nicht mehr mitteilen können, oder auch ungeklärte Angelegenheiten, die sich jetzt nicht mehr regeln lassen. Natürlich wünschen wir uns einen guten Abschluss, auch dann – oder gerade dann –, wenn dies nicht mehr möglich ist.
Hier eine grundlegende Wahrheit über Abschlüsse, wie ich sie in meinem eigenen Leben – und auch im Leben meiner Klient*innen – erfahren habe: Manchmal gelingt es uns, den Abschluss zu finden, den wir uns wünschen. Und manchmal müssen wir darauf verzichten. Aber festzustellen, dass wir den Abschluss, von dem wir dachten, ihn zu brauchen, nicht bekommen können, und auf ihn zu verzichten kann ebenfalls etwas Kraftvolles haben! Dies ist die eigentümliche Macht, die im Abschluss liegt: Er hat Auswirkungen auf uns, wenn wir ihn erreichen und dann, wenn wir ihn nicht erreichen.
Aus diesem Grund habe ich dieses Buch geschrieben. Nach all den Jahren, in denen ich mich mit diesem Thema beschäftigt habe, wurde mir klar, dass es etwas ist, das uns fast alle irgendwann beschäftigt, das aber nur wenige von uns wirklich verstehen. Im Folgenden möchte ich erklären, was ein Abschluss eigentlich ist, warum wir ihn uns wünschen, wie es uns gelingt, mit etwas abzuschließen, und was zu tun ist, wenn nicht. (Und um es gleich vorwegzunehmen: In der überwiegenden Zahl der Fälle gelingt es uns nicht).
Wie ich vermute, haben Sie mein Buch nicht in die Hand genommen, weil Sie auf der Suche nach einer leichten Sommerlektüre waren. Vielmehr haben Sie vermutlich deshalb danach gegriffen, weil Sie irgendwo in Ihrem Leben darum ringen, mit etwas zu einem Abschluss zu kommen. Wenn dies der Fall ist, gilt Ihnen meine ganze Sympathie, und ich fühle mich zutiefst geehrt, dass Ihre Wahl auf mein Buch gefallen ist. Es ist mein Wunsch und mein Ziel, dass Sie nach der Lektüre der folgenden Kapitel etwas daraus mitnehmen, das für Sie persönlich von Wert ist: einen Gedanken, ein praktisches Beispiel, eine Einsicht, irgendetwas, was Sie auf Ihr eigenes Leben anwenden können, um mit Zuversicht den Abschluss zu suchen, den Sie für sich benötigen – oder auch, um einzusehen, dass es an der Zeit ist, darauf zu verzichten. Das Leben gibt uns nicht immer, was wir wollen; aber wenn wir bereit sind, unsere Lektion zu lernen, gibt uns das Leben oft, was wir brauchen.
Die Gespräche, die ich mit Menschen rund um das Thema Abschluss geführt habe, waren sowohl herzerwärmend als auch herzzerreißend, begleitet von Gefühlen wie Traurigkeit, Frustration, Wut und Angst, aber auch von Erleichterung, Glück, purer Freude und Hoffnung. Wie ich hoffe, werden Sie auf den folgenden Seiten die richtige Mischung aus Unterstützung und praktischen Ratschlägen finden, die Ihnen dabei hilft, in Ihrem eigenen Leben mit etwas zu einem Abschluss zu kommen – oder auch ohne ihn zurechtzukommen. Zu wissen, dass Sie von der Lektüre meiner Worte profitieren konnten, wäre für mich die Erfüllung eines lebenslangen Traums. Vielleicht lassen Sie es mich eines Tages wissen. Vielleicht kann ich auf diese Weise selbst damit zu einem Abschluss kommen.
Teil I
Kapitel 1
Wer wie ich im psychotherapeutischen Bereich tätig ist, wird sich dabei immer wieder in bestimmten Gesprächssituationen wiederfinden. Jede*r meiner Klient*innen ist ein Individuum mit eigenen Lebenserfahrungen, Vorstellungen und Zielsetzungen, aber gewisse Themen tauchen immer wieder auf. Eines dieser Themen heißt Abschluss. Und auch wenn alle meine Klient*innen einzigartig sind, sind es doch manchmal dieselben Worte, die sie verwenden.
»Wenn ich nur einen Schlussstrich ziehen könnte …«
»Er schuldet mir in dieser Sache wirklich einen Abschluss.«
»Warum wehrt sie sich nur so dagegen, mir diesen Abschluss zu gewähren?«
Und nur allzu oft: »Ich will, dass diese Sache zu einem Abschluss kommt!«
Aber was heißt es eigentlich, mit etwas abzuschließen, und warum scheint uns das jedes Mal ein so wichtiges Anliegen zu sein? Sooft wir auch darüber sprechen mögen, kann es sich als erstaunlich schwer erweisen, eine Definition dafür zu finden.
Dem konkreten Wortsinn nach besagt Abschluss, dass etwas zu Ende geht, sei es eine Liebesbeziehung, ein Arbeitsverhältnis oder, was am allerschmerzlichsten ist, ein Leben. Aber der Bedeutungsumfang des Wortes reicht noch sehr viel weiter. Manchmal geht es bei einem Abschluss nämlich gar nicht um ein Ende, sondern vielmehr darum, eine Lösung für ein Problem zu finden, das immer wieder auftaucht.
Woher wissen Sie nun aber, ob in dieser Hinsicht bei Ihnen Bedarf besteht, ob es etwas gibt, mit dem Sie zu einem Abschluss kommen müssen? Hier sind einige der Anzeichen. Vielleicht stellen Sie ja fest, dass Sie …
mit jemandem das Gespräch über etwas suchen, was zwischen Ihnen beiden vorgefallen ist;
in Gedanken durchspielen, was Sie einem Menschen sagen wollen, damit er versteht, wie Sie sich fühlen (und dabei möglicherweise viele ungute Gefühle haben, wenn Sie daran denken, wie er darauf reagieren wird – oder welche Reaktion Sie sich von ihm wünschen);
sich ausmalen, wie Ihre Beziehung zu einem Menschen aussehen wird, nachdem Sie miteinander die »entscheidende Aussprache« geführt haben;
Fantasien darüber hegen, wie es einem Menschen damit ergehen könnte, wenn Sie ihm »heimzahlen«, was er Ihnen angetan hat.
Vielleicht verspüren Sie aber auch den Wunsch, …
an einen Punkt in Ihrer Beziehung zurückzukehren, an dem sie sich Ihrer Ansicht nach befinden sollte, damit das Verhältnis von Geben und Nehmen auf beiden Seiten ausgeglichen ist;
endlich das zu bekommen, was Ihnen zusteht und was Ihnen bislang bewusst oder unbewusst vorenthalten wurde;
sich von der Last einer Schuld zu befreien, indem Ihnen jemand endlich verzeiht, was Sie dieser Person angetan haben – oder umgekehrt, indem Sie sich wünschen, dass jemand Sie für etwas um Verzeihung bittet (um sie dann zu gewähren oder auch nicht).
Anerkennung und Wertschätzung für den Beitrag zu erhalten, den Sie leisten.
Falls Sie sich in einer oder mehreren dieser Aussagen wiederfinden, spielt das Thema Abschluss für Sie vermutlich eine wichtige Rolle.
Um für etwas eine Definition zu finden, ist es manchmal am besten, konkrete Beispiele anzuführen. Deshalb hier verschiedene Beispiele von Klient*innen aus meiner therapeutischen Praxis, die mit mir über die Gründe gesprochen haben, warum sie sich einen Abschluss wünschen.
Allie und ihr Freund haben sich getrennt, nachdem sie mehr als zwei Jahre lang ein Paar gewesen waren. In den letzten Monaten hatte es zwischen den beiden gekriselt – und Allie weiß immer noch nicht so recht, warum. Die Trennung selbst kam plötzlich, während eines Streits, in dessen Verlauf sie beide beschlossen, die Beziehung zu beenden. Seither haben sich Allie und ihr Ex-Freund ein paarmal per SMS geschrieben, nur um zu sehen, wie es dem anderen geht. Dabei hat sie ihn um ein Treffen gebeten, damit sie über das Geschehene sprechen können, was er aber abgelehnt hat. »Ich brauche eine Art Abschluss«, sagt sie. »Warum will er mir den nicht geben?« Allie empfindet Schmerz und den Wunsch nach Vergebung, aber auch echte Wut …
Tommy wurde vor Kurzem aus seinem Job entlassen, den er seit fünf Jahren bekleidet hatte. Er und sein Chef waren nicht immer einer Meinung gewesen, und mehr als einmal hatte sein Chef ihn zusammengestaucht, als er mit Tommys Leistung nicht zufrieden war. Dennoch war Tommy der Meinung, dass sie insgesamt gut miteinander auskamen. Dann wurde Tommy in die Personalabteilung gerufen, und es wurde ihm die Kündigung ausgesprochen. Sein Chef war an diesem Tag nicht im Büro, also packte Tommy seine Sachen zusammen und ging. Mehrmals hat er im Anschluss daran seinen Chef per E-Mail gebeten, mit ihm über das Vorgefallene zu sprechen, ohne jedoch eine Antwort zu erhalten. »Wenigstens ist er mir eine Antwort auf die Frage schuldig, wie es zu dieser Kündigung gekommen ist«, sagt Tommy. »Was ich mir wünsche, ist eine abschließende Erklärung.« Tommy empfindet Frustration, hat Angst vor der Zukunft und leidet unter dem Gefühl massiver Ungerechtigkeit …
Amanda lebt mit einer chronischen Krankheit und arbeitet seit Jahren mit derselben Ärztin zusammen. Sie ist ihrer Ärztin, die sie schon durch einige schwere Zeiten begleitet hat, wirklich sehr zugetan. Besonders zu schätzen weiß Amanda, dass sie ihr gegenüber ganz offen sein und ihr sagen kann, was ihr auf dem Herzen liegt. Letzte Woche erhielt Amanda einen Brief, in dem ihr mitgeteilt wurde, dass ihre Ärztin die Praxis verlassen hat, sowie der Name des Arztes, der sie als Patientin übernommen hat. Amanda ist am Boden zerstört. »Es ist mir unangenehm, das zuzugeben«, sagt sie, »aber ich dachte, sie würde sich wenigstens verabschieden und mir sagen, wie ich mit ihr in Kontakt bleiben kann. Das hätte den Abschied zwar nicht weniger traurig gemacht, aber ich hätte zumindest einen Abschluss gehabt.« Amanda ist traurig und enttäuscht, ganz abgesehen von den Problemen, die diese Umgewöhnung möglicherweise mit sich bringt …
Es ließen sich noch viele weitere Geschichten zum Thema Abschluss erzählen, manche aus dem Leben meiner Klient*innen, andere aus meinem eigenen. Einige dieser Geschichten haben ein gutes Ende, andere nicht, aber alle verdeutlichen unser grundlegendes Bedürfnis danach, einen Abschluss zu finden.
Einschneidende Lebensereignisse – wie eine Trennung, der Verlust des Arbeitsplatzes oder ein Todesfall – rufen dabei am ehesten das psychologische Bedürfnis nach einem Abschluss hervor. Allerdings ist unser natürliches Bedürfnis danach so ausgeprägt, dass es in jedem Bereich unseres Lebens zutage treten kann, selbst in relativ unbedeutenden Situationen.
Auch dafür seien hier zwei Beispiele genannt.
Sie haben es eilig und stürzen in eine Apotheke, um ein Rezept einzulösen. Sie warten, bis Sie an der Reihe sind, bezahlen und stürmen aus der Tür. Auf einmal fällt Ihnen ein, dass Sie sich nicht einmal die Zeit genommen haben, dem Apotheker zu antworten, der Sie freundlich angelächelt und sich bei Ihnen bedankt hat. Sie befürchten, unhöflich gewirkt zu haben, und hoffen darauf, dass Sie das nächste Mal, wenn Sie in dieser Apotheke sind, denselben Mitarbeiter antreffen werden, um dann besonders höflich zu ihm zu sein. Sie überlegen sogar, noch einmal zurückzugehen und sich dafür zu entschuldigen, dass Sie es so eilig hatten. Was Sie suchen, ist ein Abschluss.
Oder nehmen wir an, Sie sitzen mit ein paar Kolleg*innen in einem Meeting, um ein Projekt zu besprechen. Während Sie ein Problem schildern, an dessen Lösung Sie gerade arbeiten, unterbricht Sie ein Kollege mitten im Satz und bietet haargenau die Lösung an, die Sie gerade darstellen wollten. Sie sagen nichts, denn im Grunde genommen ist es kein Drama, dennoch haben Sie das Gefühl, dass Ihnen unrecht getan wurde. Hätten Sie den Kollegen im Meeting zur Rede stellen sollen? Oder ihn später darauf ansprechen? Zu Ihrem Chef gehen? Sie wissen nur, dass Sie die Sache nicht einfach auf sich beruhen lassen können und irgendwie zu einer Klärung kommen müssen. Mit anderen Worten, Sie suchen für sich nach einem Abschluss.
Wie schon gesagt, ist es schwierig, den Begriff Abschluss genau zu definieren, aber ich werde mein Bestes versuchen. Nach meinem Verständnis bezeichnet Abschluss einen emotionalen Zustand, der durch ein positives Gefühl von Endgültigkeit und Klarheit charakterisiert ist. Das bedeutet, dass in uns nur wenig bis gar keine Unklarheit in Bezug auf eine Situation verbleibt. Unsere Fragen wurden größtenteils beantwortet, auch wenn uns nicht alle Antworten gefallen mögen. Wenn wir hinsichtlich einer Situation zu keinem Abschluss gelangen, denken wir häufig – und unter Umständen in zwanghafter Weise – über sie nach und versuchen herauszufinden, warum die Dinge so gelaufen sind, wie sie gelaufen sind, oder malen uns aus, was hätte sein können, wenn wir anders gehandelt hätten. Haben wir dagegen mit einer Situation abgeschlossen, sind wir vielleicht nicht unbedingt glücklich darüber, wie sie sich entwickelt hat, aber wir verstehen sie relativ gut und fühlen uns nicht mehr gezwungen, eine Menge Zeit und mentale Energie darauf zu verwenden; wir können nach vorne schauen und uns auf andere Dinge konzentrieren.
In seiner am meisten erwünschten und befriedigenden Form gehört zum Abschluss oft eine ehrliche Kommunikation zwischen Menschen und eine friedliche Konfliktlösung, die zu einem Ergebnis führt, mit dem Sie insgesamt wirklich zufrieden sind. Aber das ist nicht die einzige Form von Abschluss. Ein Abschluss kann traurig oder schmerzhaft sein. Er kann in uns ein Bedauern über die Handlungsweise eines anderen Menschen (oder auch unsere eigene) hinterlassen, das aber hoffentlich mit dem entsprechenden Verständnis einhergeht. Vielleicht gefallen uns nicht immer die Antworten auf unsere Fragen, aber wenn sie zufriedenstellend beantwortet werden und Sie das Gefühl haben, die Vergangenheit hinter sich lassen zu können – herzlichen Glückwunsch: Das bedeutet, wirklich mit etwas abzuschließen.
Angenommen, jemand, mit dem Sie seit ein paar Jahren zusammen gewesen sind, hat kürzlich mit Ihnen Schluss gemacht. Und nehmen wir weiter an, Sie waren völlig erschüttert, weil Sie das nicht hatten kommen sehen. Sie dachten, alles sei in bester Ordnung, bis es auf einmal »geknallt« hat. Vermutlich hätten Sie gerne eine Art von Abschluss, nicht wahr?
Hier ist eine Möglichkeit, wie der zustande kommen könnte: Sie und Ihr*e Ex-Partner*in treffen sich. Sie sprechen darüber, was jede*r von Ihnen in die Beziehung eingebracht hat, und zwar sowohl im Hinblick darauf, was zum Gelingen Ihrer Partnerschaft beigetragen hat, als auch darauf, was ihr abträglich war. Sie haben beide das Gefühl, dass Sie bei diesem Gespräch viel über sich selbst erfahren – darüber, was Sie in Beziehungen gut können, woran Sie noch arbeiten müssen und was Sie sich von einem zukünftigen Partner oder zukünftigen Partnerin wünschen sollten. Im Anschluss an das Gespräch umarmen Sie einander und gehen Ihrer Wege, vielleicht unter Tränen, vielleicht mit einem Lächeln, vielleicht mit einem Gefühl des Bedauerns, dass es in der Beziehung nicht besser gelaufen ist, aber mit der nötigen Klarheit darüber, warum es nicht funktioniert hat.
In meinen Augen ist dies ein Paradebeispiel für die Art von Abschluss, die wir uns alle wünschen, wenn eine Beziehung zu Ende geht. In Hollywood hätte man es sich nicht besser ausdenken können. Wenn ich mit Klient*innen, die sich in dieser Situation befinden, über das Thema Abschluss spreche, dann ist es diese Art von Szenario, das sie sich am meisten erhoffen. Und auch wenn es nicht gerade besonders häufig zu beobachten ist, so kommt es doch vor, zumindest in der einen oder anderen Variante.
Aber auch ein anderes Szenario ist denkbar: Ihr*e Ex-Partner*in kommt sichtlich erregt zu Ihrem Treffpunkt. Noch bevor Sie ein Wort sagen können, werden Sie zur Zielscheibe einer verbalen Attacke, in der Ihnen die Schuld für alles gegeben wird, was jemals in Ihrer Beziehung schiefgelaufen ist, und Ihnen gesagt wird, was für ein schlechter Mensch Sie seien. Während dieser ganzen Tirade kommen Sie nicht ein einziges Mal zu Wort. Schließlich stehen Sie vom Tisch auf und lassen Ihre*n Ex-Partner*in mit seiner oder ihrer ganzen Wut alleine sitzen.
Wahrscheinlich sind Sie traurig, wütend und frustriert darüber, dass Sie nicht die Möglichkeit hatten, Ihre eigene Seite der Geschichte darzustellen, aber vielleicht hat diese unangenehme Erfahrung Ihnen auch einige Fragen beantwortet. Wenn Sie sich im Unklaren darüber waren, ob die Beziehung noch eine Chance hat, können Sie jetzt sicher sein, dass dem nicht so ist. Oder vielleicht gelangen Sie zu der Erkenntnis, dass Ihr*e Ex ohnehin kein anständiger und netter Mensch ist und dass Sie ohne ihn oder sie besser dran sind. Das ist vielleicht nicht das Hollywood-Happy-End, das wir uns alle wünschen, aber wenn Sie dadurch zu einer gewissen Klarheit gelangen und Ihr Leben weiterleben können, kann auch das eine Form von Abschluss sein.
Ein Abschluss kann also viele verschiedene Formen annehmen, und wie ich in den folgenden Kapiteln erläutern werde, ist eine wesentliche Voraussetzung, um ihn zu erreichen, die Offenheit dafür, dass es nicht unbedingt bedeutet, keinen Abschluss zu finden, wenn Sie ihn nicht in der Form bekommen, die Sie sich vorgestellt haben. Der Abschluss, den wir uns wünschen, den wir brauchen oder von dem wir glauben, dass wir ihn verdient haben, ergibt sich nicht immer so, wie wir es uns erhoffen. Aber selbst ein nicht optimaler Abschluss kann unsere Zweifel ausräumen und uns ein Gefühl der Befreiung geben.
Was macht den Abschluss zu so einem wichtigen menschlichen Bedürfnis? Für meine Klient*innen lautet die Antwort auf diese Frage häufig: alles Mögliche! Für sie geht es dabei um ihre seelische Gesundheit, ihr Glück und ihre Selbstachtung, um nur einige Aspekte zu nennen, die aus ihrer Sicht dabei auf dem Spiel stehen. Unser Wunsch nach einem Abschluss entspringt dem Bedürfnis, unsere Gefühle zum Ausdruck zu bringen, wirklich den Grund für das zu verstehen, was vorgefallen ist, und eine Möglichkeit zu finden, nach vorne zu blicken. Aber aus noch anderen Gründen können wir nach einem Abschluss suchen: um verzeihen zu können oder damit jemand uns verzeiht, um ein Missverständnis aufzuklären oder um unsere eigenen Gefühle zu heilen.
Und warum ist unser Bedürfnis nach einem Abschluss so stark? Wir Menschen sind darauf programmiert, der Ungewissheit aus dem Weg zu gehen. Wir wehren uns gegen sie. Wir leugnen sie. Wir fliehen vor ihr. Und dennoch leiden wir. In uns ist ein natürliches Unbehagen angesichts offener Fragen, unausgesprochener Worte, unausgedrückter Gefühle und beim Gedanken an Verpflichtungen, von denen wir befürchten, sie nicht erfüllt zu haben. Der Mensch will Gewissheit. Wir mögen es nicht, in der Luft zu hängen, nicht zu wissen, warum etwas passiert ist, warum sich ein Mensch so verhalten hat, wie er es getan hat. Und je nachdem, wie sehr wir uns selbst hinterfragen, wollen wir auch wissen, inwiefern wir unsererseits zu der Situation beigetragen haben.
Dieses nur allzu menschliche Verlangen nach Gewissheit kann uns zu dem Verständnis verhelfen, nach dem wir suchen. Es kann aber auch zur Besessenheit werden, die uns in Situationen bringt, in denen wir uns als ohnmächtig erleben und die zu nichts führen. Und mangels echten Wissens ist unser Verstand nur allzu bereit, sich Geschichten auszumalen, die noch mehr Schmerz und Leid mit sich bringen können.
Wenn wir an einen Abschluss denken, scheint in unserer Vorstellung alles so einfach zu sein. Zwei Erwachsene setzen sich zusammen und klären die Dinge. Schildern ihre jeweilige Sichtweise. Hören zu und verstehen. Kommen zu einer Einigung darüber, wie es weitergehen soll, ob gemeinsam oder getrennt. Doch bekanntlich sind die Menschen ziemlich kompliziert. Und Emotionen und Egos zu begreifen, ist keine leichte Aufgabe, wie jede*r Therapeut*in bestätigen wird. Dazu müssen wir in der Lage sein, unsere Gefühle auszudrücken, unsere Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen. Wir müssen zuhören können, ohne in eine Abwehrhaltung zu verfallen. Es erfordert ein gewisses Geben und Nehmen. Wenn wir gemeinsam mit einem anderen Menschen einen Abschluss erreichen wollen, heißt das, von ihm zu erwarten, dass er sich offen und verletzlich zeigt, dass er bereit ist, sich der Herausforderung zu stellen und ein ehrliches Gespräch zu führen. Das kann viel verlangt sein, wenn beide Seiten in den Grenzen ihres Menschseins gefangen sind, mit all seinen Stärken, Schwächen und Widersprüchen.
Meine Mutter pflegte zu sagen: »Wenn ich jedes Mal einen Nickel bekäme, wenn jemand … sagt …« So geht es mir oft mit dem Wort Abschluss. Als Therapeut bin ich mir sicher, in dieser Hinsicht nicht alleine zu sein. Aber ich muss sagen, dass Abschluss ein Thema ist, das in meinem Leben immer wieder auftaucht, und oft frage ich mich, ob das der Grund dafür ist, dass ich Klient*innen anziehe, die ebenfalls versuchen, einen Umgang damit zu finden. Als ich damit begann, dieses Buch zu schreiben, war mein Herz schwer von meinem jüngsten Ringen mit diesem Thema. Hier also meine Geschichte (oder zumindest eine von ihnen).
Mein guter Freund David besitzt ein Grundstück in dem Land, in dem er aufgewachsen ist, und auf Empfehlung eines Freundes stellte er einen netten und motivierten jungen Mann namens Victor ein, der ihm bei der Instandhaltung der Gebäude helfen sollte. Sowohl David als auch ich waren der Meinung, dass Victor eine Menge Potenzial besaß. David beschloss, sich zu seinem Mentor zu machen, und begann, ihn und seine Familie regelmäßig finanziell und auch auf andere Weise zu unterstützen, um bei der Deckung des grundlegenden Bedarfs und laufenden Zahlungen wie den Studiengebühren zu helfen. Auch ich freundete mich mit Victor an und half gelegentlich mit ein wenig Geld aus und einem neuen Computer.
Aber nach ein paar Jahren machte David einige sehr ernüchternde Entdeckungen. Er fand heraus, dass Victor das Geld, das er von ihm annahm, nicht so verwendet hatte, wie er behauptete, und dass er Geschichten erfunden hatte, um die weitere finanzielle Unterstützung sicherzustellen. David hatte Victor eine beträchtliche Summe Geld gegeben und war nun sowohl in emotionaler als auch in finanzieller Hinsicht der Geschädigte. Es war schmerzlich für mich zu sehen, wie sehr er sich hintergangen fühlte.
Nachdem das Verhältnis zerrüttet war und David seine Beziehung zu Victor beendet hatte, war ich erneut zu Besuch in Davids Heimatland. Victor, mit dem ich seither nicht mehr gesprochen hatte, fragte mich, ob wir zusammen zu Abend essen könnten. Ich willigte ein, denn auch mir war an einem Abschluss gelegen. Leider kam es nicht dazu. Während des Essens erzählte mir Victor von Dingen, die in seinem Leben vor sich gingen und von denen ich wusste, dass sie keineswegs der Wahrheit entsprachen. Ich fühlte mich irgendwie betrogen, aber noch mehr machte ich mir Sorgen um ihn, um die Entscheidungen, die er traf, und darum, in welcher Richtung sein Leben verlief.
Nach meiner Rückkehr in die USA schrieb Victor mir weiterhin SMS, und ich zögerte, ihm zu antworten, weil ich das Gefühl hatte, mich David gegenüber loyal verhalten zu müssen. Aber David überließ mir die Entscheidung, und so antwortete ich einige Tage später mit ein paar Worten: Ich hoffe, es geht dir gut. Kurz darauf blockierte Victor mich.
Nachdem der Kontakt zu Victor abgebrochen war, wuchs in mir nach und nach der Wunsch nach einem Abschluss, wobei ich ein ganz bestimmtes Bild im Kopf hatte, wie das meiner Meinung nach auszusehen hatte. Ich wollte, dass Victor zu seinen Lügen steht und sich bei mir entschuldigt. Und ich würde seine Entschuldigung annehmen. Ich redete mir ein, dass dies eine Gelegenheit wäre, an der er wachsen könnte, wusste aber auch, dass mein Ego bei diesem Szenario im Spiel war. (Unser Ego ist immer mit im Spiel.) Ich wollte mit ihm in Kontakt bleiben – und ihm nötigenfalls helfen, falls das auf eine Weise möglich wäre, durch die sich mein Freund David nicht noch mehr betrogen fühlen würde.
Zwei Jahre vergingen. Während dieser Zeit hatte ich keine Ahnung, was Victor aus seinem Leben machte, wie er lebte, ob es ihm gut ging oder nicht.
Eines Tages rief mich David auf der Arbeit an. Ich konnte hören, dass er weinte, während er sprach. Er erzählte mir, dass Victor an Krebs gestorben war, wobei wir keine Ahnung davon gehabt hatten, dass er krank gewesen war. Ich dachte an die häufigen Erkrankungen, an denen er zu leiden schien, an die finanzielle Hilfe, die er regelmäßig brauchte, um Krankenhausrechnungen zu bezahlen. Ich dachte an unsere letzte Begegnung und daran, wie ausgemergelt er sich anfühlte, als ich ihn zum Abschied umarmte. Die Antworten auf zuvor unbeantwortete Fragen ergaben sich nun wie von selbst. Mir wurde klar, dass er wahrscheinlich die ganze Zeit über, in der wir ihn kannten, krank gewesen war, uns aber nie davon erzählt hatte. Mit welchen Dämonen hatte dieser junge Mann zu kämpfen, möglicherweise auch mit dem Schreckgespenst seines eigenen Todes? Warum hatte er es uns nicht gesagt? Warum, warum, warum? Alles hätte so anders laufen können. Wir hätten ihm und seiner Familie auf die Weise helfen können, die sie am dringendsten benötigten. Es verlangte mich nach Antworten. Mein Verstand sagte mir, dass ich sie nicht würde bekommen können, aber ich wollte sie trotzdem!
Ein paar Tage lang saß ich in meiner Praxis und weinte zwischen den Therapiestunden. Meinen Klient*innen erzählte ich, dass die roten Augen von einer Allergie herrührten. Und während ich mich den Tränen überließ, dachte ich wieder über einen Abschluss nach. Ich malte mir aus, wie ich mit David in sein Heimatland fliegen würde, um Victor und seiner Familie Essen zu bringen und dafür zu sorgen, dass er gut versorgt wird. Ich stellte mir vor, wie ich an Victors Bett sitze und ihm sage, dass er geschätzt und geliebt wird, dass ich ihm verzeihe und umgekehrt um Verzeihung dafür bitte, mich nicht mehr bemüht zu haben, mit ihm in Kontakt zu bleiben. Mein größter Wunsch aber war es, ihn in den Arm zu nehmen.
Ich wollte einen Abschluss. Ich wollte eine zweite Chance darauf. Einen wirklich grandiosen, fantastischen Abschluss, bei dem wir uns alle wie am Ende eines ergreifenden Films fühlen würden.
Doch ein weiteres Mal blieb mir dieser Abschluss verwehrt.
Ich war traurig um meiner selbst willen, um meines Freundes David willen und um dieses jungen Mannes Victor willen. Ich war traurig über all die anderen Momente in meinem Leben, in denen ich einen Abschluss brauchte, ohne dass ich ihn bekommen konnte. Ich empfand Traurigkeit beim Gedanken an meine Klient*innen, die damit zu kämpfen haben, ihr Leben ohne den Abschluss weiterzuleben, den sie brauchen würden, um nach vorne zu schauen. Ich wurde an die vielen, vielen Male erinnert, als Klient*innen bei mir auf der Couch saßen und darüber sprachen, dass es ihnen nicht möglich war, mit etwas abzuschließen. Trennungen. Scheidungen. Kündigungen. Umzüge. Ärztliche Diagnosen. Todesfälle. Klient*innen, die ihr Gesicht in ihre Hände vergruben, während sie unter Tränen von ihrem Wunsch nach Gewissheit berichteten. Ihrem Verlangen nach Gewissheit. Ihrem Recht auf Gewissheit. Und dennoch … ohne sie blieben.
Wie gesagt, ist es nur menschlich, einen Abschluss finden zu wollen. Die Suche danach kann zu einer Klärung und zu persönlicher Weiterentwicklung führen – oder auch zu Frustration und noch mehr Schmerz. Aber auch der Schmerz, der darin liegt, keinen Abschluss zu finden, kann letzten Endes zu persönlichem Wachstum führen. Die Suche nach einem Abschluss war ein schmerzhafter, aber auch lohnender Prozess in meinem eigenen Leben und im Leben meiner Klient*innen. Vielleicht ist er das auch in Ihrem? Und damit lade ich Sie ein, mich auf dem Weg zu begleiten, der Abschluss heißt.
Kapitel 2
Eine Möglichkeit, um besser zu verstehen, was ein Abschluss ist, besteht darin, sich vor Augen zu führen, was er nicht ist. Wenn ein Abschluss einen emotionalen Zustand bezeichnet, der durch ein positives Gefühl von Endgültigkeit, Klarheit und innerem Frieden charakterisiert ist, dann könnte man das Gegenteil davon als inneren Aufruhr, Verunsicherung oder ungesundes, zwanghaftes Grübeln definieren. Aber um es noch einmal zu sagen, stellt sich die Sache komplizierter dar, denn wenn wir nach einem Abschluss suchen, haben wir für gewöhnlich ein bestimmtes Ergebnis vor Augen. Und unabhängig davon, ob das tatsächliche Ergebnis positiv oder negativ ausfällt, unterscheidet es sich oft sehr von dem, was wir erwartet haben.
Konzentrieren wir uns daher in diesem Kapitel auf drei Aspekte, die häufig fälschlicherweise für einen Abschluss gehalten werden, aber in Wirklichkeit keiner sind: Mit etwas abzuschließen, ist nicht gleichbedeutend mit Vergeltung. Mit etwas abzuschließen, ist nicht gleichbedeutend mit Kontrolle. Und obwohl beides miteinander im Zusammenhang steht, ist mit etwas abzuschließen, nicht gleichbedeutend mit Akzeptanz.
Wann haben Sie das letzte Mal daran gedacht, für etwas Vergeltung zu üben? Letzten Monat? Vor einer Woche? Vor ungefähr einer Stunde? Wenn Sie eine dieser Fragen mit Ja beantworten können, möchte ich Ihnen versichern, dass Sie völlig normal sind. Vielmehr wäre ich überrascht, wenn Sie sagen würden, Sie hätten noch niemals den Drang nach Rache verspürt. Wenn wir das Gefühl haben, dass uns in irgendeiner Weise Unrecht geschehen ist oder vorsätzlich Schaden zugefügt wurde, wollen wir es der verantwortlichen Person (oder der Person, die wir dafür verantwortlich machen) »heimzahlen«, und zwar auf eine Weise, die ihr ebenfalls Leiden verursacht.
Das liegt in der menschlichen Natur. Aber es ist kein Abschluss.
Eine Frage, die Sie sich stellen können, wenn Sie darüber nachdenken, einen Schlussstrich zu ziehen, lautet: Möchte ich mit dieser Person auf gesunde Weise einen Abschluss finden, oder möchte ich Gleiches mit Gleichem vergelten und ihr dieselben Schmerzen zufügen, die ich selbst zu erleiden habe? Bis zu einem gewissen Grad ist bei dem Wunsch nach einem Abschluss häufig Rache als Motiv mit im Spiel. Das muss nicht unbedingt ein vernichtender Rachefeldzug sein, der das Opfer als ein Häufchen Elend zurücklässt. Aber das Bedürfnis, der Art und Weise, wie wir mit jemandem abschließen, ein oder zwei Tropfen Rache beizumischen – zum Beispiel, indem wir Trauer oder Schuldgefühle erzeugen –, kann durchaus in unsere Vorgehensweise einfließen.
Nehmen wir zum Beispiel James und Anna. Sie hatten eine Beziehung, von der sie eigentlich dachten, dass sie optimal sei. Sie waren beide Anfang dreißig, erfolgreich in ihrem Beruf, attraktiv und hatten einen großen Freundeskreis. Sie als perfektes Paar zu bezeichnen, schien nicht übertrieben zu sein. Bis es genau das war.
Nachdem sie einige Jahre zusammengelebt hatten, überwand Annas Firma, ein Start-up-Unternehmen, schließlich die kritische Schwelle und begann, erfolgreich zu werden. Anna bekleidete in dem Unternehmen eine führende Position, sodass die Anforderungen an sie exponentiell anstiegen, ebenso wie die Zahl ihrer Arbeitsstunden. Es war Annas Chance, in ihrem Geschäftsbereich einen großen Treffer zu landen, und sie ergriff sie. Jeden Morgen verließ sie in aller Frühe die gemeinsame Wohnung und kam erst spätabends wieder nach Hause. Etwa einmal pro Woche blieb sie ganz in der Firma, schlief ein paar Stunden auf der Couch in ihrem Büro und arbeitete dann direkt den folgenden Tag bis zum Abend weiter.
Annas lange Arbeitszeiten schlossen auch ausführliche Besprechungen mit Jonathan, dem CEO des Unternehmens ein. James war ihm einige Male bei Firmenveranstaltungen begegnet, und obwohl Jonathan ein sympathischer Kerl zu sein schien, wurde James misstrauisch, als Annas Abwesenheit von zu Hause zunahm. Er beobachtete Jonathan und Anna auf einer Party, und ihm missfiel die Art, wie Jonathan seine Hand auf Annas Schulter legte, während sie sich unterhielten.
Eines Abends, als James allein zu Hause vor dem Fernseher saß und über Annas lange Arbeitszeiten und darüber nachdachte, wie vernachlässigt er sich fühlte, beschloss er, auf Anna zu warten. Als sie gegen Mitternacht nach Hause kam, nahm James sie entsprechend in Empfang. Er sagte ihr, dass er Jonathan nicht traue und dass ihm ihre langen Arbeitszeiten nicht gefielen. Er stellte ihr ein Ultimatum: entweder den Job aufzugeben oder ihre Beziehung.
Anna war bestürzt, dass James ihr Untreue vorwarf. Sie war verletzt und wütend, weil er versuchte, über ihr Leben zu bestimmen und sie um eine große Karrierechance zu bringen. Sie sagte ihm, wie sie sich fühlte. Sie erklärte ihm auch, dass sie nicht wisse, wie sie als Paar weitermachen könnten, wenn er ihr so sehr misstraue. Wenn sie nicht in der Lage sei, seine Sicht der Dinge nachzuvollziehen, so pflichtete James ihr zornig bei, dann müsse sie eben gehen. Sie packte eine Tasche und zog noch in derselben Nacht in ein Hotel. Ein paar Tage später kam sie noch einmal in die Wohnung, während James auf der Arbeit war, und holte den Rest ihrer Sachen.
Als er sich endlich eingestehen konnte, dass dies ihre Trennung bedeutete, war James emotional vollkommen durcheinander. Er hatte falsch eingeschätzt, wie Anna reagieren würde. Er hatte gedacht, dass sie sich dafür entschuldigen würde, ihn vernachlässigt zu haben. Er hatte angenommen, sie würde sich mit ihm zusammensetzen und die Dinge klären wollen. Und er war sogar davon ausgegangen, dass ihr ihre Beziehung wichtiger war als ihr Job und dass sie ihn vielleicht schon am nächsten Tag aufgeben würde. Aber es kam ganz anders.
Nachdem Anna ausgezogen war, gab es zwischen ihr und James nur noch kurze Gespräche, in denen es hauptsächlich um noch offene Fragen wie geschuldete Geldbeträge und Nachsendeadressen ging. Ein paarmal schrieb er ihr eine SMS und erhielt nur knappe Antworten: Ja, mir geht es gut.Ich hoffe, dir auch. Er hatte das Gefühl, dass er einen Abschluss verdient hatte, nach all der Zeit, die sie zusammen verbracht hatten, nachdem sie sich ein gemeinsames Zuhause aufgebaut hatten, und nach all den Plänen, die sie miteinander geschmiedet hatten. Also bat er sie um ein Treffen. Er sagte ihr, dass er es für wichtig hielt, über das Geschehene zu sprechen. Er wollte, dass sie weiß, wie es ihm damit geht, jetzt, wo er weniger von seinen Gefühlen überwältigt war. Es wäre gut für sie beide, einen Abschluss zu finden, meinte er.
James verwandte auf dieses bevorstehende Gespräch nicht nur viel Überlegung, er fing sogar an, es in Gedanken immer wieder durchzuspielen. Er würde aus dem Herzen sprechen, sagte er sich. Er und Anna hatten noch nie wirklich über die Dinge gesprochen, obwohl es das war, wozu Freund*innen und Familie immer geraten hatten: Sprecht die Dinge aus. Findet zu einer Einigung. Nehmt einander in den Arm und wünscht euch gegenseitig nur das Beste.
»Die Dinge aussprechen«: In James’ Augen bedeutete das jedoch, Anna einen Denkzettel zu verpassen. Er beschloss, Anna zu sagen, wie sehr sie ihre Beziehung vernachlässigt hatte und dass er es ihr niemals abnehmen würde, dass sie und Jonathan keine Affäre hatten. Er würde ihr auch sagen, dass der Sex niemals wirklich gut war und dass er sich in ihrer Beziehung nie so glücklich gefühlt hatte, wie er es verdient hätte. Hatte er nicht einen Anspruch darauf, sie das wissen zu lassen?, fragte er sich. Ja, natürlich. Und wäre es nicht auch für sie gut, das zu wissen? Bestimmt. Und sollte Anna nicht auch etwas von dem Schmerz spüren, den er fühlte? Gewiss. Das könnte ihm endlich zu dem Abschluss verhelfen, den er für sich brauchte.
Rache ist süß … bis der bittere Nachgeschmack folgt. Ich bin lange genug in dem Geschäft, um mit Gewissheit sagen zu können, dass mir noch nie ein Mensch begegnet ist, der es anschließend als ein befriedigendes Gefühl bezeichnet hat, sich an einer anderen Person gerächt zu haben. Für den Moment mag es hervorragend funktionieren: Die andere Person ist verletzt, gedemütigt, am Boden zerstört. Aber fühlt man sich hinterher damit im Frieden und im Reinen? Wahrscheinlicher ist, dass man sich selbst beschämt, peinlich berührt und leer fühlt. Rache ist ein momentaner Sieg, der sich am Ende nur allzu oft wie eine Niederlage anfühlt. Wo sich ein Racheakt als Schlussstrich ausgibt, verstärkt er nur das Bedürfnis nach einem echten Abschluss, um den auf beiden Seiten entstandenen Schaden wiedergutzumachen, und hinterlässt nur den dringenden Wunsch, um Vergebung zu bitten.
So erging es auch James. Als er sein Plädoyer hielt, war die Befriedigung, die er daraus zog, nur von kurzer Dauer. Sie währte so lange, bis Anna zu weinen begann. Als er sah, wie er den Menschen, der ihm einmal so viel bedeutet hatte, verletzt hatte, verlangte es James erst recht nach einem echten Abschluss. Jetzt ging es ihm darum, Anna um Verzeihung zu bitten und sie wissen zu lassen, dass er nicht wirklich so für sie empfand. Ganz und gar nicht. Er hatte ihr ja nur sagen wollen, dass er wütend war und es ihr heimzahlen wollte, dass sie ihn so enttäuscht hatte.
Doch daraufhin brach Anna jeden Kontakt zu ihm ab. James’ Verlangen nach einem Abschluss blieb genauso stark wie vor diesem Gespräch, und er sollte noch eine ganze Weile damit zu kämpfen haben.
Wenn Sie nicht sicher sind, ob es Ihnen darum geht, zu einem Abschluss zu kommen, oder darum, Vergeltung zu üben, sollten Sie erst einmal tief Luft holen, sich über Ihre Gefühle klar werden und über die Gründe, warum Sie einen Schlussstrich ziehen wollen, sowie über die möglichen Folgen nachdenken. Die Beweggründe, die uns Menschen antreiben, sind selten vollkommen eindeutig. Versuchen Sie also, offene Fragen zu klären und gegenseitiges Verständnis zu schaffen? Oder legen Sie es darauf an, Leiden zu verursachen? Ersteres ist ein Abschluss. Letzteres ist es nicht. Ein Schlussstrich, der von Vergeltungsdrang motiviert ist, führt nirgendwohin.
Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie oft ich danach gefragt werde, wie man einen Menschen dazu veranlassen kann, ein bestimmtes Verhalten an den Tag zu legen. »Wie bringe ich ihn dazu, in mir die kluge und kompetente Person zu sehen, die ich bin?«, »Wie bringe ich sie dazu, all das zu würdigen, was ich für sie tue?«, »Wie kann ich diesem Menschen begreiflich machen, wie viel mir an ihm liegt?«, »Wie kann ich diese Person dazu bringen, mir zu erklären, warum sie sich so verhalten hat?« Und dann beginnen die Menschen, die so fragen, sich eine Geschichte auszumalen, in der sie versuchen, die Gedanken, Gefühle oder das Verhalten einer anderen Person zu verändern.
Aber so gerne wir auch die Augen davor verschließen: Die schlichte Wahrheit ist, dass wir keine Kontrolle darüber haben, wie andere Menschen denken, fühlen oder sich verhalten. Das steht einfach nicht in unserer Macht. Diese Tatsache zu akzeptieren, kann uns eine Menge Herzschmerz ersparen, vor allem, wenn es darum geht, einen Schlussstrich zu ziehen.
Wenn ich mit meinen Klient*innen über einen Abschluss spreche, haben sie meist eine sehr klare Vorstellung davon, wie er auszusehen hat. Manche dieser Vorstellungen sind realistischer als andere. Zum Teil beruhen sie auf der Einschätzung, wozu die andere Person in der Lage ist, darauf, was ihrer Meinung nach das Beste für sie selbst und für die andere Person wäre oder worauf sie ihrer Ansicht nach ein Anrecht haben (vor allem dies). Aber im Endeffekt geht es stets darum, dass sie ein bestimmtes Bild von dem Abschluss im Kopf haben, den sie erreichen möchten.
Häufig bitte ich diese Klient*innen, sich die
