Grundkurs Geschichte Polens - Brigitte Jäger-Dabek - E-Book

Grundkurs Geschichte Polens E-Book

Brigitte Jäger-Dabek

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Beschreibung

Das Ebook "Grundkurs Geschichte Polens" gibt dem Leser einen komprimierten Überblick über die mehr als tausendjährige Geschichte unseres Nachbarlands Polen. Neben einem Abriss der politischen, Geschichte Polens fällt auch ein Blick auf die Entwicklung der polnischen Gesellschaft und die Geschichte der deutsch-polnischen Nachbarschaft. Von den Anfängen Polens im Piastenstaat im zehnten Jahrhundert bis hin zur heutigen Regierung Donald Tusk liefert dieses Ebook einen Abriss der polnischen Geschichte und ihrer besonderen Eckpunkte, erläutert Besonderheiten wie die piastische und jagiellonische Staatsidee, die Rolle des polnischen Landadels und Begriffen wie Samartismus oder Messianismus, ohne die weder die polnische Geschichte noch die kulturelle und gesellschaftliche Entwicklung des Landes zu verstehen sind, noch das Bild von der eigenen Historie in der polnischen Gesellschaft. Das Ebook "Grundkurs Geschichte Polens" ist für alle die Leser geeignet, die sich einen Überblick über die Geschichte Polens verschaffen wollen. Besonders geeignet ist es auch für die Vorbereitung deutsch-polnischer Begegnungen, Vorbereitung für die Arbeits- oder Studienaufnahme in Polen und ganz allgemein als Unterrichtsvorbereitung.

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Seitenzahl: 131

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Brigitte Jäger-Dabek

Grundkurs Geschichte Polens

Land zwischen Hammer und Amboss

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Existenz zwischen Hammer und Amboss. Das alte Polen

Von der Landkarte radiert (1795-1918)

Das unselige 20. Jahrhundert (1918-1945)

Nachkriegspolen hinter dem Eisernen Vorhang (1945-1989)

Vom Solidarnosc-Sommer 1980 zur Wende (1980-1989)

Transformiert – Zwischen Postsolidarnosc, den Kaczynskis und Donald Tusk

Zeittafel der polnischen Geschichte

Solidarnosc-Gründung: Die 21 Forderungen von Danzig

Polens Staatsaufbau und Verwaltung

Anhang

Impressum neobooks

Existenz zwischen Hammer und Amboss. Das alte Polen

Westeuropäische Chronisten berichteten erstmals im 10. Jahrhundert über die Feldbewohner, was die Bezeichnung Polanen auf Deutsch bedeutet. So nämlich nannten sie sich selbst, die slawischen Polanen, die im Gebiet zwischen Weichsel und Warthe im Bereich des heutigen Großpolen (Wielkopolska) siedelten. Friedlich lebten sie dort zwischen ihren slawischen Nachbarn, den Pomeranen, Kujawiern, Masowiern, Wislanen und Slensaken. Auch einen stark befestigtes Zentrum hatten sie seit dem achten Jahrhundert, die Burgsiedlung Gniezno (Gnesen).

Polnische Gründungsmythen

Wie so oft, liegen die Anfänge im Dunklen, und da die Herkunft der Polanen historisch nicht hundertprozentig zu belegen ist, entstehen Legenden, die romantisieren und heroisieren. Und tatsächlich ist die Entstehungslegende Polens auch viel romantischer: Es waren einmal drei edle Brüder, die auf der Suche nach einer neuen Heimat für sich und ihre Nachkommen durch die Lande zogen. Czech, einer der Brüder wurde der Urvater der Tschechen und wählte die fruchtbaren Moldauauen, Rus wurde Stammvater der Ruthenen und siedelte sich in der Steppe an. Lech, der Verträumte erblickte in einer weiten, flachen Landschaftmit rundlichen Hügeln und kleinen Seen eine Rieseneiche, die ihre Äste wie Arme weit einladend ausbreitete und darinein Nest mit einem weißen, fast flüggen Adlerjungen barg. Das erschien Lech als Zeichen und so verabschiedete er sich von seinen weiter ziehenden Brüdern und baute genau an dieser Stelle seine Hütte, die er Gniazd nannte, was auf Deutsch Nest bedeutet. Später wurde aus dem Nest eine Stadt namens Gniezno, die noch später Hauptstadt Polens wurde. Und natürlich: Wappentier des neuen Landes wurde der weiße Adler.

Auch die Herkunft des Gnesener Herrschergeschlechts der Piasten bleibt im historischen Dunkel. Da behilft man sich wieder gern mit einer Legende und verlegt die eigentliche Dynastiegründung flugs um hundert Jahre zurück.

Piast war Rademacher und zwar ein einfacher Bauernjunge aber von edlem Gemüt. So wurde er zum Herrscher der Polanen berufen. Als er eines Tages vor seiner Hütte saß und ein Wagenrad baute, kamen zwei Fremde des Weges, die er wie üblich gastlich aufnahm. Der König aber hatte gerade diese Fremden abgewiesen, doch nun stellte sich heraus, dass sie Engel waren. Sie prophezeiten Piast eine große Zukunft für sein Geschlecht, sein Sohn und dessen Nachkommen würden dereinst Polen beherrschen. Nach dieser Legende wurde Piast – in einigen Versionen der Geschichte ist es auch sein Sohn - zum König erhoben, der stets weise und gerecht regierte. So wurde Piast als Stammvater aller polnischen Könige zur Blaupause eines guten, gerechten Königs, der dem Vols stets nahe blieb und dazu, weise und fromm war. Diese Legende blieb über die Jahrhunderte in Polen lebendig und wurde Stoff für zahlreiche Gedichte, Romane, Schauspiele und Gemälde, das größte und bekannteste ist das Monumentalgemälde im Paulinerkloster von Tschenstochau.

Westorientierung - Die Piastendynastie (960–1370)

Von der Legende ganz abgesehen, wurde tatsächlich mit Mieszko I.ein Piastenherrscher zum ersten historisch belegbaren Herrscher und Begründer Polens. Im Bereich der Legende bleibt die Behauptung, dass Mieszko Urenkel Piasts war. Mieszko I. wurde 963 als Herrscher erstmals erwähnt und regierte 960-992. Sein Reich umfasste bereits das ganze heutige Zentralpolen, denn er hatte erstmals die Slawenstämme geeint. Sein Territorium grenzte im Westen an das Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Dieser Nachbar war mit beachtlicher Macht des Handels, des Schwertes und Kreuzes ausgestattet. Die Stärke dieser Nachbarn hatte Mieszko I. bereits bei seiner Niederlage an der Oder gegen Kaiser Otto I. im Jahr 963 schmerzlich zu spüren bekommen und war dem deutschen Kaiser seit dem tributpflichtig. Trotz dieser kriegerischen Auseinandersetzung unterhielt Mieszko I. vielfältige Kontakte zu seinen deutschen Nachbarn, von denen er beeindruckt war. Ob es nun eher deren christlicher Glaube war, der ihn anzog, oder die weltliche Macht des Kaiserreichs: Politisch war es nicht unklug, um Aufnahme Polens in die christliche Völkergemeinschaft zu bitten. Mit der Taufe und dem damit verbundenen päpstlichen Schutz nämlich verlor das mächtige Reich immerhin die Möglichkeit, Polen unter dem Vorwand der Christianisierung gewaltsam zu annektieren. Obendrein hatte Mieszko I. als christlicher Herrscher selbst die Möglichkeit ungehemmt nach Osten zu missionieren und zu expandieren.

 Karte Polens unter der Herrschaft von Mieszko I. (960 - 992)Foto: Poznaniak, GFDL,CC-BY-SA-2.5,2.0,1.0

Also verhielt sich Mieszko klug und heiratete die böhmische Prinzessin Dobrava. Dazu nahm er am Ostersonntag 966 den christlichen Glauben durch die Taufe an, und mit ihm wurde ganz Polen christlich. Er schlug zwei Fliegen mit einer Klappe durch diese Ehe, denn ganz nebenbei hatte er mit dieser Heirat auch noch die Südgrenze Polens gesichert. Dem polnischen Geschichtsverständnis gilt dieser Ostersonntag 966 als eines der wichtigsten Daten der eigenen Geschichte. Dieser Tag nämlich markiert für die Polen den Eintritt ihres Landes in die europäische Geschichte und ist gleichzeitig der Beginn der katholischen Tradition im Land. So waren in Polen von Anfang an Kirche und Staat eng miteinander verbunden.

Der Beginn der bis heute über tausend Jahre währenden deutsch-polnischen Geschichte begann positiv mit einer Epoche des Vertrauens und gegenseitigen Respekts, die besiegelt wurde, als Mieszko 974 in zweiter Ehe Oda, die Tochter des sächsischen Markgrafen heiratete. Mieszko I. avancierte damit vom Vasallen zum hoch geschätzten Lehnsmann des Reiches und nahm fortan sogar an den kaiserlichen Reichstagen teil. Es folgten Jahrzehnte der Ruhe an der Grenze Polens zum Deutschen Reich. Mieszkos kluges Handeln brachte Vorteile für Polen, denn der deutsche Kaiser ließ Miesko seines polnischen Herrschaftsgebiets im Osten gewähren und Schlesien sowie den Weichselraum um Krakau annektieren. Auf diese Gebiete hatte Mieszko schon lange ein Auge geworfen, denn dort lagen die wichtigen Handelsrouten, die Polens Staatsschatullen künftig füllen sollten. Mieszko I. gelang es dazu, Polen im Jahr 990 dem Heiligen Stuhl zu unterstellen. Als Miesko I. 992 starb erschien das Feld bestellt zu sein für seinen Sohn Boleslaw I. Chrobry (Boleslaw der Tapfere, 992-1025).

Auch Boleslaw zeigte sich rasch als geschickter Staatenlenker. Sogleich führte er den „Christianisierungsfeldzug“ mit den handfesten wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Motiven im Osten weiter. Im Westen hielt er sich das Deutsche Reich gewogen. Das deutsch-polnische Verhältnis konnte nun als als freundschaftliche Allianz beschrieben werden.

Energisch betrieb Boleslaw nun die Missionierung der heidnischen Nachbarn voran. Geistlicher Beistand konnte dabei nur hilfreich sein und so sollte der Prager Bischof Adalbert (Wojciech) die östlich der Weichsel lebenden Prussen bekehren. Die jedoch waren partout nicht gewillt den christlichen Glauben anzunehmen und sich zu unterwerfen. Sie erwiesen sich als äußerst widerspenstig und erschlugen zudem den Missionar Bischof Adalbert im Jahr 997. Boleslaw ließ Bischof Alberts Leichnam in Gold aufwiegen und kaufteihn den Prussen ab. Es gelang ihm auch Papst Sylvester II. dazu zu bewegen, den in Gniezno (Gnesen) beigesetzten Adalbert nur zwei Jahre nach dessen Tod schon im Jahr 999 als Märtyrer heiligzusprechen. Der deutsche Kaiser Otto III. Im Jahr darauf machte eine Pilgerfahrt zu den Gebeinen des Bischofs nach Gnesen.

Polen unter Boleslaw Chrobry (992-1025)Gustav Droysen, gemeinfrei, CC-PD-Mark, PD Old

Dort in Gnesen empfingBoleslaw den Lohn für seine unbedingte Loyalität dem Reich gegenüber.Im „Akt von Gnesen“ befreite Kaiser Otto III. im Jahre 1000 den polnischen Herrscher von allen Tributpflichten, erhob ihn zum Souverän und kürte ihn zum „Bruder und Mitstreiter im Reich“.Bei diesem Gnesener Treffen des Jahres 1000 wurden auch die verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen Kaiserreich und den Piasten erneuert. Boleslaws Sohn, der spätere polnische Herrscher Mieszko II. heiratete eine Nichte Ottos.

Wichtiger aber war, dass Boleslaw nun selbst Bischöfe ernennen durfte und eine eigenständige polnische Kirche entstehen konnte. Daher ist dieses Datum bis heute für das Kirchenleben Polens bedeutend. Schon im Jahr darauf wurde das Erzbistum Gnesen gegründet, das noch immer eine zentrale Bedeutung für Polens Kirche hat. Bis heute residiert dort der Primas von Polen, der zugleich Erzbischof von Warschau ist.

Doch die Zeit der freundschaftlichen Beziehungen währte nicht mehr lange. Seit dem Tod Kaiser Ottos III. im Januar 1002 wehte ein anderer Wind. Im Juli 1002 trafen sich beide Herrscher in Merseburg, wo Boleslaw , obwohl als Gast unter dem Schutz des Gastgebers stehend, einem Attentat nur mit Mühe entging. Schuld und Hintergründe der Attacke bleiben ungeklärt, und das Verhältnis zwischen Heinrich II. und Boleslaw blieb gestört.So kam es immer wieder zu Scharmützeln und kriegerischen Auseinandersetzungen.

Im Jahr 1013 erhielt Boleslaw Friede von Merseburg die Lausitz und das Milzenerland als Reichslehen. Zum Paket gehörte auch die Eheschließung zwischen Boleslaws Sohn, dem späteren Herrscher Mieszko II., mit der Nichte Kaiser Ottos III., sowie ein Militärhilfeabkommen auf Gegenseitigkeit.

Doch schon im Sommer 1017 zogen Heinrichs Heere erneut gegen Polen, doch blieb der Feldzug ohne große ErfolgeDochdie polnischenHeere erwiesen sich als gut gerüstet und überraschend stark, sie marschierten weit nach Westen und Süden. Die drei Westfeldzüge führten die polnischen Truppen tief nach Böhmen und Bayern hinein.Heinrich II. sah sich zu Friedensverhandlungen genötigt und die beiden Herrscher schlossen 1018 den Frieden von Bautzen.So gelang esBoleslawdie polnische Westgrenze neu zu ziehen, als Heinrich 1018 im Frieden von Bautzen die Annektion der Lausitz, Mährens und Pommerns bestätigen musste.

Boleslaw hatte sich auch im Osten gewaltig ins Zeug gelegt, hatte Kiew und mit Ruthenien etwa das Gebiet der heutigen Ukraine annektiert und ein christliches Reich geschaffen, das von der Oder im Westen bis zu Bug und San im Osten reichte, sowie in der Nord-Südausdehnung von der Ostsee bis zu den Sudeten. Damit war das damalige Polen dem heutigen gar nicht so unähnlich, als es Boleslaw 1025 gelang eine Schwäche des Deutsch Reiches auszunutzen. Als Kaiser Heinrich im Streit mit dem Vatikan lag, kam endlich die ersehnte päpstliche Zustimmung und Boleslaw nahm die Königswürde an. So wurde Boleslaw I. Chrobry zum Einiger und eigentlichen Begründer Polens, sein Standbild mit den Königsinsignien am Dom von Gniezno ist eines der beliebtesten Fotomotive bei polnischen Schulklassen.

Kurz darauf starb Boleslaw, und das erste polnische Reich überlebte ihn nicht lange, denn bereits Sohn Mieszko II. war gezwungen im Jahr 1033 auf den Thron verzichten und wurde wieder reichsuntertänig. Sowohl die Landesgrenzen als auch die inneren Strukturen Polens waren noch keineswegs gefestigt. Polen befand sich in einer sehr instabilen Phase innerer Aufruhr herrschte, ständig ging Land verloren und wurde wiedergewonnen. Gebiete gingen nicht nur im Westen verloren, denn nach einem Vorstoß der Böhmen nach Osten geriet sogar Gnesen in Gefahr. Daher sah sich Boleslaws Enkel Kazimierz I. 1034 gezwungen, die polnische Hauptstadt nach Krakau zu verlegen, wo sie 500 Jahre bleiben sollte. In den ersten beiden Jahrhunderten des zweiten Jahrtausends gehörten nur Großpolen, Kleinpolen, Masowien und Schlesien nach der Eroberung durch Kazimierz I. ständig zu Polen

Die Piastenherrscher in Polen hatten im 10. und 11. Jahrhundert nicht mehr die Macht, ihren absoluten Herrschaftsanspruch als Gesamtstaat den einzelnen Herzogtümern gegenüber aufrecht zu erhalten und damit das Land geeint zu halten. Die Zentralmacht zerfiel immer mehr, das polnische Reich drohte in den partikularistischen Bestrebungen des erstarkenden Landadels auseinanderzudriften. Ein Übriges tat dazu die Einführung der Seniorats-Verfassung im Testament von Boleslaw III, das 1138 in Kraft trat.

Diese spezielle Erbfolgeregelung sah vor, dass im Erbfall jeweils der älteste Sohn des Königs, der Senior, in Krakau residieren sollte, Teile Großpolens und Pommern sowie die Oberhoheit über das Land bekam. Die übrigen Landesteile sollten jeweils unter den übrigen Söhnen des verstorbenen Königs aufgeteilt werden. Diese Regelung verstärkte die innere Krise eher noch, denn sie schwächte die Zentralgewalt. Problematisch war vor allem, dass es im erstarkenden polnischen Adel keine Hierarchie gab wie in anderen Ländern Europas. So zerfiel die Piasten-Dynastie in sich teils erbittert befehdende Linien und das geeinte Polen zerbröckelte wieder in einzelne Herzogtümer. Bis 1180 hatte diese Senioratsverfassung Bestand. Doch ihre Abschaffung machte nichts besser, denn nun war auch noch das letzte noch vorhandene gesamtstaatliche Band zerrissen. Polen existierte als Staat nicht mehr und war für zwei Jahrhunderte in einzelne souveräne Fürstentümer zerfallen. Die Souveränität aber konnten sich die Herzogtümer nur erhalten, weil zu jener Zeit auch die Nachbarn ähnliche Probleme hatten, der Zerfall des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation im Westen begann genauso wie der des Kiewer Großfürstentums im Osten.

Polen unter der SenioratsverfassungFoto: Kargul165, GFDL, CC-BY-3.0

Für Wirtschaft und Kultur allerdings waren diese beiden Jahrhunderte der Zersplitterung eine erste große kulturelle und ökonomische Blütezeit Polens, Polens Fürstentümer gediehen prächtig. Neue Städte wurden gegründet, meist nach deutschem Recht wegen der dadurch günstigeren Entwicklungsmöglichkeiten. Viele Piastenherrscher riefen holländische und deutsche Siedler ins Land, und konnten qualifizierte Handwerker und Bauern anwerben, die neueste Techniken und Anbaumethoden mitbrachten. Für die polnischen Fürstentümer bedeutete das einen gewaltigen Entwicklungsschub. Auch die polnischen Herrscher zeigten eine ausgesprochene Schwäche für Deutsche, denn sie wählten bevorzugt deutsche Fürstentöchter zur Frau.

Dennoch war keine goldene Zeit ohne Schatten. Von außen drohte immer Gefahr, auch damals war man nicht unabhängig von der Gesamtentwicklung des mittleren und östlichen Europas, aber auch der West- sowie Zentralasiens. Die Schwäche des Kiewer Reiches ermöglichte den ungehindert zur mächtigsten Macht des Ostens aufgestiegenen Mongolen einen Sturmlauf durch halb Europa, der sie 1240 bis tief hinein nach Polen führte. Breslau, Krakau und Sandomierz lagen nach dem Mongolensturm in Schutt und Asche. Mächtige Gegenwehr der Europäer gelang erst durch Zusammenwirken. Erst als sich Deutsche und Polen zusammen taten, schlugen ihre vereinten Heere die Mongolen 1241 bei Legnica (Liegnitz). Das heißt, sie schlugen sie nicht wirklich, da die Mongolen nach dem Tod ihres Großkhans einfach im Trauerzug zurück nach Asien zogen.

Auch ein kleinerer Gegner hielt eines der polnischen Fürstentümer in Atem. Die Prussen, eine Gruppe kleiner, autonomer baltischer Stämme, der zwischen Weichsel, Ostseeküste und der Memel lebte, war der östliche Nachbar der Masowier und ließ sich partout nicht freiwillig christianisieren und unterwerfen. Daher bat Herzog Konrad von Masowien 1226 den Deutschen Ritterorden gegen die Pruzzen zu Hilfe.

Eine neue Macht tritt auf den Plan: Der Deutsche Orden und sein Staat

Dieser Deutsche Orden wurde 1090 bei Akko im Heiligen Land gegründet und hieß mit vollem Namen »Brüder und Schwestern vom Deutschen Haus St. Mariens in Jerusalem«. Dieser Krankenpflegeorden wurde 1198 in einen geistlichen Ritterorden zur Verbreitung des Glaubens umgewandelt. Nach der Eroberung des Heiligen Landes durch islamische Heere, suchte der Orden ein neues Betätigungsfeld. Ein Versuch in Ungarn war gescheitert, da kam 1226 der Ruf von Konrad von Masowien gerade recht, ihm doch bitte bei der Unterwerfung und Christianisierung seiner prussischen Nachbarn zu helfen. Der Orden, der sich anders als in Ungarn vorher abgesichert hatte, die eroberten Territorien auch behalten zu dürfen, marschierte. Ergebnis der Bemühungen war die Erfolgsgeschichte einer Militärmacht mit überlegener Planung, Organisation und Effektivität.

Zielstrebig folgte dem Marsch der Truppen eine Absicherung des gewonnenen Territoriums durch ein dichtes Netz von festen Häusern und Burgen, der Aufbau von Siedlungen im Schutzkreis dieser Befestigungen, eine Kolonisation des Landes durch Anwerbung von Neusiedlern – der Orden schuf sein eigenes Staatsvolk. Die ethnische Herkunft spielte eine untergeordnete Rolle, solange der Neubürger sich taufen ließ, oder getaufter Christ war und dem Orden gegenüber loyal. In den Blütejahren war das Ordensland das fortschrittlichste Staatswesen der Region. Nach nur fünf Jahrzehnten war der Deutschordenssaat die dominierende Wirtschafts- und Militärmacht der Region und mit dem seinen Bürgern garantierten Schutz vor Verfolgung durch das Herkunftsland ein höchst attraktives Zuwanderungsziel.