Verlag: Knaur eBook Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2019

Gut Greifenau - Morgenröte E-Book

Hanna Caspian  

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E-Book-Beschreibung Gut Greifenau - Morgenröte - Hanna Caspian

Der 3. Band der großen Familien-Saga um das Gut Greifenau von Hanna Caspian voller dramatischer Verwicklungen für alle Leser von Anne Jacobs und alle Fans von Downton-Abbey 1918 ist der Frieden mit Russland in greifbarer Nähe. Nach einem Mordanschlag ist es fraglich, ob Konstantin das noch erleben wird. Immerhin pflegte die Dorflehrerin Rebecca ihn aufopferungsvoll. Graf Adolphis indes ist verzweifelt. Durch den Kauf von Kriegsanleihen ist das Gut hoch verschuldet. Gräfin Feodora drängt Katharina zur Hochzeit mit dem Scheusal Ludwig, einem Neffen des Kaisers. Diese Verbindung wird zur Überlebensfrage für Gut Greifenau. Doch Katharinas Herz schlägt für den Industriellensohn Julius. Kurz vor der Hochzeit flieht sie. In Berlin gerät sie mitten in die Wirren der Novemberrevolution. Der Krieg ist zu Ende und der Kaiser selbst geflohen. Der Nachfolgeband zu "Gut Greifenau. Nachtfeuer". Die Gut-Greifenau-Reihe im Überblick: Band 1: Gut Greifenau - Abendglanz Band 2: Gut Greifenau - Nachtfeuer Band 3: Gut Greifenau - Morgenröte

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E-Book-Leseprobe Gut Greifenau - Morgenröte - Hanna Caspian

Hanna Caspian

Gut GreifenauMorgenröte

Roman

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Über dieses Buch

Der 3. Band der großen Familien-Saga um das Gut Greifenau von Hanna Caspian voller dramatischer Verwicklungen für alle Leser von Anne Jacobs und alle Fans von Downton Abbey

1918 ist der Frieden mit Russland in greifbarer Nähe.

Nach einem Mordanschlag ist es fraglich, ob Konstantin das noch erleben wird. Immerhin pflegte die Dorflehrerin Rebecca ihn aufopferungsvoll. Graf Adolphis indes ist verzweifelt. Durch den Kauf von Kriegsanleihen ist das Gut hoch verschuldet.

Gräfin Feodora drängt Katharina zur Hochzeit mit dem Scheusal Ludwig, einem Neffen des Kaisers. Diese Verbindung wird zur Überlebensfrage für Gut Greifenau. Doch Katharinas Herz schlägt für den Industriellensohn Sebastian. Kurz vor der Hochzeit flieht sie. In Berlin gerät sie mitten in die Wirren der Novemberrevolution.

Der Krieg ist zu Ende und der Kaiser selbst geflohen.

Inhaltsübersicht

WidmungKartenPersonenübersichtKapitel 128. Dezember 1917 – Hinterpommern, Greifenau, Dorfschule29. Dezember 191731. Dezember 19178. Januar 1918Mitte Januar 1918Mitte Februar 1918Kapitel 2Ende Februar 1918Anfang März 1918Anfang März 191827. März 191827. März 191812. Mai 1918Kapitel 3Anfang Juni 19187. Juli 191814. Juli 191821. Juli 1918Mitte August 1918Mitte September 1918Kapitel 4Ende Oktober 1918Ende Oktober 191826. Oktober 19188. November 19189. November 19189. November 1918Kapitel 511. November 191811. November 191811. November 191811. November 191811. November 1918Kapitel 612. November 191813. November 191813. November 191814. November 191814. November 1918Kapitel 716. November 191821. November 1918Anfang Dezember 191820. Dezember 191820. Dezember 191822. Dezember 1918Kapitel 823. Dezember 191824. Dezember 191830. Dezember 19181. Januar 19191. Januar 191910. Januar 1919Kapitel 919. Januar 1919Anfang Februar 19197. Februar 191922. Februar 1919Anfang März 1919Mitte März 1919Kapitel 10Ende März 1919Anfang April 191913. April 191924. April 191910. Mai 1919Kapitel 1125. Mai 1919Anfang Juni 1919Mitte Juni 191922. Juni 191929. Juni 191930. Juni 1919Kapitel 1213. Juli 1919Ende Juli 191914. August 191915. August 1919Nachwort
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Für alle Menschen, in deren Herzen die Fackel für Demokratie und Gerechtigkeit lodert.

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Personenübersicht

Herrschaft

Adolphis von Auwitz-Aarhayn Gutsherr von Gut Greifenau

Feodora, geb. Gregorius Gutsherrin

Konstantin ältester Sohn

Anastasia älteste Tochter, verheiratete Gräfin von Sawatzki

Nikolaus mittlerer Sohn

Alexander jüngster Sohn

Katharina jüngste Tochter

Bedienstete

Albert Sonntag Chauffeur und Kutscher

Theodor Caspers oberster Hausdiener und Butler

Ottilie Schott Mamsell und Kammerzofe

Irmgard Hindemith Köchin

Bertha Polzin Küchenmagd

Wiebke Plümecke Stubenmädchen

Ida Plümecke Stubenmädchen

Paul Plümecke Wiebkes Bruder, Schmied

Eugen Lignau Stallknecht

Kilian Hübner Hausbursche

Johann Waldner Stallmeister / Vorknecht

Karl Matthis Hauslehrer

Sonstige

Egidius Wittekind evangelisch-lutherischer Pastor

Rebecca Kurscheidt Dorflehrerin

Therese Hindemith Irmgard Hindemiths Schwester

Julius Urban Sohn eines reichen Industriellen

Eleonora Urban Julius’ Mutter

Cornelius Urban Julius’ Vater

Ludwig von Preußen Neffe von Kaiser Wilhelm

Amalie Sieglinde von Preußen Schwägerin des Kaisers

Raimund Thalmann Gutsverwalter

Annabella Kassini Prostituierte

Cläre Bromberg Flickschneiderin

Doktor Malchow Arzt in Berlin-Wedding

Isolde, Adalbert, Kunibert und Rosalinde Kinder von Doktor Malchow

Haug von Baselt Waffenkamerad von Nikolaus

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Kapitel 1

28. Dezember 1917 – Hinterpommern, Greifenau, Dorfschule

Andächtig ließ Rebecca ihre Hand auf dem Lenker liegen. Noch nie hatte ihr jemand etwas so Wertvolles geschenkt. Nur Graf Konstantin von Auwitz-Aarhayn konnte es sich leisten, jetzt noch solch teure Geschenke zu machen. Ihr altes Rad war schon vor über zwei Jahren gestohlen worden. Dieses hier würde sie nicht mehr draußen stehen lassen. Aber wo sollte es in ihrer Wohnung Platz finden? Wenigstens bis nach den Weihnachtsferien konnte sie es im Klassenraum unterbringen. Sie ließ es los und wollte sich gerade ein dickes Wolltuch überwerfen, als es eigenartig schwach klopfte.

Konstantin war vor vielleicht zwanzig Minuten gegangen. War er zurückgekommen? Er gab einfach nicht auf. Was sie beeindruckte. Andererseits: Was versprach er sich davon? Sie würde ihn nie heiraten. Er hatte bei ihr alle Chancen verspielt. Vermutlich war jemand wie er es einfach nicht gewohnt, eine Abfuhr zu bekommen. Sie öffnete die Tür.

Er war auf den Knien. Für eine Sekunde schoss ihr durch den Kopf, dass er vielleicht seinen Heiratsantrag wiederholen wollte. Doch Konstantin lehnte merkwürdig zusammengesunken am Türrahmen. Seine Hände … blutbeschmiert. Sofort war sie neben ihm auf den Knien. Sie stieß seinen Namen in die eiskalte Luft. »Konstantin!«

»Keine … Polizei. Kein Arzt. Nur … mein Vater … er weiß … wieso.« Dann sackte er in ihre Arme.

Sie erstarrte vor Angst. War er tot? War er gerade gestorben? In ihren Armen und nicht etwa an der Front, weit weg in der Fremde, wo seit Jahren Millionen junger Männer starben? Schwer wog sein Oberkörper.

Ihr Verstand gewann wieder die Oberhand. Sie war die Tochter eines Arztes. Sie musste tun, was immer notwendig war. Was also war passiert? Sie ahnte Schlimmes. Das hier wirkte nicht wie ein Unfall.

Sie schleifte ihn in die Wohnung. Zügig schloss sie die Tür und knöpfte Mantel und Lodenjacke auf. Mit flattrigen Händen zog sie Wolljacke, Hemd und Unterhemd aus der Hose. Die Haut war blutverschmiert. Noch entdeckte sie keine Verletzung. Mühsam schaffte sie es, ihm den linken Ärmel des Mantels sowie der Lodenjacke auszuziehen. Er stöhnte. So viel Blut. War er dem Tode nahe?

Eilig breitete sie eine Decke auf dem Boden aus und legte Konstantin vorsichtig auf dem Bauch ab. Zitternd schob sie den Stoff der blutgetränkten Kleidung hoch. Seine linke Rückseite war blutrot. Jetzt entdeckte sie zwei Stichwunden, dicht nebeneinander, eine Handbreit schräg unterhalb der Achselhöhle. Frisches Blut sickerte nach.

Jemand hatte ihn angegriffen. Jemand hatte versucht, ihn zu töten! War der Angreifer noch in der Nähe? Würde er wiederkommen? Warum war Konstantin Opfer eines Messerangriffes geworden? Wieso wollte er nicht, dass sie einen Arzt holte? Tausend Fragen schwirrten ihr durch den Kopf. Vorsichtshalber zog sie die dicken Vorhänge über die Gardinen und verriegelte die Tür.

Sie hatte schon viele Kranke und Verletzte gesehen. Verletzte durch Unfälle mit den monströsen Maschinen der Berliner Fabriken. Zimmermänner, die sich ihre Finger abgesägt hatten. Metzger, denen das Hackbeil ins Bein gerauscht war. Männer mit Stichwunden aus Kneipentumulten. Für einen kurzen Moment hielt Rebecca inne und rief sich ins Gedächtnis, was ihr Vater ihr beigebracht hatte. Das Wichtigste war zu klären, welche inneren Verletzungen er hatte. Welche Organe saßen dort, wo das Messer ihn erwischt hatte? Das Herz, die Lunge – waren sie getroffen?

Konstantin war der Kälte angemessen dick angezogen. Er trug einen Mantel, darunter die dicke Lodenjacke und noch eine warme Wolljacke über Hemd und Unterhemd. Jeder Millimeter zwischen der Messerspitze und einem inneren Organ zählte.

Das schlimmste Szenarium war: Der Täter hatte sein Herz getroffen. Wenn das der Fall war, konnte sie nichts für ihn tun, außer ihn in den Armen zu halten, bis alles Blut in seinen Körper hineingesickert war. Zweite Möglichkeit: Der Attentäter hatte die Lunge erwischt. Dann würde Konstantins Atem flach gehen, eventuell wären Pfeifgeräusche zu hören und er würde bald Blut spucken. Je nach Verletzungsgrad könnte der getroffene Lungenflügel in sich zusammenfallen. Oder aber die eingeatmete Luft würde in den Brustkorb entweichen, statt ausgeatmet zu werden. Beides war äußerst qualvoll und konnte zum Tod führen.

Rebecca horchte. Konstantin atmete sehr flach, doch an seinem Mund zeigten sich keine roten Bläschen. Verdammt. Wieso nur durfte sie keinen Arzt holen? Sollte sie sich über seinen Wunsch hinwegsetzen? Andererseits – zu Doktor Reichenbach bräuchte sie bei den eisglatten Wegen sicher fünf Minuten hin und weitere fünf Minuten zurück. Was, wenn Konstantin in dieser Zeit starb, mutterseelenalleine auf dem kalten Boden liegend? Nein, das brachte sie nicht übers Herz.

Ihre Hände flatterten. Sie hatte das Gefühl, gleich hysterisch zu werden. Verdammt – reiß dich zusammen. Tu, was notwendig ist! Also, solange sie nicht wusste, ob die Stiche ein Organ getroffen hatten, war es das Wichtigste, die Blutung zu stillen. Sie trat vorsichtig vor die Haustür und griff sich blütenweißen Schnee. Die eiskalte Masse platzierte sie auf den Stichen. Sie schob Konstantin ein Kissen unter den Kopf. Wieder stöhnte er leise. Ansonsten bewegte er sich nicht.

»Konstantin, hörst du mich?«

Keine Reaktion.

Sie musste in Erfahrung bringen, was passiert war.

»Konstantin?«

Nichts. Von ihm würde sie nicht erfahren, was vorgefallen war. Sie nahm den Schnee von der Haut. Es sickerte kaum frisches Blut nach. Blasse weiße Haut, auf der die beiden Stichwunden deutlich zu erkennen waren. Die Wundränder waren glatt. Das Messer war scharf gewesen. Mit ein bisschen Glück hatte ein Rippenbogen die Stiche von den Organen abgelenkt. Vielleicht war sein Herz getroffen, vielleicht aber auch nur ein Blutgefäß. Immerhin bekam Konstantin genug Luft, um zu stöhnen. Aber auch eine kleine Lungenperforation konnte ausreichen, um ihm schließlich nach langen, qualvollen Stunden den Garaus zu machen.

Vorsichtig zog sie ihm den Mantel und die Lodenjacke ganz aus. Nach der Bewegung lief frisches Blut aus den Wunden. Gründlich untersuchte sie den Rest des Körpers. Anscheinend waren die beiden Stiche die einzigen Verwundungen, die er davongetragen hatte. Jemand hatte zweimal zugestochen und war dann verschwunden.

Seine Taschenuhr steckte noch in seiner Westentasche. Heutzutage wurde man schon für weniger überfallen. So unruhig die Zeiten auch waren – dass man einen Mann einfach abstach, ohne ihn ausrauben zu wollen, davon hatte sie noch nicht gehört. Nicht hier in der Gegend.

Keinen Arzt und keine Polizei, hatte Konstantin gesagt. Warum wollte er das nicht? Konstantin hatte sehr eindringlich geklungen. Er würde gute Gründe dafür haben.

Sie spähte hinter der Gardine aus dem Fenster. Sollte sie es wagen? Sie musste! Eilig lief sie rüber ins Klassenzimmer. In ihrem Lehrerpult war ein kleines Kästchen mit medizinischen Utensilien. Eine Binde für größere Wunden, Pflaster und ein Fläschchen mit Jodtinktur.

Konstantin hatte sich noch immer nicht bewegt. Als sie ihm nun eine Hand auf den Rücken legte, spürte sie, wie er atmete. Natürlich hatte sie kein Stethoskop wie ihr Vater, deshalb konnte sie nur ihr Ohr an seinen Rücken legen. Sein Herz klopfte regelmäßig. War er bei Bewusstsein? Sollte sie jetzt wirklich einfach die Wunden desinfizieren und verbinden?

»Konstantin?«

Ein Stöhnen entwich seinem Mund. Ganz leise.

»Kannst du mich hören?«

Wieder ein leises Stöhnen.

»Ich hole Doktor Reichenbach. Er muss dich untersuchen.«

»Nein!«, kam es erstaunlich überzeugend aus seinem Mund. Doch dann war die Energie aufgebraucht. »Niemand … darf erfahren.« Fast nur noch ein Flüstern.

»Nur … mein Vater … großes … Geheimnis.«

Ein großes Geheimnis. Was immer das auch bedeutete. Nun, sie würde Konstantins Wunsch respektieren. Auch wenn es vielleicht sein letzter war. Dann musste sie sich darauf konzentrieren, was sie selbst tun konnte. Der Schnee auf Konstantins Rücken war kaum geschmolzen. Es war furchtbar kalt hier drin. Sie legte zwei Holzscheite nach und stochte den Kanonenofen.

Mit einem Tuch säuberte sie die Haut rund um die Verletzungen. Der Schnee hatte die Blutzirkulation verlangsamt. Das war gut. Rund um die Einstiche und in einem Bogen die Rippen herunterlaufend bildeten sich langsam Hämatome. Dunkelrote Flecken, die immer größer wurden. Blut, das sich im Körper verteilte. Verblutete er innerlich? War all das, was sie hier machte, nur ein Herumdoktern an den falschen Symptomen? Verzweifelt dachte sie daran, wie wenig sie tatsächlich tun konnte.

Rebecca nahm die Jodflasche, benetzte ein Stück Leinen und rieb damit großflächig über die Haut. Sie tränkte ein Stück Wundauflage mit Jod und legte es über die beiden Stichwunden. Dann griff sie zu einer Bandage und wickelte sie ab.

Mein Gott, war er schwer. Sie versuchte, Konstantins Oberkörper anzuheben. Das klappte nicht. Mit Mühe schob sie ihren Arm mit der Bandage unter seinem Oberkörper hindurch, mehrere Male, bis sie einen straff sitzenden Verband hinbekam.

Sie stopfte Schnee in ihre Bettpfanne aus Zink und legte sie auf den Verband. Das Teil war schwer und drückte auf die Wunde. Der Druck und die Kälte würden die Blutung weiter stillen. Mehr konnte sie im Moment nicht machen.

Sie würde ihm einen Tee aus Weidenrinden und Mädesüß kochen, der gegen die Schmerzen und eine mögliche Entzündung helfen würde. Und sie konnte ihm das Sofa bereiten. Für den Fall, dass es ihm besser ging und er es bis in die andere Ecke des Raumes schaffte. Er war zu schwer, um ihn dorthin zu tragen. Erst recht nicht würde sie ihn die Treppe zu ihrem Schlafzimmer hoch bringen.

Erst jetzt, da sie alles getan hatte, was sie tun konnte, kam die Verzweiflung. Was, wenn er tatsächlich starb? Sie hatte ihn geliebt, ihn gehasst, ihn verflucht. Aber niemals hatte sie ihm den Tod gewünscht. Sie ging zu Boden, legte sich neben ihn. Vorsichtig nahm sie ihn in den Arm.

»Bitte, stirb nicht. Bitte. Wir werden uns auch wieder vertragen. Ja? Bitte.« Sie küsste seine Schläfe.

* * *

»Rebecca?« Seine Stimme war ganz leise.

»Ja.« Sie saß neben ihm. Nur eine Kerze erleuchtete den Raum. Als es am Nachmittag dunkel geworden war, hatte sie die Holzläden vor den Fenstern geschlossen. Der Ofen verbreitete wohlige Wärme, aber auf dem Boden blieb es eisig. Da nutzten auch die Decken nicht viel, die Rebecca unter ihm ausgebreitet hatte. Mit ihrem Oberbett hatte sie ihn und sich zugedeckt.

»Wie geht es dir?« Mit der Handfläche prüfte sie seine Stirn. Sie war kalt. Kein Fieber, vermutlich keine Entzündung. Das war gut. »Hast du Durst?«

»Ja.«

Sie griff neben seinen Kopf, wo eine Tasse Tee stand. Mittlerweile war sie kalt. Den ganzen Tag über hatte Rebecca es immer wieder geschafft, ihm löffelweise den Tee einzuflößen.

Als er jetzt selbst den Kopf hochnahm, um zu trinken, stieß er einen Schmerzenslaut aus.

»Warte, ich mach das schon.« Mit einem großen Suppenlöffel hielt sie ihm die Flüssigkeit vor den Mund. Er trank.

»Wie lange … liege …?«

»Seit heute Morgen. Seit deinem Besuch. Du hast mir ein Fahrrad gebracht, erinnerst du dich?« Das Rad hatte sie am Nachmittag rüber ins Klassenzimmer gestellt, als sie Holznachschub für den Ofen geholt hatte.

»Fahrrad? … Ich weiß nicht …«

Hatte er den Mordanschlag verdrängt? Oder war es dem Blutverlust geschuldet, dass er sich nicht erinnern konnte?

»Weißt du noch, was passiert ist?«

Er stöhnte wieder, als wäre das Nachdenken furchtbar anstrengend.

»Du warst bei mir und hast mir das Fahrrad geschenkt. Dann bist du gegangen. Zwanzig Minuten später hast du wieder geklopft. Jemand hat dich überfallen. Du hast zwei Stichwunden am Rücken.«

»Überfallen?!«

»Ich denke ja.«

Er blieb stumm. Dachte er nach? Oder war er vielleicht wieder eingeschlafen?

»Stichwunden?« Seine Stimme war sehr schwach.

»Zwei. Jemand hat von hinten auf dich eingestochen.«

»Wie … schlimm?« Jedes einzelne Wort kostete ihn Kraft.

»Ich kann es nicht genau sagen, aber ich vermute, er hat weder dein Herz noch deine Lunge erwischt. Sonst wärst du vermutlich scho… Du hältst dich tapfer.«

Als wenn sie nicht genau wüsste, dass er noch lange nicht über den Berg war. Alle paar Minuten prüfte sie, ob sie seinen Herzschlag oder seinen Atem noch spürte. Nichts war entschieden. Aber die Tatsache, dass er einigermaßen klar denken konnte, schenkte ihr Zuversicht.

Trotzdem, sie hatte das schon erlebt, bei Vaters Patienten: Eine letzte Kraftanstrengung. Menschen, die nur deswegen noch mal kurz zu Bewusstsein kamen, um sich zu verabschieden.

Selbst wenn er die nächsten Stunden überlebte: Solange eine Wunde offen war, konnte sie sich immer entzünden. Und mit zwei Wundkanälen direkt ins Zentrum von Konstantins Körper mochte sie sich gar nicht vorstellen, was das alles anrichten konnte.

Er lag noch immer auf dem Bauch. Auf dem Verband war nur ein kleiner Blutfleck aufgetaucht, der im Laufe des Tages auch nicht größer geworden war. Rebecca hatte das Eis in der Bettpfanne beinahe stündlich gewechselt. Den Rest von Konstantins Körper hatte sie so gut es ging warm gehalten.

»Hast du … Weiß … jemand Bescheid?«

»Bevor du ohnmächtig geworden bist, hast du gesagt, keine Polizei und kein Arzt. Ich sollte deinem Vater Bescheid geben. Aber ich wollte dich noch nicht verlassen. Ich werde morgen früh direkt gehen.«

Er gab einen Laut von sich, als wäre er mit dem Vorgehen nicht einverstanden. »Vater … sofort … Bescheid geben … Nur ihm … Sonst suchen sie …« Dann trat wieder Stille ein.

Sie legte ihre Hand auf seine Schulter. »Na gut. Wie du willst. Ich werde sofort gehen.«

* * *

»Erklären Sie mir das bitte genauer!«

»Bitte, kommen Sie einfach zu mir, ohne dass jemand Sie sieht. Und sagen Sie auch niemandem etwas.« Rebecca hatte einen kurzen Brief geschrieben, den sie vorne am Portal dem Hausdiener in die Hände gedrückt hatte. Sie hatte nur wenige Minuten warten müssen, da war der Graf selbst erschienen. Er sah elegant aus.

»Ich dachte, Konstantin wäre auf den weiter entfernten Feldern der Grafschaft unterwegs.«

Rebecca warf einen Blick hinter ihn, über seine Schulter. Der Hausdiener war nicht zu sehen. Trotzdem senkte sie ihre Stimme. »Ich flehe Sie an. Ihr Sohn hat mir genaueste Instruktionen gegeben. Und bringen Sie bitte mit, was auf meiner Liste steht. Bitte.«

»Dann geht es ihm gut?« Zweifel klang durch. Die Frage, wofür die Dorflehrerin Schmerzmittel und Leibbinden benötigte, lag in seiner Stimme.

Was sollte Rebecca darauf antworten? »Er lebt.«

»Er …« Der Graf schnappte nach Luft. Das war offensichtlich nicht die Antwort, die er erwartet hatte.

»Kommen Sie heimlich und bringen Sie die Sachen mit. Es darf wirklich niemand Bescheid wissen. Auch nicht Ihre Frau. Den Rest erklärt er Ihnen besser selber.«

Graf Adolphis von Auwitz-Aarhayn steckte ihren Zettel in seine Hosentasche. »Ich muss mir eine Ausrede einfallen lassen, dann komme ich sofort. Wir haben gerade unser Abendessen beendet.«

Rebecca verabschiedete sich, drehte sich um und stieg vorsichtig die verschneite Treppe hinab.

Tatsächlich war sie noch keine halbe Stunde wieder zu Hause, als jemand klopfte. Aufgeregt sprang sie vom Boden auf. Sie hatte Brot in warme Milch getunkt und gab Konstantin zu essen. Er hatte es noch immer nicht geschafft, sich zu bewegen. Er lag praktisch mitten im Raum. Rebecca öffnete die Tür nur einen winzigen Spaltbreit. Als sie sah, dass der Graf vor ihrer Tür stand, öffnete sie.

»Kommen Sie herein.«

Als der ältere Mann seinen Sohn sah, drückte er ihr die lederne Reisetasche in die Hand, die er mitgebracht hatte. »Konstantin! Was ist mit dir?« Sofort war er auf den Knien.

»Papa.« Konstantin war kaum zu hören, so schwach war seine Stimme.

Der Graf schob die blutverschmierte Wolljacke hoch. Der Verband, das Blut. Er schaute Rebecca fragend an.

»Jemand hat versucht, ihn zu ermorden. Hier ganz in der Nähe. Ihr Sohn hat es allein bis zu meiner Tür geschafft. Er hat zwei Stichwunden am Rücken.«

Die Augen des Grafen wurden immer größer. »Wieso um Gottes willen haben Sie uns nicht früher Bescheid gesagt? Und wo ist Doktor Reichenbach?«

»Papa … nein!«

Rebecca stand hilflos daneben, aber als Konstantins Vater nun versuchte, seinem Sohn aufzuhelfen, sprang sie hinzu. »Nein … vorsichtig. Seine Verletzungen sind nah am Herzen und der Lunge. Ich hätte ihn doch nicht auf dem Boden liegen lassen, wenn es nicht nötig gewesen wäre.«

»Woher wollen denn Sie das wissen?«

»Mein Vater ist Arzt. In Charlottenburg. Ich habe ihm oft geholfen.«

»Als wenn eine Frau …«

»Darum geht es nicht. Ihr Sohn will Ihnen etwas sagen.«

Graf von Auwitz-Aarhayn starrte sie böse an, dann fiel sein Blick auf den Teller vor Konstantins Nase, in dem das eingeweichte Brot in der Milch schwamm. Die Zinkpfanne stand ein Stück weiter weg. Endlich beugte er sich zu seinem Sohn hinunter.

»Konstantin, was willst du mir sagen?«

Der musste sich offensichtlich erst einmal sammeln. Er versuchte, den Kopf zu heben, aber es tat zu sehr weh. »Der Angreifer … er hat Russisch … gesprochen. Du weißt, was das bedeutet … Mein Besuch … in Sankt Petersburg.«

Jetzt war es an Rebecca, fragend zu schauen. Konstantins Vater warf ihr einen skeptischen Blick zu, dann beugte er sich wieder runter zu seinem Sohn.

»Du meinst, es war ein Bolschewik?«

»Nein … die Ochrana.«

Die Ochrana! Dieses Wort sagte selbst Rebecca etwas. Die Ochrana, das war die Geheimpolizei des Zaren. Ein Schauer durchlief ihren Körper. Aber wieso sollten die Konstantin töten wollen?

»Dann hat dich jemand in Sankt Petersburg gesehen?«

»Und … erkannt.« Konstantins Stimme wurde schon wieder schwächer.

Das musste sein Vater wohl erst einmal verdauen.

»Sag … es … ihr. Wieso ich …«

Der Graf schaute Rebecca an. »Wissen Sie Bescheid?«

Sie zuckte mit den Achseln. »Worüber?«

Mühsam stand der Graf auf. »Mein Sohn … Er war im Sommer in Sankt Petersburg. Er hat die Revolution unterstützt.«

Ein ungläubiges Lachen entfuhr ihr. »Er hat was?«

Das konnte doch nicht sein. Ausgerechnet Konstantin sollte die Bolschewisten unterstützt haben? Das konnte sie nicht glauben.

»Dafür gibt es eine gute Erklärung, aber dazu später. Offensichtlich reicht der Arm des Zaren immer noch sehr weit. Seit die Bolschewiki die Macht übernommen haben, steht der Zar nicht mehr unter Hausarrest, sondern ist offiziell ein Gefangener. Vorher war er nur einfach ein Monarch, der abgedankt hat. Aber wenn die Bolschewiki ihm jetzt den Prozess machen wollen, dann Gnade ihm Gott. Vielleicht ist das ein Fingerzeig der Zarentreuen, die alle umbringen, die an der Abdankung beteiligt waren.«

»Konstantin war an der Abdankung des Zaren beteiligt?« Ihre Stimme kippte.

»Nein, das nicht gerade. Aber er hat die Bolschewiki vor der Übernahme der Macht unterstützt.«

Das konnte doch wohl kaum möglich sein. Konstantin, ihr Konstantin?! Im besten Fall war er ein Sozialromantiker! Was war in den zweieinhalb Jahren passiert, in denen sie nicht mehr miteinander gesprochen hatten?

»Sie …« Er murmelte etwas, aber so leise, dass weder der Graf noch Rebecca es verstanden. Beide knieten sich hin.

»Wenn ich nicht … tot bin, kommen sie … wieder.«

Der Graf fuhr mit seinem Kopf zurück, als hätte ihn jemand geschlagen. Auch Rebecca war entsetzt. Natürlich – Konstantin hatte recht.

Stumm schauten die beiden Knienden sich an. Rebecca war dem Grafen noch nie so nahe gewesen. Von weitem sah er gut aus, und viel jünger als all die Pächter, die in seinem Alter waren. Aber hier nun, im dämmrigen Licht, sah sie die Falten, die grauen Haare und die tiefen Ringe unter seinen Augen. Seine Haut war fahl. Er schwitzte und wirkte krank.

»Wir müssen uns etwas einfallen lassen. Eine Ausrede.« Sie stand auf. Innere Unruhe trieb sie an. Sie wollte etwas tun.

»Ja … Er könnte … einfach verschwunden sein. Wir … könnten seine Jacke oder den Mantel oder seine Mütze gefunden haben. Mit Blutspuren. Etwas, was auf das Attentat hindeutet. Und wenn er nicht zurückkommt, dann wird man glauben, jemand habe ihn entführt.«

»Aber der Attentäter wird davon ausgehen, dass man Konstantin findet, früher oder später«, gab Rebecca zu bedenken.

»Wir müssen es so aussehen lassen, als wäre Konstantin …«

»Ein Tier könnte ihn verschleppt haben. Wölfe zum Beispiel.«

Der Graf schüttelte unwirsch den Kopf. »Am besten sagen wir möglichst wenig. Überhaupt, niemand darf Bescheid wissen. Er … kommt einfach nicht zurück. Niemand weiß, wohin er wollte … Es wird ein Fundstück geben, das ihm zugeordnet werden kann. Möglichst blutig. Im Wald. Die einen werden denken, er hätte einen Unfall gehabt. Die anderen werden glauben, dass es ein Überfall war. Der Attentäter soll denken, dass Konstantin sich verletzt im Wald verirrt hat.«

Rebecca nickte. Es war eine gute Idee, unbestimmt zu bleiben, und doch den Verdacht zu nähren, dass der Grafensohn vermutlich tot war.

»Es kann nicht allzu weit von hier entfernt passiert sein.«

»Was hat er nur dort gesucht? Vielleicht hat er sich sogar mit seinem Attentäter getroffen. Aber warum gerade hier, am Rand des Dorfes?«

Sollte sie dem Herrn Grafen nun die Wahrheit sagen? Das war sicher keine gute Idee.

Konstantin drehte seinen Kopf. »Ich … hab … sie besucht.«

Der Graf beugte sich wieder zu ihm hinunter. »Was hast du gesagt?«

»Sie … besucht. Ich liebe sie.«

Rebecca erstarrte. Er hatte es seinem Vater gesagt. Konstantin hatte seinem Vater gesagt, dass er sie liebte. Als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Was es nicht war, wie alle drei wussten. Der Graf schaute sie ausnehmend irritiert an.

»Mein Sohn liebt Sie?«

Himmel, was sollte sie darauf antworten? »Ich … Wir …«

»Dann kennen Sie meinen Sohn näher?«

Sie nickte unbestimmt.

»Wie nahe?« Der Graf kniete noch immer unter ihr und schaute gekränkt zu ihr hoch.

Heute war kein Tag der guten Nachrichten, für keinen der Anwesenden.

»Wir haben … schon vor langer Zeit gebrochen.«

Adolphis von Auwitz-Aarhayn wusste wohl nicht, was er darauf sagen sollte.

Konstantin rührte sich. »Ich … kann nicht … Hause.«

Endlich, sicheres Terrain. »Das stimmt. Ihr Sohn kann sich nicht bewegen.«

Doch Konstantin sagte etwas ganz anderes. »Mama … auch Nikolaus … Anastasia.«

Was sollte das bedeuten? Was hatte seine Familie damit zu tun, dass er nicht nach Hause konnte? Aber sein Vater schien ihn zu verstehen.

Offensichtlich wusste sie sehr vieles nicht über Konstantin – den Mann, von dem sie einstmals geglaubt hatte, dass sie niemanden besser kennen würde als ihn.

»Wieso kann er nicht nach Hause?«

»Meine Frau … verurteilt seine Mithilfe.«

Jeder hier im Dorf wusste, dass die Gräfin russischer Abstammung war. Und nicht nur das. Um ein paar Ecken war sie angeblich auch mit den Zaren verwandt. Sofort wurde Rebecca klar, was der Graf damit meinte, wenn er sagte, die Gräfin verurteile Konstantins Mithilfe.

»Und seine Geschwister?«

Der Graf zögerte. Ächzend stand er auf und griff nach der Reisetasche. Doch er öffnete sie nicht. Nachdenklich starrte er auf die Haustür. »Er hat recht. Wir können uns nicht sicher sein. Nikolaus, er könnte …« Er beendete seinen Satz nicht, sondern schob noch einen Halbsatz nach: »Und Anastasias Mann …«

Rebecca wusste nicht, was er damit meinte, aber wenn Konstantin im Herrenhaus möglicherweise in Gefahr war, musste sie handeln. »Er kann hier bleiben. Niemand wüsste, dass er noch lebt. Geschweige denn, wo er ist. Ich kann ihn verstecken, bis er wieder genesen ist. Ohnehin sollte er sich in den nächsten Tagen so wenig wie möglich bewegen.«

Der Graf nickte zustimmend. Erst jetzt öffnete er die Reisetasche und holte einige Dinge hervor. Bandagen und Leinenstreifen.

»Ich werde schauen, was wir noch haben. Ich wusste ja nicht, dass es so kritisch ist.« Sein Blick wurde traurig, als er seinen Sohn ansah. Dann schaute er sich im Zimmer um. »Was brauchen Sie sonst noch? Essen, und auch Brennholz?«

Rebecca nickte. Das alles würde ihr sehr gelegen kommen. »Noch ein paar dicke Decken wären gut.«

»Und Sie wissen wirklich, was Sie tun?« Ein äußerst skeptischer Blick traf sie.

»Ich habe meinem Vater geholfen, seit ich zwölf war. In seiner Praxis, aber auch im Krankenhaus mit den schweren Fällen.«

»Mir wäre wohler, wenn Doktor Reichenbach käme.«

Ihr doch eigentlich auch. »Sie vertrauen Ihren Kindern und Ihrer eigenen Frau nicht, aber dem Arzt?«

Der Graf schien ihren Einwand zu bedenken.

»Hören Sie, ich habe Ihren Sohn untersucht. Außer den zwei Stichwunden ist nichts zu finden. Er war sehr dick angezogen. Ich vermute, dass das Messer nicht besonders tief eingedrungen ist, sonst wäre Konstantin … Ihr Sohn schon tot. Ich vermute, die Klinge wurde von einer Rippe abgelenkt.«

»Sind Sie sich sicher, dass Sie das beurteilen können? Ich lege hier schließlich das Leben meines Sohnes in Ihre Hände!«

Rebecca senkte ihre Stimme, damit Konstantin sie nicht hören konnte. »Wenn das Messer die Organe erreicht hätte, dann würden wir es jetzt schon wissen. Er ist nun fast zehn Stunden hier. Es scheint kein Organ und auch keine große Arterie getroffen zu sein. Sonst hätte ich die Blutung gar nicht stoppen können. Meinem Eindruck nach hat die Klinge einige kleinere Blutgefäße und Muskeln erwischt. Vielleicht würde Doktor Reichenbach die Wunde zunähen, aber das ist nicht entscheidend. Aseptische Verbände, mehr kann man jetzt nicht tun. Ihr Sohn braucht jetzt vor allem Ruhe und gute Pflege.«

»Ruhe und gute Pflege«, sagte der Graf mehr zu sich selbst als zu ihr. Dann schien er einen Entschluss gefasst zu haben.

»Ich komme nachher noch mal. Heute Nacht, vermutlich sehr spät. Ich schaue, was ich alles mitbringen kann. Aber falls sich sein Zustand verschlechtert, möchte ich, dass Sie mich umgehend rufen. Haben Sie das verstanden?«

»Sehr wohl.«

Er kniete sich wieder zu seinem Sohn. »Konstantin, hörst du mich? Ich komme wieder. Und ich werde niemandem etwas sagen, vorerst nicht. Wir überlegen uns etwas. Das hat noch Zeit bis morgen. Ich sag den anderen … irgendwas. Dass ich dich getroffen habe und du spät nach Hause kommst. Oder in Stargard übernachtest. So etwas in der Art.«

Der Graf stand auf und griff ihre Hand. »Ich danke Ihnen für das, was Sie für meinen Sohn getan haben. Dass Sie beide …« Sein Blick war prüfend, unsicher und dennoch wohlwollend. »Ich weiß noch nicht, was ich davon halten soll … Wir werden sehen.«

Er ging. Rebecca schloss die Tür hinter ihm. Ein Gefühl der Erleichterung durchströmte sie. Es würde alles gut werden. Sie nahm ein Kissen und setzte sich neben Konstantin auf den Boden. Sie wusste, dass sie recht hatte. Was er wirklich brauchte, waren Ruhe und eine gute Pflege. Schlaf war die beste Medizin, das wusste sie von ihrem Vater. Doch als sie ihm nun über die Haare streichelte, fasste seine rechte Hand nach ihrer. Und ließ sie nicht mehr los.

29. Dezember 1917

»Was ist das?« Ida Plümecke schaute Albert überrascht an.

»Ein Geschenk. Es war doch Weihnachten.«

Plötzlich schien sie sehr verunsichert. »Bedeutet das, dass alle Dienstboten den anderen Geschenke machen? Wieso hat Wiebke mir das nicht gesagt?«

Albert lächelte leise. »Weil das nicht der Fall ist. Ich habe nur für Sie etwas.«

Das Paket in Ida Plümeckes Händen zitterte leicht. Es schien sie nervös zu machen, was hier gerade vor sich ging. Sie streckte es Albert entgegen. »Ich … Dann möchte ich es nicht.«

»Aber wieso nicht? Es ist nur ein kleines Geschenk.«

»Es geht nicht. Ich kann es Ihnen nicht erklären, aber es geht nicht.«

»Wieso geht es nicht?«

Obwohl er freundlich blieb, reagierte sie unwirsch. Sie drückte ihm das Päckchen in die Hände. »Weil es so ist.«

Dann stürmte sie an ihm vorbei den Flur entlang und lief die Hintertreppe hoch. Als würde sie flüchten.

Albert wurde aus ihr nicht schlau. Sie war so fleißig wie Wiebke, und auch genauso hilfsbereit. Sie war nett und unkompliziert und hatte sich sehr schnell in der Dienstbotenetage beliebt gemacht. Sogar die Gräfin hatte schon bemerkt, wie fleißig sie war.

Zugegeben, man musste schon blind sein, nicht mitzukriegen, dass Albert sie mehr als nett fand. Aber egal was er tat, sie reagierte jedes Mal anders. Mal lachte sie ausgelassen mit ihm, mal war sie verschlossen, als wäre er ein Fremder. Schlimmer noch: als wollte er ihr Böses. Dann wieder war sie neutral. Er hatte versucht herauszubekommen, was da los war. Anderen gegenüber war sie immer gleich: freundlich und leicht distanziert. Also lag es an ihm.

Er war doch nicht dumm. Er hatte gemerkt, wie sie ihn gelegentlich anschaute. Einmal hatte er es in den spiegelnden Fensterscheiben unten in der Küche gesehen. Es war nach einem Abendessen gewesen und schon spät. Er hatte sich mit Eugen unterhalten. Obwohl er mit dem Rücken zu Ida gestanden hatte, hatte er ihren Blick bemerkt. Danach hatte er versucht, ihr ganz allmählich näher zu kommen. Am Anfang war sie sehr freundlich gewesen, aber dann irgendwann schien ihr klar geworden zu sein, worauf das hinauslief. Ab diesem Punkt war sie plötzlich wieder sehr distanziert. Meistens wenigstens. So lange, dass er irgendwann dachte, er habe sich geirrt.

Allerdings hatte es sich jetzt zu Weihnachten wiederholt. Sie hatten oben im Vestibül gestanden, die Familie und alle Dienstboten, und Weihnachtslieder gesungen. Dort hatte er sie im großen Spiegel gesehen. Sie warf einen langen, sehnsuchtsvollen Blick auf ihn. Als sich ihre Blicke dann im Spiegel begegneten, schaute sie erschrocken weg. Ihr Gesicht war hochrot. In den nächsten drei Tagen ging sie ihm aus dem Weg, wann immer es ihr möglich war.

Das hatte seine Hoffnung genährt. Auch sie war an ihm interessiert. Ganz bestimmt. Deswegen war er nach den Feiertagen in den Dorfladen gegangen und hatte Ausschau danach gehalten, was er ihr schenken konnte. Er hatte sich schließlich für eine Haarbürste aus Buchenholz entschieden. Sie war nicht ganz billig gewesen, aber war ein passendes Geschenk für eine Frau mit so wunderschönen kupferroten Haaren.

Dennoch, nun stand er mit dem braunen Papierpaket dumm im Flur herum. Wovor hatte sie Angst? Nun, sie war bald zwanzig Jahre alt und vielleicht war sie ja bereits gebunden. Andererseits schien sie so froh zu sein, endlich aus Deutsch Krone und von ihrem alten Gut weggekommen zu sein. Das hatte sie mehrmals betont in ihren ersten Wochen hier. Man war doch nicht so erleichtert und gelöst, wenn man seinen Liebsten zurückließ. Er wurde nicht schlau aus Ida Plümecke.

Nicht nur ihm ging es so. Eugen, der Stallbursche, hatte sich Albert anvertraut. Er war an Wiebke interessiert, Idas Schwester, aber wusste nicht recht, wie er es anfangen sollte. Erste zaghafte Versuche waren alle gescheitert. Eugen vermutete, dass Wiebke sich absichtlich nichtsahnend stellte, weil sie ihn nicht vor den Kopf stoßen wollte. Sein Arm, der zu nichts mehr zu gebrauchen war, und die Tatsache, dass er wegen dem Scheunenbrand noch für weitere anderthalb Jahre keinen Lohn beziehen würde, trug ebenfalls nicht gerade dazu bei, attraktiver für die Frauen zu werden.

Doch Albert glaubte nicht, dass es das war, was Wiebke zurückhielt. Das Stubenmädchen war einfach äußerst schüchtern. In seinem Waisenhaus hätten die Schwestern am liebsten alle Mädchen zu Novizinnen gemacht.

Albert kannte das. Seine ganze Kindheit und Jugend über hatte man ihm und den anderen eingebläut, wie schändlich und sündhaft der Kontakt zum anderen Geschlecht sei. Und hätte er nicht bereits Anlass gehabt, den Barmherzigen Schwestern ihre Lügen nicht mehr abzukaufen, dann hätte er ihnen vermutlich sogar geglaubt. Das jahrelange Eintrichtern, jegliche menschliche Nähe sei lasterhaft, konnte tiefe Ebenen erreichen.

Vielleicht waren die Plümecke-Schwestern einfach schwierig. Nein, so stimmte das nicht. Es waren beide wirklich gute Menschen und fleißige Arbeiterinnen. Nur hatte das Leben ihnen beigebracht, anderen Menschen gegenüber vorsichtig zu sein. Albert wäre der Letzte, der diesen Charakterzug von sich weisen könnte. Und obwohl er das wusste und bedachte, war er enttäuscht. Was ihn wirklich überraschte. Er hätte nicht gedacht, dass Idas Zurückweisung seine Gefühle derart kränken könnte. Das war er nicht gewohnt. Nun, andererseits befand er sich in einem Umbruch. In den letzten Monaten hatte er Bekanntschaft gemacht mit vielerlei Gefühlen, die er bisher nicht gekannt hatte. Mutterliebe zum Beispiel.

Er hatte sich den heutigen Nachmittag freigenommen, um seine Mutter zu besuchen. Es hatte in den letzten Tagen nicht mehr sehr geschneit, worüber er froh war. Er wollte den Grafen nicht darum bitten, eins der Pferde nehmen zu dürfen. Schließlich sollte der Graf nicht wissen, wen er besuchte.

Eilig lief er die Hintertreppe hoch in sein Zimmer, legte das eine Geschenk weg, nur um das andere an sich zu nehmen. Dann zog er sich dick an. Im Moment schien die Sonne und es ging kein Wind. Aber er würde erst zurückkehren, wenn es dunkel war.

* * *

»Du sollst dein hart verdientes Geld nicht für mich ausgeben«, schalt er sie. Albert traten beinahe die Tränen in die Augen. »Ich bekomme wirklich genug zu essen auf dem Gut.«

Seine Mutter nahm ihn in die Arme, was komisch wirkte. Sie war so viel kleiner als er und bekam ihre Arme kaum um ihn gelegt.

»Ich möchte es tun. So viele Jahre habe ich davon geträumt, für meinen Sohn Kuchen backen zu können.« Sie ließ von ihm ab.

»Du weißt doch, dass es verboten ist.«

»Und wenn schon. Du wirst mich sicher nicht verraten. Außerdem ist er ohne Zucker.«

Es gab einen Kirschstreusel. Als er gekommen war, hatte seine Mutter gerade Sahne geschlagen. Albert zog seinen Mantel und den Schal aus und hängte beides über einen Stuhl.

Er überlegte, wann er das letzte Mal Kuchen mit Sahne gegessen hatte. Es musste bei Paula Ackermann gewesen und bestimmt schon anderthalb oder zwei Jahre her sein. Er war ein Leckermäulchen, durch und durch. Schon als Kind hatte er davon geträumt, nicht nur von Kuchen mit Sahne, sondern auch in einem richtigen Zuhause an einem Tisch zu sitzen und von seiner Mutter verwöhnt zu werden. Wie jedes Waisenkind sich irgendwann seine Eltern erträumte.

»Ich hab dir auch etwas mitgebracht.« Er griff in seine Manteltasche und holte ein Päckchen heraus, und noch einen kleinen Papierbeutel.

»Das hier ist für jetzt, zum Kaffeetrinken. Aber das hier ist für …« Für den Rest deines Lebens, hätte er sagen können. Doch er wollte nicht zu pathetisch klingen. »… nur für dich.«

»Auch du sollst dein Geld nicht verschleudern, nicht für mich. Ich habe alles, was ich brauche. Jetzt, wo ich dich habe.« Therese Hindemith nahm die beiden Geschenke an sich und öffnete zuerst die Papiertüte.

»Echter Bohnenkaffee?!«

Albert nickte. Noch nie hatte er sich so sehr darüber gefreut, jemand anderem eine Freude zu machen. Und seine Mutter war immer so glücklich, ihn zu sehen. Dazu zog der Duft von frisch gebackenem Kuchen und gerösteten Kaffeebohnen durch den Raum. Und wenn er morgen sterben würde – dieser eine Moment purer Glückseligkeit war sein Leben wert gewesen.

Therese legte beides zur Seite und nahm das zweite Paket.

»Ich war extra dafür in Stargard.« Tatsächlich hatte er sogar nach einem freien Tag gefragt, damit niemand auch nur eine dumme Frage stellen konnte.

Neugierig packte seine Mutter das Geschenk aus. Sofort standen ihr die Tränen in den Augen. »Oh mein Gott.«

Albert war zu einem Fotografen gegangen und hatte ein Bild von sich anfertigen lassen. Er hatte kaum Fotografien von sich, und überhaupt keine einzige aus seiner Kindheit. Auf zwei oder drei Fotografien, die man in Elbingen auf dem Trakehner-Gestüt gemacht hatte, war er zu sehen. Aber er besaß keine Abzüge davon. Tatsächlich hatte er kein einziges richtiges Bild nur von sich. Vor zwei Tagen hatte er sich direkt zwei Abzüge machen lassen. Das war nicht nur sein Geschenk für seine Mutter, sondern auch sein Weihnachtsgeschenk, das er sich selbst schenkte.

»Ich bin sprachlos. Was für eine schöne Idee. Darauf wäre ich nie gekommen.«

Albert setzte sich. »Weißt du, ich hatte die Idee, vielleicht irgendwann im nächsten Sommer, wenn wir beide mal Zeit haben, könnten wir zusammen nach Stargard fahren und eine Fotografie von uns beiden machen lassen. Ich hätte gerne ein Foto von dir, und von uns.«

Er hätte ihr kaum ein größeres Geschenk machen können, als diesen Wunsch zu äußern. Sie legte ihre raue Hand auf seine Wange. »Das wäre wirklich wunderbar. Wir müssen nur aufpassen, dass … Vielleicht fahren wir besser nach Pyritz. Ich möchte nicht riskieren, dass uns jemand zusammen sieht. Du doch auch nicht, oder?«

Er legte seine Hand auf ihre. Tja, wie wäre seine Antwort darauf? Wann würde er sich endlich seinem Vater offenbaren? Jetzt, da er wusste, wer seine Mutter war. Jetzt, da er wusste, dass sein Vater Adolphis von Auwitz-Aarhayn bis vor Kurzem nichts von seiner Existenz gewusst hatte. Jetzt, da er sich ungefähr zusammenreimen konnte, was Donatus von Auwitz-Aarhayn und Pastor Wittekind damals in die Wege geleitet hatten, um Vater, Mutter und Kind voneinander zu trennen. Er wusste, seine Antwort würde seiner Mutter nicht gefallen.

»Wann hast du eigentlich Geburtstag?«

»Wieso?« Sie griff nach der Kaffeemühle, die oben auf einem Holzregal stand. Tatsächlich sah Albert eine dünne Schicht Staub darauf. Echter Bohnenkaffee, wie lange hatte sie den wohl nicht mehr getrunken? Schnell putzte sie mit einem Lappen das Holz sauber und zählte dann die Kaffeebohnen in die Öffnung.

»Nur so. Ich muss mir doch rechtzeitig freinehmen.« Schelmisch grinste er sie an. Er wusste schon, was er ihr schenken würde: Über eine gute Handcreme würde sie sich sicher freuen.

»Ich habe meinen Geburtstag noch nie gefeiert. Aber natürlich, wenn du mich besuchen kommst, würde ich mich sehr darüber freuen. Ich bin im Juni geboren, am 19. Juni.«

»Lass mich das machen.« Albert griff nach der Kaffeemühle, klemmte sie sich zwischen seine Oberschenkel und fing an, Kaffee zu malen.

Währenddessen leerte Therese Hindemith ihre Porzellankanne, in die sie anscheinend schon Pulver von gerösteten und gemahlenen Bucheckern gegeben hatte. Vorsichtig schüttete sie das Pulver zurück in eine Dose. Dann goss sie heißes Wasser in die Kanne, um sie vorzuwärmen, bevor sie den guten Kaffee aufsetzte.

»Du hast mir nicht auf meine Frage geantwortet.«

»Hm?«, gab er ausweichend von sich. Wollte er sich mit seiner Mutter sehen lassen? Als wüsste er nicht, was sie meinte. »Ich habe mit deiner Schwester gesprochen. Mit meiner Tante. Tante Irmgard.« Unwillkürlich musste er lächeln, als er das sagte. »Du kannst dir jetzt sicher sein, dass ich auf keinen Fall verhungere. Sie gibt mir immer das größte Stück Fleisch aus dem Suppentopf.«

Seine Mutter schaute ihn neugierig an. »Wie … Wie hat sie darauf reagiert? Ich meine, ich habe ihr ja erst vor Kurzem davon erzählt, dass ich ein Kind, einen Sohn, bekommen habe, damals. Und ruck, zuck hat sie schon einen Neffen bei sich am Tisch sitzen.«

»Ich habe den Eindruck, sie ist ganz glücklich darüber. Natürlich nenne ich sie nicht Tante, oder nur, wenn ich mir absolut sicher bin, dass sonst niemand in der Nähe ist. Aber, na ja … Es ist für uns ja noch ganz ungewohnt. Alles so neu.«

»Sei bloß vorsichtig.« Sie setzte sich. Ihre Finger spielten nervös mit der bestickten Tischdecke. »Weißt du, ich war so lange heimatlos. Tatsächlich wusste ich nicht, ob ich meine Heimat jemals wiedersehen würde. So lange ist mein Geheimnis verborgen geblieben. Ich möchte nicht …«

Albert stellte die Kaffeemühle beiseite und nahm ihre Hände in seine. »Dir muss doch klar sein, dass der Graf weiß, wo du wohnst, oder? Sonst hätte er mich nicht damit beauftragt, dir das Geld zu überbringen. Offensichtlich hat er ein schlechtes Gewissen. Er will dir nichts Böses.«

Sie druckste herum. »Aber vielleicht … Wenn andere das mitbekommen! Ich könnte es nicht ertragen, wenn die Leute auf einmal schlecht von mir denken würden. Dann müsste ich gehen. Und ich will hier nicht weg. Ich kann auch nicht weg, nicht jetzt. Ich hab dich endlich wiedergefunden. Und jetzt, wo Krieg ist …«

»Ich verspreche dir, dass ich darauf achten werde, dass niemand hinter unser Geheimnis kommt. Aber wenn ich dich nun ab und an besuche, werden die Leute dann nicht anfangen zu reden?«

»Nein. Vielleicht. Ich muss mir was ausdenken, was ich dann sage.«

»Schließlich kennen mich hier bestimmt auch einige. Ob nun als Kutscher und Chauffeur des Grafen oder als Landarbeiter auf Gut Greifenau.«

»Ich könnte sagen, dass du … der Sohn einer verstorbenen Freundin bist. Oder ein entfernter Verwandter von uns …«

Albert seufzte auf. Er wollte es nicht, aber er konnte sie auch verstehen. Er wusste genau, wie es war, sich heimatlos zu fühlen. »Sag mir nur rechtzeitig Bescheid, damit ich mich nicht verplappere.«

Der Wasserkessel pfiff. Sie macht ihre Hände frei und stand schnell auf. »Weißt du, nicht nur ich könnte Schwierigkeiten kriegen. Du auch. Hast du jemals überlegt, wie er darauf reagieren würde, dass du sein Sohn bist?«

Als würde er nicht tagtäglich daran denken! Als würde ihm nicht stündlich durch den Kopf gehen, dass seine Mutter seine Herkunft bezeugen konnte. Das war ihm nun das Wichtigste: die Anerkennung durch seinen Vater. »Natürlich.«

Aber als hätte er ihr gar keine Antwort gegeben, sprach sie einfach weiter. »Er könnte dich vom Hof jagen. Ohne Geld, ohne Zeugnis. Und jetzt ist Krieg. Ich wundere mich überhaupt, dass du noch nicht eingezogen worden bist. Aber solltest du keine Anstellung mehr haben, keine kriegswichtige Anstellung mehr in der Landwirtschaft, dann müsstest du sofort an die Front.«

Sie stand mit dem Rücken zu ihm, und er sah, wie sie stumm aufschluchzte und ihr Leid herunterschluckte. »Stell dir vor, du würdest jetzt umkommen. Jetzt, wo ich dich endlich gefunden habe. Das würde ich nicht überleben.«

Daran hatte er tatsächlich nicht gedacht. Also nicht, dass er nicht vielleicht an die Front musste. Aber jetzt, da sie es sagte, wurde ihm mit einem Schlag bewusst, wie wichtig ihm sein eigenes Leben geworden war. Er hatte endlich so etwas wie Familie. Endlich Heimat und zum ersten Mal auch das Gefühl, er könnte selber eine Familie gründen. Seine Mutter hatte recht: Er durfte das nicht leichtfertig riskieren.

»Na gut. Dann verspreche ich dir jetzt, dass ich mich meinem Vater nicht offenbaren werde, bevor der Krieg zu Ende ist.«

Sie drehte sich um. Sie hatte geweint und die Tränen schnell fortgewischt. Aber jetzt lächelte sie wieder, wie vorhin, als er zur Tür hereingekommen war.

»Ich danke dir.«

31. Dezember 1917

Sie würde noch verrückt werden. Papa hatte sich in den letzten Tagen gar nicht sehen lassen. Mama steckte vier Mal am Tag den Kopf zur Tür hinein, um zu kontrollieren, ob sie auch tatsächlich auf ihrem Zimmer war. Als käme sie hier heraus. Ansonsten gab es keinen Kontakt zur Außenwelt. Das Essen wurde ihr von Mamsell Schott aufs Zimmer gebracht. Die blieb merkwürdig wortkarg, antwortete nur das Nötigste und erzählte rein gar nichts.

Vor vier Tagen hatte Papa sie aus dem Eisenbahnwaggon gezerrt. Vor ihren Augen hatte sich der Zug in Bewegung gesetzt, Julius’ Gesicht an dem geöffneten Fenster, nach ihr schreiend und händeringend. Sein letzter Blick hatte sich ihr ins Gedächtnis gebrannt – seine Lippen, die ihren Namen formten. Es hätte ihr Zug in die Freiheit sein sollen.

Stattdessen hatte Papa sie in die Kutsche gesperrt, ohne Mantel und frierend. Sie war geschockt, verwirrt und erzürnt gewesen. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte ihr Vater sie geschlagen. Die ganze Rückfahrt über hatte Papa abwechselnd auf sie eingeredet oder sie angeschrien oder hatte stumm vor sich hingebrütet.

Interessanterweise hatte Alexander die Kutsche gefahren. Vermutlich wollten ihre Eltern verhindern, dass es unter der Dienerschaft und vermutlich dann auch bald im Dorf Getratsche gab. Oder steckte Alexander selber hinter dem Verrat? Das konnte sie sich eigentlich nicht vorstellen. Andererseits, falls Mama oder Papa versprochen hatten, ihm einen Herzenswunsch zu erfüllen, traute sie ihm das doch zu.

Papa hatte sich erst kurz vor Greifenau wieder beruhigt. Bei ihrer Rückkehr bekam sie keinen einzigen Dienstboten zu Gesicht. Vor dem Herrenhaus griff Papa sie fest am Arm, so fest, dass es wehtat. Er stieß sie in ihr Zimmer und ging. Mama prügelte sie windelweich. Wie eine Verrückte schlug sie auf Katharina ein, bis sie am Boden liegen blieb. Danach schloss man sie ein.

Im Spiegel prüfte Katharina die Verletzungen. Jede Menge blauer Flecken, im Gesicht, aber auch am Körper. Ihre Lippe war aufgeplatzt und blutete. Als sie nach der Mamsell klingelte, kam niemand.

Am nächsten Vormittag riss ihre Mutter die Tür auf und schaffte samt und sonders alle Bücher und Magazine heraus. Während sie die Sachen einfach auf den Flur warf, hielt sie ihr eine Moralpredigt. Mama hatte das Tablett mit Milch und einer Schnitte Brot genommen, das die Mamsell gebracht hatte, und es auf Katharinas Sekretär geknallt. Seitdem hatte praktisch niemand mehr ein Wort mit ihr gewechselt.

Wie öde ihre Welt geworden war. Mama hatte schon während ihrer Abwesenheit jede Kommodenschublade und jedes Fach in ihrem Zimmer durchstöbert. Glücklicherweise hatte sie nicht das Geheimfach gefunden, in dem sie alle Briefe von Julius versteckte. Eine kleine Holzplatte im Inneren ihres Kleiderkastens war locker. Dahinter gab es einen Hohlraum. Als sie ihn vor Jahren entdeckt hatte, war dort nichts drin gewesen.

Die Briefe waren die einzige Lektüre, die ihr geblieben war. Aber sie wagte es nicht, sie hervorzuholen. Sie hatte nur einmal kurz überprüft, ob sie noch da waren. Im Moment war es das Einzige, was sie noch mit Julius verband. Wenn Mama sie überraschte, wenn sie seine Liebesschwüre gerade las, würde sie noch wütender werden, obwohl das kaum vorstellbar war. Andererseits, was konnte noch schlimmer sein als das, was hier gerade passierte?

Noch eine Frage trieb sie um: Was war aus Julius geworden? Katharina hegte große Sorge, dass ihre Eltern Julius angeschwärzt hatten. Ein Brief, vielleicht an das Bezirks-Kommando in Potsdam oder Ähnliches. Julius könnte umgehend nachgemustert und eingezogen werden.

Keinesfalls aber würden ihre Eltern es wagen, Ludwig von Preußen von dem Vorfall zu berichten. Sollte er auch nur den Hauch einer Ahnung bekommen, dass seine Verlobte über Nacht alleine mit einem fremden Mann gewesen war, er würde sich sofort aus seinem Heiratsversprechen winden. Nein, das würden Mama und Papa nicht riskieren.

Die Kutschfahrt mit Julius, ihr gemeinsames Frühstück in Stargard, ja, ihre ganze gemeinsame Flucht erschien ihr nun wie eine Fata Morgana. Ihr Leben hatte plötzlich pulsiert, ihre Träume getanzt. Doch von einer Sekunde auf die andere war alles abgestorben. Und nun wurde sie behandelt wie eine Aussätzige. Das Schlimmste war, dass sie einfach nichts mehr mitbekam. Niemand sagte ihr etwas. Niemand redete mit ihr.

Und seit zwei Tagen war noch etwas. Die Stimmung war umgeschlagen. Irgendetwas ging in diesem Haus vor sich, und sie hatte keinen Schimmer, was es war. Mama war gestern Mittag ganz verheult ins Zimmer gekommen. Statt sie mit ihren funkelnden Augen anzugiften, wie sonst immer, hatte sie sich mit einem bloßen Blick auf ihre Tochter zufriedengegeben. Das war das erste Anzeichen gewesen. Das zweite war, dass Mama sich gestern gar nicht mehr hatte blicken lassen. Und heute Morgen hatte Mamsell Schott ihr mit bleichem Gesicht das Frühstück serviert.

Katharina hatte sie gefragt, und die Hausdame schien auch eine Antwort im Sinn gehabt zu haben. Es war offensichtlich, dass sie angehalten war, nichts zu erzählen.

Die Schatten des Abends legten sich über die Landschaft. Der Blick nach draußen war ihre einzige Abwechslung, abgesehen vom Essen. Sie hatte nicht einmal ein anderes Kleid bekommen, sondern trug noch immer das schlichte Kleid, das sie für ihre Flucht angezogen hatte.

Jetzt fuhr ein Schlüssel ins Türschloss. Jemand klopfte leise und die Tür ging auf. Mamsell Schott trat ein, ein dunkles Kleid auf den Armen.

»Ihre Frau Mutter möchte, dass Sie sich umziehen. Sie werden heute Abend unten speisen.«

Katharina sagte nichts. Sie war heilfroh, endlich einmal aus dem Zimmer herauszukommen. Sie hatte schon befürchtet, sogar am Silvesterabend hier alleine sitzen zu müssen. Doch anscheinend hatten ihre Eltern ein Nachsehen mit ihr. »Haben Sie noch frisches Wasser, um sich zu waschen?«

»Ja, danke. Ich werde mich beeilen. Wie spät ist es jetzt? Wann wird es Essen geben?«

Die Mamsell schaute sie nicht einmal an. »Ihre Mutter wird Sie holen.«

Natürlich, wenn sie schon ihr Zimmer verlassen durfte, würde Mama über sie wachen.

Mamsell Schott griff nach dem Toilettentopf, nahm ihn schweigend mit hinaus und schloss wieder ab. Den Schlüssel nahm sie mit.

Katharina zog sich aus und legte das Kleid beiseite. Das dunkle Kleid war erst vor Kurzem weiter gemacht worden. Es war schon älter und schlicht. Je nach Lichteinfall konnte man nicht immer sagen, ob es dunkelblau oder schwarz war. Sie wusch sich und zog sich wieder an. Dann setzte sie sich auf die Bettkante und wartete. Ihre Ungeduld würde auch nicht dazu führen, dass Mama schneller käme.

Heute, am letzten Tag des Jahres, wurde traditionell später gegessen. In den letzten Tagen hatte sie keinen Appetit gehabt. Aber jetzt war Katharina richtig hungrig. Es dauerte Stunden, bis die Tür aufging. Mama trat nicht einmal herein. Katharina stand auf und ging auf den Flur. Ihre Mutter schaute sie nicht an, sondern lief ihr voraus. Sie folgte Mama in den Salon, wo schon Papa saß und Zeitung las.

»Wo ist Alexander?«

Papa ließ die Zeitung sinken. »Ich habe keine Ahnung.«

Doch genau in diesem Moment ging die Tür auf und Alexander humpelte herein. Er schaute Katharina nicht an, ganz so, als wäre sie nicht da. Sie fragte sich, was das wohl bedeutete.

»Dann lasst uns rübergehen.«

Mama hatte sich gar nicht gesetzt, sondern lief sofort hinüber in den Speisesalon. Es war nur für vier gedeckt. Katharina wusste nicht, wo Nikolaus im Moment stationiert war. Aber da – zumindest nach ihren letzten Informationen – an der Ostfront Waffenruhe herrschte, würde er das neue Jahr ebenfalls friedlich begehen können.

Ihre Schwester Anastasia war zurück in Ostpreußen. Wie sie in ihrem Brief geschrieben hatte, der kurz vor Weihnachten angekommen war, würde sie zumindest die Festtage mit ihrem Mann begehen können. Außerdem war sie erneut in guter Hoffnung. Vor allem in großer Hoffnung darauf, dass es dieses Mal ein Stammhalter werden würde.

»Isst Konstantin nicht mit uns?«

»Nein. Wir speisen im kleinsten Kreise.«

Kleinster Kreis, das bedeutete, nur die Familie. Nicht mal Pastor Wittekind schien eingeladen zu sein.

Alexander warf ihr einen Blick zu. Aber dieser Blick war merkwürdig, eindringlich gespannt und doch verstört. Alexander blickte abwechselnd von Mama zu Papa und wieder zurück zu ihr. »Ihr habt es ihr nicht gesagt?«

»Alexander! Dazu gibt es nichts zu sagen.« Mama schien äußerst düsterer Stimmung zu sein.

Papa blieb stumm. Sein Gesicht war fahl und glänzte verschwitzt. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass ihr das in letzter Zeit schon mehrere Male aufgefallen war. Er sah irgendwie krank aus. Aber vor ihrer Flucht hatte sie sich mit so vielen verschiedenen Gedanken getragen, die allesamt die Welt jenseits von Gut Greifenau betrafen. Jetzt plötzlich war ihre Welt winzig klein geworden, was aber auch zur Folge hatte, dass sie jede Kleinigkeit in sich aufsog.

»Was? Was habt ihr mir nicht gesagt?«

Katharina blickte ihre Eltern an. Ihr Vater legte mit äußerster Genauigkeit die Serviette auf seinen Schoß. Mama starrte einfach nur auf ihren Teller.

»Was ist mit Konstantin? Musste er zurück an die Front?«, fragte Katharina nachdrücklich.

Alexander schien tatsächlich empört darüber zu sein, dass ihre Eltern sie im Unklaren über das Schicksal ihres Bruders lassen wollten. Aber ihre Mutter ging sofort dazwischen, als er nur den Mund aufmachte.

»Keinen Ton. Ich sag es dir. Oder ich sperre dich genauso ein wie deine Schwester.« Das war keine leere Drohung.

Alexander sog scharf die Luft ein und starrte nun auch vor sich auf den Teller.

Vater fixierte irgendeinen Punkt auf der Tapete, bis Caspers, der oberste Hausdiener, mit der Suppenterrine eintrat. Die Stimmung war düsterer als auf einem Begräbnis. Sie aßen schweigend ihre Suppe. Und auch während der weiteren Gänge wurde kaum ein Wort gewechselt.

Caspers erkundigte sich nach jedem Gang, ob es gemundet habe und er abtragen dürfe. Papa bejahte dies. Das wiederholte sich so oft, bis zum Schluss das Sorbet hereingetragen wurde. Katharina hatte am Nachmittag durchs Fenster gesehen, wie Frau Hindemith das Eis dafür aus dem Eishaus geholte hatte. Es gab köstliches Pflaumensorbet. Mama rührte es kaum an.

Als alle fertig waren, stand Mama ohne einen Ton einfach auf und ging hinüber in den Salon. Alexander saß noch immer am Tisch und brütete vor sich hin. Und selbst Papa schien diese merkwürdige Szene gar nicht mitzubekommen. Mein Gott, was war geschehen? Je länger sie sie in Unwissenheit ließen, umso schlimmere Dinge malte Katharina sich aus.

Als sie schließlich in den kleinen Salon trat, saß Mama schon auf dem Sofa, ein Magazin in ihrer Hand, und starrte ins Leere. Papa goss sich äußerst üppig einen Obstbrand ein. Unaufgefordert stellte er Mama einen Kirschlikör hin, den sie aber nicht anrührte.

Alexander goss sich etwas Portwein ein. Und dann, weil ja doch niemand von ihm Notiz zu nehmen schien, ein zweites Glas, das er Katharina in die Hand drückte.

Sie suchte fragend Blickkontakt. Alexander schüttelte nur leicht den Kopf. Im Moment war es nicht möglich, mit ihm zu reden.

Als sie selbst nach einem Modemagazin griff, schien sogar ihre Mutter für eine kurze Sekunde zu bemerken, dass sie mit im Raum war. Sie schaute kurz hoch, prüfte, was Katharina sich da genommen hatte, und starrte dann weiter vor sich hin. Nur das Ticken der Standuhr war zu hören. Ein Klacken für jeden Moment ihres Lebens, der in der Zeit ertrank. So vergingen die nächsten zwei Stunden, bis es kurz vor Mitternacht war. Papa stand schwankend auf. Es war gruselig. Katharina kam sich vor, als wäre sie in einem Roman von Mary Shelley oder Edgar Allan Poe gelandet.

»Wir werden heute nicht schießen.« Papa schien seine Worte an niemanden gerichtet zu haben. Er sagte es einfach so ins Zimmer hinein.

Als sie ins Vestibül traten, hatten sich die Dienstboten bereits alle versammelt. Mamsell Schott und Herr Caspers standen mit dem Champagner bereit. Wiebke und ihre Schwester hatten sich untergehakt. Alle waren dick angezogen. Albert Sonntag unterhielt sich mit der Köchin, verstummte aber sofort, als die Herrschaften aus dem Salon traten.

Schweigend gingen sie alle hinaus. Als wäre es etwas Ungehöriges, fragte Caspers ihren Vater, ob er nun den Champagner ausschenken solle. Papa nickte und schaute auf seine Taschenuhr. Von drinnen hörte man leise die Standuhr schlagen. Selbst die Kirchenglocken schienen traurig zu sein, zumindest hatte Katharina den Eindruck. Sie schlugen pünktlich zwölf Mal zur Mitternacht. Wo in den anderen Jahren immer ein lautes, vergnügtes Glockenspiel gefolgt war, dröhnte nun Stille übers Land. Ob es an dem geheimnisvollen Vorkommnis lag oder ob die Dörfler die Lust am Schießen verloren hatten, niemand feuerte auch nur einen einzigen Schuss ab. Nur der Wind pfiff über die Schneelandschaft.

Als Papa sich endlich Mama zuwandte und sie tröstend in den Arm nahm, prosteten sich endlich auch alle anderen zu. Die Dienstboten wünschten sich untereinander ein gutes, friedvolles und glückliches neues Jahr.

Kurz darauf schien Alexander den gleichen Gedanken zu haben wie sie. Sie trafen sich hinter den Dienstboten.

»Was ist hier eigentlich los?«, zischelte Katharina leise. »Und wer hat mich verraten?« Besonders diese eine Frage brannte ihr seit Tagen auf der Seele.

»Nicht ich, falls du das glaubst. Die haben mich fast gelyncht, weil sie dachten, ich wüsste etwas über deine Flucht. Oder ich hätte dir gar geholfen. Es hat mich einiges an Kraft gekostet, sie vom Gegenteil zu überzeugen.«

»Du hast mich nicht verraten?« Katharina war sich nicht sicher, ob sie Alexander glauben sollte.

»Nein!«, gab er entrüstet von sich. »Denk mal nach: Jetzt, wo sich dein Liebestraum mit Julius in Schall und Rauch auflöst, löst sich auch meiner auf. Papa hat schon angekündigt, dass er mir kein Musikstudium finanzieren will. Ich habe nichts damit zu tun, dass sie dich aufgestöbert haben. Sie haben wohl gemerkt, dass du fort warst. Da war naheliegend, dass du zum Bahnhof nach Stargard bist. Papa hat mich gezwungen, die Kutsche zu fahren, weil er keinen der Dienstboten mit reinziehen wollte. Mehr kann ich dir dazu nicht sagen.«

»Was ist mit Julius?«

»Keine Ahnung. Ich weiß überhaupt nichts. Aber du weißt etwas viel Wichtigeres noch nicht: Konstantin ist vermutlich tot.«

Ihr stockte das Herz. »Tot?«

Alexander nickte. »Seit Samstag gibt es kein Lebenszeichen mehr von ihm. Papa hatte ihn tagsüber noch im Dorf getroffen, sagt er. Konstantin wollte wohl nach Pyritz, irgendwas kaufen. In der Nacht haben wir uns noch nicht besonders viel Sorgen gemacht. Vater glaubte, dass Konstantin dort in einem Hotel übernachtet hatte. Doch als er am nächsten Abend immer noch nicht zurückkam, hat er den Kutscher nach Pyritz geschickt. Konstantin war nicht im Hotel. In keinem Hotel. Niemand weiß, ob er überhaupt in Pyritz angekommen ist. Papa hat Suchtrupps losgeschickt, überall, auf die Felder, draußen in den Wald. Und dann hat Vater selbst, hinten in der Nähe vom Dunkelhain, nur wenige Meter vom Waldrand entfernt, eine Stelle gefunden: niedergetrampelter Schnee, als wenn ein Kampf stattgefunden hätte. Viel Blut und eine breite Schleifspur, die sich im Wald verliert. Dort hat man auch Konstantins Mütze gefunden.«

Katharina starrte ihn mit offenem Mund an. Ihr großer Bruder – tot? »Er könnte doch aber noch leben!«

»Papa hat den ganzen Wald absuchen lassen. Es ist nichts weiter gefunden worden. Konstantin ist einfach wie vom Erdboden verschluckt. Verschollen. Ich hab gehört, wie Papa zur Dienerschaft gesprochen hat. Er hat gesagt, dass wir uns alle nicht zu viel Hoffnung machen dürfen. Wenn man ihn jetzt noch finden würde, nach den Nächten dort draußen, dann vermutlich nur noch tot.«

Aus Katharinas Augen quollen die Tränen hervor.

»Reiß dich zusammen. Da kommt Mama.« Alexander drehte sich um und ging zum nächstbesten Dienstboten, um ihm ein gutes neues Jahr zu wünschen.

Mama trat an sie heran. Katharina dachte schon, sie wollte ihr auch ein gutes neues Jahr wünschen, doch sie sagte nur: »Komm jetzt. Es ist genug.«