Helden für ein Leben - Walter Seyffer - E-Book

Helden für ein Leben E-Book

Walter Seyffer

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Beschreibung

Die nach Joseph Campbell benannte „Heldenreise“ bildet ein universales Grundmuster in fast allen Mythen der Welt. Mit ihren wiederkehrenden Stufen, ihren Prüfungen, Niederlagen und Siegen bildet sie aber auch ein Gerüst, welches als Sinndimension in der Tiefe jedes menschlichen Lebenslaufes aufscheint. Walter Seyffer verbindet die von Campbell zutage geförderten Strukturen erstmals mit den Rhythmen der anthroposophischen Biographieforschung. Ausflüge in die Welt großer Kinofilme und der populären Kultur machen sein Buch höchst unterhaltsam und anregend. Aus langjähriger Erfahrung als Berater bietet Seyffer auf jeder Seite praktische Anregungen für ein fruchtbares Verständnis der „Heldenreise“ durch die eigene Biographie.

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EPUB
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Seitenzahl: 393

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Prolog
I. FOLGE DEINER BESTIMMUNG
„Rächer ohne Waffen“
Joseph Campbell, Forscher des Mythischen
Die Heldenreise
Hollywood als Schüler
Entdecken heißt: Unbekanntes, bereits Vorhandenes bewusst machen
Mythos Gral
Die Heldenreise zum wahren Selbst
Godot darf nicht erscheinen
Ein Held unserer Tage
II. IST DIE HELDENREISE EIN REIN MÄNNLICHES GESCHÄFT?
Das Männliche lässt den Fantasien seinen freien Lauf − das Weibliche vertraut darauf
Das Männliche will dort hin, wo das Weibliche bereits ist
Die weiblichen Prinzipien erzeugen Annäherung, die männlichen Differenzierung
Das „unverantwortliche“ Männliche
Das konservativ Weibliche
Die Krise der Zweierbeziehung ist die eigentliche Krise der ganzen Menschheit
Die 12 Schwellen auf der Grundlage von Joseph Campbell und Manfred van Doorn
Erin Brockovich – die Reise einer Heldin
Beatrix Kiddo
„Frühling, Sommer, Herbst, Winter und Frühling“
Erste Episode: Frühling
Zweite Episode: Sommer
Dritte Episode: Herbst
Vierte Episode: Winter
Fünfte Episode: Frühling
III. VOM ABENTEUER MENSCH ZU WERDEN
Ein Märchen endet immer gut
Das Märchen – eine „Heldenreise“?
Eine Reise ins Herz der Finsternis
Das Märchen – ein vollkommenes Zukunftsbild
Die Sage – ein unvollkommenes Gegenwartsbild
IV. RUF UND ELIXIER
Es geht heiß her am Goetheanum
In jedem von uns schlummert ein Held
Der Tag und so manche Wochen danach
Beistand der guten Geister
Planeten und Tierkreis erst machen den ganzen Menschen aus
V. HELDEN FÜR EIN LEBEN
DIE LEBENSLANGE REISE
Der Tierkreis als Geste
Die zwölf Schwellen
1. Der Prolog
2. Der Ruf
3. Die Verweigerung / Die Akzeptanz
4. Der Mentor
5. Der Test
6. König / Königin für einen Tag
7. Die Göttin
8. Die Veränderung
9. Der Dolchstoß
10. Die Rückreise
11. Tod und Auferstehung
12. Das Elixier
Es ist vollbracht! … Und was weiter?
Die Erlösung liegt im „Spätwerk“
Die heldenhafte Lebensreise
VI. DER SCHWELLENHÜTER
Es geht ganz gut – was alles nicht geht.
Hurra! Ich habe einen Fehler gemacht!
Ohne Widerstand keine Entwicklung!
VII. „SEELENPFLASTER“ HUMOR
Der Mensch ist die gezähmte Oberfläche eines brodelnden Chaos
VIII. LEBST DU SCHON − ODER WIRST DU NOCH GELEBT?
Die reine Wahrnehmung – ein Hauch von Ewigkeit
Das freie Handeln beginnt da, wo der Wahnsinn anfängt
Das Lachen verbindet mich mit der Welt, der Schmerz verbindet mich mit meinem Selbst
Wenn wir uns das Paradies vorzustellen versuchen, habe wir keine Chance es zu erkennen
IX. HELDENALLTAG
Die Ankunft eines Freundes
„Der lange Atem“
Berlin – eine Reise wert!
X. EINER FÜR ALLE − ALLE FÜR EINEN
Heroes – just for one day!
„Unsterblich werden – und dann sterben“
XI. DIE ANTWORT NACH DER FRAGE
Die Wissenschaft ist immer ein vorläufiger Irrtum
Die Wahrheit ist „zwar leicht, doch zentnerschwer für dein Gewissen“
„… aber die Antwort wird euch nicht gefallen“
− 42 −
„Ich weiß alles!“
Ein moderner Troubadour
„Der schlimmste Schlag ist der ‚Ratschlag‘“
XII. DER STECHLIN
AM ENDE DER REISE
Die Heldenreise des Jesus Christus. Der erste vollkommene „Krieger des Lichtes“
Der Jesus
Der Christus
Die Transformation zum Christus Jesus
Die 12 Stufen des Tierkreises
Danksagung
Websites
Über den Autor

Walter Seyffer

Helden für ein Leben

Die heldenhafte Lebensreise des Menschen nach Joseph Campbell und ihr Einfluss auf den individuellen Lebenslauf.

Ein Beitrag zur anthroposophischen Biographiearbeit

E-Book
1. Auflage Januar 2014
Zweite, durchgesehene Auflage 2019
Info3-Verlagsgesellschaft Brüll & Heisterkamp KG, Frankfurt am Main
Gestaltung eBook: Ronald Richter, www.kultradio.eu
Umschlagsillustration: Frank Schubert, Frankfurt am Main, www.knarfswerk.de
ISBN 978-3-924391-96-6
Buchausgabe
1. Auflage Juni 2011
Zweite, durchgesehene Auflage 2019
Info3-Verlagsgesellschaft Brüll & Heisterkamp KG, Frankfurt am Main
Gestaltung und Umschlagsillustration: Frank Schubert, Frankfurt am Main
ISBN 978-3-95779-101-6

www.info3.de

Und wenn wir entdeckt haben,
wer wir waren
und was wir sind,
werden wir wissen und spüren,
was wir zuvor nur erahnten;
wir werden nicht mehr sein
was wir sollen, sondern
werden wie wir sind.
Kim Engels

Gewidmet den vier Königinnen, die sich darauf verstehen, meine Horizonte immer wieder aufs Neue zu erweitern:

Ruth – die Königin des Westens

Denny – die Königin des Südens

Carla-Amélie – die Königin des Ostens

Lea – die Königin des Nordens

„Daß Alles, ohne Ausnahme, was geschieht, mit strenger Nothwendigkeit eintritt (...), daß, so sehr auch der Lauf der Dinge sich als zufällig darstellt, er es im Grunde doch nicht ist, vielmehr alle diese Zufälle selbst (...) von einer tief verborgenen Nothwendigkeit umfaßt werden, deren bloßes Werkzeug der Zufall selbst ist.“

Arthur Schopenhauer
Transscendente Spekulation über die anscheinende Absichtlichkeit im Schicksale des Einzelnen.

Vorwort

In der heutigen Zeit begegnen sich zwei wichtige Strömungen: Einerseits beschäftigen sich mehr und mehr Menschen mit ihrer eigenen Biographie als Ausdruck eines allumfassenden, höheren Plans. In diesem Sinne handelt es sich hierbei um die Betrachtung der individuellen, vermeintlich kleinen und doch bedeutenden Lebensgeschichte. Andererseits richtet man seine Aufmerksamkeit auf die Allgemeingültigkeit menschlicher Erfahrungen. Einer der einflussreichsten Vordenker zu dieser Thematik ist Joseph Campbell. Mit seinem Konzept der „Heldenreise“ versuchte er, die universellen Muster von Lebensgeschichten über Kontinente und Zeitalter hinweg zu beschreiben. Er zeigt uns auf, dass es die eine große Geschichte gibt, die allen einzelnen Variationen über Zeit und Raum hinweg zugrunde liegt.

Wir alle durchlaufen die gleichen, grundlegenden Erfahrung: Wir werden im Mutterleib getragen, werden geboren, wachsen auf, wir lernen und überleben, spüren Leidenschaft und Begeisterung, lernen uns selbst zu kontrollieren, bauen Beziehungen mit anderen Menschen auf, lernen mit Missgeschick, Schmerz und Tod umzugehen, den wahren Sinn des Lebens zu finden, für das einzustehen, was uns lieb und teuer ist, zu sterben, erst sinnbildlich und schließlich auch tatsächlich – und wir hinterlassen ein Vermächtnis.

Walter Seyffer kombiniert diese beiden Ansätze in hervorragender Weise, indem er das Paradoxon in den Mittelpunkt stellt, dass Einzigartigkeit am besten im Kontext der Allgemeingültigkeit erkannt werden kann.

Es ist wie beim Komponieren einer Melodie: Das Wissen um die Gesetzmäßigkeiten und Konventionen musikalischer Komposition hält uns nicht davon ab, ein einzigartiges Lied oder eine unvergleichliche Symphonie zu erschaffen. Im Gegenteil, es kann uns helfen, zum vollkommenen Ausdruck unserer kreativen Fähigkeiten zu gelangen.

Das Gleiche gilt für Selbsterkenntnis und individuelle Selbstdarstellung, wenn man mit den universellen Gesetzmäßigkeiten menschlicher Entwicklung vertraut und verbunden ist. Es ist wie die Beziehung zwischen der immer einzigartigen Schneeflocke und den mathematischen Kristallisationsgesetzen, aus denen sie entspringt. Der Regentropfen, der das Wissen um den Ozean in sich trägt.

Es gibt drei weitere Gründe, warum dieses Buch meiner Überzeugung nach für unsere heutige Zeit wichtig ist.

In diesen Zeiten der Suche nach neuem Sinn und neuen Formen religiöser Erfahrungen hilft es uns, die Tiefe archetypischer Bilder und Muster genauer zu betrachten. Wenn wir diese in unserer eigenen Biographie wiederfinden, schaffen wir die bestmögliche Verbindung zu unserem Ursprung, unseren inneren Quellen.

Wenn wir unseren ureigenen Weg finden, diese Archetypen als lebendige Wesen zu erfahren (und uns vielleicht sogar mit ihnen anfreunden), ist dies eine unendliche Bereicherung für unser Leben. Und wenn wir wahrhaftig reich sind, gibt es für uns nur eines zu tun: diese Erfahrung mit anderen zu teilen.

Der zweite Grund ist: Wir erkennen, aus einem Zeitalter der Ich-Bezogenheit herausfindend, die Bedeutung von Gemeinsamkeit und Gemeinschaft. Aber die Wichtigkeit des Kollektiven wieder zu entdecken heißt nicht, dass wir in alte Formen der Verleugnung des Selbst zurückfallen dürfen. Wir müssen darin fortschreiten, unser volles Potential zu erkennen und zu verwirklichen. Jeder Einzelne von uns sollte noch einzigartiger werden. Aber es wird dabei nicht mehr um Persönlichkeitsentwicklung um ihrer selbst willen gehen. Es wird um individuelle Selbstverwirklichung gehen, die der Gemeinschaft dient.

Der dritte und letzte Grund, warum dieses Buch ein so wichtiger Beitrag zu dem ist, was ich „die Ökologie des Sinnhaften“ nenne: Es trägt zu größerem Mitgefühl – einem mitfühlendem Verständnis – bei. Im kommenden Zeitalter, in dem Nachhaltigkeit immer wichtiger wird, werden wir lernen müssen das Leben zu genießen, indem wir Sinn schaffen anstatt zu konsumieren. Das macht uns aktiver und wird uns helfen, mehr und mehr mit anderen zu teilen (wie es ja bereits geschieht, insbesondere im Internet).

Diese Suche nach Sinn kann nur erfolgreich sein, wenn wir sinnvolle Dinge tun, wenn wir mitfühlendes Verständnis für unsere Umwelt zeigen. Hier zeigt sich erneut, warum die Brücke zwischen der Einzigartigkeit des Einzelnen und der Allgemeingültigkeit des Kollektiven so wichtig ist. Es geht um die Gesetzmäßigkeit, dass man Glück empfängt indem man Glück schenkt. Es geht um die Entstehung von gegenseitigem Mitgefühl, uns selbst und anderen gegenüber. Um Rudolf Steiner zu zitieren: Wenn Du die Welt verstehen willst, schau nach innen – wenn Du Dich selbst verstehen willst, schau in die Welt.

Manfred van Doorn, Frühjahr 2011

Prolog

Insbesondere durch die Ereignisse des vergangenen Jahrhunderts wirkt der Begriff des „Helden“ heute leicht überstrapaziert und es scheint, dass es, was das Heldentum angeht, nicht mehr allzuviel Neues zu entdecken gibt, das einer Betrachtung wert wäre.

Ziel dieses Buches ist nun – über alle bislang gemachten Versuche hinaus –, dieses Thema in dem Sinne zu ergreifen, dass nicht nur der kühne Recke, der tolldreiste, sich aufopfernde, todesmutige Held im Zentrum unserer Betrachtung steht. Wir wollen vielmehr unser Augenmerk im Besonderen auf den Weg – die biographische Entwicklung – dieser Spezies richten. Ein Entwicklungsprozess, der die Extreme liebt: Oftmals vom tumben Toren hin zum strahlenden Sieger und vor allen Dingen eben auch eine Entwicklung über den Sieg hinaus, hin zur seelisch-geistigen Transformation des Protagonisten.

So ist es gleich zu Anfang angeraten, sich zu fragen: Wird der Begriff des Helden, wie er im neuzeitlichen Sprachgebrauch Verwendung findet, seiner ursprünglichen Bedeutung überhaupt gerecht? Haben wir unter anderem verlernt, zwischen Idolen und Helden zu unterscheiden? Überreichen wir seit Jahrhunderten, in Unkenntnis des wirklichen Sachverhaltes, vielleicht den Lorbeer verfrüht einem Helden, der dies im Sinne des in diesem Buch Gedachten nicht oder noch nicht verdient hat? Drücken sich eventuelle Fehleinschätzungen über die wahre Natur des Helden vielleicht auch in einem berechtigten Unbehagen aus, das uns veranlasst, ein kritisches Verhältnis gegenüber jeder herkömmlichen Heldenverehrung einzunehmen?

In den letzten Jahren ist so mancher Versuch unternommen worden, aus den Arbeiten des amerikanischen Mythenforschers Joseph Campbells heraus diese oder jene Angebote in Richtung Lebenshilfe und Coaching zu entwickeln. So unter anderem in Workshops, in denen sich Menschen als ihre „Lieblingshelden“ maskieren und in Rollenspielen ihrer Selbstverwirklichung entgegen kämpfen. Selbst Heldenreisen-Meditationen werden angeboten, doch bleibt bei all diesen Angeboten der Archetypus der Heldenreise in seinem vollen Umfang unberücksichtigt, da dem Zusammenhang zwischen den universellen Gesetzmäßigkeiten und den individuellen biographischen Ereignissen im Lebenslauf des einzelnen Menschen meist wenig oder gar keine Beachtung geschenkt wird.

Gudrun Burkhard und Bernard Lievegoed haben als Pioniere der Biographiearbeit in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts, auf Erkenntnissen Rudolf Steiners aufbauend, bereits die wissenschaftlich fundierte Gesetzmäßigkeit des Lebenslaufes einerseits und das völlig unwissenschaftliche – eben Unwiederholbare, Einmalige – des individuellen Lebenslaufes andererseits erforscht. Sie haben dabei aufzeigen können, dass die Auseinandersetzung mit und die Betrachtung von Lebensereignissen in ihrem Zusammenhang sich gesundend und sinnstiftend auf eine dem Einzelnen gemäße Lebensgestaltung auswirkt.

Eine der Grundlagen der Biographiearbeit ist das Wissen darum, dass jeder Mensch eine Aufgabe in sich trägt, der er bereits vor seiner Inkarnation verpflichtet fühlt. Aus dem Unbewussten heraus findet dieses Streben nach Verwirklichung der individuellen Mission jedoch nur bei den wenigsten Menschen in ihrem Lebenslauf einen deutlichen Ausdruck. Wir ignorieren nur allzu gerne diese Aufgabe, da die Erfüllung unserer Mission immer auch damit zu tun hat, sich neuen, unbekannten Lebensumständen gegenübergestellt zu sehen. Besonders deutlich wird dies nach dem 40. Lebensjahr, wenn aus den Untergründen unserer Seelenlandschaft sich jene Aufgaben in Form von Fragestellungen nach Sinn und Zweck unseres Daseins immer drängender Gehör verschaffen wollen. Fahren wir in diesem Alter fort, diese Fragen dauerhaft zu ignorieren, bedeutet dies einen fortdauernden seelischen Ausnahmezustand, der uns in Unzufriedenheit und Krankheit führen kann.

In der Biographiearbeit werden dem Klienten die Ereignisse seines Lebenslaufs aus verschiedenen, ihm bisher ungewohnten Perspektiven gegenübergestellt und miteinander verknüpft. Einerseits, indem eine Spurensuche nach dem individuellen „Lebensfaden“ aus der Vergangenheit heraus unternommen wird. Andererseits kann im Zusammenwirken gegebener allgemeiner biographischer Gesetzmäßigkeiten durchaus auch ein Ausblick gegeben werden, wie sich unter einer nun bewussten Einflussnahme des Individuums diese Mission in der Zukunft ausgestalten kann.

Bei dieser Arbeit macht sich ein bislang bei den meisten Menschen nur in Ansätzen ausgebildetes geistiges Sinnesorgan bemerkbar. Dieses Geist-Organ wird uns im Laufe der Zeit ein Gespür zu vermitteln wissen, welches uns immer deutlicher erkennen lässt, ob ein Ereignis, das sich dem Menschen gegenüberstellt, mit dessen roten Faden, seiner Mission, in Einklang zu bringen ist. Wir können dieses Organ mit einer immer dünner werdenden Membrane vergleichen, die in gewissen Bereichen das Bewusste vom Nicht-Bewussten trennt, die aber nicht nur trennend, sondern auch verbindend wirkt, wann immer unsere Sehnsucht nach „Ganzheit“ auch nur ansatzweise gestillt werden kann.

Der Autor sieht bei den folgenden Ausführungen seine Aufgabe darin, diesen Gesetzmäßigkeiten zu einer Erweiterung zu verhelfen, indem auf einen – seiner Auffassung nach – bisher vernachlässigten Aspekt der Biographiearbeit sowie der Biographie im Allgemeinen das Augenmerk gerichtet wird. Die Heldenreise verschafft uns Zugang zu einer erweiterten Perspektive auf die unumstößlichen Gesetzmäßigkeiten des Lebens und die Anstrengungen, die der Einzelne auf sich nehmen muss, um diese allgemeinen Gesetzmäßigkeiten individuell zu seinem und dem Wohle aller nutzen zu können.

Dieses Buch setzt keinerlei Kenntnisse über die vorgenannte, mit bisher großem Erfolg praktizierte Biographiearbeit voraus. Die Heldenreise kann, als biographisches Werkzeug, durchaus für sich allein stehen; aber da der Autor auf dem Boden dieser Biographiearbeit steht und auch aus dieser heraus seine Forschungsergebnisse schöpft, wird es sich nicht vermeiden lassen, dass auch immer wieder – mehr oder weniger direkt – auf die bislang „klassische“ Form dieser Arbeit Bezug genommen wird.

Überdies hofft der Autor dieses Buches auf eine Leserschaft, die durchaus darauf verzichten kann, Methoden vorgestellt zu bekommen, die bei striktem Befolgen diesen oder jenen Erfolg versprechen. Die Helden unserer Reise gehen nicht ihren Weg, um möglichst rasch zum Haus, zum Pferd, zur Yacht zu kommen. Es wird hier keine Anleitung für Workshops oder sonstige mehr oder weniger gesellige Veranstaltungen geben. Die Heldenreise spricht eine universelle Sprache, die es jedem möglich macht, ihre Gesetzmäßigkeiten zu erkennen und sie ganz individuell für die eigene Entwicklung zu nutzen. Dies ergibt sich ohne große Schulung für all jene, die das Unvorhersehbare als notwendig ansehen, das ewig Rätselhafte faszinierend finden und sich ein Herz für die Not des anderen bewahrt haben. Präsentiert wird eine ewig menschliche Routine, die, einmal erkannt, aus der Routine befreit und in ein individuell zu nutzendes Werkzeug verwandelt werden kann, das auf dem persönlichen Lebensweg von größtem Nutzen ist.

Wir lernen Regeln kennen, denen die Menschheit und somit jeder Einzelne bereits seit Jahrhunderten gefolgt ist, die sie aber bisher noch nicht erkannt hat. Oder anders gesagt: Ich gehe den Weg meiner Mission bereits seit Anbeginn der Zeit, war mir aber der Transformationen, die er bedeutet, nie bewusst. Immer da, wo ich mich dem äußeren „Gelebt-Werden“ verweigere, befinde ich mich bereits im Abenteuer, beginnt meine ureigene Heldenreise.

Auch das Schreiben dieses Buches ist eine Heldenreise und somit ein ganz persönlicher Prozess. Auch wenn es dem Autor ein Anliegen ist, einen Inhalt darzustellen, der unser aller Thema ist, so ist es in diesem Moment, in dem er dies schreibt, vor allen Dingen sein Prozess, losgelöst von all denjenigen Menschen, die das Dargestellte vielleicht einmal lesen werden. Konsequenterweise darf er sich deshalb auch nicht scheuen – ist es vielleicht sogar notwendig – so oft wie möglich aus ganz persönlich gewonnener Erfahrung heraus zu sprechen, auch auf die Gefahr hin – sollte er ins zügellose Fabulieren geraten – nicht den strengen Kriterien eines üblichen Sachbuches zu genügen. Es trägt aber gerade das literarische Ausschmücken im wesentlichen Sinne dazu bei, der Heldenreise die nötigen Spannungsbögen zu verleihen, um eine Zuhörerschaft in ihren Bann zu schlagen. Unter keinen Umständen lässt sich der Autor eine gute Geschichte von der sogenannten Realität kaputt machen. Die Heldenreise nährt sich aus einer Wirklichkeit, die sich weit über den nüchternen Realitätsglauben erhebt und zeigt dem Moralisten unmittelbar die Grenzen seiner Erlebnisfähigkeit auf. Nichts ist wie es scheint, Bestand hat nur die Verwandlung und nichts verwandelt sich so schnell wie das Gute zum Bösen – und das Böse zum Guten. Das meint keine Beliebigkeit und den Abschied von jeglicher Moral. Davor bewahrt uns die eherne Regel des Archetypus der Heldenreise, dem sich anzuvertrauen sich selbst zu vertrauen bedeutet. All jene, die sich der Lyrik des Lebens verschrieben haben und immer wieder versuchen – trotz allen augenscheinlichen Scheiterns – der Prosa des alltäglichen, rationalen Denkens, umhüllt vom Mantel der Fantasie das „Undenkbare“ als das denkbar Mögliche gegenüberzustellen, heiße ich in diesem Buch mehr als willkommen.

„Finde einen Weg die Schönheit notwendig zu machen. Finde einen Weg das Notwendige schön zu machen.“

Anna Michaels, „Fluchtstücke“

Apropos „schön“. In diesem Buch wird man den Begriff „Biographie“ immer mit „ph“ geschrieben vorfinden. Ich ziehe diese Schreibweise grundsätzlich der neueren mit „f“ vor.

I. FOLGE DEINER BESTIMMUNG

FOLLOW YOUR BLISS

Wer sich nicht bewegt –
spürt auch seine Fesseln nicht.

Autoaufkleber, 2007

„Rächer ohne Waffen“

Wir befinden uns in den sechziger Jahren und ich komme aus einem dieser Filme, die unter dem Etikett „Für unsere Jugend“ jeden Sonntag um 14 Uhr im nahegelegenen Kino gezeigt werden. Es sind fast immer Sandalen- oder Mantel- und Degenfilme. Diesmal war es ein Western über einen dieser unverwundbaren Recken mit dem Titel: „Rächer ohne Waffen“. Wobei dieser Titel insoweit irreführend war, als in diesem Film mehr geschossen denn gesprochen wurde. Ich trete aus dem „Bunker der Illusion“ heraus auf die taghelle Straße und ich spüre, dass meine Füße fest auf der Erde stehen. Mein Blick ist zielgerichtet, die Haltung so aufrecht wie nie - ich fühle mich infiziert. Es ist einer der vielen Filme, die mich damals „hoch motivierten“.

Randolph Scott, ein auf Heldenrollen geeichter Westerndarsteller der fünfziger und sechziger Jahre war es, der am Ende dieses Films, nachdem er alle Bösewichter getötet und die Dame seines Herzens aus den Klauen der Verbrecher befreit hatte, seinen Revolvergürtel abschnallte und ihn voller Verachtung in eine Schlucht warf. Ein erhabener Moment – wurde er doch von diesen Nichtsnutzen gezwungen, zur Waffe zu greifen, obwohl er der Gewalt bereits seit Jahren abgeschworen hatte.

Ein wahrer Held in meinen Augen. Alles Errungene, Ruhm, Ehre und sogar das gerettete Mädchen lässt er zurück, um schließlich in die Sonne zu reiten. Ja, so waren sie, die Helden meiner Jugend. Die Gewalt als lästiges Übel, dem nur dann Raum gegeben wird, wenn es sich nicht vermeiden lässt - in diesem Sinne waren die Hollywood-Produktionen von damals aus heutiger Sicht oft peinlich moralisch. Und so muss ich mich heute nach all den Jahren fragen, wo meine tiefe Verbundenheit mit diesen Helden herrührte. Denn aller moralischen Erziehung zum Trotz haben mir meine wohlmeinenden, schwer arbeitenden Eltern kaum vorleben können, dass man etwas mit aller Mühe Erreichtes am Ende zurücklässt oder gar verschenkt; alles den Bedürftigen oder gar der ganzen Welt übergibt, denn: Am Ende ist es immer die ganze Welt, die der Held rettet.So steht der wahre Held, nachdem er alle diese gefahrvollen Abenteuer hinter sich gebracht hat, letztendlich mit scheinbar leeren Händen da. Deshalb hätte ich angesichts all dessen, was mir aus der Erziehung zugeflossen war, eigentlich empört Protest einlegen müssen gegen diese Art von Geschichten, die auf den ersten Blick eine gewisse Ungerechtigkeit der Welt propagierten. Doch es gab offensichtlich etwas in mir, das diesen Betrug am Wohlverdienten durchaus akzeptieren konnte.

Der Mythos des Helden, der mir in meiner Pubertät in einer Überdosis aus Hollywood verabreicht wurde, musste wohl bereits lange, vielleicht schon vor meiner ersten Begegnung mit einem von ihnen, tief in mir sein Dasein gefristet haben. Offenbar hatte es lediglich der Erweckung durch diverse Helden wie Superman, Tarzan, Perry Rhodan und andere unverwundbare Gestalten bedurft, um mich mit deren Schicksal voll und ganz identifizieren zu können.

Im Laufe der Jahre sind meine Ansprüche, was Literatur und Filme angeht, ein wenig gestiegen. So habe ich die Autoren der Gegenwart, dann die Klassiker des 19. Jahrhunderts und auch die Mythen der Welt kennen gelernt. In diesen Zeugnissen menschlichen Handelns, des Gewinnens wie des Verlierens, werden wir so gut wie immer mit dem „Helden“ (in jüngerer Zeit auch mit einer „Heldin“) konfrontiert, mit deren Mission wir im Verlauf der Handlung bekannt gemacht werden. Eines ist ihnen allen gemeinsam: Es ist immer nur der Einzelne, mit dem ich mich als Leser oder Zuschauer identifizieren kann. Das Individuum ist das Maß der Dinge. Das Neue kommt offenbar immer nur durch den Einzelnen in die Welt, nie durch die Masse.

Joseph Campbell, Forscher des Mythischen

Hilfreich zum Verständnis der Hintergründe dieses Phänomens ist mir die Begegnung mit dem Amerikaner Joseph Campbell (1904 - 1987) geworden, der ab der Mitte des letzten Jahrhunderts durch seine Arbeit auf dem Gebiet der vergleichenden Mythenforschung bekannt wurde.Campbell sah seine Aufgabe darin, Gemeinsamkeiten in den Religionen und Mythen der Welt aufzuspüren, die er als kulturell bedingte Ausdrucksformen ein und derselben psychologischen und transzendenten Wahrheit ansah.Für Campbell sind Mythen allgemeingültige Metaphern, mit denen der Mensch seit Urzeiten seine Position im Kosmos definiert hat. Sein erstes Buch „Der Heros in tausend Gestalten“ (1949) wurde zwar damals von der Kritik wohlwollend aufgenommen, entwickelte sich aber erst im Laufe der Jahre zu einem Klassiker. Nach seinem Tod wurde im US-Fernsehen die mehrteilige Serie „Power of the Myth“ ausgestrahlt, in der Bill Moyers Joseph Campbell sechs Stunden lang interviewte und einem Millionenpublikum bekannt machte.

Was ist eigentlich ein Mythos? Jean Houston, eine von Campbells Studentinnen, gibt darauf eine poetische Antwort:„Ein Mythos ist durativ, d.h. er existiert außerhalb der gewöhnlichen Zeit; er ist nicht historisch. Er funktioniert als ein Kontaktpunkt in unserer Psyche, als eine Brücke zwischen unserem gewöhnlichen Alltagsleben und unserem ‚inneren‘ Leben. Ein Mythos ist etwas, das niemals war, aber immerzu passiert – die verschlüsselte DNA der menschlichen Psyche, die uns auffordert, zum Bewohner eines Universums zu werden, das reicher ist als unsere Sehnsüchte und vielschichtiger als all unsere Träume.“ (Aus einem Aufsatz von Jeremy Kemp „Über Mythen und warum man auf ihren Ruf hören sollte“, 2006)Campbell selbst drückt es in seinem Buch „Myths of Light – Eastern Metaphors of the Eternal“ so aus: „Mythologien werden nicht erfunden; sie werden gefunden … Mythen kommen aus dem mystischen Bereich wesenhafter Erfahrung.“Seine Beschäftigung mit Freud und Jung sowie die Kontakte zur Künstlerelite seiner Zeit trugen dazu bei, dass Campbells Theorie, wonach alle Mythen und Epen der Welt eine gemeinsame Wurzel in der menschlichen Psyche haben, Gestalt annehmen konnte. Er sieht in ihnen einerseits geschichtlich-kulturelle Ausdrucksformen des jeweiligen Kulturkreises, andererseits aber auch Ausdrucksformen einer Erklärung für kosmologische und spirituelle Zusammenhänge, ganz im Sinne von C. G. Jungs Archetypenlehre.Unter vielen anderen Darstellungen Campbells sei hier exemplarisch folgendes Beispiel angeführt. In den verschiedensten Mythologien der Welt finden wir die Geschichte eines Wesens, das in Form eines Menschen oder einer Fabelfigur erscheint und nach einiger Zeit, in der es dem Menschen hilfreich zur Seite stand, darum bittet, getötet zu werden. Vor seinem Tode wird der Auftrag erteilt, es zu begraben. Kurze Zeit später wächst an dieser Stelle ein Baum.So verschieden diese Geschichte, die an den unterschiedlichsten Orten der Welt erzählt wird, auf der Ebene ihrer Erzählstruktur, in der Wahl ihres Personals und der kulturellen Eigenart auch sein mag, eines ist diesen Varianten dieses Mythos’ gemeinsam: Im tieferen Sinne handelt es sich laut Campbell darum, die Akzeptanz für den gewaltigen gesellschaftlichen Umbruch der Menschheit vom „Jäger und Sammler“ zum „Bauern und Züchter“ zu unterstützen und als eine von den Göttern gewollte soziale Veränderung anzunehmen.In früheren Zeiten blieb es einer geistigen Elite der Menschheit vorbehalten, diese spirituellen Botschaften aus den Urgründen des Seins weiterzugeben und sie als ein wirksames Mittel einzusetzen, künftigen Menschheitsentwicklungen den Boden zu bereiten und somit deren Akzeptanz im Volk zu gewährleisten.

Die Heldenreise

Ein zentrales Thema in Campbells „Der Heros in tausend Gestalten“ ist der Mythos der Heldenreise. Dabei beschreibt Campbell, dass es ein kollektives Grundmuster für diesen archetypischen Heldenmythos gibt, das sich in allen Kulturen der Welt auffinden lässt. Die Essenzen der insgesamt zwölf Entwicklungsschritte können folgendermaßen verkürzt dargestellt werden:

Die erste Phase: der „Ruf“. Der Held befindet sich in einer unbefriedigenden Lebenssituation, die einer Veränderung bedarf und plötzlich findet er sich einer Aufgabe gegenübergestellt, die diesem Zustand ein Ende bereiten könnte.

Die zweite Phase ist die Weigerung: Der Held zögert dem Ruf zu folgen, beispielsweise weil es gilt, vermeintliche Sicherheiten aufzugeben oder weil er glaubt, diesen Herausforderungen nicht gewachsen zu sein.

Als Drittes folgt der Aufbruch (die Annahme): Der Held lässt sich umstimmen, überwindet seine Zögerlichkeit und macht sich auf die Reise.

Die vierte Phase steht unter dem Motto „(Übernatürliche) Hilfe“: Der Held trifft unerwartet auf einen oder mehrere Mentoren. Dies können Götter, Magier, aber auch ganz „gewöhnliche“ Menschen sein, die die Fähigkeit verbindet, in dem Helden etwas zu erkennen, was er selbst für sich noch nicht erkannt hat.

In der fünften Phase hat der Held die Möglichkeit, das, was er von seinem Mentor gelernt hat, auszuprobieren – das Gelernte zur Fähigkeit umzuwandeln. Sollte er bei einem dieser Tests versagen, so bedeutet dies nicht seinen Untergang. Es ist ein „Test“, der immer wiederholbar ist – eine Übung.

Die sechste Phase ist gekennzeichnet durch einen ersten, großen Sieg. Die Stunde des Siegers – die erste große Schwelle ist genommen und der Held neigt zur Selbstüberschätzung. Er triumphiert über einen Gegner, der, wie sich erst später herausstellen wird, noch nicht der eigentliche Herausforderer ist.

In der siebten Phase sollte der Held bemüht sein, seinen Sieg auf Dauer zu sichern. Es wird sich dabei herausstellen, dass er sich dieses Sieges langfristig nicht sicher sein kann. Er ist noch lange nicht an seinem Ziel angekommen – die Mission ist noch nicht erfüllt. Neid, Missgunst und Verrat begleiten ihn von nun an auf seinem Weg.

In der achten Phase kommt es dazu, dass die Dinge, die der Held glaubt bereits sein Eigen nennen zu dürfen, ihm urplötzlich entgleiten. Errungenes entwickelt ein unkontrollierbares Eigenleben und so mancher Sieger wird erleben müssen, dass sich die eigenen Waffen gegen ihn selbst wenden. Er muss sich erneut auf den Weg machen und dieser Weg führt ihn in den „Bauch des Walfisches“ – in die Unterwelt, wo bereits die Schergen des Bösen auf ihn warten.

In der neunten Phase – im Bauch des Walfisches – besiegt der Held die Helfershelfer der dunklen Mächte und raubt dem Drachen mit mehr oder weniger trickreichen Mitteln den Schatz, den dieser bislang bewachte. Der Besitz dieses Schatzes oder des „Elixiers“ wird der Welt, aus der der Held einst aufgebrochen ist, die ersehnte Rettung bringen. Dieser Schatz kann auch in einer inneren Erfahrung bestehen, die durch einen äußerlichen Gegenstand symbolisiert wird (Gral).

Die zehnte Phase steht unter dem Motto der „Rückkehr“: Der Held zögert, in die Welt des Alltags zurückzukehren. Das Böse bietet all seine Verführungskunst auf, ihn für sich zu gewinnen, damit er als künftiger Bewohner der Unterwelt dem Bösen verpflichtet bleibt (Faustthema). Damit die Transformation zurück zum Guten gelingt, erinnert sich der Held der Werte, die ihm sein Mentor zu vermitteln wusste und findet seinen Weg zurück aus dem dunklen Labyrinth der Gewalt. Der Walfisch speit ihn wieder aus und er findet sich dort wieder, wo er seinen Weg zielgerichtet fortsetzen kann.

In der elften Phase schneidet ihm das Böse in Person den Weg ab. Die Maskerade ist nun endgültig zu Ende und das Böse zeigt sein wahres Gesicht. Es kommt zum alles entscheidenden Endkampf, in dem sich zeigen wird, ob der Held nun den endgültigen Sieg erringt oder als Unterlegener zur Legende wird. Sollte er zur Legende werden, wird ein anderer den Kampf für ihn weiterführen.

In der abschließenden zwölften Phase überschreitet der Held die Schwelle zur Alltagswelt, aus der er ursprünglich aufgebrochen war. Er trifft auf Unglauben oder Unverständnis, muss das auf der Heldenreise Gefundene oder Errungene in das Alltagsleben integrieren und weitergeben an jene, die es nötig haben, ohne etwas für sich zu behalten. Er ist „Herr der zwei Welten“: Der Heros vereint das Alltagsleben mit seinem neu errungenen Wissen – seiner Überlegenheit gegenüber dem Bösen, das er in sich transformieren konnte, und lässt somit die Gesellschaft an seiner Weisheit (das Elixier) teilhaben. Er wird Beifall von denen bekommen, die ihn zuvor verlachten und ihn einen Narren schimpften.

Hollywood als Schüler

Die Ersten, die sich diese Erkenntnis zu Nutze machten, waren Drehbuchautoren an der amerikanischen Westküste. Sie erklärten Campbells Heldenreise zur „Bibel Hollywoods“. In Christopher Voglers Buch „Die Odyssee des Drehbuchschreibers - Über die mythologischen Grundmuster des amerikanischen Erfolgskinos“ aus dem Jahre 1997 wird dem angehenden Drehbuchautor der Leitfaden für ein Erfolg versprechendes Drehbuch gegeben. Hier erfuhr erstmals die Öffentlichkeit in anschaulicher Weise, dass Campbells Heldenreise bereits seit Jahrzehnten nahezu jede Handlung des amerikanischen Films beeinflusst hatte. Die TV-Serie „Power of the Myth“ wurde nicht zufällig auf der „Skywalker-Farm“ von George Lucas, dem Schöpfer der Star Wars-Filme, aufgenommen.Campbell sieht in Lucas’ Werk besonders im Hinblick auf Jugendliche das Verdienst, die Kraft des mythischen Symbols und ihre verlorengegangenen Werte in einer dem Zeitgeist entsprechenden Weise wieder nähergebracht zu haben. Lucas selbst hat in einem Interview mit Bill Moyers im Jahre 2003 bestätigt, dass er sich bei „Star Wars“ strikt an die Vorgaben der „Heldenreise“ gehalten habe.

Es sind aber bei Weitem nicht nur die „Blockbuster“ aus den USA, in denen wir Campbells Heldenreise dargestellt finden. Die gleiche Struktur liegt auch einer Vielzahl europäischer Film-Produktionen zugrunde. Auf einer Homepage des Bayrischen Rundfunks aus dem Jahr 2008 wird Campbells Heldenreise als Vorgabe zum Erstellen gelungener Drehbücher empfohlen. Es hat den Anschein, als würden wir seit dem Erscheinen von Campbells epochalem Werk von der Filmindustrie mit Kopien dessen versorgt, was uns – laut Campbell – im Original verloren gegangen ist. Dabei halten sich natürlich nicht alle Drehbuchautoren sklavisch an die genaue Abfolge der Heldenreise, denn gerade der Bruch mit den Vorgaben ist es, was Geschichten ihre Eigenheit bewahrt. Trotzdem überrascht es, in welch unterschiedlichen Produktionen man die gleiche Grundstruktur wieder erkennt: Für den „Anfänger“ dürfte Tolkiens „Herr der Ringe“ einen guten Einstieg abgeben, aber auch weniger offensichtlich mystische Themen wie z. B. „Ray“ (Das Leben von Ray Charles) oder ein Klassiker wie „Casablanca“ lassen diese Struktur ohne Weiteres erkennen. Doch sollte man nicht vergessen, dass es sich eben nur um einen Variantenreichtum handelt, denn grundsätzlich bleibt das Erzählte immer beim Alten. So gesehen kann man berechtigterweise die Frage stellen: Was unterscheidet eigentlich den jugendlichen und erwachsenen Leser oder Kinobesucher von einem dreijährigen Kind, das empört protestiert, wenn man auch nur ein einziges Wort in der Gute-Nacht-Geschichte ändert, die man bereits 50 Mal vorgelesen hat?

Verglichen wird hier der Handlungsablauf des 1977 entstandenen Films Star Wars („Krieg der Sterne“) mit dem Plot des ersten Harry Potter-Films („Der Stein der Weisen“), fast 20 Jahre danach gedreht.

Harry Potter und der Stein der Weisen - Star Wars – Teil 1

Harry Potter ist ein Junge, der bei seiner Tante und seinem Onkel in einer Vorstadtsiedlung lebt.

Luke Skywalker ist ein Junge, der bei seiner Tante und seinem Onkel im Gebiet von Tatooine lebt.

Harry wird von dem bärtigen Hagrid aus dieser „Mugglefamilie“ befreit, der – wie sich herausstellt – ein Zauberer ist.

Luke wird von dem bärtigen Ben Kenobi aus der Hand von Aliens befreit, der – wie sich herausstellt – ein Jedi-Ritter ist.

Hagrid berichtet Harry, dass sein Vater ein Zauberer – und der beste Quidditch-Spieler war, den er jemals gekannt hatte.

Ben Kenobi berichtet Luke, dass sein Vater ein Jedi-Ritter – und der beste Pilot war, den er jemals gekannt hatte.

Harry wird darin unterrichtet, wie man einen Zauberstab benutzt und somit zu einem Zauberer wird.

Luke wird darin unterrichtet, wie man ein Jedi-Schwert benutzt und somit zu einem Jedi-Ritter wird.

Harry erlebt viele Abenteuer in Hogwarts und findet Freunde: Ron und Hermine.

Luke erlebt viele Abenteuer im Weltraum und findet Freunde: Han Solo und Prinzessin Leia.

Im Verlauf dieser Abenteuer entwickelt sich Harry zu einem großartigen Quidditch-Spieler, der im entscheidenden Moment das Spiel für seine Mannschaft gegen die rücksichtslose Mannschaft von Slytherin gewinnt.

Im Verlauf dieser Abenteuer entwickelt sich Luke zu einem großartigen Piloten, der im entscheidenden Moment den Kampf um den Todes-Stern für sich und seine Freunde gewinnt und somit die dunkle Macht fürs Erste besiegt.

Harry sieht sich Lord Voldemort gegenübergestellt, der seine Eltern ermordet hat.

Luke sieht sich Darth Vader gegenüber gestellt, der, wie er annimmt, seinen Vater ermordet hat.

Am Ende gewinnen Harry und seine Freunde aufgrund ihrer Tapferkeit den Hauspokal von Hogwarts.

Am Ende werden Luke und seine Freunde aufgrund ihrer Tapferkeit ausgezeichnet.

Lediglich der Austausch von Personen, Orten, Mentoren und Dunkelmännern lässt uns diese Geschichte als eine völlig neue erscheinen. Das Rezept, nach dem dieses Menü immer wieder und wieder dem abenteuerhungrigen Zeitgenossen dargeboten wird, scheint sich nur in der Auswahl der Gewürze zu unterscheiden. Es ist immer wieder die gleiche Vorspeise, der gleiche Hauptgang und das gleiche Dessert. Es sieht so aus, als könne man nur diese eine und einzige Geschichte erzählen, die unseren Wünschen und Sehnsüchten eine Heimat bietet. Längst steht im Film natürlich der Figur des Helden auch die weibliche Variante zur Seite. Meryl Streep als schreibende Plantagenbesitzerin in „Jenseits von Afrika“ oder die bis zur Selbstaufopferung gegen böse Außerirdische kämpfende Sigourney Weaver in den Alien-Filmen sind Beispiele dafür, dass wir in einer neuen Zeitepoche stehen, wo sich der Held immer häufiger in eine Heldin wandelt.

Das Frausein in vergangenen Zeiten war bestimmt durch den natürlichen inneren Lebensprozess, den das Mädchen zur Frau werden ließ, ohne besonderes Zutun der Gemeinschaft (Leben geben). Der Entwicklungsprozess vom Knaben zum Mann (Leben nehmen – als Jäger oder Krieger) wurde im Gegensatz dazu immer durch ein Ritual vollzogen, das den Jüngling, mit oftmals leidvollen Aufgaben versehen, von der Mutter trennte. Dies sollte laut Campbell den jungen Mann davor bewahren, in die Barbarei zurückzufallen. Für beide: für den Jungen, wie auch für das Mädchen, trägt dies heute nicht mehr. Es ist eine Lücke entstanden, die es individuell zu schließen gilt.

Entdecken heißt: Unbekanntes, bereits Vorhandenes bewusst machen

Natürlich ist die Struktur der Heldenreise auch vor 1949, dem Jahr des Erscheinens von Campbells Klassiker, in jedweder Kunstform feststellbar. Wir finden in den Werken der gesamten Weltliteratur ähnliche Berichte vom Siegen und Scheitern der Protagonisten.

„Die dunkle Seite der Macht“ nimmt in diesen Werken oftmals den zentralen Raum ein. Der Minotaurus, das von Theseus besiegte Monster im Kretischen Labyrinth, wohnt ebenso im „Herzen der Finsternis“ wie Colonel Kurtz in Joseph Conrads gleichnamigem Romanwerk. In Francis Ford Coppolas Film „Apocalypse Now“, dessen Handlungsverlauf auf Conrads Romanvorlage beruht, werden wir Zeuge, wie Marlon Brando in der Rolle des Colonel Kurtz, „das Grauen, das Grauen“ beschwört.

Und immer gibt es einen, der sich auf den Weg macht, hin zu diesem „Herzen der Finsternis“, als wisse er dort, an seinem Ziel angelangt, seine tiefsten Sehnsüchte vorzufinden, um im Angesicht dieses Spiegelbildes endlich sein wahres Selbst zu erkennen. So ist der vorläufige Endpunkt der Reise, die Konfrontation des Helden mit dem personifizierten Bösen, auch gleichzeitig immer die Konfrontation des Helden mit sich selbst, eine Prüfung, an der er wächst oder scheitert.

Apropos „scheitern“. Eine auf den ersten Blick vielleicht etwas unschöne Variante des Heldenepos ist der Tod unseres Helden. Dieses Ende wirkt glorifizierend, es erhöht sich durch das Nicht-Vollenden, das Bruchstückhafte. Der Tod erscheint dann wie eine Transformation außerhalb des physischen Erfahrungsbereiches. Die Tat des vermeintlich Gescheiterten wird zum Licht am Ende des Tunnels. Sie bleibt im eigentlichen Sinne symbolhaft – nicht im letzten Sinne erklärbar – und wird so selbst zum Mythos.Der Mythos eines Kennedy, James Dean oder Martin Luther King lebt vom Tod des Protagonisten, wobei der historischen Figur meist wenig Wert beigemessen wird, denn es zählt allein das, was diese Menschen in uns selbst geweckt haben. Thomas Mann lässt seinen Zauberberg-Helden Hans Castorp sich in den Wirren eines nicht näher definierten Krieges verlieren – das Künftige bleibt trotz allen Neuerungen, weiterhin auch Auseinandersetzung – Krieg! In dem Roman „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ von Robert Louis Stevenson scheitert Dr. Jekyll daran, seiner dunklen Seite mit Hilfe einer von ihm entwickelten Droge physische Realität zu geben. Sein Schatten wird übermächtig, verselbständigt sich, denn der Mythos der dunklen Seite lässt sich nicht in wissenschaftliche Studien und Experimente einbinden. So wird Jekyll von der Macht des Bösen bezwungen und findet ein grausames Ende.

Trotz dieses offensichtlichen Scheiterns des Helden kann der Leser den Mut und die Entschlossenheit des Protagonisten anerkennen. Er hat auf seiner Suche nach dem Unaussprechlichen sein Leben eingesetzt. Sein Scheitern verlangt unser aller Respekt. Ob unser Held nun in die Sonne reitet und unserem Blick entschwindet, sein Leben wegen einer Achillesferse ein Ende findet oder in Gestalt eines Siegfried, nachdem er den Lindwurm getötet hat, einer ebenfalls ungeschützten Körperstelle zum Opfer fällt – er bleibt unsterblich in unser aller Herzen.

Mythos Gral

Dies führt uns zu dem ersten großen Heldenepos, das die westliche Welt geprägt hat: zur Gralslegende. Campbell sieht im Gralsmythos einen Schritt der westlichen-abendländischen Kultur hin zu dem, was man für den modernen Menschen eine zeitgemäße Zielvorgabe des Mythos nennen könnte. In seinem Buch: „Das bist Du“, das erst nach seinem Tod erschienen ist (2001), erwähnt Campbell eine Passage über die Gesinnung der Gralsritter aus der altfranzösischen „Quest del Saint Graal“, die sich ihm „buchstäblich eingebrannt“ habe: „Sie empfanden es aber als ungebührlich, alle miteinander auszuziehen. Ein jeder tauchte an einer Stelle in den Wald ein, die er selbst gewählt hatte, dort, wo es am finstersten war und es weder Weg noch Steg gab“.

Weder Weg noch Steg! Denn wo es einen Weg gibt, ist es bereits der Weg des anderen, und eben das unterscheidet den abendländischen Geist von dem des Orients. Östliche Gurus nehmen die Verantwortung für ihre Schüler auf sich und diese unterstellen sich dem Willen des Meisters. Dem Adepten ist unbekannt, auf welchem Pfad er sich befindet, geschweige denn welche Richtung er einzuschlagen hat. Dies wird ihm von seinem Guru vorgegeben. Der spezifisch abendländische Abenteuergeist hingegen speist sich aus der Sehnsucht nach selbst gewählter Erfahrung; nach etwas, das noch keines anderen Menschen Auge zuvor erblickt hat. Was könnte dieses noch nie Gesehene sein? Die Suche gilt dem individuellen, ganz einzigartigen Leben.

In dieser heutigen Welt, wo sich alle wertgebenden, traditionellen Institutionen in einem rapiden Verfall befinden, verliert die Gemeinschaft, das also, was noch vor wenigen Jahrzehnten sinnstiftend begriffen wurde und dem sozialen Miteinander Halt gab, seine Kraft. Die Gruppe wird zur Quelle, aus der die Individuen hervorgehen. Aller Sinn und alle Bedeutung des Seins liegen im Individuum und sind für jeden einzigartig erlebbar. Dazu Campbell: „Wenn Sie Ihr ganz individuelles Abenteuer gelebt haben und dann zurückblicken, werden Sie sehen, dass es ein vorbildliches menschliches Leben war.“ („Das bist du"; 2001)

Er charakterisiert hier grundlegend, was unser heutiges Zeitalter ausmacht, in dem jeder Mensch aufgerufen ist, zu individuellem Bewusstsein zu kommen, um selbstbestimmt leben zu können. Die Heldenreise kann nicht pauschal gebucht werden. Sie ist heute immer auch eine Individualreise − ein unkalkulierbares Risiko, für das es keine Versicherungspolice gibt. Ich entscheide mich frei dafür, ob ich dem Ruf des Schicksals folgen will und kämpfe meinen eigenen Weg durch das Dunkel des Unterholzes frei. Ein Weg, den zuvor noch nie ein Mensch gegangen ist. Dies macht die moderne Biographie aus. Eine Einzigartigkeit, der sich der moderne Mensch oft schmerzhaft bewusst wird, wenn er feststellt: Bei aller Hilfe, die mir entgegengebracht werden kann, bin ich letztendlich allein auf mich gestellt.

Der moderne Mensch begreift sich als ein Individuum. Dieser zeitgeschichtlichen Vorgabe gerecht zu werden hat ihre Schwierigkeiten. Dies sehen wir in einer stillen Übereinkunft unserer Gesellschaft, dem wahren Individuum immer skeptisch oder sogar feindlich gegenüberzustehen. Überall droht der Rückfall ins Kollektive. Wunderbar kommt dies in dem Film „Das Leben des Brian“ von Monthy Pyton zum Ausdruck. Wenn Brian, als vermeintlicher Messias, von den Menschenmassen vor seinem Haus gedrängt wird, zu ihnen zu sprechen, ruft er aus: „Wir sind alle Individuen!“ und die Masse antwortet: „Ja, wir sind alle Individuen!“ Nur ein Einziger ruft: „Ich nicht!“ − und wird so zum Helden, zum Einzigen in der Masse, der auf diese Weise seine Individualität bewahrt.

Sind Mythen und Märchen, die uns über die Gabe der Zehn Gebote oder über einen kulturellen Wandel vom „Jäger und Sammler“ zum Ackerbau berichten, Hinweise auf bereits in der Menschheitsentwicklung abgeschlossene Vorgänge? Wäre dagegen der Heldenmythos, wie er sich in der Geschichte vom Gral darstellt, eine Art Vorschau auf eine noch bevorstehende seelisch-geistige Entwicklung des Menschen, die Vorbereitung eines Weges, der vorerst noch schwer erkennbar, ins Ungewisse führt?

Joanne K. Rowling beschreibt in ihrem ersten Band der Harry Potter-Saga „Der Stein der Weisen“, wie Albus Dumbledore (der Schulleiter von Hogwarts) nach der Begrüßung die Schüler die Hymne ihrer Schule singen lässt. Er fordert die Schüler dazu auf, sich streng an die Worte zu halten, die er mit magischer Kraft, für alle lesbar, im Raum erscheinen lässt; doch soll jeder von ihnen diese Worte in seiner „Lieblingsmelodie“ singen. Es erklingt eine vielstimmige Kakophonie, bei der es schon nach kurzer Zeit für den einzelnen Sänger recht schwierig wird, seine eigene Melodie gegenüber der Übermacht der anderen Stimmen aufrecht zu erhalten. Dumbledore wischt sich, nachdem der letzte Ton verklungen ist, die feuchten Augen und sagt: „Ah, Musik! Ein Zauber, der alles in den Schatten stellt, was wir hier treiben.“

Das Individuelle hat seine Richtschnur in der allgemeinen Verbindlichkeit, im Wortlaut der Schulregeln, doch die Lieblingsmelodie des einzelnen Schülers verursacht bislang noch eine Kakophonie. Dumbledore weiß darum, dass dieses muntere Durcheinander sich in Zukunft zu einer Harmonie ausgestalten könnte, deren Musikalität wir bislang noch nicht fähig sind zu genießen.

Die Heldenreise zum wahren Selbst

Die Mythen und Märchen sind uns nach Campbell einst von einer geistigen Elite geschenkt worden und mussten zunächst so angenommen werden, wie sie gegeben wurden. Jeder Versuch, ihre Vorgaben zu verändern oder zu durchbrechen, zog schwere gesellschaftliche Konsequenzen nach sich. Diese formgebende, erzieherische Struktur trug maßgeblich dazu bei, dass die Menschen früherer Zeit eine klare Lebensvorgabe hatten. Heute, wo sich jeder zur geistigen Elite zählen kann und darf, wenn er die Heldenreise für sich bucht, sind diese Reisen oftmals viel gefährlicher als es das kollektive Einfärben weißer Flecken auf der Landkarte vergangener Jahrhunderte war.

Der moderne Held − ein Hamlet unserer Tage − sieht sich durch jeden Feind mit seiner eigenen Unzulänglichkeit konfrontiert. Jede Heldenreise ist ein Weg zur eigenen Vollkommenheit, was konsequenterweise dazu führt, dass er in jedem seiner Feinde einen potentiellen künftigen Verbündeten sehen muss.

Campbell sieht es als Aufgabe der Kunst, die dem Betrachter immer einen Schritt voraus sein muss, in Zukunft dem Menschen jenen Halt zu bieten, den er braucht, um sein kreatives Potenzial ausleben zu können – als Kompass hin zu einem Horizont, hinter dem noch Unerforschtes wartet. Sicher nicht als ein vermeintlich allwissendes GPS-Navigationssystem, das ja schon dadurch verunsichert werden kann, wenn das Straßenverkehrsamt urplötzlich eine Durchgangsstraße zur Einbahnstraße umfunktioniert.

Moderne Bühnenstücke bedienen nicht mehr den Wunsch des Publikums nach dem immer wieder Gehörten und Gesehenen eines Urbildes. Sie beschränken sich oftmals nur noch auf Bruchstücke der Heldenreise. Das macht sie für viele so „unverdaulich“, für andere wiederum gerade so reizvoll. Denjenigen, die darin den Reiz einer Geschichte sehen, dass sie sich möglichst nur bruchstückhaft an die Heldenreise anlehnt, kommt zugute, dass sie sich in ihrer Abhängigkeit vom Vorgegebenen ein Stück weit emanzipiert haben. Sie sind bereits in der Lage, unbewusst das Vorher und Nachher der Ereignisse zur Genüge zu kennen und sich ein eigenes Bild über mögliche Konsequenzen zu machen, die sich aus diesem schmalen Ausschnitt der Heldenreise ergeben. Die Qualität liegt hier im freilassenden Moment der Möglichkeit, das Gegebene mit individuellen Erfahrungen zu verbinden und somit in die eigenen Vorstellungen zu integrieren.

Godot darf nicht erscheinen

Ein markantes Beispiel dafür ist „Warten auf Godot“ von Samuel Beckett. Hier findet, nachdem der „Ruf“ an Estragon und Vladimir ergangen ist, ein ständiges Abwägen statt, diesem Ruf nun auch zu folgen bzw. den Mentor zu treffen, der weitere Anweisungen geben soll, um diesen sehr vagen Ruf zu konkretisieren. Die Anweisung bleibt aus, das Warten selbst scheint zur Aufgabe zu werden. Das Auf-sich-selbst-gestellt-Sein ist das Dargestellte – das Zögern als solches, das Leben selbst in die Hand zu nehmen und sich auf keine Institution mehr berufen zu können.

Godot kann und darf nicht erscheinen. Godot sind wir selbst − es ist das Lauschen auf unsere innere Stimme. Dieser inneren Stimme folgen heißt nach Campbell: „Follow your bliss“, was man mit: „Folge Deiner Bestimmung“ übersetzen könnte. Er ist überzeugt davon, dass nur der Mensch, der seiner inneren Stimme folgt, also dem, was ihn erfüllt, ein selbstbestimmtes Leben leben kann. Nur so kann ihm auch Hilfe und Geleit in allen Lebenslagen zukommen. Wer ein selbstbestimmtes Leben führt, führt immer auch ein heldenhaftes. Heldenhaft leben heißt: den eigenen, vielleicht meist unbewussten Aufgaben, die man sich für sein Leben gestellt hat, im Sinne eine künftigen Entwicklung entgegen zu leben. Auf eine Stimme zu hören, die leise, tief aus unserem Innern spricht, die sich aber dennoch lautstark in Neurosen und Psychosen Gehör verschafft, wenn man sie ignorieren sollte. Campbell sagt dazu in „Die Kraft der Mythen“: „Wer nicht auf sein Unterbewusstsein hört − lebt schizophren.“ Bill Moyers fragt Campbell in der TV-Serie „Power of the Myth“, was denn seiner Meinung nach mit einer Gesellschaft passiere, die ihre Mythen verloren hat? Campbell antwortet: „Da müssen sie nur jeden Tag in die Zeitungen schauen“.

Ein Großteil von Campbells Anstrengungen, die Zeitgenossen in ein fruchtbares Verhältnis zu den Mythen zu bringen, bündelt sich in seinen wiederholten Hinweisen darauf, dass der falsch verstandene Mythos der ist, der wörtlich genommen wird. Nicht historisch gedeutet wollen heilige Symbole wie die des Paradieses oder des himmlischen Jerusalem sein; vielmehr sollen sie als tief in unserer Psyche schlummernde, geistige Möglichkeiten erfahren werden. Campbell steht hier in der Tradition der Mystik, die Gott nicht als das absolut andere ansieht, sondern als einen Gott, den der Mensch in seinem eigenen Wesensgrund erfahren kann.

Der Versuch, dem Mythos einen zeitgeschichtlich realen Hintergrund zu geben und ihn dann noch (je nach Mainstream) gewinnbringend zu modifizieren, nimmt ihm jede Kraft zur Vorbildhaftigkeit. Die Medizin wird zum Gift. Ein aktuelles Beispiel für solchen Verlust ist das Buch und der daraus entstandene Film „Der Da Vinci Code“, in dem der Mythos des Abendmahls sich einem materialistischen Zeitgeschmack anbiedert.

In der Novelle „Die unsterbliche Geschichte“ führt uns Tanja Blixen vor Augen, wohin es führt, wenn man versucht, einem Mythos Realität zu geben. Dabei bleibt zu berücksichtigen, dass sich Literatur dadurch auszeichnet, dass es immer mehrere Ebenen der Interpretation gibt. Meine Interpretation geht in folgende Richtung: Blixen erzählt davon, dass es unter den Matrosen im 19. Jahrhundert eine weit verbreitete Geschichte gab. In dieser Geschichte wird ein junger Matrose beim Landgang von einem alten, steinreichen Kaufmann aus einer Kutsche angesprochen und gefragt, ob er sich nicht ein Goldstück verdienen wolle. Als der Seemann, ohne zu wissen, was er dafür tun soll, sein Einverständnis erklärt, lädt ihn der alte Mann in seine Kutsche ein und sie fahren zu dessen Haus. Nachdem sie zusammen ein fulminantes Mahl zu sich genommen haben, sagt der alte Mann zu ihm, dass er sich nichts sehnlicher wünscht, als einen Sohn zu haben, der einmal sein Vermögen erben kann. Die Aufgabe des Matrosen sei es, seine junge Frau zu schwängern, da er selbst dazu nicht mehr in der Lage sei. Der Matrose erklärt sich dazu bereit und am nächsten Morgen verlässt er das Haus und hat sich sein Goldstück verdient.