8,99 €
Dieses Buch ist auch für philosophische Laien eine interessante Lektüre, weil - die Philosophie der Aufklärung in verständlicher Sprache und eingebettet in den 300-jährigen Befreiungskampf des Bürgertums gegen den Feudalismus dargestellt wird, - die Bedeutung der Vernunft in unseren Erkenntnissen, in den Wissenschaften und in der demokratischen Republik anhand von Kants Schriften herausgearbeitet wird, - in Zeiten der Bedrohung mit Kants Philosophie eine Rückversicherung hinsichtlich der Grundlagen der demokratischen Republik und der weltweiten Ausbreitung dieser Staatsform seit der 1. Französischen Republik vorgenommen werden kann, - Kants »kategorischer Imperativ« als politische Fundamentalnorm der demokratischen Republik neu interpretiert werden muss, wenn seine Ethik als »deutsche Theorie der Französischen Revolution« (Marx) aufgefasst wird, - der postmodernen Diskreditierung der Geschichtsphilosophie entgegengetreten wird, indem der aktuelle Kampf um die demokratische Republik in den Kontext von Kants Ziel der Geschichte eingeordnet wird, der eine demokratisch organisierte und föderativ geeinte Menschheit aus Gründen der Vernunft forderte. »Gramscis Plan« ist von vornherein als eine Reihe von Büchern konzipiert, die chronologisch und sachlich aufeinander aufbauen. Die Reihe soll mit den »Gefängnisheften« von Gramsci unter der Fragestellung »Was soll ich tun?« abgeschlossen werden. Kapitel 1 (Gramscis Plan und das Erbe der klassischen deutschen Philosophie) ist eine Einführung in die grundlegenden Voraussetzungen und Fragestellungen der »Gefängnishefte« und das Vorhaben des Autors. Kapitel 2 (Kant und die Aufklärung 1500 bis 1800) stellt den Kampf des Bürgertums gegen den Feudalismus und darin eingelagert die Entwicklung der Philosophie der Aufklärung von der Renaissance/Reformation bis hin zur Französischen Revolution und zu Kant dar. Weitere Informationen: www.gramsci-plan.de
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 1198
Veröffentlichungsjahr: 2021
Gramscis Plan
Kant und die Aufklärung 1500 bis 1800
Copyright: © 2020 Dr. Robin Jacobitz
Umschlag & Satz: Sabine Abels – www.e-book-erstellung.de
Titelbild: Die Freiheit führt das Volk, Eugène Delacrois
Verlag und Druck:
tredition GmbH
Halenreie 40-44
22359 Hamburg
978-3-347-22445-2 (Paperback)
978-3-347-22446-9 (Hardcover)
978-3-347-22447-6 (e-Book)
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Meinen Eltern
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
KAPITEL 1
Gramscis Plan und das Erbe der klassischen deutschen Philosophie
Was bedeutet es,zu philosophieren?
Philosophien als Auffassungen vom Leben und der Welt
Kant stellte vier Fragen in weltbürgerlicher Absicht
Was kann ich wissen?
Was soll ich tun?
Was darf ich hoffen?
Was ist der Mensch?
Die Philosophen Kant, Hegel und Marx
Kant
Hegel
Marx
Gramsci – zur Person und zum Werk
Marx vollzog den Abschied von der Philosophie
Der Marxismus erlangte nur als Stalinismus weltweite Bedeutung
Was zeichnet Gramsci als marxistischen Philosophen aus?
Gramscis Plan
Für ewig …
Die Rekonstruktion der Marxschen Philosophie
Die Kritik der sowjetischen Philosophie und ihrer Vorläufer
Die Hegemonie der bürgerlichen Klasse
Die ökonomische Emanzipation der Arbeiterklasse
Gramscis Anregungen für ein philosophisches Werk
Eine persönliche Notiz
Absicht und Sprache
Die Puzzleteile ordnen und komplettieren
Die Geschichte der Philosophie als ein sich vollziehendes historisches Drama
Geschichtsschreibung nach Walter Benjamin:Sich einer Erinnerung bemächtigen
KAPITEL 2
Kant und die Aufklärung 1500 bis 1800
Die feudale Gesellschaft, das Bürgertum und die wissenschaftliche Revolution
Die wichtigsten Merkmale der feudalen Gesellschaft
Die Entstehung der bürgerlichen Produktionsweise
Die wissenschaftliche Revolution 1500 bis 1800
Das ptolemäische Weltbild
Das heliozentrische und das mechanistische Weltbild
Gramsci über die Philosophie einer Epoche und den geschichtlichen Block
Der Kampf um die Religionsfreiheit und die frühen bürgerlichen Republiken
Ab 1500 – Machiavelli und die italienischen Republiken in der Renaissance
Ab 1517 – Luther, die Reformation und der Bauernkrieg in Deutschland
1648 – Der Westfälische Frieden und das Ende des 30-jährigen Krieges
Ab 1648 – Spinoza und die Republik der Sieben Vereinigten Niederlande
1670 – Die theologisch-politische Abhandlung
1677 – Die Ethik
Spinozas Erkenntnistheorie
Spinozas Ethik
Kants Kritik an Spinozas Ethik
Zur Bedeutung von Spinozas Philosophie
1648 bis 1688 – Hobbes, die englische Republik und die Glorreiche Revolution
Ab 1648 – Die absoluten Monarchien auf dem europäischen Kontinent
Kant und die Aufklärung im 18. Jahrhundert
Kant als Naturwissenschaftler
1755 – Die allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels
Kant und die Erkenntnistheorie
1781 – Die Kritik der reinen Vernunft
Die Kopernikanische Wende und die reine Vernunft
Das Vermögen des Verstands: Die Verarbeitung von Anschauungen zu Begriffen
Raum und Zeit und die 12 reinen Verstandesbegriffe
Die synthetische Einheit der Apperzeption
1800 – Kants Vorlesungen über die Logik
Logik – die Lehre vom Begriff
Die Lehre von den Merkmalen
Wahrheit und Wesen
Das Ding-an-sich
1781 – Die Kritik der reinen Vernunft
Das Vermögen der Vernunft: Die Produktion von Ideen
Der Verstand schöpft seine Gesetze (a priori) nicht aus der Natur
Gramsci und die Kantsche Wissenschaftstheorie
Die kritische Philosophie ist die Philosophie der Freiheit
Zur Einordnung der Kantschen Erkenntnistheorie
Der Übergang von der Kantschen zur Hegelschen Philosophie
Kant und die Kritik der feudalen Religion
1781 – Die Kritik der reinen Vernunft
Die Existenz Gottes wurde nicht bewiesen
1793 – Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft
1797 – Die Metaphysik der Sitten
Es findet nur eine Verfassung statt – die bürgerliche!
Marx und die Emanzipation von der Religion
Gramsci über Religion und Philosophie
Kant und die Antwort auf die Frage: Was ist Aufklärung?
1784 – Was ist Aufklärung?
Selbst-Denken als eine geschichtlich neue Fähigkeit
1784 – Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht
Das Ziel der Geschichte ist eine vollkommen gerechte bürgerliche Verfassung
Kant und die Ethik – Die Vernunft und der freie Wille des Individuums
1785 – Grundlegung zur Metaphysik der Sitten
Nur vernünftige Wesen können sich eigene Zwecke setzen
Die Autonomie des Willens besteht in der Unabhängigkeit von Natur und Religion
Kants ethische Prinzipien: Die Imperative
Der kategorische Imperativ
Die politische Fundamentalnorm der demokratischen Republik
Zum Charakter des kategorischen Imperativs
Gramsci über die Aufklärung
1786 – Mutmaßlicher Anfang der Menschengeschichte
Die amerikanische Revolution – 1776-1783
Die französische Revolution – 1789-1799
1. Phase:Revolution und parlamentarische Monarchie – 1789-1791
2. Phase:Die Jakobiner und die 1. Französische Republik – 1792-1794
3. Phase:Herrschaft des Direktoriums – 1795-1799
4. Phase:Staatsstreich & Herrschaft des Napoleon Bonaparte – 1799-1815
Die Auswirkungen der französischen Revolution in Europa und der Welt
Kant verteidigte die Prinzipien der 1. Französischen Republik
Hegel über Kant und die französische Revolution
Marx und Engels über Kants Theorie der französischen Revolution und die Jakobiner
Gramsci über Kant, die Jakobiner und Napoleon
Kant und die demokratische Republik
1793 – Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein
Die Freiheit
Die reine Republik
Der ursprüngliche Vertrag
1794 – Der Streit der Fakultäten
Die Volkssouveränität
1797 – Metaphysik der Sitten
Das allgemeine Wahlrecht
Das repräsentative Prinzip
Die freie öffentliche Debatte und die Wahrheit
Der Reformprozess und das Transparenzprinzip
Die demokratische Republik als Ding-an-sich
Marx über die Demokratie als das aufgelöste Rätsel aller Verfassungen
1842 – Der leitende Artikel in Nr. 179 der Kölnischen Zeitung
1843 – Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie
Kant und die Philosophie der Geschichte
1794 – Der Streit der Fakultäten
Die Geschichtszeichen
1795 – Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf
Die bürgerliche Verfassung in jedem Staate soll republikanisch sein
Der Föderalismus freier republikanischer Staaten
Weltweit geltende Menschenrechte statt Kolonialismus
Das Ziel der Geschichte ist eine demokratisch organisierte und föderativ geeinte Menschheit
Kant und der Humanismus
Kant und das Reich der Zwecke
Kant als Philosoph einer Epoche und die Geschichtsphilosophie
Die philosophische Unabhängigkeitserklärung des Menschen und der Mensch schafft sich also seine Welt
Was darf ich hoffen? Zur historischen Methodologie die Zukunft vorherzusagen
Geschichtsschreibung im Sinne Kants: Der Kampf um die demokratische Republik
Großbritannien und die Vereinigten Staaten von Amerika
Demokratische Republiken in Europa bis zum 1. Weltkrieg
Das allgemeine Wahlrecht nach dem 1. Weltkrieg und der europäische Faschismus
Das allgemeine Wahlrecht nach dem 2. Weltkrieg in globaler Perspektive
Ausgewählte Geschichtszeichen in den letzten 30 Jahren
Allgemeine Gesetze jenseits der Religion:Die Homosexualität und die Ehe für alle
Die Philosophie einer Epoche und der bürgerliche historische Block Gramsci: Eine Philosophie ist geschichtlich, insofern sie sich verbreitet
Jedes Jahrhundert hatte ein praktisches Resultat, worin es sich enthüllte
Die demokratische Republik als politischeUmwälzungsform der bürgerlichen Gesellschaft
Literaturverzeichnis
Generisches Maskulinum: In diesem Dokument wird aus Gründen der Lesbarkeit in vielen Passagen und Zitaten die männliche Form verwendet. Diese Passagen sollten geschlechtsneutral interpretiert werden.
Vorwort
Für Antonio Gramsci habe ich mich bereits zu Beginn der 80iger Jahre als Aktivist in der Anti-AKW- und Friedensbewegung und der frisch gegründeten Partei »Die Grünen« interessiert. Gramscis Begriffe wie Hegemonie und Zivilgesellschaft machten schon damals die Runde. Ich hielt Gramscis »Gefängnishefte« – damals allerdings eher schemenhaft – für ein Schlüsseldokument, um die philosophischen Intentionen von Marx und das Phänomen des Stalinismus in der Sowjetunion zu verstehen. Ab Mitte der 80iger Jahre habe ich Politische Wissenschaft sowie VWL und Völkerrecht an der Universität Hamburg studiert. 1989 habe ich ein einjähriges Studium an der University of New Mexico/Albuquerque mit einem Master of Arts in Political Science abgeschlossen. Die Master Thesis habe ich 1991 umgearbeitet und als Arbeitspapier der Forschungsgruppe Europäische Gemeinschaften (FEG) Nr.5 bei Prof. Frank Deppe unter dem Titel »Antonio Gramsci – Hegemonie, historischer Block und intellektuelle Führung in der internationalen Politik« veröffentlicht. 1995 wurde ich zum Dr. phil. an Universität Hamburg promoviert. Eine geplante Laufbahn an der Universität habe ich in den Jahren darauf aus verschiedenen Gründen aufgegeben. Hauptberuflich arbeite ich seit vielen Jahren als Partner Manager bei einem Hamburger IT-Unternehmen. Vor über 10 Jahren habe ich die alten Unterlagen aus den 80iger und 90iger Jahren wiederentdeckt. Das Thema packte mich erneut und so habe ich aus »Gramscis Plan« ein spannendes und arbeitsintensives Hobby gemacht. Parallel zur Veröffentlichung dieses Buchs wird die Website www.gramsci-plan.de online gehen, auf der Informationen über das vorliegende Buch bereitgestellt werden. Auf dieser Website soll auch ein Forum für eine lebendige Diskussion philosophischer Fragen und speziell der »Gefängnishefte« entstehen. Vielleicht gibt es irgendwann genug Material für eine 2. Edition, in der Fragen und Kritiken der LeserInnen aus dem Forum eingearbeitet wurden. Mein besonderer Dank gilt meiner Kollegin Lisa Horwege, die die Einleitung auf Fehler und ungeschickte Formulierungen durchgesehen hat. Es vergeht fast kein Monat, in dem nicht in irgendeiner Nation Hunderttausende gegen ein repressives Regime protestieren und eine demokratische Republik fordern. In den vergangenen 12 Monaten fanden diese Proteste vor allem im Sudan, in Hongkong, im Libanon, in Weißrussland, in Thailand aber auch als Black Lives Matter in den USA und weltweit statt. Ich möchte an dieser Stelle meine Solidarität mit all jenen ausdrücken, die ihre Freiheit, ihre körperliche Unversehrtheit und ihr Leben im Kampf um die demokratische Republik riskieren.
Gramscis Plan – Band 1: Kant und die Aufklärung 1500 bis 1800 ist auch für philosophische Laien eine interessante Lektüre, weil …
- die Philosophie der Aufklärung in verständlicher Sprache und eingebettet in den 300-jährigen Befreiungskampf des Bürgertums gegen den Feudalismus dargestellt wird,
- die Bedeutung der Vernunft in unseren Erkenntnissen, in den Wissenschaften und in der demokratischen Republik anhand von Kants Schriften herausgearbeitet wird,
- in Zeiten der Bedrohung mit Kants Philosophie eine Rückversicherung hinsichtlich der Grundlagen der demokratischen Republik und der weltweiten Ausbreitung dieser Staatsform seit der 1. Französischen Republik vorgenommen werden kann,
- Kants »kategorischer Imperativ« als politische Fundamentalnorm der demokratischen Republik neu interpretiert werden muss, wenn seine Ethik als »deutsche Theorie der französischen Revolution« (Marx) aufgefasst wird,
- der postmodernen Diskreditierung der Geschichtsphilosophie entgegengetreten wird, indem der aktuelle Kampf um die demokratische Republik in den Kontext von Kants Ziel der Geschichte eingeordnet wird, der eine demokratisch organisierte und föderativ geeinte Menschheit aus Gründen der Vernunft forderte.
»Gramscis Plan« ist von vornherein als eine Reihe von Büchern konzipiert, die chronologisch und sachlich aufeinander aufbauen. Die Reihe soll mit den »Gefängnisheften« von Gramsci unter der Fragestellung »Was soll ich tun?« abgeschlossen werden. Kapitel 1 »Gramscis Plan und das Erbe der klassischen deutschen Philosophie« ist eine Einführung in die grundlegenden Voraussetzungen und Fragestellungen der »Gefängnishefte« und das Vorhaben des Autors. Kapitel 2 »Kant und die Aufklärung 1500 bis 1800« stellt den Kampf des Bürgertums gegen den Feudalismus und darin eingelagert die Entwicklung der Philosophie der Aufklärung von der Renaissance/Reformation bis hin zur französischen Revolution und zu Kant dar. Dem ersten Band sollen weitere folgen, die inhaltlich konzipiert und zu durchschnittlich ca. 30% auch bereits geschrieben sind. Band 2 ist zu 60% fertiggestellt und kann, wenn die Arbeitsbedingungen des Autors gleichbleiben, im zweiten Quartal 2021 erscheinen. Die vorläufige Planung sieht wie folgt aus:
Band 2
Kapitel 3
Hegel und die Dialektik 1800 bis 1830
Kapitel 4
Marx und die Umstülpungder Hegelschen Dialektik 1843 bis 1883
Band 3
Kapitel 5
Marx und die Emanzipation 1830 bis 1848
Band 4
Kapitel 6
Die kategorischen Imperativevon Kant und Marx
Kapitel 7
Marx, Engels und die Befreiungdes Proletariats 1848 bis 1883
Band 5
Kapitel 8
Darwin, Haeckel, Engelsund die Dialektik 1850 bis 1895
Band 6
Kapitel 9
Der orthodoxe Marxismus, Leninund der Materialismus 1883 bis 1914
Band 7
Kapitel 10
Lenin und die Oktoberrevolution in Russland 1917−1921
Kapitel 11
Luxemburg und die Novemberrevolution in Deutschland 1918−1921
Kapitel 12
Gramsci und die zwei roten Jahre in Italien 1919−1920
Kapitel 13
Bucharin, Trotzki, Stalin und Lyssenko – Die Philosophie in der Sowjetunion 1917−1938
Band 8
Kapitel 14
Gramsci und die Dialektik 1929 bis 1935
Kapitel 15
Gramsci und die bürgerliche Hegemonie 1929 bis 1935
Band 9
Kapitel 16
Der Alltagsverstandund die dialektische Vernunft
Kapitel 16
Gramscis Plan – Was soll ich tun?
Kapitel 16
Was darf ich hoffen
Für weitere aktuelle Informationen besuchen Sie bitte die Website
www.gramsci-plan.de
Hamburg, den 16. September 2020
EINLEITUNG
KAPITEL 1
Gramscis Plan und das Erbe der klassischen deutschen Philosophie
Ein Buch über Antonio Gramsci und seine Philosophie?
Das vorliegende Buch richtet sich an alle, die sich in der heutigen Welt orientieren möchten, die erfahren möchten, aus welchen philosophischen Auseinandersetzungen unsere heutige Welt hervorging, und die nach Anregungen suchen, wie die heutige Welt in einem humanistischen, progressiven und sozialistischen Sinn verändert werden kann. Es wurde in der Absicht geschrieben, die Philosophie insgesamt unserem heutigen Leben näher zu bringen; sie für die heutigen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen zurückzugewinnen. Die Philosophie beschäftigt sich ganz grundlegend mit dem menschlichen Leben und der Welt, in der es stattfindet. Mit Kant kann Philosophie grundlegend in die Erkenntnistheorie, die Ethik, die Geschichtsphilosophie und die abschließende Frage »Was ist der Mensch?« untergliedert werden. Die Themen, die von Philosophen bearbeitet werden, sind in gewisser Weise »unterhalb« der aktuellen politischen Auseinandersetzungen angesiedelt, dennoch lassen sich alle sozialen und politischen Akteure – von einer Bürgerinitiative bis hin zu den Regierungen – ständig von philosophischen Erwägungen leiten. Im 21. Jahrhundert ist eine neue Generation aufgebrochen, um die drohenden ökologischen Katastrophen abzuwenden und das Elend in der Welt bekämpfen. Es geht dabei um nicht weniger, als die kapitalistische Weltwirtschaft, die auf Gewinn und Wachstum unter Konkurrenzverhältnissen ausgelegt ist, abzubremsen und einen solidarischen ökologischen Umbau der Weltwirtschaft einzuleiten. Diese Aufgabenstellung wirft heute und in Zukunft permanent philosophische Fragen auf, so etwa die Frage nach der Erkenntnisfähigkeit der meteorologischen Wissenschaft, den Handlungsmöglichkeiten des Menschen als Produzent und Konsument in einer globalisierten Wirtschaft oder den generellen Chancen der Menschheit, eine kriegerische oder ökologische Katastrophe zu vermeiden. Angesichts dieser Situation erscheint eine Beschäftigung mit dem italienischen Philosophen Antonio Gramsci sinnvoll, weil er sich in seinen Arbeiten auf den historisch einzigartigen Versuch bezieht, die bürgerliche Gesellschaftsordnung als Ganzes zu überschreiten und eine neue Welt ohne Krieg, Ausbeutung und koloniale Unterdrückung aufzubauen. Diesen Versuch unternahmen in den Jahren 1917 bis 1921 die revolutionären Bewegungen in Russland, Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien, weil sie Konsequenzen aus der Hölle des 1. Weltkriegs zogen und der kapitalistischen Weltwirtschaft ein Ende bereiten wollten.
Unterdrücker und Unterdrückte – Ein Aufsatz von Antonio Gramsci aus dem Jahr 1911: Auch die Generation von Antonio Gramsci sah sich mit einem ganz bestimmten weltpolitischen Thema konfrontiert. In Fall von Gramsci war dies der europäische Kolonialismus und die daraus erwachsende Kriegsgefahr. Im späten 19. Jahrhundert hatten die großen europäischen Staaten damit begonnen, die gesamte Welt unter sich aufzuteilen und Kolonialreiche aufzubauen. Dabei kam es zu erheblichen Spannungen zwischen den imperialen Mächten. Nachdem Frankreich im April 1911 Marokko besetzt hatte, schickte der deutsche Kaiser Kanonenboote vor die Küste Marokkos. Mit diesem bedrohlichen militärischen Manöver wollte Wilhelm II. Gegenleistungen dafür erlangen, dass er die französische Herrschaft über Marokko akzeptiert. Nach diesen Ereignissen, die als »Marokko-Krise« Schlagzeilen machten, fanden überall in Europa große Demonstrationen gegen den drohenden Krieg statt. Die größte Massenkundgebung fand im September 1911 in Berlin mit ca. 200.000 Teilnehmern statt. Im gleichen Monat erklärte die italienische Regierung von einer nationalistischen und prokolonialistischen Stimmung ermutigt Libyen den Krieg. Libyen war damals ein Teil des osmanischen Reiches, das heißt der Türkei. Im Verlauf des türkisch-italienischen Kriegs kam es zu Massakern an der libyschen Zivilbevölkerung durch italienische Truppen, die erstmals Bomben aus der Luft abwarfen. Im Oktober 1912 annektierte das siegreiche Italien Libyen und nannte diese Kolonie »Italienisch-Nordafrika«. Ebenfalls im Jahr 1911 schrieb der damals 20-jährige Antonio Gramsci einen Aufsatz in der Schule mit dem Titel »Unterdrücker und Unterdrückte«. Darin protestierte er gegen die kolonialen Eroberungen der Europäer auf der ganzen Welt und stellte den Widerstand dagegen philosophisch in die Tradition der Aufklärung, wie sie von dem deutschen Philosophen Immanuel Kant (1724−1804) begründet worden war. »Der Kampf, den die Menschheit seit Menschengedenken führt, ist wirklich erstaunlich. Es ist ein nicht enden wollender Kampf, in dem die Menschheit bestrebt ist, die Ketten abschütteln und zu zerreißen, die ihr durch die Machtgier Einzelner, einer Klasse oder sogar eines ganzen Volkes angelegt wurden. Dieser Kampf ist ein Epos, das unzählige Helden hatte und von dem Historiker auf der ganzen Welt berichtet haben. Die Menschen werden, wenn sie ihre Kraft spüren und sich ihrer Verantwortung und ihres Wertes bewusst geworden sind, keinen anderen Menschen mehr ertragen, der ihnen seinen Willen aufzwingt und das Recht beansprucht, ihr Handeln und Denken zu kontrollieren.«1 Ein Jahr später schrieb Lenin (1870−1924) in der russischen Zeitung Prawda einen Artikel über den türkisch-italienischen Krieg. Lenin, der damals noch weitgehend unbekannte Vorsitzende der russischen Sozialdemokraten (Bolschewiki), wird für Gramsci später in den Jahren des Aufstands der italienischen Fabrikrätebewegung 1919/20 wie auch in seinen »Gefängnisheften« zu einer wichtigen Leitfigur. Lenin kommentierte 1912 den Ausgang des türkisch-italienischen Kriegs wie folgt: »Italien ‚hat gesiegt‘. Vor einem Jahr ist es wie ein Räuber in die türkischen Gebiete in Afrika eingefallen, und von nun an wird Tripolis zu Italien gehören. Es wird nicht unangebracht sein, diesen typischen Kolonialkrieg eines ‚zivilisierten‘ Staates des 20. Jahrhunderts einmal näher zu betrachten. Wodurch war dieser Krieg hervorgerufen worden? Durch die Habgier der italienischen Finanzmagnaten und Kapitalisten, die einen neuen Markt, die Erfolge des italienischen Imperialismus brauchen.« Lenin setzte wie folgt fort: »Was war das für ein Krieg? Ein vervollkommnetes, zivilisiertes Massaker, ein Abschlachten der Araber mit ‚neuzeitlichsten‘ Waffen. Die Araber setzten sich verzweifelt zur Wehr. (…) Trotz des ‚Friedens‘ wird der Krieg in Wirklichkeit weiter fortdauern, denn die Araberstämme im Innern des afrikanischen Kontinents, weitab von der Küste, werden sich nicht unterwerfen. Man wird sie noch lange ‚zivilisieren‘ – mit dem Bajonett, mit der Kugel, mit dem Strick, mit Feuer, durch die Vergewaltigung ihrer Frauen.«2 Lenin wird mit seiner Vorhersage recht behalten. Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts wird der Kolonialismus überall auf der Erde besiegt worden sein. Die internationale Friedensbewegung konnte den Ausbruch des 1. Weltkriegs drei Jahre nach der Marokko-Krise nicht verhindern. 4 Jahre lang tobte der Krieg um Einflusszonen, Kolonien und nationales Prestige und kostete 17 Millionen Menschen das Leben. Danach kam es in ganz Europa zu wirtschaftlichen Krisen, Hungersnöten, weit verbreitetem Elend und zu Revolutionen und Aufständen, von denen einer in Italien stattfand.
Antonio Gramsci und seine Philosophie der Praxis: Antonio Gramsci war Italiener und lebte von 1891 bis 1937. Er wurde auf Sardinien geboren und wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Aufgrund eines Stipendiums konnte er 1913 ein Studium der Literaturwissenschaften in Turin beginnen. Im gleichen Jahr trat er in die Sozialistische Partei Italiens ein. Später schrieb er Artikel in sozialistischen Tageszeitungen. Als der 1. Weltkrieg 1914 ausbrach, war Gramsci 23 Jahre alt. Nachdem die Revolutionen in Russland 1917 und in Deutschland 1918 dazu beigetragen hatten, den 1. Weltkrieg zu einem Ende zu bringen, nahm er in führender Position an der italienischen Fabrikrätebewegung in den Jahren 1919/20 teil. Gramsci war also ein Zeitgenosse von Lenin (1870−1924) und Rosa Luxemburg (1871−1919), nur ca. 20 Jahre jünger. Wie Lenin und Rosa Luxemburg gehörte er zu den führenden Persönlichkeiten der gerade gegründeten kommunistischen Parteien. Gramsci wurde 1924 Generalsekretär der Kommunistischen Partei Italiens. 1926 wurde er von der Polizei des faschistischen Ministerpräsidenten Mussolini verhaftet. Die nächsten 11 Jahre verbrachte Gramsci im Gefängnis und schrieb dort in 29 Heften auf über 1300 Seiten die »Gefängnishefte« über Philosophie, Politik und Kultur in Italien und Europa. 1937 starb Gramsci kurz nach seiner Entlassung an den Folgen des Aufenthalts im Gefängnis. Seine »Gefängnishefte« und die darin enthaltene Philosophie der Praxis gelten weiterhin als ein Schatz der europäischen Philosophiegeschichte des 20. Jahrhunderts. Gramsci nahm darin eine kritische Aufarbeitung der Philosophie und Praxis der Arbeiterbewegung und ihrer sozialdemokratischen und kommunistischen Parteien vor, um die Niederlagen der Jahre 1917 bis 1921 zu erklären und daraus Konsequenzen zu ziehen. In seinen »Gefängnisheften« ging Gramsci mit der gesamten marxistischen Philosophie, wie sie nach Marx‘ Tod im Jahr 1883 von Friedrich Engels über Georgi Plechanow, dem Theoretiker der russischen Sozialdemokratie, bis hin zu Lenin und Bucharin, den Führern der russischen Bolschewiki, entwickelt worden war, hart zu Gericht. Seine Untersuchungen gipfelten in der Aussage, dass diese Philosophie zu Grabe getragen werden muss.
Hat Gramsci den philosophischen Kern einer alternativen Form des Kommunismus geschaffen? Die Literatur über Antonio Gramsci und sein Werk ist in den vergangenen Jahrzehnten unüberschaubar groß geworden. Speziell seine »Gefängnishefte« waren in der politischen Linken und an den Universitäten Ausgangspunkt für eine Vielzahl von Diskussionen über marxistische Philosophie, die europäische Geschichte, den Begriff der Hegemonie und seine Ausführungen über die Sprache, die Kultur und das Schulsystem. Wozu also noch ein weiteres Buch über Antonio Gramsci? Jede(r) kennt das vielleicht: Es gibt bestimmte Sätze, die einem im Kopf bleiben. So ging es dem Autor mit einem Satz, den der polnische Philosoph Leszek Kolakowski in seiner 1200 Seiten starken Darstellung der »Hauptströmungen des Marxismus« 1976 formuliert hatte: »Man kann sagen, dass Gramsci den ideologischen Kern einer alternativen Form des Kommunismus geschaffen hat, der allerdings nie als politische Bewegung und noch weniger als ein wirkliches Regime existiert hat.«3 Statt »ideologischen Kern« sollte es besser heißen »philosophischen Kern«. Und auch der zweite Teil des Satzes bedarf der Korrektur: Gramsci war Teil einer sozialen Bewegung; er verarbeitete die Kämpfe und Niederlagen, die Ziele und Organisationsformen der Turiner Fabrikrätebewegung als Aktivist und später als Vorsitzender der Kommunistischen Partei Italiens in seinen Theorien. Werden seine frühen Schriften aus den Jahren der italienischen Fabrikrätebewegung 1919 und 1920 im Zusammenhang mit den »Gefängnisheften« gelesen, so enthalten diese den philosophischen Kern einer Alternative zu Stalins Philosophie, die mit gewissen Abstrichen in der Sowjetunion bis zu ihrem Untergang 1991 vorherrschend war. Die philosophische Alternative zum Stalinismus besteht nicht hauptsächlich in der Darlegung der Prinzipien einer zukünftigen Gesellschaft, sondern sie formuliert diejenigen Prinzipien, die in einer sich ständig entwickelnden bürgerlichen Gesellschaft zur Anwendung kommen sollen, um einen emanzipatorischen Weg aus ihr heraus einschlagen zu können. Diese Prinzipien wurden von Gramsci aus einer eigenständigen Rekonstruktion der Marxschen Philosophie und den Kämpfen der italienischen Arbeiterbewegung unter den Bedingungen einer demokratischen Verfassung in den Jahren nach dem 1. Weltkrieg abgeleitet. Ausgehend von dem Gedanken Kolakowskis, dass Gramsci den philosophischen »Kern einer alternativen Form des Kommunismus« geschaffen hatte, nahm der Autor die Lektüre der »Gefängnishefte« erneut auf, nachdem diese im Argument-Verlag in Deutsch erschienen waren.
Gramscis Plan und das Erbe der klassischen deutschen Philosophie: Im Verlauf dieser zweiten Lektüre schälte sich Stück für Stück das philosophische Leitmotiv heraus, das Gramsci in seinen »Gefängnisheften« verfolgt hatte. Demnach bestand sein Plan darin, den Marxismus als eine praktische Philosophie für die moderne Welt wieder fruchtbar zu machen, und zwar jenseits des philosophischen Materialismus, der von Lenin entwickelt und von Josef Stalin (1878−1953) in der Sowjetunion festgeschrieben worden war. Gramsci versah seinen Plan mit dem praktischen Ziel, die »Emanzipation der subalternen Klassen« in globaler Perspektive zu erreichen. Dementsprechend wird Gramscis Philosophie, die er selbst mit dem Namen »Philosophie der Praxis« versah, hier als ein Versuch vorgetragen, einen Weg aus der kapitalistischen Weltgesellschaft zu denken, der auf den praktischen Erfahrungen der Jahre 1917 bis 1921 beruht. Was Gramsci in der Tradition marxistischer Philosophie so einzigartig macht, ist, dass er die klassische deutsche Philosophie und speziell die Philosophien von Kant (1724−1804) und Hegel (1770−1831) für den Schlüssel zu einem Verständnis der Philosophie von Karl Marx hielt. Er begriff die philosophische Arbeit von Marx als eine Reform des Hegelianismus. In diesem Zusammenhang untersuchte Gramsci auch die Frage, ob die Philosophie Kants der »erste Jahresring einer neuen Philosophie ist, welche über die Philosophie, die sich in der französischen Revolution verkörperte, hinausgeht.«4 Gramsci beabsichtigte somit die Aufdeckung der philosophischen Entwicklungslinie Kant-Hegel-Marx, einer Linie des philosophischen Denkens, die vom Stalinismus und seinen Vorläufern bekämpft, erfolgreich zerstört und durch einen anderen Zugang zu Marx ersetzt worden war. Dieses Buch beabsichtigt diese Lücke in der Literatur über Gramsci zu schließen, indem den Brotkrümeln, die er in den »Gefängnisheften« über dieses Thema ausstreute, systematisch nachgegangen wird.
Gramscis Plan Teil 1: Kant und die Aufklärung: Der Titel spricht es aus: Im Zentrum dieses Buchs, dem weitere folgen sollen, steht die Darstellung der philosophischen Gedanken von Antonio Gramsci über den deutschen Philosophen Immanuel Kant. In »Kant und die Aufklärung« werden die originalen Werke Kants dargestellt, mit Gramscis Kommentaren versehen und in das historische Drama, das sich vor, während und nach der französischen Revolution vollzog, eingebettet. Zur Rekonstruktion der Linie Kant-Hegel-Marx mussten die Schriften von Kant und Hegel erneut gelesen werden, was insbesondere in Bezug auf Kant bedeutete, den tief sitzenden politischen Abwehrmechanismus des traditionellen Marxismus gegen Kant zu durchbrechen. Kant und Marx gehören unbestritten zu den ganz Großen in der Geschichte der Philosophie. Sie gelten als Repräsentanten diametral gegenüberliegender Strömungen: Kant wird dem Idealismus, Marx dem Materialismus zugeordnet. In dem gleich folgenden Hauptteil dieses Buches wird ausführlich dargelegt, dass Kant den inneren Kern der Aufklärung als das Selbst-Denken der Menschen bestimmt hatte. Marx hatte geschrieben, dass das gesellschaftliche Sein das Bewusstsein bestimmt. Dann, so könnte angenommen werden, kann es mit dem Selbst-Denken nicht viel auf sich haben. Überdies wird Kant unbestrittenermaßen für einen wichtigen philosophischen Begründer der modernen bürgerlichen Demokratie gehalten, während Marx als ein Befürworter der Diktatur des Proletariats gilt. Durch die Rekonstruktion des Erbes der klassischen deutschen Philosophie in der Philosophie von Marx werden alle seine Theorien ebenso wie die von Gramsci in ein neues Licht getaucht und können so für ein Verständnis der heutigen Welt nutzbar gemacht werden.
Gramsci schlug vor, über die Philosophie ein dramatisches Buch zu schreiben. Die Entstehung philosophischer Gedanken soll in ein sich zugleich vollziehendes historisches Drama eingebettet werden: Aus dem Zweck, die Philosophie dem heutigen Leben näher zu bringen, ergeben sich einige für ein philosophisches Buch ungewöhnliche formale und inhaltliche Aspekte. Auf die sprachlichen und stilistischen Eigenheiten der akademischen philosophischen Literatur wurde verzichtet. Der Gang der Argumentation wurde durchgehend mit Zitaten aus den Originalen belegt, nicht nur zum Zweck der Absicherung, sondern auch um zum zielgenauen Nach- und Weiterlesen anzuregen. Die Darstellung der Gedanken von Antonio Gramsci steht immer im Vordergrund. Auf die Einarbeitung kritischer Stellungnahmen aus der Sekundärliteratur zu diesem oder jedem Problem am Rande des Wegs wurde zugunsten dieser Stringenz weitgehend verzichtet. Nur so kann eine lange aufsteigende Linie in der Argumentation realisiert werden, ohne dass diese dabei zerfasert. In dieser Weise werden die Leser auf eine Reise zu immer komplexeren philosophischen Konstruktionen mitgenommen. Obwohl der Anspruch bestand, die Begriffe systematisch zu entwickeln, war in keiner Weise beabsichtigt, ein Lehrbuch zu schreiben. Eine übergeordnete Stellung wurde dem Vorschlag von Gramsci eingeräumt, über die Philosophie »ein in gewissem Sinne ‚dramatisches‘ Buch zu schreiben, ein sich zugleich vollziehendes historisches Drama …«5 Die Darstellung der Entwicklung der Gedanken der einzelnen Philosophen wird dementsprechend weitgehend chronologisch vorgenommen und in die geschichtliche Wirklichkeit eingebettet, in der sie entstanden sind. Damit wird auch ein Hinweis von Hegel berücksichtigt, der die Philosophie als den Gedanken ihrer Zeit bezeichnete. An dieser Stelle sei die Hoffnung ausgesprochen, dass sich auch für Leser, die sich in dem Stoff auskennen, eine Vielzahl von neuen und vielleicht überraschenden Erkenntnissen und Perspektiven ergeben sollten. Das, was von Marx‘ Philosophie bekannt ist, entspricht der marxistischen Standardinterpretation von Engels, Lenin und Stalin. Dieses zu fester Form geronnene Alltagswissen, das auch von der bürgerlichen Literatur sehr geschätzt wird, muss zerbrochen werden, um dem emanzipatorischen Gehalt der Marxschen Philosophie einen Weg ins 21. Jahrhundert zu bahnen. Mit Kant und Hegel sollen in den ersten Büchern die höchsten Gipfel der klassischen deutschen Philosophie erklommen und die Verarbeitung dieses Erbes durch Marx dargestellt werden, um danach mit Engels, Lenin und Stalin in einen philosophischen Abgrund einzutauchen, in dem sich auch heute noch Teile der Welt befinden. Im Anschluss daran wird eine Erkundung der Gedanken von Gramsci über die Niederlagen der Arbeiterbewegung in den Jahren 1917 bis 1921, die bürgerliche Hegemonie und seine Perspektive einer Emanzipation der subalternen Klassen vorgenommen.
Es ist Verwirrung, mit der die Philosophie überhaupt anfangen muss: Ein Buch mit philosophischem Inhalt wird in einer bestimmten Zeit geschrieben. Es trägt den Geist der Zeit, in der es geschrieben wird, in sich und dieser Zeitgeist schließt die Stellung der Philosophie selbst ein. Die Philosophie hat im 21. Jahrhundert den Niedergang, der sich in den vorangehenden Jahrzehnten bereits abzeichnete, fortgesetzt. Die Philosophie ist heute weit davon entfernt, die gesellschaftlichen Debatten, das soziale Handeln der Menschen oder die Politik zu prägen oder gar eine Art Leitwissenschaft für die Natur- und Geisteswissenschaften zu sein. Zweifel an der eigenen Daseinsberechtigung, an der eigenen Wirksamkeit und über die Aufgaben, die anzugehen sind, plagen die Disziplin. So wird die Frage diskutiert, ob die Philosophie an der Schwelle zu ihrer Selbstabschaffung steht? Ein Buch wie »Wozu Philosophie?« aus dem Jahr 2008 ist ein Symptom für eine tief sitzende Krise im Selbstverständnis dieser Wissenschaft, die schon von den alten Griechen vor unserer Zeitrechnung betrieben wurde.6 Dazu beigetragen hat, dass mit der Sowjetunion 1991 die geschichtlich bedeutendste Variante der marxistischen Philosophie theoretisch und praktisch in einer großen Implosion unterging, ohne dass daraus neue emanzipatorische Ansätze entstanden. Postmoderne Philosophen wie Jean-Francois Lyotard (1923−1998) begannen schon Ende der 70iger Jahre alle »großen Erzählungen« über die Geschichte der Menschheit für hinfällig zu erklären.7 Dadurch wurden die ohnehin vorhandenen Zweifel an der Bedeutung der »großen Erzählungen«, das heißt, speziell an den Geschichtsphilosophien von Kant, Hegel und Marx noch verstärkt.8 Bei vielen (post-)modernen Philosophen gilt es als ausgemacht, dass in der Weltgeschichte von einer Durchsetzung der Prinzipien der Aufklärung im Sinne Kants keine Rede sein könne und die Möglichkeit, einen Marxschen Sozialismus/Kommunismus zu verwirklichen, nicht einmal mehr zu denken sei. Als Reflex auf den Stand der akademischen Debatte wurde auf der deutschsprachigen Seite »Philosophie« auf Wikipedia die Geschichtsphilosophie gleich ganz aus dem Kanon der Disziplinen der Philosophie herausgenommen. Aber vielleicht liegt in dieser prekären Lage der Philosophie im 21. Jahrhundert ja auch eine Chance, die Hegel treffend in dem Satz ausdrückte: »Es ist Verwirrung, mit der die Philosophie überhaupt anfangen muss und die sie für sich hervorbringt; man muss an allem zweifeln, man muss alle Voraussetzungen aufgeben, um es als durch den Begriff Erzeugtes wiederzuerhalten.«9 Der Impuls aus der Verwirrung auszubrechen, um sich einen philosophischen Blick auf die Geschichte und einen geschichtlichen Blick auf die Philosophie zu erarbeiten, war die wichtigste Motivation, mit der Untersuchung von Gramscis »Philosophie der Praxis« zu beginnen.
Zur Entstehung dieses Buchs: Seine Entstehung verdankt dieses Buch dem Interesse des Autors an den Schriften Gramscis, – ein Interesse, das sich bereits während des Studiums in den 80er Jahren in Hamburg entwickelte. Der Autor schloss dieses Studium mit einer Master Thesis in den USA über Gramscis Begriff der internationalen Hegemonie ab. Die darauffolgende Doktorarbeit beschäftigte sich mit dem Internationalen Währungsfonds und den Vorläufern der Welthandelsorganisation unter dem Gesichtspunkt der internationalen amerikanischen Hegemonie nach dem 2. Weltkrieg. Die ursprünglich geplante Arbeit an einer Habilitation scheiterte Mitte der 90iger Jahre an den Umständen der Zeit und einer Reihe von persönlichen Gründen, von denen der beste heute 23 Jahre alt ist. Der Autor wechselte daraufhin in die IT-Branche. Um das Jahr 2010 herum erwachte das Interesse an den alten Aufzeichnungen und rohen Skizzen. Die weitere Ausarbeitung wurde zu einer intensiven Freizeitbeschäftigung. Ein erster Entwurf, der sich auf Gramscis Schriften konzentrierte, war schon nahezu fertig, als sich bei der Durchsicht die Erkenntnis einstellte, dass alle bislang getroffenen Aussagen seltsam in der Luft hingen. Die zentrale Absicht Gramscis, den Marxismus als eine Reform des Hegelianismus und Kants Werk als den ersten Jahresring dieser neuen Philosophie aufzufassen, war bei Weitem nicht geleistet worden. Marx war in dieser ersten Fassung nicht in Hegel und beide zusammen nicht in Kant geerdet. Also begann der Autor seine intellektuelle Reise erneut und las die Originale von Kant und Hegel im Zusammenhang mit den Brotkrümeln, die Gramsci in seinen »Gefängnisheften« ausgestreut hatte. Erst durch den Weg zurück zu Kant, von dort zu Hegel und dann weiter zu Marx stellte sich die Abweichung, die mit dem deutschen Philosophen Ludwig Feuerbach begann und von Engels, Lenin und Stalin fortgeführt wurde, nicht mehr als eine Abweichung, sondern als ein Weg in einen philosophischen Abgrund dar, der die verhängnisvolle Entwicklung nach der Oktoberrevolution und die mörderische Praxis des sowjetischen Regimes unter Stalin erklären konnte. Durch diesen Verlauf der Untersuchung hat sich der Umfang der gesamten Arbeit vervielfacht und eine Aufteilung in mehrere Bände wurde notwendig. Die Erarbeitung der Erkenntnisse, die im Folgenden vorgetragen werden, war und blieb mir während der ganzen Jahre immer ein intellektueller Genuss.
Was bedeutet es, zu philosophieren?
Philosophieren bedeutet, dem eigenen Wirken eine bewusste Richtung geben zu wollen: Wie wird der Begriff Philosophie heute verwendet? Es ist modern geworden, von der Philosophie einer Fußballmannschaft, eines Unternehmens oder eines individuellen Stils in der Ernährung zu sprechen. Philosophie bedeutet in solchen Zusammenhängen, dass eine Reihe von geistigen Prinzipien das Handeln der Fußballmannschaft, des Unternehmens oder der Person leiten soll, um einen bestimmten Zweck zu erreichen oder um eine bestimmte Aufgabe erfolgreich lösen zu können. Gramsci schrieb dazu in den »Gefängnisheften«: »Man sagt‚ die Dinge mit Philosophie nehmen‚ seine Philosophie haben, es philosophisch nehmen usw.« In diesen Redensarten bekommt, so setzte Gramsci fort, der Ausdruck Philosophie eine sehr genaue Bedeutung: »Elementare und tierische Leidenschaften«, impulsive und irrationale Handlungen sollen durch eine »durchdachte Auffassung von den Dingen« überwunden und »dem eigenen Wirken eine bewusste Richtung« gegeben werden.10 Ein Blick auf die großen Philosophen und die akademische Philosophie heute zeigt, dass dieser Sprachgebrauch nicht falsch ist. Hegel formulierte den Begriff der Philosophie in seiner kürzesten Form als »die sich denkende Idee.«11 Seit über 2500 Jahren ist die Philosophie diejenige geisteswissenschaftliche Fachrichtung, die in Form von Prinzipien Antworten auf grundlegende Fragen des menschlichen Lebens, des geschichtlichen Menschen mit seinen Eigenheiten, Fähigkeiten und Möglichkeiten und der Menschheitsentwicklung im Allgemeinen zu geben versucht. Die alten Griechen vor unserer Zeitrechnung, die Theologen im Mittelalter, die bürgerlichen Rebellen zu Zeiten der Aufklärung wie auch die Liberalen, die Konservativen, die Sozialisten und Kommunisten im 19. und 20. Jahrhundert – sie alle entwickelten Prinzipien, Theorien, Auffassungen vom Leben und der Welt, die alle zur Philosophie gerechnet werden.
Kernthemen der Philosophie sind die Fundamente gesellschaftlicher Ordnungen und die großen Umbrüche in der Geschichte der Menschheit: Die Philosophie ist in allen aktuellen sozialen, moralischen und politischen Auseinandersetzungen irgendwie immer präsent. Das ist so, weil sich die Philosophie mit den Fundamenten gesellschaftlicher Ordnungen und den großen Umbrüchen in der Geschichte der Menschheit beschäftigt. Wer die Gefängnishefte von Antonio Gramsci liest, betritt ein geistiges Terrain, in dem es darum geht, die geschichtlichen Kontinentalverschiebungen seit der Renaissance in Italien im 16. Jahrhundert zu erfassen. Über Jahrhunderte entstanden im Zeichen der Aufklärung in Europa, – zunächst kaum erkennbar – neue Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens, die dann von Philosophen zu Prinzipien in ihrer ganz eigenen Weise verdichtet wurden. Ab einem bestimmten Punkt der Entwicklung prallten dann die neuen Prinzipien der bürgerlichen mit der bestehenden feudalen Ordnung, das heißt, mit den konservativen Kräften zusammen, die den Bestand dieser Ordnung absichern wollten. Der Konflikt entlud sich letztlich in einer schweren Eruption im globalen Gefüge der Welt. Diese Eruption war die französische Revolution 1789. Im Verlauf der Revolution kam es kurzfristig zur Bildung einer demokratischen Republik mit allgemeinem Wahlrecht. Die französische Revolution brachte nach vielen vorangehenden Versuchen in anderen Nationen die feudale Welt mit ihren Monarchen, Adligen und Leibeigenen zunächst in Frankreich und dann fast in ganz Europa zum Einsturz. Gramsci bespricht diesen Wendepunkt der europäischen Geschichte in den »Gefängnisheften« ausführlich und bezieht sich dabei auf den deutschen Philosophen Immanuel Kant (1724−1804). Kant hatte eine Erkenntnistheorie, eine Ethik und eine Geschichtsphilosophie der bürgerlichen Gesellschaft entworfen, die jeweils einzeln wie in ihrer Gesamtheit den Prinzipien der feudalen Welt widersprachen. Auch die Oktoberrevolution 1917 und die ihr folgenden Revolutionen in Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien waren eine schwere Eruption im Gefüge der Welt. Auf der Grundlage der Marxschen Philosophie sollte ein Umbruch der Epochen, ein Übergang aus der bürgerlichen in eine sozialistische Gesellschaft herbeigeführt werden. Gramsci nahm an diesem Versuch durch sein Engagement in der italienischen Fabrikrätebewegung teil. Sein Denken in den »Gefängnisheften« konzentriert sich auf die Fragestellung, wie die revolutionären Ereignisse in den Jahren 1917 bis 1921 zu bewerten sind und welche Konsequenzen aus den Niederlagen gezogen werden müssen.
Die großen Umbrüche in den letzten 30 Jahren: Auch in den letzten 30 Jahren sind eine Reihe von gravierenden Entwicklungen erkennbar geworden, die die fest gefügten Auffassungen vom Leben und der Welt zum Einsturz gebracht haben. Dazu zählt der Zusammenbruch der Sowjetunion 1991, das Ende des Kolonialismus und die Formierung eines fundamentalistischen Islams, der im 21. Jahrhundert den Versuch unternahm, die Welt in einen Krieg der Religionen zu stürzen. Im 21. Jahrhundert wälzt die 4. Industrielle Revolution die Verhältnisse in der Produktion um. Die globale Kommunikation der Menschen beruht heute auf dem Internet, dem langfristig eine ähnliche revolutionierende Bedeutung wie dem Buchdruck vorausgesagt wird. Die Welt im 21. Jahrhundert lässt sich mit den Kategorien der Welt zwischen 1917 und 1991 nicht mehr erfassen. Eine weitere sehr langfristig angelegte Entwicklung besteht darin, dass sich China und andere große Entwicklungsländer anschicken, die Dominanz der Europäer und Nordamerikaner auf den Weltmärkten aufzubrechen, eine Dominanz, die seit der Entstehung des Weltmarkts im frühen 19. Jahrhundert bestanden hat. In Folge der ökologischen Krise der letzten Jahrzehnte hat sich weltweit die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Art und Weise, wie die hoch entwickelten kapitalistischen Industriestaaten in Europa und Nordamerika produzieren, nicht auf die gesamte Menschheit übertragen werden kann. Ohne eine grundlegende Umgestaltung der Weltwirtschaft könnten sich die sozialen und ökologischen Krisensymptome dramatisch verschärfen und nicht mehr kalkulierbare Ausmaße annehmen. Die Klimakatastrophe wirft nicht nur ihren Schatten voraus, sondern findet bereits erkennbar statt. Mit den »Nachhaltigen Entwicklungszielen« der Vereinten Nationen und dem Pariser Klimaschutzabkommen wurde 2015 ein weltweiter Konsens über notwendige Maßnahmen erzielt, um die sozialen und ökologische Bedingungen, unter denen die Menschen leben müssen, zu verbessern. Mit der Wahl von Trump zum US-Präsidenten im Jahr 2016 wurden diese gerade erst begonnenen Ansätze einer internationalen Kooperation zur Seite gedrängt. Trumps Politik wuchs sich in der Folge zu einer Gefahr für den Frieden auf der Welt und die Demokratie speziell in den USA und Europa aus. Alle diese langfristen Entwicklungen und Umbrüche berühren unsere gewohnten Auffassungen vom Leben und der Welt und stellen bisher gültige Denkmuster und Verhaltensnormen infrage.
Philosophien als Auffassungen vom Leben und der Welt
Für Gramsci ist jede Artikulation einer bestimmten Welt- und Lebensauffassung ein Teilaspekt einer Philosophie. Auch Religionen artikulieren solche Auffassungen vom Leben und der Welt. Philosophien und Religionen sind keine beliebigen Meinungen, die man haben kann oder auch nicht. Die großen geschichtlich relevanten Philosophien und Religionen drücken verbindliche, auf Langfristigkeit angelegte Prinzipien menschlicher Gesellschaften aus. Die Verhaltensnormen, die aus ihnen abgeleitet werden, setzen die Menschen in ihrem praktischen Alltagsleben aktiv um, ansonsten droht der bestehende gesellschaftliche Verbund auseinanderzubrechen. Theoretische Prinzipien und praktische Verhaltensnormen sind in jeder Gesellschaft zu jeder Zeit Gegenstand unzähliger Gespräche zwischen den Menschen. Die Aufgabe eine solche Welt- und Lebensauffassung im Alltagsverstand fest zu verankern und in ihrem Bestand zu wahren, kam in Europa vor der Aufklärung den Priestern zu. Mit der Entkopplung der Philosophie von der Religion im Zuge der Aufklärung wurde die Philosophie eine akademische Fachrichtung und damit, wie Gramsci feststellte, zur »Kultur einer begrenzten intellektuellen Aristokratie«, der es nicht gelang den »moralischen und wissenschaftlichen Gehalt« der Philosophie insgesamt zu vermitteln.12
Mit welchen Fragen beschäftigt sich ein Philosoph auf professionellem Niveau? Ein Philosoph versucht so grundlegende Fragen zu beantworten wie: Warum weiß ich, dass ein Tisch ein Tisch ist oder warum wissen wir, dass sich die Erde um die Sonne dreht? Unter welchen Bedingungen kann eine bestimmte wissenschaftliche Aussage als wahr betrachtet werden? Gibt es ewige Wahrheiten oder sind alle Wahrheiten nur relativ, das heißt geschichtlich gebundene Erkenntnisse? Existiert Gott oder ein höheres Wesen, das unsere Geschicke lenkt oder zumindest beeinflusst? Besitzt der Mensch einen freien Willen und kann deshalb geschichtlich selbstständig handeln oder ist er ein von der Natur oder einem Gott in seinen Handlungen gesteuertes Wesen? Wie kommen gesellschaftliche Normen und Gesetze zustande? An welche dieser Normen soll ich mich halten und gegen welche sollte ich rebellieren? Wodurch wird eine Gesellschaft in ihrem Inneren zusammengehalten? Durch Zwang und Strafe, ökonomische Notwendigkeit, Verblendung, Bestechung oder gewisse gesellschaftliche Konsense? Ist die menschliche Geschichte für immer durch einen Krieg der Religionen, der Völker und der »Rassen« im Kampf ums Überleben und einen »Platz an der Sonne« gekennzeichnet? Gibt es einen Fortschritt in der Geschichte oder bewegt sich die Menschheit in immer neuen Katastrophen und Massakern im Kreis. Ist mit der liberalen bürgerlichen Gesellschaft das Ende der Geschichte erreicht oder sind Ansätze zu einer Überwindung theoretisch darstellbar und praktisch erkennbar? Und zum Schluss die Frage: Wie kann das Wesen des Menschen bestimmt werden? Ist es im Lauf der Jahrhunderte konstant geblieben oder hat es sich verändert? Ausgehend von den Antworten auf solche Fragen entstanden die großen philosophischen Entwürfe von Kant, Hegel, Marx und vielen anderen, in denen auch unmittelbar praktische Konsequenzen für das Handeln der Menschen aufgezeigt wurden.
In der Philosophie hat es von Beginn an verschiedene Strömungen, Schulen und Systeme gegeben: Jede Strömung in der Philosophie bemüht sich darum die eigene Auffassung vom Leben und der Welt in einem Bündel von Prinzipien widerspruchsfrei (konsistent) und in ihrem inneren Zusammenhang (kohärent) darzustellen. So gab und gibt es bis heute Theologen und Atheisten in der Philosophie. Für die einen ist es unmöglich, ein Verständnis vom menschlichen Leben ohne Gott zu gewinnen, für die anderen kann und darf ein dem Menschen übergeordnetes Wesen kein Prinzip der Erklärung der Welt sein. In den letzten zwei Jahrhunderten hat vor allem die Auseinandersetzung zwischen Idealisten und Materialisten die Geschichte der Philosophie geprägt. Die Idealisten sind diejenigen, die Gott oder den menschlichen Geist für das Primäre halten, aus dem heraus das Leben und die Welt zu erklären sind. Als Materialisten werden diejenigen bezeichnet, die die Materie oder die Natur für das Primäre halten. Häufig formieren sich innerhalb dieser Strömungen Schulen eines großen Philosophen wie die Schule der Kantianer oder die der Marxisten. Im 20. Jahrhundert, also noch vor dem generellen Bedeutungsverlust der Philosophie, war es durchaus gängig das Verhältnis von Philosophie und Politik so zu bestimmen, dass die Philosophie die grundlegenden Antworten bereitstellte. Der Politik kam dann die Aufgabe zu, die von der Philosophie vorgegebenen Prinzipien und Ziele in praktische Strategien und Taktiken umsetzen. So standen sich in der Zeit des Kalten Krieges die bürgerliche und kommunistische Weltanschauung gegenüber. Die Philosophie war für die Politik in den beiden Lagern eine Absicherung, auf dem jeweils richtigen Weg zu sein.
Die Philosophie entwickelt fortwährend Lösungen für praktische Probleme, die durch den geschichtlichen Prozess aufgeworfen werden: Gramscis Auffassung von Philosophie unterschied sich gravierend von heute gängigen Vorstellungen. Philosophie bestand für ihn nicht aus luftigen Gedankenspielen oder Gesprächen am Stammtisch. Philosophie war für ihn kein Sammelsurium hochintellektueller Texte, keine Sache der Experten an den Universitäten. Tatsächlich entwickelt Gramsci in den »Gefängnisheften« Zug um Zug die Auffassung, dass jede wirklich bedeutende Philosophie aus dem Denken und Tun der Menschen in ihrer Zeit entstanden ist. Die Philosophen von Profession erfassen in ihrer Zeit nur ein geschichtliches Bedürfnis, ein Problem, eine Aufgabe, eine Fragestellung, die aus dem Denken und Tun der Menschen in ihrer Zeit entstanden ist, und drücken diese in einer individuellen Weise aus. Dabei stützt sich der einzelne Philosoph auf eine bestimmte Strömung innerhalb der Philosophie und verfährt zumeist so, »als wäre seine Philosophie eine Auseinandersetzung mit oder eine Entfaltung der vorangehenden Philosophie, der konkreten einzelnen Werke der vorangehenden Philosophen.«13 Dieser Umstand, der eine ganz eigene Sprache und inhaltliche Prägung hervorbringt, darf aber, so Gramsci, nicht darüber hinwegtäuschen, dass »die Philosophie sich nicht aus anderer Philosophie entwickelt, sondern eine fortwährende Lösung von Problemen ist, welche die geschichtliche Entwicklung vorgibt …«14 Insofern zeichnen sich die großen philosophischen Werke dadurch aus, dass sie ganz bestimmte drängende Probleme in ihrer Zeit aufgriffen. Sie trafen auf einen gesellschaftlichen Resonanzboden, eben, weil sie Antworten auf die Bedürfnisse eines ganz bestimmten Alltagslebens, das heißt, Antworten auf die Bedürfnisse derjenigen gaben, die die Geschichte tatsächlich machen. Mit dieser Auffassung holte Gramsci die Philosophie aus der Welt abstrakter intellektueller Erkundungen auf den Boden der Geschichte, auf den Boden menschlicher Bedürfnisse, ihrer Befriedigung und den damit verbundenen Notwendigkeiten zurück.
Die Geschichte ist nichts als die Tätigkeit des seine Zwecke verfolgenden Menschen: Kants Werk stellt in der Geschichte der Philosophie einen tiefen Einschnitt dar, weil er alle Beweise für die Existenz Gottes als unbegründet zurückwies und Gott auf eine moralische Größe reduzierte, an die das einzelne Individuum glauben mag oder auch nicht. Kants Aufklärungsphilosophie verkündete die Selbstbestimmung des Menschen jenseits der Religion. In Hegels Philosophie bekam die Religion wieder eine prominente Rolle. Hegel nahm eine Verschmelzung von Gott und menschlicher Vernunft vor, die im Resultat zu einer Geschichte der Menschen führen soll, deren Ziel vorab von Gott festgelegt worden war. In ihrem ersten gemeinsamen Buch definierten Marx und Engels 1845 ihre Position in Bezug auf das Verhältnis von Religion und Geschichte wie folgt: »Nachdem der Mensch einmal als das Wesen, als die Basis aller menschlichen Tätigkeit und Zustände erkannt ist,« muss die Auffassung von der Geschichte von allen göttlichen oder anderen vergleichbaren Einflussfaktoren bereinigt werden. »Es ist vielmehr der Mensch, der wirkliche, lebendige Mensch, der das alles tut, besitzt und kämpft …« Die menschliche Geschichte »ist nichts als die Tätigkeit des seine Zwecke verfolgenden Menschen.«15 Einige Jahre später kam Marx auf diesen Gedanken zurück und stellte seine Geschichtsauffassung wie folgt klar: »Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbst gewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen. Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden.«16 Für Gramsci hatte dieses Prinzip der von Marx und Engels entwickelten Geschichtsauffassung fundamentale Bedeutung; sie durchzieht sein gesamtes Werk. Geschichte ist die Geschichte der von den Menschen geschaffenen gesellschaftlichen Zustände. Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber immer unter bestimmten von ihnen selbst geschaffenen, geistigen und materiellen Voraussetzungen.
Alle Menschen sind Philosophen und nur sie machen die menschliche Geschichte: Es ist ein Anliegen dieses Buches, bei den Lesern ein Verständnis dafür zu entwickeln, was Philosophie im Sinne Gramscis wirklich ist und heute sein kann. Gramsci hatte mit einer von Selbstzweifeln geplagten und durch den Bedeutungsverlust geprägten akademischen Disziplin nichts zu tun. Die Philosophie erhielt in den »Gefängnisheften« eine überragende Bedeutung und praktische Relevanz durch das Leben der Menschen und somit auch für das Leben aller Menschen. So schrieb er in den »Gefängnisheften«: »Man muss das Vorurteil zerstören, die Philosophie sei etwas sehr Schwieriges aufgrund der Tatsache, dass sie eine spezielle Tätigkeit einer bestimmten Kategorie von Wissenschaftlern ist, den professionellen Philosophen oder Systematikern. Man wird daher zeigen müssen, dass alle Menschen Philosophen sind.«17 Philosophie und eine Geschichte der Philosophie gibt es nicht etwa deshalb, weil ein Philosoph in besonderer Weise denkt und dieses Denken in einem Buch zu Papier bringt. Die menschliche Geschichte und die gesellschaftlichen Verhältnisse werden von allen Menschen in tagtäglicher praktischer Arbeit selbst erzeugt und hervorgebracht. Somit wird »klar, dass in der praktischen Arbeit des Geschichtemachens auch ‚implizite‘ Philosophie gemacht wird, die ‚explizit‘ sein wird, insofern Philosophen sie kohärent ausarbeiten. (…)«18 Das individuelle wie das gesellschaftliche Leben – das Geschichtemachen in diesem Sinn – enthält bereits eine bestimmte Philosophie, mag diese präsent und klar oder verwaschen und inkonsistent sein. Jeder Mensch verwirklicht teilweise bewusst, teilweise unbewusst in der Gestaltung der Beziehungen zu seinen Mitmenschen, in seinen politischen Vorstellungen und Entscheidungen und in seiner geistigen und gegenständlichen Arbeit eine Reihe von Prinzipien, die in der einen oder anderen Weise einer bestimmten Philosophie zugeordnet werden können. Gramsci schrieb dazu: »Durch die eigene Weltauffassung gehört man immer zu einer bestimmten Gruppierung. Man ist Konformist irgendeines Konformismus … (…) Die eigene Weltauffassung antwortet auf bestimmte von der Wirklichkeit gestellte Probleme, die in ihrer Aktualität ganz bestimmt und ‚originell‘ sind.«19 Die Menschen drücken den Sinn ihres individuellen Tuns, ihre Bedeutung und ihre Stellung im gesellschaftlichen Zusammenhang in philosophischen Begriffen aus, – mit jeweils ganz unterschiedlichen praktischen Konsequenzen. Wenn die Geschichte nichts anderes ist als die Tätigkeit des seine Zwecke verfolgenden Menschen, dann müssen es die grundlegenden philosophischen Entscheidungen der Menschen in ihrer Zeit gewesen sein, die in der einen oder anderen Weise die Welt zu dem gemacht haben, was sie heute ist. Die Welt zu Beginn des 20. Jahrhunderts, über die Gramsci schrieb, war ebenfalls ein Produkt der Tätigkeit der Menschen und dies schließt die philosophischen Ansichten, die in ihrem Alltagsleben zum Tragen kamen wie auch ihre Entscheidungen an den Wendepunkten der Geschichte ein. Dieser leitende Gedanke wird im Folgenden anhand der Bedeutung der Aufklärung im Übergang von der feudalen zur bürgerlichen Gesellschaft sowie später anhand der »großen sozialistischen Oktoberrevolution« 1917, also anhand des gescheiterten Versuchs, einen Weg aus der bürgerlichen und in eine sozialistische Gesellschaft zu finden, dargestellt.
1 Gramsci, 1911 (wahrscheinlich), Oppressors and Oppressed, in: Antonio Gramsci – Selections of Political Writings 1910-1920, selected and edited by Quentin Hoare, International Publishers, New York, 1977, S. 3. Dies ist der erste Artikel Gramscis in den »Selections«. Freie Übersetzung durch den Autor.
2 Nach einem Hinweis von Wikipedia auf der Seite »Türkisch-italienischer Krieg«. Lenin, 1912, Das Ende des Krieges zwischen Italien und der Türkei, Lenin-Werke, Bd. 18, Prawda, Nr. 129, 28. September 1912, S. 329/30
3 Kolakowski, 1976, Main Currents of Marxism, W. W. Norton & Company, Erstausgabe in Polnisch, zitiert wird aus der englischen Ausgabe, 2005, S. 988. Übersetzung durch den Autor. Das Original lautet: »One may say that Gramsci provided the ideological nucleus of an alternative form of communism, which, however, has never existed as a political movement, still less as an actual regime.” Später auch in Deutsch erschienen: Kolakowski, Die Hauptströmungen des Marxismus – Entstehung, Entwicklung, Zerfall. 3 Bde., München 1977-1978
4 Gramsci, 1929-1935, Gefängnishefte, Hrsg. Klaus Bochmann und Wolfgang Fritz Haug, Argument-Verlag, Hamburg, 1991-2002, Bd. 6, Heft 11, §49, S. 1461
5 Gramsci, 1929-1935, Gefängnishefte, Bd. 3, Heft 4, § 10, S. 471
6 Sandkühler, 2008, Wozu Philosophie? Hrsg. Hans Jörg Sandkühler, Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt am Main
7 Lyotard, 1979, Das postmoderne Wissen, hrsg. von Peter Engelmann, Passagen Verlag, Wien, 9. Auflage 2019. Im Vorwort von 2009 (S. 18) schrieb der Herausgeber Bernd Engelmann ganz richtig: »Gesellschaftlich wirksam wurde das Buch jedoch nicht so sehr durch diese Analysen (über das »postmoderne Wissen«, d. V.), sondern durch den Gebrauchswert seiner Grundthese von der Auflösung der großen Erzählungen als anerkannte Legitimationsmuster« von Wissen.
8 Siehe in Lyotard, 1979, den Abschnitt »10. Die Delegitimierung«. S. 99 »Die große Erzählung hat ihre Glaubwürdigkeit verloren, welche Weise der Vereinheitlichung ihr auch immer zugeordnet wurde: spekulative Erzählung oder Erzählung der Emanzipation.«
9 Hegel, Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, Hegel-Werke, Bd. 18, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1979, S. 445/6
10 Gramsci, 1929-935, Gefängnishefte, Bd. 6, Heft 10, § 21, S. 1272 sowie Bd. 6 Heft 11, § 12, S. 1379
11 Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse, Hegel-Werke, Band 10, Frankfurt am Main, 1979, S. 393, § 574
12 Gramsci, 1929-1935, Gefängnishefte, Bd. 3, Heft 4, § 3, S. 461
13 Gramsci, 1929-1935, Gefängnishefte, Bd. 6, Heft 10, § 31, S. 1284/5
14 Ebda., S. 1284
15 Marx/Engels, 1845, Die Heilige Familie, MEW 2, alles auf S. 98
16 Marx, 1852, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, MEW 8, S. 115 In der »Deutschen Ideologie« (MEW 3, S. 20) schrieben Marx und Engels bereits 1846: »Es sind die wirklichen Individuen, ihre Aktion und ihre materiellen Lebensbedingungen, sowohl die vorgefundenen wie die durch ihre eigne Aktion erzeugten. Diese Voraussetzungen sind also auf rein empirischem Wege konstatierbar.«
17 Gramsci, 1929 -1935, Gefängnishefte, Bd. 5, Heft 8, § 204, S. 1055/6 und ähnlich Gramsci, Bd. 6, Heft 11, § 12, S. 1375
18 Ebda., Bd. 6, Heft 10, § 31, S. 1285
19 Ebda., Bd. 6, Heft 11, § 12, S. 1376
Kant stellte vier Fragen in weltbürgerlicher Absicht
Kants Ordnung für eine Philosophie in weltbürgerlicher Absicht: Vor der modernen europäischen Philosophie, die in der Epoche der Aufklärung entstand, gab es bereits die chinesische, die indische, die orientalische und die griechische Philosophie sowie die katholische Religion als Philosophie des feudalen Mittelalters in Europa. Die Philosophie beschäftigt sich dementsprechend mit unüberschaubar vielen Themen. Wie kann aus dieser Fülle eine Auswahl vorgenommen, wie kann eine Ordnung, wie kann ein roter Faden aussehen, der die philosophischen Erkundungen Gramscis sinnvoll strukturiert? Die Lektüre der einschlägigen Passagen in Gramscis »Gefängnisheften« ergab, dass Gramsci selbst eine klassische Ordnung wählte. Diese Ordnung in der Philosophie entnahm Gramsci dem Werk Kants; sie wird durch vier Fragen gebildet. Diese Fragen lauten:
1. Was kann ich wissen?
2. Was soll ich tun?
3. Was darf ich hoffen?
4. Was ist der Mensch?20
Die Bedeutung dieser Fragen soll im Folgenden kurz skizziert werden, um den Lesern eine etwas erweiterte Vorstellung von dem zu vermitteln, was in diesem Buch Philosophie bedeutet. Kant beabsichtigte mit diesen 4 Fragen »das Feld der Philosophie in dieser weltbürgerlichen Bedeutung«21zu beschreiben. Mit dem Begriff »weltbürgerlich« stellte Kant im späten 18. Jahrhundert eine von ihm konzipierte bürgerliche Weltordnung der untergehenden feudalen Welt gegenüber. Kant erarbeitete anhand dieser vier Fragen seine Aufklärungsphilosophie als eine Alternative zu der Philosophie, die in der feudalen Gesellschaft vorherrschte. Seine Antworten auf diese Fragen erfassen den Menschen als ein Wesen, das das Potenzial hat, als ein vernünftiges Wesen selbstständig zu denken und zu handeln, als einen Weltbürger und einen Demokraten, der sich gemeinsam mit allen anderen Bürgern seine eigenen Gesetze und damit seine Würde gibt.
Diese Fragen und ihre Lösungsversuche umfassen in der Tat den innersten Kern der Philosophie: Der deutsch-amerikanische Philosoph Herbert Marcuse (1898−1979) schrieb 1941 zur Aktualität der Kantschen Fragen: »Diese Fragen und ihre Lösungsversuche umfassen in der Tat den innersten Kern der Philosophie, ihr Interesse an den wesentlichen Möglichkeiten des Menschen inmitten der Misere des wirklichen Daseins.«22 Mit der Konzentration auf diese 4 Fragen soll die Erörterung anderer philosophischer Fragen und Methoden nicht herabgesetzt werden. Verallgemeinernd lässt sich aber sagen, dass jede Philosophie von historischem Rang diese vier Fragen in der einen oder anderen Weise direkt oder indirekt beantwortet hat. Die Begründung dafür, dass gerade diese 4 Fragen bei einer geschichtlichen Betrachtung des Menschen im Vordergrund stehen müssen, sowie die Darlegung ihrer inneren Architektur werden sich durch das gesamte Kapitel »Kant und die Aufklärung 1500 bis 1800« hindurchziehen.
Was kann ich wissen?
Die Frage »Was kann ich wissen?« untergliedert sich in vier Themenbereiche:
1. In die Erkenntnistheorie mit der Frage, wie Erkenntnisse gewonnen werden,
2. die Wissenschaftstheorie mit der Frage, wie wird wissenschaftliche Forschung betrieben und wie ist der Charakter ihrer Ergebnisse zu bestimmen,
3. die Religionsphilosophie mit der Frage, was kann ich über Gott wissen, und
4. die Geschichtsphilosophie mit Frage, was kann ich über die menschliche Geschichte wissen.
Die Erkenntnistheorie: Wie werden Erkenntnisse gewonnen? Das philosophische Fachgebiet Erkenntnistheorie bezieht sich auf die Voraussetzungen, Bedingungen und Möglichkeiten des Menschen Erkenntnisse zu gewinnen und zu Wissen zu verdichten. Die Grundfragen lauten also: Was ist eine Erkenntnis und wie entsteht sie? Daran gekoppelt sind weitere Fragen: Wie denkt der Mensch? Wie werden die Erscheinungen der Außenwelt im Bewusstsein der Menschen verarbeitet? Wie werden theoretische Erkenntnisse zu praktischem Wissen? Worin liegt die Wahrheit des erlangten Wissens? Gibt es ewige oder absolute Wahrheiten? In der Erkenntnistheorie entwickelten sich ausgehend vom feudalen Mittelalter über die Aufklärung bis hin zu Kant, Hegel und Marx und seinen Nachfolgern verschiedene Strömungen, die im Folgenden dargestellt werden. Im Zentrum der Erkenntnistheorie Kants stand die »Kopernikanische Revolution«, das heißt die Ersetzung von religiösen Vorstellungen über die Verhältnisse in der Natur durch Begriffe der Vernunft. Kant entwickelte daraus seine Lehre vom Begriff, die auf der Prämisse aufbaut, dass jede Erkenntnis einen Begriff erfordert.
Die Wissenschaftstheorie: Wie wird wissenschaftliche Forschung betrieben und wie ist der Charakter ihrer Ergebnisse zu bestimmen? Aus den verschiedenen Strömungen in der Erkenntnistheorie entwickelten sich ganz unterschiedliche Auffassungen darüber, wie wissenschaftliche Forschung betrieben wird. Wird das Werk Gottes erkannt, werden die erkannten Gesetze der Natur entnommen oder besteht die wissenschaftliche Forschung aus vernünftigen Konstruktionen, deren Gehalt an den Erscheinungen der Welt überprüft wird. Eine Besonderheit der Philosophie Gramscis liegt darin, dass er die jeweils vorherrschende Erkenntnistheorie mit einem wissenschaftlichen Weltbild verknüpft. Mit einem wissenschaftlichen Weltbild wird ein Bild von der Erde im Universum gezeichnet, in dem sich das naturwissenschaftliche Wissen der Menschheit zusammenfasst. Gramsci diskutiert insgesamt vier verschiedene Weltbilder: Das religiös geprägte ptolemäische Weltbild des späten Mittelalters, das mechanische Weltbild von Isaac Newton, das als wissenschaftlicher Durchbruch in der Epoche der Aufklärung gilt, ein mechanistisches Weltbild, das in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts dominant wurde, und das relativistische, das sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts herauskristallisierte und mit dem Namen Albert Einstein verbunden ist. Die Beschäftigung mit wissenschaftlichen Weltbildern, ihrer Entstehung und dem Übergang von einem Weltbild zu dem nächste resultiert in einer Theorie über Theorien und wird heute als Wissenschaftstheorie bezeichnet.
Die Religionsphilosophie: Was kann ich über Gott wissen? Aus dem weiten Feld der Religionsphilosophie soll hier nur die zentrale erkenntnistheoretische Frage Kants herausgegriffen werden; sie lautet: »Ist Gott?«23 Kant wies nach, dass alle damals gängigen Beweise der Existenz Gottes nicht haltbar waren. Er stellte weiterhin fest, dass Gott auch in den Erscheinungen der Welt nicht nachgewiesen werden könne. Die Ergebnisse seiner Untersuchung über die Existenz Gottes und der christlichen Dogmatik mündeten in eine Kritik der Religion und insbesondere der christlichen Konfessionen ein.
Die Geschichtsphilosophie: Was kann ich über die menschliche Geschichte wissen? Die Philosophie der Geschichte bezieht sich nicht auf einzelne Ereignisse, Vorgänge und Resultate in der menschlichen Geschichte. Die Frage »Was kann ich wissen?« zielt auf die ganze Menschheitsgeschichte, auf die großen Epochen und Epochenübergänge in der Geschichte ab. Geschichtsphilosophien können in zwei Teile untergliedert werden: In einen Teil, in dem die Kriterien für die Daten begründet werden, die in der Geschichte zu sammeln, zu ordnen und zu untersuchen sind. Daraus ergibt sich die Geschichtsschreibung. Der zweite Teil besteht in einer Interpretation der festgestellten Daten. Sind Fortschritt oder Rückschritt erkennbare Tendenzen in der Menschheitsgeschichte, tritt die Menschheit auf der Stelle oder kann nur das Chaos – ohne Muster und Tendenz – festgestellt werden? Kant, Hegel und Marx entwickelten jeweils eine eigene Geschichtsphilosophie. Die bekannteste ist die von Marx, der 1848 im »Kommunistischen Manifest« schrieb: »Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.«24 Nachdem die Geschichtsphilosophien von Kant und Hegel den Lesern vorgestellt wurden, können sowohl der Gehalt der klassischen deutschen Philosophie in der Geschichtsphilosophie von Marx aufgedeckt, als auch die Neuerungen, die er vornahm, herausgearbeitet werden. Nachdem diese Arbeit getan ist, lassen sich die Wandlungen feststellen, die die materialistische Geschichtsauffassung von Marx im Werk seines Weggefährten Engels, bei dem deutschen sozialdemokratischen Parteiphilosophen Kautsky und bei den russischen Marxisten erfahren hat. Gramscis Geschichtsphilosophie knüpft an die Linie Kant-Hegel-Marx an und enthält eine strikte Absage an den Determinismus jener Variante des historischen Materialismus, die sich basierend auf den Ausführungen von Engels und Lenin in der Sowjetunion durchsetzte und von dort aus zu einer weltgeschichtlichen Macht wurde.
Was soll ich tun?
Aus der Sittlichkeit der bürgerlichen Gesellschaft entwickelte Kant die politische Philosophie der demokratischen Republik: Mit der Frage »Was soll ich tun?« wird in der Philosophie das Feld der Ethik betreten. Kant benutzte den heute nicht mehr gebräuchlichen Ausdruck Sittlichkeit anstelle von Ethik. Unter Ethik, also unter Sittlichkeit im Sinne Kants, wird im Folgenden nicht die Diskussion einzelner moralischer oder gesetzlicher Normen verstanden, denen das Individuum folgen soll. Im Zentrum der ethischen Diskussion steht vielmehr die Frage, wie die gesellschaftliche Ordnung beschaffen ist, aus der einzelne moralische Normen und staatliche Gesetze hervorgehen. Ausgehend von der »Kopernikanischen Revolution« untersuchte Kant die Frage, wie die sittlichen Verhältnisse zwischen den Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft zu bestimmen sind. Wenn es Verhältnisse zwischen gleichen vernünftigen Individuen und nicht mehr solche zwischen Herr und Knecht sind, dann ergibt sich daraus, dass Normen und Gesetze nicht mehr durch das religiös begründete Diktat einer feudalen Monarchie, sondern durch die Gesetzgebung in der demokratischen Republik entstehen und Gültigkeit erlangen. Kants Lehre von der Sittlichkeit der bürgerlichen Gesellschaft wird insofern zur politischen Philosophie, das heißt, zur philosophischen Begründung einer neuen gesellschaftlichen Prozedur, durch die bürgerliche Freiheit einen Rahmen erhält und demokratisch legitimierte allgemeine Gesetze zustande kommen können.
Kant formulierte eine Reihe von Aufforderungen an vernünftig handelnde Menschen, die er Imperative nannte: Schon vor der französischen Revolution entwarf Kant eine Ethik der bürgerlichen Gesellschaft, die sich in mehreren Jahrhunderten in Europa vor allem im städtischen Leben entwickelt hatte. Ausgehend von seiner Erkenntnistheorie begründete Kant in seiner Ethik, dass jeder Mensch im Prinzip die Fähigkeit besitze, vernünftig zu denken und zu handeln. Die wechselseitige Anerkennung der Menschen als vernünftige, ihre Zwecke selbst setzende Wesen bildete in Kants Ethik die Grundlage der Menschen- und Bürgerrechte und des allgemeinen Wahlrechts, die später von der
