Hardwired - verführt - Meredith Wild - E-Book

Hardwired - verführt E-Book

Meredith Wild

4,5
9,99 €

Beschreibung

Erica und Blake - die Liebesgeschichte, die bereits Millionen von Leserinnen begeistert hat Erica Hathaway ist tough und klug. Sie musste früh lernen, was es bedeutet, auf eigenen Beinen zu stehen. Als sie für ihr Internet-Startup einen Investor sucht, trifft sie auf Blake Landon. Blake ist sexy, mächtig und geheimnisvoll - und er schmettert ihre aufwändig vorbereitete Präsentation, ohne mit der Wimper zu zucken, als uninteressant ab. Erica ist außer sich vor Wut. Und doch fühlt sie sich auf magische Weise zu Blake hingezogen. Je mehr Erica über den Self-Made-Milliardär erfährt, desto deutlicher wird, dass er gute Gründe für seine Entscheidung hatte. Und obwohl sie spürt, dass sie besser die Finger von Blake lassen sollte, gibt sie sich ihrem Verlangen hin ... Endlich auf Deutsch! Die Platz-1-New-York-Times-Bestseller-Reihe von Meredith Wild. Band 2 (Hardpressed - verloren) erscheint am 03. August 2016.

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Seitenzahl: 373

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Inhalt

Titel

Zu diesem Buch

Widmung

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

Danksagung

Impressum

MEREDITH WILD

Hardwired – verführt

Band 1

Roman

Ins Deutsche übertragen

von Freya Gehrke

Zu diesem Buch

Erica Hathaway ist tough und klug. Schon früh musste die 21-Jährige lernen, was es bedeutet, auf eigenen Beinen zu stehen. Als sie für ihr Internet-Startup einen Investor sucht, trifft sie auf den ebenso attraktiven wie geheimnisvollen Blake Landon – ein Selfmade-Milliardär, dem eine düstere Vergangenheit als Hacker nachgesagt wird. Erica ist nervös, als sie ihm in dem großen Konferenzraum seiner Firma gegenübertritt, und sie rechnet mit allem, nur nicht damit, dass Blake ihre aufwändig vorbereitete Präsentation, ohne mit der Wimper zu zucken, als völlig uninteressant abschmettert. Erica ist außer sich vor Wut und gleichzeitig am Boden zerstört. Am liebsten würde sie den Tag so schnell wie möglich aus ihrem Gedächtnis streichen. Doch Blake lässt sie nicht los. Denn trotz allem fühlt Erica sich auf magische Art und Weise zu ihm hingezogen. Plötzlich ist er überall. Und je mehr sie über ihn erfährt, desto deutlicher wird, dass er gute Gründe für seine Entscheidung hatte. Erica hat genug mit den dunklen Dämonen ihrer eigenen Vergangenheit zu tun, und sie weiß, dass sie besser die Finger von Blake und seinen Problemen lassen sollte. Doch bald schon kann sie nicht anders, als sich ihrem Verlangen hinzugeben …

Für Mom,

dafür, dass du mich gedrängt hast,zu schreiben.

1. KAPITEL

»Was für ein herrlicher Tag«, sagte ich.

Der Winter war aus Boston gewichen und hatte dem Frühling Platz gemacht. Der Campus war zum Leben erwacht, es wimmelte nur so von Studenten, Touristen und Stadtbewohnern.

Viele trugen die Talare, die sie sich an diesem Nachmittag für die Abschlusszeremonie übergeworfen hatten, die noch immer im Gange war. Alles fühlte sich surreal an, vom bittersüßen Abschied unter Freunden bis hin zu der bangen Gewissheit, sich von jetzt an den Problemen der wirklichen Welt gegenüberzusehen. In meinem Inneren herrschte ein wahrer Tumult von Gefühlen. Stolz, Erleichterung, Furcht. Aber die Freude überwog. Diesen Moment zu erleben. Marie an meiner Seite zu haben.

»Das ist es, und niemand hat das mehr verdient als du, Erica.« Marie Martelly, beste Freundin meiner Mutter und meine stete Rettung in der Not, drückte leicht meine Hand und hakte sich bei mir unter.

Die große, schlanke Marie überragte meine zierliche Gestalt um einiges. Ihre Haut hatte die Farbe von Kakao, und ihr braunes Haar war zu Dutzenden kurzer Dreads eingedreht – eine Frisur, die sowohl ihre ewige Jugend als auch ihren vielseitigen Stil widerspiegelte. Auf den ersten Blick wäre niemand auf die Idee gekommen, dass sie mir seit beinahe zehn Jahren die Mutter ersetzte.

Über die Jahre war ich zu dem Schluss gekommen, dass es manchmal besser war, keine Eltern zu haben als die Art von Eltern, von denen ich hörte und denen ich ab und an auch begegnete. Die Erzeuger meiner Kommilitonen konnten sehr erdrückend sein. Körperlich da, aber emotional abwesend. Oder alt genug, um meine Großeltern zu sein, und mit einem ernsthaften Generationenkonflikt behaftet. Hervorragendes zu leisten war wesentlich einfacher, wenn ich mich allein unter Erfolgsdruck setzte.

Marie war anders. Über die Jahre hatte sie mir immer das perfekte Maß an Beistand geboten. Geduldig hatte sie sich meine Freundschaftsdramen und mein Gestöhne über die Arbeit und die Klausuren angehört, aber gedrängt hatte sie mich nie. Sie wusste, wie hart ich mich schon selbst forderte.

Wir spazierten die schmalen Wege entlang, die sich überall durch den Campus zogen. Eine sanfte Brise fuhr durch die dicht belaubten Bäume, die über uns leise rauschten.

»Danke, dass du heute für mich da bist«, sagte ich.

»Sei doch nicht albern, Erica! Das hätte ich um nichts in der Welt verpassen wollen. Das weißt du doch.« Sie lächelte zu mir herab und zwinkerte. »Außerdem schwelge ich immer gern ein bisschen in Erinnerungen. Ich weiß wirklich nicht, wann ich das letzte Mal auf dem Campus war. Da fühlt man sich gleich wieder jung!«

Ihre Begeisterung brachte mich zum Lachen. Nur jemand wie Marie konnte seine Alma Mater besuchen und sich dabei jünger fühlen, als wäre überhaupt keine Zeit vergangen.

»Du bist doch noch jung, Marie.«

»Ach ja, schätze schon. Aber das Leben zieht viel zu schnell vorbei. Das wirst du schon noch früh genug mitkriegen.« Sie seufzte leise. »So, willst du feiern?«

Ich nickte. »Absolut. Gehen wir.«

Durch die Tore des Campusgeländes traten wir nach draußen und hielten ein Taxi an, das uns über den Charles River nach Boston hineinbrachte. Ein paar Minuten später stießen wir die schweren Holztüren eines der besten Steakhäuser der Stadt auf. Gegen die sonnigen Straßen war es im Restaurant dunkel und kühl, und über dem leisen Gemurmel der frühabendlichen Gäste schwebte eine Aura der Vornehmheit.

Wir machten es uns mit unseren Speisekarten bequem und bestellten Essen und Getränke. Kurz darauf brachte der Kellner zwei Gläser mit sechzehn Jahre altem Scotch on the rocks. Mehr als ein Abendessen dieser Art mit Marie hatte mich auf den Geschmack gebracht. Nach wochenlangen Überdosen von Kaffee und nächtlichem Fast Food gab es keine schönere Belohnung als ein kühles Glas Scotch zu einem anständigen Steak.

Ich zeichnete Spuren in das Kondenswasser, das sich auf meinem Glas bildete, und fragte mich, wie der heutige Tag wohl ausgesehen hätte, wenn meine Mutter noch am Leben wäre. Vielleicht wäre ich dann noch zu Hause in Chicago und würde ein völlig anderes Leben führen.

»Was beschäftigt dich, Kleines?«, riss Maries Stimme mich aus meinen Gedanken.

»Nichts. Ich wünschte nur, Mom könnte jetzt hier sein«, antwortete ich leise.

Über den Tisch hinweg ergriff Marie meine Hand. »Wir wissen beide, wie unheimlich stolz Patricia heute auf dich gewesen wäre. Mehr, als Worte ausdrücken könnten.«

Niemand hatte meine Mutter besser gekannt als Marie. Trotz der jahrelangen räumlichen Distanz nach dem Studium hatte ihre enge Freundschaft gehalten – bis zum bitteren Ende.

Ich wich ihrem Blick aus, denn ich wollte mich nicht von der Woge der Gefühle mitreißen lassen, die mich jedes Mal bei wichtigen Ereignissen wie diesem zu überrollen drohte. Heute würde ich nicht weinen. Heute war ein freudiger Tag, komme, was wolle. Einer, den ich nie vergessen würde.

Marie ließ meine Hand los und erhob mit aufleuchtenden Augen ihr Glas. »Wie wäre es mit einem Toast? Auf das nächste Kapitel.«

Auch ich erhob mein Glas, lächelte trotz der Traurigkeit und ließ Erleichterung und Dankbarkeit die leere Stelle in meinem Herzen füllen.

»Cheers.« Ich tippte mit meinem Glas an das von Marie und nahm einen kräftigen Schluck. Genießerisch spürte ich dem Brennen des Alkohols auf dem Weg nach unten nach.

»Wo wir gerade dabei sind, was steht als Nächstes an, Erica?«

Ich wanderte mit den Gedanken zu meinem Leben und seinen realen Herausforderungen zurück. »Na ja, diese Woche ist der große Pitch bei Angelcom, und dann muss ich mir irgendwann auch noch eine Wohnung suchen.«

»Du kannst jederzeit gern bei mir unterschlüpfen.«

»Ich weiß, aber ich muss auch mal allein zurechtkommen. Um ehrlich zu sein, freue ich mich sogar drauf.«

»Schon irgendwelche Pläne?«

»Nicht wirklich, aber ich muss mal raus aus Cambridge.« Harvard war toll gewesen, aber es war an der Zeit, dass die akademische Welt und ich getrennte Wege gingen. Das vergangene Jahr über war ich zu einer richtigen Streberin mutiert und hatte gleichzeitig meine Diplomarbeit, eine Firmengründung und die üblichen Burn-out-Momente gemanagt, die jeden Studenten kurz vor dem Ende überkamen. Ich war sehr erpicht darauf, das nächste Kapitel meines Lebens weit weg vom Campus zu beginnen.

»Nicht, dass ich auch nur im Geringsten wollen würde, dass du hier wegziehst, aber bist du dir sicher, dass du in Boston bleiben möchtest?«

Ich nickte. »Bin ich. Vielleicht verschlägt es mich irgendwann aus geschäftlichen Gründen nach New York oder Kalifornien, aber im Augenblick bin ich hier ganz zufrieden.«

Boston konnte eine harte Stadt sein. Die Winter waren die Hölle, aber die Menschen hier waren stark, leidenschaftlich und oft schmerzhaft direkt. Mit der Zeit war ich eine von ihnen geworden. Ich konnte mir nicht vorstellen, ohne einen guten Grund irgendwo anders hinzuziehen. Außerdem hatte ich keine Eltern, zu denen ich hätte zurückkehren können, also war dies meine Heimat geworden.

»Hast du je in Erwägung gezogen, wieder nach Chicago zu ziehen?«

»Nein.« Einen Augenblick kaute ich schweigend meinen Salat und versuchte, nicht an all die Menschen zu denken, die heute für mich hätten da sein können. »Da wartet niemand mehr auf mich. Elliot ist wieder verheiratet und hat jetzt eigene Kinder. Und Moms Familie war immer … du weißt schon, distanziert.«

Seit meine Mutter vor einundzwanzig Jahren vom College nach Hause gekommen war, frisch geschwängert und ohne Heiratsabsichten, war das Verhältnis zu ihren Eltern schwierig gewesen – um es milde auszudrücken. Selbst als Kind, soweit ich mich noch erinnerte, fühlte ich mich in Gegenwart meiner Großeltern immer unbehaglich – die Art und Weise, wie ich in ihr Leben getreten war, überschattete alles. Von meinem Vater hatte Mom mir nie erzählt, aber wenn sie so Schlimmes erlebt hatte, dass sie nicht darüber sprechen wollte, war ich vermutlich so besser dran. Zumindest redete ich mir das ein, wenn die Neugier mich zu übermannen drohte.

Die Traurigkeit in Maries mitfühlendem Blick spiegelte meine eigene wider. »Bist du noch in Kontakt mit Elliot?«

»Meistens so um die Feiertage. Mit den beiden Kleinen hat er alle Hände voll zu tun.«

Elliot war der einzige Vater gewesen, den ich je gehabt hatte. Er hatte meine Mutter geheiratet, als ich noch ein Kleinkind gewesen war, und wir waren viele Jahre eine glückliche Familie gewesen. Aber kein Jahr nach dem Tod meiner Mutter hatte er sich von der Aussicht, allein einen Teenager großzuziehen, überfordert gefühlt und mich dank meines Erbes in ein Internat im Osten geschickt.

»Er fehlt dir«, bemerkte Marie leise, als hätte sie meine Gedanken gelesen.

»Manchmal«, gestand ich. »Wir hatten nie eine Chance, ohne sie zu einer Familie zusammenzuwachsen.« Ich wusste noch, wie hilflos und verloren wir plötzlich gewesen waren, nachdem sie gestorben war. Heute verband uns nur noch die Erinnerung an ihre Liebe, eine Erinnerung, die mit jedem Jahr ein wenig mehr verblasste.

»Er hat es nur gut gemeint, Erica.«

»Das weiß ich doch. Ich mache ihm auch gar keinen Vorwurf. Wir sind beide zufrieden, das ist doch alles, was jetzt noch eine Rolle spielt.« Nun, mit einem Diplom in der Tasche und einer eigenen Firma, empfand ich keinerlei Bedauern mehr angesichts Elliots Entscheidung. Letztendlich hatte er mich damit auf den Weg gebracht, der mich dorthin geführt hatte, wo ich heute war. Doch die Tatsache blieb, dass wir uns über die Jahre immer weiter voneinander entfernt hatten.

»Dann soll es davon jetzt genug sein. Lass uns über dein Liebesleben reden.« Auf Maries Gesicht blitzte ein warmes Lächeln auf, und ihre betörenden Mandelaugen glitzerten in der gedämpften Beleuchtung des Restaurants.

Ich lachte, denn ich wusste, dass sie jedes Detail würde wissen wollen, hätte ich auch nur das kleinste bisschen zu berichten. »Da gibt es leider nichts Neues. Wie wär’s, wenn wir stattdessen über deins reden?« Ich wusste, dass sie anbeißen würde.

Mit leuchtenden Augen ließ sie sich über ihre neueste Affäre aus. Richard war Journalist und Jetsetter und beinahe zehn Jahre jünger als sie, was mich kaum überraschte. Marie hatte sich nicht nur äußerlich gut gehalten, sondern war auch im Herzen jung geblieben. Wieder einmal musste ich mir in Erinnerung rufen, dass sie so alt war wie meine Mutter.

Während sie in Erinnerungen schwelgte, genoss ich mein Essen. Auf den Punkt gegart und überzogen mit einer Rotwein-Reduktion zerging das T-Bone-Steak mir förmlich auf der Zunge. Diese Befriedigung machte den hinter mir liegenden monatelangen Sexentzug beinahe wieder wett. Und falls nicht, schaffte es die Portion Erdbeeren mit Schokoladenüberzug, die wir uns als Dessert gönnten.

Im College hatte ich immer mal wieder Gelegenheit für kurze Techtelmechtel gehabt, aber anders als Marie war ich nie wirklich auf der Suche nach Liebe gewesen. Und jetzt, wo ich mich um eine Firma kümmern musste, blieb kaum noch Zeit für ein Sozialleben, geschweige denn ein Sexualleben. Stattdessen begnügte ich mich mit Maries Erzählungen und freute mich ehrlich, dass sie einen neuen Mann hatte, der etwas Schwung in ihr Leben brachte.

Wir aßen auf und beschlossen, uns draußen zu treffen, nachdem Marie sich etwas frisch gemacht hatte. Glücklich und ein wenig angesäuselt machte ich mich auf den Weg zur Tür. Als der Empfangschef mir im Vorbeigehen für meinen Besuch dankte, drehte ich mich kurz zu ihm um und stieß mit einem Mann zusammen, der gerade zur Tür hereinkam.

Er packte mich an der Taille und zog mich hoch, während ich mein Gleichgewicht wiederfand.

»Entschuldigung, ich …« Ich vergaß meine Entschuldigung, als sich unsere Blicke trafen. Ein Tornado aus Grün und Braun brach über mich herein, mit einer hypnotischen Kraft, die mir die Sprache verschlug. Umwerfend. Der Mann war schlicht und ergreifend umwerfend.

»Alles in Ordnung?«

Seine Stimme vibrierte in meinem ganzen Leib. Mir wurden die Knie weich. Im Gegenzug schloss sich sein Arm fester um meine Taille, was unsere Körper näher aneinanderbrachte. Das half mir auch nicht gerade, die Fassung zurückzugewinnen. Mein Herz schlug schneller, er hielt mich so besitzergreifend und selbstbewusst, als hätte er jedes Recht dazu.

Ein kleiner Teil von mir – der Teil, der nicht von kribbelndem Begehren für diesen Fremden durchströmt wurde – wollte gegen seine Dreistigkeit protestieren, doch ich konnte keinen rationalen Gedanken fassen, als ich seine Gesichtszüge genauer musterte. Viel älter als ich konnte er nicht sein. Abgesehen von seinem widerspenstigen dunkelbraunen Haar wirkte er sehr geschäftsmäßig in seinem anthrazitfarbenen Anzug. Am Kragen seines weißen Hemds waren zwei Knöpfe geöffnet. Er sah teuer aus. Er roch sogar teuer.

Nicht deine Liga, Erica, flüsterte eine Stimme in meinem Hinterkopf und rief mir ins Gedächtnis, dass ich an der Reihe war, etwas zu sagen.

»Ja, mir geht’s gut. Tut mir leid.«

»Das muss es nicht«, murmelte er verführerisch mit einem angedeuteten Lächeln. Seine Lippen waren fein gezeichnet und voller Versprechungen, unmöglich zu ignorieren, solange mein Gesicht bloß wenige Zentimeter von seinem entfernt war. Er ließ die Zunge über die Unterlippe gleiten, und mit einem tonlosen Seufzer fiel mir die Kinnlade runter. Gott, der Mann verströmte regelrechte Wellen sexueller Energie!

»Mr Landon, Ihre Gäste sind bereits hier.«

Während der Empfangschef auf eine Antwort wartete, kam ich weit genug zu Verstand, um mich aufzurichten, fest überzeugt, dass ich wieder allein stehen konnte. Dazu stützte ich mich mit den Händen auf der Brust meines Gegenübers ab, die sich selbst durch seinen Anzug hart und unnachgiebig anfühlte. Er lockerte seinen Griff, und seine Hände hinterließen eine flammende Spur auf meinen Hüften, während sie sich langsam von meinem Körper zurückzogen. Grundgütiger. Gegen diesen Mann konnte das Dessert einpacken.

Er nickte dem Empfangschef zu, wandte jedoch kaum den Blick von mir, lähmte mich mit dieser einen zarten Verbindung zwischen uns. Seltsamerweise wollte ich nichts mehr, als wieder seine Hände auf mir zu spüren, wie sie so lässig von mir Besitz ergriffen wie zuvor. Wenn er mir schon mit einer einzigen Berührung den Verstand rauben konnte, wozu war er dann erst im Bett fähig? Ich überlegte, ob es irgendwo in der Nähe einen Wandschrank gab. Dann könnten wir das gleich hier und jetzt überprüfen.

»Hier entlang, Sir«, sagte der Empfangschef und winkte meinen Retter zu sich.

Mit beiläufiger Anmut ging er davon, ich blieb allein zurück. Seine Abwesenheit erfüllte mich wie ein Kribbeln von Kopf bis Fuß. Während ich seinen Abgang verfolgte – ein in der Tat sehenswerter Anblick –, gesellte sich Marie zu mir.

Eigentlich sollte mir meine Unfähigkeit, auf Zehn-Zentimeter-Absätzen das Gleichgewicht zu halten, peinlich sein, aber schamloserweise war ich sogar froh darüber. Und da ich kein eigenes Liebesleben besaß, würde der geheimnisvolle Unbekannte für eine Menge zukünftiger Fantasien herhalten dürfen.

Ich erklomm die breiten Granitstufen des Bibliotheksgebäudes und spazierte durch die Korridore zu Professor Quinlans Büro. Als ich an den Türrahmen klopfte, starrte er gerade konzentriert auf seinen Monitor.

Er drehte sich mit seinem Stuhl herum. »Erica! Meine Lieblings-Internet-Startup-Unternehmerin.«

Nach vielen Jahren in Amerika hatte er seinen singenden irischen Tonfall ein wenig verloren. Trotzdem liebte ich seinen Akzent und hörte ihn immer gerne reden.

»Und, wie fühlt sich die Freiheit an?«

Ich kicherte, erfreut über seine ehrliche Begeisterung, mich zu sehen. Quinlan war ein attraktiver Mann Anfang fünfzig mit grau meliertem Haar und gütigen, hellblauen Augen.

»Noch etwas gewöhnungsbedürftig, um ehrlich zu sein. Wie ist es mit Ihnen? Wann startet Ihr Sabbatjahr?«

»In ein paar Wochen fliege ich nach Dublin. Sie müssen mich besuchen kommen, wenn Sie dieses Jahr ein wenig Zeit finden.«

»Aber natürlich, mit Freuden«, antwortete ich.

Wie würde dieses Jahr für mich aussehen? Hoffentlich würde ich meine Firma durch die ersten Wachstumsschwierigkeiten päppeln, aber im Grunde hatte ich keine Ahnung, was mich erwartete.

»Aus irgendeinem Grund glaube ich, es wäre seltsam, Sie außerhalb des Unigeländes zu sehen, Professor.«

»Ich bin doch gar nicht mehr Ihr Professor, Erica. Bitte nennen Sie mich Brendan. Von jetzt an bin ich Ihr Freund und Mentor, und ich hoffe doch sehr, dass wir noch eine ganze Menge außerhalb dieser Mauern voneinander sehen werden.«

Die Worte des Professors trafen mich unverhofft, und in meiner Kehle prickelte es ein bisschen. Meine Güte, diese Woche war ich aber wirklich dünnhäutig! Quinlan war mir in den letzten paar Jahren eine große Stütze gewesen, hatte mich durch mein Masterstudium begleitet und mir Kontakte verschafft, mit denen ich mein Unternehmen hatte voranbringen können. Ein unermüdlicher Mutmacher, wann immer ich einen Motivationsschub gebraucht hatte.

»Ich kann Ihnen gar nicht genug danken. Das wollte ich Ihnen unbedingt sagen.«

»Menschen wie Ihnen zu helfen, Erica, ist der Grund, warum ich es morgens aus dem Bett schaffe. Und nicht im Pub versumpfe.« Er warf mir ein schiefes Lächeln zu und enthüllte ein einzelnes Grübchen.

»Und Max?«

»Nun, Max ist leider in Sachen Frauen und Alkohol wesentlich ambitionierter als im Geschäftsleben, aber wie es aussieht, hat er es doch irgendwie geschafft. Ob ich da irgendwie von Nutzen war, kann ich nicht sagen, aber wer weiß. Es können ja nicht alle so sein wie Sie, meine Liebe.«

»Ich mache mir solche Sorgen, dass es auf lange Sicht nicht funktioniert mit der Firma«, gestand ich, in der Hoffnung, er besäße irgendeine Art Hellsichtigkeit, die mir fehlte.

»Für mich besteht keinerlei Zweifel, dass Sie Erfolg haben werden, auf die eine oder andere Weise. Wenn nicht mit diesem Unternehmen, dann eben mit etwas anderem. Wir wissen alle nicht, wohin das Leben uns führt, aber Sie opfern viel und arbeiten hart für Ihre Träume. Und solange Sie diesen Träumen treu bleiben und sie sich immer vor Augen halten, steuern Sie in die richtige Richtung. Das sage ich mir zumindest immer.«

»Klingt vernünftig für mich.« Meine Nerven waren zum Zerreißen gespannt – bei dem Termin morgen würde es um alles oder nichts gehen, für das Unternehmen genauso wie für mich. Ich brauchte jede Ermutigung, die ich kriegen konnte.

»Ich sag Ihnen jedenfalls Bescheid, wenn ich das Rätsel gelüftet habe«, versprach er.

Ich wusste nicht, ob die Tatsache, dass er manchmal genauso planlos war wie ich, mich in diesem Augenblick inspirierte oder entmutigte.

»Aber erst mal werfen wir doch einen Blick auf das, was Sie für unseren Freund Max morgen vorbereitet haben.« Er deutete auf den Ordner, den ich auf dem Schoß hielt, und räumte ein Stück von seinem Schreibtisch frei.

»Absolut.« Ich breitete den Businessplan und meine Notizen aus, und wir machten uns an die Arbeit.

2. KAPITEL

Die Empfangsdame der Angelcom Venture Group bedachte mich mit einem zweifelnden Blick, bevor sie mich in den Konferenzraum am Ende des Flurs geleitete. Unauffällig überprüfte ich mein Outfit und vergewisserte mich, dass alles dort saß, wo es hingehörte. So weit, so gut.

»Machen Sie es sich bequem, Miss Hathaway. Die übrigen Teilnehmer sollten in Kürze eintreffen.«

»Danke«, erwiderte ich höflich und war froh, dass der Raum fürs Erste noch leer war. Ich holte tief Luft und ließ im Gehen die Fingerspitzen über den Konferenztisch gleiten, bis ich an einer Fensterwand mit Blick über den Bostoner Hafen angelangte. In mein wachsendes Lampenfieber mischte sich Ehrfurcht. In wenigen Augenblicken würde ich mich von Angesicht zu Angesicht einer Handvoll der wohlhabendsten und einflussreichsten Investoren der Stadt wiederfinden. Ich war so weit außerhalb meines Wohlfühlbereichs, dass es schon nicht mehr witzig war. Ich holte tief Luft und schüttelte aufgekratzt die Hände aus, in der Hoffnung, mein Körper würde sich wenigstens ein bisschen entspannen.

»Erica?«

Ich fuhr herum. Ein junger Mann kam auf mich zu, etwa in meinem Alter, mit sauber gescheiteltem blondem Haar, dunkelblauen Augen und angetan mit einem beeindruckenden Dreiteiler. Wir reichten einander die Hand.

»Sie müssen Maxwell sein.«

»Ach, nennen Sie mich doch bitte Max.«

»Professor Quinlan hat mir viel von Ihnen erzählt, Max.«

»Glauben Sie ihm kein Wort.« Mit seinem Lachen enthüllte er strahlend weiße Zähne, zu denen seine Bräune einen solchen Kontrast darstellte, dass ich mich fragte, wie viel Zeit er überhaupt in Neuengland verbrachte.

»Nur Gutes, versprochen«, log ich.

»Das ist sehr freundlich von ihm. Da schulde ich ihm wohl was. Gehe ich recht in der Annahme, dass das Ihr erster Pitch ist?«

»Unverkennbar.«

»Sie machen das schon. Denken Sie einfach immer daran, dass die meisten von uns auch irgendwann mal in Ihren Schuhen gesteckt haben.«

Ich lächelte und nickte, obwohl meiner Einschätzung nach die Wahrscheinlichkeit, dass Max Pope, Erbe des Großreeders Michael Pope, schon mal bei irgendwem anders als seinem Vater um mickrige zwei Millionen geworben hatte, äußerst gering war. Nichtsdestotrotz war er der Grund, weshalb ich heute Vormittag hier sein durfte, und dafür war ich dankbar. Quinlan hatte genau den richtigen Gefallen eingefordert.

»Bedienen Sie sich. Die Teilchen sind köstlich.« Er wies auf das üppige Frühstücksbuffet, das an der Wand aufgebaut war.

Der Knoten in meinem Magen sah das anders. Ich musste meine Nervosität in den Griff bekommen. Heute früh hatte ich nicht einmal einen Kaffee hinunterwürgen können. »Danke, ich bin so weit zufrieden.«

Als nach und nach die anderen Investoren eintrafen, stellte Max mich vor, und ich gab mir redlich Mühe, Small Talk zu machen. Innerlich verfluchte ich währenddessen Alli, meine beste Freundin, abwesende Geschäftspartnerin und Marketingexpertin. Sie hätte selbst mit einer Dosensuppe eine anregende Unterhaltung führen können, während ich kaum etwas anderes als die Zahlen und Fakten im Kopf hatte, die ich gleich präsentieren würde. Nicht gerade ideal für den Austausch von Belanglosigkeiten mit Menschen, denen ich noch nie begegnet war.

Als die Anwesenden sich langsam am Konferenztisch niederließen, nahm ich auf der anderen Seite Platz, um zum zwanzigsten Mal mit prüfendem Blick meine Papiere zu ordnen. An der Wand gegenüber fand ich eine Uhr. Mir blieben weniger als zwanzig Minuten, um dieses kleine Grüppchen von Fremden davon zu überzeugen, dass ich eine Investition wert war.

Das Gemurmel verstummte, doch als ich für den Startschuss zu Max blickte, wies er auf den leeren Platz mir gegenüber. »Wir warten noch auf Landon.«

Landon?

Die Tür schwang auf. Heilige Scheiße. Mir blieb die Luft weg.

Hereinmarschiert kam mein geheimnisvoller Unbekannter – gute eins achtzig männlicher Pracht –, der sich nicht deutlicher von seinen anzugtragenden Kollegen hätte unterscheiden können. Sein schwarzes Shirt mit V-Ausschnitt unterstrich seine perfekt austrainierten Brust- und Schultermuskeln, und die ausgewaschene Jeans saß wie angegossen an seinem Traumkörper. Unvermittelt wurde mir eng in meiner Haut, als ich mir vorstellte, noch einmal diese Arme um mich zu spüren, ob zufällig oder aus anderen Gründen.

Bewaffnet mit einem riesigen Eiskaffee ließ er sich auf den Stuhl auf der anderen Seite des Tisches fallen, offenbar ungerührt von seiner Verspätung oder dem Mangel an formellem Auftreten, und warf mir ein wissendes Lächeln zu. Wenn ich an den gepflegten Geschäftsmann zurückdachte, in den das Glück mich vorgestern hatte hineinrauschen lassen, war er heute ein völlig anderer Mensch. Sein dunkelbraunes Haar war umwerfend zerwuschelt und stand in alle Richtungen ab, als wäre er gerade erst aufgestanden – es schrie förmlich nach meinen Fingern. Ich biss mir auf die Lippe, um mir nicht anmerken zu lassen, wie anziehend ich ihn fand.

»Das ist Blake Landon«, stellte Max ihn vor. »Blake, das ist Erica Hathaway. Sie ist hier, um ihr fashionzentriertes soziales Netzwerk vorzustellen, Clozpin.«

Landon hielt einen Moment inne. »Cleverer Name. Du hast sie hergeholt?«

»Ja, wir haben einen gemeinsamen Bekannten in Harvard.«

Blake nickte und bedachte mich mit einem durchdringenden Blick, bei dem ich augenblicklich rot wurde. Er leckte sich die Lippen. Auch diesmal hatte die schlichte Geste eine kaum weniger durchschlagende Wirkung auf mich als am Abend unserer ersten Begegnung.

Ich holte tief Luft und schlug die Beine übereinander, wobei ich mir nur allzu bewusst war, welche Empfindungen er dazwischen auslöste. Reiß dich zusammen, Erica. Das Knäuel nervöser Energie, das noch vor Sekunden in meinem Bauch gelauert hatte, war zu einer lodernden sexuellen Energie explodiert, die mich pulsierend von den Fingerspitzen bis in den Unterleib erfüllte.

Ich ließ langsam den Atem entweichen, strich das Revers meiner schwarzen Kostümjacke glatt, während ich mich innerlich dafür schalt, zu einem derart unpassenden Zeitpunkt in eine solche Schwärmerei zu verfallen. Stotternd begann ich meine Präsentation. Ich erklärte das Grundprinzip der Website und fuhr fort mit einem kurzen Überblick über unser erstes Jahr mit einfachstem Marketing und dem daraus resultierenden exponentiellen Wachstum. Verzweifelt versuchte ich, die Konzentration zu wahren, doch jedes Mal, wenn Blake und ich Blickkontakt hatten, gab es einen Kurzschluss in meinem Gehirn.

Schließlich unterbrach er mich. »Wer hat die Website entwickelt?«

»Mein Mitgründer Sid Kumar.«

»Und wo ist der?«

»Leider konnten meine Geschäftspartner heute nicht kommen, auch wenn sie sehr gern dabei gewesen wären.«

»Sie sind also im Moment die Einzige in Ihrem Team, die sich dem Projekt voll widmet?«

Mit erhobener Augenbraue lehnte er sich lässig auf seinem Sessel zurück und gestattete mir damit einen besseren Ausblick auf seinen Oberkörper. Ich zwang mich, nicht hinzustarren.

»Nein, ich …« Mühsam versuchte ich, eine ehrliche Antwort zusammenzukriegen. »Wir haben gerade unseren Abschluss gemacht, deshalb hängt der Umfang unserer Beteiligung über die kommenden Monate stark von der finanziellen Stabilität des Projekts ab.«

»Mit anderen Worten: Das Engagement Ihrer Kollegen hängt vom Geld ab.«

»Gewissermaßen.«

»Ihres ebenfalls?«

»Nein«, entgegnete ich scharf und ging bei dieser Unterstellung augenblicklich in die Defensive. Monatelang hatte ich mein gesamtes Leben diesem Projekt gewidmet und an nichts anderes gedacht.

»Fahren Sie fort.« Er wedelte mit der Hand.

Ich atmete tief durch und warf einen Blick auf meine Notizen, um zurück in die Spur zu finden. »Zu diesem Zeitpunkt bemühen wir uns um eine Kapitalzufuhr, um unser Marketing ausbauen und damit das Wachstum und den Umsatz ankurbeln zu können.«

»Wie ist Ihre Konversionsrate?«

»Von Besuchern zu registrierten Usern etwa zwanzig Prozent …«

»Okay, aber was ist mit zahlenden Usern?«, fiel er mir ins Wort.

»Etwa fünf Prozent unserer User machen das Upgrade auf einen Pro-Account.«

»Wie gedenken Sie das zu steigern?«

Ungeduldig trommelte ich mit den Fingern auf den Tisch und versuchte, meine Gedanken zu ordnen. Jede seiner Fragen klang wie eine Herausforderung oder eine Beleidigung und machte gründlich jede Motivationsrede zunichte, mit der ich mein Selbstbewusstsein im Vorfeld dieses Termins zu pushen versucht hatte. Am Rande der Panik suchte ich mit einem Blick zu Max nach einem Hoffnungsschimmer. Er wirkte leicht amüsiert. Offenbar hatte er nichts anderes von Mr Landon erwartet. Die anderen starrten ausdruckslos von ihren Notizblöcken zu mir und wieder zurück und ließen keinerlei Interesse durchblicken – ob nun vorhanden oder nicht.

Für den Bruchteil einer Sekunde hatte ich geglaubt, unser Zusammenstoß vor ein paar Tagen könnte bedeuten, er würde Nachsicht zeigen, aber offensichtlich war das nicht der Fall. Der geheimnisvolle Unbekannte stellte sich als Arschloch heraus.

»Bisher haben wir uns darauf konzentriert, die generellen Mitgliedszahlen auszuweiten und zu pflegen, die wie erwähnt viral wachsen. Mit einer soliden Basis potenzieller Konsumenten hoffen wir mehr Händler und Marken aus der Branche anzuziehen und somit unsere bezahlten Mitgliedschaften zu steigern.«

Ich hielt inne und wappnete mich schon für die nächste Unterbrechung, doch glücklicherweise leuchtete Blakes Handy stumm auf und lenkte ihn ab. Erleichtert, endlich nicht mehr unter seinem Röntgenblick zu stehen, schloss ich mit der Konkurrenzanalyse und einigen Finanzprognosen, bevor meine Zeit um war.

Über den Raum senkte sich ein unbehagliches Schweigen. Blake nahm einen Schluck von seinem Kaffee, schaltete das Display seines Telefons ab und legte es zurück auf den Tisch. »Sind Sie in einer Beziehung?«

Das Herz hämmerte mir in der Brust und mein Gesicht wurde heiß, als wäre ich unerwartet im Unterricht drangenommen worden. Ob ich in einer Beziehung bin? Schockiert starrte ich ihn an, unsicher, ob ich wirklich verstand, worauf er hinauswollte. »Wie bitte?«

»Beziehungen können zeitraubend sein. Wenn Sie die benötigten Mittel von Angelcom erhalten sollten, könnte das ein Faktor sein, der Ihre Wachstumsfähigkeit beeinflusst.«

Ich hatte ihn nicht missverstanden. Als wäre es nicht schon genug Druck, die einzige Frau im Raum zu sein, musste er auch noch meinen Beziehungsstatus ins Rampenlicht stellen. Frauenfeindlicher Drecksack. Ich biss die Zähne zusammen, diesmal, um ihm nicht eine Flut von Beleidigungen entgegenzuschleudern. Auch wenn ich um jeden Preis die Contenance wahren musste, ich hatte nicht vor, einfach mit einem Lächeln über sein unangemessenes Verhalten hinwegzugehen.

»Ich kann Ihnen versichern, Mr Landon, dass ich mich diesem Projekt zu einhundert Prozent verschrieben habe«, erklärte ich langsam und mit fester Stimme. Ich hielt seinem Blick stand und versuchte ihm zu zeigen, wie wenig beeindruckt ich von seiner Vorgehensweise war. »Haben Sie noch weitere Fragen bezüglich meines Privatlebens, die Einfluss auf Ihre heutige Entscheidung hätten?«

»Nein, ich denke nicht. Max?«

»Äh, nein, ich glaube, das wäre weitestgehend geklärt. Meine Herren, sind Sie so weit, eine Entscheidung zu treffen?« Max grinste und machte eine Geste zu den restlichen Anwesenden.

Die anderen drei Anzugträger nickten und äußerten dann der Reihe nach ihre Anerkennung für meine Bemühungen sowie ihren Beschluss, auf eine Beteiligung zu verzichten.

Blake sah mir in die Augen und hielt einen Moment inne, bevor er ebenso lässig sein Urteil ergehen ließ, wie er auch schon meinen restlichen Morgen in eine Katastrophe verwandelt hatte. »Ich verzichte.«

In mir schrillten die Alarmglocken, und Tränen drohten. Dicht gefolgt von meiner inneren Stimme, die eine Abschiedsrede für Mr Landon formulierte, in der ich ihm genau sagen würde, wohin er gehen konnte und wie er da hinkommen sollte. Ich blickte zu Max und wartete auf den Todesstoß.

»Nun, Erica, ich finde, Sie haben da eine wirklich großartige Community geschaffen, und ich würde gern mehr darüber hören. Lassen Sie uns innerhalb der nächsten zwei Wochen einen Folgetermin vereinbaren, dann sehen wir uns die Logistik des Ganzen mal genauer an. Danach entscheiden wir, ob wir Ihnen einen Deal anbieten wollen. Wie klingt das?«

Dem Himmel sei Dank. Am liebsten wäre ich über den Tisch gesprungen und Max um den Hals gefallen. »Das wäre klasse. Ich freue mich schon darauf.«

»Super. Ich denke, dann sind wir hier fertig.«

Max stand auf und unterhielt sich noch kurz mit den anderen, bevor sie den Raum verließen, sodass ich mich Blake allein gegenüber wiederfand, dessen umwerfendes Gesicht mich selbstgefällig angrinste. Ich wusste nicht, ob ich ihm eine scheuern oder seine Haare in Ordnung bringen sollte. Und ein paar andere Sachen hatte ich da auch noch im Kopf. Dieser Ansturm der widersprüchlichsten Gefühle für eine einzelne Person innerhalb derart kurzer Zeit ließ mich ernsthaft an meiner geistigen Gesundheit zweifeln.

»Das haben Sie gut gemacht«, sagte er und beugte sich vor.

Seine Stimme war tief und heiser. Ein Kribbeln glitt über meine Haut.

»Wirklich?«, entgegnete ich zittrig.

»Wirklich«, versicherte er mir. »Darf ich Sie zum Frühstück einladen?« Sein Blick wurde weicher, als hätten wir nicht die vergangenen zwanzig Minuten miteinander im Clinch gelegen.

Verwirrt schob ich meine Notizen zurück in meine Tasche. Blake war ein schöner Mann, aber wenn er glaubte, ich würde mich nach dieser Darbietung von ihm abschleppen lassen, dann überschätzte er sich gewaltig.

»Es gibt da diesen tollen kleinen Pub gleich auf der anderen Straßenseite. Die servieren ein echtes Irisches Frühstück.«

Ich erhob mich und hielt seinen Blick fest, hocherfreut über diese Gelegenheit, ihn seine eigene Zurückweisung schmecken zu lassen. »Es war mir ein Vergnügen, Mr Landon, aber es gibt Leute, die müssen arbeiten.«

»Er wollte dich ausführen?«, rief Alli begeistert ins Telefon. Im Hintergrund hörte ich das geschäftige Getümmel von New York City.

»Ich glaube schon.« Ich hatte mich noch immer nicht ganz von den Ereignissen des Vormittags erholt.

»Hast du dein Powerkostüm getragen? Mit der pfauenblauen Bluse?«

»Ja, natürlich«, antwortete ich, während ich besagtes Kleidungsstück abstreifte und mich auf unsere Schlafcouch im Wohnheim fallen ließ.

»Na, dann ist das ja auch kein Wunder. Da drin siehst du umwerfend aus. War er heiß?«

Blake Landon war einer der heißesten Männer, die je die gleiche Luft geatmet hatten wie ich, aber auf geschäftlicher Ebene brachte er Frauen keinerlei Respekt entgegen, was seine Anziehungskraft erheblich schmälerte. Leider war er gefährlich dicht davor, in meine Top Ten der meistgehassten Personen aufzusteigen.

»Das spielt keine Rolle, Alli. Ich bin noch nie so gedemütigt worden.« Bei der Erinnerung an seine Attacken und die anschließende Ablehnung verzog ich das Gesicht.

»Du hast recht. Tut mir leid, ich wünschte, ich hätte da sein und dir helfen können.«

»Ich auch. Aber egal, wie war dein Vorstellungsgespräch?«

Alli antwortete nicht sofort. »Ist gut gelaufen.«

»Ja?«

»Eigentlich sogar richtig gut. Ich will den Tag nicht vor dem Abend loben, aber es klang ziemlich vielversprechend.«

»Das freut mich.« Ich versuchte, meine Enttäuschung zu verbergen, denn ich wusste, dass sie diesen Job unbedingt haben wollte. Dort würde sie unter dem Marketingleiter eines der größten Modelabels arbeiten. Ich wusste schon seit Monaten, dass Alli sich nach dem Abschluss nach einer Vollzeitstelle umsehen würde, aber die Vorstellung, die Website ohne sie zu betreiben, deprimierte mich. Bis wir es uns leisten konnten, eine neue Marketingleitung einzustellen, würde ich die neue Stimme des Unternehmens werden, und netzwerken war noch nie meine Stärke gewesen.

»Aber da ist noch nichts in Stein gemeißelt. Man wird sehen.«

»Wir sollten feiern«, schlug ich vor, fest entschlossen, mich irgendwie dafür zu belohnen, diesen katastrophalen Vormittag überlebt zu haben.

»Wir sollten unseren neuen besten Freund Max feiern!«, quietschte sie.

Ich lachte, denn ich wusste, dass Max genau ihr Typ wäre. Bei Anzugmännern in Dreiteilern wurde sie schwach. »Hoffentlich sieht er es nicht bloß als weiteren Gefallen für Quinlan, dass er mir diesen Folgetermin versprochen hat.«

»Man wedelt niemandem mit einer Zwei-Millionen-Dollar-Karotte vor der Nase herum, bloß um jemand anderem einen Gefallen zu tun.«

»Stimmt schon, aber ich will nur, dass er investiert, wenn es ihn auch wirklich interessiert.«

»Erica, du machst dir schon wieder viel zu viele Gedanken.«

Ich atmete langsam aus. »Kann sein.« Ich hoffte, sie würde recht behalten, aber ich konnte nicht anders, als jedes nur mögliche Szenario im Kopf durchzugehen, um auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Dieser Tage stand so viel auf dem Spiel, dass mein Gehirn ununterbrochen auf Hochtouren lief.

»In einer Stunde steige ich in den Zug. Dann bin ich vor dem Abendessen wieder da, und wir können was trinken gehen.«

»Alles klar, bis nachher.« Ich legte auf und zwang mich aufzustehen, um meine gemütlichste Jogginghose hervorzukramen. Die, die für Trennungen und Katerstimmung reserviert war. Der Tag hatte mich völlig ausgelaugt.

Ich hielt inne und musterte mich in dem großen Spiegel des Zimmers, das ich mit Alli teilte. Mit schweren Armen löste ich meinen französischen Zopf, sodass mir das wellige blonde Haar über den Rücken fiel. Dank der stressigen letzten Wochen war ich dünner als sonst, aber mein hübsches Unterwäscheset saß noch immer perfekt an meinen sanften Kurven.

Ich fuhr mit den Händen über die weiche Spitze, die sich um meine Hüfte schmiegte, und wünschte, es wären die von jemand anders, der den heutigen Tag spurlos aus meinen Gedanken vertreiben würde. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass mir in meiner ersten Vorstandspräsentation ein dreister Investor weiche Knie bereiten würde, aber meine körperliche Reaktion auf Blake war ein deutlicher Indikator dafür, dass ich mein Sozialleben wieder auf Trab bringen musste. Ich musste mal rauskommen, mehr unter Leute gehen. Weg von meinem Computer, wenigstens samstagabends. Dann wurde die Seite normalerweise wenig besucht, sodass wir die Wartungsarbeiten vornehmen konnten, aber wenn das so weiterging, würde ich meine nächste Beziehung frühestens mit dreißig haben.

Ich schüttelte die Sorge ab, zog mich an und schickte eine kurze Mail an Sid, in der ich ihm die Neuigkeiten berichtete. Er würde ohnehin erst in ein paar Stunden aufstehen. Außerdem war er nicht nur eine Nachteule wie so viele Programmierer, sondern hatte sich am Tag vor der Präsentation auch noch eine Grippe eingefangen. Er war zwar genau wie ich kein großer Redner, aber als seelische Unterstützung hätte ich ihn gut brauchen können.

Mit der Firma konnten wir drei uns über Wasser halten, die Kosten und unsere bescheidenen Ausgaben als Studenten decken, aber es gab hohe Erwartungen, wo wir mit unserer Eliteausbildung frisch von der Uni landen würden. Während Sid und Alli wie jeder verantwortungsbewusste Collegeabgänger auf Arbeitssuche gegangen waren, hatte ich alles auf Clozpin gesetzt, durch unseren anfänglichen Erfolg überzeugt, dass ich daraus für uns alle etwas weit Besseres würde machen können als einen bloßen Bürojob.

Max dazu zu bringen, zu investieren, war vielleicht meine letzte Hoffnung, bevor ich diesen Traum würde ad acta legen und mir eine normale Arbeit suchen müssen. In der Zwischenzeit blieb mir weniger als eine Woche, um aus dem Wohnheim auszuziehen und eine Wohnung zu finden.

Als ich wach wurde, stieg mir Kaffeeduft in die Nase – dicht gefolgt von einem dumpfen Hämmern in meinem Schädel. »Dieser verfluchte Wein.« Ich massierte mir die Schläfen und versuchte die Schmerzen wegzudenken.

Mühsam setzte ich mich im Bett auf, wickelte die Decke um mich und dankte den Göttern für das kostbare Geschenk des Kaffees, als Alli mir wie auf Bestellung eine dampfende Tasse und dazu eine Ibuprofen reichte.

»Egal, wir haben’s krachen lassen.« Mit ihrem eigenen Kaffeebecher in der Hand machte sie es sich neben mir auf der Schlafcouch bequem. Das lange braune Haar hatte sie zu einem unordentlichen Dutt hochgebunden, und in ihrem halb schulterfreien Oversize-Top und den schwarzen Leggings sah sie auf ungekünstelte Art süß aus. »Ich hab dich schon ewig nicht mehr so viel Spaß haben sehen. Die Auszeit hattest du dir verdient.«

»Dieses Meeting hat mir den Rest gegeben«, stimmte ich zu und war trotz der Kopfschmerzen dankbar, dass meine Nerven nicht mehr ganz so blank lagen wie gestern.

»Jetzt erzähl mal mehr über diesen Max und wann ich ihn kennenlernen kann. Die betrunkene Erica war der festen Überzeugung, dass wir Seelenverwandte sind.«

Ich lachte, als einige Details der letzten Nacht aus meinem Gedächtnis auftauchten. Natürlich musste an einem feuchtfröhlichen Abend auch über Mädelsthemen geredet werden.

»Ich weiß eigentlich nur, was Professor Quinlan mir über ihn erzählt hat. Er hat einiges auf dem Kasten, hat sich aber im Studium immer wieder in die Bredouille gebracht. Ich glaube nicht, dass er ohne Quinlans Hilfe seinen Abschluss geschafft hätte, und das war eins der wenigen Dinge, die sein Daddy ihm nicht kaufen konnte.« Ich zuckte die Achseln – im Zweifel für den Angeklagten, immerhin hatte er mich vor der absoluten Erniedrigung bewahrt. »Aber mit einem milliardenschweren Vater nicht über die Stränge zu schlagen ist wohl auch nicht gerade leicht. Manche Leute können mit so viel Freiheit eben nicht umgehen.«

»Wie es der Zufall so will, bin ich jederzeit dafür zu haben, Playboy-Milliardäre zu zähmen.« Sie warf mir ein keckes Lächeln über die Schulter zu.

»Daran zweifle ich nicht.« Ich verdrehte die Augen.

»Und jetzt macht er einfach dieses Investitionszeugs?«

»Ich bin mir nicht wirklich sicher, was er abgesehen von Angelcom im Moment macht. Mit so viel Geld hat er wahrscheinlich in allem Möglichen seine Finger.«

»Okay, die Internetsuche ist eröffnet.« Alli sprang auf und kam mit ihrem Laptop zurück. Mit dem Gerät auf dem Schoß gab sie Max’ vorbildliche Liste von Wohltätigkeitsengagements und Internetinvestitionen zum Besten. »Wollen wir mal sehen, was wir so über Blake Landon rausfinden können.«

Ich krampfte die Finger um den Henkel meines Kaffeebechers, während mir vage Erinnerungen an meine betrunkene Schimpftirade durch den Kopf gingen, was für ein beleidigendes Arschloch Blake bei diesem Meeting gewesen war. Dass er ernsthaft gedacht hatte, er könnte mir erst meine Präsentation versauen und mich dann zum Essen ausführen, war unglaublich, aber bei seinem Aussehen fraßen ihm die meisten Frauen wahrscheinlich ohne besondere Anstrengungen seinerseits aus der Hand. Zu seinem Pech war ich nicht wie die meisten Frauen. Mein Zorn auf den Mann wurde allein durch die unanständigen Empfindungen gedämpft, die sein Blick in mir auslöste.

»Also bitte, das interessiert mich nicht im Geringsten.« Eigentlich wäre ich trotz meiner widerstreitenden Gefühle lieber weiter wütend gewesen, aber insgeheim war ich doch neugierig, was Alli wohl herausfand. Bis gestern hatte ich noch nie von Blake gehört, aber danach zu urteilen, wie sie ihm bei Angelcom die Show überlassen hatten, musste er einigen Einfluss haben. Konzentriert starrte Alli auf den Monitor und las mit offensichtlichem Interesse. Schließlich knickte ich ein. »Und, was steht da?«

»Er ist ein Hacker.«

»Was?« Sie musste den falschen Blake Landon erwischt haben – auch wenn er gestern Vormittag nicht gerade wie ein braver, rechtschaffener Unternehmer ausgesehen hatte.

»Na ja, war er jedenfalls. Es geht das Gerücht, er hätte Verbindungen zu M89, einer in den Staaten ansässigen Hackergruppierung, die vor etwa fünfzehn Jahren über zweihundert hochkarätige Bankkonten geknackt hat. Mehr steht hier aber nicht darüber. Offiziell ist er Gründer und Entwickler des Unternehmens Banksoft, das für zwölf Milliarden Dollar übernommen wurde. Er ist Geschäftsführer von Angelcom und aktiver Investor bei mehreren Internetunternehmen im Frühstadium.«

»Ein Selfmade-Milliardär also.«

»Sieht ganz danach aus. Er ist erst siebenundzwanzig. Angeblich waren seine Eltern Lehrer.«

Diese Informationen minderten meinen Zorn über seine Sabotage meiner Präsentation nicht wirklich, aber es klärte einiges auf. Ich musste zugeben, dass ich ihn mehr respektierte, jetzt, wo ich wusste, dass sein Vermögen ihm nicht in den Schoß gefallen war. Aber im Vergleich zu Max war es definitiv Blake gewesen, der sich wie der privilegierte Rotzbengel benommen hatte.

»Tja, spielt jetzt wohl ohnehin keine Rolle mehr. Wenn ich Glück habe, kreuzen sich unsere Wege nie wieder.«

3. KAPITEL

Es regnete schon seit Stunden. In Strömen lief das Wasser über das Fenster neben meinem Schreibtisch, von dem aus ich einen der zahlreichen Innenhöfe des Campus überblickte. Im Wohnheim war es ruhig, da die meisten Studenten schon abgereist waren, und ich hatte beschlossen, etwas Arbeit nachzuholen. Als ich gerade die Statistiken von Clozpin durchsah, erschien eine E-Mail-Benachrichtigung auf meinem Bildschirm – den Absender kannte ich nicht. Im Betreff stand: »Panelteilnahme TechLabs-Konferenz«. Mit wachsender Aufregung las ich. Es war eine Anfrage, ob ich für einen kurzfristigen Ausfall bei einem Panel auf der TechLabs einspringen würde, der größten Technikkonferenz des Jahres.

»Alli …«

Sie grummelte etwas Unverständliches unter ihrer Decke hervor, wo sie ein Nickerchen machte.

»Wollen wir nach Vegas fliegen?«

»Ich dachte, du hättest ’nen Kater.«

»Hab ich auch, aber ich wurde gerade eingeladen, dieses Wochenende auf der TechLabs-Konferenz zu reden.«

Alli warf die Decke ab und setzte sich auf. »Ist das dein Ernst?«

»Mein voller Ernst. Bei einem Panel mit Social-Network-Geschäftsführern ist jemand abgesprungen, und jetzt wollen sie stattdessen mich.«

»Auf jeden Fall, keine Frage! Das könnte eine Wahnsinnsgelegenheit fürs Marketing sein.« Begeistert klatschte sie in die Hände.

Die Reise würde einiges kosten, aber sollte ich wirklich eine potenzielle Gelegenheit verstreichen lassen, uns ins Rampenlicht zu befördern? Ach, zum Teufel. Zu diesem Zeitpunkt gab es keine Rechtfertigung mehr, nicht Vollgas zu geben.

»Dann machen wir’s«, sagte ich, auf einmal ganz euphorisch. Klar, man würde da super Kontakte knüpfen können, aber schon die Vorstellung einer Reise nach Vegas an sich war ziemlich aufregend. Solange ich mich von den Casinos fernhielt, würde alles gut gehen.

»Wahnsinn. Wir müssen sofort mit dem Packen anfangen«, verkündete Alli.

»Das ist doch wohl ein Scherz, oder?«

»Erica Hathaway, du bist die Geschäftsführerin eines Fashion-Netzwerks, die ihr Unternehmen in Las Vegas repräsentieren wird, der Hochburg des Glitzer und Glamour. Wir haben einen Haufen Arbeit vor uns.«

Lachend sah ich zu, wie Alli aufsprang, in unserem winzigen Wandschrank abtauchte und nach und nach schätzungsweise alle Minikleider, die sie besaß, aufs Bett warf.

»Ich will aussehen wie eine Geschäftsführerin, nicht wie ein Callgirl, okay, Alli?«

»Du warst noch nie in Vegas. Vertrau mir, Süße.«

Die nächsten Stunden verbrachten wir damit, mein Outfit zu verhandeln, während ich Flüge buchte und Material für die Konferenz vorbereitete. In kaum mehr als vierundzwanzig Stunden würden wir in Vegas sein.

Am nächsten Tag machte ich mich um die Mittagszeit herum auf den Weg ans andere Ende des Campus zu Sid, um ihn aus den Federn zu holen.

Sid und ich hatten uns – kein Wunder – online kennengelernt. Das Konzept, das Design und ein kleines Startkapital hatte ich gehabt, also hatte ich nach einer Bedenkzeit von einigen Wochen einen Aufruf unter den Studenten gestartet und einen Programmierer gesucht, der mir beim Aufbau der Seite helfen würde. Sid hatte sich als Erster gemeldet. Nach zwei Treffen hatten wir beschlossen, uns für das Projekt zusammenzutun.