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Das Cosmickrautrock-Duo Witthüser & Westrupp sorgte im verregneten September 1970 beim desaströsen Love-and-Peace-Festival auf Fehmarn durch ihren spontanen Auftritt dafür, dass größere Tumulte unter den auf Jimi Hendrix Wartenden ausblieben; sogar die Sonne soll sich am Himmel gezeigt haben! Jahrzehnte später überreichte Bernd Witthüser (1944–2017) dem Journalisten Michael Fuchs-Gamböck auf dem Burg Herzberg Festival ein Manuskript mit seinen Lebenserinnerungen zur Veröffentlichung. Ein poetischer und humorvoller Text über die Zeit mit Walter Westrupp, mit dem Geiger Otto in den bundesdeutschen Fußgängerzonen und als One-Man-Band Barnelli in der Toskana.
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Seitenzahl: 75
Veröffentlichungsjahr: 2024
von Bernd Witthüser
Plus ein Gespräch mit Walter Westrupp
Herausgegeben von Michael Fuchs-Gamböck
Lektorat: Kathrin Graßler
Die edition kopfkiosk wird gestaltet und herausgegeben von Andreas Reiffer | Bd. 10
1. Auflage 2024 © Verlag Andreas Reiffer, identisch mit der Printausgabe
ISBN 978-3-910335-53-0
Verlag Andreas Reiffer, Hauptstr. 16 b, D-38527 Meine
www.verlag-reiffer.de
Es sind Notizen aus meinen alternden Tagebüchern, die ich schnell noch abgetippt habe, bevor sie sich dem Gilb voll hingeben. Ich habe sie fast so belassen, wie sie dastanden. Notiert in der Zeit, als ich mit nem grünen Chevy in Europa unterwegs war.
Bernd Witthüser, 29. Mai 2013
Die Aufzeichnungen von Bernd Witthüser, die uns nur als eingescannte Bilder (siehe gegenüberliegende Seite) zur Verfügung standen, haben wir für den vorliegenden Band formell überarbeitet. Da in der permanenten Kleinschreibung, dem inflationären Einsatz von Auslassungszeichen und bei den meisten Absatzmarken kein klares poetisches Konzept erkennbar war, haben wir uns für Anpassungen entschieden. Witthüsers Aufzeichungen liegen, nun (zumeist) als Fließtext, in Neuer Deutscher Rechtschreibung sowie mit kleinen und großen Buchstaben vor. Wir sind uns sicher, dass diese Anpassungen in Bernds Sinn gewesen wären. Auch wenn durch diese Korrekturen der Eingangstext »Auf 44 Worte« eigentlich »Auf 43 Worte« heißen müsste, schrieb doch Bernd »da standen« statt »dastanden«.
Andere Eigenheiten wie »Beer« statt »Bier« und »Music« statt »Musik« haben wir, wenn auch mit Großbuchstaben eingedeutscht, beibehalten.
Wir bedanken uns ganz herzlich bei Walter Westrupp, Kathrin Graßler, Andreas Tittmann und Thomas Behlert – ohne euch wäre dieses Buch nicht denkbar gewesen!
Michael Fuchs-Gamböck und Andreas Reiffer
Irgendwann fühlte ich das Bedürfnis, amtliche Music zu erlernen. Ich nahm Unterricht bei einem Gitarrenlehrer, der mir die minimale Basistheorie beibrachte, sowie drei einfache Stücke für klassische Gitarre. Nach kurzer Zeit war ich reif für die Aufnahmeprüfung am Konservatorium.
Mit der minimalen Basistheorie und den drei einfachen Stücken für klassische Gitarre bestand ich spielend die Aufnahmeprüfung am Konservatorium, der Prüfer war ja auch zufällig mein Gitarrenlehrer.
Jetzt ging es bergauf, eine geregelte Zukunft deutete sich an. 3–4 Jahre Gitarre und Gesang studieren, Abitur abends nachholen, Anstellung als Gitarrenlehrer in einer kleinen Stadt am Rande zum Nichts, Krankenkasse, Rente, neue Gitarre (auf Raten), Eigenheim (auf Raten), neues Auto (auf Raten), neues Gebiss (auf Raten) usw.
Doch ich wurde nicht hervorgebracht, die Straße großer Denker, Könner und Wisser (manche brachten es bis zu 3,22 m) zu gehen. Nein, ich sollte den Pfad der Nebenkreaturen wandern. Den Einbahnpfad der Mühsamkeit, des Leidens, der Not, der Untugend, der Dummheit, der Pflichtlosigkeit, der Haltlosigkeit, des Durstes, des Hungers, der Maßlosigkeit, und weiß die Henkerin was sonst noch alles … ewige extrascharfe Verdammnis, sowas wie highway to hell.
An einem Montagmorgen ging es dann los:
In einem Klassenraume, sieben Schüler, eine Schultafel, Kreide, ein Flügel mit einem Mann dahinter, der mich bat, an die Tafel zu gehen, die Kreide zu nehmen und die Töne, die nun vom Flügel her kommen würden, auf und unter die fünf Linien zu schreiben: Gehörbildung. Ich erheb mich, nehm die Kreide, geh zur Tafel, und auf gehts: Der Mann am Klavier tippt einige Töne ein, die fünf Linien fangen an zu flackern, leuchten in grellen Farben, fauchen, zischen, explodieren, expandieren bis zum Gehtnichtmehr, enorm nippelige brünette Engelinnen summen heilige Hymenen, der Dienstporsche Gottes braust trotz Doppelrot aus dem Paradies, wixende Politiker schieben tonnenweise reinstes Spielgold in ihre Ärsche, kurze, anhaltende, majestätische, ewige Momente in gleißendem Licht.
Dann kommt der erste Ton, verhält sich ruhig, scheint zu überlegen, sucht Einlass, dann kommt er durch den linken dicken Zeh, arbeitet sich hoch, lässt die Kniescheibe gongen, zappelt im Sack, benutzt die Eier als Castagnettchen, die Nierensteinchen als Rasseletten … es dauert Jahre, bis der Ton die Gehörhaut erreicht. Doch da war ich schon weit fort, hatte das Konservatorium verlassen und war on the fucking freeway to hell.
Was war geschehen?
Am Abend zuvor hatte ein kleines orangenfarbiges Bonbon den Weg zu mir gefunden und mich mitgenommen.
Nein, sie war, nicht mal ansatzweise, die Frau meiner Träume. Sie war nicht blond, hatte keine blauen Augen, sie tat immens schlau, war zu vorlaut, konnte nicht kochen, ihre Boobs waren zu klein (ihre Nippel kamen nicht zusammen), der Abstand Möse-Nippel erheblich zu lang geraten, sie gierte, schmatzte und schlürfte beim Essen: Lang und dürr und ohne Holz vor der Tür.
Doch hatte sie mich fast um den Verstand gebracht, denn, saugeil konnte sie mit ihrem Teil umgehen, von innen her … unglaublich, echt, Wahnsinn in der reinen Form, ich schwör es.
Anyway, sie hatte mich verlassen …
Mit gebrochenem Herzen fuhr ich denn los. Mir fiel der lange, dürre, glubschäugige Geiger mit der Hakennase wieder ein, mit dem ich am Vortag im Café Bleibtreu gespielt hatte. Wir waren gemeinsam auf einen Tisch gestiegen und hatten »Da muss doch ein Ausweg sein« gespielt. Bei der 2. Strophe, wo es heißt »Und der Wind begann zu heulen«, war der Tisch unter unserem Gestampfe zusammengebrochen und wir waren uns nähergekommen. Er stank nach einer Überdosis Knoblauch und reichlich nach abgestandenem Beer. Ich fand ihn, mit schmerzverzerrtem Gesicht, auf einer Art Matratzengruft, und er konnte sich kaum bewegen.
Bei dem gestrigen Absturz hatte seine Wirbelsäule einen Knacks bekommen. Ich fragte ihn »Willz du mit mir gehen?« Und siehe, blitzschnell erhob er sich (der Schmerz blieb völlig überrascht, grüngelblichglibbernd, auf dem Bett zurück).
Nach kurzer Zeit hatte er seine Minimalhabe und die Violine zusammengekratzt und wir fuhren in Richtung Zonengrenze.
»Hast du Piepen?«, fragte ich ihn. »Nee, keinen Pfennig.«
Wir fuhren zurück zum Kudamm, packten unsere Instrumente aus (er 250 gr Violine, ich 22,5 kg One-Man-Band-Stuff). Bevor er fertig war, seine Violine zu stimmen, hatte ich Geld für Sprit, Transit und Imbiss eingespielt.
Beim Einpacken hielt ein Daimler mit einer scharfen Blondine als Beifahrerin, die gelangweilt die Ausführungen ihres Fahrers abnickte, der dem Violinisten erklärte, er hätte ein kleines Häuschen in Maremma gekauft, Situation und den Weg beschrieb. Die Reise würde also nach Süden gehen.
An der Zonengrenze wurden wir rausgewunken, ein Zollhund begehrte das Turnpiece in meiner Hosentasche, welches ich ohne Tricks und Widerstand übergab. Den Grenzern gab ich an, das Stück in meinem Gitarrenkoffer gefunden zu haben, nachdem ich Straßenmusic auf dem Kudamm gemacht hatte. Die Person konnte ich leider kaum beschreiben, außer, dass sie Jeans anhatte, lange Haare, schwarze Lederjacke, große Nase und stechender Blick, braune Augen und so, wie solche Leute eben aussehen. Ich hockte mich auf die Wiese und wartete ab. Plötzlich kam der Zollhund wieder angerast, knurrte wie bescheuert und stand über mir, fast hätte ich mir in die Hosen geschissen. Schließlich wurde der Zollhund abgeführt, sie zogen ihn mit drei Mann weg, der Scheißköter muss irgendwas gerochen haben. Der Zöllner meinte, sehen Sie, was der Hund für ein feines Näschen hat, der nimmt immer noch den Restgeruch in ihrer Tasche wahr. Ich lobte die feine, überaus exzellente Nase des Zollhundes über alle Maßen und in höchsten Tönen, das größere, noch in meiner Unterhose steckende, Stück Afghan erwähnte ich nicht. Wir konnten weiterfahren, die Anzeige würde mit der Post zugestellt.
Weiter gings Richtung HH.
In Hamburg war alles ganz gut gelaufen, also, von Fun, Piepen und People her. Bis ein schwerer, vollbesoffener Berber plötzlich umfiel, d. h. er nahm Rückwärtsfahrt auf und fiel langsam beschleunigend nach hinten. Nach 10 m kam er, mit dem Arsch voran, an und setzte genau auf die Violine des Violinisten auf, die dort ablag. Es hob ein Mordsgeschrei an, einmal von der Violine, die, zerquetscht, ihre letzten Sounds abließ »Wie wenn weint einer«, dann, fast zeitgleich, der schwere, vollbesoffene Berber, dem der Stimmstock der Violine tief in den Arsch gedrungen war. Als nächster schrie der Violinist, der hatte den Berber kräftig in den Arsch getreten und sich dabei den Fuß verstaucht, dann schrie, lauter als vorher, der Berber, dem der Tritt in den Arsch auf den dort einsteckenden Stimmstock gegangen war und diesen vollends, bis zum Anschlag, hineingetrieben hatte. Dann schrie das Publikum, man dürfe keinen, noch so besoffenen, Berber in den Arsch treten, erst recht nicht, wenn er dort schon einen Stimmstock stecken hat.
Für nen Zehner fanden wir bei einem Trödler eine Ersatzvioline und fuhren weiter.
Es war die Zeit, als Deutschland von der Roten Armee Fraktion in Schach gehalten wurde. Harte Zeiten für fahrende Straßenmusicer wg. der üppigen Polizeikontrollen allüberall. Wir waren heil durch sämtliche Kontrollen gekommen, hatten in unmittelbarer FGZ-Nähe einen Parkplatz gefunden, hatten mehrere Stunden gespielt und gut kassiert, bis die Polizei auftaucht
