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„Was ist mit Ihnen? Halten Sie uns für gefährlich? Werden Sie das so Ihrem Kapitän sagen?“, provozierte Federov. „Das brauche ich nicht“, erwiderte Felicity mit einem trockenen Lachen, unwillig, ihre Angst zu zeigen, „Ein blinder Narr kann sehen, dass Sie gefährlich sind. Die Frage ist nur, für wen?“ ~ Ich bin Lieutenant Senior Class Sergey Federov. Vom plutonischen Oberkommando mit einer sehr heiklen Bergungsmission beauftragt, begleitet von 60 der besten Commandotruppen und einem ehrwürdigen Priester, der sich uns ohne ersichtlichen Grund anschloß, bin ich in der Leere gestrandet. Gerettet von einem merkwürdigen Schiff zwielichtiger Herkunft, sind wir nun darauf angewiesen, dass unsere Gastgeber uns an unser Ziel bringen. Für ihre Kooperation bieten wir unseren Schutz. Angesichts der enormen Zielscheibe auf ihrem Rücken haben sie das auch bitter nötig! Aber hey, wenigstens ist ihre Ärztin hübsch. ~ Sag mal, Hexenflug in die Leere gefällig? ••••••••••••••••••••••••••••••••••••• Wenn du auf charaktergetriebene, actiongeladene Space Opera stehst, die Fantasy und Science Fiction miteinander verbindet, ist dies die richtige Serie für dich!
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Für Jim,
meinen Fels in der Brandung,
den tollste Ehemann aller Zeiten,
meinen Partner in allen Dingen.
Gemeinsam haben wir ein Zuhause,
eine Ehe und eine Familie aufgebaut.
Jetzt lass uns ein Universum erschaffen!
Kapitel 1
NICK\\ SCHMUTZIGE GEHEIMNISSE
Kapitel 2
GLEN\\ EINE ZUFÄLLIGE BEGEGNUNG?
Kapitel 3
THALLAMON\\ WÄCHTER UND ANDERE UNANNEHMLICHKEITEN
Kapitel 4
NICK\\ DEN VERSTAND VERLIEREN
Kapitel 5
EVE\\ DER NOTRUF
Kapitel 6
EVE\\ NEUANKÖMMLINGE
Kapitel 7
EVE\\ INTERESSANTE GESPRÄCHE
Kapitel 8
GLEN\\ KAMPFSCHÄDEN
Kapitel 9
NICK\\ MÖGLICHE HILFE
Kapitel 10
FELICITY\\ VERWUNDETE
Kapitel 11
SUZY\\ KOMMUNIKATION
Kapitel 12
NICK\\ WILLKOMMEN IM FEGEFEUER
Kapitel 13
GLEN\\ KAPITÄNSEMPFANG
Kapitel 14
GLEN\\ GEISTIGER SCHLAGABTAUSCH
Kapitel 15
NICK\\ EINE KURZE ATEMPAUSE
Kapitel 16
SUZY\\ HAUSARREST
Kapitel 17
EVE\GLEN\\ ERNEUTE ANGRIFFE
Kapitel 18
SUZY\\ HARTE BEFEHLE
Kapitel 19
GLEN\\ POLITIK
Kapitel 20
SUZY\\ ÜBERSETZEN
Kapitel 21
GLEN\\ DER STAND DER SCHLACHT
Kapitel 22
NICK\\ HÖLLE UND PARADIES
Kapitel 23
SUZY\JAMAAL\\ VERHÄNGNISVOLLE VISIONEN
Kapitel 24
SERGEY\\ SIEGE UND PROBLEME
Kapitel 25
SUZY\\ KEINE ANGST VOR MAGIERN
Kapitel 26
SERGEY\\ PLAN B
Kapitel 27
NICK\\ GRUNDINSTINKTE
Kapitel 28
SERGEY\\ PLUTONISCHES GESETZ
Kapitel 29
GLEN\\ OFFENER KONFLIKT
Kapitel 30
NICK\\ ZURÜCK IN DER REALITÄT
Kapitel 31
SERGEY\\ ENTSCHULDIGUNGEN UND PULVERFÄSSER
Kapitel 32
SUZY\EVE\YELENA\\ WILLKOMMEN IM KNAST
Kapitel 33
SUZY\YELENA\SUZY\\ VERBRECHEN UND ALKOHOLRATIONEN
Kapitel 34
NIKOLAI\\ MÖGLICHKEITEN
Kapitel 35
GLEN\\ DAS STÄHLERNE MISTSTÜCK
Kapitel 36
SUZY\\ DER SENSENMANN
Kapitel 37
TANK\\ EINE UNGEWOLLTE ENTSCHULDIGUNG
Kapitel 38
THALLAMON\\ UNERWÜNSCHTE NACHRICHTEN
Kapitel 39
GLEN\\ EINE FRAGE DER PERSÖNLICHKEIT
Kapitel 40
SERGEY\\ REISEENTERTAINMENT
Kapitel 41
SUZY\\ NEUER TAG, NEUES SCHLACHTFELD
Kapitel 42
TANK\\ VORBEREITUNGEN
Kapitel 43
SERGEY\\ AM ARSCH DER LEERE
Kapitel 44
GLEN\\ EINE ÜBERFÜLLTE BRÜCKE
Kapitel 45
SERGEY\\ DER ZENTRALE SCHACHT
Kapitel 46
GLEN\\ STEIGENDE NACHFRAGE
Kapitel 47
YELENA\\ SCHMIERGELDER UND DROHUNGEN
Kapitel 48
EVE\\ EIN AUFGETEILTER VERSTAND
Kapitel 49
YELENA\\ ABWEICHENDE ZIELE
Kapitel 50
TANK\\ KORRIDORKÄMPFE
Kapitel 51
SERGEY\\ SCHNELLER ZUGRIFF
Kapitel 52
GLEN\\ DIE REGELN ÄNDERN SICH
Kapitel 53
SUZY\TANK\\ NEUE GEGEBENHEITEN
Kapitel 54
NICK\\ UNTER BESCHUSS
Kapitel 55
NADDI\\ ÜBERWÄLTIGENDE ZAHLEN
Kapitel 56
SERGEY\\ NICHT LÄNGER WILLKOMMEN
Kapitel 57
TANK\\ DEN MÜLL RAUSBRINGEN
Kapitel 58
NADDI\\ MONSTER UND MAGIE
Kapitel 59
SUZY\SERGEY\\ ZU HOHE BELASTUNG
Kapitel 60
GLEN\\ WOHIN JETZT?
Kapitel 61
GLEN\\ DIE ESKORTE
Kapitel 62
THALLAMON\\ POLITISCHE MANÖVER
Kapitel 63
SERGEY\\ DISZIPLINARANGELEGENHEITEN
Kapitel 64
GLEN\\ DIPLOMATIE MIT STARKEM ARM
Kapitel 65
NICK\\ NATÜRLICHES WACHSTUM
Kapitel 66
GLEN\\ NEPTUNISCHE HOFFNUNGSSCHIMMER
Lieber Leser
Hallo, ich bin Kim Nexus!
Auch von Kim Nexus
Wann kommt Hexenflug #05?
Alle Bücher in dieser Reihe
Sieben Wochen zuvor
Als Nick nach einem langen Arbeitstag die Bar betrat, den Kopf noch halb in den Problemen versunken, welche sich auf seinem neuen Schreibtisch stapelten, blieb er an der Tür stehen, um die Fortschritte des Innenausbaus zu betrachten.
Es sah schon echt gut aus.
Ein gedämpftes Ping informierte ihn über eine eingehende Nachricht und ein gezielter Blick nach rechts oben vergrößerte das Chatfenster in Nicks peripherem Sichtfeld.
— [Offener Kanal: Lt. Ludmilla, Cmdr. Sheridan]—
Lt. Ludmilla: Commander, ist alles in Ordnung?
—
Als er mit seinem Blick der angehängten Standortmarkierung folgte, erblickte Nick Ludmilla in einer der neu eingerichteten Sitzecken vor den rechten Seitenfenstern. Wie er trug sie immer noch ihre Uniformhose und ein weißes Hemd, doch keine Jacke. Bei ESF-Personal war es üblich, den dienstfreien Status auf diese Art kundzutun.
Laut ihrer Personalakte war Ludmilla 62 Jahre alt und hatte davon etwa 35 in der Flotte gedient.
Er wollte sich schon lange mal mit ihr zusammenzusetzen. Ursprünglich, da er befürchtete, dass es sie als seine Stellvertreterin am Steuer stören könnte, einem halb so alten Vorgesetzten unterstellt zu sein. Jetzt, da er zum XO ernannt worden war und sie seinen früheren Posten als erstere Pilotin geerbt hatte, war dies jedoch kein Thema mehr. Trotzdem mussten sie eng zusammenarbeiten, und ein Gespräch war längst überfällig.
Auch wenn er sich nicht ganz in der Stimmung dazu fühlte, antwortete er trotzdem:
— [Offener Kanal: Lt. Ludmilla, Cmdr. Sheridan]—
Cmdr. Sheridan: Mir geht es gut. Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich mich ein wenig zu Ihnen setze?
Lt. Ludmilla: Nein, natürlich nicht.
—
Nick machte sich also auf den Weg zu ihrer Sitzecke und nahm ihr gegenüber Platz, „Lieutenant.“
„Commander“, sie lächelte beinahe – ein seltsamer Ausdruck in ihrem sonst so ernsten Gesicht.
„Bitte, nenn mich Nick“, er war sich nicht sicher, ob es sein Recht war, das anzubieten. Einerseits war er ihr Vorgesetzter, andererseits war sie älter und eine Frau. Letzterem maßen die meisten Menschen in Situationen wie dieser kaum noch Wert bei, doch Glen hatte Nick beigebracht, ein Gentleman zu sein, und Nick hatte noch nie eine Frau getroffen, die es nicht genoss, wie eine Dame behandelt zu werden.
Ludmilla schien nicht beleidigt, „Nur wenn du mich Ulriikka nennst.“
„Ullllriiiiikka“, versuchte er es.
Ihr Gesichtsausdruck verbreiterte sich zu dem zartesten Lächeln, das er je gesehen hatte, „Ulla reicht.“
„Ulla Ludmilla?“, er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
Sie zuckte leicht mit den Schultern, „Meine Brüder fanden das lustig und es blieb hängen.“
Eine Getränkekarte ploppte in der offenen AR zu Nicks Linken auf.
„Nun, Ulla, möchtest du mehr davon?“, er deutete mit einem Nicken auf die letzten Schlucke der hellbraunen Flüssigkeit in ihrem Glas.
„Danke, nein“, antwortete sie, „Aber ich nehme ein Glas Wasser.“
„Gerne“, er bestellte zwei Gläser Wasser, obwohl ihm eher nach Bier zumute war, „Und, wie kommst du mit unserem neuen dritten Piloten zurecht?“
„Er muss noch Einiges lernen, aber das wird schon“, Ulla kippte den Rest ihres Getränks in einem Zug hinunter, „Er ist in erster Linie ein Jägerpilot, und wie du weißt, ist die Gateshot eine ganz andere Größenordnung.“
Nick nickte.
„Ich habe ein paar Trainingspläne geschrieben und Fr. Baileywick hat eine Reihe von Simulationen erstellt, mit denen er innerhalb von sechs Wochen ein zufriedenstellendes Niveau erreichen sollte.“
Während sie ihm die Details erläuterte, nahm sich Nick Zeit, sie genauer zu betrachten.
Feine Linien, ein kantiges Kinn und dunkelblaue Augen kennzeichneten Ulriikka Ludmillas schlanke, markante Gesichtszüge. Ihr hellgraues Haar war wie immer zu einem strengen Dutt zusammengebunden und erweckte in Kombination mit ihrer fast schon steifen Haltung das Bild einer hageren Bibliothekarin. Nicht jene Art, die Männerblut in lustvoller Erwartung in Wallung bringt, sondern jene, welche eine fast schon übernatürliche Angst davor hervorruft, übermäßig laute Geräusche zu produzieren. So nah und in relativer Ungestörtheit beisammen zu sitzen, offenbarte Nick ihre unspektakuläre, unaufdringliche Attraktivität. Ludmillas offenkundiger Unwille, ihre eher bescheidene natürliche Schönheit aufzuhübschen, verlieh ihr einen besonderen Charme, welchen manche Männer sicher faszinieren würde. Doch die steife Korrektheit, welche in jedem einzelnen Haar und jedem Quadratzentimeter weltraumweißer Haut steckte, würde wahrscheinlich alle bis auf die Kühnsten abschrecken. Eine seltsame Mischung aus Lach- und Sorgenfalten deutete auf eine Vergangenheit auf beiden Seiten der Gleichung hin, unabhängig von dem Bild, welches sie jetzt präsentierte.
„Wow, du bist eine harte Lehrmeisterin!“, kommentierte er, als sie ihre Ausführungen beendete.
Eine Kellnerdrohne schwebte herbei, um ihnen ihre „Getränke“ zu bringen.
„Ich möchte, dass meine Leute vorbereitet sind“, erklärte sie achselzuckend und reichte das leere Glas an den künstlichen Kellner weiter.
„Was sehr löblich ist“, mit einem Gedanken öffnete er ihre Personalakte in seiner privaten AR und suchte nach ihrer Berufslaufbahn, wobei er darauf achtete, nicht plötzlich abgelenkt zu wirken, während er ein paar verstohlene Blicke darauf warf. Da sein Gedächtnis ihm in letzter Zeit immer wieder Streiche spielte und er in der Vergangenheit nur einen kurzen Blick auf ihre Unterlagen geworfen hatte, erschien es ihm sinnvoll, zu verifizieren, woran er sich erinnerte, um nicht wahlweise wie ein uninteressiertes Arschloch oder ein uninformierter Idiot zu wirken, „Du warst schon mal Erste Pilotin, stimmt’s?“
„Knapp zwanzig Jahre lang“, ihr Ton war ruhig und sachlich.
„Du hattest anscheinend eine sehr erfolgreiche Karriere. Dann bist du für ein paar Jahre ausgestiegen, um dich um deine Tochter zu kümmern?“
Sie nickte. Ihr Blick schweifte zur Seite und beobachtete ein paar Sterne, welche in der Ferne funkelten.
Mann, er hatte nicht beabsichtigt, dies zu einem Vorstellungsgespräch umzufunktionieren. Doch er fragte sich schon ...
Da sie keine Anhaltspunkte für ihre Gefühle gab, wagte er es, unverblümt zu fragen: „Hör zu, mir ist klar, dass du mir in Bezug auf Erfahrung und Dienstjahre weit voraus bist. Stört es dich, dass du nur deshalb wieder Erste Pilotin bist, weil ich zum XO befördert wurde?“
Sie blinzelte einmal, bevor sie den Kopf schüttelte, „Nein. Der Admiral hat ausdrücklich nach dir gefragt. Ich kenne die Realitäten von Rang und Position genauso gut wie du, und ich bin nicht mit einem Posten verheiratet. Ich bin einfach nur froh, wieder zu fliegen und ... eine neue Chance zu bekommen.“
Er bemerkte, dass sie nach ihrer Auszeit nicht in den aktiven Dienst zurückgekehrt war, sondern in den letzten Jahren kleine Frachter und dergleichen gesteuert hatte. Seltsam.
Warum ... oh ... ihre Tochter war erkrankt und in Ludmillas Obhut verstorben. Ihr einziges Kind. Ludmilla hatte nie geheiratet, hatte also keinen Partner gehabt, um ihr in diesen schweren Zeiten beizustehen. Die Arme. Das hatte es ihr sicherlich schwer gemacht, einfach wieder ihren Dienst anzutreten, als wäre nichts geschehen ... War sie auf der Flucht, so wie er?
„Wegen dem, was mit deiner Tochter passiert ist?“, fragte er mit leisem Mitgefühl, wobei er darauf achtete, es nicht zu übertreiben. Niemand mochte es, bemitleidet zu werden.
Sie nickte abermals, „Cassandra war ehrgeizig, wie wir alle. Mein Großvater prahlte gerne damit, dass wir schon den Himmel unsicher machten, als Flugzeuge noch mit Verbrennungsmotoren flogen. Wie dem auch sei, wir Ludmillas denken kaum darüber nach, andere Wege einzuschlagen. Wir werden alle mit dem Drang zu Fliegen geboren.“
Ein stummes Verstehen schlich sich zwischen sie.
Sie spürten es beide und erkannten es im Gegenüber.
Ulla drehte ihr Glas zwischen den Händen, nahm noch einen Schluck und fuhr fort: „Es ist alles, was wir kennen. Und wir alle wissen, dass es eine lange und mühsame Angelegenheit ist, sein Talent dafür zu entwickeln. Cassandra war ungeduldig und überstürzt, vielleicht sogar eingeschüchtert von dem Erbe, in welches sie hineingeboren worden war. Sie war begierig darauf, loszulegen und sich zu beweisen.“
Ulla begegnete seinem Blick und die in ihren nächsten Worten verborgene Bedeutung traf ihn wie ein Schlag mitten ins Gesicht, „Sie beschloss, eine Abkürzung zu nehmen. So wie du. Es verhalf ihr ein paar Jahre lang zu Höchstleistungen; sie hat uns alle übertroffen. Doch dann stürzte sie ab. So wie du neulich. Nur ist sie nicht wieder aufgestanden.“
Nick schluckte, doch der Kloß in seinem Hals rührte sich nicht, „Sie wurde operiert?“
„Ja“, Ludmillas Blick blieb unnachgiebig, „Sie haben es ohne ihre Zustimmung getan, oder meine. Als ich zurückkam, war sie fort. Ich brauchte ein paar Monate, um das ganze Ausmaß des Schadens zu erkennen. Sie sagten, sie müsse grundlegende Dinge neu lernen, aber mit der Zeit würde es ihr wieder gut gehen. Grundlegende Dinge wie in einer geraden Linie gehen.“
Nick nickte, „Verlust der räumlichen Wahrnehmung.“
„Sie hat ein wenig davon wiedererlangt, doch das Wichtigste war verloren. Sie saß nur noch am Fenster und starrte auf die Sterne. Sie weinte, sobald ich ihr die Sicht versperrte. Es gab keine Freude mehr in ihr, keine Motivation zu essen, zu trinken, oder irgendetwas anderes zu tun ... ihr Belohnungssystem war komplett zerstört, und damit auch ihre Persönlichkeit“, die Gefühllosigkeit tiefer Trauer huschte über Ullas Gesicht, als sie sich abwandte, um ein paar willkürliche Linien auf das Fenster zu zeichnen, „Meine Cassandra war in dem Moment verloren, als sie in sie hineinschnitten. Was sie mir zurückgaben, war jemand anderes. Und dieser Jemand wollte nicht da sein. Dieser Jemand wollte nirgendwo sein. Ich verstehe also deine Ängste, Nick. Und ich kann dir bestätigen, dass sie absolut angebracht sind.“
Sie schaute sich um, bevor sie sanft den Kopf schüttelte, „Ich sehe doch, wie der Admiral dich behandelt. Ich habe gesehen, wie er mit der Geiselnahme umgegangen ist.“
Ihre Stimme senkte sich, „Du solltest es ihm sagen. Er wird tun, was nötig ist, sobald es nötig wird.“
„Was nötig ist?“, Nick sah sich die Akte noch einmal an.
Cassandra Ludmilla starb im Schlaf, stand da. Keine weiteren Details oder Erklärungen. Jemand hatte einen Antrag auf eine Autopsie gestellt, dieser war jedoch von einer höheren Stelle abgelehnt worden.
Ludmilla nickte.
In diesem Moment schien ein nahezu fatalistischer Ausdruck in ihrem Blick zu schimmern, halb verborgen in den Tiefen ihrer dunkelblauen Augen. Als habe sie sich längst daran gewöhnt, eine erdrückende Schuld mit sich herumzutragen, als habe sie sich damit abgefunden und sich mit dem auf ihr lastenden Gewicht schon beinahe arrangiert.
Als würde sie ihm einen flüchtigen Blick hinter den Vorhang ihres disziplinierten, überkorrekten Äußeren gewähren, um auszudrücken, was sie nicht offen sagen konnte, ohne sich selbst zu verraten.
So war sie nur seinem Urteil ausgeliefert.
Nicht, dass sie es annehmen würde.
Sie hatte ihre Entscheidung schon vor langer Zeit getroffen, war nie überführt worden, und das einzige Urteil, welches zählte, war ihr eigenes.
Oder hatte sie das?
„Ich verstehe“, Nick betrachtete ihre Hände spekulativ.
Waren sie stark genug? Waren sie damals stark genug gewesen?
Wie stark hätten sie sein müssen?
Nick schüttelte innerlich den Kopf.
Vielleicht hatte er das alles falsch gedeutet. Vielleicht las er mehr in dieses Gespräch hinein, als darin vorhanden war. Vielleicht waren ihre Bemerkungen eben nur Bemerkungen.
„Danke für dein Einfühlungsvermögen und dein Verständnis“, er hielt ihren Blick.
Ludmilla musterte ihn ein paar Sekunden lang und nickte dann.
„Es war mir ein Vergnügen“, die automatische Antwort entbehrte jeglicher echten Emotion, war nur eine abgedroschene Floskel. Ein krasser Gegensatz zu ihren vorherigen Worten. Die Frau erhob sich mit geradem Rücken und unlesbarem Gesichtsausdruck, „Man sieht sich, Nick.“
„Das hoffe ich doch“, konnte Nick sich nicht verkneifen zu erwidern.
Das kleinste Echo eines traurigen Lächelns zeichnete sich in ihren Gesichtszügen ab, als sie sich abwandte. Der Blick ihres Vorgesetzten folgte ihr, bis sie die Bar verlassen hatte.
Nick warf noch einmal einen langen Blick auf die Akte.
Neunundzwanzig.
Zum Zeitpunkt ihres Todes war Lt. Cassandra Ludmilla erst neunundzwanzig Jahre alt gewesen. Würde sie jetzt, fünf Jahre später, noch leben, wäre sie vierunddreißig. Zwei Jahre älter als Nick.
In einem Punkt hatte Ulla Ludmilla recht, sinnierte der XO, während er seinen Zeigefinger befeuchtete und damit dem Rand seines Glases folgte. Das leise Summen, welches sein Gemüt immer zu beruhigen pflegte, erklang.
Glens Hände wären stark genug. Ebenso wie sein Wille. Wenn er glaubte, dass dies wirklich Nicks Wunsch war, würde er es tun. Und der alte Mann verstand sein Handwerk. Es würde schnell und schmerzlos geschehen.
Aus irgendeinem unerfindlichen Grund gab dies Nick Mut.
Seine Nerven brauchten allerdings noch einen weiteren Anstoß.
Nach drei Flaschen von Lustigs wunderbarem selbstgebrautem Bier machte sich Nick mit zwei weiteren Flaschen in der Hand auf den Weg zu seinem alten Freund.
„Okay, wie weit sind wir mit den Reparaturen?“, Glen blickte erwartungsvoll zu seiner Schiffsmeisterin, Eve Baileywick, und seinem Chefingenieur, Dr. Klaus Lustig.
Nein, seinem Leitenden Ingenieur.
Nach all der Zeit in der ESF musste sich Glen von Zeit zu Zeit an die Details ihres neuen, Gateshot-spezifischen Organigramms erinnern, auch wenn dieses schon vor Wochen in Kraft getreten war. Obwohl die Aufgabe, ziviles und militärisches Personal in einem System unterzubringen, sie vor eine große Herausforderung gestellt hatte, nahm die Besatzung ihre neuen Ränge und Bezeichnungen recht gut an.
Auf seinem Schreibtisch stapelte sich ein kleiner Berg Datenfolien mit schriftlichen Berichten über all die großen und kleinen Probleme, mit denen ihr Schiff zu kämpfen hatte, und was dagegen unternommen wurde. Doch nach sieben Wochen hatte Glen es satt, sich durch all diesen Mist zu lesen, und zog stattdessen persönliche Updates vor.
Wenn Lustig dies ärgerte, so ließ er es sich nicht anmerken. Ohne einen Moment des Zögerns, berichtete der Zwerg: „Wir haben uns endlich um all die größeren und akuten Probleme gekümmert. Alle wichtigen Systeme wurden überholt und neu eingestellt, die Energieschilde sind wieder voll einsatzfähig. Und ja“, er warf Baileywick einen verschmitzten Blick zu, „ich habe die gepanzerten Läden installiert und feinjustiert. Sobald der Alarm ausgelöst wird, schließen sie sich.“
Die großgewachsene, blauhaarige Frau schenkte ihm ein zufriedenes Lächeln.
„Unser Pub ist also sicher, großartig“, Glen streute ein wenig wohlplatzierten Sarkasmus in seine Bemerkung, „Wie steht es um die Kernstabilität unseres Schiffs?“
„Wir haben die strukturellen Schäden, soweit möglich und sinnvoll, versteift“, antwortete Eve, „Solange wir keine plötzlichen Kurs- oder Geschwindigkeitsänderungen einleiten, sollte der Zustand des Schiffes stabil bleiben.“
Mit einem kleinen Seufzer rieb sich der Kapitän die Stirn, „Nun, wir wussten, wir würden ein Dock auftreiben müssen, nicht wahr? Wie schaut‘s damit aus?“
Lustig schüttelte den Kopf, „Ich habe die meisten meiner Kontakte abgeklappert. Sehr erfolglos. Ich erwarte aber noch ein paar Rückmeldungen.“
Der Admiral nickte, dann räusperte er sich, „Irgendwelche Taxidocks in der Nähe?“
Obwohl sie diese Idee im Prinzip verworfen hatten, da es zu gefährlich wäre, während der ein oder zwei Monate, welche die Reparaturen dauern würden, im offenen Weltraum auf dem Präsentierteller zu sitzen, hatte Glen dennoch angeordnet, nach beweglichen Docks Ausschau zu halten. Man konnte schließlich kein Glück haben, wenn man gar nicht erst nach einer Dame Ausschau hielt ...
„Bis vor zwei Wochen gab es nichts, was für unsere Bedürfnisse geeignet gewesen wäre“, antwortete Heidi Rivers, die Leiterin der Wissenschaftsabteilung, „Und jetzt gar nichts mehr. Seien wir ehrlich, dieser Teil des neptunischen Raums ist leer. Hier lohnt es sich einfach nicht, auf Abruf bereitzustehen.“
Glen nickte und warf einen Blick auf die Sternenkarte vor sich, „Es ist sowieso schon fast zu spät. Wie lange dauert es noch, bis wir den plutonischen Raum erreichen?“
„Bei unserer derzeitigen Geschwindigkeit und Flugbahn nicht ganz drei Tage“, erklärte Eve, „Wir sind schon fast in der Grenzregion.“
Gut ...
„Diese ist 1,5 SRZs groß, richtig?“, der Kapitän könnte in seiner Karte nachsehen, doch er wusste, dass Eve ihm die Information schneller geben würde.
Seine Schiffsmeisterin nickte. Ein verwirrter Blick glitt über das herzförmige Gesicht seiner Schiffshexe, woraufhin diese von der Münze aufschaute, welche sie schon seit zwei Minuten anstarrte, als wolle sie sie verschwinden lassen. Suzy Magecraft war schließlich die Expertin für Magie, nicht für Navigation.
„Eineinhalb Tage Standardreisezeit“, erklärte Glen, „Da man keine exakte, gerade Linie durch den offenen Raum abstecken kann, wo sich alles ständig bewegt, haben die meisten souveränen Territorien eine Grenzregion zwischen sich. Das ist eine Art Grauzone, die niemandem gehört. Beide Seiten können sich darin bewegen, doch man sollte besser keinen Streit anfangen. Die Regeln sind so kompliziert, wie die durchsetzende Seite sie machen will, also halten sich die meisten Kapitäne an die alte Weisheit ‚Reinfliegen, rausfliegen, bloß keinen Ärger machen‘.“
Lustig schmunzelte darüber. Oder vielleicht über das Wissen, dass die meisten Kapitäne tatsächlich etwas anderes als ‚Ärger‘ sagten.
Na ja ... kein Grund, die Jugend zu verderben und so.
„Oh“, Suzy nickte langsam. Sie öffnete den Mund, wahrscheinlich um eine Folgefrage zu stellen, als GaSIn die Besprechung unterbrach.
„Achtung“, warnte die Schiffs-KI, „Bogey-Schiff im Anflug!“
Glen und Eve warfen sich einen verwirrten Blick zu, sprangen dann auf und eilten hinaus, den Rest des anwesenden Führungspersonals im Schlepptau.
Kaum hatten sich die Doppeltüren zur Brücke geöffnet, forderte Glen: „Lt. Singh, Bericht!“
Der dunkelhäutige Russasier, welcher aufgrund seines Postens in den Rang eines Offiziers erhoben worden war, räumte rasch den Kapitänsstuhl und stand stramm, „Ein velorianisches Schiff von etwa 300 Metern Länge nähert sich in 2k Entfernung, Kapitän. Sieht aus wie eine mittelstarke Panzerung und Bewaffnung.“
2.000 km Entfernung waren nicht viel.
Nun denn.
Es war schön, zu sehen, wie die zivilen Elemente das angemessene Verhalten und Auftreten der Marine verinnerlichten. Die Uniformen trugen definitiv dazu bei, dass sich alle kriegerischer und korrekter fühlten.
Doch warum hatten sie den Bogey nicht bereits früher entdeckt? Wahrscheinlich lag es nur an einem Sensorschatten. Nachdem er in Gedanken vermerkte, die Logbücher später diesbezüglich zu überprüfen, entließ er Singh mit einem zustimmenden Nicken. Glen setzte sich und betrachtete das fremde Schiff auf dem riesigen Bildschirm, welcher die Hälfte der gebogenen Wand des Raumes einnahm, sowie das 3D-Modell davon direkt vor ihm.
„Eine Fregatte also“, sortierte er das Ding in eine ihm bekannte Schublade.
Eve schüttelte den Kopf, „Das ist eine menschliche Klassifizierung. Die Velorianer würden es als Ruja bezeichnen. Sie haben allerdings damit recht, dass es ein auf Geschwindigkeit ausgelegtes Mehrzweckschiff ist.“
„Kapitän, sie funken uns an und fordern unsere Kapitulation“, meldete Singh, nachdem er seinen regulären Posten an der Kommunikationsstation eingenommen hatte, „Soll ich die Nachricht abspielen?“
„Nein“, Glen winkte ab, „davon habe ich in meinem Leben schon genug gehört, sie klingen alle gleich. Fr. Rivers?“
Die Rothaarige hatte ihre Vertretung an den Scannern abgelöst und meldete: „Massiver Energieanstieg am Bug.“
Sie bereiteten also Strahlenwaffen vor. Na toll.
„Über welche Art von Waffen verfügen diese Schiffe?“, fragte Glen Eve, „Was für eine Leistung haben die?“
Jetzt, da sie ihm gegenüber zugegeben hatte, dass sie in Wirklichkeit ein beseelter, außerweltlicher Roboter war und ihm eine Fülle hilfreicher Informationen liefern konnte, wenn er sich bereit erklärte, ihr Schüler zu sein, war die Zusammenarbeit drastisch einfacher und unendlich fruchtbarer geworden.
Die Art, wie sie das Miniaturmodell anstarrte, verriet ihm, dass sie noch suchte. So viele Informationen zur Verfügung zu haben, bedeutete nicht, dass sie sofort die relevanten herausfiltern konnte.
„Ich kenne dieses spezifische Modell nicht“, murmelte sie, „Geben Sie mir ein paar Sekunden, bitte.“
„Sie geben uns 5 Minuten“, bemerkte Singh hilfsbereit.
„Wie nett und höflich von ihnen“, kommentierte Suzy etwas sarkastisch.
Glen warf einen Blick auf die Konsole zu seiner Linken, welche zunächst Eve und dann für kurze Zeit Nick vorbehalten gewesen war. Seit sie der Besatzung in Kurzform erklärt hatte, was sie war und dass sie keine physische Verbindung zum Schiffscomputer brauchte, um ihn zu benutzen, wunderte sich niemand mehr darüber oder über ihre außergewöhnlichen Kenntnisse.
Diese Ecke leer zu sehen, bescherte ihm ein seltsames Gefühl ... Es erweckte in ihm den Eindruck, dass er den XO misste, obgleich das nun offiziell Singhs Posten war. Der dunkelhäutige Mann mit der ausgeprägten Nase bevorzugte jedoch für beide Aufgaben seine eigene Konsole und leitete die Kommunikation gewohnheitsmäßig an eine Aushilfe weiter, wann immer er Unterstützung brauchte. Ein beherzter Commtechniker bereitete sich bereits darauf vor, bei Bedarf zu übernehmen.
Singh erlaubte sich ein Schmunzeln, „Ich habe ihnen gesagt, dass ich zuerst den Kapitän aufwecken muss, weil niemand sonst diese Entscheidung treffen kann.“
Dr. Lustig lachte schnaubend, als er sich hinter seine eigene Hilfskonsole neben den Commtechniker setzte und eine direkte Verbindung zum Maschinenraum herstellte, um dessen Leistung im Auge zu behalten und Befehle zu erteilen. Da er bereits auf der Brücke war, ging das schneller, als mehrere Stockwerke hinunterzueilen und von dort aus die Verbindung hierhin aufzunehmen, um den nötigen Überblick zu bekommen.
„Gut gedacht, Lt. Singh“, lobte Glen.
Führungs- und Brückencrew begangen, nahtlos zusammenzuarbeiten.
Eve übermittelte die Spezifikationen an Glens Konsole und den Rest der Brückencrew.
Lt. Jiăng, ihr Waffenexperte, gab einen leisen Pfiff von sich, „Unsere Energieschilde sollten mindestens ein Dutzend ihrer Schüsse abwehren. Aber wir können nicht entkommen, ohne die Gateshot zu sehr zu belasten und zu riskieren, die strukturellen Schäden zu verschlimmern.“
„Also müssen wir sie ausmanövrieren“, entschied der Kapitän, „Lt. Ludmilla, haben Sie eine Idee?“
„Ziehen wir uns erst einmal zurück, um so viel Abstand wie möglich zu halten“, schlug ihre Erste Pilotin vor, „Dann drehen wir. Eine sanfte Rotationsbewegung, durch die Antriebe an den Flügelenden erzeugt, sollte die Belastung im Zentrum minimieren, es schwieriger machen, uns zu treffen, und uns auf Abstand bringen. Wir könnten dann Minen absetzen.“
„Nein. Minen sind zu unkontrollierbar“, Glen schüttelte entschlossen den Kopf, „Sie könnten menschliche Frauen an Bord haben. Wir können nicht riskieren, diese zu verletzen. Außerdem sollten wir uns nicht zurückziehen. Wir wollen angreifen. In unserem momentanen Zustand wird jede Richtungsänderung mehr Zeit kosten, als wir haben. Fr. Baileywick, Ihre Meinung?“
Eve tippte sich nachdenklich ans Kinn, „Ein Korkenziehermanöver macht es sicherlich schwieriger, uns zu treffen, doch es verlangsamt auch unseren Flug. Betrachten Sie das Schiff. Was sehen Sie?“
Glen drehte das kleine Modell, um es besser in Augenschein nehmen zu können, „Dieses Schiff scheint für Frontalangriffe konzipiert zu sein.“
„Ganz genau“, Eve nickte, „Ich schlage vor, wir konzentrieren uns auf die beiden velorianischen Defizite: ihren Hochmut und ihre schwachen Flanken.“
„Also locken wir sie in die Richtung, in der wir sie haben wollen. Ein sauberer Schuss, um ein paar dieser schwenkbaren Antriebseinheiten auszuschalten, und wir können das Weite suchen“, entschied Glen, während er aufstand und seine Uniformjacke auszog, „Lt. Ludmilla, Lt. Jiăng, planen Sie es! Lt. Jiăng, lassen Sie unsere Waffen so lange wie möglich dunkel! Lt. Singh, rufen Sie sie! Ich werde versuchen, sie hinzuhalten. Kameras nur auf mich.“
Der Admiral warf Eve seine Jacke zu. So stolz er auch darauf war, die Velorianer wussten vielleicht nicht viel über das Schiff, welches sie verfolgten. Es könnte sich als kontraproduktiv erweisen, ihnen eine Uniform zu präsentieren, auf der das besagte Schiff abgebildet war, wie es durch das von den Aliens so eifrig bewachte Raumtor flog. Ein lässiges, ziviles Auftreten an den Tag zu legen könnte außerdem dazu führen, dass sie seine Mannschaft unterschätzten. Also rupfte er sein weißes T-Shirt aus der Hose und knüllte die Vorderseite, um es wenigstens ein bisschen zu verknittern ... verdammter knitterfreier Smartstoff ... Anschließend zog er das Haargummi aus seinem Pferdeschwanz und zerzauste Haar und Bart, damit er weniger gepflegt und korrekt aussah, mehr so als wäre er wirklich gerade erst aus dem Bett gefallen.
„Aye, Sir!“, alle machten sich an die Arbeit.
Eve fing die Jacke auf, trat zur Seite und gab Suzy ein Zeichen, dass sie das gleiche tun und sich neben Lustig anschnallen sollte.
„Bereit, Kapitän“, verkündete Singh, „Sie haben noch 30 Sekunden.“
„Dann warten wir weitere 15“, entschied Glen, „Geben Sie Bescheid. Sobald ich spreche, versuchen Sie, deren Kommunikation nach außen zu stören.“
„Aye, Sir!“, Singhs dunkle Augen hafteten auf seiner Konsole; wahrscheinlich verfolgte er einen Timer.
Schließlich nickte er und zählte herunter: „5... 4... 3...“
Glen holte tief Luft und nickte, in der Gewissheit, dass Eve bereitstand, um das Gelaber, das er gleich von sich gab, mit digitaler Glaubwürdigkeit zu versehen, „Velorianisches Schiff, hier spricht Kapitän John Delaney vom saturianischen Frachter Free Spirit. Was hat dies zu bedeuten? Wir sind ein harmloses Handelsschiff! Warum fordern Sie uns mit vorgewärmten Waffen auf, uns zu ergeben? Ist Ihnen bewusst, dass dies nach menschlichem Recht als Piraterie gilt?“
Auf dem Hauptbildschirm erschien daraufhin ein schmächtiger Mann mit knochenbleicher, nahezu teigiger Haut.
Die meisten Velorianer sahen aus wie leicht anämische Menschen, abgesehen von ihren Ohren und den ledrigen Kämmen an Schultern und Rücken. Das velorianische Gehör konnte durch Ausfächern der Ohren verbessert werden. In ihrem normalen Zustand hatten diese jedoch eine fast schon komödiantische Ähnlichkeit mit verkehrt herum gespannten Cocktailschirmchen. Eve hatte Glen erklärt, dass Haare ursprünglich ein natürliches Merkmal ihrer Physiologie darstellten. Doch vor einigen hundert Jahren hatte ein Großteil der Velorianer unter der Fuchtel einer Unterdrückungsmacht Haare aus dem genetischen Code ihrer Nachkommen entfernt, um bei ihren Herren höheres Ansehen zu erlangen. Wie es schien, fanden die von Natur aus kahlen Unterdrücker das Konzept von aus der Haut ragendem, totem Gewebe ekelerregend.
Da Menschen zumeist eine gegenteilige Meinung vertraten und die meisten Velorianer heutzutage nach einem menschlichen Partner zu suchen schienen, waren Perücken bei ihnen inzwischen der letzte Schrei. An vielen Außerweltlichen, wie auch diesem hier, sahen die kunstvoll gefertigten und perfekt gepflegten Mähnen allerdings ausgesprochen deplatziert aus.
Wenn man über die bleiche Haut und die fehlenden Haare hinwegsah, konnte man Velorianer zweifellos für attraktiv halten. Ihre Körper wiesen eine nahezu perfekte Symmetrie auf, was dem schmächtigen Mann auf dem Bildschirm eine grazile Anmut verlieh, während es die körperliche Stärke der bulligeren Wachen im Hintergrund hervorhob. Ihre Augen waren etwas größer als die der Menschen und zeigten eine Vielzahl auffälliger, oft in komplizierten Mustern angeordneten Farben. Eine Laune der Natur, so hatte Eve erklärt, verstärkt durch genetische Manipulation.
Als die Kamera näher an den velorianischen Kapitän heranzoomte, konnte Glen erkennen, dass dessen Augen einen dunkelroten Grundton hatten, auf welchem sich hellblaue Rauten und waldgrüne Linien zu einem ansprechenden Farbenspiel zusammenfügten. Ja, so ungern er es auch zugeben mochte, er konnte sehen, was seine Töchter an ihrer Art faszinieren würde.
Die fremdartigen Augen starrten Glen ein paar Sekunden lang an, bevor ihr Besitzer sich in seinem Sitz zurücklehnte.
„Es ist mir völlig egal, wer oder was Sie sind“, verkündete er in einem verächtlichen Tonfall, „Was ich will ist Ihr Schiff. Wie Sie daran gekommen sind, ist für mich nicht von Belang. Auch Ihr Name interessiert mich nicht. Informieren Sie Ihre Mannschaft, dass sie sich auf eine Übernahme vorbereiten soll.“
„Aber! Aber!“, Glen tat so, als sei er wütend und verzweifelt, „Das ist ungeheuerlich! Dies ist neptunischer Raum! Das menschliche Gesetz–“
„… interessiert mich nicht“, der Velorianer gestikulierte zu jemandem außerhalb des Bildschirms, „Hier draußen sieht es niemand und es kümmert auch keinen. Wenn Ihnen das Leben Ihrer Mannschaft etwas bedeutet, bereiten Sie sich darauf vor, geentert zu werden. Andernfalls werde ich Ihr Schiff mit ein paar Löchern abliefern müssen. Es wird sich trotzdem lohnen. Sie haben zwei Minuten Zeit.“
Der Bildschirm erlosch.
„Arschloch!“, murmelte Glen und fiel in seine natürliche Haltung zurück, während er die Hand ausstreckte.
„Typisch velorianische Arroganz“, Eve erkannte die stumme Aufforderung und reichte ihm seine Jacke zurück, „Er kann sich nicht einmal vorstellen, dass Menschen eine Bedrohung für seine überlegene Technologie darstellen könnten.“
„Hmmm“, der Admiral schaute zu Ludmilla, „Pilot, alles bereit?“
„Aye, Kapitän!“
„Gut, bringen Sie uns langsam heran und neigen Sie uns zur Seite, als würden wir uns darauf vorbereiten, geentert zu werden, dann weichen Sie in letzter Sekunde aus und fliegen ganz nah ran, damit wir auf die Antriebseinheiten schießen können.“
„Aye, Sir!“
„Lt. Singh, sagen Sie ihnen, dass wir ... darüber nachdenken“, Glen gestikulierte vage, „Vielleicht den letzten Teil etwas unkenntlich machen.“
„Aye, Sir!“
„Warum?“, Rivers konnte sich die Frage nicht verkneifen.
„Weil wir gegen Artikel 5 der Jupiter-Konventionen verstoßen, wenn wir sagen, dass wir kooperieren oder uns sogar ergeben, nur um dann eine aggressive Handlung einzuleiten“, erklärte Lustig, „Dann sind wir die Piraten.“
„Richtig“, Glen nickte, „Nur weil sie nie unterschrieben haben, gibt uns das keinen Freibrief.“
„Kapitän“, Suzy deutete mit ihrem Tonfall an, dass sie eine andere Idee hatte.
„Ja, Fr. Magecraft?“, Glen wusste, was kommen würde; er hatte bereits verworfen, was er in ihren violetten Augen glitzern sah.
„Aber könnten wir sie nicht ... an Bord lassen, die Gruppe in eine Falle locken und sie im Gegenzug entern?“
„Und was dann?“, Glen schüttelte den Kopf, „Selbst wenn sie Menschen an Bord haben, sind diese nicht zwangsläufig gegen ihren Willen dort. Selbst wenn es uns gelingt, den Entertrupp in eine Falle zu locken und mit minimalen Verlusten gegenzuentern, könnten sie Verstärkung erhalten. Und selbst wenn nicht, was machen wir dann mit den Gefangenen und dem Schiff? Sicher, wir könnten einige interessante Informationen erhalten, WENN wir die Zeit fänden, alles gründlich zu durchforsten, aber haben wir die? Außerdem haben die menschlichen Regierungen zum jetzigen Zeitpunkt keinen Grund, sich einzumischen. Wenn wir bei Piraterie gegen die Velorianer erwischt werden, spielt ihnen das vielleicht genug in die Hände, um die Erde zum Handeln zu bewegen. Wollen wir wirklich von mehr als einer Fraktion gejagt werden?“
Suzys Blick senkte sich, „Tut mir leid, Kapitän, ich habe das wohl nicht richtig durchdacht.“
„Es wäre eine durchaus valide Taktik, Fr. Magecraft“, Glen schenkte ihr ein leichtes Lächeln, „aber in diesem Fall wird die Kosten-Nutzen-Rechnung nicht aufgehen.“
„Aye, Sir“, die Hexe nickte entschlossen.
Nur waren sie nicht die Einzigen, die nicht ganz sauber spielten.
Kaum neigte sich die Gateshot zur Seite, was einen Beschuss ihrer Flügel begünstigte, machten sich die Velorianer daran, sie auszuschalten.
„Ausweichen!“, rief Glen.
Ludmillas Reaktion war bewundernswert in Timing, Voraussicht und Qualität der Ausführung.
Durch die Aktivierung der Flügelantriebe vollführte die Gateshot einen Korkenzieher und wich dem auf sie gelenkten Energiestrahl nur um wenige Meter aus. Als sie, Bauch an Bauch, durch einen wahren Ansturm feindlicher Geschosse unter dem anderen Schiff hindurchflog, erwiderte Jiăng das Feuer. Dies bewirkte genau das, was Glen sich erhofft hatte: Das velorianische Schiff neigte sich zur Seite, um den Geschossen auszuweichen, und gewährte ihnen einen schönen Blick auf seine Heckantriebe.
Jiăng schickte einen regelrechten Strahlenregen gegen das Schiff, um die feindlichen Schilde zu schwächen und seinen einen gezielten Schuss zu verbergen. Ein einzelnes explosives Geschoss streifte die Seite der mittleren hinteren Antriebseinheit und verpasste dieser eine ordentliche Delle, als es detonierte. Kein perfekter Treffer, und ein leichtes Stirnrunzeln verriet Jiăngs Unzufriedenheit damit.
Doch es reichte. Der feindliche Antrieb stotterte und schaltete sich ab, während seine Kameraden einen zusätzlichen Schub gaben und das sichtbare Licht der Tscherenkow-Strahlung im Inneren für ein paar Sekunden heller leuchtete.
„Sie fliehen“, bestätigte Rivers, was Glen deutlich sehen konnte, „Verdammt, das war einfach ...“
„Nein, das war nur der Anfang“, der Admiral gestikulierte, „Pilot, ihr nach! Sobald das Schiff aus unserer Störungsreichweite heraus ist, werden sie unseren Standort melden!“
„Aye, Sir!“, Ludmilla passte den Kurs an.
„Vielleicht haben sie das bereits“, Eve schien besorgt, obgleich ein Glitzern in ihren Augen seine Zufriedenheit mit der Leistung ihrer Mannschaft widerspiegelte.
„Wir wurden getroffen, Kapitän“, meldete Lustig, „Allerdings haben unsere Schilde das meiste abgefangen. Nur ein paar Kratzer.“
„Gut“, Glen nickte.
„Ich rate trotzdem von einer Verfolgung ab“, fuhr der Leitende Ingenieur fort, „Nach meinen Berechnungen werden wir ohnehin nicht in der Lage sein, die nötige Geschwindigkeit zu erreichen, um sie einzuholen. Sie zu verfolgen würde die Stützen nur unnötig belasten.“
Glen schaute zu Eve.
„Das sehe ich auch so. Die beschädigte Antriebseinheit scheint sie um etwa 10-12 % zu verlangsamen; sie müssten mindestens 27 % langsamer sein, wenn wir sie innerhalb einer akzeptablen Belastung für die Struktur der Gateshot einholen wollten.“
„Lt. Singh?“, fragte Glen.
„Befürwortet“, Singh schien sich seiner Entscheidung sicher, „Der Weltraum ist weit und leer hier draußen. Wenn sie uns fangen wollen, ist es besser, sie dazu zu zwingen, uns wiederzufinden, als ihnen in eine Falle nachzujagen.“
„Einverstanden“, Glen deutete auf Ludmilla, „Pilot, brechen Sie die Verfolgung ab. Dr. Lustig, verschaffen Sie mir einen Überblick über die Schäden. Fr. Rivers, scannen Sie unseren Rumpf nach Trackern, besonders in und um die Schäden herum. Wir wollen es ihnen ja nicht leicht machen.“
„Aye, Sir!“, antworteten sie alle gemeinsam.
Primäres velorianisches Diplomatenschiff, Erdumlaufbahn
„Gouverneur, ich habe Neuigkeiten!“, erklärte der hochgezüchtete Krieger, kaum dass Thallamon ihm Zutritt zu seinem Arbeitszimmer gewährte. Der kalte Blick, den er daraufhin erntete, ließ die Gestalt nach nur wenigen Schritten innehalten.
Thallamon beendete die Unterzeichnung der neuesten Myriade unnötiger, überbürokratischer politischer Fregogg-Scheiße, welche er zuvor gelesen hatte, und legte den Stylus zurück in dessen Halterung, während er mit ruhiger Stimme informierte: „Ruffa, das Thema hatten wir schon. Sie wissen, dass ich mich nur ungern wiederhole.“
„Nun, Sie sind der Gouverneur des menschlichen Raums“, eröffnete der andere die altbekannte Diskussion. Da er in erster Linie Krieger und nicht Politiker war, räumte er Rang, Würde und der korrekten Einhaltung von Protokollen einen besonders hohen Stellenwert ein. Alles schön und gut, doch in diesem Fall unangebracht.
„Allerdings, und ich bin mir dessen bewusst, ohne dass Sie mich fortwährend daran erinnern“, die scharfe Note in Thallamons Tonfall hätte einen Geringeren in die Knie gezwungen, „Doch so sehen es die Menschen nicht, und solange wir ihren kindischen Unsinn mitmachen“, er wackelte zur Betonung mit einem ihrer albernen synthetischen Blätter, „darf dieser Titel nicht verwendet werden. Ich wünsche nicht, dass sich jemand eine schlechte Angewohnheit aneignet und in einem entscheidenden Moment fehltritt.“
„Aber der Oberste Regent–“
„... darf mich nennen, wie er will“, Thallamon beugte sich vor. Genauso wie sein Adjutant war er ein exzellentes körperliches Exemplar, welches sich seiner imposanten Statur durchaus bewusst war und diese bei Bedarf zur optimalen Einschüchterung einzusetzen wusste, „Und kein Mensch wird es je erfahren. Sie, so unerfreulich das auch sein mag, sind verpflichtet, mich zu diesen überflüssigen Ausflügen zu begleiten, daher sind Ihnen solche Fauxpas in keinster Weise erlaubt. Haben Sie mich verstanden, Ruffa?“
„Natürlich ... Botschafter“, in Ruffas dunkler Stimme mischte sich ein Hauch von Einverständnis mit der zweitklassigen Imitation von Bedauern.
Der Krieger wusste den Wert der Diplomatie nicht so recht zu schätzen. Wie so viele ihrer Rasse folgte er dem Vorbild ihrer früheren Herren, ungeachtet der Tatsache, dass ein derartiges Vertrauen in die eigene Überlegenheit nur so lange haltbar blieb, wie es von den Mitteln, anderen diese Ansicht aufzuzwingen, begleitet wurde. Ruffa und seinesgleichen entzog sich die Erkenntnis, dass dieses Sonnensystem ein anderes Spielfeld darstellte und andere Verhaltensregeln erforderte. Selbst angesichts ihrer technologischen Unterlegenheit war die Menschheit genauso blind für die eigene Selbstgefälligkeit wie der Großteil der velorianischen Gesellschaft, und es lag an denjenigen, die mit ihr verkehrten, ihre Augen vor der Wahrheit abzuschirmen.
Menschen waren lediglich Schafe, welche glaubten, mit ihren Bauern auf Augenhöhe zu verhandeln. Und glückliche Schafe waren gefügige Schafe. Es machte das Scheren effizienter und weniger kostspielig.
Und so verschleierte Thallamon seinen offiziellen Posten „Gouverneur des menschlichen Raums“, auf welchen er durch die Gnade Seiner Majestät, des Obersten Regenten Vosteral III, eingesetzt worden war zugunsten des Titels „Primärer velorianischer Botschafter“. Es machte die Dinge einfacher.
Thallamon lehnte sich zurück und winkte seinen Untergebenen näher heran, „Was sind nun diese Neuigkeiten?“
Der große, stämmige Krieger überbrückte die Distanz zum Schreibtisch seines Vorgesetzten und reichte ihm einen kleinen Datenkristall, welchen Thallamon in die Displaystation einlegte.
Während Ruffa die Einzelheiten aus dem Bericht eines einfachen Händlers über die Begegnung mit jenem seltsamen Schiff, nach welchem Thallamon fahnden ließ, vortrug, studierte der Botschafter die dazugehörigen, sich über seinem Schreibtisch abspielenden Kameraaufzeichnungen.
Was für eine enttäuschende Niederlage. Doch dafür mochte es gute Gründe geben. Schließlich fehlte in seiner Gleichung immer noch eine Variable ...
„Irgendein Hinweis auf die Wächterin?“, erkundigte sich Thallamon, nachdem Ruffa seine Ausführungen beendete.
Der Krieger verschränkte beide Hände vor seinem muskulösen Bauch. Auf den ersten Blick gesehen eine simple Geste der Ignoranz, welche im Militär ihres Planeten weite Verbreitung fand. Thallamon jedoch wusste diese deutlich nuancierter zu interpretieren. Es war zugleich eine subtile Andeutung von Unzufriedenheit und Ablehnung.
Ruffa hatte in ihrer Heimat eine vielversprechende Karriere, erbaut auf den exzellenten Genen seiner Familie und seiner eigenen Intelligenz, Disziplin und Tapferkeit, gegen das eingetauscht, was er als einfachen, gut bezahlten Posten in einem System reif für die Plünderung eingestuft hatte. Nur um festzustellen, dass sein neuer Vorgesetzter – die einzige Person von höherem Rang und Reinheit im ganzen System – sich anspruchsvoll in der Aufgabenverteilung zeigte und geradezu allergisch auf alles reagierte, was Ruffa als Spaß empfand. Statt eine Flotte zu kommandieren, fand er sich auf die Rolle eines verherrlichten Adjutanten und Leibwächters beschränkt und wurde an jeder Ecke und unter Androhung des Todes daran erinnert, niemals übermäßig Aufmerksamkeit zu erregen. Niemals Aufmerksamkeit zu erregen, war nicht das, was eine Karriere beim Militär ausmachte.
Es blieb unklar, ob Ruffa in Ignoranz oder aus Absicht direkt unter Thallamons Nase platziert worden war, doch wer auch immer seinerzeit den Auftrag dazu erteilte, hatte ihnen beiden keinen Gefallen erwiesen.
Oder vielleicht doch.
Ruffas Anwesenheit erinnerte Thallamon täglich daran, was seine Arbeit in diesem System so eminent wichtig machte, ungeachtet der verblüffenden Stumpfsinnigkeit und technischen Barbarei, wie sie in den höheren Rängen der menschlichen Gesellschaft, in welcher er sich zurechtfinden musste, grassierten. Thallamon war kein Narr. Egal wie rückständig diese Menschen waren, man durfte sie nicht unterschätzen. Hochmut hatte Veloria von der unbestrittenen Meisterin der Gentechnik, welche auf dem Höhepunkt ihres Könnens durch ihre Unentbehrlichkeit die Freiheit von der Sklaverei erkaufte, in eine Situation gebracht, in der ihre Zukunft von Kreaturen abhing, welche in Scharen von ihrer Heimatwelt flohen, da sie diese über ihre Möglichkeiten der Reparatur hinaus vergiftet hatten ... All das, während ihre Politiker, ihre so genannten „Staatsoberhäupter“, sich weiterhin an die letzten Fetzen obsolenter Ämter klammerten, unwillig loszulassen oder die notwendigen taktischen Änderungen umzusetzen, welche für einen Wiederaufbau ihrer sterbenden Welt erforderlich wären.
Eine weitere wertvolle tägliche Erinnerung für Thallamon. Die Gründe für Velorias Probleme mochten andere sein, doch die daraus resultierende Notlage verhielt sich erschreckend ähnlich.
„In den Berichten des Händlers fand sich nichts, was eine Beteiligung der Wächterin bestätigen oder wiederlegen würde“, berichtete der Krieger, „Erst vor wenigen Tagen wurde sie auf Venus-21 gesichtet, doch meiner Einschätzung nach handelt es sich hierbei um ein Ablenkungsmanöver. Tatsächlich konnte keine lebende Person bestätigen, sie dort gesehen zu haben. Ich vermute daher, dass es sich um einen digitalen Schwindel handelt.“
Thallamon nickte. Was auch immer er über die Neigung und den Charakter seines Gegenübers denken mochte, Ruffa war fähig und intelligent. Man hielt ihn am besten möglichst nah und sinnvoll beschäftigt, so sehr sie beide das auch zuweilen verärgerte. Alles andere war einfach zu riskant.
„Dieses Schiffsdesign ...“, Thallamon deutete auf ein Standbild. Es war geringfügig besser als das Bildmaterial, welches sie im Anschluss an die anderen Begegnungen hatten sicherstellen können, „Es erinnert mich an etwas.“
Der Botschafter klimperte mit den Fingerspitzen auf dem Schreibtisch, eine Angewohnheit, welche er sich in seinem Bestreben, die Menschen zu imitieren, damit diese sich in seiner Gegenwart wohler fühlten, angeeignet hatte. Diese Assimilation fremder Rituale, Gesten und Sprachen war Teil des Preises, welchen er in seinem Bestreben, dem großen Bedürfnis zu dienen, zahlte.
Als Experte für Militärschiffe identifizierte Ruffa einige der Merkmale und gab Beispiele für andere Konstruktionen, denen dieses Schiff ähneln könnte. Eine fruchtlose Übung. Keines der von Ruffa präsentierten Bilder konnte den Juckreiz hinter Thallamons Ohren lindern.
Als Ruffa dies erkannte, erklärte er schließlich: „Auf jeden Fall sieht es keinem der uns bekannten Wächterschiffe ähnlich.“
„Nein, das tut es nicht ...“, Thallamon spulte die Aufzeichnung bis zu dem Moment zurück, als eine der Strahlenwaffen das seltsame Schiff traf und betrachtete den Effekt in Zeitlupe, „Doch diese Hülle ist zweifellos mit einer derivativen Version der Haslar-Kristalltechnologie beschichtet, auch wenn das Design keinem regulären Haslar-Modell ähnelt.“
„Nein, das ist kein Haslar-Modell“, stimmte Ruffa zu und beugte sich etwas vor, um einen genaueren Blick darauf zu werfen, „Die Bewaffnung scheint menschliche Geschosse zu verwenden, doch ihre Strahlenwaffen sind zu stark, um aus diesem System zu stammen. Die Antriebe sind eine Kombination aus Menschen- und Käfertechnologie.“
Das Volk der Shirrith, welches weithin nur durch die derivative Beschreibung seiner biologischen Natur und für die Tatsache bekannt war, dass es aufgrund seiner herausragenden technischen Fähigkeiten die seit langem bevorzugte Sklavenrasse der Haslar war, hatte zweifelsohne nichts mit diesem seltsamen Stück Technologie zu tun.
Nein, der hier sichtbare Einfluss ihres Volkes erhärtete lediglich Thallamons Verdacht. Dieses Schiff war nicht von Menschen konzipiert worden. Zumindest nicht vollständig. Irgendwie hatten diese rückständigen Aliens Wissen von jenseits des Tores erlangt und diesen Prototyp gebaut, welcher Aspekte von überall her miteinander vermischte. Der Energiebedarf, die Bewaffnung und die kurze Reisezeit deuteten auf ein weiteres Problem hin.
„Gerro“, lenkte Thallamon die Aufmerksamkeit seiner Wache auf sich, „Führen Sie Ihre Klone nach draußen.“
Ohne sichtbare Zeichen von Emotionen oder Nachfrage verließen die sechs Gestalten sein Arbeitszimmer, und die Tür schloss sich lautlos hinter ihnen. Etwas funkelte in Ruffas Blick, als er sie gehen sah. Als wäge er seine Optionen ab ...
An manchen Tagen hoffte Thallamon geradezu, er würde es versuchen.
Heute war nicht so ein Tag.
„Ruffa, lassen Sie jemanden die neuen Aufnahmen mit allen Marken und Modellen im bekannten Universum, also im Haslarraum UND in den freien Sektoren abgleichen!“, befahl Thallamon, „Ich will wissen, woran mich das erinnert.“
Ruffa nickte knapp. Er hatte ebenfalls beschlossen, dass dies nicht der geeignete Zeitpunkt war.
„Jetzt hören Sie gut zu. Ich werde keine Abweichungen von diesen Befehlen dulden. Es liegt in Ihrer Verantwortung, sie umzusetzen“, der Botschafter hielt den Blick des anderen.
Ruffas Augen waren hart und von gedämpfter, wenn auch satter Farbe, das Muster darin deutlich abgegrenzt und täuschend eindimensional.
„Es mögen fadenscheinige Hinweise darauf vorliegen, dass die Wächterin und die Ehrenwerte an Bord dieses Schiffes sein könnten, vielleicht sogar an dessen Entstehung beteiligt waren, doch es gibt keine Beweise dafür. Da es keine Beweise gibt, begründet dies glaubwürdige Unwissenheit. Ich werde also behaupten, keine Ahnung gehabt zu haben, dass überhaupt diese Möglichkeit bestand. Ich erwarte, dass Sie dafür sorgen, dass niemand einen Grund hat, etwas anderes zu vermuten.“
„Verstanden, Herr Botschafter“, Ruffa nickte erneut. Dieselbe Denkweise, welche ihn dazu brachte, Thallamons Strategie zu widersprechen, verknüpfte auch seine Ehre mit der seines Vorgesetzten und machte die optimale Ausführung jedes erteilten Auftrags zur einzigen Möglichkeit, seinen Ruf zu wahren.
„Und jetzt beauftragen Sie den Kapitän dieser Ruja, seinen fregogg-verlassenen Job zu machen und mir dieses Schiff aufzubringen! Wenn es zu schwer zu fangen ist, soll er es zerstören. Schicken Sie ihm mehr Freibeuter zur Hilfe, falls nötig. Die Kosten sind vernachlässigbar, das Ergebnis ist das einzig Entscheidende! Sagen Sie ihm dennoch, dass wir nur die Hälfte für einen schwebenden Schrotthaufen zahlen. Das sollte einen ausreichenden Anreiz darstellen. Des Weiteren ist es absolut notwendig, dieses Ziel im neptunischen Raum zu erreichen. Die Plutonier sind mir bereits ein Dorn im Auge und ich brauche kein weiteres Feuer an dieser Front. Es ist den Aufwand einfach nicht wert.“
Thallamons Blick bohrte sich tief in Ruffas, „Haben Sie das alles verstanden?“
„Natürlich.“
„Gut.“
Sieben Wochen zuvor
„Und weißt du, was sie da gesagt hat?“, der alte Wolf spielte die erinnerte Empörung zum Zwecke der Erzählung hoch.
„Nein“, lachte Nick, „was?“
Die Kombination aus Alkohol, guter Gesellschaft und Schmerztabletten machte ihn langsam schläfrig. Er sollte beides wirklich nicht mischen. Doch die Medizin half, den Schmerz in seinem Kopf zu betäuben, sodass er morgens leichter aus dem Bett kam, während der Alkohol den durch einen weiteren Tag ohne Fliegen verursachten Juckreiz dämpfte. ... und es ihm hoffentlich ermöglichen würde, seinem Freund endlich den Grund für die Schmerzen zu beichten. Falls sie denn noch mal darauf zu sprechen kämen, warum er ihn überhaupt aufgesucht hatte.
Glen gestikulierte großspurig, „Sie sagte – und ich zitiere – ‚Bei allem Respekt, Kapitän, aber da Sie mich damit beauftragten, Sie über den Zustand des Schiffes UND seiner Besatzung zu beraten, ist es mir ein Bedürfnis, Sie darauf hinzuweisen, dass der Kapitän offenbar stark aus der Form geraten ist und zweifelsohne von einem täglichen Ausdauertraining profitieren würde‘!“
Der Admiral machte ein übermäßig verblüfftes Gesicht, welches er in der von ihm beschriebenen Szene wahrscheinlich sicher hinter seinem üblichen Pokerface verborgen gehalten hatte.
Nick brach in schallendes Gelächter aus.
Nach ein oder zwei Minuten wischte er sich mit den Ärmeln seines Shirts übers Gesicht und schnappte nach genügend Luft, um sich zu vergewissern: „Sie will, dass du joggen gehst?“
„Nicht nur das!“, Glen seufzte, „Sie hat einen detaillierten Trainingsplan aufgestellt und will mich jeden Tag vor der Arbeit treffen, um mich daran zu halten! Was glaubt sie, wer sie ist?“
„Ähm ... deine Lehrerin und Beschützerin?“, Nick hob vielsagend eine Augenbraue, „Und du hast von ihr im Gegenzug ein sehr schönes Schiff bekommen ...“
„Richtig. Nun“, Glen grinste, „das stimmt. Und sie hat recht; ich bin furchtbar aus der Übung. Also ließ ich mich darauf ein. Aber nur unter der Bedingung, dass sie mir Sachen beibringt, während wir wie defekte Drohnen auf dem Schiff hin- und herrennen.“
Dieses Kopfkino ließ Nick kichern.
Als Glen den Whiskeytumbler seines Freundes zum dritten Mal an diesem Abend auffüllen wollte, legte dieser eine Hand darüber.
Die beiden Biere waren schon vor einer Stunde geleert worden und die Flasche in Glens Hand halbleer. Wenn Nick weiter trank, würde seine Verfassung von ‚entspannt und bereit, die Wahrheit auszuplaudern‘ zu ‚zu betrunken, um einen zusammenhängenden Satz zu formulieren‘ kippen. Nein, kein Herumalbern mehr. Es war Zeit für sein Geständnis.
Glen bemerkte die plötzliche Veränderung, zog die Flasche zurück und verzichtete darauf, seinen eigenen Tumbler nachzufüllen.
„Also“, fragte er, „worüber wolltest du eigentlich zu dieser späten Stunde mit mir reden?“
„Ich sterbe, Glen. Ich hab Krebs. In meinem Gehirn. Sie nennen es ‚Pilotenkrankheit‘“, sprudelte es aus Nick heraus, „Ich sollte eigentlich schon längst tot sein, aber Gabe tut Dinge, um es hinauszuzögern. Darin ist er wirklich gut. Ich will gar nicht wissen, was für einen experimentellen Scheiß er an mir ausprobiert, wenn ich nicht hinschaue.“
Er seufzte. „Hör zu. Ich ... ich hatte einen Schlaganfall auf der Brücke. Es ... es sind die Implantate. Sie ... zerstören mein Gehirn. Es gibt keine Behandlung. Es ist nur eine Frage der Zeit. Im Grunde warte ich schon seit Jahren auf das Ende. Ich... Deshalb wollte ich zuerst nicht an der Mission teilnehmen. Ich ... ich dachte, es wäre falsch, dich dem auszusetzen. Du hast immer noch um deine Frau getrauert und ... Verdammt, genau deshalb wollte ich nicht ... Ich ... Ich komm nicht damit klar, dich im Stich zu lassen! Und ich hatte Angst, du würdest mich zu einem richtigen Arzt schicken. Das ... wäre noch schlimmer, als abzuwarten und so zu tun, als wäre alles in Ordnung.“
Es laut auszusprechen bewirkte, dass sein ganzer Körper angesichts der Realität seines bevorstehenden Ablebens schmerzte. Sein Verstand hingegen beruhigte sich in Anbetracht der Tatsache, dass er dem einzigen Menschen, welcher ihm etwas bedeutete, endlich die Wahrheit sagen konnte. Der einzigen Person, welche von seinem Schicksal betroffen wäre und sich tatsächlich für sein Wohlbefinden interessierte.
Der alte Mann starrte ihn an. Ein Wechselspiel subtiler Emotionen lief über sein wettergegerbtes Gesicht, während seine knorrigen Hände mitten in dem Vorhaben erstarrten, den Korken zurück in die Flasche zu schieben.
Schließlich zog er diesen erneut heraus, füllte seinen Tumbler mit einer großzügigen Menge der bernsteinfarbenen Flüssigkeit und leerte ihn in einem Zug. Dann stellte er Flasche und Glas beiseite und faltete die Hände auf seinem Schreibtisch.
„Wie lange?“, fragte er mit ungewöhnlich rauer Stimme.
„Ich weiß nicht“, Nick schüttelte den Kopf, „Seit ich an Bord bin, geht es mir besser, aber dann hatte ich den Schlaganfall, also ... ich weiß es nicht. Gabe kann es auch nicht sagen. Es scheint, dass die Berechnung eines Hirnschadens nicht besonders einfach ist, und um ehrlich zu sein ...“, Nick pulte etwas imaginären Schmutz unter den Fingernägeln hervor, „Ich frage schon lange nicht mehr. Ich will es gar nicht wissen. Ich dachte, vielleicht ... vielleicht habe ich Glück und wache eines Morgens einfach nicht mehr auf, weißt du?“
Glen starrte ihn einen weiteren, ewigen Moment lang an. Obgleich er es nicht wagte, ihnen zu begegnen, spürte Nick, wie sich diese smaragdgrünen Augen wie Laser in ihn bohrten.
Abrupt stand der Admiral auf und schritt ein paar Mal in seinem Büro auf und ab, bevor er auf den WaDis zusteuerte. Mit zwei Gläsern Wasser kam er zurück, stellte sie behutsam auf seinem Schreibtisch ab und schob Nick eines hinüber, während er sich erneut in seinem Stuhl niederließ und fragte: „Also, damit ich das richtig verstehe. Das ist wegen der Implantate?“
„Ja“, Nick nickte.
„Aber du hast die doch schon seit“, Glen machte eine Pause, um kurz nachzurechnen, „sechzehn Jahren?“
„Ja.“
Gute Güte ..., stellte Nick erschrocken fest, Zu diesem Zeitpunkt trage ich sie bereits die Hälfte meines Lebens in mir. Ich liege schon mein halbes Leben lang im Sterben.
Was für ein Gedanke!
Aber ging das nicht jedem so? War der Tod nicht das unvermeidliche Ergebnis allen Lebens?
„Wussten sie, dass das passieren würde?“, Glens Tonfall verfinsterte sich, als ob er darüber nachdachte, diesen Arschloch-Wissenschaftlern, welche auf dem Höhepunkt des Krieges beschlossen hatten, das Leben von ein paar hundert Kindern aufs Spiel zu setzen, um dem Erdmilitär einen Vorteil bei der Schiffsnavigation zu verschaffen, schlimme Dinge anzutun.
„Gute Frage“, Nick nahm das Glas in beide Hände und bestaunte die durchsichtige Schönheit der Flüssigkeit, von der alles menschliche Leben abhing, „Ich weiß es nicht. Ich schätze ... ich möchte glauben, dass sie es nicht wussten. Dass sie vielleicht ein kalkuliertes Risiko eingegangen sind, ohne zu ahnen, dass sie damit langfristig Mord begehen würden. Dann komm ich mir nicht so dumm vor.“
Der alte Mann grummelte etwas vor sich hin. Wahrscheinlich einen besonders bildlichen Fluch.
„Warum hast du sie nicht entfernen lassen? Sobald du es wusstest?“
Nick schüttelte den Kopf.
„Das haben sie mit anderen Piloten gemacht. Mit denen, die keinen tödlichen Schlaganfall erlitten haben. Deshalb hatte ich Angst, dass du mich zu einem Arzt schickst. Weißt du ...“, Nick verschränkte die Finger, um zu verdeutlichen, was er meinte, „Es funktionierte nur bei jungen Gehirnen, da die Technologie erst einwachsen muss. Das Problem ist, wenn etwas, das so tief integriert ist, überall Krebs verbreitet, bedeutet das Herausschneiden ...“
Nick schluckte und krümmte die Finger der einen Hand, während er die andere von ihnen wegzog.
Glen starrte darauf und nickte. Er verstand, was gemeint war.
„Scheiße.“
Nick konnte dem nur zustimmen.
„Würdest du trotzdem in Erwägung ziehen, zumindest Felicitys Meinung einzuholen?“, versuchte es der alte Mann, „Sie haben einen der Tiefenscanner repariert. Vielleicht weiß sie einen anderen Weg. Vielleicht gibt es neue Entwicklungen, von denen du noch nichts gehört hast?“
Nick schüttelte den Kopf, „Gabe hält sich auf dem Laufenden. Gäbe es eine andere Behandlung, hätte er sie gefunden.“
„Aber er hält sich nur über menschliche Entwicklungen auf dem Laufenden“, der Admiral streckte eine Hand aus, um Nicks zu ergreifen, und lockerte sanft dessen Finger, „Hör mal, ich hab dir nie gesagt, was Eve eigentlich ist und tut.“
Nick runzelte die Stirn, bevor er Glens Blick begegnete, „Du sagtest, sie sei ein außerweltlicher Roboter.“
„Das ist sie. Ihr Volk nennt sich selbst ‚Wächter der großen Neutralität‘. Eves Aufgabe ist es, Wissen zu sammeln und es in eine riesige Datenbank einzuspeisen, auf welche sie ständig zugreifen kann. Wenn es auf der anderen Seite des Raumtors ein Heilmittel für so etwas gibt, könnte sie es herausfinden. Außerdem hat sie nicht nur den Zugang. Mit der technischen Expertise ihres Volkes kann sie vielleicht sogar etwas dagegen tun!“
Ja, aber ...
Wollte Nick wirklich, dass ein Alien in seinem Gehirn herumstocherte? Aber konnte er eine derart einmalige Chance auf Hilfe ignorieren?
Andererseits ...
„Und was würde mich das kosten? Oder dich?“, gab er zu bedenken, „Du hast bereits einen Pakt mit einer Außerweltlichen geschlossen, über die wir so gut wie nichts wissen.“
„Ich weiß, dass sie es gut meint und eine ehrliche Person ist“, Glen hielt Nicks eine Hand zwischen seinen beiden, „und da du zur Crew gehörst, sollte dich das Wissen nichts kosten.“
Nick runzelte die Stirn, „Und wenn ich das nicht täte?“
„In diesem Fall wäre es ein Austausch“, der Kapitän zuckte mit den Schultern, „Wenn du einen von ihnen triffst, darfst du normalerweise eine Frage stellen, und sie fragen im Gegenzug auch etwas. Deshalb haben die Velorianer wahrscheinlich ‚vergessen‘, uns von den Wächtern zu erzählen. Überleg mal, was wir von ihnen lernen könnten! Was wir von Eve lernen können!“
Nick leckte sich über die Lippen. Die plötzliche Vervielfältigung seiner Möglichkeiten war schwindelerregend. Doch das Kernproblem blieb ... Selbst wenn Eve bessere Möglichkeiten hätte, die Implantate loszuwerden, wäre ein Großteil der Gehirnmasse immer noch zu geschädigt, um sie zu retten.
Und das bedeutete, dass sich der Anlass für sein Geständnis nicht geändert hatte.
„Okay, fein. Ich werde Felicity und Eve bitten, einen Blick darauf zu werfen“, der junge Mann schluckte schwer und versuchte, den plötzlichen Kloß in seinem Hals zu lösen, um die alles entscheidende Frage zu stellen, den einen Gefallen, um den er niemanden außer seinen engsten Freund und Mentor bitten konnte, „Aber du musst mir auch was versprechen. Für den Fall, dass es meinen Geist zerstört, bevor es meinen Körper erledigt. Falls es zu einem Punkt kommt, an dem ich es nicht mehr selbst tun kann ... an dem ich vielleicht nicht mehr ich selbst bin ...“
Nick schluckte wieder, „Wirst du es für mich tun? Bitte?“
Glen musterte ihn drei ewige Sekunden lang. Er war weder überrascht, noch suchte er nach Worten. Es war eher so, als haderte er mit seinem Gewissen.
Er verschränkte die Hände, stützte sein Kinn auf beide Daumen und presste die Spitzen der Zeigefinger gegen seinen Nasenrücken.
Hinter den smaragdgrünen Augen tobte der Kampf noch, als er sie schloss und langsam ausatmete. Eine gespenstische Ruhe kehrte in seine Züge ein. Wie die Ruhe vor dem Sturm. Wie wenn er alle Skrupel beiseiteschob, um einen harten Befehl zu erteilen.
Als sich seine Augen erneut öffneten, lag eine harte Überzeugung in den smaragdgrünen Tiefen. Und vielleicht fehlte ein kleines Stück seiner Seele.
Glen nickte, „Das werde ich. Ich verspreche es.“
„Gut, ich geh mir dann mal den Schaden ansehen“, Lustig erhob sich von seiner Konsole.
Glen sah zu, wie der Zwerg davonwatschelte.
„Passe primäre Antriebe auf Fluchtvektor an“, meldete Ludmilla.
Glen starrte 34 Minuten lang unbewegt auf den Hauptbildschirm. Eve konnte erkennen, dass er sich Sorgen machte. So wie sie. Trotz all ihrer Planung und der überlegenen Schiffskonstruktion, trotz all der Energie, welche Konani aufbringen konnte, hatte der unbeabsichtigte Schaden im Zentrum die Gateshot so weit verkrüppelt, dass bei jeder Feindbegegnung die Möglichkeit eines schwerwiegenden Ausfalls bestand.
All ihre im Vorfeld angestellten Berechnungen hatten sie nicht auf die sehr realen Konsequenzen vorbereitet, welche der Tod von Menschen mit sich brachte. Menschen, die ihr etwas bedeuteten. Hinzu kam die stressige und anstrengende Arbeit, welche sie momentan auf der Krankenstation verrichten musste, und die Wächterin fühlte sich ganz und gar nicht in Höchstform.
Suzy entschuldigte sich, um in ihr Büro zu gehen und weiter an Alienritualen und Magie zu arbeiten. Selbst mit Ruperts Hilfe war sie nach eigener Aussage noch nicht näher dran, zu verstehen, wie das Raumtor funktionierte und wie sie es öffnen könnte.
Eve seufzte innerlich, während sie allen anderen ein ruhiges, nachdenkliches Gesicht präsentierte. Wie Glen war sie besorgt. Wie Suzy war sie ratlos, wie sie ihre Aufgabe zu Ende bringen sollte. Wie die beiden durfte sie es nicht allzu offen zeigen, um die Mannschaft nicht zu entmutigen.
„Möchten Sie eine Pause machen?“, fragte sie schließlich, „Ich könnte die Dinge für Sie im Auge behalten.“
Ihr Kapitän sah auf und blinzelte, als müsse er einen tiefen Gedankengang abschütteln. Nachdem er sich an ihre außerweltliche Natur gewöhnt hatte, schien Glen in ihrer Gegenwart nun wesentlich entspannter. Eve genoss den neugefundenen, ungezwungenen Umgang.
„Ich kann übernehmen, falls Sie die Schiffspläne noch einmal im Detail durchgehen wollen“, sie bemühte sich, nicht so zu klingen, als würde sie sich nur wiederholen.
Glen dachte über das nach, was sie eigentlich sagte, und nickte dann, „Aye, das weiß ich zu schätzen.“
Er wollte sich gerade von seinem Platz erheben, als Singh sich in verwirrtem Alarm umwandte, „Kapitän! Ich empfange einen Notruf!“
Rasch erhob sich der Admiral und runzelte die buschigen Brauen, „Einen Notruf?“
„Aye, Sir. Von einem neptunischer Frachter, nahe unserer Route. Es scheint eine automatische Schleife zu sein, die lediglich angibt, dass sie einen schweren Maschinenschaden haben und Hilfe brauchen.“
Nachdem er einen verwirrten Blick mit ihr ausgetauscht hatte, eilte Glen hinüber, um Singhs holografische Ausgabe zu betrachten.
„Verdammt, ich hatte schon ewig keinen Notruf mehr ...“, murmelte er.
Eve wollte gerade mehrere Scans starten, um die Echtheit des Notrufs zu bestimmen, als sie feststellte, dass Singh bereits daran arbeitete. Die vorläufigen Ergebnisse waren positiv. Trotzdem ...
„Es könnte eine Falle sein“, äußerte Eve eine vermutlich allgemeine Besorgnis.
„Aber das wäre gegen das Gesetz!“, meldete sich Rivers, „Das ist ein Verstoß gegen Artikel 1 der Jupiter-Konvention!“
Sie hatte also schon begonnen, ihre Wissenslücke zu schließen...
„Das stimmt, aber wie die Velorianer vor nicht mal einer Stunde bewiesen haben, scheren sie sich weder um menschliche Gesetze noch um humanitäres Recht“, entgegnete Glen.
„Tatsächlich sind die Menschen einzigartig darin, Verhaltensregeln für Kriege und dergleichen aufzustellen“, kommentierte Eve, „Ich glaube nicht, dass es eine andere Rasse gibt, welche einen solchen Pakt mit beinahe allen Teilen ihrer selbst geschlossen hat. Insbesondere die Garantie grundlegender Rechte für Gefangene ist im Rest des bekannten Universums eher ... unüblich. Es könnte sein, dass die Velorianer das Konzept schlichtweg nicht verstehen.“
„Was?“, die Wissenschaftlerin schien regelrecht erschüttert.
„Nun, wie dem auch sei“, entschied Glen, „Es ist nicht nur das humanitäre Recht, das uns zum Handeln zwingt, sondern auch der gute Anstand! Dieser Frachter befindet sich weit draußen, in einer völlig anderen Richtung als die Velorianer. Mein Gefühl sagt mir, dass das keine Falle ist. Dem Comm-Verkehr nach zu urteilen, ist sonst niemand in der Nähe. Wenn wir nicht helfen, wer wird es dann tun?“
Eve wusste keine passende Antwort. Er hatte natürlich recht, und egal, wie sehr sie sich um die Sicherheit ihrer eigenen Mannschaft sorgte, sie konnte seiner Argumentation nichts entgegensetzen. Ebenso wenig wie seinem Mitgefühl.
Zufrieden damit, ihr Verständnis gewonnen und sie überzeugt zu haben, wandte ihr Kapitän sich um, „Lt. Ludmilla, bringen Sie uns so schnell wie möglich hin! Lt. Singh, informieren Sie mich, sobald wir nahe genug sind, um ein richtiges Gespräch zu beginnen. Wir sollten mindestens eine halbe Stunde brauchen, aye?“
Singh nickte.
„Gut. Dann weisen Sie Dr. Lustig an, einige seiner Leute auszurüsten, falls sie dort drüben Hilfe leisten müssen! Befehlen Sie Maj. Thompson, ein Sicherheitskommando zusammenzustellen und ein paar Shuttles vorzubereiten!“
„Aye, Sir.“
„Gut. Sie haben die Brücke, Lieutenant. Fr. Baileywick“, Glen gab ihr ein Zeichen, ihm zu folgen.
„Wohin gehen wir?“, fragte sie, als er an seinem Büro vorbeischritt und auf den Aufzug zusteuerte.
Suzy wartete bereits mit großen Augen auf sie.
