Head Game - Kendran Brooks - E-Book

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Kendran Brooks

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Beschreibung

Unsere Wahrnehmung entspricht oft nicht der Realität. In Südafrika betreibt ein chinesisches Paar eine irisches Pub und legt sich mit Kriminellen und Behörden gleichermassen an. In Schottland messen sich ein Engländer und ein Amerikaner im Tanz um den verschwundenen Kaisergranat. In Brasilien gerät eine Unternehmerin in die Fänge eines zwielichtigen Mediums, während sich Alabima Lederer in der Schweiz mit Gesindel und ihrem Ehemann Jules gleichermassen herumzuschlagen hat.

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Seitenzahl: 515

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Kendran Brooks

Head Game

15. Abenteuer der Familie Lederer

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorgeschichte

»Es gibt überall Blumen für den, der sie sehen will«

»Bevor man beobachtet, muss man sich Regeln für seine Beobachtungen machen.«

»Es gibt keine Fakten - es gibt nur unsere Wahrnehmung davon«

»Das Halbwahre ist verderblicher als das Falsche«

»Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr«

»Die Kunst der Wahrnehmung besteht darin, zu wissen, was man übersehen muss«

»Nichts ist im Verstand, bevor es nicht in der Wahrnehmung wäre«

»Der Scherz ist das Loch, aus dem die Wahrheit pfeift«

Nachgeschichte

Impressum neobooks

Vorgeschichte

Herman Walker wachte auf, früher als gewöhnlich. Draußen war es noch stockfinstere Nacht. Nicht das kleinste Fitzelchen Licht drang in sein Schlafzimmer. Herman lag auf seinem Rücken, fühlte sich todmüde, schlaff und wie zerschlagen. Selbst die Augenlider wollten ihm vor Müdigkeit gleich wieder zufallen. Ein Speichelfaden löste sich aus seinem Mundwinkel und schleimte langsam die Wange hinunter. Herman brachte noch nicht einmal den Willen auf, seine Hand unter der Decke hervor zu heben und ihn wegzuwischen oder auch nur seinen Kopf etwas zu drehen und die Wange auf dem Kopfkissen abzutupfen. Wozu auch? Alles war im Grunde genommen gut.

Aber was hatte ihn so früh geweckt?

Herman Walker horcht instinktiv in die Dunkelheit hinein, hörte zuerst neben dem kaum wahrnehmbaren Summen seines Radioweckers nichts als Schwärze. Erst nach einer Weile vernahm er das fremde Geräusch. Ein winzig leises und doch irgendwie durchdringendes Schaben. Sollte ihn etwa dieses feine Geräusch aus dem Schlaf gerissen haben? Es klang allerdings völlig unpassend für sein Schlafzimmer. Wie trockenes Herbstlaub, das von einem Luftzug ein paar Zentimeter über einen Steinboden bewegt wird.

Chhhhhhhhhr.

Das Geräusch wiederholte sich, in immer rascheren Abständen.

Chhhhhhhhhr.

Chhhhhhhhhr.

Herman spürte, wie sich die Haare auf seinen Unterarmen aufrichteten. Was immer dieses Geräusch verursachte, es schien sich seinem Bett zu nähern.

Winzig musste es sein. Zumindest klein wie ein Käfer. Herman fühlte das auch in der Dunkelheit. Doch was sollte er tun? Die Glühbirne in der Lampe auf seinem Nachttisch hatte schon vor einer Woche den Geist aufgegeben. Er war noch nicht dazu gekommen, eine neue einzuschrauben. Und der Schalter fürs Deckenlicht war vom Bett aus unmöglich zu erreichen. Er hätte aufstehen und hinübergehen müssen. An diesem schabenden Geräusch vorbei.

Chhhhhhhhhr.

Hermann schluckte und bemerkte erst jetzt, wie ausgedörrt seine Kehle auf einmal war. Die Zunge schien ihm angeschwollen, fühlte sich in seinem Mund wie ein Fremdkörper an. Sollte er aus dem Bett hüpfen und zum Lichtschalter an der Tür rennen? Oder doch besser noch etwas abwarten?

Chhhhhhhhhr.

Seine Haare im Nacken sträubten sich, als hätte ihn dort etwas schrecklich Unheimliches berührt. Was war das bloß da unten im Dunkeln für ein Ding? Ein Käfer? Eine Schabe?

Chhhhhhhhhr.

Das Etwas musste mittlerweile am Bettpfosten angelangt sein. An ein Aufstehen war nun nicht mehr zu denken. Ob es wohl klettern konnte? Oder gar auf die Matratze hochspringen? Der Magen von Herman zog sich bei diesen Gedanken zusammen und ein Tonnengewicht legte sich auf seine Brust. So bekam er kaum noch Luft, horchte atemlos und angespannt in die Schwärze hinein, stierte nutzlos mit seinen Augen, dessen Lider er trotz der Gefahr einfach nicht offenhalten konnte.

Chhhhhhhhhr.

Leises Schaben drang vom Bettpfosten zu ihm hoch. Fast glaubte Herman, es körperlich zu spüren. Das Ding konnte klettern!

Seine Zehen spürten wenig später, wie sich etwas unter die Bettdecke schob. Langsam, doch stetig kroch es an seinem linken Unterschenkel entlang dem Knie entgegen. Herman fühlte es durch den Stoff seiner Pyjama-Hose. Doch noch immer lag der junge Mann wie erstarrt, völlig unfähig, sich zu bewegen, sich herumzuwerfen, aufzuspringen, zu entfliehen.

Seine Lippen zuckten, als sich das Etwas auf seine regungslos daliegende linke Hand setzte und sich gleich danach unter den Ärmel des Oberteils schob.

Was sollte er bloß tun? Seine Glieder waren schwer wie aus Blei. Kein Gedanke, das Ding mit der rechten Hand zu packen und durch den Stoff des Pyjamas zu zerquetschen. Nicht einmal den Kopf konnte Herman rühren, so sehr er sich nun auch bemühte. Er lag wie eingegossen im Kopfkissen fest.

Weiter und weiter trippelte das Ding seinen Arm hoch bis zur Schulter. Dann bewegte es sich hinüber auf seine Brust. Deutlich spürte Herman winzige Klauen auf seiner Haut, wie sie Heuschrecken besaßen. Doch das Ding musste weitaus schwerer sein. Fast wie aus Stein fühlte es sich an. Oder war es aus Metall? Herman dachte an den Film mit der Mumie und diesen grässlichen Käfern. Skarabäus wurden sie dort genannt.

Sein Atmen war längst zu einem fiebrig-abgehackten Einziehen und Ausstoßen von Luft geworden. Sein Herzschlag raste und er hatte überall am Körper stark zu schwitzen begonnen.

Mehr aus Angst und grenzenlosem Schrecken als vor Schmerzen schrie Herman auf, als sich das Etwas in seine Brust bohrte. Doch kein Ton drang an seiner angeschwollenen Zunge vorbei. Jedenfalls hörte Herman nichts. Lautlos brüllte er gellend und mit weit aufgerissenem Rachen weiter, während sich eine Feuerqual ihren Weg durch seine Rippen und sein Fleisch bohrte.

Hermann fühlte nun eine nie gekannte Todesangst in sich hochsteigen, spürte, wie sich dieses Etwas immer tiefer in seinen Körper fraß, seinem Herzen entgegen.

Eine Rippe brach knackend und plötzlich schmeckt er Blut auf der Zunge. Seine Augäpfel quollen ihm hervor, als wollten sie ihm gleich aus dem Gesicht springen, vor all der höllischen Pein.

Endlich übermannten Herman Walker die unmenschlichen Schmerzen und eine gnädige Ohnmacht umfing den jungen Mann.

*

Dr. Steven Meyers, der Chefarzt und Leiter der Klinik für Neurologie am Massachusetts General Hospital in Boston, stand vor dem Bett des Koma-Patienten. Einige Mediziner und Studenten umgaben ihn. Es war Wochenvisite. Die Herz-Lungen-Maschine schnaubte und pfiff leise im Hintergrund, so wie immer. Der aktuelle Herzschlag und weitere Körperwerte wurden auf einem an der Seite stehenden Bildschirm laufend zusammengefasst dargestellt. Dr. Meyers warf einen Blick in die Patienten-Akte von Herman Walker, nickte danach zufrieden.

»Liegt seit Herbst 2018 hier. Ein Jagdunfall. Die Kugel durchschlug die Brust des Patienten knapp neben dem Herzen, verletzte den rechten Lungenflügel und trat zwischen dem siebten und achten Rückenwirbel aus. Sein allgemeiner Zustand ist stabil. Der Patient zeigt bloß, und dies vom ersten Tag an, regelmäßig wiederkehrendes Zuckens der Lippen und manchmal ein Flimmern der Augenlider, oft mit leicht beschleunigtem Puls. Keine Fortschritte in den letzten drei Monaten. Gut. Gut.«

Der Chefarzt klappte die Akte zu und reichte sie seiner Assistentin zurück, erhielt von ihr die nächste gereicht, für den Patienten im Bett nebenan. Dr. Meyers machte ein paar lange Schritte hinüber. Alle anderen folgten ihm als lose Traube. Keiner warf noch einen Blick auf den wie tot daliegenden jungen Mann.

*

Herman Walker wachte auf, früher als gewöhnlich. Draußen war es noch stockfinstere Nacht. Nicht das kleinste Fitzelchen Licht drang in sein Schlafzimmer. Herman lag auf seinem Rücken, fühlte sich todmüde, schlaff und wie zerschlagen. Selbst die Augenlider wollten ihm vor Müdigkeit gleich wieder zufallen. Ein Speichelfaden löste sich aus seinem Mundwinkel und schleimte langsam die Wange hinunter. Herman brachte noch nicht einmal den Willen auf, seine Hand unter der Decke hervor zu heben und ihn wegzuwischen oder auch nur seinen Kopf etwas zu drehen und die Wange auf dem Kopfkissen abzutupfen. Wozu auch? Alles war im Grunde genommen gut.

Aber was hatte ihn so früh geweckt?

Herman Walker horcht instinktiv in die Dunkelheit hinein, hörte zuerst neben dem kaum wahrnehmbaren Summen seines Radioweckers nichts als Schwärze. Erst nach einer Weile vernahm er das fremde Geräusch. Ein winzig leises und doch irgendwie durchdringendes Schaben. Sollte ihn etwa dieses feine Geräusch aus dem Schlaf gerissen haben? Es klang allerdings völlig unpassend für sein Schlafzimmer. Wie trockenes Herbstlaub, das von einem Luftzug ein paar Zentimeter über einen Steinboden bewegt wird.

Chhhhhhhhhr.

Das Geräusch wiederholte sich, in immer rascheren Abständen.

Chhhhhhhhhr.

Chhhhhhhhhr.

Herman spürte, wie sich die Haare auf seinen Unterarmen aufrichteten. Was immer dieses Geräusch verursachte, es schien sich seinem Bett zu nähern.

...

»Es gibt überall Blumen für den, der sie sehen will«

Henri Matisse

Es war einer dieser wunderschönen Herbsttage am Genfersee. Das Laub hatte sich mehrheitlich verfärbt. Doch noch hingen die meisten Blätter an den Zweigen. Der Wind verspürte noch keine Lust, dies gründlich zu ändern, war lau und mild. Selbst die Sonne freute sich an diesem Morgen übermäßig, schien freundlich und warm vom wolkenlosen Himmel, als sehnte sie sich den Sommer zurück.

Auch in der Villa in La-Tour-de-Peilz war wieder Ruhe eingekehrt, nach all den Aufregungen der letzten Wochen und Monaten. Der Rasen, vom Tau noch ganz feucht, glitzerte im morgendlichen Sonnenschein. Die Zweige der Bäume wiegten sich träge in der lauen Luft. Selbst die große Unruhe und Bewährungsprobe in der Beziehung zwischen Jules Lederer zu seiner Ehefrau Alabima schien an diesem Morgen besänftigt.

Der Selfmade-Millionär und frühere Problemlöser für reiche Klienten und internationale Konzerne hatte sich seit seinem Aufenthalt in Indien verändert. Nichts schien mehr übrig geblieben von seiner Rücksichtslosigkeit, selbst gegenüber weitaus Schwächeren, von seinem Starrsinn, auch gegenüber einer mehrere tausend Jahre alten Zivilisation mit ihrer weiterhin lebhaften Kultur. Ausgesprochen demütig schien der schweizerisch-amerikanische Doppelbürger seine Wiedergeburt nach der Beinahe-Ermordung in einem indischen Gefängnis angenommen zu haben. Ja, der Subkontinent mit seinen Menschen und Religionen hatten Jules Lederer gleich mehrfach geprägt und umgepolt. Spülten sie zuerst seine bösesten Charakterzüge an den Tag, brachten sie ihn während der vielen Wochen Genesungszeit in einem Krankenhaus wieder zu Vernunft.

Ja, der alte Jules war wieder zurück. Der Jules ihres Kennenlernens. Vor fast zwölf Jahren.

Zumindest hoffte das seine Lebenspartnerin Alabima.

Jules Lederer hatte sich über zwei Jahrzehnte einen Namen gemacht, als gefährlicher, unerbittlicher und sehr erfolgreicher Kämpfer im Interesse einer sehr betuchten Klientel. Der Schweizer war dabei selbst reich geworden, konnte sich viele Extravaganzen leisten, wie die große Villa am Genfersee mit dem weiten Umschwung. Als Extrem-Kampfsportler beherrschte er das Töten mit der bloßen Hand. Allerdings hatte Jules Lederer, zumindest während seiner Berufsjahre, nur ungern Gewalt angewandt. Ein diplomatisches Vorgehen wurde damals vom Schweizer stets jeder Brutalität vorgezogen, auch wenn man in manchen Fällen eher von blanker Erpressung sprechen musste.

»Ich fechte mit dem Florette, nicht mit dem Zweihänder«, war eine seiner Maximen gewesen, »und Schattenboxen ist die höchste Kunst der diplomatischen Gewalt.«

Doch diese Zeiten waren für ihn lange vorbei, fast eine Dekade schon. Denn man durfte keine Familie gründen und sich gleichzeitig immer wieder in Todesgefahr begeben.

So jedenfalls die Auffassung seiner Ehefrau Alabima.

Die Äthiopierin war auch noch mit fast vierzig eine außergewöhnlich schöne Frau. Groß gewachsen wie viele Menschen aus dem Stamm der Oromo und ausgesprochen schlank, besaß sie trotzdem alle Rundungen einer aufregenden Milf in ihren besten Jahren. Ihre Tochter Alina hatte letzten Herbst ihren zehnten Geburtstag gefeiert. Und ihr Adoptivsohn Chufu, der schon seit einigen Jahren in Brasilien lebte und arbeitete und auch dort geheiratet hatte, ging bereits gegen die dreißig.

Mehr als einmal hatte Jules Lederer seine Familie aufgrund seines früher so risikoreichen Lebens und der heiklen Aufträge wegen in Todesgefahr gebracht. Darum nahm ihm Alabima vor vielen Jahren das Versprechen ab, für keinen Klienten mehr in einen neuen Privatkrieg zu ziehen.

Jules hatte sich ihrem Wunsch gefügt, zwar höchst ungern, doch immerhin mit gutem Willen.

Womöglich war für den Schweizer aber bereits zu diesem Zeitpunkt der Zug längst abgefahren gewesen, der ihn noch in ein ruhiges, zufriedenes, bürgerliches Leben hätte zurückführen können. Denn sein letzter bezahlter Auftrag führte den Schweizer vor gut acht Jahren nach Mexiko und mitten hinein in die Hölle der Drogenkartelle mit all ihren Verbindungen bis tief hinein in die amerikanischen Geheimdienste. Nicht nur Jules und zwei seiner Freunde gerieten damals in höchste Bedrängnis. Auch seine Familie wurde bald einmal zur Zielscheibe, wurde bedroht und gejagt, von den Schergen der Drogenmafia genauso, wie von staatlichen Behörden, die ihre dunklen Geheimnisse zu schützen suchten.

In seiner großen Furcht um seine Liebsten beging Jules Lederer damals und drüben in Mexiko ein derart schreckliches und gleichzeitig völlig sinnloses Verbrechen, dass es ihn auch Jahre später noch in seinen Nächten verfolgte, ihn immer wieder schweißgebadet aufschrecken ließ. Damals hatten die Zeitungen weltweit über die bösartige Bluttat berichtet. Die Täterschaft konnte allerdings nie ermittelt werden.

Doch nach diesem ruchlosen Verbrechen hatte sich der Schweizer abrupt verändert. Vom früheren Sonnyboy, der gelassen jeder Gefahr trotzte, blieb nicht mehr viel übrig. Das strahlende Lächeln des ewigen Siegers war gänzlich aus seinem Gesicht verschwunden. Das sinnlose Morden hatte sich tief in die Psyche des Schweizers gegraben, auch wenn die von ihm Getöteten allesamt Schuldige gewesen waren. So wurde sein schreckliches Verbrechen zu seinem persönlichen Albtraum, nicht nur aufgrund der eigentlichen Tat, sondern vielmehr als Ausdruck seiner damaligen Ohnmacht und seines völligen Versagens.

Mit den amerikanischen Geheimdiensten konnte sich der Schweizer später einigen, musste von ihnen kaum noch etwas befürchten. Und auch die Drogenkartelle hatten von ihm und seiner Familie abgelassen. Doch die wochenlange Furcht vor dem Schicksal seiner Liebsten, die ständige Anspannung wegen des Versteckspiels vor den staatlichen Behörden und den Häschern der Drogenkartelle, hatten tiefe Spuren an seinem Nervenkostüm hinterlassen, an seinem Selbstverständnis und an seinem Selbstbewusstsein stark genagt.

Wenig später begann Jules Lederer überall und jederzeit nur noch weitere mögliche Bedrohungen oder Feinde auszumachen. Ohne fassbare Gründe sorgte er sich immer stärker um das Wohl seiner Familie, fühlte sich verfolgt und überwacht. Er begann sich immer mehr einzuigeln und abzuschotten, selbst gegenüber seinen langjährigen Freunden. Jules kaufte damals auch eine Unmenge an Waffen und Munition zusammen, verwandelte die Villa am Genfersee zunehmend in einen Bunker. Gleichzeitig wurde der Schweizer immer unsteter, mürrischer, nervöser und leider auch brutaler. Zu Drittpersonen genauso, wie zu sich selbst. Und er ging auf einmal unnötige Risiken ein, die er früher stets gemieden hatte.

Als einige Monate später die Ärzte einen gefährlichen Gehirntumor bei Jules Lederer feststellten, waren die Sorgen von Alabima und ihm zwar riesengroß. Gleichzeitig bot die bösartige Erkrankung aber auch Anlass zur Hoffnung, nämlich dass alle diese Persönlichkeitsstörungen und Charakterveränderungen letztendlich auf der Krebserkrankung beruhten.

Nach einer ersten, weitgehend nutzlosen Chemotherapie mit Bestrahlung gaben die Ärzte dem Schweizer nur noch wenige Wochen zu leben. Der Gehirntumor musste dem Schweizer zweifellos das Leben kosten. Zu weit war er fortgeschritten. Zu stark gestreut. Zu wenig reagierte er auf die möglichen Therapien. Und eine Operation war von Anfang an eine Unmöglichkeit.

Damals schloss Jules Lederer mit seinem Leben bewusst ab, gab den Kampf gegen seine Krankheit auf, fügte sich in sein Schicksal.

Weder seine Ehefrau Alabima noch seine kleine Tochter Alina duldete er noch an seinem Krankenbett, mochte ihr Mitleid nicht mehr ertragen, wollte ihre stille Trauer nicht mehr spüren müssen. Nur noch sterben, ja, das wollte der Schweizer, möglichst rasch und möglichst allein.

Doch seine Ehefrau Alabima kämpfte weiterhin um das Leben ihres Ehegatten, rettete Jules mit Hilfe eines experimentellen Medikaments, das sie illegal für ihn besorgt hatte. Der Krebs konnte tatsächlich besiegt werden. Doch der Schweizer musste anschließend wieder zurück in ein Leben finden, mit dem er längst gebrochen hatte.

Zu Anfang empfand Jules so kein Glück über seine Genesung. Denn weiterleben zu müssen, in einer Welt, aus der er sich bereits verabschiedet hatte, die ihm darum längst fremd und unwirklich geworden war, das fiel dem Schweizer ausgesprochen schwer. Selbstmordgedanken quälten ihn zunehmend und mehr als einmal stand er kurz davor, seinem Leben gewaltsam ein Ende zu setzen. Nur Dr. Grey, eine Psychologin aus Lausanne, fand damals Zugang zum Schweizer, führte Jules Schritt für Schritt zurück in die Wirklichkeit und ins Leben. Nach Monaten des Zweifelns und der Unschlüssigkeit fasste der Schweizer langsam wieder Vertrauen, in seine Gesundheit, die tatsächlich anhielt, in seine Psychologin, die ihn weiterhin forderte, aber auch in Alabima und Alina, dass sie doch noch viele Jahre gemeinsam erleben durften.

Irgendwann hatte der Schweizer auch verstanden, dass er für seine Tochter und für seine Ehefrau weiterzuleben hatte. Er fühlte die starke Verpflichtung als einen unbedingten Zwang, empfand sein Weiterleben darum vor allem als eine Bürde und Busse. Doch er fügte sich in sein Schicksal, fühlte sich irgendwann auch wirklich bereit dazu, wollte diese neuerliche Herausforderung in seinem Leben mit bestem Willen meistern.

»Tela nun vela« nannten die Dakota-Indianer diesen Zustand. Jules Lederer lernte dieses geflügelte Wort in seiner Jugend kennen. Damals verschlang er alle Western-Romane von G. F. Unger.

»Tod, wenn auch noch lebendig.«

Was tat man nicht alles aus Liebe?

Jules Lederer funktionierte von da an wieder besser, hielt sich auch an seine Versprechen gegenüber Alabima, konnte trotzdem nicht ganz aus seiner Haut schlüpfen, übernahm zwar keine gefährlichen Aufträge mehr für Klienten, suchte trotzdem vermehrt das Risiko und neue Aufregungen, stürzte sich immer wieder unnötig in Gefahren.

Bis er in Indien fast darin umgekommen wäre.

Ja, vielleicht hatte ihn dieses Land mit seiner Religion und seiner Kultur tatsächlich verändert.

Doch bis dahin hatte Alabima viel erdulden und erleiden müssen. Vielleicht zu viel?

Auch wenn die Äthiopierin seit mehr als zehn Jahren in der Schweiz lebte, fühlte sie sich im Alpenland keineswegs zu Hause. Denn Jules hatte stets dafür gesorgt, dass alle von Alabima geknüpften Bande zu Nachbarn oder auch zu anderen Eltern oder weiteren Bekannten rasch wieder getrennt wurden oder zumindest einschliefen. Denn der frühere Problemlöser war einfach nicht bereit dazu, ganz gewöhnliche Menschen als gleichwertig zu anerkennen und mit ihnen umzugehen.

»Über was soll ich mit diesen einfachen Leuten denn reden?«, war eines seiner Totschlag-Argumente, »ich habe mit Jelzin und Putin verhandelt, mischte mich in die Politik großer Länder ein, kämpfte mit CIA und NSA und einem halben Dutzend anderer Geheimdienste, schlug mich mit der Drogenmafia und mit Waffenschiebern herum. Wie könnte ich mich da mit irgendeinem Monsieur Bourgeois über die richtige Pflege von Rosenstöcken im Vorgarten unterhalten?«

So und ähnlich schmetterte er in der Vergangenheit immer wieder die Wünsche seiner Lebenspartnerin nach mehr nachbarschaftlichem Miteinander ab. Nein, der Schweizer wollte keine Bekanntschaften mit Leuten aus ihrem engeren Umfeld schließen, besaß selbst nur ganz wenige gute Freunde, suchte sich keine neuen.

Alabima wurde über die Jahre verbittert. Nicht so sehr wegen ihres so überheblichen Jules, den sie immer noch liebte, wenn vielleicht auch nur für das, was der Schweizer vor zehn Jahren noch gewesen war, für seine damalige Stärke und Zuversicht, auch für seine frühere unbedingte Verlässlichkeit und die große Herzensgüte.

Doch immer wenn die Oromo allein in einem Zimmer der Villa saß und über ihr Leben nachdachte, gingen ihr ähnliche Gedanken durch den Kopf.

»Ich habe meine Heimat Äthiopien verloren, jedoch keine neue Heimat in der Schweiz finden können. Ist dies das schreckliche Fazit meines traurigen Lebens?«

Heimat war dort, wo man anerkannt und geehrt wurde. Doch hier in der Schweiz, ja in Europa, kannte Alabima nur wenige Menschen näher. Wer also sollte ihr das Gefühl vermitteln, endlich angekommen zu sein?

Ihre engste Freundin hieß Holly Peterson und war die Ehefrau von Henry Huxley, dem besten Freund ihres Ehemanns. Aber Holly lebte mit Henry zusammen in London und die beiden Familien sahen einander nur selten.

Mit ihrem erwachsenen Adoptivsohn Chufu, der mit seiner Frau Mei in Rio de Janeiro lebte, sprach sie zwar weiterhin fast jede Woche über Skype. Doch das konnte keine Heimat schaffen, trotz aller Intimität. Nicht über tausende von Kilometern hinweg.

Daneben gab es noch die gelegentlichen Telefonate mit ihren Brüdern und Schwestern in Äthiopien. Man hielt den üblichen freundschaftlichen Kontakt, spürte einander mehr, als man sich sah, war sich deshalb über die Jahre hinweg immer fremder geworden.

Hier jedoch, in diesem Wohnviertel in La-Tour-de-Peilz am Genfersee, wo viele der Villen die meiste Zeit des Jahres über leer standen oder reine Spekulationsobjekte von mehr oder weniger zwielichtigen Investoren waren, gehörten Freunde oder auch nur gute Bekannte zur Mangelware. So beschränkte sich die Welt von Alabima weitgehend auf ihre Tochter Alina und ihren Ehemann Jules, falls der zu Hause war.

Seit sie regelmäßig ins Taekwondo-Training ging, hatte die Äthiopierin zwar einige gute Bekanntschaften geschlossen, jedoch keine echten Freundschaften daraus entwickeln können. Jules wollte auch mit diesen Leuten nichts zu tun haben. Sie waren und blieben in seinen Augen unwissende Tölpel, die wenig, bis nichts von der großen und weiten Welt verstanden, von den großen Geheimnissen und all den Kämpfen im Hintergrund nichts ahnten.

Die übliche Leier.

Selbstverständlich interessierten sich immer wieder Männer für die ausgesprochen aparte Frau von Ende Dreißig. Doch Alabima wollte ehrliche Freundschaften schließen und keine Seitensprünge vollziehen oder gar Liebschaften nebenherführen.

Trotz finanzieller Unabhängigkeit blieb das Leben der Ehefrau und Mutter im Grunde genommen sinnfrei, sah man von der Betreuung ihrer Tochter Alina ab. Früher schrieb die Oromo noch für äthiopische Zeitungen, lieferte ihnen Tatsachenberichte über das Flüchtlingsleben in Europa, wollte so dazu beitragen, dass weniger ihrer Landsleute sich auf den langen, beschwerlichen und gefährlichen Weg nach Europa aufmachten. Denn der Westen war kein Paradies für Migranten, bot Afrikanern weit weniger Chancen, als sich die Menschen vom Schwarzen Kontinent erträumten.

Aber auch diese Schreibarbeit hatte sie vor Jahren aufgegeben. Denn wer war sie schon, dass sie über die Hoffnungen und Chancen anderer Menschen zu urteilen hatte? Ihre Entscheidungen beeinflussen durfte? Nur weil sie selbst in der Schweiz hoffnungslos gestrandet und doch nie angekommen war?

Zu ihrer fehlenden Integration und ihrem schwindenden Lebenssinn kam noch ein großes, ständiges Unbehagen hinzu. Denn die Äthiopierin wurde seit Jahren von den Justiz-Behörden beobachtet und immer wieder verfolgt. Alles begann mit der illegalen Beschaffung des experimentellen Medikaments gegen den Gehirntumor ihres Gatten. Das hatte die Staatsgewalt das erste Mal gegen sie auf den Plan gerufen. Die Aufklärung eines Mordes an einem ewigen Studenten in Lausanne, der für kurze Zeit ihr Liebhaber gewesen war, hatte Alabima dann aber eine ganz besondere Gegnerschaft eingetragen. Denn ein Staatsanwalt mit Namen Valentin Snyder träumte von einer politischen Karriere, hatte seine Bekanntheit und Beliebtheit in der Bevölkerung mit Hilfe dieses Mordfalls steigern wollen. Für Monate ließ der Staatsanwalt die Äthiopierin in Untersuchungshaft setzen, versuchte gar, mit allerlei psychologischem Druck und bösartigen Finten, ein falsches Geständnis von der Unschuldigen zu erpressen. Doch Snyder scheiterte kurz vor der Ziellinie. Seitdem sann er auf Rache.

Einer seiner Mitstreiter war ein verklemmter Kriminal-Kommissar mit Namen Augustin Muffong. Der schien alles zu hassen, was den Namen Lederer trug, zumindest seitdem er mit Jules aneinandergeraten war. Und auch wenn alle diese Geschichten bereits ein paar Jahre zurücklagen, so schwebten sie trotzdem immer noch wie ein Damokles-Schwert über dem Haupt der Frau aus Äthiopien, als eine der dunklen Wolken, die ihr die eigene Zukunft noch kräftig verregnen konnten.

Nach der Rückkehr von Jules aus Indien vor einigen Monaten waren sie zusammen mit Tochter Alina für drei Wochen in ihre alte, verlorene Heimat Äthiopien zurückgekehrt, hatten dort die Verwandtschaft besucht und alte Freundschaften erneuert. Es war eine sehr schöne und glückliche Zeit für das Ehepaar gewesen. Beide versuchten während diesen Tagen gewissenhaft, ihre Lebenspartnerschaft zu erneuern. Seither wussten sie zumindest, wie sehr sie einander immer noch liebten und auch brauchten. Und so glaubte Alabima fest an einen echten Wandel ihres Jules zum Besseren.

Wollte es zumindest.

Durfte es wahrscheinlich auch.

Denn nichts war bei ihrem Gatten von seiner früheren Überheblichkeit noch zu erkennen oder zu spüren. Auf einmal ging er auf andere Menschen offen zu, so als wäre die ganze Welt zu seinem Freund geworden. Er sprach mit Nachbarn und Anwohnern, quatschte selbst beim Einkauf unverbindlich mit irgendwelchen Kunden, war stets charmant und jovial und gewann ganz nebenbei mit Sicherheit das Herz von so mancher Frau.

Denn der Schweizer sah immer noch blendend aus. Jules war zwar nie ein ausgesprochen schöner Mann gewesen. Zu scharf und asketisch seine Gesichtszüge, eher einem Wolf ähnlich als einem gemütlichen Bernhardiner. Aber der Schweizer hatte sich seinen sportlichen Körper über die Jahrzehnte weitgehend erhalten, zeigte immer noch weder Bauchansatz noch Buckel, schritt federnd und leicht, schien zumindest fünfzehn Jahre jünger zu sein als sein eigenes Ich.

Ja, Jules war seit Indien vom Eigenbrötler und Einzelgänger innerhalb kürzester Zeit zu einem freundlichen Nachbarn und geselligen Mitmenschen geworden, hatte seine bisherige Haltung wie eine alte Haut abgestreift und eine neue übergezogen.

Seine Wandlung war perfekt.

Zu perfekt?

Konnte ein Mensch seine inneren Schalter einfach so umlegen? Von hüst zu hott?

Ein Schauspieler tat das. Ein guter Schauspieler sogar ausgesprochen glaubwürdig. Doch danach schlüpfte er stets wieder aus seiner Rolle heraus, wurde wieder zu demjenigen, der er immer schon gewesen war.

Alabima fragte sich in diesen Tagen so manches Mal und voller Bangen, ob auch Jules ihnen allen bloß Theater vorspielte. Sie betrachtete und erforschte ihn, wenn er sich unbeobachtet fühlte, versuchte sich in ihn hinein zu versetzen, sich in seine Gedanken einzufühlen. Zurück blieb ihr meist eine vage Ahnung. Oder zumindest ein unbestimmtes Unbehagen. Ähnlich einem Schmutzfleck im Stoff einer Baumwollbluse. Nach mehrmaligem Waschen war er zwar gänzlich verschwunden. Und trotzdem sah man ihn noch, weil man sehr genau wusste, wo man ihn zu suchen hatte.

Was Alabima allerdings nicht bemerkte, während sie ihren Jules auszuforschen begann, war ihre zehnjährige Tochter Alina. Die beobachtete nämlich ihrerseits ihre Mutter und wunderte sich sehr über das Verhalten von Maman.

Selbstverständlich hatte die kleine Alina schon viel früher mitbekommen, dass gewisse Dinge bei ihrem Vater Jules nicht richtig funktionierten. In der Schule sprach damals auch eine Kinderpsychologin mit ihr, erklärte die Krankheit Depression. So fand die Kleine eine gesunde Einstellung zum kranken Papa, hatte sich selbstverständlich sehr um ihn gesorgt, aber ohne jemals ins Jammern über sein Schicksal zu geraten.

Ja, eine gewisse Härte war wohl allen Lederers nicht abzusprechen, egal, in welchem Alter.

Die so positiven Veränderungen der letzten Wochen und Monate hatte auch Alina an ihrem Vater wahrgenommen, verspürte große Zuversicht und ehrliche Hoffnung. Nie zuvor hatte sie mit ihrem Papa ähnlich offen und irgendwie sogar auf gleicher Ebene sprechen können, wie in letzter Zeit. Doch Alabima, ihre Maman, schien weiterhin skeptisch zu bleiben, auch wenn Papa sich doch ganz anderes gab und verhielt als früher.

Und so spionierte die Zehnjährige ihrer Mutter nach, sah sie beispielsweise, wenn Vater außer Haus war, in seinem Arbeitszimmer verschwinden, hörte hinter der verschlossenen Tür, wie der Laptop gestartet und wie die Tasten des Keyboards und der Maus hastig geklickt wurden. Oder aber sie sah Maman an der Tür horchen, wenn ihr Vater ein Telefongespräch führte. Einmal ließ sich das Mädchen probeweise bei der Mutter blicken, so als wäre sie zufällig in den Flur getreten. Alabima war heftig zusammengezuckt, zeigte die Scham einer auf frischer Tat Ertappten, hatte ihre Tochter rasch zurück ins Wohnzimmer geführt und ihr dort irgendeine Notlüge aufgetischt, die ihr Lauschen harmlos erklären sollen.

Alina wusste also, wie sehr sich ihre Maman immer noch um ihren Papa sorgte. Nein, für die Zehnjährige war das, was ihre Mutter tat, kein eigentlicher Vertrauensbruch. Zu viel hatte selbst Alina schon als Kleinkind von den großen Risiken und lebensbedrohlichen Gefahren im Leben der Lederers mitbekommen. Doch die andauernden Zweifel ihrer Mutter an ihrem Vater schienen der Tochter völlig übertrieben.

Denn warum sollte sich ein Mensch nicht ändern und wandeln können? Vor allem eine derart starke Persönlichkeit wie ihr Papa? Musste sie sich stattdessen nicht eher Sorgen um ihre Maman machen? Dass sie mit ihrem anhaltenden Misstrauen gegenüber ihrem Gatten ihre Beziehung, ihre Ehe und Partnerschaft aufs Spiel setzte? Wie so viele Töchter in ihrem Alter nahm auch Alina eher die Seite ihres Vaters ein und nicht diejenige der Mutter. So war die Natur nun einmal programmiert. So spulte sie sich in der Regel auch ab.

*

»Mãmã!«

Sihena Ling schreckte in ihrem Bett hoch, keuchte stockend, spürte ihr Herz heftig pochen, erkannte erst nach und nach, dass sie in ihrem Schlafzimmer in ihrer Villa in Rio de Janeiro mehr saß als lag und dass alles so war wie immer und wie es auch sein musste. Durch die offene Tür zum Balkon strich ein leichter und doch erfrischender Luftzug hinein, hielt die dünnen Gardinen in sanfter Bewegung. Das Schlafzimmer lag im Mondlicht. Sihena Ling blickte sich um, suchte nach einem Grund für ihr Erwachen, stellte keinen fest. So lauschte die Sechzigjährige nach draußen und in den Garten, wie auch auf den Flur vor der Schlafzimmertür. Doch sie vernahm nichts außer dem leisen Rascheln der Blätter an den Bäumen vor dem Haus.

Was hatte sie beim Hochschrecken gerufen?

»Mãmã!«

Da war sich die chinesisch stämmige Brasilianerin ziemlich sicher.

Doch was hatte ihre längst verstorbene Mutter Lien in einem ihrer Träume zu suchen? Und erst recht in einer Situation, die wohl derart bedrohlich war, dass sie derart erschrocken aufwachte? Nein, Sihena Ling konnte sich beim besten Willen nicht an ihren Traum erinnern. Doch furchteinflößend musste er gewesen sein. Denn ihr Puls war immer noch erhöht und auch das Atmen noch beschleunigt.

Die etwas über Sechzigjährige legte sich wieder hin, schloss probeweise ihre Augen. Doch an Schlaf war für sie nicht mehr zu denken. Denn irgendetwas war da weiterhin vorhanden. In ihren Erinnerungen oder in ihren Gefühlen, etwas das sie nun bereits seit mehreren Wochen immer wieder mal aus dem Schlaf schrecken ließ, so dass sie mit heftig pochendem Herzen erwachte.

Sihena Ling dachte mit geschlossenen Augen nach.

Ihre Mutter war in Peking aufgewachsen, hatte dort studiert, Mandarin und chinesische Geschichte. Später heiratete sie ihren um viele Jahre älteren Professor und Mentor Wengdo Wong. Die beiden lebten einige Jahre lang in Peking, bekamen dort auch ihr einziges Kind. Sie nannten ihre Tochter Sihena, nach einer vor Jahren verstorbenen Tante ihres Vaters. Doch während der Kulturrevolution mussten ihre Eltern mit der Tochter zusammen fliehen. Auf einer abenteuerlichen Reise gelangten sie über Hongkong nach Taiwan und von dort über Australien nach Brasilien. Damals war Sihena gerade vierzehn Jahre alt geworden, ein typischer chinesischer Teenager, der sämtliche Ideologien des Staatsapparats schon vom Kindergarten an eingeflößt bekommen hatte und nichts anderes auf der Welt kannte und auch nichts anderes als richtig erkannte.

Ihre Eltern waren zwar nie Maoisten gewesen, hatten die Ideologie des Führers insgeheim sogar verachtet und gehasst, ihre Tochter jedoch als Kind und Jugendliche nie korrigiert. Denn zu sehr waren die Schergen der Staatsgewalt ständig darauf bedacht gewesen, selbst schon die Allerjüngsten auszuhorchen und auf diese Weise die Abweichler und möglichen Aufwieglern gegen die Staats-Doktrin zu entlarven. Erst als sie alle gemeinsam in Brasilien angekommen waren und ihr Vater eine Anstellung als Chinesisch-Lehrer ergattert hatte, sprachen ihre Eltern mit ihr offen über all das Unrecht und die Gewalt, die in ihrer alten Heimat herrschten, auch vom Druck der kommunistischen Partei auf jedes einzelne Individuum, ebenso von der Selbstverleugnung der meisten Menschen und vom großen Elend all jener, die sich offen gegen diesen Unrechtsstaat auflehnten.

Sihena hatte das alles aber erst nach vielen Jahren verstanden, hatte sich zuerst sogar gegen ihre eigenen Eltern gewehrt, wollte nichts wahrhaben, nichts gelten lassen, war während ihrer Schulzeit in China ganz einfach zu sehr geimpft worden, von der allumfassenden Ideologie eines Machthabers, der jede mögliche Opposition schon in den Anfängen zertrat und ausmerzte und dazu auch die jüngsten Kinder schamlos ausnutzte.

Doch Sihena erkannte schließlich doch das Unrecht und sie wandelte sich. Dazu beigetragen hatte sicher auch ihr ständiger Umgang mit brasilianischen Teenagern in der Schulklasse. Sihena musste damals zwar gleich drei Stufen wiederholen, bis sie endlich das Portugiesisch gut genug beherrschte, um mithalten zu können und sich in der neuen Gemeinschaft zu behaupten. Doch gleichzeitig begann sie, den brasilianischen Lebensstil zu lieben und den chinesischen unter Mao zu verachten.

Schon mit zwanzig oder einundzwanzig Jahren lernte sie Zenweih Ling kennen. Er war der Sohn eines chinesischen Auswanderers und in Brasilien geboren und aufgewachsen. Seine Eltern betrieben drei kleine China-Restaurants, eher Imbiss-Stuben, die einfachste Gerichte zu günstigsten Preisen servierten. Für ihre hochgebildeten Eltern war Zenweih Ling und dessen Eltern darum kein akzeptabler Umgang.

»Was willst du mit diesem Mann aus der Gosse?«, warf ihr die stolze Mutter vor, »Familie Ling lebt doch intellektuell immer noch in der Steinzeit?«

Und ihr Vater Wengdo, der hier in Brasilien als kleiner Lehrer für eine unbedeutende Schule arbeitete, hieb in dieselbe Kerbe, drückte sich noch drastischer aus, sprach vom Bodensatz der Zivilisation, von einer Beleidigung des Intellekts.

Erst sehr viel später konnte Sihena ihre Eltern verstehen. Denn all ihr riesiges Wissen über die Sprache und die Kultur des großen China war hier in Brasilien einfach nicht gefragt. Statt an einer Universität den interessierten Studenten sein Heimatland näher bringen zu können, büffelte ihr Vater mit irgendwelchen Kindern im Freifach Chinesisch die Schriftzeichen, ihre Bedeutung und ihre Aussprache. Und so wurde Wengdo Wong schon bald zu einem verbrämten und vom Leben enttäuschten Mann, als den sie ihn auch nach seinem Tod in Erinnerung behielt.

»Die Lings mögen rechtschaffene und hart arbeitende Menschen sein. Doch über was willst du dich mit diesem Zenweih eigentlich unterhalten? Er kennt China bloß vom Hörensagen und ist hier in Brasilien als Asiat genauso ein Aussätziger, wie wir Wongs auch. Schlitzaugen nennen sie uns. Oder Kulis«, so ihr Vater, nachdem sie sich weiterhin mit Zenweih traf.

Doch wer verliebt war, der fragte nicht nach Gesprächsthemen, der wollte einfach nur leben, spüren, fühlen und nicht zuletzt träumen. Und so festigte sich ihre Beziehung trotz des Widerstandes ihrer Eltern, oder gerade deswegen, wurde groß und wunderbar.

Sie heiratete Zenweih Ling nach nur einem Dreivierteljahr und ohne Zustimmung ihrer Eltern. Der Kontakt zu ihnen gestaltete sich für sie hinterher äußerst schwierig, wurde bei jedem ihrer Besuche von heftigen Vorwürfen und gehässigen Streitereien überschattet. Sihena ertrug vieles, gehorsam und stoisch, wie es die Pflicht einer jeden guten chinesischen Tochter war. Umso mehr freute sie sich jedes Mal, wenn sie hinterher wieder zurück in der winzigen Wohnung war, die sie zusammen mit Zenweih Ling über einem der Imbiss-Restaurants seiner Eltern bewohnte. Vom Hausflur aus führte die Eingangstür direkt in das einzige Zimmer, in dem zwei Sessel, ihr schmales Bett und eine kleine Einbauküche für nur wenig Atmosphäre sorgten. Doch die Wohnung besaß ein eigenes Bad, in diesem ansonsten ziemlich schäbigen Haus ein großer Luxus. Zenweihs Eltern hatten es vor Jahren günstig gekauft und vermieteten die nicht renovierten Apartments möglichst teuer an andere Migranten aus der halben Welt.

Sihena gab ihr begonnenes Studium als angehende Ärztin schon bald nach der Hochzeit auf und trat ins Familienunternehmen der Lings ein, arbeitete zuerst nur in der Buchhaltung, später auch im Einkauf, schlug sich mit unflätigen Gemüsehändlern und frechen Fleischlieferanten herum. Und trotzdem war das die schönste Zeit in ihrem ganzen Leben gewesen, konnte sie sich doch mit Zenweih Ling nach jedem harten Arbeitstag in ihre kleine Oase zurückziehen. Damals liebten sie sich noch fast täglich, vor allem auch, weil Zenweih Ling meistens viel zu rasch zum Erguss kam. Der für einen Chinesen hoch aufgeschossene junge Mann roch meistens nach Bratenfett und geschmorter Entenhaut, wenn er sie in seine Arme nahm. Doch was waren das für wunderbare Düfte der Liebe?

Als der Vater von Zenweih starb, übernahm er als einziges Kind das Geschäft. Zusammen mit Sihena steckte er sich bald hohe Ziele und gemeinsam machten sie große Pläne, eröffneten nach und nach weitere und immer gediegenere Restaurants in der Stadt, wurden sehr rasch zu sehr erfolgreichen Wirtsleuten und Unternehmern, schufen sich einen wachsenden Wohlstand, der sich irgendwann in echten Reichtum verwandelt hatte.

Sihena bekam auch Kinder von Zenweih Ling, drei Töchter und zwei Söhne. Die fünf Enkelkinder ließen die verhärtete Kruste ihrer eigenen Eltern endlich aufplatzen. Sicher sorgte auch der steigende Wohlstand aus dem Restaurant-Business für zusätzliche Entspannung. Reichlich Kinder und reichlich Geld. Mehr Fantasie für ein glückliches Leben besaßen ihre Eltern nicht mehr, trotz all ihrer Kultur und ihres hohen Geistes. Denn wer über Jahre hinweg bis zum Hals in wachsenden Sorgen um die eigene Zukunft steckte, der fand in seinem Kopf kaum noch Platz für andere Dinge, höchstens noch für Neid und Vorurteile.

Doch Sihena war zufrieden, hatte sich doch das früher ewig wiederkehrende Gezanke um die unerwünschte Heirat in ein wohlgefälliges Beobachten der rasch wachsenden Familie Zenweih und Sihena Ling gewandelt.

Trotz der besseren Stimmung fühlte sich Sihena, nachdem ihre Eltern kurz hintereinander verstorben waren, irgendwie befreit, so als wäre ihr der allerletzte Albdruck von der Brust genommen, ihre letzte Verbindung zum chinesischen Reich und seiner immer noch alles beherrschenden Diktatur gekappt. Und sie sah ihre fünf Kinder damals als einen riesigen Schatz an, als eine Art von Gegenpol zur unmenschlich Einkind-Doktrin ihrer alten Heimat, aber auch als Ausdruck ihrer grenzenlosen Befreiung in Brasilien.

Zenweih und Sihena Ling hatten sich im Laufe der Jahre ein Restaurant-Imperium aufgebaut, das aus mehreren Dutzend Lokalen bestand, hier in Rio de Janeiro, aber auch in anderen Großstädten. Doch das Ehepaar entfremdete sich schleichend voneinander, Schritt-für-Schritt und mit dem Erwachsenwerden ihrer Kinder. Und genauso, wie sich ihre Söhne und Töchter nach und nach von ihren Eltern lösten, verwelkte auch die Liebe zwischen Sihena und Zenweih.

Ob zuerst sie oder ihr Gatte fremd gegangen war, wusste die chinesisch-stämmige Brasilianerin nicht mehr zu sagen. Das war im Grunde genommen auch egal. Der Mensch veränderte sich nun einmal über die Jahrzehnte, musste sich irgendwann um seine eigenen Bedürfnisse kümmern, zu sich selbst Sorge tragen und dazu einen gesunden Egoismus entwickeln. Denn was war ein Leben, das nur aus Arbeit, Kindern und Reichtum bestand?

Je mehr die Liebe zwischen ihnen verging, desto stärker erinnerte sich Sihena an ihre intellektuelle Herkunft. Sie begann Platon und Aristoteles zu lesen, verschlang Dante, Shakespeare und Balzac. So empfand Sihena ihren Gatten Zenweih immer stärker als einen geistlosen Klotz an ihrem Bein. Die Trennung und wenige Jahre später die Scheidung waren die logischen Folgen.

Heute war sie für den Rest ihres Lebens finanziell abgesichert, besaß ein sehr gut gefülltes Bankkonto und diese noble Villa in einem sicheren Quartier der Millionenmetropole Rio de Janeiro. Sie lebte ihr selbstbestimmtes Leben, nahm sich Liebhaber, wann immer ihr danach war. Doch die Jahre vergingen allzu schnell, flogen nur so dahin. Zumindest empfand die Sechzigjährige heute so. Wo war bloß all die Zeit verloren gegangen? Wie und wo zwischen ihren Fingern zerronnen? Oft genug auch verschwendet?

Sihena Ling hatte sich zeitlebens schlank und möglichst rank gehalten, betrieb täglich Schattenboxen im Garten, verrenkte sich die Glieder beim Yoga, versuchte Körper und Geist zu vereinen. Nein, alte fühlte sich die über Sechzigjährige nicht.

Ihre fünf Kinder, allesamt mittels Kaiserschnitt auf die Welt geholt, besuchten sie mit ihren Lebenspartnern leider nur noch selten. Die Enkelkinder kannten die Großmutter kaum, zeigten gegenüber ihrer meist streng und einschüchternd blickenden Oma keine große Zuneigung, waren mit ihr nie richtig warm geworden. Und so vermisste Sihena zunehmend die gute, alte chinesische Erziehung mit all ihren festen Regeln und der überaus klar bestimmten Ehrerbietung gegenüber jeder älteren Generation. Die chinesisch-stämmige Brasilianerin fühlte sich zusehends von allen gemieden und verstoßen und das verbitterte sie sehr.

War das vielleicht der Grund, warum sie seit einigen Wochen immer wieder aus dem Schlaf hochschrak? Es war nicht das erste Mal, dass sie mit dem Aufwachen an ihre Mutter denken musste. Wollte ihr Lien Wong womöglich etwas mitteilen? Ihr noch Wichtiges mitgeben, einen Rat erteilen, der für den Rest ihres Lebens bedeutend war?

Sihena wusste es nicht.

Wenn sie sich doch wenigstens an den Inhalt ihrer Träume hätte erinnern können, in denen ihre Mutter zu ihr sprach oder zumindest auftauchte? An den Grund ihres Erschreckens und Aufwachens? Womöglich schwebte eine schlimme Gefahr über ihr und die gute, alte Mutter wollte ihre Tochter davor warnen und bewahren?

Sihena Ling war selbstverständlich längst zu ihrem Hausarzt geeilt, schon nach dem dritten schreckhaften Erwachen. Sie hatte ihm auch von ihrer Mutter erzählt und dass sie ihren Namen im Schlaf oder Halbschlaf wohl laut gerufen hatte. Der gute Mann konnte ihr allerdings nur wenig dazu sagen oder raten, sprach von möglicherweise unverarbeiteten Erinnerungen aus ihrer Kindheit und dass sie sich doch besser an einen Neurologen oder Psychiater wenden sollte.

Ihre mittlere Tochter mit Namen Mei war Psychologin, genauso wie ihr Ehemann, dieser Chufu Lederer, ein Philippine, der zusammen mit ihrer Mei an der Universität in Rio de Janeiro studiert und später promoviert hatte. Doch der eigenen Tochter wollte sich die Mutter unter keinen Umständen anvertrauen. Sihena war stets eine stolze und unnahbare Frau und Mutter gewesen, wollte sich keinesfalls eine Blöße geben, keine Schwäche zeigen, musste weiterhin die gradlinige, selbstbestimmte und selbstbewusste Frau sein, die sie ein Leben lang gewesen war. Und der ungeliebte Schwiegersohn kam dafür erst recht nicht in Frage. Der war Philippine. Ein Philippine!

Und so hatte sich die Chinesin zu einem anderen Spezialisten bemüht, den ihr der Hausarzt empfohlen hatte. Der Mann um die vierzig hieß Horche Condias und war in ihren Augen ein affektierter und sich ungeheuer wichtig nehmender Lackaffe, der bloß vorgab, alle Weisheiten dieser Welt mit großen Löffeln gegessen zu haben. Ihrer Ansicht nach philosophierte der Kerl bloß mehrheitlich herum, gefiel sich gleichzeitig in der Rolle eines Seelenklempners, ohne dass er echte, ärztliche Kunst anzubieten hatte. Der Mann wollte doch bloß möglichst viele und teure und unnütze Sitzungen an sie verkaufen.

Für morgen Nachmittag, nein, bereits in gut zwölf Stunden, war der nächste Termin mit Dr. Condias vereinbart. Sie würde ihm vom erneuten Aufwachen und ihrer gefühlten Panik berichten und der Psychologe würde bestimmt wieder bedeutungsschwanger mit seinem Kopf nicken und irgendeinen Blödsinn verzapfen, ihr dabei gut zureden und mit seinen ekelhaften Fragen noch weiter in ihrer Kindheit herumstochern, so als wenn sie dies nicht längst schon selbst und ausführlich und ohne jeden Erfolg getan hätte.

»Allesamt bloß Schaumschläger und ausgesprochene Wichtigtuer.«

So beurteilte die selbstbewusste chinesisch-stämmige Brasilianerin die gesamte Psychiater- und Psychologen-Brut. Und würde trotzdem wieder zu Dr. Condias hingehen, so wie die Woche zuvor.

Wenn sie doch nur wüsste, warum ihre Mutter sie in ihren Träumen immer wieder heimsuchte? Dafür musste doch ein sehr wichtiger Grund vorliegen? Oder zumindest eine ernste Sache?

Sihena erinnerte sich an ihr letztes Gespräch mit ihrer Mãmã, wenige Tage bevor sie überraschend nach einem Herzinfarkt verstarb. Die alte Frau hatte sich bei ihr erneut darüber beklagt, dass sie vom konfuzianischen Glauben abließ, dass sie mit der Heirat mit Zenweih Ling zum Christentum übergetreten und Katholikin geworden war.

»Also ehrlich, Mãmã, wie oft haben wir das schon durchgekaut? Als Geschäftsfrau hier in Brasilien hilft es mir nun mal ungemein, wenn ich Christin bin. Und der olle Konfuzius hat dir und Vater ja auch nichts genutzt oder euch vor Mao geschützt. Auch ist es besser für meine Kinder, als kleine Christen aufzuwachsen. So werden sie in der Schule weniger gehänselt, in diesem durch und durch katholischen Land. Oder sollen sie etwa die ewig Seltsamen sein und bleiben? Sie hätten als religiöse Außenseiter später nur schlechtere Berufs- und Aufstiegs-Chancen. Das musst du endlich begreifen und akzeptieren.«

Nein, die alte Frau verstand nicht, wollte nicht einlenken, aus Altersstarrsinn oder weil sie tatsächlich etwas Nützliches bei Konfuzius gefunden hatte. Doch dieser Mann war zu Lebzeiten ein ziemlicher Versager gewesen, trat als kleiner Scheunenaufseher in den Staatsdienst, arbeitete sich zwar bis zum Justizminister einer Provinz hoch, musste jedoch schon wenig später seinen Posten räumen, zog von da an mit einer kleinen Schar von Anhängern durch die Gegend, starb völlig verarmt und bereits ziemlich vergessen. Seine Lehre wurde erst hundert Jahre nach seinem Tod schriftlich aufgezeichnet. Mochte der Henker wissen, wie viel davon tatsächlich auf Konfuzius Mist gewachsen war.

Sihena konnte kaum verstehen, warum sich bis heute weiterhin Menschen für diesen geschichtlichen Habenichts interessierten. Selbstverständlich waren seine Anleitungen zu gutem Regieren und Verwalten klug und richtig. Doch was hatte das mit echtem Glauben zu tun? Mit der Ausrichtung des eigenen Lebens? Konfuzius gehörte ihrer Meinung nach noch nicht einmal zu den mittelmäßig talentierten Philosophen, hatte auch mit seiner Art der Lebensführung keinen nachhaltigen Erfolg gefeiert. Längst schon griesgrämig wegen seiner anhaltenden Bedeutungslosigkeit geworden, hatte sich der Mann wahrscheinlich nur aus einem einzigen Grund seine vielen Verhaltensregeln und Selbstkasteiungen ausgedacht, nämlich um andere Menschen zu maßregeln und sich an ihnen auf diese bösartige Weise zu rächen. Ja, Konfuzius besaß eigentlich recht viel Ähnlichkeit mit ihrem vom Leben so sehr enttäuschten Vater Wengdo.

Oder umgekehrt.

Hatte das Auftauchen ihrer Mutter in ihren Träumen etwas mit ihrem Glauben zu tun? Sorgte sich die längst Verstorbene um ihr Seelenheil? Sie war zwar Christin, ja Katholikin, geworden, doch ohne jeden Glauben an einen Gott, Jesus oder den Heiligen Geist, die Apostel und all den übrigen Zauber. Als ihre Kinder noch klein waren, besuchten sie zwar gemeinsam und geschlossen als Familie an jedem Sonntag pflichtbewusst die Messe, sangen die Lieder und sprachen die Gebete der Gläubigen mit, schluckten auch brav die trockene Scheibe Keks, die ihnen der Priester jeweils auf die Zunge legte, genossen beinahe die eineinhalb Stunden Eintönigkeit und Scheinheiligkeit in der angenehmen Kühle der Kathedrale.

Alles zum Wohle des Unternehmens.

Alles zur Steigerung des Wohlstand.

Denn hinterher, vor der Kirche und nach dem Verabschieden durch die Priesterschaft, da trafen sich die Honoratioren und Geschäftsleute zum Plaudern und Austauschen. Zenweih Ling und auch sie selbst schnappten dort mehr als eine wichtige Neuigkeit auf oder fanden gute Gelegenheiten, neue und nützliche Kontakte zu knüpfen.

Womöglich waren ihre Albträume bloß die Vergeltung für ihre fehlende Religiosität? Eine Art von Prüfung? Wie ein Warnschuss, endlich umzukehren und den Rest ihres Lebens einem Gott zu widmen? Fromm zu werden?

Sihena lachte auf, kurz und böse.

Nein, sie war sich ziemlich sicher. Ihre Albträume mussten weit tiefere, aber auch direktere Gründe haben. Denn warum schlief sie erst seit wenigen Monaten derart schlecht, wachte jede zweite oder dritte Nacht völlig aufgelöst auf, rief manchmal nach ihrer Mutter oder sah zumindest ihr Gesicht vor Augen, sobald sie einigermaßen bei Bewusstsein war?

An Schlaf war in dieser Nacht nicht mehr zu denken und so stand die chinesisch-stämmige Brasilianerin seufzend auf, ging hinüber ins Bad und stellte sich unter die Dusche. Ihr welker Körper mit den tief gegen den flachen Bauch herabhängenden, schlaffen Brüsten war immer noch schlank, wirkte beinahe knabenhaft. Ihr Bauch zierten allerdings lange Narben, Zeugnisse der Kaiserschnitte, mit deren sie alle ihre Kinder zur Welt gebracht hatte, um sich nicht ihr schmales Becken bei der Geburt zu ruinieren. Auch in dieser Beziehung war sie ganz Brasilianerin geworden.

Sie seifte sich mehrmals ein, wusch sich auch das kurz geschnittene Haar. Früher trug sie es länger, bis hinunter zur Schulter. Doch seit etwa zwei Jahren konnte sie ihre Arme kaum mehr richtig hinter ihren Kopf heben, um die Frisur zu richten. Die Gelenke schmerzten einfach zu sehr, schienen zunehmend steif zu werden. Sie nahm entzündungshemmende Medikamente dagegen. Denn eine Operation kam für sie nicht in Frage. Zu viele ihrer Bekannten hatten sich mit ähnlichen Beschwerden unters Messer gelegt und sich ihre Schultergelenke von irgendeinem pfuschenden Chirurgen versauen lassen. Einigen hatte der Eingriff zwar ein wenig Besserung oder zumindest Linderung gebracht. Die meisten jedoch klagten über andauernde und sogar weit schlimmere Schmerzen als zuvor, über plötzlich fehlende Kräfte in ihren Armen oder dass ihnen fortwährend die Hände einschliefen.

Doch das Kämmen der Haare war ihr über die Monate immer schwerer gefallen und eine Kurzhaarfrisur darum der logische Ausweg.

Als sie aus der Dusche trat und sich mit dem Badetuch trocken rubbelte, betrachtete sich Sihena kritisch im großen Spiegel über dem Doppelwaschbecken. Nein, sie war keine Augenweide mehr. Ihre Nippel zeigten auf den Boden, ihre zwar weiterhin schlanken Oberschenkel wiesen trotz all dem Schattenboxen und Yoga viel Orangenhaut auf. Vor allem störte sie sich aber an ihren Händen, die sie vor dem Spiegel hin und her bewegte und sie ausgiebig von allen Seiten betrachtete. Früher war sie immer sehr stolz auf die beiden gewesen, denn Sihena besaß recht lange Finger, für eine Chinesin, setzte sie auch gekonnt in Szene, wischte sich beispielsweise gedankenverloren eine Strähne aus der Stirn oder spielte an einer langen Perlenkette. Doch nun zogen sich dicke, blaue Adern über ihre Handrücken und die Fingergelenke schienen allesamt entzündet und verdickt.

»Nicht einmal sie sind mir noch geblieben«, jammerte die über Sechzigjährige sich selbst im Spiegelbild vor, dachte gleichzeitig an ihre Kinder und deren Partner, auch an ihre Enkel und zuletzt sogar an ihren Ex-Ehemann Zenweih, der sie nicht nur verließ, der sich auch von ihr hatte scheiden lassen und sie wenig später ausbezahlte, ihr die Hälfte der Restaurant-Kette abkaufte, nur um sie endlich und endgültig und für alle Zeiten los zu sein.

Auch Sihena hatte bereits von der Affäre ihres Ex-Gatten mit diesem viel jüngeren Flittchen, einem ehemaligen Fotomodell und Beinahe-Miss-Brasilia, erfahren. Ein alter Mann gönnte sich eine junge Hure. Was für die Männer in diesem katholischen Land etwas völlig Normales schien, war für eine Frau immer noch eine Beinahe-Unmöglichkeit. Sihena hatte es trotzdem zumindest einmal versucht und sich einen wesentlich jüngeren Liebhaber genommen, wollte ihn offiziell in die gute Gesellschaft einführen. Doch das kam schlecht an bei ihren Bekannten. Man begann sie unverzüglich zu meiden, lud sie nirgendwo mehr ein, isolierte sie völlig. Also stieß sie diesen Carlos Ferrera von ihrer Bettkante, wollte so das Bisschen an Würde und Ansehen retten, das ihr noch geblieben war.

Zumindest ein paar ihrer Bekannten lenkten daraufhin rasch ein, nahmen sie wieder in ihren Kreis auf. Andere jedoch zeigten ihr bis heute die kalte Schulter, diese verfluchten Heuchler.

»Was, verdammt noch mal, ist denn bei Männern so viel anders als bei uns Frauen? Wieso dürfen Kerle sich vergnügen, wie sie nur wollen, erhalten dazu auch noch Beifall von allen Seiten, und wenn sich eine Frau dasselbe Recht herausnimmt, wird sie geschnitten und muss zu Kreuze kriechen. Was ist das bloß für eine scheinheilige Welt, die sich diese verdammten Katholiken hier geschaffen haben? In die sie sich regelrecht selbst einsperren?«

Sie fühlte sich zornig, war aufgebracht, zitterte vor Wut am ganzen Körper.

Oder doch eher vor Ohnmacht?

Langsam beruhigte sie sich wieder, schaute sich erneut musternd und prüfend im Spiegel an, drehte sich nach links, dann nach rechts. Ihre Haut war tief gebräunt, fühlte sich auch samtig weich an. Gute Pflegeprodukte und lange Sonnenbäder waren nun einmal das A und O eines attraktiven Aussehens. Und es gab durchaus noch viele geile alte Böcke, die noch so gerne mit ihr ins Bett gestiegen wären. Da war sich Sihena sicher, auch wenn auf den Partys ihrer Bekannten nur noch mit ihr geflirtet wurde. Doch sie konnte die Blicke der Männer immer noch lesen, auch wenn sich die meisten von ihnen vordergründig unnahbar, manchmal sogar zynisch abweisend gaben.

Mit den Ehemännern von zwei ihrer besseren Bekannten hatte sie tatsächlich geschlafen. Allerdings war das bereits viele Jahre her, kurz nachdem sie von den ersten Eskapaden ihres Gatten Zenweih erfahren hatte. Rache-Sex nannte man das wohl und Sihena hatte kein Bisschen Spaß dabei empfunden, weder als Vorfreude noch währenddessen oder hinterher. Im Gegenteil. Danach fühlte sie sich bloß benutzt und entwertet.

Schon seltsam, dass Frauen für Männer stets wie weitere Trophäen waren, während die Frauen bei Seitensprüngen eigentlich immer nur verloren? »It´s A Man´s World«, hatte James Brown einst gesungen und sich darüber beklagt, dass es zwar ohne Frauen und Mädchen keinen einzigen Menschen auf dieser Erde gäbe, dass das Weibliche trotzdem nicht gleichberechtigt neben dem Männlichen stand.

»Du weißt, dass der Mann Geld macht,« »um von anderen Männern zu kaufen.«

Sihena ging hinüber in ihr Ankleidezimmer, warf sich dort einen leichten Bademantel aus Seide über, blickte auf den Radiowecker auf dem Nachttisch. Es war halb sechs Uhr früh. Ihre beiden weiblichen Angestellten, die Köchin Marta und das Dienstmädchen Naara würden erst gegen sieben hier auftauchen. Sollte sie hinuntergehen und sich zwei Stockwerke tiefer in der Küche selbst einen Espresso zubereiten? Lust auf einen verspürte sie und so entschloss sie sich.

Sie schlüpfte in ihre Pantoffeln und stieg die Stufen hinunter, durchsuchte in der Küche die Schränke, fand endlich, wonach sie suchte, nämlich eine kleine, etwas fleckige italienische Espresso-Kanne aus Aluminium. Sie schraubte sie auf und schnüffelte am feinlöchrigen Siebeinsatz. Der roch komisch metallisch. Bestimmt war das Teil schon seit vielen Jahren von niemandem mehr benutzt worden. Sihena spülte die Kanne mit heißem Wasser mehrmals gründlich aus, füllte dann die untere Hälfte mit kaltem, holte aus dem Kühlschrank das Espresso-Pulver und füllte den Einsatz randvoll und stülpte das Sieb darüber, montierte das Oberteil des Krugs auf die Becherhälfte, stellte die Kanne auf den Gasherd und schaltete diesen ein.

Mit einem leisen »Blopp« entzündete sich die Flamme, leckte züngelnd nach dem Boden der Aluminium-Kanne.

Sihena holte sich eine Espresso-Tasse mit passendem Unterteller aus dem großen Geschirrschrank, stellte sie erwartungsvoll auf den Küchentisch.

Wie viele Jahre war sie nicht mehr hier unten gewesen? Ein paar Szenen kamen ihr in den Sinn, Begegnungen mit ihren Angestellten, dabei keine einzige erfreuliche. Denn das faule Pack musste schon immer und beständig angetrieben werden. Ansonsten hätten die beiden eh nur herumgesessen und Däumchen gedreht. Ohne ihre Umsicht wäre die Villa doch unweigerlich verlottert. Genauso wie Sihena stets die Angestellten in den Restaurant-Betrieben im Griff behalten hatte, befehligte sie auch ihren Hausstand, mit harter und doch äußerst geschickter und oftmals auch gerechter Hand.

Etwas wie Stolz umspielte die Lippen der älteren Frau.

Der Espresso dampfte bereits und ein leises Blubbern verriet ihr, dass der Wassertank fast schon leer war. Sie schaltete den Herd aus und nahm die Kanne hoch, schenkte sich das Tässchen voll, setzte sich an den Küchentisch. Gierig schlürfte sie vom heißen Rand, verbrannte sich leicht ihre Unterlippe und die Zungenspitze. Egal. Die Würze des Kaffees erschien ihr in diesem Moment einfach himmlisch, ähnlich einem Jungbrunnen, aus dem man neue Kräfte schöpfte. Rasch setzte sie nach, spürte erneut die starke Hitze in Mund und Rachen, fühlte sogar eine gewisse Erregung, als der Espresso in ihren Magen floss und auch ihn erwärmte.

Als die Tasse leer war, füllte sie sogleich nach, ließ sie dann aber erst einmal stehen.

Was hatte ihre Mutter in ihren Träumen bloß zu suchen? Warum tauchte sie gerade jetzt in ihren nächtlichen Gedanken auf? Das musste etwas zu bedeuten haben.

Sihena sah das Gesicht von Lien wieder vor sich, diese schwarzen, streng blickenden Augen, den verkniffenen, schmalen Mund. Glücklich hatte sie ihre Mutter eigentlich nie gesehen. Höchstens zwischendurch einmal etwas erfreut. Und lachen konnte Lien eh nicht. Zumindest nicht äußerlich oder gar laut. Stattdessen verzog sich ihr Mund jeweils schief und sie sah dabei aus, als wäre ihr übel oder als müsste sie gleich Blut und Galle spucken. Wie hatte ihr Vater diese Frau bloß ein Leben lang ausgehalten? Sihena schüttelte verständnislos ihren Kopf und erblasste gleich danach.

Kinder erbten doch stets einige der guten, aber auch viele der schlechten Eigenschaften ihrer Eltern, körperliche und seelische. Was waren die Überbleibsel ihrer Mutter in ihr? Die Nase, ohne Zweifel, gestand sich Sihena ein. Auch die langen, schlanken Hände. Und die krampfigen Adern mit den dicken Gelenken ebenso, fügte die chinesisch-stämmige Brasilianerin bitter in ihren Gedanken hinzu. Doch sonst? Ihr Lächeln war ganz anders, glaubte sie zumindest. Und auch all das sonstige Gehabe ihrer Mutter war keineswegs vergleichbar mit ihrer straffen Haltung und ihrem weltgewandten Auftreten.

Mei, ihre mittlere Tochter, hatte sie allerdings schon einmal mit der Großmutter verglichen.

»Du bist wie Avó Lien«, hatte sie wütend zu ihr gesagt, »genau derselbe Sturkopf, der weder links noch rechts schaut, für den es immer nur ein Geradeaus gibt.«

Diesen Starrsinn hatte Sihena zwar selbst an ihrer Mutter erlebt und gehasst. Das mit Konfuzius war bloß eines ihrer ewigen Themen. Hinzu kamen Kindererziehung, das Auftreten in der Öffentlichkeit, die Bekanntschaften des Ehepaars Ling. An allem und jedem mäkelte ihr Mutter ständig herum. Nichts genügte ihr. Vieles war ihr zuwider.

Aber ihre Tochter Mei hatte sich geirrt. Nur weil sie eine feste Meinung besaß und sie auch vertrat, hatte das doch noch lange nichts mit Sturheit oder gar Starrsinn zu tun? Wo käme die Welt denn hin, wenn sich alles bloß nach den Kindern richten müsste? Nein, ihre mittlere Tochter war ungerecht zu ihr gewesen. Wahrscheinlich hatte ihr auch dieser verdammte Philippine vieles eingeredet. Sie hatte diesem Chufu Lederer noch nie über den Weg getraut. Zu geschniegelt und geschliffen und glatt war er in ihr Leben getreten, hatte sich bei Zenweih eingeschleimt, versuchte Ähnliches auch bei ihr. Doch da hatte sich der junge Kerl gehörig geschnitten. Ihr Gatte mochte eine degenerierte Ausgabe eines echten Chinesen sein. Immerhin hatte er nie in der alten Heimat gelebt. Sie hingegen konnte sich kaum mit einem Philippinen an der Seite ihrer leiblichen Tochter abfinden. Diese Rasse war nicht gut genug für jemanden aus dem Reich der Mitte. Niemals.

Ihre Gedanken waren abgeschweift und der Espresso in der Tasse längst abgekühlt. Trotzdem schluckte sie den bitteren Trank, sog ihn in einem Zug hinunter. Den Rest der Kanne leerte sie in die Schütte, stellte sie daneben, schlurfte in ihren Pantoffeln wieder die Stufen der Treppe hoch in ihr Schlafzimmer, zog den Bademantel aus und legte ihn über eine Stuhllehne und sich selbst ins Bett.

Was konnte sie denn noch unternehmen, um endlich zu erfahren, was ihre Mutter in ihren Träumen zu suchen hatte?

*

Es war ein stürmischer Morgen am Moray Firth, der großen Meeresbucht an der Ostküste Schottlands. Heftig aufkommende Winde peitschten die Wasseroberfläche. Langgezogene Wellen brandeten weit höher und stärker als gewöhnlich gegen die Kaimauern des Hafens von Fraserburgh. Am Himmel türmten sich dunkle Wolken, als stünde das Jüngste Gericht bevor.

Die wenigen angetauten Fischerboote hoben und senkten sich heftig in den Wogen des Wassers. Schon vor Stunden hatte ein höchst unangenehmer Nieselregen eingesetzt, dämpfte mit seinem Nebel gleichermaßen die Sicht aufs offene Meer, wie auf die bunt bemalten Fassaden der Häuser um das Hafenbecken herum.

Adair McNeill stand an einem der Piere, blickte hinaus auf das trübe Wasser und hinein ins Grau und Schwarz des Himmels, sah nicht die Wellen kommen, spürte den Regen nicht, achtete auch nicht auf die wenigen Möwen, die in den Böen taumelten und schrien, schaute nur in die Ferne, suchte den Horizont ab und dabei vielleicht auch lang vergangene Bilder.

Die Ölhaut mit der weiten Kapuze hielt ihn trocken. Nur sein wettergegerbtes Gesicht mit den wie aus Stein gemeißelten Zügen war klatschnass. Doch der Alte schien dies nicht zu spüren und schon gar nicht zu beachten. Zu sehr plagten ihn die Sorgen. Aber nicht um seinen Trawler Fenella. Den steuerte sein Neffe Gavin seit Jahren sicher. Auch nicht wegen des heftigen Wetterumschwungs. Stürmische See waren alle Fischer hier im Norden Europas gewohnt. Nein, den Alten hatte einzig die Sorge um den Fang so früh am Morgen in Wind und Wetter getrieben. Denn bereits seit einiger Zeit war der Bestand an Kaisergranat im Moray Firth nicht mehr gesichert. Hatte sich der Mensch über viele Jahrzehnte hinweg ungestraft am ungeheuren Krebsreichtum der See bedient, so schien die Natur, aus welchen Gründen auch immer, nun doch allmählich erschöpft. Woran das lag, das wusste niemand zu sagen.

Manche vermuteten den Einfluss der Erdöl- und der Gas-Förderung vor der Küste. Irgendwelche unentdeckte Lecks in den unterseeischen Pipelines. Oder die ständige Verschmutzung des Wassers durch die Versorgungsschiffe der Plattformen.

Andere machten den Klimawandel verantwortlich. Der musste mittlerweile für alles und jedes herhalten, selbst fürs Wetter von heute und morgen.

Adair McNeill hatte keine Meinung dazu. Er beobachtete bloß und machte sich immer größere Sorgen. Denn was nutzten all die Spekulationen? Auf das Öl und all das Gas würden die Leute niemals verzichten. Und Klimawandel hatte es schon immer gegeben, ob durch den Menschen verursacht oder nicht. Auch damit hatten sie hier am Moray Firth seit Jahrhunderten zu leben gelernt.

Irgendwelche Umweltschützer reklamierten allerdings lautstark, dass vor allem das Fischen mit Schleppnetzen die Schuld am Rückgang der Zehnflusskrebse trug. Doch was wussten diese Studierten schon? Seit vielen Jahrzehnten jagten die Fischer hier in Schottland auf diese Weise den Krebsen nach, ohne dass die Bestände bis vor einiger Zeit zurückgegangen wären. Und heute gab es doch weit weniger Boote als noch vor dreißig Jahren? Weniger Fischer, weniger Umweltzerstörung und trotzdem gingen die Bestände weiter zurück. Diese Logik focht die Umweltschützer jedoch keineswegs an. Was hatte er in der Zeitung vor ein paar Monaten über Trumps Pressesprecherin gelesen? Sie hatte wohl von alternativen Fakten gesprochen. Für Adair McNeill war sogleich klar gewesen, was die US-Administration damit gemeint hatte, nämlich Tatsachen, die der Gegenseite nicht ins Konzept passten und die deshalb von ihr unbeachtet und unerwähnt blieben. Die Welt hatte es anders gesehen.

Als Alternative zu den Schleppnetzen hatten diese sieben-gescheiten Umweltschützer vorgeschlagen, nur noch mit Hilfe von Köderkörben den Kaisergranat zu fangen, so wie man es im Mittelmeer seit vielen Jahren erfolgreich tat.