Grappa und die Venusfalle - Gabriella Wollenhaupt - E-Book

Grappa und die Venusfalle E-Book

Gabriella Wollenhaupt

4,5

Beschreibung

Die Leiche von Marina Schrott wird aus dem Phoenix-See gezogen. Angesichts des Fundorts ist die Todesursache nicht überraschend: Tod durch Ertrinken. Allerdings enthalten die Lungen der ›Mutter Teresa von Bierstadt‹ kein Seewasser – das Wasser stammt aus einem ihrer Hundesalons. Denn Marina Schrott war nicht nur für ihre Hilfsbereitschaft und die aufopferungsvolle Pflege ihrer schwer kranken Tochter Venus bekannt, sondern managte darüber hinaus ein Hundesalon-Imperium. Reporterin Maria Grappa soll über den Fall berichten, aber richtig interessant wird für sie die Geschichte erst, als sie schmutzig wird: Für alle überraschend, gesellt sich zu dem einen trauernden Witwer Jakobus Hiller ein zweiter. Venus' Vater reist aus den USA an und stellt klar, dass Marinas erste Ehe nie geschieden wurde. Zudem hat Venus eine Zwillingsschwester – ein mörderischer Kampf ums Erbe beginnt …

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Gabriella Wollenhaupt

Grappa und die Venusfalle

Kriminalroman

© 2017 by GRAFIT Verlag GmbH

Chemnitzer Str.31, 44139 Dortmund

Internet: http://www.grafit.de

E-Mail: [email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlagbild: audrey_bergy/fotolia.com

eBook-Produktion: CPI books GmbH, Leck

eISBN 978-3-89425-722-4

Die Autorin

Gabriella Wollenhaupt arbeitete viele Jahre als Fernsehredakteurin in Dortmund. Ihre freche Polizeireporterin Maria Grappa hatte 1993 ihren ersten Auftritt. Mit Grappa und die Venusfalle stellt sie zum siebenundzwanzigsten Mal ihre Schlagfertigkeit unter Beweis.

Zudem hat sich die Autorin gemeinsam mit ihrem Ehemann Friedemann Grenz mit Blutiger Sommer auf einen Ausflug in den Vormärz und mit Schöner Schlaf in die Kunstszene begeben.

Personen

Peter »Pitbull« Berger

beißt gern zu

Carsten »Bärchen« Biber

wird handzahm

Hans Damm

will mitbestimmen

Maria Grappa

findet die Wahrheit

Simon Harras

bleibt gelassen

Jakobus Hiller

hat Dauerpech

Jutta Hold

läuft sich warm

Mark Niklas

macht alles richtig

Wayne Pöppelbaum

bindet sich

Doreen Raupenstrauch

hat ein Gewissen

Sarah, Stella und Susi

mischen mit

Anneliese Schmitz

hält noch durch

Diana Schrott

packt zu

Engelbert Schrott

war zuerst da

Venus Schrott

wird befreit

Nadine Schuster

packt aus

Perihan Tercanli

kommt zurück

Margarete Wurbel-Simonis

sucht nach sich selbst

Im Haus der Tränen lächelt Venus nicht.

Romeo und Julia, 4. Aufzug, erste Szene

Aufhören zu wissen

Als Polizeireporterin stelle ich mir seit vielen Jahren die Frage, welcher gewaltsame Tod die wenigsten Schmerzen verursacht. Erhängen dauert lange, erwürgt zu werden muss grauenhaft sein und die Vorstellung, einen Schlag auf den Kopf zu bekommen, sodass die Hirnschale zertrümmert wird, treibt mir kalte Schauer in die Seele.

Das alles traf auf Marina Schrott nicht zu. Sie wurde aus dem Wasser des Phoenix-Sees gezogen und nach einer ersten Leichenschau wurde Tod durch Ertrinken festgestellt. Es gibt viele Beschreibungen und Expertenmeinungen zum Ertrinkungstod. Auch Schriftsteller haben sich mit dem Thema befasst. Jack London zum Beispiel schilderte die Empfindungen eines Ertrinkenden so:

Der Druck auf seine Trommelfelle war eine Pein, und in seinem Kopfe summte es. Sein Wille brach und mit einem mächtigen explosiven Stoß entwich die Luft aus seiner Lunge. Dann kamen Qual und Würgen und ein furchtbares, erstickendes Gefühl. Die Hände begannen krampfhaft und schwach zu schlagen. Er schien matt in einer See von Traumgesichtern zu treiben. Farben und Glanz umgaben und badeten und durchdrangen ihn. In seinem Gehirn war plötzlich ein helles weißes Licht. Dann ein lang anhaltendes Dröhnen, und ihm schien, als falle er eine gewaltige und unendliche Treppe hinab. Und irgendwo an ihrem Fuß fiel er ins Dunkel. Und in dem Augenblick, da er es wusste, hörte er auf, zu wissen.

»Wir müssen los, Grappa«, erinnerte mich Wayne Pöppelbaum an den nächsten Termin. »Oder willst du Bärchen Biber nicht beim ersten Schaulaufen erleben?«

»Das lass ich mir doch nicht entgehen«, antwortete ich und klickte das London-Zitat weg.

Gemeinsam schlenderten wir Richtung Konferenzraum. Volles Haus – auch Verleger Hans Damm war aufgelaufen, um den kommissarischen Leiter des Bierstädter Tageblattes offiziell einzuführen.

Damm sah angeschlagen aus. Wir alle wussten, dass er gerade jede Menge Probleme hatte. Die Staatsanwaltschaft ermittelte gegen ihn wegen massiver Steuerhinterziehung – ein Thema, das im Tageblatt natürlich nicht erwähnt, aber von der Konkurrenz – besonders den Wirtschaftsmagazinen – schadenfroh aufgegriffen wurde.

»Wetten, dass der sich demnächst ins Private zurückzieht?«, raunte mir Pöppelbaum zu. »Man munkelt, dass er sein Vermögen seiner Frau überschrieben hat. Laut Wirtschaftswoche sollen es um die sechshundert Millionen Euro sein.«

»Und das haben wir für ihn erarbeitet?«, fragte ich.

»Nee. Er hält noch Beteiligungen an zahlreichen Firmen. Hauptsächlich Billigklamottenläden und Bordellbetriebe.«

»Du bist ja gut informiert«, meinte ich. »Aber schön, dass wir uns um ihn keine Sorgen machen müssen. Ich werde ihn vermissen, falls er den Verlag verlässt. Die Besuche in seinem Büro sind immer sehr … skurril.«

»Du meinst den ausgestopften Löwenkopf an der Wand?«

»Genau. Der Bürostuhl mit den Elefantenstoßzähnen ist auch nicht ohne.«

Im Konferenzraum thronte Bärchen Biber neben Damm. Der kleine Schleimer hatte sich in Schale geworfen: schwarzer Anzug, weißes Hemd und eine gepunktete Fliege. Damm dagegen trug den üblichen gemäßigten Großwildjägerlook: khakifarbenes Hemd, Weste mit Patronentaschen und eine Hose in Tarnfarben.

»Sie wissen es ja: Herr Schnack hat uns verlassen«, begann Damm. »In Richtung Pressestelle des Vereins für das deutsche – ich sag ja immer – HundeUNwesen …« Er lachte dröhnend.

»Ganz neuer Witz«, flüsterte Sportreporter Simon Harras.

»Aber die Arbeit muss weitergehen – das sind wir unseren Lesern schuldig. Deshalb wird Herr Biber die Redaktion kommissarisch leiten, bis wir einen geeigneten Nachfolger für Herrn Schnack gefunden haben«, machte Damm weiter. »Ich hoffe, dass Sie ihn nach Kräften unterstützen – wie Sie es bei Herrn Schnack auch getan haben.«

»Aber gerne doch«, sagte ich. »Wir alle haben Herrn Biber genauso lieb wie den Kollegen Schnack.«

Gekicher. Bärchen warf mir einen giftigen Blick zu.

»Danke, Frau Grappa, das höre ich gern«, sagte Damm und erhob sich. »Dann will ich mal nicht weiter stören. Frohes Schaffen, liebe Kollegen! Und Sie wissen ja – meine Tür steht immer offen.«

Als Damm den Raum verlassen hatte, übernahm Bärchen Biber die Leitung der Konferenz.

»Ich denke, dass ich von Ihnen keine Glückwünsche zu meiner Beförderung erwarten kann«, beugte er vor. »Ich verlange also von Ihnen keine Freundlichkeiten, sondern einfach Professionalität. Das wird ja wohl, trotz der zahlreichen Konflikte in den letzten Monaten, möglich sein.«

Er machte eine Pause. Eisiges Schweigen.

»Na gut. Wenden wir uns dem Tagesgeschäft zu«, redete er weiter. »Wie Sie bestimmt schon wissen: Es gibt eine Wasserleiche – und zwar nicht irgendeine. Marina Schrott, die Ikone der Mühseligen und Beladenen – um es mal biblisch auszudrücken.«

»Was? Diese Gutmensch-Schnepfe mit ihrer ewigen Sammelbüchse?«, schob sich unsere Redaktionssekretärin Stella in den Mittelpunkt. »Die trifft man doch bei jedem regionalen und überregionalen Anlass. Und immer hat sie ihre Tochter dabei.«

Simon Harras hatte auch etwas beizutragen: »Ist das nicht diese Schwachsinnige im Rolli? Die hab ich sogar schon im Stadion gesehen, immer Glucke Mama daneben, mit dem scharfen Blick in die Runde, ob auch jeder sieht, wie sie sich kümmert um das arme Ding.«

»Nun macht mal halblang«, mischte ich mich ein. »Die Frau ist tot, da wollen wir doch nicht mit Dreck werfen. Soweit ich weiß, hat sie für die Behinderten in Bierstadt eine Menge auf die Beine gestellt. Da durfte sie auch ein bisschen stolz sein. Weiß man denn schon Einzelheiten?«

»Die Obduktion läuft. Noch steht nicht fest, ob es ein Freitod, ein Unfall oder eine Gewalttat war. Aber die Geschichte ist auf jeden Fall allererste Sahne. Weniger unter dem Blaulicht-Aspekt, sondern als soziale Homestory. Was passiert jetzt mit der Tochter der Toten, dieser schwer behinderten jungen Frau?«

Sekretärin Sarah war ja Auge und Ohr der Redaktion am Fernsehschirm. Daher wusste sie mehr als alle anderen: »Die ist schon in allen Talkshows aufgetreten, so furchtbar behindert hat die da gar nicht gewirkt. Immerhin kann sie zusammenhängend reden, wenn sie einen guten Tag hat.«

Bärchen war noch nicht zufrieden: »Ja, aber was wird nun aus ihr? Muss sie ins Heim? Gibt es einen Vormund? Kümmert sich der Vater? Was sagt denn unsere Polizeireporterin dazu?«

»Fragen über Fragen«, stimmte ich zu. »Und eine hast du vergessen, Bärchen, nämlich: Wer erbt die vielen Hundesalons, die die Tote betrieben hat? Sie hat ja ein hübsches Vermögen angehäuft.«

»Ich verbitte mir die Anrede Bärchen, Frau Grappa!« Sein Gesicht zeigte eine hochrote Farbe.

»Wie soll ich dich denn sonst nennen?«, lächelte ich. »Vielleicht Chef?«

Er lächelte nicht zurück. »Wie wäre es mit Herr Biber?«

»Wir waren doch schon beim Du, Herr Biber«, erinnerte ich ihn.

»Dann drehen wir die Zeit eben zurück.« Er schaute in die Kollegenrunde. Die erwartete ein gepflegtes Blutbad. »Und das gilt übrigens für alle hier. Ich bin vorübergehend Ihr Vorgesetzter und ich habe vor, dieses Amt ernsthaft und vor allem gewissenhaft im Sinne des Verlages auszuüben.«

»Dann mach das mal, Herr Biber«, sagte ich und erhob mich. »Ich kümmere mich jetzt ernst- und gewissenhaft um die Leiche aus dem Phoenix-See.«

Die Tür knallte in den Rahmen und ließ die Wand wackeln. Ich bin zu alt, um diesen aufgeblasenen Jüngling ernst zu nehmen, dachte ich und fuhr den Rechner hoch.

Tote Charity-Queen mit Anhang

Ich blätterte das Leben der Toten auf, soweit es im Internet seinen Niederschlag gefunden hatte. Persönlich hatte ich sie nie getroffen, denn ich befasste mich nicht mit sozialen Themen. Aber die tote Dame war auch kulturell aktiv gewesen. Zum Beispiel als Schirmherrin von zahlreichen Gemälde-Ausstellungen für gute Zwecke.

Meine Kollegin Mäggi Wurbel-Simonis rauschte ins Großraumbüro. Sie konnte mir vielleicht helfen.

»Tach, Mäggi«, begrüßte ich sie. »Wo warst du denn? Du hast die Inthronisierung von Bärchen verpasst.«

»Ich war beim Arzt. Heuschnupfen«, behauptete sie und stellte eine Papiertüte vom Feinkostladen auf ihrem Schreibtisch ab. »Schlimmer als Schnack kann Biber auch nicht werden«, schniefte sie.

»Sag mal, kennst du eine Marina Schrott?«, fragte ich.

»Kennen ist zu viel gesagt. Ich hab sie ab und zu auf Vernissagen getroffen«, antwortete sie. »Ich hab schon im Radio gehört, dass sie ertrunken ist. Machst du die Geschichte?«

Ich bejahte.

»Mord?«, fragte sie.

»Steht noch nicht fest. Vielleicht auch ein Unfall. Beim Schwimmen oder so.«

Sie schüttelte den Kopf. »Glaub ich nicht. Schwimmen ist im Phoenix-See verboten. Wegen der Schadstoffe im Wasser. Außerdem ist es noch zu kalt fürs Baden.«

»Was weißt du über sie?«

»Nicht viel. Lass uns in die Kantine gehen, ich brauch einen Tee«, schlug sie vor. »Mein Heuschnupfen bringt mich noch um.«

Ihr Telefon klingelte. Sie ging dran und meldete sich. Die Stimme am anderen Ende der Leitung klang nicht freundlich.

»Ich kann mich auch krankschreiben lassen, bis meine Allergie vorbei ist«, schnappte Wurbelchen. »Ganz wie du willst. Und jetzt lass mich meine Arbeit machen.« Sie knallte den Hörer auf.

»Bärchen?«, fragte ich.

»Ja, er hat bemängelt, dass ich nicht in der Konferenz war. Was fällt dem denn ein?«

»Er spielt halt den Chef«, erklärte ich. »Ich glaube, wir müssen ihm mal ordentlich die Hörner stutzen.«

Mäggi stimmte zu. Der Anruf hatte ihr Gesicht in eine sanfte Röte getaucht. »Was ist denn nun mit dem Tee? Ich erzähl dir dann, was ich über diese Mutter Teresa für Arme weiß.«

»Sympathisch scheint sie dir ja nicht gewesen zu sein«, stellte ich fest, als wir in der Kantine Platz genommen hatten.

»Ich kannte sie zu wenig, um sie nicht zu mögen«, widersprach Mäggi. »Aber dieses Zurschaustellen ihres persönlichen Schicksals mochte ich nicht. Und dass sie ihre behinderte Tochter überall mit hingeschleppt hat, fand ich völlig daneben. Das Mädchen hing im Rollstuhl, grinste blöd, grummelte vor sich hin und sabberte.«

»Warum daneben?«, fragte ich. »Ich finde es gut, dass sie unsere Gesellschaft an ihren eigenen Ansprüchen gemessen hat. Alle schwätzen von Inklusion, gucken aber betreten weg, wenn sie mal einen behinderten Menschen sehen.«

»Diese Frau Schrott war einfach nur geltungssüchtig. Sie hatte sogar einen Vertrag mit RTL 2. Die haben vor ein paar Jahren die Delfin-Therapie der Tochter mit der Kamera begleitet«, erzählte Mäggi weiter. »Natürlich hat der Sender vorher Spenden gesammelt, von denen die Aktion dann bezahlt wurde. Die Tochter hatte Angst vor den Tieren, aber die Mutter kannte kein Erbarmen. Der Sender hat die Langzeitbeobachtung schließlich eingestampft, weil Behindertengruppen protestiert haben. Danach hat Marina Schrott ihr Kind nur noch als Staffage für die eigenen Auftritte benutzt.« Wurbel-Simonis schaute auf die Uhr. »Ich muss in zehn Minuten los. Pressekonferenz des Kulturrates. Mal gucken, wie viele Zeilen mir Bärchen zugesteht.«

»Irgendwie muss er seine Zeitung ja vollkriegen«, lächelte ich. »Er braucht uns, aber wir brauchen ihn nicht. Insofern sollte sich unser Möchtegern-Chef gut mit uns stellen.«

Erneut öffnete mir Google den Zugang zu Marina Schrotts Leben. Die Frau hatte nichts ausgelassen. Immer, wenn es im weitesten Sinn um Behinderte und ihre Pflege ging, tauchte sie in Print-Interviews, Talkshows und Charity-Häppchenorgien auf; die Tochter immer dabei. Das Mädchen hieß Venus. Ausgerechnet.

Sekretärin Susi legte mir eine ausgedruckte E-Mail auf den Tisch. »Für dich, Grappa. Gerade gekommen. Diese Frau Schrott ist ertränkt worden. Also Mord.«

Kürzer hätte ich es auch nicht zusammenfassen können.

Ich verfasste für unsere Onlineausgabe einen Artikel, der die bisher bekannten Fakten enthielt:

Charity-Queen in Phoenix-See ertränkt

Marina Schrott (45), eine der bekanntesten Persönlichkeiten im sozialen Leben der Stadt, wurde heute Morgen tot aus dem Phoenix-See geborgen. Die Obduktion der Leiche ergab, dass Marina Schrott ertränkt wurde. Es wurden Abwehrverletzungen festgestellt. Die Ermittlungsbehörden gehen von einem Kapitalverbrechen aus. Wie lange die Leiche im Wasser gelegen hat, ist noch unklar.

Marina Schrott führte bis zu ihrem gewaltsamen Tod eine Reihe von etwa fünfundzwanzig Hundesalons unter dem Namen Sexy Dream Dog-Company. Die Tote war außerdem im Behindertenrat der Stadt aktiv und Vorsitzende karitativer Vereine, die sich für die Inklusion einsetzen. Sie hinterlässt eine pflegebedürftige Tochter.

Wir berichten weiter, sobald es neue Informationen gibt.

»Hilfst du mir bei den Fotos?«, rief ich. »Das Archiv quillt über.«

»Klar, Grappa«, antwortete Wayne und bewegte sich in meine Richtung. »Der kleine Schleimer wird sich rächen, Grappa«, orakelte er. Er meinte Bärchen.

»Der kann mir gar nichts«, behauptete ich, griff nach dem Kaffeepott, den er in der Hand hielt, und trank. »Je mehr Ärger er mit uns kriegt, desto geringer sind seine Chancen, sich als Chef zu etablieren. Die Verleger wollen, dass der Laden läuft, und sie hassen Personalstress.«

»Kann ich meinen Kaffee wiederhaben?«

Ich reichte ihm den Becher. »Jetzt kümmern wir uns erst mal um Frau Schrott. Das letzte Foto von ihr ist ein halbes Jahr alt. Marina Schrott neben dem Oberbürgermeister. Hier!«

Das Bild zeigte eine Scheckübergabe. Zehntausend Euro für einen Inklusionshelfer in einer Grundschule.

»Das können wir nehmen«, meinte Wayne. »Den OB schneide ich ab und den Scheck mach ich auch weg, damit er das Kind nicht verdeckt. Wie kann man nur so ein Scheißfoto machen?«

Er hatte recht. Die Plakattafel, auf der das Scheckformular abgebildet war, verdeckte die obere Kopfhälfte von Venus.

»Das Foto hat die Pressestelle der Stadt verbrochen«, sagte ich. »Das sind eben keine Profis, so wie du. Lass uns doch einfach die ganze Venus abschneiden, oder?«

Wayne starrte auf den Schirm. »Diese junge Dame heißt Venus?«, fragte er fassungslos.

»Ja. Kinder können sich ihre Vornamen selten aussuchen.«

»Die Eltern aber schon. Ich bastele ihr einen neuen Oberkopf«, versprach er. »Und dann fahre ich zum See. Die Leiche ist in der Nähe der Thomasbirne auf der Kulturinsel rausgefischt worden.«

Die Birne – eigentlich ein Konverter – diente früher dazu, aus Roheisen Stahl zu erzeugen. Sie war vor über sechzig Jahren gebaut worden und stellte jetzt ein Industriedenkmal dar.

»Gute Idee«, lobte ich. »Und morgen gucken wir uns die Hundesalons der Toten an. Schau mal hier – ein Appetithäppchen bei Youtube.«

»Ach du Sch…«, machte Wayne und starrte auf den Film. Er zeigte einen weißen, frisch ondulierten Yorkshireterrier mit rosa Schleifchen im Haar und einem mit Glitzersteinen besetzten Halsband, der sich auf Venus’ Schoß niedergelassen hatte. Das Mädchen hatte Kniestrümpfe an, ihr Körper steckte in einem lilafarbenen formlosen Kleid und die unmoderne Brille mit dicken Gläsern saß schief auf ihrer Nase. Aber sie lächelte – mit unübersehbaren Zahnlücken. Marina Schrott stand hinter dem Rollstuhl, hatte eine Hand auf der Schulter ihrer Tochter, mit der anderen kraulte sie das weiße Kopfhaar des Hundes.

»Die Sexy Dream Dog-Company macht auch aus deinem Hund einen Star«, sprach Marina Schrott in die Kamera. Ihre Worte waren mit einer schwülstigen Musik unterlegt worden. »Unsere Leistungen für Ihren Liebling: Schneiden, Scheren, Trimmen, Baden, Waschen, Fönen, Ohrenreinigung, Krallenpflege, Augenpflege und Analdrüsenkontrolle.«

»Hoffentlich zeigen sie Letzteres nicht im Film«, meinte ich leicht verstört.

»Guck mal hier«, sagte Wayne. »Die bilden sogar aus. ›Groomer‹ – so heißen die Hundefriseure heutzutage.«

Marina Schrott erklärte dazu im Video: »Leider ist der Beruf des Groomers in Deutschland noch kein anerkannter Ausbildungsberuf. Oft geht es den Ausbildern nur um Geld und weniger um Fachwissen. Gern dürfen Sie sich vor Ausbildungsbeginn ein genaueres Bild von unseren Salons und unserer Arbeit machen: durch einen kostenlosen Schnuppertag!«

»Schnuppertag! Passt irgendwie zu Hunden«, sagte ich.

»Und zu Analdrüsen«, warf Wayne ein. »Über tausend Euro kostet die Ausbildung und sie dauert nur drei Wochen. Das wäre vielleicht was für dich, Grappa, wenn Bärchen dich rausschmeißt.«

»Das ist eine Überlegung wert«, nickte ich. »Mein erster Kunde wäre dann Bärchen.«

»Über eine intensive Analdrüsenkontrolle freut der sich bestimmt«, grinste Wayne.

»Aber nicht, wenn ich sie mache«, sagte ich grimmig. »Außerdem finde ich solche homophoben Bemerkungen nicht in Ordnung«, schob ich hinterher.

»Sorry, heilige Grappa«, lachte er.

Auffe Pommes noch wat drauf?

Pöppelbaum trollte sich Richtung See. Ich holte mir ein Luftbild auf den Monitor. Die Kulturinsel mit der Thomasbirne war über eine kurze Brücke erreichbar. Im Umfeld erkannte ich die Hörder Burg und einige neue Bürogebäude. Auch eine Polizeiwache befand sich in der Nähe. Dass Marina Schrott gerade hier ertränkt worden sein sollte, fand ich nicht besonders glaubhaft. Gab es Strömungen in dem Gewässer? Die Spurensicherung würde die genaueren Umstände sicherlich herausbekommen.

Ich suchte die Ufer des Sees nach einer Stelle ab, die so verborgen lag, dass ein Mörder den Mut haben konnte, sein Opfer dort zu ertränken, fand aber keine. Alle Abschnitte des Sees waren voll einsehbar. Die schmucken Einfamilienhäuser, die sich wie Legosteine eng an eng am Wasser und in zweiter und dritter Reihe drängelten, hatten große Fenster, die den Spaziergängern einen freien Blick in die Zimmer der Hausbesitzer gestatteten. Und umgekehrt.

»Da ist es passiert?«, fragte Simon Harras, der hinter mich getreten war.

»Hier hat man sie rausgezogen«, antwortete ich und deutete auf die Kulturinsel. »Ganz in der Nähe der Polizeiwache. Als hätte es jemand darauf angelegt, dass sie schnell gefunden wird.«

Ich vergrößerte den Ausschnitt. Wir starrten auf den Monitor.

»Ich bin hier zwar nur der Sportfuzzi«, sinnierte er. »Doch wenn ich jemanden ertränken wollte, würde ich’s am Kanal machen und nicht da. Viel zu viel Publikum.«

»Vielleicht sollte sie schnell gefunden werden«, wandte ich ein. »Die Leichen im Kanal werden normalerweise sehr viel später entdeckt und es macht oft Mühe, sie zu identifizieren.«

»Okay. Ich würde sie trotzdem woanders ertränken, in einen Kofferraum packen und hier …«, Harras deutete auf die kleine Straße, die zur Brücke führte, »… hier über die Brücke tragen und ins Wasser werfen. Nachts ist es da ziemlich dunkel, weil die Büros nicht beleuchtet sind. Rein mit der Leiche und weg!«

»Da ist was dran«, nickte ich.

Mein Smartphone gab einen Ton von sich. Pöppelbaum hatte mir einige Fotos vom Phoenix-See geschickt. Harras half mir bei der Auswahl, ich lud sie in den Onlinetext und setzte sie ins Print-Layout.

»Häppchen und Absacker im Schmackes?«, fragte Harras. »Ist der neue Laden von unserem früheren BVB-Kevin.«

»Ich weiß. Ist das Essen so, wie der spricht?«

»Ich war noch nicht dort«, gab er zu. »Aber mit Burger, Wurst und Pommes kann man ja nix falsch machen, oder?«

»Abwarten.« Ich schickte Wayne eine SMS, mit der ich ihn ins Schmackes bat. Er sagte zu.

Das war dann doch nicht so eine gute Idee. Auch wenn Shabbychic gerade angesagt war, hier war’s übertrieben. Die Stühle waren aus Metall, dem künstlicher Rost angeklebt worden war, am Holz der Einrichtung blätterte die Farbe ab und in die Holztische hatte ein Einrichtungskünstler Macken und Rillen eingefräst. Die Speisekarte las sich besser, als der Laden aussah: rustikale Ruhrpott-Cuisine.

Harras und Wayne orderten Currywurst und doppelte Hackfleischtaler, ich hatte Lust auf Pommes.

»Willse auffe Pommes oben noch wat drauf?«, fragte die Bedienung.

»Jau. Majo«, entgegnete ich. »Und ’n Kissen brauch ich.«

»Wofür dat denn?«

»Der Stuhl ist zu hart.«

»Hamwanich.«

Alles klar.

»Die wollen, dass man hier keine Wurzeln schlägt«, mutmaßte Pöppelbaum. »Wenn dir der Hintern wehtut, essen sich deine Pommes schneller, wetten?«

»Kann sein.«

Die Kellnerin brachte die Majo-Flasche und eine zusammengefaltete Decke. »Probier die mal.«

Ich schob das Teil unter meinen Allerwertesten. »Alles paletti.«

»Sons noch wat zu kamellen, Leute?«

Hattenwernich.

»Erzähl mal, was am See los war«, bat ich Wayne.

»Na ja, dass es ein Mord war, hat sich natürlich in Windeseile rumgesprochen. Die Kriminaltechnik war gerade weg mit den Wasserproben. Die machen einen Abgleich mit dem Wasser in der Lunge der Leiche. Und – einige Spaziergänger behaupteten, dass Marina Schrott ihre Tochter ab und zu den Uferweg entlanggeschoben hat. Das Mädchen hat die Enten und Gänse gefüttert, was ein paar Leute schwer geärgert hat. Aber die trauten sich nicht, was zu sagen, weil die junge Frau im Rollstuhl saß.«

Wayne drückte Ketchup auf seinen Hackfleischklops und biss mit Schmackes hinein.

»Sonst noch was?«, fragte ich.

»Sie hatte eine große Wohnung am See. Nicht so ein Zwergenstudio, sondern eine große Maisonettewohnung auf zwei Ebenen mit allem Zipp und Zapp. In dem früheren Magazingebäude, in dem jetzt die modernen Loftwohnungen gebaut wurden. Phoenix-Sea-Living heißt die Anlage großspurig.«

»Dann muss es ihr ja wirklich gut gegangen sein. Ich wusste gar nicht, dass Hundesalons so viel Kohle einbringen.«

»Außerdem gab es einen Mann in ihrem Leben. Aber zusammengelebt haben sie nicht. Das erzählte mir eine Frau, die auch in der Anlage wohnt.«

»Gut gemacht«, lobte ich. »Nachbarn schütteln bringt immer was.«

Mein Handy piepte und kündigte eine Mail an. Eine Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft. Ich öffnete sie und las sie Wayne und Harras vor: »Die genaue Untersuchung des Wassers in der Lunge der Leiche der geschädigten Marina Sch. hat ergeben, dass sie nicht im Wasser des Phoenix-Sees ertrunken ist. Es wurden Hundehaare und Shampoo-Rückstände in der Lunge festgestellt. Die Rechtsmedizin geht im Übrigen von einer Liegezeit im Wasser von zwei Tagen aus.«

»Die Hundesalons«, sagte Wayne. »Da hat man sie ertränkt. Und dann in den See geworfen.«

»Dann ist der Mörder ziemlich dumm. Er muss sich doch vorstellen können, dass ein Gerichtsmediziner so was rauskriegt.« Ich scrollte die Mail bis zum Ende. »Hier steht noch was über das atypische Ertrinken. Das ist das gewaltsame Untertauchen durch eine körperlich überlegene Person. Das Opfer geht sofort unter, eine inspiratorische Phase, also mehrmaliges Luftholen an der Wasseroberfläche, findet nicht statt. Dadurch ist der Erstickungsablauf kürzer als beim typischen Ertrinken. Da hat ihr wohl jemand den Kopf ins Hundewaschbecken gedrückt.«

Die Rechnung für die Delikatessen vom Schmackes hielt sich in normalen Grenzen. Wir teilten durch drei und verabschiedeten uns. Die Männer wollten noch mal in die Redaktion, ich fuhr heim.

Zu Hause reicherte ich den Text in der Onlineausgabe des Tagesblattes mit den neuen Informationen an und endete mit dem Satz:

Die Ermittlungsbehörden gehen davon aus, dass der oder die Täter die Leiche in den See warfen. Es werden dringend Zeugen gesucht, die Angaben zu den Tätern machen können oder denen etwas Ungewöhnliches aufgefallen ist.

Die Nacht verbrachte ich allein. Wie meistens. Mein gelegentlicher Lebensgefährte Friedemann Kleist hatte die Terrorbekämpfung ad acta gelegt und eine Professur für Kriminologie und Polizeiwissenschaft an der Hochschule in der Landeshauptstadt angenommen. Das bedeutete: ade aktiver Polizeidienst. Schade für mich – nicht nur wegen unserer Liaison, sondern auch weil ich kaum noch Informationen aus dem Polizeipräsidium erhielt.

Bevor ich einschlief, schickte ich ihm noch eine SMS: Miss You! Auf Englisch hörte sich das weniger schwülstig an. Er antwortete: Träum was Schönes!

Sicherheit und Silikon

Bärchen Biber hatte Kreide gefressen. In der Konferenz entschuldigte er sich für seinen Ausbruch und bat uns, seine geschätzten Kollegen, um Verzeihung.

»Ich muss mich wohl erst an die Situation gewöhnen, in leitender Stellung tätig zu sein«, lächelte er.

»Wir auch, Bärchen«, sagte ich. »Aber es ist ja nicht für lange, hoffe ich.«

»Danke, Grappa«, gab er zurück. »Bei dir weiß man wenigstens, woran man ist.«

»Wie sollen wir Sie denn jetzt anreden?«, fragte Sarah. »Mit Sie oder mit Du?«

»Es bleibt so, wie es früher war«, sagte er. »Und jetzt kommen wir zum Tagesgeschäft. Die Wasserleiche dürfte uns auch heute noch beschäftigen. Du hast sechzig Zeilen auf der Eins, Grappa. Ist das okay?«

»Klar.«

Meine Güte, wer hatte Bärchen so weichgespült?

»Und Sie, Kollegin Wurbel-Simonis?« Er schaute sie direkt an.

»Der guckt schon wie der Schnack«, flüsterte mir Harras zu. »Und dessen Körperhaltung ahmt er auch nach. Wie arm ist das denn?«

»Nun, Kollegin?«, setzte Biber nach.

Wurbelchen zippelte an ihrem Seidenhalstuch. »Im Museum wird eine Ausstellung von Paul McCarthys Werken vorbereitet. Ein überaus interessanter Künstler aus Los Angeles.«

»Und was macht der so?«, hakte Bärchen nach.

»Zwerge aus Silikon.«

»Wie bitte?«

Wurbelchen schob ihm ein Bild zu. Es zeigte einen gelben Gartenzwerg, der statt einer Nase ein Rohr im Gesicht hatte.

»Paul McCarthys Œuvre hat Generationen junger Kunstschaffender inspiriert«, erklärte sie. »Er bedient sich der stereotypen Bildvorstellungen der Massenkultur, wie sie sich in Disneyland, Hollywoodfilmen oder Cartoons manifestieren. Vor ein paar Jahren hat McCarthy einen umfangreichen Werkkomplex zu Schneewittchen entwickelt und das da ist ein Exponat aus dem Projekt. Es handelt sich um einen Zwerg aus dem Schneewittchen-Märchen. Haben Sie es jetzt verstanden, Herr Biber?«

»Und so was wollen die Leute sehen?«, fragte der Angesprochene.

»Aber natürlich!« Wurbelchen hatte sich heiß geredet. »McCarthy ist zudem der Erfinder der Malerei painting as action. Er setzt seinen eigenen Körper als Pinsel ein und verwendet eigene Körpersäfte als Malmaterie – eine gewollte künstlerische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Tabus, mit Erotik und Sexualität. Hier hat er sogar Christbaumschmuck kreiert.«

Auf dem nächsten Foto prangte ein Tannenzapfen in Form eines erigierten Penis.

»Früher war mehr Lametta«, prustete Harras los. Gekicher.

»Sie bekommen fünfzig Zeilen auf der Kulturseite«, gab sich Biber geschlagen. »Aber achten Sie auf die Bildauswahl. Wir sind schließlich eine Familienzeitung, auf die auch Kinder Zugriff haben.«

Der Rest der Arbeit wurde verteilt und der neue Chef hatte sich selbst auch einen Termin ausgesucht. Er wollte zum Empfang der Stadt anlässlich der Fertigstellung des Masterplans Sicherheit in der Stadt. Eine Häppchenorgie mit Uniformträgern, höheren Beamten und kommunalen Politikern. Monatelang hatten Arbeitsgruppen sich Gedanken darüber gemacht, wie das Sicherheitsempfinden der Bürger gestärkt werden konnte. Der Oberbürgermeister hatte allerdings eine Bedingung gestellt, nämlich dass die Vorschläge der Gruppen nichts kosten durften. Einiges war schon durchgesickert: Die Sträucher auf öffentlichen Parkplätzen sollten häufiger geschnitten werden, damit sich keine Strolche dahinter verstecken konnten, Nachbarn sollten auf ihre Nachbarn aufpassen und auch ein Vorschlag der Frauenbewegung, der vor rund vierzig Jahren gemacht worden war, erlebte eine Renaissance: mehr Licht in Tunneln.

Old School also. Über diese Vorschläge würde das Bierstädter Tageblatt wohlwollend berichten.

Im Büro las ich alle Artikel, die zu dem Mordfall Marina Schrott verfasst worden waren. Die Boulevardpresse hatte sich bereits die Salons vorgenommen und die Frage gestellt, wer das Hundefriseur-Imperium erben würde. Die Kollegen hatten sogar einige Scheine locker gemacht und private Fotos ergattert: Venus Schrott in Großaufnahme in einem Garten, im Hintergrund die Fassade einer Filiale der Sexy Dream Dog-Company.

Das Foto war befremdlich. Immerhin war Venus schon über zwanzig, doch sie hatte mehrere pinkfarbene Schleifen im Haar, wie man sie Yorkshireterriern im Fell befestigte. Der Mund mit den schiefen Zähnen lachte, vor den Augen die Brille mit Glasbausteinen, der Hals hatte eine Schieflage und die Hände schienen zu krampfen, denn die Finger hatten Ähnlichkeit mit Krallen. Auf den Fingernägeln prangten glänzende Rosenbildchen. Hatte Marina Schrott überhaupt keine Zurückhaltung gekannt? Wie konnte sie ihre Tochter so gruselig ausstaffieren?

Sekretärin Susis Blick fiel auf das Foto. »Was ist das denn?«, schrie sie entsetzt.

»Ein Mensch«, antwortete ich. »Ein Mensch, der nie ein Leben führen kann wie du und ich. Ein Mensch, der immer auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen sein wird.«

»Das ist die Tochter dieser Wasserleiche, stimmt’s?«

Ich nickte.

»Und was geschieht jetzt mit dem armen Kind?« Susi war wirklich erschüttert.

»Das Kind ist erwachsen und kann hoffentlich selbst eine Entscheidung treffen. Sie erbt vermutlich ein großes Vermögen.«

»Davon wird sie auch nicht schöner«, sagte Susi trocken. »Aber die Zähne sollte sie sich machen lassen. Und dieses rosa Gelumpe aus den Haaren nehmen. Kontaktlinsen statt dieser schrecklichen Brille. Dann sieht das alles schon besser aus.«

Hundeklau leicht gemacht

Das Outfit von Venus Schrott erinnerte mich an einen amerikanischen Film aus dem Jahr 1932 mit dem Titel Freaks. Körperlich schwer behinderte Menschen mussten ihren Lebensunterhalt in einem Zirkus verdienen. Die »Normalen« zahlten dafür, dass andere ihre körperlichen Gebrechen zur Schau stellten und die Besucher der Freak-Show sich über sie erhaben fühlen konnten.

In dem Film heiratet die schöne Cleopatra den kleinwüchsigen Hans, weil er eine Erbschaft gemacht hat. Auf der Hochzeit zeigt Cleopatra ihr wahres Gesicht und macht sich über die vielen außergewöhnlichen Menschen im Zirkus lustig. Sie und ihr Geliebter Hercules versuchen, Hans zu vergiften, um an sein Geld zu kommen. Doch er überlebt. Die Freaks nehmen Rache. Sie töten Hercules und machen die schöne Cleopatra gewaltsam zu einer der ihren. Sie wird verstümmelt und schließlich selbst Teil einer Kuriositätenshow.

In dem Film kam auch eine Zirkuskünstlerin namens Venus vor. Aber das musste wohl ein Zufall sein.

Die Verächtlichmachung behinderter Menschen hatte eine noch längere Geschichte. Bei vielen Naturvölkern waren Kinder mit schweren Missbildungen meist gleich nach der Geburt getötet worden. Man bestrich die Brustwarzen der Mutter mit Gift, erwürgte oder ertränkte die Neugeborenen, begrub sie bei lebendigem Leibe, verbrannte sie oder setzte sie in der Wildnis aus.

Im Mittelalter galten behinderte Neugeborene als vom Teufel besessen. Sie wurden abgestempelt als ausgewechselte, von satanischen Mächten untergeschobene Kinder, sogenannte Wechselbälger. Die Kirche empfahl, die Kleinen mit geweihten Ruten bis aufs Blut zu schlagen, sie verhungern zu lassen, auszusetzen oder anderswie zu töten.

Im Laufe der Jahrhunderte änderte sich die Haltung der Amtskirche langsam. Missgebildete Kinder konnten in Marmorschalen abgelegt werden, um in geistlichen Einrichtungen oder Pflegefamilien aufgezogen zu werden – wenn sie Glück hatten und nicht auf Jahrmärkten als Volksbelustigung ihr Schicksal fristen mussten.

Martin Luther allerdings empfahl noch im Jahre 1540 in einer seiner Tischreden, dass man diese Kinder ersäufen solle, da sie ein vom Satan in die Wiege gelegtes Stück seelenloses Fleisch seien – massa carnis sine anima.

So führte eine direkte Linie von Luther zum Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten, die sich gern auf den Reformator beriefen.

Pöppelbaum riss mich aus meinen Gedanken.

»Was liegt an?«, fragte er. »Wie gehen wir vor?«

»Wir müssen den Lebensgefährten der Toten finden. Und dazu fahren wir in einen der Hundesalons. Vielleicht weiß jemand vom Personal, wer der Mann ist. Aber zuerst brauchen wir einen Hund!«

»Wie bitte?«, fragte Wayne verdattert.

»Wenn wir mit einem Hund dort aufkreuzen, fallen wir weniger auf.«

»Wo willst du denn jetzt einen Hund hernehmen?«

Ich überlegte. »Zwei Straßen weiter ist doch eine Tierarztpraxis. Da holen wir uns einen.«

»Du spinnst, Grappa!«

»Lass mich mal machen.«

»Schrott macht flott«

Der Geruch von Hundeangstschweiß und Katzenpisse schlug uns entgegen, als wir die Tür zur Tierarztpraxis Dr.