Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Sommer, Sonne, Gambas - so hat sich Katze Frau Merkel ihre dreimonatige Mallorca-Auszeit mit Kommissar Steinböck vorgestellt. Doch kaum auf der Insel, entdeckt sie im Nachbar-Bungalow einen Münchner YouTuber mit einer Kugel im Kopf. Comisario Ferrer aus Palma bittet Steinböck um Amtshilfe. Seine Spuren führen ihn vom Villenviertel bis in den Yachthafen von Palma. Als dort eine weitere Leiche aus dem Hafenbecken gefischt wird, ist es mit der Idylle endgültig vorbei - adiós Erholung, denn dieser Urlaub wird mörderisch spannend! Und Frau Merkel? Weiß mal wieder alles besser …
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 258
Veröffentlichungsjahr: 2026
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Kaspar Panizza
Mallekatz
Frau Merkel und der Tote auf der Yacht
Fiesta fatal in Palma Drei Monate Mallorca! Kommissar Steinböck genießt die Sonne, und seine Katze Frau Merkel entdeckt ein neues kulinarisches Highlight: Gambas! Dagegen haben ihre sonst so geliebten Nordseekrabben keine Chance. Doch die Idylle kippt, als Frau Merkel im benachbarten Ferienhaus einen toten Münchner mit einem hässlichen Loch im Kopf entdeckt. Comisario Ferrer aus Palma bittet Steinböck um Unterstützung, und gemeinsam mit der spleenigen Gerichtsmedizinerin Peggy Trendler beginnt er zu ermitteln. Erste Spuren führen in ein luxuriöses Villenviertel am Meer und zu einer rätselhaften Begegnung in einer kleinen Strandbar. Als weitere Hinweise auftauchen, die bis nach München und in die Politik führen, ist klar: Der Fall reicht bis in höchste Kreise. Steinböck lässt einen Teil seines Münchner Teams einfliegen und ermittelt. Natürlich unterstützt von einer Katze, die mal wieder mehr durchblickt als alle anderen.
Kaspar Panizza wurde 1953 in München geboren. Den Autor, der aus einer Künstlerfamilie stammt, prägten die Arbeiten seines Vaters, eines bekannten Kunstmalers, sowie die Bücher seines Urgroßonkels Oskar Panizza. Nach dem Pädagogikstudium machte Kaspar Panizza eine Ausbildung zum Fischwirt, erst später entdeckte er seine Liebe zur Keramik. Nach abgeschlossener Ausbildung mit Meisterprüfung arbeitete er zunächst als Geschirr-Keramiker und später als Keramik-Künstler im Allgäu. 2004 übersiedelte er nach Mallorca, wo er eine Galerie mit Werkstatt betrieb und zu schreiben begann. Seit 2009 lebt Kaspar Panizza in Ribnitz-Damgarten an der Ostsee, wo er zusammen mit seiner Ehefrau bis 2018 ein Keramik-Atelier führte. Seither widmet er sich ganz dem Schreiben.
Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.
Bei Fragen zur Produktsicherheit gemäß der Verordnung über die allgemeine Produktsicherheit (GPSR) wenden Sie sich bitte an den Verlag.
Immer informiert
Spannung pur – mit unserem Newsletter informieren wir Sie
regelmäßig über Wissenswertes aus unserer Bücherwelt.
Gefällt mir!
Facebook: @Gmeiner.Verlag
Instagram: @gmeinerverlag
Besuchen Sie uns im Internet:
www.gmeiner-verlag.de
© 2026 – Gmeiner-Verlag GmbH
Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Christine Braun
Satz/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung der Fotos von: © Shutterstock Generate. ID: 2661964957; Shutterstock Generate. ID: 2661963143
ISBN 978-3-7349-3618-0
Liebe Leser, Malle ist nun mal nicht München.
Aber diesmal musste ich der Katze notgedrungen nachgeben.
Frau Merkel: die Katze, die Steinböck mit ihren nervigen Kommentaren oft zur Verzweiflung bringt
Steinböck (SB): sehr eigenwilliger Hauptkommissar; Leiter des Ermittlungsteams
Emil Mayer junior: Kommissar; mittelmäßig pigmentierter Afro-Bayer und Rollstuhlfahrer
Ilona Hasleitner: Kommissarin; Recherche-Genie und Herrin der Butterbrezen
Dr. Thomas Klessel: Leiter der Gerichtsmedizin; zelebriert gerne den Inhalt seines silbernen Flachmanns
Dr. Horst Schmalzl: Psychotherapeut; Gerichtsgutachter, der von Frau Merkels Genialität überzeugt ist (Katze!!)
Bernulf Valentin Schwäble: Polizeibeamter in der Mordkommission
Ferdel Bruchmayer: schleimiger Staatssekretär und SBs Intimfeind
Sabine Husup: nervige und neugierige Lokalreporterin
Veronika: Steinböcks ehemalige Nachbarin
Onkel Josef (José): SBs Onkel aus Mallorca; er hat Veronika mit auf die Insel genommen, wo sie zusammen auf seiner Finca leben
Phan Lan Huong: IT-Genie und Mayer juniors neue Flamme; auch sie kann die Katze sprechen hören
Miguel Ferrer: Leiter der Mordkommission Palma
Peggy Trendler: Gerichtsmedizinerin und notgedrungen alleinige SpuSi-Chefin in Palma
Roberto Trendler: ihr Neffe und Mitarbeiter einer IT-Firma
Pedro da Silva: Staatsanwalt in Palma de Mallorca
Thomas Heuberger: bayerischer Landtagsabgeord-
neter
Wolly Niesling: ehemaliger Hafenarbeiter aus Rostock und Onkel Josefs Nachbar; verbringt seinen Lebensabend auf Mallorca
Patrick Zöbele: YouTuber mit kriminellem Background
Saskia van de Groot: Immobilienverwalterin
Lotte Jensen: ihre Schwester
Franz und Urs: skurriles Alpenduo, das mit Gelegenheitsarbeiten seinen Lebensunterhalt verdient
Lotte beobachtete, wie sich das schmiedeeiserne Tor öffnete und das Taxi langsam auf den Hof fuhr. Als sie ihn aus dem Wagen steigen sah, verzerrte sich ihr Gesicht, und eine unbeschreibliche Wut stieg in ihr auf. Der Fahrer des Taxis holte einen Koffer aus dem Fond des Autos und schleppte ihn über den Kies bis zur Eingangstür. Dort nahm er sein Fahrtgeld in Empfang, und offensichtlich war das Trinkgeld bescheiden, wie nicht anders zu erwarten. Wortlos drehte sich der Taxler um und eilte zurück zu seinem Wagen.
Sie wusste, wohin ihn sein erster Weg führen würde. Ihr Mann durchquerte die riesige Eingangshalle und steuerte direkt auf die Bar zu. Sie trat einen Schritt hinter das Geländer und sah von oben zu, wie er die Kombination eintippte. Was für ein Theater, welch albernes Ritual! Immer wenn er das Haus betrat, schenkte er sich zuerst einen dieser sündhaft teuren Whiskys ein. Würde er ahnen, dass sie die Kombination kannte, wäre er vielleicht vorsichtiger.
Er ließ sich auf das weiße Sofa fallen. Andächtig betrachtete er die Flasche, dann goss er das Glas halb voll und leerte es genüsslich in kleinen Schlucken. Die K.-o.-Tropfen wirkten schneller, als sie vermutet hatte. Sein Kopf begann hin und her zu wackeln, und sie beeilte sich, die breite Marmortreppe hinunterzusteigen. Als sie ihn ansprach, lächelte er und versuchte lallend, etwas zu sagen.
»Komm, Schatz, ich bring dich auf dein Zimmer.« Sie half ihm auf und legte seinen Arm um ihre Schultern. Es wunderte sie, dass er noch selbst gehen konnte und trotzdem willenlos war. So führte sie ihn vorsichtig nach unten in den Spa-Bereich.
»Ich bin so müde«, murmelte er, als sie schließlich vor dem Pool standen.
»Ich hätte nicht gedacht, dass es so einfach ist«, sagte sie zu sich selbst. Sie war sich nicht sicher, ob das Wasser ihn wieder wach machen und er versuchen würde, den Beckenrand zu erreichen. Sie würde das zu verhindern wissen. Er sollte jämmerlich ersaufen für das, was er ihr angetan hatte.
Doch plötzlich kamen Zweifel in ihr auf. Er sollte leiden, es sollte nicht schnell gehen. Sie packte ihn an den Schultern und drehte ihn um. Willenlos ließ er sich zur Sauna führen. Fast liebevoll drückte sie ihn auf die Holzbank.
»Schlaf dich erst mal aus«, flüsterte sie ihm ins Ohr.
Dann schloss sie die Tür hinter sich, schob den schweren Holzstuhl davor und klemmte ihn unter den runden Türknauf.
*
Als er erwachte, fühlte sich sein Mund trocken an. Mit der Zunge fuhr er am Gaumen entlang und spürte keinerlei Speichel. Er erinnerte sich, dass seine kranke Mutter auf dem Sterbebett immer geschmatzt hatte, um den Speichelfluss zu fördern, und versuchte diese Methode. Es klappte. Okay, er hatte gestern ein paar Gläser Wein getrunken. Aber warum wusste er nicht, wie er nach Hause gekommen war?
Er rollte sich zur Seite und ließ die Beine über die Bettkante nach unten sinken. Weit kam er nicht, als er sich aufsetzen wollte. Ein stechender Schmerz in seinem Kopf bremste ihn. Er tastete nach der Matratze und stellte fest, dass da nur ein paar Holzbretter waren. Er machte die Augen auf, schloss sie jedoch schnell wieder, als dieser stechende Schmerz noch stärker wurde. Blinzelnd blickte er nach oben und bemerkte ein schmales, längliches Fenster, durch das spärliches Licht ins Innere des Raumes fiel.
Vorsichtig erhob er sich und tastete die Wand entlang. Der seltsame Geruch war ihm vertraut. Trotzdem konnte er ihn im Moment nicht zuordnen. Die Wand war warm. Vermutlich war sie aus Holz. Er glitt mit dem Finger über die Struktur. Eindeutig Nut-und-Feder-Bretter. Da kannte er sich aus. Er spürte einen Holzgriff, vermutlich war hier die Tür, und rüttelte daran, doch es bewegte sich nichts.
Langsam ging er rückwärts, bis er die Holzpritsche spürte, und ließ sich darauf nieder. Ihm war klar, dass er hier eingesperrt war. Er legte die angewinkelten Arme auf die Knie und verbarg sein Gesicht in den offenen Händen. Er versuchte nachzudenken, sich an gestern zu erinnern. Er musste unbedingt einen klaren Kopf bekommen.
Plötzlich überfiel ihn wieder diese bleierne Müdigkeit. Er legte sich auf die Seite. »Nur kurz schlafen, dann wird es mir wieder einfallen«, murmelte er.
Er erwachte erneut. Sein Schädel drohte zu zerspringen. Vorsichtig befühlte er seinen Kopf. Aber da war nichts, keine Beule, keine Wunde. Das Fenster war jetzt deutlich heller. Mühsam erhob er sich und tastete aufs Neue die Wände ab. Die Holzverkleidung und dieser seltsame Geruch. Langsam wurde ihm klar, wo er sich befand. Seine Augen gewöhnten sich an das schummerige Licht, und er entdeckte in einer Ecke den Saunaofen. Er ging auf die Tür unter dem Fenster zu. Im oberen Teil der Tür befand sich eine Art Bullauge, das jedoch von außen verhängt war. Er stemmte sich gegen die Tür, aber nichts rührte sich. Auch mit Anlauf kam er, außer zu einer schmerzenden Schulter, zu keinem anderen Ergebnis. Mit ausgestrecktem Arm konnte er den Fenstersims über der Tür erreichen, hatte jedoch nicht die Kraft, sich daran hochzuziehen. Jetzt rächte es sich, dass er seit Jahren keinen Sport mehr trieb und deutliches Übergewicht hatte. Mit dem Elektrocaddy über den Golfplatz zu fahren und ein paarmal den Schläger zu schwingen, hatte nicht verhindert, dass er fett geworden war.
Schließlich schaffte er es doch, sich mit beiden Armen nach oben zu ziehen, indem er den rechten Fuß auf den Türgriff stellte. Er blickte nach draußen. Auf die blau schimmernde Oberfläche eines Pools. Und auf eine Person, die etwas vors Gesicht hielt und sich langsam im Kreis drehte.
»Hallo!«, schrie er, doch die Person hörte ihn nicht.
Er musste versuchen, gegen die Scheibe zu klopfen. Dazu löste er die linke Hand vom Sims und stieß sich vom Türgriff ab. Ein kurzes Knacken, dann brach der hölzerne Griff, und der Mann stürzte rücklings nach unten und knallte mit dem Kopf gegen den Boden. In diesem Augenblick verlor er erneut das Bewusstsein.
*
Patrick war zufrieden mit dem, was er am heutigen Tag geschafft hatte. Er hatte sich auf der Rückseite des kleinen Ferienbungalows einen schattigen Platz gesucht, sich die Kopfhörer aufgesetzt und studierte nun die Aufnahmen vom späten Nachmittag auf seiner Kamera. Trotz des kleinen Displays waren die Bilder gestochen scharf.
»Was für ein Luxus«, murmelte er.
Die Eingangshalle der Sieben-Millionen-Villa auf den Filmaufnahmen war in rosa Marmor gehalten. Die Rückseite des Gebäudes bestand aus großen Glastüren, die auf die riesige Terrasse führten und den umwerfenden Blick auf das Meer und die Insel Cabrera freigaben. Der Pool von acht mal zehn Metern wirkte dabei eher bescheiden. Das alles war der private Teil, zu dem er keinen Zugang hatte, aber Gäste- und Wellnessbereich waren pompös genug. Er hatte Material von über einer halben Stunde, das er sichten und auf fünf bis acht Minuten zusammenfassen musste. Natürlich nur Aufnahmen vom Innenbereich. Das war Voraussetzung. Er verlangsamte die Wiedergabegeschwindigkeit und plante im Geiste bereits, wo er das Filmmaterial schneiden wollte. Erst jetzt erkannte er viele Details, die er in der Villa gar nicht bemerkt hatte. Inzwischen war er beim Indoorpool angekommen, der sich im Untergeschoss befand, das zum großen Teil in den Felsen gesprengt worden war. Hier gab es ein riesiges Fenster, das an ein Peace-Zeichen erinnerte. Durch dessen getönte Scheiben sah man die darunterliegenden Felsen, die vom tiefblauen Meer umspült wurden. Es folgte ein Schwenk durch den Spa-Bereich.
Er stoppte die Aufnahme und spulte zurück. Irgendetwas hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Da war es wieder. Er hielt den Film erneut an und vergrößerte die Szene. Was zur Hölle war das?
Als ihm bewusst wurde, was er gefilmt hatte, war ihm eines sofort klar. Er brauchte Roberto, und zwar jetzt. Er mochte ihn. Und vor allem mochte er es, von ihm bewundert zu werden. Sein Gesicht, wie er ihm an den Lippen hing, wenn er von seinen Geschäften erzählte. Wie gerne wollte der Junge bei ihm mitmachen. Nun hatte er die Gelegenheit dazu. Patrick roch ein Riesengeschäft, aber dazu brauchte er die Hilfe des jungen Mallorquiners.
Er legte die Kamera weg, nahm die Kopfhörer ab, griff nach seinem Smartphone und wählte Robertos Nummer. Da er trotz langen Läutens nicht ans Telefon ging, schickte er ihm eine Sprachnachricht auf WhatsApp.
»Du musst unbedingt vorbeikommen. Ich hab gerade die letzten Aufnahmen angeschaut. Das ist ein Riesending, diese Villa. Ich brauche deine Hilfe. Wenn das klappt, bist du dabei. Und diesmal gibt es richtig Kohle. Das habe ich im Urin. Ich warte hier auf dich, beeil dich.«
Kurze einfache Sätze, das hatte ihm sein Vater immer gepredigt, und daran hielt er sich. Er ging zum Kühlschrank, holte sich ein Red Bull heraus und hockte sich in einen der weißen Korbsessel auf der Terrasse. Er setzte sich die Kopfhörer auf, öffnete die Getränkedose und ließ den Film noch einmal ablaufen.
Plötzlich tippte ihm jemand auf die Schulter. Erschrocken drehte er sich um.
»Ich habe geklopft.«
Patrick zog einen der Kopfhörer vom Ohr. »Wer sind Sie und was wollen Sie?«, fragte er ärgerlich und legte die Kamera beiseite. »Ich habe zu arbeiten.«
»Ich sehe es«, erwiderte die Person und deutete auf das Display der Kamera. »Deswegen bin ich hier.« Im selben Moment zog sie eine Pistole unter dem Pullover hervor, richtete sie auf Patricks Stirn und drückte ab.
Ein kurzes Zucken, dann drohte der Körper zur Seite zu kippen. Die Person hielt ihn fest und lehnte den Toten zurück in den weißen, abgewetzten Korbsessel. Anschließend öffnete sie vorsichtig seine rechte Hand, schob die Pistole hinein und legte den Zeigefinger auf den Abzug. Beinahe liebevoll durchsuchte sie Patricks Taschen, steckte das Handy und die Kamera ein und verschwand im Haus.
»Du nervst«, knurrte der Münchner Kommissar Steinböck, drehte sich zur Wand und zog die Decke über den Kopf.
»Es ist schon nach 7 Uhr. Die Sonne scheint, ein wunderbarer Herbsttag steht bevor, und du liegst immer noch im Bett«,schimpfte seine Katze Frau Merkel und sprang wie ein Ziegenbock auf seinen Schultern auf und ab.
»Kruzifix noch amal«, fluchte Steinböck. »Was ist bloß mit dir los? Seit einer Woche führst jetzt dieses Theater auf. Warum gehst du nicht raus und inspizierst die Mülltonnen?«
»Es gibt hier keine Mülltonnen«, bemerkte Frau Merkel und stellte zufrieden fest, dass der Kommissar sich wütend aus dem Bett drehte.
»Dann such dir etwas anderes, womit du dich beschäftigen kannst. Du wolltest unbedingt nach Mallorca. ›Ich möchte zurück auf die Insel, auf der ich geboren wurde‹«, zitierte er sie mit theatralischer Stimme.
»Wir sind schon sechs Wochen hier, und von meinen Vorfahren habe ich bisher niemanden getroffen.«
»Was erwartest du? Für eine Katze ist das Leben auf Malle hart.«
»Ich hab Hunger!«
»Dann fang dir ein paar Mäuse.«
»Ich hab Hunger!«
»Hab ich gehört. Die spanischen Mäuse sollen besonders lecker sein.«
»Ich hab Hunger!«, wiederholte Frau Merkel stoisch.
Steinböck wusste, dass er das Spiel nicht gewinnen würde, also packte er seine Klamotten und verschwand in dem kleinen Bad des Häuschens, das er seit zwei Wochen zusammen mit der Katze bewohnte. Ein ehemaliger Ziegenstall, den sein Onkel Josef liebevoll in einen Ferienbungalow umgebaut hatte.
Als er, nur mit Boxershorts bekleidet, vom Duschen zurückkam und Richtung Küche ging, folgte ihm Frau Merkel dicht auf den Fersen.
»Du hast schon wieder zugenommen«, lästerte sie.
Er ignorierte den Kommentar seiner Katze, öffnete die Tür des Kühlschranks und inspizierte dessen kärglichen Inhalt.
»Der Thunfisch ist im Schrank da drüben«, stellte Frau Merkel lapidar fest.
»Ich glaube, ich muss heute einkaufen gehen«, murmelte er und schloss schwungvoll die Kühlschranktür.
»Erst mein Frühstück.«
Genervt gab er nach, öffnete den Küchenschrank, holte eine der Dosen heraus und füllte den Inhalt in den Napf der Katze.
Nachdem sie den ersten Hunger gestillt hatte, sprang sie auf den Tisch und beobachtete, wie Steinböck ein paar Gläser vom Vorabend spülte.
»Was ist, gehen wir jetzt rüber zu Onkel José, um dort weiterzufrühstücken? Veronika hat bestimmt frische Krabben für mich.«
»Vergiss es, ich frühstücke im Ort. Du weißt, Onkel Josef ist Langschläfer. Wenn du ihn um diese Zeit weckst, dann auf deine eigene Verantwortung«, warnte er die Katze.
»Okay, zieh dich an, wir treffen uns am Auto.«
»Ich glaub, heut gehen wir zu Fuß. Das sind keine zwei Kilometer. Wird mir guttun«, murmelte er und schlüpfte in seine Jeans. Danach streifte er sich ein frisches T-Shirt über und ging zur Tür.
Die Katze starrte ihm entgeistert nach. »Du und zu Fuß? Jetzt mach ich mir wirklich Sorgen. Wir sollten vielleicht doch zurück nach München. Der Horsti kann dir sicher helfen. Schließlich ist der dein Psychiater.«
»Kommst du mit oder willst du weiterhin in deine Nudelsuppe weinen?«
»Das ist mein Spruch«,fauchte Frau Merkel beleidigt und folgte ihm nach draußen.
Die Sonne stand um diese herbstliche Jahreszeit nur wenig über dem Horizont, trotzdem sorgte sie für eine angenehme Wärme. Steinböck verließ das Grundstück, warf einen kurzen Blick auf den Leihwagen und machte sich trotzig zu Fuß auf in Richtung des kleinen Städtchens Campos. Er liebte die kleine ruhige Stadt im Südosten der Insel. Im Vergleich zu anderen Orten gab es hier wenig Touristen. Campos hatte sich zu einer Einkaufsstadt gemausert, von der aus man den paradiesischen Naturstrand Es Trenc mit dem Auto in weniger als 15 Minuten erreichte. Und bis Palma waren es etwa 40 Kilometer.
Die Katze war auf die Steinmauer, die um das Grundstück des Ferienbungalows herumführte, gesprungen und blickte wehmütig auf die 200 Meter entfernte Finca von Onkel José. Natürlich wusste sie, dass dieser um diese Zeit noch im Bett lag. Aber ein Versuch war es wert gewesen. Widerwillig folgte sie dem Kommissar, der bereits 100 Meter Vorsprung hatte. Mit ein paar langen Sätzen hatte sie ihn eingeholt. »Hast du dein Handy dabei?«
»Warum willst du das wissen?«
»Falls du dich mit diesem Gewaltmarsch überschätzt, könnte ich den Notarzt rufen«, frotzelte Frau Merkel.
»Dann sieht’s aber schlecht aus für deine Krabben«, erklärte er mit schiefem Grinsen und ignorierte die Katze fortan.
Nach etwa zehn Minuten passierten sie zwei Ferienhäuschen. Das eine befand sich 50 Meter entfernt auf einem kleinen Hügel. Das andere nahe der Straße. Vor dessen Tür parkte ein blauer Leihwagen.
»Hey, die Hütte ist vermietet. Ich schau mich mal ein bisschen um.«
»Kreizkruzifix, bleib da oder wart gefälligst, bis ich weit genug weg bin«, fluchte Steinböck und beschleunigte seine Schritte, um Abstand zwischen sich und die Katze zu bringen.
Es dauerte nicht lange, bis sie wieder neben ihm war.
»Da sitzt einer auf der Terrasse.«
»Das soll vorkommen«, erwiderte er spitz.
»Ich glaube, er ist tot.«
Der Kommissar stoppte kurz, ging dann aber weiter. »Wie kommst du darauf?«
»Er hat ein hässliches Loch in der Stirn und reagiert nicht auf meine Krallen. Vielleicht täusche ich mich auch.«
Steinböck zögerte einen Moment. Er kannte die dummen Sprüche von Frau Merkel, aber möglicherweise sagte sie auch die Wahrheit. Er beschloss umzudrehen und den Hügel hinauf zu dem Haus zu gehen.
»Hey, warte, das ist meine Leiche!«
»Wehe, wenn du mich verarschst, dann kannst du dir die nächsten zwei Wochen dein Futter auf dem Feld suchen!«
*
Kommissar Steinböck war, nachdem er sich vom Tod des Mannes überzeugt hatte, froh, dass er die Nummer des Kollegen aus Palma von einem zurückliegenden Fall noch gespeichert hatte. Er tippte sie an, schaltete den Lautsprecher ein und legte das Handy neben sich auf die Mauer. Schließlich erreichte er Ferrer auf der Hochzeit seiner Kollegen. Er ließ ihn erst gar nicht zu Wort kommen, sondern erzählte von dem Toten, den sie gefunden hatten.
»Mensch, Steinböck, ich bin der Trauzeuge. In einer halben Stunde sind wir auf dem Standesamt. Danach könnte ich mich womöglich davonschleichen. Würdest du in der Zwischenzeit den Tatort sichern?«, fragte Ferrer in perfektem Deutsch, wobei er weder den niederbayerischen Akzent, den er während seines Studiums in Regensburg angenommen hatte, noch den seiner spanischen Muttersprache verbergen konnte.
»Ich? Ich hab hier keinerlei Befugnisse. Hast du keine Kollegen, die Bereitschaft haben?«, wollte Steinböck wissen und musterte den Toten, der nur wenige Meter entfernt auf einem Gartenstuhl saß und ihn aus gebrochenen Augen anstarrte. Steinböck war erleichtert, dass Comisario Miguel Ferrer nicht wissen wollte, warum er die Leiche gefunden hatte. Doch ihm war klar, dass diese Frage früher oder später kommen würde. »Die Katze hat’s mir erzählt« klang nicht gerade vertrauenswürdig. Verdammt, er musste sich eine gute Ausrede einfallen lassen.
»Kollege Rocca ist im Urlaub, kommt aber hoffentlich morgen wieder. Kollege López ist seit drei Wochen pensioniert, und sein Nachfolger sitzt noch in Barcelona. Zuletzt meine junge Kollegin – sie ist die Braut und heiratet Valdez, unseren IT-Spezialisten. Die zwei gehen heut Abend noch auf Hochzeitsreise«, jammerte Miguel Ferrer.
»Das ist ja schlimmer als bei uns in München«, stöhnte Steinböck und dachte wehmütig an das frische Croissant und einen Café con leche, dem er jetzt normalerweise gegenübersitzen würde. Stattdessen blickte er in das Gesicht des Toten, der ihm irgendwie bekannt vorkam. »Gut, ich bleibe hier, aber beeil dich, ich habe noch nicht gefrühstückt. Ich vermute, die SpuSi ist auch auf der Hochzeit?«
»Stimmt. Bis auf die Pathologin. Sie hat’s nicht so mit Feiern und Festen. Ich schicke sie dir sofort. Peggy kommt aus der früheren DDR, spricht also deutsch. Wundere dich nicht, sie ist ein bisschen seltsam.«
»Das sind wir gewohnt«, konnte sich Frau Merkel nicht verkneifen. »Unser Gerichtsmediziner hat auch nicht alle Tassen im Schrank.«
»Sag mal, war es die Katze, die den Toten gefunden hat?«, wollte Ferrer wissen.
Steinböck kam nicht mehr dazu zu antworten. Aus dem Smartphone erklang plötzlich Musik und lautes Gejohle.
»Ich komm, sobald ich kann«, hörte Steinböck noch, bevor die Verbindung abbrach.
Genervt klappte er sein Smartphone zu und rutschte von der Mauer. Erneut musterte er das Gesicht des Toten. Er war sich sicher, ihn schon mal gesehen zu haben. Sein Gedächtnis für Gesichter war legendär. Die Hand des Toten, die die Waffe umgriff, lag auf dem rechten Oberschenkel. Auf den ersten Blick sprach vieles für Selbstmord, aber seiner Erfahrung nach verwendeten Selbstmörder, die sich mitten in die Stirn schossen, den Daumen für den Abzug, nicht den Zeigefinger. Es war auch seltsam, dass die andere Hand noch eine Dose Red Bull umklammerte. Steinböck machte mehrere Fotos vom Getöteten und vom Tatort.
Danach schaute er sich auf der Veranda um. Sein Blick blieb an der angelehnten Eingangstür hängen. Vorsichtig umrundete er den Toten und öffnete sie mit dem Ellenbogen. Die Einrichtung der Wohnung ähnelte seinem eigenen Feriendomizil. Er konnte nichts Persönliches finden. Die Küche war nie benutzt worden, und selbst im Bad fand er außer einer Zahnbürste und einer Tube Zahnpasta nur einen geöffneten Kulturbeutel, über dem ein Handtuch lag. Zurück in der Küche öffnete er vorsichtig den Kühlschrank mit einer Gabel. Außer etwa 20 Dosen Red Bull war er leer. Er wollte der SpuSi die Arbeit nicht erschweren, deswegen ließ er alles unberührt.
Schließlich verließ er das Haus und inspizierte den Leihwagen, der vor der Eingangstür stand. Das Auto war unverschlossen. Auf dem Beifahrersitz entdeckte er neben den Vermietungspapieren der Leihwagenfirma eine aufgefaltete Landkarte der Insel, auf der mehrere Punkte mit einem Filzstift markiert waren. Auch davon machte er ein Foto.
»Das ist das erste Mal, dass ich dich an einem Tatort arbeiten sehe«, bemerkte die Katze, die dem Kommissar auf Schritt und Tritt folgte. »Bitter, wenn einem die heimischen Sklaven fehlen.«
»Dafür hab ich ja dich.«
»Was soll ich tun?«, fragte sie spöttisch. »Den Toten bewachen?«
»Gute Idee. Es soll hier Ratten geben, so groß wie Kaninchen.«
»Sehr witzig. Und was machst du?«
»Ich setze mich auf die Steinmauer und warte auf die Pathologin.«
»Sie soll komisch sein.«
»Ach nee«, erwiderte Steinböck gereizt und fischte seinen Tabak aus der Tasche, um sich eine Zigarette zu drehen. »Da kenn ich noch jemanden.« Er lehnte sich zurück gegen den Stamm eines alten Mandelbaumes, der inmitten der Mauer herauswuchs. Für einen Moment überlegte er, wer wohl zuerst da war: der Baum oder die Mauer. Dann zündete er sich den Glimmstängel an und beobachtete die Straße, die nach etwa einem Kilometer zwischen den ersten Häusern von Campos verschwand. In die andere Richtung, ein paar hundert Meter hinter Onkel Josefs Finca, endete der geteerte Teil und ging in eine unbefestigte Straße über, die irgendwann in der Nähe von Llucmajor wieder auf die Hauptstraße mündete. Also musste die Gerichtsmedizinerin von Campos kommen.
Ein weißer Wagen tauchte hinter den Häusern auf, bog aber kurz darauf in einen Feldweg ein. Jetzt näherte sich eine Gruppe von Rennradlern mit erstaunlichem Tempo und rauschte an ihm vorbei.
»Die werden sich wundern, wenn die Teerstraße aufhört«, schnurrte Frau Merkel und ließ sich neben dem Kommissar auf der Mauer nieder.
»Wer sein Fahrrad liebt, der schiebt«, antwortete Steinböck missmutig und schaute auf seine Uhr. Inzwischen war es halb neun. Er schloss die Augen und stellte sich vor, wie Ilona Hasleitner, seine Kollegin in München, mit einem Latte macchiato und einer Butterbrezen um die Ecke kam.
Das leise Knattern eines Zweitakters holte ihn zurück in die Wirklichkeit. Weil das Geräusch aber von hinten kam, vermutete er Josef auf einer der vorzeitlichen Maschinen, die er beim Kauf der Finca übernommen und nach und nach wieder instand gesetzt hatte. Die alte Vespa, die auf sie zusteuerte, hatte Steinböck in der Garage seines Onkels noch nie gesehen.
»Oh, là, là, José ist schon wach«, bemerkte die Katze, die ebenfalls von Steinböcks Onkel auf dem Fahrzeug ausging.
»Seit wann trägt Onkel Josef einen rosa Helm?«
»Der Anhänger an der Vespa ist ebenfalls äußerst originell.«
Der Roller hielt neben ihnen an. Unter dem Helm kam nicht Onkel Josef zum Vorschein, sondern eine Frau, die sich mit gespreizten Fingern durch die pink gefärbten Haare fuhr. Ihre ebenfalls pink geschminkten Augen blitzten Steinböck an. Er schätzte ihr Alter auf Mitte bis Ende 40. Geschmeidig stieg sie von der Maschine, klappte mit dem Fuß den Ständer heraus und wandte sich dem Kommissar und seiner Katze zu, die perplex nebeneinander auf der Mauer saßen.
»Kommissar Steinbääck?«, fragte sie mit grimmigem Gesicht.
Steinböck schien es, als zöge sie seinen Namen absichtlich in die Länge.
»Mein Name ist Peggy Trendler. Comisario Ferrer schickt mich. Ich bin die Gerichtsmedizinerin«, erklärte sie kurz angebunden. Dann ging sie zu dem Fahrradanhänger, den sie mit ihrer Vespa hinter sich hergezogen hatte, und öffnete den Reißverschluss der Plane. Sie hob zwei Taschen heraus. Anschließend stieg sie in einen der obligatorischen weißen Anzüge und streifte sich eine Art Plastiksocken über ihre roten Sneakers. »Das hat man davon, wenn man die Arbeit der SpuSi miterledigen muss.«
»Damit wäre unser Klessel hoffnungslos überfordert«, lästerte Frau Merkel über den Münchner Kollegen aus der Gerichtsmedizin.
Peggy Trendler musterte kurz die Katze, griff dann irritiert nach den beiden Taschen und blickte Steinböck erwartungsvoll an. »Gehen wir?«
»Ich möchte Ihnen nicht in Ihren Fall hineinpfuschen.«
»Wie kommen Sie darauf? Miguel sagte, Sie würden den Fall vorerst übernehmen.«
»Das nenn ich Effektivität«,feixte die Katze. »Hoffentlich ist mein Dosenöffner damit nicht überfordert.«
Peggy Trendler schaute zur Katze und schien zu überlegen. Sie legte den Kopf schief und fragte den Kommissar: »Geben Sie Ihrer Katze Dosenfutter?«
»Was ich meiner Katze verfüttere, hat nichts mit diesem Fall zu tun. Abgesehen davon, dass ich Ihre Frage nicht verstehe, möchte ich klarstellen, dass nie die Rede davon war, dass ich ihn übernehme. Ich sollte den Tatort sichern, bis Sie kommen«, knurrte Steinböck.
»Ist ja schon gut. Stellen Sie sich nicht so an, ich trag auch die Taschen. Kennen Sie den Comisario gut?«
»Wir haben ein paarmal telefoniert und uns einmal auf einem Grillabend getroffen.«
»Und dann übergibt er Ihnen gleich einen Mordfall?« Peggy Trendler öffnete die größere der beiden Taschen, zog ein frisches Ganzkörperkondom heraus und reichte es Steinböck. »Ich bin froh, dass Sie ihm helfen. Erst dieses dubiose Verschwinden des Staatsanwalts, und jetzt die Hochzeit seiner Nichte. Außerdem fehlen zwei seiner Kollegen.«
»Welches Verschwinden?«
»Sie haben nichts davon gehört? Unser smarter Staatsanwalt wird seit ein paar Tagen vermisst.«
»Wärst du nicht so geizig und würdest ab und zu eine der beiden deutschen Wochenzeitungen hier auf der Insel kaufen, wüsstest du wahrscheinlich Bescheid.«
»Genug gequatscht, machen wir uns an die Arbeit«, forderte die Pathologin mit Blick zur Katze auf.
Widerwillig schlüpfte Steinböck in den weißen Plastikanzug und folgte der Gerichtsmedizinerin zum Tatort. Bald stellte sich heraus, dass sie ihr Handwerk vorzüglich beherrschte. Steinböck verlegte sich aufs Zureichen von Utensilien aus ihrer Tasche und stöpselte hin und wieder eines der Reagenzgläser zu, verpackte es in kleine Plastiktüten und schrieb mit einem Edding die von ihr angesagte Nummer darauf.
»Sieht nach Selbstmord aus. Aber Genaueres kann ich erst sagen, nachdem ich den jungen Mann auf meinem Tisch liegen hatte.« Mit diesen Worten schloss sie ihre Untersuchung und gleichzeitig ihren Arztkoffer und schälte sich aus dem weißen Plastikanzug.
»Wie schießt man sich mitten in die Stirn, wenn man die Waffe so hält? Da muss man sehr gelenkig sein«, widersprach Steinböck.
»Da ist was dran. Genaueres wissen wir nach dem Schmauchspurentest.«
»Wie lange ist er schon tot?«, wollte Steinböck wissen.
»Sind Sie sicher, dass der Kratzer an seiner Hand von der Katze stammt?«
»Hundertprozentig sicher«, zischte der Kommissar und warf Frau Merkel einen strafenden Blick zu.
Diese hatte sich inzwischen wieder auf der Gartenmauer niedergelassen und beobachtete die beiden kritisch.
»Dann würd ich sagen: 12 bis 24 Stunden. Näheres nach der Obduktion. Aber das kann dauern.«
»Du solltest zu Hause mal unserem Gerichtsmediziner assistieren und ihm das Gelernte beibringen.«
»Vielen Dank für Ihre Hilfe«, sagte Peggy Trendler und verstaute ihre Taschen im Hänger der Vespa. »Vielleicht sieht man sich wieder. Der Bericht geht an Comisario Ferrer.«
»Gern geschehen. Jetzt, wo wir sozusagen Kollegen sind, sollten wir uns da nicht duzen?«, fragte Steinböck lächelnd.
»Gerne, ich bin die Peggy«, antwortete sie und hielt ihm die Hand hin.
»Bei mir reicht Steinböck«, erwiderte er und war von ihrem festen Händedruck überrascht.
»Ich finde Xerxes Attila schöner«, konnte sich die Katze nicht verkneifen.
Außer Frau Merkel kannte niemand Steinböcks Vornamen. Das Faible seines Vaters für große Feldherren verfolgte ihn bereits sein ganzes Leben lang.
Ein breites Grinsen erschien auf Peggy Trendlers Gesicht. »Xerxes Attila? Das kann ich mir unmöglich einbilden«, murmelte sie leise, während sie ihre Vespa anließ und langsam am Kommissar vorbeirollte.
»Und was ist mit dem Toten?«, rief er ihr nach.
»Der Leichenwagen ist unterwegs und bringt ihn dann in die Gerichtsmedizin. Bis dahin ist es Ihr Fall.«
»Kreizkruzifix!«, fluchte er laut, doch der Roller war bereits hinter der Steinmauer verschwunden. »Was für eine Scheiße!«
»Ganz ruhig, Brauner, ich glaube, da unten kommt der Wagen schon«, beruhigte ihn Frau Merkel von der Mauer herab. »Ich mache mir über was anderes Gedanken: Ich befürchte, die Trendler kann mich verstehen.«
»Wie kommst du darauf?«
»Nur so ein Gefühl. Sie erinnert mich an Huong.«
»Vielleicht gibt’s hier auf Mallorca auch Rezepte mit Katze. Zum Beispiel Katzenpaella.«
»Sehr witzig«,erwiderte Frau Merkel spitz und sprang von der Mauer.
In diesem Moment fuhr ein dunkler Kombi vor. Der Mann auf dem Beifahrersitz kurbelte das Fenster herunter. »Comisario Steinböck?«, rief er fragend.
Steinböck nickte. »Woher kennen die mich alle?«
»Du bist hier eben der Chef«, spottete die Katze. »Außerdem trägst du noch dein Ganzkörperkondom.«
»Dónde está el muerto?«
So viel Spanisch konnte er inzwischen, dass er verstand, was das hieß. Der Mann wollte wissen, wo der Tote lag. Er deutete in Richtung Haus und antwortete: »En esta casa. En el patio.« – Hinter dem Haus.
Steinböck schälte sich aus dem weißen Papieroverall, während der Lieferwagen rückwärts zum Haus rollte.
»Was ist eigentlich mit deinem Café con leche?«, fragte Frau Merkel scheinheilig.
