Heimat-Roman Treueband 84 - Rosi Wallner - E-Book

Heimat-Roman Treueband 84 E-Book

Rosi Wallner

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Beschreibung

Lesen, was glücklich macht. Und das zum Sparpreis!

Seit Jahrzehnten erfreut sich das Genre des Heimat-Bergromans sehr großer Beliebtheit. Je hektischer unser Alltag ist, umso größer wird unsere Sehnsucht nach dem einfachen Leben, wo nur das Plätschern des Brunnens und der Gesang der Amsel die Feierabendstille unterbrechen.

Zwischenmenschliche Konflikte sind ebenso Thema wie Tradition, Bauernstolz und romantische heimliche Abenteuer. Ob es die schöne Magd ist oder der erfolgreiche Großbauer - die Liebe dieser Menschen wird von unseren beliebtesten und erfolgreichsten Autoren mit Gefühl und viel dramatischem Empfinden in Szene gesetzt.

Alle Geschichten werden mit solcher Intensität erzählt, dass sie niemanden unberührt lassen. Reisen Sie mit unseren Helden und Heldinnen in eine herrliche Bergwelt, die sich ihren Zauber bewahrt hat.

Dieser Sammelband enthält die folgenden Romane:

Alpengold 253 - Der Bergfürst brach ihr junges Herz

Alpengold 254 - Die heimliche Hoferbin

Der Bergdoktor 1841 - Am wilden Wasser

Der Bergdoktor 1842 - Dr. Burger und eine verblendete Frau

Das Berghotel 179 - Glückliche Novembertage

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 623

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Rosi Wallner Maria Fernthaler Andreas Kufsteiner Verena Kufsteiner
Heimat-Roman Treueband 84

BASTEI LÜBBE AG

Vollständige eBook-Ausgaben der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgaben

Für die Originalausgaben:

Copyright © 2016/2017/2018 by

Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln

Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und Data-Mining bleiben vorbehalten.

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Für diese Ausgabe:

Copyright © 2026 by

Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln

Covermotiv: © Bastei Verlag (unter Verwendung von KI-Software)

ISBN: 978-3-7517-9645-3

https://www.bastei.de

https://www.bastei-luebbe.de

https://www.lesejury.de

Heimat-Roman Treueband 84

Cover

Titel

Impressum

Inhalt

Alpengold 253

Der Bergfürst brach ihr junges Herz

Alpengold 254

Die heimliche Hoferbin

Der Bergdoktor 1841

Am wilden Wasser

Der Bergdoktor 1842

Dr. Burger und eine verblendete Frau

Das Berghotel 179

Glückliche Novembertage

Guide

Start Reading

Contents

Der Bergfürst brach ihr junges Herz

Für kurze Zeit schwebt Regina im siebenten Himmel

Von Rosi Wallner

Ungeduldig wartet die schöne Murner-Regina an der kleinen Bergkapelle, und ihre Blicke hängen voller Sehnsucht an der sportlichen Gestalt, die über den schmalen Wiesenpfad zu ihr emporsteigt. Donats leuchtend blondes Haar fällt ihm störrisch in die Stirn und scheint sein wildes Wesen noch zu unterstreichen.

Doch als er Regina dort oben erblickt, erhellt ein unwiderstehliches Lächeln sein markantes Gesicht, und dieses Lächeln genügt, um Reginas Herzschlag aus dem Takt zu bringen. Ja, es geht ihr wie schon vielen Madeln vor ihr: Sie hat sich in Donat verliebt, auch wenn sie sich lange dagegen gewehrt hat.

Trotz aller Warnungen glaubt Regina den Liebesschwüren des Burschen und wähnt sich im Paradies – doch nur für kurze Zeit. Dann muss sie verzweifelt erkennen, dass Donat auch sie verraten hat …

In diesem Jahr fiel die Fastnacht in die Woche unmittelbar nach Maria Lichtmess, das im bäuerlichen Leben eine besondere Bedeutung hat. Es herrschte klirrende Kälte in dem kleinen, abgelegenen Gebirgstal, das durch heftige Schneefälle in den vergangenen Nächten von der Außenwelt fast völlig abgeschnitten war.

Bäume waren in dem strengen Frost unter ihrer Schneelast zusammengebrochen, an den Dächern hatten sich lange Eiszapfen gebildet, die in der Wintersonne funkelten. Die Gewässer waren erstarrt, und der Dorfteich glich einer runden glitzernden Scheibe.

Doch die Unerbittlichkeit des Winters konnte den Dörflern nicht die Freude an ihrer Fastnacht verderben.

In dem kleinen Ort gab es eine lange Tradition, in die schon die Kinder eingeweiht waren. Sie wetteiferten darum, die farbenprächtigen Gewänder tragen zu dürfen, was ein besonderes Vorrecht war. Großer Beliebtheit erfreuten sich auch die aus Holz geschnitzten Masken, mehr erschreckend als schön waren, die sich in Familienbesitz befanden und eifersüchtig gehütet wurden.

Einer der Bräuche, bei denen christliche und heidnische Elemente miteinander verschmolzen, waren die Feuerräder, die von einer Anhöhe ins Tal gerollt wurden. Die Dörfler versammelten sich zu nächtlicher Stunde in geziemender Entfernung, um Zeuge dieses Ereignisses zu werden, das gewöhnlich für die jungen Leute mit einem Tanz im Dorfwirtshaus seinen Abschluss fand.

Glühwein wurde herumgereicht, dem bei der Kälte lebhaft zugesprochen wurde, sodass sich die Stimmung immer mehr hob. Gelächter brandete auf und Scherzworte, die immer mehr in Anzüglichkeiten übergingen, erweckten allgemein Heiterkeit.

Besonders ausgelassen war eine kleine Gruppe junger Burschen und Mädchen, die eng beieinanderstanden und sich offenbar gut zu verstehen schienen. Ihr Auftreten wies sie als die Söhne und Töchter von Großbauern aus, junge Leute, die jetzt schon wussten, dass ihr Platz in der dörflichen Gemeinschaft fest gefügt war.

Wortführer war Lukas Murner, ein hochgewachsener junger Mann mit wirrem, dunklen Haarschopf und lebhaften blauen Augen, der jede Einzelheit des Geschehens genau beobachtete und seine Meinung dazu mit lauter Stimme von sich gab. Er sparte auch nicht mit spöttischen Bemerkungen, sodass seine Schwester Regina, die neben ihm stand, ihm gelegentlich ins Wort fiel.

Es war nur allzu offensichtlich, wen Lukas mit diesem Verhalten beeindrucken wollte, denn immer wieder schweifte sein Blick zu dem blonden Mädchen mit dem herzförmigen hübschen Gesicht, das von hellblauen Augen beherrscht.

Anne Kainzinger, von allen »Annerl« genannt, schien der Aufmerksamkeit des jungen Murner nicht abgeneigt zu sein, jedenfalls kicherte und lachte sie bereitwillig, sobald Lukas sie durch eine besonders witzige Auslassung beeindrucken wollte.

Annerl war mit ihren Schwestern Lissi und Veronika erschienen, in deren Gefolge sich wie üblich zwei Burschen befanden, wobei nie klar wurde, welcher der Kainzinger-Töchter Gregor und Franzl eigentlich jeweils den Hof machten.

Sepp Kainzinger hatte es immer sehr beklagt, dass ihm der Sohn und Hoferbe versagt geblieben war, doch seitdem jeder die Schönheit seiner Töchter rühmte, hatte er sich dreingefunden und konnte seinen Vaterstolz kaum verhehlen.

Lukas Murner hatte die letzen beiden Jahre in der Stadt verbracht, und als er zurückgekommen war, hatte es ihn mit Erstaunen erfüllt, wie Annerl sich in dieser Zeit verändert hatte. Aus der unbekümmerten Kindheitsgefährtin, die an den rauen Spielen der Dorfjungen teilgenommen hatte, war ein schönes junges Mädchen geworden, von dem er kaum seine Augen lassen konnte. Zwar fand Lukas äußerlich wieder zu dem vertrauten Ton zurück, doch innerlich versetzte ihn ihr Anblick jedes Mal in große Aufruhr.

Es war fast selbstverständlich, dass diese jungen Leute, die seit früher Kindheit miteinander befreundet waren, für sich blieben, auch wenn sie anderen, die sich zu ihnen gesellten, nicht ablehnend begegneten. Doch diejenigen, die sich in ihren Kreis drängten, fühlten sich bald ausgeschlossen und zogen sich zurück.

»Passt nur auf! Heute sehen wir Donat Fürst in seiner Rolle als Feuergott«, rief Lukas boshaft aus und erntete einiges Gelächter.

»Nun hack doch net immer auf dem Donat herum«, tadelte ihn seine Schwester scherzhaft. »Er kann doch nichts dafür, dass er so berühmt geworden ist.«

»Ihr habt recht. Ich darf net so neidisch sein. Jetzt erscheint gleich der berühmteste Sohn unseres Dorfes mit seinem Feuerrad«, erwiderte Lukas in scheinbarer Zerknirschung, die alle erneut zum Lachen brachte.

Auf der Anhöhe, die in leichter Neigung zur Landstraße hin abfiel, loderte das erste strohumflochtene Rad auf und setzte sich leicht taumelnd in Bewegung. Jubelschreie begleiteten den Weg des Feuerrads, Symbol für die Sonne, das nach altem Glauben nicht nur den Winter, sondern auch die bösen Geister vertreiben sollte.

»Der Donat«, sagte Regina unwillkürlich.

Ein hochgewachsener Mann trat vor dem auflodernden Feuer in Erscheinung, der mit seinem blonden, leuchtenden Haar und den kühnen, herausfordernden Zügen selbst wie eine heidnische Gottheit wirkte. Etwas Wildes, Unbedenkliches ging von ihm aus, das sich niemals zügeln lassen würde.

Selbst Lukas schwieg, seine Augen verdunkelten sich.

Regina stand ganz still, sie atmete kaum. Etwas Übermächtiges, Furchterregendes hatte von ihr Besitz ergriffen, dem sie keinen Namen geben konnte. Sie konnte den Blick nicht von Donat wenden und fühlte sich auf seltsame Weise schutzlos und ausgeliefert.

Schließlich verloschen die letzten flammenden Räder, nur noch das Feuer, um das sich ein tanzender Kreis von Übermütigen gebildet hatte, loderte auf. Die meisten aber zog es zu dem Wirtssaal, wo die Musik aufspielte.

Lukas stieß seine Schwester, die immer noch regungslos dastand, etwas unsanft an.

»Was träumst du denn vor dich hin, Regina? Du wirst dem Donat doch net auch verfallen?«, sagte er neckend.

Das Mädchen war zusammengeschreckt und versuchte, sein heftiges Erröten zu verbergen.

»Einen Schmarren redest du daher«, gab sie unwirsch zur Antwort, was sonst nicht ihre Art war.

Wie von allein kam die Unterhaltung auf Donat Fürst, als sich die Freunde ihren Weg durch das Getümmel bahnten. Kreischende Hexen mit schauerlichen Masken, die bedrohlich ihre Besenstiele schwenkten, drangen auf sie ein, dick Vermummte mit Schellengeläut und bunt gekleidete Trommler trieben ihr Unwesen.

»Eins muss man ihm lassen, dem Donat, so bekannt er auch geworden ist, er ist bodenständig geblieben und lässt keine Gelegenheit aus, es zu beweisen«, meinte Gregor und wehrte die Liebesbezeugungen einer besonders aufdringlichen Hexe mit grell bemalter Maske ab.

»Das wundert mich gar net. Schließlich will er es grad hier ein paar Leuten zeigen. Dass sie wieder obenauf sind, die Fürsts, nachdem die ganze Sache mit seinem Vater war«, warf Lukas auf seine nüchterne Art ein.

»Er hat es aber wirklich net gutgehabt als Kind. Alle haben sie ihm das Leben schwergemacht, ihm und seiner Mutter. Dabei haben die doch wirklich keine Schuld daran gehabt, dass sein Vater als Bürgermeister Geld unterschlagen hat, um seine Spielschulden zu bezahlen. So hat’s jedenfalls geheißen«, verteidigte Regina Donat.

»Haus und Hof hat er verspielt, und dann standen er und seine Mutter ohne einen Cent da und mussten sich durchschlagen. Aber der Donat hat es geschafft, er ist als Bergsteiger wirklich eine Berühmtheit. Habt ihr schon gehört, dass er grad ein Buch darüber schreibt? Das wird bestimmt auch ein großer Erfolg«, sagte Veronika bewundernd.

»Ja, mit den Großkopferten kann er, zeitweise ist er ja auch mehr in der Stadt als zu Haus. Aber in manchem ist er doch nach seinem Vater – er liebt das gute Leben und die Frauen. Der alte Fürst soll ja auch ein wahrer Schürzenjäger gewesen sein, seine Frau hat nichts Schönes bei ihm gehabt. Jetzt soll der Donat hinter der Lechmoser-Moni her sein, heißt es.«

»Hoffentlich lässt sich die net von ihm einwickeln«, führte Franzl den Faden weiter.

Dieses Mal schwieg Regina, und ihre Gedanken schweiften zu Moni Lechmoser, die bisher jeden Bewerber hochmütig abgewiesen hatte. Nicht nur ihre Mitgift, sondern auch ihre dunkle, fast südliche Schönheit zog die Männer in ihren Bann.

»Nun, es sind die schlechtesten Früchte nicht, an denen die Wespen nagen«, meinte Annerl, und damit fand das Gespräch ein Ende. Sie waren inzwischen vor dem Wirtshaus angekommen, und stellten beim Eintreten fest, dass der Tanz schon in vollem Gange war. Sie hatten Mühe, einen Platz zu finden, denn sie wollten unbedingt zusammenbleiben.

Lukas hatte Annerl zur Tanzfläche geführt, während Gregor und Franzl abwechselnd Regina und die Schwestern aufforderten. Es herrschte überschäumende Fröhlichkeit, doch Regina, die sich vorher lange auf die Fastnacht gefreut hatte, fühlte sich plötzlich überflüssig und verlassen.

Lukas und Annerl verstanden sich immer besser, das war unschwer zu erkennen. Regina konnte sich nichts Besseres vorstellen, als die beste Freundin zur Schwägerin zu bekommen, und hätte eigentlich froh darüber sein müssen.

Doch es zeichnete sich zunehmend ab, dass sich in ihrem Umfeld die jungen Paare fanden, und wäre sie nicht in diesen Freundeskreis eingebunden, so würde sie wahrscheinlich jetzt schon ein Dasein wie ein Mauerblümchen fristen. Sie war Gregor und Franz aufrichtig zugetan, hatte die beiden schon erkannt, als sie als wilde Lausbuben das Dorf unsicher gemacht hatten, doch mehr empfand sie nicht für sie.

Im Gegensatz zu ihren Schulfreundinnen, von denen einige sogar schon verheiratet waren, hatte Regina noch nie einen Schatz gehabt. Gregor hatte einmal bei einem Kerwetanz versucht, ihr einen Kuss zu rauben, als er schon ziemlich angeheitert gewesen war. Doch ihre spröde Haltung hatte ihn letztendlich doch zurückweichen lassen, und er hatte sich später Annerls Schwestern zugewandt, schien sich jedoch für keine von beiden entscheiden zu können.

Sie sah auf, als an der Eingangstür Lärm entstand, und noch mehr junge Leute hineindrängten.

Donat Fürst, umgeben von seinen Spezln, war angelangt und bildete wie üblich den Mittelpunkt. Er steuerte zielsicher die Theke an und gab eine Runde für seine zahlreichen Freunde aus, was diese erfreute, von manch anderen jedoch als Angeberei empfunden wurde.

Regina, die sich an einen Platz im Hintergrund zurückgezogen hatte, wo sie von Blicken geschützt war, beobachtete Donat unauffällig. Auch jetzt, in weniger romantischer Umgebung, hatte er nichts von seiner Anziehungskraft eingebüßt. Das üppige blonde Haar umleuchtete seinen Kopf, den er stolz erhoben hielt, und stand im Gegensatz zu seinen dunklen Augen, denen nichts zu entgehen schien. Seine Züge waren scharf geschnitten, und es lag ein harter Ausdruck auf ihnen, der jedoch dadurch gemildert wurde, dass Donat häufig lachte, auch wenn dieses Lachen oft nicht seine Augen erreichte.

Donat war schlicht, aber kostspielig gekleidet und bewegte sich mit katzenhafter Geschmeidigkeit. Regina konnte verstehen, dass ihm angeblich keine Frau widerstehen konnte, und eine seltsame Traurigkeit sank in ihr Herz.

An seiner Seite, als wäre er untrennbar mit ihm verbunden, war wie immer Loisl Stenzlmayr, sein engster Freund und Vertrauter, im Dorf von allen »Stenz« genannt. Stenz machte diesem Namen alle Ehre, noch nie hatte es im Dorf einen Burschen gegeben, der es verstanden hatte, sich so stutzerhaft zu kleiden und zu geben wie Loisl.

Nach einer Weile gesellten sich ein paar Mädchen zu Donat und seinen Spezln und versuchten recht aufdringlich, ihn in ein Gespräch zu verwickeln, doch Stenz drängte sie geschickt ab. Eine, die sich nicht so schnell entmutigen ließ, bedachte er mit einer offensichtlich scharfen Bemerkung, sodass sie schmollend davonging.

Schließlich wandte Donat sich den Tanzenden zu und ließ, mit dem Rücken gegen die Theke gelehnt, seine Blicke über sie schweifen. Seine Miene verfinsterte sich, denn da die meisten Mädchen so maskiert waren, dass man sie nicht zu leicht erkennen konnte, war es ihm unmöglich, diejenige auszumachen, der seine Aufmerksamkeit galt.

Er ließ sich noch ein Weißbier geben und schien ziemlich gelangweilt.

Dann aber erspähte er Regina, setzte das Bierglas ab und kam zu deren Verwirrung auf sie zu.

»Bist du net die Murner-Regina?«, fragte er und lächelte sie an, als müsste sie sich nun geschmeichelt fühlen.

»Ja«, gab Regina einsilbig zur Antwort, was er aber als mädchenhafte Schüchternheit auslegte, die ihm schon immer gefallen hatte.

Ungezwungen nahm er ihr gegenüber Platz und lächelte sie gewinnend an.

»Sitzt da ganz allein herum wie ein Mauerblümchen. Magst du mit mir tanzen?« Sein Ton war einschmeichelnd und gönnerhaft und trieb ihr die Röte in das Gesicht.

»Ich hab die nächsten Tänze schon dem Franzl versprochen«, lehnte sie lächelnd ab. »Und der Platz, auf dem du sitzt, ist auch nimmer frei. Mein Bruder kommt sicher gleich zurück.«

»Ja, wenn das so ist …«

Donat fand offensichtlich keine Worte mehr und erhob sich, nachdem das Mädchen ihm keine Beachtung mehr schenkte. Er tat so, als winkte er Bekannten zu, und kehrte dann mit gespieltem Gleichmut wieder zu seinen Freunden zurück.

Stenz war das kleine Zwischenspiel nicht entgangen, er hatte nicht nur eine scharfe Zunge, sondern auch scharfe Augen.

»Hat sie dir einen Korb gegeben, die Regina? Dass du das noch erleben darfst!«

Der junge Mann wollte sich schier ausschütten vor Lachen, bis ihn ein Blick in Donats Gesicht zum Verstummen brachte und er sich beeilte, seinen Freund mit einer neuen Maß zu versorgen.

Zu Reginas Erleichterung machten die Musiker eine Pause, und alle kamen an den Tisch zurück.

»Hab ich recht gesehen, Regina, der Donat wollt mit dir tanzen?«, fragte Annerl neugierig.

»Hab aber keine Lust gehabt«, erwiderte Regina knapp und gab damit zu verstehen, dass sie nicht mehr darüber reden wollte.

»Jetzt bist du wieder dran, Regina. Wer dem Bergfürst einen Korb gibt, hat verdient, die ganze Nacht ohne Unterbrechung zu tanzen«, erklärte Franzl großartig.

Sie lachten so laut und übermütig, dass Donat Fürst argwöhnisch zu ihnen hinübersah, was Regina, wie sie sich eingestand, mit einer gewissen Genugtuung erfüllte.

Als sie mit Franzl zur Tanzfläche ging, ließ es sich nicht vermeiden, dass sie an Donat und seinen Freunden vorbeikamen, und dabei hörte sie, wie Stenz in abschätzigem Tonfall sagte: »Du wirst dir doch von so einem Madl wie der Regina net die gute Laune verderben lassen, Donat! Das ist diese magere kleine Wachtel doch net wert.«

Eine heiße Lohe des Zorns und der Demütigung überflutete sie, und sie bemühte sich, ihr Erröten zu verbergen. Ein flüchtiger Seitenblick auf Franzl bewies ihr, dass er die boshafte Bemerkung überhört hatte, und sie atmete erleichtert auf.

Eigentlich hätte sie mit dem Verlauf des Festes glücklich und zufrieden sein müssen, denn außer Franzl und Gregor fand sie noch weitere Tänzer. Es war einer jener Abende, die als verklärte Erinnerung an die sorglose Jugendzeit im Gedächtnis haften blieben, um im Alter davon zu zehren. Doch die Bezeichnung »magere kleine Wachtel« ging ihr nicht aus dem Sinn, auch wenn sie es töricht fand, sich eine derartige Gehässigkeit so zu Herzen zu nehmen. Immer noch glaubte sie, den Klang von Loisls Stimme im Ohr zu haben, und es fiel ihr schwer, ihrem jeweiligen Tanzpartner gebührende Aufmerksamkeit zu schenken.

***

Die Stunden flogen dahin, und schließlich kam auch nach Mitternacht der Kehraus, als sich der Wirt des »Edelweiß« nicht mehr erweichen ließ.

Die Musikanten verstauten erhitzt und erleichtert ihre Instrumente, und die Dorfjugend drängte murrend zum Ausgang. Einige von den Burschen bedurften der tatkräftigen Hilfe ihrer Freunde, die sie mehr trugen als stützten. Die Mädchen zogen sich in einem Nebenraum wieder ihre festen Stiefel an und hüllten sich in Mantel und Umschlagtücher, denn die Nacht versprach eisig zu werden.

Donat Fürst war schon früher gegangen, wie Regina festgestellt hatte.

Er hatte kein einziges Mal getanzt und sich vor seinem Weggang mit Stenz gestritten, was noch nie vorgekommen war, denn die beiden waren für gewöhnlich ein Herz und eine Seele.

Bis zur Wegabzweigung zum Murner-Hof wollten die Freunde zusammen gehen, dann würden sich ihre Wege trennen. Untergehakt in zwei Reihen, schritten sie durch die Nacht, lachend und kichernd, noch immer ganz erfüllt von der überschäumenden Freude der vergangenen Stunden.

Im Dorf und der näheren Umgebung war noch immer keine Ruhe eingekehrt. Junge Leute schwärmten lärmend durch die Straßen und Gässchen, um das Vergnügen bis zur Neige auszukosten. Es war Sitte, dass Gruppen von Trommlern herumzogen, entstanden aus der Vorstellung, dass sich so der Winter mit seinen Unbilden vertreiben ließ.

In der Einsamkeit der Winternacht wirkte das eintönige Trommeln düster und bedrohlich, dumpf hallte das Echo durch das ganze Tal. Die Freunde wurden stiller, erst beim Abschied gab es wieder Gelächter und lebhafte Zurufe.

Lukas und Regina legten den Weg zu ihrem elterlichen Hof in einmütigem Schweigen zurück. Die hohen Schneewälle zu beiden Seiten glitzerten kalt im silbrigen Mondlicht. Alte, gebeugte Bäume ragten wie verkrümmte Gestalten auf, ein scharfer Wind wehte weiße Schneeschleier auf.

Endlich wuchs der Murner-Hof vor ihnen auf, so im Schnee versunken, dass die eigentlichen Umrisse nicht mehr erkennbar waren. Der Strahl des Brunnens war zu Eis erstarrt, der im Schein der Hoflampe schimmerte.

Die Geschwister schlüpften leise ins Haus, um nach einem kurzen Abstecher in die Küche rasch in ihren Kammern zu verschwinden. Jetzt machte sich plötzlich eine tiefe Müdigkeit bemerkbar, die Regina eigentlich dazu gezwungen hätte, so schnell wie möglich zu Bett zu gehen.

Doch das Mädchen trat vor den Spiegel in ihrer freundlich eingerichteten Dachkammer.

»Magere kleine Wachtel«, murmelte Regina ärgerlich vor sich hin und kniff die Brauen zusammen.

Dann betrachtete sie sich eingehend im Spiegel und stellte sich vor, wie ein junger Mann sie sehen würde. Bisher hatte sie nie Wert auf Äußerlichkeiten gelegt und sich über die Mädchen, die sich aufputzten und den Burschen schöntaten, lustig gemacht. Und nun musste sie feststellen, dass man sie auf eine Weise abgetan hatte, die sie als zutiefst verletzend empfand.

Als Regina ihr Spiegelbild musterte, fand sie, dass sie einfach langweilig, ja, fade wirkte. Zugegeben, sie hatte schöne grüne Augen, die schwarz bewimpert waren, und auch der Mund war reizvoll geschwungen, aber das streng zurückgekämmte dunkle Haar, das im Nacken lieblos zusammengebunden war, ließ ihre regelmäßigen Züge einfach zu herb erscheinen.

Und ihre Gestalt – sie war recht klein und zierlich, doch da sie sich wenig Mühe gegeben hatte bei der Auswahl ihres Kleides, saß es schlecht und verbarg, wie gut sie gewachsen war.

Regina wäre es früher nie in den Sinn gekommen, ihr Äußeres so herzurichten, dass ein Mann an ihr Gefallen finden würde, darin unterschied sie sich von vielen anderen Mädchen. Doch jetzt fasste sie den Plan, dass es einer Änderung bedurfte, was allerdings nur dazu dienen sollte, Stenz, diesem Lästermaul, etwas entgegenzusetzen. Eine andere Begründung für diese Absicht hätte sie sich nie eingestanden.

Mit Überlegungen, wie sie dabei vorgehen sollte, kleidete sie sich schließlich aus und legte sich zum Schlafen nieder. Bald schon fielen ihr die Lider zu, und sie träumte, wie Stenz sie vor allen anderen im Wirtssaal verspottete, sodass höhnisches Gelächter in ihren Ohren gellte.

***

»Jesses! Hör auf, in die Töpfe zu gucken, Lukas! Wart’s doch ab!«, erklang Reginas schimpfende Stimme aus der Küche.

Lukas beeilte sich, in die Stube zu kommen, wo seine Mutter damit beschäftigt war, den Mittagstisch zu decken.

»Warum ist’s denn so grantig, das Madl, das sind wir ja gar net von ihr gewöhnt«, meinte Resi Murner kopfschüttelnd. »Hat’s was gegeben gestern?«

Lukas zuckte die Schultern. »Nein, net, dass ich wüsste. Ein bisserl zu wenig Schlaf, das ist halt alles.«

Kilian Murner, der gerade eintrat und die letzten Worte mitbekommen hatte, gab einen missbilligenden Laut von sich.

»Die jungen Leut sind nichts mehr gewohnt. Wir, deine Mutter und ich, haben ganze Nächte durchgetanzt in unserer Jugendzeit, und niemand hat uns was angemerkt. Das weißt doch noch, Resi, oder?«

Das Gesicht seiner Frau wurde weich, und ein rosiger Schein flog über ihre Züge, was sie für einen Augenblick wieder zu dem schönen jungen Mädchen machte, das sie einst gewesen war.

»Wie könnt ich das vergessen, Kilian?«

Lukas lächelte, gleichzeitig aber rührte es ihn, dass die Eltern, die in ihren mittleren Jahren immer noch ein schönes Paar abgaben, so innig miteinander verbunden waren. Wenn nur er und Annerl dereinst auch so eine glückliche Ehe führen würden! Denn auf dem Murner-Hof herrschte ein harmonisches Miteinander, und es war sein Wunsch, dass er und seine zukünftige Frau ihrer Nachkommenschaft auch so eine schöne Kindheit und Jugend bescheren würden, wie sie ihm und seiner Schwester geschenkt worden war.

Endlich war aufgetragen worden, und alle saßen am Tisch versammelt, um das Essen zu genießen, das von Resi unter Mithilfe Reginas liebevoll zubereitet worden war.

»Deine Speckknödel, Resi! So hat sie meine Mutter – der Herr hab sie selig – kaum hingebracht«, seufzte Kilian genüsslich.

Beim Nachtisch unterhielt man sich und Lukas, dem die köstliche Mahlzeit die Zunge gelockert hatte, ließ sich über die gestrigen Vorkommnisse aus.

»Der Bergfürst hat sich wieder aufgespielt …«

»Ihr sollt’s den Donat net immer so schmähen. Der hat’s schwer genug gehabt. Und er ist wirklich einer der größten Bergführer, die es je gegeben hat«, unterbrach ihn sein Vater.

»Ja, dagegen sag ich ja nichts. Aber er ist halt ein arger Schluri und hinter jedem Madl her. Der Stenz hat auch grad keinen guten Einfluss auf ihn, das Schandmaul. Aber da muss ich euch was sagen, die Regina hat es ihm ordentlich gegeben!« Er fasste kurz zusammen, was sich aus seiner Sicht ereignet hatte, und brach dann in lautes Gelächter aus. »Das hat er noch nie erlebt. Vor allen hat sie ihn abblitzen lassen, das geschieht ihm recht!«

Resi warf einen verstohlenen Blick auf ihre Tochter, die mit verschlossener Miene dasaß und die Erheiterung ihres Bruders keineswegs zu teilen schien.

»Sei still!«, fuhr sie stattdessen ihren Bruder an.

»Warum bist du denn dann so grantig heut? Das war doch eine rechte Gaudi«, meinte dieser verständnislos.

»Warst du mit dem Annerl zusammen?«, fragte seine Mutter dazwischen, um die drohende Auseinandersetzung zu verhindern.

Nun war es an Lukas zu erröten.

»Wir sind doch alle immer beisammen«, stammelte er und fuhr sich durch das Haar, wie immer, wenn er in Verlegenheit geriet.

»Net aus den Augen hast du sie gelassen, gib’s doch zu«, warf Regina ein, und die Spannung löste sich in einem allgemeinen Gelächter.

Resi ließ sich nicht anmerken, dass sie das Gespräch nachdenklich stimmte und sie sich Sorgen um ihre Tochter machte. Sie verstand Reginas sprödes Wesen besser, als diese es sich vorstellen konnte, war sie doch selbst so gewesen, bis sie Kilian Murner getroffen und dieser ihr Herz gewonnen hatte.

Doch heutzutage lagen die Dinge anders, Frauen wie Regina wurden nur allzu oft verspottet und so ausgegrenzt, bis sie in ihrer Selbstachtung verletzt waren. Dann bestand oft die Gefahr, dass diejenige sich vor allem zurückzog und nie wieder zu einem unbefangenen Umgang mit dem anderen Geschlecht gelangte.

Dass Regina Donat Fürst so harsch zurückgewiesen hatte, lag daran, dass ihr Stolz eine andere Handlungsweise nicht erlaubt hätte. Gleichzeitig aber glaubte sie mit dem scharfen Blick der Mutter zu erkennen, dass dieser Mann in dem Mädchen etwas angerührt hatte, das Regina vielleicht großes Leid bereiten würde.

»Warum muss es der sein?«, ging es ihr erbittert durch den Sinn, und sie hoffte von Herzen, dass sie sich in ihren Beobachtungen geirrt hatte.

Regina wirtschaftete stillschweigend in der Küche herum und schien nicht wahrzunehmen, dass ihre immer so redselige Mutter heute auffallend wortkarg war. Plötzlich wandte sich Regina ihr zu und fragte mit einer Stimme, die vor innerer Erregung rau klang: »Sag mal, Mutterl, bin ich eigentlich hübsch?«

Resi verbarg nur mühsam ihr Erschrecken, zeigte diese Frage doch, dass ihre Befürchtungen nicht unbegründet waren.

»Wie kommst du denn da drauf, Madl? Jede Mutter hält ihre Tochter für die schönste …«

»Sag ehrlich! Ich will, dass du mir hilfst!«

Resi, die in ein gekünsteltes Lachen ausgebrochen war, verstummte bei dieser so offen ausgesprochenen Bitte jäh.

»Hat dich einer gekränkt?«

»Darum geht’s doch net! Ich hab halt das Gefühl, dass ich nichts hermach. Ich hab’s net eilig mit dem Heiraten, aber ich will doch mal eine Familie haben. Alle haben schon einen Schatz, nur ich net! An was soll’s denn sonst liegen!« Tränen waren in Reginas schöne grüne Augen getreten, und Resis Herz zog sich mitleidig zusammen.

»Weißt du, mir ist es genauso gegangen. Meine Schwestern haben mich schon als alte Jungfer verspottet. Und dann bin ich doch noch eine glückliche Frau geworden und bis auf den heutigen Tag geblieben«, versuchte die Mutter sie zu trösten.

»Ja«, murmelte Regina tonlos.

»Aber wenn du net zufrieden mit dir bist, dann musst du halt zuschauen, dass du was dran änderst …«

»Das hab ich mir auch schon gedacht. Ich mag halt nimmer so fad herumlaufen wie jetzt«, fiel ihr Regina, plötzlich lebhaft geworden, ins Wort.

»Willst du in die Stadt fahren zur Lioba-Tant? Die tät sich freuen, wenn sie dich ein bisserl ausstaffieren könnt«, schlug Resi vor, und Regina war sofort Feuer und Flamme.

Lioba, die ältere Schwester der Murner-Bäuerin hatte sich in der Stadt verheiratet und lebte in guten Verhältnissen. Aus dem munteren Landmädchen war mit der Zeit eine richtig vornehme Städterin geworden. Elegant und gewandt stand sie einem größeren Haushalt vor, und ihr ehrgeiziger Mann hatte seine Wahl keinen Augenblick zu bereuen gehabt.

»Ja, bei der Lioba wärst du in den richtigen Händen. Da werden wir dich vielleicht hinterher gar nimmer wiedererkennen, so fesch bist du dann«, scherzte die Mutter.

So war der Besuch beschlossene Sache, und alles wurde in die Wege geleitet. Lioba Hellwig war hoch entzückt, dass Regina eine Zeit lang bei ihr bleiben wollte, denn ihr einziger Sohn lebte im Ausland, worunter sie sehr litt.

***

Regina schreckte aus dem leichten Halbschlaf auf, in den sie während der langen Bahnfahrt gefallen war. Sie stellte fest, dass sie inzwischen allein im Abteil war, was ihr die Gelegenheit geben würde, ungestört einen Blick auf ihre neu erworbenen Schätze zu werfen. Besonders das seidene Festtagsdirndl, das sie an ihrem letzten Tag in der Stadt erstanden hatte, konnte sie gar nicht genug anschauen, und so öffnete sie ihre umfangreiche Reisetasche, um über den kostbaren Stoff zu streichen.

Danach lehnte sie sich wieder zurück und stellte mit einem Blick auf die vorübergleitende Landschaft fest, dass sie sich bald in ihrer Heimatregion befinden würde. Ihre Gedanken wanderten zurück zu der Zeit in München, die so abwechslungsreich gewesen war, dass sie kaum zur Besinnung gekommen war.

Wie erwartet, hatte Tante Lioba sofort erkannt, worum es ging, und nahm sich ihrer Nichte tatkräftig angenommen. Ein langer Aufenthalt in einem Friseursalon, Belehrungen in Schönheitspflege, verbunden mit all den kleinen Kniffen, die das Aussehen verbesserten, hatten Wunder gewirkt. In einem jedoch blieb Regina standhaft; sie ließ sich nicht die übertrieben modischen Kleider aufdrängen, die ihre Tante für sie im Sinn gehabt hatte.

»Das passt net in unser kleines Dorf und auch net zu mir. Da tät ich mich nur lächerlich machen, wenn ich so daherkäme«, beharrte sie, und die Tante gab schließlich nach. Sie führte sie zu einem Geschäft, in dem es eine so reiche Auswahl an Dirndlkleidern gab, dass Regina mit roten Wangen in der Fülle schwelgte.

Zu guter Letzt war Lioba aber mit dem Ergebnis ihrer Bemühungen hochzufrieden. Regina war tatsächlich nicht mehr wiederzuerkennen, und sie nahm mit Genugtuung wahr, dass viele Blicke ihrer schönen Nichte folgten.

Für Regina, der das nicht verborgen blieb, war das eine neue und berauschende Erfahrung gewesen, was ihr verletztes Selbstwertgefühl beträchtlich steigerte. Sie war nie ein nachtragender, kleinlicher Mensch gewesen, doch dieses kränkende Erlebnis, das sich bei dem Fastnachttanz zugetragen hatte, hatte sich so in ihre Seele eingebrannt, dass sie es nicht auf sich beruhen lassen konnte.

Langsam war ein Plan in ihr gereift, und die Veränderung, die sich nun mit ihr vollzogen hatte, kam der Ausführung dessen, was sie sich vorgenommen hatte, sehr entgegen. Donat Fürst wurde sich noch wundern, und Stenz nicht minder!

Als sie umgestiegen war, und der kleine Bummelzug ächzend auf dem kleinen heimatlichen Bahnhof einfuhr, erfüllte Wiedersehensfreude ihr Herz, denn trotz aller Zerstreuungen hatte sie an den letzten Tagen zunehmend unter Heimweh gelitten. Niemals würde sie sich wie die Tante von ihrer Bergheimat losreißen können, zu fest war sie mit ihrer bäuerlichen Herkunft verbunden.

Lukas und Annerl warteten schon auf dem Bahnsteig, um sie abzuholen. Ihr Bruder tat so, als würde er sie nicht erkennen, und blickte sich suchend um; Annerl kicherte vor Vergnügen.

»Jetzt ist es aber genug«, lachte Regina und ging auf die beiden zu, um sie zu umarmen.

Lukas hielt sie dann prüfend von sich.

»Fesch schaust du aus! Bald bist du zu fein für uns«, rief er halb bewundernd, halb neckend aus.

»Das tät mir auch mal guttun, so eine Zeit in München«, meinte Annerl ohne Neid.

»Das hast du gar net nötig, Tschapperl«, fand Regina, und das Mädchen lachte geschmeichelt.

Sie kamen gerade rechtzeitig zum Mittagessen an, zu dem Annerl auch eingeladen war. Regina fiel auf, dass ihr Bruder und Annerl verstohlen verliebte Blicke tauschten, was sie einerseits für die beiden freute, ihr andererseits aber wieder zu Bewusstsein brachte, dass ihr ein solches Glück nicht beschieden war.

Auch mit den Murners verstand sich Annerl gut, und Regina fand, dass sie während ihrer Abwesenheit weiter ins Familienleben mit einbezogen worden war, was in ihr einen leisen Stich der Eifersucht auslöste. Doch diese Empfindung verging rasch angesichts der herzlichen Freude, die ihre Eltern über ihre Rückkehr zeigten.

Auch sie äußerten sich lobend über Reginas Aussehen, besonders ihre Mutter konnte ihre Befriedigung kaum verhehlen. Denn Resi hatte es immer eine gewisse Sorge bereitet, dass Regina stets so nachlässig gewesen war, was ihr Äußeres anbelangte.

Regina zu Ehren war mitten in der Woche ein Festmahl aufgetischt worden, und das Mädchen, griff herzhaft zu.

»Bist du vom Fleisch gefallen in der Stadt?«, schmunzelte ihr Vater.

»Das net, aber die Tant bringt halt nichts Richtiges auf den Tisch, damit sie schlank bleibt.«

Alle lachten, und dann wandte sich das Gespräch unversehens Donat Fürst zu, wobei sich Regina angestrengt bemühte, ihr Interesse zu verbergen.

»Der Donat feiert ja Triumphe mit seinem Buch über seine Bergbesteigungen. Er ist jetzt unterwegs von Stadt zu Stadt, um daraus vorzulesen. Ob er überhaupt noch mal zu uns zurückkommt oder sich lieber bei den anderen Großkopferten niederlässt? Wundern tät mich das net«, meinte Lukas.

Sein Vater wiegte zweifelnd den Kopf. »Trotz allem kommt er doch immer wieder hierher. Die Fürsts sind eine bodenständige Familie, auch wenn der alte Fürst den guten Namen ruiniert hat. Man darf net vergessen, dass seine Mutter noch hier lebt«, gab er zu bedenken.

»An der hängt er sehr, das muss man ihm lassen. Es geht ja das Gerücht, dass der Donat versucht, den Hof, der unter den Hammer gekommen ist, wieder zurückzugewinnen«, sagte seine Mutter und gab Lukas noch eine Portion Semmelknödel mit Kraut.

»Sag nur! Woher willst du denn du das wissen?«, wunderte sich ihr Mann.

»Das kannst du dir ja denken«, gab Resi mit einem Lachen zurück, »der Gesangsverein, die Nähgruppe, der Landfrauenkreis …«

»Es reicht, es reicht! Die wissen immer Bescheid, da kann man sich drauf verlassen.«

Nach dem Essen wollte Regina ihrer Mutter wie üblich beim Abräumen und in der Küche helfen, doch Resi wehrte ab.

»Geh nur in deine Kammer und ruh dich ein bisserl aus von der Reise«, sagte sie liebevoll.

»Aber du musst hochkommen und dir meine neuen Sachen anschauen. Für euch hab ich auch was mitgebracht.«

»Gleich, wenn ich mit der Küche fertig bin.«

Regina fühlte sich eher neu belebt als müde und sprang übermütig die Treppen hoch, wie sie es als Kind immer getan hatte.

In ihrer Kammer riss sie das Fenster auf, um die klare Bergluft, die sie so vermisst hatte, hereinzulassen. Ihr Blick schweifte über die Bergkette, die sich dunkel gegen den Himmel abzeichnete, und ein tiefer Atemzug hob ihre Brust. Endlich wieder zu Hause!

Nach einer Weile schloss sie das Fenster und wandte sich ihrem Gepäck zu. Sorgsam breitete sie die neuen Kleider auf ihrem Bett aus, damit ihre Mutter sie bewundern konnte. Zu dem Seidendirndl hatte sie auch noch passende Schuhe erstanden, die sie bei dem nächsten Fest tragen wollte.

Sie konnte nicht widerstehen, sich das kostbare Kleid vorzuhalten, und trat so vor den Spiegel. Immer wieder erfüllte es sie mit Erstaunen, wie sehr es sie zu ihrem Vorteil verändert hatte, dass sie nun ihr Haar, das einen satten kastanienbraunen Schimmer hatte, offen trug. In üppigen Locken fiel es auf die Schultern herab und umrahmte weich ihr Gesicht. Ihre Haut war dank der Behandlung glatt und rosig, und ein wenig Glanz auf den Lidern und den Lippen unterstrich ihre jugendliche Frische.

Nein, sie war kein unscheinbares, fades Mauerblümchen mehr, sondern eine schöne junge Frau, die das Herz und die Sinne eines Mannes bezaubern konnte!

Der Eintritt ihrer Mutter unterbrach sie in ihren Betrachtungen.

»Ich hab in der Küche alles stehen und liegen lassen, ich bin halt doch zu neugierig«, gestand Resi und begann, die Kleider gebührend zu bewundern. »Das moosgrüne Seidendirndl, das wird dir gut zu deinen grünen Augen stehen«, urteilte auch sie, »das ist wie für dich geschaffen. Da wirst du allen Burschen im Dorf den Kopf verdrehen.«

»Geh«, wehrte Regina ab, konnte aber nicht verhindern, dass sie geschmeichelt errötete.

Auch die übrigen Kleider, die schlicht, aber geschmackvoll waren, fanden die volle Zustimmung ihrer Mutter. »Da bist auch am Werktag fesch, ohne aufgeputzt auszusehen. Also, das gefällt mir alles, Regerl.«

Eine leise Wehmut überkam die Murner-Bäuerin beim Anblick ihrer schönen Tochter, die sie über alles liebte. Wie jede Mutter wünschte sie, dass Regina ihr Glück finden würde, aber gleichzeitig bedeutete das auch, dass sie Abschied von ihrer Tochter nehmen musste.

»Was hast du denn, Mutterl? Schaust ja ganz traurig drein«, meinte Regina, die den Gesichtsausdruck ihrer Mutter bemerkt hatte, voller Besorgnis.

»Ich hab dran gedacht, dass du bald einen Schatz finden und aus dem Haus gehen wirst. Das ist so vorbestimmt, aber trotzdem macht es mich traurig.«

Regina umarmte ihre Mutter heftig.

»So schnell geh ich net aus dem Haus. Und ob ich einen Schatz finden will – das kann ich auch net sagen.« Das Mädchen lachte, aber es war etwas in diesem Lachen, das ihre Mutter mit Bangigkeit erfüllte.

Von da an ließ Regina kein Dorffest aus, und sie wurde, ganz wie die Mutter es vorausgesagt hatte, von den Burschen umschwärmt. Franzl und Gregor waren tief beeindruckt, und Annerls Schwestern waren nicht sehr erbaut von dieser Veränderung, bis sie merkten, dass Regina die zwei Burschen weiterhin nur als gute Freunde behandelte.

Es fiel bald auf, dass Regina sich zwar gern zum Tanzboden führen ließ und mit den Burschen lachte und scherzte, aber sie ging mit keinem allein aus und wies jeden Versuch einer Annäherung mit großer Entschiedenheit zurück.

Ihr Bruder und ihre Freunde fragten sich im Geheimen oft, was in dem Mädchen vor sich ging.

***

»Bist wieder da, Bub«, sagte Marie Fürst mit brüchiger Stimme und sah ihren einzigen Sohn liebevoll an.

Sie war eine schmale, ausgezehrte Frau, die einen leidenden Eindruck machte und vor der Zeit gealtert war. Man sah ihr an, dass das Schicksal nicht gnädig mit ihr umgegangen war und dass sie sich niemals mit dem abfinden konnte, was ihr widerfahren war.

Von Kindheit an zu Rechtschaffenheit erzogen, war es ihr unerträglich gewesen zu erleben, wie ihr Mann immer mehr im Sumpf seines ausschweifenden Lebenswandels versank. Dabei hatte sich zu Beginn ihrer Ehe alles gut angelassen; ihr Mann war so tüchtig und zielstrebig gewesen, dass er zum Bürgermeister des kleinen Ortes gewählt worden war.

Doch dann schien ein düsterer Wille zur Selbstzerstörung von ihm Besitz ergriffen zu haben. Er brachte nicht nur den ererbten Hof durch, sondern veruntreute auch große Geldsummen, um seine Schulden zu bezahlen. Die Gefängnisstrafe, zu der er nach Aufdeckung der Betrügereien verurteilt worden war, brach den stolzen, hochfahrenden Mann, und er starb kurz nach seiner Inhaftierung.

Donats Vater hatte es verstanden, das Ausmaß seiner Verfehlungen weitgehend vor seiner Familie zu verschleiern. Umso härter traf es Marie und ihren heranwachsenden Sohn. Jeglicher Mittel beraubt und unfähig, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, lebten sie von den Zuwendungen ihrer Verwandten, die ihr auch ein kleines Haus am Dorfeingang zur Verfügung gestellt hatten.

Inzwischen lebte Marie dank des Erfolges ihres Sohns in besseren Lebensumständen. Donat hatte seinen Verwandten das Haus abgekauft und es aufwändig renovieren und einrichten lassen, sodass sich angenehm darin leben ließ.

Doch Marie empfand keine Genugtuung darüber, zu sehr war sie der Vergangenheit verhaftet. Sie hatte ihren treulosen Mann geliebt, und sein Tod hatte sie nicht minder schmerzlich getroffen als der Verlust der bürgerlichen Ehre.

Eine schweigsame Frau aus dem Dorf erledigte alle notwendigen Einkäufe für sie, denn sie weigerte sich, ihre Zuflucht zu verlassen. Sie brachte fast den ganzen Tag in einem Lehnsessel am Fenster zu, von wo sie, halb verborgen hinter der Spitzengardine, das Geschehen auf der Dorfstraße beobachtete.

Das Kommen und Gehen Donats war Mittelpunkt und einzige Abwechslung in ihrem Leben, gemeinsames Leiden hatten Mutter und Sohn eng – vielleicht sogar zu eng – zusammengeschweißt. Wenn er, wie jetzt, nach längerer Abwesenheit wieder zurückkam, bedeutete das ein Höhepunkt in ihrem einsamen Leben.

Auf einem kleinen Tisch hatte sie sorgsam Teetassen und Kuchen angeordnet, ihr Sohn saß ihr gegenüber, während sie ihn mit etwas unsicheren Händen bediente.

»Ja, ich bin froh, Mutter, dass ich wieder daheim bin, obwohl es ein großer Erfolg war. Ich hätt mir net träumen lassen, dass ich es mal so weit bring«, sagte er, doch seine Stimme klang nicht allzu glücklich.

Seine Mutter musterte ihn prüfend. »Du schaust müde aus. Musst dir jetzt eine Weile Ruhe gönnen«, fand sie, und der ängstliche Zug in ihrem Gesicht verstärkte sich.

»Viel Zeit hab ich ja net …«

»Wirst gleich wieder weggehen?«

»Diese Bergexpedition, von der ich schon immer geträumt hab, wär jetzt möglich. Ich will sie auch nicht länger herausschieben.«

Marie seufzte auf. »Ich versteh dich ja, Bub, und ich will auch net so eine Mutter sein, die ihren Kindern immer zur Last fällt. Aber ich hab auch Angst um dich. Wenn ich dich auch noch verlieren tät wie deinen Vater, das könnt ich net verwinden.«

Als Marie seinen Vater erwähnte, verdüsterte sich Donats Miene, und er presste die Lippen zusammen.

»Wenn ich das schaffen tät, was ich mir vorgenommen hab, dann werd ich zur Ruh kommen. Dann bleib ich hier und nehm was ganz anderes in Angriff.« Donat beugte sich vor und blickte seiner Mutter beschwörend in das verhärmte Gesicht. »Wirst sehen, Mutter, ich werd alles wiedergutmachen. Du bekommst alles zurück, was du verloren hast, das versprech ich dir hoch und heilig.«

Marie sah ihn zweifelnd an. »Was meinst du damit, Donat?«

»Wirst schon sehen. Aber ein bisserl Geduld musst du halt noch haben«, sagte er geheimnisvoll.

Danach war ihm kein Wort mehr über seine Pläne zu entlocken, und seine Mutter gab es rasch auf, Einzelheiten zu erfahren.

Das Zusammensein mit ihr tat ihm gut, und langsam löste sich seine Anspannung. Vertraut wie eh und je plauderten sie miteinander, und Donat erzählte von seinen Erfahrungen während der Lesereise, die teilweise so erheiternd waren, dass sogar seine ernste, stille Mutter in herzliches Lachen ausbrach.

Wenn ihr Sohn bei ihr war, hatte sie das Empfinden, dass das Leben in all seiner betörenden Vielfalt zu ihr zurückgekehrt war, und sie vergaß für kurze Zeit, wie einsam und unglücklich sie war.

***

Regina Murner sollte Donat Fürst erst im Mai wiedersehen. Im Dorf war von den Burschen unter Jubel und Geschrei ein hoher, mit bunten Bändern geschmückter Maibaum aufgestellt worden. Der Maitanz, der sich diesem Ereignis anschloss, sollte darunter stattfinden. Gewöhnlich aber zog man in den Wirtssaal, da es um diese Zeit häufig noch einmal zu einem Wintereinbruch mit empfindlicher Kälte und sogar Schneefall kam.

So war es auch dieses Jahr geschehen; die ersten Baumblüten hatten sich schon hervorgewagt, als noch einmal der Winter einfiel und ein eisiger Wind durch das Bergtal fegte.

Doch die jungen Leute ließen sich nicht verdrießen, sie zogen in Scharen zum »Edelweiß«, wo der umsichtige Wirt für den Ansturm der Tanzlustigen bestens gerüstet war. Birkenreiser umkränzten den Eingang, sodass sich mancher hochgewachsene junge Mann beim Eintreten lachend ducken musste. Im weitläufigen Saal waren die Tische fast alle einladend mit Frühlingssträußen geschmückt.

Regina befand sich wie stets im Kreis ihrer Freunde. Immer noch waren sie unzertrennlich, auch wenn ihr Bruder und Annerl einander nun versprochen waren. Franzl und Gregor konnten sich noch immer nicht entscheiden, und die Mädchen bevorzugten keinen von ihnen.

Befriedigt nahm Regina wahr, dass Donat Fürst in der Begleitung von Stenz eingetroffen war, gefolgt von weiteren Spezln, die nicht von seiner Seite wichen. Auch dieses Mal schien Donat zu zögern, ein Mädchen zum Tanz zu bitten, er verweilte lieber bei seiner hartnäckigen Anhängerschar.

Lukas ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, seine scharfe Zunge zu wetzen, und wollte schon wieder zu seinen üblichen Spötteleien ansetzen, als Annerl ihn lachend von seinem Platz hochzog.

»Jetzt fang net wieder an zu lästern, Schatzerl! Ich mag jetzt mit dir tanzen.«

Dieser Aufforderung kam Lukas nur zu gerne nach, und bald drehten sich die beiden lachend und ausgelassen auf der Tanzfläche und genossen das Glück, jung und verliebt zu sein.

Regina entzog sich allem, indem sie sich ein paar Schulfreundinnen zugesellte und erkennen ließ, dass ihr nicht nach Tanzen zumute war. Auch Moni Lechmoser war unter den Mädchen, und Regina nahm sie verstohlen in Augenschein.

Monis äußere Erscheinung ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, dass sie die Tochter eines reichen Großbauern war. Ihr Dirndlkleid war aus kostbarer Seide, im Ausschnitt funkelte teurer Halsschmuck. Heute trug sie das dunkle, fast schwarze Haar hochgesteckt, was die vollkommene Linie ihres stolzen Nackens betonte.

Der Blick der mandelförmigen braunen Augen wirkte gelangweilt, er belebte sich nur, wie Regina unschwer feststellte, wenn Donat Fürst in Sichtweite geriet. Dann glomm ein leidenschaftliches Licht in ihnen auf, und ihr roter, verlockender Mund öffnete sich leicht.

»Auch sie hat schließlich Feuer gefangen, wer hätte das gedacht?«, ging es Regina unwillkürlich durch den Sinn, und es war ihr zumute, als müsste sie alles verloren geben, worum sich ihr Sinnen und Trachten fortwährend drehte.

Aber sie hatte inzwischen an Selbstbewusstsein gewonnen und wusste, dass sie es auch mit der schönen Moni Lechmoser aufnehmen konnte. Das war schon an Monis Reaktion zu erkennen gewesen, als sie ihr zum ersten Mal nach ihrem Aufenthalt in München entgegengetreten war. Ihre Augen hatten sich überrascht geweitet, und sie hatte Regina von oben bis unten gemustert.

»Schau einer an! Hast dich ja richtig gemausert – von einem zerrupften Entlein fast in einen Schwan«, hatte sie beiläufig gesagt, aber in ihrer Miene hatte sich offenkundiger Neid gespiegelt.

»Besser das, als ein Gans sein Leben lang«, hatte Regina erwidert, und die beiden Mädchen hatten laut und herzlich gelacht und sich nicht länger miteinander aufgehalten.

Nun übersah Moni sie völlig, was Regina nur recht war, denn sie wartete auf eine ganze bestimmte Gelegenheit. Und als dieses Ereignis schließlich eintrat – es wurde zur Damenwahl aufgerufen –, steuerte sie ohne Zögern zielstrebig auf Donat Fürst und seine Freunde zu.

Auch auf Donats Gesicht malte sich Erstaunen bei Reginas Anblick, und da er davon überzeugt war, dass Regina ihn zum Tanz auffordern würde, stellte er sich in Positur und lächelte mit herablassender Freundlichkeit.

»Soso, die Murner-Regina«, gab er von sich und wollte sie beim Arm nehmen.

Doch sie wich geschickt aus und lächelte ihn mit scheinbarer Arglosigkeit an.

»Loisl, mit dir will ich tanzen«, wandte sie sich an Stenz, der sprachlos sein Bierglas abstellte und ihr benommen zur Tanzfläche folgte.

Dass ihn ein Mädchen bei seinem Vornamen nannte und nicht wie alle anderen »Stenz«, hatte ihm tatsächlich die Sprache verschlagen, vielleicht noch mehr als der Umstand, dass sie ihn seinem umschwärmten Freund vorgezogen hatte.

»Was hast du denn, Loisl? Bist doch sonst net auf den Mund gefallen?«, fragte Regina scheinheilig. »Oder magst du net mit mir tanzen, weil ich dir zu schiach bin?«

»Aber nein! Ich hätt dir nur net zugetraut, dass du den Mut findest, einen Burschen aufzufordern. Warst doch sonst immer ein Blümchen Rühr-mich-nicht-an«, gab er zurück, ohne zu seiner üblichen Schlagfertigkeit zurückzufinden.

Regina hielt inne. »Du meinst, ich hätt mir jetzt was vergeben?«

»Weißt du, Regina, wir tanzen ganz einfach. Es ist vielleicht gar net so gut, wenn wir zwei so viel miteinander reden.«

Regina musste unwillkürlich lachen, was Stenz gefiel. Überhaupt gefiel sie ihm immer mehr, je länger er sie ansah.

Zu beider Überraschung bereitete es ihnen Freude, miteinander zu tanzen, denn sie hatten ein Gefühl für Rhythmus und konnten sich bald aufeinander einstellen. Er atmete den Duft ihres Haares ein und genoss die Wärme ihres Körpers, wenn sie sich nahe kamen, und er dachte nicht mehr an Donat, was noch nie vorgekommen war.

Regina ließ ganz selbstverständlich erkennen, dass sie an diesem Abend zusammenbleiben würden, und der junge Mann, dem noch nie etwas an einem Mädchen gelegen hatte, empfand etwas wie Stolz. Inzwischen unterhielten sie sich auch in den Tanzpausen, und er stellte fest, dass sie ihm durchaus gewachsen war. Das und ihren Sinn für Humor, was seiner Meinung nach die wenigsten Frauen auszeichnete, fand er bewundernswert, und Regina stieg noch mehr in seiner Achtung.

***

Donat Fürst verfolgte diese Entwicklung der Dinge mit steigender Verwunderung. Fast fühlte er sich von seinem Freund im Stich gelassen, doch andererseits gab es ihm nun den nötigen Freiraum, seine eigenen Pläne zu verfolgen.

So trank er sein Glas aus und steuerte die Lechmosers an, bei denen sich Moni früher oder später wieder einfinden würde. Lechmoser, ein massiger, grobknochiger Bauer vom alten Schlag, sah überrascht auf, als sich Donat näherte. Doch ehe er ein Wort sagen konnte, lud seine Frau den jungen Mann mit überfließender Freundlichkeit ein, bei ihnen Platz zu nehmen.

»Wo du doch jetzt so berühmt bist, Donat«, gurrte sie.

Donat bedankte sich höflich und setzte sich ihnen gegenüber. Während Quirin Lechmoser sich zurückhielt, schwatzte Helga ununterbrochen und kicherte dazu schrill, was wie eine lächerliche verspätete Mädchenhaftigkeit wirkte.

Äußerlich geriet ihre Tochter nach ihr, denn Helga war früher eine viel begehrte Schönheit gewesen. Aber Donat schauderte es bei der Vorstellung, dass Monis jetzt so hübsche Züge später einmal so zerfließen und ihr Körper so aufgequollen werden würde, wie es bei ihrer Mutter der Fall war.

»Dein Buch soll sehr erfolgreich sein, hört man?«, fragte Lechmoser, als seine Frau schließlich doch einmal Atem schöpfen musste.

Donat gab fast geschäftsmäßig Auskunft über seine wirtschaftliche Lage, was Quirin keineswegs als seltsam empfand. Er wiegte den Kopf, was eine gewisse Anerkennung andeuten sollte, und schien das soeben Gehörte im Geist zu überschlagen.

»Dauernd bist du unterwegs, Donat, du scheinst gar net sesshaft zu werden. Ein Mann in deinem Alter sollt allmählich dran denken, eine Familie zu gründen«, sagte Helga mit schmelzendem Blick.

Quirin kniff den Mund zusammen, denn er war mit der Familie, die er mit Helga gegründet hatte, alles andere als zufrieden. Sein einziger Sohn wollte sich auszahlen lassen, um in der Stadt zu leben, und seine Tochter hatte, wie sie unumwunden zugab, nicht im Sinn, sich einmal als Bäuerin abzurackern. Das verbitterte ihn zutiefst; alles, wofür sich seine Vorfahren abgerackert und was er vermehrt hatte, würde nicht mehr weiterbestehen, sondern unter seinen Kindern aufgeteilt und für deren nichtsnutziges Leben vergeudet werden.

»Ich werd noch einmal für längere Zeit weggehen, und dann werd ich mich endgültig hier niederlassen. Natürlich will ich eine Familie …«

»Es freut mich immer, wenn ein junger Mann sich an seine Pflichten erinnert«, fiel ihm Helga säuselnd ins Wort und strahlte ihn verzückt an.

Quirin behielt seine Meinung für sich, seine Haltung drückte jedoch spürbar Entgegenkommen aus. Er zeigte sogar Interesse an Donats zukünftigen Unternehmungen, sodass der junge Mann die Gesellschaft der Lechmosers etwas erträglicher zu empfinden begann.

»Da kommt die Moni«, zwitscherte Helga und winkte die Tochter mit übertriebenen Gesten heran.

Donat musste zugeben, dass das junge Mädchen ausnehmend reizvoll war. Er verstand genug von Frauen, um zu wissen, dass sich unter ihrer hochmütigen Kühle eine leidenschaftliche Natur verbarg, was ihn sehr ansprach.

Sie sah über ihn weg, als wäre er irgendein Nachbar, der mit ihren Eltern langweilige landwirtschaftliche Dinge erörterte, und nahm mit scheinbarer Gleichgültigkeit Platz. Sie hatte die ganze Zeit über im Auge behalten, was sich abspielte, doch sie war klug genug gewesen, sich nicht eilends herzubegeben.

Sie fächelte sich mit einer Serviette Kühlung zu und unternahm keinen Versuch, sich an dem Gespräch zu beteiligen, sodass Donat nach einer Weile nichts anderes übrig blieb, als sich an sie zu wenden.

»Hast du keine Lust mehr zu tanzen?«, fragte er, und sie zuckte nur die vollen Schultern. Offensichtlich hatte sie nicht vor, es ihm leicht zu machen, doch Donat war gewappnet. Er beugte sich zu ihr hinüber und sah ihr tief in die Augen, mit einem Blick, von dem er wusste, dass er nie seine Wirkung verfehlte. »Dabei bist du dafür wie geschaffen«, sagte er mit dunkler Stimme, und sein warmer Atem traf sie.

Zu ihrem Verdruss errötete Moni tief, und sie hätte ihm gern eine schlagfertige Antwort gegeben, aber seltsamerweise wollte ihr die Stimme nicht gehorchen.

»Ja, magst du net mit dem Donat tanzen?«, fragte obendrein ihre Mutter noch arglos.

Donat sprang sofort auf und ließ sein unwiderstehliches Lachen erklingen.

»Manchmal sollten Töchter doch auf ihre Mütter hören!«

Ihre Eltern fielen in Donats Lachen ein, und es blieb Moni nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen und sich von Donat zur Tanzfläche führen zu lassen.

Eigentlich tat sie nichts lieber, und dass Donat anfing, sich mit ihren Eltern ins Einvernehmen zu setzen, bedeutete, dass er ernste Absichten hatte und sie bald am Ziel ihrer Wünsche sein würde. Doch so leidenschaftlich sie ihn auch begehrte, der Mann, dem sie einmal gehören würde, sollte sie lange umwerben und um ihre Gunst kämpfen müssen.

Und sie nahm sich vor, es ihm nicht so leicht zu machen wie all die anderen Frauen, an denen er so schnell das Interesse verloren hatte. Denn sie glaubte zu wissen, dass er zu der Art Männer gehörte, für die nur der Sieg den alleinigen Reiz ausmachte. Stolz erhobenen Hauptes schritt sie durch den Saal, und als Donat auf der Tanzfläche den Arm um sie legte und sie an sich ziehen wollte, wich sie spürbar vor ihm zurück.

Donat unterdrückte mühsam ein Lächeln, er ahnte, was in dem Mädchen vor sich ging, und ließ sich nicht beirren. Werbend flüsterte er ihr ins Ohr: »Hast du Angst vor mir?«

Moni lachte gekünstelt auf. »Da wärst du der Erste!«

Seine Stimme sank noch weiter herab, nahm einen betörenden Ton an. »Das wär ich gern – der Erste.« Unvermittelt presste er sie eng an sich, um sie genauso plötzlich wieder loszulassen.

»Was fällt dir ein!«

Eine heiße Röte war Moni in das Gesicht gestiegen, es drängte sie von ihm weg, aber gleichzeitig fühlte sie sich übermächtig zu ihm hingezogen. Es war ihr außerdem nicht daran gelegen, unliebsames Aufsehen zu erregen, indem sie ihn einfach stehen ließ. So bezwang sie sich, senkte den Kopf und vermied es, ihn anzublicken.

Donat erkannte, dass er zu weit gegangen war, und sagte mit aufrichtigem Bedauern: »Es tut mir leid, Moni, ich hab mich vergessen. Aber dich in den Armen zu halten …«

Er verstummte, und sein Blick sagte mehr als alle Worte.

Moni zeigte sich besänftigt, und sie begannen eine unverfängliche Unterhaltung.

»Sag mal, der Stenz, der sonst immer so an dir klebt, hat sich anscheinend endlich ein Madl ausgesucht. Den ganzen Abend tanzen er und die Murner-Regina miteinander und können sich nimmer voneinander trennen. Sie schaut ja jetzt auch ein bisserl fescher aus«, fügte sie abfällig hinzu.

»Ach? Das fällt mir jetzt erst auf, ich hab halt meine Augen woanders gehabt. Schau, schau, die Murner-Regina …«, sagte er gedehnt und sah befriedigt, wie Monis Lippen schmal wurden.

»Ja, ganz nett, aber dir kann sie net das Wasser reichen. Du bist das schönste Madl im Tal.«

Ihre Züge entspannten sich, und sie lächelte ihn zum ersten Mal an diesem Abend freundlich an.

»Auf Komplimente verstehst du dich!«

»Nur wenn’s angebracht ist.«

Die Polka, die auf einen Walzer folgte, verlangte ihre volle Aufmerksamkeit, und sie verstummten.

***

Die Lechmosers ließen immer wieder ihre Blicke zu dem jungen Paar schweifen.

»Was meinst du, Helga?«

»Stell dir vor, so einen berühmten Schwiegersohn zu bekommen! Vor Neid täten alle im Dorf platzen …«

»Es geht hier net um dich, sondern um das Madl«, unterbrach Quirin unwillig ihren Redeschwall.

»Da mach dir keine Sorgen, die Moni ist ganz narrisch drauf, den Donat zu heiraten. Eine Mutter weiß so was. Und er meint es ernst mit ihr, er hat alles gesagt, was Eltern wissen müssen.«

»Ja, das stimmt«, meinte Quirin Lechmoser zögernd und sah wieder zu den beiden hin.

»Sind sie net ein schönes Paar?«

»Darum geht’s net …«

»Was hast du denn sonst dagegen zu sagen?«

»Was ist, wenn er nach seinem Vater kommt? Alles hat der durchgebracht, alles! Und der Donat hat ja auch einen Ruf als Schürzenjäger, was net grad für ihn spricht.«

»Heißt es bei euch Mannsleute net immer, dass man sich vor der Ehe die Hörner abstoßen sollt und dass die schlimmsten Schürzenjäger dann die besten Ehemänner werden? Das kannst du dem Donat doch net im Ernst vorwerfen! Und was mit seinem Vater passiert ist, wird doch eher ein abschreckendes Beispiel für ihn sein. Er scheint ja sein Geld zusammenzuhalten«, wandte Helga ein.

»Stimmt schon. Aber was ist, wenn er auf diese Weise wieder an den Hof kommen will und es nur deshalb auf die Moni abgesehen hat?«, brachte Quirin als letzten Einwand hervor.

Doch auch dieses Mal hatte er damit keinen Erfolg, denn Helga besaß einen scharfen, berechnenden Verstand.

»Meinst du, das wär mir net auch schon durch den Kopf gegangen? Und wenn es so wär – dann ist es doch zum Vorteil von allen, da er schließlich net mit leeren Händen kommt.«

Quirin Lechmoser nickte. »Dann warten wir halt ab, was sich zwischen den beiden tut.«

Damit war die Sache abgeschlossen, und die Lechmosers widmeten ihre Aufmerksamkeit wieder den Vorgängen um sie herum. Eigentlich wären sie am liebsten schon aufgebrochen, aber in stillschweigendem Einverständnis harrten sie aus, damit Donat und Moni Gelegenheit hatten, bis zum Kehraus miteinander zu tanzen.

Und so geschah es auch, und es gelang Donat sogar, das Mädchen, das sich lange zierte, schließlich doch noch zu einem Treffen zu überreden.

»Du weißt gar net, wie ich mich drauf freu, mit dir allein zu sein«, flüsterte er ihr zu.

»Keinen Moment wirst du mit mir allein sein, das gibt’s net. Oder meinst du, ich bin eine von denen, die sich mit den Burschen hinten im Wirtsgarten herumdrücken?«

Ihre unverblümte Ausdrucksweise amüsierte ihn, und er antwortete in schmeichelndem Tonfall: »Natürlich net! Du gefällst mir doch grad, weil du net so bist wie alle anderen.«

Donat ließ es sich nicht nehmen, sich auch von ihren Eltern zu verabschieden, als der allgemeine Aufbruch herannahte, was Helga in Entzücken versetzte. Fast beneidete sie ihre Tochter, dass sie nicht an deren Stelle war, denn Donat Fürst hatte in kürzester Zeit ihr Herz erobert.

Sobald Donat allein und unbeobachtet war, veränderte sich seine Miene, die aufgesetzte Fröhlichkeit wich Überdruss und Erschöpfung. Er empfand nichts für Moni Lechmoser, auch wenn ihre Schönheit und leidenschaftliche Natur ihn nicht unberührt ließen.

Nun war er fast am Ziel seiner Wünsche angelangt, doch war es das wirklich wert, eine ungeliebte Frau zu heiraten, um sie zu verwirklichen? Moni war anspruchsvoll und verwöhnt, und es würde nicht leicht sein, mit ihr eine harmonische Ehe zu führen.

Doch hastig verwarf er diese unwillkommenen Bedenken wieder. Er durfte nicht von dem vorgezeichneten Weg abweichen, schon gar nicht durfte er sich unnützen Gefühlen überlassen.

Donat Fürst kannte Lust und Leidenschaft zur Genüge, doch er hatte noch nie eine Frau von ganzem Herzen geliebt. Solche Empfindungen hatte er immer als sentimentales Hirngespinst verspottet, etwas für schmalbrüstige Romantiker, die es nicht besser wussten.

»Donat, so wart doch!« Loisl kam auf der dunklen, verwaisten Dorfstraße hinter ihm hergeeilt, und Donat warf die eigenartige Stimmung, die ihn überkommen hatte, ab und blieb stehen.

Stenz schien verändert, wie er im trüben Licht einer Laterne sah, und Donat bemerkte spöttelnd: »Armer Loisl! Heut hast dich mit der ›mageren kleinen Wachtel‹ begnügen müssen!«

Zu seiner Überraschung flackerte so etwas wie Unmut in Loisls Augen auf.

»Ich täusch mich ja net oft in einem Madl, aber die Murner-Regina – alle Achtung!«

»Ja, sie hat sich zum Vorteil verändert, aber was soll denn sonst so Besonderes an ihr sein? Es gibt natürlich Unterschiede, so wie die Madln ausschauen halt, aber im Grund genommen sind sie sich doch gleich. Du weißt schon, wie ich’s mein, oder?«

Donat stieß seinen Freund vertraulich in die Seite und lachte. Als Loisl sein Lachen nicht erwiderte, musterte er ihn prüfend und fragte ungläubig: »Du wirst doch net gar Feuer gefangen haben, Loisl, ausgerechnet du! Ich fass es net!«

»Darum geht’s doch net. Ich mag nur net, dass du so über die Regina redest. Man soll net alle über einen Kamm scheren«, gab Loisl zurück, sein Gesicht, das sonst immer so gleichmütig wirkte, hatte sich gerötet.

»Was ist also an der Regina dran, dass du net über sie herziehen magst wie über alle anderen?«

»Wie soll ich sagen – sie ist zwar hübsch, ja, sogar schön, aber sie bildet sich nichts drauf ein. Manche schönen Madln schauen morgens in den Spiegel und meinen, die Welt müsst ihnen zu Füßen liegen, auch wenn sie träge und unleidlich sind. Aber die Regina – die hat Verstand und das Herz auf dem rechten Fleck. Wer die mal zur Frau bekommt, der kann von Glück sagen. Das ist keine für ein Gspusi«, sprudelte Loisl hervor.

»Wenn sie dir so gefallt, dann versuch doch dein Glück«, schlug Donat vor.

Loisls Züge verdüsterten sich, und Donat konnte leicht erraten, woran es lag. Stenz war der zweitälteste Sohn und hatte von seinen Eltern wenig zu erwarten, sonst wäre der Hof für den Erben nicht mehr zu halten gewesen. Es war allein Donat zu verdanken, der ihn auf Bergtouren als Führer mitnahm, dass er sich mehr leisten konnte als die anderen Burschen in seiner Lage. Allerdings war er verschwendungssüchtig, hing alles an seine Kleidung und gab viel Geld in Wirtschaften aus.

»Die Murners wären nicht erbaut davon, wenn einer wie ich ankäme«, sagte er bissig.

»Es kommt heutzutage ja nimmer so sehr auf die Eltern an, meinst net auch?«

»Die Regina und ich – ich weiß net.« Als hätte er schon zu viel von seinen Empfindungen verraten, ging er unvermittelt zum Angriff über. »Und du? Es war ja net zu übersehen, dass du der Lechmoser-Moni den Hof machst. Ich sag dir, da kommst net so leicht wieder heraus, wenn du mit der etwas anfängst.«

»Wer sagt denn, dass ich das wollt?«

»Das glaub ich net!«

»Warum denn net? Einmal muss der Mensch halt sesshaft werden. Ich will ja net als alter Krauter sterben, unbehaust und ohne Nachkommenschaft«, verteidigte sich Donat.

»Ich weiß net. Warum hab ich so das Gefühl, dass du was ganz Bestimmtes bezweckst? Und warum muss es grad die Lechmoser-Moni sein? Die hat doch Haare auf den Zähnen.«

»Ach geh! Du siehst Gespenster!«

»Ich glaub, wir werden alt, Donat. Mir gefällt mal ein Madl, und du denkst sogar ans Heiraten!«

»Da magst recht haben. Aber eine Weile sind wir noch jung und freuen uns unseres Lebens!« Donat schlang seinen Arm um die Schultern des Freundes, und so gingen sie, immer wieder innehaltend, lachend die nächtliche Dorfstraße entlang.

***

Als er zu Hause ankam, fand er seine Mutter schlafend in ihrem Sessel vor, anscheinend hatte sie nach ihm Ausschau gehalten. Er weckte sie behutsam und geleitete sie zu ihrer Schlafkammer.

»Schaust zufrieden aus, Bub«, meinte sie.

»Das bin ich auch, Mutterl«, gab er zur Antwort, ohne den Grund für seine gute Stimmung weiter zu begründen.