Helmut Schmidt - Neue Osnabrücker Zeitung - E-Book

Helmut Schmidt E-Book

Neue Osnabrücker Zeitung

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Beschreibung

Dieses Buch über Altkanzler Helmut Schmidt zeichnet dessen Lebensstationen und besondere Momente nach. Vom aufstrebenden Politiker aus Hamburg über den Krisenmanager bei Flut und Terror zum Elder Statesman, dessen Meinung auch lange nach seiner Kanzlerschaft Gewicht hat: Helmut Schmidt ist bis heute einer der beliebtesten Politiker des 20. Jahrhunderts. Er traf schwierige und unbequeme Entscheidungen, konnte sich des Respekts von Parteifreunden wie Gegnern aber immer sicher sein. Dabei erhielt er sich stets seinen Eigensinn und Charakter. Zunehmende Rauchverbote hinderten ihn nicht daran, auch im Fernsehen zur Zigarette zu greifen.

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Seitenzahl: 156

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Helmut Schmidt

Macher. Staatsmann. Mensch.

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Vorwort

Der NOZ-Kommentar zum Tode Helmut Schmidts am 10. November 2015

Hanseat, kein Hampelmann

Einleitung: Eine deutsche Instanz

1. Schmidts Weg in die Bundespolitik – von Hamburg nach Bonn

Die wichtigsten Lebensstationen

Krisenmanager in turbulenten Zeiten

Die große Stunde des Helmut Schmidt

Katastrophe über Nacht: Sturmflut 1962 traf Hamburg unvorbereitet

2. Kanzler in schwierigen Zeiten - Krisen, Terror und Sicherheit

Brandt bereut Kanzler-Rücktritt nicht

1976: Kohl scheitert nur knapp gegen Schmidt

Deutscher Herbst

Die wichtigsten Akteure im „Deutschen Herbst“ 1977

Die Landshut-Entführung: Dramatischer Höhepunkt im „Deutschen Herbst“

Ex-Kanzler Schmidt fühlt sich mitschuldig am Tod Schleyers

Helmut Schmidt: Der NATO-Doppelbeschluß ist nach wie vor richtig

Hanseat gegen Polit-Polterer - Der kurzlebige Sieg Helmut Schmidts

Keine Verschlechterung des deutsch-deutschen Verhältnisses

3. Die "Schmidt-Schnauze" ist niemals still - Meinungsstark auch nach der politischen Karriere

Überraschung bei der „Zeit“ - Der neue Kollege heißt Helmut Schmidt - Redaktion war nicht informiert -

Helmut Schmidt und Giscard gründen Komitee für Währungsunion

Schmidt gegen deutsch-deutsche Alleingänge - Berliner Ehrenbürger –

„Moralischer Verfall“: Schmidt hält seinem Nachfolger Kohl schwere Versäumnisse vor –

Mit Entschlossenheit wie bei RAF gegen Rechts-Gewalt

Kanzler a.D. geht mit politischer Klasse hart ins Gericht

Ex-Kanzler Schmidt sieht besorgniserregende Lage Deutschlands

Scharfzüngige Kritik an Politik und Gesellschaft –

4. Alle Achtung - Deutschland würdigt den Altkanzler – Preise und Ehrungen

Ehrenbürger seiner Heimatstadt Hamburg

Hochschule der Bundeswehr soll „Helmut Schmidt-Universität“ heißen

Altkanzler für politische Verdienste geehrt

Schmidt mit Kissinger-Preis ausgezeichnet

Verehrtes Vorbild: Schmidt erhält den Preis des Westfälischen Friedens

Unterwegs in die politische Unsterblichkeit - Helmut Schmidt wird 95

Medienpreis für Helmut Schmidt und Valéry Giscard d'Estaing –

5. Helmut Schmidt privat – Zwischen Loki und Lungenbrötchen

Helmut und Loki gaben sich vor 50 Jahren das Ja-Wort

Loki Schmidt ist tot - Mehr als nur die „Frau von...“

Liebe und Legende

Schmidt quarzt bei Günther Jauch

„Meine Freundin Frau Loah“ - Helmut Schmidt plaudert über seine Neue

Helmut Schmidt schreibt über seine Geliebte

6. Helmut Schmidt und die Region

Mal kämpferisch, mal launig: Schmidts Auftritte in der Region

Berichte und Reportagen aus den Jahren 1974 bis 2012

„Wahl entscheidet auch über Bundespolitik!“ - Helmut Schmidt auf dem Markt in Osnabrück

12.000 hörten Schmidt - Kanzler warnt vor Opposition als Regierungspartei

Schmidt auf Bauernhof: Ich will hier viel lernen

Nach Kanzler-Besuch wenig Hoffnung auf Ansiedlung von Uranit - Vorwürfe gegen Landesregierung

„Strauß hat seine Zunge nicht in der Gewalt“ - Helmut Schmidt in der Stadthalle

Helmut Schmidt: Meyer-Werft hat mir immer mächtig imponiert

„Zum Teufel mit der Taktik“ - Kanzler a. D. an der Basis: Mal stark, mal moderat

Georgianer trafen Alt-Kanzler - Buchvorstellung in Hamburg

Interviews aus den Jahren 1970 bis 1978

Schmidt: Keine „neue“ Bundeswehr

"Wehrstruktur im April im Kabinett"

Schmidt: Schießbefehl schwere Belastung - „Verstoß gegen elementare Rechtsauffassungen“

Schmidt: Mit Breschnjew Aussprache über Berlin - Neue Impulse erwartet

„Niedersachsenwahl am interessantesten“

Schmidt: Mit Carter Fortschritte erzielt - Weitere Annäherung erwartet

Fotostrecke Helmut Schmidt – Bilder eines Lebens

Impressum

Neue Osnabrücker Zeitung GmbH & Co. KG Breiter Gang 10 –16 49074 Osnabrück Telefon: 0049 (0)541 310-360 E-Mail: [email protected] Registergericht: AG Osnabrück HRA 3551

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1. Auflage 2015

© Neue Osnabrücker Zeitung

Redaktion: Burkhard Ewert (Ltg.), Uwe Westdörp; Carmen Vosgröne (Archiv/Produktion); Julia Knieps (Koordination)

Für die Inhalte der dpa: © dpe, Deutsche Presse-Edition – eine Marke der dpa, Deutsche Presse-Agentur/dpa-infocom, Hamburg

Da es sich bei den ausgewählten Texten um Originalbeiträge aus dem Archiv der Neuen Osnabrücker Zeitung und den Datenbanken der dpa handelt, entspricht die verwendete Rechtschreibung der Zeit, aus der die Dokumente stammen. Aus Gründen der Authentizität wurden die Texte nicht in die neue Rechtschreibung übertragen.

ISBN: 978-3-7375-7565-2

Vorwort

Ein großer, ein einzigartiger Mann ist von uns gegangen: Helmut Schmidt, Zeit Lebens ein ebenso kluger wie kantiger Politiker, Staatsmann, Publizist und Denker. In Erinnerung bleiben seine überragenden Fähigkeiten als Krisenmanager: Die große Flut in Hamburg, schwere weltweite Wirtschaftskrisen und die Rote Armee Fraktion (RAF) zählten zu den Herausforderungen, denen er sich stellen musste. Unvergessen bleibt aber zugleich „Schmidt Schnauze“, der zuspitzende und scharfsinnige Redner.

Auch bei Wahlkampfauftritten im Raum Weser/Ems mobilisierte Schmidt zehntausende von Menschen. Zudem stand er unserer Redaktion immer wieder in Interviews Rede und Antwort. Wie wurde er, was er war? Wie haben ihn die Menschen vor Ort erlebt? Mit einer Mischung von Originaltexten aus unserer Zeitung und Hintergrundinformationen über Helmut Schmidt zeichnen wir seinen Lebensweg nach und verfolgen die vielfältigen Spuren auch in unserer Region.

Eine interessante Lektüre wünscht

Ihr Ralf Geisenhanslüke

Chefredakteur Neue Osnabrücker Zeitung

Der NOZ-Kommentar zum Tode Helmut Schmidts am 10. November 2015

Hanseat, kein Hampelmann

Von Burkhard Ewert

Die Flut. Loki. Zigaretten. Mogadischu, Stammheim und die Schiffermütze. Der Brahmsee. Der Scheitel. Seine Jugend im Nazi-Regime, die steten und strengen Mahnungen zur Welt- und Wirtschaftspolitik. Sie werden fehlen. Helmut Schmidt ist tot. Deutschland trauert.

Sein Leben illustriert eine kleine Episode: Wie für Hamburger üblich, lehnte er nach dem Ende seiner Amtszeit als Kanzler das Bundesverdienstkreuz ab. Das war Bescheidenheit, einerseits. Dem Staat zu dienen, war ihm Pflicht. Sie verlangte nicht nach Ehrung. Und doch war da Stolz. Eine Ehrung zum Anheften, ihm, dem Bürger der Freien und Hansestadt von einer äußeren Obrigkeit verliehen; auf solchen Tand konnte Schmidt getrost verzichten.

Tatsächlich: Nötig hatte er solcherlei Ehrungen nie. Uneitel war er trotzdem nicht. Aber lieber, als einen Orden zu tragen, rühmte er sich seiner Haltung und Härte, Bodenhaftung und Bescheidenheit. Daneben schmückte er sich mit politischen und persönlichen Freundschaften in aller Welt; Autokraten eingeschlossen.

Die Bewunderung für ihn war groß, die Anerkennung riesig. Ob es immer auch Liebe war? Kühl war Schmidt als Mensch, klar in der Analyse, knapp und kantig im Ausdruck. Er war eine Persönlichkeit aus einer anderen Zeit. Hanseat statt Hampelmann, mehr Bismarck als Obama. Wer ihn erleben durfte, wird ihn nicht vergessen. Schmidt ist Legende.

Einleitung: Eine deutsche Instanz

Von Uwe Westdörp

Von scharfem Verstand, eisern, mutig, angriffslustig: Helmut Schmidt war als Bundeskanzler geachtet, aber nicht beliebt. Den Gipfel seiner Popularität erreichte er erst lange nach dem Ende seiner politischen Laufbahn. Als erfahrener Ratgeber und geschätzter Publizist war der Sozialdemokrat eine deutsche Instanz. Das Beste kam zum Schluss.

Osnabrück (NOZ) - So kannte man Helmut Schmidt: In Zigarettenrauch gehüllt, ernst und jedes Wort wägend – als gelte es, fortwährend unumstößliche Wahrheiten zu formulieren. Als wäre er aus der Zeit gefallen, setzte der eigensinnige Hanseat sich lässig über alle Rauchverbote hinweg. Politisch und intellektuell war er indessen bis ins hohe Alter auf der Höhe der Zeit. Ja, sein Ansehen stieg von Jahr zu Jahr.

Kurz vor seinem 95. Geburtstag im Dezember 2013 erklärte eine Umfrage-Mehrheit Helmut Schmidt sogar zum bedeutendsten Bundeskanzler der Bundesrepublik – vor Konrad Adenauer, Willy Brandt und Helmut Kohl. Dass die drei Vorgänger historisch mehr bewirkt hatten, trat in den Hintergrund. Schmidt bestach bis zuletzt durch scharfen Intellekt und Geradlinigkeit. Hochgelobt erhob er sich als umfassend gebildeter Publizist, gefragter Redner und „Orakel von Hamburg-Langenhorn“ in höchste Sphären der öffentlichen Wertschätzung.

„Meine Fehler habt ihr verschwiegen, euer Lob habt ihr weit übertrieben“, monierte der Altkanzler 2013 nach seinem 95. Geburtstag. Zu allzu großer Bescheidenheit neigte er aber zeitlebens nicht: „Mir ist der eigene Geltungsdrang durchaus bewusst“, bestätigte er noch als alter Mann.

Helmut Schmidt habe ihm stets Orientierung gegeben, lobte Gerhard Schröder. Henry Kissinger, der unter anderen für John F. Kennedy gearbeitet hatte, nannte Schmidt „einen der bedeutendsten Männer, die ich kennenlernen durfte“. Und Bundespräsident Joachim Gauck gratulierte zum 95. mit den Worten, Schmidt werde „zu Recht in die Geschichtsbücher eingehen“.

Die erste große Stunde des Hanseaten schlug, als seine Heimatstadt Hamburg 1962 von einer schweren Sturmflut heimgesucht wurde. Als Polizeisenator riss Schmidt zentrale Entscheidungsvollmachten an sich und koordinierte die Hilfsmaßnahmen. Auch Bundeswehrsoldaten beteiligten sich auf Drängen des Senators an der Rettung von Flutopfern, obwohl solche zivilen Einsätze der Truppe damals rechtlich noch nicht abgesichert waren. O-Ton Schmidt: „Ich habe das Grundgesetz nicht angeguckt in jenen Tagen.“

Im Bundestag, dem er von 1953 bis 1962 und von 1965 bis 1982 angehörte, machte der Sozialdemokrat sich als Verkehrs- und Militärexperte einen Namen. Entschieden lehnte er eine atomare Bewaffnung der Bundeswehr ab, scharf attackierte er den damaligen Verteidigungsminister Franz Josef Strauß (CSU). „Ich bin der Mann mit der schnellen Schnauze“, sagte er über sich selbst.

Als „Schmidt Schnauze“ nahm der angriffslustige Sozialdemokrat freilich nicht nur politische Gegenspieler hart an, sondern auch politische Freunde. „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, ätzte Schmidt – ein Seitenhieb auf Willy Brandt. „Es war eine pampige Antwort auf eine dusselige Frage“, so Schmidt Jahrzehnte später in einem Interview.

Am 16. Mai 1974 übernahm er nach dem Rücktritt von Brandt erstmals das Amt des Bundeskanzlers. Schwere Wirtschaftskrisen und der Terrorismus der Roten-Armee-Fraktion (RAF) wurden zu seinen größten Herausforderungen. Schmidt ging die Probleme mit kühler Konsequenz an. Sein Credo: „In der Krise beweist sich der Charakter.“

In Fortsetzung der Brandt’schen Entspannungspolitik unterzeichnete Schmidt im August 1975 die Schlussakte der „Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“ in Helsinki. Doch war er auch mit neuen Spannungen konfrontiert: 1979 marschierte die UdSSR in Afghanistan ein.

Gemeinsam mit dem französischen Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing begründete Schmidt 1975 regelmäßige Treffen der wichtigsten Wirtschaftsnationen. Diese „Weltwirtschaftsgipfel“ gibt es bis heute. Gemeinsam initiierten beide Staatsmänner auch die Einführung des Europäischen Währungssystems, aus dem die Rechnungseinheit ECU hervorging. Es war ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum Euro.

Zu Schmidts schwersten Prüfungen gehörte der Terrorismus der RAF. Die Regierung reagierte mit einer Aufrüstung der Polizei, einem Ausbau der Überwachungsapparate und einem Abbau von Grundrechten. Die Situation eskalierte, als RAF-Mitglieder im September 1977 den Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer entführten. Im Gegenzug für dessen Freilassung forderten sie die Freilassung von Andreas Baader und elf weiteren RAF-Mitgliedern. Doch Schmidt blieb hart: „Die Bundesrepublik Deutschland ist nicht erpressbar.“

Arabische Terroristen entführten daraufhin am 13. Oktober 1977 die Lufthansa-Maschine „Landshut“, um die RAF zu unterstützen. Nach mehreren Stationen landete sie in Mogadischu in Somalia. Die Bundesregierung setzte die Spezialeinheit GSG 9 ein. Alle Geiseln konnten bei einem spektakulären Einsatz auf dem Flughafen von Mogadischu befreit werden. Für Schleyer, der trotz größter Anstrengungen nicht zu finden war, bedeutete dies das Todesurteil. Die RAF-Terroristen ermordeten ihn.

Schmidt zeigte sich erschüttert über den Tod Schleyers und übernahm die politische Verantwortung. „Zu dieser Verantwortung“, so sagte er im Bundestag, „stehen wir auch in Zukunft. Gott helfe uns.“ Gesenkten Hauptes kondolierte der Kanzler der Witwe Waltrude Schleyer bei der Trauerfeier in Stuttgart. Erst viele Jahre später machte die Familie ihren Frieden mit Schmidt, der schuldlos schuldig geworden war. 2013 erhielt der SPD-Politiker den Preis der Hanns-Martin-Schleyer-Stiftung – in Anerkennung seiner Verdienste um die „Festigung und Förderung des freiheitlichen Gemeinwesens“.

Standfestigkeit bewies Schmidt auch im Streit um die Nato-Nachrüstung. In den Jahren 1976/77 begann die Sowjetunion, mit Atomsprengköpfen versehene Mittelstreckenwaffen des Typs SS 20 zu stationieren, die auf Westeuropa gerichtet waren. Die Nato reagierte mit dem „Doppelbeschluss“. Dieser sah die Stationierung eigener atomarer Mittelstreckenraketen – überwiegend in der Bundesrepublik – vor, wenn Verhandlungen mit der Sowjetunion ergebnislos verlaufen würden. Die geplante Aufrüstung spaltete das Land. Eine breite Friedensbewegung entstand. Doch Schmidt verteidigte die Nachrüstung als unverzichtbar und verband sein politisches Schicksal damit. Erst 1987 einigten sich die USA und die Sowjetunion auf Abrüstung der Atom-Arsenale.

Die Kontroverse um den Kurs der NATO und tiefe Meinungsverschiedenheiten über den richtigen Weg aus der Wirtschaftskrise trieben sowohl den linken und den rechten Flügel der SPD als auch die Sozialdemokraten und ihren Koalitionspartner FDP immer weiter auseinander. Die sozialliberale Regierung versuchte es mit einer Reihe von Konjunkturpaketen. Doch Ölpreisschock und Weltwirtschaftskrise hinterließen auch in der Bundesrepublik ihre Spuren: Die Arbeitslosigkeit übersprang im Lauf des Jahres 1982 die Marke von zwei Millionen. Die FDP ging schließlich auf Distanz zur SPD und zog am 17. September ihre vier Minister aus der Regierung zurück. Am 1. Oktober folgte ein von der Opposition beantragtes konstruktives Misstrauensvotum. Schmidt verlor, neuer Bundeskanzler wurde Helmut Kohl.

Schmidts große Zeit in der Politik war damit unwiderruflich vorbei, auch wenn er dem Bundestag noch bis 1986 angehörte. Doch still wurde es um ihn nie. Er blieb aktiv als Mitherausgeber und Geschäftsführer der „Zeit“, als Redner, Ratgeber und geschätzter Interview-Partner. Und streitbar, wie er war, eckte er immer wieder an: so etwa mit seiner umstrittenen Haltung zu China. Beim Volksaufstand 1989 habe sich das Militär auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking nur gewehrt, relativierte der Ex-Kanzler das Massaker. Die geschätzte Zahl von 2.600 Toten nannte er übertrieben.

Der Anerkennung des Sozialdemokraten weit über alle Parteigrenzen hinaus taten solche Einlassungen keinen Abbruch. So schrieb Wolfgang Schäuble (CDU) 2008 anlässlich des 90. Geburtstages: „Schmidts Nüchternheit war angemessen in einem Land, das sich von den Verlockungen einer mörderischen Ideologie hatte begeistern und in den Abgrund führen lassen. […]. Dabei ist er alles andere als prinzipienlos, ringt um die ethische Fundierung seiner Entscheidungen, wobei ihm gute Absichten nie genügt haben. [...] Ein verantwortungsvoller Politiker muss für ihn vor allem für die Folgen seines Handelns einstehen. Schmidt ist einer Verantwortungs-, nicht einer Gesinnungsethik verpflichtet.“

Hochgelobt: Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt am 13. März 2013 in Berlin bei einem Empfang des Bundespräsidenten anlässlich seines 95. Geburtstages. (dpa)

1. Schmidts Weg in die Bundespolitik – von Hamburg nach Bonn

Noch in zweiter Reihe: Helmut Schmidt, damals Innensenator in Hamburg, im Gespräch mit SPD-Chef Willy Brandt am 25.09.1965 in Bad Godesberg. (picture alliance / dpa)

Hamburger Sturmflut, Wirtschaftskrise und RAF-Terror – in schwierigen Zeiten verschaffte sich Helmut Schmidt im In- und Ausland als Krisenmanager hohes Ansehen. Für viele ist der Sozialdemokrat bis heute Inbegriff des Staatsmanns mit Weitblick, dessen Wort auch nach seiner Zeit als Politiker Gewicht hatte. Der gebürtige Barmbeker hatte sich in seiner Heimatstadt Hamburg bewährt, bevor er sein politisches Können auch in der Bundespolitik unter Beweis stellen konnte.

Die wichtigsten Lebensstationen

Hamburger Leichtmatrosen: Helmut Schmidt (r) im Jahr 1928 mit Klassenkameraden. (picture alliance / dpa)

Berlin/Hamburg (dpa) - Helmut Schmidt entwickelte sich schon früh zu einem politischen Allroundtalent. Die wichtigsten Lebensstationen des SPD-Politikers und fünften Bundeskanzlers:

1918: Am 23. Dezember wird Helmut Heinrich Schmidt in Hamburg-Barmbek geboren.

1939-1945: Soldat im Zweiten Weltkrieg.

1942: Heirat mit seiner früheren Klassenkameradin Loki Glaser.

1946: Eintritt in die SPD.

1962: Als Innensenator in Hamburg macht sich Schmidt einen Namen bei der Flutkatastrophe.

1967-1969: Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion.

1969-1972: Verteidigungsminister im ersten Kabinett von Willy Brandt.

1972: Finanzminister im zweiten Kabinett Brandt.

1974: Wahl zum Bundeskanzler am 16. Mai.

1977: Die RAF nimmt Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer als Geisel, im Oktober wird die Lufthansa-Maschine „Landshut“ entführt. Schmidt gibt den Forderungen der Terroristen nicht nach, Schleyer wird ermordet.

1982: Am 1. Oktober wird Schmidt durch ein konstruktives Misstrauensvotum gestürzt. Neuer Kanzler wird Helmut Kohl (CDU).

1983: Schmidt wird Mitherausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“.

2010: Am 21. Oktober stirbt Ehefrau Loki Schmidt mit 91 Jahren.

2013: Im April macht die Familie des ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Schleyer offiziell ihren Frieden mit Schmidt. 36 Jahre nach Schleyers Tod verleiht sie ihm den Hanns-Martin-Schleyer-Preis.

2013: Helmut Schmidt unterstützt vergeblich den ebenfalls aus Hamburg stammenden SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück.

2015: Am 10. November stirbt Helmut Schmidt in seinem Haus in Hamburg.

Krisenmanager in turbulenten Zeiten

BERLIN (dpa-AFX) - Geboren wurde Helmut Schmidt am 23. Dezember 1918 in Hamburg- Barmbek als Sohn eines Studienrats. Nach dem Abitur 1937 wollte er eigentlich Architekt werden. Im Zweiten Weltkrieg kämpfte er an der Ost- und Westfront. 1942 heiratete er seine frühere Klassenkameradin Hannelore, genannt Loki. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor. Der Sohn Helmut starb noch vor seinem ersten Geburtstag. Seine Tochter Susanne arbeitet heute für einen Wirtschafts-Fernsehsender.

Nach Kriegsende studierte Schmidt Volkswirtschaft. 1946 wurde er SPD-Mitglied, ein Jahr später Vorsitzender des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS). 1953 wurde Schmidt erstmals in den Bundestag gewählt, wo er sich als scharfer Widersacher von Verteidigungsminister Franz Josef Strauß (CSU) profilierte. Aus dieser Zeit stammt sein Beiname „Schmidt-Schnauze“. 1961 wechselte er als Innensenator nach Hamburg. Während der Sturmflut 1962 erwarb sich Schmidt erstmals bundesweites Ansehen als umsichtiger Krisenmanager.

1965 kehrte er in den Bundestag nach Bonn zurück. Während der ersten großen Koalition übernahm er 1967 den SPD-Fraktionsvorsitz. Nach dem SPD-Wahlsieg und der Bildung der sozialliberalen Koalition 1969 wurde Schmidt Verteidigungsminister. Zusammen mit Kanzler Willy Brandt und Fraktionschef Herbert Wehner bildete er die „Troika“, die die SPD lenkte. Nach dem Rücktritt von Karl Schiller übernahm Schmidt 1972 für kurze Zeit das Finanz- und Wirtschaftsministerium. Nach der Teilung des Ressorts führte er weiter das Finanzministerium. Nach Brandts Rücktritt im Mai 1974 wegen der Guillaume-Affäre wurde Helmut Schmidt sein Nachfolger.

16. Februar 1962

Die große Stunde des Helmut Schmidt

03.12.1962: Helmut Schmidt (l) während der Verleihung der Dankmedaillen der Freien und Hansestadt Hamburg an 400 Soldaten für deren Einsatz während der Flutkatastrophe 1962. (picture alliance / dpa)

Hamburg (dpa/lno) - Herr der Fluten und Volksheld, Krisenmanager und beherzter Macher: Die Hamburger verehren Helmut Schmidt vor allem wegen seines Einsatzes als Innensenator während der großen Sturmflut 1962. Damals rettete der SPD-Politiker und spätere Bundeskanzler (1974-1982) vielen Menschen das Leben, indem er das Militär zu Hilfe rief. Als Hamburger Polizeisenator gerade mal zwei Monate im Amt riss der 43-Jährige die Zügel an sich - alles hörte auf sein Kommando und tanzte nach seiner Pfeife, wie Medien seither immer wieder gern über den Pfeifenraucher schrieben.

Schmidt kehrte am Abend jenes 16. Februars von der Innenminister-Konferenz in Berlin nach Hamburg zurück. Gegen Mitternacht traf er daheim im Stadtteil Langenhorn ein. „Dass gleichzeitig in Hamburg eine Katastrophe passierte, habe ich nicht gemerkt“, sagte er in einem ausführlichen Interview für das vor einigen Jahren gedrehte TV-Dokudrama „Die Nacht der großen Flut“. In dem preisgekrönten Film schilderte er noch einmal jene Tage, die zu den wichtigsten seiner Karriere gehörten. Zum 50. Jahrestag wollte der inzwischen 93-Jährige keine Interviews geben.

Erst spät, am nächsten Morgen wurde Schmidt damals alarmiert. „Ich bin wie ein Verrückter unter Verletzung sämtlicher Verkehrsregeln in die Stadt gefahren“, erinnerte er sich. Nach nur wenigen Minuten sei er 6.40 Uhr im Lagezentrum eingetroffen. „Ich hatte den Eindruck, dass das eingetreten war, was ich mir im Herbst 1961 vorgestellt hatte: lauter aufgeregte Hühner“, beschrieb er. Regierungsdirektor Werner Eilers hatte ihn alarmiert - Martin Leddin, damaliger Einsatzleiter, nicht: „Ich wollte ihn nicht haben. Vielleicht habe ich ihm auch nicht zugetraut, eine so hohe Verantwortung bei so wenig Sachkenntnis übernehmen zu können...“, schildert dieser in dem Film.