Mensch töte Dich nicht! - Philipp Gurt - E-Book

Mensch töte Dich nicht! E-Book

Philipp Gurt

0,0
16,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Als am Fuß eines Windrads bei Chur die Leiche einer jungen Frau aufgefunden wird, gehen die Fotos der Toten viral, noch bevor Chefermittlerin Giulia de Medici am Tatort eintrifft. Gleich am nächsten Morgen meldet sich die deutsche Hauptkommissarin Tjalda Hoekstra aus Ostfriesland bei der Kantonspolizei Graubünden: Sie versucht seit Monaten, ein ähnlich verstörendes Verbrechen aufzuklären. Giulia verlässt die Berge und reist an die Nordseeküste. Die Parallelen sind zu offensichtlich – der Serientäter spielt ein perfides Spiel mit seinen Opfern. Als er einen jungen Mann ermordet, wird Giulia klar: Nur mit einer grenzüberschreitenden Sonderkommission können sie das Böse bekämpfen. Doch die wahren Ausmaße des Grauens erahnt sie da noch nicht, und auch nicht die Gefahr, in der sie alle schweben!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 530

Veröffentlichungsjahr: 2026

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Philipp Gurt

Mensch töte dich nicht!

Ein Fall für Giulia de Medici

Roman

Kampa

Für Olivier Berger.

Danke für deine Unterstützung.

Wenn jemand dich liebt, ist das wunderschön –

wenn du dich liebst, ändert sich die Welt!

1

Greetsiel, Ostfriesland (D) Nacht auf Sonntag, 25. Mai, 04:12 Uhr

»Bitte! Das ist doch nicht richtig. Lassen Sie mich doch einfach gehen. Ich habe Ihnen doch gar nichts getan … und ich weiß ja nicht mal, wer Sie sind, wie Sie aussehen … ich bin also überhaupt keine Gefahr für Sie, so hören Sie doch …! Okay? Bitte!« Die Stimme der 28-Jährigen wurde leiser, zu einem lauten Flüstern. »Ich verspreche es doch. Niemand wird je davon erfahren … niemand. Bitte!«

Der Mann gab keine Antwort, nicht eine Regung zeigte sich in seiner Körperhaltung. Fenne Janssen versuchte, sich nach dieser flehenden Aufforderung aufzubäumen. Sie hätte nicht sagen können, inwieweit sie das bewusst tat, oder ob es nicht vielmehr ein einfacher Reflex des Überlebens war. In dieser vor Nebel mondlosen Nacht lag sie in einer gar misslichen Lage auf dem Rücken und konnte ihren Kopf kaum bewegen, ohne dass es sie gleich heftig würgte. Und so blieb ihr nur übrig, mit geweiteten Pupillen aus himmelblauen Augen entsetzt hochzustarren zu dem Mann neben ihr. Dieser hatte eine schwarze Strumpfmaske übers Gesicht gezogen, als könnte sie ihn in der schweren Dunkelheit ohne selbige erkennen. Seine vom Wind flatternde Silhouette glich einer Fahne, hob sich schwarz vom nebelverhangenen Nachthimmel ab, wie auch sein mächtiger Kopf. Seine klobigen Stiefel standen bereits eine Handbreit tief im Wasser. Der Wind aus Richtung Meer trug den Geruch von Salzwasser und Tang in sich, die Flut kam!

Seit Fenne vor wenigen Minuten zu sich gekommen war, glaubte sie, in einem Albtraum erwacht zu sein, und zwar ausgerechnet an der Stelle, an der ihr das Schlimmste erst noch bevorstand. Zudem befand sich irgendetwas auf ihrem Kopf; wenn sie ihn bewegte, läuteten verspielt kleine Schellen. Das hatte sie gehört, als sie, kaum waren ihre Sinne halbwegs da, so gut es nun mal ging nach links und rechts geblickt hatte. Danach hatte es einen Moment gedauert, ehe der Schwindel abebbte und sich ihre sonst hervorragenden Augen an die Dunkelheit gewöhnten.

Fenne kannte die Zeichen des Himmels, doch in dieser rauen Nebelnacht blieb ihr der Blick auf die Sterne verwehrt. Das Meer vor ihrer Haustür wiederum kannte sie so gut, wie man es als Mensch überhaupt kennen konnte, denn sie war Meeresbiologin und hier in der Gegend aufgewachsen und zu Hause. Daher wusste sie, dass erst in schätzungsweise ein bis zwei Stunden der Morgen anbrechen und es langsam heller werden würde. Doch dann würde sie bereits tot sein, ertrunken, weil die Flut des Wattenmeers vor ungefähr einer Stunde eingesetzt haben musste, wie Fenne anhand der Wassertiefe von etwa zehn Zentimeter rückschloss. Sie, die einheimische Wattführerin, wusste auch: In der zweiten und dritten Stunde würde die Flut am schnellsten steigen, über einen Meter pro Stunde, ehe das Hochwasser in insgesamt sechs Stunden und 15 Minuten, wenn auch nur für wenige Sekunden, auf gut und gerne 2,70 Meter von den Gezeitenkräften gehalten würde; gerade so, als müssten diese es sich kurz überlegen loszulassen. Erst danach würde sich das Wasser wieder zurückziehen. Ein ewiger Kreislauf der Gezeiten.

Die rotblonde Fenne Janssen wusste, nachdem sie ihren Hals betastet hatte, dass sie diese Flut nicht überleben konnte, erst recht nicht bei diesem auflandigen Wind. Sie würde lange vor dem Höchststand der Flut qualvoll ertrinken, denn sie lag mit einem vierstelligen Fahrradzahlenschloss um ihren Hals geschlossen flach im Watt, und das über 300 Meter vor der mächtigen Greetsieler Schleuse Leysiel an der Küste von Ostfriesland – fünfzig Meter neben einem der fast mannshohen Leitdämme des Leyhörner Außentiefs, dort, wo sich der alte Nothafen befand, bestehend aus vier Verankerungspfeilern, der aber längst in Vergessenheit geraten war.

Das Problem war nicht das Schloss an sich, sondern der Umstand, dass es nicht nur ihren Hals beinahe würgend eng umschloss, sondern mitsamt diesem auf Bodenhöhe auch einen dieser uralten, rostigen Verankerungspfeiler, der längst mehr eine Gefahr für ortsunkundige Schifffahrer darstellte, als dass er wie früher als Anker im Nothafen fungierte, wenn das Schleusenwehr geschlossen war. Seit vielen Jahren, noch bevor der Nothafen aufgegeben wurde, stand dieser eine Pfeiler bereits schief und somit bei Flut unter Wasser – er war damit längst unbrauchbar geworden.

Die zierliche Fenne Janssen, der möglicherweise wegen der vielen Sommersprossen um ihre Nase herum nachgesagt wurde, sie habe ein frisch-fröhliches, freches Gesicht, das bestimmt für immer jugendlich wirke, hatte unzählige Male als Wattführerin ihre Gäste genau an diesem Pfeiler vorbeigeführt. Sie war dabei begeistert von dem, was sie tat, als wäre es das allererste Mal, denn das Watt war ihr Zuhause, und das von Kindesbeinen an. Deshalb wusste sie trotz der nebligen Dunkelheit genau, wo sie sich befand und in welcher aussichtslosen Lage sie steckte.

Nochmals reckte sie ihren Kopf etwas in die Höhe, denn der auflandige Wind drückte das aufkommende Wasser schubweise hoch bis zum Mund; vergebens versuchte sie, sich ein weiteres Mal aufzurichten. Das Schloss würgte sie zu arg, und da war ja noch dieser Mann, der ihr noch immer wort- und tatenlos zusah, als sauge er jede Regung von ihr ein. Erst hatte sie den Mann gar nicht wahrnehmen können, weil er im Hintergrund, hinter ihrem Kopf gestanden hatte, bevor er, wie durch eine Tür in die Dunkelheit schreitend, seitlich neben sie trat. Seither verharrte er dort, als warte er darauf, in eine Statue aus Stein verwandelt zu werden, um der Flut zu trotzen.

Wie Fenne hierher ins Watt gebracht worden war, wusste sie nicht. Es fehlten ihr Erinnerungen. Sie musste betäubt worden sein, und der Mann hatte bestimmt etwas damit zu tun, sonst wäre er nicht hier. Doch auch wenn ihr, auf dem Rücken liegend, das Wasser seitlich bereits den Hals hochstand und die Lage aussichtslos erschien, würde sie nicht aufgeben, denn etwas gab ihr noch Hoffnung – der Mann trug eine schwarze Strumpfmaske über dem Gesicht. Das hieß doch, dass er entweder von Natur aus übervorsichtig war oder ihr die Unmöglichkeit zutraute, dem Ertrinken irgendwie doch noch zu entrinnen.

Sie hatte vage Erinnerungen an einen seltsamen Raum, in dem sie zuvor gefangen gehalten worden war. Und da war die Stimme einer Frau gewesen. Diese Eindrücke waren allerdings verwaschen, fühlten sich nicht echt an, nicht so wie das hier.

Noch etwas irritierte Fenne; jemand musste ihr, während sie weggetreten war, eine lächerliche Narrenkappe aufgesetzt haben, wie sie mittlerweile ertastet hatte. Diese war mit einem reißfesten Verschluss eng um ihr Kinn und ihren Hals befestigt worden, sodass sie diese nicht abzustreifen vermochte. An den beiden krummen Zipfeln, die läppisch seitlich aus der Kappe ragten, läuteten zwei kleine Schellen. Den kurzen Kamm, der zu so einer Narrenkappe dazugehörte, erfühlte sie beim Darüberstreichen passend in der Mitte der Kappe. Er untermauerte ihre Vorstellung von dem, was sie auf dem Kopf trug. Das alles wirkte absolut surreal auf Fenne, und sie fragte sich, was der Mann noch alles mit ihr vorhatte und warum. Wenn er sie einzig umbringen wollte, dann wäre sie doch schon längst tot. Was passierte hier gerade mit ihr?!

Das langsam steigende Wasser zwang sie erneut zu versuchen, sich aufzurichten, als der Mann nach einem letzten Blick auf sie abrupt wegging. Er entfernte sich rechts von ihr durchs Watt, hin zum Leitdamm, als hätte er sich am Grauen urplötzlich sattgesehen.

»Bitte, lassen Sie mich hier nicht so alleine zurück, die Flut kommt und steigt bald sehr schnell!«, rief die nur 1,58 Meter kleine und 49 Kilogramm schwere Fenne ihm hinterher. Seltsamerweise fühlte sie sich trotz dessen vorheriger Bedrohlichkeit auf einmal alleingelassen. Und wieder läuteten leise die kleinen Schellen, diesmal nur noch knapp über der Wasserlinie.

Fenne musste sofort etwas unternehmen, sonst würde sie bereits in den nächsten Minuten ertrinken. Sie reckte sich so hoch wie möglich und blickte dem Mann nach. Sie sah nun, wie er mit seinen schweren Schuhen durchs Wasser schritt, als wäre er an Land. Die neblige Dunkelheit verschluckte die Gestalt allmählich wie die Jahre eine schlechte Erinnerung, von der man wusste, dass sie irgendwo dennoch nach wie vor da war. Noch könnte der Mann über den bislang trockenen, mit schweren Steinen aufgehäuften mannshohen Leitdammarm zurück zur Küste laufen und niemand würde ihn dabei sehen – zurück in sein Leben, als wäre das alles hier nicht geschehen. Sie hingegen würde man erst, und wenn überhaupt, im Laufe des Tages bei Niedrigwasser entdecken, vielleicht ein Tourist auf einem Spaziergang, je nach Nebel auch nicht.

Diese Gedanken drohten sie für einen Moment völlig zu lähmen, sogen jegliche Kraft aus ihr, ehe ihr Geist sich dagegen aufbäumte: »Noch bin ich nicht tot!«, sprach die zierliche Frau sich kämpferisch Mut zu.

Völlig unpassend kam ihr in diesem Augenblick ein Witz in den Sinn, den sie erst gestern von einem Touristen aus der Schweiz gehört hatte, als sie, auf die Gefahren einer Wattwanderung angesprochen, ihm Antwort gegeben hatte. Darauf hatte er ihr entgegnet, dass man immer positiv denken müsse, und hatte sie spaßeshalber gefragt: »Was sagt ein Optimist, der von einem hundertstöckigen Gebäude herunterfällt, wenn er bei Stockwerk eins vorbeifliegt?« Erwartungsfroh hatte der dickliche Mann sie angelächelt und aufgelöst: »Bis jetzt ist alles super gelaufen, denn mir ist ja rein gar nichts passiert.«

Stimmt, sie lebte noch, doch von »nichts passiert« konnte hier keine Rede sein. Herzhaft lachen würde sie heute über den Spruch nicht mehr können, und nicht nur weil sie sich gerade ein weiteres Mal an dem salzigen Meerwasser kräftig verschluckte und hustend um Atem rang.

Fenne Janssen wusste mittlerweile, dass sie ihr Handy nicht mehr bei sich hatte, denn sie hatte sofort die Gesäßtaschen ihrer Jeans abgetastet, nachdem sie zu Bewusstsein gekommen war. Das Gerät wäre aber sowieso schon nass gewesen und damit wahrscheinlich nicht mehr zu benutzen. Doch in dieser schrecklichen Lage musste sie jede Möglichkeit zu ihrer Rettung in Betracht ziehen. Viele gab es ja nicht, eigentlich nur drei: sie würde rechtzeitig gefunden, sie fände die Zahlenkombination raus oder sie könnte das Schloss irgendwie oben über dem Pfeiler ausschlaufen.

Deshalb versuchte sie weiter krampfhaft, ihren Kopf hochzuhalten, um wiederholt mit den Händen das Zahlenschloss zu erreichen, welches hinter dem Pfeiler hing. Vorsichtig probierte sie ein weiteres Mal, das Schloss nach vorne zu drehen, als es endlich klappte. Dennoch, die Chance, die richtigen vier Zahlen in der entsprechenden Reihenfolge einzustellen, war verschwindend gering. Jedoch war sie nicht gleich null, und das war das Perfide daran, wie Fennes von Natur aus wacher Geist sofort erfasst hatte. Der Täter hätte auch ein Schloss mit Schlüssel verwenden können, hätte er ihr die Möglichkeit zur Befreiung gar nicht erst bieten wollen. Doch er wollte sie mit der Hoffnung quälen!

In der Not frisst der Teufel bekanntlich Fliegen, wusste sie und bemühte sich, den Verschluss des Schlosses nun am Hals positioniert, jeweils erst nur einen Zahlenkranz um eine Zahl vor-, dann um eine zurückzudrehen – dazwischen versuchte sie, das Schloss aufzuziehen. Das tat sie, weil sie früher in der Schulzeit ihr Fahrrad genauso drehfaul abgeschlossen hatte, indem sie nur eine Zahl verstellte, um es später schnell wieder aufschließen zu können.

Da das Schloss sehr eng um ihren Hals befestigt worden war, hätte Fenne die Zahlen, die sie nun einstellte, auch nicht erkennen können, wenn es hell gewesen wäre. Es blieb ihr somit nur der Versuch, willkürlich am vordersten Zahlenkranz zu drehen und nach jeder Zahl zu prüfen, ob der Verschluss plötzlich etwas Spiel hatte. Das passierte zumindest früher bei den billigen Schlössern, wenn der zur Öffnung zeigende Zahlenkranz auf die richtige Zahl eingestellt war. Wäre dies hier auch der Fall, könnte sie Kranz um Kranz korrekt einstellen und sich damit befreien. So hatten sie in der Schule hin und wieder Schlösser geknackt, mehr aus Jux als aus der Not heraus, ein Fahrrad stehlen zu müssen. Doch dieses Schloss hier verriet ihr rein gar nichts, außer dass es sie nicht freigeben wollte! Es war massiv und schien präzise gefertigt worden zu sein.

Das Wasser musste mittlerweile über zwei Zentimeter pro Minute steigen. Und Fenne rang um eine aufrechte Position mit der verzweifelten Entschlossenheit einer beinahe Ertrinkenden und erwürgte sich dabei fast selbst, doch sie schaffte es irgendwie, sich aufzurichten. Ihr lautstarkes Keuchen durchbrach rhythmisch das Rauschen des Windes und des steigenden Wassers, das an ihr schmatzte. Ihr rotblond gelocktes Haar triefte, den Wind spürte sie jetzt mit voller Kraft in ihrem Gesicht.

Jetzt, wo sie nach vorne gebeugt, mit dem Rücken zum Verankerungspfeiler, saß, gewann sie trotz ihrer misslichen Position etwas an Zeit. Nach und nach schaffte sie es, auf dem Boden sitzend, sich vorsichtig um den Pfeiler zu drehen, bis sie mit dem Gesicht der Küste zugewandt verharrte. Immerhin konnte sie sich, der Schräge des Pfeilers aufgezwungen, nun zurücklehnen, ihr Hals war aber weiter eng an diesem fixiert.

Der Himmel war nur unwesentlich heller geworden. Durch den Nebel sah sie schwach die Lichter der Schleuse Leysiel. Vor fünf Uhr würde dort wohl kaum jemand zur Arbeit kommen. Außerdem würde niemand im Inneren der Anlage ihre Schreie hören. Und Fenne wusste, an einem Sonntagmorgen um diese frühe Uhrzeit, bei diesem trübkalten, rauen Wetter, da war wohl kaum ein Mensch hier draußen unterwegs. Dennoch schrie sie, die Hände zum Trichter geformt, um Hilfe. Ungeachtet dessen, dass ihre Rufe auf dem Weg zur dunklen Küste vom rauen Wind verschluckt wurden, blieb ihr nichts übrig, als sich verzweifelt die Stimme aus der Kehle zu schreien und immer weiter an den Zahlenkränzen zu drehen.

Das Wasser stieg und stieg, und aufzustehen war schwieriger als gedacht, des schiefstehenden Verankerungspfeilers wegen. Erschwerend ließ ihr das Schloss um den Hals nahezu keinen Spielraum. Das Aufsitzen hatte ihr bereits für einen Moment die Luft geraubt, ihr Angst gemacht, sie musste sitzen bleiben, um sich zu sammeln.

Elende Scheiße, dachte sie. Vier Zahlen zwischen Null und Neun sollten schon bald über Leben und Tod entscheiden. Ihr Leben! Vier lausige Zahlen! Das durfte sie nicht zulassen.

Fennes Finger hatten trotz der Kälte mittlerweile den markierten Punkt auf jedem Zahlenkranz erspürt und somit war es ihr möglich, gezielt Zahlenkombinationen zu drehen. 1-2-3-4, 4-3-2-1 … 1-1-1-1 … 6-6-6-6 … 1-2-1-2 … man konnte ja nicht wissen, was sich der Täter bei der Codefestlegung gedacht hatte. Vielleicht auch gar nichts.

Und während sie nimmermüde Zahlenkombinationen suchte, die ihr logisch erschienen, und weiterhin um Hilfe rief, fragte sie sich, wie ihr überhaupt jemand in dieser Situation rechtzeitig helfen könnte. Einen massiven Seitenschneider trug wohl kaum wer an einem Sonntag in aller Frühe mit sich. Die Seenotrettung oder noch besser die Feuerwehr müsste sofort aufgeboten werden, doch die Zeit lief gegen sie und das Wasser stieg beharrlich und unerbittlich.

Fenne wurde schneller als befürchtet gezwungen aufzustehen, da es nur die Flucht nach oben gab. Wenn sie jedoch mal stände, könnte sie immerhin versuchen, sich mit der Brust dem Pfeiler zuzudrehen, um an diesem wie an einer Stange hochzuklettern, um wiederum das Schloss oben auszuschlaufen – dann wäre sie frei!

Doch ihre Versuche schlugen maximal fehl. Beim vorerst letzten verkeilte sich das Schloss derart, dass ihr die Luft fast bis zur Besinnungslosigkeit wegblieb und sie erst lange wieder durchatmen musste.

Es blieb ihr keine Wahl; ihre zartgliedrigen Finger, die zu Hause in Greetsiel das alte Klavier regelmäßig und gekonnt zum Leben erweckten, drehten eine Kombination nach der anderen, nur kurz unterbrochen durch Fennes Hilferufe. Die Verzweiflung stieg gleichsam mit dem Wasser, welches bereits einen halben Meter hoch war und ihr somit über die schmale Brust reichte. Ihre Finger drehten deshalb in Windeseile weiter die Zahlenkränze und zogen wiederholt nach jedem Dreh an dem Verschluss, vergebens – bald stand ihr das Wasser bis zum Kinn.

Fenne musste aufstehen!

Diesmal entschied sie sich für eine andere Art und Weise, weil der Verankerungspfeiler derart schief stand. Sie musste ihre Füße und Unterschenkel links und rechts seitlich neben sich und den Pfeiler zurückziehen, damit sie zuerst in eine kniende Position kam. Gut, dass sie so gelenkig und feingliedrig war. Aber erst als das Wasser ihr bis zu den Lippen reichte und nachdem sie sich mehrmals verschluckt hatte, schaffte sie es, und sie konnte endlich aufstehen. Durch ein gekonntes Abdrehen ihrer schmalen Schultern schaffte sie es gleich anschließend, sich mit der Brust dem Pfeiler zuzuwenden. Nun konnte sie nach oben schielen.

Fenne wusste, dass dieser Pfeiler schon viele Jahre nicht mehr bei Flut aus dem Wasser ragte. Sie hatte daher gehofft, sich die etwas mehr als drei Meter an ihm hochziehen zu können, um das Schloss auszuschlaufen. Doch, sie hatte es befürchtet, der Pfeiler war oben faustförmig verdickt, damit früher die Taue das Schiff sicher verankert hielten. Sie würde das Schloss niemals über das Ende des Pfeilers ziehen können!

Ihre letzte Hoffnung, die sie bisher geistig über Wasser gehalten hatte, brach damit weg. Um vor Angst nicht durchdrehend loszuschreien, drehte sie hektisch neue Kombinationen am Schloss, ehe sie wieder in Richtung der schemenhaft erkennbaren Küste starrte und aufs Neue aus voller Kehle um Hilfe schrie und schrie und schrie …

 

Der Himmel war in der letzten Stunde gegen Osten hin heller geworden. Gegen Land zeichnete sich im Grau diffus der Deich ab, wie eine stehende Welle hob er sich ab. Es war Ende Mai, und seit drei Tagen herrschte trübes Wetter. Nebel mischte sich jeden Tag mit dem Grau des Wattenmeers und der ausgewaschenen Farbe des Himmels, sodass auch tagsüber keine Horizontlinie mehr zu erkennen war. Fenne klammerte sich mittlerweile auf Zehenspitzen stehend an den Verankerungspfeiler, bald müsste sie an diesem hochklettern. Ihr blieb höchstens noch eine Stunde, vielleicht etwas mehr, wenn die Kräfte reichten, aber dann …

Und sie trug noch immer diese verdammte Narrenkappe, vollgesogen mit Wasser, als wolle jemand sie auch noch verhöhnen! Was für eine kranke Seele musste die Bestie bloß sein, die sie hier so alleine zurückgelassen hatte?!

2

Zürichsee (CH) Hochsommer

Alexander Grolimund schaute durch das große Fenster der Villa Horizonte hinaus auf den Zürichsee, der, vom Regen aufgeraut, sich in die Länge zog. Die Hitze der vergangenen Tage mochte trotz des Regentages nicht weichen, im Gegenteil, draußen war es an diesem Nachmittag der Luftfeuchtigkeit wegen drückend schwül, die Welt schien zu verdampfen.

In der modernen Villa hingegen herrschten klimatisierte 22 Grad, und das Sommer wie Winter. Die dicke Panoramascheibe, durch die der attraktive Mann soeben blickte, hielt alles Äußere vom Inneren fern – die Villa Horizonte, ein moderner Aussichtsposten und gleichsam nun sein Refugium. In diesem Augenblick herrschte in dem Gebäude, welches aus viel Beton und Glas erbaut war, außer dem kaum hörbaren Rauschen der Lüftungsanlage, toxische Stille, passend zu seiner Gefühlslage, wie Alexander nüchtern feststellte, während er weiter antriebslos hinausstarrte. Die Zeit war von einem Freund längst zu seinem Feind geworden.

Gedanklich, jedoch nicht gefühlsmäßig, konnte er sich an früher erinnern, da war die Zeit mal langsamer, oftmals aber schneller verstrichen, ja regelrecht verflogen in dem Drang, etwas zu tun. Heute war das nicht mehr so. Heute kam er sich vor wie ein Schiffbrüchiger inmitten eines grenzenlosen, spiegelglatten Ozeans der Einheitszeit, einem Gefangenen gleich – beraubt all seiner Himmelsrichtungen und Ideale.

Sein Zustand, er mochte das Wort »Leiden« überhaupt nicht, hatte, wenn er es recht betrachtete, tatsächlich erst begonnen, nachdem er erkannt hatte, dass er auch mit noch mehr Geld nicht das erreichen konnte, von dem er einst überzeugt gewesen war, es erreichen zu müssen, um so etwas wie Erfüllung zu finden.

Das Erkennen dieser Tragweite kam nicht Knall auf Fall. Und doch, entscheidend erkannte er seine Situation als ein solches Leiden an einem Montagmorgen in der Bahnhofstrasse, als er dieser Straßenkünstlerin begegnet war, die Geld sammelte für ihre Reise nach Indien. Sie trug eine grüne Latzhose und war barfuß. Es war ein Sommermorgen und sie hatte schön Gitarre gespielt. Normalerweise schritt er achtlos an solch musikalischer Bettelei vorbei, als gäbe es sie nicht, denn deren Unkönnen empfand er meist als akustische Körperverletzung. Allerdings nicht an jenem Morgen. Die Augen dieser Frau nahmen ihn für einen Moment gefangen, fingen ihn ein wie mit zwei Radarleitstrahlen, seine Beine blieben wie ferngesteuert stehen. Sie saß derweil auf dem Boden und spielte, suchte hin und wieder erneuten Augenkontakt mit ihm, lächelte geheimnisvoll. Vor ihr lag ein laminiertes Schild aus Karton, auf dem stand, dass sie eine spirituelle Reise nach Indien machen wolle.

Und er? In diesem Augenblick?

Alexander stand da in seinem silberfarbenen italienischen Maßanzug, der fast so teuer war wie ein Kleinwagen. Wie immer trug er ein weißes Hemd dazu und keine Krawatte. Seine Füße steckten in Schuhen, die sogar nur wenige einbeinige Reiche sich leisten könnten. Als er in ihr lebensbejahendes Gesicht sah, fühlte und wusste er, dass diese schätzungsweise 30-Jährige zwar eine Reise im Sinn hatte, dass sie aber längst dort angekommen war, wo er schon immer hinwollte – im Land der Zufriedenheit, was bedeutete, erfüllt leben zu können und auch mit unerfüllten Zielen glücklich zu sein.

Der damals 40-Jährige war sich sicher, dass sie das ebenso erkannte, denn zwischen ihnen war da einerseits diese Nähe und andererseits dieser Graben, als stände sie auf der anderen Flussuferseite, dort, wo das Leben blühte.

Und dann geschah es: Er zog wie mechanisch gesteuert seine Geldbörse aus der Innentasche seines Sakkos und nahm alle Scheine raus, die darin steckten – ungefähr 1.000 Franken. Er ging in die Hocke und legte sie in ihr kleines Gefäß in Form eines selbst gebastelten Herzens. Sie hob die Augenbrauen und sagte diese Worte, die er lange nicht vergaß: »Irgendwann wird es wieder besser …«

Und er sagte: »Nimm mich im Geiste mit dir auf diese Reise.«

Sie spielte etwas leiser wiederholt einen Refrain, und das mit Blick auf ihn. »Danke für das Geld, und ja, das werde ich gerne tun, lieber Alexander!« Sie lächelte und spielte lauter mit Blick ins Nirgendwo.

Er war wie vor den Kopf gestoßen und zugleich beseelt, als sie seinen Namen sagte. Er musste sich geirrt haben, denn das war unmöglich – sie waren sich noch nie begegnet.

Plötzlich glaubte er, dass alle Passanten um sie herum stehen geblieben waren – dass sie die Szenerie und damit sein erzwungenes Outing live mitverfolgten, nur um das seltene Exemplar eines Reichen zu sehen, das sein Scheitern zugab, als versänke langsam eine Luxusjacht. Die Schadenfreude all jener Missgünstiger würde dabei an die Oberfläche blubbern.

Alexander drehte sich um und blickte in all die Gesichter. Es schienen immer mehr zu werden, sodass es ihn beinahe schwindelte – er musste hier sofort weg!

Das Gitarrenspiel wurde leiser, verstummte, als er endlich das Bürogebäude betrat, in dem seine Treuhandfirma ansässig war. Die Miete für einen Quadratmeter darin kostete ein Vermögen, nicht für ihn, da ihm das Gebäude gehörte.

Seine 50-jährige Assistentin befand sich wie immer bereits in den Räumlichkeiten und hatte das erste Meeting entsprechend vorbereitet. Der angenehme Duft von gebrühtem Kaffee lag in der Luft zusammen mit dem Geruch der neuen Stühle aus einem Leder, das so weich war, als säße man auf einem frisch gebackenen, luftigen Donut.

Wieso kannte diese Straßenmusikantin meinen Namen?, fragte er sich zum wiederholten Mal. Und wieso war ihm sein emotionales Elend, welches ihn zunehmend von hinten zu übermannen versuchte, so offensichtlich anzusehen? Er hörte immer wieder ihre Stimme: »Irgendwann wird es wieder besser …« Ihre Augen hatten dabei alles gesagt. Sie musste aus ihm wie aus einem offenen Buch gelesen haben. Shit!

Die nächsten Wochen hatten die unerbittliche Erkenntnis zutage gebracht, dass er gescheitert war. Gescheitert in dem Sinne, dass Geld alleine tatsächlich nicht zufrieden und erst recht nicht für sich alleine glücklich machte. Wobei er eine konstante Zufriedenheit als die höchste und beständigste Form von Glück angestrebt hatte.

Als er von seinem Scheitern überzeugt war und somit das Sich-selbst-Belügen aufhörte und er alles mehr oder weniger sofort hinschmiss, da fanden diejenigen, die in denselben Kreisen wie er verkehrten, bzw. mittlerweile verkehrt hatten, sein Verhalten gar abstoßend, ja geradezu verräterisch einer reichen Minderheit gegenüber. Hinter vorgehaltenen Händen sprach man über eine Selbstfindungsstörung, eine verfrühte Midlife-Crisis, und da gab es noch ganz andere Diagnosen.

Alexander besaß zu diesem Zeitpunkt Dutzende von Millionen. Wie viele genau, wusste er nicht, weil sein Kontostand sich täglich veränderte, und es war ihm auch egal. Genug ist genug, und mehr als genug ist mehr als genug. Selbstredend gaben sich die anderen Reichen in seinem Umfeld niemals mit ihren Millionen zufrieden, denn für sie war ein Mehr, und das nicht nur bei Geld, immer möglich und damit zwingend erstrebenswert. Davon waren sie mehr überzeugt als davon, dass die Sonne am nächsten Tag wieder aufging. Und somit pilgerten und rasten sie ihrer scheinbaren Erfüllung hinterher, als hätte das letzte Hemd eine Tasche für die Kreditkarten aus Platin. Dieser Trieb, den Alexander in den Augen vieler sehr wohlhabender, beruflich erfolgreicher Menschen bedrohlich und alles zerfressend lodern gesehen hatte, der hatte einen kurzen Namen – Gier! Und Gier verschlang seit jeher etwas; um dies zu wissen, musste man nur den Energieerhaltungssatz kennen.

Alexander Grolimund hatte sich hingegen instinktiv nie durch Gier antreiben lassen. Sie war einfach kein Teil von ihm. Ein Geschenk des Universums, würde Akiko, seine Partnerin, es bezeichnen. Er aber hatte dies nie zu benennen versucht, warum auch? Es war ja nun mal so. Allerdings hätte er besser auf seine Großmutter hören sollen.

Es war etwas anderes, Tieferes gewesen, das seinen Motor nach Geldanhäufung, nach materiellem Aufstieg in Gang gehalten hatte. Doch dies war mit dem eingetretenen Erfolg zusehends kraftloser geworden, dann war sein Motor ins Stottern geraten, und schlussendlich stand dieser seit zwei Jahren still. Bockstill, seit er das von ihm aufgebaute, exklusive Treuhandunternehmen verkauft hatte, samt den Milliarden-Portfolios seiner Kunden, wodurch seine Kreditkarte vollends an Übergewicht litt.

Nur Tage nachdem damals die letzte Unterschrift zum Verkauf über die Bühne gegangen war – dies in Zürich an der Bahnhofstrasse: Er hatte auf dem Weg in sein Büro zu der Stelle geblickt, an der sie, die Namenlose, musiziert hatte –, und nicht nur die Schweizer Wirtschaftsblätter hinlänglich über diesen unerwarteten Verkauf berichtet hatten, saß er am Sonntagnachmittag bei Großmutter Katharina in der Stube ihres alten Bauernhauses.

Ihr Leben war wie der kleine Bauernhof einfach und bescheiden geblieben und Alexander war deshalb zum wertvollen Anker der Zeit geworden, der guten alten Zeit. Großmutter war es auch gewesen, die ihn mehr oder weniger alleine großgezogen hatte. Sein Geld hatte sie und den Ort nicht verändert, denn sie hatte keinen einzigen Franken von ihm angenommen, obwohl er ihr einst sogar angeboten hatte, ein schönes Haus direkt am See für sie zu kaufen. Er könne außerdem jemanden anstellen, der sich um sie und das Haus kümmere, betonte er. Erst später, zu spät, hatte er verstanden, dass sie niemand Fremdes um sich haben wollte, wenn es denn nicht sein musste. An jenem Sonntag war er leider noch nicht so weit gewesen, dies zu begreifen. Dafür standen noch immer die roten Tassen mit den weißen Punkten in Großmutters altem Küchenbuffet, aus denen er als Kind heiße Schokolade trinken und dazu Kekse verdrücken durfte, früher, als seine Welt frei und unerreichbar groß und voller Abenteuer gewesen war. Seine Kindheit war die beste Zeit seines Lebens gewesen. Aber auch das begriff er spät, viel zu spät.

»Soso, vierzig …«, sagte die 89-Jährige an jenem Sonntagnachmittag betont zu ihm und schob mit von Gicht gekrümmten Fingern die Packung Butterkekse von Aldi rüber. Sie selbst hatte soeben einen Keks in ihren Kaffee getunkt und mit zitternden Händen versucht, diesen in den Mund zu schieben; die Hälfte war dabei in den Kaffee gefallen. »Schau, mein lieber Alexander, du bist ja erst vierzig. Sag, was hast du nun in den nächsten fünfzig Jahren denn noch so alles vor? Denn, weißt du, mein Herzensguter, das Leben hat noch niemals nie auf jemanden gewartet. Sei also auf der Hut vor der Zeit, denn sie kann grausam sein.« Dann schloss sie für einen Moment ihre müden Augenlider und strich sich mit einer Hand über die karierte Küchenschürze. Dann sagte auch sie etwas ihn Prägendes, etwas, was er seither nicht mehr vergessen konnte: »Alexander. Sei aber bloß vorsichtig in dem, was du dir wünschst!«

Er verstand nicht, was sie meinte, hakte daher nach. »Warum? Wünsche sind doch was Gutes, Großmutter? Was ist daran verkehrt?«

»Genau, weil sie in Erfüllung gehen können …« Sie lächelte vielsagend und griff nach dem nächsten Butterkeks.

»Aha«, sagte er und biss in einen der furztrockenen Kekse, von denen er sich eine Staublunge einfangen könnte, und starrte seine Großmutter an, ehe er den Keks ebenfalls in den Kaffee versenkte. Manchmal sprach seine Großmutter in Rätseln und manchmal klar und deutlich, und doch verstand er sie auch dann nicht immer. Er dachte an das zurück, was sie ihm vor über zwanzig Jahren mal als Ratschlag gegeben hatte: »Mein Lieber, lass dir vom Leben niemals nie die Butter vom Brot nehmen, erst recht nicht, wenn es kein Brot gibt.« Das hatte sie ihm gesagt, als er die Lehre als Kaufmann abbrechen wollte, weil der Lehrmeister gemein zu ihm gewesen war, ihm jeden erdenklichen Stein in den Weg gelegt hatte. Also hatte er seinen Abschluss gemacht, schulisch als Jahrgangsbester abgeschlossen.

An die mehrfachen Verneinungen seiner Großmutter, der gebürtigen Bayerin, die als junge Frau für die Liebe ins Toggenburg gezogen war, hatte er sich als Kind zwar schnell gewöhnt, nicht aber an ihre bedeutungsschwangeren Redewendungen, vor allem diejenigen, die er nicht verstehen konnte, egal wie lange und oft er über sie nachsann, als drehe er einen Zwetschgenstein im Mund.

An jenem Nachmittag hatten sie noch eine ganze Zeit lang schweigend am kleinen Tisch mit dem weiß karierten Plastik-Tischtuch darüber gesessen, an dem er oft Hausaufgaben gemacht hatte. Das kleine Radio lief unaufdringlich leise, auf der Eckbank aufgestellt, die Antenne ausgezogen, genau wie früher. Auf Radio SRF1 lief eine Glückwunschsendung für ältere Semester. Ländlermusik wurde soeben für einen Max Huber gespielt. Der Jubilar feiere an diesem Tag im Altersheim Sonnegg seinen 90. Geburtstag, verkündete die Moderatorin in warmem Berner Dialekt. Herr Huber sei gar noch rüstig und lese jeden Tag interessiert die Zeitung, hob sie hervor, ehe die nächsten Wünsche an der Reihe waren. Keiner der Jubilare war unter achtzig Jahre alt.

Nach einem weiteren Glückwunsch, der an eine Hermine Moser im Altersheim Rosenegg gerichtet war, wurde zu deren 87. Geburtstag die lüpfige Steiner Chilbi gespielt. Alexanders Großmutter kicherte verschmitzt: »Pass auf, mein Lieber. Da zwinkerst du nur einmal im Leben zu viel, und du bist über achtzig.« Sie nahm noch einen Keks. Ob sie wohl weiß, dass sie jedes Mal nur die Hälfte von einem isst, weil die andere Hälfte nach dem Tunken im Kaffee in der Tasse verbleibt, fragte sich Alexander und freute sich über Großmutters Gesellschaft.

Als er eine Stunde später aufbrach, so lange hatte er seit Jahren nicht mehr an diesem Tisch gesessen, bat er Großmutter, sitzen zu bleiben. Stattdessen trat er neben sie. Der 1,85 Meter große, auffallend gut aussehende Mann beugte sich liebevoll zu seiner Großmutter hinunter und küsste sie auf die runzlige Wange und umarmte sie viel länger als sonst. Er mochte den Geruch ihrer Strickjacke. Er hatte etwas von einem alten Kirchengesangsbuch und von Sommerblumen. Das Radio schwieg plötzlich, und die alte Pendeluhr gab nun den Takt vor, während Alexander und Großmutter sekundenlang in der Umarmung verharrten, ehe er sich wieder aufrichtete und ging. Dabei begann das nächste Stück im Radio zu spielen.

Bei der Küchentür drehte er sich nochmals zu Großmutter um. Die alten Dielen hatten unter seinen Schuhen vertraut geknarrt, wie all die Jahre zuvor. Alexander strich sein volles dunkles Haar seitlich aus der Stirn und blickte sie aus leuchtend blauen Augen an, die, seit er ein junger Mann gewesen war, die Frauenwelt regelrecht in ihren Bann zogen. Großmutter hatte ihre alten Hände auf den Tisch gelegt und lächelte ihn milde an. Er lächelte ihr ein letztes Mal zu, bevor er aus der Tür trat.

Wie genau sie das mit den Wünschen gemeint hatte, darüber hatten sie nie wieder reden können, denn am nächsten Morgen bekam er einen Anruf der Spitex-Schwester im Tal, dass seine Großmutter in der Nacht friedlich eingeschlafen sei, die alte Katze habe bei ihr gelegen, auch sie sei gestorben.

Alexander war im ersten Moment, als ziehe ihm jemand den Boden unter seinen Füßen weg. Nach einigen Tagen und der Beerdigung auf dem kleinen Friedhof im Dorf verdrängte ein anderes Gefühl selbiges – er fühlte sich alleine gelassen, verlassen, einem Waisen gleich, obwohl er seine Mutter schon vor so langer Zeit quasi verloren, den Vater nie kennengelernt hatte. Alte Erinnerungen kamen in ihm hoch, wie er an einem milden Frühlingstag, da war er neun, mit einem Koffer in der Hand aus dem Postauto gestiegen und an der Haltestelle bei der Kirche von Großmutter erwartet worden war: »Komm, ich zeig dir die Schule, in die du gleich am Montag gehen darfst. Dort wirst du viele Freunde finden, denn du bist ein Guter.« Sie hatte ihren Arm um seine schmalen Schultern gelegt und ihn angelächelt. »Und wir beide werden es schön hier haben.« Damals war Großvater bereits zehn Jahre tot, er hatte ihn nicht kennenlernen können.

Seit seine Großmutter unter der Erde war, waren nun beinahe zwei Jahre ins Land gezogen, und die Zeit hatte Alexander über allerlei zum Nachdenken gezwungen. Er glaubte deshalb, begriffen zu haben, was Großmutter mit ihrer Aussage »Sei also auf der Hut vor der Zeit, denn sie kann grausam sein« gemeint hatte. Er interpretierte es so: Ein Mann soll stets ein Ziel vor Augen halten, jederzeit, ansonsten würde er vom Jäger und Krieger zu einem von der Zeit Gejagten werden, der alsbald Angst vor seinem eigenen Schatten bekäme. Das mit den Wünschen jedoch, wieso er aufpassen solle, was er sich wünsche, das hatte er noch immer nicht begriffen. Einzig vielleicht, dass ein erfüllter Wunsch möglicherweise Leere zurückließ und es daher besser war, wenn nicht alle Wünsche in Erfüllung gingen – dass man sich lieber Dinge wünschen sollte, die nicht in Erfüllung gehen können. Darin steckte bestimmt eine tiefere Wahrheit.

Dem Anschein nach hatte seine Großmutter vor seinem letzten Besuch über dieses Thema auch mit Akiko gesprochen. Bestimmt war Akiko bei ihr aufgetaucht, um sich Rückendeckung für ihre Meinung zu holen, da sie wusste, wie wichtig ihm seine Großmutter war. Schließlich war diese das einzige Familienmitglied, das er hatte. Akiko sprach ihn aus Rücksicht erst Wochen nach der Beerdigung darauf an, aber sie war davon überzeugt, dass sie die neue Erfüllung für ihn schon gefunden habe. Wie immer sprach sie ruhig, während sie ihr Anliegen vortrug, ohne dabei groß zu debattieren. Von da an hatte sie es in den vergangenen beiden Jahren mehrmals erneut zur Sprache gebracht, zuletzt vor wenigen Tagen, als sie ihn mal wieder mit ihren Vorstellungen bewegen wollte. Geändert hatte sich bisher nichts; wiederholt schlug sie vor, eine gemeinnützige Stiftung ins Leben zu rufen, um Kindern in Not zu helfen. Mit ihrem vielen gemeinsamen Geld könnten sie Menschen in allergrößter Not retten. Auch nach zwei Jahren blieb sie bei diesem Thema ruhig und zurückhaltend, so wie sie immer schon war.

»Alexander, so kommst du endlich aus deinem Tief, und Kinder entrinnen der Hölle. Was ist daran schon verkehrt?« Ihre schönen Mandelaugen waren auf ihn gerichtet, in Erwartung seiner Erleuchtung.

Und er?

Er hatte ihr ein weiteres Mal entgegengehalten: »Ach, Akiko. Tut mir leid. Ich bin ich und du bist du! So einfach ist das manchmal im Leben.«

Er wusste, es war sehr ehrenwert, was Akiko auf die Beine stellen wollte, und er wäre ja auch bereit, viel Geld herzugeben, schließlich bedeutete ihm Geld kaum noch was. Aber er musste sich sicher sein, dass es nicht in den unersättlichen Schlund gieriger Menschen geworfen wurde, die mit der Not anderer ihre Geschäfte machten. Alexander wusste, auch wenn er Akiko mit seinen Worten einmal mehr unsanft bremste, das Thema war noch nicht vom Tisch, denn ihr ging die Not dieser Welt, der Kinder, all der hungernden Menschen sehr nahe. Zu nahe, wie ihm hin und wieder schien. Und dem gegenüber stand seine absolute Antriebslosigkeit, diese Leere, die ihn wie benommen durch die Tage wandeln ließ; er war unfähig, sich davon zu befreien – unfähig, dieses Projekt auf die Beine zu stellen.

»Alexander?«, beschwor sie ihn vor ein paar Tagen mit leiser Stimme. »Niemand kann doch allen Ernstes behaupten, er strebe nicht nach irgendetwas, sogar wenn er alles so belassen will, wie es ist. Sogar ein Lebensmüder strebt nach etwas, nach dem erlösenden Tod. Also sag mir doch bitte, nach was strebst du? Schau. Seit dem Tod deiner lieben Großmutter sitzt du hier rum wie in einem Gefängnis und wartest darauf, dass es Mittag, Abend und wieder Morgen wird. Wach bitte endlich auf!« Und mahnend fuhr sie fort: »Tu etwas, bevor es zu spät ist und das Loch zu tief wird!«

Akiko war achtunddreißig, vier Jahre jünger als er, und von Beruf Dermatologin. Vielleicht ging ihr deshalb so vieles unter die Haut, hatte er ihr mal halb im Spaß gesagt, was sie bloß nicht ganz so lustig fand wie er, denn sie hatte ihn daraufhin nur mit ihrem »Okaaaay?«-Lächeln taxiert, welches sie für solche Momente auf Lager hielt.

Was Akiko anbelangte, hatte sie nie Probleme, sich an etwas aus ihrer Sicht Erstrebenswertem zu orientieren. Da war sie neugierig wie ein Kind und ebenso begeisterungsfähig. Sie führte eine eigene Praxis für Dermatologie und kleine Schönheitseingriffe an der Zürcher Goldküste, und das äußerst erfolgreich. Sie war tatsächlich mit ihrem Leben so zufrieden wie ein Honigkuchenpferd im Schlaraffenland bei Sonnenaufgang, wie sie mal gesagt hatte. Alexander liebte auf der einen Seite ihr kindliches Gemüt, diese Frische und Neugierde in ihrer Seele und auf der anderen Seite ihre intellektuelle Ernsthaftigkeit und ihren Drang, die Welt verbessern zu müssen. Dass sie so happy mit ihrem Leben war, das lag garantiert nicht an ihm. Dessen war er sich sicher. Es lag vielmehr daran, dass sie die ausgeglichenste Person war, die er kannte, bis zu dem Punkt, an dem es schon fast dümmlich wirkte – als fehle ihr die emotionale Möglichkeit einer Achterbahn der Gefühle. Sie nannte es »die Wertschöpfung des Geistes aus dem Sein und dem Tun«. Spirituell angehaucht, wie sie schon immer war, fuhr sie jeden Freitag an den Bodensee. Mit der Fähre ging es auf die deutsche Seite, zu einer Mataji, einer spirituellen Lehrerin. Im Haus des Lichts und der Erkenntnis legte Akiko sich dann nackt in die Klangmuschel, die voll von warmem, leuchtendem Wasser war, und wurde in ihrem Geist zurückversetzt, damit sie das Rauschen in der Gebärmutter, der Urmutter, wieder hören konnte, wie sie ihm erklärt hatte.

Vor fünf Jahren hatte sie ihm zum ersten Mal davon erzählt. Ihre geheimnisvoll dunklen Augen leuchteten von der Vorstellung, während sie ihr zuliebe Sushi aßen. Nun hatte er sein fragendes »Okaaaay?«-Lächeln aufgesetzt und nichts weiter dazu gesagt, weil er es nicht würde ausprobieren wollen. Er wollte sich gar nicht erst vorstellen, wie seine damals schon alkoholkranke Mutter gefurzt, gegessen oder gar mit irgendeinem Kerl gebumst hatte, der wahrscheinlich nicht mal sein Vater war, während er sozusagen mittendrin dabei war. Er wollte auch nicht das Gurgeln ihrer Eingeweide nach einem Raclette und vier Gläsern Weißwein hören. Wenn er schon zwangsweise an die Gebärmutter seiner Mutter denken musste, dann kam sie ihm wie ein Gefängnis vor und nicht wie ein himmlischer Singsang voller Geborgenheit, von dem Akiko erzählt hatte. Wer sein Vater war, hatte Alexander übrigens nie erfahren. Seine Mutter hatte ihn ein letztes Mal bei Großmutter besucht, als er ein Teenager war. Betrunken war sie wieder mal gewesen, und sie hatte ihm an der Türschwelle, bevor sie ging, an den Kopf geworfen, dass sie ihn gescheiter auf den Misthaufen hinter dem Haus geschissen hätte. Danach hörte er nie wieder was von ihr. Wahrscheinlich war sie tot, denn zur Beerdigung von Großmutter war sie nicht gekommen und er hatte den Hof und eine Hütte von Großmutter geerbt. Aus dem alten Hof hatte er lediglich eine der roten Tassen mit den weißen Punkten mitgenommen. Aus der trank er nun jeden Morgen eine heiße Schokolade, jetzt in der Villa Horizonte. Manchmal stellte er sich dann vor, wie seine Finger als Kind und Jugendlicher diesen Griff umschlossen hatten.

Was ihm neben den schönen Erinnerungen an Großmutter sonst noch geblieben war, das war seine Liebe zu Akiko, der dunkelhaarigen Naturschönheit. Akikos Mutter war eine Japanerin, der Vater ein Schweizer Diplomat. Aktuell lebten die beiden beruflich bedingt in Japan und standen kurz vor ihrer Pension. Diesen besonderen und feinen asiatischen Touch, den Akiko in ihrem Aussehen trug, den hatte Alexander sofort geliebt, vor allem ihre geheimnisvollen, sanften Mandelaugen und ihre pechschwarzen Haare, die sie, seit er sie kannte, als Pagenschnitt trug. Immer wenn sie den Kopf in einer kurzen, schnellen Bewegung drehte, fächerte sich das Haar kurz auf und fiel wie auf Kommando wieder zurück in diese perfekte Gradlinigkeit. Akiko war in seinen Augen schlichtweg eine außergewöhnliche Frau. Sie bekam ihre verschiedenen Seiten und Lebensstile problemlos unter einen Hut, fand er. Da war auf der einen Seite das Oberflächliche an ihr, alles drehte sich um Schönheit, gesunde Haut und um den Kleidungsstil, der immer ihr momentanes Lebensgefühl auszudrücken vermochte, samt nötigen Shoppingtouren mit ihren besten Freundinnen nach Mailand. Und da war auf der anderen Seite ihre tiefe Spiritualität, die grundsätzlich allem entsagte, um frei zu bleiben oder zu werden, so genau verstand er es nicht. Und irgendwo hatte da noch ihr Helfersyndrom einen großen Platz eingenommen; sie konnte kaum jemals an einem Bettler in den Straßen vorübergehen, ohne zwanzig Franken in seinen Hut zu werfen. Dessen dankbares Lächeln war ihr Lohn, egal wie gespielt es war. Alexander hatte es aufgegeben, ihr erklären zu wollen, dass die meisten Mitglieder in organisierten Banden waren, ja nicht mal unbedingt behindert waren, wie sie vorgaben. Es stimmte eben schon: Ich bin ich und du bist du, dachte er sich in solchen und anderen Momenten. Und er musste Akiko nicht in allem verstehen, was sie tat, und umgekehrt erwartete er es auch nicht von ihr. Er liebte sie, und wahrscheinlich war sie mit sich und ihrem Leben so zufrieden, weil sich niemand besser belügen konnte als sie sich selbst. Doch das sagte er ihr nicht, weil er sie liebte.

Sein Können war jahrelang nur das eine gewesen – das Geld anderer so zu verwalten, dass sie dadurch noch reicher wurden und er mit ihnen. Darin war er nicht nur gut gewesen, sondern ein Guru, und man hatte ihn dafür geliebt. Bestimmt wären nicht wenige Leute zu ihm gekommen und hätten sich in seine Klangmuschel gelegt, um sich vom Rauschen des Geldes inspirieren zu lassen. Schließlich macht auch Erfolg Geräusche, wusste er, wenngleich sich die meisten Menschen noch nie darüber Gedanken gemacht hatten, welche das waren. Doch als sein Feuer, seine Flamme für sein Können erlosch, verkaufte er seine Treuhandfirma innerhalb von nur 100 Tagen. Das passte wiederum zu ihm; »100 Prozent oder gar nicht« war schon immer seine Devise gewesen und würde es bleiben. Da war er unveränderlich, und das war gut so.

Leider wollte seither einfach nichts an deren Stelle treten, nichts, was seine Treuhandfirma ersetzte, nichts, das 100 Prozent von ihm einforderte und ihn damit erlöste, auch nicht die von Akiko vorgeschlagene Stiftung für Arme. Kein Feuer weit und breit, ja nicht mal eine Glut, nichts.

In seiner Not war Alexander mit einem seiner Luxuswagen mehrfach ins Toggenburg gefahren, in das kleine Dorf, das sich kaum verändert hatte. Lange hatte er sich nicht ins Haus getraut, hatte mit Blick darauf und all den Erinnerungen im Wagen gesessen, hatte sich Großmutter vorgestellt, wie sie am Küchentisch saß. Er wusste, er hatte Angst vor der Leere im Haus.

Doch dann hatte er sich ein Herz gefasst, war ins Haus getreten, das seine Großmutter früher auch nicht abgeschlossen hatte, wenn sie im Dorfladen einkaufen ging. Nach einem Seufzer hatte er sich an den Tisch gesetzt, an dem er groß geworden war, und das Radio eingestellt, allerdings kam nur Rauschen, weil das Schweizer Radio und Fernsehen den UKW-Sender eingestellt hatte. Die Stille im Haus wurde Alexander schnell zu eng. Eine Stunde lang hatte er daraufhin hinter dem Haus Holz gehackt und aufgeschichtet, wie früher, damit sie es im Winter in der Stube schön behaglich hatte. Nun hatte er sein Tun damit gerechtfertigt, dass er im Herbst und Winter ebenfalls hierherfahren würde, dabei wusste er, dass er das nicht machen würde. Auch er konnte sich wunderbar belügen, wie es wahrscheinlich die meisten Menschen taten.

An dem Tag fuhr er kurz vor dem Mittag zurück. Noch im Dorf warf er bei der Kirche einen Blick auf das gelbe Postauto, das in diesem Moment Oberstufenschüler an der Haltestelle ausspuckte. Er sah sich einen Moment lang dort gehen, wie er als Neunjähriger angekommen war, und hörte Großmutters Stimme: »Schau, Alexander, dort darfst du gleich am Montag in die Schule gehen. Du wirst sehen, wir beide werden es gut haben …« Er würde nie vergessen, wie sie ihm liebevoll mit ihrer Hand über seinen Kopf gestrichen und dann ihren Arm um seine Schultern gelegt hatte. Ein Schmerz durchfuhr ihn, dort vor der Kirche, beim Gedanken daran. Und Großmutter hatte recht gehabt – man musste höllisch aufpassen beim Blinzeln.

Als er wieder am Zürichsee angekommen war, vor dem großen weißen Schiebetor aus Metall der Villa Horizonte hielt und zur Begrüßung einzig von der Überwachungskamera belinst wurde, herrschte erneut dieser furchtbare Gleichklang in ihm. Das Tor fuhr zur Seite und er parkte in der Garage auf einem der sechs Parkplätze.

 

Dieser zerfressende Gleichklang in seinem Leben hatte ihn bis zum heutigen Tag geradewegs in den Untergang gesteuert, sodass er ernsthaft darüber nachdachte, all dem ein Ende zu setzen, nur um diese Leere nicht mehr spüren zu müssen.

So hatte auch Akiko recht, selbst den Lebensmüden erwächst irgendwann wieder ein Streben nach etwas und sei es ein konkreter Tod vor Augen. Ob es das war, was er heimlich suchte, wusste Alexander noch nicht, aber er wusste, es musste etwas sein, das ihn entweder in den Tod oder in ein zufriedenes Leben trieb.

Als Akiko ihn gestern ernsthaft gefragt hatte – er stand gerade mit einem Glas sauteuren Rotweins am Fenster und blickte über seinen Privatstrand hinweg auf den Zürichsee, wie er es auch jetzt und eigentlich sehr oft machte –, ob es dann nicht vielleicht halt Zeit sei, aus ihrer wunderbaren Liebe ein Kind entstehen zu lassen, da kam Bewegung in seine emotional fortwährende Pattsituation des harrenden Schweigens.

»Alexander, schau, es geht doch um einen gemeinsamen Lebensplan, aus deinem und meinem, die seit zwölf Jahren wundersam verwoben sind. Das Universum spricht jeden Tag zu uns.« Akiko war soeben beim Frisör gewesen, ihr pechschwarzes Haar glänzte wie immer, ihre Haut war makellos, während sie ihn aus ihren mandelbraunen Augen vielsagend ansah und lächelnd fragte: »Wollen wir denn gleich loslegen, mein Liebster? Heute wäre dafür ein sehr guter Tag, und ich bin frisch rasiert und feucht. Fühl doch …« Sie nahm seine Hand und führte sie unter ihr Sommerkleid, welches sie ohne Unterwäsche trug. Sie blickte ihn dabei weiter an. »Ich sag’s doch … und außerdem wartet das Universum nicht, und ich auch nicht gerne.«

Ein Kiiiind?, dachte er und merkte an Akikos Gesichtsausdruck, dass er es laut ausgesprochen hatte.

Sie schob seine Hand behutsam aus ihrem Schritt. »Ja, Alexander, ein wunderbares Kind und keinen dreiköpfigen, Kreditkarten fressenden Drachen, der einem Augenringe anhext.« Sie lachte hell. »Ich weiß, ich weiß … und die Stiftung wäre auch dann noch immer sehr wichtig. Aber vielleicht erkennst du es erst, wenn wir ein Kind haben?«

Er beneidete sie um diese sorglose Leichtigkeit, das Leben so zu nehmen, wie es kam. Sie erschien ihm wie eine Autofahrerin in den Bergen, die jeweils nur bis zur nächsten Kurve blickt und sich auf diese einstellt, auf mehr jedoch nicht, weil sie darauf vertraut, dass die Straße schon irgendwie über oder durch die Berge führen wird.

Ihre Stimme holte ihn zurück: »Alexander, mein Lieber, du solltest jetzt dein Gesicht sehen. Ich bin sicher, auf 100 Meter würdest du im Moment jeden Sprinter auf der Welt schlagen.« Sie deutete auf ihre Augen: »Ich sehe ihn doch, deinen Hilferuf nach sofortiger Flucht.« Sie lachte erfrischend, sodass ihre Augen beinahe hinter den Lidern verschwanden. »Hey, komm schon, so ein Kind würde uns beiden mehr Leben schenken. Und außerdem sind die Fellers und die von Reichenburgs von nebenan gerade ebenfalls schwanger. Beide verfügen über eine super Adresse, wo man an die perfekte Nanny rankommt. Übrigens, Philippininnen sollen ganz verrückt sein, dafür nach Europa zu kommen. Dann könnten wir denen und uns was Gutes tun. Niemand würde sie so gut behandeln und bezahlen wie wir. Das Gästehaus wäre für sie eine Villa, und einen Wagen könnten wir ihnen auch stellen …«

Da war es wieder: Das Universum riet ihr, hier und jetzt zu vögeln, und gleichzeitig konnte sie so realistisch sein und an eine Nanny denken, an die nächste Kurve, und auch dieser was Gutes abgewinnen.

Er achtete darauf, dass er diesmal nicht sagte, was ihm durch den Kopf schoss: Was soll jemand wie ich in meinem Zustand mit einem Kind anfangen, außer die Nanny zu vögeln, wie es die meisten früher oder später tun. Obwohl er sich sicher war, nicht zu denen zu gehören. Er war Akiko immer treu gewesen, und das war nicht mal schwer. Aber er hatte schon so manche Story in einer der Herrenrunden über Nannys gehört. Freizügige Fotos von blutjungen Frauen machten dabei sogar schamlos die Display-Runde, auch Fotos von Schweizerinnen.

Ein Kind?! In meinem Zustand? Ich wäre wohl der schlechteste Vater der Welt.

Das Nächste, das ihm in den Sinn kam, waren Kindergeschrei und schlaflose Nächte, aber gut, das wäre ja mit einer Nanny teilweise geregelt. Er kam deshalb zurück auf den entscheidenden Punkt: So ein Kind brauchte doch Liebe und Zeit. Es müsste doch erst so eine Leidenschaft für ein Kind in ihm brennen, dass er alles tun würde, und das bis zu seinem Lebensende, um ein guter Vater zu sein. Niemals wollte er so wie seine Mutter werden, und das Herz seiner Großmutter schlug nicht in ihm drin. Er hatte daher Angst.

Die Frage, ob sie nun ein Kind wollten oder nicht, ließ ihn seit gestern nicht mehr los. Er wusste auch nur allzu gut, warum – er hatte vor allem Angst, nichts geben zu können, außer der Villa Horizonte und einem Geldregen, der schon von seiner Großmutter nicht gewollt worden war, da sie alles gehabt habe. Er aber war ein sehr reicher armer Mann. Dies war doch die ungeschönte Tatsache, der man ins Auge blicken musste. Und das Wertvollste an ihm war seit Großmutters Tod Akiko, und ihr konnte er nicht mal das schenken, was sie sich am meisten wünschte.

Alexander gelangte allmählich aus seinen Gedanken ins Hier und Jetzt zurück. Ihm war in seiner Nachdenklichkeit schwindlig geworden, er glaubte, durch das Panoramafenster im dritten Stock seiner Villa nach draußen zu fallen. Schweiß perlte auf der Stirn des austrainierten, attraktiven Mannes, der sich jederzeit für eine dieser klischeehaften Rasierklingen- oder Aftershave-Werbungen hätte hinstellen können.

Ein Kind also?!

Dann wäre er geliefert und mit ihm das bedauernswerte Kind. Nur dank ihrer scheinbar unzerstörbaren Leichtigkeit ging es Akiko mit ihm gut, erst recht, seit er kaum noch die Villa verließ. Aber vielleicht war es auch tatsächlich bloß der Zauber dieser Klangmuschel, der sie so kraftvoll beseelte. Beseelt war er früher von seiner Agenda gewesen, die besser gefüllt gewesen war als eine McDonald’s-Filiale neben einem Schulhaus voller übergewichtiger, hungriger Kinder, in der es alles für lau gab. Ein Leben auf der Überholspur mit seinesgleichen war es gewesen – Akiko und er, das Vorzeigepaar.

Ein Kind also!

Das zeigte, dass Akiko noch immer nicht erkannt hatte, dass die Gleichmäßigkeit und die Leere mittlerweile zu den Folterwerkzeugen seines Lebens geworden waren, es bestimmten. Oder wusste sie es nur allzu gut? Wollte sie im wahrsten Sinne des Wortes mit dem Kind Leben in sein Leben bringen? Sollte das Kind ihn retten?

Und während er in diesen schwülen Regennachmittag starrte, erhielt er eine WhatsApp-Nachricht. Sein Handy, welches er achtlos auf dem großen Esstisch hinter sich hatte liegen lassen, surrte deswegen auf.

Es dauerte jedoch gute fünf Minuten, ehe Alexander sich vom Fenster losreißen konnte, sich abdrehte und mit hängenden Schultern das Handy vom Tisch nahm, das sich mittels Gesichtserkennung automatisch entsperrte.

Beim erneuten Lesen der Nachricht furchte sich seine Stirn. Er wollte den Absender soeben blockieren, doch das, was er hier noch einmal las, zündete einem kleinen Funken gleich etwas Größeres in ihm an.

Es war Tatsache: Wenn jemand nichts mehr zu verlieren hat, können sich ihm zuvor unsichtbare Türen öffnen, die Ungeahntes dahinter verborgen halten – schauderhaft Schönes, Angst, Liebe, möglicherweise sogar das Leben als solches. Alexanders Augen fingen Feuer, der Rhythmus seines Herzens begann, sich zu verändern. Auch wenn das wahrscheinlich einfach ein Scherz war, so war seine Neugierde geweckt!

Die mahnenden Worte seiner Großmutter kamen ihm in den Sinn, als wache sie in diesem Augenblick über ihm: »Alexander. Sei aber bloß vorsichtig in dem, was du dir wünschst!«

Und er hörte sich flüstern: »So schlimm kann es nicht sein, wenn Wünsche in Erfüllung gehen, liebe Großmutter«, und er klickte den Link an!

3

Chur, Kanton Graubünden (CH) Vier Monate nach der Flut in Greetsiel, Ostfriesland (D) Montagabend, 22. September, 21:35 Uhr

Das Grauen nahm in der Schweiz an einem idyllischen Herbstabend seinen Anfang. Und es war eines dieser Grauen, das ohne jegliche Vorahnung, geschweige denn Warnung, das bisherige Leben einiger, wie die Nadel einen prallen Ballon, zum Platzen brachte. Was danach übrig blieb, das waren die zerfledderte luftleere Hülle und die Frage nach dem Warum.

Giulia de Medici, die gut aussehende Engadinerin mit sizilianischen Wurzeln trat aus dem Stall in die Dunkelheit der Nacht. Eine Brise kühler Herbstluft prickelte auf ihrer Haut, die von Natur aus ganzjährig gebräunt war. Der Himmel war tintenschwarz und gespickt mit einem Heer aus Sternen. Die dunklen Tannen ruhten im Tal, bewacht von einem Kranz Berge, die schon so vieles kommen und gehen gesehen hatten, während der Wildbach in Giulias Nähe leise ins Tal plätscherte. Einzig im Taleinschnitt gen Westen wölbte sich, einem hauchgoldenen Dom gleich, der Widerschein der ländlich geprägten Hauptstadt Chur schimmernd aus der Tiefe in die Dunkelheit empor.

Giulia hatte soeben auf dem Mättali, dem kleinen Bio-Berghof, gemeinsam mit ihrem Freund Gian Manetsch die letzten ihrer Tiere versorgt und alles für den nächsten Tag bereit gemacht. Sie hatten Miss Helvetia und Frau Bundespräsidentin, die einzigen zwei Kühe im kleinen Stall, längst gemolken und die frische Milch in Glasflaschen abgefüllt und in die Kühle gestellt. Zusammen mit der Morgenmilch würde Giulia diese in der Früh auf dem Weg nach Chur ins Dörfli fahren, damit sie im Dorfladen verkauft werden konnten. Jetzt aber überquerten Gian und Giulia den gekiesten Vorplatz, der vom Stall und der kleinen Zimmerei-Schreinerei hinüber zu dem modernen Holzhaus führte, das wie ein Pflock in den Boden geschlagen im Hang stand. Begleitet wurden sie von Lux, dem jungen, kräftigen altdeutschen Schäferhund. Das schöne, und nicht von gestörten Tierzüchtern verunstaltete, Tier war überaus klug und mutig, aber auch sanftmütig und über alles wachsam. Sein Gang war noch der eines gesunden Hundes und nichts schien seinen wachen Sinnen zu entgehen.

Giulia blieb plötzlich abrupt stehen, als hätte sich eine Wand vor ihr aufgebaut, und richtete mit einem Griff ihr schwarzes NY-Cap. »Ich hab doch glatt vergessen, die Hühnerklappe zu checken …«, sagte die 38-Jährige, deren schwarzes, gerades Haar als Pferdeschwanz zurückgebunden aus dem Cap fiel.

»Hey, bella, ich mach das gerne für dich.« Gian griff der sich bereits umdrehenden Giulia an die Schulter. »Ich komme dann gleich nach. Okay?«

In der Dunkelheit war Giulias sympathisches Lächeln nur ansatzweise zu erkennen, welches sie ihren perfekt angeordneten weißen Zähnen und diese wiederum einer Zahnspange in der Teenie-Zeit zu verdanken hatte. Letztere hatte sie damals aber so gehasst wie einen fetten Pickel auf der Nase.

»Danke dir, mein Lieber. Ich warte hier, der Abend ist ja so schön, und die Luft riecht so frisch.« Langsam sog sie diese mit der Nase ein; es roch herbstlich nach Erde, Wald, Laub und der stotzigen Weide im Hintergrund, die gestern zu einem Stück zum letzten Mal gemäht worden war. Giulia blickte sich in der Dunkelheit um. Nur die Laterne am Hauseingang legte mattgelb ihren Schein über den Platz. In solchen Momenten sammelte sich Giulias unruhiger Geist wie ein sich ins Tal stürzender, weiß aufschäumender Wildbach in einem kleinen Bergsee, im Wissen darum, dass dieser irgendwann seiner Ruhe überdrüssig werden und stauend wieder zum freiheitsliebenden Bach überlaufen würde.

Das hier hoben, das Mättali, war für die 1,78 Meter große Giulia wie eine Insel außerhalb der realen Zeit, anders echt und anders wahrhaftig, aber es war und blieb dennoch nur ein Teil ihres Lebens, ein Teil ihres Herzens. Ihren Blick hinunter auf den schimmernden Lichterdom in der Ferne gerichtet, wusste sie, dass dort ihr anderes Leben auf sie wartete: ihre Dachwohnung im Hang über Chur, der Bergstadt, in der sich das Kommando der Kantonspolizei Graubünden befand, in dem sie als Chefermittlerin der Kriminalpolizei arbeitete. Eine Lebensaufgabe, die sie erfüllte, erschütterte, alles von ihr abverlangte, sodass sie es »ihr anderes Leben« nannte. »Leben«, weil sie sich dann auf eine andere Weise intensiv spürte, aufgerieben und vorwärtsgetrieben vom jeweiligen Fall, von den mit ihm verbundenen Schicksalen und all den damit aufgezwungenen Begleitumständen. Das Ermittlerleben fühlte sich insgesamt für sie an, wie wenn an stürmischen Herbsttagen auf einer ihrer Bergtouren im grausteinigen Hochgebirge die Sonne für einen Moment durch dichte Wolken fällt. Wie wenn diese flüchtig und sanft über eine grüne Bergflanke streicht, welche sich daraufhin kurz in intensives Leuchten verwandelt, während der raue Wind mit Strenge an ihr, Giulia, reißt, kalt, ehrlich, lebendig. Dann weht ihr das schwarze Haar, und der Glanz der Freiheit tritt in ihre Augen, verbunden mit dem Vertrauen, ein Teil des Ganzen zu sein. Sie empfand ihre bergige Heimat mit den Hunderten von Gipfeln, den wilden Tälern und den eisig kalten Bergseen nie schöner, als wenn so ein mystisches Spiel aus Licht und Schatten alles, und gleichsam auch sie, zum intensiven Leben erweckte. Giulia, die als Fünfjährige mit ihren Eltern aus der Nähe von Genua nach Pontresina ins Oberengadin gezogen war, war nach dem ersten Kulturschock tatsächlich zu einem Bergkind geworden.

Neben ihrem Job als Chefermittlerin gab es noch die zweite Waagschale, die sie im Gleichgewicht hielt, nicht immer, aber meistens. Sie, die feurige, emotionale Grenzgängerin, hatte mit Gian, der Kleinbergbauer, Schreiner, Zimmermann und Schriftsteller in einem war, tatsächlich so was wie die Liebe ihres Lebens gefunden. Er, der meist barfuß lief, nahm sie in diesen überbordenden Lebensphasen als ihr ruhiger Pol so, wie sie dann war. Niemals hätte er sie verbiegen wollen, und wenn sie noch so getrieben einem Fall nachhing, dass jedermann glauben könnte, es gäbe in dem Moment nichts Wichtigeres auf der Welt als diese Ermittlungen, die Jagd nach dem Täter – was irgendwie sogar stimmte. Und ja, sie waren erst ein Jahr zusammen, aber es fühlte sich für sie so richtig gut an; ihr Vertrauen war gewachsen, und das hatte in ihrem Leben tatsächlich was zu bedeuten.

Giulia fühlte an der Regung von Lux, der an ihrer Seite geblieben war, dass Gian zurückkam. Die schöne Berglerin drehte sich, aus ihren Gedanken gerissen, um, sah Gian schemenhaft auf sie zukommen. Als er vor ihr stand, schlang sie ihre Unterarme um seinen Nacken und küsste zärtlich den gut aussehenden Mann, der sie um einen halben Kopf überragte und dessen schieferblaue Augen voller Leben waren. Nur langsam löste sie ihre vollen Lippen von den seinigen. Ihre Augen suchten funkelnd den Glanz der seinen, als er flüsterte:

»Ich hoffe, du vergisst diese Hühnerklappe morgen wieder … und wenn nicht, gehe ich sie sicherheitshalber für dich nun jeden Abend kontrollieren …«

Sie küssten sich sehr zärtlich, feine Lippenberührungen, bei denen sich der warme Atem der beiden verband, während Gian Giulias festen Busen an seiner Brust spürte und seine Hände an ihrer Taille lagen.

In diesem Augenblick klingelte Giulias Handy. »Da hat wohl jemand was dagegen …«, lächelte sie und löste sich mit einem kurzen Kuss, denn sie wusste, da musste sie rangehen. Sie zog ihr Telefon aus der hinteren rechten Gesäßtasche ihrer leger geschnittenen Jeans, die ihren Hintern nicht zu aufreizend, sondern genau perfekt zur Geltung brachte. Das Display tauchte ihr Gesicht in weiches Licht, als sie darauf blickte. Der Klingelton hatte sie beide bereits alarmiert. Ihr Blick bestätigte jetzt Gian, wer in der Leitung war: die Einsatzzentrale der Kantonspolizei Graubünden.