Heinrich VIII. von England - Dieter Berg - E-Book

Heinrich VIII. von England E-Book

Dieter Berg

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Beschreibung

Heinrich VIII. zählt & neben Elisabeth I. & zu den mächtigsten englischen Monarchen im 16.Jahrhundert. Ihm gelang es, durch eine weitsichtige Politik die Grundlagen für das ''englische Empire'' zu legen. Heute kennen wir diesen bedeutenden Herrscher meist nur aufgrund seiner vielen Ehen; wichtiger ist er aber aufgrund seiner Gründung der Englischen Staatskirche und der Auseinandersetzungen mit Parlament, Adel und den anderen europäischen Herrschern. Zudem bildete sich während seiner Regentschaft der frühmoderne Staat heraus, der die folgenden Jahrhunderte bestimmen sollte. Der Autor skizziert nur kurz Leben und Heiraten des Königs, legt jedoch danach den Schwerpunkt der Darstellung auf eine thematisch strukturierte Geschichte Englands in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts und auf die vielfältigen und wechselnden Beziehungen Heinrichs wie Englands zum Kontinent Europa.

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Heinrich VIII. zählt & neben Elisabeth I. & zu den mächtigsten englischen Monarchen im 16.Jahrhundert. Ihm gelang es, durch eine weitsichtige Politik die Grundlagen für das "englische Empire" zu legen. Heute kennen wir diesen bedeutenden Herrscher meist nur aufgrund seiner vielen Ehen; wichtiger ist er aber aufgrund seiner Gründung der Englischen Staatskirche und der Auseinandersetzungen mit Parlament, Adel und den anderen europäischen Herrschern. Zudem bildete sich während seiner Regentschaft der frühmoderne Staat heraus, der die folgenden Jahrhunderte bestimmen sollte. Der Autor skizziert nur kurz Leben und Heiraten des Königs, legt jedoch danach den Schwerpunkt der Darstellung auf eine thematisch strukturierte Geschichte Englands in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts und auf die vielfältigen und wechselnden Beziehungen Heinrichs wie Englands zum Kontinent Europa.

Prof. Dr. Dieter Berg lehrte bis zu seiner Entpflichtung Mittelalterliche Geschichte an der Leibniz-Universität Hannover.

Dieter Berg

Heinrich VIII. von England

Leben – Herrschaft – Wirkung

Verlag W. Kohlhammer

1. Auflage Alle Rechte vorbehalten © 2014 W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Umschlag: Gestaltungskonzept Peter Horlacher Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print: 978-3-17-021900-7

E-Book-Formate

pdf:

978-3-17-023496-3

epub:

978-3-17-023497-0

mobi:

Inhalt

1 Einleitung

2 Biographische Skizze

I. Die Entwicklung der Tudor–Herrschaft bis ca. 1550 in chronologischer Perspektive

3 Frühe Tudor–Herrschaft und Jugend Heinrichs VIII. (1485–1509)

4 Dynastie und Herrschaft im europäischen Kontext (1509–1547)

4.1 »The King’s Great Matter« und Herrschaftssicherung: Katharina von Aragón und Anna Boleyn (1509–1536)

4.2 Dynastie und europäische Politik: Jane Seymour und Anna von Kleve (1537–1540)

4.3 Dynastische Politik und englischer Adel: Katharina Howard und Katharina Parr (1540–1547)

5 England und Europa

5.1 England im europäischen Machtgefüge (1500–1529)

5.2 England und die europäischen Mächte (1530–1550)

5.3 Die englische Krone und die »keltischen Reiche« (1500–1550)

5.3.1 England und Schottland

5.3.2 England und Irland

5.3.3 England und Wales

II. Die Entwicklung der Tudor–Herrschaft in struktureller und systematischer Perspektive

6 Krone und Nobilität in England

6.1 Krone und Adel: Heinrich und die englische Nobilität

6.2 Krone und Hof: Heinrich und die königlichen Berater

7 Die Krone und die innenpolitische Entwicklung Englands

7.1 Krone und Religion: Die Entwicklung der Anglicana ecclesia und das religiöse Leben in Tudor–England

7.2 Die englische Krone und die Ökonomie: Gesellschaft und Wirtschaft in Tudor–England

8 Krone und Kultur

8.1 Krone und Herrschaftsrepräsentation: Heinrich als Renaissance–Fürst und Kunst–Mäzen

8.2 Krone und Öffentlichkeit: Ideologie, Propaganda und Historiographie in der Tudor–Gesellschaft

III. Die Weiterentwicklung der Tudor–Herrschaft nach dem Tode Heinrichs in chronologischer Perspektive

9 Die Sicherung der Tudor–Herrschaft und ihre Rezeption

9.1 Heinrichs Tod und Beisetzung

9.2 Heinrichs Nachfolge: England unter Eduard VI. (1547–1553)

9.3 Nachleben und Rezeption: Das Bild Heinrichs in TV– und Kino–Filmen des 20. und 21. Jahrhunderts

IV. Resümee: Heinrich VIII. – Mensch und Herrscher

10 Quellen– und Literaturverzeichnis

10.1 Quellen

10.2 Literatur

Anhang

Zeittafel

Stammbaum der Tudors

Karte Englands zur Zeit Heinrichs VIII.

Anmerkungen

Personenregister

1 Einleitung

Sicherlich gibt es kaum einen anderen europäischen Monarchen, der seit Jahrzehnten in der Öffentlichkeit eine solche Beachtung erfahren hat wie Heinrich VIII. Das »Image« des Monarchen war hierbei überwiegend negativ und vor allem von seinem fragwürdigen Verhalten gegenüber den Ehefrauen bestimmt. So blieb bis heute ein alter Kinder–Abzählreim in Verwendung, der das Schicksal der oftmals unglücklichen Tudor–Gemahlinnen verdeutlichen sollte: »Geschieden, Geköpft, Gestorben, Geschieden, Geköpft, Überlebt«. Zahlreiche Intellektuelle seit dem 19. Jahrhundert betrachteten den Monarchen als verfettetes, brutales Monster, das sadistische Freude empfand, Mitmenschen quälen und töten zu lassen. Der Dichter Charles Dickens ging noch weiter und bezeichnete 1854 Heinrich als »a most intolerable ruffian, a disgrace to human nature, and a blot of blood and grease upon the History of England«.1 Auch in der Gegenwart herrscht – u.a. durch Aktivitäten der Medien – ein Negativbild des Königs vor: Nicht zufällig nahm der Tudor nach Recherchen des Magazins »Focus« in einer Liste der größten Kapitalverbrecher der Geschichte den 4. Platz ein (nach Nero u.a.) – noch vor Adolf Hitler, Josef Mengele und Josef Stalin.2 Eher seltener waren Stimmen, die das verbreitete Zerrbild des Königs durch nüchterne Betrachtung zu korrigieren versuchten – wie etwa Sir Winston S. Churchill. Er urteilte 1956 über Heinrich deutlich milder:

»We must credit Henry’s reign with laying the basis of sea–power, with a revival of Parliamentary institutions, with giving the English Bible to the people, above all with strengthening a popular monarchy under which succeeding generations worked together for the greatness of England while France and Germany were racked with internal strife.«3

Diese beiden exemplarischen Stellungnahmen zu Person und Wirken von »Bluff King Hal and Burly King Harry« (C. Dickens) spiegeln nur ansatzweise die kontroversen Beurteilungen wider, die der Tudor seit dem 19. Jahrhundert in der europäischen Öffentlichkeit erfuhr. Während in der Public Culture die Vorstellungen von ihm durch das Porträt von Hans Holbein sowie von den oftmals legendenhaften Berichten über sein Eheleben sowie die brutale Tyrannei gegenüber den Untertanen geprägt wurden, war sein Bild in der sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelnden »wissenschaftlichen Geschichtsschreibung« besonders in England lange Zeit ein anderes.4 Schon die erste »moderne« Darstellung der Herrschaft Heinrichs im Rahmen einer historischen Gesamtdarstellung der Tudor–Dynastie von James Anthony Froude (1862,1908)5 erwies sich als prägend für die Konstituierung eines völlig anderen Heinrich–Bildes. Der viktorianische Historiker entwarf aufgrund gründlicher Archivstudien eine extrem einseitige und zeitgebundene Darstellung des Tudors. Obwohl sich der Autor der zahllosen Tötungen und Verfolgungen von angeblichen Opponenten durch den König bewusst war, erschienen ihm diese Maßnahmen im Blick auf »höhere Ziele und Erfolge« des Monarchen als vernachlässigbar bzw. geradezu als entschuldbar. Für Froude waren die vom Tudor veranlasste Trennung von Rom und die Schaffung der Anglicana ecclesia bleibende Leistungen. Hinzu kamen konstitutionelle Reformen mit einer Stärkung des Parlamentes, die Einbeziehung von Wales in das englische Verwaltungssystem und die Förderung der »Zivilisation« in Irland. Insgesamt verherrlichte der Autor seinen Helden als einen von Gott gesegneten Monarchen, der in allen Wirren den honour (Ehre) des englischen Namens aufrechterhalten und das Commonwealth sicher durch eine der schwersten Krisen seiner Geschichte geleitet hatte.

In den folgenden Jahrzehnten wurden in England lediglich einige kleinere Studien zur Herrschaft des Tudors veröffentlicht – etwa die kritische Analyse von Kardinal Francis Gasquet über das Schicksal der englischen Klöster oder von William Stubbs über die verfassungsgeschichtliche Bedeutung Heinrichs, der zwar »religious or ecclesiastical holocausts« verursachte, aber auch positive politische Veränderungen bewirkte.6 Erst etwa 40 Jahre nach dem Werk Froudes (1902) erschien eine neue, groß angelegte Biographie des Tudors von Albert Frederick Pollard. Er würdige nach zusätzlichen Quellenstudien sowohl die Persönlichkeit des Monarchen als auch das politische Geschehen unter seiner Regierung. Auch für ihn überwogen trotz des despotischen Charakters der Herrschaft Heinrichs seine innovatorischen Leistungen – wie bei Froude im Verfassungsbereich, in der Schaffung der Anglicana ecclesia und im Aufbau der Flotte. Der Tudor erschien einerseits als Inbegriff eines »constitutional king«, andererseits als »Machiavelli’s ›Prince‹ in action«.7

In den folgenden Jahrzehnten erschienen – abgesehen von einer psychoanalytischen Interpretation des Wirkens Heinrichs (mit Ödipus–Komplex) durch John Carl Flügel – lediglich einige Publikationen, die das Pollard–Bild des Tudors ausschmückten – wie z. B. die populäre Darstellung von Francis Hackett (1930) oder die Studien von Frederick Chamberlin (1931) und Helen Simpson (1934).8 Nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs wurden nur langsam wieder Werke über den Tudor vorgelegt, die aber erneut das »traditionelle«, von Pollard entworfene Bild Heinrichs als zwar brutalem, aber für die Ausbildung des englischen Staates letztlich verdienstvollen Monarchen reproduzierten – wie etwa die Arbeiten von Henry Maynard Smith (1948), Theodore Maynard (1949), Stanley Thomas Bindoff (1950) und John Duncan Mackie (1966).9 Erst Geoffrey Randolph Elton publizierte Untersuchungen, die eine veränderte Betrachtungsperspektive verdeutlichten und den Tudor–Hof stärker berücksichtigten (1953 sowie 1962, 1973). Für Elton stand Thomas Cromwell im Mittelpunkt des Geschehens, der die innovatorischen Ideen des Monarchen in konkreten politischen Aktionen umsetzte. Nicht der König, sondern sein Minister bewirkte eine revolution in government, die eine Reform des Verwaltungs– und Finanzwesens, Strukturveränderungen in der Herrschaftsorganisation und die Einbeziehung der Kirche in den englischen Staat zur Folge hatte. Bei Elton erschien der Tudor als stark von der Einflussnahme seiner Berater abhängiger Monarch, der weder eigenständig innovative Reformmaßnahmen noch selbstständig die Einführung der Reformation in England zu planen vermochte.10

Die »revolutionären« Thesen Eltons bestimmten für etwa drei Jahrzehnte die englische historische Forschung über Heinrich; kontinentale Geschichtsforscher hatten schon seit Ende des Zweiten Weltkrieges – und bis in die Gegenwart – keine substantiellen Beiträge zur Analyse der Tudor–Geschichte geleistet. Während sich bald Widerstand gegen die Behauptung Eltons von der Existenz einer »bürokratischen Revolution« regte, wurde die von ihm vorgenommene Erweiterung der Betrachtungsperspektive auf den gesamten Königshof übernommen und in zahlreichen Heinrich–Darstellungen seit den 1960er Jahre rezipiert. So beschäftigte man sich nunmehr u.a. mit Henry and his Court sowie mit Life and Times of Henry – etwa in den Monographien von John Joseph Bagley (1962), Neville Williams (1971) und Robert Lacey (1972).11 Hinzu kamen einige biographisch angelegte Studien, die oftmals das »traditionelle« Bild des Monarchen entwarfen und sich hierbei zumeist in der Nachfolge von Pollard befanden. Hierzu zählten u.a. die Werke von Beatrice Saunders (1963) und John Bowle (1964). Lediglich Lacey Baldwin Smith bemühte sich um eine stärker psychologisierende Darstellung des Tudors als »Manipulator« und als Menschen mit »private fears and inadequacies« hinter der Maske der Macht (1971).12

Erst 1968 vermochte der Elton–»Schüler« John Joseph Scarisbrick eine Biographie Heinrichs vorzulegen, die einen deutlichen Erkenntnisfortschritt bewirkte und Maßstäbe für die weitere Tudor–Forschung setzte. Auf verbreiterter Quellenbasis und in Weiterführung der Studien Eltons setzte der Autor in biographischem Rahmen neue thematische Akzente. So wurden einerseits erneut die Leistungen des Königs u.a. in den Bereichen Verwaltungsreform (mit Würdigung Cromwells), Neustrukturierung der Herrschaftsorganisation, Reform der Kirche und auswärtige Beziehungen gewürdigt. Andererseits fällte Scarisbrick ein weitgehend negatives Urteil über die Person Heinrichs: Dieser war nicht nur egoistisch und brutal, sondern er ließ das englische Volk für seine dynastischen Interessen einen kaum zu verantwortenden hohen Preis bezahlen. Ferner waren die Ergebnisse seiner Außenpolitik dürftig, die finanz– und wirtschaftspolitischen Maßnahmen für die Ökonomie des Inselreiches verheerend und die Henrician Reformation zerstörerisch, da er ein zutiefst gespaltenes Land hinterließ. Trotz der scharfen Verdikte entwickelte sich diese Heinrich–Biographie zu einem Standardwerk der Tudor–Geschichte, das bis zum heutigen Tage Beachtung findet und das Bild Heinrichs auch in der kontinentalen Geschichtsschreibung für lange Zeit prägte.13

Die von Scarisbrick gebotene Interpretation wurde durch einige stärker populärwissenschaftliche Biographien des Tudors nicht nachhaltig verändert – etwa durch Carolly Erickson (1980) und durch das besonders in Deutschland verbreitete Werk von Jasper Ridley (1984).14 Hingegen blieb die englische Tudor–Forschung bis zum Ende der 1980er Jahre wesentlich von den Auseinandersetzungen mit den Arbeiten Eltons geprägt. Hierbei beschäftigten sich zumeist »Schüler« aus seinem Umkreis mit ausgewählten Aspekten seiner komplexen Thesen, wobei der Focus der Betrachtung auf dem königlichen Hof und weniger auf der Person des Monarchen lag. In den folgenden Forschungsdiskussionen, die mitunter unschöne Formen persönlicher Konflikte aufwiesen, erlangte besonders David Starkey eine Führungsrolle. Zum einen wurde von ihm eine Neubewertung der Rolle der Privy Chamber als eigenständiger politischer Institution vorgenommen. Zum anderen setzten sich Zweifel an den Thesen von der Dominanz Cromwells bei der Durchführung der Verwaltungs– und Finanzreform durch. Schließlich erwies man dem königlichen Hof und insbesondere den konkurrierenden »Fraktionen« in der Forschung noch größere Beachtung.15 Hinzu kamen materialreiche Studien über einzelne Protagonisten der königlichen Herrschaftsausübung (wie Thomas Wolsey, Thomas Cromwell, Thomas Cranmer) und über Ursachen bzw. Entwicklung der Henrician Reformation (vgl. Kapitel 6.2 und 7.1). Unverändert fehlten jedoch neue biographische Gesamtdarstellungen für den Tudor; stattdessen untersuchte man weiterhin intensiv die Regierungsstrukturen sowie die politischen Mechanismen der Herrschaftsausübung des Königs.

An dieser Situation änderte sich seit Beginn der 1990er Jahre wenig – auch nicht durch einige eher populärwissenschaftliche Darstellungen etwa von Uwe Baumann (1991) und Alison Weir (2002).16 Erst im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends erschien eine Serie an biographischen Studien, wobei David Starkey mit einer Arbeit über den jungen Heinrich den Anfang machte (2008). Er betonte den tiefgreifenden Wandel in der Persönlichkeit des Königs von einem jungen Prince Charming zu einem alten, brutalen Tyrannen.17 Ein ähnliches Bild von der Persönlichkeit des Monarchen entwarfen Richard Rex (2009), Lucy Wooding (2009) und Robert Hutchinson (2011), wobei die »traditionelle« negative Beurteilung seines Charakters als egoistisch und brutal weiter Bestand hatte. Den Versuch einer etwas ausgewogeneren Bewertung unternahmen schließlich Eric Ives (2007), David Loades (2011), Peter Ackroyd (2012) und Sabine Appel (2012).18 In diesen Büchern wurde deutlich, dass es sich bei der oftmals als »Tyrannei« verurteilten Herrschaft Heinrichs nicht so sehr um »the expression of a system of governance as the tone governing a web of personal relationships« handelte.19

In Anbetracht der beschriebenen Forschungslage erscheint es insbesondere für einen deutschen Autor als wenig sinnvoll, eine weitere »traditionelle«, ausschließlich chronologisch gestaltete Lebensbeschreibung Heinrichs vorzulegen. Auch sollte in einer neuen Analyse die Konzentration der Betrachtung auf die Person des Monarchen bzw. sein Handeln und insbesondere – wie oftmals in deutschen Medien geschehen – auf sein problematisches Verhältnis zu Frauen bzw. zu den Gemahlinnen unterbleiben. Vielmehr ist im Folgenden ein neuer methodischer Ansatz zu wählen: Die Darstellung soll sowohl eine biographische als auch eine systematische Dimension besitzen und eine Kombination von biographisch-thematischen Längs- und Querschnitten aufweisen. So werden zum einen Grundzüge der Entwicklung der Tudor–Herrschaft mit stärker biographischen Bezügen in chronologischer Perspektive aufgezeigt. Zum anderen sollen – in Anbetracht der Komplexität des Quellenmaterials – einige wichtige Problembereiche der Tudor–Herrschaft in struktureller bzw. systematischer Perspektive behandelt werden.

So wird nach einer einleitenden Skizze zum Leben Heinrichs im ersten Hauptteil die Entwicklung seiner Herrschaft mit stärker biographischen Bezügen verdeutlicht. Hierbei wird von der Konstituierung der Tudor–Dynastie durch den Vater und von der Prägung des Sohnes durch ihn in seinem späteren Handeln ausgegangen (vgl. Kapitel 3). Hieran schließt sich eine Analyse des Spannungsverhältnisses von »Dynastie und Herrschaft im europäischen Kontext« unter besonderer Berücksichtigung der Ehepolitik Heinrichs an (vgl. Kapitel 4). Die europäische Perspektive der Betrachtung wird weiter verstärkt durch die folgende Untersuchung des Verhältnisses von »England und seinen europäischen Nachbarn«. Hierbei erfährt die Klärung der Frage nach der Entstehung des britischen Empire und nach den Beziehungen des englischen regnum zu den »keltischen Reichen« besondere Beachtung (vgl. Kapitel 5).

Im zweiten Hauptteil der Arbeit erfolgt die Behandlung ausgewählter Problembereiche der Tudor–Herrschaft in systematischer Perspektive. So wird zum einen die Rolle von »Nobilität und königlichen Beratern« für das politische Handeln des Monarchen analysiert (vgl. Kapitel 6). Zum anderen sind Grundzüge der innenpolitischen Entwicklung Englands zu verdeutlichen – u.a. bezüglich der Ausbildung einer eigenen Anglicana ecclesia und der Veränderungen in Gesellschaft und Wirtschaft des Inselreiches (vgl. Kapitel 7). Schließlich ist das Verhältnis von »Krone und Kultur« genauer zu untersuchen, indem sowohl die Bedeutung Heinrichs als »Renaissance–Fürst« und Kunst–Mäzen als auch die Rolle geklärt wird, die »Propaganda und Historiographie« bei der Sicherung der Tudor–Herrschaft spielten (vgl. Kapitel 8).

Im dritten Hauptteil wird erneut in chronologischer Perspektive geklärt, in welcher Weise Heinrich seine Nachfolge sicherte und wie der Sohn bzw. der Regentschaftsrat mit den Verfügungen des toten Monarchen umgingen. Zugleich ist das Vermächtnis zu prüfen, das der König hinterließ und das den Fortbestand der Herrschaft des Hauses Tudor in England zu sichern hatte. Besondere Beachtung sollen schließlich das Nachleben des Tudors und die Veränderung des Bildes Heinrichs finden, wie es sich vor allem in TV– und Kino–Filmen des 20. und 21. Jahrhunderts entwickelte (vgl. Kapitel 9).

Im vierten Hauptteil wird der Versuch unternommen, Heinrich als »Mensch und Herrscher« zu würdigen. So ist zum einen zu klären, welche Bedeutung seine Herrschaft für das Inselreich und die Ausbildung eines modernen Nationalstaates besaß. Zum anderen ist zu untersuchen, welche Stellung bzw. Rolle England unter dem Tudor im Kreise der abendländischen Reiche einnahm und welches außenpolitische Vermächtnis er hinterließ. Hierbei soll in systematischer Perspektive verdeutlicht werden, wie der König in seinem Handeln Teil eines komplexen personellen Aktions– bzw. Kommunikationsgeflechtes war, das die innen– und außenpolitischen Entwicklungen seiner Herrschaft nachhaltig beeinflusste. Schließlich ist zu fragen, welche Elemente der Bilder von Heinrich, die heute in der Forschung und in der Öffentlichkeit existieren, im Blick auf die Ergebnisse vorliegender Studie noch als relevant erscheinen.

Abschließend ist vom Autor verschiedenen Personen und Institutionen zu danken, die zum Entstehen des vorliegenden Werkes beigetragen haben: So gebührt den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in The National Archives (Kew) Dank für ihre Unterstützung. Gleiches gilt für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der British Library (London) und der Universitätsbibliothek der Ruhr-Universität (Bochum), die bei der Beschaffung großer Mengen an Spezialliteratur behilflich waren. Schließlich ist der Verfasser Herrn Dr. Daniel Kuhn (Kohlhammer Verlag) für seine Betreuung zu großem Dank verpflichtet.

2 Biographische Skizze

Heinrich wurde am 28. Juni 1491 als drittes Kind und als zweiter Sohn von König Heinrich VII. und seiner Gemahlin Elisabeth von York in Greenwich geboren. Der Vater war – zumindest teilweise – walisischen Ursprungs (Harri Tewdwr oder Tudur) und hatte seine Thronansprüche gewaltsam gegen König Richard III. aus dem Hause York in der Schlacht bei Bosworth (1485) durchgesetzt. Die temporäre Instabilität seiner Herrschaft und verschiedene Versuche von Yorkisten, den Tudor zu stürzen und einen eigenen Prätendenten auf dem englischen Thron zu platzieren, prägten seine Regierung nachhaltig. Hinzu kam das Streben nach Legitimierung seines Königtums und nach Sicherung der Macht der Tudor–Dynastie. Das Bemühen, den Fortbestand des Hauses Tudor zu wahren und nach seinem Tode mögliche Bürgerkriege zu verhindern, bestimmte auch das Handeln Heinrichs VIII.

Sein Leben lässt sich in mindestens vier aufeinander folgende Phasen einteilen, deren erste die Jugend bis zur Thronbesteigung umfasst (1491–1509). Der Prinz stand längere Zeit im Schatten des älteren Bruders und Thronfolgers Arthur (1486–1502). Dennoch erhielt auch Heinrich eine gründliche Ausbildung, die durch bedeutende Renaissance–Gelehrte nach den humanistischen Bildungsvorstellungen der Zeit erfolgte. Hierdurch erwarb er solide Kenntnisse in zahlreichen Sprachen (insbesondere Latein und Französisch) sowie in Geschichte, Poesie und Musik, der später seine ganze Passion gelten sollte. Hinzu kam die übliche »ritterliche« Ausbildung im Reiten und in der Schulung an Waffen. Ferner betrieb Heinrich – auch in späteren Lebensjahren – zahlreiche Sportarten wie Tennis, Fußball und ging gerne zur Jagd. Schon bald wurde er vom Vater in dessen Herrschaftssystem einbezogen, indem er nominell verschiedene Ämter und militärische Funktionen übertragen bekam, die zumeist durch Stellvertreter ausgeübt wurden. Hierbei lernte er schnell, sich angemessen in der Öffentlichkeit zu verhalten und standesgemäß bei Hofe zu agieren. Da der Königssohn gut aussah, elegant und selbstbewusst auftrat und bei Bedarf auch charmant sein konnte, betrachtete man ihn als Prince Charming (D. Starkey).

Eine Zäsur in seinem Leben trat durch den überraschenden Tod des Thronfolgers Arthur am 2. April 1502 ein, da Heinrich nun der einzige überlebende Sohn des Tudors und damit dessen designierter Nachfolger war. Den außenpolitischen Plänen des Vaters entsprechend sollte er die Witwe seines verstorbenen Bruders heiraten, Katharina von Aragón; den erforderlichen Dispens erteilte Papst Julius II. wunschgemäß. Infolge politischer Wirren in Spanien nach dem Tode der Brautmutter, Isabellas I. von Kastilien († 26. November 1504), unterblieb die Hochzeit jedoch vorerst. So konnte der junge Fürst seinen standesgemäßen Vergnügungen – wie Sport, Jagden, Turnieren – weiterhin nachgehen, während ihn der Vater bewusst nicht auf die bevorstehende Regierungstätigkeit vorbereitete. Nur mittelbar durch häufige Präsenz bei Hofe erhielt er einen gewissen Eindruck vom Lebens– und Herrschaftsstil des Monarchen. Gleichzeitig wurde der Thronfolger mit der magnaten–feindlichen Politik des Vaters konfrontiert, die das spätere Verhältnis seines Sohnes zu den Großen des Reiches nachhaltig beeinflussen sollte. Der Tod Heinrichs VII. am 21. April 1509 wurde daher in der englischen Oberschicht nicht allzu sehr betrauert.

Mit der Thronbesteigung Heinrichs VIII. (24. Juni 1509), der zuvor Prinzessin Katharina geheiratet hatte (11. Juni), begann die zweite Phase in seinem Leben (1509–1525), die von zahlreichen kriegerischen Aktivitäten geprägt war. Nach der Herrschaftsübernahme, die ohne Schwierigkeiten erfolgte, strebte der junge Monarch bald danach, chevaleresken Ruhm nicht nur in Turnieren, sondern auch auf dem Schlachtfeld zu erringen. Hauptziel hierbei war – nach dem Beispiel Heinrichs V. von England – die zumindest partielle Rückeroberung der englischen Festlandsbesitzungen. Militärische Interventionen in Spanien und Frankreich brachten dem Tudor zwar Teilerfolge; im gleichzeitigen diplomatischen Ringen war er aber seinem Schwiegervater Ferdinand II. und Maximilian I. unterlegen. Seit 1512 wurde Thomas Wolsey der wichtigste königliche Minister, der nicht nur die »politischen Alltagsgeschäfte« für Heinrich erledigte, sondern für fast zwei Jahrzehnte auch die englische Außenpolitik beeinflusste. Ihm gelang es, die Beziehungen zum schottischen und zum französischen Reich durch militärische Erfolge bzw. durch Heiratsbündnisse zu stabilisieren. Zudem vermochte er, in Verhandlungen Heinrich den konkurrierenden Herrschern in Frankreich (Franz I.) und in Deutschland (Karl V.) als geeigneten Bündnispartner und zeitweise sogar als Vermittler im Rahmen einer europäischen Friedensordnung (1519) erscheinen zu lassen. Trotz repräsentativer Treffen mit beiden Monarchen zögerte der Tudor nicht, während der französisch–habsburgischen Kriege in Italien mit dem Kaiser in Frankreich einzufallen (1523). Hierbei waren aber die Erfolge Heinrichs im Vergleich zu denen des Habsburgers (Gefangennahme von Franz I. in Pavia 1525) eher mäßig. Während Karl V. eine hegemoniale Stellung erlangte, geriet der Tudor zeitweise in eine außenpolitische Isolation, zumal sich auch die Beziehungen zu Schottland verschlechterten, das sich infolge der Auld Alliance mit Frankreich – eines immer wieder erneuten Beistandspaktes zwischen Frankreich und Schottland – feindlich gegenüber dem englischen Reich verhielt.

Eine weitere Zäsur im Leben Heinrichs entstand etwa 1526, da er trotz der Geburt von mindestens sechs Kindern, von denen fünf umgehend verstarben, »nur« eine Tochter (Maria) und keinen Sohn besaß. Die Sicherung der Thronfolge wurde im Blick auf das Lebensalter der Königin immer problematischer. Zudem hatte sich der Monarch, der nunmehr rechtliche bzw. theologische Bedenken bezüglich der Gültigkeit seiner Ehe mit der Witwe seines Bruders hegte, in eine Hofdame (Anna Boleyn) verliebt. Diese machte ihm – unter der Voraussetzung einer Eheschließung – Hoffnung, den ersehnten Nachfolger zu schenken. So wurde das folgende Jahrzehnt bzw. die dritte Lebensphase Heinrichs (1526–1536/37) weitgehend von The King’s Great Matter bestimmt, d. h. von den Bemühungen um die Aufhebung der Ehe mit Katharina und von der tragischen Beziehung zu Boleyn. Der König sah sich für die Eheannullierung auf die Mitwirkung von Papst Clemens VII. angewiesen, der ein langwieriges kirchenrechtliches Prüfungsverfahren veranlasste. Hierbei stand er nach dem Sacco di Roma (1527) unter massivem Druck durch den Neffen von Königin Katharina (Karl V.), der auch auf deren Betreiben eine Eheauflösung zu verhindern suchte. So bemühten sich Heinrich und Wolsey jahrelang und auf unterschiedlichste Weise um die gewünschte päpstliche Annullierung, jedoch ohne Erfolg.

Nachdem der Lordkanzler über diesen Misserfolg gestürzt war (1530), entwickelte der neue Chief Minister des Königs, Thomas Cromwell, wahrscheinlich auch auf Betreiben Boleyns und mit englischen Kirchenreformern eine Doppelstrategie zur Lösung des Eheproblems: Einerseits wurde das Annullierungsverfahren am päpstlichen Hof weiter betrieben, andererseits suchte er eine landesinterne Entscheidung ohne päpstliches Einwirken aufgrund königlicher Suprematie und durch Maßnahmen der englischen Kirche sowie des Parlaments. Nachdem sich auch der König für diese Strategie entschieden hatte (1532/33), ließ er vom Parlament eine Serie an Statuten verabschieden, die das Verhältnis der Kirche zu Krone und Papsttum neu bestimmten. Zudem veranlasste der Tudor den Erzbischof von Canterbury, die Ehe mit Katharina zu annullieren, so dass Heinrich Boleyn heiraten konnte (1533). Nach dem Bruch mit Rom baute der König seine Herrschaft über die englische Kirche weiter aus (u. a. Act of Supremacy 1534) und begann mit der Zerschlagung angeblich »konservativer« kirchlicher Einrichtungen wie der Klöster, deren Vermögen er für die Krone einziehen ließ (1536,1537–1539). Ungeachtet der Trennung von Rom hielt der Tudor selbst bis zum Lebensende an »altgläubigen« Vorstellungen fest. Für ihn war die Bewahrung der traditionellen Herrschaftsstrukturen der Kirche wichtig, an deren Spitze nunmehr der König und nicht länger der Papst stand.

Diese tiefgreifenden kirchenpolitischen Maßnahmen implizierten nicht nur ein erhebliches außenpolitisches Gefahrenpotential bezüglich möglicher Interventionen kontinentaler »katholischer« Mächte, sondern riefen auch erhebliche innenpolitische Widerstände hervor. So wurden einflussreiche Opponenten (wie More, Fisher) wegen ihrer Ablehnung der Supremats– und Sukzessionsgesetze hingerichtet (1536), während es in Lincolnshire und Yorkshire zu schweren Revolten gegen die Regierung kam (Pilgrimage of Grace). Hinzu kamen Unruhen in Irland, die ebenfalls mit der angeblich verfehlten Rom–Politik des Königs begründet wurden. Mögliche Konflikte mit den kontinentalen Mächten blieben Heinrich nur durch deren Italienkriege erspart, zumal er zumindest vordergründig seine außenpolitische Neutralität wahren konnte. Wenig günstig entwickelten sich auch seine Beziehungen zu Boleyn, da diese nicht wie erhofft einen Thronfolger, sondern die Tochter Elisabeth (I.) geboren hatte (* 1533). Zwar war Katharina von Aragón 1536 einem Krebsleiden erlegen, doch führten das selbstbewusste Auftreten Annas und ihre Versuche, sich in das politische Geschehen einzumischen, zu anhaltenden Konflikten mit dem König. Da er nach zahlreichen Fehlgeburten Boleyns (1534–1536) nicht mehr hoffte, den gewünschten Thronerben von ihr zu erhalten, begannen »Hof–Fraktionen«, eine neue Ehekandidatin (die Hofdame Jane Seymour) zu lancieren. Gerüchte über »Hexereien« Boleyns und ihre angebliche Untreue führten im Frühjahr 1536 zum Prozess und zur Verurteilung der Königin. Da sogar Heinrich von ihrer Untreue überzeugt gewesen zu sein scheint, wurde Anna mit ihren angeblichen Liebhabern hingerichtet († 1536). Nach Aufhebung auch dieser Ehe und nach der Heirat des Königs mit Seymour (20. Mai 1536) wurde endlich der ersehnte Thronfolger (Eduard VI.) geboren (* 12. Oktober 1537); doch starb die Monarchin am 24. Oktober im Kindbett.

Nach ihrem Tode begann für Heinrich der vierte Abschnitt seines Lebens (1538–1547), das von zunehmend autokratischer Herrschaftsausübung und –sicherung charakterisiert und von gesundheitlichen bzw. seelischen Problemen des Monarchen beeinflusst wurde. Bereits seit einem Turnierunfall (1536) mit tiefer Bewusstlosigkeit des Königs und einem sich danach ständig verschlechternden Gesundheitszustand scheint sich auch seine Psyche langsam verändert zu haben. Aufgrund der Erfahrungen mit der angeblich untreuen Boleyn und in anbetracht der ständigen Hofintrigen entwickelte Heinrich ein tiefes Misstrauen gegenüber seiner Umwelt und dem Hof, noch verstärkt durch die Sorge um den Erhalt der Tudor–Herrschaft nach seinem Tode. Bedrängt von Höflingen, entschloss er sich zu einer erneuten Ehe, die – auf Betreiben Cromwells – nunmehr außenpolitisch bestimmt war. Doch die Verbindung mit Anna von Kleve (1540) scheiterte und führte zum Untergang des Ministers. Auch die folgende Heirat mit Katharina Howard (1540) – forciert von der »konservativ–katholischen« Fraktion im Council – bewirkte wegen der erwiesenen Untreue der Gattin bei Heinrich eine noch größere persönliche Enttäuschung und verstärkte seine Verbitterung. Die letzte Ehe mit Katharina Parr (1543) war dagegen harmonischer, da ihm diese Partnerin offensichtlich die Zuneigung und Geborgenheit zu geben vermochte, die er wahrscheinlich ein Leben lang gesucht hatte. Keine der Herrscherinnen in dieser Lebensphase erfüllte den Wunsch des Königs nach weiteren Nachkommen.

Obwohl im Bewusstsein der Zeitgenossen die Frage der Eheschließungen Heinrichs eine bedeutende Rolle spielte, so waren die innen– und außenpolitischen Entwicklungen, die in der letzten Phase im Leben Heinrichs erfolgten, mindestens ebenso wichtig. Eine zentrale Rolle spielte hierbei Cromwell, der tiefgreifende Reformen im Finanz– und Verwaltungswesen des Landes beförderte, ohne dass jedoch von einer Tudor revolution in government (G. Elton) auszugehen wäre. Maßgeblich bestimmte er zudem die Beziehungen des Monarchen zum Parlament, das eine Schlüsselrolle bei der Durchsetzung des königlichen Souveränitätsanspruchs und des Bruchs mit Rom spielte. Trotz des – zumindest theoretischen – umfassenden Machtanspruchs des Königs blieb er bei der Legitimierung seiner herrschaftlichen Maßnahmen auf die Kooperationsbereitschaft des Parlaments angewiesen. Kontrovers waren hingegen die religionspolitischen Vorstellungen des Ministers und seines königlichen Herrn: Der Monarch wünschte unverändert eine lediglich organisationstechnische Trennung der Anglicana ecclesia von Rom mit neuer königlicher Spitze (Political Reformation) ohne eine radikale theologische Neuorientierung (Religious Reformation), wie sie die Reformer und wahrscheinlich auch Cromwell wünschten. So folgten auf die reformerischen Ten Articles (1536) und das Bishops’ Book (1537) auf Betreiben der »Konservativen« und des Königs die Six Articles (1539), die weitgehend die traditionelle katholische Lehre bestätigten. Auch in der Frage einer volkssprachlichen Bibelübersetzung zeigte sich der Tudor im Gegensatz zu den Reformern und zu Cromwell zurückhaltend. Konsequent vermied Heinrich bis zum Ende seines Lebens eine dogmatisch–theologische Neuorientierung unter Einbeziehung der Lehren Luthers und Calvins; diese Entwicklung erfolgte erst unter seinem königlichen Sohn Eduard VI. So führten nicht nur der Fehlschlag des Heiratsprojektes mit Anna von Kleve, sondern vor allem religionspolitische Kontroversen zum Sturz und zur Hinrichtung Cromwells 1540.

Abgesehen von den erwähnten religionspolitischen Gegensätzen wurden die letzten Lebensjahre des Monarchen von neuen außenpolitischen Initiativen geprägt. So hatte noch Cromwell für eine intensivere politische Präsenz der englischen Krone im Celtic Fringe Sorge getragen, indem etwa durch die Laws in Wales Acts das Land seit 1536 verwaltungstechnisch stärker in das englische Reich eingegliedert wurde. Auch in Irland kam es zu politischen Initiativen der Krone, die nach der Kildare–Revolte (1534–1535) und verschiedenen ergebnislosen militärischen Interventionen seit 1540 eine neue Strategie der »Unterwerfung und Belehnung« gegenüber den gälischen Lords praktizierte. Langfristig zeitigte dieses Vorgehen Erfolge, zumal der Tudor vom Irischen Parlament im Juni 1541 zum König von Irland ausgerufen wurde. Dennoch blieb der Anspruch des englischen Monarchen, auch oberster Herr der Irischen Kirche zu sein, ein Quell andauernder Konflikte. Weniger erfolgreich waren die englischen Initiativen gegenüber Schottland, das nach dem Tode der Schwester Heinrichs, Königin Margaretes († 1541), und ihres Sohnes, Jakobs V. († 1542), die 6–jährige Maria Stuart als Monarchin sowie einen Regentschaftsrat besaß. Die Verwirklichung der Tudor–Pläne, ein Ehebündnis zwischen der schottischen Königin und dem englischen Thronfolger Eduard und damit möglicherweise eine Vereinigung beider Reiche herbeizuführen (Vertrag von Greenwich 1543), führte nicht nur zu lang anhaltenden englisch–schottischen Konflikten, sondern infolge der Auld Alliance auch zu Auseinandersetzungen Englands mit Frankreich.

Möglicherweise aus Sorge vor einer französischen Intervention in Schottland entschloss sich Heinrich zu einer letzten militärischen Offensive in Frankreich, indem er im Bündnis mit Karl V. den französischen Rivalen angriff und Boulogne eroberte (September 1544). Doch bald stagnierte das Unternehmen, zumal der Habsburger einen Separatfrieden mit König Franz schloss. Während der Tudor die Feindseligkeiten auf dem Kontinent fortsetzte, drohte eine französische Invasion des Inselreiches, so dass Heinrich schließlich einem Friedensschluss in Ardres zustimmen musste (Juni 1546). Abgesehen vom temporären Besitz von Boulogne brachte das Unternehmen für ihn keinerlei außenpolitischen Gewinn, während die ungeheuren Kosten des Feldzuges das englische Reich an den Rand des Staatsbankrotts brachten. Resigniert und geplagt von ständigen gesundheitlichen Beschwerden zog sich der König in den letzten Monaten seines Lebens immer stärker aus der Öffentlichkeit zurück. Bestehen blieb hingegen seine Liebe für die Musik, die er – wie die übrigen Schönen Künste – während seiner gesamten Regierungszeit als Patron gefördert hatte. Gleiches galt für die zahlreichen Prachtbauten, die Heinrich errichten ließ und die den Glanz seiner Hofhaltung verdeutlichen sollten. Bis in die letzten Lebenstage belastete den Tudor, der kaum mehr bewegungsfähig war und unter stinkenden Geschwüren an den Beinen litt, die Sicherung der Thronfolge seines 9–jährigen Sohnes. Versuche der Familie Howard, möglicherweise nach dem Tode Heinrichs selbst die Macht zu ergreifen, unterband der kranke Monarch konsequent, indem er den langjährigen Vertrauten Norfolk im Dezember 1546 inhaftieren und seinen Sohn Surrey im Januar darauf hinrichten ließ. Nach langem, qualvollen Leiden starb der König in der Nacht zum 28. Januar 1547 in Whitehall Palace (London). Seine letzte Ruhestätte fand er wunschgemäß in der St. George’s Chapel Windsor in einem bescheidenen Grab neben der Mutter des Thronfolgers Eduard; das für Heinrich eigentlich vorgesehene, prachtvolle Grabmal wurde niemals vollendet.

Abb. 1: Jugendbildnis Heinrichs VIII.

I. Die Entwicklung der Tudor–Herrschaft bis ca. 1550 in chronologischer Perspektive

3 Frühe Tudor–Herrschaft und Jugend Heinrichs VIII. (1485–1509)

Bei der Geburt ihres zweiten Sohnes Heinrich (VIII.) 1491 befanden sich Heinrich VII. (Tudor)1 und Elisabeth, Tochter König Eduards IV. († 1483), in einer politisch schwierigen Lage. Diese resultierte vor allem aus den Folgen der gewaltsamen Herrschaftsübernahme des Tudors in der Schlacht bei Bosworth und aus dem Tode König Richards III. († 22. August 1485). Der Sieg Heinrichs beendete die jahrzehntelangen Kämpfe zwischen rivalisierenden Seitenlinien des Herrscherhauses Plantagenet – Lancaster (mit roter Rose im Wappen) und York (mit weißer Wappenrose) – in den »Rosenkriegen« (1455–1485). Auch die Familie Heinrichs war von den Kämpfen betroffen, da der Vater Edmund Tudor († 1. November 1456) und der Großvater Owen Tudor († 2. Februar 1461) als Lancaster–Anhänger Opfer der Auseinandersetzungen wurden. Später war auch Heinrichs VII. Leben, der am 28. Januar 1457 in Pembroke Castle geboren wurde, von den Auswirkungen dieser Kriege geprägt. So musste der Adlige – von hohem, schlankem Wuchs, wohl gebaut und kräftig, mit schmalen, blauen oder grauen Augen, dünnem, braunem Haar und schlechten Zähnen2 – nach dem Verlust von Titel und Besitzungen der Familie 1471 mit seinem Onkel Jasper in die Bretagne an den Hof von Herzog Franz II. fliehen, wo er fast 14 Jahre im Exil weilte. Die Erfahrungen von Armut und existentieller Not, die der Tudor dort – gleichsam als Geisel französischer Fürsten – machen musste, sollten ihn nachhaltig prägen und die Neigung zu Misstrauen gegenüber der Umwelt verstärken.

Nach der Thronbesteigung Richards III. 1483 gab es Widerstände gegen seine Herrschaft; doch erst, nachdem Umsturzversuche von Heinrich Stafford, Herzog von Buckingham, und Heinrich Tudor fehlgeschlagen waren, begannen Lancaster–Anhänger um Gräfin Margarete Beaufort3 und oppositionelle Yorkisten den mittellosen Tudor im Exil zum neuen Prätendenten aufzubauen. Um deren Unterstützung zu behalten, stellte Heinrich die Vereinigung beider Adelshäuser durch seine Ehe mit Elisabeth von York in Aussicht. Dennoch blieben seine Handicaps bestehen: So besaß er infolge des Exils keine hinreichenden Kenntnisse von Land und Leuten Englands, dessen Königswürde er anstrebte; zudem hatte er keine Herrschafts– und Kriegserfahrungen und verfügte über keinerlei Gefolgschaft oder territoriale Machtbasis auf der Insel. Hinzu kam, dass er auf die Hilfe auswärtiger Fürsten angewiesen blieb und sein Machtkampf mit Richard zunehmend außenpolitische Implikationen erhielt. Französische und schottische Große versuchten nämlich, durch ihre Hilfe für den Tudor zumindest indirekt Einfluss auf die politischen Entwicklungen in England zu nehmen. Dies galt besonders für Herzog Franz und später König Karl VIII. von Frankreich, die im September 1484 Pressionen von Seiten Richards III. wegen einer Auslieferung Tudors widerstanden und diesen weiter als Instrument für ihre außenpolitischen Interessen nutzten.

Nur die Unterstützung des französischen Königs sowie oppositioneller englischer Adliger und walisischer Anhänger des Hauses Lancaster mit Schiffen und Söldnern ermöglichte Heinrich im August 1485 einen erneuten, nunmehr erfolgreichen Invasionsversuch in England. Auch den Sieg in der Entscheidungsschlacht bei Bosworth verdankte der Tudor weniger eigenen Leistungen als Heerführer, sondern vielmehr dem Einsatz kriegserprobter Barone wie William und Thomas Stanley sowie dem Abfall ehemals königstreuer Großer im Kampf zugunsten Heinrichs. Somit gelangte Heinrich eher »wegen der Fehler und Schwächen anderer Männer als aufgrund irgendwelcher besonderer eigener Qualitäten «4 auf den englischen Thron. Auch die Praxis königlicher Herrschaftsausübung musste er infolge fehlender einschlägiger Ausbildung erst erlernen. So war für den Tudor in der Folgezeit vorrangig, sein Königtum zu legitimieren, die Macht durch die Schaffung einer loyalen Anhängerschaft im Reich zu stabilisieren und jegliche potentielle Opposition – insbesondere von Seiten der Yorkisten – auszuschalten.

Bereits unmittelbar nach dem Sieg bei Bosworth begann Heinrich, seine Gefolgsleute für ihren Einsatz mit Titeln, Ämtern und Besitzungen reich zu belohnen, wobei neue Peer–Würden selten verliehen wurden. Während er nur einigen mächtigen Yorkisten–Familien Titel und Besitzungen entzog, blieb für ihn die Legitimierung seiner königlichen Macht vorrangig. Hierfür bediente sich Heinrich des Parlamentes, das – nach der Krönung in der Westminster Abbey (30. Oktober 1485) – Anfang November zur konstituierenden Sitzung einberufen wurde. Wunschgemäß anerkannte dieses den Tudor als neuen König (von England und Frankreich), »weil er sich de facto auf dem Thron« befände.5 Zusätzlich deklarierte Heinrich seinen Schlachtensieg als »Gottesurteil« und ließ den Beginn seiner Königsherrschaft auf den Tag vor der Schlacht datieren. Hierdurch konnten Richard und seine Anhänger nachträglich als »Rebellen« gegen den rechtmäßigen König parlamentarisch geächtet (Act of Attainder) und ihr Besitz eingezogen werden. Ergänzend bestätigte man das Thronfolgerecht für die Nachkommen Heinrichs (Act of Settlement), anerkannte die Legalität der Heirat Eduards IV. mit Elisabeth Woodville, d. h. der ehelichen Geburt der künftigen Gattin des Tudors, und gewährte dem König zahlreiche finanziell bedeutsame Rechte (Act of Resumptions).6

Nachdem Heinrich am 18. Januar 1486 vereinbarungsgemäß Elisabeth von York geheiratet hatte, strebte er die Schaffung funktionsfähiger Verwaltungs– und Herrschaftsstrukturen an. Hierbei war er um Kooperation mit der Aristokratie bemüht, auf deren Mitwirkung der Tudor bei der Herrschaftsausübung vor allem auf regionaler Ebene angewiesen blieb. Gleichzeitig zeigte er sich aufgrund der Erfahrungen aus den »Rosenkriegen« und mit dem »Bastard Feudalismus« entschlossen, den Einfluss übermächtiger Barone bzw. ihrer Familien zumindest einzuschränken. Hierfür veranlasste er eine Verkleinerung der territorialen Machtgrundlagen der Barone zugunsten der Krone und untersagte ihnen den Unterhalt von »Privatarmeen« (Statute of Livery and Maintenance). Hinzu kamen Strafmaßnahmen bzw. Prozesse gegen Große wegen Rechtsbrüchen u.a. am Court of Star Chamber. Gleichzeitig zog er Adlige konsequent an seinen Hof, um sie u. a. besser überwachen zu können; traditionsgemäß waren sie auch im Königlichen Rat (Council) vertreten. Im Verwaltungs- und Finanzwesen und bei der Erledigung der politischen »Alltagsarbeit« rekurrierte Heinrich einerseits auf einen engeren Kreis an Beratern aus dem Council; andererseits griff er auf Angehörige der Gentry bzw. des Bürgertums und selbst auf ehemalige York–Anhänger zurück, die über Verwaltungserfahrung und juristische Kenntnisse verfügten. Zeitweise übten einige Berater einen dominierenden Einfluss aus – wie Richard Fox (1485–1492) und Reynold Bray (1492–1503); später spielten Richard Empson und Edmund Dudley eine zentrale Rolle im Finanzwesen.

Trotz seiner Bemühungen um Ausgleich sah sich der Tudor von Beginn der Herrschaft an bis wenige Jahre vor seinem Tode mit zahlreichen Revolten konfrontiert. Diese hatten oftmals ihren Ausgangspunkt in den benachbarten »keltischen Reichen« (Celtic fringe). Als politisch stabil erwiesen sich für Heinrich die Strukturen in Wales, wo seine Familie großen Einfluss hatte; auch besaß er später über seinen Sohn Arthur als Prince of Wales7 Zugriff auf die Principality. Schwieriger war die Situation in Schottland und Irland, wo die Einflussnahme der englischen Krone auch geographisch eng begrenzt blieb und ansonsten Home Rule Lords dominierten. Einzelne Versuche des Königs, stärkere Kontrolle auszuüben, scheiterten am Widerstand mächtiger Barone und führten stattdessen bei diesen zu Maßnahmen, ihrerseits die Herrschaft Tudors zu destabilisieren und Rebellionen durch York–Prätendenten in England zu fördern. Diese Revolten begannen unmittelbar nach dem Herrschaftsantritt Heinrichs, wobei die erste Art an Rebellion, die von Yorkisten ausging und auf den Sturz des Königs abzielte, weniger gefährlich war (z.B. Revolte von Francis Lovell und der Stafford–Brüder 1486). Als rasch beherrschbar für den Tudor erwies sich auch eine zweite Art an Rebellion, die regional begrenzt war, sich gegen einzelne königliche Verfügungen – zumeist Steuerforderungen – richtete und militärisch schnell niedergeworfen wurde (z. B. 1489 in Yorkshire,1497 in Cornwall). Wesentlich gefährlicher war hingegen eine dritte Art von Revolte, die auf die Etablierung einer anderen Herrscherdynastie – nämlich des Hauses York – ausgerichtet blieb. Derartigen Rebellionen sah sich Heinrich zweimal ausgesetzt (1486/87, 1491–1499): Beide Revolten rekurrierten auf die anfechtbaren Thronansprüche des Tudors und lancierten angebliche Thronprätendenten aus dem Hause York – Lambert Simnel, einen 10–jährigen Bürgersohn aus Oxford, als (fiktiven) Earl Edward von Warwick, und Perkin Warbeck, einen 17–jährigen Zollaufseher–Sohn aus Tournai, als Herzog Richard von York, der unter Richard III. inhaftiert gewesen, jedoch geflohen wäre.8

Beide Hochstapler fungierten als Instrumente sowohl für einflussreiche englische Magnaten (wie John de la Pole, Earl von Lincoln), als auch für ausländische Unterstützer, wie etwa die Könige von Frankreich und Schottland, Kaiser Maximilian9 sowie Große in Irland und Burgund. Diese Fürsten versuchten, potentielle Thronwirren in England zu fördern und den Tudor außenpolitisch zu schwächen, indem man die beiden Prätendenten sogar zu Königen – Eduard VI. bzw. Richard IV. – erklärte. Auch militärische Aktionen wurden unternommen, in beiden Fällen mit Invasionen von Irland nach England. Das erste Unternehmen für Simnel scheiterte rasch nach der Schlacht bei Stoke am 16. Juni 1487 und der Tötung zahlreicher Unterstützer, während der Prätendent von Heinrich geschont wurde. Langwieriger war der Kampf gegen Warbeck, dessen mehrfache Putschversuche den König lange Zeit in Atem hielten. Erst im November 1499 konnte Warbeck mit verschiedenen Förderern ausgeschaltet werden; dennoch setzten andere York–Prätendenten wie Richard und Edmund de la Pole ihren Kampf vom Kontinent und mit Unterstützung von Flandern bzw. Burgund fort. Erst 1506 nach der Auslieferung und Inhaftierung von Earl Edmund konnte sich der Tudor seiner Herrschaft sicher sein. Trotz der erfolgreichen Unterdrückung der Revolten war deutlich geworden, in welchem Maße eine Einflussnahme auswärtiger Mächte auch auf die innenpolitischen Entwicklungen in England möglich blieb. Heinrich wurde bewusst, dass das Inselreich nicht nur geopolitisch eine Randexistenz führte, sondern auch hinsichtlich seiner finanziellen und militärischen Potenz eine eher »zweitrangige« Macht darstellte. In realistischer Einschätzung seiner Lage verzichtet er daher auf eine expansive Rückeroberungspolitik und beschränkte sich auf die Sicherung der eigenen Herrschaft bzw. seiner Dynastie und auf die Förderung von Wirtschaftsbeziehungen zum Kontinent.

Heinrichs oftmals »defensiven« außenpolitischen Aktionen spielten sich in mindestens fünf Phasen ab, deren erste von der Thronbesteigung bis zum Jahre 1487 reichte. Aufgrund der Instabilität seiner Herrschaft war er in dieser Zeit vor allem um Friedenssicherung bemüht: So schloss er 1485 einen – bis 1489 verlängerten – Waffenstillstand mit Frankreich, 1486 gefolgt von einer ähnlichen Vereinbarung mit Schottland (vgl. Kapitel 5.3.1). In der zweiten Phase von 1487 bis 1492 wurde sein außenpolitisches Handeln durch die Niederschlagung der innerenglischen Revolten sowie durch die Konflikte um die Unabhängigkeit der Bretagne geprägt. So suchte Heinrich 1487 sowohl den Ausgleich mit Maximilian I. als auch die politische Aufwertung der Tudor–Dynastie durch ein Heiratsbündnis mit dem spanischen Königshaus, 1489 gefolgt von dem Beistandsvertrag von Medina del Campo mit Zielrichtung gegen Frankreich.10 Nach dem gewaltsamen Zugriff Karls VIII. von Frankreich auf das bretonische Herzogtum und nach Abschluss eines Beistandsvertrags für die Bretagne in Redon am 14. Februar 148911 sah sich Heinrich gezwungen, seine außenpolitische Zurückhaltung aus geopolitischen Gründen zeitweise aufzugeben. So führte er zwei militärische Interventionen gegen König Karl im April 1489 und Oktober 1492 durch; diese wirkten aber eher halbherzig und besaßen mehr den Charakter einer »public-relations operation«12. Bereits am 3. November 1492 schloss der Tudor, der den Anspruch auf den französischen Thron nicht prinzipiell aufgab, mit dem Valois den Frieden von Étaples, der u.a. finanzielle Konzessionen an Heinrich vorsah.

Die dritte Phase seiner Außenpolitik von 1492 bis 1502 ist einerseits durch die Konflikte um Perkin Warbeck bzw. seine auswärtigen Unterstützer, andererseits durch die Auswirkungen der Italienpolitik Karls VIII. auf das europäische Kräftegefüge gekennzeichnet. Während der Tudor den Kampf gegen den York–Prätendenten forcierte, vermied er bewusst eine Involvierung in die Auseinandersetzungen in Italien. Zwar akzeptierte er, 1496 der »Heiligen Liga« assoziiert zu werden, die auf Betreiben von Papst Alexander VI. u.a. gegen den französischen König konstituiert worden war. Gleichzeitig bemühte sich Heinrich aber um die Wahrung freundlicher Beziehungen zu Karl sowie um die Verbesserung der Handelsbeziehungen zu Frankreich und den Niederlanden. Hinzu kamen nach militärischen Konflikten mit Jakob IV. von Schottland (1496/97) die Vereinbarung eines »Immerwährenden Friedens« und ein Heiratsbündnis für die Tochter des Tudors, Margarete, und den Stewart (1502). Nachdem die Heirat Arthur Tudors mit Katharina von Aragón am 14. November 1501 erfolgt war und die Unterstützung auswärtiger Herrscher für Oppositionelle wie Warbeck ein Ende gefunden hatte, konnte Heinrich eine positive außenpolitische Zwischenbilanz ziehen.

Dies änderte sich in den beiden letzten Phasen auswärtiger Politik des Tudors von 1502 bis 1507 und von 1507 bis 1509, die für ihn von Rückschlägen gekennzeichnet waren. Die Krise begann mit dem Tode des Thronfolgers (1502) und der Königin (1503). Damit waren sowohl das Bündnis mit Spanien als auch potentiell der Fortbestand der Tudor–Dynastie gefährdet. Heinrich reagiert auf diese Entwicklungen durch Versuche, eine neue Ehe zu schließen und hierdurch eventuell weitere Nachkommen zu erhalten bzw. die Dynastie zu sichern. Doch diese Bestrebungen waren ebenso erfolglos wie neue Verhandlungen bezüglich des Eheprojektes mit Katharina. Nach hektischen Aktivitäten gelang es ihm lediglich, die Verlobung von Maria Tudor mit dem potentiellen Erben des habsburgisch–burgundischen Reiches, Erzherzog Karl [V.], zu bewerkstelligen (Dezember 1507)13. In der Schlussphase seiner Außenpolitik von 1507 bis 1509 strebte der Tudor danach, eine wichtigere Rolle auf der europäischen Bühne zu spielen und optimalen Gewinn aus seiner »Neutralität« gegenüber den führenden Kontinentalmächten zu ziehen. Obwohl diese Bemühungen – nach Konstituierung der Liga von Cambrai (1508)14 – nur partiell erfolgreich waren, konnte er dennoch die »internationale Anerkennung« seiner Dynastie als gesichert betrachten.

Der Fortbestand der Tudor–Dynastie hing jedoch seit ca. 1502 ausschließlich von Prinz Heinrich ab, da nach den Prinzen Edmund (1499–1500) und Edward († unbekannt) am 2. April 1502 in Ludlow Castle auch der Thronfolger gestorben war. Heinrich (VIII.) wurde am 28. Juni 1491 im Greenwich Palast als drittes Kind des Königspaares geboren und vom Bischof von Exeter getauft. Als Nachgeborener stand Heinrich etwa ein Jahrzehnt im Schatten des Thronfolgers Arthur, woraus sich möglicherweise eine Art »Minderwertigkeitskomplex« entwickelte.15 Hinzu kam bei dem Prinzen, der mit den Geschwistern in Eltham Palace aufwuchs, eine starke Prägung durch Erzieherinnen. Diese Tatsache könnte – nach Meinung von Psychologen – Auswirkungen auf seine spätere, problematische Haltung gegenüber Frauen gehabt haben. Dominant war auch die Großmutter Margarete, die seine ersten Lehrer ausgewählt haben soll. Seit Beginn der Ausbildung Heinrichs mit etwa fünf Jahren unterwiesen ihn außer dem bekannten Poeten John Skelton noch William Hone und der Französischlehrer Giles Dewes, so dass dem Prinzen eine gründliche humanistische Schulung zuteilwurde. Er erwarb nicht nur Sprachfertigkeiten in Latein, Französisch und später etwas in Italienisch sowie Kastilisch, sondern auch solide Kenntnisse in Geschichte, Historiographie (besonders antiker Autoren), Poesie und Musik. Hinzu kam eine »chevaleskere Ausbildung« im Reiten und an Waffen.16 Heinrich entwickelte sich körperlich rasch, besaß eine imposante Größe von etwa 190 cm (bei einem Brustumfang von ca. 90 cm), kräftige Statur und breite Schultern. Der Venezianische Botschafter Peter Pasqualigo schwärmte 1515 von dem selbstbewusst auftretenden Prinzen:

»Seine Majestät ist der hübscheste Herrscher, den ich jemals gesehen habe, […] sein Teint ist hell und hübsch, sein rotbraunes Haar straff gekämmt und kurzgeschnitten nach französischer Art; er hat ein rundes Gesicht, das so schön ist, dass es einer hübschen Frau wohl anstehen würde; sein Hals ist ziemlich lang und dick«.17

Bereits als Kleinkind wurde Heinrich in das Herrschaftssystem des Vaters einbezogen: Schon 1493 erhielt er nominell militärische Ämter als Constable von Dover Castle bzw. Warden der fünf Häfen und bald als Earl Marshal von England mit zumeist zeremonialen Aufgaben. Im Folgejahr wurde er Statthalter (Lieutenant) von Irland, dann Ritter des Bath–Ordens und schließlich zum Herzog von York und damit auch zum Schutzherrn der Schottischen Marken ernannt. Mit knapp vier Jahren ließ der König dem Sohn den Hosenbandorden verleihen.18 Die Wahrnehmung der Aufgaben, die mit diesen Ämtern verbunden waren, erfolgte wegen des Alters Heinrichs durch Stellvertreter. Nach dem Tode des Thronfolgers wurde er umgehend zum Herzog von Cornwall und am 18. Februar 1504 durch Parlamentsbeschuss zum Prince of Wales ernannt. Unklar blieb das Schicksal der jungen Witwe Arthurs, deren Heirat mit Heinrich den Katholischen Königen und dem Tudor politisch opportun zu sein schien; das künftige Paar wurde hierbei – wie in dieser Zeit üblich – nicht gefragt. So unterzeichnete man am 23. Juni 1503 einen Ehevertrag, dem zufolge Heinrich die Witwe Arthurs an seinem 14. Geburtstag und damit am Tage des Beginns seiner Geschäftsfähigkeit am 28. Juni 1505 heiraten sollte. Als Mitgift hatten die Katholischen Könige weitere 100000 Kronen zu zahlen. Den notwendigen Dispens für eine Ehe zwischen Heinrich und seiner Schwägerin wollte man zuvor bei Papst Julius II. einholen. Über die Art des Dispens und seine Gültigkeit sollte es später im Rahmen der Ehekrise Heinrichs schwere Auseinandersetzungen geben (vgl. Kapitel 4.1). Dessen ungeachtet wurden die jungen Leute zwei Tage nach der Vertragsunterzeichnung öffentlich verlobt.

Als der Dispens im Herbst 1504 am englischen Hof eintraf, hatte sich die politische Interessenlage der Vertragsparteien zwischenzeitlich – insbesondere nach dem Tode Isabellas von Kastilien am 26. November 1504 – gravierend verändert. Da künftig Johanna, die Gattin Philipps des Schönen, mit ihrem Vater Ferdinand Kastilien regieren sollte, schwand die Bedeutung einer Ehe mit Katharina von Aragón für den Tudor rapide. Zudem stand die Zahlung der Mitgift für die Prinzessin weiter aus, so dass die geplante Heirat im Sommer 1505 nicht erfolgte. Stattdessen gab der Prince of Wales am Vorabend seines 14. Geburtstages (27. Juni 1505) – wahrscheinlich auf Veranlassung König Heinrichs – vor Bischof Fox eine Stellungnahme ab. Hiernach sei er (Heinrich) während der Minderjährigkeit vertraglich zur Ehe mit Katharina verpflichtet worden. Nun erkläre er als Mündiger, dass der Vertrag als nichtig zu betrachten sei und er die Prinzessin nicht heiraten wolle.19 Zwar machte der Tudor die Stellungnahme vorerst nicht publik, konnte darauf aber jederzeit zurückgreifen. Unmittelbare Konsequenzen hatte die Verschlechterung in den spanisch–englischen Beziehungen für Katharina, die sich vom Königshof zurückziehen und mit wenigen Getreuen in Durham House unter immer unwürdigeren Umständen leben musste. Da der König den ihr zustehenden Unterhalt ständig kürzte und schließlich strich, sah sie sich sogar gezwungen, Teile ihres Besitzes zu verkaufen, um überleben zu können.20 Während der Tudor bis zum Lebensende die Prinzessin gleichsam als Geisel behandelte, bemühte er sich gleichzeitig um ein Heiratsbündnis mit den Habsburgern bzw. mit dem französischen Königshaus.

Der Prince of Wales hatte an diesen Vorgängen keinerlei Anteil. Er widmete sich vielmehr sportlichen Vergnügen – wie Bogenschießen, Tennisspielen und Ringen. Hinzu kam seine Begeisterung für Turniere und Tjoste, die auch als Vorbereitung und Übung für den Krieg betrachtet wurden. Keine Ausbildung bekam Heinrich – obwohl Thronfolger – in der Durchführung von Regierungsgeschäften, etwa durch Teilnahme an Sitzungen des Council. Lediglich eine »indirekte Unterweisung« erhielt der Prinz durch Präsenz am Hofe und durch das Beispiel des Vaters. Gleichzeitig zeigte sich der König um die Sicherheit des Sohnes besorgt, woraus sich bei diesem eine Haltung vollständiger Unterwerfung gegenüber Vater und Großmutter entwickelte. Heinrich wagte niemals in deren Anwesenheit den Mund zu öffnen, außer um eine Frage von ihnen zu beantworten.21 Infolge der Präsenz am Königshof wird der Prinz auch Kenntnis vom zunehmend repressiven Herrschaftsstil seines Vaters erhalten haben. Ob der erste Tudor hierbei eine umfassende Modernisierung im Sinne der Schaffung einer New Monarchy anstrebte, ist zumindest fraglich; auch kreierte er keine bleibenden institutionellen Neuschöpfungen, sondern transformierte lediglich überkommene Herrschaftsformen. Prägend für den Thronfolger dürfte das Verhalten des Vaters gegenüber der Nobilität gewesen sein (anti-noble policy), die dieser durch politische und finanzielle Druckmittel (bonds and recognisances) unter Kontrolle zu halten und an Revolten zu hindern suchte. Besonders erfolgreich war der König bei den Bemühungen um eine Sanierung der Finanzen der Krone, deren Einkünfte während der »Rosenkriege« gelitten hatten. Auch in diesem Bereich veranlasste der Tudor – abgesehen vom verstärkten Einsatz der Chamber in Relation zum Exchequer – kaum institutionelle Innovationen. Im Streben nach finanzieller Unabhängigkeit griff er nur selten auf die Unterstützung durch das Parlament zurück, das er als willfähriges Instrument seiner Politik betrachtete und das er in der gesamten Herrschaftszeit nur sieben Mal einberief. Gleichzeitig sorgte er für den konsequenten Einzug von Abgaben und Steuern, die der Krone traditionell zustanden. Hinzu kamen Einkünfte aus Geldbußen sowie Einnahmen aus den bonds and recognisances. Statt kostspielige außenpolitische Aktionen zu unternehmen, beschränkte sich Heinrich auf die Förderung von Wirtschaft und Handel durch Abkommen mit Florenz und Dänemark; zudem unterstützte er den Bau der Flotte und finanzierte Entdeckungsreisen (vgl. Kapitel 7.2).

Obwohl im Rufe eines »Geizhalses« stehend, war sich der Tudor der Bedeutung von Repräsentation und Prunk für eine angemessene herrscherliche Selbstdarstellung in der Öffentlichkeit bewusst. Hieraus erklären sich die – nach burgundischem Vorbild gestalteten – aufwendigen Hof–Zeremonien und Feste sowie seine Baumassnahmen, wie etwa die Errichtung der Königspaläste in Greenwich und Richmond. Dennoch blieb der Tudor gegenüber seinen Untertanen unverändert misstrauisch: So baute er früh ein Informantensystem auf der Insel und auf dem Kontinent auf, das die Bevölkerung überwachen und den Hof vor potentiellen Unruhen oder Angriffen von Fremden warnen sollte. Aufgrund dieser repressiven Haltung verwundert es nicht, dass sich die Trauer über den Tod Heinrichs am 21. April 1509 in Richmond Palace22 in der Öffentlichkeit in Grenzen hielt. Seine letzte Ruhestätte fand er in der eindrucksvollen, von ihm 1503 in Auftrag gegebenen Blessed Virgin Chapel in der Westminster Abbey neben seiner Gemahlin Elisabeth.

Abb. 2: Heinrich und seine Ehefrauen

4 Dynastie und Herrschaft im europäischen Kontext (1509–1547)

4.1 »The King’s Great Matter« und Herrschaftssicherung: Katharina von Aragón und Anna Boleyn (1509–1536)

Die Proklamation Heinrichs als neuer Herrscher (am 22. April 1509) führte in der englischen Öffentlichkeit zu ungeheurem Jubel und zu dem Gefühl, dass ein »Goldenes Zeitalter« angebrochen sei. Zahlreiche Humanisten und auch Thomas More feierten die Thronbesteigung des Prinzen als »Ende der Knechtschaft, […] die Geburt der Freiheit, das Ende der Traurigkeit und Quelle der Fröhlichkeit«.1 Die anschließende Heirat des 18–jährigen Tudors mit der 23–jährigen Katharina von Aragón – wahrscheinlich nicht nur nach dem Willen des Vaters – erfolgte mit großem Pomp zur Begeisterung der Menge (11. Juni 1509).2 Die Erwartungen der Öffentlichkeit an den jungen Monarchen waren hoch, der umgehend einer neuen Herrschaftsauffassung Ausdruck gab. So ließ er eine Amnestie verkünden, Gefangene befreien und die verhasste Fiskalpolitik des Vaters beenden. Deren wichtigsten Repräsentanten – wie die Räte Edmund Dudley und Richard Empson – wurden am 17. August 1510 wegen angeblichen Verrates verurteilt und hingerichtet. Diese Maßnahmen – zweifellos Justizmorde – stellten sicherlich eine Reaktion sowohl auf die öffentliche Stimmung als auch auf die Haltung einer einflussreichen Hof–Fraktion (um Bischof Fox und Thomas Howard, Earl von Surrey) dar. Zudem bewies Heinrich mit den Hinrichtungen, dass er bereits in der Jugend und nicht erst im Alter über große Skrupellosigkeit und Brutalität bei der Durchsetzung seiner Interessen verfügte. Auch bezüglich des Herrschafts– und Lebensstils erstrebte Heinrich, der vor Lebensfreude und Vitalität zu bersten schien, einen Neuanfang. Er verstand sich vorrangig als Ritter und Krieger, orientiert an den großen englischen Kriegerkönigen wie den Eduards und Heinrich V. Das Streben nach einer ritterlichen Lebensform mit der Verherrlichung von Kampf und Krieg war – entgegen humanistischen Bildungsinhalten – für den Tudor lange Zeit maßgebend.