Graubündner Schreie (ehemals: Der Puppenmacher) - Philipp Gurt - E-Book
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Graubündner Schreie (ehemals: Der Puppenmacher) E-Book

Philipp Gurt

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Graubünden, 1952: In einer stillen Herbstnacht hört der Knecht Toni einen gellenden Schrei und macht kurz darauf eine verstörende Entdeckung. Mitten im düsteren Rheinwald vor den Toren Churs sitzt eine schöne junge Frau, an einen Baum gelehnt. Sie trägt ein weißes Kleid, in ihren Händen hält sie ein Sträußchen Herbstzeitlose. Wie eine Puppe sieht sie aus, ihr Lächeln ist zauberhaft. Aber das Fräulein ist tot. Und dann hört Toni einen zweiten Schrei ... Kein Zweifel: Hier ist Landjäger Walter Caminada gefragt, mit seinem untrüglichen kriminalistischen Gespür der beste Mann im Landjägerkorps Graubünden. Gemeinsam mit seinem Freund, Erkennungsfunktionär Peter Marugg, nimmt der Landjäger die Ermittlungen auf. Doch lange tappen die beiden Männer im Dunkeln. Handelt es sich um einen einzigen Täter, sind es mehrere? Was verbindet die Toten miteinander? Das Geheimnis, das die zwei Ermittler schließlich lüften, ist ein altes, ängstlich gehütetes: Alles begann vor über dreißig Jahren, auf einer kleinen Alm hoch in den Bündner Bergen ...

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Philipp Gurt

Graubündner Schreie

Landjäger Caminada und der Puppenmacher

Roman

Kampa

Der Teufel ist der Geist, und seine unglücklichen Kinder sind wir. Wir sind aus der Natur herausgefallen und hängen im Leeren.

 

Hermann Hesse

Prolog

Donnerstag, 25. September 1952

Chur, Untere Au

 

Toni, der Knecht, war wütend, und das zu Recht, wie er fand. Er schimpfte über den alten Bauern Prevost, denn dieser verreckte Khaib hatte ihn in der Dunkelheit losgeschickt, und zwar genau in dem Moment, als er sich in der Kammer hingelegt hatte. Nur deswegen lief er nun Richtung Untere Au. Die verlotterte kleine Rheinsäge, die er soeben hinter sich gelassen hatte, stand ebenso einsam inmitten von Wiesen und Äckern wie der alte Hof im Gebiet Riet-Bettlerküche, von dem er gekommen war. In der Ferne, zu seiner Linken, schimmerten die Lichter des Städtchens, das friedlich im dunklen Kranz von Bergen ruhte.

Am späten Vormittag hatte er in der prallen Herbstsonne das steile Bord beim Rheindamm gemäht, damit er am nächsten Tag den letzten Schnitt des Jahres einfahren konnte. Das karge Grün, durchzogen von harten, bitteren Stängeln, gab zwar kein Futter fürs Vieh, aber als Einstreu im Winter taugte es allemal. Nach der Mittagspause, in der er reichlich Brot und Speck gegessen und den sauren Most aus der bauchigen Bastflasche getrunken hatte, streckte er die müden Glieder im warmen Gras von sich und schlief ein.

Der Schrecken war groß, als er eine Stunde später erwachte. Die verlorene Zeit konnte er nur mit Müh und Not aufholen. Als er fertig war, packte er seinen speckigen Lederrucksack, verstaute die leere Mostflasche darin und eilte über die Felder. Beim Hof angekommen, bemerkte er, dass er die verreckte Sense vergessen hatte – ausgerechnet die neue, die er eigentlich nicht hätte nehmen dürfen. Vielleicht würde der Prevost ja bis zum nächsten Tag nichts merken, hoffte er. Vergebens. Der Bauer, sturer als sein griesgrämiger alter Muni, hätte ihm mit dem Rechenstecken den Scheitel neu gezogen, wäre er nicht sofort aus dem Näscht gestiegen und losmarschiert.

»Wär kai Grind hät, soll gefälligst laufen, du blöder Galöri, du!«, hatte der Prevost ihm hinterhergewettert, bevor er die Haustüre derart zuschlug, als dürfte sie nie mehr aufgehen.

»Elender Geizkragen!«, hatte Toni vor sich hin gefaucht. »Als hätt ich heute nicht mehr als genug geschafft für den himmeltraurigen Lohn und die karge Kammer, die im Winter so kalt ist wie das Herz deiner Frau selbst im heißesten Sommer. Die Sackratten sollen dich auffressen, bei lebendigem Leib.«

Zwanzig Minuten ging er nun schon auf dem Feldweg. Der Zorn in seinem Ranzen war nicht weniger geworden, als er endlich das Bord erreichte. Die Kühle der sternenklaren Herbstnacht hatte das Gras bereits feucht werden lassen. Eine so tiefe Stille lag über dem Churer Rheintal, als hätten sich alle Geräusche des Tages mitsamt dem Vieh zur Ruhe gelegt.

Der Knecht war sich sicher, irgendwo vor ihm, am Ende des gemähten Abschnitts, musste die Sense liegen.

»Am Tüfel as Ohr ab«, schimpfte er, als er sie nicht gleich entdeckte. Er zog die Militärtaschenlampe aus dem Hosensack und wollte sie gerade anknipsen, als vom Rheindamm der gellende Schrei einer Frau ertönte.

Toni riss die Schultern hoch. Angstvoll blickte er sich um. Die Wiesen und Äcker bildeten ein dunkles Mosaik. Einzig bei der zehn Fußminuten entfernten alten Gasfabrik sah er einen schwachen Lichtschein. Der Wald auf dem Rheindamm über ihm war zappenduster. Hinter dem Fluss erhob sich der mächtige Calanda, dessen Gipfelregionen beinahe dreitausend Meter erreichten und auf dessen höchster Alp er von Kindesbeinen an im Sommer als Hirte arbeitete.

Der Knecht hätte nicht behaupten können, dass er in seinen dreißig Lenzen bereits viele Schreie gehört hätte. Doch in dem hier lag Todesangst, da war er sich sicher. Liebend gerne hätte er deshalb Fersengeld gegeben, wie immer, wenn es auch nur etwas brenzlig wurde. Aber vielleicht war der Angreifer, falls es denn einen gab, ja bloß ein schwächlicher Städter, den er mit der scharfen Sägaza verscheuchen konnte? Dann, ja dann hätte er endlich was in den Beizen zu erzählen.

Er leuchtete das Bord vor sich aus, fand die Sense, nahm sie in seine kräftige Rechte und fühlte sich schon etwas sicherer.

Der Schrei musste vom schmalen Weg der Rheinpromenade gekommen sein. Toni sammelte all seinen Mut, stieg hoch und lief dann am Waldrand entlang, bis er eine lichte Stelle im Unterholz entdeckte, durch die hindurch er sich zum Weg zwängen konnte – sein Herz hämmerte, sein Mund war trocken.

Zaghaft leuchtete er den karrenbreiten Weg in beide Richtungen aus. Außer seinem stockenden Atem war nur das leise Rauschen des Rheins zu hören. Kaum zu glauben, dass sich in den warmen Monaten Liebespaare im Rheinwäldchen tummelten wie die Frösche im Teich bei der Bettlerküche, dachte Toni. Im schwankenden Schein der Taschenlampe wirkte das Dickicht bedrohlich lebendig. Trotzdem ging er in die Richtung, aus welcher der Schrei gekommen war, immer darauf gefasst, dass ihn jemand aus dem Hinterhalt angreifen könnte.

Er war weiß Gott nicht der Mutigste. Der alte Prevost hatte deswegen schon manches Mal gewettert: »Herrgottsakrament, Knecht, wo bleibt bloß dein Schneid? Aber eine so große Schnorra wie ein Krokodil …«

Und es stimmte ja. Toni fürchtete sich noch immer vor den Hunden auf dem Hof und vor dem großen muskelbepackten Muni ebenso. Am letzten Stierenmarkt vor der Markthalle hatten einige Churer und Trimmiser Bauern ihn mit ihren Sprüchen angezündet, dass er den größten Stier geschenkt bekäme, wenn er sich trauen würde, an dessen Sack zu ziehen. Noch heute sah er die Runde vor sich, hörte, wie sie dreckig lachten, ihn verhöhnten. Jetzt war es an der Zeit, jetzt wollte er sich und vor allem allen anderen beweisen, dass er kein Hosenscheißer war.

Nach fünfzig Metern sah er etwas Weißes vor einem dicken Baumstamm liegen und ging vorsichtig näher, den Lichtkegel darauf gerichtet.

»Gott sei Dank, bloß ein Fetzen Stoff«, flüsterte er. »Wahrscheinlich liegen geblieben nach einem Picknick im Sommer«, und ging in einigem Abstand am Baum vorbei. Seltsamerweise roch es dabei intensiv nach Flieder.

Als er mit der Taschenlampe zurückschwenkte, gefror ihm der Atem.

Da saß ein junges Fräulein, an den Stamm gelehnt. Der wache und doch milde Blick aus ihren geschminkten Augen war zum Rhein hin gerichtet, der als schwarzes Band in seinem steinernen Bett vorüberfloss. Im Schoß hielt sie ein Sträußlein Herbstzeitlose.

Sie war schön, ihr schwarzes schulterlanges Haar in modische Wellen gelegt, das weiße Kleid mit den Puffärmeln zu leicht für die Jahreszeit. Sie war es, die nach Flieder duftete. Der Lack ihrer knallroten Schuhe mit den flachen Absätzen glänzte im Licht von Tonis Lampe.

Zaghaft streckte er seine Hand nach ihr aus, als müsste er einen streunenden Hund einfangen. Sie behielt ihr Lächeln bei, den sanften, weichen Ausdruck, auch als er ihre Wange mit zitternden Fingern berührte. Nichts rührte sich in ihrem Gesicht. War sie tot? Wie eine Puppe sah sie aus. Und dann, ein Blinzeln!

Hals über Kopf stürmte er durch das Gehölz davon, dabei verlor er nach wenigen Metern seine Taschenlampe, die auf einen Stein fiel und zersprang. Im ersten Moment sah er nicht mal mehr die eigene Hand vor Augen. Die Sichel der Sägaza blieb im Gestrüpp hängen, so als hätten Hände danach gegriffen. Scharf spürte er plötzlich die kalte Schneide in seinem Gesicht. Warm rann ihm das Blut über die Wange den Hals hinab. Aber er hetzte weiter. Seine Augen ahnten endlich eine Lücke im Dickicht, dann das Licht der Gasfabrik, wie ein Engelsfeuer.

Seine Lunge brannte, er konnte nicht mehr, doch als er sich umdrehte, sah er eine große, kräftige Gestalt, dreißig Meter hinter sich. Er floh in großen Schritten, weiter über die weiche Scholle eines Ackers. Aber er schaffte es nicht, den Abstand zu seinem Verfolger zu vergrößern. Im Gegenteil! Die Gestalt kam näher und näher. Mit allerletzter Kraft flüchtete er sich in den Obsthain vor der Gasfabrik, wo die Äpfel- und Birnenbäume dicht im Schwarz der Nacht beieinander standen.

Er presste sich hinter einen Birnenbaum. Der Schnitt in seinem Gesicht pulsierte, während er seinen Verfolger beäugte, der Baum um Baum abschritt, als plötzlich ein zweiter Frauenschrei die nächtliche Stille zerriss.

Der andere blieb abrupt stehen, dann rannte er fort, als würde er selber verfolgt. Schließlich verschluckte ihn die Nacht.

Toni der Knecht hätte nicht sagen können, wie lange er dort stand. Der zweite Schrei musste von den Plessurgütern her gekommen sein, einer Ansammlung heruntergekommener Gebäude, in denen seltsame Gestalten hausten.

Irgendwann wagte er sich schließlich aus der Deckung und schlich zum Tor der Gasfabrik, die von einem drei Meter hohen Gitterzaun umschlossen war. Der Geruch von Ammoniak, Schwefel und Teer lag schwer über dem Gelände.

Dann schrie er plötzlich los, als müsste die ganze Angst auf einmal raus. »Aufmachen! Aufmachen! Polizei! Polizei!«

Endlich ging in der alten Werkstatt eine Türe auf, ein heller Schein fiel auf den gekiesten Platz.

Der Nachtwächter trat mit einer großen Lampe in der Hand erstaunt ans Gatter. »Gopferdeckel, was ist denn passiert?« Er hielt die Lampe hoch. »Was willst du, du huara Schreihals?«, fragte er unwirsch, ehe er sah, dass der Knecht verletzt war. »Ja, Sternewetter, schau einer mal deinen Grind an.«

Toni stammelte etwas von einem Schrei und einem schönen totlebendigen Puppenfräulein und einem weiteren Schrei und von Händen, die im Wald nach ihm gegriffen hätten, und dass die Landjäger sofort anrücken sollten.

Seraphin Zablonier, der sechzigjährige Nachtwächter, zog ihn hinein und schloss das Gatter sorgfältig, als wäre Tonis Angst auf ihn übergesprungen. Sein Atem roch streng nach Schnaps, sein Gang war unsicher.

Gleich neben dem Eingang der Werkstatt war das kleine Arbeiterbüro. Die einzige Glühbirne blendete den Knecht so stark, dass er die Augen beschirmen und den Kopf senken musste.

Zablonier deutete auf einen der grob behauenen Holzstühle, die neben einem schweren Tisch standen.

»Hock ab!«

Dann nahm der Nachtwächter den schweren Telefonhörer in die Hand und wählte die 13, während er die Flasche Hochprozentigen zu Boden stellte und sich dann über den großen Schnauz strich, der einen anständigen Schnitt vertragen hätte.

»Grüatziwohl. Ist da das Fräulein vom Amt? … Gut, dann verbinden Sie mich mit dem Landjägerkorps, und zwar rassig.« Während er wartete, beäugte er Toni.

»Losend Sie, es nimmt niemand den Anruf entgegen«, entschuldigte sich das Fräulein eine Minute später. »Soll ich Ihnen die direkte Nummer sagen oder Sie mit dem Stadtpolizeiamt auf dem Kornplatz verbinden?«

»Minatwäga, verbinden Sie mich mit der Stadtpolizei, aber kschnäll, as brännt«, murrte Zablonier, dem das Ganze ganz und gar nicht zu passen schien, und mit einem Blick zum Knecht: »Jetzt haben wir auch noch die Schroter in der Hütte. Das hat mir gerade noch gefehlt.«

Es läutete dreimal, ehe eine tiefe Stimme am anderen Ende der Leitung ertönte: »Stadtpolizeiamt Chur, Wachtmeister Clavadetscher.«

1

Landjäger Caminada saß an diesem Herbstabend auf seiner Veranda und rauchte eine Villiger Krumme, als Menga leise durchs Fenster rief: »Walti? Telefon. Dringend.«

»Dringend«, und das um diese Zeit, konnte nur eines bedeuten: Bestimmt war das Landjägerkorps in der Leitung, und das verhieß nichts Gutes.

Caminada ging in den kleinen Flur, wo der schwarze Apparat an der Wand montiert war. Die Villiger qualmte in seiner Rechten.

»Hoffentlich hat das Gebimmel nicht unsere Lena geweckt?« Sein Blick ging zu Menga, die milde lächelte, während er mit der Linken die Sprechmuschel bedeckte. »Wäre besser, wir hätten diesen Affenkasten in der Stube.«

»Walti, sie schläft ja gottlob weiter tief und fest. Mach dir keine Sorgen. Das Fieber ist bestimmt in den nächsten Tagen vorbei. Das haben alle Kleinkinder irgendwann mal.«

Am Telefon war nicht wie erwartet das Kommando des Landjägerkorps, es war Peter Marugg, seines Zeichens Erkennungsfunktionär und Walter Caminadas bester Freund.

Der Landjäger sagte bloß: »Mhhh, verstanden, komme, so schnell ich kann«, und legte auf.

Er schnallte sein Halfter mit dem Revolver um, nahm seinen Tschoopa und den Mantel vom Haken, fischte von der Ablage den Hut, bevor er sich Menga zuwandte, die aus der Küche gekommen war und ihm sein Päckchen Zigaretten hinhielt.

»Sternewetter, Menga, ich muss sofort los. Die Geißen und Leo habe ich versorgt, sind alle im Stall.«

»Was ist denn passiert?«

»Womöglich eine Tote – am Rheindamm unten. Mehr weiß ich nicht.«

»Hoffen wir das Beste, mein Lieber.«

Menga öffnete die Türe zum Kinderzimmer. Caminada ging auf leisen Sohlen hinein, blieb vor dem Bettchen seiner zweijährigen Tochter stehen und blickte sie einige Sekunden lang an. Behutsam drückte er ihr einen Kuss aufs pechschwarze Haar.

»Gute Nacht, kleine Lena, und träum was Schönes«, flüsterte er und verließ das Zimmer. An der Haustüre blieb er lächelnd stehen. »Wir haben so ein Glück, Menga.«

Die schöne Engadinerin strich ihr schwarzes Haar zurück und küsste Caminada auf den Mund. »Gib acht auf dich, mein Lieber, gell?«

»Garantiert«, versprach er und nahm sie kurz in den Arm. »Ihr seid mir das Wichtigste überhaupt. Und du, verschließ die Türe gut.«

Im überdachten Anbau des kleinen Holzschopfes stand ungenutzt sein altes Velotöffli. Inzwischen parkte ein neues BMW-Motorrad im Unterstand. Zwei Stück hatte das Landjägerkorps bereits vor zwei Jahren erhalten und noch mal zwei vor wenigen Wochen zusammen mit einem Automobil der Marke Chevrolet. Auch wenn die Fahrzeuge im gesamten Kanton mit seinen einhundertfünfzig Tälern eingesetzt wurden, es war eine große Erleichterung für alle.

Caminada schob die Maschine auf die Loëstrasse und ließ sie einige Meter bergab rollen, um Lena nicht zu wecken, ehe er den kräftigen Motor ankickte. Seinen Hut hatte er unter den Tschoopa geklemmt, während er Richtung Gasfabrik knatterte.

Zum Glück trug er den langen Mantel über dem Tschoopa. Die Herbstfrische trieb ihm die Tränen in die Augen, da er seine lederne Töffbrille vergessen hatte.

Die gekieste schmale Straße, kaum mehr als ein besserer Feldweg, führte bis zur Gasfabrik, wo ihn der Geruch von Schwefel, Ammoniak und Teer empfing.

Vor dem Tor wartete der rothaarige Peter Marugg neben seinem Töff. Wie immer war er elegant gekleidet. Er trug einen hellbeigen Mantel und einen dazu passenden Hut. An seiner Seite stand ein älterer, hagerer Mann.

»Guata Obad, Landjäger Caminada.« Im schwachen Licht der Laterne über dem Eingangstor hielt ihm der Nachtwächter seine knochige Hand hin.

»Ein guter Abend wird es wohl kaum mehr werden, Seraphin.« Caminada kannte den Mann und tat so, als würde er dessen Alkoholfahne nicht riechen.

»Walter«, Marugg legte dem Landjäger kurz die Hand auf die Schulter, »komm, lass uns kschwind ins Arbeiterbüro gehen. Dort sitzt der Knecht, der dieses seltsame Fräulein gefunden haben will. Ich habe unseren Chevy angefordert, denn der Zeuge ist zünftig im Gesicht verletzt. Mit dem Töff können wir den nicht ins Krankenhaus hochfahren. So stuchenbleich, wie er ist, fällt der uns unterwegs vom Sattel. Der eine Krankenwagen der Stadt ist im Schanfigg unterwegs.«

»Und der andere?«

»Kaputt, beim Städeli in Reparatur.«

»Und wer holt den Mann jetzt ab?«

»Doktor Laube ist in Versam auf der Jahresversammlung der Jäger, hat seine Haushälterin mir ausgerichtet. Deshalb habe ich versucht, Hauptmann Fässler auf dem Posten zu erreichen, der hat mit Berger Nachtdienst. Doch die beiden waren bis vor wenigen Minuten wegen dieser italienischen Schmugglerbande unterwegs, die seit Wochen Katz und Maus mit uns spielt. Deshalb hat das Stadtpolizeiamt mich zu Hause aufgeboten. Aber der Ferdinand Fässler weiß jetzt Bescheid und fährt den Knecht ins Kantonsspital. Berger hat ja keinen Führerschein, wie du.«

Zablonier, der ihnen vorausgegangen war, öffnete die Türe zur Werkstatt und schob dann die zum Arbeiterbüro auf.

Caminada trat ein und sah den Knecht auf einem Stuhl hocken. Ein Häuflein Elend, kreideweiß, blutige Schlieren im Gesicht und am Hals. Und noch etwas fiel Caminada auf – auch hier roch es stark nach Alkohol.

Doch im Moment war wichtiger, dass der junge Mann in ärztliche Obhut kam. Vorher mussten sie ihn aber wenigstens kurz vernehmen, um gezielt ausrücken zu können.

Der Knecht schien arg durcheinander zu sein. Erst nach mehrmaligem Nachfragen ergab sich ein klareres Bild. Den ersten Schrei musste er um halb zehn Uhr gehört haben. Und die beiden Beamten erfuhren auch, wo genau das Fräulein lag. Ganz sicher sei er nicht, ob es nicht doch eine Puppe gewesen sei, gab der Knecht etwas kleinlaut zu.

Der Knecht war Caminada und Marugg bekannt. An seinen freien Samstagnachmittagen und am Abend hockte er in der Bierhalle am Obertor und erzählte seine Räuberpistolen. Manchmal spendierte ihm dann jemand belustigt ein Bier.

Caminada war misstrauisch. »Also, und was ist weiter passiert? Wieso bist du verletzt?«

»Als ich Hilfe holen wollte, griff mich eine kräftige Gestalt im Rheinwäldchen an.«

»Hast du denn in der Dunkelheit überhaupt jemanden sehen können?«

»Nein, aber die Kraft hab ich gespürt, ich hab mich wie ein Löwe gewehrt, doch der hat mir die Sense entrissen. Deshalb habe ich die Wunde im Gesicht. Ich lag schon am Boden, als der andere zum Todesschlag ausholte. Mit dem letzten Funken Überlebenswillen hab ich ihm da einen so heftigen Schparz verpasst, dass ich in der einen Sekunde, in der er taumelte, davonseckeln konnte.«

»Aha, und das alles im Stockdunkeln, oder wie?«

»Meine Taschenlampe muss noch irgendwo am Boden liegen, die hat noch geschienen und ist erst beim Kampf kaputtgegangen.«

»Und weiter?«

»Herr Landjäger, bitte glauben Sie mir …«

Der Knecht erzählte von dem Mann, der ihn bis in den Obsthain verfolgt hatte, und von dem zweiten Schrei.

»Und woher kam dieser Schrei?«

»Irgendwo aus Richtung Plessurgüter. Aber ich dachte, dass es besser ist, euch zu alarmieren, deshalb bin ich hierher gelaufen.«

Caminada sah Marugg an und deutete mit dem Kinn zur Tür. Sie ließen den Nachtwächter und den Knecht allein und gingen hinaus.

Maruggs Blick verriet Caminada, dass sein Freund dasselbe zu denken schien.

»Peter. Als Erstes müssen wir klären, ob dem jungen Kerli nicht die Sicherungen durchgebrannt sind. Besoffen ist der im Gegensatz zum Nachtwächter zwar nicht, aber du kennst den Toni ja auch: Die eine Hälfte, die er rumerzählt, ist gelogen, die andere gut erfunden. Nur, was, wenn es diesmal stimmt? Außerdem ist er ja wirklich verwundet.«

»Du weißt, wie Angst die Phantasie anregt. Es wäre nicht das erste Mal, dass wir wegen einem schlechten Scherz ausrücken müssen, und ein paar Unterbelichtete lachen sich dann einen Schranz in die Hose. Trotzdem, wir müssen das klären.«

Caminada nickte, als ein Hupen ihr Gespräch unterbrach.

Hauptmann Fässler war im dunkelgrauen Chevrolet vorgefahren. »Wenn ihr endlich euren Führerschein machen würdet, müsste nicht ich jetzt herfahren«, murrte er zur Begrüßung.

Caminada ging nicht darauf ein. Nur er, Berger und zwei weitere Landjäger besaßen keine Fahrerlaubnis. Ihm hatte das Schriftliche einen gehörigen Strich durch die Rechnung gemacht, und ein zweites Mal würde er sich bestimmt nicht blamieren.

Der Hauptmann stand jetzt neben der Fahrertüre und zog heftig an seiner Zigarette, als wollte er sich so beruhigen. Caminada erzählte ihm kurz, was sie bislang wussten, während Marugg den Verletzten holte.

»Ferdinand, wegen der unklaren Darstellung von diesem halbschlauen Knecht sind Peter und ich unschlüssig, ob wir gleich Verstärkung anfordern sollen. Es könnte sein, dass es zwei Opfer gibt, aber auch, dass es gar keins gibt, dass der Toni eine Schaufensterpuppe gesehen hat und die Phantasie mit ihm durchgegangen ist.«

Der Hauptmann entschied wie gewohnt kurz und bündig: »Geht und klärt die Situation am Fundort, bevor wir die Männer aus dem Näscht schellen. Ich bringe den Knecht ins Kantonsspital und fühle ihm mal auf den Zahn.«

Marugg führte Toni zum Wagen und hievte ihn auf den Rücksitz. Caminada klopfte zweimal kurz aufs Autodach, bevor der Chevy mit knirschenden Reifen davonfuhr.

»Seraphin … Und wir reden auch noch mal«, rief er dem Nachtwächter zu, nachdem Marugg und er die Motoren ihrer Töffs angekickt hatten. Zablonier nahm das bloß zur Kenntnis und schloss das Eisengatter.

Beim Rheindamm, dort wo die schmale Straße in den Fußweg mündete, stellten sie ihre Motorräder ab. Auf ihren Velotöfflis hatten sie früher bei ausgeschaltetem Motor fast lautlos an die Tatorte trampeln können. Aber hier mussten sie den Rest des Wegs sowieso zu Fuß gehen.

Der zweiundvierzigjährige Landjäger zog sicherheitshalber seinen Revolver, den er immer noch nicht gegen eine Ordonnanzpistole eingetauscht hatte. Und dabei würde es auch bleiben.

Sie gingen durchs Rheinwäldchen Richtung Haldenstein; jeder hatte eine starke Lampe in der Hand.

Es war derselbe Weg, den Caminada vor fünf Jahren beim ersten Rendezvous mit Menga gegangen war. An einem schwülheißen Sommernachmittag hatten sie direkt am Rheinufer gepicknickt, geredet, gelacht und waren sich nähergekommen. Erst in der Dunkelheit spazierten sie über die Felder zurück nach Chur. Vor Mengas Tür küssten sie sich zum ersten Mal. Sie flüsterte, dass sie ihn bald wiedersehen wolle, morgen habe sie tagsüber Dienst und deshalb nur am Abend Zeit. Menga arbeitete damals noch als Ärztin im Kreuzspital.

Sie schwenkten ihre Lampen mal nach rechts, mal nach links, bis sie zwanzig Meter vor sich etwas Weißes zwischen den Bäumen aufleuchten sahen.

Was immer die Sitzende auch war, sie wirkte ebenso tot wie lebendig, blickte ihnen direkt in die Augen, als wollte sie jeden Moment etwas sagen. Das Sträußchen lilafarbene Herbstzeitlose, das sie in den Händen hielt, und die knallroten Schuhe waren die einzigen Farbtupfer. Sie duftete nach Flieder.

Marugg ging in die Hocke. Behutsam berührte er ihr Gesicht, mehrmals, etwas schien ihn zu irritieren. Dann zog er seinen Stift aus dem Tschoopa unter seinem Mantel hervor und tippte vorsichtig auf die geöffneten Augen. Ein helles »Tick, Tick« ertönte.

»Glasaugen! Walter, Gottlob, es ist nur eine Puppe. Das Gesicht ist aus Wachs.«

Caminada atmete auf, denn er mochte keine Toten, junge Tote schon gar nicht. Er ging in die Knie und verlor dabei das Gleichgewicht, sodass er sich aufstützen musste und dabei ein Bein der Puppe erwischte. Wie von der Tarantel gestochen schoss er hoch. »Harrgottsaknomol, Peter!«

Marugg lachte. »Walti, ist doch nur eine Puppe, wenn auch eine unglaublich gut gemachte.«

»Peter? Hast du ihre Beine angefasst?«

»Nein, aber, wie gesagt, ihr Gesicht. Und das ist aus Wachs, und die Augen sind aus Glas.«

»Fass mal die Beine an.«

Marugg tat es – und sein Blick drückte mehr Erstaunen als Schrecken aus.

»Das gibt’s doch gar nicht?« Nun war es Marugg, der seinen Hut zurechtrückte, so wie es sonst Caminada tat, wenn er nachdachte oder überrascht war.

Marugg berührte das Puppenfräulein noch mal an den Beinen, dann an den Armen und betastete auch ihren Bauch, ließ seine Hand eine Weile darauf ruhen. »Sie ist ja noch warm. Also, jetzt gruselt’s mich auch, Walter. Sie ist ein Mensch, und sie ist tot, und sie hat Glasaugen und ein Wachsgesicht!« Er stand auf und murmelte: »Was ist bloß mit ihr geschehen?«

Caminada betrachtete das Gesicht. Das Puppenfräulein kam ihm seltsam bekannt vor.

»Walti, kännsch du das Fräulein öppa?«, fragte Marugg, als hätte er seine Gedanken gelesen.

Caminada rieb sich das Kinn. »Nai, wie auch? Aber irgendwie kommt sie mir doch bekannt vor.«

»Walter, wir müssen Verstärkung anfordern. Schon allein wegen dem zweiten Schrei. Wer weiß, was wir noch finden. Ich muss nur kurz den Fundort untersuchen und Fotos machen. Bist du einverstanden? Dauert höchstens zehn Minuten.«

Caminada richtete auf Maruggs Bitte hin die beiden Lampen aus.

Marugg besaß seit zwei Jahren eine der kleinsten Kameras und hatte sogar die neuen Kodak-Farbfilme. Hier aber, wo es von Schatten nur so wimmelte, boten Schwarz-Weiß-Bilder mehr Detailreichtum, wie er beiläufig erklärte.

Nachdem er seine Aufnahmen gemacht hatte, nahm Marugg, der bekannt war für seine Akribie, gemeinsam mit Caminada den Fundort in Augenschein. Sie fanden nichts.

»Walter, erst bei Tageslicht können wir hier genauer suchen«, entschied Marugg.

Die Leiche war so positioniert worden, dass sie scheinbar selbstständig aufrecht saß. Doch kaum bewegten die beiden sie nur etwas, sackte das Puppenfräulein zur Seite und blieb ganz verrenkt liegen. Ihr Lächeln behielt sie bei, die Augen blickten seltsam lebensfroh nach oben.

Auf den ersten Blick waren keine Spuren von Gewaltanwendung zu erkennen, weder Einschusswunden noch Würgemale, und auch keine anderen Verletzungen. Sie hatte nichts Persönliches bei sich, ihre Identität ließ sich nicht feststellen.

»Ihre Haut ist kalt, aber wir wissen ja, dass das schnell geht. Der Bauch ist allerdings noch warm.« Marugg nahm das Fieberthermometer aus dem gepolsterten Holzetui.

Caminada wusste, was jetzt kam. Er wandte sich ab. Um die Restkörpertemperatur zu messen, führte Marugg, der Gummihandschuhe übergezogen hatte, den Fiebermesser rektal ein, jedoch so, dass die Tote kaum entblößt werden musste. Vorher hatte er ein Außenthermometer auf einen nahen Baumstrunk gestellt, um anhand beider Werte den Todeszeitpunkt zu ermitteln.

Der Landjäger wunderte sich immer wieder darüber, wie gelassen und konzentriert der erst zweiunddreißigjährige Marugg seine Arbeit erledigte, ohne dabei je die Würde der Toten zu verletzen.

Schließlich beugte sich Marugg über die Referenzliste, dann über seine schicke Armbanduhr an seiner Rechten: »Walter, es ist kurz nach halb elf. Das Fräulein ist noch keine drei Stunden tot.«

Der Landjäger schob seinen Hut zurecht und zündete sich eine Villiger Krumme an. »Jetzt stellt sich die Frage, wie sie hergekommen ist. Mit diesen Schuhen ist die keinen Meter weit gelaufen. Die sind ja nigelnagelneu. Schau dir nur mal die Sohlen an, Peter.«

»Du häsch recht. Und wer hat sie so zugerichtet-hergerichtet? Wir müssen sie in die Leichenhalle bringen lassen. Der Doktor Bargätzi soll halt auch mal aus dem Näscht steigen.«

»Stimmt. Aber erst müssen wir eine Hampfla Leute herholen, um den Wald zu durchkämmen, Dunkelheit hin oder her. Schließlich gab es einen zweiten Schrei. Wer weiß, vielleicht liegt da draußen noch ein Puppenfräulein. Ich mag mir das gar nicht ausmalen.« Die Glut von Caminadas Zigarette leuchte beim nächsten Zug hell auf.

Den beiden blieb nichts übrig, als die Tote zurückzulassen, um in der Gasfabrik telefonisch Verstärkung anzufordern – es ging um Mord.

Als sie wieder vor der Gasfabrik standen und auf ihre Rufe hin der Nachtwächter nicht kam, wurde Caminada sauer. »Sternasiachnomol, isch de huara Glünggi besoffen eingeschlafen?«

In diesem Moment tauchte Zablonier hinter ihnen auf. »Tschuldigung, ich schließ ja schon auf«, keuchte er.

»Was treibst du hier draußen?« Caminada leuchtete dem Mann ins Gesicht.

»Ähm, ja, ich musste doch meine Runde machen.«

»Aha. Hast du die Bäume im Obsthain gezählt?«

Der Nachtwächter schloss auf, ohne eine Antwort zu geben, und führte sie ins Arbeiterbüro. Caminada fiel auf, dass Zablonier nervös war und frische Erde an seinen schweren Schuhen haftete.

»Wo warst du?«

Noch immer rang der Alte nach Luft. »Wie gesagt, sicherheitshalber habe ich draußen eine Runde gedreht. Als ich dann die Lichter von euren Töffs gesehen hab, bin ich gleich wieder zurück. Drum …«

»Den Saich kannst du wem anders verzapfen«, donnerte Caminada. »Also, raus mit der Sprache!«

Der Nachtwächter senkte den Blick. »Der Gwunder hat mich halt gepackt. Wollt doch sehen, was da unten los ist. Da bin ich euch hinterher, zum Rheinwäldchen runter. Als ich gemerkt hab, dass ich durchs Gesträuch muss, bin ich zurück, und da ihr so schnell wart, musste ich halt rennen.«

Zufrieden mit dieser Antwort war Caminada nicht. Doch Marugg winkte ab. Das konnten sie später klären.

Mit einem strengen Blick auf Zablonier nahm Caminada den Telefonhörer in die Hand und wählte die Nummer des Landjägerkorps. Vergeblich. Berger war offenbar nicht in der Wachstube und Hauptmann Fässler noch nicht vom Transport ins Krankenhaus zurück. Aber sie bräuchten sowieso Verstärkung vom Stadtpolizeiamt.

Noch allerdings war der strenge Major Kübler im Amt, und der erwartete, dass bei solchen Einsätzen erst seine Einwilligung eingeholt wurde – egal um welche Uhrzeit. Deshalb schellte um kurz vor elf das Telefon bei ihm zu Hause.

Der Landjäger bat den Kommandanten um vier der insgesamt zwanzig Beamten, die in Chur im Landjägerkorps dienten. Zudem würde er beim Stadtpolizeiamt vier Beamte anfordern.

Bis auf wenige Hilfspolizisten, die ihren Dienst in Seitentälern des Kantons versahen, wo sie auch wohnten, hatten fast alle Beamte einen privaten Telefonanschluss, was die nächtliche Alarmierung um ein Vielfaches beschleunigte. Noch vor drei Jahren mussten sie Männer auf Fahrrädern losschicken, um die benötigten Beamten aus dem Näscht zu holen. So hatten sich vor fünf Jahren auch Caminada und Marugg kennengelernt, als der damals unsichere Hilfspolizist des Stadtpolizeiamts in aller Herrgottsfrüh an die Tür des Landjägers gehämmert hatte. Caminada hatte ihm deswegen gehörig die Leviten gelesen.

In dieser Nacht dauerte es bloß eine Dreiviertelstunde, bis alle Mann dicht gedrängt im Arbeiterbüro der Gasfabrik standen. Vier Beamte waren auf zwei Seitenwagen-Töffs gekommen, der Rest auf Velotöfflis. Für die Bergung der Leiche wurde der Sackkarren des Stadtpolizeiamts, mit dem sie schon seit Jahrzehnten die Besoffenen aus den Beizen zum Posten transportierten, auf einem Lieferwagen des Kohlehändlers Storz hergebracht.

Landjäger Waser und Hilfspolizeimann Brunner erhielten den Auftrag, die Tote zu bergen und in die Gasfabrik zu bringen. Anschließend sollte sie mit dem Lieferwagen zwecks Obduktion ins Kreuzspital überführt werden. Doktor Bargätzi war von Major Kübler deswegen persönlich aufgeboten worden.

Die restlichen Männer durchkämmten die Umgebung. Caminada und Marugg bildeten mit je drei Mann einen Trupp.

In zwei Viererketten schritten sie das bewaldete Ufer der Plessur ab, jeder einen langen Stock in der Hand haltend. Sie stocherten in jedem Busch, schoben Zweige zur Seite.

Kurz bevor sie die Flussmündung beim Rheindamm erreichten, ertönte vom linken Ufer Landjäger Maissens tiefe Stimme: »Fündig!«

Caminada kämpfte sich zu Maissen durch, der seine Lampe schwang, damit jeder ihn sehen konnte.

Schließlich waren alle acht Männer versammelt. Im Licht der Lampen sahen sie eine junge Frau schief an einem Baumstamm lehnen. Sie war kein Fräulein mehr, denn sie trug einen golden glänzenden Ehering. Und im Unterschied zum Puppenfräulein am Rheindamm war ihr das Verbrechen anzusehen. Auch sie war schön, aber ihre Züge waren verzerrt.

»Harrgottnomol, das ist doch die Bernadette!« Wachtmeister Clavadetscher, der als Letzter dazugekommen war, konnte es nicht fassen.

»Ach was?«, entfuhr es Caminada.

»Ja. Die Frau von Schneider Strebel, der aus der Poststrasse. Eine gute Freundin meiner Frau Clementina. Noch vor drei Tagen haben wir alle gemeinsam bei uns Hirschpfeffer gegessen.«

Caminada rückte seine Hutkrempe zurecht, bevor er leise, wie zu sich selbst, sagte: »So erklärt sich der zweite Schrei. Der Knecht hat also nicht gelogen.«

Marugg beugte sich zu der Toten hinab. »Walter, sie wurde erwürgt.« Unter dem modischen Jackett fehlten die beiden obersten Knöpfe ihrer Bluse. Wie ein todbringendes Diadem umschlossen Blutergüsse ihren Hals. Wortlos schob Marugg mit seiner behandschuhten Rechten das linke Augenlid hoch, sodass die geplatzten Äderchen gut zu erkennen waren. Und während er sich aufrichtete, sagte er trocken: »Sie ist noch lauwarm.«

Er nahm seine Kamera und fotografierte ihre Position aus verschiedenen Winkeln.

Obwohl Caminada sich schwer damit tat, tote Menschen zu berühren, weil ihr Leid ihm so naheging, half er zwei anderen Landjägern dabei, das Opfer so zu drehen, dass Marugg sie anschließend von allen Seiten fotografieren konnte. Um die Beine abzulichten, schob Marugg auch den modischen Rock hoch, bevor er die Hände und Unterarme untersuchte und ebenfalls im Bild festhielt.

Dann blieb er reglos vor der Toten stehen. Konzentriert blickte er durch seine dunkle Hornbrille. Er schien nachzudenken.

»Peter?«

»Na ja, Walter. Irgendwas stimmt hier ganz und gar nicht.«

Maissen lachte im Hintergrund hell auf. »Ach was.«

Doch niemand stimmte in Maissens Lachen ein, sodass der betreten zu Boden blickte.

Marugg fuhr fort: »Der Täter muss gestört worden sein, oder es handelt sich um einen ganz anderen Mord als bei dem ersten Opfer, was aber nicht heißt, dass es nicht derselbe Täter war.«

»Vielleicht hat das Opfer den Mörder ja bei der ersten Tat gestört?«, versuchte Maissen seinen Patzer wiedergutzumachen.

»Kann sein«, sagte Caminada. »Aber ich frage mich: Was hatte diese junge, schick gekleidete Frau um die Zeit hier zu suchen? Und schaut euch nur mal die hohen Absätze an. Hergelaufen ist die damit von der Stadt bestimmt nicht. Auch wenn wir bis jetzt kein Fahrzeug gefunden haben, sie muss in einem Wagen gekommen sein.«

Marugg ging vor der Toten in die Hocke und richtete seine Lampe auf die Schuhe. »Neu, wie bei der ersten Toten, sind die zwar nicht, dennoch, weit ist sie damit nicht gelaufen, schon gar nicht durchs Gesträuch. Sie war wahrscheinlich schon tot, oder zumindest betäubt, als man sie hier abgelegt hat. Aber eins nach dem anderen. Am besten wir sperren den Weg von der Gasfabrik zum Rhein ab und den zu den Plessurgütern hinüber ebenfalls. Hier verplempern wir nur unsere Zeit.«

»Wieso?«, wollte Maissen von Marugg wissen und gab gleichzeitig dem Landjäger Feuer.

»Was, wieso?«

»Wieso soll die tot oder betäubt hier abgelegt worden sein?«

»Sie wurde hierhergetragen.«

»Das kannst du doch unmöglich wissen.«

Marugg blickte Maissen gelassen ins Gesicht. »Weißt du, nicht nur Menschen sprechen. Auch Orte. Man muss nur gut hinhören.«

»So, so«, kam es abschätzig von Maissen, der Maruggs Arbeit als Erkennungsfunktionär noch immer belächelte. Caminada war schon drauf und dran, Maissen einen Schnarz zu geben. Doch er wusste, Marugg brauchte seine Unterstützung nur dann, wenn’s mal hemdsärmelig wurde.

»Also, der Fundort, die Schuhe, die Beine und ihre Kleidung sagen es mir. Schau, die Tote liegt zwischen Unterholz und dichtem Waldgestrüpp. Und es gibt hier nicht wenig Dornengesträuch. Nur wenn sie ganz vorsichtig im Schein einer starken Lampe hergegangen wäre, hätte sie es theoretisch schaffen können, ohne schlimmere Blessuren davonzutragen.«

»Und warum sollte es nicht so gewesen sein?«

»Nun ja, erstens müsste dafür noch ein plausibler Grund gefunden werden, hier liegt bestimmt kein Goldschatz vergraben, und zweitens war es nicht so. Der Täter muss die Frau über die Schulter gelegt haben. Deswegen hat sie nur Kratzer hinten an den Waden und an der Rückseite ihrer Oberschenkel. Ihre Arme und Hände sind unverletzt, denn sie hingen hinter dem Rücken des Täters runter und waren daher geschützt.«

Maissen schwieg verstimmt, und der Landjäger war einmal mehr beeindruckt, mit welcher Gelassenheit Marugg vorging, obwohl er noch so jung war. Er nahm einen Zug von seiner Zigarette und blies langsam den Rauch in die kühle Herbstluft. »Gut möglich, dass der Täter seinen ursprünglichen Plan nicht umsetzen konnte. Die todschicken Hudara passen zu dem schönen Kleid vom Puppenfräulein. Wer weiß, wie sie als Puppenfrau ausgesehen hätte …« Caminada machte eine kleine Denkpause, betrachtete die Tote. »Sobald es hell ist, müssen wir hier alles auf den Grind stellen und auch die Gebäude der Plessurgüter in Augenschein nehmen. Der Bargätzi soll beide Leichen kschwindhaft untersuchen und seinen Bericht verfassen«, entschied er, obwohl auch Hauptmann Fässler, seines Zeichens stellvertretender Kommandant, vor Ort war. Bereits im kommenden Januar würde Fässler Chef der neuen Kantonspolizei werden.

Aber Caminada war es gewohnt, selbstständig zu handeln, und das, obwohl er der einzige Landjäger im Kanton war, der weder richtig lesen noch schreiben konnte, wegen seiner Dyslexie. Ein komisches Wort, fand er, aber immer noch besser als Leseblindheit, oder gar Schreib- und Leseschwäche. Und wegen dieser Dyslexie hatte es auch nicht geklappt mit dem Automobilführerschein, nur eine der Anforderungen der künftigen Kantonspolizei. Die Zeit hatte ihm nicht gereicht, alle Fragen zu entziffern und zu beantworten. Er war diesem Papierkrieg einfach nicht gewachsen. Lieber hätte er einen dreiköpfigen Halunken an der Gurgel gepackt. Dazu kam, dass seit ein paar Jahren überall diese vermaledeiten Schreibmaschinen auf die Bürotische hüpften wie die Murmeltiere im Frühling auf die Bergweiden. Er war und blieb ein Mann der Straße, im Büro fühlte er sich wie im Gefängnis. Ganz im Gegensatz zu Marugg. Der war innert fünf Jahren vom Hilfspolizisten, den zu Anfang bis auf Caminada niemand ernst genommen hatte, zum jüngsten Leutnant überhaupt aufgestiegen. So blitzgescheit wie der war, wunderte dies heute keinen mehr, doch es gab auch Neider. Zu dem hinterfotzigen Gerede hatte Marugg bei einem Bier im Garten des Landjägers schon vor vier Jahren gemeint: »Walter, das nehm ich als Kompliment.«

Caminada drehte sich zum Hauptmann um. »Ferdinand, bist du mit meinem Vorschlag einverstanden?«, fragte er der Form halber. Er kam gut mit Fässler zurecht, anders als mit dem alten Major, der ein Polterer und Ewiggestriger war.

Fässler nickte. »Ich werde dem Major Bericht erstatten. Treffen wir uns morgen alle um Punkt sieben hier, dann wird die Sonne nächstens über dem Montalin aufgehen. Jetzt sperren wir noch die beiden Wege ab, damit uns niemand hier reintschalpt.«

Caminada packte mit an, als sie die zweite Tote, die mittlerweile in eine Decke gewickelt worden war, zum schmalen Feldweg trugen, um sie mit dem Sackkarren zur Gasfabrik zu bringen. Auf der Holzpritsche des Lieferwagens lag bereits das Puppenfräulein, die Augen zum Sternenhimmel gerichtet.

»Ja, Harrgottsakramentnomol! Warum deckt denn niemand das arme Fräulein zu?«, schimpfte Caminada, als er auf die Ladefläche kletterte. Ein gar trauriger Anblick bot sich ihm, als er Bernadette Strebel neben das erste Opfer legte. Jemand reichte ihm eine alte Militärdecke, die in der Fahrerkabine gelegen hatte. Dann waren nur noch die knallroten Schuhe des Puppenfräuleins zu sehen.

Nachdem die Zufahrtstraße abgesperrt war, verschwanden alle vom Vorplatz der Gasfabrik, bis auf den Landjäger und Marugg. Caminada rückte seinen schwarzen Hut zurecht und zog an seiner Zigarette, bevor er sie mit der Schuhspitze ausdrückte. Er wollte sich noch mal den Nachtwächter vornehmen.

Zablonier, nun fast nüchtern, war verlegen. »Sagt dem Fabrikleiter bitte nichts vom Saufen und von meinem kleinen Ausflug vorhin.«

Caminada hatte Mitgefühl mit dem Alten, dem das blaue Arbeitsgewand nur so um die Hühnerstelzen schlotterte. Er kannte dieses Gesicht des Alkohols nur allzu gut. Noch vor fünf Jahren war der Wein Caminadas engster Freund gewesen, ein falscher Freund. Zwei Jahre lang war das so gegangen. Aus dieser Zeit kannte er Seraphin Zablonier. Er war ihm hin und wieder in den Beizen begegnet, wenn Zablonier gerade keine Nachtschicht hatte. Caminada war damals oft genauso randvoll gewesen wie der Nachtwächter, aber anders als Zablonier war Caminada im Suff nie durch die engen Altstadtgassen getorkelt. Er hatte sich zu Hause den Rest gegeben: in der leeren Wohnung, wo nur er und der Schmerz über den Tod seiner ersten Frau Jolanda hausten. Ein Wunder, dass Zablonier noch nicht seine Anstellung verloren hatte, bei Caminada war es damals fast passiert. Sein Ruf war empfindlich angekratzt gewesen. Dann lernte er Menga kennen und durfte neu anfangen. Wenn irgend möglich, würde er Zabloniers Fehlverhalten nicht in seinem Bericht erwähnen, den Marugg wie immer in Windeseile für ihn tippen würde.

»Hast du irgendwas mitbekommen, Schreie gehört, oder ist dir sonst was aufgefallen?«

»Nein, gar nichts.«

»Wirklich nichts gehört?«

»Nein, die Türe war zu, und wenn die Kompressoren losdröhnen, kommen kaum Geräusche von draußen rein. Den Knecht Toni, den habe ich irgendwann rufen hören. War ja auch nicht zu überhören, der verreckti Schreihals, der.«

»Aha. Und sonst war da nichts? Verzell ja keinen Saich!«

»Sicher nicht. Wieso sollte ich?« Zablonier tat beleidigt. »Alles war wie immer, bis der Toni sein Geschrei abließ.«

»Also gut, Seraphin. Das wär’s fürs Erste. Wir werden morgen in der Früh noch mal herkommen. Und wenn was ist, dann schell uns gefälligst, und das rassig. Verstanden?«

Zablonier nickte. »Musst nicht so mit mir reden, Walter. Gab bei dir ja auch mal andere Zeiten. Bist jetzt ein Mehrbesserer geworden, oder was?«

»Eben drum, weil ich kein Mehrbesserer bin, weiß ich genau, wie du gestrickt bist, und deshalb lasse ich mich auch nicht für dumm verkaufen. Sei ehrlich, du warst sternhagelvoll, hast deine Runden nicht gemacht, und darum hast du nichts mitgekriegt.«

»Ja, schon recht, Walter. So war’s ja nicht gemeint. Zugegeben, ich muss zwischendurch eingenickt sein.«

»Aber ich mein’s so! Also, sei wachsam den Rest der Nacht. Es hat zwei Morde gegeben, das ist kein Spaß.«

»Verstanden.«

2

Der Gang, den Caminada und Marugg nun vor sich hatten, war der schwerste in ihrem Beruf. Obwohl oder vielleicht auch gerade weil Wachtmeister Clavadetscher mit den Strebels befreundet war, bat er Caminada, dem Witwer die traurige Nachricht zu überbringen.

Die Strebels, Eigentümer der größten und angesehensten Schneiderei samt Kleiderverkauf in Chur, wohnten in der Altstadt, unterhalb der Rathaushalle, in der Poststrasse. Der große Laden nahm die ersten beiden Stockwerke ein, darüber wohnte das kinderlose Paar.

Die Polizeistunde war schon vorbei, niemand hockte mehr in den Wirtshäusern. Die spärlich verteilten Straßenlaternen warfen ihre mageren Lichtkegel in die leeren Gassen, als Caminada und Marugg lärmend auf ihren Maschinen vorfuhren.

Oben brannte noch Licht. Caminada drückte die Klingel unter dem goldenen Schild, auf dem in schwarzen geschwungenen Buchstaben Schneiderei Strebel eingraviert war.

Ein Fenster ging auf. »Was gibt es noch so spät?«, kam es fiepsend von oben.

»Landjägerkorps Graubünden. Landjäger Caminada und Leutnant Marugg. Wir suchen Moritz Strebel.«

»Das bin ich. Ist etwas passiert?«

»Können wir das drinnen klären?«

Das Fenster schloss sich, und kurz darauf öffnete ein etwa fünfunddreißigjähriger Mann die schwere Eingangstüre. Er fuhr sich durch das schüttere blonde Haar.

»Was ist los?« Die helle Stimme passte nicht zu seinem kräftigen Körperbau, der wiederum nicht zu einem Schneider passte.

Er führte sie in den im Halbdunkel liegenden Verkaufsraum. Im Hintergrund brannte eine einzige Glühbirne. Dennoch sah Walter den dicken Kratzer auf Strebels Stirn.

»Es geht um Ihre Frau Bernadette.«

»Was ist mit ihr? Sie sollte schon vor einer Stunde zu Hause sein.«

»Es tut mir sehr leid, Herr Strebel. Ihre Frau wurde heute Abend tot aufgefunden.«

»Was?« Strebel wankte, als hätte sich der Boden unter ihm in Bewegung gesetzt.

Caminada fühlte die Leere, den Schrecken, die seit seiner Aussage in der Luft lagen. »Sie ist Opfer eines Verbrechens geworden. Wir haben sie in der Nähe des Rheindammes gefunden, sie und ein uns noch unbekanntes Opfer, nur ein paar Hundert Meter entfernt.«

Strebel setzte sich auf einen gepolsterten Stuhl. »Zwei Opfer?« Er schlug die Hände vors Gesicht.

Marugg ergriff nach einem Moment des Schweigens das Wort: »Herr Strebel!« Er wartete, bis der Schneider seine Hände runternahm und aufblickte. »Mein Beileid. Damit wir so schnell wie möglich die Umstände klären können, bitten wir Sie, uns die drängendsten Fragen zu beantworten. Auch in Bezug auf das andere Opfer.«

Strebel nickte.

»Danke, Herr Strebel. Bitte sagen Sie uns, wo Ihre Frau heute Abend gewesen ist.«

»Kino. Sie war mit Klara im Kino.«

»Klara? Eine Freundin, eine Bekannte? In welchem Kino waren die beiden?«

»Im Rex am Bahnhof. Klara ist Bernadettes Schwester. Klara Stützli. Entschuldigung, mir ist schlecht, ich muss was trinken.«

Er verschwand nach nebenan und kam mit einem Glas Rotwein zurück, das er in einem Zug leerte.

»Wann hätte der Film aus sein sollen?«

»Um kurz nach elf. Sie haben sich Du sollst mein Glücksstern sein angeschaut. Nach dem Kino gehen sie immer noch was trinken. Bis jetzt war Bernadette aber jedes Mal vor Mitternacht zurück.«

Dem Landjäger war klar: Die Bernadette war nicht im Kino gewesen, denn den ersten Schrei hatte der Knecht bereits um halb zehn gehört, den zweiten nur wenige Minuten später.

»Haben Sie versucht, Bernadettes Schwester …«, Marugg, der die ganze Zeit mitschrieb, blickte auf sein Notizbüchlein, » … die Klara Stützli, telefonisch zu erreichen? Jetzt ist es ja fast ein Uhr.«

»Ja, habe ich. Aber ich bekam sie nicht ans Telefon. Das hat mich stutzig gemacht.«

»Wie sieht sie denn aus? Wie alt ist sie?« Marugg und Caminada wechselten einen Blick.

Plötzlich schien es auch dem Schneider zu dämmern. »Ach Sie meinen wegen der zweiten Toten?« Seine Stimme bebte.

Caminada nickte.

»Klara ist größer als Bernadette und nicht blond, sondern braunhaarig und etwas stämmig und fünf Jahre jünger, also dreißig.« Ängstlich sah er die beiden an.

»Danke, dann ist sie nicht das andere Opfer«, sagte Caminada.

Strebel atmete hörbar auf.

Seltsam, dass diese Klara nicht ans Telefon gegangen war, dachte Caminada. Die Dinger wecken ja Tote auf. Es sei denn, sie war gar nicht zu Hause.

»Herr Strebel. Wir brauchen die Adresse Ihrer Schwägerin. Und … Der Leichnam Ihrer Frau ist im Moment im Kreuzspital und wird so schnell wie möglich freigegeben. Sie erhalten dann Nachricht von uns, damit Sie einen würdevollen Abschied planen können.«

Strebel schwieg. Marugg ergriff das Wort: »Wir melden uns wieder bei Ihnen. Können wir im Moment noch irgendwie behilflich sein?«

Der Schneider schüttelte den Kopf, nannte ihnen die Adresse von Klara Stützli und führte sie dann zur Türe.

»Ach, bitte nur noch eine Frage?« Marugg drehte sich auf der Schwelle um und deutete auf den Kratzer auf Strebels Stirn. »Sieht ganz frisch aus. Was ist geschehen?«

»Warum interessiert Sie das? Heute Abend ist weiß Gott Schlimmeres passiert.«