Verlag: Dressler Verlag Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

GötterFunke - Liebe mich nicht E-Book

Marah Woolf

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E-Book-Beschreibung GötterFunke - Liebe mich nicht - Marah Woolf

"Sag das nie wieder, hörst du? Hast du verstanden, Jess?" Seine Stimme klang drohend und seine Augen glitzerten vor Zorn. "Liebe mich nicht." Eigentlich wünscht Jess sich für diesen Sommer nur ein paar entspannte Wochen in den Rockys. Doch dann trifft sie Cayden, den Jungen mit den smaragdgrünen Augen, und er stiehlt ihr Herz. Aber Cayden verfolgt seine eigenen Ziele. Der Göttersohn hat eine Vereinbarung mit Zeus. Nur wenn er ein Mädchen findet, das ihm widersteht, gewährt Zeus ihm seinen sehnlichsten Wunsch: endlich sterblich zu sein. Wird Cayden im Spiel der Götter auf Sieg setzen, auch wenn es Jess das Herz kostet? Marah Woolf, Autorin der MondLichtSaga und eine der erfolgreichsten Selfpublisherinnen Deutschlands, jetzt erstmals in einem deutschen Verlag!

Meinungen über das E-Book GötterFunke - Liebe mich nicht - Marah Woolf

E-Book-Leseprobe GötterFunke - Liebe mich nicht - Marah Woolf

Über dieses Buch

»Sag das nie wieder, hörst du? Hast du verstanden, Jess?«

Seine Stimme klang drohend und seine Augen glitzerten vor Zorn.

»Liebe mich nicht.«

 

Eigentlich wünscht Jess sich für diesen Sommer nur ein paar entspannte Wochen in einem Camp in den Rockys. Sich zu verlieben stand nicht auf ihrem Plan. Doch dann trifft sie Cayden, den Jungen mit den smaragdgrünen Augen, und er stiehlt ihr Herz. Aber Cayden verfolgt seine eigenen Ziele. Der Göttersohn hat mit Zeus eine Vereinbarung getroffen, auf deren Erfüllung er seit Jahrhunderten hofft. Nur wenn er ein Mädchen findet, das ihm widersteht, gewährt Zeus ihm seinen sehnlichsten Wunsch: endlich sterblich zu sein.

 

 

 

 

Triff mich mit Feuer und Schneesturm und ganz nach Belieben mit Blitzen,

stoß mich in den Abgrund hinab oder ins wogende Meer.

Wen schon die Sehnsucht zermürbte und Eros mit Macht unterjochte,

dem verursacht auch Zeus keinerlei Qual mehr durch den Blitz.

 

Altgriechisches Liebesgedicht

Dichter unbekannt

Aufzeichnungen des Hermes

I.

Prometheus hatte sich diesen lächerlichen menschlichen Namen gegeben. Cayden – angeblich bedeutete es Kampfgeist, und eins musste man dem Jungen lassen: Kampfgeist hatte er.

Alle olympischen Götter hatten sich in der Großen Halle von Mytikas versammelt, um dem Schauspiel erneut beizuwohnen. Prometheus hatte auf seinem Recht bestanden und Zeus gewährte es ihm. So war es vor einer Ewigkeit vereinbart worden. Doch wie immer würde Prometheus auch diesmal verlieren. Er hatte sich von Zeus hinters Licht führen lassen. Das wusste er und gab trotzdem nicht auf.

Mit einem Fingerschnippen beschwor der Vater der Götter ein Bild herauf, das an der weißen Wand der Palastmauer erschien. Hier würden die Götter, die Mytikas nicht verlassen durften, das Spektakel verfolgen.

Ab morgen würde es mein Job sein, die Götter über das Geschehen auf dem Laufenden zu halten, und bei mir genügte kein Schnippen. Ich würde herumfliegen müssen, um sicherzustellen, dass ich nichts Wichtiges verpasste. Diese Spiele waren für mich der reinste Stress, denn jeden Abend erwarteten die Götter von mir eine Zusammenfassung darüber, was bei den Menschen vor sich ging.

Ich nahm mir einen Teller voll Orangenstücken und Erdbeeren und machte es mir auf meiner Liege gemütlich. Heute lagen meine Flügelschuhe noch neben der Liege. Die kommenden Wochen würden anstrengend genug werden.

»Lasset die Spiele beginnen«, verkündete mein Vater Zeus mit lauter Stimme und legte sich zu seiner Ehefrau Hera.

Nichts hasste ich mehr als Gewitter, vor allem, wenn der Wind dabei so durch die Bäume heulte, als wäre er ein wildes Tier, das nur darauf wartete, von der Leine gelassen zu werden und mich zu verschlingen. Wenn ich ehrlich war, hasste ich Unwetter nicht nur, ich fürchtete mich zu Tode. Es war albern, Angst vor Blitzen und Donner zu haben. Aber ich konnte es nicht ändern. Angst war mein zweiter Vorname. Ich hatte Angst vor Unwettern, Angst vorm Fliegen, Angst vor Schlangen und anderem Getier. Ich litt unter diversen Phobien mit seltsamen lateinischen Namen. Astraphobie nannte sich die Angst vor Gewittern. Und ausgerechnet ich saß in einem Auto mitten in den Rockys, während aus dem Nichts heftiger Regen und undurchdringliche Finsternis über uns hereinbrachen. Gerade noch war der Himmel strahlend blau und voller weißer Schäfchenwolken gewesen, als sich von einem Moment auf den nächsten die Sonne verdunkelt hatte. Die Szenerie glich einem Weltuntergang in einem Katastrophenfilm. Genau um solche Situationen zu vermeiden, checkte ich normalerweise sehr sorgfältig meine Wetter-App. Aber die hatte offensichtlich versagt. Man sollte die Typen verklagen, die so einen Mist programmierten. Selbst Robyn, meine beste Freundin seit unserem ersten Tag an der Junior High, die sonst nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen war, umfasste das Lenkrad mit ihren sorgfältig manikürten Fingern fester, während ich mich zwingen musste, meine ohnehin zu kurzen Nägel nicht bis auf die Haut abzuknabbern. Eine ziemlich eklige Angewohnheit, die mich immer dann überkam, wenn ich nervös war.

Wieder erklang das Heulen. Diesmal viel näher. Das war nicht der Wind. Ich hätte mich mehr mit der Fauna in den Rockys beschäftigen sollen als mit dem Wetter, bevor ich Robyn überredet hatte, mit mir nach Camp Mount, das jenseits jeglicher Zivilisation lag, zu fahren. Der Regen, der auf die Frontscheibe des Wagens prasselte, klang wie die Salven eines Maschinengewehrs. Trotz des Mistwetters fuhr Robyn die schmale Straße, die sich durch die Wälder wand, entlang, als nähme sie an einem Wettrennen teil. Wenn ich zu ängstlich war, war sie zu mutig. Das Wort Vorsicht kam in ihrem Sprachgebrauch so gut wie nicht vor.

Ich wischte mit der Handfläche über das beschlagene Glas. Das Wasser auf der Scheibe war eiskalt. Mein Blick huschte zur Temperaturanzeige. Die Außentemperatur war angeblich auf null Grad gefallen. Das Ding musste defekt sein, obwohl der Wagen funkelnagelneu war. Robyns Dad hatte ihn ihr letzten Monat zu ihrem siebzehnten Geburtstag geschenkt, und sie hatte darauf bestanden, dass wir allein ins Sommercamp fuhren. Sonst hatte das ein Chauffeur erledigt und dabei hatte ich mich deutlich wohler gefühlt. Ich konnte nur hoffen, dass das Navi funktionierte. Kälte kroch jetzt durch die Lüftungsschlitze ins Auto. Gänsehaut überzog meine Arme und Robyn hantierte an den Armaturen herum. Gerade als es mir fast gelungen war, mir einzureden, dass das schaurige Heulen nur Einbildung gewesen war, erklang es wieder. Noch näher diesmal und noch unheimlicher stieg es auf in die purpurfarbenen Wolken, die von einem Blitz zerrissen wurden. Die Angst packte mich mit ihren Krallen, meine Lunge schrumpfte auf Erbsengröße. Auf den Blitz folgte ein mächtiger Donner. Ich schnappte wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft. Eine Silhouette zeichnete sich in der Dunkelheit ab und ich erhaschte einen Blick auf einen jungen Mann. Unbeeindruckt von dem Unwetter, stand er reglos am Straßenrand und reckte sein Gesicht in den Himmel. Obwohl er vor Nässe triefte, schien ihm der Regen nichts auszumachen. Im Gegenteil. Offenbar genoss er das Chaos. Ich hoffte, er war nicht derjenige, der so geheult hatte. Aber Werwölfe waren noch unwahrscheinlicher als echte Wölfe, oder? Der Wind zerrte an seinen Klamotten. Sein schneeweißes Haar und seine helle Haut hoben sich von der Dunkelheit ab. Wie in Zeitlupe glitt unser Auto an ihm vorbei. Andächtig stand er dort und ließ den Regen über sein Gesicht laufen. Er neigte träge den Kopf und öffnete die Augen. Rote Rubine funkelten mich an. Seine Blicke machten den Blitzen am Himmel Konkurrenz und die Härchen auf meinen Unterarmen richteten sich auf. Ich hatte noch nie einen menschlichen Albino gesehen. Seine Lippen verzogen sich zu einem schmalen Strich. Ich riss den Blick von ihm los, und die Dunkelheit hinter uns verschluckte ihn so gründlich, dass nicht mal mehr ein Schemen zu erkennen war.

»Hast du den gesehen?«, fragte ich Robyn. »Er muss verrückt sein.«

Robyn nahm den Blick nicht von der Straße. »Wovon redest du?«

»Da stand ein Albino am Straßenrand.« Meine Stimme überschlug sich fast.

»Da stand niemand.« Verärgert schüttelte sie den Kopf. »Das hast du dir nur eingebildet. Mach mich nicht wahnsinnig. Der Regen nervt schon genug. Reiß dich zusammen.«

Nicht ausflippen!, befahl ich mir. Selbst wenn es hier Wölfe gab, griffen diese bestimmt keine Menschen an. Und niemand hielt sich bei dem Wetter freiwillig draußen auf. Der Typ war nur ein Produkt meiner Fantasie gewesen. Anders war er nicht zu erklären. Meine überreizten Nerven hatten mir einen Streich gespielt. Ich schwieg, um Robyn nicht noch nervöser zu machen.

Wieder ertönte ein ohrenbetäubendes Krachen. Es war kein Donner: Im Licht der Autoscheinwerfer sah ich, wie ein Baum auf die Straße stürzte. Robyn trat auf die Bremsen und kreischte gleichzeitig meinen Namen. Ihr »Jess!« hallte mir in den Ohren, als der Wagen zu schlingern begann und auf das Ungetüm zurutschte, das uns mit seinen krakenartigen Ästen den Weg versperrte. Robyn schlug die Hände vors Gesicht und überließ das Auto damit sich selbst. Ich wollte nach dem Lenkrad greifen, als mein Körper nach vorn geschleudert wurde. Der Sicherheitsgurt schnitt mir in die Brust. Vor Schmerz stöhnte ich auf. Alles um mich herum drehte sich in atemberaubender Geschwindigkeit. Mein Kopf knallte auf etwas Hartes. Es fühlte sich an, als würde er in zwei Hälften gespalten. Glassplitter rieselten auf mein Gesicht und meine nackten Arme. Ein metallisches Kreischen ertönte, das meinen Körper sprengen zu wollen schien. Der Gurt löste sich unter der Wucht des Aufpralls. Ich versuchte, mich festzuhalten, aber meine Hände griffen ins Leere. Ein Knacken ertönte und die Knochen meiner Beine brachen. Es müsste wehtun, dachte ich, aber ich spürte gar nichts. Angst flutete meinen Kopf. Thanatophobie – Furcht vor dem Tod. Eine meiner zahlreichen Ängste. Wurde sie Wirklichkeit? Starb ich gerade? Einfach so, ohne Vorwarnung? Da war kein helles Licht, kein langer Tunnel. Alles in mir rebellierte. Es gab zu viel, was ich noch tun wollte. So vieles, worum ich mich kümmern musste. Meine kleine Schwester Phoebe brauchte mich. Mom konnte allein nicht für sie sorgen. Ich hatte noch nicht mal geküsst. Jedenfalls nicht so richtig. Doch jetzt war es womöglich zu spät dafür. Die Welt um mich herum explodierte. Ich flog durch die Luft. Dunkelheit umfing mich und Stille. Endlose Stille. Ich schwebte. Alles war ganz leicht. Ich trieb auf einem unendlichen Ozean dahin. Es war schön – friedlich.

Neben meinem Ohr ertönte ein Knurren.

Aufzeichnungen des Hermes

II.

Gott, war das spannend! Aber musste das Bild im entscheidenden Moment flackern und krisseln? Jetzt hatten wir den Unfall verpasst! Zeus’ Kräfte waren auch nicht mehr das, was sie mal gewesen waren. Ihm hätte klar sein müssen, dass Apoll es vermasseln würde. Menschen hatten Angst vor Wölfen.

Wilde Tiere und Gewitter waren nichts, womit Menschen heutzutage gut klarkamen, und schon gar nicht zwei Mädchen, die in einem Auto allein durch einen Wald fuhren.

Noch keine halbe Stunde in der Menschenwelt und schon zwei Tote! Prometheus jammerte vermutlich längst wieder darüber, was die Götter seiner Schöpfung antaten. Sein Pech, dass er sie nicht widerstandsfähiger erschaffen hatte.

Allerdings hatte Zeus es mit dem Gewitter auch ganz schön übertrieben. Musste er auch noch Bäume umstürzen lassen?

Immer dieses Tamtam. Ich schielte zu ihm hinüber. Er sah selbst ganz verdutzt aus. Wahrscheinlich hatte er ein schlechtes Gewissen. Aber seine Reue würde nicht lange anhalten. Es gab noch jede Menge anderer Mädchen auf der Welt. Athene würde bestimmt keine Schwierigkeiten haben, welche zu finden.

Meine Erinnerungen setzten sich nur stückchenweise zusammen, wie bei einem Puzzle. Da waren Schemen neben dem Auto gewesen und dann ein Aufprall und wahnsinnige Schmerzen. Ich rieb über meine Arme und betastete meine Beine. Alles war dort, wo es sein musste, und sogar die Schmerzen waren verschwunden. Vorsichtig richtete ich mich auf und kam auf die Knie, bevor meine zitternden Beine es mir erlaubten, aufzustehen. Ich machte einen ersten Schritt, und es fühlte sich an, als liefe ich über Götterspeise. Nebel umgab mich und machte mir das Atmen schwer. Ich wedelte mit den Armen. Der weiße Dunst hob und senkte sich, als ließe er sich von mir dirigieren. Ich stand in einer Art Dampfsauna, nur die Hitze fehlte. Mit den Fingern strich ich über meinen Körper. Mein T-Shirt und meine Hose waren verschwunden. Trotzdem war ich nicht nackt, trug aber auch keine Kleidung. Licht umhüllte mich wie ein schimmernder Stoff. Als wäre es eine zweite Haut, schmiegte es sich um meinen Körper.

»Musste das sein?« Eine Stimme durchschnitt die Stille und hallte wie ein Echo in meinem Kopf nach. Sie klang besorgt, aber der Nebel versperrte mir die Sicht auf den Sprecher. Ich wollte nach ihm rufen, doch aus meiner Kehle kam nur ein Krächzen.

»Ich trage keine Schuld daran«, verteidigte sich eine zweite Stimme. »Da hat sich jemand anders einen Scherz erlaubt.«

»Das war kein Scherz!«, schnaubte der erste Sprecher. Ich hörte ihn jetzt deutlicher und der Klang seiner Stimme war tröstlich. Meine Angst verschwand. Er würde mir helfen. Wo auch immer ich mich befand und was auch geschehen war, er würde dafür sorgen, dass es wieder in Ordnung kam.

Etwas Flauschiges strich an meinem Bein entlang. Als ich nach unten schaute, sah ich in graue Wolfsaugen. Das Tier war schneeweiß und in den viel zu menschlichen Augen stand ein seltsamer Ausdruck. Eigentlich hätte ich mich vor ihm fürchten müssen, doch ich spürte keine Angst. Es fühlte sich richtig an, dass er bei mir war. Ich kniete mich neben das Tier und legte die Arme um seinen Hals. Mein Gesicht vergrub ich in dem seidigen Fell. Ein beruhigendes Brummen vibrierte durch den Körper des Tiers und übertrug sich auf mich.

Bilder flackerten vor meinem inneren Auge auf. Ich hörte das Kreischen von Metall, sah einen Baum herabstürzen und spürte den Aufprall. Erschrocken richtete ich mich wieder auf. Stechender Schmerz raste durch meine Schläfen. Der Wolf knurrte warnend und stützte mich, als ich schwankte.

»Robyn muss hier irgendwo sein«, erläuterte ich ihm und krallte eine Hand in sein Fell. »Kannst du mich zu ihr bringen?«

Das Tier legte den Kopf schief und musterte mich. Der Dunst um uns herum hob sich und ich schrak zusammen. Ein Körper mit seltsam verdrehten Gliedern lag zu meinen Füßen. Ungläubig musterte ich ihn. Ein Wimmern entwich mir und die Bewegung spiegelte sich im Gesicht des leblosen Wesens. Unkontrolliert begann ich zu zittern. Das war ich selbst! Trotz des nach hinten geneigten Kopfs, trotz des Schmutzes, der die Wangen bedeckte, erkannte ich mein blasses Gesicht und mein rotes Haar. Wie Schlingpflanzen wand es sich um meinen Hals. Dann sah ich das Blut. Es war überall und versickerte beunruhigend schnell in dem moosbedeckten Boden. Unwillkürlich strich ich über die Wangen meines unverletzten Ichs und musterte meine Hände. Sie waren sauber, durchscheinend. Ich wich zurück. Meine Füße berührten nicht den Boden unter mir. Ich schwebte. Als ich aufkeuchte, krampfte sich mein anderes Ich zusammen, als spürte es den Schock ebenfalls. Ich musste hier weg. So weit weg, wie ich konnte. Aber einem Traum konnte man nicht entfliehen. Man musste aufwachen.

Eine Hand legte sich auf die Stirn meines verletzten Körpers. »Sie lebt«, stellte eine Mädchenstimme erstaunt fest, als wäre es unmöglich, dass in diesem kaputten Etwas noch Leben war. Die Umrisse ihres Gesichts verschwammen vor meinen Augen. »Aber nicht mehr lange«, setzte sie bedauernd hinzu.

Meine Kraft, oder was immer mich in der Nähe meines Körpers hielt, verließ mich, und ich kniete mich auf den Waldboden. Tränen liefen mir über die Wangen. Ich griff nach meiner eigenen leblosen Hand. Noch war sie warm, aber eine Kälte, die aus dem Körper zu kommen schien, verwandelte das Blut in meinen Adern in Eiswasser. Einer der Finger bewegte sich noch schwach.

»Heile sie!«, verlangte eine Männerstimme in meinem Rücken. Der Wolf neben mir brummte zustimmend. Er wich mir nicht von der Seite. Sein heißer Atem wärmte meinen Nacken.

»Sie ist dem Tode geweiht. Ihre Seele hat den Körper bereits verlassen. Ich kann ihr nicht mehr helfen«, antwortete ein zweiter Mann. Wer tummelte sich hier alles, und warum taten sie nichts, um Robyn und mir zu helfen?

Einen so schrägen Traum hatte ich noch nie gehabt. Meine Seele hatte meinen Körper verlassen? Wovon redete der Kerl?

»Wir haben nicht viel Zeit. Du hilfst ihnen!«, forderte auch das Mädchen.

Ich strich meinem Körper das Haar aus dem Gesicht und das Blut und den Schmutz von der Wange. Als ich wieder aufschaute, fixierte mich ein Paar grüner Augen von der Seite. Ein Junge saß neben mir. Aber obwohl er so nah war, konnte ich sein Gesicht nicht erkennen. Da waren nur Schemen.

»Deine Zeit ist noch nicht gekommen«, erklärte er, und mir stockte der Atem. »Hab keine Angst. Ich bin bei dir.«

Er sah mich. Und mit mich meine ich nicht meinen kaputten Körper, sondern diesen losgelösten Teil. Meine Seele?! Warme Finger fuhren über meine schimmernde Haut, die unter dieser Berührung zu kribbeln begann. Er durfte mich nicht so anschauen. Diese Augen und die Sorge darin paralysierten mich fast. Dabei konnte ich mich um mich selbst kümmern. Dazu brauchte ich keinen grünäugigen Jungen. Ich versuchte, den Blick von ihm zu lösen.

»Du kannst mir vertrauen. Alles wird gut.« Seine Zuversicht legte sich um mich wie ein wärmendes Tuch. Woher er seinen Optimismus nahm, war mir schleierhaft.

Langsam nickte ich, und er lächelte so strahlend, dass sich kleine Grübchen in seinen Wangen zeigten. Komisch, dass ich das bemerkte, wo ich doch sein Gesicht nicht richtig erkennen konnte. Aber das hier war ein Traum, rief ich mir ins Gedächtnis. In einem Traum galten andere Regeln, da durfte ich mir die kleine Schwäche erlauben, die Grübchen eines Jungen zu bewundern. Trotzdem sollte ein Lächeln nicht so eine Wirkung auf mich haben, dagegen war ich doch sonst immun.

»Sie kommen beide in die engere Wahl«, erklärte das Mädchen gerade. Offensichtlich hatte ich während des viel zu intensiven Blickkontakts die Hälfte des Schlagabtauschs verpasst. Wovon sprach sie?

»Sie passen perfekt.«

Der Junge mit den grünen Augen schüttelte den Kopf, als würde auch er nicht verstehen, wovon sie sprach. Damit waren wir schon zwei.

»Es tut mir leid«, flüsterte er, bevor er meinen Körper sanft auf seinen Schoß hob. Selbst der körperlose Teil von mir fühlte den Schmerz, der meine Glieder erfasste. Er raste durch jede einzelne Zelle. Mein Kopf kippte nach hinten und vorsichtig bettete er ihn an seine Schulter. So verrückt das klang, aber ich war neidisch auf meinen Körper.

»Schhh«, flüsterte der Junge in mein schmutziges Haar. »Es wird alles gut. Du musst zurückwollen. Ihr seid immer noch verbunden.« Wieder fixierten mich seine Augen. »Du darfst dich nicht aufgeben.« Er nahm die Hand meiner Seele in seine. Jetzt war es kein harmloses Kribbeln mehr, die Berührung durchfuhr mich wie ein Stromschlag. Schockiert sah er mich an.

»Tue deine Pflicht!«, forderte er den anderen auf, der irgendwo hinter mir stehen musste. Ich konnte mich nicht umdrehen, die grünen Augen hielten mich fest.

Belustigtes Lachen ertönte. »Dein Wunsch ist mir Befehl. Wenn Hades sie nicht will, kann sie ebenso gut noch bleiben. Auf eine mehr oder weniger kommt es nicht an. Deine Schöpfung vermehrt sich schließlich wie Unkraut.«

Der uncharmante Sprecher umrundete mich und legte meinem Körper die Finger an die Schläfen. Wohlige Wärme durchströmte mich. Sie breitete sich in meinem Inneren aus, bis mein Blut in Flammen zu stehen schien. Glühend pulsierte es durch meine Adern. Als er losließ und zurücktrat, bäumte ich mich auf. Die Arme meines Beschützers schlossen sich fester um mich. Er murmelte Worte in mein nasses Haar, die ich nicht verstand, die mich aber beruhigten. Nach einer gefühlten Ewigkeit ebbte der Schmerz ab. Meine Seele wurde durchsichtiger und durchsichtiger. Ich löste mich praktisch auf und konnte nichts dagegen tun. »Hab keine Angst. Alles wird gut«, hörte ich seine Stimme in meinem Kopf. »Du musst dich nicht fürchten. Ich bin da.«

Ein würziger, wilder Duft kroch in meine Nase. Ich vergrub das Gesicht im T-Shirt meines Retters und vernahm ein leises Lachen. Ich hoffte, er würde mich nicht loslassen. So mies der Traum begonnen hatte, jetzt wünschte ich, er würde noch eine Weile andauern.

 

Erschrocken fuhr ich auf. Im Radio lief Countrymusik. Diesen Sender konnte unmöglich Robyn eingestellt haben. Mein Nacken schmerzte, und meine Muskeln fühlten sich an, als wäre ich einen Marathon gelaufen.

Robyn schlief neben mir. Ihr fast weißblondes Haar lag ordentlich geflochten über ihrer Schulter. Ich blinzelte erleichtert. Gott sei Dank! Der Albtraum war vorbei. Das Auto parkte unversehrt in einer der unzähligen Haltebuchten entlang der einsamen Straße. Immerhin regnete es nicht mehr. Ich öffnete die Tür und atmete die frische Luft ein. Der Wind hatte sich gelegt. Altes Laub und Tannennadeln zerbröselten unter meinen Füßen, als ich ausstieg. Es raschelte im Unterholz und ich zuckte zusammen. Ein Kaninchen sprang aus dem Dickicht und hoppelte in den Wald. Ich schlang die Arme um meinen Körper, weil mir plötzlich kalt wurde. Der Traum war so wirklich gewesen. Diese grünen Augen würde ich nie vergessen. Etwas knisterte unter meinen Fingern und ich klaubte ein vertrocknetes Blatt von meinem Pulli. Wo kam das her? Merkwürdig. Mit ihrem Auto war Robyn sehr penibel. Undenkbar, dass etwas, was nicht aus Plastik und industriell hergestellt war, seinen Weg in ihren Wagen hinein fand. Ich zerrieb das Blatt zwischen den Fingern, angelte meinen schwarzen Hoodie vom Rücksitz und mummelte mich darin ein. Die Stimmen klangen in meinem Kopf nach. Ich betrachtete meine Beine, die in einer schwarzen Jeans steckten, und wackelte mit den Zehen. Alles war so, wie es sein sollte. Beruhigt stieg ich wieder ein.

»Hey, wach auf, du Schlafmütze. Wir müssen weiter.« Ich kitzelte Robyn mit dem Ende ihres Zopfes die Wange.

Verschlafen rieb sie sich übers Gesicht und verschmierte dabei dunkle Mascara. »Sorry, ich musste anhalten. Ich war plötzlich total müde.«

»Warum hast du mich nicht geweckt? Dann wäre ich gefahren?«

»Als wenn ich dir mein Baby anvertrauen würde.« Sie klopfte auf das Armaturenbrett. »Außerdem hast du geschlafen wie eine Tote.«

»Ich hatte einen merkwürdigen Traum.«

Robyn startete den Motor. »Ich hoffe, es kamen ein paar heiße Typen darin vor.«

»Eher Stimmen.«

»Stimmen?« Robyn schüttelte den Kopf. »Kein Mensch träumt von Stimmen.«

Ich antwortete ihr nicht, sondern versuchte, das Halbdunkel zwischen den Bäumen mit meinen Blicken zu durchdringen. Plötzlich hatte ich das Gefühl, aus dem Schatten der Bäume beobachtet zu werden. Die Sonne stahl sich zwischen den Wolken hervor und etwas Rotes blitzte auf. Der Albino fiel mir wieder ein. Hatte er wirklich am Wegesrand gestanden oder war er bereits Teil meines Traumes gewesen? Es waren nicht so sehr die roten Augen, die mir Angst gemacht hatten, es war der Ausdruck darin gewesen, der mir auch jetzt noch eine Gänsehaut über den Rücken jagte. Heute war nicht mein Tag.

Robyn bog mit quietschenden Reifen auf die Interstate ein, die uns zum Camp bringen sollte. Erleichtert lehnte ich mich zurück. Ich brauchte eine heiße Dusche und eine kalte Coke, danach würde ich sicher wieder ich selbst sein.

 

Ein gewundener Waldweg führte zur Anmeldung des Camps. Der Spätnachmittagshimmel leuchtete in hundert Nuancen von Blau. Von dem Unwetter zeugten nur noch ein paar Pfützen. Neugierig sah ich mich um. Überall waren Schüler und Erwachsene unterwegs. Robyn parkte direkt neben der Rezeption, obwohl ein riesiges Schild darauf hinwies, dass dies ein Behindertenparkplatz war. Ich hatte es längst aufgegeben, sie zu belehren. Robyn hielt sich nur sehr selten an Regeln und gewöhnlich brauchte sie das auch nicht. Ich schlüpfte in meine Doc Martens, die ich während der Fahrt ausgezogen hatte, und stieg aus. Die frische Luft strich durch mein widerspenstiges rotes Haar, das sich bei der Feuchtigkeit sofort kräuselte. Alles roch nach Moos und Pilzen und Wald. Der Geruch erinnerte mich an die Wanderungen mit meinem Dad, meiner Mom und Phoebe. Es schien Ewigkeiten her zu sein. Damals, als meine Welt noch in Ordnung gewesen war. So schnell, wie der Gedanke gekommen war, schob ich ihn auch wieder beiseite und streckte meine Glieder.

Zwischen den Bäumen standen Blockhütten in verschiedenen Größen. Sie sahen so verwittert aus, als wären sie von den ersten Siedlern erbaut worden. Doch das Camp gab es erst seit gut zehn Jahren, und so spartanisch die Siedler gelebt hatten, so luxuriös war unser Wohnkomfort. Dieser Vintagecharme sollte nur die richtige Wohlfühlatmosphäre für verwöhnte Großstadtkids schaffen. Zu etwas anderem hätte ich Robyn auch nicht überreden können. Camping war undenkbar für sie. Vor den hohen Fenstern der Hütten hingen bunte Gardinen. Aus einem zweistöckigen Gebäude aus Naturstein erklang Musik. Langsam folgte ich Robyn die glitschige Holztreppe zur Anmeldung hinauf.

Hinter der Theke saß eine mollige Frau und strahlte uns an. Halb vorwurfsvoll, halb mitleidig wackelte sie mit ihrer grauen Dauerwelle.

»Langsam habe ich mir Sorgen um euch gemacht!«, rief sie uns entgegen. »Ich bin Rosie. Rosie Hale.« Sie reichte uns die Anmeldeformulare. »Und ihr müsst Robyn Channing und Jessica Harper sein.«

»Nur Jess«, bat ich.

»Wie du willst, Kleines. Dabei ist Jessica ein so schöner Name. Er bedeutet Gott sieht dich. Das kann man immer brauchen. Aber das weißt du sicher.«

Verwundert sah ich sie an. Das hatte ich nicht gewusst. »Ihr seid die Letzten. Fehlen nur noch die Kinder vom Boss. Hattet ihr Schwierigkeiten?«

»Wir mussten eine Pause machen. Bei dem Regen konnten wir nicht weiterfahren. Wenn wir gewusst hätten, dass es hier wie aus Eimern schüttet, hätten wir das Boot genommen«, erklärte Robyn etwas hochnäsig. »Ansonsten war alles in Ordnung.«

Ihre Ironie war an Rosie verschwendet. »Es hat doch nur ein bisschen getröpfelt«, wunderte diese sich, und ich hörte sie etwas wie »Stadtkinder« in ihren Damenbart murmeln.

Wenn diese Sintflut ein Tröpfeln gewesen war, wollte ich nicht erleben, was Rosie unter richtigem Regen verstand. Geduldig versuchte sie, uns den Weg zu unserer Lodge zu erklären. Als sie unsere verständnislosen Gesichter sah, schob sie einen Plan über die polierte Holztheke und zeichnete den Weg darauf ein.

»Lasst euch Zeit, aber seid pünktlich gegen halb acht im Versammlungshaus. Wir machen ein Barbecue mit Disco. So könnt ihr euch gleich alle kennenlernen.« Sie wippte mit ihren mächtigen Hüften und entlockte Robyn und mir damit ein Kichern. »Ich wünsche euch eine schöne Zeit. Wenn ihr irgendwelche Fragen habt, wendet euch an mich. Mein Mann Henry und ich sorgen dafür, dass alles wie am Schnürchen läuft. Also keine falsche Zurückhaltung – und parkt das nächste Mal anständig.« Sie zwinkerte Robyn lächelnd, aber bestimmt zu. »Wir haben hier auch Parkkrallen.«

»In welcher Lodge sind Cameron Shelby und Joshua Erskine?«, fragte Robyn, ohne auf diese Drohung einzugehen.

»Ihr kennt die hübschen Burschen?« Rosie rieb sich die Hände. »So nette Jungs. Die werden uns bestimmt Ärger machen. Ich muss daran denken, Taschentücher nachzubestellen.«

Ich verkniff mir ein Grinsen, als Robyn sich räusperte. »Cameron Shelby ist mein Freund. Seit über einem Jahr«, belehrte sie Rosie.

»Da hast du aber einen guten Fang gemacht. Pass gut auf ihn auf«, sagte Rosie. Dann tippte sie auf eine Lodge, die gar nicht so weit entfernt von unserer lag.

Robyn schulterte ihre Edelhandtasche und trippelte hinaus. Im Schritttempo fuhren wir zu unserer Unterkunft. Robyn schmollte und ich verkniff mir einen Kommentar. Die winzige Bemerkung von Rosie hatte gereicht, um sie zu verärgern. Als ob Cameron sich auch nur nach einem anderen Mädchen umdrehen würde. Die Vorstellung war absurd und das wusste sie. Aber allein der Gedanke reichte schon aus, um sie in schlechte Laune zu versetzen. Wenn sie in so einer Stimmung war, sagte ich lieber nichts. In der Regel beruhigte sie sich am schnellsten wieder, wenn man sie in Ruhe ließ.

 

Wir schleppten unsere Koffer in die Lodge und nahmen alles in Augenschein. Das Innere des Hauses war trotz seines rustikalen Charmes sehr luxuriös. Es bestand aus einem Wohnraum mit bequemen Sofas, auf denen bunte Kissen lagen. Ein riesiger Flachbildschirm hing an einer der Wände. In der Küchennische befand sich ein Kühlschrank, der mit reichlich Schokolade und Softdrinks bestückt war. Außerdem gab es zwei Bäder und drei Schlafzimmer. Robyn belegte umgehend das größte Zimmer. Von dort sah man zwischen den Bäumen in der Ferne den See schimmern, der zum Camp gehörte. Mir sollte es recht sein.

»Ich habe keine Lust auf die Party. Ich bin einfach nur müde.« Protestierend knarrte Robyns Bett unter meinem Gewicht, als ich mich rückwärts darauffallen ließ. Ich ignorierte es geflissentlich und starrte an die mit hellem Holz getäfelte Decke. Im Gegensatz zu Robyn, die sich keine Gelegenheit entgehen ließ, ihre Designerklamotten auf eine Tanzfläche zu schleppen, und mich regelmäßig zwang, sie zu begleiten, war ich eher der Typ Stubenhocker. Aber ich wusste jetzt schon, dass ich nicht drum herumkommen würde.

»Sei nicht so eine Spielverderberin. Du hast den halben Tag verschlafen.« Robyn tippte wie wild auf ihrem Smartphone herum, hielt es dann in die Luft und fluchte leise vor sich hin. Der Netzempfang ließ zu wünschen übrig, aber etwas anderes hatte ich in dieser Wildnis auch nicht erwartet.

»Du könntest rübergehen und mit Cameron reden. Er wohnt nicht besonders weit weg.«

Sie warf mir ihr Kissen ins Gesicht. »Ich muss erst mal meine Schuhe auspacken und entscheiden, welche davon ich auf den Waldwegen ruinieren kann.«

Ich lachte ungläubig. »Du hast ja wohl nicht nur High Heels mit?« Ihr pikierter Blick belehrte mich eines Besseren. »Flip-Flops?«, hakte ich nach.

Ihr Gesicht hellte sich auf. »Mom hat mir ein Paar eingesteckt. Damit müsste es gehen. Allerdings kommen meine Beine darin nicht so gut zur Geltung.«

Ich stöhnte und drückte mein Gesicht in ihr Kissen. »Cameron kennt deine Beine.«

»Darum ist es so wichtig, ihm zu zeigen, dass sie nichts von ihrer Attraktivität verloren haben.«

»Du machst mich fertig.«

»Dir würde ein Sommerkleid auch gut stehen«, belehrte Robyn mich. »Ich kriege noch Depressionen, weil du ständig in schwarzen Klamotten rumrennst. Es ist niemand gestorben. Dein Vater hat euch bloß verlassen und das ist zwei Jahre her. Wie alt ist diese Jeans?«

»Schwarz macht schlank«, erinnerte ich sie an ihren Lieblingsspruch, ohne auf die Bemerkung zu meinem Vater einzugehen. »Und die Jeans ist erst ein halbes Jahr alt. Sie sitzt immer noch perfekt. Ich mag Schwarz. Es ist mein Statement zum Zustand der Welt. Du weißt schon: Kriege, Hunger, Katastrophen.«

Robyn rümpfte ihre Stupsnase. »Damit änderst du gar nichts. Dich macht Schwarz nur noch dürrer, als du ohnehin schon bist. Ich frage mich, wo die ganzen Burger und Chips landen, die du ständig in dich reinstopfst.«

»Wenn du mal einen Burger mit Pommes und Majo probieren würdest, dann hättest du die Antwort auf deine Frage.« Eigentlich trug ich nur deshalb so viel Schwarz, weil es sich nicht mit meinen roten Haaren biss.

»Eher geht die Welt unter.« Robyn warf mir ein hellgrünes Top zu. »Das ziehst du heute Abend an, und keine Widerrede! Es passt gut zu deinem Haar, das du übrigens unbedingt glätten musst. So gehe ich mit dir nirgendwohin.«

Ich stöhnte auf, aber Robyn ignorierte mich. »Hilfst du mir, mein Bett zu beziehen?« Sie war eine Nervensäge, aber trotzdem der Mensch, der mir nach Phoebe am nächsten stand. Obwohl ich mich im letzten Jahr mehr als einmal gefragt hatte, ob wir beide noch so gut zusammenpassten wie früher. Dabei war Robyn nicht mal schuld an der Veränderung. Ich hatte mich verändert, besser gesagt: Mein Leben hatte sich verändert. Sie war die Alte geblieben, während ich die Welt mittlerweile mit anderen Augen sah.

»Na klar.« Ich schnappte mir das Kissen und zog einen Überzug darüber, der nach Lavendel roch.

»Wir werden das Beste aus der Zeit hier machen«, beschloss Robyn und drehte sich vor dem Spiegel, während ich ihr Laken aufzog. »Auch wenn ich dich daran erinnern möchte, dass ich nach Kalifornien an den Strand wollte. Aber egal. Dir tut jede Abwechslung gut. Du musstest dringend raus aus dem Irrenhaus. Ich würde es keinen Tag mit deiner Mutter aushalten. Vergiss nicht, dass dein Leben nicht nur aus Schule und Arbeit besteht. Du musst langsam wieder anfangen, dich wie ein echter Teenager zu benehmen. Das hier ist zwar nicht der perfekte Ort dafür, aber immerhin besser als zu Hause.«

Robyn zog ihr Zopfgummi ab, schüttelte ihre blonde Mähne und verschwand im Bad. Kurze Zeit später hörte ich das Wasser der Dusche rauschen. Ich bezog auch noch ihre Bettdecke und ging in mein Zimmer, um auszupacken. Während ich mein Bett machte, glitten meine Gedanken zurück zu dem Traum und zu den Händen, die mich gehalten hatten, und zu der Stimme, die mir meine Angst genommen hatte. Schmetterlinge tanzten in meinem Bauch. Das war schon schräg. Robyn hatte recht. Ich sollte Spaß haben und mich amüsieren, mit echten Jungs. Trotzdem schade, dass ich mich nicht an das Gesicht des Jungen erinnern konnte. Bestimmt hatte er unverschämt gut ausgesehen. Ich kicherte leise. Das würde ich nun nie herausfinden. Man träumte denselben Traum nicht zweimal.

 

Nach dem Tröpfeln, wie Rosie es genannt hatte, sah alles wie frisch gewaschen aus. Obwohl es bereits zu dämmern begann, als wir unsere Lodge verließen, war es noch angenehm warm. Ich hatte eine Jeans und das Top angezogen. Am liebsten hätte ich noch meine schwarze Strickjacke darübergestreift, aber Robyn war vehement dagegen gewesen. Sie selbst trug ein schmal geschnittenes, helles Kleid und Ballerinas, die sie doch noch in den Untiefen ihres Koffers gefunden hatte.

Neugierig sah ich mich um, während wir zum Haupthaus gingen. Es herrschte rege Betriebsamkeit auf den Wegen zwischen den Lodges. Ständig mussten wir kleinen Wagen mit Campmitarbeitern und Grüppchen von Schülern ausweichen. Aus einem größeren Gebäude ertönten Geschrei und das Pingpong von Tischtennisbällen.

»Gott, ist das steil«, fluchte Robyn.

»Du bist in den Bergen«, konnte ich mir nicht verkneifen, zu sagen.

»Müssen wir für jede Mahlzeit zum Haupthaus oder gibt es einen Lieferdienst?«

»Klar, dir bringen sie das Essen persönlich vorbei.«

»Teuer genug ist das Camp ja, da wäre es das Mindeste.«

»Du hast doch gelesen, was auf der Website stand. Gemeinsames Erleben der ursprünglichen Seite des Wilden Westens, verbunden mit einem abwechslungsreichen Kursprogramm. Denkst du, den ersten Siedlern wurde ihr Essen auf silbernen Tellern geliefert?«

Erschrocken sah Robyn mich an. »Ich muss hoffentlich nichts totschießen oder im Wald sammeln gehen.«

Ich grinste. »Davon stand da nichts, aber wer weiß das schon?«

»Wozu habe ich mich nur überreden lassen?« Tapfer stapfte sie weiter.

Mein schlechtes Gewissen regte sich. Dieses abgelegene Camp war meine Idee gewesen. Normalerweise bestimmte Robyn, wohin wir fuhren. Aber dieses Mal nicht, und das, obwohl ihre Eltern das Camp für uns beide bezahlten. Meine Mom hätte sich das nie leisten können.

»Immerhin hast du Cameron und Josh überzeugt, uns zu begleiten. Obwohl Europa bestimmt wesentlich spannender ist.«

»Cameron sollte mir dankbar sein, dass er nicht mit seinen Eltern nach Italien fliegen musste. Er braucht Ferien von seinem Dad. Ich habe ihn praktisch gerettet. Er weiß es nur noch nicht. Außerdem hätte ich die Vorstellung nicht ertragen, wie er mit schwarzhaarigen Mädchen flirtet.«

»Würde er doch nie tun«, verteidigte ich ihren Freund. Wehmütig sah ich in die Baumkronen der hohen Kiefern. Vermutlich war dies unser letzter gemeinsamer Sommer. Deshalb hatten die Jungs beschlossen, uns zu begleiten. Im nächsten Jahr würden wir unseren Abschluss machen und danach an unterschiedlichen Orten studieren. Mich gruselte es jetzt schon vor der Zeit, wenn ich meine Freunde nicht mehr täglich sehen würde. Robyn wollte nach Harvard gehen, während ich versuchen musste, einen Platz an einem College in San Francisco zu bekommen. Dann konnte ich von unserem Heimatstädtchen Monterey aus pendeln. Ich würde meinen Job in der Pizzeria behalten und bei meiner Mom und meiner kleinen Schwester bleiben können. Robyn hatte mich angefleht, mit ihr nach Boston zu gehen. Sie hatte regelrechte Heulattacken bekommen, aber diesmal war ich standhaft geblieben. Allerdings hatte ich auch wirklich keine Wahl gehabt. Robyn kam allein klar, Phoebe nicht.

Diesen letzten Sommer mit meinen Freunden wollte ich daher richtig genießen. Wer wusste schon, wann wir wieder so viel gemeinsame Zeit miteinander verbringen würden? Nur noch ein Schuljahr, und die drei würden in die große, weite Welt ziehen, während ich angekettet an meine Familie zurückbliebe. Mein Vater hatte uns verlassen und ich konnte mich meiner Verantwortung für die beiden nicht auch noch entziehen. Immer noch versuchte ich, mir einzureden, dass es mir nichts ausmachte.

 

Mein Telefon klingelte, als wir außer Atem am Haupthaus ankamen.

»Es ist Phoebe«, sagte ich nach einem Blick auf das Display. »Geh ruhig schon rein.«

»Ich bestelle uns einen Drink.« Robyn verschwand durch die Schwingtür.

»Phoebe? Ist etwas passiert?«

Meine kleine Schwester lachte. »Nichts Schlimmes. Du sollst dir nicht immer so viele Sorgen machen.«

»Warum rufst du mich dann an? Wir haben verabredet, nur im Notfall zu telefonieren. Ich habe fast einen Herzinfarkt bekommen.«

»Das ist ein Notfall.«

Ich setzte mich auf einen abgesägten Baumstamm. »Na, dann bin ich ja mal gespannt.«

»Ich habe die Hauptrolle«, flüsterte Phoebe aufgeregt. »Im Sommertheater.«

»Nein!« Am liebsten hätte ich sie in meine Arme gerissen.

»Doch«, quietschte sie. »Ich werde die Odette tanzen. Ist das nicht der Wahnsinn?«

Phoebe hatte für die Rolle in Schwanensee fast ein ganzes Jahr trainiert. Das Sommertheater war die alljährliche große Aufführung ihrer Ballettschule. »Ich bin so stolz auf dich.«

»Ihr seid zur Abschlussvorführung doch zurück, oder?«, fragte sie besorgt.

»Aber sicher. Denkst du, wir lassen uns das entgehen? Du musst uns vier Karten reservieren. In der ersten Reihe.«

»Ich spreche gleich morgen mit Madame Bereton. Robyns Eltern kommen auch.«

»Du hast es ihrer Mom schon erzählt?«

»Sie hat mich abgeholt.« Phoebe klang zerknirscht. »Ich wäre auch mit dem Rad gefahren, aber sie meinte, das wäre zu gefährlich.«

»Ist schon in Ordnung«, tröstete ich sie. Ihr war es genauso unangenehm, Hilfe anzunehmen, wie mir. Aber ich war froh, dass sie in guten Händen war. Eine Sorge weniger.

»Ich muss Schluss machen«, sagte Phoebe. »Ich will noch üben. Hab dich lieb.«

»Ich dich lieber.«

Einen Moment lang starrte ich auf das dunkle Display. Ich hatte sie nicht gefragt, wie es unserer Mutter ging. Das schlechte Gewissen regte sich umgehend. Ich verdrängte den Gedanken schnell wieder. Meine Schwester tanzte ihre erste Hauptrolle. Ich konnte es nicht fassen. In ihrem kleinen, mageren Körper steckte eine echte Kämpferin. Wenn sie sich etwas vornahm, zog sie es durch. Egal, wie sehr ihre Füße bluteten. Sie würde die tollste Odette aller Zeiten sein. Mit vor Stolz geschwellter Brust wollte ich Robyn folgen, als mich ein Schwall eiskalten Wassers traf. Wie erstarrt blieb ich stehen. Ein weißer Volvo war durch die einzige größere Pfütze gefahren, die sich in einer Mulde auf dem Weg gebildet hatte. Unbeeindruckt setzte der Fahrer seine Fahrt fort. Fassungslos sah ich dem Auto hinterher. Der Wagen stoppte vor der Anmeldung und blieb mitten auf dem Pfad stehen. Konnte der Idiot nicht wie jeder normale Mensch einparken? Musste er auch noch den Weg versperren? Das war ja noch schlimmer als Robyns Allüren. Der Fahrer stieg aus und sah sich um.

»Tickst du noch richtig?«, rief ich schon von Weitem. Mein Top klebte nass auf meiner Haut. Die Haare hingen mir ins Gesicht. Bestimmt sah ich aus wie eine Furie.

Der Junge, der das Auto gefahren hatte, drehte sich zu mir um. Grüne Augen musterten mich aufmerksam. Das war unmöglich. Ich blieb stehen und starrte ihn an. Es waren dieselben Augen. Seine Augen. Die Augen aus meinem Traum, und nun wusste ich auch, wie der Rest von ihm aussah. Meine Annahme unverschämt gut war eindeutig untertrieben gewesen.

»Du?«, krächzte ich und biss mir sofort auf die Zunge. Er würde mich für übergeschnappt halten, wenn ich ihn fragte, was er in meinem Traum verloren gehabt hatte, und ich könnte es ihm nicht mal verübeln. Es klang wie die blödeste Anmache aller Zeiten.

Er legte den Kopf schief und einen Arm auf das Wagendach. Abwartend sah er mich an. Ich täuschte mich nicht. Diese Augen waren unverwechselbar. Er hatte jemanden überredet, meine Seele wieder mit meinem Körper zu vereinen. Gruselige Vorstellung, aber vor allem völlig blödsinnig, ermahnte ich mich. Ich musste mich zusammenreißen. Verzweifelt versuchte ich, meine Fassung zurückzugewinnen und nicht daran zu denken, wie meine Haut unter seiner Berührung gekribbelt hatte. Ich konnte einem Wildfremden nicht unterstellen, durch meine Träume zu spazieren. »Du hast mich nass gespritzt«, erklärte ich stattdessen lahm. »Mit deiner Angeberkarre. Sieh dir an, was du angerichtet hast.«

Sein Blick wanderte über meinen Körper. Es fühlte sich an, als bliebe die Zeit stehen. So genau sollte er nun auch nicht hinsehen. Ich holte tief Luft. Vielleicht sollte ich zukünftig einen BH unter meine Tops ziehen, obwohl es da leider nicht viel zu halten gab. Aber wer hätte schon ahnen können, dass das Stückchen Stoff an meiner Haut festkleben würde. Wütend verschränkte ich die Arme vor der Brust. »Normalerweise hält man an und entschuldigt sich.«

»Es tut mir leid. Hast du den Wagen nicht kommen sehen?«, fragte er mit warmer Stimme.

Es war dieselbe Stimme. Ein Irrtum war ausgeschlossen. Was hatte der Junge in meinem Traum eigentlich angehabt? Ich hatte nicht darauf geachtet. Ich hatte bis auf diese Augen und Hände nichts von ihm gesehen. Der hier trug ein dunkles Hemd, das locker über einer schwarzen Jeans hing. Es verhüllte seinen muskulösen Körper und den flachen Bauch nur mittelmäßig. Vor allem aber war es sauber und frei von Blutspuren oder Sabber. Der Typ hatte bestimmt nicht im Schlamm gekniet und eine blutige Leiche im Arm gehalten.

Dennoch hätte ich schwören können, dass es der gleiche Junge war. Wenn ich an ihm riechen könnte, hätte ich Gewissheit. Ich schüttelte den Kopf in der Hoffnung, dass meine wirren Gedanken herausfielen. An ihm riechen – so weit kam es noch! Das Dreckwasser musste meinen Verstand verflüssigt haben.

Ich räusperte mich. »Ich habe im Hinterkopf keine Augen!« Der Kerl war ein Blödmann. Ganz anders als der Junge aus meinem Traum. Seine Augen brachten mich trotzdem durcheinander und weckten in mir den hirnrissigen Wunsch, mich in seine Arme zu werfen und mich von ihm beschützen zu lassen. Pfff! Als ob irgendein Kerl mich beschützen müsste. Schnell fixierte ich stattdessen den obersten Knopf seines Hemdes. Das war allerdings auch nicht viel besser, da ich so einen direkten Blick auf die Kuhle an seinem Hals hatte, der in eine glatte Brust überging.

»Beim nächsten Mal solltest du nicht mitten auf der Straße telefonieren«, erklärte er. »Es könnte sonst noch viel Schlimmeres passieren. Du könntest sterben.«

Ungläubig öffnete ich den Mund. Hatte er gerade vom Sterben geredet? Das musste ein Zufall sein. ER WAR ES NICHT! Ich stemmte die Arme in die Hüften. »Bin ich jetzt etwa selbst schuld?«

»Das habe nicht ich, sondern das hast du gesagt. Ich bitte dich nur, zukünftig vorsichtiger zu sein.« Er zog etwas aus dem Auto, kam zu mir und legte mir eine Jacke um die Schultern. »Du solltest dich umziehen, sonst erkältest du dich noch.«

Da war sie – die Gewissheit. Die Jacke roch wie der Junge aus dem Traum. Als ich vor Überraschung schwankte, legte er seine Hände auf meine Oberarme, um mich festzuhalten. Ein Irrtum war ausgeschlossen. Träumte ich vielleicht immer noch? Ich sah zu ihm auf. Sein ebenmäßiges Gesicht war direkt über meinem. Kleine Grübchen saßen in seinen Wangen. Er beugte sich zu mir und sein Atem traf meine Lippen.

»Ich kenne dich«, flüsterte ich, dabei wollte ich am liebsten schreien. Bestimmt verlor ich gerade den Verstand.

Er ließ mich los, als hätte er sich verbrannt. Dann schüttelte er den Kopf, aber ich sah Unsicherheit in seinem Blick aufflackern. Ohne ein weiteres Wort wandte er sich ab und lief die Treppe zur Rezeption hinauf.

Ich konnte ihm nur mit offenem Mund hinterherstarren.

»Er hat dich wirklich nicht gesehen«, sagte eine Frauenstimme und klang dabei ziemlich belustigt. Mein Mund klappte zu. Zwei weitere Personen standen neben dem Auto und hatten unserem Schlagabtausch wortlos gelauscht. Wo kamen die beiden her? Ich hatte offensichtlich nur Augen für den anderen Jungen gehabt. Meine Wangen glühten.

»Er war nur etwas abgelenkt.« Das Mädchen sah mich an. Ob sie seine Freundin war? Die Glückliche!

»Es war seine erste Autofahrt«, versicherte mir der schwarzhaarige Junge, der neben ihr stand und seine Arme auf dem Autodach verschränkt hatte. Er zwinkerte mir zu. »Ich hätte es besser hingekriegt, aber keiner der beiden wollte mir dieses stinkende Ding aus Metall anvertrauen. Dabei lenkt niemand einen Wagen besser als ich.«

Mein Blick glitt zwischen den beiden hin und her. »Äh, ja, ich geh dann mal.« Ich griff in mein feuchtes Haar. »Man sieht sich.«

»Worauf du dich verlassen kannst«, antwortete der Junge. Ich wandte mich ab, zog die Jacke enger um mich und stutzte. Zwei Jungs und ein Mädchen. Genau wie in meinem Traum. Konnte das Zufall sein?

Aufzeichnungen des Hermes

III.

Wer hätte das gedacht? Athene hatte ihren Bruder Apoll gezwungen, die Mädchen zu retten. Die Blonde sah ja auch zum Anbeißen aus. Jetzt waren sie alle in diesem Camp versammelt. Merkwürdige Wahl von Zeus, das Spiel mitten in der Einöde stattfinden zu lassen. Aber er hatte schon viel merkwürdigere Entscheidungen getroffen. Vielleicht war er es leid, in den Städten der Menschen rumzuhängen. Die Großstädte von heute waren laut und stanken. Beim letzten Mal vor einhundert Jahren waren wir zudem mitten in einen Krieg geraten, das war nicht lustig gewesen. Das griechische Feuer war ein Witz gegen die Waffen, mit denen dort gekämpft worden war.

Zeus hatte verboten, dass wir uns einmischten. Aber natürlich hatte Prometheus nicht auf ihn gehört. Er hatte noch nie tatenlos zusehen können, wenn seine Schöpfung sich die Köpfe einschlug. Wahrscheinlich hatte Zeus deshalb dieses abgelegene Camp gewählt. Hier würden wir uns höchstens zu Tode langweilen.

Die kleine Rothaarige würde Prometheus in null Komma nichts rumkriegen. Auf die würde ich keine einzige Drachme setzen. Ihr lief ja schon der Sabber aus dem Mund, wenn er nur mit ihr sprach. Bei der Blonden würde er sich mehr anstrengen müssen. Sie würde sich eine Weile sträuben und ihn zappeln lassen. Aber vielleicht wählte Athene auch keine von den beiden. Ich wartete lieber noch ab, bevor ich meine Wette abgab.

Ich schickte Robyn eine kurze Nachricht und machte mich auf den Rückweg, um mich umzuziehen. Trotz der wärmenden Jacke kroch mir die Kälte in die Glieder. Ich zog die Jacke fester um mich. Sie roch nach ihm. Wild und würzig. War das Rosmarin oder Thymian? Mit zitternden Fingern schloss ich die Tür auf und stürmte ins Bad. Nur widerwillig hängte ich die Jacke an einen Haken, riss mir die Klamotten vom Leib und rubbelte mich trocken. Mein Handy piepte in der Zwischenzeit mindestens dreimal. Wo bleibst du?, blinkte im Nachrichtenfeld. Robyn hasste es, zu warten, aber darauf konnte ich gerade keine Rücksicht nehmen. Am ersten Campabend durfte man nicht aussehen wie eine Vogelscheuche. Das war so etwas wie ein ungeschriebenes Gesetz. Ich föhnte meine Haare, die mir trotzdem vom Kopf abstanden, als hätte ich in eine Steckdose gefasst. Dabei war ich mit der roten Farbe schon genug gestraft. Ich sah aus wie Merida aus dem gleichnamigen Disneytrickfilm. Wütend knurrte ich mein Spiegelbild an. Aber ich hatte keine Zeit, die Locken noch mal zu glätten.

Als ich aus dem Bad kam, stand das Volvo-Mädchen in unserem Wohnzimmer. Sie war allein.

»Ich bin Athene.« Sie streckte mir die Hand hin. »Wir wohnen wohl zusammen hier …«

Athene, die Göttin der Weisheit. Wer, bitte schön, gab seiner Tochter so einen Namen? Fast tat sie mir ein bisschen leid. Jessica war zwar auch megaaltmodisch, aber immer noch besser als Athene. »Hast du einen Spitznamen?«, fragte ich und schlug mir sofort gegen die Stirn. »Sorry, das war unhöflich.«

Athene lachte nur. »Kein Problem, mit dem Namen bin ich Kummer gewöhnt.«

Zerknirscht sah ich sie an.

»Verrätst du mir deinen?«

»Ja klar. Ich bin Jess. Das da ist mein Zimmer und in dem da wohnt meine Freundin Robyn. Sie wartet auf mich und ist ganz bestimmt sauer, wenn ich sie noch länger schmoren lasse.«

»Geh ruhig. Ich komme schon zurecht.« Athene drehte ihr Haar, das ihr fast bis zum Po reichte, geschickt zu einem Knoten und nahm ihre Tasche. »Es tut Cayden übrigens aufrichtig leid«, sagte sie noch, bevor sie ihr Zimmer betrat.

»Cayden?« Ich folgte ihr neugierig. So viel Zeit musste sein.

Athene nickte. »Mein Cousin.«

Nicht seine Freundin, registrierte ich und versuchte, nicht zu grinsen. »Schon okay. Ich bin wohl der Typ, den man leicht übersieht.«

Sie sah mich an und verzog das Gesicht zu einem Lächeln. »Das glaube ich kaum.«

Ich zuckte mit den Schultern und vergrub die Hände in den Taschen meiner Jeans. »War ja nur ein bisschen Wasser. Ich habe wohl überreagiert.«

»Das sieht auch sehr hübsch aus.« Athene wies auf mein schlichtes schwarzes T-Shirt und ich verdrehte innerlich die Augen. Robyn würde mich lynchen, wenn ich so auf der Party auftauchte, aber das konnte ich nun nicht ändern. Athene trug ein Top, das im selben Hellblau schimmerte wie ihre Augen, und eine enge weiße Jeans. So schlichte schwarze Klamotten würde sie vermutlich nicht mal mit der Kneifzange anfassen.

»Danke schön. Ich bin dann mal weg«, sagte ich. Das Mädchen schien nett zu sein. So ein Glück hatte man nicht immer, wenn man mit wildfremden Mädchen eine Lodge teilte. Robyn und ich hatten schon manchen Sommer ziemliches Pech dabei gehabt.

Ich ging zur Tür und wandte mich noch mal nach ihr um. »Kommst du auch zum Barbecue? Dann lernst du Robyn gleich kennen.«

»Warum nicht?« Sie lächelte und ich sah Erleichterung in ihrem Blick. »Ich komme gleich nach.«

Robyn hatte hoffentlich nichts dagegen, wenn wir uns um Athene kümmerten. Ich schnappte mir Caydens Jacke und trat vor die Tür. Eilig legte ich den Weg zum dritten Mal zurück. Mittlerweile war es deutlich schummeriger. Völlig aus der Puste kam ich im Haupthaus an und stieß die schwere Holztür auf. Ich brauchte einen Moment, bis meine Augen sich an die bunten Lichter in dem Raum gewöhnt hatten, der bereits rappelvoll war. Justin Bieber erklang blechern aus den Lautsprechern, und wie befürchtet hatten sich die meisten Mädchen aufgebrezelt und quatschten nun aufgeregt durcheinander. Viele waren offensichtlich nicht zum ersten Mal in diesem Camp und kannten sich bereits. Ich hoffte, dass das mich und Robyn nicht zu Außenseitern machte. Aber um Robyn brauchte ich mich eigentlich nicht zu sorgen. Sie fand immer schnell Anschluss und davon profitierte ich automatisch.

Die Jungs lehnten an den Wänden und begutachteten die Beute. Ich reckte mich, um Ausschau nach Robyn zu halten. Wenn ich ehrlich zu mir selbst war, hoffte ich auch darauf, Cayden zu entdecken. Ich musste mich vergewissern, dass er unmöglich der Junge aus dem Traum sein konnte. Er war in dem Gewühl nicht zu sehen. Vielleicht kam er gar nicht. Ich legte mir seine Jacke wieder um die Schultern. Wenn er nicht hier war, hatte ich einen guten Grund, sie noch eine Weile zu behalten. Sie gab mir ein Gefühl von Geborgenheit. Unauffällig schnupperte ich an dem Stoff. Es war Thymian. In meinem Nacken kribbelte es. Mit der Hand fuhr ich unter mein Haar. Hoffentlich war mir keine Spinne daruntergekrochen – bei dem Übermaß an Natur hier war alles denkbar. Aber das Kribbeln ließ sich nicht vertreiben. Es fühlte sich an, als würde mich jemand beobachten. Ich drehte mich um. Cayden lehnte ein paar Meter entfernt an einem der Stützpfeiler aus Holz und ließ mich nicht aus den Augen, obwohl die Mädchen um ihn herum aufgeregt tuschelten. Seine breiten Schultern steckten in einem weißen Leinenhemd. Das Kribbeln aus meinem Nacken wanderte in meinen Bauch und wurde stärker. Cayden lächelte sein Grübchenlächeln, und ich spürte, wie mir die Röte in die Wangen kroch. Sicher hatte er gesehen, wie ich an seiner Jacke geschnuppert hatte. Peinlich. Sein Blick wurde intensiver, als wollte er mir etwas sagen. Eine Erklärung, wie er in meinen Traum gelangt war, wäre durchaus angebracht. Als er sich in Bewegung setzte und auf mich zukam, versuchte ich mich an einer unbeteiligten Miene. Trotzdem geriet der Rhythmus meines Herzens durcheinander. Cayden stoppte, zog die Augenbrauen zusammen und vergrub die Hände in den Taschen seiner Jeans. Dann, als hätte er es sich anders überlegt, wechselte er die Richtung und verschwand zwischen den plappernden Mädchen. Ich atmete auf und ärgerte mich gleichzeitig. Ich wollte nicht, dass er mich so aus dem Konzept brachte. Trotzdem folgte mein Blick seiner muskulösen Gestalt, als er zielstrebig die Bar ansteuerte. Etwas Raubtierhaftes ging von ihm aus, so geschmeidig schob er sich durch die Menge. Elegant und trotzdem gefährlich. Noch einmal drehte er sich zu mir um und sah mich so intensiv an, dass meine Wangen zu brennen anfingen. Eine Warnung lag in seinem Blick.

Kaum zu glauben, aber es schien in den letzten Minuten tatsächlich noch voller geworden zu sein. Ich versuchte weiter, mich zur Bar durchzudrängeln. Leider sah es bei mir nur halb so elegant aus wie bei Cayden. Mit gerade mal einem Meter fünfundsechzig kam man eben nur durchs Leben, wenn man drängelte und boxte.

»Wir wollen alle an die Bar, Kleines«, erklang eine Stimme hinter mir. »Also stell dich gefälligst an.« Ich drehte mich um und grinste.

»Josh!« Erleichterung durchströmte mich, als ich in das Gesicht meines besten Freundes schaute.

Er schlang einen Arm um mich, und ich musste mich zusammenreißen, um ihn nicht vor Freude zu erwürgen. Mühelos hob er mich hoch und drückte mich an sich.

»Ich krieg keine Luft«, röchelte er, und ich kicherte.

»Du bist doch derjenige, der mich zerquetscht.« Ich schmiegte mich an ihn und genoss seine vertraute Umarmung.

Behutsam stellte Josh mich zurück auf die Füße. »Entschuldige. Ich habe vergessen, wie zerbrechlich du bist.«

»Bin ich nicht.« Ich schlug ihm gegen den Bauch, was sich umgehend rächte. »Autsch. Was hast du gemacht?« Josh war eigentlich eher der schlaksige als der durchtrainierte Typ.

»Mit meinem Cousin Phil an meinem Sixpack gearbeitet. Du müsstest ihn sehen. Er hat solche Oberarme.« Josh zeigte mit den Händen einen unmöglichen Umfang, lachte und strahlte mich an. Er war zwei Wochen bei seinen Großeltern und Cousins in Florida gewesen. Mir kam es vor, als hätte ich ihn mindestens zwei Monate nicht gesehen. »Ich habe dich vermisst«, sagte er und gab mir einen Stups auf die Nase. »Du hast da mindestens zwei neue Sommersprossen und du bist gewachsen.« Er griff nach meiner Hand und zwang mich so, mich einmal um die eigene Achse zu drehen. »Fast hatte ich vergessen, was für eine hübsche beste Freundin ich habe.«

»Du bist und bleibst eben eine treulose Tomate«, neckte ich ihn. »Aus den Augen, aus dem Sinn. Ein paar Nachrichten mehr hätten dich nicht umgebracht.«

»Ich war schwer beschäftigt. Du weißt schon.« Vermutlich hatte er reihenweise Mädchenherzen gebrochen. Josh zwinkerte mir zu, hielt meine Hand fest und bahnte sich einen Weg durch die Menge. So musste Moses sich gefühlt haben, als sich das Meer vor ihm teilte. Mit Josh an meiner Seite fühlte ich mich inmitten der vielen Fremden gleich viel sicherer.

Robyn, Cameron, Josh und ich waren seit der Grundschule befreundet. Wenn Robyn und ich schon unterschiedlich waren, dann traf das auf die Jungs noch mehr zu. Cameron war der Streber und Schulsprecher und Josh der Inbegriff eines Bad Boy. Cameron glänzte im Debattierklub und plante, in die Fußstapfen seines Dads zu treten, der als Senator im Kongress saß. Josh hingegen spielte in der Schulband und brach den Mädchen reihenweise das Herz. Cameron war schon ewig in Robyn verknallt, auch wenn sie ihn erst letztes Jahr erhört hatte. Er trat nur geschniegelt und gebügelt auf, während Josh in fleckigen Jeans und zerrissenen Shirts herumlief. Keine Ahnung, was die beiden aneinander fanden. Wahrscheinlich stimmte hier ausnahmsweise der blödsinnige Spruch Gegensätze ziehen sich an.

Robyn sah strahlend zu Josh auf, als wir uns endlich zu ihr durchgedrängelt hatten. »Hey, da seid ihr ja. Ich dachte schon, ich muss den Abend allein verbringen.« Sie verzog ihren Schmollmund, bis Josh sie umarmte. »Wo ist Cameron?«

»Er telefoniert noch mit seinem Dad.« Josh sah sie gespielt mitleidig an. »Er muss ihn jeden Tag zur gleichen Zeit anrufen und Bericht erstatten. Wenn du mich fragst, ist das nicht normal.«

»Solange er es gern macht, sollten wir das akzeptieren.« Robyn zuckte mit den Schultern. »Er und sein Dad haben ein ganz besonderes Verhältnis.«

»Du musst ja nicht mit ihm in einer Lodge wohnen«, erklärte Josh. »Die zwei unterhalten sich ständig über Politik.« Aus seinem Mund klang es, als redete Cameron mit seinem Vater über eine Ungezieferplage.

Robyn ließ ein helles Lachen hören. »Und ich wette, du bist ständig anderer Meinung als die beiden Ultrarepublikaner.«

»Darauf kannst du Gift nehmen.«

Ich folgte ihrer Unterhaltung nur mit einem Ohr und schaute mich dabei um. Die Blicke der Mädchen wanderten zwischen Cayden und Josh hin und her. Offensichtlich bildeten sich bereits zwei Fraktionen. Eine, die auf verlotterte, schlaksige Künstler stand, die jeden zum Lachen bringen können, und eine, die eher attraktive Anführertypen bevorzugte.

Ein Mädchen mit langem blondem Haar schlenderte zu Cayden hinüber. Es war zu laut, um zu hören, was sie zu ihm sagte, aber ihre Körpersprache war eindeutig. Cayden winkte dem Barkeeper und orderte zwei Getränke.

»Es war so klar, dass Melissa sich an ihn ranschmeißt!«

Verwundert sah ich das Mädchen an, das hinter dem Tresen stand und Gläser polierte. Sie grinste entschuldigend. »Hey, ich bin Leah.«

»Jess«, stellte ich mich vor. »Kennst du sie?«

Leah nickte. »Melissa Pratt. Selbst ernannte Schönheitskönigin des Camps. Sie kommt seit Jahren her und angelt sich immer am ersten Tag den attraktivsten Typen.«

»Und das klappt?«, fragte ich einerseits verwundert und andererseits unfreiwillig beeindruckt.

»Schau es dir doch an.« Leah hatte keine Probleme damit, die beiden zu beobachten, die jetzt vertraulich ihre Köpfe zusammensteckten.

»Bestimmt ist er ein totaler Blödmann«, sagte ich nicht ganz überzeugt.

»Na, dann hätten sich ja zwei gefunden. Wir sollten es ihr allerdings nicht verraten.« Leah zwinkerte verschwörerisch. »Eigentlich kann sie einem leidtun, die Jungs lassen sie nach dem Ende der Ferien fallen wie eine heiße Kartoffel. Aber diese Hohlbirne lernt nicht dazu. Willst du was trinken? Geht aufs Haus.«

»Eine Coke.«

»Light?«

»Sehe ich aus, als wollte ich mich vergiften?«

Leah lachte, brachte zwei Cola und stieß mit mir an. »Egal, was du wissen willst, frag mich. Ich weiß über alles Bescheid. Rosie ist meine Grandma. Ich verbringe hier meine Ferien, seit ich laufen kann. So fühlt es sich jedenfalls an.«

»Darauf komme ich zurück«, versprach ich. Diese Leah schien nett zu sein.

Sie beugte sich über den Tresen und nickte mit dem Kopf zu Josh. »Wer ist das? Dein Freund?«

»Mein bester Freund, aber mehr nicht.«

»Ist er zu haben?«, fragte sie neugierig.

Ich zuckte mit den Schultern. »Du kannst dein Glück ja versuchen. Aber erhoffe dir nichts Festes.« Ich wollte sie lieber vorwarnen. Josh war nicht auf der Suche nach einer festen Beziehung.

»Ich will im Sommer nur meinen Spaß haben. Er soll mich nicht heiraten.« Sie wandte sich drei Mädchen zu und nahm deren Bestellung auf. Ihre lila gefärbten Haare standen wie die Stacheln eines Igels zu Berge. In der Lippe und in der rechten Augenbraue hatte sie ein Piercing. Ihr verrückter Look passte zu ihrem offenen Lachen. Keine Ahnung, ob sie bei Josh eine Chance hatte. Sein Beuteschema war normalerweise langbeinig und dunkelhaarig.

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Cayden diese Melissa auf die Tanzfläche führte. Sie konnte kaum die Hände von ihm lassen. Peinlicher ging es ja wohl nicht. Bisher hatte ich gedacht, nur Jungs steckten so offensiv ihr Revier ab.

»Er und sein Cousin teilen sich mit mir und Cameron die Lodge«, erklärte Josh in diesem Moment. Er trank einen Schluck von seiner Cola. »Da hat er sich gleich die heißeste Braut geschnappt«, bemerkte er dann mit fachmännischer Miene.

Ich verdrehte die Augen und verzichtete auf eine Antwort. Was Mädchen anging, hörte Josh nie auf meine Ratschläge. Allerdings flüchtete er ständig zu mir, wenn seine Eroberungen zu besitzergreifend wurden.

Athene kam auf uns zu, in ihrem Schlepptau den dunkelhaarigen Jungen, mit dem ich am Auto gesprochen hatte. Sie lächelte Josh an und wandte sich dann an mich. »Meinen Bruder Apoll kennst du ja schon, aber er hat vergessen, sich dir vorzustellen. Normalerweise ist er höflicher.«

Apoll grinste. »Du bist wieder trocken, wie schade.« Unverschämter Kerl.

Ich sah ihn böse an, aber er musterte die Tanzenden. »Mein Cousin hat also schon Gesellschaft gefunden.«

»Wundert dich das?«, fragte ich. Er hatte doch ganz sicher auch keine Schwierigkeiten, ein Mädchen zu finden, das sich ihm sofort an den Hals warf.

»Eigentlich nicht. Die Mädchen liegen ihm zu Füßen, kaum dass er auftaucht. Aber sein Frauengeschmack ist miserabel. Findest du nicht?«

»Fragst du mich das ernsthaft?« Ich musterte ihn aus zusammengekniffenen Augen.

»Offensichtlich.«

»Mir ist es egal, mit wem er rumhängt. Und wenn es die Kaiserin von China wäre.«

Apoll grinste und beugte sich zu mir. »Dafür beobachtest du ihn aber ein bisschen zu interessiert.«

Röte stieg mir ins Gesicht. »Ich checke nur die Lage«, versuchte ich, so locker wie möglich zu erklären. »Entscheide, wer ein Idiot ist, und so.« Ich wedelte mit den Händen und stieß aus Versehen an mein Colaglas. Die braune Brühe lief die Holztheke hinunter. Na toll.

»Klar.« Apoll verzog die Lippen zu einem Grinsen. »Das tun wir schließlich alle am ersten Tag. Abwägen, Lage checken, die Leute nach ihrem Äußeren beurteilen.« Er hob das Glas auf und verkniff sich einen Kommentar zu meiner Ungeschicklichkeit.

»Ich beurteile niemanden nach seinem Aussehen. Aber man kann nicht früh genug damit anfangen, sich zu überlegen, mit wem man die nächsten sechs Wochen verbringen möchte«, konterte ich und winkte Leah zu, um sie um einen Lappen zu bitten. Ich würde mich nicht von ihm verunsichern lassen. Da musste er schon früher aufstehen.

»Cayden ist jedenfalls keine gute Wahl für dich«, riet Apoll mir.