Haus der Erinnerungen - Barbara Wood - E-Book
Beschreibung

Andrea, eine junge Frau aus Los Angeles, wird von ihrer Mutter nach England geschickt, um den sterbenden Großvater zu besuchen. Die Reise kommt ihr gerade recht, da sie Abstand gewinnen will, um über die Trennung von ihrem Freund nachzudenken. Andererseits fühlt sie sich unbehaglich bei der Vorstellung, jetzt ihre Familie kennenzulernen, von der sie fast nichts weiß, die sie nur aus Briefen kennt. Als sie das Haus ihrer Großeltern betritt, wird sie überschwenglich von ihrer Großmutter willkommen geheißen, und dennoch ist ihr unheimlich zumute. - Sie sieht am Fenster Kinder, die nur sie erkennt; sie hört Klavierspiel, das andere nicht wahrnehmen. Wird sie von der Gegenwart in die Vergangenheit versetzt? Wer ist sie: Andrea, die junge Frau aus Los Angeles, oder Jennifer, eine viktorianische Lady, die an gebrochenem Herzen starb? Auf ihre Fragen gibt die Familie keine Antwort. Doch Andrea kann den Bann lösen. Nachdem das Haus in der George Street seine Geheimnisse preisgegeben hat, kehrt Andrea, reich an Erinnerungen, nach Los Angeles zurück.

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MOBI

Seitenzahl:410


Barbara Wood

Haus der Erinnerungen

Roman

Roman

Aus dem Amerikanischen von Mechtild Sandberg

Fischer e-books

1

In dem Haus in der George Street stimmte etwas nicht. Ich spürte es sofort, als ich es betrat.

Ich blieb an der Haustür stehen und blickte den dämmerigen Flur hinunter, der Frau entgegen, die auf mich zukam. Im Halbdunkel sah ich, daß sie groß war, von kerzengerader Haltung und anmutig in ihren Bewegungen. Sie trug ein altmodisches bodenlanges Kleid, und das volle schwarze Haar war hochgesteckt. Mit ausgestreckten Armen eilte sie mir entgegen, und ich starrte sie einen Moment lang an, ehe ich mich nach meiner Tante umdrehte, die soeben ins Haus gekommen war und jetzt neben mir stand.

»Andrea«, sagte sie, »das ist deine Großmutter.«

Ich wandte mich wieder der Frau im Flur zu und traute meinen Augen nicht – eine ganz andere kam mir da entgegen, eine schmächtige, gebeugte Frau in einem einfachen Hauskleid mit einer Wolljacke darüber.

»Hallo«, sagte ich perplex.

Die alte Frau faßte meine Hand und trat näher, um mir einen Kuß zu geben. Mir wurde plötzlich bewußt, daß ich völlig übermüdet sein mußte. Der Flug von Los Angeles hatte elf Stunden gedauert, dann war ich noch einmal eine Stunde von London nach Manchester geflogen. Die Zeitverschiebung hatte mich wohl gründlich durcheinander gebracht.

Wir umarmten uns, und im schwachen Licht des Flurs musterte eine die andere. Es fällt mir schwer, mich zu erinnern, was für einen Eindruck ich in jenem ersten kurzen Augenblick von meiner Großmutter hatte. Ihr Gesicht schien mir in fließender Bewegung zu sein, bald häßlich, bald strahlend schön. Ihre Gesichtszüge, die zu flackern und zu wabern schienen, waren nicht festzuhalten, und es wäre unmöglich gewesen, ihr Alter zu schätzen. Ich wußte, daß sie dreiundachtzig war, doch ihre Augen strahlten soviel jugendliche Kraft aus, daß ich mich von ihrem Blick nicht lösen konnte. Die Spuren vergangener Schönheit, die die Zeit nicht hatte auslöschen können, ließen mich beim Anblick dieses Gesichts an eine Rose denken, die man in einem Buch gepreßt hat.

Auch als sie mich mit sich zum Wohnzimmer zog, konnte ich diese Verwirrung, die mich befallen hatte, nicht abschütteln. Als ich später am Abend dann im Bett lag, kam mir der Gedanke, daß es das Haus sein mußte, das diese eigenartige Wirkung auf mich ausübte. Es hatte eine ganz eigene Atmosphäre, der ich mich nicht entziehen konnte; beinahe, als gingen Energiewellen von ihm aus, die mich augenblicklich umfingen.

Mit meinem ersten Eintreten in das Haus schien sich eine Veränderung vollzogen zu haben, wie ein plötzliches Umschlagen der Atmosphäre. Ich hatte es von jenem ersten Moment an gespürt, als ich mir die englische Feuchtigkeit von den Schultern geschüttelt und in der Kälte kurz geschaudert hatte. Jetzt begriff ich, daß dieses unheimliche Frösteln nicht von der Kälte draußen kam, sondern von etwas anderem, von etwas ganz anderem.

Ich redete mir ein, daß das Hirngespinste seien, aber das Gefühl, daß das Haus mich in seinen Sog hineinzog, war so übermächtig, daß ich in der Dunkelheit fest die Augen zudrückte, als könnte ich mich auf diese Weise schützen. Um gegen die aufsteigende Panik anzukämpfen, dachte ich an die Gründe, die mich veranlaßten, hierherzukommen. Ich hoffte, daß ich vielleicht ruhiger werden und eine Erklärung für meine Stimmung finden würde.

Ich versuchte mir einzureden, sie wäre auf den plötzlichen Ortswechsel in eine fremde Stadt in einem fremden Land zurückzuführen; auf den langen Flug, die merkwürdigen Umstände meiner Ankunft, die jüngsten Erschütterungen in meinem Privatleben, meine innere Unrast und Unausgeglichenheit.

Aber so sehr ich mich bemühte, ich konnte das Gefühl nicht loswerden, daß dieses Haus auf mich gewartet hatte.

Ich sagte mir, es sei alles Einbildung, dieser seltsame Zustand habe sich in Wirklichkeit schon in Los Angeles eingestellt, als ich beschlossen hatte, überhaupt hierherzureisen.

Drei Tage zuvor hatte meine Mutter in Los Angeles zwei Briefe bekommen. Der erste war von meiner Großmutter, der zweite von meiner Tante. Beide schrieben, ihr Vater, mein Großvater, läge schwer krank im Städtischen Krankenhaus von Warrington, und es sei mit seinem Tod zu rechnen.

Meine Mutter nahm die Nachricht sehr schwer; vor allem deshalb, weil es ihr aus gesundheitlichen Gründen unmöglich war, nach England zu reisen, um ihren Vater noch einmal zu sehen. Sie quälte sich mit heftigen Schuldgefühlen.

Fünfundzwanzig Jahre zuvor waren meine Eltern mit meinem Bruder, der damals sieben Jahre alt war, und mir, die ich gerade zwei war, in die USA ausgewandert, um sich dort ein besseres Leben aufzubauen. Als meine Eltern die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen hatten, waren auch wir Kinder automatisch Amerikaner geworden. Unser Zuhause war Los Angeles, unsere Sprache war die der Amerikaner, unser Herz gehörte Kalifornien. Bis zur Ankunft der beiden Briefe hatte ich kaum über England nachgedacht oder darüber, daß meine Wurzeln in England waren. Keiner von uns hatte je zurückgeblickt.

In den letzten Jahren hatten meine Eltern gelegentlich von einer Reise in die ›alte Heimat‹ gesprochen, einem Wiedersehen mit der Familie, aber es war bei Plänen geblieben, und nun, so schien es, war es zu spät.

Die Briefe kamen zu einem höchst ungünstigen Zeitpunkt. Meine Mutter war gerade erst aus dem Krankenhaus entlassen worden, wo sie am Fuß operiert worden war, und konnte sich nur mühsam mit Hilfe der beiden Krücken fortbewegen, ohne die sie in den nächsten sechs Wochen nicht würde auskommen können. So lange, fürchtete sie, würde ihr Vater nicht mehr leben.

Zunächst war ich erstaunt, als sie mich bat, nach England zu reisen, um der Familie in dieser schweren Zeit beizustehen. Aber dann erschien es mir beinahe wie eine Fügung des Schicksals, daß meine Mutter die Reise nicht machen konnte und mich an ihrer Stelle schicken wollte; gerade in diesen Tagen hatte ich den starken Wunsch und das Bedürfnis, meinem Alltagsleben eine Weile zu entfliehen.

»Einer von uns sollte rüberfliegen«, sagte sie immer wieder. »Dein Bruder kann nicht. Er ist in Australien. Dein Vater kann seine Arbeit nicht im Stich lassen. Außerdem ist er ja kein Townsend. Ich weiß, es wäre an mir rüberzufahren, aber ich kann mich ja kaum bewegen. Für dich ist es vielleicht gut, deinen Großvater noch einmal zu sehen, Andrea. Du bist in England geboren. Deine ganze Verwandtschaft lebt dort.«

Danach ging alles so schnell, daß ich nur noch vage Erinnerungen habe: Ich sprach mit dem Börsenmakler, bei dem ich arbeitete, und ließ mir freigeben, kramte meinen Reisepaß aus einer Schachtel mit Souvenirs von einer Reise nach Mexiko, buchte einen Flug auf der Polarroute und war bei all diesen Vorbereitungen ständig getrieben von dem heftigen Wunsch, dem Schmerz und der Bitterkeit über das Ende einer Liebe zu entkommen.

Während die Maschine den Nordpol überflog, dachte ich an alles, was ich hinter mir gelassen hatte, und fragte mich gespannt, was vor mir lag. Ich dachte an die quälenden Schuldgefühle meiner Mutter, die sich Vorwürfe machte, daß sie niemals nach England zurückgekehrt war und ihr Vater nun sterben würde, ohne sie noch einmal gesehen zu haben. Und ich dachte auch an Doug und die Schmerzen, die wir uns gegenseitig bei unserer Trennung zugefügt hatten.

Kein Wunder, daß ich das Gefühl hatte, neben mir zu stehen, während ich im Flughafengebäude von Manchester auf meine Verwandten wartete und mich fragte, ob ich das Richtige getan hatte.

Tante Elsie und ihr Mann sollten mich abholen, das wußte ich, und wir hatten auch keine Schwierigkeiten, einander zu finden. Tante Elsie hatte eine so ausgeprägte Ähnlichkeit mit meiner Mutter, daß ich sie sofort erkannte, und ich vermute, meine eigene Ähnlichkeit mit meiner Mutter machte es Tante Elsie leicht, mich unter den Wartenden gleich zu entdecken.

Alle Townsends unserer Linie haben ein besonderes körperliches Merkmal, das, wie mir erzählt wurde, schon unsere Vorfahren auszeichnete – eine steile kleine Falte zwischen den Augenbrauen direkt über dem Nasenrücken, die unseren Gesichtern einen trotzigen, beinahe zornigen Zug verleiht. Ich hatte sie seit meiner Kindheit, und ich sah sie jetzt im Gesicht der Frau, die durch das Gewühl auf mich zukam.

»Andrea!« rief sie, schloß mich impulsiv in die Arme und trat dann mit Tränen in den Augen zurück. »Mein Gott, hast du eine Ähnlichkeit mit Ruth! Wie deine Mutter. Schau doch, Ed, könnte sie nicht Ruth sein?«

Ed, nicht besonders groß, zurückhaltend und etwas unsicher, stand abseits. Er lächelte, machte eine undeutliche Bemerkung und gab mir dann die Hand. »Willkommen zu Hause«, sagte er.

Als wir aus dem Flughafengebäude gingen, traf mich die Kälte wie ein Schock. In Los Angeles hatten wir knapp 30 Grad warm gehabt, und in Manchester war es jetzt, im November, schon winterlich kalt.

Onkel Edouard, von Geburt Franzose, eilte zum Parkplatz, um den Wagen zu holen, während seine Frau und ich mit meinem Koffer draußen vor dem Gebäude stehenblieben. Hin und wieder tauschten wir einen Blick und gaben beide unserer Hoffnung Ausdruck, daß Edouard bald erscheinen würde.

Ich fühlte mich fremd und befangen. Ich hatte nie erfahren, wie es ist, Verwandtschaft zu haben. Meine ganze Familie hatte bis zu diesem Tag aus meinen Eltern und meinem Bruder bestanden. Sprüche wie Familienbande und Blut ist dicker als Wasser, sagten mir nichts. Für mich hatten immer nur Freunde gezählt, Menschen, denen man sich aus Zuneigung näherte und an denen man festhielt, weil man sie mochte, nicht weil es Verpflichtung war.

Jetzt sollten plötzlich fremde Menschen, mit denen ich noch nie etwas zu tun gehabt hatte, ein Recht auf meine Zuneigung haben, nur weil ich zufällig in ihre Familie hineingeboren war? Obwohl ich von dieser Frau und diesem Mann nichts wußte und auch die anderen, die mich erwarteten, nicht kannte, sollte ich sie mit Wärme und Herzlichkeit und ganz ohne Frage annehmen. Diese Vorstellung behagte mir gar nicht.

»Wie war der Flug, Kind?« fragte die Frau mit dem Gesicht meiner Mutter. Sie sprach den breiten Dialekt der Leute von Lancashire, eine Mischung aus schottischer und walisischer Mundart, und anfangs hatte ich Schwierigkeiten, sie zu verstehen.

»Völlig problemlos«, antwortete ich, hinten auf dem Rücksitz von Edouards kleinem Renault, die Knie fast bis zur Brust hochgezogen.

»Du bist sicher sehr müde.«

Ich nickte, ohne meiner Tante ins Gesicht zu sehen. Die Ähnlichkeit ihres Gesichts mit dem meiner Mutter störte mich. Eine Fremde mit unserem Gesicht. Ich konzentrierte mich lieber auf den Verkehr, der mich vor allem deshalb faszinierte, weil hier alles links fuhr.

»Es ist schön, daß du gekommen bist, Andrea. Dein Großvater wird sich freuen, dich zu sehen. Es ist fast so, als wäre Ruth selber hier, nicht wahr, Ed?«

Ich schluckte. Meine Person schien gar nicht zu zählen.

Ich lehnte mich zurück und schloß einen Moment die Augen. Ich hatte mich darauf gefaßt gemacht, daß es ein anstrengender Besuch werden würde, aber in welchem Maß, das konnte ich nicht ahnen. Meine Mutter und ich hatten nicht einmal über eine zeitliche Begrenzung gesprochen. Wie lange ich bleiben würde, war mit keinem Wort erwähnt worden. Ich rechnete mit einer Woche, vielleicht zwei. Lang genug, um alte Verbindungen neu zu knüpfen.

Und um über Doug hinwegzukommen. Wenn das überhaupt möglich war.

Willkommen zu Hause, hatte Edouard am Flughafen gesagt. Aber mein Zuhause war Los Angeles.

»Andrea!«

Ich öffnete die Augen.

»Schau mal da, Andrea.« Meine Tante wies zum Fenster hinaus. »Weißt du, was das ist?«

Ich starrte zu dem riesigen schwarzen Gebäude hinaus, in dem hier und dort trübe Lichter schimmerten, und hatte keine Ahnung, was es war.

»Das ist das Städtische Krankenhaus«, sagte Elsie. »Da bist du zur Welt gekommen.«

Ich drehte den Kopf und sah es mir noch einmal an, aber bald schon verschwand es in der Dunkelheit, und wir fuhren jetzt zwischen endlos langen Zeilen von Reihenhäusern hindurch. Die Straßen der kleinen englischen Stadt wirkten kalt und verlassen im trüben Licht der viktorianischen Straßenlaternen. Der kleine Wagen rumpelte über das alte Kopfsteinpflaster, und mir war, als führe ich in eine lang vergangene Zeit zurück.

»Du mußt entschuldigen, daß ich nicht sonderlich gesprächig bin, Tante Elsie, aber der Flug von Los Angeles hat elf Stunden gedauert, und dann hatte ich in Heathrow noch einmal zwei Stunden Aufenthalt …«

»Aber natürlich«, sagte sie. »Kein Wunder, daß du müde bist. Und ich spiele hier die Fremdenführerin! Aber mach dir keine Sorgen, heute abend erwartet keiner mehr etwas von dir. Du trinkst jetzt einen schönen warmen Tee und dann schläfst du dich richtig aus. – Ah, da sind wir schon.«

Edouard hielt so ruckartig an, daß wir alle nach vorn fielen. Ich sah neugierig zum Fenster hinaus. Die Straße sah aus wie all die anderen, durch die wir gefahren waren: zwei endlose Zeilen Reihenhäuser aus rotem Klinker in winzigen Vorgärten.

»Wo sind wir hier?«

»Bei deiner Großmutter«, antwortete Elsie und stieg aus dem Wagen. »Wir hielten es für das Beste«, fügte sie hinzu, während ich mit einiger Mühe aus dem ungewohnt kleinen Auto kroch, »daß du bei ihr wohnst. Sie ist ja jetzt ganz allein, und ein bißchen Gesellschaft wird ihr guttun. William oder ich hätten dich gern bei uns aufgenommen, und für dich wäre es sicher auch komfortabler gewesen, wir haben wenigstens Zentralheizung, aber deine Großmutter wollte nichts davon wissen. Kaum hatte Ruth angerufen und uns gesagt, daß du kommst, da hat Mutter schon das vordere Gästezimmer gerichtet. Es ist ein hübsches Zimmer, du wirst dich bestimmt wohl fühlen.«

Ich richtete mich auf und starrte offenen Mundes das Haus an, ein einstöckiger Kasten aus schmutzigem Klinker mit einem ungepflegten Vorgarten, über dem ein dunkles Erkerfenster hing. Das ganze Haus war finster, wie ausgestorben.

Am liebsten hätte ich auf der Stelle kehrtgemacht und Elsie gebeten, mich mit zu sich und ihrer Zentralheizung zu nehmen. Aber Edouard stapfte schon mit meinem Koffer in der Hand den Gartenweg hinauf und schob den Schlüssel in das Schloß der Haustür.

Elsie stieß mich sachte vorwärts. »Komm, Kind. Eine warme Tasse Tee, und dann ins Bett. Das hast du jetzt dringend nötig. Und morgen fühlst du dich wie neugeboren.«

Ich setzte mich in Bewegung, steif vom langen Sitzen in Flugzeug und Auto, erschöpft von Anspannung und Ungewißheit; mein Kopf schmerzte, und ich war hungrig. So betrat ich das Haus meiner Großmutter in der George Street.

 

Die Ähnlichkeit meiner Großmutter mit meiner Mutter war unglaublich. Als ich ihr in das alte Gesicht sah, war es beinahe, als blickte ich in die Zukunft und sähe meine Mutter, wie sie in sechs- undzwanzig Jahren aussehen würde. Wie meine Mutter hatte sie die hochrückige Nase der Dobsons – eine ›aristokratische‹ Nase, sagten manche –, und sie hatte die gleichen ungewöhnlichen grauen Augen, deren Iris schwarz umrandet waren. Ihre Augenbrauen waren schmal und schön geschwungen. Die Wangen unter den hohen Wangenknochen waren eingefallen, das Kinn trat ein wenig spitz hervor. Unter der schlaffen, von tausend Fältchen durchzogenen Haut waren die Linien und Konturen ihres Gesichts auch jetzt noch erkennbar, und je nachdem, wie das Licht auf ihnen spielte, gewannen die Züge etwas von der früheren Schönheit wieder.

Sie faszinierte mich augenblicklich, und lange konnte ich den Blick nicht von ihr wenden. Ihre grauen Augen wurden feucht, und sie sagte mit brüchiger Stimme: »Andrea …«

Auf ihren Stock gestützt, umschlang sie mich mit einem Arm. »Gott sei Dank, daß du gekommen bist«, murmelte sie dicht an meiner Wange, und ich dachte, so werde ich in sechsundfünfzig Jahren aussehen. Mich fröstelte plötzlich, und mir war, als hätte ich einen Schritt in die Zukunft getan.

Aber das Ironische ist, daß ich, wie ich heute weiß, in eben dem Moment, als mir dieser Gedanke durch den Kopf schoß, in die umgekehrte Richtung ging. Nicht in die Zukunft schaute ich, sondern in eine Zeit, die lang vergangen war.

Das Haus meiner Großmutter war klein und eng. Als diese Reihenhäuser gebaut worden waren, waren die Möglichkeiten, sich vor der Kälte des englischen Winters zu schützen, begrenzt. Wärme spendeten nur die offenen Kamine in den einzelnen Zimmern, daher waren die Räume klein, und alle Durchgangsräume, wie Flur oder Treppenhaus, beklemmend eng und niedrig. Mich überraschte das. Ich hatte mir die alten viktorianischen Häuser Englands immer großzügig und elegant vorgestellt. Aber solche Häuser hatten sich nur die Reichen leisten können. Die breite Mittelklasse, die sich mit der Industrialisierung herausgebildet hatte, hatte sich mit diesen kleinen, weit praktischeren Häuschen begnügt, und das Townsend Haus in der George Street war nur eines von Hunderttausenden seiner Art, die damals überall in England gebaut worden waren.

»Gefällt dir mein kleines Häuschen?« fragte meine Großmutter, nachdem Elsie und Ed gegangen waren und wir es uns im Wohnzimmer gemütlich gemacht hatten. Sie hatte einen Teller auf ihrem Schoß und war dabei, eine Scheibe Brot mit Butter zu bestreichen.

Ich sah mich im Zimmer um. Alte, klobige Möbel, schmutzige Wände, von denen die Farbe abblätterte, verblichene Fotografien auf einem Buffet, in schwarzes Leder gebundene Bücher mit Goldschrift auf dem Rücken, schwere Samtvorhänge. Ein kleines, überladenes viktorianisches Wohnzimmer. Vor langem schon schien für meine Großmutter die Zeit einfach stehengeblieben zu sein.

»Es hat sicher eine lange und interessante Geschichte«, sagte ich.

»O ja, das kann man sagen. Dein Onkel William will mich dauernd überreden, hier auszuziehen und eine Sozialwohnung zu nehmen. Aber ich möchte nicht auf Staatskosten leben. So wie die meisten anderen. Ich hab mein Häuschen, und ich möchte es behalten. Und eine Zentralheizung brauch ich auch nicht. Wir sind zwei- undsechzig Jahre lang mit unseren Kaminen ausgekommen, warum soll das jetzt auf einmal nicht mehr möglich sein?«

»Das Haus ist zweiundsechzig Jahre alt?« Trotz der Wärme der Gasheizung, die in den Kamin eingebaut worden war, spürte ich die Kälte in meinem Rücken.

»Aber nein! So lang habe ich hier gelebt. Als ich deinen Großvater heiratete, brachte er mich hierher.«

»Und wie alt ist das Haus?«

»Es wurde 1880 gebaut. Es ist also über hundert Jahre alt.«

»Ist es irgendwann einmal modernisiert worden?«

»Natürlich, das mußte sein. Wir haben elektrisches Licht, wie du siehst.« Sie tauchte das Messer in das Glas mit Zitronenmarmelade, das neben ihr auf einem kleinen Tisch stand, strich die Marmelade dick auf das Brot und biß kräftig ab. Während sie sich die Hände an ihrer Wolljacke abwischte, sagte sie: »Und oben haben wir eine Toilette. Irgendwann waren wir hier in der Straße die einzigen, die noch ein Plumpsklo hatten. Da haben wir dann Rohre legen lassen. Aber die Toilette ist ziemlich altersschwach, man muß sie zartfühlend behandeln. Eine Badewanne ist auch da.«

Fröstelnd vor Kälte, obwohl mir Gesicht und Schienbeine von der Hitze der Gasheizung fast brannten, stellte ich mir das archaische Badezimmer meiner Großmutter vor und vermißte schon jetzt meine komfortable kleine Wohnung in Los Angeles.

Während ich noch über meine neue, mir so fremde Umgebung nachdachte und höflich den viel zu süßen Tee hinunterwürgte, geschahen plötzlich mehrere seltsame Dinge.

Ein Luftzug fuhr ins Zimmer, so kalt, daß ich zitterte. Meine Großmutter, die ihn nicht zu bemerken schien, drehte sich nach dem alten Kofferradio um, das neben ihr auf dem Tisch stand, und schaltete es ein. Ich glaubte sie sagen zu hören: »Jetzt kommt gleich mein Lieblingsprogramm.« Aber ich verstand ihre Worte nicht richtig, weil sie mir den Rücken zugewandt hatte, und das, was sie sagte, wie Gebabbel klang.

Aus dem kleinen Radio scholl das durchdringende Wimmern schottischer Dudelsäcke, und im selben Moment bekam ich einen so heftigen Schüttelfrost, daß ich beinahe meinen Tee vergossen und meinen Teller fallengelassen hätte.

Großmutter drehte sich erschrocken um. Ich zitterte am ganzen Körper.

»Dir muß ja eiskalt sein!« Mühsam stand sie aus ihrem Sessel auf. »Das ist diese fürchterliche Kälte hier. Und du hast nur die dünnen Sachen an.«

Ich wollte etwas sagen, aber meine Zähne schlugen so unkontrollierbar aufeinander, daß ich kein Wort herausbrachte.

Stumm sah ich zu, wie Großmutter mir Teller und Teetasse abnahm, beides auf den Tisch stellte und zum Sofa ging, um eine gefaltete Wolldecke zu holen. Sie breitete sie um mich aus und hüllte mich fest darin ein, wobei sie in beruhigendem Ton sagte: »Wenn ich mittags ein Schläfchen mache, nehme ich oft die Decke. Sie ist aus Shetlandwolle. Da wird dir gleich wieder warm werden.« »L-lieber G-gott«, stieß ich zähneklappernd hervor. »Ich v-versteh g-gar nicht –« Und dann begann ich noch heftiger zu zittern.

Es war nicht die äußere Kälte. Ich spürte genau, woher es kam, und hätte Großmutter sagen können, daß ihre schöne Decke nichts helfen würde. Es kam von innen heraus, ein eisiger Hauch, der irgendwo in den Tiefen meines Körpers entsprang und jede seiner Zellen durchströmte. Mein Gesicht wurde heiß, meine Haut warm und trocken, aber immer noch schüttelte mich diese alles durchdringende Kälte.

Dann hörte ich ganz schwach, wie aus weiter Ferne, die Klänge eines Klaviers. Geisterhaft zart hob sich die Melodie, die mir vertraut war und der ich dennoch keinen Namen geben konnte, vom plärrenden Gewimmer der Dudelsäcke ab. Ich starrte erst das Radio an und dann Großmutter, doch die schien nichts wahrzunehmen. Ich drehte den Kopf hierhin und dorthin, um festzustellen, woher die sanft perlenden Töne kamen, aber es gelang mir nicht. Sie schienen aus allen Richtungen zugleich zu kommen.

Dann wußte ich plötzlich, was für eine Melodie das war, ›Für Elise‹ von Beethoven. Sie schien von ungeschickter, ungeübter Hand gespielt zu werden, und gewisse Passagen wurden immer wieder gespielt, wie zur Übung, während der oder die Spieler/in an schwierigen Stellen stockte und stolperte. Es klang fast so, als spielte ein Kind.

»Großmutter«, sagte ich.

Sie strich Marmelade auf ihr Brot und summte dabei das Lied der Dudelsackpfeifer mit.

Plötzlich fiel mir noch etwas auf. Die Uhr über dem Kaminsims tickte nicht mehr. Ich sah zu ihr hinauf. Sie schien stehengeblieben zu sein.

Das Zimmer war vom Wimmern der Dudelsäcke erfüllt, durch das wie traumhaft die Melodie von ›Für Elise‹ hindurchklang.

»Großmutter«, sagte ich lauter. »Deine Uhr ist stehengeblieben.«

Sie sah auf. »Was?«

»Die Uhr. Sie tickt nicht mehr. Hör doch.«

Wir starrten beide auf die Uhr über dem Kamin. Sie tickte wieder.

Meine Zähne schlugen jetzt wieder heftiger aufeinander, und so sehr ich mich bemühte, etwas zu sagen, ich konnte nicht. Doch plötzlich, im nächsten Moment schon, so unerwartet, wie es begonnen hatte, hörte das Zittern und Zähneklappern auf. Mein ganzer Körper war wieder ruhig.

»Nein, nein«, sagte Großmutter. »Die Uhr ist nicht stehengeblieben. Du hast nur das Ticken bei der Musik nicht gehört.«

»Und wegen des Klavierspiels wahrscheinlich.« Ich zog die Decke fester um mich.

»Wegen des Klavierspiels?«

Ich sah meine Großmutter an. Es war so alt, dieses Gesicht, und doch war die frühere Schönheit immer noch deutlich erkennbar. »Ja, es spielt jemand«, sagte ich laut. »Horch!«

Wir horchten beide. Dann schaltete Großmutter das Radio aus. Nichts als das feine Ticken der Uhr war zu hören.

»Da spielt niemand Klavier.«

»Aber ich hab’s doch gehört.«

»Woher kam das Geräusch?«

Ich zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht genau.«

»Vielleicht war es Mrs.Clarks Fernseher. Sie sitzt praktisch Wand an Wand mit uns. Abends kann ich sie manchmal hören.«

»Nein, das war kein Fernseher. Es klang, als spielte jemand im nächsten Zimmer. Hat Mrs.Clark ein Klavier?«

»Keine Ahnung. Aber sie ist genauso alt und arthritisch wie ich.«

»Wer wohnt in dem Haus auf der anderen Seite, Großmutter?«

»Das steht leer. Seit Monaten schon. Heutzutage will kein Mensch kaufen. Jeder schaut nur, daß er eine Sozialwohnung kriegt, die nichts kostet. Ich sag dir, das Sozialsystem in England ist eine Schande. Da lassen sie diese ganzen Pakistanis rein –«

»Ich war überzeugt, ich hätte etwas gehört …«, sagte ich ratlos.

»Du bist einfach müde, Kind.« Großmutter beugte sich zu mir herüber und tätschelte mir beschwichtigend das Knie. »Dir fehlt nur der Schlaf. Ich bin froh, daß du gekommen bist, Andrea. Dein Großvater wird sich freuen.«

»Was fehlt ihm eigentlich?«

»Er ist alt, Andrea. Er hat ein erfülltes und manchmal schweres Leben hinter sich. Aber es waren gute Jahre. Wir haben viel gemeinsam durchgestanden, dein Großvater und ich.«

Als sie mich ansah, waren ihre Augen feucht, und ihre Lippen bebten. »Ich habe mit diesem Mann ein gutes Leben gehabt, und dafür werde ich immer dankbar sein. Es gibt nicht viele Frauen, denen es so gut ergangen ist wie mir. Nein, weiß Gott nicht. Und dabei hatte er im Krieg soviel durchgemacht …« Sie schüttelte bekümmert den Kopf.

»Er war auch im Krieg?« Das war ein Teil der Familiengeschichte, mit dem ich vertraut war. Mein Vater hatte oft vom Krieg erzählt, als er bei der Luftwaffe gewesen war und in der Luftschlacht um England mitgekämpft hatte.

Sie sah mich eine Weile schweigend, mit umflorten Augen an, dann blitzte Erheiterung in diesen Augen auf. »Ja, aber nicht im Zweiten Weltkrieg, Kind. Ich habe vom Ersten Weltkrieg gesprochen. Er war beim Pioniercorps, dein Großvater. Er hat in Mesopotamien gedient.«

Ich machte große Augen. Davon hatte ich nie etwas gehört.

»Das wußtest du nicht, hm? Ich seh’s deinem Gesicht an. Hat deine Mutter dir nie von uns erzählt? Nein? Hm …« Sie sah auf ihre Hände nieder. »Irgendwie kann ich’s verstehen. Die Townsends hatten eine schreckliche Geschichte, bevor dein Großvater und ich heirateten.«

»Schrecklich? Wieso?«

Sie fuhr fort, als hätte sie meine Frage nicht gehört. »Deine Mutter hat dir wahrscheinlich nur aus ihrer eigenen Kindheit erzählt. Von sich und Elsie und William. Ja, das kann ich gut verstehen. Aber du mußt auch etwas von deinen Großeltern wissen, nicht wahr, Kind? Schließlich bist du auch ein Teil von uns. Ach, dein Großvater und ich hatten oft ein aufregendes Leben, glaub mir. Stell dir vor, genau an dem Tag, an dem wir 1915 heirateten, wurde er nach Übersee geschickt. Danach habe ich ihn zwei Jahre lang nicht mehr gesehen, und als er endlich nach Hause kam, war er so verändert, daß er praktisch ein Fremder für mich war. Er war als junger Bursche fortgegangen, und als er nach Hause kam, war er ein Mann.«

Ich starrte auf ihre runzligen alten Lippen, während sie mir in diesem schwer verständlichen Dialekt ihrer Heimat erzählte.

»Ja, er war ein ganz anderer geworden. Und als wir mit zwei Jahren Verspätung unsere Hochzeitsnacht nachholten, da war es für mich, als läge ich bei einem völlig Fremden.«

Ich versuchte, mir diesen Mann vorzustellen, den ich nie gesehen hatte, den Vater meiner Mutter, der jetzt im nahen Krankenhaus im Sterben lag und der zweiundsechzig Jahre in diesem Haus gelebt hatte. Und dann versuchte ich, mir Großmutter als junges Mädchen vorzustellen, einundzwanzig Jahre alt, wie sie schamhaft und scheu das erstemal mit ihrem Mann zu Bett ging.

Ich dachte an Doug, an unsere letzte gemeinsame Nacht, an die verletzenden Worte, die wir einander ins Gesicht geschleudert hatten. Aber als sein vertrautes, lächelndes Gesicht vor mir erschien, vertrieb ich augenblicklich die Erinnerung. Es war vorbei. Doug und ich waren fertig miteinander. Dieser Schmerz würde vergehen, die Erinnerungen verblassen, und ich würde wieder frei sein.

»Wenn man jung ist, denkt man nicht viel über die Vergangenheit nach, nicht?« meinte Großmutter. Sie rieb die Hände aneinander und hielt sie in die Wärme der Gasheizung. »Ich habe es jedenfalls nicht getan. Ich glaubte, ich würde ewig leben. In der Jugend denkt man nie an den Tod. Man hat noch keine Vergangenheit, auf die man zurückschauen kann, und man ist vom Tod so weit entfernt, daß man glaubt, er wird nie zu einem kommen. Aber wenn man alt wird, Andrea, und der Tod nicht mehr weit ist, dann ist die Vergangenheit das einzige, was einem bleibt.«

Sie blickte einen Moment gedankenverloren vor sich hin, dann stand sie plötzlich aus ihrem Sessel auf, als wäre ihr etwas eingefallen. »Ich möchte dir etwas zeigen.«

Sie ging schwerfällig zum Buffet, stützte sich dabei auf die Rükkenlehne des Sessels und auf ihren Stock. Ihre Beine waren nach außen gekrümmt, und ihre Schultern waren unter dem runden Rücken weit nach vorn gezogen.

Sie kramte in einer Schublade und sagte dann: »Hier hab ich etwas, das du nie gesehen hast.«

Sie reichte mir eine Fotografie. Es war eine sehr alte Aufnahme, die das Gesicht einer strahlend schönen Frau zeigte, das wie unter verblichenem Sepia verschleiert schien. »Wer ist das?« fragte ich.

»Das war die Mutter deines Großvaters«, antwortete sie.

Ich konnte den Blick nicht von diesem schönen Gesicht wenden. »Seine Mutter? Hat Großvater Ähnlichkeit mit ihr? Wie alt ist das Bild?«

»Oh, das weiß ich nicht genau. Laß mich nachdenken. Es wurde aufgenommen, bevor Robert – das ist dein Großvater – geboren war, und sie war, glaub ich, zwanzig, als sie ihn bekam …«

Ich spürte, wie mich diese traurigen braunen Augen in ihren Bann zogen. Das Lächeln der Frau, die das Haar züchtig zum Knoten gesteckt hatte und am hochgeschlossenen Kragen ihres Kleides eine Kamee trug, schien mir süß und schwermütig zugleich, und ich hatte den Eindruck, als hätte sie dem Fotografen nur widerstrebend für dieses Porträt gesessen. Ein Blick der Verlorenheit lag in den jungen Augen, eine Schwermut, die von stiller Zurückgezogenheit sprach. Ich stellte mir vor, wie sie gewesen sein mußte. Eine scheue, traurige, verwirrte junge Frau.

»Vielleicht 1893«, sagte Großmutter. »Ist sie nicht eine Schönheit?«

Ich nickte. Die Mutter meines Großvaters. Meine Urgroßmutter.

»Sie war eine geborene Adams. Sie wohnte in der Marina Avenue. Aber ursprünglich kam ihre Familie aus Wales. Aus Prestatyn, glaube ich.«

»Und Großvaters Vater? Wie sah der aus – ihr Mann? Hast du von ihm auch ein Bild?«

Sie antwortete nicht.

»Großmutter?« Ich sah auf. Ihr Gesicht schien mir hart. Ich wiederholte: »Hast du von meinem Urgroßvater auch ein Bild?«

Großmutter beugte sich zu mir herunter und nahm mir das Foto aus den Händen. Mit einem Kopfschütteln ging sie zum Buffet zurück und legte das Bild wieder in die Schublade.

Als sie zu ihrem Sessel zurückkam und ein wenig näher an den Kamin rückte, gab sie dem Gespräch eine andere Wendung. »Die Jubiläumsfeiern für die Königin in diesem Jahr waren wirklich wunderschön …«

2

Es war noch nicht halb elf an diesem ersten Abend, aber ich konnte kaum noch die Augen offenhalten. Ich spürte eine leichte Berührung an der Schulter und sah, daß Großmutter aufgestanden war. Und mit schlechtem Gewissen sah ich, daß sie Teller und Tassen hinausgetragen hatte.

»Bin ich eingeschlafen? Entschuldige, Großmutter, ich wollte dir doch helfen –«

»Unsinn! Ich werd dich doch nicht arbeiten lassen, wo du hier zu Besuch bist. Es war egoistisch von mir, dich nach der langen Reise so lange wachzuhalten. Du mußt doch todmüde sein. Marsch jetzt, ins Bett mit dir.«

Sie hatte recht. Ich war unglaublich müde, ja, ich fühlte mich, als ob meinem Körper auch das letzte Fünkchen Energie entzogen worden wäre.

Sobald ich in den Flur trat, überkam mich wieder dieses bizarre Gefühl, nur noch stärker diesmal. Es war beinahe, als läge greifbare Feindseligkeit in der Luft. Ich zögerte am Fuß der schmalen Treppe und blickte in die Finsternis über mir.

»Ist was?« fragte Großmutter, die mein Zögern bemerkte.

»Ich – äh, ich weiß gar nicht, wo mein Zimmer ist.«

»Ich hab dir das Vorderzimmer gerichtet. Ed hat deinen Koffer schon raufgebracht, und Elsie hat dir eine Wärmflasche ins Bett gelegt. Es tut mir leid, daß das Zimmer keine Heizung hat. Aber weißt du, es ist viele Jahre nicht mehr benutzt worden. Seit Williams Auszug nicht mehr. Das muß jetzt gut zwanzig Jahre her sein. Also, Kind, rauf mit dir.«

Vorsichtig stieg ich die steile Treppe hinauf und stützte mich dabei mit den Händen an den Seitenwänden ab. Ich verkniff es mir, in die Schwärze des oberen Stockwerks hinaufzusehen, und versuchte so zu tun, als mache mir die Kälte nichts aus.

Aber das gelang mir nicht, und je höher ich stieg, desto kälter wurde mir. Ich fing an zu zittern. Der Atem stieg mir in kleinen Dampfwölkchen aus dem Mund. Hinter mir, ein paar Stufen tiefer, quälte sich Großmutter schwerfällig die Treppe hinauf, und ich fragte mich, ob sie mich überhaupt vor sich sehen konnte.

Oben begann ich wieder zu schnattern. Ich biß die Zähne zusammen und suchte nach einem Lichtschalter. Ich tastete mit einer Hand über die klamme Wand.

Ich berührte etwas und drückte.

»Hast du das Licht gefunden?« fragte Großmutter keuchend hinter mir.

»Ich – nein –«

Sie streckte den Arm aus, und augenblicklich ging die Deckenbeleuchtung an. Ich schaute auf die Wand. Das Ding, das ich berührt hatte, war der Lichtschalter.

»Na also. Jetzt geh nach rechts«, sagte sie außer Atem und lehnte sich an die Wand.

Der Treppe direkt gegenüber war das Badezimmer und daneben Großmutters Zimmer. Um die Ecke jedoch, einen kurzen Gang entlang, war noch eine Tür.

»Wenn du in der Nacht raus mußt, dann weißt du jetzt, wo es ist. Vergiß nicht, immer das Licht auszumachen. Gute Nacht, Kind.«

Ich rieb mir die eiskalten Arme und eilte durch den Flur zum vorderen Zimmer. Die Tür knarrte, als ich sie aufstieß, und Schwärze gähnte mir entgegen. Hastig hob ich die Hand zur Wand und fand den Lichtschalter.

Ich lächelte erleichtert. Wirklich ein hübsches Zimmer. Ein behagliches Doppelbett mit großen, weichen Kissen und einer bunten Steppdecke. Auf dem Boden ein schon fadenscheiniger, aber freundlicher Perserteppich. An einer Wand ein alter Schrank, dessen eine Tür offenstand. Gegenüber ein offener Kamin, der jetzt vernagelt war, und darüber ein großer alter Spiegel in geschwungenem Rahmen. Neben dem Bett ein kleines Tischchen mit einem Spitzendeckchen und der Bibel darauf.

Es sah alles sehr gemütlich aus, und meine Beklemmungen auf der Treppe kamen mir plötzlich recht albern vor. Ich drehte mich um, schloß die Tür und schob die ›Wurst‹ vor die Ritze, das längliche Polster, das verhindern sollte, daß die Kälte aus dem Flur ins Zimmer drang. Dann mußte ich schnell machen. Das bißchen Wärme, das ich von unten mitgenommen hatte, war jetzt ausgekühlt, und die eisige Kälte des Zimmers drang auf mich ein. Schon begannen meine Finger steif zu werden, so daß ich Mühe hatte, die Schlösser meines Koffers zu öffnen. Ich fror erbärmlich.

Noch nie hatte ich so etwas erlebt. Wenn es vor einigen Stunden draußen um null Grad gewesen war, wie weit war die Temperatur dann in der Zwischenzeit noch gesunken? Dieses alte, schlecht isolierte Haus kam mir vor wie ein Tiefkühlschrank.

Nachdem ich meine Jeans und das T-Shirt im Schrank aufgehängt hatte, zog ich meinen Bademantel über den Schlafanzug und ging zum Fenster. Ich zog die Vorhänge ein wenig auseinander und blickte durch die bereiften Scheiben in pechschwarze Nacht hinaus. Kein Mond, kein Stern war am Himmel, nur eine ferne Straßenlampe spendete etwas trübes Licht. Die Häuser gegenüber, eines am anderen, alle gleich, aufgereiht wie die Zinnsoldaten, waren dunkel und still. Das abgeschliffene Kopfsteinpflaster der Straße, auf der die wenigen geparkten Autos fremd wirkten, glänzte eisig.

Ich ließ die Vorhänge wieder zufallen. Mittlerweile war ich so durchgefroren, daß ich beschloß, im Bademantel zu schlafen. Erst knipste ich das Licht aus, dann sprang ich im Dunklen mit einem Riesensatz zum Bett, warf mich hinein und zog die Decken bis zum Kinn. Die Wärmflasche, die noch warm war, drückte ich an meinen Bauch und rollte mich auf der Seite zusammen.

Es war so still im Haus, daß ich meinen eigenen Herzschlag hörte. Ich war überzeugt, daß ich in diesen arktischen Verhältnissen niemals einschlafen würde. Immer noch schlugen mir die Zähne aufeinander, meine Hände und Füße waren starr vor Kälte, ich zitterte am ganzen Körper. Mindestens eine Stunde lang muß ich wachgelegen und in die Finsternis gestarrt haben, und die ganze Zeit dachte ich an Doug und bemühte mich, das Unbehagen abzuschütteln, das mir dieses Haus einflößte.

Ich weiß nicht, wann ich endlich eingeschlafen bin, aber plötzlich war ich wieder hellwach, ohne zu wissen, was mich geweckt hatte. Ich starrte mit offenen Augen ins Dunkle und hielt mit verkrampften Fingern die Decke umklammert. Ich war schon mit Angst erwacht; die Angst hatte mich schon im Schlaf überfallen, sie hatte mich geweckt. Es war eine Angst vor etwas, das ich nicht sehen konnte. Während ich angestrengt versuchte, mit den Augen die Schwärze der Nacht zu durchdringen, wurde mir klar, daß es nicht die Dunkelheit war, die mich so ängstigte, sondern etwas anderes; etwas, das in diesem Zimmer war. Eine unsichtbare Gegenwart …

Ich kämpfte um meinen Verstand. Ich versuchte, mich zu erinnern, wer ich war, wo ich mich befand, was ich hier tat. Aber mein Geist war gefangen in einem Käfig des Vergessens. Ich erinnerte mich an nichts. Mein Gedächtnis war ausgelöscht. In schwarzer Nacht versunken.

Mitten in meinem verzweifelten Kampf, meinem ohnmächtigen Bemühen, meine Erinnerungen zu finden, entdeckte ich das Schreckliche, das mich aus dem Schlaf gerissen hatte.

Ein ungeheurer Druck lastete auf meinem Körper. Eine Kraft, die nicht zu greifen war und keine Substanz besaß, stieß mich tief in die Kissen und drohte, mich zu ersticken. Ich wollte schreien, aber ich konnte nicht. Ich bekam keine Luft.

Aus Angst und Entsetzen wurde kopflose Panik. Wie eine Rasende begann ich, mich gegen den grauenvollen Druck zu wehren. Ich rang krampfhaft um Atem und empfand jeden eisigen Luftzug, der in meine Lunge drang, wie einen Messerstich.

Ich mußte zum Licht.

Meine Gedanken überschlugen sich. War ich vielleicht gelähmt? Wie konnte eine solche erstickende Kraft mich niederdrücken, ohne daß ich fähig war, sie zu fassen?

Ich konzentrierte mich ganz darauf, einen Arm freizubekommen. Mein Atem flog in kurzen Stößen. Ich mußte sehen.

Ich mußte sehen!

Plötzlich war mein Arm frei. Ich griff hastig nach oben und umklammerte das Kopfende des Betts. Mit einer gewaltigen Kraftanstrengung gelang es mir, mich so weit hochzuziehen, daß ich mich aufsetzen konnte. Aber immer noch lastete der beklemmende Druck auf mir. Er war wie ein gewaltiger Sog. Ich kämpfte dagegen an, schnappte gierig nach Luft, um den Alp abzuwehren. Weit aus dem Bett hängend, fuchtelte ich in der Finsternis herum, traf mit einer Hand die Wand und schlug rein zufällig auf den Lichtschalter.

Im selben Moment, als das Licht anging, wich schlagartig der Druck von mir, und ich fiel zu einem keuchenden, japsenden Bündel zusammen.

Ich hatte so stark geschwitzt, daß mein Pyjama ganz feucht war. Und jetzt begann ich zu frieren, begann vor Erschöpfung und Kälte so heftig zu zittern, daß das Bett wackelte. Lange hockte ich an das Kopfende des Betts gelehnt, rieb mir die Arme und stampfte mit den Füßen, um wieder warm zu werden, und überlegte dabei, was eigentlich geschehen war.

Ich konnte mich nicht erinnern, was mich geweckt hatte; ob es ein Traum gewesen war oder die Kälte oder einfach die ungewohnte Umgebung.

Oder etwas anderes.

Und dieser schreckliche Druck. Hatte ich ihn mir eingebildet? War vielleicht alles nur ein Traum gewesen, der bis zu dem Moment gedauert hatte, als ich im Schlaf den Lichtschalter gefunden hatte?

Ich konnte es nicht glauben. Es war mir nicht vorgekommen wie ein Traum. Es war von einer unheimlichen Realität gewesen.

Als ich die Decken bis zu Schultern und Hals heraufzog, spürte ich, wie schwer sie waren. Mehrere Wolldecken, eine Steppdecke und ein großes Federbett – kein Wunder, daß ich mich wie erdrückt gefühlt hatte.

Natürlich! Das war es! Ich lachte leise, um mir selbst Mut zu machen. Zu Hause schlief ich immer nur mit einer leichten Decke; unter dem Gewicht dieses Bettzeugs mußte ich geträumt haben, daß eine unheimliche Macht mich ersticken wollte.

Wie seltsam ist diese Dämmerzone zwischen Schlafen und Wachen. Wie beängstigend war es gewesen, zu erwachen und nicht zu wissen, wer ich war und wo ich mich befand. Aber jetzt verständlich im Licht der Deckenlampe. Ich hatte einen Alptraum gehabt; er war mir nur realer erschienen als die meisten. Selbst jetzt noch, während ich im hellen Zimmer im Bett saß, spürte ich Reste der Furcht, die mich beim Erwachen überfallen hatte.

Aber alles Einbildung. Nichts real.

Ich griff zum Schalter, um das Licht auszumachen, und hielt inne. Ohne zu wissen warum, drehte ich den Kopf und blickte über die Schulter.

Der Spiegel über dem Kamin.

Was hatte er Merkwürdiges an sich?

Lange blieb ich so sitzen und blickte stirnrunzelnd zum Spiegel; fragte mich, was mich veranlaßt hatte, zu ihm hinüberzusehen, warum ich den Blick jetzt nicht von ihm wenden konnte. Und während ich ihn unverwandt anstarrte, war mir, als hörte ich eine feine Stimme, die mir zuflüsterte, ich dürfe nicht wegsehen.

Aber warum? Es war doch ein ganz gewöhnlicher Spiegel. Alt, eine Antiquität vielleicht, mit einem glanzlosen vergoldeten Rahmen. Nichts Ungewöhnliches war an ihm. Und er zeigte nichts als ein Bild dieses Zimmers mit der offenen Schranktür im Mittelpunkt.

Und doch hielt er mich fest, und ich schaute ihn so fasziniert an, als wüßte ich, was ich in ihm suchte. Als schwebe die Antwort auf die Frage, was für eine zauberische Macht dieser Spiegel besaß, am innersten Rand meines Bewußtseins. Beinahe konnte ich sie fassen …

Endlich schüttelte ich abwehrend den Kopf, befreite mich aus dem Bann und glitt wieder unter die Decken, ohne das Licht zu löschen. Der lange Flug und die Zeitverschiebung hatten mir mehr zugesetzt, als ich geglaubt hatte.

Ich zwang mich zu einem Lächeln und versicherte mir, während ich mich im tröstlichen Schein des Lichts ausstreckte, daß morgen alles wieder ganz normal sein würde.

 

Als ich am Morgen erwachte, roch ich den Duft von gebratenem Speck und frischem Kaffee, und nach einem Blitzbesuch im eiskalten Badezimmer sauste ich in Jeans und Pullover nach unten, wo mich ein angenehm warmes Wohnzimmer und ein gedeckter Tisch erwarteten. Zwar vertrieb das Sonnenlicht, das freundlich durch das Fenster strömte, alle Hirngespinste der vergangenen Nacht, doch es blieb ein Gefühl unerklärlichen Unbehagens. Ich hatte kaum geträumt und konnte mich nur an wenige zusammenhängende Traumfetzen erinnern. Als ich im sonnenhellen Zimmer erwacht war, hatte ich mich erfrischt und ausgeruht gefühlt; um so bestürzender war es zu entdecken, daß das Haus mich noch immer nicht aus seinem unheimlichen Bann entlassen hatte.

»Ist das hier das einzige Zimmer im Haus, das ihr bewohnt, Großmutter?« fragte ich, während ich Butter auf meinen Toast strich.

»Ja, Kind. Dieses Zimmer und unser Schlafzimmer. Den früheren Salon benützen wir schon seit Jahren nicht mehr. Wir brauchen ihn nicht. Er dient uns eigentlich nur noch als Abstellraum.«

Ich nickte. Es war ein gemütliches Zimmer. Wir saßen an dem kleinen Eßtisch vor dem Fenster, das zum Garten hinausblickte. Aber ein Garten war das eigentlich gar nicht. Vom Fenster bis zu der hohen Mauer am anderen Ende konnten es höchstens zehn Schritte sein. Man hätte mit einem einzigen großen Sprung über den ganzen Garten setzen können. Der Boden war holprig mit Backstein gepflastert. Es gab keinen Rasen und keine Blumenbeete, nur am Fuß der beiden Mauern je einen Streifen Erde, aus der Rosenbüsche wuchsen – oder einmal gewachsen waren; jetzt waren sie nur noch dürre Skelette. In die Mauer am Ende des Gartens war ein Tor eingelassen, das in eine kleine Gasse und zu dem auf der anderen Seite liegenden freien Feld führte.

»Blühen die Rosen im Sommer, Großmutter?«

»Nein, Kind. In diesem Garten will einfach nichts gedeihen. Das war schon immer so. Von Anfang an. Diese Rosenbüsche waren schon hier, als wir hier einzogen.«

»Hast du mal versucht, sie zum Blühen zu bringen?« Ich führte meine Tasse zum Mund und blickte geistesabwesend zu den kahlen Büschen hinaus.

»Ja, sicher, am Anfang schon, aber es war sinnlos. Es ist wahrscheinlich schlechter Boden.« Sie sah mich an. »Weißt du, es ist komisch, jetzt, wo ich darüber nachdenke – nie ist uns in diesem Garten etwas gewachsen. Und uns ist auch kein Haustier geblieben, ob Hund oder Katze. Immer sind sie uns weggelaufen. Das muß am Boden liegen, sagte dein Großvater immer.«

Ihre Worte weckten ein seltsames Gefühl in mir, aber ich schüttelte es ab und sagte: »Wie lange lebt ihr hier schon allein, du und Großvater?«

»Dein Onkel William ist als letzter ausgezogen. Das muß jetzt zwanzig Jahre her sein oder länger. Danach brauchten dein Großvater und ich die anderen Räume nicht mehr. Aber die Möbel sind noch alle da, so wie sie waren, als ich vor zweiundsechzig Jahren hier eingezogen bin.«

»Im Ernst? Das alles hier ist noch von damals?«

»Jedes Stück. Auch das Bett, in dem du heute nacht geschlafen hast. Das kam alles so um 1880 ins Haus.«

»Du hast ein paar wertvolle alte Dinge hier, Großmutter.«

»Ja, ich weiß. Und da liegen mir Elsie und William dauernd in den Ohren, daß ich alles verkaufen und in eine Wohnung ziehen soll. Das kann ich doch nicht! Das Haus steckt für mich voller Erinnerungen. Niemals könnte ich einfach von hier fortgehen. Das Haus ist ein Teil von mir, Andrea.«

Ich sah wieder zum Fenster hinaus, betrachtete den leuchtend blauen Himmel und versuchte mir vorzustellen, wie es sein mußte, zweiundsechzig Jahre lang im selben Haus zu leben. Die längste Zeit, die ich mit meinen Eltern irgendwo gelebt hatte, waren zehn Jahre gewesen, in einem Haus in Santa Monica, und wir hatten gemeint, es wäre eine Ewigkeit.

»Dieses Haus hat viel erlebt, Andrea, und es hat auch an Unglück nicht gefehlt.«

Ich wandte mich wieder meiner Großmutter zu.

Sie wich meinem Blick aus. »Aber es hat natürlich auch viel Freude gesehen. In jeder Familie gibt es beides, nicht wahr?«

Der Rest des Morgens verging mit Aufräumen, Abwaschen und Großmutters Gesprächen über die Misere der britischen Wirtschaft. Um ein Uhr kamen Elsie und Ed, durchgefroren und mit roten Nasen.

»Es wird wieder kälter«, bemerkte Elsie und eilte zum Kamin. »Hoffentlich frierst du nicht, Andrea.«

»Nein, nein, ich hab mich warm angezogen. Wie lang ist die Besuchszeit?«

»Nachmittags nur eine Stunde. Aber das ist auch genug für deinen Großvater. Wir wollen ihn nicht ermüden. Und abends kann man anderthalb Stunden bleiben.«

»Geht ihr beidemale?«

»Nein, Kind. Abends geht William mit seiner Frau. Wir können nachmittags gehen, weil Ed schon in Rente ist. William und May gehen abends nach dem Essen. Manchmal geht auch Christine nach der Arbeit zu Großvater.«

Über Christine wußte ich ein wenig. Sie war sieben Jahre jünger als ich und arbeitete als Stenotypistin in einer Fabrik in der Nähe. Elsies Kinder, mein Vetter Albert und meine Cousine Ann, lebten nicht mehr in Warrington. Ann war nach Amsterdam gegangen, und Albert hatte geheiratet und lebte jetzt in Morecambe Bay an der Irischen See.

Geradeso wie meine Mutter ihren Verwandten über besondere Ereignisse in unserer Familie geschrieben hatte, meinen College-Abschluß zum Beispiel und Richards Entschluß, nach Australien zu gehen, hatte unsere englische Verwandtschaft uns über die Jahre von ihrem Leben berichtet. Aber ich kannte Christine, Albert und Ann natürlich nur von Fotos, und abgesehen von einigen Äußerlichkeiten – daß Ann in Amsterdam als Malerin arbeitete, Albert und seine junge Frau eine kleine Tochter hatten und Christine hier in Warrington in ihrer eigenen kleinen Wohnung lebte – wußte ich nichts über sie.

Und ich wollte auch gar nichts wissen. Ich war so lange ohne Verwandtschaft ausgekommen, da hatte ich jetzt keinerlei Bedürfnis, Beziehungen herzustellen. In wenigen Tagen würde ich sowieso nach Los Angeles zurückkehren, und diese Menschen hier würden wieder aus meinem Leben verschwinden.

»Deine Mutter und ich waren zwei schlimme Mädchen«, sagte Elsie, als ich mich zu ihr an den Kamin setzte. »Mir ist schleierhaft, wie der arme William es mit uns ausgehalten hat. Wir waren beide älter, weißt du, und wir haben ihn furchtbar tyrannisiert.« Sie lachte. »Ach, wie schade, daß Ruth nicht mitkommen konnte. Aber so eine Fußgeschichte ist langwierig und schmerzhaft, nicht wahr? Weißt du eigentlich, Andrea, daß ich dich als Baby eine Weile versorgt habe? Deine Mutter wurde kurz nach deiner Geburt krank und mußte noch einmal ins Krankenhaus, und da hab ich mich um dich gekümmert. Das war schön. Es war, als wärst du mein Kind. Ich hatte damals noch keine Kinder. Albert wurde erst ein Jahr später geboren.«

So erzählte sie eine Weile weiter, bis es Zeit war zu gehen. Dankbar für die Wollmütze und die Handschuhe, die Elsie mir mitgebracht hatte, mummelte ich mich richtig ein und wappnete mich gegen die Kälte, die uns draußen erwartete.

»Und wenn du zurückkommst, gibt es einen guten Fisch, Kind«, sagte Großmutter, die uns zur Tür begleitete. »Ich kann heute nicht mitkommen, Andrea. Es ist zu kalt für meine alten Knochen. Vielleicht am Sonntag, wenn ich mich wohl genug fühle.« Als ich Elsie und Ed hinterhergehen wollte, die schon auf dem Weg zum Wagen waren, hielt sie mich fest. »Er ist ein Fremder für dich, Andrea, aber daran solltest du dich nicht stören. Er ist ein Townsend genau wie du eine Townsend bist. Denk immer daran, daß er der Vater deiner Mutter ist. Er ist dein Großvater, und er braucht dich jetzt. Er braucht uns alle.«

Ich nickte stumm und lief zum Wagen hinaus.

 

Das Städtische Krankenhaus von Warrington wirkte bei Tag genau so mächtig und bedrohlich wie am Abend zuvor, als Elsie es mir gezeigt hatte. Hier, zwischen diesen dicken roten Backsteinmauern, hatte ich meinen ersten Schrei getan. Und nun, sieben- undzwanzig Jahre später, war ich zurückgekehrt, auf einer Art unfreiwilliger Pilgerfahrt zu meinen Wurzeln.

Das erste, was ich wahrnahm, als wir durch die Schwingtür des Krankenhauses traten, war der entsetzliche Geruch. Er war so ekelhaft und durchdringend, daß mir beinahe übel wurde. Ed und Elsie schienen ihn gar nicht zu bemerken. Sie waren ganz damit beschäftigt, Handschuhe, Mützen und Schals abzulegen und ihre Mäntel aufzuknöpfen. Ich machte es ihnen nach und bemühte mich, den Gestank zu ignorieren, während ich ihnen durch den langen Korridor zur Station folgte.

Hier erwartete mich der nächste Schock: Das Krankenzimmer war ein großer düsterer Raum mit nacktem Holzfußboden und kahlen weißen Wänden. Zwanzig Betten standen nebeneinander an jeder der beiden Längswände, am einen Ende des Raums war ein Waschbecken, am anderen ein altmodischer Fernsehapparat. Die Vorhänge an den Fenstern waren trist, in einer Ecke stand ein Stapel Klappstühle.

Dort nahm Ed drei Stühle, klappte sie auf und stellte sie zu beiden Seiten des Betts auf, das der Tür am nächsten stand.

»Komm, Kind«, sagte er zu mir. »Setz dich zu deinem Großvater.«