Grundriss der Psychologie (Alle 3 Bände) - Wilhelm Maximilian Wundt - E-Book

Grundriss der Psychologie (Alle 3 Bände) E-Book

Wilhelm Maximilian Wundt

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Beschreibung

Dieses eBook wurde mit einem funktionalen Layout erstellt und sorgfältig formatiert. Die Ausgabe ist mit interaktiven Inhalt und Begleitinformationen versehen, einfach zu navigieren und gut gegliedert. Aus dem Vorwort: "Dies Buch ist zunächst aus dem Wunsche hervorgegangen, meinen Zuhörern die Vorlesungen über Psychologie ergänzenden Leitfaden in die Hand zu geben. Zugleich hat es sich jedoch das weitere Ziel gesteckt, dem allgemeineren Leserkreis wissenschaftlich Gebildeter, denen die Psychologie teils um ihrer selbst, teils um ihrer Anwendungen willen von Interesse ist, einen systematischen Überblick über die prinzipiell wichtigen Ergebnisse und Anschauungen der neueren Psychologie zu verschaffen." Wilhelm Maximilian Wundt (1832-1920) war ein deutscher Physiologe, Psychologe und Philosoph. Inhalt: Aufgabe der Psychologie Allgemeine Richtungen der Psychologie Methoden der Psychologie Allgemeine Übersicht des Gegenstandes I. Die psychischen Elemente Hauptformen und allgemeine Eigenschaften der psychischen Elemente Die reinen Empfindungen Die einfachen Gefühle II. Die psychischen Gebilde Begriff und Einteilung der psychischen Gebilde Die intensiven Vorstellungen Die räumlichen Vorstellungen Die zusammengesetzten Gefühle Die Affekte Die Willensvorgänge III. Der Zusammenhang der psychischen Gebilde Bewußtsein und Aufmerksamkeit Die Assoziationen Apperzeptionsverbindungen A. Die einfachen Apperzeptionsfunktionen (Beziehung und Vergleichung) B. Die zusammengesetzten Apperzeptionsfunktionen (Synthese und Analyse) Psychische Zustände IV. Die psychischen Entwicklungen Die psychischen Eigenschaften der Tiere Die psychische Entwicklung des Kindes Die Entwicklung geistiger Gemeinschaften A. Die Sprache B. Mythus und Religion C. Sitte und Kultur D. Allgemeiner Charakter der völkerpsychologischen Entwicklungen V. Die Prinzipien und Gesetze der psychischen Kausalität Der Begriff der Seele Die Prinzipien des psychischen Geschehens Die allgemeinen psychischen Entwicklungsgesetze

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Wilhelm Maximilian Wundt

Grundriss der Psychologie

(Alle 3 Bände)

Die psychischen Elemente, Die psychischen Gebilde, Die psychischen Entwicklungen, Die Prinzipien und Gesetze der psychischen Kausalität

Books

- Innovative digitale Lösungen & Optimale Formatierung -
2017 OK Publishing
ISBN 978-80-272-2566-8

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort

Einleitung

Aufgabe der Psychologie

Allgemeine Richtungen der Psychologie

Methoden der Psychologie

Allgemeine Übersicht des Gegenstandes

I. Die psychischen Elemente

Hauptformen und allgemeine Eigenschaften der psychischen Elemente

Die reinen Empfindungen

A. Die Empfindungen des allgemeinen Sinnes

B. Die Schallempfindungen

C. Die Geruchs- und Geschmacksempfindungen

D. Die Lichtempfindungen

Die einfachen Gefühle

II. Die psychischen Gebilde

Begriff und Einteilung der psychischen Gebilde

Die intensiven Vorstellungen

Die räumlichen Vorstellungen

A. Die räumlichen Tastvorstellungen

B. Die räumlichen Gesichtsvorstellungen

Die zeitlichen Vorstellungen

A. Die zeitlichen Tastvorstellungen

B. Die zeitlichen Gehörsvorstellungen

C. Die allgemeinen Bedingungen der zeitlichen Vorstellungen

Die zusammengesetzten Gefühle

Die Affekte

Die Willensvorgänge

III. Der Zusammenhang der psychischen Gebilde

Bewußtsein und Aufmerksamkeit

Die Assoziationen

A. Die Verschmelzungen

B. Die Assimilationen

C. Die Komplikationen

D. Die sukzessiven Assoziationen

Apperzeptionsverbindungen

A. Die einfachen Apperzeptionsfunktionen (Beziehung und Vergleichung)

B. Die zusammengesetzten Apperzeptionsfunktionen (Synthese und Analyse)

Psychische Zustände

IV. Die psychischen Entwicklungen

Die psychischen Eigenschaften der Tiere

Die psychische Entwicklung des Kindes

Die Entwicklung geistiger Gemeinschaften

A. Die Sprache

B. Mythus und Religion

C. Sitte und Kultur

D. Allgemeiner Charakter der völkerpsychologischen Entwicklungen

V. Die Prinzipien und Gesetze der psychischen Kausalität

Der Begriff der Seele

Die Prinzipien des psychischen Geschehens

Die allgemeinen psychischen Entwicklungsgesetze

VORWORT

Inhaltsverzeichnis

Dies Buch ist zunächst aus dem Wunsche hervorgegangen, meinen Zuhörern einen kurzen, die Vorlesungen über Psychologie ergänzenden Leitfaden in die Hand zu geben. Zugleich hat es sich jedoch das weitere Ziel gesteckt, dem allgemeineren Leserkreis wissenschaftlich Gebildeter, denen die Psychologie teils um ihrer selbst, teils um ihrer Anwendungen willen von Interesse ist, einen systematischen Überblick über die prinzipiell wichtigen Ergebnisse und Anschauungen der neueren Psychologie zu verschaffen. Dieser doppelte Zweck brachte es mit sich, daß ich mich in der Mitteilung der einzelnen Tatsachen auf das Wichtigste oder auf möglichst einfache erläuternde Beispiele beschränkte, und daß ich auf die Veranschaulichung der in die Vorlesung gehörenden Hilfsmittel der Demonstration und des Experiments gänzlich verzichtete. Wenn ich außerdem dieser Darstellung diejenigen Anschauungen zugrunde gelegt habe, die ich selbst in langjähriger Beschäftigung mit dem Gegenstand als die richtigen erkannt zu haben glaube, so bedarf dies wohl keiner besonderen Rechtfertigung. Doch habe ich nicht unterlassen, auf die hauptsächlichsten Richtungen, die von der hier vertretenen abweichen, durch eine kurze allgemeine Charakteristik (Einleitung § 2) sowie durch Andeutungen im einzelnen hinzuweisen.

Aus diesen Bemerkungen ergibt sich die Stellung, die dieses Buch zu meinen früheren psychologischen Werken einnimmt. Indem die "Grundzüge der physiologischen Psychologie" die Hilfsmittel der naturwissenschaftlichen, besonders der physiologischen Forschung der Psychologie dienstbar zu machen und die experimentelle psychologische Methodik, die sich in den letzten Jahrzehnten ausgebildet hat, nebst ihren Hauptergebnissen kritisch darzustellen suchen, läßt diese besondere Aufgabe notwendig die allgemeinen psychologischen Gesichtspunkte verhältnismäßig zurücktreten. Die zweite, neubearbeitete Auflage der "Vorlesungen über die Menschen- und Tierseele" aber (die erste ist heute längst veraltet) sucht in mehr populärer Weise über Wesen und Zweck der experimentellen Psychologie Auskunft zu geben, um dann von dem Standpunkt derselben aus solche psychologische Fragen, die zugleich von allgemeinerer philosophischer Bedeutung sind, zu erörtern. Ist demnach der Gesichtspunkt der Behandlung in den Grundzügen hauptsächlich von den Beziehungen zur Physiologie, in den Vorlesungen von philosophischen Interessen bestimmt worden, so sucht der Grundriß die Psychologie in ihrem eigensten Zusammenhang und in derjenigen systematischen Anordnung, die nach meiner Ansicht durch die Natur des Gegenstandes geboten ist, zugleich aber unter Beschränkung auf das Wichtigste und Wesentliche, vorzuführen. So hoffe ich denn, daß dieses Buch auch denjenigen Lesern, denen jene früheren Werke sowie die Ausführungen über die "Logik der Psychologie" in meiner Logik der Geisteswissenschaften (Logik, 2. Aufl., II, 2. Abt.) bekannt sind, als eine nicht ganz unwillkommene Ergänzung erscheinen möchte.

Leipzig, im Januar 1896.

W. Wundt.

EINLEITUNG

Inhaltsverzeichnis

AUFGABE DER PSYCHOLOGIE

Inhaltsverzeichnis

l. Zwei Begriffsbestimmungen der Psychologie sind in der Geschichte dieser Wissenschaft die vorherrschenden. Nach der einen ist die Psychologie "Wissenschaft von der Seele": die psychischen Vorgänge werden als Erscheinungen betrachtet, aus denen auf das Wesen einer ihnen zugrunde liegenden metaphysischen Seelensubstanz zurückzuschließen sei. Nach der andern ist die Psychologie "Wissenschaft der inneren Erfahrung". Nach ihr gehören die psychischen Vorgänge einer besonderen Art von Erfahrung an, die ohne weiteres daran zu unterscheiden sei, daß ihre Objekte der "Selbstbeobachtung" oder, wie man diese auch im Gegensatze zur Wahrnehmung durch die äußeren Sinne nennt, dem "inneren" Sinne gegeben seien.

Keine dieser Begriffsbestimmungen genügt jedoch dem heutigen Standpunkt der Wissenschaft. Die erste, die metaphysische Definition, entspricht einem Zustande, der für die Psychologie länger als für andere Gebiete bestanden hat, der aber auch für sie endgültig vorüber ist, nachdem sie sich zu einer mit eigentümlichen Methoden arbeitenden empirischen Disziplin entwickelt hat, und seitdem die Geisteswissenschaften als ein großes, den Naturwissenschaften gegenüberstehendes Wissenschaftsgebiet anerkannt sind, das eine selbständige, von metaphysischen Theorien unabhängige Psychologie als seine allgemeine Grundlage fordert.

Die zweite, die empirische Definition, die in der Psychologie eine "Wissenschaft der inneren Erfahrung" sieht, ist deshalb unzulänglich, weil sie das Mißverständnis erwecken kann, als habe sich diese mit Gegenständen zu beschäftigen, die von denen der sogenannten "äußeren Erfahrung" durchgängig verschieden seien. Nun ist es zwar richtig, daß es Erfahrungsinhalte gibt, die der psychologischen Untersuchung zufallen, während sie unter den Objekten und Vorgängen derjenigen Erfahrung, mit der sich die Naturforschung beschäftigt, nicht vorkommen; so unsere Gefühle, Affekte, Willensentschlüsse. Dagegen gibt es keine einzige Naturerscheinung, die nicht auch unter einem veränderten Gesichtspunkte Gegenstand psychologischer Untersuchung sein könnte. Ein Stein, eine Pflanze, ein Ton, ein Lichtstrahl sind als Naturerscheinungen Objekte der Mineralogie, Botanik, Physik usw. Aber insofern diese Naturerscheinungen zugleich Vorstellungen in uns sind, bilden sie außerdem Objekte der Psychologie, die über die Entstehungsweise dieser Vorstellungen und über ihr Verhältnis zu andern Vorstellungen sowie zu den nicht auf äußere Gegenstände bezogenen Vorgängen, den Gefühlen, Willensregungen usw., Rechenschaft zu geben sucht. Einen "inneren Sinn", der als Organ der psychischen Wahrnehmung den äußeren Sinnen als den Organen der Naturerkenntnis gegenübergestellt werden könnte, gibt es demnach überhaupt nicht. Die Vorstellungen, deren Eigenschaften die Psychologie zu erforschen sucht, sind dieselben wie diejenigen, von denen die Naturforschung ausgeht; und die subjektiven Regungen, die bei der naturwissenschaftlichen Auffassung der Dinge außer Betracht bleiben, die Gefühle, Affekte, Willensakte, sind uns nicht mittels besonderer Wahrnehmungsorgane gegeben, sondern sie verbinden sich für uns unmittelbar und untrennbar mit den auf äußere Gegenstände bezogenen Vorstellungen.

2. Hieraus ergibt sich, daß die Ausdrücke äußere und innere Erfahrung nicht verschiedene Gegenstände, sondern verschiedene Gesichtspunkte andeuten, die wir bei der Auffassung und wissenschaftlichen Bearbeitung der an sich einheitlichen Erfahrung anwenden. Diese Gesichtspunkte werden aber dadurch nahegelegt, daß sich jede Erfahrung unmittelbar in zwei Faktoren sondert: in einen Inhalt, der uns gegeben wird, und in unsere Auffassung dieses Inhalts. Wir bezeichnen den ersten dieser Faktoren als die Objekte der Erfahrung, den zweiten als das erfahrende Subjekt. Daraus entspringen zwei Richtungen für die Bearbeitung der Erfahrung. Die eine ist die der Naturwissenschaft: sie betrachtet die Objekte der Erfahrung in ihrer von dem Subjekt unabhängig gedachten Beschaffenheit. Die andere ist die der Psychologie: sie untersucht den gesamten Inhalt der Erfahrung in seinen Beziehungen zum Subjekt und in den ihm von diesem unmittelbar beigelegten Eigenschaften. Demnach läßt sich auch der naturwissenschaftliche Standpunkt, insofern er erst aus einer Abstraktion von den in jeder wirklichen Erfahrung enthaltenen subjektiven Faktoren hervorgeht, als der Standpunkt der mittelbaren Erfahrung, der psychologische, der diese Abstraktion und alle aus ihr entspringenden Folgen geflissentlich wieder aufhebt, als derjenige der unmittelbaren Erfahrung bezeichnen.

3. Die so entspringende Aufgabe der Psychologie als einer allgemeinen, der Naturwissenschaft koordinierten und sie ergänzenden empirischen Wissenschaft findet ihre Bestätigung in der Betrachtungsweise der sämtlichen Geisteswissenschaften, denen die Psychologie als Grundlage dient. Alle diese Wissenschaften, Philologie, Geschichte, Staats- und Gesellschaftslehre, haben zu ihrem Inhalt die unmittelbare Erfahrung, wie sie durch die Wechselwirkung der Objekte mit erkennenden und handelnden Subjekten bestimmt wird. Alle Geisteswissenschaften bedienen sich daher nicht der Abstraktionen und hypothetischen Hilfsbegriffe der Naturwissenschaft; sondern die Vorstellungsobjekte und die sie begleitenden subjektiven Regungen gelten ihnen als unmittelbare Wirklichkeit, und sie suchen die einzelnen Bestandteile dieser Wirklichkeit aus ihrem wechselseitigen Zusammenhange zu erklären. Dies Verfahren der psychologischen Interpretation in den einzelnen Geisteswissenschaften muß demnach auch das Verfahren der Psychologie selbst sein.

3a. Die obige Gebietsscheidung zwischen Naturwissenschaft und Psychologie gründet sich auf die zum erstenmal von Galilei klar ausgesprochene Forderung, die Naturlehre habe aus ihren Untersuchungen alles auszuscheiden, was von den scheinbaren Eigenschaften der Dinge nicht den Gegenständen der Außenwelt selbst zukomme, sondern von unsern Empfindungen, Gefühlen und sonstigen subjektiven Affektionen abhängig sei. Es bleiben dann, wie er hervorhebt, nur die "mathematischen Eigenschaften" der Gegenstände, Raum, Zeit, Bewegung, Zahl, Größe, für die physikalische Untersuchung übrig, wogegen die qualitativen Eigenschaften der Empfindungen, wie Schwarz, Weiß, Blau, Warm, Kalt, ein Ton, ein Geruch usw., und ebenso die an die Einwirkung der Dinge auf uns gebundenen subjektiven Reaktionen, wie Lust, Unlust, Freude, Leid, sowie die als Folgen solcher subjektiver Zustände auftretenden Willensregungen, ganz und gar aus dem Gebiet der Naturlehre auszuscheiden sind. Speziell in bezug auf die Sinnesempfindungen kann man diese Forderung auch in dem Satze aussprechen: die Sinnesempfindungen sind für den Physiker, insofern sie auf äußere Einwirkungen bezogen werden müssen, Zeichen der Dinge, nicht die Dinge selbst. Daraus ergeben sich zunächst zwei Folgerungen. Erstens ist die Erkenntnisweise der Naturlehre keine unmittelbare, sondern eine mittelbare, insofern sie jene Zeichensprache der Sinnesempfindungen in ihre objektive Bedeutung zu übertragen hat. Zweitens kann die Naturerklärung, eben weil sie auf Rückschlüssen aus unsern Empfindungen auf ihre objektiven Substrate beruht, hypothetische Voraussetzungen, die sich auf das nach Elimination unserer subjektiven Empfindungen übrigbleibende Substrat der Naturerscheinungen beziehen, nicht entbehren. Neben diesen zwei Folgerungen, die sich auf den Gegenstand der Naturwissenschaft selbst beziehen, ergibt sich aber aus jener von Galilei erhobenen Forderung noch eine dritte. Obgleich die Naturlehre die Sinnesempfindungen bloß als subjektive Zeichen betrachtet und die Gefühle, Affekte usw. überhaupt ignoriert, bewahren doch beide ebensowohl für unsere unmittelbare Erfahrung wie für unser praktisches Handeln ihren vollen Wert. Auch stehen alle diese subjektiven Vorgänge untereinander in einem Zusammenhang, der eine selbständige Untersuchung erheischt, die grundsätzlich von der naturwissenschaftlichen verschieden ist, eben darum aber zu ihr die notwendige Ergänzung bildet. Die Aufgabe einer solchen Untersuchung weisen wir der Psychologie zu. Sie hat demnach nicht bloß diejenigen subjektiven Zustände und Vorgänge, die die Naturwissenschaft überhaupt unberücksichtigt läßt, sondern auch jene, die sie als Zeichen objektiver Vorgänge betrachtet, in ihren unmittelbaren Eigenschaften, sowie in den Verbindungen, in die sie miteinander treten, zu ihrem Inhalt. Darin liegt aber zugleich ausgesprochen, daß die gesamte unmittelbare Erfahrung den Gegenstand der Psychologie bildet. Indem daher diese die von der Naturwissenschaft zu ihren Zwecken erforderlichen Eliminationen und Abstraktionen wieder aufhebt, um die gesamte Erfahrung in den Zusammenhängen ihrer unmittelbaren Wirklichkeit zu betrachten, ergänzt sie einerseits die Naturwissenschaft und ist sie anderseits die Grundlage der Geisteswissenschaften, die sich überall nur mit Teilen dieser unmittelbaren Wirklichkeit beschäftigen. Wenn es unverhältnismäßig langer Zeit bedurft hat, bis sich diese Aufgabe der Psychologie, obgleich sie in dem seit der Renaissancezeit festgehaltenen Prinzip der naturwissenschaftlichen Forschung stillschweigend enthalten war, durchsetzen konnte, so entsprang dies vornehmlich daraus, daß die Psychologie von dem gleichen Zeitpunkte an unter die Herrschaft der Metaphysik geriet, die sowohl in ihrer spiritualistischen wie in ihrer materialistischen Richtung der Erkenntnis dieser selbständigen Aufgabe der Psychologie im Wege stand. Denn während jene im Sinne des von ihr gelehrten Dualismus von Körper und Seele eine spezifische Verschiedenheit der sogenannten äußeren und inneren Erfahrung annahm, suchte diese umgekehrt das Psychische aus naturwissenschaftlichen Voraussetzungen abzuleiten. Daran änderte auch die grundsätzlich der Metaphysik abgeneigte empirische Psychologie im wesentlichen nichts, da sie zwar den metaphysischen Seelenbegriff beseitigte, dagegen die mit diesem verbundene Scheidung der beiden Erfahrungsgebiete, des äußeren und des inneren, beibehielt.

ALLGEMEINE RICHTUNGEN DER PSYCHOLOGIE

Inhaltsverzeichnis

l. Die Auffassung der Psychologie als einer Erfahrungswissenschaft, die es nicht mit einem spezifischen Erfahrungsinhalt, sondern mit dem unmittelbaren Inhalt aller Erfahrung zu tun hat, begegnet noch in der heutigen Wissenschaft widerstreitenden Anschauungen, die im allgemeinen als Überlebnisse früherer Entwicklungsstufen anzusehen sind und je nach der Stellung, die sie der Psychologie zur Philosophie und zu andern Wissenschaften anweisen, selbst wieder einander bekämpfen. Als die beiden Hauptrichtungen der Psychologie lassen sich hiernach, im Anschluß an die oben (§ l, l) angeführten verbreitetsten Begriffsbestimmungen, die der metaphysischen und der empirischen Psychologie unterscheiden.

Die metaphysische Psychologie legt im allgemeinen auf die empirische Analyse und die kausale Verknüpfung der psychischen Vorgänge nur geringen Wert. Indem sie die Psychologie als einen Teil der philosophischen Metaphysik behandelt, ist ihre Hauptabsicht darauf gerichtet, eine Begriffsbestimmung vom "Wesen der Seele" zu gewinnen, die mit der gesamten Weltanschauung des metaphysischen Systems, in das diese Psychologie eingeht, im Einklange steht. Aus dem so aufgestellten metaphysischen Begriff der Seele wird dann erst der wirkliche Inhalt der psychologischen Erfahrung abzuleiten versucht. Das Unterscheidungsmerkmal der metaphysischen von der empirischen Psychologie besteht daher darin, daß jene die psychischen Vorgänge nicht aus andern psychischen Vorgängen, sondern aus einem von ihnen gänzlich verschiedenen Substrat, sei es nun aus den Handlungen einer besonderen Seelensubstanz, sei es aus Eigenschaften oder Vorgängen der Materie, ableitet. Hiernach scheidet sich die metaphysische Psychologie wieder in zwei Richtungen. Die spiritualistische Psychologie betrachtet die psychischen Vorgänge als die Wirkungen einer spezifischen Seelensubstanz, die entweder als wesentlich verschieden von der Materie (dualistisches System) oder als ihr wesensverwandt (monistisches oder monadologisches System) angesehen wird. Die materialistische Psychologie führt dagegen die psychischen Vorgänge auf das nämliche materielle Substrat zurück, das die Naturwissenschaft hypothetisch der Erklärung der Naturerscheinungen zugrunde legt. Die psychischen sind ihr daher ebenso wie die physischen Lebensvorgänge, an bestimmte Gruppierungen der materiellen Stoffelemente und ihre physischen Eigenschaften gebunden. Zu diesem Zweck wird entweder der Inhalt der seelischen Erfahrung auf eine verworrene, ungenaue Auffassung mechanischer Molekularvorgänge im Gehirn zurückgeführt (mechanischer Materialismus); oder es wird die Empfindung als eine ursprüngliche Eigenschaft, sei es der materiellen Elemente überhaupt, sei es speziell der Gehirnmolekeln, jeder zusammengesetzte psychische Vorgang aber als ein Summationsphänomen solcher Empfindungen gedeutet, das aus den entsprechenden physischen Gehirnprozessen erklärt werden müsse (psycho-physischer M.). Demnach sind alle diese metaphysischen Richtungen darin einig, daß sie nicht die psychologische Erfahrung aus sich selbst zu interpretieren, sondern aus irgendwelchen Voraussetzungen über hypothetische Vorgänge eines metaphysischen Substrats abzuleiten suchen.

2. Aus der Bekämpfung dieses letzteren Verfahrens ist die empirische Psychologie hervorgegangen. Überall, wo sie folgerichtig durchgeführt wird, ist sie daher bemüht, die psychischen Vorgänge entweder auf Begriffe zurückzuführen, die dem Zusammenhang dieser Vorgänge direkt entnommen sind, oder bestimmte, und zwar in der Regel einfachere psychische Vorgänge zu benutzen, um aus ihrem Zusammenwirken andere, verwickeltere Vorgänge abzuleiten. Die Grundlagen einer solchen empirischen Interpretation können nun aber mannigfaltige sein, und die empirische Psychologie zerfällt deshalb wieder in verschiedene Richtungen. Unter ihnen betrachtet die gewöhnlich als Psychologie der inneren Erfahrung oder auch des inneren Sinnes bezeichnete Richtung die psychischen Vorgänge als Inhalte eines besonderen Erfahrungsgebiets, das der durch die äußeren Sinne vermittelten, naturwissenschaftlichen Erfahrung koordiniert, aber durchgängig von ihr verschieden sei. Ihr gegenüber erkennt die für uns maßgebende, in der Naturlehre der Renaissancezeit bereits vorbereitete, aber erst in der Gegenwart zur Geltung gelangte Richtung der Psychologie der unmittelbaren Erfahrung eine reale Verschiedenheit innerer und äußerer Erfahrung nicht an, sondern sie sieht den Unterschied nur in der Verschiedenheit der Gesichtspunkte, von denen aus hier und dort die an sich selbst einheitliche Erfahrung betrachtet wird, und vermöge deren dann allerdings zugleich die Naturwissenschaft nur den objektiven Teil der Erfahrung, die Psychologie dagegen die gesamte unmittelbare Erfahrung, ihre objektiven Bestandteile, die Vorstellungen, ebenso wie die mit diesen stets verbundenen subjektiven, die Gefühle, Affekte usw., zu ihrem Inhalte hat.

Von diesen beiden Gestaltungen der empirischen Psychologie ist die erste die ältere. Sie ist zunächst aus dem Streben hervorgegangen, gegenüber den Übergriffen der Naturphilosophie die Selbständigkeit der psychologischen Beobachtung zur Geltung zu bringen. Indem sie infolgedessen Naturwissenschaft und Psychologie einander koordiniert, sieht sie die Gleichberechtigung beider Gebiete vor allem in der durchgängigen Verschiedenheit ihrer Objekte und der Formen der Wahrnehmung dieser Objekte begründet. Diese Anschauung hat auf die empirische Psychologie in doppelter Weise eingewirkt: erstens dadurch, daß sie die Meinung begünstigte, die Psychologie habe sich zwar empirischer Methoden zu bedienen, diese Methoden seien aber, wie die psychologischen Erfahrungen selbst, grundsätzlich verschieden von denen der Naturwissenschaft; und sodann dadurch, daß sie dazu drängte, zwischen jenen beiden vermeintlich verschiedenen Erfahrungsgebieten irgendwelche Verbindungen herzustellen. In ersterer Beziehung ist es hauptsächlich die Psychologie der inneren Erfahrung gewesen, welche die Methode der reinen Selbstbeobachtung kultivierte (§ 3, 2). In letzterer Beziehung führte die Annahme einer Verschiedenheit der physischen und der psychischen Erfahrungsinhalte notwendig wieder zur metaphysischen Psychologie zurück. Denn von dem gewählten Standpunkt aus ließ sich über die Beziehungen der inneren zur äußeren Erfahrung oder über die sogenannten "Wechselwirkungen zwischen Leib und Seele" nur mittels metaphysischer Voraussetzungen Rechenschaft geben.

3. Indem die Psychologie auf ihrem gegenwärtigen Standpunkt eine "Wissenschaft der unmittelbaren Erfahrung" für den gesamten Umfang der Erfahrung sein will, kann sie nun auch eine prinzipielle Verschiedenheit der psychologischen und der naturwissenschaftlichen Methoden nicht mehr anerkennen. Sie hat daher in erster Linie experimentelle Methoden auszubilden gesucht, die eine ähnliche, nur dem veränderten Standpunkt Rechnung tragende exakte Analyse der psychischen Vorgänge zustande bringen sollen, wie eine solche in bezug auf die Naturerscheinungen die erklärenden Naturwissenschaften unternehmen. Indem aber weiterhin die einzelnen Geisteswissenschaften, die sich mit den konkreten geistigen Vorgängen und Schöpfungen beschäftigen, überall auf dem nämlichen Boden einer wissenschaftlichen Betrachtung unmittelbarer Erfahrungsinhalte stehen, ergibt sich daraus notwendig, daß außerdem die psychologische Analyse der allgemeinsten geistigen Erzeugnisse, wie der Sprache, der mythologischen Vorstellungen, der Normen der Sitte, der Psychologie teils als eine notwendige Ausdehnung ihres Gebiets auf die Vorgänge des gemeinsamen seelischen Lebens, teils als ein Hilfsmittel für das Verständnis der verwickelteren psychischen Vorgänge überhaupt zufällt. Nach diesen Hilfsmitteln scheidet sich daher die Psychologie der Gegenwart wieder in eine experimentelle und in eine völkerpsychologische Richtung.

Auf dem so gewonnenen Standpunkte der Psychologie kommt nun aber die Frage nach dem Verhältnis der psychischen zu den physischen Objekten selbstverständlich überhaupt in Wegfall. Beide sind ja in Wahrheit gar nicht verschiedene Gegenstände, sondern ein und derselbe Inhalt, der nur das eine Mal, bei der naturwissenschaftlichen Untersuchung, unter Abstraktion von dem Subjekt, das andere Mal, bei der psychologischen Untersuchung, in seiner unmittelbaren Beschaffenheit und in seinen durchgängigen Beziehungen zu dem Subjekt betrachtet wird. Denn alle metaphysischen Hypothesen über dieses Verhältnis sind unter diesem Gesichtspunkte Lösungen eines Problems, das auf einer falschen Fragestellung beruht. Muß die Psychologie im Zusammenhang der psychischen Vorgänge selbst, weil diese unmittelbare Erfahrungsinhalte sind, auf metaphysische Hilfshypothesen verzichten, so steht es ihr dagegen, da innere und äußere Erfahrung einander ergänzende Betrachtungsweisen einer und derselben Erfahrung sind, frei, überall, wo der Zusammenhang der seelischen Vorgänge Lücken bietet, auf die physische Betrachtungsweise derselben zurückzugehen, um nachzuforschen, ob unter diesem veränderten, der Naturwissenschaft entlehnten Gesichtspunkte die vermißte Kontinuität herzustellen sei. Das nämliche gilt dann aber in umgekehrter Richtung auch für die Lücken, die in dem Zusammenhang unserer physiologischen Erkenntnisse bestehen. Auch diese pflegt man in der Tat eventuell durch Glieder zu ergänzen, die sich nur der psychologischen Betrachtung der Erfahrungsinhalte darbieten. So ist es erst auf Grund einer solchen, beide Erkenntnisweisen in ihr richtiges Verhältnis setzenden Anschauung möglich, daß die Physiologie ebenso zur wahren Hilfswissenschaft der Psychologie werde, wie umgekehrt mit demselben Recht diese tatsächlich vielfach schon, namentlich im Gebiete der Sinneslehre, eine Hilfswissenschaft der Physiologie ist.

4. Innerhalb der älteren, ausschließlich auf die unmittelbare Selbstbeobachtung gegründeten empirischen Psychologie hat sich die oben bezeichnete Aufgabe der heutigen Psychologie vorbereitet, indem in der Entwicklung dieser Erfahrungspsychologie nacheinander zwei Betrachtungsweisen hervorgetreten sind: wir bezeichnen sie als die der "Vermögenspsychologie" und der "Assoziationgpsychologie".

Die Vermögenspsychologie entspricht einem deskriptiven Standpunkt der Betrachtung. Indem man die verschiedenen psychischen Vorgänge beschreibend zu unterscheiden suchte, entstand zunächst das Bedürfnis einer zweckmäßigen Klassifikation derselben. Es wurden daher Gattungsbegriffe gebildet, unter die man die verschiedenen Vorgänge ordnete. Dem Interpretationsbedürfnis, das sich immerhin auch hier bereits geltend machte, suchte man zu genügen, indem die Bestandteile eines zusammengesetzten Prozesses den auf sie anwendbaren Allgemeinbegriffen subsumiert wurden. Solche Begriffe sind z. B. Empfindung, Erkenntnis, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Einbildungskraft, Verstand, Wille u. dgl. Sie entsprechen den aus der unmittelbaren Auffassung der Naturerscheinungen hervorgegangenen physikalischen Allgemeinbegriffen wie Schwere, Wärme, Schall, Licht usw. Wenn sie nun auch, ebenso wie diese, zur ersten Ordnung der Tatsachen dienen können, so sind sie doch nicht geeignet, irgend etwas zum Verständnis derselben beizutragen. Nichtsdestoweniger hat sich die Vermögenspsychologie, die in verschiedenen Wandlungen von Aristoteles zum Teil bis auf unsere Zeit herabreicht, vielfach dieser Verwechslung schuldig gemacht. In diesem Sinne betrachtete sie jene Gattungsbegriffe als psychische Kräfte oder Vermögen, aus deren bald wechselnder, bald gemeinsamer Betätigung sie die psychischen Vorgänge erklärte. Dem gegenüber bemühte sich die Assoziationspsychologie, die gesamten seelischen Vorgänge auf die Gesetze der Aufeinanderfolge der Vorstellungen zurückzuführen. Indem diese zuerst von der neueren englischen Psychologie begründete Richtung von vornherein einen explikativen Standpunkt einnahm, machte sie zum erstenmal den Versuch, die Psychologie zu einer exakten, einigermaßen der Naturlehre ebenbürtigen Gesetzeswissenschaft zu erheben. So verdienstlich diese Bemühungen waren, so mußten sie doch ihr Ziel verfehlen, da jene Gesetze der Verbindung der Vorstellungen bei weitem nicht die Gesamtheit der seelischen Vorgänge umfaßten, und da sie überdies durchaus die Regelmäßigkeit und Ausnahmslosigkeit vermissen ließen, die den Naturgesetzen eigen ist. Indem die Assoziationspsychologie die gesamte innere Erfahrung auf Gesetze des Vorstellungsverlaufs zurückzuführen sucht, die diesen den Charakter einer eigenartigen, aber in der Notwendigkeit des Verlaufs den mechanischen Naturvorgängen ähnlichen psychischen Mechanik verleihen, trifft sie übrigens mit einem letzten Ausläufer der metaphysischen Psychologie zusammen: mit Herbarts Versuch, die Psychologie auf eine "Mechanik der Vorstellungen" zurückzuführen. Beide unterscheiden sich im wesentlichen nur dadurch, daß die Assoziationspsychologie in den Assoziationsformen die letzten, nicht weiter abzuleitenden Gesetze des psychischen Geschehens erblickt, während Herbart das Wesen des Vorstellens selbst, ebenso wie die Gesetze seines Verlaufs aus metaphysischen Voraussetzungen über die Seele und ihr Verhältnis zu den andern einfachen Substanzen, an die sie im Körper gebunden ist, abzuleiten sucht.

5. Die Richtungen der Vermögens- und der Assoziationspsychologie mit Einschluß der Psychomechanik Herbarts sind im allgemeinen darin einig, daß sie auf die objektiven Inhalte der seelischen Erfahrung den Hauptwert legen und die subjektiven Bestandteile, die Gefühle, Affekte usw., als untergeordnete oder erst aus den Empfindungen und Vorstellungen abzuleitende Erscheinungen betrachten. Da nun die Vorstellungen und ihre Verbindungen an den Prozessen des Erkennens vorzugsweise beteiligt sind, so pflegt man diese den älteren Richtungen der Psychologie gemeinsame Tendenz als die des Intellektualismus zu bezeichnen. Sie ist in der Vermögenspsychologie noch am wenigsten ausgeprägt, wie die hier meist angenommene Gliederung des Seelenlebens in Erkenntnis-, Gefühls- und Begehrungsvermögen zeigt. Sie ist aber immerhin schon darin angedeutet, daß das Erkenntnisvermögen als das vorherrschende betrachtet wird, indem man das Fühlen und das Begehren nicht selten als dunkle Erkenntnisakte zu deuten sucht. Dies hängt mit der weiteren, eine spezifische Form des Intellektualismus bildenden Eigenschaft der Vermögenspsychologie zusammen, daß sie überall, wo sie neben der Unterordnung unter die Vermögensbegriffe eine Interpretation irgendwelcher Vorgänge zu geben sucht, diese in Akte einer bewußten oder unbewußten logischen Reflexion überträgt. So ist die Vermögenspsychologie in der Regel zugleich Reflexionspsychologie. Insofern das Wesen der letzteren darin besteht, die eigenen Reflexionen des Psychologen über die Tatsachen in diese selbst zu verlegen, schließt sie sich der populären Interpretationsweise der seelischen Vorgänge am nächsten an. Im Gegensatze zu dieser logischen Richtung schließt nun die Assoziationspsychologie samt der ihr verwandten Vorstellungsmechanik eine reflexionsmäßige Interpretation eigentlich aus. Da sich jedoch die hier zugrunde liegende Annahme einer der Naturkausalität verwandten Gesetzmäßigkeit nicht strenge durchführen läßt, und überdies die populäre psychologische Reflexion fortwährend einen gewissen Einfluß ausübt, so ist in mehr oder minder großem Umfang die Tendenz zu einer Übertragung der wirklichen psychischen Vorgänge in subjektive Reflexionen über dieselben ein gemeinsames Erbteil aller Richtungen des Intellektualismus geblieben. Mit dieser pflegt sich dann noch eine zweite Tendenz zu verbinden, die besonders innerhalb der Assoziationspsychologie und der ihr verwandten Psychomechanik Herbarts die Auffassung des seelischen Lebens beeinträchtigt hat. Sie besteht in der falschen Verdinglichung der Vorstellungen. Indem man nämlich die Vorstellungen als die Bilder der Objekte selbst betrachtet, ist man geneigt, die Eigenschaften dieser auf die Vorstellungen zu übertragen. Man nimmt also an, diese seien, gerade so wie die Außendinge, auf die sie von uns bezogen werden, relativ beharrende Gegenstände, die aus dem Bewußtsein verschwinden und unverändert wieder in dasselbe eintreten könnten. Zwar sollen sie, je nachdem sie unmittelbar durch äußere Sinneseindrücke entstehen oder als bloße Erinnerungsbilder auftreten, bald stärker und deutlicher, bald schwächer und undeutlicher von uns wahrgenommen werden: aber in ihrer qualitativen Beschaffenheit sollen sie im allgemeinen konstant bleiben.

6. Sobald nun die Auffassung zur Geltung gelangt, daß die sogenannte "innere Erfahrung", mit deren Untersuchung sich die Psychologie beschäftigt, nichts anderes ist als die gesamte Erfahrung in ihrer unmittelbaren subjektiven Wirklichkeit, so wird damit zunächst die falsche Verdinglichung der subjektiven Vorstellungen hinfällig, da die Vorstellungen ebenso wenig relativ ruhende Objekte sind, wie die Affekte und Willenshandlungen, sondern genau wie diese stetig sich verändern, so daß sich alle diese psychischen Erlebnisse als ein fortwährend fließendes Geschehen darstellen, dessen einzelne Bestandteile überdies innig aneinander gebunden sind. Nicht minder erscheint aber diesem Gesamtinhalt der unmittelbaren Erfahrung gegenüber der Intellektualismus selbst, insofern er von allen psychischen Erfahrungsinhalten nur die Vorstellungen berücksichtigt, als eine unzulängliche, offenbar noch immer unter den Nachwirkungen des metaphysischen Intellektualismus älterer Zeit stehende Richtung der empirischen Psychologie. Indem sich in dieser die Überzeugung durchsetzt, daß die innere Erfahrung nichts anderes als die unmittelbare Erfahrung in der Fülle ihrer Erscheinungen ist, müssen aber notwendig die subjektiven Bestandteile durchaus als gleichwertig den auf Objekte bezogenen Inhalten, den Vorstellungen, anerkannt werden. Insofern nun unter allen diesen Inhalten der Erfahrung nur der Willensvorgang in seiner entwickelten Form alle übrigen Gefühle, Empfindungen, Vorstellungen in sich schließt, in diesem Sinne also ein in einen einzigen Verlauf zusammengefaßtes Bild der komplexen Beschaffenheit des Seelenlebens überhaupt ist, hat man diese Richtung auch als die voluntaristische oder, zum Unterschiede von gewissen metaphysischen Lehren, die den Willen zum letzten Grund des Seins erheben, als den psychologischen Voluntarismus bezeichnet. Dieser Ausdruck will demnach keineswegs sagen, alles psychische Geschehen gehe auf Willensvorgänge zurück, sondern er will nur einerseits das für die Willenshandlungen allgemein anerkannte Prinzip des fortwährenden Flusses der Erscheinungen als gültig für alle psychischen Inhalte hervorheben; und er will anderseits die Gleichberechtigung der sämtlichen in einem komplexen Willensvorgang enthaltenen subjektiven und objektiven Bestandteile anerkennen, mögen sie nun wirklich in einem solchen oder aber außerhalb desselben als relativ selbständige Inhalte vorkommen.

Stellt sich durch diese allseitige Berücksichtigung der psychischen Elemente die Psychologie der unmittelbaren Erfahrung in einen Gegensatz zu jeder Art intellektualistischer Psychologie, so berichtigt sie nun aber die Einseitigkeit speziell der Assoziationspsychologie noch in zwei Beziehungen. Erstens weist sie den Schematismus der sogenannten Assoziationsformen, wie Ähnlichkeit, Gegensatz, Gleichzeitigkeit usw., als eine künstliche Begriffsgliederung nach, die mit der falschen Verdinglichung der Vorstellungen von selbst hinfällig wird, um einer Auffassung Platz zu machen, die in den Assoziationen die komplexen Produkte einer Fülle zusammenwirkender Empfindungs- und Gefühlsprozesse sieht (§ 16). Zweitens führt die allseitige Berücksichtigung der Erfahrungsinhalte, die die Psychologie der unmittelbaren Erfahrung fordert, unvermeidlich zu der Erkenntnis, daß die Beschränkung aller psychischen Erfahrung auf den Mechanismus der Assoziationen bei der Interpretation gerade der wichtigsten psychischen Vorgänge, der von der Vermögenspsychologie sogenannten Phantasie- und Verstandestätigkeiten, durchaus unzulänglich bleibt, indem sie hier überall nur die Komponenten der psychischen Erzeugnisse berücksichtigt, die Resultanten dieser höheren Bewußtseinsvorgänge aber unbeachtet läßt. Indem nun diese psychischen Resultanten in den Akten der Apperzeption, wie wir nach dem Vorgange von Leibniz diese in elementarer Form bei der Einstellung der Aufmerksamkeit, in einer verwickelteren bei der Bildung des Selbstbewußtseins wirksamen Prozesse nennen, zum Ausdruck gelangen, läßt sich schließlich die so entstandene Richtung auch als Apperzeptionspsychologie der Vermögens- und der Assoziationspsychologie gegenüberstellen. Natürlich darf aber dieser Ausdruck wiederum nicht so gedeutet werden, als wolle diese Richtung alles psychische Geschehen auf Apperzeptionsprozesse zurückführen. Das will sie ebenso wenig, wie der psychologische Voluntarismus das Wollen zum einzigen Inhalt des Bewußtseins macht. Vielmehr sucht gerade die Apperzeptionspsychologie überall nachzuweisen, wie die Apperzeptionsprozesse und die an sie gebundenen höheren seelischen Bildungen die Resultanten elementarer Faktoren sind, die in einem berichtigten und verallgemeinerten Sinne als elementare Assoziationsprozesse betrachtet werden können. Der Ausdruck "Apperzeptionspsychologie" soll also nur andeuten, daß diese Richtung auf die komplexen Produkte des Seelenlebens mehr Wert legt als auf seine elementaren Bedingungen, so sehr auch das Bemühen der Psychologie überall darauf gerichtet sein muß, jene aus diesen herzuleiten. (Über die Apperzeption und die apperzeptiven Prozesse vgl. unten § 15 und 17.)

7. Die leitenden Prinzipien der folgenden Betrachtungen können wir hiernach in drei Sätze zusammenfassen:

1) Die innere oder psychologische Erfahrung ist kein besonderes Erfahrungsgebiet neben andern, sondern sie ist die unmittelbare Erfahrung überhaupt.

2) Diese unmittelbare Erfahrung ist kein ruhender Inhalt, sondern ein Zusammenhang von Vorgängen; sie besteht nicht aus Objekten, sondern aus Prozessen, nämlich aus den allgemeingültigen menschlichen Erlebnissen und ihren gesetzmäßigen Wechselbeziehungen.

3) Jeder dieser Prozesse hat einerseits einen objektiven Inhalt und ist anderseits ein subjektiver Vorgang, und er schließt auf diese Weise die allgemeinen Bedingungen alles Erkennens sowohl wie aller praktischen Betätigungen des Menschen in sich.

Diesen drei Bestimmungen entspricht eine dreifache Stellung der Psychologie zu andern Wissensgebieten:

1) Als Wissenschaft der unmittelbaren Erfahrung ist sie gegenüber den Naturwissenschaften, die infolge der bei ihnen obwaltenden Abstraktion von dem Subjekt überall nur den objektiven, mittelbaren Erfahrungsinhalt zum Gegenstand haben, die ergänzende Erfahrungswissenschaft. Nach ihrer vollen Bedeutung kann irgendeine einzelne Erfahrungstatsache strenggenommen immer erst gewürdigt werden, wenn sie die Probe der naturwissenschaftlichen und der psychologischen Analyse bestanden hat. In diesem Sinne sind daher auch ebensowohl Physik und Physiologie Hilfswissenschaften der Psychologie, wie diese hinwiederum eine Hilfsdisziplin der Naturforschung ist.

2) Als Wissenschaft von den allgemeingültigen Formen unmittelbarer menschlicher Erfahrung und ihrer gesetzmäßigen Verknüpfung ist sie die Grundlage der Geisteswissenschaften. Denn der Inhalt der Geisteswissenschaften besteht überall in den aus unmittelbaren menschlichen Erlebnissen hervorgehenden Handlungen und ihren Wirkungen. Insofern die Psychologie die Untersuchung der Erscheinungsformen und Gesetze dieser Handlungen zu ihrer Aufgabe hat, ist sie selbst die allgemeinste Geisteswissenschaft und zugleich die Grundlage aller einzelnen, wie der Philologie, Geschichte, Nationalökonomie, Rechtswissenschaft usw.

3) Da die Psychologie die beiden fundamentalen Bedingungen, die dem theoretischen Erkennen wie dem praktischen Handeln zugrunde liegen, die subjektiven und die objektiven, gleichmäßig berücksichtigt und in ihrem Wechselverhältnis zu bestimmen sucht, so ist sie unter allen empirischen Disziplinen diejenige, deren Ergebnisse zunächst der Untersuchung der allgemeinen Probleme der Erkenntnistheorie wie der Ethik, der beiden grundlegenden Gebiete der Philosophie, zustatten kommen. Wie die Psychologie gegenüber der Naturwissen-schaft die ergänzende, gegenüber den Geisteswissenschaften die grundlegende, so ist sie daher gegenüber der Philosophie die vorbereitende empirische Wissenschaft.

7a. Gehen wir von der Scheidung der Psychologie in die beiden freilich besonders in älterer Zeit vielfach ineinander greifenden Gegensätze der metaphysischen und der empirischen Psychologie aus, so lassen sich nach der obigen Entwicklung die Hauptrichtungen beider in dem folgenden Schema überblicken:

Die geschichtliche Entwicklung dieser Richtungen ist vielfach eine gleichzeitige; doch ist sie im ganzen so erfolgt, daß die auf der linken Seite verzeichneten Anschauungen denen der rechten vorangingen, also innerhalb der metaphysischen Systeme die dualistischen den monistischen und der mechanische dem psychophysischen Materialismus, in der empirischen Psychologie die Vermögenslehre der Assoziations- und diese der Apperzeptionspsychologie. Das älteste Werk, welches die Psychologie als selbständige Wissenschaft behandelt, des Aristoteles Schrift "über die Seele", gehört metaphysisch dem Dualismus an (die Seele ist das belebende Prinzip des Körpers), empirisch der Vermögenspsychologie (die Seele hat die drei Grundvermögen: Ernährung, Empfindung und Denken). Die neuere spiritualistische Psychologie geht von dem Dualismus Descartes' (1596–1650) aus, der die Seele als das denkende und nicht ausgedehnte Wesen der ausgedehnten, nicht denkenden Materie gegenüberstellt und annimmt, sie sei mit dieser in einem bestimmten Punkte des menschlichen Gehirns (der Zirbeldrüse) verbunden. Der neuere Materialismus hat in Thomas Hobbes (1588–1679) seinen Begründer (der alte dualistische des Demokrit hat den prinzipiellen Unterschied von dem dualistischen Spiritualismus noch nicht ausgebildet). Er und im 18. Jahrhundert Lamettrie, Holbach vertreten einen mechanischen, Diderot, Helvétius einen psycho-physischen Materialismus, welch letzterer auch noch in neuester Zeit Anhänger zählt. Der spiritualistische Monismus ist in der Leibnizschen Monadologie (1646–1716) zur Ausbildung gelangt, an welche in neuerer Zeit Herbart (1776–1841) und seine Schule, Lotze u. a. anknüpfen. Als der Begründer der Psychologie des inneren Sinnes kann John Locke (1632–1704) gelten. In neuerer Zeit haben teilweise Kant, besonders aber Ed. Beneke (1798–1854), K. Fortlage u. a. diese Auffassung stark betont. Die moderne Vermögenspsychologie schließt sich an Chr. Wolff an (1679–1754), der als die Hauptvermögen Erkennen und Begehren unterschied. Häufiger werden seit Tetens (1736–1805), wie schon bei Plato, drei angenommen: Erkennen, Fühlen und Begehren; so auch von Kant. Unter den diese Richtungen begleitenden psychologischen Interpretationsweisen ist der logische Intellektualismus die älteste. Er entspricht der vulgären Interpretation der psychischen Vorgänge (Vulgärpsychologie). Bei den älteren Empirikern, z. B. bei Locke und selbst bei Berkeley (1684–1753), der wegen seiner Untersuchungen über die "Theorie des Sehens" ein Vorläufer der neueren experimentellen Psychologie ist, herrscht diese Betrachtungsweise vor. In der Gegenwart ist sie namentlich in den psychologischen Erörterungen physiologischer Autoren, z. B. in der Behandlung der Sinneswahrnehmung, zu finden. Unter den Philosophen vertritt diesen Standpunkt logischer Reflexion in neuerer Zeit, an die Scholastik anknüpfend, besonders Franz Brentano mit seiner Schule, in der übrigens besonders A. Meinong selbständige Wege einschlägt. Die Assoziationspsychologie ist ungefähr gleichzeitig von David Hartley (1704–1757) und David Hume (1711–1776) begründet worden. Beide verfolgen dabei bereits verschiedene Richtungen derselben, die bis in die Gegenwart fortdauern: eine physiologische, die den Assoziationsvorgang auf physische Bedingungen zurückführt (Hartley), und eine psychologische, die ihn als einen psychischen Vorgang auffaßt (Hume). Die erstere huldigt demnach zugleich dem psychophysischen Materialismus: so unter den neueren Psychologen Herbert Spencer. Der psychologischen Richtung der Assoziationslehre verwandt ist die Psychologie Herbarts, dessen Statik und Mechanik der Vorstellungen ebenfalls streng intellektualistisch ist (Fühlen, Wollen u. dgl. läßt er nur als Zustände der Vorstellungen gelten), und auch in der mechanischen Grundauffassung des Seelenlebens mit der Assoziationspsychologie wesentlich übereinstimmt; doch sucht H. durch verschiedene hypothetische Voraussetzungen der Lehre eine exakte mathematische Form zu geben. Zu einer Apperzeptionspsychologie finden sich bei den Psychologen der "reinen Selbstbeobachtung" sowie bei den Assoziationspsychologen manche Anfänge. Grundsätzlich hat diesen Standpunkt der Verf. des vorliegenden Grundrisses in seinen psychologischen Arbeiten zur Geltung gebracht. Dabei lassen sich übrigens innerhalb der Entwicklung der neueren Apperzeptionspsychologie wieder eine induktive und eine deduktive Richtung unterscheiden. Die erstere, die von dem Verf. vertreten wird, ist von der experimentellen Analyse der Bewußtseinsvorgänge ausgegangen. Sie ist daher eine streng empirische und sucht demgemäß im Sinne der Auffassung der Psychologie als einer Wissenschaft der gesamten subjektiven Erfahrung zunächst aus den Elementen des Seelenlebens die Entstehung der einfacheren psychischen Gebilde und dann aus dem Zusammenhang dieser die Apperzeptionsvorgänge zu begreifen. Die deduktive Richtung der Apperzeptionspsychologie wird in der Gegenwart hauptsächlich von Th. Lipps vertreten. In ihr wirken gewisse metaphysische Richtungen der Vergangenheit, besonders die Ichphilosophie Fichte’s und der Seelenbegriff Herbart’s, nach. Sie geht, im Gegensatz zu der vorigen Richtung, von der Apperzeption oder, was in diesem Fall sogleich an deren Stelle tritt, von dem "Ich" aus und sucht nun die gesamten seelischen Vorgänge teils als bewußte, teils aber auch als unbewußte Tätigkeiten des Ich oder der mit dem Ich identisch gedachten Seele darzustellen. Die Methode dieser Richtung ist demnach, wie namentlich die neueren Werke von Lipps zeigen, in denen sie deutlicher zur Ausbildung gelangt ist, eine wesentlich spekulative und dialektische, während das Experiment mehr zur eventuellen Bestätigung der Betrachtungen herbeigezogen wird. Vorzugsweise mit der induktiven dieser beiden Richtungen verbindet sich, im Gegensatz zu den verschiedenen Formen des Intellektualismus, der psychologische Voluntarismus. Dabei ist übrigens dieser durchaus von dem metaphysischen Voluntarismus zu scheiden, wie ihn z. B. Schopenhauer entwickelt hat. Geht der letztere auf einen transzendenten "Urwillen" zurück, der jenseits der Erscheinungswelt als Grundlage der letzteren gedacht wird, so betrachtet der psychologische Voluntarismus den empirischen Willensvorgang mit seiner Zusammensetzung aus Gefühlen, Empfindungen und Vorstellungen als das typische Beispiel eines Bewußtseinsvorgangs überhaupt. Ihm ist also das Wollen selbst ein zusammengesetztes Geschehen, das gerade der Beteiligung der verschiedensten psychischen Elemente an ihm seine typische Bedeutung verdankt.

Literatur. Zur Psychologie des inneren Sinnes: Locke, An essay concerning human understanding, 1690. Ed. Beneke, Psychologische Skizzen, 2 Bde. 1825–1827. Lehrbuch der Psychologie als Naturwissenschaft, 1833, 4. Aufl. 1877. K. Fortlage, System der Psychologie, 2 Bde. 1855. Zur Vermögenspsychologie: Chr. Wolff, Psychologia empirica, 1732. Psychologia rationalis, 1734. Vernünftige Gedanken von Gott, der Welt, der Seele des Menschen usw., 1719. Nik. Tetens, Philosophische Versuche über die menschliche Natur, 1776–1777. Kant, Anthropologie, 1798 (eine praktische Psychologie, wegen ihrer zahlreichen feinen Beobachtungen noch heute lesenswert). Zur Assoziationspsychologie: Hartley, Observations on man, 1749. Priestley, Hartleys Theory of human mind, 1775. Hume, Treatise on human nature, 1739 bis 1740. Enquiry concerning human understanding, 1748. James Mil1, Analysis of the human mind, 1829, neu herausgeg. mit Anm. von Bain, John Stuart Mill u. a. 1869. Alex. Bain, The senses and the intellect, 1855. The emotions and the will, 1859. Herbart Spencer, Psychology 2 vol., 1855. (Nach der 3. Aufl. übers. von B. Vetter, 1882). Herbart, Psychologie als Wissenschaft, 2 Bde., 1824–1825. Lehrbuch zur Psychologie, 1816. (Bd. 5 und 6 der ges. Werke.) Als Werke, welche die experimentelle Richtung der Psychologie vorbereiten, sind zu nennen: Herm. Lotze, Medizinische Psychologie, 1852. Gust. Theod. Fechner, Elemente der Psychophysik, 2 Bde., 1860. Von den umfassenderen Darstellungen neuester Zeit gehören der Herbartschen Schule an: W. F. Volkmann, Lehrbuch der Psychologie, 2 Bde., 4. Aufl. 1894. M. Lazarus, Leben der Seele in Monographien, 3. Aufl., 3 Bde., 1883. Der Assoziationspsychologie (meist zugleich mit Hinneigung zum psychophys. Materialismus) folgen: Osw. Külpe, Grundriß der Psychologie, 1893 Herm. Ebbinghaus, Grundzüge der Psychologie, Bd. l, 1897–1902. 2. Aufl., 1906. Bd. 2, 1908–1913. Th. Ziehen, Leitfaden der physiologischen Psychologie, 10. Aufl., 1914. Münsterberg, Grundzüge der Psychologie, l. (einziger) Band, 1900. Alfr. Lehmann, Grundzüge der Psychophysiologie, 1912. Eine vermittelnde Stellung zwischen Assoziations- und voluntaristischer Psychologie halten inne: Höffding, Psychologie, 5. Aufl., 1914. W. Jerusalem, Lehrbuch der empirischen Psychologie, 2. Aufl., 1900. Einen in der Methode der Scholastik verwandten Intellektualismus vertreten: F. Brentano, Psychologie vom empirischen Standpunkte, l. (einziger) Bd., 1874. Meinong, Psychologisch-ethische Untersuchungen zur Werttheorie, 1894. Untersuchungen zur Gegenstandstheorie und Psychologie, 1904. Der spekulativen Richtung der Apperzeptionspsychologie, zugleich mit zunehmender Neigung zu dialektischer Begriffszergliederung gehören an: Th. Lipps, Grundtatsachen des Seelenlebens, 1883. Leitfaden der Psychologie, 1903, 3. Aufl. 1909. Vom Fühlen, Wollen und Denken. 2. Aufl. 1907. Eine induktive Apperzeptionspsychologie im oben ausgeführten Sinne, unter besonderer Berücksichtigung der experimentellen Methoden und ihrer Ergebnisse vertritt der Verf. dieses Grundrisses in seinen Grundzügen der physiologischen Psychologie, 3 Bde., 6. Aufl., 1908–1911, der Einführung in die Psychologie, 1911, 2. Aufl. 1912, und den Vorlesungen über die Menschen- und Tierseele, 5. Aufl., 1911. Dazu kommen für die komplexen psychischen Funktionen des Verf.'s Völkerpsychologie, Bd. l u. 2 Sprache 3. Aufl., Bd. 3 Kunst 2. Aufl., Bd. 4 Mythus und Religion l. Teil, 2. Aufl. 1909, 2. Teil 1910, dazu als zusammenfassende Darstellung des ganzen Gebiets: Elemente der Völkerpsychologie 1912. Bearbeitungen mit vorwaltender philosophischer Kritik der psychologischen Grundbegriffe bieten: Uphues, Psychologie des Erkennens, l. (bis jetzt einziger) Band, 1893. J. Rehmke, Lehrbuch der allgemeinen Psychologie, 1894, 2. Aufl., 1906. Natorp, Einleitung in die Psychologie, 1888. Th. Ziehen, Die Grundlagen der Psychologie, 2 Bde., 1915. Vom empirischen Standpunkte aus, zugleich mit Rücksicht auf die neuere experimentelle Psychologie Fr. Jodl, Lehrbuch der Psychologie, 3. Auf L, 2 Bde., 1908. Th. Elsenhans, Lehrbuch der Psychologie, 1912. Hieran schließen sich die Schriften über angewandte Psychologie, besonders W. Stern, Die differentielle Psychologie in ihren methodischen Grundlagen, 1912. Die der englisch-amerikanischen sowie der französischen Literatur angehörenden Darstellungen folgen meistens der Assoziationspsychologie. Oft neigen sie überdies dem psychophysischen Materialismus oder auch dem dualistischen Spiritualismus, andere, wie besonders James, dem Voluntarismus zu. Aus der großen Zahl amerikanischer Werke über Psychologie seien hier genannt: W. James, Principles of Psychology, 2 vol., 1890. Ladd, Psychology, descriptive and explanatory, 1884. Baldwin, Handbook of Psychology, 1889. E. W. Scripture, The new Psychology, 1897. E. B. Titchener An Outline of Psychology, 1896. Text-Book of Psyohology. 2 vol. 1909. Deutsch von 0. Klemm, 1910–1912. M. Stratton, Experimental Psychology and its Bearing upon Culture, 1903. Aus der französischen Literatur sind Th. Ribot’s Monographien über die verschiedenen Teile der Psychologie bemerkenswert (Attention, Maladies de la mémoire et de la volonté, Mal. de la personnalité, Sentiments, Idées générales, Imagination créatrice), sowie die Arbeiten von Alfr. Fouillée, L'évolutionisme des idées-forces, 1890, Psychologie des idées-forces, 1893, der einen dem deutschen Voluntarismus verwandten, dabei aber stark metaphysischen, zum Teil von platonisierenden Ideen beeinflußten Standpunkt einnimmt. Als Schriften zur Geschichte der Psychologie sind besonders zu nennen: H. Siebeck, Geschichte der Psychologie, Tl. l, 1880–1884, dazu Arch. f. Gesch. d. Philos., Bd. L–3 (Altertum und Mittelalter). 0. Klemm, Geschichte der Psychologie, 1911. F. Alb. Lange, Geschichte des Materialismus, 2 Bde., 5. Aufl., 1896. Max Dessoir, Geschichte der neueren deutschen Psychologie, 2. Aufl., 1902, l. (bis jetzt einziger) Band. Abriß einer Geschichte der Psychologie, 1912. B. Sommer, Grundzüge einer Geschichte der deutschen Psychologie und Ästhetik von Wolff-Baumgarten bis Kant-Schiller, 1892. Th. Ribot, Psychologie anglaise contemp., 2me édit., 1875. Psychologie allemande contemp., 2me édit., 1885. W. Wundt, Psychologie, in: Die Philosophie im Beginn des 20. Jahrh. (Festschrift für Kuno Fischer) 2. Aufl., 1906.

METHODEN DER PSYCHOLOGIE

Inhaltsverzeichnis

l. Da die Psychologie nicht spezifische Erfahrungsinhalte, sondern die allgemeine Erfahrung in ihrer unmittelbaren subjektiven Beschaffenheit zu ihrem Gegenstand hat, so kann sie sich auch keiner andern Methoden bedienen als solcher, wie sie von den Erfahrungswissenschaften überhaupt zur Feststellung von Tatsachen sowie zur Analyse und kausalen Verknüpfung derselben angewandt werden. Insbesondere kann der Umstand, daß die Naturwissenschaft von dem Subjekt abstrahiert, während die Psychologie dies nicht tut, zwar Modifikationen in der Anwendungsweise, nicht aber solche in der wesentlichen Beschaffenheit der von beiden angewandten Methoden begründen.

Nun benutzt die Naturwissenschaft, die hier als das früher ausgebildete Forschungsgebiet der Psychologie zum Vorbilde dienen kann, zwei Hauptmethoden: das Experiment und die Beobachtung. Das Experiment besteht in einer Beobachtung, die sich mit der willkürlichen Einwirkung des Beobachters auf die Entstehung und den Verlauf der zu beobachtenden Erscheinungen verbindet. Die Beobachtung im engeren Sinn untersucht die Erscheinungen ohne derartige Einwirkungen, so wie sie sich in dem Zusammenhang der Erfahrung von selbst dem Beobachter darbieten. Wo überhaupt eine experimentelle Einwirkung möglich ist, da pflegt. man diese in der Naturwissenschaft stets anzuwenden, weil es unter allen Umständen, auch wenn die Erscheinungen an und für sich schon einer zureichend exakten Beobachtung zugänglich sind, von Vorteil ist, Eintritt und Verlauf derselben willkürlich bestimmen oder auch einzelne Teile einer zusammengesetzten Erscheinung willkürlich isolieren zu können. Zugleich aber hat sich in der Naturwissenschaft eine Scheidung dieser beiden Methoden nach gewissen Gebieten vollzogen, insofern man im allgemeinen für bestimmte Probleme die experimentelle Methode für unentbehrlicher hält als für andere, bei denen der gewünschte Zweck nicht selten bereits durch die bloße Beobachtung erreicht werden kann. Diese beiden Gattungen von Problemen richten sich, von wenigen durch besondere Verhältnisse bedingten Ausnahmen abgesehen, nach der allgemeinen Unterscheidung der Naturerscheinungen in Naturvorgänge und in Naturgegenstände.

Irgendein Naturvorgang, z.B. eine Licht-, eine Tonbewegung, eine elektrische Entladung, eine Muskelzuckung, fordert zum Behuf der exakten Feststellung seines Verlaufs und der Analyse seiner Bestandteile stets experimentelle Einwirkungen. In der Regel sind diese schon deshalb wünschenswert, weil sich genaue Beobachtungen nur anstellen lassen, wenn man den Augenblick des Eintritts der Erscheinungen selbst zu bestimmen vermag. Sodann aber sind sie unerläßlich, um die verschiedenen Bestandteile einer komplexen Erscheinung voneinander zu sondern. Denn dies kann zumeist nur dadurch geschehen, daß man willkürlich gewisse Bedingungen wegläßt oder hinzufügt, oder auch in ihrer Größe verändert. Anders verhält sich dies mit den Naturgegenständen. Da sie relativ konstante Objekte sind, die jederzeit dem Beobachter zur Verfügung stehen und der Betrachtung desselben standhalten, so ist bei ihnen eine experimentelle Untersuchung meist nur dann erforderlich, wenn man die Prozesse ihrer Entstehung oder ihrer Veränderungen erforschen will. Wo es sich dagegen nur um die tatsächliche Beschaffenheit von Naturgegenständen handelt, da reicht im allgemeinen die bloße Beobachtung aus. In diesem Sinne sind z. B. die Mineralogie, Botanik, Zoologie, Anatomie, Geographie u. a. reine Beobachtungswissenschaften, solange nicht, was freilich häufig vorkommt, physikalische, chemische, physiologische, kurz solche Probleme in sie hineingetragen werden, die auf gewisse Naturvorgänge zurückgehen.

2. Wendet man diese Gesichtspunkte auf die Psychologie an, so springt in die Augen, daß sie durch ihren Inhalt direkt auf die Wege derjenigen Gebiete hingewiesen wird, in denen eine exakte Beobachtung nur in der Form der experimentellen Beobachtung möglich ist. Den Inhalt der Psychologie bilden ausschließlich Vorgänge, nicht dauernde Objekte. Um den Eintritt und den Verlauf dieser Vorgänge, ihre Zusammensetzung aus verschiedenen Bestandteilen und die Wechselbeziehungen dieser Bestandteile exakt zu untersuchen, müssen wir vor allem jenen Eintritt willkürlich herbeiführen und die Bedingungen desselben nach unsrer Absicht variieren, was hier wie überall nur auf dem Wege des Experiments geschehen kann. Zu diesem allgemeinen kommt aber bei der Psychologie noch ein besonderer Grund, der bei den Naturerscheinungen als solchen nicht in gleicher Weise besteht. Indem wir nämlich bei diesen geflissentlich von dem wahrnehmenden Subjekt abstrahieren, kann es unter Umständen auch der bloßen Beobachtung, namentlich wenn sie, wie in der Astronomie, durch die Regelmäßigkeit der Erscheinungen begünstigt wird, gelingen, den objektiven Inhalt der Vorgänge mit zureichender Sicherheit festzustellen. Da hingegen die Psychologie grundsätzlich von dem Subjekt nicht abstrahieren darf, so würden bei ihr immer nur dann die Bedingungen der zufälligen Beobachtung zureichend günstige sein, wenn in oft wiederholten Fällen die nämlichen objektiven Bestandteile der unmittelbaren Erfahrung mit dem nämlichen Zustande des Subjekts zusammenträfen. Daß dies jemals der Fall sein würde, ist bei der großen Verwicklung der psychischen Vorgänge um so weniger zu erwarten, als insbesondere die Absicht der Beobachtung, die bei jeder exakten Untersuchung vorhanden sein muß, Eintritt und Verlauf der psychischen Vorgänge wesentlich verändert. Da nun die Hauptaufgabe der Psychologie gerade in der genauen Ermittelung der Entstehungs- und Verlaufsweise der subjektiven Vorgänge besteht, so muß hier jene Absicht der Beobachtung, wenn sie in der Form der gewöhnlichen, nicht durch experimentelle Hilfsmittel unterstützten Selbstbeobachtung ausgeführt wird, entweder die zu beobachtenden Tatsachen wesentlich verändern oder ganz und gar unterdrücken. Dagegen ist die Psychologie schon durch die natürliche Entstehungsweise ihrer Prozesse, ebensogut wie die Physik und die Physiologie, auf das experimentelle Verfahren angewiesen. Eine Empfindung entsteht unter den für die Beobachtung günstigen Bedingungen, wenn sie durch einen äußeren Sinnesreiz erregt wird. Die Vorstellung eines Gegenstandes wird ursprünglich stets durch ein mehr oder minder verwickeltes Zusammenwirken von Sinnesreizen hervorgebracht. Wollen wir die psychologische Bildungsweise einer Vorstellung studieren, so werden wir daher keinen andern Weg wählen können als den, daß wir diese natürliche Entstehung derselben nachahmen, wodurch wir zugleich den großen Vorteil genießen; durch willkürlich veränderte Kombination der zusammenwirkenden Eindrücke die Vorstellung selbst zu verändern und so über den Einfluß, den jede einzelne Bedingung auf das entstehende Produkt ausübt, Aufschluß zu erhalten. Erinnerungsvorstellungen werden zwar nicht direkt durch äußere Sinneseindrücke hervorgerufen, sondern sie folgen solchen erst nach kürzerer oder längerer Zeit. Aber auch über ihre Eigenschaften läßt sich ein einigermaßen sicherer Aufschluß erst dann gewinnen, wenn man sich nicht auf ihren zufälligen Eintritt verläßt, sondern solche Erinnerungen benutzt, die in einer experimentell geregelten Weise durch vorangehende Eindrücke veranlaßt werden. Nicht anders verhält es sich schließlich mit den Gefühlen, den Willensvorgängen: Man wird sie in der für eine exakte Untersuchung geeignetsten Beschaffenheit herstellen, wenn man willkürlich diejenigen Einwirkungen hervorbringt, die erfahrungsgemäß regelmäßig mit Gefühls- und Willensreaktionen verbunden sind. Demnach gibt es keinen der fundamentaleren psychischen Vorgänge, auf den nicht die experimentelle Methode anwendbar, und deshalb zugleich keinen, bei dessen Untersuchung sie nicht aus logischen Gründen gefordert wäre.

3. Dagegen ist die reine Beobachtung, wie sie in vielen Gebieten der Naturwissenschaft möglich ist, innerhalb der individuellen Psychologie im exakten Sinne nach dem Charakter des psychischen Geschehens ausgeschlossen. Sie wäre nur denkbar, wenn es ähnliche beharrende und von unserer Aufmerksamkeit unabhängige psychische Objekte gäbe, wie es relativ beharrende und durch unsere Beobachtung nicht zu verändernde Naturobjekte gibt. Nichtsdestoweniger stehen auch der Psychologie Tatsachen zu Gebote, die, obgleich nicht wirkliche Gegenstände, doch insofern den Charakter psychischer Objekte besitzen, als ihnen eben jene Merkmale der relativ beharrenden Beschaffenheit und der Unabhängigkeit von dem Beobachter zukommen, während sie zugleich einer experimentellen Einwirkung im gewöhnlichen Sinne unzugänglich sind. Diese Tatsachen sind die geschichtlich entstandenen geistigen Erzeugnisse, wie die Sprache, die mythologischen Vorstellungen, die Sitten. Ihr Ursprung und ihre Entwicklung beruhen überall auf allgemeinen psychischen Bedingungen, auf die sich aus ihren objektiven Eigenschaften zurückschließen läßt. Alle solche Geisteserzeugnisse von allgemeingültiger Beschaffenheit setzen übrigens die Existenz einer geistigen Gemeinschaft vieler Individuen voraus, wenn auch selbstverständlich ihre letzten Quellen die schon dem einzelnen Menschen zukommenden psychischen Eigenschaften sind. Wegen dieser Gebundenheit an die Gemeinschaft, speziell an die Volksgemeinschaft, pflegt man das ganze Gebiet dieser psychologischen Untersuchung der Geisteserzeugnisse als Völkerpsychologie zu bezeichnen und der individuellen oder, wie sie nach der in ihr vorherrschenden Methode auch genannt werden kann, experimentellen Psychologie gegenüberzustellen. Obgleich nun bei dem heutigen Zustand der Wissenschaft diese beiden Teile der Psychologie zumeist noch in getrennten Darstellungen behandelt werden, so bilden sie doch nicht sowohl verschiedene Gebiete, als vielmehr verschiedene Methoden, wobei die sogenannte Völkerpsychologie der Methode reiner Beobachtung entspricht, nur dadurch ausgezeichnet, daß in diesem Fall geistige Erzeugnisse die Objekte der Beobachtung sind. Die Gebundenheit dieser Erzeugnisse an geistige Gemeinschaften, die der Völkerpsychologie ihren Namen gegeben hat, entspringt aber aus der Nebenbedingung, daß die individuellen Geisteserzeugnisse von allzu veränderlicher Beschaffenheit sind, um sie einer objektiven Beobachtung zugänglich zu machen, und daß hier die Erscheinungen erst dann die erforderliche Konstanz annehmen, wenn sie zu Kollektiv- oder Massenerscheinungen werden.

Demnach verfügt die Psychologie, ähnlich der Naturwissenschaft, über zwei exakte Methoden: die erste, die experimentelle Methode, dient der Analyse der einfacheren psychi-schen Vorgänge; die zweite, die Beobachtung der allgemeingültigen Geisteserzeugnisse, dient der Untersuchung der höheren psychischen Vorgänge und Entwicklungen.

3a. Da die Anwendung der experimentellen Methode in der Psychologie ursprünglich aus den in der Physiologie, namentlich der Physiologie der Sinnesorgane und des Nervensystems geübten Verfahrungsweisen hervorgegangen ist, so pflegt man die experimentelle wohl auch als "physiologische Psychologie" zu bezeichnen, und den Darstellungen der letzteren werden dann in der Regel auch noch diejenigen physiologischen Hilfskenntnisse aus der Physiologie des Nervensystems und der Sinnesorgane zugewiesen, die zwar an sich nur der Physiologie angehören, dabei aber doch eine Behandlung wünschenswert machen, die dem psychologischen Interesse besonders Rechnung trägt. Demnach besitzt die "physiologische Psychologie" den Charakter einer Übergangsdisziplin, die jedoch, wie ihr Name andeutet, der Hauptsache nach Psychologie ist, und die, abgesehen von jenen physiologischen Hilfskenntnissen, wesentlich mit der "experimentellen Psychologie" in dem oben definierten Sinne zusammenfällt. Wenn daher von einigen Seiten versucht wurde, zwischen eigentlicher Psychologie und physiologischer Psychologie in der Weise zu unterscheiden, daß nur der ersten die psychologische Interpretation der inneren Erfahrung, der zweiten aber die Ableitung derselben aus physiologischen Vorgängen obliege, so ist eine solche Grenzbestimmung als unstatthaft zurückzuweisen. Es gibt nur eine Art psychologischer Kausalerklärung, und diese besteht in der Ableitung komplexerer psychischer Vorgänge aus einfacheren, in welche Interpretationsweise vermöge des oben festgestellten Verhältnisses der naturwissenschaftlichen zur psychologischen Erfahrung physiologische Zwischenglieder immer nur aushilfsweise eingehen können (§ 2, 11).

Literatur. Zur Methodik im allgemeinen das Kapitel "Logik der Psychologie" in meiner Logik, 3. Aufl., Bd. 3, 1908, Abschn. I, Kap. 3. Zur experimentellen Methodik: Phil. Stud. I, l. Psychol. Stud. III, S. 301ff. Sanford, Course in experimental Psychology, 1897–1898. E. B. Titchener, Experimental Psychology, a manual of laboratory practice, 2 vol., 1900. B. Sommer, Lehrbuch der psycho-patholog. Untersuchungsmethoden, 1899.

ALLGEMEINE ÜBERSICHT DES GEGENSTANDES

Inhaltsverzeichnis

1. Die unmittelbaren Erfahrungsinhalte, die den Gegenstand der Psychologie bilden, sind unter allen Umständen Vorgänge von zusammengesetzter Beschaffenheit. Wahrnehmungen äußerer Gegenstände, Erinnerungen an solche, Gefühle, Affekte, Willensakte sind nicht nur fortwährend in der mannigfaltigsten Weise miteinander verbunden, sondern jeder dieser Vorgänge ist regelmäßig selbst wieder ein mehr oder weniger zusammengesetztes Ganzes. Die Vorstellung eines äußeren Körpers z. B. besteht aus den Partialvorstellungen seiner Teile. Einen noch so einfachen Ton verlegen wir in irgendeine räumliche Richtung; wir bringen ihn also in Verbindung mit der selbst wieder höchst zusammengesetzten Vorstellung des äußeren Raumes. Ein Gefühl, ein Wollen beziehen wir auf irgendeine Empfindung, die das Gefühl erregt, auf ein Objekt, das gewollt wird, usw. Einem derartig komplexen Tatbestand gegenüber hat nun die wissenschaftliche Untersuchung drei Aufgaben nacheinander zu lösen. Die erste besteht in der Analyse der zusammengesetzten Vorgänge, die zweite in der Nachweisung der Verbindungen, welche die durch diese Analyse aufgefundenen Elemente miteinander eingehen, die dritte in der Erforschung der Gesetze, die bei der Entstehung solcher Verbindungen wirksam sind.

2. Unter diesen drei Aufgaben ist es vor allem die zweite, synthetische, die wieder eine Reihe von Problemen in sich schließt. Zunächst verbinden sich nämlich die psychischen Elemente zu zusammengesetzten psychischen Gebilden, die sich in dem fortwährenden Fluß des Geschehens relativ selbständig voneinander sondern. Solche Gebilde sind z. B. die Vorstellungen, mögen sie nun direkt auf äußere Eindrücke oder Objekte bezogen, oder von uns als Erneuerungen früher wahrgenommener Eindrücke und Objekte gedeutet werden, ferner die zusammengesetzten Gefühle, die Affekte, die Willensvorgänge. Weiterhin stehen dann aber diese psychischen Gebilde untereinander in den mannigfaltigsten Zusammenhängen. So verbinden sich die Vorstellungen teils zu größeren gleichzeitigen Vorstellungskomplexen, teils zu regelmäßigen Vorstellungsfolgen. Nicht minder bilden die Gefühls- und Willensvorgänge sowohl untereinander wie mit den Vorstellungsprozessen Verbindungen. Auf diese Weise entsteht der Zusammenhang der psychischen Gebilde als eine Klasse synthetischer Vorgänge zweiter Stufe, die sich auf den einfacheren Verbindungen erhebt. Indem ferner einzelne psychische Zusammenhänge selbst wieder umfassendere Verbindungen miteinander bilden, die in der Ordnung ihrer Bestandteile ebenfalls eine bestimmte Regelmäßigkeit erkennen lassen, gehen hieraus Verbindungen dritter Stufe hervor, die wir mit dem allgemeinen Namen der psychischen Entwicklungen bezeichnen. Sie lassen sich in Entwicklungen verschiedenen Umfangs unterscheiden. Entwicklungsvorgänge beschränktester Art sind solche, die sich auf eine einzelne psychische Richtung, z. B. auf die Entwicklung der intellektuellen Funktionen, des Willens, der Gefühle, oder auch etwa bloß eines besonderen Bestandteils dieser Funktionsformen, wie der ästhetischen, der moralischen Gefühle u. dgl., beziehen. Daran schließt sich dann die aus einer Menge solcher Partialentwicklungen bestehende Gesamtentwicklung der einzelnen psychischen Individualität. Indem sich aber schon das tierische Individuum und in höherem Maße noch der einzelne Mensch in fortwährenden Wechselwirkungen mit Wesen gleicher Art befindet, erheben sich endlich über diesen individuellen die generellen psychischen Entwicklungen. Diese mannigfachen Zweige der psychischen Entwicklungsgeschichte bilden teils die psychologischen Grundlagen anderer Wissenschaften, wie der Erkenntnistheorie, Pädagogik, Ästhetik, Ethik, und werden darum zweckmäßiger im Zusammenhang mit diesen behandelt; teils haben sie sich zu besonderen psychologischen Wissenschaften entwickelt: so die Psychologie des Kindes, die Tier- und Völkerpsychologie. Es werden daher im folgenden nur die für die allgemeine Psychologie wichtigsten Ergebnisse der drei letztgenannten Gebiete erörtert werden.

3. Auf die Untersuchung der sämtlichen Verbindungen verschiedener Stufe, der Verbindungen der Elemente zu Gebilden, der Gebilde zu Zusammenhängen, der Zusammenhänge zu Entwicklungen gründet sich schließlich die Lösung der letzten und allgemeinsten psychologischen Aufgabe: die Ermittlung der Prinzipien und der allgemeinen Gesetze des psychischen Geschehens. Lehrt uns die Untersuchung der psychischen Verbindungen die tatsächliche Beschaffenheit der psychischen Vorgänge kennen, so lassen sich die Eigenschaften der in diesen Vorgängen zum Ausdruck kommenden psychischen Kausalität nur den Gesetzen entnehmen, auf welche die Verbindungsformen der psychischen Erfahrungsinhalte und ihrer Bestandteile zurückweisen.

Hiernach werden wir im folgenden betrachten:

1) die psychischen Elemente,

2) die psychischen Gebilde,

3) den Zusammenhang der psychischen Gebilde,

4) die psychischen Entwicklungen,

5) die Prinzipien und Gesetze der psychischen Kausalität.

I. DIE PSYCHISCHEN ELEMENTE

Inhaltsverzeichnis

HAUPTFORMEN UND ALLGEMEINE EIGENSCHAFTEN DER PSYCHISCHEN ELEMENTE

Inhaltsverzeichnis

1. Da alle psychischen Erfahrungsinhalte von zusammengesetzter Beschaffenheit sind, so sind psychische Elemente im Sinne absolut einfacher und unzerlegbarer Bestandteile des psychischen Geschehens die Erzeugnisse einer Analyse und Abstraktion, die nur dadurch möglich wird, daß die Elemente tatsächlich in wechselnder Weise verbunden sind. Befindet sich ein Element a in einem ersten Falle zusammen mit b, c, d . . ., in einem zweiten mit b', c', d' . . . usw., so kann eben deshalb, weil keines der Elemente b, b', c, c' . . . konstant an a gebunden ist, von ihnen allen abgesehen werden. Wenn wir z. B. einen einfachen Ton hören, so kann derselbe bald nach dieser, bald nach jener Richtung des Raumes verlegt, und es kann bald dieser, bald jener andere Ton zugleich gehört werden. Weil es aber weder eine konstante räumliche Richtung noch einen konstanten Begleitton gibt, so läßt sich von diesen variabeln Bestandteilen abstrahieren, so daß der einzelne Ton allein als psychisches Element zurückbleibt.

2. Der Tatsache, daß die unmittelbare Erfahrung zwei Faktoren enthält, einen objektiven Erfahrungsinhalt und das erfahrende Subjekt (§ l, 2), entsprechen zwei Arten psychischer Elemente, die sich als Produkte der psychologischen Analyse ergeben. Die Elemente des objektiven Erfahrungsinhalts bezeichnen wir als Empfindungselemente oder schlechthin als Empfindungen: z.B. einen Ton, eine bestimmte Wärme-, Kälte-, Lichtempfindung usw., wobei jedesmal alle Verbindungen dieser Empfindung mit andern, sowie nicht minder die räumliche und zeitliche Ordnung derselben außer Betracht bleiben. Die subjektiven Elemente bezeichnen wir als Gefühlselemente oder als einfache Gefühle. Beispiele solcher sind: das Gefühl, das eine Licht-, Schall-, Geschmacks-, Geruchs-, Wärme-, Kälte-, Schmerzempfindung begleitet, oder das Gefühl beim Anblick eines wohlgefälligen oder mißfälligen Objekts, die Gefühle im Zustand der Aufmerksamkeit, im Moment eines Willensaktes usw. Diese einfachen Gefühle sind wieder in doppelter Beziehung Produkte der Abstraktion: jedes Gefühl ist nämlich nicht nur mit Vorstellungselementen verbunden, sondern es bildet auch einen Bestandteil eines in der Zeit verlaufenden psychischen Prozesses, während dessen es sich von einem Zeitpunkt zum andern verändert.

3. Da die wirklichen psychischen Erfahrungsinhalte stets aus mannigfachen Verbindungen von Empfindungs- und Gefühlselementen bestehen, so liegt der spezifische Charakter der einzelnen psychischen Vorgänge zum größten Teile durchaus nicht in der Beschaffenheit jener Elemente, sondern in ihren Verbindungen zu zusammengesetzten psychischen Gebilden begründet. So sind z. B. eine räumliche Vorstellung, ein Rhythmus, ein Affekt, ein Willensvorgang eigenartige Formen psychischer Erfahrung, die als solche mit den Empfindungs- und Gefühlselementen keineswegs schon gegeben sind. Ein psychisches Gebilde verhält sich vielmehr in dieser Beziehung einigermaßen analog wie eine chemische Verbindung, deren Eigenschaften ja ebenfalls keineswegs dadurch bestimmt werden können, daß man die Eigenschaften der chemischen Elemente aufzählt, aus denen sie besteht. Spezifische Beschaffenheit und elementare Natur psychischer Vorgänge sind daher völlig verschiedene Begriffe. Jedes psychische Element ist ein spezifischer Erfahrungsinhalt, aber nicht jeder spezifische Inhalt ist zugleich ein psychisches Element. So sind namentlich die räumlichen, die zeitlichen Vorstellungen, die Affekte, die Willenshandlungen spezifische, aber nicht elementare Prozesse.

4. Die Empfindungen und die einfachen Gefühle zeigen nun sowohl gemeinsame Eigenschaften wie charakteristische Unterschiede. Eine gemeinsame Eigenschaft ist es, daß jedem Element zwei Bestimmungsstücke zukommen: Qualität und Intensität. Jede einfache Empfindung, jedes einfache Gefühl hat eine bestimmte qualitative Beschaffenheit; diese ist aber immer zugleich in irgendeiner Stärke (Intensität) gegeben. Unsere Benennungen der psychischen Elemente richten sich ausschließlich nach der Qualität derselben: so unterscheiden wir Empfindungen als blau, gelb, warm, kalt u. dgl., oder Gefühle als ernst, heiter, traurig, düster, wehmütig usw. Dagegen drücken wir die Intensitätsunterschiede der Elemente in allen Fällen durch übereinstimmende Größenbezeichnungen aus, wie schwach, stark, mäßig stark, sehr stark. In beiden Fällen sind diese Ausdrücke Klassenbegriffe, die einer ersten oberflächlichen Ordnung der Elemente dienen, und deren jeder daher im allgemeinen eine unbegrenzt große Zahl konkreter Elemente umfaßt. Verhältnismäßig am vollständigsten hat die Sprache diese Klassenbegriffe für die Qualitäten der einfachen Empfindungen, namentlich für die Farben und die Töne, entwickelt. Dagegen sind die Benennungen der Gefühlsqualitäten und der Intensitätsstufen weit zurückgeblieben. Zuweilen werden neben der Qualität und Intensität auch noch die Klarheit oder Dunkelheit sowie die Deutlichkeit oder Undeutlichkeit unterschieden. Da diese Eigenschaften aber, wie sich unten (§ 15, 4) zeigen wird, immer erst aus dem Zusammenhange der psychischen Gebilde hervorgehen, so können sie nicht als Eigenschaften der psychischen Elemente selbst betrachtet werden.

5. Infolge seiner Zusammensetzung aus den zwei Bestimmungsstücken der Qualität und der Intensität besitzt jedes psychische Element innerhalb der ihm zukommenden Qualität einen bestimmten Intensitätsgrad, den man sich in einen beliebigen andern Intensitätsgrad des nämlichen qualitativen Elements durch stetige Abstufung übergeführt denken kann. Hierbei ist aber eine solche Abstufung immer nur nach zwei Richtungen möglich, deren eine wir als Zunahme, und deren andere wir als Abnahme an Intensität bezeichnen. Die Intensitätsgrade jedes qualitativen Elements bilden also eine einzige Dimension, in der man sich von jedem Punkt nach zwei entgegengesetzten Richtungen bewegen kann, ähnlich wie von einem beliebigen Punkt einer geraden Linie aus. Man kann dies in dem Satze ausdrücken: die Intensitätsgrade jedes psychischen Elements bilden ein geradliniges Kontinuum. Die Endpunkte dieses Kontinuums nennen wir bei den Empfindungen Minimal- und Maximalempfindung, bei den Gefühlen Minimal- und Maximalgefühl.