Rieslingtrüffel - Gina Greifenstein - E-Book

Rieslingtrüffel E-Book

Gina Greifenstein

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Beschreibung

Pfälzer morden süßer. Eine Tote auf einem Friedhof ist eigentlich nichts Besonderes – läge sie nicht auf einem Grab, frisch verstorben und das auf ganz und gar nicht natürliche Weise. Eindeutig ein Fall für das fränkisch-pfälzische Ermittler-Dreamteam Paula Stern und Bernd Keeser. Die Spur führt sie direkt in eine Konditorei, die pfalzweit für ihre Pralinen bekannt ist – ein besonders schwerer Fall für Keeser, wo er doch gerade von seiner höchstpersönlichen Staatsanwältin auf strenge Diät gesetzt wurde.

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Gina Greifenstein wuchs im unterfränkischen Würzburg auf, lebt und arbeitet aber seit vielen Jahren als freie Autorin in der Südpfalz. Aus ihrer Feder stammen zahlreiche Bestsellerkochbücher, aber auch Romane – »Der Traummann auf der Bettkante« (Piper) war 2008 für den DeLiA-Literaturpreis nominiert. Zuletzt erschienen ist die Pfalz-Krimi-Reihe um die junge Ermittlerin Paula Stern – vor der eigenen Haustür mordet es sich schließlich am besten.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

Im Anhang findet sich ein Glossar.

© 2018 Emons Verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Umschlagmotiv: mauritius images/imageBROKER/Kurt Möbus

Umschlaggestaltung: Nina Schäfer, nach einem Konzept von Leonardo Magrelli und Nina Schäfer

Umsetzung: Tobias Doetsch

Lektorat: Susann Säuberlich, Neubiberg

eBook-Erstellung: CPI books GmbH, Leck

ISBN 978-3-96041-364-6

Pfalz Krimi

Originalausgabe

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Kostenlos bestellen unter

www.emons-verlag.de

Für meinen lieben Papa,der meinen Werdegang als Autorin all die Jahre und vom ersten Buchstaben an voller Interesse und liebevoller Kritik begleitet hat und den ich nicht nur deswegen so sehr vermissen werde!

Miss Marple lebt!

Montag, 17. September

»Sag es ruhig, ich kann damit leben«, sagte Bernd Keeser mit missmutiger Miene und rieb gedankenverloren seine rechte Schulter.

»Was soll ich sagen?« Kriminaloberkommissarin Paula Stern betrachtete ihren Kollegen, der ihr am Schreibtisch gegenübersaß, kritisch. Zwar behauptete er steif und fest, dass er keine Schmerzen mehr habe, aber sie ertappte ihn doch immer wieder dabei, wie ihm bei manchen Bewegungen hörbar die Luft wegblieb und er sich an die Schulter griff, die ein paar Monate zuvor eine Kugel abbekommen hatte.

Paula musste unwillkürlich grinsen. Wenn Keeser jetzt ihre Gedanken hätte lesen können, hätte er sie bei der miesen Laune, die er momentan an den Tag legte, sofort verbessert. Natürlich wusste sie, dass es »Projektil« und nicht »Kugel« hieß. Schließlich ritt Keeser immer wieder auf der exakten Bezeichnung herum.

Paula wusste auch, dass der einen Meter dreiundneunzig große Kriminalhauptkommissar sich eher die Zunge abgebissen als zugegeben hätte, dass ihm etwas wehtat. Aus Angst, er würde noch länger dienstuntauglich geschrieben werden.

Die letzten vier Monate im Krankenstand hatten ihn fast in den Wahnsinn getrieben – Geduld war definitiv keine seiner hervorstechenden Tugenden, das hatte Paula schon oft genug miterleben müssen. Gerade in diesen vier Monaten hatte er nicht etwa sein arbeitsfreies Leben genossen wie »normale« krankgeschriebene Arbeitnehmer, sondern er war permanent gelangweilt und wie ein ausgehungerter Wolf im Präsidium herumgestrichen, hatte sich auf jeden hereinkommenden Fall gestürzt und sich in die Ermittlungen eingemischt. Was wiederum Paula beinahe in den Wahnsinn getrieben hätte. Sie fragte sich, wie es erst werden würde, wenn er in ein paar Jahren in den Ruhestand ging.

Sie fragte sich auch, warum Keeser trotz seines lang herbeigesehnten ersten Arbeitstages so schlecht gelaunt war.

»Hast du Schmerzen?«, erkundigte sie sich, denn das wäre für sie der einzig triftige Grund für seine miese Stimmung gewesen.

Sofort ließ Keeser die Hand sinken und sah Paula angriffslustig an. »Lenk nicht ab!«

»Ich lenke nicht ab, ich mache mir nur Sorgen um dich. Also: Hast du Schmerzen?«

»Wie geht’s Bazillus?«, fragte er, statt eine Antwort auf ihre Frage zu geben.

Reflexartig legte Paula eine Hand auf ihren Bauch, der zwar noch nicht die typische Schwangerschaftsrundung aufwies, sich aber doch langsam wölbte. Bazillus, wie Keeser den winzigen Untermieter in ihrer Gebärmutter nannte, war inzwischen ungefähr vierzehn Wochen alt. Seinen Spitznamen hatte der kleine Eindringling – ob ein Er oder eine Sie, war bisher noch nicht zu erkennen gewesen – dem Umstand zu verdanken, dass Paula zu Beginn ihrer Schwangerschaft gehofft hatte, sich nur einen Magen-Darm-Infekt eingefangen zu haben.

»Jetzt lenkst du ab, und das alles andere als geschickt, mein Lieber.«

Keeser machte eine wegwerfende Geste. »Quatsch, alles gut. Es zieht nur manchmal ein bisschen, halb so schlimm. Vielleicht liegt es ja am Wetter. Und jetzt spuck es schon aus.«

Paula sah durch das Fenster hinter Keeser in den strahlend blauen Spätsommerhimmel, über den nur ein paar vereinzelte weiße Wölkchen zogen. Ihres Wissens schmerzten Narben nur dann, wenn das Wetter schlecht war oder wenn ein Wetterwechsel bevorstand. Beides traf nicht zu, der Wetterbericht hatte für die ganze Woche milde Temperaturen und Sonnenschein vorausgesagt, keinen Regen. Wenn Keeser Schmerzen hatte, dann wohl eher, weil die Wunde einfach noch nicht gut genug verheilt und es eventuell noch zu früh für ihn war, wieder Dienst zu tun. Wahrscheinlich hatte er den Amtsarzt dahin gehend belogen. Vielleicht hatte er auch den Bericht gefälscht, das hätte Paula ihm zugetraut.

»Was soll ich ausspucken?« Sie tat beschäftigt, indem sie ein paar beschriebene Zettel ordentlich zusammenschob und ihre Stifte in Reih und Glied legte.

»Dass du lieber weiter mit dem jungen und knackigen Weber zusammenarbeiten würdest als mit mir. Gib es ruhig zu.«

Daher wehte der Wind – es war seine Krankheitsvertretung, die Keeser beunruhigte.

Paula lehnte sich lässig zurück und grinste ihn frech an. »Bist du etwa eifersüchtig? Herzallerliebster Bernd, du bist doch auch ziemlich knackig …«

Keeser musterte sie argwöhnisch.

Ach, dachte Paula, wir arbeiten schon viel zu lange zusammen – er kennt mich inzwischen so gut und weiß genau, dass er nichts Ernsthaftes zu hören bekommt.

»… es knackt doch bei jeder Bewegung bei dir«, beendete sie den Satz.

»Unverschämte Göre«, sagte Keeser, konnte aber ein Schmunzeln nicht verbergen. »Jetzt mal im Ernst: Würdest du lieber weiterhin Weber zum Partner haben anstatt mich alten Krauter? Ich könnte es verstehen …«

»Er hat sich von sich aus in seine Dienststelle zurückversetzen lassen«, unterbrach ihn Paula ruppiger als beabsichtigt. »Deine Frage ist also völlig unnötig.«

»Bist du sicher, dass er das wirklich wollte? Ihr habt doch gut zusammengepasst …«

»Beruflich vielleicht. Aber Weber ist und bleibt trotzdem ein Arsch!«

»Ach ja? Immerhin teilt ihr euch die Leidenschaft fürs Motorradfahren. Ehrlich gesagt dachte ich, ihr seid euch während eurer Zusammenarbeit ein bisschen nähergekommen.«

»Dann hast du wohl falsch gedacht. Und jetzt halt endlich die Klappe, sonst erschieße ich dich.«

Bevor Keeser etwas erwidern konnte, klopfte es an der Tür.

»Stör ich euch?«, erklang Marianne Renners Stimme hinter Paula.

Ob sie nur ihren Lebensgefährten Keeser besuchen wollte oder in ihrer Funktion als Staatsanwältin in den Räumen der Mordkommission unterwegs war, war Paula egal – sie war nur froh, dass das Thema Matthias Weber fürs Erste vom Tisch war.

Marianne Renner stöckelte in hohen schwarzen Pumps um Paula herum zu Keeser und küsste ihn zärtlich.

»Ich habe dir etwas mitgebracht«, gurrte sie und hielt ihm eine rechteckige grüne Vesperdose vor die Nase.

Dass sie Keeser mit einem Pausenbrot versorgte, war neu für Paula, aber sie fand es niedlich.

»Wir wollten eigentlich später essen gehen«, sagte Keeser mit einem hilfesuchenden Blick zu Paula.

Wollten wir das?, wunderte sie sich. Darüber hatten sie bisher kein Wort verloren. Außerdem war es gerade mal kurz vor zehn, wie ihr die Uhr an der Wand verriet – das war sogar für Keeser zu früh, um an Mittagessen zu denken.

»Das kannst du dir jetzt sparen«, sagte Marianne und klappte die Vesperdose auf. »Ich habe lauter feine Sachen für dich eingepackt.«

Paula erkannte von ihrem Platz aus ein Sammelsurium aus vitaminhaltigem Obst und Gemüse: jede Menge Salatgurkenscheiben mit Schale, mehrere Radieschen, geschälte und zu handlichen Stiften geschnittene Karotten sowie einen dunkelroten Apfel in zwei Hälften. Und über all dem schwebte das leidvoll verzogene Gesicht ihres Kollegen.

»Willst du mich umbringen?«, fragte Keeser matt und schloss den Deckel nachdrücklich.

»Ganz im Gegenteil, mein Süßer, ich will, dass du dich gesund ernährst und mir noch lang erhalten bleibst.« Marianne küsste ihn auf die Stirn, knöpfte ihre eng anliegende dunkelgraue Kostümjacke auf und setzte sich auf die Kante seines Schreibtisches. Dabei rutschte ihr Rock ein Stück hoch und gab den Blick frei auf zwei wohlgeformte Beine in Seidenstrümpfen, was Keesers Aufmerksamkeit sofort von der unerfreulichen Gemüsedose weglenkte.

»Aber ich bin auch dienstlich hier«, sagte Marianne. »Ich möchte, dass ihr gleich in die Rechtsmedizin rüberfahrt. Dort arbeitet Dr. Knopp an einer neunundachtzigjährigen Frau, die gestern Nachmittag auf dem Friedhof von Bad Bergzabern verstorben ist.«

Dann hatte sie es ja nicht weit, dachte Paula amüsiert. »Warum ist sie bei Knopp?«, fragte sie. »Bei ihrem hohen Alter könnte man doch von einem natürlichen Tod ausgehen.«

»Der Ansicht war auch der Notarzt, der den Totenschein ausgestellt hat. Er attestierte ein normales altersbedingtes Herzversagen.« Marianne öffnete die grüne Dose, schnappte sich ein Stück Gurke und knabberte daran.

Paula und Keeser sahen sie erwartungsvoll an, doch Marianne ließ sich Zeit.

Paula riss der Geduldsfaden. »Ja und?«

»Ihre beste Freundin hat bei der Polizei Zweifel an einem gewöhnlichen Dahinscheiden angemeldet«, erklärte Marianne. »Ihrer Meinung nach war ihre Freundin und Nachbarin kerngesund. Sie hält es für möglich, dass da nachgeholfen wurde. Tja, und deshalb liegt die alte Dame jetzt unter Dr. Knopps Messer.« Sie stand auf und rückte ihren Rock zurecht. »Wenn er etwas Verdächtiges finden sollte, haben wir einen neuen Fall. Haltet mich bitte auf dem Laufenden.«

Sie ergriff Keesers Kinn und hob sein Gesicht zu sich hoch. Nach einem ausgiebigen Kuss gab sie ihn frei und ging zur Tür. Dort drehte sie sich noch einmal zu ihm um.

»Und denk dran, Bernd: kein unnötiges Fett, keinen Zucker und keinen Alkohol«, sagte sie eindringlich und verließ mit klackernden Absätzen den Raum.

»Machst du Diät?«, fragte Paula ungläubig, nachdem sich Marianne weit genug entfernt hatte und die schwere Tür ins Schloss gefallen war. »Ausgerechnet du?«

»Was dagegen?«, schnaubte Keeser grantig und betrachtete unglücklich das gesunde Mitbringsel. Mit verächtlicher Miene schob er die Dose aus seinem Sichtfeld. »Marianne hat das verordnet.«

Jetzt wunderte sich Paula nicht mehr, dass er so schlecht drauf war. Keeser, um genauer zu sein: Genussesser Keeser und Diät, das passte einfach nicht zusammen.

»Hast du nicht immer behauptet, Marianne liebt jedes einzelne Gramm an deinem Luxuskörper?«

»Grundsätzlich schon, aber anscheinend nicht die paar Grämmchen, die in letzter Zeit frisch dazugekommen sind.«

Paula musterte ihn genauer. Keeser gehörte ihrer Meinung nach schon immer in die Kategorie »vollschlank, mit der Tendenz zu Übergewicht«. Dank seiner Größe wirkte er aber nicht im herkömmlichen Sinn dick, sondern eher … nun ja, gewaltig. Aber wenn sie ihn so betrachtete, dann hatte er in den letzten Wochen tatsächlich einiges an Masse zugelegt.

»Sind wohl ein paar Gramm sexuelle Schwungmasse zu viel geworden?«, bohrte sie nach. »Oder sprechen wir gar von Kilos?«

Keeser sah sie düster an, stemmte sich schwerfällig aus dem Schreibtischstuhl und angelte sein Jackett von der Stuhllehne. »Ist doch kein Wunder, wenn man wochenlang nur herumhockt! Nach ein paar Wochen im Dienst werde ich wieder schlank und rank sein«, kündigte er im Hinausgehen an.

Träum weiter, dachte Paula und stand ebenfalls auf. »Dann werde ich dich am besten ein bisschen scheuchen.« Ihr Blick fiel auf die grüne Box. »He, willst du deine gesunden Leckereien nicht mitnehmen?«

Keeser hielt abrupt inne, drehte sich um und warf ihr einen vernichtenden Blick zu.

Paula hob abwehrend die Hände. »Schon gut, schon gut, war ja nur ’ne Frage.« Sie schnappte sich ebenfalls ihre Jacke.

»Geigerlein, wir sind dann mal weg!«, rief sie ins Sekretariat, um sich abzumelden.

Martina Geiger sah von ihrer Arbeit auf und winkte ihr flüchtig zu. »Viel Spaß euch beiden.«

»Spaß in Knopps ›Katakomben des Grauens‹? Das wäre ja mal was völlig Neues«, sagte Paula und folgte Keeser nach draußen.

***

In der Rechtsmedizin empfing sie der ewig gleiche Geruch – eine Mischung aus Desinfektions- und Putzmitteln, die den süßlichen Hauch von Verwesung nicht ganz zu überdecken vermochte.

Paulas Magen rebellierte automatisch. Sie versuchte, so flach wie möglich zu atmen, auch wenn sie aus Erfahrung wusste, dass sich die Geruchsnerven, so unglaublich das auch war, in wenigen Minuten halbwegs an das fiese Aroma des Todes gewöhnen und der Würgreiz verschwinden würde.

Als Paula und Keeser gerade ihre Jacken an der Garderobe aufhängten, schwang eine der Sektionsraumtüren auf, und Andreas Knopp trat in voller Arbeitsmontur auf den Gang.

»Ah, da sind ja meine Lieblingsermittler, ich wollte euch gerade anrufen. Das nenne ich perfektes Timing.«

So fröhlich, wie er war, vermutete Paula, dass Knopp bei der Obduktion etwas Spannendes gefunden hatte. Denn dass er gerade an einer Leiche arbeitete, verrieten Gummischürze und Handschuhe, die allesamt blutverschmiert waren.

»Die alte Dame wartet schon auf euch. Schmeißt euch in eure Rüstungen und folgt mir in meine ›Katakomben des Grauens‹.« Sprach’s und verschwand wieder durch die Schwingtür.

Widerwillig zog sich Paula die duschhaubenähnlichen Plastiküberzieher über die Boots und schlüpfte in einen Einwegkittel. Bei Keeser dauerte es etwas länger, denn er hatte sowohl beim Bücken als auch beim Anziehen des Kittels Schwierigkeiten.

»Diese Dinger sind ja winzig«, maulte er. »Haben die ’ne kleinere Größe eingekauft?«

»Diese Dinger sind die gleichen wie immer und völlig in Ordnung, Bernd. Das Problem sind einzig und allein die Pfunde, die du derzeit zu viel auf den Rippen hast.«

»Fängst du jetzt auch noch an …«

»He, Kollege, mir ist völlig egal, wie viel Übergewicht du hast«, sagte Paula und sah ihn eindringlich an. »Aber du solltest dich mal schnaufen hören – da bekommt man es mit der Angst zu tun.«

»Ja, ja, ich weiß. Wie du vorhin mitbekommen hast, bin ich ja schon beim Abnehmen«, murrte Keeser und gab es endgültig auf, den Kittel im Nacken schließen zu wollen.

»Und seit wann?«

Keeser zog sich den Mundschutz über die untere Hälfte seines Gesichts, murmelte dabei etwas Unverständliches und marschierte knisternden Fußes auf die Tür zu, hinter der Andreas Knopp seiner Arbeit nachging.

»Was hast du gesagt?« Paula ging hinter ihm her. »Ich hab dich nicht verstanden.«

Keeser blieb in der geöffneten Tür stehen und sah sie scharf an. »Seit heute Morgen«, erwiderte er barsch und verschwand im Sektionsraum.

Paula folgte ihm. Ihr belustigtes Lachen erstarb auf ihren Lippen, als sie in eine Wolke aus übelsten Gerüchen eintauchte. Sie kannte dieses Gemisch nur zur gut. Da war das typische metallische Aroma von Blut – die säuerliche Note stammte zweifellos vom Inhalt eines Magens –, und über all dem lag der Gestank von Fäkalien in der Luft. Knopp hatte sich also schon mit den Innereien der Toten beschäftigt.

Paula kämpfte dagegen an, ihren eigenen Mageninhalt beizusteuern. Endlich hatte sie die morgendliche Schwangerschaftsübelkeit hinter sich gelassen, und dann das hier. Im Gegensatz zu Keeser, der sich schon neugierig und ohne jegliche Übelkeitsanwandlungen über den Sektionstisch beugte, würde sie sich niemals an diesen Geruch gewöhnen, da war sie sich sicher. Während sie neben Keeser trat, wünschte sie sich nicht zum ersten Mal, seinen unverwüstlichen Magen zu haben.

Unter dem grellen Licht der Arbeitslampe lag eine zierliche, höchstens einen Meter sechzig große weibliche Person. Zu Paulas Erleichterung war der Körper der Frau schon wieder mit der typischen wulstigen Naht, die alles andere als die Arbeit eines Schönheitschirurgen war, verschlossen worden. Sie verzichtete nur zu gern auf den Anblick des menschlichen Innenlebens.

Die Haut am Körper und im Gesicht der Leiche war extrem faltig. »Welk« war das Wort, das Paula spontan in den Sinn kam.

So sehen alte Frauen also nackt aus, dachte sie. In dreißig, nein, hoffentlich erst in vierzig oder noch mehr Jahren sehe ich auch so aus. Sie fand, dass das keine schönen Aussichten waren.

»Darf ich vorstellen: Vor euch liegt Elisabeth Lauer, neunundachtzig Jahre alt und seit heute Morgen mein Gast. Sie wurde aufgrund angemeldeter Zweifel an ihrem natürlichen Tod zu mir überwiesen«, begann Andreas Knopp seinen Bericht. »Mit der Leichenschau bin ich, wie ihr unschwer erkennen könnt, inzwischen fertig. Beim ersten Hinsehen ist alles normal. Die Diagnose des Notarztes auf altersbedingtes Herzversagen ist somit nachvollziehbar.«

»Dann ist sie also doch eines natürlichen Todes gestorben?« Paula war weder enttäuscht noch erfreut über diese Nachricht. Aber der Aufwand mit der Obduktion wäre in diesem Fall überflüssig gewesen.

Andreas Knopp sah sie über die goldenen Brillenränder hinweg verschmitzt an. »Das, meine liebe Frau Stern, hab ich nicht gesagt.«

»Genau, sonst hätte er uns gar nicht erst reingebeten, nicht wahr, Knoppi?«, sagte Keeser. »Aber sterben nicht alle Menschen letztendlich an Herzversagen? Egal, ob jemand von einem Projektil erschossen, von einem Messer erstochen oder von einem Stein erschlagen wird – am Ende stirbt er, weil sein Herz aufhört zu schlagen, oder?«

Andreas Knopp nickte ihm zu. »So betrachtet hast du natürlich recht. Unsere Aufgabe besteht folglich darin festzustellen, weshalb das Herz eines Toten zu schlagen aufgehört hat.«

»Und, können Sie uns sagen, warum dieses Herz stehen geblieben ist?«

»Selbstverständlich kann ich das, Fräulein Ungeduld. Aber logischerweise erst, wenn die Untersuchungen abgeschlossen sind. Und jetzt schön der Reihe nach: Elisabeth Lauers Herz ist in einem für ihr Alter optimalen Zustand. Keine Gerinnsel, kein abgestorbenes Gewebe, keine anderen Abnormitäten. Ich kann keinerlei Anzeichen auf zu hohen Blutdruck oder Kalkablagerungen erkennen. Lunge, Nieren, Leber – alles ebenfalls ohne Befund. Lasst euch am besten die Akten von ihrem Hausarzt geben, einem Dr. Bollinger in Bad Bergzabern. Vielleicht steht da ja etwas, das ich nicht gesehen habe.« Er griff nach dem Totenschein und reichte ihn an Paula weiter, damit sie die Adresse des Arztes abschreiben konnte.

Sie notierte sich bei dieser Gelegenheit gleich noch die Wohnadresse der Verstorbenen, bevor sie Knopp die Papiere zurückgab.

»Grundsätzlich wäre ich froh, wenn mein Inneres in diesem Alter noch so gut in Schuss wäre«, fuhr Knopp mit seinen Ausführungen fort. »Dann haben wir noch eine altersbedingte Osteoporose, auch nichts Außergewöhnliches.« Er hob eine der altersfleckigen, von einem langen arbeitsreichen Leben gezeichneten Hände. Mit seinem behandschuhten Zeigefinger deutete er auf die auffallend knubbeligen Gelenkknochen. »Die verkrümmten Finger sind die Folge einer fortgeschrittenen rheumatoiden Arthritis. Die Ärmste hatte dadurch wohl schon seit mehreren Jahren erhebliche Beschwerden. Ansonsten wirkt die alte Dame auf mich ausgesprochen fit, wenn auch leicht unterernährt, was aber bei alten Menschen keine Besonderheit ist.«

Knopp warf einen bedeutsamen Seitenblick auf Keesers stattlichen Bauch unter dem prall gespannten Kittel. »Worüber du dir offensichtlich keine Sorgen machen musst, Bernd. Sag mal, hast du zugenommen?«

»Geh du mir nicht auch noch auf die Nerven, Knopp!«

»Du hast also zugenommen. Und eher mehr als wenig, wenn man von der Passform des Kittels ausgeht. Mann, Bernd, du warst noch nie der Schlankeste, und ich bin ja auch kein Arzt für die Lebenden, aber wenn du mich fragst, solltest du schnellstens die Notbremse ziehen.«

»Ich frage dich aber nicht«, blaffte Keeser gereizt. »Und angehen tut dich das auch nichts. Also, wie ist es, können wir mit der Arbeit weitermachen?«

Andreas Knopp hob hilflos die Schultern. »Ich meine es nur gut mit dir.«

»Alte Bauernregel: Vor Menschen, die es angeblich nur gut mit einem meinen, soll man sich in Acht nehmen«, erwiderte Keeser.

»So was Blödes hab ich ja noch nie gehört. Das kann nur eine von deinen typischen Keeser-Regeln sein. Wenn du nicht aufpasst, liegst du eines Tages hier auf diesem Tisch, und ich schnipple an deinen Fettschichten rum.«

»Wie soll das denn bitte schön passieren? Um auf diesem Tisch zu landen, müsste mich ja zuerst jemand umbringen«, sagte Keeser mit spöttischem Unterton.

»Führe mich nicht in Versuchung, mein Freund.« Andreas Knopp sprach genau das aus, was Paula gerade dachte.

»Machst du jetzt bitte endlich weiter, Herr Dr. Knopp? Wir haben schließlich nicht den ganzen Tag Zeit für deine für den Fall nicht relevanten Ausführungen. Also, woran starb Elisabeth Lauer denn nun?«

Paula betrachtete die beiden Männer, die sich wie aufgeplusterte Kampfhähne am Seziertisch gegenüberstanden, und amüsierte sich bestens.

»Wenn ich die Herren kurz stören dürfte – haben wir hier nun einen neuen Fall?«, fragte sie vorsichtig in die negativ geladene Stimmung hinein.

Keeser und Knopp starrten sich noch ein paar Sekunden feindselig an. Andreas Knopp war der Erste, der zu einem normalen Ton und zu dem Grund ihres Zusammentreffens zurückfand.

»Elisabeth Lauer war zum Zeitpunkt ihres Todes wie gesagt leicht untergewichtig. Jedoch nicht dehydriert, was bei alten Menschen sehr häufig vorkommt und zum Beispiel zu Gedächtnisverlust, Kreislauf- und Gleichgewichtsstörungen führt. Das ist häufig der Grund dafür, dass alte Menschen immer wieder stürzen.«

Er drehte den Kopf der Toten zur Seite und zeigte auf eine kahl geschorene Stelle im schulterlangen weißen Haar. Eine bereits gereinigte Kopfwunde war dort zu sehen.

»Sie ist aber wohl trotzdem gestürzt«, schlussfolgerte Paula.

»Oder wurde sie niedergeschlagen?«, fragte Keeser.

»Nein, im Bericht des Notarztes steht, sie sei infolge einer Ohnmacht von einer Bank gekippt. Dabei hat sie sich vermutlich diese Kopfwunde zugezogen.«

»Dann ist das womöglich der Grund für ihren Tod? Ein Sturz mit Todesfolge und der Notarzt hat das übersehen?«, hakte Paula nach.

»Er hat das zwar definitiv übersehen, aber diese Verletzung hat ganz sicher nicht zu Elisabeth Lauers Tod geführt.« Knopp zeigte auf die Röntgenbilder, die im Negatoskop an der Wand steckten. »Die Aufnahmen sind ohne Befund, auch hier keine Gerinnsel oder Hinweise auf Prellungen, die ihren Tod verursacht haben könnten.«

»Wie konnte der Arzt das übersehen?«, fragte Keeser zweifelnd. »Ich dachte immer, Kopfwunden würden stark bluten.«

»Gut aufgepasst, Bernd. Dass der Notarzt die Kopfwunde nicht bemerkt hat, ist wahrscheinlich dem Umstand zuzuschreiben, dass Elisabeth Lauer bereits tot war, als sie von der Bank fiel, und nicht nur ohnmächtig. Wäre sie noch am Leben gewesen, hätte diese Wunde in der Tat ordentlich geblutet und wäre ganz sicher nicht übersehen worden.«

»Und was war es nun, was sie getötet hat?«, fragte Keeser ungeduldig. »Heute machst du es aber besonders spannend.«

»Ich sagte doch eingangs, alles der Reihe nach. Also: Ich habe euch gerade erzählt, dass es bis dahin nach einem altersbedingten Herzversagen aussieht.« Er machte eine dramatische Pause und sah dabei von Paula zu Keeser und wieder retour.

Die Gesichter der beiden zeigten, dass sie mal wieder keine Ahnung hatten, worauf er hinauswollte.

»Dagegen steht aber das, was der Notarzt im Totenschein als Begründung für seine Diagnose aufgeführt hat. Da schreibt er nämlich, die Verstorbene habe kurz vor ihrem Tod über Lähmungserscheinungen in Beinen und Armen, Atemnot und starke Leibschmerzen geklagt. Diese Symptome deuten eher auf einen Infarkt als auf einen einfachen Herzstillstand hin. Das Herz der Toten zeigt aber keinerlei Spuren eines derartigen Infarktes. Dagegen sprechen auch die Schmerzen in Armen und Beinen, die sie gehabt haben soll.«

»Du sprichst in Rätseln, Knopp«, sagte Keeser knurrig. »Komm doch endlich auf den Punkt.«

Andreas Knopp ging wortlos und in aller Seelenruhe hinüber zu seinem Arbeitstisch und kam mit einem durchsichtigen Plastikbehälter zurück. Eine flüssige Masse schwappte darin, die Paula an Milchkaffee erinnerte. Sie ahnte, worum es sich handelte.

»Das machte mich stutzig – und deshalb habe ich mir den Mageninhalt von Elisabeth Lauer genauer angesehen«, bestätigte Knopp Paulas Vermutung. »Sie hat einer ersten groben Einschätzung nach zuletzt irgendein Milchprodukt zu sich genommen – Quark oder Joghurt, Genaues weiß ich noch nicht. Und reichlich Schokolade. Alles etwa zwei Stunden vor ihrem Tod. Gewiss nichts Außergewöhnliches, aber etwas am Geruch hat mich gestört.« Er drehte den Deckel ab und hielt die Dose Paula und Keeser einladend entgegen. »Wollt ihr auch mal riechen?«

Beide zuckten angewidert zurück. Dennoch fand ein Hauch des Aromas der ekligen Flüssigkeit trotz Mundschutz den Weg in Paulas Nase.

Magensäure, erkannte sie, der typische Gestank von Erbrochenem. Aber halt, da war wirklich noch eine andere Note: ein Anflug von Schokolade, der jedoch gleich wieder vom scharfen Aroma der Säure überdeckt wurde. Mehr konnte Paula nicht herausriechen.

»Dann eben nicht«, brummelte Knopp enttäuscht und schnupperte selbst an der undefinierbaren Brühe. »Ja, da bin ich mir vollkommen sicher, das riecht nach etwas, das normalerweise weder in Milchprodukten noch in Schokolade vorkommt und auf gar keinen Fall in einen menschlichen Magen gehört.« Er verschloss die Dose wieder und stellte sie neben dem Kopf der toten Elisabeth Lauer ab.

»Und was riechst du da raus?«, drängelte Keeser.

»Bernd, ich bin zwar gut, aber nicht so gut. Ich habe eine Probe rüber ins Labor gegeben – in einer Stunde, höchstens in zwei, habe ich die Ergebnisse.«

»Was vermuten Sie denn?«, fragte Paula interessiert.

»Irgendetwas Toxisches. Die beschriebenen Symptome können zwar großzügig betrachtet sehr wohl einem Herzinfarkt zugeordnet werden, aber eben auch einer Vergiftung. Wisst ihr eigentlich, dass achtzig bis neunzig Prozent aller Giftmorde nicht entdeckt werden?«

Paula und Keeser schüttelten synchron den Kopf.

»Das dachte ich mir schon. Tja, seht mich einfach als einen unerschöpflichen Quell der Erleuchtung. Es gibt verschiedene Toxine, die Herzrhythmusstörungen hervorrufen und im weiteren Verlauf zum Herzstillstand führen können. Einige besonders giftige Stoffe kommen erschreckenderweise in harmlos aussehenden Zimmer- und Gartenpflanzen vor, was die meisten Menschen gar nicht wissen. Im so ungefährlich wirkenden Alpenveilchen zum Beispiel oder im allseits beliebten Weihnachtsstern. Ich melde mich bei euch, sobald ich weiß, womit wir es zu tun haben.«

***

»Der Genuss von Schokolade kann also tödlich sein«, sagte Paula, als sie wieder im Auto saßen. Freundschaftlich boxte sie Keeser auf den Oberarm – nicht zu fest, da dies seine verletzte Seite war. »Vielleicht hilft dir das, in nächster Zeit darauf zu verzichten?«

Keeser schnallte sich an und bedachte sie mit einem beleidigten Blick. »Sehr witzig.«

»Das war nicht als Witz gedacht. Wenn ich’s recht bedenke …«, Paula kicherte, »… dann solltest du den Fall besser abgeben … wegen Befangenheit sozusagen.«

»Befangenheit? Was soll der Quatsch, ich bin doch nicht bef…« Jetzt kapierte Keeser, was Paula meinte. »Du freches Stück!«

»Wieso frech? Du hast nun mal eine auffallend innige Beziehung zu Schokolade und somit zu einem unserer vermeintlichen Mordinstrumente.«

»Haha, ich lach mich tot.« Keeser dachte kurz nach und fügte dann mit spitzbübischem Lächeln hinzu: »Dann sollte ich wohl besser auch keine diätunterstützenden Milchprodukte zu mir nehmen, denn auch die könnten gefährlich für meine Gesundheit sein. Ach was, die sind sogar definitiv nicht gut für meine Gesundheit! Aber ich kann dir genau sagen, was jetzt gut für meinen Körper wäre …« Er warf einen kurzen Blick auf die Uhr am Armaturenbrett. »Ein kleines Rumpsteak mit Bratkartoffeln oder ein paar Scheibchen Saumagen mit Sauerkraut. Letzteres ist zudem ungemein gesund für Magen und Darm, hab ich mal gehört.«

»Was du nicht sagst«, bemerkte Paula spöttisch.

»Doch, doch, im Ernst. Hast du etwa keinen Hunger?«

»Kurz nachdem mir der Mageninhalt eines anderen Menschen unter die Nase gehalten wurde? Ganz gewiss nicht!«

»Schade«, sagte Keeser kapitulierend. »Wie stellst du dir dann unser weiteres Vorgehen vor?«

Paula holte ihr Handy aus der Lederjacke. »Zuerst sag ich Marianne Bescheid, dass hier mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Tötungsdelikt vorliegt.«

Sie suchte den eingespeicherten Kontakt heraus und lauschte dem Klingeln am anderen Ende der Leitung. Als sich die Staatsanwältin meldete, berichtete sie ihr kurz von dem Besuch in der Rechtsmedizin und Knopps Verdacht auf eine Vergiftung. Sie ließ sich Namen und Adresse der Freundin geben, die nicht an den natürlichen Tod von Elisabeth Lauer geglaubt hatte. Die beiden wohnten direkt nebeneinander, stellte Paula fest, als sie die Adressen verglich.

»Nein, keine Sorge«, sagte sie abschließend und schielte bedeutsam zu Keeser hinüber. »Ich pass auf ihn auf, versprochen.«

»Auf wen passt du auf? Etwa auf mich? Dass ich nichts esse?«, fragte Keeser empört.

»Dass du nichts Falsches isst.«

Keeser startete wortlos den Motor und fuhr los, während Paula das Navigationssystem ihres Dienstwagens mit einer Adresse in Bad Bergzabern fütterte.

Nach halber Strecke, die sie eisern schweigend zurückgelegt hatten, spürte Paula plötzlich eine Bewegung in ihrem Unterleib. Instinktiv legte sie beide Hände auf den kaum sichtbaren Babybauch und sog hörbar die Luft ein.

Keeser sah sie aus erschrocken geweiteten Augen an. »Was ist los? Hast du Schmerzen? Ist was mit Bazillus? Hast du etwa Wehen?«, rief er panisch. »Soll ich ins nächste Krankenhaus fahren? Oh Gott, Paula, sag doch was!«

»Würde ich ja, wenn ich zu Wort käme. Es ist alles gut, Onkel Keeser, es hat sich bloß bewegt. Ich hab es nur das erste Mal so richtig gespürt.«

»Mann, du hast mir vielleicht einen Schreck eingejagt.« Keeser entspannte sich wieder. »Wann hast du den nächsten Termin beim Frauenarzt?«

»Morgen um elf. Ich hab leider keinen Termin außerhalb der Dienstzeit bekommen.«

»Erfährst du dann endlich, was es wird?«

»Eventuell, kommt drauf an, wie Bazillus liegt.«

»Willst du es denn wissen?«

Diese Frage stellte sich Paula schon, seit sie wusste, dass sie schwanger ist.

»Ich glaube schon«, gab sie jetzt Keeser und somit sich selbst zur Antwort. »Ja, ich will es wissen. Ich will wissen, mit wem ich es zu tun habe. Dann wird auch die Suche nach einem Namen leichter.«

»Hast du schon ein paar Favoriten?«

»Negativ. Aber was hältst du von Fridolin, wenn es ein Junge wird?«

»Bist du verrückt? Das kannst du dem Kleinen auf gar keinen Fall antun«, sagte Keeser ehrlich entsetzt.

Paula wusste, dass seine Mutter ihm das einst angetan hatte: Bernd Fridolin Keeser, das war sein voller Name. Den Fridolin versteckte er aber geschickt hinter einem F. – nur die wenigsten kannten sein kleines Geheimnis.

»Ach, du verarschst mich mal wieder«, stellte er fest, als er ihre listig funkelnden Augen sah.

Inzwischen hatten sie Bad Bergzabern erreicht und folgten den Anweisungen des Navis bis in die Zeppelinstraße. Keeser parkte den Wagen vor einem Einfamilienhaus Marke »Wirtschaftswunder«, in dem Paulas Notizen zufolge Helma Gensheimer, die Freundin der verstorbenen Elisabeth Lauer, wohnte.

Ein gut gepflegter Vorgarten lud zum Betreten des Grundstücks ein. Der Garten nebenan, der von Elisabeth Lauer, wirkte dagegen recht verwahrlost. Eine Pflanze mit wunderschönen blauen Blüten hatte die Herrschaft über alles übernommen.

Kein Wunder, dachte Paula, die alte Dame war immerhin neunundachtzig Jahre alt. Vielleicht hatte sie ja keine Kinder oder Enkelkinder, die ihr halfen. Oder ihr fehlte das nötige Kleingeld, um einen Gärtner zu bezahlen.

»Hübsche Wohngegend«, stellte Keeser beim Aussteigen fest. »Schön ruhig, abseits von der Durchgangsstraße.«

»Und abends um acht Uhr werden die Gehsteige hochgeklappt«, sagte Paula und deutete ein Gähnen an.

»Was ist daran bitte schön schlecht? Komm erst mal in mein Alter, dann bist du froh, wenn du nach der Arbeit deine wohlverdiente Ruhe hast. Ein bisschen Gartenarbeit noch, ein schönes Glas Wein auf der Terrasse – mehr braucht man nicht zum Glücklichsein.«

Keeser blieb stehen und bewunderte eine Reihe von beinahe zwei Meter hohen Pflanzen mit großen weißen Blüten, die in einem schmalen Beet links vom Eingang an der Hauswand standen. »Weiße gefüllte Stockrosen, wie schön. Die überleben bei mir leider nicht. Ich hab es schon ein paarmal versucht, verschiedene Sorten, sie sind aber nie was geworden. Vielleicht war es ja der falsche Standort.« Mit einer Bewegung, die wohl galant sein sollte, öffnete er für Paula das niedrige Türchen im Jägerzaun.

Paula zuckte mit den Schultern. Bei diesem Thema konnte sie ihm nicht weiterhelfen, denn von Pflanzen verstand sie genau so viel wie von Fußball, nämlich gar nichts.

Sie betraten den mit Waschbetonplatten belegten Weg, der zur Haustür führte. Paula dachte an Keesers Fachwerkhäuschen und an seinen wildromantischen Garten in Gleiszellen. »Hattest du nicht genau das in den letzten Wochen? Über drei Monate konntest du das Rentnerdasein testen. Soweit ich mich erinnere, hat dich das aber auch nicht besonders glücklich gemacht.«

»Das war doch was ganz anderes, da war ich krank. Mit einer Hand kann man nun mal keine Gartenarbeit machen. Mit einer Hand kann man irgendwie gar nichts machen.«

»Zum Glück kann man aber zumindest das Schoppenglas mit einer Hand halten.«

Keeser widersprach ihr ausnahmsweise nicht.

»Was sagt denn deine ganz persönliche Staatsanwältin zu diesem äußerst langweiligen Zukunftsszenario?«, frotzelte Paula. »Die ist ja wohl auch noch zu jung für ein Leben zwischen selbst gezogenen Tomaten und akkurat getrimmtem Zierrasen.«

Sie standen jetzt unter einer kleinen Glasüberdachung, und Keeser drückte auf den Klingelknopf. Das altgediente Läuten von Big Ben erklang höllisch laut hinter der alten Holztür mit dem kleinen Fensterausschnitt in Kopfhöhe – genauer gesagt, in Paulas Kopfhöhe. Keeser hätte sich bücken müssen, um hindurchsehen zu können. Allerdings versperrte ihr ein dünner weißer Vorhang die Sicht. Alles, was sie von der Wohnung dahinter erkennen konnte, war ein heller Türausschnitt gegenüber, in dem sich jetzt ein Schatten bewegte.

»Wer ist da?«, fragte eine Frauenstimme.

»Kriminalpolizei Landau. Frau Gensheimer? Wir möchten mit Ihnen sprechen«, antwortete Keeser.

Nichts tat sich.

»Polizei? Das kann jeder behaupten«, sagte die Frau hinter der Tür.

»Sie haben gestern bei der Polizei angerufen und die Vermutung geäußert, dass Ihre Freundin eventuell keines natürlichen Todes gestorben ist«, sagte Paula in der Hoffnung, Helma Gensheimer von ihrer Identität überzeugen zu können.

Doch die Tür öffnete sich noch immer nicht. Was kam, war eine Frage: »Und wie heißt diese Freundin?«

Keeser sah Paula ungläubig an. Die Alte spinnt ja wohl, sagte dieser Gesichtsausdruck.

Helma Gensheimer schien ein Fan von Spionagefilmen zu sein, in denen geheime Losungen und Codewörter zum Tagesgeschäft gehörten.

Paula spielte mit: »Elisabeth Lauer. Sie ist gestern hier in Bad Bergzabern auf dem Friedhof gestorben.«

Eine Weile tat sich nichts, dann drehte sich ein Schlüssel zweimal im Schloss, und die Tür schwang nach innen auf.

Vor ihnen stand ein kleines, zerbrechlich wirkendes Persönchen, das sich auf einen Rollator stützte und sie durch dicke Brillengläser neugierig musterte. Um Keeser in die Augen sehen zu können, musste sie den Kopf in den Nacken legen.

»Ihre Dienstausweise bitte, meine Herrschaften«, forderte Helma Gensheimer in geschäftsmäßigem Ton.

Paula und Keeser hielten ihr die Ausweise hin. Nachdem sie diese sorgfältig studiert hatte, durften die Ermittler endlich ins Haus.

Sie folgten Helma Gensheimer, die vor ihnen her ins Wohnzimmer hinkte. Sie trug eine lila geblümte Kittelschürze.

So was gibt es noch?, wunderte sich Paula. Eines wusste sie jedoch ganz genau: Nie im Leben würde sie so ein Ding anziehen!

Durch eine geöffnete doppelflügelige Terrassentür konnten sie in einen liebevoll gepflegten Garten sehen. Beete voller blühender Stauden säumten links und rechts die Grundstücksränder, dazwischen stand – mitten in einem frisch gemähten Rasen – ein riesiger Walnussbaum, der großzügig Schatten spendete. Er hing über und über voll mit grünen Früchten, aus denen sich in wenigen Wochen reife Walnüsse herausschälen würden.

»Die Kripo also«, sagte Helma Gensheimer, nachdem Paula und Keeser auf einem zierlichen Biedermeiersofa Platz genommen hatten. »Lassen Sie mich raten: Ich hatte recht, Lissi ist nicht einfach so gestorben, stimmt’s?« Sie machte ein wichtiges Gesicht und steckte eine hellgraue Strähne in ihren Dutt zurück.

»Das wird gerade noch überprüft«, sagte Keeser.

Hinter jedem Ohr von Helma Gensheimer steckte ein Hörgerät. Das erklärte die extrem laute Türklingel. Ihre Augen waren hinsichtlich der Glasbaustein-Brille auch nicht mehr die besten.

Und das ist unsere Zeugin Nummer eins?, dachte Paula zweifelnd.

Zum Glück schien Helma Gensheimer aber geistig auf der Höhe zu sein und viel zu lesen. Paula ließ ihren Blick über zwei deckenhohe Regalwände voll mit Taschenbüchern gleiten. In Reih und Glied standen da die Gesamtausgaben von Agatha Christie und Edgar Wallace.

Dass sie zweifellos im Hause eines Krimifans gelandet waren, konnte Paula an den Autorennamen auf den unzähligen Buchrücken ablesen, die für einschlägige Krimiliteratur standen und von denen sie selbst auch das eine oder andere Buch besaß: Wolfgang Burger, Sebastian Fitzek, Martha Grimes, Henning Mankell, Ingrid Noll, Georges Simenon, Minette Walters … alle fein säuberlich nach dem Alphabet geordnet.

Auf dem Couchtisch zwischen ihnen lag »Todesfrist«, ein Psychothriller von Andreas Gruber, einem österreichischen Autor. Paula hatte diesen Roman gerade fertig gelesen und wunderte sich, dass sich Helma Gensheimer für derart blutige Lektüre interessierte.

Helma Gensheimer lächelte pfiffig. »Dann nehmen Sie immerhin meine Zweifel ernst. Und die Tatsache, dass zwei Kripobeamte auf meiner Couch sitzen, lässt mich vermuten, dass es Anhaltspunkte gibt, dass Lissi ermordet wurde.« Sie verschränkte ihre Arme vor der Brust und sah die beiden herausfordernd an.

Paula und Keeser schwiegen.

»Sie müssen gar nicht darauf antworten«, sagte Helma Gensheimer. »Ich weiß schon, Sie dürfen über laufende Ermittlungen nichts verraten. Sie sehen, ich kenne mich aus.«

Paula hätte am liebsten lauthals gelacht, so drollig fand sie die kleine resolute Dame.

»Ganz genau so ist es«, sagte sie bemüht ernst. »Sie sind wohl Spross einer Polizistenfamilie?«

Helma Gensheimer winkte ab. »Ach woher, ich sehe nur regelmäßig den ›Tatort‹ und lese alles, wo Krimi draufsteht. Da lernt man doch automatisch, wie die Polizei arbeitet.«

Keeser hüstelte neben Paula. Aber er ließ Helma Gensheimer die Illusion, dass das, was man in einem »Tatort« zu sehen bekam, der realen Polizeiarbeit entsprach, und sagte nichts dazu.

Auch Paula ließ es dabei bewenden. »Dann müssen wir Ihnen ja nichts erklären. Aber wir sind leider nicht zum Spaß hier. Wir möchten nämlich wissen, wieso Sie so überzeugt davon sind, dass der Tod Ihrer Nachbarin kein natürlicher war.«

Helma Gensheimer lachte amüsiert auf. »Wie Sie um den heißen Brei herumreden! Sie können das Kind ruhig beim Namen nennen: Elisabeth wurde ermordet. Da bin ich mir ganz sicher.«

»Und Sie sind sich da so sicher, weil …?« Keeser sah sie abwartend an.

»Weil Lissi kerngesund war, deshalb. Sie war zwar sechs Jahre älter als ich, aber sie war topfit. Die lief wie ein junges Fohlen neben meinem Rollator her, das können Sie mir glauben.«

Das mit dem Fohlen bezweifelte Paula dann doch.

»Sie brauchte keinen Rollator, nicht mal einen Stock«, fuhr Helma Gensheimer fort. »Wenn ich morgens meine ganzen Medikamente genommen habe, bin ich fast schon satt – Lissi hingegen schluckte nur ab und zu was gegen ihre Arthritis, wenn sie einen ihrer Schmerzschübe hatte. Ansonsten nichts. In ihrem Alter ist das wie ein Wunder. Außerdem hatte sie erst letzte Woche ihren Gesundheitscheck bei Erwin, also bei Dr. Bollinger, ihrem Hausarzt – da war alles bestens. Und jetzt kommen Sie!«

»Wann haben Sie Elisabeth Lauer zuletzt gesehen oder gesprochen?«, fragte Paula.

»Soll das ein Witz sein?« Helma Gensheimers wasserblaue Augen wurden hinter den dicken Brillengläsern zu schmalen Schlitzen.

Paula warf Keeser einen hilflosen Blick zu. Hatte sie etwas Falsches gesagt?

»Ich war doch mit ihr auf dem Friedhof, als sie umkippte. Ich habe mich um den Notarzt gekümmert. Das muss doch in Ihrem Bericht stehen.« Helma Gensheimer sah Paula und Keeser vorwurfsvoll an.

»Es gibt diesbezüglich keinen Bericht«, sagte Paula zu ihrer Verteidigung, »weil zu diesem Zeitpunkt noch keine Polizei involviert war.«

Möglicherweise hatte der Notarzt das notiert, aber darum hatten sich Paula und Keeser bisher nicht gekümmert. Noch stand ja auch nicht fest, dass Elisabeth Lauer tatsächlich ermordet wurde.

Helma Gensheimer schob ihre Brille mit dem Zeigefinger ein Stück ihre spitze Nase hinauf und betrachtete die beiden Kriminalbeamten skeptisch. »Na, jetzt wissen Sie es ja. Als Nächstes wollen Sie bestimmt von mir hören, wen ich verdächtige.«

Das war es zwar nicht, was Paula hatte fragen wollen, sie hätte lieber erfahren, was sich auf dem Friedhof abgespielt hatte. Aber sie nickte Helma Gensheimer aufmunternd zu.

Diese rutschte auf die vorderste Kante ihres Sessels.

»Da wäre an erster Stelle ihr Sohn Bernhard«, flüsterte sie, als befürchtete sie, jemand außerhalb dieses Raumes könnte ihre Worte hören. »Besser gesagt seine Frau. Seine zweite Frau, um genau zu sein. Die erste, Monika, ist ja an Krebs gestorben. Diese Natalia wollte Elisabeth unbedingt ins ›Pro Seniore‹ stecken. Das ist das Altersheim in der Steinfelder Straße.« Sie schnaubte abfällig. »Die nennen das zwar ganz vornehm ›Residenz‹, aber es ist einfach nur ein Aufbewahrungsort für alte Leute. Lissi hat mir erst letzte Woche erzählt, dass Bernhard mit der Anmeldung bei ihr gewesen ist. Stellen Sie sich das mal vor! Gegen ihren Willen wollte er sie in einen Altenknast stecken!«

Helma Gensheimer rutschte wieder nach hinten und verschränkte die Arme vor der kittelbeschürzten Brust. Was sagt ihr dazu?, sagte ihr Gesichtsausdruck.

Paula hatte sich nie zuvor Gedanken darüber gemacht, was alte Menschen von Altersheimen dachten. Bisher war sie der Auffassung gewesen, dass ein Seniorenheim einfach nur eine logische und ganz selbstverständliche Konsequenz des Älterwerdens war, weil alte, oft gebrechliche Leute dort nun mal am besten aufgehoben waren. Sie war stets davon ausgegangen, dass sich die Senioren dessen bewusst sind und das auch zu schätzen wissen. Umso erstaunter war sie über Helma Gensheimers Einstellung.

»Das ist tatsächlich nicht nett von ihm gewesen, Frau Gensheimer, aber Ihre Freundin war immerhin neunundachtzig Jahre alt, vielleicht wäre sie ja in einem Altersheim besser aufgehoben gewesen als ganz allein in einem großen Haus«, sagte sie vorsichtig.

Helma Gensheimers Mund verzog sich verächtlich. »Ihr Jungen seid doch alle gleich! Alt bedeutet für euch ›nicht mehr lebensfähig‹. So ist das aber nicht, junge Dame. Es geht zwar alles ein bisschen langsamer bei uns als früher, aber wir haben unseren Alltag noch hervorragend im Griff. Die meisten jedenfalls. Mit dem Garten war Lissi zuletzt wohl ein bisschen überfordert, aber ansonsten kam sie bestens zurecht, hat sich noch allein versorgt, nicht mal eine Putzfrau hat sie gebraucht.«

»Aber das heißt doch noch lange nicht, dass Bernhard Lauer seiner Mutter was antun wollte«, warf Keeser ein.

Helma Gensheimer sah ihn tadelnd an – wie ein Kind, das nicht richtig aufgepasst hatte. Paula kannte diesen Blick nur zu gut und schloss daraus, dass Helma Gensheimer in einem früheren Leben Lehrerin gewesen war.

»Ich sagte ja auch, dass ich seine Frau Natalia verdächtige.«

»Und was sollte dieser Natalia am Tod ihrer Schwiegermutter gelegen haben?«, fragte Paula.

»Na, das liegt doch auf der Hand: Die wollte ihre Eltern aus Polen holen und in Lissis Haus setzen«, antwortete Helma Gensheimer entrüstet. »Und Bernhard, dieser Weichling, hat schon immer brav alles getan, was die aufgetakelte Ziege ihm ins Ohr flüsterte.«

Sie merkte wohl, dass die Kommissare von ihrer Theorie nicht überzeugt waren, denn sie fügte mit eindringlichem Blick hinzu: »Natalia ist übrigens Krankenpflegerin und kennt sich folglich mit Medikamenten bestens aus. Würde mich nicht wundern, wenn die der Lissi was untergejubelt hat.« Sie nickte bedeutsam. »Meiner Meinung nach ist das mit Bernhards und Natalias Hochzeit sowieso auffällig schnell gegangen – seine erste Frau war noch nicht mal ein Jahr unter der Erde. Monika war zwar schwer krank, aber so schnell, wie sie dann gestorben ist, könnte man auch Böses vermuten.«

»Das ist eine schwere Anschuldigung, Frau Gensheimer«, sagte Keeser genervt.

»Ich sage ja nicht, dass sie es war, nur, dass ich es ihr zutrauen würde. Der müssen Sie auf jeden Fall auf den Zahn fühlen.«

Paula ließ sich die Adresse von Natalia Lauer und ihrem Mann diktieren. Sie glaubte zwar nicht, dass an dem Verdacht der Hobby-Miss-Marple etwas dran war, aber falls Knopp recht haben sollte und in Elisabeth Lauers Magen tatsächlich eine Substanz festgestellt würde, die da nicht hingehörte, dann würden sie sowieso die komplette Familie durchleuchten müssen.

»Sie sagten, an erster Stelle der Verdächtigen stehe Ihrer Meinung nach Natalia. Gibt es auch jemanden an zweiter Stelle?«, fragte Paula.

»Und ob! Da wäre zum Beispiel Enkelsohn Frank, der missratene Sprössling ihrer Tochter Regina. Hat die Schule kurz vor dem Abschluss abgebrochen und nie was Anständiges gelernt. Der Junge hat immer nur Ärger gemacht, ist als Jugendlicher ein paarmal von der Polizei abgeholt worden. Aber Lissi hat stets zu ihm gehalten und ihn unterstützt. Jetzt macht er auf Immobilienmakler und wollte als erste Geschäftshandlung Lissis Häuschen verscherbeln, dieser eingebildete Großkotz.« Helma legte erschrocken eine Hand auf den Mund. »Entschuldigen Sie, wenn ich so was sage, aber wenn ich von dem unangenehmen Kerl rede, gerate ich sofort in Rage. Lissi hatte zuletzt richtig Angst vor ihm.«

Auch wenn Helma Gensheimer für ihren Geschmack etwas zu eifrig und theatralisch war, hakte Paula nach: »Wieso Angst? Hat er sie bedroht?«

»Nicht direkt, er rief sie nur ständig an und drängte sie zum Verkauf. Zuletzt hat er ihr einen Brief geschrieben, in dem er behauptete, dass er in großen Schwierigkeiten stecken würde, wenn sie nicht endlich verkauft, und dass es allein ihre Schuld sei, wenn ihm etwas zustieße. Wie Sie sich sicher vorstellen können, hat das Lissi sehr belastet. Mir wollte er mein Haus auch abschwatzen, aber ich hab ihm gleich klargemacht, dass er bei mir auf Granit beißen wird.«

»Frank, und wie weiter?«, fragte Paula.

»Bergmann. Er hat sein Büro in der Marktstraße«, sagte Helma Gensheimer.

Keesers Handy klingelte. Er entschuldigte sich und stand auf. Noch auf dem Weg in die Diele nahm er das Gespräch an.

Helma Gensheimer sah Paula prüfend an. »Sie sind aber auch nicht von hier, oder, Kindchen? Lassen Sie mich raten … Sie sind aus Franken?«

»Unterfranken«, bestätigte Paula. »Aber warum auch? Sind Sie keine Pfälzerin?«

Helma Gensheimer lachte vergnügt auf. »Aber nein, hört man das nicht? Ich komme ursprünglich aus Ansbach, also aus Mittelfranken. Meinen Friedrich hab ich während des Pädagogikstudiums in Nürnberg kennengelernt. Nach unserem Abschluss hat er mich dann in seine schöne Pfalz entführt, denn Friedrich ist gebürtiger Ranschbacher. Er bekam eine Stellung am Staatlichen Altsprachlichen Gymnasium in Landau. Das heißt ja schon lange nicht mehr so, es wurde 1963 oder 64 in Eduard-Spranger-Gymnasium umbenannt. Ich war Lehrerin in der Grundschule hier in Bergzabern. Und was hat Sie in die Pfalz verschlagen? Auch die Liebe?«

»Genau das Gegenteil, ich bin nach einer unglücklichen Liebe nach Landau geflohen.«

»Keine Sorge«, sagte Helma Gensheimer aufmunternd, »Sie sind noch so jung, Sie werden ganz sicher noch den Richtigen finden. Die Pfälzer Männer sind ausgesprochen nett.«

Ach ja? Paula war da anderer Meinung. Angefangen bei Sebastian, der sich ohne richtige Erklärung einfach so aus dem Staub gemacht hatte, bis hin zu Matthias Weber, der ihr schon auf die Nerven ging, wenn sie nur an ihn dachte.

Na ja, korrigierte sie sich in Gedanken, ganz so schlimm ist es nicht mehr – seit sie mit ihm zusammengearbeitet hatte, fand sie ihn gar nicht mehr so übel. Außerdem fuhr er genau wie sie Motorrad, allein diese Tatsache war dann doch einen dicken Pluspunkt wert.

Keeser kam mit ernstem Gesicht zurück. »Das war Knopp: Elisabeth Lauer wurde nachweislich vergiftet.«

Damit war aus einem bisherigen Verdachtsmoment ein handfester Fall geworden.

»Ha, wusst ich’s doch!«, rief Helma Gensheimer zufrieden aus.

Keeser setzte sich wieder.

Helma Gensheimer sah ihn erwartungsvoll an. »Womit denn, wenn ich fragen darf?«, sagte sie schließlich, als sie merkte, dass Keeser das nicht für mitteilungswürdig erachtete.

Er verzog unwillig das Gesicht. »Irgendwas mit A, ich kann mir diese ganzen lateinischen Namen nicht so gut merken.«

Helma Gensheimer legte nachdenklich ihre faltige Stirn in noch tiefere Falten. »Ein Gift mit A also«, sagte sie, als würde sie ein Kreuzworträtsel lösen. »Arsen vielleicht? Oder Atropin?«

»Ich weiß es wirklich nicht mehr, Frau Gensheimer, aber im Bericht unseres Rechtsmediziners wird es ganz bestimmt stehen, und dann sage ich Ihnen Bescheid, versprochen«, sagte Keeser säuerlich.

»Na gut, vergessen Sie es ja nicht, ich lerne nämlich immer noch gern etwas dazu. Und jetzt zurück zu Ihrer Befragung«, sagte sie geschäftsmäßig.

Endlich kam Paula zu dem Punkt, der sie am meisten interessierte: »Erzählen Sie uns bitte von gestern, Frau Gensheimer, von Ihrem gemeinsamen Besuch auf dem Friedhof. Was genau ist da passiert?«

»Soll ich uns nicht vorher etwas zu trinken holen?« Helma Gensheimer machte Anstalten aufzustehen.

»Nein, nein, nicht nötig«, sagte Paula schnell. Sie hatten ihrer Meinung nach schon genug Zeit verloren.

»Die Lauers haben gleichzeitig mit uns, also mit meinem Mann Friedrich und mir, gebaut. Lissi und ich waren vom ersten Tag an Freundinnen, auch unsere Männer haben sich gut verstanden«, berichtete Helma Gensheimer. »Und wie das Schicksal so spielt, starben unsere Männer auch im selben Jahr, Lissis Justus im März 91 und mein Friedrich im September. Sogar auf dem Friedhof wohnen unsere Männer noch nebeneinander, liegen Grab an Grab.« Sie lächelte bei dieser Vorstellung. »Seit Friedrichs Beerdigung gehen Lissi und ich gemeinsam zum Friedhof – und das jeden Tag.«

Sie machte eine Pause, und Paula hoffte, dass das Geschichtliche jetzt abgehakt war. Sie schien Glück zu haben.

»So auch gestern«, fuhr Helma Gensheimer fort. »Wir trafen uns um drei Uhr vor dem Haus. Jetzt ist es ja nachmittags nicht mehr ganz so heiß, da kann man wieder raus, die letzten Monate sind wir immer erst um fünf gegangen. Wir liefen also los, und als wir auf dem Friedhof ankamen, wollte sich Lissi zunächst einmal hinsetzen. Sie sagte, ihre Lippen würden so komisch prickeln und ihr täten die Beine weh, sie könne sie kaum noch heben. Sie schaffte es gerade noch zu der Bank neben den Gräbern unserer Männer. Nach etwa zehn Minuten sagte sie, sie würde ganz arg frieren. Wir hatten gestern dreiundzwanzig Grad, und Lissi fror! Das kam mir komisch vor. ›Soll ich einen Notarzt rufen?‹, fragte ich sie deshalb. Sie konnte gar nicht mehr richtig sprechen, nur noch lallen. Es hörte sich an, als wäre sie betrunken. ›Ich hab solche Schmerzen‹, war das Letzte, was sie zu mir sagte, dann hat sie nur noch gestöhnt. Zum Glück kam eine junge Frau mit einem Handy vorbei – ich besitze ja so was nicht. Die hat dann den Notarzt verständigt. Der kam auch recht schnell.« Sie machte ein betrübtes Gesicht. »Aber für Lissi war es da schon zu spät. Den Rest der Geschichte kennen Sie ja.«

Paula nickte und überflog ihre Notizen. »Lassen Sie mich zusammenfassen: Frau Lauer hatte einen Sohn, Bernhard Lauer, der in zweiter Ehe mit Natalia verheiratet ist, und eine Tochter namens Regina, deren Sohn Frank Bergmann heißt. Wie heißt diese Regina mit Nachnamen, auch Bergmann?«

Helma Gensheimer nickte. »Regina ist mit Paul Bergmann verheiratet, einem ehemaligen Lehrer.« Sie hielt kurz inne und fügte dann noch hinzu: »Nur zu Ihrer Information: Sie ist Apothekerin, ihr gehört die Marktapotheke unten in der Stadt.«

Paula wusste sofort, was Helma Gensheimer ihnen damit sagen wollte: Da war noch jemand in der Familie, der sich berufsbedingt mit Toxinen auskannte.

»Gibt es noch andere Verwandte?«, fragte sie.

»Aber ja, da sind noch Marlene und Marion, die Zwillingstöchter von Bernhard. Marlene hat gerade ihr erstes Kind bekommen.« Helma Gensheimer beugte sich ein Stück zu Paula und Keeser hinüber und sagte etwas leiser, aber umso nachdrücklicher: »Unehelich. Sie sollte eigentlich mit dem Baby bei Lissi einziehen, Marion ebenfalls. Platz wäre mehr als genug gewesen, aber Lissi hat dann doch noch einen Rückzieher gemacht. Ich habe nicht verstanden, warum sie sich letztendlich so dagegen gesträubt hat, immerhin wäre sie dann nicht mehr allein in dem Haus gewesen. Man wird eben doch ein bisschen seltsam, wenn man jahrein, jahraus allein lebt. Wenn sie von ihrer Familie gesprochen hat, dann hat sie sie in letzter Zeit immer nur die ›widerlichen Schmarotzer‹ genannt. Ehrlich gesagt habe ich schon überlegt, ob ich Marlene und ihren Kleinen bei mir wohnen lassen soll. Ich habe nämlich genauso viel ungenutzten Platz wie Lissi. Ist doch sicherlich schön, wieder so was Kleines um sich zu haben, finden Sie nicht auch?«

Das werde ich in Kürze ausprobieren, dachte Paula, äußerte sich aber nicht dazu.

»Wirklich gekümmert um Lissi hat sich letztendlich keiner von denen. Nur wenn sie Geld gebraucht haben, dann standen sie bei ihr auf der Matte«, sagte Helma Gensheimer verächtlich. »Jaja, die liebe Familie eben.«

Als ob das sein Stichwort gewesen wäre, erhob sich Keeser schwerfällig vom Sofa. »Wir würden uns gern das Haus von Frau Lauer ansehen. Wissen Sie, wer von ihrer Familie einen Schlüssel hat?«

»Ich habe einen Schlüssel, Lissi hat ja auch meinen. Von ihrer Bagage hat, soviel ich weiß, keiner mehr einen. Sie hat niemandem mehr über den Weg getraut. Meiner Meinung nach war sie da wohl in letzter Zeit ein bisschen zu misstrauisch. Sie war fest davon überzeugt, dass sich regelmäßig jemand in ihrem Haus herumgetrieben hat, wenn sie nicht da war. Angeblich auch manchmal in der Nacht, wenn sie schlief. Sie hat sich deshalb sogar nachts im Schlafzimmer eingeschlossen.«

Helma Gensheimer tippte sich mit einem arthritischen Zeigefinger an die Stirn.

»Wer bitte schön sollte denn nachts in ihrem Haus sein? Das Schloss war auch immer in Ordnung. Sie behauptete aber steif und fest, dass sie regelmäßig Schritte und Getrappel hören und ihr immer wieder Geld fehlen würde. Ich denke jedoch, sie hatte nur vergessen, wo sie es hingesteckt hat.«

Sie zwinkerte den Beamten verschwörerisch zu. »Uns Alten wird ja immer nachgesagt, wir würden jeden Monat unsere Rente vom Konto holen. Ich mache das zwar nicht, aber bei Lissi traf das zu. Sie hatte ein paar Ecken, wo sie ihr Geld gebunkert hat. Nachdem ihr angeblich etwas davon abhandengekommen war, suchte sie sich neue Verstecke. Wenn also ihre Verwandtschaft das Haus in nächster Zeit leer räumt, sollten Sie vorsichtshalber in jede Ritze gucken.«

Helma Gensheimer stand nun ebenfalls auf, und das um einiges flinker als der rund fünfundzwanzig Jahre jüngere Keeser. »Und dann war da noch die Sache mit ihrem Keller. Der stand Anfang des Jahres unter Wasser. Lissi ließ sich nicht von der Idee abbringen, jemand hätte den Zulaufschlauch der Waschmaschine abmontiert und den Wasserhahn aufgedreht. Ich glaube ja, dass sie es selbst war, aber das durfte ich auf gar keinen Fall laut sagen. Zuletzt hat sie darüber geklagt, dass es im Haus eigenartig rieche und dass überall Fliegen seien, die sie nicht mehr losbekäme. Sie wollte mir nicht glauben, dass ihr die ganz sicher niemand ins Haus gesetzt hat. Ich bezweifle ehrlich gesagt, dass das mit den Fliegen überhaupt stimmt. Ich denke eher, sie war in den letzten Wochen etwas verwirrt. Anders kann ich mir die Sache mit dem Joghurt nicht erklären.«

Auf ihren Rollator gestützt ging Helma Gensheimer vor den Kripobeamten in die Diele und öffnete die oberste Schublade einer Kommode.

Paula hatte gar nicht mehr richtig zugehört, doch jetzt wurde sie hellhörig. »Joghurt? Was war denn mit dem Joghurt?«, fragte sie gespannt.

»Ich dachte, ich hatte das schon erwähnt … na, egal, Lissi hat steif und fest behauptet, dass ihr mehrmals Joghurt aus dem Kühlschrank geklaut worden sei.« Helma Gensheimer schüttelte missbilligend den Kopf. »So ein Unsinn, niemand bricht irgendwo ein und stiehlt Joghurt. Geld ja, aber Joghurt? Das ist doch absurd, oder? Wie gesagt, ich war mir zuletzt nicht mehr so sicher, ob Lissi noch alle Tassen im Schrank hatte.«

Sie kramte kurz in der Schublade und drückte dann Paula einen einzelnen Schlüssel in die Hand.

»Lissi wird mir trotzdem fehlen«, sagte sie traurig. »Wissen Sie, es sind nicht mehr viele in meinem Alter übrig. Vielleicht folge ich ihr ja bald nach, wer weiß das schon? Dann sind wir vier, die Lauers und die Gensheimers, da oben auf dem Friedhof wieder vereint.«

Sie öffnete die Haustür und ließ Paula und Keeser hinaus. Aber anstatt sich zu verabschieden, folgte sie den beiden hinüber zum Nachbarhaus. Paula brachte es nicht übers Herz, sie zurückzuschicken.

»Was wohl aus dem Haus wird? Ohne Streit geht das sicher nicht über die Bühne«, sagte Helma Gensheimer, als Paula den Schlüssel im Schloss drehte und die Tür ein Stück aufschob. Irgendetwas dahinter verhinderte, dass sie sie ganz öffnen konnte.

Ein übler Gestank schlug ihnen entgegen, süßlich, faulig, als ob etwas vor sich hin gammelte. Damit war für Paula und Keeser klar, dass sich Elisabeth Lauer den eigenartigen Geruch in ihrem Haus nicht eingebildet hatte. Es stank nicht nur nach Verwesung, sondern auch nach dem scharfen Aroma von Urin.

Keeser stemmte sich mit seinem gesamten Gewicht gegen die Haustür, um den Spalt zu vergrößern. Der Anblick der Diele, der sich ihnen nun bot, war wenig einladend. Ein Durchkommen war kaum möglich. Links befand sich die vollgehängte Garderobe, rechts stapelten sich Zeitungsbündel und Kartons. Sie waren es, die das Öffnen der Tür erschwert hatten.

Paula fragte sich, ob Elisabeth Lauer kurz vor ihrem Tod ihr Haus ausgemistet und alles im Entree für die Abholung zusammengestellt hatte. Doch sie glaubte nicht, dass sie es bei ihrer zierlichen Statur allein geschafft hätte, die schweren Sachen so hoch übereinanderzutürmen. Oder waren sie hier im Haus eines Messies gelandet? Der üble Mief sprach für die letzte Version.

Keeser stand neben Paula und hielt angeekelt die Hand vor Mund und Nase.

»Ach herrje, wie sieht es denn hier aus?« Helma Gensheimer hatte zu Paula und Keeser aufgeschlossen und sah sich fassungslos um. »Vielleicht hätte sich Lissi doch besser eine Putzfrau kommen lassen sollen.«

»Wann sind Sie das letzte Mal hier drin gewesen?«, fragte Keeser schlecht gelaunt. Ihm war anzusehen, dass die Aussicht, dieses Haus betreten zu müssen, ihn nicht glücklich stimmte.

»Ist schon eine Weile her«, sagte Helma Gensheimer nach kurzem Überlegen. »Früher haben wir uns jede Woche abwechselnd zum Kaffee eingeladen, aber Lissi wollte das schon längere Zeit nicht mehr. Es würde ihr zu viel Arbeit machen, hat sie immer gesagt. Seit das ›Café Rebmann‹ direkt neben dem Friedhof aufgemacht hat, waren wir häufig nach dem Besuch bei unseren Männern dort zum Kaffeetrinken.«

»Ich denke, wir gehen besser allein rein. Vielen Dank, Frau Gensheimer, Sie haben uns sehr geholfen. Wenn wir noch Fragen haben, melden wir uns bei Ihnen«, sagte Keeser.

Paula gab Helma Gensheimer ihre Visitenkarte. »Hier ist meine Nummer. Falls irgendetwas sein sollte, rufen Sie mich bitte an.«

Helma Gensheimer steckte die Karte in eine ihrer Kittelschürzentaschen, winkte kurz und schob ihren Rollator zurück in Richtung Gartentürchen.

»Na, dann wollen wir mal«, sagte Keeser und betrat die Diele. Er musste den Bauch einziehen, um durch den schmalen Durchgang zu passen.

Noch folgte Paula ihm ohne derartige Probleme, aber wäre sie zwei oder drei Monate weiter mit ihrer Schwangerschaft gewesen, wäre es auch für sie eng geworden.

Als sie das Wohnzimmer betraten, flog ein Schwarm fetter Schmeißfliegen auf und schwirrte um ihre Köpfe. Auf dem Fensterbrett, zwischen liebevoll gepflegten Orchideen, lagen die grün schillernden Körper einer bereits verstorbenen Fliegengeneration. Elisabeth Lauer hatte sich also auch das nicht eingebildet.

»Hier liegt doch hoffentlich keine Leiche rum«, sagte Keeser und wedelte die Viecher weg. »Riechen tut es jedenfalls danach.«

Paula öffnete als Erstes die Terrassentür, damit die Fliegen nach draußen gelangen konnten, und blickte auf einen verwilderten Garten. Ihr gefiel, was sie sah. Ausladend wuchernde und üppig blühende Rosenhecken hatten den Garten fast völlig in Besitz genommen. Die Lavendelstauden, die den gepflasterten Weg säumten, waren mangels radikaler Rückschnitte im Herbst komplett aus der Form geraten und zu strauchähnlichen Gebilden herangewachsen. Am Ende des Weges, fast gänzlich unter einer über und über blühenden Kletterhortensie verschwunden, zeichneten sich die Konturen eines windschiefen Gartenhäuschens ab. Der einstige Rasen war zur kniehohen Blumenwiese geworden.

Paula war begeistert von diesem wildromantischen Anblick. Wenn sie jemals einen eigenen Garten haben sollte, dann müsste der genauso aussehen.

Der rechts angrenzende Garten war das genaue Gegenteil: Da wuchs nichts, was dort nicht wachsen sollte. Es gab zwar ordentlich in Reih und Glied angelegte und mit Betonrabatten eingefasste Beete, aber sie sahen leer und wie frisch umgegraben aus. Die Rasenfläche war akkurat gemäht.

Paula drehte sich von der sterilen Gartenlandschaft weg, um sich Elisabeth Lauers Wohnzimmer zu widmen. Entgegen ihren schlimmsten Befürchtungen war der Raum sehr ordentlich: Eine Wand bestand komplett aus einem Regal, das vom Boden bis zur Decke reichte und doppelreihig mit Büchern gefüllt war. Auf den ersten Blick erkannte Paula, dass es sich hier, anders als bei der krimiphilen Nachbarin, nicht um billige Taschenbücher, sondern um edle, teils in Leder gebundene Werke der Weltliteratur handelte. An der Wand gegenüber stand eine antike, mit aufwendigen Schnitzereien, die Jagdszenen darstellten, verzierte Vitrine aus dunklem Holz. Auch hier waren alle Fächer voller Bücher.

Ein Fernseher älteren Modells hatte seinen Platz auf einem Schränkchen in der Ecke neben dem Fenster. Zwischen ihm, einer altmodischen, mit hellbraunem Samt bezogenen Dreisitzer-Couch und einem abgewetzten, aber gemütlich aussehenden Lehnstuhl gab es einen Couchtisch, auf dem sich noch mehr Bücher stapelten.

»Elisabeth Lauer hat offensichtlich gern gelesen«, stellte auch Keeser fest, nahm einen in Leinen gebundenen Wälzer in die Hand und hielt ihn eine Armlänge von sich weg. »›Vor dem Sturm‹«, las er den Titel vor. »Von Theodor Fontane. Hast du von dem schon mal was gelesen?« Er nestelte mit einer Hand seine Lesebrille aus der Hemdtasche und schob sie sich auf die Nase. »Wow, das hier ist sogar eine Erstausgabe von 1878! Die ist doch bestimmt in Sammlerkreisen ein dickes Sümmchen wert.«

»›Effi Briest‹ habe ich mal gelesen, genauer gesagt: lesen müssen – Schullektüre in der zehnten Klasse. War aber nicht so prickelnd. Furchtbar altmodische und umständliche Sprache.«

Paula inspizierte das Bücherregal genauer. Irrte sie sich, oder war da gerade ein besonders großes Fliegenexemplar aus einem Spalt zwischen zwei Büchern von Thomas Mann hervorgekrochen?

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, streckte ihren Arm weit nach oben und nahm ein paar ledergebundene Bücher heraus. Tatsächlich kamen ihr mehrere dicke Fliegen entgegen.

Keeser blätterte interessiert in dem alten Fontane-Buch. Fragend sah er Paula über den Brillenrand hinweg an. »Was verrenkst du dich denn so?«

»Da ist was …«, sagte Paula und griff in den Spalt. Kurz darauf hielt sie einen Joghurtbecher in der Hand.

»Ich glaube, ich habe einen von den angeblich verschwundenen Joghurts gefunden. Was zum Henker macht der in einem Bücherregal?«

Der Becher war offen und keinesfalls leer. Pelziger Schimmel hatte sich auf der verdorbenen Joghurtmasse gebildet, die einen üblen Geruch verströmte. Paula starrte angewidert in den Becher. Hatte sich die Schimmelschicht gerade bewegt?

Sie sah genauer hin. Eine weiße Made bahnte sich ihren Weg an die Oberfläche. Das war wohl die Erklärung für die vielen Fliegen: Der Joghurtbecher mit seinem süßen Inhalt diente ihnen als perfekte Aufzuchtstation ihrer stetig wachsenden Nachkommenschaft.

Reflexartig stellte Paula den Becher ab, zog ein Paar Einweghandschuhe aus ihrer Jacke und schlüpfte hinein.

Keeser quittierte das mit einem erstaunten Blick. »Handschuhe? Meinst du, das ist ein Tatort?«

»Vielleicht kein Tatort, aber auf gar keinen Fall lecker.« Paula deutete mit einem latexverhüllten Zeigefinger auf den Becher und die Made, die sich gerade abmühte, sich über den Becherrand zu hangeln.