Die große Fahrt - Kendran Brooks - E-Book

Die große Fahrt E-Book

Kendran Brooks

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Beschreibung

Die United Grand Lodge wählt im Jahre 2000 Jules Lederer zum Leiter ihres neuen Dekadenprojekts. Er soll das Grabmal von Zeng He, Admiral der chinesischen Schatzflotte, spurlos verschwunden auf seiner siebten Fahrt in den Westen, auffinden. Doch wie entschlüsselt man ein 600 Jahre altes Rätsel? Wir tauchen auch ins Leben von Zeng He ein. Dem kaiserliche Eunuche liess im Auftrag seines Herrn eine riesige Flotte bauen und bereiste mit ihr sieben Mal Südostasien, Sri Lanka, Indien und Arabien, stieß bis zum Horn von Afrika vor, gelangte bis nach Kenia. Was war sein eigentlicher Auftrag? Warum wurden später alle Pläne über die Schiffe zerstört und die Aufzeichnungen über die Reisen aus den kaiserlichen Archiven getilgt? Wieso kam der große Admiral von seiner siebten Reise nicht zurück? Und warum wurde ihm trotzdem ein Mausoleum errichtet, das leer blieb? Die Ming Dynastie währte von 1368 bis 1644. Doch in den letzten 200 Jahren ihrer Herrschaft druckten ihre Kaiser kein neues Papiergeld mehr. Auch dies Frage beantwortet der Roman. Begleiten wir Jules auf dieser spektakulären Reise in die Vergangenheit.

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Veröffentlichungsjahr: 2014

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Kendran Brooks

Die große Fahrt

3. Abenteuer der Familie Lederer

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorgeschichte

Yunnan, 1382

London 12. Januar 2000 – Tempel der United Grand Lodge

China, 1382

London 13. Januar 2000 – Tempel der United Grand Lodge / Büro des Sekretärs

China, 1382

London - 15. März 2000

1405 – 1407 Erste Reise

2000 bis 2003

1407 – 1409 Zweite Reise

2004 bis 2006

1409 – 1411 Dritte Reise

2007 - 2008

1412 – 1414/15 Vierte Reise

2008

1417 – 1419 Fünfte Reise

2008

1421 – 1422/23 Sechste Reise

November 2008

1431 – 1433 Siebte Reise

November und Dezember 2008

2009

Impressum neobooks

Vorgeschichte

Nachdem der chinesische Rebellenführer Zhu Yuanzhang im Jahre 1369 die mongolischen Herrscher vom chinesischen Thron vertreiben konnte, gründete er 1371 die Ming Dynastie (Große Helligkeit). Er ernannte sich zu ihrem ersten Kaiser und gab sich den Namen Hongwu, was übersetzt Gewalttätige Militärische Macht bedeutete.

Hongwu und seine Nachkommen herrschten mehr als zweihundertfünfzig Jahre lang über China. Es war die wohl glorreichste Zeit in der Geschichte des Landes. Militärisch unangreifbar, setzte die chinesische Kultur neue Maßstäbe, feierten Künste und Wissenschaften gleichermaßen ihre Höhepunkte.

Nach seiner Thronbesteigung sandte Kaiser Hongwu seine Botschafter in alle mongolischen Provinzen am Rande seines neu geschaffenen Riesenreiches aus. Er verlangte von den lokalen Fürsten die bedingungslose Unterwerfung und jährliche Tributzahlungen.

Der mongolische Prinz Basalawarmi aus der Provinz Yunnan widersetzte sich den Ansprüchen dieses in seinen Augen unwürdigen chinesischen Emporkömmlings, dessen Eltern nur Bauern waren. Seine Antwort an Hongwu bestand darin, dass er die chinesischen Gesandten ermorden ließ.

Hier beginnt unsere Geschichte.

Yunnan, 1382

Soweit ich mich zurückerinnere, lebten meine Eltern, meine Geschwister und ich auf einem großen Anwesen am Rande der Stadt Kunyang, dem heutigen Kunming. Mein Vater war der angesehenste Mann in unserer Gegend und wurde von allen Menschen sehr verehrt. Manchmal bekam er sogar eine Einladung an den Hof von Prinz Basalawarmi. Dann zog er seine feinsten Kleider an und ließ sich mit der Sänfte dorthin tragen. Einmal durfte sogar die gesamte Familie an einem Fest des Prinzen teilnehmen. Basalawarmi ließ es zu Ehren seiner Mutter ausrichten. Ich war so stolz auf meinen Vater.

Ihr müsst wissen, unsere Familie war schon vor langer Zeit in dieses Land gezogen. Viele meiner Ahnen bekleideten immer wieder wichtige Verwaltungsposten. Einige waren sogar Gouverneure gewesen, wie uns der Vater erzählte. Diese Zeit lag zwar schon weit zurück und ich wusste damals als Kind auch noch gar nicht so richtig, was ein Gouverneur war oder was er tat. Doch dass dieser Posten sehr viel Verantwortung beinhaltete, hörten wir schon aus der ehrfürchtigen Stimme unseres Vaters heraus.

Meine Kindheit verlief recht harmonisch, wenn man von den gelegentlichen Raufereien mit Nachbarjungen oder den ständigen Neckereien meiner vier älteren Schwestern absah. Die konnten richtig gemein sein, meine Schwestern meine ich.

Es war ein wunderschöner Januar Morgen. Die Sonne stand fahl und knapp über dem Horizont. Trotzdem wärmten ihre Strahlen unsere Gesichter. Dick in unsere Mäntel gepackt saßen zwei von meinen Schwestern und ich selbst draußen unter dem alten Pflaumenbaum am Tisch. Der Hof zu unserem Haus war von einer hohen Mauer umgeben und ein breites, hölzernes Tor führte auf die Hauptstraße hinaus. Wie die meiste Zeit über stand es auch an diesem Morgen offen, denn ab und zu kamen Menschen zu uns, die den Rat meines Vaters brauchten oder ihn um Fürsprache beim Prinzen baten.

Shu Lin und Mei Lin, zwei meiner vier Schwestern, versuchten schon seit ein paar Tagen, mir das Schachspielen beizubringen. Doch an diesem Morgen war ich nicht ganz bei der Sache, blickte, ohne den Grund zu wissen immer wieder vom Brett und den Figuren auf und durch das Tor hinaus auf die Straße, gerade so, als wenn ich von dort jemanden erwarten müsste. Es war eine unerklärliche Unruhe in mir, die meine Beine beständig zappeln ließ.

»Schach!«, fuhr mich meine Schwester Shu Lin an und fügte fast ärgerlich hinzu, »pass doch besser auf, du Tölpel!«

Ich schreckte hoch und schaute wieder zurück auf das Brett mit den weißen und schwarzen Figuren. Eines ihrer flinken Pferde hatte meine so sorgsam aufgebaute Bauerndeckung übersprungen und meinen armen König Schach gestellt. Doch das war noch gar nicht das ganze Unglück. Bestürzt erkannte ich, dass neben dem König auch meine Dame von demselben Angreifer bedroht wurde. Fieberhaft suchte ich nach einem Ausweg. Es musste doch möglich sein, das biestige Pferd meiner Schwester vom Brett zu fegen und so die Gefahr für mein Adelshaus zu bannen? Doch ich fand niemanden, der hätte zuschlagen können. Kein Läufer, kein Turm war da, um meiner königlichen Familie zu Hilfe zu eilen und selbst das Bauernvolk kümmerte sich nicht um seine Herrscher. Das hinterhältige Attentat meiner Schwester war nicht mehr zu vereiteln.

Trotzig und beschämt zugleich schob ich meinen König um ein Feld vor und direkt neben meine Dame. So bekam ich wenigstens das Pferd meiner Schwester zu fassen, wenn es gleich die stärkste Figur auf meiner Seite schlagen würde.

Zu meinem Erstaunen griff Shu Lin jedoch nicht zu ihrem Schlachtross, sondern rückte einen ihrer Läufer bloß um zwei kleine Felder vor. Dann sah sie mich diabolisch lächelnd an und meinte: »Schach, mein kleiner Dummkopf...«

Diesen verflixten Läufer hatte ich völlig übersehen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er sich ausgesprochen unbeteiligt gezeigt und sich im Hintergrund des Spielbretts herumgedrückt. Von ihm schien darum keinerlei Gefahr auszugehen. Und nun bedrohte dieser gemeine Kerl plötzlich den obersten Herrscher meines Hauses? Meine Augen weiteten sich, als ich das ganze Ausmaß des Unglücks immer klarer erkannte. Mein König war von eigenen und fremden Figuren vollständig eingekeilt. Er hatte keine Möglichkeit mehr zu einer Flucht. Zudem fehlten die aufopfernden Vasallen, die sich zwischen ihn und den Feind hätten werfen können. Mein Blick schweifte fieberhaft von einer Figur zur anderen. Das konnte, ja das durfte doch nicht sein.

»... und Matt«, fügte Shu Lin triumphierend und spöttisch hinzu, als sie in meinen Augen die Ausweglosigkeit meiner Gedanken las.

Mei Lin, meine andere Schwester, lachte schallend auf und gab mir mit der flachen Hand einen Klaps auf die Stirn. Ich spürte, wie mir das Blut in den Kopf stieg und starrte sie aufgebracht an. Meine Schwestern waren leider älter als ich und unser Vater hatte ihnen dieses dumme Spiel schon vor einigen Monaten beigebracht. Seitdem hatten die beiden viel Zeit mit Üben verbracht. Und als auch ich Schach von meinem Vater lernen wollte, meinte der bloß, ich wäre noch zu jung, um auf ein Schlachtfeld zu ziehen. So blieb mir nur die Unterstützung meiner Schwestern. Doch längst war ich mir sicher, dass Shu Lin und Mei Lin nicht wirklich fair zu mir waren, mir zum Beispiel nicht alle Strategien und Finten dieses komplizierten Spiels erklärt hatten. Nur darum tappte ich immer und immer wieder in ihre Fallen. Sie wollten sich bloß über mein ständiges Versagen lustig machen.

Tränen schossen mir in die Augen. Das ärgerte mich umso mehr, denn schon im nächsten Monat wurde ich doch elf Jahre alt. Und ein Junge an der Schwelle zum Mann durfte doch nicht mehr weinen?

Zornig wischte ich mit dem Ärmel erst über die Augen und dann über das Spielbrett. Die Figuren purzelten vom Tisch in den Sand. Dann sprang ich auch schon wütend auf und wollte ins Haus rennen, um mich bei meiner Mutter über die ach so gemeinen Schwestern zu beklagen. Doch so weit kam ich nicht mehr. Denn in diesem Moment sprengte ein Reiter im Galopp von der Hauptstraße durch das offene Tor hinein und auf unseren Hof. Er saß auf einem großen, hellen Pferd mit braunen Flecken und wildem Blick. Der Mann riss mit solcher Kraft an den Zügeln, dass sich sein Reittier auf die Hinterhand setzte und dabei noch drei, vier Meter weit durch den Sand rutschte, bis es schließlich stand. Schon war der Mann abgesprungen und blickte sich suchend um. Es war ein wilder Kerl, ein Mongole, mit schwarzem, langem Schnauzbart, deren Enden weit über sein Kinn hinunter hingen. Er war ganz in dunkles, speckig glänzendes Leder gekleidet und seine schwarzen Augen funkelten uns gefährlich an.

»Wo finde ich Ma Hajji?«, fuhr er uns atemlos an. Völlig verdattert standen meine Schwestern und ich da, brachten vor Schreck und Aufregung kein Wort heraus, streckten jedoch alle drei gehorsam einen Arm in Richtung des Hauseingangs. Der Reiter lief sogleich los, die ersten Schritte noch staksig und steif vom wilden Ritt. Trotzdem war er nach wenigen Sekunden im Flur verschwunden, ließ die Haustür achtlos offenstehen.

Wir Kinder sahen uns verständnislos an. Was war geschehen? Was wollte dieser wilde Mongole von unserem Vater? War das etwa ein Überfall? War er vielleicht ein Bandit? Nein, das konnte nicht sein. Die einzige sichtbare Waffe des Mannes war ein kurzer Dolch an seiner Seite gewesen. Und diesen hatte er noch nicht einmal aus dem Futteral gezogen. Einen Überfall ohne Waffen gab es aber nicht. Das wussten selbst wir Kinder schon.

Trotzdem näherten wir uns dem offenen Hauseingang nur sehr vorsichtig, scharten uns dabei unwillkürlich zusammen wie ängstliche Hühner, die zwar voller Neugierde einem jungen Hund nachliefen, ihm aber nicht wirklich vertrauten. Doch der Reiz einer Abwechslung vom täglichen Einerlei war stärker als die gebotene Vorsicht.

Wir hatten die Türschwelle noch nicht erreicht, da hörten wir drinnen bereits die schweren Schritte unseres Vaters um die Ecke des Flurs biegen. Er blieb kurz stehen und rief laut über seine Schulter, damit ihn meine Mutter in der Küche hören konnte: »Lia Su? Ich muss fort. Die chinesische Armee steht an der Grenze zu Yunnan und alle bewaffneten Männer sind aufgerufen, Prinz Basalawarmi zu Hilfe zu eilen. Pack mir bitte Proviant für ein paar Tage ein.«

Mit diesen Worten verschwand er in seinem Zimmer. Er nutzte es vor allem für Schreibarbeiten. In ihm wurden aber auch seine Lederrüstung, der kurze Bogen mit dem Köcher voller Pfeile, sein langes Schwert und der spitze Dolch aufbewahrt.

Der fremde, mongolische Reiter war hinter meinem Vater aufgetaucht und im Flur stehen geblieben, schien darüber nachzudenken, was er als nächstes zu tun hatte. Dann lief er auch schon los und direkt auf uns zu. Wir Kinder drückten uns ängstlich an die Wand, als er achtlos an uns vorbeischritt und auf den Hof ging. Durch die offene Türe sahen wir ihm nach. Er blickte sich draußen um und schlug dann mit seinem Pferd die Richtung zu den Ställen ein, vielleicht um das Tier zu füttern.

Wir Kinder berieten uns flüsternd, was da wohl vor sich ging. Chinesische Soldaten, hatte mein Vater gesagt. Und Prinz Basalawarmi benötigt seine Hilfe. Gab es vielleicht Krieg? War vielleicht sogar Kunyang bedroht?

Als unser Vater aus seinem Zimmer wieder zu uns in den Flur hinaustrat, zuckten wir erschrocken zusammen. Bis zu diesem Tag hatten wir seine Rüstung immer bloß ehrfürchtig auf ihrem Gestell in der Ecke bestaunt. Sie wirkte mit ihrem schwarzen Leder auf uns immer sehr bedrohlich. Gleichzeitig schimmerte sie aber auch geheimnisvoll. Und sie roch nach großen Taten. Manches Mal war ich heimlich in den Raum geschlichen und hatte mit meinen Fingern sanft über die mit Eisenbeschlägen verstärkten Lederlappen gestrichen. Ich stellte mir vor, wie ich selbst als stolzer Kämpfer in den Krieg zog und wichtige Schlachten gewann.

Das Schwert unseres Vaters hatte für uns unerreichbar hoch an der Wand gehangen. Es war uns Kindern bei Strafe verboten, es auch nur anzurühren. Doch nun stand unser Vater mit Helm, Harnisch und Beinschutz vor uns, das Schwert an seiner Seite, den Dolch hinter den breiten Gürtel geschoben. Den Köcher mit den Pfeilen hatte er mit der Lederschnur um seine Schulter gelegt und den Bogen hielt er in der einen Hand. Nie hatte unser Vater so stark, ja so unüberwindlich auf uns gewirkt, aber auch nie so wild, fremd und gefährlich.

Er trat auf uns zu und streichelte meinen beiden Schwestern kurz und aufmuntern mit dem Zeigefinger über die Wange, fuhr mir dann mit seiner großen Hand durch die Haare und über die Kopfhaut, so hart, dass es mich schmerzte.

»Ihr müsst jetzt tapfer sein, meine Lieblinge. Seid folgsam und tut, was eure Mutter euch befiehlt, bis ich zurück bin.«

Danach stakte er mit langen Schritten in Richtung der Küche davon. Wir folgten ihm nur zögernd, waren immer noch verstört, sahen unter der Tür, wie er unserer Mutter einen zärtlichen Kuss gab und dann den Beutel mit dem zusammengesuchten Proviant an sich nahm.

»Sag Wenming, wenn er vom Markt zurückkommt, dass er sich ein Pferd satteln und zum Hof von Onkel Pho reiten soll. Dort soll er bleiben, bis ich Nachricht sende.«

Was wohl das wieder zu bedeuten hatte?

Unser Vater würde wohl mit Prinz Basalawarmi in den Krieg gegen die Chinesen ziehen. Und wir mussten hierbleiben. Unseren älteren Bruder schickte er jedoch zwei Tagesreisen weit weg zu Onkel Pho? War Wenming hier bei uns vielleicht bedroht? Doch warum schickte der Vater dann nicht seine gesamte Familie dorthin?

Wir Kinder wussten es nicht, sahen nur verstört auf unsere Mutter, die ihr Gesicht hinter den Händen vergraben hatte und zu schluchzen begann. Mein Vater war längst aus der Küche gestapft und im Flur verschwunden. Wir hörten nur noch seine schweren Schritte in Richtung der Haustür davon gehen.

Shu Lin, Mei Lin und ich blieben bei unserer Mutter stehen und versuchten sie zu trösten. Wir fassten sie an den Händen und streichelten ihre Unterarme und auch über ihren Rücken. Doch sie beachtete unsere Liebkosungen kaum, hörte auch nicht auf zu weinen. Dann hörten wir im Hof plötzlich zwei Pferde laut wiehern und stürzten alle drei nach draußen. Zwischen den Torpfosten zur Straße hing noch die Staubfahne. Unseren Vater würden wir nicht mehr wiedersehen.

London 12. Januar 2000 – Tempel der United Grand Lodge

»Werte Brüder, ich begrüße Sie im Namen des Vorstands zu unserer heutigen Versammlung. Sie kennt nur ein einziges Traktandum, wie ihr alle wisst. Doch es ist ein besonderer Beschluss, den wir heute gemeinsam fällen werden. Es geht um unser neues Dekadenprojekt.«

Der Vorsitzende der United Grand Lodge machte eine Pause und blickte sich um. Aron Finestone war fünfundfünfzig Jahre alt und stand seit vier Jahren den vereinigten Freimaurerlogen Großbritanniens vor. Der Mann strahlte eine Aura der Selbstsicherheit und der persönlichen Disziplin aus. Seine kurze Hakennase ähnelte dem Schnabel einer Eule und seine Augen, durch die randlose Brille mit den dicken Gläsern unnatürlich vergrößert, verstärkten diesen Eindruck noch. Sein Gesicht war eingerahmt von einem weißen, aber immer noch dichten Kopfhaar. Er trug es unüblich lang für einen Mann in seinem Alter und seiner Position, vielleicht ein letzter Rest einer früher unangepassten Natur, die seit langer Zeit und im Interesse seiner beruflichen Tätigkeiten unterdrückt wurde.

Die Arbeit als Partner in einer sehr angesehenen Londoner Anwaltskanzlei hatte ihn in den letzten zwei Jahrzehnten innerlich gefestigt, ja richtiggehend gestählt. Er war ein belesener, umsichtiger Mann, der jedoch auch hart zupacken konnte. Beruflich hatte er sich auf die Verteidigung großer Unternehmen in Rechtsstreitigkeiten mit der Europäischen Union spezialisiert. Sein Stundenhonorar betrug über eintausend Pfund und er war stolz darauf, trotzdem ein äußerst gefragter Mann zu sein. Doch wer als Konzern in die Fänge der EU geriet, musste mit Bussen in dreistelliger Millionenhöhe rechnen. Da fielen Anwaltshonorare, egal in welcher Höhe, kaum mehr ins Gewicht.

Unter den Meistern der Freimaurerloge saß auch der Schweizer Jules Lederer. Neben ihm hatte sein guter Londoner Freund Henry Huxley auf der langen Eichenholzbank Platz genommen. Henry war es auch, der Jules nach ihrem ersten gemeinsamen Abenteuer vor drei Jahren gefragt hatte, ob er sich vorstellen könnte, ebenfalls Freimaurer zu werden. Lederer war interessiert und Huxley empfahl ihn seinem Orden, begleitete ihn auch auf seinem Einführungsweg über den Eintritt als Lehrling, über die Stufe des Gesellen bis hin zur Entwicklung zu einem der Logenmeister.

Wie alle Übrigen im Saal hatten Henry und Jules ihren Kopf zum Rednerpult gedreht und blickten gespannt auf den Vorsitzenden. Auch Huxley war noch keine zehn Jahr Vertreter ihrer Londoner Loge in der United Grand Lodge und darum wie Lederer das erste Mal bei der Verkündung eines neuen Dekadenprojekts dabei. Jules trug einen schwarzen Smoking, Henry hat sich für einen dunkelblauen Anzug mit Weste entschieden. Wie alle anderen Anwesenden hatten auch sie sich die traditionelle weiße Steinmetzschürze umgebunden und verschiedene Embleme an ihr Revers gesteckt.

Die Losung für den Einlass in den Tempel lautete an diesem Abend Once upon a time, ein überaus treffendes Schlüsselwort für den Zweck dieses Anlasses.

Die Wände des unterirdischen Tempelraums bestanden aus roh behauenen Steinen. Daran hingen Gemälde aus drei Jahrhunderten. Sie zeigten alle Vorsitzenden der United Grand Lodge seit ihrer Gründung im Jahre 1717. Einige der Maler waren schon damals sehr gefragte Künstlern gewesen und wurden heute hoch gehandelt. Ein Sachverständiger wäre angesichts der Fülle an berühmten Malern erst entzückt gewesen, danach sprachlos. Er hätte eine ganze Reihe von Werken ausgemacht, die bislang der Fachwelt vorenthalten geblieben waren und die auf einer Auktion viele Millionen Pfund eingebracht hätten.

Nach einer kurzen Pause fuhr der Vorsitzende Finestone fort: »In den nächsten zehn Jahren wollen wir uns einem weiteren Rätsel der Menschheitsgeschichte stellen und versuchen, es zu lösen. Logenmitglieder aus dem ganzen Land haben uns Hunderte von offenen Fragen zugesandt. Einige unserer Vorstandsmitglieder bildeten einen Projektausschuss, der alle Eingaben bewertete und sie nach Interessenlage gewichtete, sie aber auch auf ihre Umsetzbarkeit hin prüfte. Die besten drei Projekte liegen dem Vorstand seit letztem Dezember vor. Für die immense Vorarbeit bedanke ich mich im Namen des Vorstands bei den Mitgliedern des Ausschusses.«

»Alle anwesenden Logenvertreter kennen bereits die drei Vorschläge. Wir haben sie in unserer Einladung ausführlich vorgestellt. Welches Rätsel der Menschheit aber diesmal von uns zu lösen sein wird, darüber hat der Vorstand erst gestern Abend endgültig entschieden.«

Finestone machte eine Pause und griff nach seinem Glas mit stillem Wasser, das auf dem Tisch neben dem Rednerpult stand, nippte kurz daran und stellte es danach etwas umständlich wieder zurück, räusperte sich laut und ließ dann seinen ruhigen Blick noch einmal über alle Anwesenden im Saal schweifen. Er schien sich noch einmal versichern zu wollen, dass ihm auch wirklich jeder zuhörte. Endlich fuhr er fort.

»Angesichts der zunehmenden wirtschaftlichen Bedeutung von China in der Welt haben wir uns entschlossen, in den nächsten zehn Jahren herauszufinden, welche Fahrten der kaiserliche Eunuch und Admiral Zheng He im fünfzehnten Jahrhundert mit seiner Flotte vollbrachte. Wir wollen herausfinden, welche Teile der Erde von ihm tatsächlich besucht und eventuell auch besiedelt wurden. Stimmt unser europäischer Blick zur Entdeckung der Erde? Oder müssen wir die Geschichte umschreiben?«

Schon bei der Nennung von Zheng He hatte sich ein allgemeines Gemurmel im Saal erhoben. Viele der Anwesenden hatten auf eines der anderen beiden Projekte getippt. Jules dagegen lächelte Henry äußerst zufrieden an, denn er hatte von seinem Freund aufgrund ihrer kleinen internen Wette soeben eine köstliche Flasche Chateau Latour 1970 gewonnen. Jules hatte auf den großen chinesischen Seefahrer gesetzt, während Henry überzeugt war, dass man diesmal dem verlorenen Sonnentempel der Chibchas in Südamerika nachspüren würde, um endlich die Sage über Eldorado ein für alle Mal zu klären. Henry blickte seinen Freund darum recht zerknirscht an. Ihm ging es nicht um die teure Flasche Wein. Der Brite verlor bloß sehr ungern.

Der Vorsitzende der Versammlung nahm den kleinen Hammer vom Rednerpult hoch und schlug einmal heftig und knallend auf den Holzteller daneben. Die diskutierenden Stimmen im Raum verstummten augenblicklich und die Köpfe ruckten wieder zu Finestone nach vorne.

»Die exakte Fragestellung zu Projekt 32 lautet also: Welche Länder und Erdteile hat die sogenannte Schatzflotte unter dem Kommando des Chef-Eunuchen Zheng He nachweisbar erreicht. Welche Entdeckungen müssen wir ihm und seinen Männern zuordnen? Warum stellten die Chinesen nach 1433 ihre Seereisen plötzlich ein?«

Wieder machte Finestone eine Kunstpause, ließ seine Worte wirken, bevor er entschlossen weiterfuhr.

»Wie bei jedem unserer Dekadenprojekte wählen wir nun gemeinsam den verantwortlichen Leiter. Ihr alle wisst, dass jedes Mitglied der United Grand Lodge verpflichtet ist, eine allfällige Wahl anzunehmen und sich nach besten Kräften einzusetzen. Die Loge stellt die notwendigen Geldmittel wie immer zur Verfügung. Organisation und Führung des Projekts liegen jedoch vollumfänglich bei dem gewählten Mitglied. Ein Projektausschuss wird die Tätigkeit des Projektleiters überwachen und sich von ihm regelmäßig Rechenschaft über die Fortschritte und die Kosten ablegen lassen.«

Im Saal breitete sich eine neue Unruhe aus, denn die Kandidaten für den Posten des Projektleiters waren bis zu diesem Zeitpunkt nur dem Vorstand bekannt. Darum hingen nun die Augen sämtlicher Anwesenden noch stärker an den Lippen von Finestone, als dieser weitersprach.

»Uns wurden in den vergangenen Wochen vier mögliche Kandidaten empfohlen. Einen musste das Direktorium allerdings von vornherein ablehnen. Die Gründe hierfür sind vertraulicher Natur. Es stehen uns jedoch drei ehrenwerte und fähige Logenmitglieder zur Auswahl. Es sind dies Sinclair St. James, Enrico Fabio della Rossa und Jules Lederer.«

Als Jules seinen Namen hörte, blickte er überrascht und ärgerlich zugleich Henry Huxley an. Denn der Schweizer wusste bislang nichts von seiner Nominierung und er verdächtigte spontan seinen Londoner Freund als Urheber dieses Vorschlags.

Huxleys Lippen verzogen sich zu einem breiten Lächeln und seine Augen funkelten belustigt. Tatsächlich war er es, der seinen Schweizer Freund für die Führung des neuen Dekadenprojekts vorgeschlagen hatte. Jules schüttelte bloß ärgerlich seinen Kopf und flüsterte: »Du weißt ganz genau, wie hoch der Zeitaufwand für diese Projekte ist. Musstest du mir das wirklich antun?«

Die Köpfe der Logenmitglieder in ihrer unmittelbaren Umgebung ruckten zu ihnen herum. Einige lächelten süffisant, andere sogar spöttisch zu den Worten von Jules.

»Du hast unsere volle Unterstützung, mein Lieber«, meinte Sir David Meyney-Thompson zu Jules Rechten und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter. Noch bevor Jules darauf eine bissige Antwort geben konnte, fiel der Hammer des Vorsitzenden erneut knallend auf das Pult, um für Ruhe zu sorgen. Finestone fuhr fort.

»Ich muss euch die drei Kandidaten nicht näher vorstellen. Sie sind aktive Meister unserer Loge und euch allen bestens bekannt. Ihr habt die Wahlzettel bei eurem Eintreffen heute Abend bereits ausgehändigt erhalten. Ich bitte euch nun, den Namen des Mannes eures Vertrauens darauf zu notieren. Sinclair St. James, Enrico Fabio della Rossa oder Jules Lederer. Die Saaldiener werden in einer Minute mit dem Einsammeln beginnen. Vielen Dank.«

Jules unterdrückte einen Fluch, schrieb rasch Enrico Fabio della Rossa auf seinen Zettel und faltete ihn einmal. Enrico war in seinen Augen klar der am besten geeignete Mann für diesen Job. Der Italiener war in Genua aufgewachsen und hatte Verwandte in Venedig, hatte somit Verbindungen in die beiden wichtigen Seefahrerstädte längst vergangener Jahrhunderte, konnte sich vor diesem Hintergrund bestimmt am Einfachsten in die Thematik der chinesischen Seefahrt einarbeiten.

Jules schaute seine Sitznachbarn eindringlich an und meinte etwas angespannt: »Ich hoffe nicht, dass ihr für die Lösung einer Frage aus der Seefahrerei ausgerechnet mich auswählt, einen Mann aus dem Binnenland Schweiz. Das wäre doch ein schlechter Witz, oder?«

Er verstummte unsicher, als sie ihre Gesichter nacheinander hoben und ihm mit ihrem offenen Grinsen zeigten, dass er ihrer Meinung nach längst in der Falle festsaß. Jules Lederer war allgemein beliebt und wer bereits geschäftlich mit ihm zu tun hatte, hielt große Stücke auf den Schweizer. Womöglich trauten ihm tatsächlich viele der Anwesenden die Leitung des neuen Dekadenprojekts zu?

Rasch waren die Zettel von den Saaldienern eingesammelt und zwei Vorstandsmitglieder machten sich daran, sie nacheinander aufzufalten und auf drei Stapel zu verteilen.

Während dessen fühlte Jules immer mehr Blicke auf sich ruhen. Er schaute jedoch bloß grimmig auf Henry und meinte in einem recht bitteren Tonfall: »Dass du mir das antust, mein Freund. Du weißt genau, dass ich als selbständiger Unternehmer keine Zeit übrighabe, um auch noch ein solch langes und großes Projekt für die Loge zu leiten.«

Henry blickte ihn entschuldigend, ja fast schon treuherzig an.

»Aber Jules, als verantwortungsbewusstes Logenmitglied musste ich doch den in meinen Augen besten Mann für das Projekt vorschlagen? Alles andere wäre schon vom Grundsatz her völlig falsch gewesen. Und sieh es doch von der positiven Seite. Jedes Mitglied kann nur ein einziges Mal in seinem Leben gezwungen werden, ein Dekadenprojekt für die Loge zu leiten. Falls du also heute gewählt wirst, bist du anschließend für alle Zeiten fein raus.«

»Was für ein tröstlicher Gedanke«, höhnte Jules und fuhr dann etwas trotzig fort, »doch ich werde ja eh nicht gewählt. So verrückt sind die anderen Mitglieder bestimmt nicht.«

»Geehrte Meister, liebe Brüder, das Ergebnis der Wahl steht fest«, meldete sich die durchdringende Stimme des Vorsitzenden Finestone zurück. Die Gespräche unter den Anwesenden verstummten und die Gesichter ruckten wieder nach vorne zum Pult.

»Gewählt mit 338 Stimmen ist Jules Lederer. Ich gratuliere unserem jungen Mitglied aus der Schweiz und wünsche ihm gutes Gelingen.«

Während Jules wie betäubt da saß, gingen die letzten Worte des Vorsitzenden im tosenden Applaus der anderen unter. Es waren an diesem Abend rund fünfhundert Logenmitglieder gekommen. Jules hatte mehr als sechzig Prozent aller möglichen Stimmen erhalten. Was für ein überzeugendes Resultat bei drei Kandidaten. Jules erhob sich widerwillig und ging nach vorne zum Rednerpult. Das Händeklatschen brandete noch stärker auf und er musste erst ein paar Mal beschwichtigend mit seinen Händen rudern, bis der Applaus endlich abflaute.

»Liebe Brüder, euer Vertrauen ehrt mich sehr und ich nehme die Wahl selbstverständlich an. Ich versichere euch, meine ganze Kraft für unser Projekt einzusetzen und es in sicheren Bahnen seinem Ziel zuzuführen. Gleichzeitig nehme ich euch jedoch allesamt in die Pflicht. Ich erinnere daran, dass ihr mir gemäß unserer Satzung jede zumutbare Unterstützung schuldet. In den nächsten zehn Jahren darf ich von jedem von euch bis zu einhundert Stunden an Fronarbeit einfordern. Und ich versichere euch, ich werde von diesem Recht reichlich Gebrauch machen.«

Bei diesen letzten, recht bissig ausgesprochenen Worten erhob sich da und dort Gelächter und einige begannen wieder zu klatschen. Viele Mitglieder konnten nachfühlen, dass Jules diese Aufgabe nicht wirklich gerne übernahm. Denn auch wenn die Führung eines Dekadenprojekts eine äußerst interessante und vielschichtige Aufgabe darstellte, so war der dafür notwendige Zeitaufwand doch enorm.

Jules hatte sich mittlerweile wieder auf die Bank gesetzt und blickte Henry bitter an.

»Machst du mit, wenn ich dich brauche?«, lautete seine knappe Frage. Henry grinste und nickt kurz.

China, 1382

Zwei Wochen war es her, dass uns der Vater verlassen hatte. Bisher hörten wir nichts vom ihm. Ich war an diesem frühen Vormittag mit zwei meiner Schwestern auf den Wochenmarkt gegangen, denn wir wollten uns Naschzeug kaufen. Mit dem Händler wurden wir rasch einig, denn er kannte uns und unsere Familie und versuchte erst gar nicht, uns Kinder übers Ohr zu hauen. Wir standen noch am Randes des großen Platzes zusammen und kauten genüsslich die kleinen, honigsüßen Kuchen, als sich an einem der Zugänge zum Markt, genau uns gegenüber, ein Dutzend furchterregende Tiger zeigten, die langsam auf den Platz geritten kamen. Sie sammelten sich auf einer freien Fläche neben den Marktständen, stiegen dort steifbeinig von den Pferden und starrten die überaus ängstlichen Marktbesucher bedrohlich an. Ihre Gesichtsmasken sahen fürchterlich wild aus, waren rot und gelb bemalt. Darunter trugen die Soldaten dick gepanzerte Rüstungen mit langen Schwertern. Unbeweglich verharrten sie, die eine Hand am Griff ihrer Waffe, die andere die Zügel ihrer Pferde haltend. Sie schienen offensichtlich auf etwas zu warten.

Wir Kinder standen atemlos da und starrten zu den fremden Soldaten hinüber. Das waren bestimmt keine Mongolen, auch keine Männer aus Yunnan. Dafür waren die Soldaten mit den Tigermasken viel zu groß gewachsen. Es mussten Chinesen aus dem Norden sein.

Die Kaufleute begannen ihre Stände hastig zusammen zu packen und ihre Waren in Sicherheit zu bringen. Rasch leerte sich der Platz. Zurück blieben die wartenden Tiger, die weiterhin unbeweglich ausharrten.

Nach einer Weile trafen weitere Gruppen von Soldaten ein, manche zu Fuß, andere zu Pferd. Ihre Anzahl stieg immer weiter an, bis der gesamte Platz mit ihnen gefüllt war. Meine Schwestern und ich standen immer noch da und blickten die fremden Krieger ängstlich und gleichzeitig fasziniert an. Doch plötzlich stand unsere Mutter neben uns und fuhr uns an: »Kommt sofort nach Hause. Das hier ist nichts für Kinder.«

Sie trieb uns zurück zum Anwesen, durch das Tor und auf den Hof hinein. Die beiden Hausdiener hatten auf unsere Rückkehr gewartet und schlossen hastig die Flügel hinter uns zu, legten auch den schweren Querbalken vor.

»Ins Haus mit euch«, befahl unsere Mutter mit strenger Stimme und wir Kinder gehorchten ohne Widerspruch, gingen hinein und setzten uns auf die Kissen an der großen Tafel in der Küche. Unsere Mutter ging nervös auf und ab, blickte immer wieder mit sorgenvollem Gesicht durch das Fenster auf den Hof hinaus. Dann begann sie plötzlich zu weinen. Meine Schwestern und ich waren über diesen Stimmungsumschwung bestürzt und erschüttert, blickten uns ohne Verständnis gegenseitig an. Was war geschehen? Warum weinte unsere Mutter? Hatte sie solche Angst vor den fremden Soldaten?

Plötzlich drang von draußen lautes Poltern zu uns herein. Jemand musste vor unserem Tor stehen und kräftig mit einem Knüppel dagegen schlagen. Eine Stimme rief auf Chinesisch: »Auf Befehl von General Xu Da, öffnet sofort.«

Meine Mutter hieß uns, in der Küche zu bleiben. Sie selbst ging jedoch zur Tür hinaus auf den Hof. Von dort drang ihre Stimme bis zu uns hinein.

»Hier ist das Haus des ehrenwerten Ma Hajji. Es sind nur Frauen, Kinder und ein paar Diener hier. Zieht in Frieden weiter.«

Doch der Mann vor dem Tor ließ sich durch die Worte meiner Mutter nicht wegweisen, sondern rief zornig: »Öffnet sofort das Tor oder ihr alle dort drinnen werdet sterben. Wir kommen auf direkte Anweisung von General Xu Da und dulden keinerlei Widerspruch.«

Über diese Worte erschraken meine Schwestern und ich. Gebannt standen wir am Fenster, reckten die Köpfe und schauten auf unsere Mutter. Die stand wenige Meter vor dem Tor, hatte sich hoch aufgerichtet, mit kerzengeradem Rücken, eine stolze, unnahbare Frau. Sie wies unsere Diener an, den Balken zu entfernen. Wang und Shin schlotterten vor Angst, so sehr fürchteten sie sich vor dem, was das Tor bislang draußen gehalten hatte. Als die Sperre endlich entfernt war, schwangen die Flügel sogleich auf und fünf Soldaten drangen mit gezogenen Schwertern in den Hof, verteilten sich dort und bedrohten unsere Mutter und die beiden Diener. Wir Kinder erschraken bei ihrem Anblick heftig und drängten uns unwillkürlich stärker zusammen, blickten jedoch weiterhin gebannt nach draußen.

Der Anführer der fünf Männer befahl: »Durchsucht Haus und Stall und bringt alle auf den Hof.«

Die anderen vier Soldaten setzten sich in Bewegung. Zwei steuerten den Stall an, zwei kamen ins Haus, fanden uns nach wenigen Sekunden und während einer von ihnen uns nach draußen schubste, suchte der andere die weiteren Räume ab.

Auf dem Hof mussten wir uns in einer Reihe aufstellen. Meine Mutter blickte den Anführer der Horde starr an. Sie schien keinerlei Angst mehr gegenüber dem Bewaffneten zu empfinden, zeigte dem gefährlich aussehenden Mann eine stolze Verachtung. Sie strahlte dabei so viel Kraft und Sicherheit aus, dass sie selbst diesen harten Soldaten zu beeindrucken schien. Ich bewunderte meine Mutter in diesem Augenblick mehr als je zuvor. Sie war eine echte Kriegerin und meinem Vater eine überaus würdige Ehefrau.

Als auch die anderen drei Soldaten zurückgekehrt waren und ihrem Anführer meldeten, dass sie niemand weiteres mehr gefunden hätten, wandte der sich an meine Mutter: »Ist das dein einziger Sohn?«, und damit deutete er mit seinem Schwert auf mich.

»Ja«, log meine Mutter und ihre Stimme klang dabei klar und fest, »er heißt He und ist zehn Jahre alt.«

»Er kommt mit uns«, meinte der Anführer hart und bestimmt und fügte dann an, »ihr anderen bleibt hier.«

Damit war alles gesagt. Zwei Soldaten packten mich unter den Achseln und hoben mich mühelos hoch und wandten sich zum Gehen, während meine Mutter aufschrie und sich auf den Anführer stürzte. Dieser schlug ihr jedoch brutal mit der Faust ins Gesicht und sie fiel benommen zu Boden. Meine Schwestern begannen schreiend zu weinen und ich hing, schlotternd vor Angst, zwischen den beiden hochgewachsenen Soldaten, spürte ihre harten Finger an meinen Oberarmen, fühlte ihre starren Lederrüstungen durch meine Hosenbeine. Vor Schreck war ich unfähig mich zu wehren, zu schreien oder auch nur zu weinen.

*

Ich weiß nicht, wie lange wir Kinder in diesem feuchten Keller eingesperrt waren. Bloß ein paar Tage? Oder gar viele Wochen? Die Zeit kam uns endlos vor und längst hatten wir aufgehört, die Mahlzeiten zu zählen, die sie uns regelmäßig hineinbrachten. Es waren die einzigen Minuten, wo die Schwärze um uns herum durch ein paar Öllampen erhellt wurde.

Die Soldaten hatten nach ihrem Einmarsch in Kunyang alle Knaben auf dem Dorfplatz zusammengetrieben. Hier hockten wir eine ganze Zeit lang am Boden, bis auch das letzte Haus durchsucht war. Danach führte man uns auf der Hauptstraße zur Stadt hinaus. Wir gingen stundenlang durch den Staub, bis die ersten von uns vor Schwäche hinfielen und nicht mehr weiterlaufen konnten. Ein Nachtlager wurde abseits der Straße aufgeschlagen und wir Kinder bekamen einen Becher Wasser und eine Schüssel Brei zu essen. Am nächsten Morgen ging es weiter, den ganzen Tag über und bis in die Nacht hinein. Längst hatten wir uns Blasen an den Füssen gelaufen und viele von uns wankten bei jedem Schritt, drohten vor Schwäche umzufallen. Keiner von uns wusste, wo wir uns befanden und wohin man uns brachte. Längst waren wir von der Hauptstraße auf einen Seitenweg abgebogen, der uns zwischen hohe Hügel führte. Es war bereits dunkel, als vor uns im Schein einiger Lampen ein riesiges Gehöft auftauchte. Die Gebäude waren ganz aus Stein gebaut und drei Stockwerke hoch. Nie zuvor hatte ich ein so großes Haus gesehen, abgesehen von Palast von Prinz Basalawarmi. Man führte uns durch ein Portal ins Innere. Dort mussten wir eine steinerne Treppe hinuntersteigen. Das Licht der wenigen Lampen warf bizarre Schatten an die Wände und die meisten von uns Kindern fürchteten sich vor ihnen, denn sie sahen aus wie Drachen oder böse Geister, die uns jeden Moment anfallen und verschlingen konnten. Die Jüngsten fingen wieder an zu weinen, wurden von den chinesischen Soldaten sogleich grob angeschnauzt. Unten ging es einen langen Gang mit vielen Türen entlang. An seinem Ende stand eine davon offen und wir wurden in einen großen, aber sehr niedrigen Raum gedrängt. Etwas Stroh war auf dem Boden ausgebreitet und es roch modrig und nach Alkohol. Vielleicht war er bisher als Lagerraum für Reiswein verwendet worden.

Wir mussten uns hinsetzen, dann gingen die Soldaten auch schon hinaus, verschlossen die Türe hinter sich und es wurde um uns herum finster. Viele Kinder riefen eine ganze Weile lang vor Angst nach ihrer Mutter oder ihrem Vater. Wir weinten gemeinsam und fühlten uns von aller Welt verlassen. Doch nach einiger Zeit wurden wir müde, kuschelten uns aneinander und schliefen erschöpft ein.

Seit unserer Ankunft gab es für uns weder Tag noch Nacht, nur eine sich öffnende Tür mit hellem Lampenschein, rasch verteiltem und hastig hinunter geschlungenem Essen und langem Warten in Dunkelheit.

Irgendwann blieb die Türe nach einer Mahlzeit jedoch offenstehen. Wir mussten uns nackt ausziehen und danach in zwei Reihen aufstellen. Dann wurden wir durch die Tür hinaus auf den Gang und von dort die Treppe hoch geführt. Es wurde immer heller um uns herum, wir sahen das Tageslicht von oben durch ein Fenster fluten, spürten in uns eine steigende Aufregung.

Wir traten durch das Portal in die gleißende Sonne hinaus. Halb blind stolperten wir zwei Stufen hinunter in den Hof und ich spürte plötzlich Sand unter meinen nackten Fußsohlen, klebriger Sand. Meine Augen tränten und schmerzten immer noch, als wenn mir jemand Nadeln hineinstoßen würde, so sehr brannte das Licht der Sonne in ihnen. Erst nach einer ganzen Weile klärte sich mein Blick und ich erkannte einen weiten Hof vor mir, auf dem auch noch andere Gruppen von nackten Knaben standen, hockten oder lagen, umringt von Soldaten. Von überall her tönten schmerzhafte und erschrockene Kinderschreie zu uns hinüber und als ich auf den Boden blickte, erkannte ich, dass der Sand um uns herum ganz braun war und entsetzlich süßlich stank.

Ein Chinese mit einer ledernen, fleckigen Schürze trat zu unserer Gruppe hinzu. Er hielt ein blutiges Messer in der Hand. Zwei Soldaten packten wortlos den erste von uns an seinen Armen und schoben ihn zum Mann mit der Schürze hin. Dieser griff dem Jungen zwischen die Beine, zog an seinem Geschlechtsteil und schnitt es dann mit einem Ritsch seiner scharfen Klinge einfach ab.

Der Knabe schrie erschrocken auf, hatte noch gar nicht begriffen, was mit ihm geschehen war. Sein Glied mit dem Hodensack ließ der Mann mit dem Messer achtlos in einen bereitstehenden Korb fallen. Dann kam auch schon der nächste von uns dran, wurde von zwei anderen Soldaten zum Mann mit dem Messer geführt, ein Schnitt und ein weiterer Penis landete im Weidekorb. Wir anderen Kindern standen starr vor Schrecken, konnten nicht glauben, was wir sahen. Dann drängten die ersten von uns aus dem Ring der Erwachsene, wollten ihnen entkommen. Doch die Männer hielten uns zusammen, verteilten Ohrfeigen oder schlugen mit ihren Fingerknöcheln hart auf unsere Köpfe, so dass wir Sterne sahen und uns rasch wieder zusammendrängten. So ergaben sich die meisten von uns ihrem Schicksal, wie Schafe im Angesicht der Schlachtbank. Jeder von uns kam an die Reihe, wurde von zwei Soldaten gepackt, zur Klinge geführt und verlor dort sein Geschlechtsteil. Alle schrien nach dem Schnitt auf, viele sanken sogar bewusstlos zu Boden oder weinten haltlos. Doch sie alle wurden von den Soldaten grob gepackt und zu einer etwas entfernt stehenden Mauer geschleppt. Dort war Stroh in Bahnen ausgebreitet und die Knaben wurden in langen Reihen darauf abgelegt. Dutzende lagen schon dort, krümmten sich vor Schmerz, Scham und grenzenloser Wut.

Mein älterer Bruder Wenming hatte mir vor einiger Zeit eine Schauergeschichte erzählt, in der ein Knabe von bösen Männern kastriert worden war. Wenming wollte mich mit der Erzählung sicher bloß erschrecken, was ihm aber nicht wirklich gelang. Die Geschichte klang einfach zu unmöglich. Doch genau dieses Schicksal sollte nun auch mir blühen. Das war für mich kaum vorstellbar. Träumte ich das alles bloß? Immer noch starr vor Schrecken schaute ich mit großen Augen dem grausigen Schauspiel nur wenige Meter entfernt zu. Doch ich spürte einen immer heftigeren, unbändigen Zorn in mir aufsteigen, geboren aus meiner Hilflosigkeit.

Als sie dann auch mich packten, da wehrte ich mich mit all meiner Kraft und Verbissenheit gegen die beiden Verfolger. Nein, so einfach wollte ich es ihnen nicht machen. Ich kämpfte wie um mein Leben. Mit einem Bein trat ich nach dem Stiefelschaft eines der Soldaten, traf ihn mit dem Fußrücken schmerzhaft auf das Schienbein. Er schrie auch ärgerlich auf und ließ meinen Arm einen Moment lang los. Ich warf mich herum und biss dem anderen Kerl in den Unterarm. Dieser war zwar durch seine dicke Jacke geschützt, doch meine Zähne bohrten sich mit ganzer Kraft in den Stoff hinein. Er schrie ebenfalls auf, eher ärgerlich als schmerzhaft, schwang seinen Arm herum und ich wurde mitgerissen. Dann schlug mir der erste Mann mit der Faust hart auf den Kopf und ich verlor für zwei Sekunden das Bewusstsein, fühlte bloß, wie sie mich von neuem packten und mir diesmal die Arme auf den Rücken drehten. Trotz der Schmerzen in meinen Schultern bäumte ich mich auf, als sie mich vor den Mann mit dem Messer führten, versuchte, diesem mit meinen Füssen in den Bauch zu treten. Der lachte jedoch bei meinem Strampeln nur grimmig auf und wich den Beinen geschickt aus, ließ gleichzeitig sein Messer zu Boden fallen und schnappte mit beiden Händen nach meinen Fußgelenken, vermochte sie zu packen. So zwangen mich die drei Männer schließlich auf den Boden, wo ich mich immer noch mit ganzer Kraft wehrte. Doch es half alles nichts. Einer der beiden Soldaten kniete sich auf meine Brust und hielt meine Arme fest, so dass mir die Luft wegblieb, der andere packte meine Fußgelenke und zwang meine Beine auseinander. Der dritte mit dem Lederschurz hob schließlich die blutige Klinge vom Boden auf. Dabei grinste er mich belustigt und anerkennend zugleich an.

»Du bist ja ein richtig tapferer Kämpfer«, meinte er überhaupt nicht böse, sondern aufmunternd und gut gelaunt, »aus dir kann mal was werden, Junge.«

Dann wischte er das sandige Messerblatt an seiner Lederschürze ab und griff nach meinem Penis. Seine schwielige Hand fühlte sich rau an, als er zugleich Glied und Hodensack von mir packte, an ihnen zog und beide mit einem raschen Schnitt seiner Klinge abtrennte. Ich schrie mehr vor Überraschung denn vor Schmerz auf, ja, anfangs spürte ich gar nichts von der Verletzung zwischen meinen Beinen, hatte bloß ein völlig leeres Gefühl in meinem Unterleib. Der auf meiner Brust kniende Soldat ließ endlich von mir ab, ich richtete meinen Oberkörper etwas auf, stützte mich dabei auf meine Ellbogen und blickte auf die Wunde zwischen meinen Beinen hinunter. Als ich das viele Blut sah und roch, wurde mir elendig und am liebsten wäre ich in diesem Moment gestorben. Der Mann mit der Klinge stand immer noch lächelnd über mir. Dann warf er mir meinen Penis auf den Bauch und meinte: »Den darfst du ausnahmsweise behalten. Weil du so tapfer gekämpft hast, mein Junge.«

Mein Glied mit der so überaus zarten Haut und dem schrumpeligen Hodensack mit den beiden kleinen Eiern darin fühlte sich noch warm, aber völlig fremd in meiner Hand an. Ich drückte sie trotzdem an meine Brust, verbarg sie mit beiden Händen wie einen Schatz. Doch dann stellte sich der furchtbare Schmerz plötzlich ein, überflutete meinen ganzen Körper wie eine feurige Welle. Ich krümmte mich zusammen und begann laut schreiend zu weinen. Halb betäubt vor Pein lag ich am Boden, schrie meine heiße Angst und die grenzenlose Wut gleichermaßen hinaus. Jemand packte mich unter den Achselhöhlen und schleppte mich hinüber zur Mauer mit dem ausgebreiteten Stroh, ließ mich dort achtlos fallen.

Wenig später trat eine Frau zu mir hin, drehte mich auf den Rücken und untersuchte die klaffende Wunde zwischen meinen Beinen. Sie streute erst eine Handvoll weißes Pulver darauf, das höllisch brannte und sich sofort rot zu verklumpen begann. Der neue Schmerz übertraf den bisherigen sogar noch und ich glaubte einen Moment lang, sie hätte mir fein zerriebenes Salz in die Wunde gestreut und die Frau wollte mich zu Tode quälen. Doch dann legte sie ein weiches, mehrfach eingeschlagenes Tuch darüber und wickelte eine Stoffbahn geschickt um mein Becken und die Oberschenkel, fixierte so den Verband auf der Wunde. Dann stand sie auf und ging zum nächsten Knaben, der kaum einen Meter von mir entfernt hingelegt worden war. Es war Zui Sha, ein Nachbarjunge aus meinem Dorf. Mit ihm hatte ich mich nie gut verstanden und wir hatten uns böse Streiche gespielt, hatten uns auch schon mehrmals geprügelt.

Nachdem auch er verbunden war, drehte er mir sein verweintes Gesicht zu.

»Wir sind alle tot, He«, jammerte er mit vor Schmerz gezeichnetem Gesicht.

»Warum sagst du so etwas, Sha?«, gab ich ihm trotzig zur Antwort. Ich versuchte, den unsäglichen Schmerz zwischen meinen Beinen zu ignorieren und meine Stimme möglichst fest klingen zu lassen, »man hat uns zwar geschunden, doch nicht getötet.«

»Ich spüre aber, dass ich sterben werde. Schau doch meine Wunde an. Sie blutet immer noch weiter. Der ganze Verband ist schon rot.«

Ich blickte zwischen seine Beine und tatsächlich drückte sein Blut bereits durch das Tuch hindurch und tränkte die Stoffbahnen. Erschrocken und voller Angst blickte ich an meinem Körper hinunter, erkannte sogleich, dass der dicke Verband nur einen einzigen, recht kleinen, roten Punkt aufwies, der nicht weiter anwuchs. Die Blutung musste bei mir wohl gestoppt haben. Sofort machte sich ein beruhigendes Gefühl in mir breit, eine eigentümliche Freude, trotz meiner so misslichen Lage und all der Schmerzen. Ich richtete mich noch etwas höher auf und rief die Frau an, die erst mich und dann Zui Sha verbunden hatte und die bereits zwei Kinder weiter am Boden kniete, um den nächsten Knaben zu versorgen.

»Was willst du?«, gab sie ärgerlich zurück.

»Können Sie bitte noch einmal nach meinem Freund hier sehen? Bei ihm hört es nicht auf zu bluten.«

Sie blickte dumpf und ohne erkennbares Interesse zu Sha hinüber und schüttelte dann den Kopf.

»Manche überleben, die meisten sterben sowieso. Jeder bekommt dieselbe Chance.«

Damit ging sie weiter zum nächsten Knaben in der Reihe. Das Gesicht der Frau hatte bei ihren kalten Worten völlig gleichgültig und wie tot ausgesehen, als wäre sie aus Stein und kein lebendiges Wesen. Dieses unbeteiligte, verhärmte Gesicht der Frau, die wohl längst zu keiner menschlichen Regung mehr fähig war, würde mich mein Leben lang verfolgen.

Sha starb wenige Stunden später. Ich war in einen betäubenden Halbschlaf gefallen, hörte kaum mehr sein Jammern oder auch nicht das der anderen Knaben um mich herum. Doch als ich wieder zu mir kam, atmete Sha nicht mehr. Seine starren, weit geöffneten Augen blickten mich jedoch immer noch ängstlich an. Auch die meisten anderen Knaben um mich herum waren wohl aufgrund des hohen Blutverlusts irgendwann in der Nacht gestorben. Die meisten schienen allerdings friedlich und vor Erschöpfung eingeschlafen zu sein. Ihr Herz hatte irgendwann einfach aufgehört zu schlagen.

Soldaten gingen unsere Reihen ab, packten alle toten Kinder, schleiften sie zu einem Karren hinüber und warfen sie dort achtlos aufeinander, stapelten sie bis über die Seitenbretter hinaus. Dann kam auch Sha neben mir an die Reihe, landete auf dem bereits sehr vollen Wagen ganz zuoberst. Er lag auf seinem Rücken, die Arme weit von sich gestreckt, den Kopf nach unten und zu mir hingedreht. Er schien mich immer noch anzustarren, voller Angst und ohne jede Hoffnung.

Als sie den Karren über den unebenen Hof wegführten, da baumelte sein Kopf hin und her. Es sah aus, als würde sich Sha immer noch darüber wundern, was ihm zugestoßen war.

London 13. Januar 2000 – Tempel der United Grand Lodge / Büro des Sekretärs

»Es ist mir ein ausgesprochenes Vergnügen, Sie in die Besonderheiten eines Dekadenprojekts einzuführen, Mister Lederer.«

Jules saß dem Generalsekretär der United Grand Lodge gegenüber und hatte seinen Laptop vor sich auf dem Besprechungstisch stehen. Dass ihn sein Logenbruder an diesem Morgen siezte, empfand er als merkwürdig, denn im Tempel duzten sich alle Freimaurer untereinander und die allermeisten hielten es auch. Außerhalb der Loge so. Doch wenn man von jemandem eine neue Regel aufgezwungen bekam, sollte man erst einmal genau hinhören, bevor man sie zu ändern versuchte. Es zahlte sich meistens aus, die Beweggründe des anderen herauszufinden. Darum blickte Jules den Sekretär nur aufmerksam an und nickte.

»Auf dieser CD hier finden Sie alles, was ich Ihnen gleich erzählen werde, auch noch in schriftlicher Form vor.«

Damit schob ihm der Sekretär eine Kunststoffhülle über das Tischblatt. Jules nahm sie auf und steckte sie unbesehen in die Laptop-Tasche.

»Die Dekadenaufträge der United Grand Lodge sind eine ganz besondere Chance für jeden Projektleiter. Man kann sich damit ein hohes Ansehen verdienen ...«

»... oder man scheitert kläglich und wird von allen anderen ausgelacht«, warf Jules grimmiger als gewollt ein.

»... oder man scheitert und wird von allen anderen ausgelacht«, wiederholte der Generalsekretär ungerührt und ohne ein Lächeln auf den Lippen.

»Als Projektleiter verfügen Sie über umfassende Gestaltungsmöglichkeiten. Überwacht wird Ihre Tätigkeit durch den Ausschuss und durch meine Person. An unserer Vollversammlung am letzten Montagabend haben Sie erwähnt, dass Ihnen jedes Mitglied der United Grand Lodge einhundert Arbeitsstunden schuldig sei. Das stimmt so nicht ganz. Im Prinzip schuldet Ihnen jedes Mitglied jeder Freimaurerloge in Großbritannien die erwähnten hundert Stunden. Das Schreiben an die über siebentausend Logen unseres Landes mit der Bekanntgabe Ihres Namens als gewählter Projektleiter wurde gestern abgeschickt. In spätestens einem Monat kennt jedes Mitglied Ihren Namen.«

»Doch es bringt wohl kaum etwas, Leute für bloß einhundert Stunden innerhalb von zehn Jahren in ein Projekt einzubinden?«, stellte Jules mehr fest, als dass er fragte.

»Ganz wie Sie meinen, Mister Lederer«, gab der Grand Secretary ungerührt zurück.

»Hat eigentlich schon einmal jemand versucht, ein Dekadenprojekt rein auf der Basis von Fronarbeit der Mitglieder aufzubauen und zu leiten?«

»Nein, soviel ich weiß, noch nie. Doch alles beginnt mit einem Anfang… «, gab sein Gegenüber ihm unbestimmt zurück.

»... nur die Wurst, die hat zwei«, ergänzte Jules in abgewandelter Erinnerung an einen älteren Song aus Deutschland, worauf ihn der Sekretär der United Grand Lodge etwas irritiert anblickte, dann aber unbeirrt weiterfuhr.

»Auf der CD finden Sie auch alle Informationen zu einem Bankkonto der Loge, das wir für Projekt 32 einrichten ließen. Sie haben über das Internet elektronischen Zugang zu diesem Konto, brauchen also nicht für eine Unterschrift bei der Bank vorbei zu gehen. Derzeit liegen auf dem Konto eine Million Pfund. Der finanzielle Rahmen für unsere Dekadenprojekte liegt bekanntlich bei zwanzig Millionen Pfund, wobei Sie vor jedem Abruf einer neuen Tranche jeweils einen Status-Bericht zu meinen Händen einreichen müssen. Daraus muss die exakte Verwendung der bisherigen Gelder hervorgehen. Ich gebe dann die nächste Überweisung frei und sie wird Ihnen auf das Konto übertragen. Falls sich abzeichnen sollte, dass die zwanzig Millionen Pfund nicht ausreichen, müssen Sie einen entsprechenden Antrag um Ausweitung des Kreditrahmens an den Ausschuss stellen. Rechnen Sie in diesem Fall jedoch mit einem Zeitraum von mindestens drei Monaten, bis darüber entschieden werden kann.«

Er machte eine kurze Pause, um Jules Gelegenheit für eine Frage zu geben. Doch dieser blickte den Sekretär weiterhin abwartend an. In den Augen des Schweizers zeigte sich jedoch bereits eine Spur von Resignation.

»Wir erwarten im Übrigen, dass Sie die Buchhaltung des Projekts nach den Richtlinien des IFRS führen lassen. Sie müssen mir auch jeden Monat die aktuelle Bilanz und Erfolgsrechnung einreichen, vierteljährlich ergänzt mit einer Geldflussrechnung. Rüsten Sie Ihr Projektbüro also bitte entsprechend ein. Es ist immer wieder ärgerlich, wenn ich solch grundsätzlichen Dingen nachrennen muss.«

Jules nickte düster, nicht wegen der verlangten Rechnungslegungsvorschrift, sondern generell wegen dem administrativen Aufwand, der ihn in den kommenden zehn Jahren begleiten würde. Als selbständiger Problemlöser war er es gewohnt, mit seinen Kunden direkt und möglichst formlos zu kommunizieren. Der ganze Bürokram war ihm verhasst und einer der wichtigeren Gründe gewesen, warum er vor Jahren den gut organisierten und äußerst interessanten Job bei der Zürcher Anwaltskanzlei aufgegeben und sich selbständig gemacht hatte.

»Jährlich, im Juni, findet im Übrigen eine Revision der Buchhaltung statt. Ich bitte Sie deshalb, den Jahresabschluss jeweils bis Ende Mai bereitstellen zu lassen. Einen umfangreichen Jahresbericht nach IFRS über den Projektfortschritt können Sie sich allerdings sparen...«, Jules atmete etwas auf, »... denn der Ausschuss erwartet diesen selbstverständlich vierteljährlich.«

Jules ließ seine Schultern noch tiefer sinken.

»Haben Sie noch eine Frage an mich?«, hörte er den Sekretär anfügen. Jules schrak aus seiner steigenden Lethargie auf und blickte auf den Bildschirm seines Laptops. Die Textverarbeitung von OpenOffice war hochgefahren und auf der ersten Zeile stand PROJEKT 32, in Arial 11.5 und fett. Sonst war die Seite immer noch leer.

»Äh, nein, Herr Generalsekretär. Ich denke, alles Notwendige finde ich wohl auf der CD.«

»Dann wünsche ich Ihnen einen erfolgreichen Start«, wurde er vom Sekretär verabschiedet. Jules klappte seinen Laptop zu und verstaute ihn in der Tasche. Dann reichte er dem Generalsekretär die Hand zum Abschied.

»Eine Frage hätte ich doch noch. Projekt 31 endete vor zwei Jahren in einem Desaster. Einige ältere Logenmitglieder haben mir erklärt, dass auch die Projekte 29 und 30 keinen Erfolg brachten und nur viel Geld und Zeit gekostet haben.«

Der Generalsekretär nickte zustimmend zu seinen Worten und hatte zum ersten Mal während ihres Gesprächs etwas Ähnliches wie ein Lächeln im Gesicht stehen, wartete dabei sichtlich auf die angekündigte Frage.

»War überhaupt jemals eines dieser Projekte erfolgreich? Ich meine, war der Ausschuss oder die Vollversammlung zu irgendeiner Zeit jemals zufrieden mit dem abgelieferten Ergebnis eines Dekadenprojekts?«

»Diese Frage habe ich, ehrlich gesagt, erwartet, Mister Lederer. So viel ich aus den Aufzeichnungen meiner Vorgänger erfahren konnte, liefert etwa jedes fünfte Projekt ein allseits anerkanntes, positives Ergebnis. Bei weiteren dreißig Prozent fallen die Antworten befriedigend aus. Doch bei der Hälfte der Projekte sind die Leiter regelmäßig überfordert und scheitern an der Aufgabe.«

Jules blickte den Mann nachdenklich an, nagte dabei an seiner Unterlippe und schien abzuwägen.

»Vier zu eins also? Na gut. Immerhin eine größere Chance als ein Schneeball in der Hölle.«

*

In den nächsten Tagen und Wochen begann Jules das Projekt zu organisieren. Zurück in der Schweiz mietete er sich Büroflächen in einem neuen Gewerbegebiet nahe Lausanne. Dann heuerte er Ruth Schnetzler an, eine Buchhalterin mit Fachausweis, die er seit vielen Jahren kannte. Ruth würde das zentrale Projektbüro führen und dafür sorgen, dass die Zahlen jederzeit griffbereit vorlagen und dass sie vor allem stimmten. Für ihre Infrastruktur an Büromöbeln und Geräten musste Ruth selber besorgt sein. Jules richtete ihr den Zugang auf das Bankkonto des Projekts ein und gab ihr schriftlich die notwendigen finanziellen Vollmachten, damit sie bei Bedarf selbständig und ohne Rücksprache mit ihm Infrastruktur besorgen und notwendige Hilfskräfte einstellen oder Dienstleistungen einkaufen konnte.

Gemeinsam engagierten sie eine Woche später Jean Bapte, einen Informatik-Studenten. Er würde den Internetauftritt für Projekt 32 aufbauen und später betreuen. Denn für Jules war von Anfang an klar, dass nur dieses Medium den Informationsaustausch der verschiedenen für das Projekt notwendigen Expertenteams sicherstellen konnte.

Lederer besorgte sich in diesen Tagen aber auch sämtliche Bücher, die er über Zheng He und die chinesische Schatzflotte finden konnte.

Je mehr er sich in die Geschichte des Eunuchen hineinlas, umso mehr faszinierte ihn die gestellte Aufgabe der Loge. Es rankten sich so viele Geheimnisse um das Leben und Wirken dieser herausragenden Persönlichkeit. Das war ganz nach dem Geschmack des Schweizers und bald einmal war er Henry Huxley nicht mehr allzu böse, dass er ihn als Projektleiter vorgeschlagen hatte.

Als Junge kam Ma He, wie Zheng He damals hieß, an den chinesischen Kaiserhof. Hier zeichnete er sich durch Intelligenz, Ehrgeiz und strategische und organisatorische Fähigkeiten aus. 1403 wurde er vom Kaiser beauftragt, eine Flotte bauen zu lassen. Und in den nächsten dreißig Jahren befuhr er mit ihr siebenmal die Weltmeere, stieß mit seinen Schiffen zumindest bis zur Ostküste von Afrika vor. Manche Forscher behaupteten sogar, dem chinesischen Seefahrer wäre die erste Erdumrundung gelungen und er hätte zudem die Arktis und die Antarktis erforscht, die Karibik und Australien besucht und sogar den Westen Amerikas erreicht und besiedeln lassen. Damit wäre Zheng He den europäischen Entdeckern nicht nur um viele Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte voraus gewesen. Er hätte gleichzeitig zu den Menschen gehört, die in ihrem Leben am meisten geleistet hätten.

Schon während dieser ersten Annäherung an das Thema machte sich Jules beständig Notizen. Er suchte nach dem richtigen Schlüssel für eine sinnvolle Strukturierung des Projekts, für den Aufbau und die Vorgehensweise. Welche Fachteams in welcher Zusammensetzung sollten welchen zentralen Fragen nachspüren? Wie konnte man an stichhaltige Beweise herankommen, wenn die Taten der Chinesen sechshundert Jahre in der Vergangenheit lagen?

Ein wichtiger Schlüssel zur Lösung all der Fragen konnte im Grabmal von Zheng He zu finden sein. Wie Jules erfuhr, hatte man damals in der alten Hauptstadt Nanjing ein Mausoleum für den Seefahrer errichtet, nicht weit von den Werftanlagen entfernt, in denen er die Schiffe bauen ließ. Doch das Mausoleum war nachweislich nie benutzt worden. Es gab nicht einmal gesicherte Daten darüber, wann, wie und wo Zheng He gestorben war. Obwohl er zu den einflussreichsten chinesischen Beamten seiner Zeit gehört hatte, wusste man nicht, ob er 1433 auf seiner letzten Fahrt in den Westen verstorben und irgendwo begraben lag oder doch irgendwann nach China zurückgekehrt war. Die kaiserlichen Aufzeichnungen bewiesen jedoch, dass Zheng He nicht nur Seefahrer, sondern auch oberster Kommandant der Schutztruppen von Nanjing war. Dieser Posten wurde nachweislich erst 1435 neu besetzt. Zheng He musste also zwischen 1433 und 1435 gestorben sein, jedoch kaum in China, sondern eher im Ausland. Sonst wäre sein Mausoleum wohl kaum leer geblieben. Entsprechend unsicher und gewagt waren darum sämtliche Spekulationen darüber, wo sein Grab liegen konnte, denn selbst eine Seebestattung lag durchaus im Bereich des Möglichen.

Die gestellte Aufgabe wurde durch zwei Umstände weiter erschwert, wie Jules in einem der Bücher las. Denn die chinesischen Kaiser hielten nicht allzu viel von der Wahrheit und fälschten regelmäßig die Aufzeichnungen in den Akten. Zudem wurde die Geschichte Chinas erst von der Hang Dynastie, ab dem Jahr 1650, systematisch erforscht und aufgezeichnet. Das aber war mehr als zweihundert Jahre nach dem Verschwinden von Zheng He aus der Geschichte.

Könnte man sein Grab jedoch aufspüren, so lägen darin wahrscheinlich Beweise für den tatsächlichen Umfang seiner Fahrten, irgendwelche Artefakte oder Schriftrollen. Viele Historiker, Forscher und Schatzsucher hatten sich in den vergangenen Jahrzehnten darum auf die Suche nach seinem Bestattungsort gemacht. Sie alle waren gescheitert. Wie aber sollte er das schaffen, was so vielen Experten misslungen war?

An diesem kalten Sonntagmorgen stieg Jules die Hügel von Morges hinauf, bewegte sich zwischen den endlos scheinenden Reihen von Rebstöcken, glitt auf dem gefrorenen Februarboden immer wieder aus und musste sich mit den Händen am Boden abfangen, schrammte sich die Haut an den scharfen Kanten der Steine und der Erdkruste auf. Trotzdem kehrte er nicht um, stapfte breitbeinig weiter, wirkte dabei trotzig und verbissen.

Zheng He hatte einige Dutzend riesiger Dschunken und hunderte von Kriegs- und Versorgungsschiffen bauen lassen, zwar im Auftrag des Kaisers, jedoch gleichzeitig gegen den Widerstand der Mandarinen. Die chinesische Beamtenschaft verwaltete damals das Reich, während die Eunuchen im Wesentlichen nur für den Kaiserhof zuständig waren und manchmal für Sonderaufgaben und diplomatische Missionen eingesetzt wurden. Dass ausgerechnet ein Eunuch ein solch gewaltiges, nautisches Projekt geleitet hatte und nicht einer der hohen Beamten oder ein Militär, musste die Kluft zwischen den beiden Lagern noch verschärft haben. Die Mandarinen, ganz dem konfuzianischen Gedankengut verhaftet, lehnten Expeditionen ins Ausland generell ab, während die weltoffenen Eunuchen darin wohl eine große Chance für das Reich sahen. Wie riesig musste wohl das Pflichtbewusstsein und die Willenskraft dieses Zheng He gewesen sein, gegen alle Widerstände in der Verwaltung zuerst in weit entfernten Waldgebieten hunderttausende von Bäumen fällen zu lassen, sie nach Nanjing zu flössen und hier in eine riesige Flotte zu verwandeln?

Ja, Jules spürte an diesem Sonntagmorgen, hoch über dem Städtchen Morges, ein wenig vom Geist dieses chinesischen Pioniers. Mit jedem Schritt, jedem neuerlichen Ausgleiten und Auffangen fühlte er sich dem Wesen des Eunuchen ein kleines Stückchen näher verbunden. Er war bestimmt ein Machtmensch gewesen, dieser Zheng He, vielleicht sogar skrupellos bis hin zu gewissenloser Menschenverachtung. Doch ebenso sicher musste er auch Poet und Träumer gewesen sein. Denn nur schöpferische Menschen sind zu wirklich großen Taten befähigt.

Als Jules auf der Hügelspitze ankam, hatten sich die letzten Nebelfetzen über dem Genfersee aufgelöst und das Wasser begann in der kalten, klaren Luft verführerisch zu glitzern. Jules stellte sich einen Moment lang vor, wie Zheng He vor vielen Jahrhunderten vielleicht selbst auch auf einem solchen Hügel stand und stolz auf seine Werftanlagen hinunterschaute, sich ein Meer von Schiffen betrachtete, die auf sein Geheiß hin gebaut worden waren, eine riesige Schatzflotte, die fast dreißigtausend Menschen befördern sollte und die er für Entdeckungen und Eroberungen gleichermaßen einsetzen konnte.

Plötzlich erfasste den Schweizer ein starkes Fernweh, einen inneren Drang, für sich selbst die Welt neu zu entdecken und zu erobern. Dieses Gefühl entsprang zuerst in seiner Bauchhöhle, breitete sich dann jedoch rasend schnell aus und stieg hoch. Jules atmete tief ein. Sein Brustkorb weitete sich, so als müsste er unsichtbare Fesseln sprengen, die ihn bislang einschnürten. Befreit stieß er die Luft aus, spürte gleichzeitig, wie sich in seinem Hals ein Kloß bildete, der wie ein Korken auf den Gefühlen in seiner Brust saß, sie nicht weiter hochsteigen ließ. Jules schluckte mühsam und trocken und auf einmal war dieser Druck weg, wurde abgelöst von einem warmen, weichen Strom, der sich langsam bis zu seinem Gehirn hoch ausbreitete. Ein unglaubliches Glücksgefühl überkam den Schweizer, verlieh ihm Ruhe und Zuversicht für seine kommenden Aufgaben im Projekt 32.

War es dem großen chinesischen Seefahrer vor sechshundert Jahren beim Anblick seiner Flotte vielleicht ebenso ergangen? Hatte auch er große Zweifel zu bekämpfen und seine ganze Kraft erst bündeln müssen?

China, 1382