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Köstliches Krimivergnügen – für alle, die es kriminell und kulinarisch mögen! Eigentlich sollte es ein schnelles Mittagessen mit Pälzer Grumbeersupp aus der Dose werden, doch für Oberkommissarin Paula Stern ist es der Beginn eines kniffligen Falls – denn in der Suppe schwimmt ein Finger. Zusammen mit ihrem Kollegen Bernd Keeser stattet Paula der frisch eröffneten Suppenmanufaktur einen kritischen Besuch ab. Die Hände der jungen Betreiberin sind unversehrt, aber ob sie auch rein sind, wird sich herausstellen. Ist zwischen Kesseln und Töpfen ein schrecklicher Mord geschehen? Der 10. Fall für das pfälzisch-fränkische Ermittler-Duo Paula Stern und Bernd Keeser überzeugt mit originellen Wendungen, witzigen Dialogen und Spannung bis zum Schluss. Ein Must-Read für alle Fans von Regionalkrimis mit kulinarischer Komponente.
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Seitenzahl: 374
Veröffentlichungsjahr: 2026
Gina Greifenstein wuchs im unterfränkischen Würzburg auf, lebt und arbeitet aber seit über zwanzig Jahren als Autorin in der Südpfalz. Aus ihrer Feder stammen zahlreiche Bestsellerkochbücher, aber auch Romane. Insbesondere die Pfalz-Krimi-Reihe um die junge Ermittlerin Paula Stern wird regelmäßig fortgesetzt – vor der eigenen Haustür mordet es sich schließlich am besten. www.gina-greifenstein.de
Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig. Im Anhang finden sich Rezepte und ein Glossar.
© Emons Verlag GmbH
Cäcilienstraße 48, 50667 Köln
www.emons-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten
Umschlagmotiv: mauritius images/Roland T. Frank
Umschlaggestaltung: Nina Schäfer, nach einem Konzept
von Leonardo Magrelli und Nina Schäfer
Umsetzung: Tobias Doetsch
Lektorat: Christiane Geldmacher, Textsyndikat.de
E-Book-Erstellung: Geethik Technologies Pvt Ltd
ISBN 978-3-98707-363-2
Pfalz Krimi
Originalausgabe
Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationeninsbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß§ 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.
Donnerstag, 21. September
»Hm, das riecht gut.« Paula Stern trat neben Matthias Weber, der – ganz braver Hausmann – am Herd stand und irgendetwas angenehm Duftendes köchelte. Sie schmatzte ihm einen Kuss auf die Wange. »Ich sterbe vor Hunger.«
Lachend drehte er sich zu ihr um und nahm sie in die Arme. »Könntest du mit dem Sterben eventuell noch warten – in zehn Minuten gibt’s Essen.«
»Wo ist Lotta?«
Mit dem Daumen zeigte er zur Zimmerdecke. »Oben.«
Ihre kleine Maus war also ein Stockwerk höher bei Henriette Seidel. Wobei Pudel Othello wohl eher das Ziel ihres Besuches war. Die alte Dame freute sich immer sehr über Lotta-Besuche, Othello nicht minder.
Erst jetzt entdeckte Paula zwei Konservendosen auf der Arbeitsplatte.
»Seit wann gibt es bei uns Kartoffelsuppe aus der Dose?« Paula nahm eine der Büchsen, deren Inhalt sich schon zum Aufwärmen im Topf befand. Das Logo, eine goldene Krone, umrahmt von dem ebenfalls goldenen Schriftzug »Manufaktur Suppenkönigin« in einem schwarzen Oval, hatte sie noch nie zuvor gesehen.
»Vegan?«, fragte sie nach einem Blick auf das Etikett überrascht. »›Original Pälzer Grumbeersupp‹«, las sie laut vor. »Pfälzer Kartoffelsuppe und vegan – ist das nicht ein Widerspruch in sich?«
Amüsiert stupste Matthias sie an. »Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Ich hab die beiden Dosen im Supermarkt zum Testen geschenkt bekommen. So ein Start-up, eine kleine Suppenfabrik, gerade eröffnet. Irgendwo in der Nähe, hab’s vergessen. Werben mit Nachhaltigkeit und verwenden nur regionale Produkte. Kam mir heute wie gerufen, denn ich hatte keine Zeit zum Kochen. Während du nämlich mit Keeser und den anderen Verbrecher-Fangen gespielt hast, war ich mit Lotta beim Kinderarzt, einkaufen, auf dem Spielplatz und bei meinen Eltern. Also gibt es heute zur Abwechslung mal Dosenfutter.«
Er führte den Kochlöffel zum Mund, pustete kräftig und schlürfte dann ein bisschen Suppe. »Schmeckt echt fein und mit ein paar Würstchen drin nicht mehr vegan. – Auch mal probieren?«
»Später«, lehnte Paula dankend ab. »So gut wie unsere Kartoffelsuppe kann sie jedenfalls nicht sein.«
»Unsere Kartoffelsuppe?«
»Okay, deine Kartoffelsuppe.« Sie übernahm den Kochlöffel und rührte für ihn weiter. Der Inhalt des Topfes sah lecker aus und duftete für eine Dosenkonserve überraschend verlockend. Ihr Magen begann in Vorfreude zu grummeln.
»Wie aufregend mein Tag verlaufen ist, weißt du jetzt ja – und wie war dein Tag so?«
»Bei Weitem nicht so aufregend wie bei dir. Wir haben eigentlich nur Abschlussberichte geschrieben, Asservate katalogisiert und verpackt …«
»Keine kulinarische Dienstunterbrechung mit Kollege Keeser in irgendeinem Restaurant um die Ecke?«, fragte er zwinkernd.
»Ich war mittags nur kurz drüben beim WASGAU-Bäcker und hab ein paar süße Teilchen für uns geholt. Deswegen freue ich mich jetzt auf was Herzhaftes.« Wobei auf ihrer Essenswunschliste eine Suppe sicher nicht ganz oben gestanden hätte.
»Der Fall ist also abgeschlossen?«
»Yep, und wie es aussieht, habe ich endlich ein paar Tage frei.«
»Wenn nichts dazwischenkommt«, ergänzte er mit sarkastischem Unterton.
»Wenn nichts dazwischenkommt.«
»Dann könnten wir doch ganz spontan wegfahren …«
Wegfahren … das klang gut. Sehr gut sogar. Sie waren tatsächlich, seit sie sich kannten, noch nie gemeinsam verreist.
»Und was schwebt dir da so ganz spontan vor?«
»In der Zeitung habe ich was von einem Jubiläum eines Hotels gelesen: Hotel Kloster Hornbach. Ich hab es schon gegoogelt – nicht gerade günstig, aber wunderschön. Und gerade mal eineinhalb Stunden von uns entfernt.«
»Ein Kloster?«, hakte sie wenig begeistert nach.
»Ehemaliges Kloster, jetzt ein Hotel. Mit Wellnessbereich, tollem Essen, Wandermöglichkeiten, nahe der französischen Grenze. Und falls wir Lotta bei meinen Eltern lassen sollten – was die übrigens sehr begrüßen würden –, wunderbare Motorradstrecken rundherum. Es wäre auch noch ein Zimmer frei.«
»Nach spontan hört sich das aber nicht an – eher nach einem ausgefeilten Plan.«
»Erwischt!« Grinsend gab er ihr einen Kuss auf die Nasenspitze. Er griff an ihr vorbei und holte zwei Suppenteller und einen Kinderteller aus dem Schrank.
Ein paar Tage Urlaub, allein mit Matthias und dann auch noch in einem tollen Hotel. Und wieder einmal ganz viel Motorrad fahren … sie seufzte. Ihre süße Kleine würde ihr sicherlich fehlen, aber die wäre bei Oma und Opa mehr als gut untergebracht.
»Dann lass uns das machen.« Verträumt rührte Paula in der dickflüssigen Suppe und beobachtete, wie Karotten- und Kartoffelstücke und irgendetwas Grünes ihre Kreise um den Löffelstiel zogen. Etwas anderes schwamm auch vorbei, wurde vom Sog aber gleich wieder in die Tiefe des Topfes gezogen. Etwas, das wie ein Stück Wiener Würstchen ausgesehen hatte. Etwas, das bei einer veganen Suppe eigentlich gar nicht möglich war.
»Hast du schon Würstchen reingemacht?«
»Nein, das kannst du übernehmen.« Einladend schob er ihr die Metzgertüte und ein Messer hin.
Sie rührte langsamer und zog den Löffel dabei immer wieder am Topfrand hoch. Beim fünften Versuch gelang es ihr endlich, und das undefinierte Objekt lag auf dem Löffel.
Das, was im Vorbeischwimmen wie ein Stück Würstchen ausgesehen hatte, entpuppte sich als das letzte Glied eines menschlichen Fingers – eindeutig zu erkennen am komplett erhaltenen Fingernagel.
»So richtig vegan ist die Suppe aber nicht«, bemerkte sie trocken.
»Nicht vegan, wieso?« Neugierig beugte Matthias sich über den Topf. Und zuckte erschrocken zurück. »Ist der echt?«
»Was fragst du mich? Ich bin nur die Finderin.« Sie betrachtete das Stück Finger von allen Seiten. »Sieht aber verdammt echt aus. Ich denke, mein Appetit auf Kartoffelsuppe hat sich hiermit erledigt.«
Angewidert verzog Matthias das Gesicht. »Boah, und ich hab gerade davon gegessen – wie eklig!«
Paula griff sich ein ausgewaschenes und zum Abtropfen gestürztes Marmeladenglas von der Spüle und ließ das Fingerfragment hineingleiten.
Sofort zog Matthias den Topf von der Platte und schaltete den Herd aus. »Das sieht nach einem Ausflug in die ›Katakomben des Grauens‹ aus – Dr. Knopp wird schon herausfinden, ob er echt ist.«
»Ich sag Frau Seidel Bescheid.« Schon war Paula auf dem Weg in die Diele. Sie ging einfach davon aus, dass Matthias sie in die Rechtsmedizin begleiten würde.
Als sie bei Henriette Seidel klingelte, brach hinter der Tür wildes Gebell und Gejaule los.
Zwergpudel Othello schlug beinahe Saltos vor lauter Freude, als die Tür aufging und er Paula sah.
Gleichzeitig warf sich Lotta »Mama, Mama« kreischend in ihre Arme.
»Was für ein grandioser Empfang.« Lachend versuchte Henriette Seidel ihren pirouettendrehenden Hund zu fassen zu bekommen. Als ihr das endlich gelang, stellte er das Bellen ein und fiepte nur noch. Und der Stummelschwanz rotierte noch wie ein Quirl.
Mit der einen Hand drückte Paula ihre Tochter an sich, mit der anderen kraulte sie Othellos hellgraue Locken.
»Liebe Frau Seidel, wir haben ein Problem«, sagte sie, als sie sich endlich aufrichten konnte. Lotta verschwand kichernd ins Wohnzimmer, Othello rannte ihr stummelschwanzwedelnd hinterher.
»Matthias und ich müssten noch mal kurz weg, kann Lotta so lang bei Ihnen bleiben?«
»Aber ja, wir haben gerade Pudding gekocht, den müssen wir unbedingt noch essen.«
»Essen ist gut – bei uns fällt das Abendessen nämlich unerwartet aus.«
»Ist denn was passiert?«, fragte Henriette Seidel besorgt.
»Sagen wir es mal so: In unserer Dosensuppe schwimmt etwas, das da nicht reingehört …«
»Tierisch oder menschlich?«
Miss Marple war ein Dreck gegen die weit über achtzigjährige Henriette Seidel, dachte Paula schmunzelnd. Ob das Zusammenwohnen mit zwei Kriminalbeamten wohl auf die Nachbarschaft abfärbte?
»Definitiv nicht tierisch.«
Interessiert sah die alte Dame sie an. »Ein neuer Fall?«
Paula wollte die traumhafte Vorstellung von ein paar entspannten Tagen in einem schönen Hotel noch nicht aufgeben. »Vielleicht auch nur ein Fall für das Gesundheitsamt. Wir werden sehen.«
Lotta kam mit fliegenden Füßchen angetrappelt, Othello folgte im gestreckten Galopp und mit flatternden Ohren.
»Mama, komm, Sokopudding is fertig!«
Othello bellte zur Bestätigung.
»Der Schokopudding ist noch viel zu heiß, meine Süße«, bremste Henriette Seidel Lottas Euphorie. »Wir essen erst einmal ein Brot mit leckerer Leberwurst und Baby-Gürkchen, danach gibt es den Pudding.«
Dankbar sah Paula ihre Nachbarin an. Für das Abendessen ihrer Tochter war also gesorgt.
Als das Hund-Kind-Gespann wieder im Wohnzimmer verschwunden war, verabschiedete sie sich schnell, ohne dass Lotta es mitbekam. Einen unnötig langen, tränenreichen Abschied wollte sie jetzt tunlichst vermeiden.
Ein Stockwerk tiefer wartete Matthias schon abmarschbereit auf sie. Der Topf mit seinem heißen Inhalt stand auf einem dicken Handtuch in einer Plastikwanne, die leeren Konservendosen und den Finger im Glas hatte er dazugepackt.
Als hätte er rohe Eier im Gepäck, trug er den Korb vor Paula her die Treppe hinunter und zum Auto. Wie auf rohen Eiern fuhr er mit der eventuell ermittlungsrelevanten Fracht im Kofferraum die knappen zwei Kilometer vom Westring in die Rechtsmedizin in der Bodelschwinghstraße, damit nichts überschwappen konnte. Zweimal wurde er hupend von deutlich älteren und sichtlich genervten Autofahrern überholt – etwas, das sonst in umgekehrten Rollen stattfand.
Das vorsichtige Fahren hatte sich jedoch ausgezahlt: Die Suppe war im Topf geblieben. Und sogar mit dem Parkplatz hatten sie Glück, sie mussten nur noch ein paar Schritte bis zum Eingang des Klinikums Landau-Südliche Weinstraße gehen. Wenig später standen sie in Dr. Andreas Knopps Reich im Keller, in den ›Katakomben des Grauens‹, wie er seine rechtsmedizinische Abteilung selbst nannte.
Knopp, also genau der, den sie suchten, kam ihnen nicht im obligatorischen grünen Laborkittel, sondern in normaler Straßenbekleidung auf dem Gang vor den Sektionsräumen entgegen.
»Leute, ich hab Feierabend!«, rief er nicht eben freundlich. Dann sah er den Topf. »Oder wollt ihr mich ausnahmsweise nicht mit einer Leiche, sondern mit was Leckerem überraschen?« Er hob den Deckel und schnupperte an dem Topfinhalt. »Grumbeersupp, lecker. Selbst gekocht?« Dabei sah er Paula an und zwinkerte ihr spitzbübisch zu. »Hat ihr geschätzter Kollege Keeser nicht immer rumgefrotzelt, Sie hätten es nicht so mit dem Kochen?«
»Nein, nicht selbst gekocht«, sagte Paula.
»Selbst gewärmt«, gestand Matthias.
»Aha …« Knopp schloss den Deckel wieder und sah die beiden ratlos an. »Und Sie kommen damit zu mir, weil …?«
Eine der Schwingtüren öffnete sich, und Tobias Kellermann kam lang und schlaksig, totenblass, als hätte er seit Wochen nicht geschlafen, und wie immer in einem viel zu weiten Kittel herausgeschlappt. Und ebenso wie immer standen seine schwarz gefärbten Haare wild verstrubbelt nach allen Seiten ab.
»Hab ich doch richtig gehört: Meine absolute Lieblingskommissarin besucht uns.« Auch er lüpfte interessiert den Topfdeckel. Augenblicklich begannen seine dunklen, mit schwarzem Kajal umrahmten Augen zu leuchten, die gepiercte Augenbraue hob sich erwartungsvoll. »Lecker, Kartoffelsuppe! Für uns?«
»Ja, für euch, aber nicht so, wie ihr denkt.« Paula nahm das Glas aus der Wanne und schraubte den rot-weiß-karierten Deckel ab. Den Inhalt hielt sie zuerst Knopp, dann Tobi unter die Nase.
»Ein Finger – endkrass! Ist der echt?«
Demonstrativ sah Knopp sich nach allen Seiten um. »Wollt ihr mich verarschen? Soll das ein schlechter und deutlich verfrühter Halloween-Scherz sein? Ist das etwa ›Versteckte Kamera‹? Wo ist Keeser? Hat der das etwa ausgeheckt?«
»Keine versteckte Kamera, kein Keeser – alles echt. Besser gesagt: Wir möchten von Ihnen feststellen lassen, ob das ein echter Finger ist, der da in der Dosensuppe rumschwamm.«
»Der schwamm in der Suppe rum? Cool. Warum passiert mir nie so was Megakrasses, sondern immer nur anderen?« Zumindest Tobi war begeistert.
Knopps Stirn war noch immer kritisch in Falten gelegt. »Keine Verarschung?«
»Nein, keine Verarschung – den hab ich aus unserem Abendessen gefischt«, beteuerte Paula.
»Da hätte ich einmal beinahe pünktlich Feierabend …« Er sah sich das Mitbringsel aus der Nähe an.
»Ich könnte ja …«, bot Tobi sich eifrig an.
»Nichts da, da lass ich doch nicht den Praktikanten ran.« Mit raschen Schritten ging er den Flur wieder zurück.
»Mann, Doc, ich hab jetzt acht Semester klinische Ausbildung hinter mir – ein bisschen was könnten Sie mir schon zutrauen«, rief Tobi ihm enttäuscht nach.
»Na, dann assistieren Sie mir – mal sehen, wie weit Sie mit der Untersuchung kommen«, kam Knopps Stimme aus dem Büro am Ende des Gangs.
»Yeah!«, jubelte Tobi, begleitet von einer geballten Faust gen Decke als Siegesgeste.
»Bereiten Sie schon mal Labor 1 vor«, wies Knopp ihn weiter an.
»Wird gemacht, Meister! Folgt mir unauffällig und geruchlos.« Mit einer theatralischen Geste, ihm zu folgen, setzte Tobi sich in Bewegung.
Im Labor 1 angekommen, schaltete er alle Lichter und den Rechner an und streifte dünne OP-Handschuhe über seine schmalen Hände.
Matthias stöhnte erleichtert auf, als er den Korb mit dem doch recht schweren Kochbehältnis endlich auf einem Arbeitstisch abstellen konnte.
Tobi holte den Topf aus dem Korb und brachte ihn zum Labortisch. Interessiert studierte er den noch immer dampfenden Inhalt. »Ich freu mich immer, wenn ihr kommt – mit euch ist es jedes Mal herrlich spannend«, sagte er zufrieden grinsend.
Gleich darauf eilte Andreas Knopp mit wehenden Kittelschößen herein. Er stellte das Glas mit dem Finger auf den gut ausgeleuchteten Tisch. »So, Herr Kellermann, dann legen Sie mal los: Was tun wir jetzt?«
»Wir schauen uns das Ding ganz genau an und stellen fest, ob es tatsächlich ein menschlicher Finger ist«, sagte er, ohne lange zu überlegen.
»Könnte er denn von einem anderen Lebewesen stammen?«, hakte Knopp nach.
»Na ja … von einem Affen vielleicht?«
»Korrekt. Dann sehen Sie es sich mal genauer an.«
Mit seinen langen Spinnenfingern griff Tobi nach einer großen Pinzette und angelte damit das vermeintliche Stück Wienerle aus dem Glas. Unter dem hellen Licht betrachtete er es eingehend von allen Seiten.
Paula und Matthias standen links und rechts von Knopp und Tobi und sahen gespannt zu.
»Nun, Herr Kellermann, die wichtigste Frage zuerst: Haben wir hier eine gut gemachte Attrappe oder ein echtes Fingerglied?«
Über einer Glasschale spülte Tobi die Suppenreste mit destilliertem Wasser aus einer Enghalsflasche mit Spritzverschluss vom zu untersuchenden Objekt ab. Dann legte er es auf eine kleine Edelstahlplatte und schob ein bewegliches, am Tisch befestigtes beleuchtetes Vergrößerungsglas zwischen das Fundstück und sein Gesicht. Mit der Pinzette stocherte er vorsichtig im Fingerinneren herum. »Ich sehe das Ende eines durchtrennten Blutgefäßes … das ist definitiv eine natürliche Gefäßwand, kein Kunststoffröhrchen oder so.« Er sah auf. »Ich bin sicher, dass das ein echtes Fingerglied ist. Aber das Fleisch um den Knochen sieht seltsam aus.«
»Es wurde ja mindestens einmal gekocht«, warf Paula ein.
Knopp nickte ihr bestätigend zu.
Tobi untersuchte die unerwünschte Suppeneinlage weiter. »Das Glied wurde sauber im distalen Interphalangealgelenk vom Rest des Fingers abgetrennt. Mit etwas sehr Scharfem, einer Axt zum Beispiel. Oder aber …« Mit weit aufgerissenen Augen sah er in die Runde. »Die Yakuza schneiden sich gern mal einen Finger ab«, steuerte er als weitere Alternative bei.
»Japanische Yakuza in der Südpfalz – ich bitte Sie, Herr Kellermann, kommen Sie mir nicht wieder mit solchen verschwurbelten Theorien«, ermahnte Knopp.
»Okay, es könnte auch ein stinklangweiliger Arbeitsunfall mit einem gut geschärften Kochmesser in einer Küche gewesen sein«, ruderte Tobi zurück. »Auf jeden Fall glaube ich, dass es das Glied eines menschlichen Fingers ist«, diagnostizierte er schließlich.
»Glauben Sie das, oder sind Sie sich sicher, Herr Kellermann? Wir betreiben hier angewandte Wissenschaft, da hat glauben nichts verloren.«
»Menschlich, Doc, definitiv. Die helle Haut, und ich erkenne Minutien und Papillarleisten auf der Fingerkuppe, also die typischen Merkmale eines menschlichen Fingerabdruckes.«
»Die haben alle Primaten, Herr Kellermann. Jeder Affe hat – genau wie der Mensch – unverwechselbare Fingerabdrücke. Koalas haben übrigens ebenfalls individuelle Abdrücke.«
Etwas verunsichert starrte Tobi auf den Finger. »Die Nägel«, sagte er schließlich zögernd. »Sie sind hell …« Unsicher sah er Knopp an.
»Und?«, bohrte der weiter. »Sehen Sie sich die Form mal genauer an.«
»Sie sind gefeilt?«
»Genau. Haben Affen gefeilte Nägel? – Wohl eher nicht. Auch auf solche Kleinigkeiten müssen wir bei unserer Arbeit immer achten. Generell verraten Hände nämlich sehr viel über einen Menschen. Hat er Schwielen, dann arbeitet er wahrscheinlich schwer. Hat er zarte Hände, dann ist er wohl eher der Bürohengst. Allein dieses kleine Stück Finger hat uns jetzt schon so viel über seinen Besitzer erzählt. Aber weiter, Herr Kellermann.«
»Ähm, weiter?«
»Ja, Herr Kellermann, weiter. Mann oder Frau?«
»Ich habe da einen Rest dunklen Nagellack entdeckt …«
»Heutzutage lackieren sich auch Männer die Nägel, vorneweg Sie selbst.«
Paula musste schmunzeln, sie hatte den schwarzen Lack auf seinen extrem kurzen Nägeln bemerkt, als er die Laborhandschuhe angezogen hatte.
»Das ist also kein Indiz für das Geschlecht des ehemaligen Besitzers beziehungsweise der ehemaligen Besitzerin dieses Fingerteils. Wie sieht es mit DNA aus?«
Tobi wiegte unschlüssig den Kopf. »Wenn der Finger tatsächlich gekocht wurde, heißt das, dass es zu Strangbrüchen in der Doppelhelix-Struktur gekommen sein könnte …«
»Und wie heißt das auf Deutsch?«, brummte Matthias.
»Dass die DNA zerstört worden sein könnte.«
»Ab welcher Temperatur wird DNA zerstört, Herr Kellermann?«
»Temperaturen von mehr als zweihundert Grad?«, antwortete Tobi mehr als Frage.
Inzwischen tat Paula der junge Praktikant richtig leid.
»Das ist korrekt. Und bei welchen Temperaturen wird Einkochgut sterilisiert?«
Hilflos hob Tobi die Schultern. Paula ebenfalls, als Knopps Blick bei ihr landete.
»Noch nie einen Einkochtopf benutzt? Auch nicht bei Oma oder Mama gesehen?«
Jetzt schüttelte auch Matthias bedauernd den Kopf.
»Hach, die Jugend von heute – nicht mal die selbstverständlichsten Dinge bekommt ihr mehr mit! Einkochtemperaturen liegen je nach Einkochgut zwischen siebzig und hundert Grad.«
»Das heißt, bei unserem Finger könnte die DNA noch erhalten sein?«, fragte Tobi hoffnungsvoll.
»Das kommt darauf an, bei welcher Temperatur und natürlich auch wie lang die Suppe schon vor dem Abfüllen in die Dosen gekocht wurde. Aber die Chancen stehen meiner Meinung nach recht gut. Nichtsdestotrotz werden Sie, Herr Kellermann, als Hausaufgabe mal eine Liste der möglichen Garmethoden inklusive der Gartemperaturen machen. Es werden zwar selten Menschen zu Tode gegrillt oder frittiert, aber es kann nicht schaden, wenn Sie das beherrschen.«
Tobi salutierte. »Aye, aye, Doc! Soll ich jetzt also einen ganz normalen DNA-Test machen?«
»Welche Möglichkeiten gibt es denn noch? Was macht man zum Beispiel bei Brandopfern, wo die Temperatur weit über zweihundert Grad betragen hat?«
»PCR-Methode?«
»Richtig, und genau die werden Sie jetzt durchführen.«
»Endkrass!« Tobis Augen funkelten unternehmungslustig.
»Was werden Sie also tun?«, bohrte Knopp unerbittlich weiter.
»Eine Probe aus dem Knochen extrahieren.«
»Alle Achtung, Herr Kellermann, da ist ja doch schon einiges bei Ihnen hängen geblieben«, lobte Andreas Knopp.
»PCR – da wird doch DNA vervielfältigt, stimmt’s?«, fragte Paula nach.
»In kürzester Kurzform – ja, Frau Stern.«
»Und das wird in etwa wie lang dauern?«
»Vier bis fünf Stunden bis zu einem Ergebnis.«
»Wir könnten in der Zwischenzeit versuchen, mit der Firmenleitung in Verbindung zu treten«, überlegte Paula.
»Und ich verständige das Veterinäramt. Die müssen dann auch entscheiden, ob der Laden ganz dichtgemacht werden muss oder nur eine Produktionsstraße.«
»Und du solltest Keeser benachrichtigen«, schlug Matthias vor. »Denn wie es aussieht, wird das alles länger dauern. Es ist gleich sieben – ich werde mich also demnächst ausklinken. Einer muss ja Lotta abholen und ins Bett bringen.«
»Wahrscheinlich hast du recht. Wenn sich der Finger in der Suppe nicht als ein normaler Arbeitsunfall herausstellen sollte, wird es definitiv nichts mit meinem ruhigen Feierabend.« Paula nahm ihr Handy aus der Jackentasche und fotografierte sowohl den Finger aus verschiedenen Positionen als auch die Vorderseite und die Herstellerdaten auf einer der Dosen. »Der Firmensitz ist in Impflingen. Impflingen … ist das der Ort, wo die Durchfahrt schon so lang gesperrt ist?«
»Nein, das ist Insheim. Aber Impflingen ist genau daneben – dort, wo seit ein paar Jahren diese lang gezogene Umgehungsstraße drum herum führt.«
»Wenn man von hier aus nach Bad Bergzabern fährt?«
»Genau. Dort ist Impflingen.«
Über WhatsApp rief sie Keeser an.
»Hast du schon wieder Sehnsucht nach mir?«, meldete er sich fröhlich.
Im Hintergrund hörte Paula es zischen. Laufender Wasserhahn oder Fleisch in der Pfanne, diagnostizierte sie.
»Von wegen Sehnsucht – eigentlich hatte ich mich auf ein paar Tage ohne dich gefreut.«
»Und warum rufst du dann an, liebste Kollegin?«
»Es könnte sein, dass wir einen neuen Fall haben …«
»Mensch, Paula, ich hab gerade unsere Steaks in die Pfanne geworfen!«, maulte er hörbar unterbegeistert. »Und jeden Moment ist Marianne da.«
»Tja, mein Lieber, wie sagst du gelegentlich so schön? Das Leben ist kein Wunschkonzert. Bei uns wurde das Abendessen auch gestrichen. Also hol die Steaks wieder aus der Pfanne, schalt den Herd aus und zieh dir wieder was an …«
»Ich hab was an!«, brummelte er grantig.
»Umso besser. Wir sehen uns dann in einer Viertelstunde bei mir.«
»Hey, stopp«, rief er, bevor sie das Gespräch beenden konnte. »Was liegt denn überhaupt an?«
»Wir hatten einen Finger in der Kartoffelsuppe, und wir zwei Hübschen müssen jetzt herausfinden, wem der gehört«, setzte Paula ihn ins Bild.
»Erstens, werte roig’schmeckdi Kollegin, heißt das Grumbeersupp. Und zweitens: Wie kommt ein Finger in ebendiese?«
»Auch das müssen wir herausfinden. Bis gleich!« Sie drückte ihn weg.
»Okay, läuft«, sagte sie, als sie das Handy wieder einsteckte.
»Was ist mit Sonne?«
Paula überlegte, schüttelte dann aber den Kopf. Ihren Chef, Kriminaloberrat Heribert Sonne, würde sie erst belästigen, wenn diese Sache wirklich ein Fall sein sollte.
»Ihr meldet euch bei mir, wenn ihr mehr wisst?«, fragte Paula im Hinausgehen.
»Wo soll ich die Leute vom Veterinäramt hinschicken?«, rief Knopp ihr nach.
»Impflingen, genaue Adresse steht auf der Dose«, antwortete Matthias an ihrer statt, denn sie war schon außer Hörweite.
Als Matthias mit Lotta die Treppe herunterkam – was derzeit sehr lange dauerte, da die kleine Dame jetzt immer allein rauf- oder runtergehen wollte –, klingelte Keeser.
Paula betätigte den automatischen Türöffner und nahm ihre schokoladenverschmierte Tochter in Empfang.
Schnaufend wie ein Dampfross kam Keeser die Stufen hoch.
»Bist du etwa den ganzen Weg hierher gerannt?«, frotzelte Paula.
»Haha, sehr witzig. Bei älteren Menschen geht Treppensteigen eben nicht mehr so leicht. Du wirst schon auch noch in das Alter kommen.«
»Käsa!«, rief Lotta begeistert, strahlte ihn an und zeigte mit einem ebenfalls schokoladigen Finger auf Keeser.
Mit knackenden Kniegelenken ging Keeser in die Hocke und kniff sie in eine ihrer verschmierten Pausbacken. »Hallo, kleines Fräulein. Was hast du denn Feines zu essen bekommen?«, fragte er das kleine Mädchen mit dem breiten Schokomund.
»Lebewurst und Sokopudding.«
»Hey, du bist doch eine echte kleine Pälzerin – das heißt nicht Leberwurst, sondern Lewwerworschd.«
»Lewwerworschd«, sprach Lotta ihm strahlend nach.
»So ist’s recht, klääne Pälzer Mädsche misse ach pälzisch babble.«
»Babblebabblebabble …«, wiederholte Lotta in Endlosschleife – das Wort gefiel ihr offenbar ganz besonders gut.
Ächzend richtete Keeser sich auf. »Ich sehe schon, das Sprachtalent ist da – aus der kleinen Kröte könnte also eine echt gute Pfälzerin werden. Mensch, Matthias, das ist dein Job, ihr die einzig wahre Sprache beizubringen.«
»Sorry, da bin ich raus – ich bin hochdeutsch aufgewachsen.«
»Ein Pälzer, der nicht pälzisch spricht, und eine roigeritschdi Unterfränkin, die des Pälzischen auch nicht mächtig ist – das sind denkbar ungünstige Voraussetzungen für so ein armes, unschuldiges Würmchen.«
»Das kann ja Onkel Keeser übernehmen.« Paula gab ihrer Kleinen einen Kuss auf die Stirn und schob sie in die Wohnung. »Ab in die Wanne, du Schokomonster.«
»Sokomonsta, Sokomonsta!« Kichernd rannte Lotta die kurze Diele entlang und bog gleich darauf rechts ins Bad ab.
»Tschüss, ihr zwei Süßen. Habt noch viel Spaß. Ich melde mich, sobald wir wissen, was Sache ist.« Zärtlich nahm sie Matthias in den Arm, der Kuss für ihn fiel nicht so kurz aus wie bei dem Schokomonster auf zwei kurzen Beinen.
Auf dem Weg nach unten erklärte Paula, was geschehen war. Bei Keesers altem roten Golf angekommen, machte sie halt, um ihm die Fotos von dem Finger zu zeigen.
Angeekelt verzog er das Gesicht. »Eine Firma aus der Region, sagtest du?«
Paula vergrößerte das letzte Bild von der Konservendose und las ihm vor: »›Suppenkönigin – 76831 Impflingen‹.« Sie wischte zum nächsten Foto. »Und vorne steht drauf: ›Echte Pälzer Grumbeersupp vegan –‹«
»Vegan?«, unterbrach Keeser sie mit ungläubigem Blick. »Eine echte Pälzer Grumbeersupp ist auf gar keinen Fall vegan! So ein Blödsinn.«
In Ermangelung einer Zentralverriegelung schloss er mit dem Schlüssel auf und öffnete, ganz Gentleman, die Beifahrertür für Paula.
Während er sich noch anschnallte und den Motor startete, googelte sie den Firmennamen und fand gleich darauf die Website.
»Hier hab ich’s: Suppenkönigin, Inhaberin Sabrina König. Herstellung von Pfälzer Suppen und Eintöpfen mit biologischen Zutaten aus der Region.«
»Na, hoffentlich ist das auch ein regionaler Finger«, spöttelte Keeser.
»Warum fährst du nicht los?«, wunderte sie sich, als sie vom Handy hochsah.
»Warum schnallst du dich nicht an?«, stellte er die Gegenfrage.
»Oh Mann, du nervst!« Hektisch zerrte sie am Gurt, der dabei natürlich zweimal einrastete. »Zufrieden?«, fragte sie, als sie es dann doch noch geschafft hatte.
Endlich löste er die Handbremse und gab Gas.
Langsam ließ er sich mit dem noch etwas zähen Abendverkehr durch den sogenannten Wienholt-Kreisel und auf der Weißenburger Straße am Vinzentius-Krankenhaus vorbeitreiben. Die Schranke am Bahnübergang bremste ihre Fahrt jedoch ab. Rechts von ihnen näherte sich die untergehende Sonne der Bergkette des Pfälzer Waldes.
Mit den herrlich langen Sommerabenden war es so gut wie vorbei. Paula seufzte leise und tippte die auf der Homepage angegebene Telefonnummer an – eine Festnetznummer, die der Kürze der Zahlenfolge nach zu urteilen schon sehr lange bestehen musste.
Es klingelte viermal, dann meldete sich eine jung klingende Frauenstimme: »Suppenkönigin – regionale Suppen und Eintöpfe aus der Manufaktur. Guten Tag, wie kann ich Ihnen helfen?«
»Hallo, mein Name ist Paula Stern, und mit wem spreche ich?«
»Sabrina König am Apparat. Frau Stern, was kann ich für Sie tun?«
»Sie sind die Chefin?«
»Ja, die bin ich. Worum geht es denn?«
»Sind Sie gerade in der Firma?«
»Ja, das bin ich, aber was wollen Sie denn?« Die Stimme der Frau war jetzt nicht mehr ganz so nett wie am Anfang.
»Das sage ich Ihnen, wenn wir in ein paar Minuten bei Ihnen sind. Bis gleich.« Ohne eine Antwort abzuwarten, beendete Paula das Gespräch.
»Du hast versäumt, dich als Polizeibeamtin zu erkennen zu geben«, stellte Keeser mit starrem Blick auf die rot-weiße Barriere vor ihnen fest.
»Was sie nicht weiß, macht sie noch nicht heiß.«
Gefühlt im Schneckentempo rollte jetzt ein Regionalzug vorbei, und wenig später schwang die Schranke nach oben.
»Meinst du, sie wäre geflohen, wenn du dich als Kommissarin geoutet hättest?«, feixte er.
»Wer weiß? Wenn sie absichtlich einen Menschen in ihrer Kartoffelsuppe …«
»Grumbeersupp, so viel Zeit muss sein!«
Paula verdrehte genervt die Augen. »Meinetwegen, dann eben in ihrer Grumbeersupp hat verschwinden lassen, hätte sie allen Grund dazu.«
Sie passierten die Abfahrt in Richtung Autobahn. Wenig später setzte Keeser den Blinker und nahm die Ausfahrt nach Impflingen.
»Adresse?«
Paula rief die Website noch einmal auf und scrollte sich bis zum Impressum durch. »Im Schafgarten, Hausnummer 12. Wenn du ein Navi hättest …«
»Hab ich aber nicht«, knurrte er. »So groß ist Impflingen ja nicht, wir werden es schon finden.«
Paula scrollte auf der Website zu dem Punkt »Kontakt und Anfahrt« runter, tippte auf die eingefügte Karte, und schon erschien der Stadtplan oder besser gesagt der Dorfplan von Impflingen auf ihrem Display.
»Erst mal geradeaus«, wies sie ihn an. »Und vorne bei der Kreuzung dann rechts.«
»Wo siehst du das denn?«
Sie hielt ihm das Handy in Augenhöhe hin und zeigte ihm die Karte. »Das ist ganz einfach. Wenn du dich nur ein bisschen mehr mit dem Internet und deinem Smartphone beschäftigen würdest, könntest du das auch. Mit Google Maps auf dem Handy kommst du auch ohne Auto-Navi überall hin, wo du hinwillst.«
»Ich brauch kein Google Dingsda, ich habe bisher alles gefunden, was ich finden wollte. Ich bin ohne Navi bis nach Schweden und wieder zurückgekommen – nur mit ganz analogen Straßenkarten.« Verschmitzt sah er sie von der Seite an. »Außerdem hab ich ja Marianne und dich, ich brauche also keine Maps oder Apps oder wie das alles heißt.«
Kurz vor einer breiten Hofeinfahrt auf der rechten Seite fuhr er nur noch Schritttempo. Nach einem kurzen Blick in den Hof und einem zufriedenen Lächeln beschleunigte er wieder. »Hab ich das vorhin richtig verstanden: Du hattest auch noch kein Abendessen?«
»Jetzt rechts, Im Schafgarten. Richtig: Abendessen fiel wegen Finger in der Suppe aus.«
Wie geheißen bog er ab. »Gut, dass du mich hast – ich bin nämlich dein Navi in kulinarischen Angelegenheiten. Wenn wir bei der Suppenkönigin fertig sind, gehen wir zwei ganz gepflegt essen.«
Am Ende der Straße hielt er den Wagen vor einem typischen historischen südpfälzischen Gehöft an. Durch das offene Hoftor konnten sie in einen schönen Innenhof mit altem Kopfsteinpflaster und einem gemauerten Brunnen sehen. Drei Gebäude mit Fachwerk rahmten den Hof ein – links ein größeres Wohngebäude, geradeaus eine gewaltige Scheune mit riesigem Holztor und rechts ein etwas niedrigeres Wirtschaftsgebäude.
»Nummer 12, das muss es sein. Und da soll eine Suppenfabrik drin sein?«
»Laut Website und Google Maps ja.« Erst jetzt entdeckte sie an der hohen Sandsteinmauer, die das Anwesen zur Straße hin vor neugierigen Blicken schützte, ein schwarzes Schild mit einer großen goldenen Krone, wie sie auch auf den Konservendosen abgebildet gewesen war. »Suppenkönigin, da steht’s auf dem Schild.«
Sie löste den Gurt und öffnete die Tür. Der Geruch von frisch gekochtem Essen lag in der spätabendlichen Luft. Der Geruch nach Suppe oder Eintopf. Etwas, das normalerweise appetitanregend gewirkt hätte, bewirkte bei ihr jetzt genau das Gegenteil.
»Boah, riecht das gut«, schwärmte Keeser, als er ausstieg. Genussvoll hielt er seinen Riechkolben in den Wind.
»Denk einfach an die unorthodoxe Suppeneinlage.«
»Das erinnert mich an Fritz Haarmann.«
»Fritz Haarmann? Sagt mir nichts.«
»Der Schlächter oder auch Kannibale von Hannover – der muss dir doch während deiner Ausbildung untergekommen sein?«
»Nein, da hab ich wohl gefehlt. Aber ich befürchte, jetzt kommt Keesers Geschichtsunterricht in drei Minuten.«
»Fritz Haarmann war ein umtriebiger Serienmörder zur Zeit der Weimarer Republik«, legte er gleich los. Er hielt aber noch einmal inne und sah sie forschend an. »Weimarer Republik, 1919 bis 1933, aber das weißt du natürlich noch aus der Schule.«
»Natürlich.«
»Vierundzwanzig junge Männer soll Haarmann ermordet haben. Unter dem Deckmantel der Hilfsbereitschaft hat er obdachlose Jugendliche mit zu sich nach Hause genommen. Der Bevölkerung ging es damals mehr als schlecht, und er hat sich mit dem Verkauf von Altkleidern und Dosenkonserven über Wasser gehalten. Bei den Altkleidern hat es sich nachweislich um die Bekleidung seiner Opfer gehandelt.«
Paulas Interesse an dieser Geschichte war nun doch geweckt. »Lass mich raten: Er hat seine Opfer zu Wurstwaren verarbeitet?«
»Was er allerdings bis zu seiner Hinrichtung 1925 vehement abgestritten hat.«
Sie betraten den Innenhof und sahen sich um. Die letzten Sonnenstrahlen eines sehr warmen Spätsommertages tauchten alles in ein mildes, gelbliches Licht.
Gleich rechts stand ein schwarzer Transporter mit dem goldenen Logo der »Suppenkönigin« auf den Seiten und, in der Mitte geteilt, auf den beiden Hecktüren. Und an der Wand neben der Tür des Wirtschaftsgebäudes, das im Unterschied zu den anderen Gebäuden wunderschön restauriert worden war, hing das gleiche Schild wie an der Straße.
Als sie auf den Seitentrakt zugingen, öffnete sich die Tür, die wie eine alte Eingangstür eines Tante-Emma-Ladens aussah. Eine junge Frau, Paula schätzte sie auf etwa fünfundzwanzig, trat in den Hof. Sie trug eine dunkelrote Kochjacke, auf die in Brusthöhe mit goldenem Garn das Suppenkönigin-Logo aufgestickt war. Ihre langen verfilzten Dreadlocks waren mit Henna gefärbt und zu einem überdimensionalen Dutt hochgesteckt. Überall in diesem verfilzten Haarknäuel spitzten bunte Perlen hervor. An einer ihrer Augenbrauen glänzte ein goldener Ring, und in ihrem linken Nasenflügel blitzte ein Nasenstecker im letzten Sonnenlicht.
Die könnte unserem Tobi gefallen, war Paulas erster Gedanke.
»Paula Stern«, stellte sie sich vor. »Wir haben gerade telefoniert. Und das ist mein Kollege Bernd Keeser.«
Mit vor der Brust verschränkten Armen stand die Frau vor ihnen und sah sie unter kritisch zusammengezogenen dichten Augenbrauen hervor argwöhnisch an. »Schon wieder eine Kontrolle? Da waren doch erst letzte Woche zwei da. Und alles war in bester Ordnung. Was soll das?« Ein Zungenpiercing klickte beim Sprechen an ihre Zähne.
»Wir sind zwar von einem Amt, aber nicht von dem, das Sie vermuten«, korrigierte Keeser und zog seinen Ausweis aus der Jacketttasche. »Wir sind von der Kripo.«
»Kripo? Soll das ein Witz sein? Was haben mir die lieben Nachbarn denn jetzt wieder angehängt? Ratten- oder besser noch Katzenfleisch im Gulasch? Wahrscheinlich wissen diese blöden Saumagen- und Leberknödelfresser nicht einmal, wie vegan und vegetarisch geschrieben wird, geschweige denn, was es bedeutet.« Sie fügte noch ein höhnisches Schnaufen an.
Die Nachbarn hatten sie also auf dem Kieker, schlussfolgerte Paula.
»Könnten wir mal bitte Ihre Hände sehen?«, fragte sie freundlich lächelnd und ohne auf die letzte Frage zu antworten.
»Meine Hände? Wieso meine Hände?« Sie löste den Armknoten vor ihrer Brust und streckte ihnen die Hände entgegen. »Ich habe keine Waffe, falls Sie das meinen. Und gewaschen sind sie auch, auch wenn die Blödiane von nebenan da was anderes behaupten.«
Paula war ein wenig enttäuscht, als sie zwei unverletzte Hände sah.
»Was behaupten die Blödiane von nebenan denn?« Väterlich sah Keeser die Frau in der Kochjacke an.
»Wenn Sie wegen deren blödsinnigen Anschuldigungen da sind, dann wissen Sie das doch«, blaffte sie unfreundlich.
»Deswegen sind wir nicht hier«, sagte Paula. »Würden Sie uns vielleicht erst einmal sagen, wer Sie sind?«
»Sabrina König«, sagte sie trotzig, zog die Hände wieder ein und verschränkte sie jetzt hinter dem Rücken. »Mir gehört der Laden hier. Können Sie mir jetzt endlich sagen, was das alles soll? Denn dass Sie meine Suppen für die Polizeikantine bestellen wollen, bezweifle ich.«
»Wir sollten besser reingehen«, schlug Keeser vor.
Ergeben hob Sabrina König die Arme. »Gut, warum nicht.« Sie machte kehrt, öffnete die Tür, wobei ein Glöckchen leise klingelte, und hielt sie für sie auf. »Dann mal rein in die gute Stube.«
Sie betraten einen nostalgisch eingerichteten Laden. Regale aus Holz und zwei antike Küchenbüfetts standen an den Wänden, in allen Fächern waren Konservendosen mit dem Kronen-Logo in kleiner und großer Ausführung gestapelt. Eine Holzkommode mit unzähligen Schubladen diente augenscheinlich als Verkaufstheke, die altmodische Kasse mit den Schiebern zum Einstellen des jeweiligen Betrages und der Kurbel an der Seite sprach dafür. Zwei große runde Naturholztische mit lauter verschiedenen alten und neuen Stühlen dominierten die Mitte des Raumes. Und in der Ecke stand ein weiß emaillierter Holzherd mit vier verschieden großen Klappen und einem weiß gestrichenen Ofenrohr, das in der Wand verschwand. Ein Herd, wie er vor etwa hundert Jahren noch in jeder Küche in Deutschland gestanden hatte. Mit zwei großen Töpfen darauf, die auch mehr nach Nachkriegsküche als nach modernem Haushalt aussahen. Auf diesem altehrwürdigen Teil wurde anscheinend noch gekocht wie zu Omas Zeiten. Der Geruch nach Essen war hier um einiges intensiver als draußen.
»Mittags gibt es hier Suppe und frisches Brot«, erklärte Sabrina König auf Paulas Blick zum Herd hin. »Und nein, der wird nicht mit Holz und Briketts befeuert, er ist auf elektrisch umgerüstet. Also, was verschafft mir das Vergnügen? Was will die Kripo von mir?«
»Wie viele Angestellte haben Sie?«, wollte Paula erst einmal wissen.
»Angestellte? Soll das ein Witz sein? – Ich bin allein hier. Eine Ein-Frau-Suppenküche, sozusagen. Zum letzten Mal: Was wollen Sie von mir?«
Paula nahm ihr Handy aus der Jackentasche. Als sie die Fotos mit dem abgetrennten Fingerglied gefunden hatte, reichte sie Sabrina König das Telefon.
»Das wurde in einer Ihrer Dosen gefunden – in der veganen Grumbeersupp, um genau zu sein. Wenn Sie nach links wischen, können Sie noch weitere Aufnahmen sehen.«
Fassungslos sah Sabrina König sich die Bilder an.
So gut konnte das nur eine versierte Schauspielerin vortäuschen, da war sich Paula sicher.
»Da will mir einer was anhängen«, war Sabrina Königs erste und sehr heftige Reaktion. »Dass der Finger in meiner Suppe war, kann schließlich jeder behaupten. Ist der überhaupt echt?«
»Der ist echt, das hat unser Rechtsmediziner gerade einwandfrei festgestellt. Und die, die behauptet, dieses Stück Finger in Ihrer Suppe gefunden zu haben, bin ich. Und mein Mann, der beim Aufwärmen dabei war.«
Sabrina König ließ sich mit einem Geräusch auf einen der Stühle sinken, das dem Luftablassen aus einem Gummi-Badetier nahekam.
»Ich bin ruiniert«, ächzte sie. »Die ganze Arbeit, die ganze Energie, die ich hier reingesteckt habe, die ganze Kohle – das war alles umsonst! Sie werden mir den Laden dichtmachen.«
Falls sich herausstellen sollte, dass du eine Mörderin bist, dann brauchst du dir um deinen Laden eh keine Sorgen machen, schickte Paula in Gedanken hinterher.
Keeser setzte sich Sabrina König gegenüber hin und sah sie eindringlich an. »Wie kann dieser Finger in Ihre Dose gekommen sein?«
»Ich habe keine Ahnung.« Erste Tränen liefen über ihre Wangen.
»Wer außer Ihnen hat noch Zugang zu den Produktionsräumen?«
»Außer mir niemand. Und Produktionsräume ist auch ein bisschen hochgegriffen. Kommen Sie mit, ich zeige es Ihnen.« Sie stand auf und umrundete die Theke, die dazumal vielleicht in einer Apotheke gestanden hatte.
Paula und Keeser folgten ihr durch die Tür und fanden sich in einem kleinen Raum wieder, der der Garderobe in einem Hallenbad sehr ähnlich war, nur in klein.
Aus einem Spind holte Sabrina König zwei graue Kittel, die Paula sofort an Hausmeister Krause aus dem Fernsehen erinnerten.
»Bitte anziehen«, wurden sie aufgefordert, woraufhin sie ihre Jacken gegen die Kittel tauschten.
Sie bekamen noch weiße Haarnetze und weiße Plastiküberzieher für die Schuhe, wie bei einer Tatortbegehung.
Vielleicht gar nicht so unpassend, dachte Paula insgeheim, denn womöglich war das hier ja tatsächlich ein Tatort.
»Alle Besucher bekommen das«, erklärte Sabrina König, während sie sich hygienisch verpackten.
»Besucher?« Keeser stülpte sich noch das Netz über seine unzügelbare Mähne, dann war er fertig.
»Ich biete Führungen durch mein kleines Reich an – wer weiß heutzutage schon noch, wie eine Konserve hergestellt wird?« Sie öffnete einen anderen Spind und holte einen niedlich aussehenden Kittel in Kleinformat heraus. »Ich bin auf Erwachsene und Kinder eingestellt. Ich denke, das ist auch für Kindergärten und Schulen interessant.«
»Seit wann gibt es Ihre ›Suppenkönigin‹?«
»Ich habe vor drei Wochen eröffnet. Bereit?« Die Königin wickelte sich ein großes weißes Tuch anstelle eines Haarnetzes um ihre üppige Haarpracht.
Als Paula und Keeser nickten, öffnete sie eine schwere hellgraue Eisentür, auf die mit schwungvollen Pinselstrichen »Suppenküche« gemalt worden war, und ging voran.
»Drei Wochen, und dann das«, raunte Keeser Paula zu. »Wenn sie keine Mörderin sein sollte, die ihr Opfer in der Suppe verschwinden lassen wollte, dann kann sie einem leidtun.«
Genau das hatte Paula auch gerade gedacht.
Sie betraten einen großen, bis zur hohen Decke hin weiß gefliesten Raum. Überall standen Geräte und Schränke aus dem Gastrobereich in glatt poliertem Edelstahl. An den Wänden über zwei großen Arbeitsplatten waren Magnetschienen angebracht, an denen sehr scharf aussehende Kochmesser und andere Kochwerkzeuge hingen. Paula war keine Fachfrau auf dem Gebiet der Großküchen, aber für sie sah das alles ausgesprochen professionell aus. Und sehr sauber. Hoffentlich nicht zu sauber, um noch irgendwelche Spuren eines eventuellen Gewaltverbrechens finden zu können.
»Noch produziere ich in kleinen Chargen: zwischen fünfzig und hundert Dosen – je nach Größe der Dosen – pro Sorte und derzeit zwei Sorten am Tag. Das kann ich allein geradeso bewältigen«, begann Sabrina König mit der Führung. »Das heißt, ich koche meine Suppen derzeit noch in diesen beiden Kippbrätern.« Sie ging zu einem von zwei gleich aussehenden Geräten und klappte dessen silberne Deckelplatte nach oben. Jetzt war der Blick frei auf einen rechteckigen Behälter, in dem offenbar eine Gemüsesuppe vor sich hin köchelte.
»Die muss ich jetzt nur noch etwas abbinden, dann wird sie per Hand in die Dosen abgefüllt.« Sie schloss den Deckel und deutete auf eine ganz normale Gastro-Spülmaschine. »Bis ich in größeren Mengen produziere, werden die Dosen und Deckel hier drin bei neunzig Grad gespült und damit sterilisiert.« Sie ging weiter. »Bevor aber alles im Bräter landet, müssen die Zutaten vorbereitet, sprich gewaschen, geputzt, geschält et cetera werden. Hier im Kutter« – sie zeigte auf die nächste Maschine in blitzendem Edelstahl – »wird alles auf die gewünschte Größe zerkleinert.«
Sie öffnete den Deckel und ließ die beiden hineinschauen.
Paula schauderte bei dem Blick auf zwei höllisch scharf aussehende gebogene Messer in dem blank geputzten runden Edelstahlbehälter, die beim Einschalten wohl um eine Mitte rotierten. Und sie kam zu dem Schluss, dass sehr schnell ein Stück Finger fehlen konnte, wenn man da bei laufender Maschine hineingriff. Und wenn man weiterdachte: Konnte man damit einen Menschen beziehungsweise seine Einzelteile zerkleinern?
»Könnte da …«, setzte sie an.
»Nein, könnte nicht«, unterbrach Sabrina König. »Niemand hält sich hier auf, wenn ich nicht da bin. Und wenn ich da gewesen wäre, als jemand den Finger verlor, hätte ich es ja wohl bemerkt, wenn einer geschrien und geblutet hätte. Oder glauben Sie im Ernst, dass das passieren kann, ohne dass jemand schreit und blutet?«
Nein, das glaubte Paula nicht. Bei einem Toten sähe das aber ganz anders aus …
»Könnten Sie grundsätzlich, und das auch nur rein hypothetisch, mit Ihrem Werkzeug jemanden … nun ja, zerteilen, dann durch den Kutter jagen und zu Suppe verarbeiten?«
Argwöhnisch sah die König sie an und kniff dabei die Lippen zu einem dünnen Strich zusammen. »Sie glauben also, ich hätte einen Menschen zerkleinert und dann eingedost?«
»Sagen Sie mir, ob der Gedanke so abwegig ist«, forderte Paula sie heraus.
»Abgesehen davon, dass ich gar nicht wüsste, wen ich so in ein paar Dosen verschwinden lassen sollte – aber grundsätzlich und genauso hypothetisch wie bei Ihnen: Ja, das wäre hier machbar. Wenn man mit einer elektrischen Knochensäge vorarbeitet. – Sie brauchen sich gar nicht so auffällig unauffällig umschauen, ich habe keine. Und es würde auf jeden Fall Reste geben – Oberschenkelknochen, Schädel – das bekommt man nicht so ohne Weiteres klein. Aber mal im Ernst: Halten Sie mich für so doof, dass ich – natürlich auch wieder rein hypothetisch – Leichenteile, also Fleisch, in meine vegane Kartoffelsuppe packen würde? Wäre das nicht eher kontraproduktiv?«
»Das wäre es wohl«, musste Paula zugeben.
»Können wir weitermachen?«
Paula nickte, Keeser auch.
»Sind die Dosen dann befüllt und gewogen, kommen die Deckel drauf«, fuhr König mit ihrem Vortrag fort, als wäre nichts gewesen. »Und hiermit …«, sie deutete auf ein Gerät mit einem langen Hebel, wie bei einem einarmigen Banditen oder einer Fruchtpresse, die man in Saftbars sieht, auf der Arbeitsplatte daneben, »… einer Dosenverschlussmaschine, werden die Deckel luftdicht mit der Dose verbunden.«
Paula trat näher heran, um zu überprüfen, ob es hier irgendwelche Verletzungsmöglichkeiten gab, die mit dem Verlust eines Fingerglieds einhergehen könnten. Die Maschine wirkte aber harmlos.
»Das Einzige, womit man sich bei diesem Arbeitsgang verletzen könnte, sind die Ränder der Dosen und die Kanten der Deckel.« Sabrina König schien ihre Gedanken gelesen zu haben. Sie drückte ihr beides in die Hand. »Durch das Umfalzen beim Verschließen verschwinden diese Kanten jedoch. Erst der Dosenöffner macht die Kanten wieder messerscharf.«
Vorsichtig fuhr Paula mit dem Daumen an allen Rändern entlang. Ein feiner Schnitt in der obersten Hautschicht war das Resultat. Dass das bei genügend Druck den Verlust eines Fingergliedes bewirken konnte, bezweifelte sie jedoch. Ganz abgesehen davon, dass wohl niemand so dumm war und mit seinem Finger weiter auf eine scharfe Kante drückte, wenn es schon wehtat und Blut floss. Sie legte beides auf die Arbeitsplatte.
»Sind die Dosen verschlossen, kommen sie in den Autoklav – das Sterilisationsgerät. Wie beim Einkochtopf im Haushalt stehen die Dosen hier im Wasserbad und werden je nach Inhalt auf siebzig bis hundert Grad erhitzt, um eventuelle Bakterien und Pilze abzutöten. Ist das geschehen, werden die Konserven im kalten Wasserbad schnell heruntergekühlt, um den Garprozess zu stoppen. Der Inhalt soll ja nicht zu Matsch werden – so weit alles verstanden?«
Paula nickte. »Und was sind das für Maschinen und Behälter da hinten?«
»Das ist die Ausstattung für richtig große Mengen. Zwei große Kessel für die Suppen und Eintöpfe, eine Taumelringpumpe, die die Suppen automatisch aus dem Kessel in die Dosen auf einem Fließband befördert. Auch der Rest läuft voll automatisiert ab. Ich habe die Anlage mehr als günstig bei einer Firmenauflösung ersteigern können. Aber das ist derzeit noch Zukunftsmusik. Jetzt muss ich erst einmal auf dem kleinen regionalen Markt Fuß fassen, bevor ich den Rest der Welt erobern kann. – Wenn Sie und dieser Finger, von dem ich nicht weiß, wie er in eine meiner Dosen gekommen ist, mir keinen Strich durch die Rechnung machen.«
»Warum ausgerechnet Suppen?«, wollte Keeser wissen.
