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„Es gibt Geheimnisse, die wir für andere hüten, die Vorrang vor unserer eigenen Agenda haben“, Eve tippte auf die gegenüberliegende Seite des Buchs, „Dies ist ein Geheimnis, für das ich bereit bin zu töten. Verstehst du mich?“ ~ Nennen Sie mich Eve Baileywick. Ich sollte der XO der Gateshot sein, Doch ihr Kapitän erweist sich als unvernünftig stur und widerspricht mir auf Schritt und Tritt. Entschlossen, mein Wissen über diesen unbezahlbaren Prototyp aufzuspüren, will er mir den Posten nur geben, wenn ich meine Prinzipien verrate und gefährliche Geheimnisse vorzeitig preisgebe. Geblendet von seinen unbegründeten Verdächtigungen, gibt er sich dem blinden Fleck hin, den er für diejenigen hegt, die früher schon mit ihm gedient haben und die mich aus ihren eigenen Gründen hassen. Auf dem Weg in eine fragwürdige Sicherheit werden wir weiterhin rücksichtslos verfolgt, denn das üppige Kopfgeld auf unsere Magierin macht uns alle zu attraktiven Zielen. Und gerade als sich die Spannungen an Bord zuspitzen, kommt es zu einer Tragödie, die unsere Magierin in einen beispiellosen emotionalen Aufruhr treibt, bereit zu explodieren … Einen Hexenflug zum Jupiter gefällig? ••••••••••••••••••••••••••••••••••••• Wenn du auf charaktergetriebene, actiongeladene Space Opera stehst, die Fantasy und Science Fiction miteinander verbindet, ist dies die richtige Serie für dich!
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Dieses Buch ist für Emma,
mein wunderschönes kleines Mädchen,
das bereits einen flinken Verstand und ein starkes Herz hat,
schnell zu widersprechen weiß
und der man nicht lange böse sein kann.
Lerne etwas Mäßigung,
Widerstandsfähigkeit und Geduld,
und Du könntest die Welt beherrschen.
Ich liebe Dich, Sprotte!
Kapitel 1
EVE\\ BEDENKE DIE MAGIERIN
Kapitel 2
NICK\\ DIE RICHTIGEN WORTE
Kapitel 3
SUZY\\ DER MORGEN DANACH
Kapitel 4
MORGAN\\ ÄRGERNISSE
Kapitel 5
SUZY\\ EIN VERHEXTES BÜRO
Kapitel 6
SUZY\\ DR. FOX UND MAMA WOLF
Kapitel 7
EVE\\ BEDENKE MACALLISTER
Kapitel 8
MORGAN\\ HOL!
Kapitel 9
SUZY\\ MEDITATIONEN UND MYSTERIEN
Kapitel 10
GLEN\\ DUNKLE VORAHNUNGEN
Kapitel 11
HEKATE\\ ZAUBER UND RÜSTUNGEN
Kapitel 12
SUZY\\ DIE HEXE UND DER MARINE
Kapitel 13
SUZY\\ AUSBILDUNGSVERHANDLUNGEN
Kapitel 14
SUZY\\ HEXEN UND SPARTANER
Kapitel 15
GLEN\\ IMMER NEUE FRAGEN
Kapitel 16
EVE\\ EIN LETZTER VERSUCH
Kapitel 17
MORGAN\\ SPIELZEIT
Kapitel 18
EVE\\ BEDENKE DEN KAPITÄN
Kapitel 19
SUZY\TANK\\ LÜGEN WIE EIN PROFI
Kapitel 20
TANK\\ EINE VERHÄNGNISVOLLE NACHT
Kapitel 21
TANK\\ WAHRE GESICHTER
Kapitel 22
SUZY\\ DAS GRAUEN GELINDERT
Kapitel 23
MORGAN\\ FAMILIENBANDE
Kapitel 24
SUZY\\ EINE HEXE IM BOOTCAMP
Kapitel 25
EVE\\ SCHULDEN UND AUSGLEICH
Kapitel 26
SUZY\\ TOD IN DER FAMILIE
Kapitel 27
NICK\\ DIE BEFEHLSKETTE
Kapitel 28
SUZY\\ ERINNERUNG AN EINEN TRAUM
Kapitel 29
GLEN\\ EINE ENTFESSELTE HEXE
Kapitel 30
SUZY\\ RUHELOSIGKEIT
Kapitel 31
EVE\\ INSEKTEN
Kapitel 32
MORGAN\\ DAS RITUAL
Kapitel 33
SUZY\\ KEIN KIND
Kapitel 34
NICK\\ KREATIVE BESTRAFUNGEN
Kapitel 35
SUZY\\ HEXENFLUG
Kapitel 36
GLEN\\ INTERESSANTE BEOBACHTUNGEN
Kapitel 37
SUZY\\EINE HEXENHAFTE VERTRETUNG
Kapitel 38
EVE\\ BEDENKE DEN ENERGIEBEDARF
Kapitel 39
SUZY\\ VERHEXTE TRÄUME
Kapitel 40
GLEN\\ BABYSCHRITTE
Kapitel 41
NICK\\ WILLKOMMEN AUF HIMALIA STATION
Kapitel 42
GLEN\\ DAS MÄDCHEN
Kapitel 43
SUZY\\ MAGIE UND ÄHNLICHES
Kapitel 44
GLEN\\ DAS ASS IM ÄRMEL
Kapitel 45
SUZY\\ DIE HEXE UND DER WAL
Kapitel 46
EVE\\ GEISELN
Kapitel 47
GLEN\\ ABLENKUNGEN
Kapitel 48
NICK\\ FESTGESETZT
Kapitel 49
GLEN\\ CODE BLAU
Kapitel 50
EVE\\ BEDENKE DEN GOUVERNEUR
Kapitel 51
EVE\\ DER KAMPF
Kapitel 52
GLEN\\ NEUE PASSAGIERE
Kapitel 53
SUZY\\ JENSEITS DER DUNKELHEIT
Kapitel 54
SUZY\\ DER FEINDLICHE MAGIER
Kapitel 55
TANK\\ SOLL DAS EIN WITZ SEIN?
Kapitel 56
SUZY\\ GÖTTIN DER MAGIE UND MONSTER
Kapitel 57
EVE\\ ZURÜCKGEBLIEBEN
Kapitel 58
SUZY\\ EIN VERHEXTES TEAM-UP
Kapitel 59
TANK\\ DIE ERSTÜRMUNG DES SCHIFFES
Kapitel 60
SUZY\\ KAMPF UM DIE VORHERRSCHAFT
Kapitel 61
HECATE\\ UNGEWISSE ZUKÜNFTE
Kapitel 62
TANK\\ WAS JETZT?
Kapitel 63
GLEN\\ ZERSTÖRUNG
Lieber Leser
Hallo, ich bin Kim Nexus!
Auch von Kim Nexus
Hexenflug #03 - Gleich Weiterlesen!
Alle Bücher in dieser Reihe
Mars, Elonia, 6 Monate zuvor
Das Mädchen in den schwarzen Rennklamotten schoss über die Absperrung und presste ihre Knie fest an ihren Oberkörper, als sie über die ersten zehn Reihen panischer Zuschauer flog, von denen die meisten vernünftig genug waren, sich zu ducken. Dann drehte sie sich in der Luft um 90 Grad und drückte ihre Beine abwärts, während sie die Steuerung ihres Hoverboards wieder einschaltete. Die Unterseite des Boards prallte auf dem Metallgeländer auf, das zwei Zuschauerblöcke voneinander trennte, und schrammte kreischend ein oder zwei Meter weit, bevor es Schwebedistanz erreichte. Bei all dem behielt die schwarz gekleidete Gestalt ihr Gleichgewicht fest im Griff und folgte dem Verlauf des Geländers.
Der Kommentator brüllte eine Warnung, welche kaum über das Getöse der Menschen zu hören war, die entweder vor Wut, Triumph oder Schock schrien. Der Großteil derer, die zu nah am Geländer standen, verstanden auch so, dass sie zur Seite springen mussten.
Nur ein älterer Herr starrte wie gebannt auf die heranstürmende Rennfahrerin. Seine Hände umklammerten das Geländer und seine Augen waren von Panik gezeichnet. Zwei Frauen stürzten herbei und wedelten dem Mädchen mit den Armen zu, während ein junger Mann versuchte, den Herrn aus der Gefahrenzone zu ziehen.
Die Rennfahrerin sah es nicht, denn sie blickte hinüber zur parallel verlaufenden Rennstrecke und zu dem Kerl in Gelb, der gerade versucht hatte, sie gegen die Seitenwand zu schmettern, weshalb sie überhaupt erst über den Zaun gesprungen war. Als er ihr eine unhöfliche Geste zuwarf, ballten sich die Fäuste des Mädchens und ihre Augen funkelten vor Wut.
Eine andere Rennfahrerin in einem grünen Anzug, die sich Kopf an Kopf mit dem Kerl in Gelb befand, verpasste ihm einen kräftigen Schlag von der Seite, fiel dann zurück und gestikulierte der schwarzen Rennfahrerin hektisch zu.
Der Kopf des Mädchens schwang gerade noch rechtzeitig nach vorne, um die Gefahr zu erkennen. Zwei stämmige Männer waren aufgesprungen, um den älteren Herrn in Sicherheit zu bringen, aber die Frauen hüpften immer noch an der Reling herum.
In plötzlicher Panik drückte das Mädchen ihre Hände neben ihrem Körper abwärts und eine unsichtbare Kraft hob sie hoch, so dass Menschen, Snacks und Fanartikel in ihrem Sog verstreut wurden wie von einer startenden Rakete. Dann rollte sie sich für eine enge Drehbewegung ein und holte noch einmal alles aus ihrem Hoverboard heraus, als sie mit den Füßen voran auf die Überdachung zuflog. Ein Regen aus Glassplittern fiel um sie herum nieder, als sie die Metallstrebe, auf die sie gezielt hatte, verfehlte, und das Board direkt durch eine der Scheiben krachte. Das Mädchen drehte sich erneut, schüttelte sich kurz und stoppte kaum, um Luft zu holen, bevor sie an den Streben entlang flitzte, die Länge einer Überdachung überwand und dann über die Lücke zu einer anderen hüpfte, wobei sie alle paar Sekunden einen Blick auf die eigentliche Rennstrecke warf.
Dort schubste der Typ in Gelb gerade das Mädchen in Grün zur Seite, das für den Bruchteil einer Sekunde das Gleichgewicht verlor und einen anderen Rennfahrer kaschierte. Beide stürzten und schlugen auf dem Dämpfungsfeld zwanzig Zentimeter oberhalb der metallenen Rennstrecke in einem Haufen herumfuchtelnder Gliedmaßen auf, so dass die Hauptgruppe der Rennfahrer nach beiden Seiten ausweichen musste. Die meisten von ihnen rauschten mit angestrengter Konzentration weiter, die Züge hinter den transparenten Gesichtsschilden ihrer Helme verzerrt. Der gelbe Rennfahrer führte jetzt mit großem Vorsprung, und dies war die letzte Runde, die Ziellinie nur noch hundert Meter entfernt.
Das Mädchen in Schwarz sah das auch. Ihre Hände bewegten sich auf den unsichtbaren Bedienelementen, als würde sie die Geschwindigkeit ihres Boards so weit wie möglich erhöhen. Dann ging sie in die Hocke und hielt ihre Hände in einem engen V hinter sich, während sie über das Vordach auf die Strecke zusteuerte. Im letzten Moment zog sie zu einem Sprung hoch und drückte ihre Hände noch einmal nach unten. Glas regnete auf die Zuschauer herab, als die beiden vordersten Scheiben von einer unsichtbaren Kraft in winzige Stücke gesprengt wurden.
Das Mädchen segelte über den Zaun und die halbe Rennstrecke und kam kurz vor der Ziellinie auf, wobei ihr Board in einer schmerzhaften Symphonie aus gequältem Metall darüber schrammte und die Funken fröhlich zu allen Seiten sprühten. Der gelbe Fahrer wurde zur Seite gestoßen, als sich ihre Boards berührten. Er stürzte zu Boden und überschlug sich mehrmals auf seinem Weg zur inneren Abzäunung, bevor er mit voller Wucht gegen die stabile Barriere prallte. Das Mädchen sprang von ihrem Board ab und lief ein paar Schritte daneben her, bevor sie stolpernd zum Stehen kam. Keuchend riss sie ihren Helm herunter und schaute sich um. Der kalte Schauer von Selbstreflexion verdrängte schnell den Triumph darüber, dass sie gerade eine unglaubliche Leistung vollbracht hatte, als ihre violetten Augen das heillose Durcheinander von umherliegenden Rennfahrern, zerstörtem Eigentum und tobenden Zuschauern erblickten.
„PUR-PLE FU-RY! PUR-PLE FU-RY! PUR-PLE FU-RY!“, begann jemand, und die Menge griff den Ruf schnell auf. Sogar diejenigen, die sich Krümel von Sicherheitsglas aus Haaren und Kleidung klaubten, stimmten mit ein ...
Ein kleines, zaghaftes Lächeln schlich sich auf das herzförmige Gesicht des Mädchens und sie richtete sich sichtbar auf. Dann unterbrach ein Schrei wortloser Wut den Jubel, als der gelbe Rennfahrer seinen Helm hinwarf und blutige Rache schrie, während er hinkend auf den Schiedsrichter – einem glatzköpfigen Mann, welcher soeben von seiner erhöhten Aussichtsplattform herunterklettert – zustapfte, „Sie hat die Rennstrecke verlassen und sich damit disqualifiziert! Ich habe ganz klar gewonnen!“
„Was? Willst du mich verarschen?“, das Mädchen strich die verschwitzten violetten Haare zurück. Sie hatten die gleiche Farbe wie ihre Augen und der verschmierte Blitz, welcher sich von ihrer rechten Augenbraue bis auf ihre Wange hinunterzog. Das gleiche Symbol prangte auf ihrem Board und ihrer Rennausrüstung.
„Du wolltest mich in den Zaun rammen, Zac! Wenn ich nicht ausgewichen wäre, hättest du mir bei dieser Geschwindigkeit ALLE Knochen brechen können! Das ist übermäßige Gewalt und SOWAS von eindeutig ein grobes Foul!“
„Dir die Knochen brechen? Du meinst, so wie du es fast mit mir gemacht hättest?“, der Typ zeigte auf die Schrammen am Boden, „Außerdem hat sie MAGIE benutzt. Das ist SOWAS von gegen die Regeln!“
„Nur um die Unversehrtheit meiner Haut zu verteidigen!“
„Nun …“, der Schiedsrichter war eindeutig überfordert und fingerte nervös die kleine Brusttasche seines gestreiften Hemdes. Die anderen Rennfahrer rauschten heran und wichen zu beiden Seiten um das streitende Paar herum aus.
„Du bist so ein narzisstischer kleiner Scheißer, Zac!“, das Mädchen schien bereit und begierig auf eine Prügelei.
„Jetzt beruhigt euch bitte“, keuchte der Schiedsrichter und starrte mit großen Augen auf die geballten Fäuste des Mädchens, „oder ich disqualifiziere euch BEIDE!“
Zac zischte etwas, das den Kopf des Schiedsrichters zum gleichen Zeitpunkt herumschnellen ließ, zu dem die Hände des Mädchens in seine Richtung schossen. Er flog rückwärts wie ein kleines Hündchen, dessen Herrchen kräftig an der Leine gezogen hatte, und stieß dabei mehrere andere Rennfahrer um. Die Gesänge verstummten abrupt.
* * *
„Und du bist dir sicher, dass dies die beste Magieanwenderin für die Mission ist?“, KI Ebbon Marshall stoppte die Aufnahme, welche über seinem Schreibtisch schwebte, und kniff sich in einer Imitation menschlicher Gereiztheit den Nasenrücken, „Weißt du, wie groß der Schaden war, der an diesem Tag entstanden ist?“
Als er nur ein verschmitztes Lächeln als Antwort erhielt, schüttelte er den Kopf, „Natürlich weißt du das. Du kennst auch die umfangreiche Akte, die Fr. Magecraft bei MSec angesammelt hat ... Es gibt hartgesottene Kriminelle mit weniger Einträgen.“
„Das mag sein“, Eve schlug die Beine übereinander und klopfte einen leisen Rhythmus auf den Tablet-Computer, den sie auf ihrem Schoß balancierte, „Aber sie ist eine Überlebenskünstlerin, die unter Druck improvisieren kann. Ihre Schwester kennt sich vielleicht besser mit dem aus, was die Gilde bisher über Magie herausgefunden hat, doch ich bin überzeugt, dass sich das leicht beheben lässt. Auf den Füßen zu landen“, sie deutete auf das Video, das eingefroren zwischen ihnen schwebte, „das ist schwerer zu vermitteln.“
„Ich schätze deine Erfahrung und erkenne deine Argumentation an“, der Gouverneur vom Mars lehnte sich ebenfalls in seinem Sitz zurück und winkte das Vid fort, so dass ihre Sicht aufeinander ungehindert war, „Aber auch wenn es mir schwerfällt zu verstehen, wie Magie funktioniert, so sagte man mir doch, dass sie die ihre kaum im Griff hat. Was nützt uns so jemand unter diesen Umständen?“
Eve legte den Kopf schief, „Sah das, was du gerade gesehen hast, so aus, als habe sie ihre Magie nicht im Griff? Oder war es eher so, dass ihre Gefühle außer Kontrolle geraten sind?“
„Punkt für dich“, Marshall verschränkte seine Finger und deutete auf ihre Hände, „Was ist das?“
„Nur etwas, woran ich gerade arbeite …“, der Blick der Frau betrachtete das Gerät für einen langen Moment, „Das ist es, was mich glauben lässt, dass Suzy Magecraft die bessere Wahl ist, auch wenn ich es nicht ganz verstehe.“
Wenn es Marshall störte, dass ihre Antwort so vage war, ließ er es sich nicht anmerken. Also fuhr sie fort: „Aber wie rekrutieren wir sie am besten? Wenn wir direkt nach ihr fragen, wird ihr Vater eventuell misstrauisch und könnte nachforschen.“
„Ganz einfach“, die KI mit dem Gesicht eines menschlichen Mannes in seinen natürlichen späten Siebzigern schwenkte seinen Stuhl herum, um sich den Fenstern zuzuwenden, welche sich über eine ganze Seite seines imposanten Büros erstrecken. Er blickte von der Spitze seines Hochhauses auf das benachbarte hinunter, in welchem die Magiergilde untergebracht war, „Er ist nicht das schärfste Messer in der Schublade, aber gerade scharf genug, dass man umgekehrte Psychologie bei ihm anwenden kann.“
„Du willst ihn bitten, dir seine Tochter zu geben, damit er denkt, du willst Lucy, von der er sich nicht trennen will. Stattdessen wird er die Tatsache ausnutzen, dass du dich vage ausgedrückt hast und uns sein lästiges Kind schicken“, Eve kämmt lachend ihr langes blaues Haar zurück, „Das könnte funktionieren.“
„Oh, das wird es“, Ebbons braune Augen funkelten verschmitzt, als er sich wieder herumdrehte und sie dabei beobachtete, wie sie das säuberlich zusammengestellte Sortiment von Pralinen betrachtete, welches er mit Vorliebe für Treffen wie diese auf seinem Schreibtisch bereitlegte.
„Heute sind keine speziellen Zutaten in deiner Schokolade?“, sie hob eine fragende Augenbraue.
„Tut mir leid; ich weiß, wie sehr du die magst“, seine Mundwinkel zuckten kurz nach oben, „aber anscheinend sind Carl die Möglichkeiten ausgegangen, sie zuzubereiten, also hat er beschlossen, das Ganze ruhen zu lassen.“
„Schade, sie waren immer recht ... interessant.“
Marshall nickte bedächtig, „Du kennst Carl, ein geborener Perfektionist.“
„Genau wie sein Arbeitgeber“, Eve beugte sich vor und schnappte sich einen Schokoladentrüffel mit einer halben Pistazie darauf von dem kleinen Designerteller.
„Da wir gerade dabei sind“, Ebbon tippte dreimal seine Fingerspitzen aneinander, „Ich bin außerdem nicht davon überzeugt, dass der Kapitän, den du ausgewählt hast, funktionieren wird. Ich habe weitere Akten über Admiral MacAllister gefunden ... Sie stimmen mit meiner ersten Einschätzung mehr als überein. Mit ihm wirst du eine Menge Arbeit haben. Bist du dir sicher, dass du mit ihm zurechtkommst?“
„Er ist und bleibt die beste Option“, erwiderte Eve und genoss die wunderbare Konsistenz der hochwertigen Schokolade, die auf ihrer Zunge schmolz, in dem Wissen, dass ihre erste Einschätzung zutreffend war.
„Er stand vor dem Jupiter-Gericht, um sich für die wahllose Bombardierung der Venus-5-Station zu verantworten“, gab Marshall zu bedenken, „Ein Kriegsverbrechen zu begehen ist wohl kaum etwas, dessen ein vertrauenswürdiger und professioneller Kapitän jemals beschuldigt werden würde.“
„Du meinst, das ist nichts, dessen ein absolut langweiliger und linientreuer Kapitän jemals beschuldigt werden würde“, schmunzelte Eve, „So jemanden wollen wir nicht. Wir brauchen jemanden, der über den Tellerrand schaut und das tut, was nötig ist. Außerdem wurde er freigesprochen.“
„Das wurde er“, der Gouverneur seufzte, „Nun, ich bin mit der Wahl seines ersten Piloten einverstanden. Aber sein Beharren darauf, dass diese Bande von widerspenstigen Söldnern den militärischen Teil an Bord leitet, bringt einen Großteil unserer Planung durcheinander.“
„Du konntest ihn also nicht zum Umdenken bewegen?“, Eve tippte nachdenklich mit einem Zeigefinger gegen ihr Kinn.
„Nein“, Marshall schien von dieser Tatsache geradezu irritiert zu sein. Jetzt, wo sie so lange zusammengearbeitet hatten, konnte sie es an der unmerklichen Erweiterung seiner Pupillen erkennen, „Er ist ziemlich stur. Mit einem anderen Kapitän hingegen …“
Eve hob eine Augenbraue und der Gouverneur schüttelte den Kopf, „Sag mir, Eve, ist die recht hohe Wahrscheinlichkeit, dass er Magie besitzt, wirklich so viel wert, oder rührt deine Investition in ihn daher, dass du ihm schon einmal das Leben gerettet hast?“
„Stellst du meine Neutralität in Frage?“, Eve nahm eine weitere Praline vom Teller. Diese war weiß und enthielt ein paar knusprige Stückchen. Cappuccino-Geschmack. Immer noch ohne Überraschung.
Ebbon betrachtete sie einen langen Moment. Eine freundliche Wärme schlich sich in sein attraktives Gesicht, als er die dampfende Tasse holografischen Kaffees von seinem Schreibtisch nahm und daran nippte, „Das tue ich in der Tat.“
Eve antwortete mit einem Lächeln in ihren grauen Augen und lehnte sich bequem in ihrem Sitz zurück, „Dann hast du wahrscheinlich recht. Aber wir sind alle Profis. Ich bin mir sicher, dass wir schnell miteinander klarkommen werden.“
Die Tür zum Büro des Kapitäns rauschte auf und Eve Baileywick stürmte auf den Korridor. Ihre Bewegungen waren hölzern vor Wut, ihre hübschen, langfingrigen Hände zu Fäusten geballt. Ihr zartes Gesicht verbarg die Wut ganz gut, aber ihre stahlgrauen Augen leuchteten wie Blitze auf einer gezückten Klinge.
„… dass ich diesen Blödsinn inakzeptabel finde!“, hallte Glens Stimme mit ihr heraus und endete dann abrupt, als sich die Tür rasch wieder schloss.
Eve blieb stehen, richtete sich auf und holte tief Luft, bevor sie Nicks Blick begegnete.
„12 Minuten“, grinste der Pilot, „das muss ein neuer Rekord sein. Die kürzeste Besprechung zur Klärung streng geheimer Wissenslücken, die ich je beinahe erlebt habe.“
„Nun“, die große Frau warf ihren karibikblauen Zopf zurück und schenkte ihm ein gut gelauntes Lächeln, „wenn man nicht viel zu sagen hat, löst mehr Zeit das Problem auch nicht. Außerdem scheint unser Kapitän sein Umfeld nur sehr ungern mit mir zu teilen.“
Ja, Nick hatte eine Vermutung, warum. Das war nur eine der Sachen, über die er mit Glen reden musste.
Sein Herz schlug für sie, nicht nur, weil sie gut aussah. Doch selbst wenn sich sein Verdacht bewahrheitete, war das Verhalten des Admirals ihr gegenüber zumindest teilweise ihre eigene Schuld, „Ich schätze schon. Du weißt aber, dass er nicht locker lassen wird, bis du ihm alles über das Schiff erzählt hast, oder?“
„Ja, das ist mir bewusst“, die Frau, die bis vor kurzem die Sicherheitschefin von KI Ebbon Marshall, dem Gouverneur des Mars, gewesen war, verschränkte die Arme, während sie sich zurücklehnte, „Ich fühle mich dennoch nicht frei, ihm zu sagen, was er wissen will. Ich werde es dir auch nicht verraten, aber du kannst ihm gerne sagen, dass du charmant mit mir geflirtet hast, um es herauszufinden.“
Das brachte den Piloten zum Lachen, „Glaubst du, er hat mich gebeten, dich auszuhorchen, nachdem er dich weichgeklopft hat?“
„Bei eurer gemeinsamen Vergangenheit ...“, Eve hob eine perfekte Augenbraue in der Farbe von angebranntem Karamell, „könntest du es mir verübeln, wenn mir dieser Gedanke gekommen wäre?“
„Ganz und gar nicht“, Nick kratzte die kurzen Stoppeln seines aschblonden Undercuts und neigte seinen Kopf, so dass ihm die längeren, helleren Strähnen vor die Augen fielen, „aber du nimmst mir den ganzen Spaß. Ich habe noch nicht einmal mit dem Flirten angefangen ...“
Eve legte eine Hand um ihre Hüfte und drückte ihre Schultern leicht nach hinten, was ihre Oberweite dezent betonte, während sie über den Gang zu ihm hinüberglitt, um sich vor ihm aufzubauen.
Sie neigte ihre Hüfte im selben Moment wie ihren Kopf, „Sind Sie sich sicher, dass Sie dieser Herausforderung gewachsen sind, Cmdr. Sheridan?“
Verdammt ... wahrscheinlich nicht. Selbst wenn sie wirklich für seine Avancen empfänglich war und nicht nur die beste Schauspielerin, die er je gesehen hatte, brachte dieser Weg nur Ärger mit sich. Nicht zuletzt weil sie, sollte sie ihren Willen bekommen, wirklich seine Vorgesetzte sein würde und nicht nur so täte, als wäre sie es. Es gab Grenzen, die man nicht überschreiten durfte, egal wie privat diese Mission auch sein mochte.
Also löste er sich aus seiner Pose und deutete auf die beiden abgedeckten Tabletts, die übereinander auf dem Boden an der Wand standen, „Vielleicht hättest du versuchen sollen, ihn mit Essen zu bestechen.“
„Nun ...“, erwiderte sie mit einem milden Lächeln und verschränkte die Arme, „Im Gegensatz zu dem, was der Kapitän vielleicht denkt, bin ich nicht sein Steward. Ich überlasse dir diesen Job aber gerne, wenn du dich so sehr danach sehnst ...“
Nick lachte erneut, „Danke, aber nein, danke. Ich hab hart dafür gekämpft, diese Stufe zu überwinden. Persönlicher Tipp: Er wird dich zu Kreuze kriechen lassen, bevor er dich zu seinem Schützling macht. Spiel einfach mit und es wird schon werden.“
„Wer sagt, dass ich sein Schützling sein will?“
Nick ließ die Scherze sein und wurde etwas ernster: „Hör zu, Eve. Glen ist 96 Jahre alt. Er hat die meiste Zeit seines Lebens in der ESF verbracht; er hat eine Menge zu lehren. Jeder in unserem Alter täte gut daran, ihm zuzuhören.“
Die feinen Linien in ihrem Gesicht fielen zurück in die neutrale, gut gelaunte Miene, „Das heißt aber nicht, dass er mit dem Lernen fertig ist, oder? Vielleicht solltest du ihn darauf hinweisen, dass auch er von der Erfahrung anderer profitieren könnte, wenn er aufhören würde herum zu schreien und stattdessen mal zuhört.“
Mensch, sie war wirklich was Besonderes. Zu gerne würde er hinter ihre glatte Fassade blicken, hinter die übermütige Selbstüberschätzung, und sei es auch nur für eine Sekunde, um die Person zu sehen, die sich dahinter verbarg.
Aber wie Glen war auch sie zu sehr darauf bedacht, anderen ihren Willen aufzuzwingen, um mit sich reden zu lassen. Nun, hoffentlich hatte Nick an diesem Morgen mehr Glück damit, den gesunden Menschenverstand seines Freundes zu erreichen.
„Vielleicht überbringe ich die Nachricht“, erwiderte er mit einem lässigen Achselzucken, „Wir werden sehen.“
„Das werden wir“, Eve winkte mit einer Hand über den AR-Knopf, um den Aufzug zu rufen, „Wie geht‘s übrigens deinem Kopf?“
Die Erinnerung daran, wie sie ihm bei ihrem ersten Treffen eine fußballgroße Drohne ins Gesicht getreten hatte, kam ihm in den Sinn, „Gut, danke der Nachfrage.“
„Freut mich zu hören. Übrigens“, Eve schnippte mit den Fingern, als hätte sie sich gerade an etwas erinnert, „mir ist aufgefallen, dass du immer noch Probleme hast, dich mit einigen der Navigations-Submatrixen der Gateshot zu verbinden ... Ich habe ein paar Trainingssimulationen zusammengestellt, die dir dabei helfen sollten. Ich schicke dir einen Link.“
„Das weiß ich zu schätzen, danke“, er genoss den Blick auf ihr Hinterteil, als sie an ihm vorbeischlenderte und den Aufzug betrat.
Das Grinsen, das sie ihm über die Schulter zuwarf, verriet ihm, dass sie es bemerkt hatte.
Als sich die Tür hinter ihr schloss, lehnte sich Nick Sheridan an die Wand daneben und beschloss, seinem Kapitän und Freund noch ein paar Minuten Zeit zu geben, um sich abzukühlen, bevor er sein Glück bei ihm versuchte.
In der Zwischenzeit studierte er noch einmal den Grundriss der Brückenebene. In all der Aufregung hatte er noch gar keine Zeit gehabt, alles zu sehen, was es auf der Gateshot zu sehen gab.
Direkt gegenüber befand sich das Büro des Kapitäns. Rechts daneben die Büros des Ersten Offiziers und der Schiffsmagierin. Dahinter, über das gesamte Ende des Korridors, zog sich ein großer Mehrzweckraum, der als kleiner Speisesaal, großer Konferenzraum oder durch Abtrennungen als mehrere Büros oder Ähnliches genutzt werden konnte. Zu Nicks Rechten schließlich befanden sich die Toiletten und zwei weitere Räume, die bisher als Ersatzbüros von Mitarbeitern des Führungsstabs oder der Brücke genutzt wurden, wenn sie in Ruhe Berechnungen anstellen, Pläne machen oder Berichte schreiben mussten.
Zu seiner Linken verbarg ein Stück unverzierte Korridorwand die Notleitern neben dem Aufzug. Dahinter, jenseits der großen, zweiteiligen Schiebetür, befand sich die eigentliche Brücke. Eine zweite Tür führte ins Innere, versteckt in Glens Büro; eine Entdeckung, die der Kapitän begeistert mit Nick geteilt hatte.
Der Pilot konzentrierte sich auf die Nahsicht und lenkte seinen Blick nach links oben. Sein Gehirn-Computer-Interface reagierte auf die Geste, indem es die kleine Digitaluhr, die in seiner AR-Sicht hing, vergrößerte. 8:17 Uhr ESCT.
Da es Menschen im Allgemeinen vorzogen, sich an einen Tag- und Nachtzyklus zu halten – selbst im Weltraum, wo es so etwas nicht gab – hatte die Weltraumflotte der Erde die Praxis eingeführt, die Lichter in den späten Stunden mit gelben Farbtönen zu sättigen, sie in den üblichen Nachtstunden herunterzudimmen und dann das blaue Licht am Morgen und gegen Mittag zu erhöhen, bevor es wieder zurückgedreht wurde. Damit sollte der natürliche Wechsel des Sonnenlichts auf der Erde nachgeahmt werden. Auf diese Weise konnte sich die innere Uhr des Menschen so einstellen, wie sie es bei Sonnenaufgang getan hätte, und der Körper begann am Abend herunterzufahren. Das galt natürlich nur für die Bereiche des Schiffes, die keine ständige Wachsamkeit der dort arbeitenden Personen erforderten. Auf der Brücke, im Maschinenraum, in den Hangars und auf den Gefechtsstationen wurde man ständig mit blauem Licht bestrahlt. Die ESF war ein Arschloch gegenüber der Nachtschicht, aber man konnte es eben nicht allen recht machen.
In der Weltraumflotte wurde die Tageszeit traditionell mit dem Hauptkommunikationszentrum in Barcelona synchronisiert. Dies war schnell von anderen Raumschiffen übernommen worden und wurde so innerhalb der ersten hundert Jahre, in denen die Menschheit Kolonien an fernen Orten gründete, von der Venus bis zum Pluto zur Norm. Somit herrschte nun fast überall die Erdstandard-Kommunikationszeit (ESCT).
8:21 Uhr ESCT.
Zeit zu sehen, was der alte Wolf so trieb.
Nick bückte sich, um die beiden Tabletts aufzuheben, dann ging er hinüber und läutete an der Tür.
„Was?“, sprangen ihm die Reste von Glens Wut in hartem Ton entgegen.
„Ich bin‘s. Ich hab Frühstück mitgebracht.“
„Oh. Wenn das so ist. Komm rein, Bursche.“
Die Tür zischte auf und der Admiral winkte ihn herein, sammelte die verschiedenen Datenfolien, die auf seinem Schreibtisch verteilt waren, zu einem ordentlichen Stapel zusammen und legte sie beiseite, bevor er sein Tablett entgegennahm, „Porridge?“
„Und Kaffee, Haggis und Bohnen auf Toast, ganz wie du es magst.“
„Du bist ein lieber Junge“, Glen nickte dankend und hob den Thermodeckel an, um die warme Portion seines Frühstücks tief einzuatmen, bevor er zulangte.
Nick fand, dass Glens Uniform heute ein bisschen zerknittert wirkte und sein rötliches Haar etwas unordentlich schien. Seine Augenbrauen und sein Bart präsentierten sich noch buschiger als erwartet und sein Akzent war dick wie Melasse. Letzteres hatte Nick am meisten vermisst, seit sich ihre Lebenswege getrennt hatten. Er könnte der lyrischen Qualität der schottischen Aussprache stundenlang zuhören. Sie erinnerte ihn an die alte Erde, wie sie in der kurzen, hoffnungsvollen Zeit vor dem Krieg gewesen war. Als es so aussah, als ob eine saubere, wiederhergestellte Umwelt nur noch ein paar Jahre in der Zukunft läge. Das war die private Person, Glen, sein Mentor und Freund.
Admiral MacAllister, der Kapitän dieses Schiffes, war dagegen klar und korrekt und milderte sein Schottisch ab. Er war raffiniert was das anging. Der junge Mann wusste, die Situation zu deuten. Sein Freund fühlte sich wohl; es war eine offene Einladung zu einem privaten Gespräch.
„Also, was ist mit dir passiert? Lange Nacht?“, Nick stellte sein eigenes Tablett auf dem Konferenztisch ab, der sich an den Schreibtisch schmiegte, und ging dann zur rechten Wand hinüber, wo ein verstecktes Fach dem WaDis Platz bot. Über dem Wasserspender trennten schaumstoffgefütterte Fächer zehn Edelstahlbecher und zehn Gläser voneinander, um sie vor möglichen Null-G-Schäden zu schützen. Das war echt übertrieben. Wie alles Geschirr auf Raumschiffen waren auch diese Gläser im Grunde unzerstörbar, da sie aus laminiertem Glas bestanden, das nicht einmal zerbrechen würde, wenn man einen antiken Panzer darüber rollte. Dabei bewahrte es die Reinheit von echtem Glas und schützte die Flüssigkeit im Inneren vor all den löslichen Verunreinigungen, welche minderwertige Kunststoffe erzeugen konnten.
Nick hielt zwei von ihnen unter den Wasserhahn und füllte sie. Eine AR-Anzeige informierte ihn darüber, mit welchen Elektrolyten und Vitaminen Glens Wasser angereichert war und dass Nick heute Morgen einen leichten Vitamin-D-Mangel aufwies, den der WaDis ebenfalls mit Nahrungsergänzungsmitteln zu beheben versuchte. Der Pilot nickte die Information ab und brachte die Gläser zurück zum Tisch, bevor er sich wie gewohnt an die rechte Seite seines Freundes setzte und ihm das stark angereicherte Wasser hinüberschob. Es fühlte sich gut an, wieder in die alten Gewohnheiten zu verfallen.
„Könnte man so sagen“, Glen inhalierte sein Essen förmlich, „Ob du es glaubst oder nicht, aber unsere Magierin hat mich fast unter meinen eigenen Tisch getrunken!“
Nick schmunzelte bei diesem Bild und hob eine Augenbraue, „Das ist doch nicht dein Ernst!“
Glen nickte, „Vielleicht werde ich alt ... oder vielleicht ist es dieser magisch verstärkte Stoffwechsel. Sie hat mir gestern Abend etwas Magie gezeigt.“
Der ausdruckslose Ton des Schotten brachte Nick dazu, sich beinahe an seinem Getränk zu verschlucken und einen Mund voll davon quer über den Konferenztisch zu spucken. Das brachte ihm einen finsteren Blick des alten Mannes ein, der nach der Serviette auf seinem Tablett griff und sie ihm hinhielt, während er seine buschigen Augenbrauen verärgert zusammenzog, „Nicht einmal du bist so dumm, das zu denken, was ich glaube, dass du gerade gedacht hast, oder?“
Nick nahm das Tuch und begann, die Feuchtigkeit wegzuwischen.
„Was soll ich denn sonst …“, er blickte auf und sah, wie ein breites Grinsen die Wangen seines Freundes wärmte und das Brennen in seinen eigenen noch mehr anheizte, „Du hast mich verarscht! Du alter Mistkerl!“
Der nasse Lappen flog aus seinem Griff in Richtung des anderen Mannes.
Ein grummelndes Lachen schallte aus Glens Brust, als er das behelfsmäßige Geschoss mit Leichtigkeit auffing. Es war verdammt ansteckend und machte es leicht, mitzumachen. Sie lachten die Anspannung weg, bis sich beide mit den Ärmeln ihrer dunkelblauen Dienstuniformen, die keine offiziellen Abzeichen mehr trugen, über die Wangen wischten.
„Aber jetzt mal im Ernst“, nahm Nick das Gespräch wieder auf, nachdem er es geschafft hatte, seine schmerzenden Lungen mit ein paar tiefen Atemzügen wiederzubeleben und die winzigen Nadelstiche hinter seiner Schläfe zu ignorieren, „Was ist passiert?“
Der alte Mann lehnte sich in seinem Sitz zurück und kratzte sich im Nacken. „Nun, ich habe sie gebeten zu bleiben, weil ich ihr eine Frage stellen wollte. Außerdem wollte ich herausfinden, wie sie mit all dem Wahnsinn und den lebensverändernden gefährlichen Situationen umgeht, in die sie hineingestoßen wurde.“
Nick nickte. Nach dem, was Lucy Magecraft erlebt hatte, war es ein Wunder, dass sie am Abend zuvor so ruhig und gelassen gewirkt hatte.
„Und du dachtest, es wäre einfacher, sie zum Reden zu bringen, wenn du sie zuerst betrunken machst?“
Glen zuckte mit den Schultern: „Das hätte mein Pa auch getan.“
Nick lachte noch mehr, „Dein Vater war ein schillernder Charakter, nicht wahr?“
„Nein“, Glen machte eine spöttische Geste, „er war ein gemeiner alter Säufer. Aber er hatte seine Momente.“
„Du hast sie also ... ein bisschen betrunken gemacht. Was dann?“
„Ich habe sie gefragt, wie Magie funktioniert“, der alte Mann wurde plötzlich sehr ernst, „Ich habe sie nach meinen Träumen und Ahnungen gefragt.“
Nick lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Das hier versprach noch interessanter und aufschlussreicher zu werden, als er erwartet hatte, „Und was hat sie gesagt?“
„Sie hat mich getestet und festgestellt, dass ich auch Magie habe. Sie meinte, ich könnte lernen, sie zu kontrollieren und auszubauen“, Krähenfüße umrahmten seine Augen und in seiner Stimme schwang erneut tiefe Belustigung mit, „Sieht so aus, als könnte ich eine Hexe werden.“
„Eine was jetzt? Ist das dein Ernst?“, Nick blinzelte, „Bist du sicher, dass es wirklich Whiskey war, den ihr getrunken habt?“
Der ältere Mann starrte ihn nur stumm an.
„Okay, ähm ...“, Nick spürte ein leichtes Grinsen aufkommen, „Aber jetzt warte mal! …Brauchst du dafür nicht die anderen ... Spaßteile?“
Glen hustete, „Offenbar ist es kein Unterschied zwischen den Geschlechtern, sondern zwischen der Stärke deiner Magie und der Art, wie du sie einsetzt. Es scheint, dass Magier stärker sind und sich mehr mit Ritualen und so beschäftigen, während Hexen ihre kleineren Kräfte eher instinktiv einsetzen. Lucy sagt, dass ich Magie habe, aber nur ein kleines bisschen, was mich im Moment zu keinem von beiden macht. Sie hat aber zugesagt, mich auszubilden.“
„Verstehe ich das richtig?“, Nick legte den Kopf schief, „Deine Ahnungen sind ein unbewusster Einsatz von Magie und sobald du gut genug bist, sie bewusst einzusetzen, macht dich das zu einer Hexe?“
„Genau“, Glen zeigte einen warnenden Zeigefinger, „aber das bleibt unter uns. Wenn du es irgendjemandem erzählst, breche ich dir jeden einzelnen lachenden Knochen in deinem Körper, Bursche.“
Scheiße, er meinte das ernst. Nick nahm einen weiteren Schluck von seinem Wasser und suchte verzweifelt nach einer Antwort, die zumindest irgendwo in der Nähe des richtigen Themenbereichs lag. Er konnte keine finden. Da er keinen einfachen Ausweg sah, entschied er sich stattdessen, das Thema ganz zu wechseln: „Also ... wirst du Baileywick das Büro geben?“
Glen runzelte verärgert die Stirn: „Ich habe dir gerade gesagt, dass ich vielleicht Magie lerne, und du fragst mich nach ihr?“
„Komm schon, Glen! Du weißt genauso gut wie ich, dass du eine klare Befehlskette festlegen musst. Wir haben eine Menge Zivilisten an Bord, die integriert werden müssen, damit jeder seinen Platz in einer Krise kennt. Leben hängen davon ab, dass die Leute wissen, an wen sie sich wenden müssen, wenn die Kacke am Dampfen ist.“
„Das weiß ich!“, Glen stand auf und begann, im vorderen Teil seines Büros, das auch als kleiner Konferenzraum diente, auf und ab zu gehen, „Das hab ich dir beigebracht!“
In dem kurzen Moment zwischen den Sätzen verschwand der schottische Akzent fast völlig, wie Nick mit einem Anflug von Bedauern feststellte. Sie waren zum geschäftlichen Teil des Gesprächs übergegangen, soweit es Glen betraf. Schade ... aber einige Dinge mussten trotzdem besprochen werden. Nick war nicht nur für das schicke Fliegen hier. Sein Mentor erwartete seinen Beitrag und nutzte ihn gerne als Berater. Alte Gewohnheiten ließen sich eben nur schwer ablegen.
Mit einem verspielten Lächeln begann Nick, den Rand seines Glases mit einem Zeigefinger nachzuziehen, bis es leise summte, „Warum bist du dann so dagegen, deinen eigenen Rat zu befolgen? Ich weiß, du magst sie nicht, aber sie ist die Richtige für den Job. Du kannst das offizielle Gesicht dieser Mission nicht einfach in die Besenkammer degradieren. Außerdem hat sie das Wissen über die Gateshot, alle Einzelheiten und Geheimnisse. Du brauchst sie für einen reibungslosen Ablauf und sie weiß das.“
„Aye, das hat sie gestern Abend sehr deutlich gemacht“, der alte Mann kämmte mit abgehackten, wütenden Bewegungen seiner Finger sein langes, rötlich-weißes Haar aus und bändigte es dann in einem einfachen Pferdeschwanz, „Aber ich brauche sie nicht degradieren, ich muss ihr einfach nur keinen Titel geben. Und kein Büro. Ich bin schließlich der Kapitän dieses Schiffes.“
„Das ist Bullshit auf so vielen Ebenen und das weißt du auch, Glen! Du musst das klären; je früher, desto besser“, Nick stand auf und stellte sich seinem Mentor und langjährigen Freund in den Weg, „Ich verstehe, dass du sie nicht magst und dass dich deine Instinkte bisher nur einmal im Stich gelassen haben, aber das ist eine klare Sache. Sie macht den Job doch schon! Jeder in der Führungsriege beruft sich auf sie, wenn du nicht anwesend bist. Und–“
„Sie ist eine hinterhältige Frau, die uns alle den Wölfen zum Fraß vorwerfen wird, wenn sie dadurch ihre Ziele erreichen kann! Und wer weiß schon, was das für Ziele sind, wenn man bedenkt, dass sie sich meiner Autorität schon jetzt widersetzt, auch ohne einen offiziellen Rang zu haben!“, im Nu stand Glen vor Nick, mit zerrissenem Gesichtsausdruck und gequälten Augen.
Nick zuckte nicht zurück. Er wusste, dass der alte Hund nicht biss, wenn er so laut bellte. Es waren die ruhigen Zeiten, in denen man den Boden unter seinen Füßen überprüfen musste.
„Das weißt du doch gar nicht, Glen. Und außerdem ist ihr Ziel im Moment unser Ziel. Ihr einen Rang zu geben, könnte sie besser integrieren. Sie ist bereit, deine Befehle zu befolgen, solange sie nicht mit den Anweisungen kollidieren, die sie von KI Marshall erhalten hat. Außerdem“, Nick verschränkte grinsend die Arme, „wird sie nicht davor zurückschrecken, zu widersprechen, wenn sie das Gefühl hat, dass du im Unrecht bist. Du kannst sie nicht einschüchtern. Das ist genau das, was du in dieser Position brauchst.“
„Warum tust du es dann nicht?“, Glen stieß einen Zeigefinger gegen Nicks Brust.
„Ich?“, das ließ ihn einen Schritt zurückweichen, „Du hast ausdrücklich nach mir als deinem Piloten gefragt. Ich kann andere nicht delegieren, wenn ich in das Fliegen des Schiffes vertieft bin. Und wenn ich andere delegiere, kann ich nicht gleichzeitig deinen Arsch aus der Gefahrenzone fliegen. Ich hätte gerne mein eigenes Kommando, aber dies ist weder der richtige Ort noch die richtige Zeit dafür. Ebbon Marshall hat dir eine Crew zusammengestellt, die genau das kann, was sie können soll, und die perfekt aufeinander abgestimmt ist, um miteinander zu arbeiten. Es liegt an dir, das zuzulassen. Sie ist der Klebstoff, der alle zusammenhalten kann, Zivilisten und Militärs, aber du musst ihr die Autorität dazu geben!“
In den Augen des Kapitäns sprühten immer noch Funken, aber Nick wusste, dass er alles richtig gesagt hatte. Es war einfach gewesen, denn er konnte es genauso deutlich sehen wie sein Mentor. Glens Instinkt sagte ihm, dass er Eve nicht trauen sollte, und er hatte sich so sehr daran gewöhnt, auf seinen Instinkt zu hören, dass es schwer geworden war, ihn beiseite zu schieben. Nick verstand das. Er hatte Glens Ahnungen wieder und wieder Leben retten sehen. Oft hatte der Pilot vorher nicht an sie geglaubt. Jetzt wusste er es besser. Doch das hier war eine völlig andere Situation. Was auch immer dem alten Mann unter den Nägeln brannte, beeinträchtigte ernsthaft seine Objektivität. Seine Feindseligkeit nahm lächerliche Ausmaße an.
„Du weißt, dass sie wahrscheinlich starke Augmentierungen hat, auch wenn wir die nicht sehen können, oder?“, Nick machte eine ausladende Handbewegung, „Wahrscheinlich handelt es sich um eine brandneue, hochgradig prototypische Technologie, genau wie bei diesem Schiff.“
Der alte Wolf knirschte mit den Zähnen, „Aye.“
„Und du weißt, dass das deine Instinkte durcheinander bringen kann. Das hat es schon einmal getan.“
„Dustin“, das Gefühl der Trauer, der Nachgeschmack eines unwiderruflichen Fehlers, den man im Eifer des Gefechts gemacht hatte und der einen für den Rest des Lebens begleiten wird, wurde in der Körperhaltung des Admirals sichtbar, bevor er es wieder abschüttelte.
„Aye, Dustin“, nickte sein junger Freund und trat vor, „Hör zu, Glen. Ich will damit nur sagen: Sei nicht blind für das Offensichtliche, wenn deine Instinkte aus einem anderen Grund falschliegen könnten. Gib! Ihr! Das! Büro!“
Glen drehte sich ihm wieder zu und seine smaragdgrünen Augen glühten vielmehr vor Entschlossenheit als vor Wut, „Fein! Wenn sie mir ohne den Schatten eines Zweifels beweist, dass man ihr vertrauen kann und dass sie bereit ist, ihre eigenen Befindlichkeiten zum Wohle der Crew zurückzustellen, gebe ich ihr das verdammte Büro! Dann mache ich Baileywick zum XO!“
Suzy wachte durch ein dumpfes Pochen in ihrem Schädel auf und stellte fest, dass sich wohl ein kleiner Teil der marsianischen Sandlandschaft in ihren Mund und Rachen verlagert hatte. Das Mädchen blinzelte mit trüben, klebrigen Augen, völlig verwirrt von dem seltsamen kleinen Raum, in den sie gezwängt war. Dann sickerten langsam ihre Erinnerungen wieder herein und sie stöhnte.
„Bist du wach?“, fragte eine freundliche Stimme von außerhalb ihrer Koje. Sie war mit einem Hauch von Belustigung unterlegt. Ja, ihre Zimmergenossin wusste, wie tief Suzy gefallen war, daran bestand kein Zweifel ...
Das Mädchen fummelte an dem Sichtschutz herum, bis er in sein Gehäuse zurückschnappte und ihre Augen dem künstlichen Licht aussetzte, das den kleinen Wohnbereich erhellte. Es war auf ein düsteres Zwielicht heruntergedimmt worden. Stach trotzdem ...
Eve Baileywick lehnte mit ihrem Hintern gegen den Tisch, der in die gegenüberliegende Wand eingelassen war, die Hände auf der Tischplatte ausgebreitet. Ihre Haltung wirkte irgendwie sorgfältig verschleiert, um Suzys Schuldgefühle nicht noch zu verschlimmern.
Als sich das Mädchen aus der Fötusstellung löste, aus dem gepolsterten Loch in der Wand kroch, sich auf dessen Rand setzte und vorsichtig an dem Vogelnest auf ihrem Kopf zupfte, griff die ältere Frau hinter ihren Rücken und hielt ihr ein Glas Wasser und zwei kleine Pillen hin.
Suzy nahm sie dankend entgegen.
„Hab ich mich zum Narren gemacht?“, wagte sie zu fragen, nachdem sie beides heruntergeschluckt hatte.
Eve schüttelte den Kopf und lächelte.
„Im Gegenteil, Adm. MacAllister schien sehr beeindruckt von deiner Standhaftigkeit“, sie nahm das Glas zurück und füllte es am WaDis wieder auf, „Und darf ich dir ein Kompliment zu deinem Gesang machen. Du hast eine sehr klare Stimme, ... obwohl dir gestern Abend einige Töne in den höheren Lagen abhanden gekommen sind.“
„Es tut mir so leid“, Suzy vergrub ihr Gesicht in ihren Händen, „Das ist so übel ...“
„Mach dir nichts draus. Du bist immer noch eine Heldin.“
„Die Leute werden reden ...“
„Die Leute reden immer. Trink aus.“
Suzy spreizte ihre Finger und sah, wie Eve ihr das nachgefüllte Glas hinhielt. Sie nahm es und exte den Inhalt ein zweites Mal. Die Sandlandschaft ging etwas zurück, ebenso wie die Kopfschmerzen, aber der emotionale Teil des Katers erwies sich als hartnäckiger.
Und etwas nagte an ihrem Bewusstsein, etwas, das Eve gesagt hatte ...
„Moment“, sie richtete sich auf und zeigte auf die Frau, deren Quartier sie vor drei Tagen als Kurzzeitgast betreten hatte, „Jetzt erinnere ich mich! Du hast Glen und mich am Aufzug abgefangen. Er wollte mich zu meinem Quartier begleiten ... dem Quartier der Schiffsmagierin, meine ich.“
Eve nickte zustimmend, also fuhr sie fort: „Du hast ihm sowas gesagt, wie, dass es unangebracht sei, wenn er so mit mir gesehen wird oder mich dorthin begleite oder so, und dass du mich ins Bett bringen würdest.“
Ihr Zimmergenosse breitete die Arme aus, „Und das habe ich getan.“
„Ja ...“, die Hexe zeigte immer noch, „Aber du hast ihm nicht gesagt, dass ich nie in mein Quartier gezogen bin. Dass du mich aufgenommen hast. Er denkt immer noch, ich wohne im Exekutivflügel, nicht wahr?“
„Ja“, es gab keinen Hinweis in Eves Worten, der darauf schließen ließ ...
„Warum?“, Suzy spürte, wie sich ihr Gesicht verzog.
Sie unterbrach sich dabei, mit dem Finger zu zeigen, und rieb sich stattdessen die Augen. Verdammt, sie trug immer noch die honigfarbenen Kontaktlinsen, die ihre Verkleidung als ihre Schwester glaubhaft machten. Es waren medizinische Kontaktlinsen, magisch verbessert, um sogar die Ärzte und Scanner zu täuschen. Trotzdem ... sie sollte sie nachts nicht tragen. Aber Eve durfte auch nicht ihre violetten Augen sehen. Das war nichts, was unbemerkt bleiben würde, vor allem nicht von jemandem, der so detailorientiert war, wie ihre Zimmergenossin es zu sein schien ...
„Aus mehreren Gründen. Zunächst einmal, weil sich deine Atemwege verengten, als du diese Vision hattest und mir sagtest, dass du sterben würdest, wenn du in dieses Quartier einzögest. Du hast dich am Hals gekratzt ...“, Eves Schilderung der Beobachtung ließ Suzy die Stelle berühren. Sie war sich plötzlich sehr bewusst, dass der Blick der Frau in ihrem Gesicht nach einer Reaktion auf ihre Worte fischte, „... was mich zu der Annahme führt, dass du entweder erstickt wurdest, vielleicht indem du erwürgt, ertränkt oder dir ein Kissen aufs Gesicht gedrückt wurde, ... oder dass dir jemand die Kehle durchgeschnitten hat.“
Suzys Kehle schnürte sich bei der Erinnerung an die Vision, die sie erlebt hatte, zusammen, und Eve nickte erneut, diesmal langsam und nachdenklich, als hätte sich ihr Verdacht bestätigt und sie zu einer Schlussfolgerung gebracht, zu der Suzy noch nicht gekommen war, „Es tut mir leid, dass du das erleben musstest. Das ist eine schlimme Art zu gehen.“
Zwischen ihnen herrschte Schweigen.
Ja, toller Start in den Tag ...
„Nenn mich langsam, aber ich verstehe es immer noch nicht“, erklärte die Hexe nach einer halben Minute geladenen Schweigens.
„Wenn du in deinem Quartier überfallen wurdest, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass es ein Insider sein wird“, Eve verschränkte einen Arm vor der Brust und schob die Hand unter ihre Achselhöhle, dann setzte sie den anderen Arm darauf, wobei sie ihr Kinn mit der Hand stützte und so eine nachdenkliche Haltung einnahm.
„Sein wird?“
„Du schienst der Ansicht zu sein, dass dieser Vorfall noch in weiter Ferne liegt. Hast du deine Meinung diesbezüglich geändert?“
Suzy versuchte, darüber nachzudenken, aber die Räder in ihrem Kopf drehten sich immer noch in Zeitlupe. Ihre Gefühle waren jedoch klar, „Nein, ich denke, es ist immer noch eine Möglichkeit in meiner Zukunft.“
Es gab sogar ein paar Hinweise auf den Zeitpunkt, Dinge, die vor der Vision passieren mussten, die ihr zumindest eine Warnung geben würden, sobald alle Teile an ihrem Platz waren ... wie Glen, der ihre wahre Identität kannte, wie dass sie ihre violetten Haare und Augen zeigte – zumindest solange sie allein in ihrem Quartier war – wie Tank, der nebenan wohnte, und nicht zuletzt eine robuste magische Verbindung zwischen Glen und ihr, die es ihm ermöglichen würde, ihr Trauma auf einer viszeralen Ebene zu spüren.
Apropos ..., „Hey, wo ist der Kapitän hin? Er hat den Aufzug nicht verlassen.“
„Zurück in sein Büro“, sagte Eve mit einem amüsierten Lächeln, „Er hat dort eine Koje.“
„Was? Warum?“
„Anscheinend ist das erste, was er tut, wenn er eine neue Position übernimmt, ein zusätzliches Feldbett oder eine gemütliche Couch für sein Büro zu besorgen. Wir haben direkt eins eingebaut, also brauchte er sich nicht die Mühe zu machen. Ich schätze, es ist ein Zwang, nahe am Geschehen zu sein, für den Fall, dass er gebraucht wird. Wahrscheinlich hat der Krieg dieses Verhalten noch verstärkt“, das leichte Achselzucken war selbst bei ihrer Körpergröße eine zierliche Geste, „Er wird sich vermutlich etwas beruhigen, sobald die Situation es zulässt.“
Suzy dachte an die beiden Male zurück, die sie in Glens Büro gewesen war, und ihr wurde klar, dass sie nicht alles gesehen hatte. Der Teil mit dem Konferenztisch war nur der vordere Bereich. Die Wand hinter Glens Schreibtisch war nicht das Ende des Raumes, sondern trennte nur den offiziellen vom eher privaten Teil. Cool ...
„Die Situation, richtig ... Es ist nicht nur der Schaden an der Außenhülle, nicht wahr?“, Suzy griff auf das zurück, was sie von der Besprechung am Vorabend mitbekommen hatte, „Die Gateshot war nicht ganz fertig, als wir abgeflogen sind, oder?“
„In der Tat“, das offizielle Gesicht der Mission schien besorgt, als sie mit einer cappuccinofarbenen, langfingrigen Hand gestikulierte, „Alle wichtigen Systeme funktionieren, jeder hat eine Koje für den Moment, die Kantine ist in einwandfreiem Zustand und wir haben genug Vorräte, um uns bequem ein paar Wochen durchzubringen, dann sollten die vertikale Landwirtschaft und die aquaponischen Anlagen anfangen, Nahrung zu produzieren. Vielleicht nehmen wir auch noch mehr auf, wenn wir Europa erreichen, nur für den Fall.“
„Was funktioniert denn nicht?“, das Mädchen stand auf, um sich einen dritten Nachschlag zu holen.
„Nun, die Hälfte der regulären Mannschaftsquartiere – einschließlich des größeren Teils von denen für die Führungskräfte – sind immer noch nicht fertiggestellt. Das Gleiche gilt für viele Büros und Mehrzweckräume, die VR-Kabinen, Meditationsräume und so weiter, einige der Korridore ... Die meisten unserer Kampf- und medizinischen Drohnen sowie die meisten Geschütztürme müssen noch abschließend geprüft und ausgerüstet werden. Sogar einige der Strahlenwaffen müssen noch ein letztes Mal gesichtet werden, um ihre Genauigkeit zu optimieren.“
Suzy schmunzelte darüber und setzte sich wieder hin, „So durch Zielübungen zum Beispiel?“
Eve erwiderte den Blick des Mädchens mit einem schelmischen Funkeln in den grauen Augen über den hohen Wangenknochen, „In der Tat, das wäre die schnellste Methode der Kalibrierung.“
„Und vergiss nicht die 30 Quadratmeter Hüllenbruch“, Suzy versuchte sich an einer Nachahmung von Dr. Lustig, ihrem Chefingenieur.
Das brachte Eve zum Lachen, „Richtig, der Hüllenbruch. Nun, wir könnten uns einen schönen, besonders leeren Teil des Weltraums suchen und ihn selbst reparieren, aber eigentlich ist das Andocken auf Europa die zweckmäßigere und gründlichere Lösung.“
„Das ist noch zwei Wochen entfernt, richtig?“
Eve nickte und ihre Augen zoomten kurz heraus, als würde sie etwas in ihrer AR-Sicht überprüfen, „Ungefähr. Wir könnten schneller dort sein, aber da wir uns bemühen, unentdeckt zu bleiben und die Zeit gut nutzen können, warum sollten wir?“
„Und auf Europa? Wie lange werden wir dort bleiben?“ Suzy nippte an ihrem Wasser. Ihre Kopfschmerzen waren völlig verschwunden und die Elektrolyte, Ionen, Vitamine und anderen Zusätze, die in ihren Getränken herumschwammen, taten ihre Wirkung, klärten ihre Gefühle und gaben ihr neue Energie.
„Ungefähr eine Woche, schätze ich“, Eve zuckte mit den Achseln, als wollte sie sagen: „Aber ich bin nicht der Experte ...“
Suzy drehte das leere Glas in ihren Händen, unsicher, was sie als Nächstes tun sollte.
„Du solltest dich zeigen, sonst wird es noch schlimmer. Es ist fast Mittag auf dem Mars“, bot Eve an.
„Ist es?“, Suzy sah sich ungläubig um, „Verdammt ... warte ... und wohin soll ich gehen? Was genau machen Schiffsmagier?“
„Wenn sie nicht gerade feindliche Magier abwehren?“, Eve senkte verschwörerisch ihre Stimme, „Meistens forschen sie und bereiten sich vor, soweit ich weiß ... Wie wäre es, wenn du dir dein Büro ansiehst? Es ist fertig und ziemlich schick, wenn ich das so sagen darf.“
Verdammt, Eve könnte aus einem Telefonbuch vorlesen und es so richtig melodisch und sexy klingen lassen. Suzys angeschlagenes Selbstbewusstsein fühlte sich klein und unwichtig neben der imposanten Präsenz der älteren, größeren Frau.
Die Hexe blinzelte, „Moment, ich hab ein Büro?“
„Im Grunde genommen gehörst du zum Führungsstab“, erwiderte Eve, „Es ist nur vernünftig, dich in der Nähe der Brücke arbeiten zu haben, für den Fall, dass du dort gebraucht wirst.“
„Richtig. Ich muss einen Weg finden, das Tor zu öffnen.“
Der gestrige Abend kam immer deutlicher zurück.
Eve nickte, „Das würde ich sehr zu schätzen wissen.“
Suzy schaute zu ihrer Mitbewohnerin und, wie sie vermutete, Vorgesetzten (?) auf. Sie wusste nicht so recht, wie sie als Schiffsmagierin in die Kommandostruktur passte. Oder wie es Eve tat ... KI Ebbon Marshall, der Suzy sozusagen angeheuert hatte, hatte ihr gesagt, dass Eve der Boss sei ... aber das schien Glen nicht zu akzeptieren. Und als sie sich gestern Abend mit Gabriel unterhielt, hatte er ihr erzählt, dass auf seinem Schiff der Kapitän immer das letzte Wort hat. Es sei denn, er wurde voidkrank und musste abgesetzt oder gespaced werden. Wenn er aber nicht wirklich voidkrank war, galt der Versuch, ihn abzusetzen, als Meuterei, was wiederum Verrat war und dazu führen konnte, dass man erschossen oder gespaced wurde. Oder zumindest vor ein Tribunal gezerrt. Und Glen würde definitiv nicht voidkrank werden. Und warum dachte sie überhaupt darüber nach? Ihr Kopf drohte sich unter der Fülle der komplizierten Gedankengänge zu verknoten, also hielt Suzy es für besser, das ganze Bündel einfach fallen zu lassen.
„Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Hast du eine Idee?“, wagte sie, „Ich hätte echt gern ein bisschen von dem Geschenk des Wissens, das du der alten Frau überlassen hast. Du weißt schon, die, von der du mir erzählt hast? Die dachte, du wärst ein Flaschengeist?“
Eves Lächeln wurde breiter, als hätte Suzy ein paar magische Worte gesprochen. Sie holte einen Datenträger hervor und hielt ihn ihr hin. Das Ding sah seltsam aus, dicker als die üblichen dünnen Plastikblätter, auf denen Menschen sonst Informationen für haptischen Komfort austauschten. Es sah eher aus wie eines dieser altmodischen Tablet-Dinger, die Suzy einmal bei einer VR-Tour durch ein berühmtes Museum auf der Erde gesehen hatte.
„Ich bin dir sehr dankbar dafür, dass du das Schiff gerettet hast, indem du das Ritual des feindlichen Magiers zerschlagen hast“, Eves Stimme nahm einen ruhigen Ton an, der Suzy sofort die Ernsthaftigkeit der Situation vermittelte. Sie verstand es nicht ganz, aber ihre Instinkte warnten, dass dies ein wichtiger Wendepunkt in ihrem Leben war. Aber warum sollte das so sein? Sie streckte eine Hand aus, um die Folie zu nehmen, doch Eve zog sie zurück.
„Dies ist ein Handel“, stellte sie klar, „Ich gebe es dir, aber, solange ich nichts Gegenteiliges sage, darfst du niemandem erzählen, dass ich das war. Du darfst es niemandem zeigen und du darfst mich niemals fragen, woher ich es habe. Das nimmst du mit in dein Grab. Haben wir uns verstanden?“
Suzy überdachte dieses ungewöhnliche Geschäft für einen Moment und nickte dann. Eve reichte ihr die seltsame Folie.
In dem Moment, in dem Suzys Daumen die Oberfläche des Objektträgers berührte, floss ein schwacher elektrischer Strom durch ihn hindurch. Die Folie gab ein leises Summen von sich und zeigte etwas an. Suzy studierte die Anzeige.
„Die Folie ist jetzt auf deinen Daumenabdruck und deine DNS programmiert; nur du kannst sie öffnen“, erklärte Eve das seltsame Gefühl, „Trotzdem solltest du sie nicht herumliegen lassen. In den falschen Händen sind dies gefährliche Informationen. Bewahre sie immer gut auf!“
Das Mädchen nickte. Es war ein Buch, realisierte sie.
Der Titel lautete: ‚Ein Anfängerkompendium für gewöhnliche und wilde Magie, mit praktischen Anleitungen für den neuen Anwender‘.
Der Name des Autors war unleserlich, ein seltsames Durcheinander aus runenartigen Kritzeleien. Sie überflog ein paar Seiten. Suzy kannte so ziemlich jedes Lehrbuch zum Thema Magie. Selbst nach fast zehn Jahren gab es kaum eine Handvoll praktisch verwendbarer Texte da draußen. Dieses hier war ganz anders. Es sprach von Magie als einem alltäglichen Phänomen und mit der Autorität einer sehr langen Erfolgsgeschichte. Es verwies auf komplexe Rituale und Runen, als wären sie alltäglich und sehr einfach. Sie verstand fast sofort, warum Eve so vorsichtig damit war. Suzy spürte, wie sich ihre Augen weiteten, als sie zu ihrer Zimmergenossin aufblickte, „Das hier ist kein menschliches Buch, oder?“
Eve lächelte wie eine Lehrerin, der man die richtige Antwort gegeben hatte, „Nein, ist es nicht. Ich habe versucht, es so präzise wie möglich zu übersetzen, aber es gibt einige Worte, für die Standard einfach kein entsprechendes Konzept hat. Außerdem fällt es mir schwer zu verstehen, wie Magie funktioniert. Auch wenn es sich hier um einen Einführungstext handelt, gibt es viele Prinzipien, die ich nicht nachvollziehen kann. Ich bin trotzdem sicher, dass du es aufschlussreich finden wirst.“
„Ist es velorianisch?“, Suzy stellte fest, dass der Aufbau des Buches dem ähnelte, wie ein Mensch die Informationen weitergeben würde, aber es schien keine Hinweise auf den Autor zu geben oder großartig auf die geschichtlichen Hintergründe einzugehen.
„Nein.“
Suzy starrte entgeistert vor sich hin, ihr Verstand zum zweiten Mal erschüttert, „Es gibt noch mehr Aliens da draußen?“
„Natürlich gibt es die“, Eve schnaubte, „Weißt du, wie groß dieses Universum ist?“
„Theoretisch schon ...“, Suzy schloss das Buch und legte es behutsam in ihren Schoß, „Also, nur um das klarzustellen: Du wirst mir nicht erzählen, woher du dieses Buch hast oder woher du eine Aliensprache kennst. Du lässt mich einfach mit dieser riesigen Tüte voller ‘WAS-ZUM-HENKER?‘ hier hängen?“
„Du hast es erfasst“, Eve zeigte ihre perfekten weißen Zähne. Es war kein Lächeln im eigentlichen Sinne. Ihre stählernen Augen wurden für eine Sekunde sehr ernst, während der Tonfall ihrer Stimme eine unausgesprochene Drohung enthielt, „Wie ich schon sagte, das ist Teil der Abmachung, Suzy.“
Suzy spürte, wie ihr der Magen umkippte. Ihre Augen weiteten sich noch mehr, als ihr das kalte Grauen in die Glieder fuhr und ihr der Schweiß am ganzen Körper herunterlief. Sie war aufgeflogen! Aber ... wie? Der Atem blieb ihr im Hals stecken und es fiel ihr schwer, die Worte auszusprechen, „Du ... du weißt es?“
Eve drehte ihren Kopf und wies auf einen der Stühle am Tisch.
„Setz dich“, befahl sie.
Suzy beeilte sich, dem nachzukommen, und faltete ihre kleine Gestalt aus dem Loch in der Wand, nur um zwei Schritte durch den kleinen Raum zu machen und sich auf dem Stuhl niederzulassen. Sie legte das Buch mit ehrfürchtiger Sorgfalt auf den Tisch.
Eve machte einen Schritt zur Seite, drehte sich und setzte sich dem Mädchen mit einer einzigen flüssigen Bewegung gegenüber. Es war, als würde man einer Ballerina zusehen. Die große Frau legte ihre Unterarme in einem präzisen Dreieck mit ihrem Oberkörper auf die kleine Fläche. Dann starrte sie Suzy mit diesen rätselhaften, stahlgrauen Augen an, die sich eine gefühlte Ewigkeit direkt in die Seele des Mädchens zu bohren schienen.
Ihre Knie trafen sich fast unter dem Tisch und die plötzliche Nähe zu dieser unbekannten Gefahr ließ die Hexe innerlich zusammenzucken. Also versuchte sie so zu tun, als hätte sie eine gewisse Kontrolle, auch wenn das eindeutig nicht der Fall war.
Suzy räusperte sich, „Woher?“
„Ich bin diejenige, die dich für diesen Job ausgewählt hat“, Eve zeigte sich undurchschaubar.
„Also. Ich möchte, dass es hier keine Missverständnisse gibt“, sie bewegte ihren Zeigefinger und schloss sie beide mit der Geste ein, „Ich bin hier, um dich zu beschützen, deshalb bin ich sehr dafür, dass wir uns ein Quartier teilen. Deshalb werde ich auch niemandem von deiner Verkleidung erzählen. Genauso wie du niemandem von dem Buch erzählen wirst oder woher du es hast.“
„Aber ...“, Suzys Gedanken rasten vor lauter Adrenalin, „Wenn du mich wolltest und nicht meine Schwester, warum sollte das jemand anderen interessieren? Ich könnte es ihnen doch einfach sagen, oder?“
„Das könntest du“, Eve nickte, „Es wird ihnen wahrscheinlich egal sein, ob du diese oder jene Person bist. Aber es könnte sie interessieren, dass du sie belogen hast. Es könnte sie verletzen, wenn sie herausfinden, dass sie dir vertraut haben, obwohl du über etwas so rudimentäres wie deinen Vornamen gelogen hast.“
Ganz zu schweigen davon, dass sie der Vorahnung, die sie von ihrem eigenen Tod hatte, einen Schritt näher kam, wenn sie ihr Geheimnis preisgab und Glen ihren richtigen Namen und ihre Identität erfuhr. Glen hatte es darin gewusst. Solange er es jetzt nicht wusste, war noch Zeit, es zu verhindern. Aber da war noch etwas anderes ... Suzy dachte an das Geheimnis, das MacAllister letzte Nacht mit ihr geteilt hatte. Er hatte sich ihr gegenüber – einer Fremden, die er erst vor vier Tagen kennengelernt hatte – verletzlich gemacht, indem er sie zu seiner Trinkkumpanin machte und ihr all diese Anekdoten über seine Familie und seine Zeit beim Militär erzählte. Und sie hatte ihm im Gegenzug von ihrer Familie erzählt. Sie hatte es beschrieben, als wäre sie ihre Schwester, als wäre sie Lucy ... Wenn er herausfand, dass sie nicht die war, für die sie sich ausgab ... die, die er erwartete, dass sie es war ... Suzy schüttelte den Kopf. Schuldgefühle rasten durch ihr System. Sie konnte den Admiral nicht so verletzen ... Sie konnte es nicht ertragen, diese Verbindung zu ihm zu verlieren. Sie hatte versprochen, ihm beizubringen seine Magie zu nutzen, um Mars Willen! Aber warum hatte sie das Loch dann noch tiefer gegraben? Sie wusste, dass die Wahrheit irgendwann ans Licht kommen würde ... Marsstaub, es hatte sich gut und richtig angefühlt, sich zu revanchieren, nur ...
Nein, das war alles falsch. Was diese Situation brauchte, war ein Schritt zurück. Die Hexe atmete tief ein und zählte in ihrem Kopf bis zehn.
„Nur, damit ich das richtig verstehe“, Suzy begegnete Eves Blick, „Du willst mir also sagen, dass du diese ganze Scharade angezettelt hast und mich jetzt damit erpressen willst?“
Die andere Frau schüttelte den Kopf.
„Nein. Nun, ja, ich habe es angezettelt, aber ich werde dich nicht damit erpressen. Wenn du die Sache klären willst, helfe ich dir, so gut ich kann“, sie zuckte mit den Schultern, „Früher oder später muss das geklärt werden, und ich würde es vorziehen, wenn es nicht in einer brisanten Situation aufkommt. Ich bin mir nur nicht sicher, wie viel mein Wort dem Kapitän momentan wert ist.“
Wenn die Spannungen in der gestrigen Besprechung ein Hinweis darauf waren, dann würde es Suzy keine Sympathiepunkte bei Glen einbringen, wenn Eves gestand, dass sie diesen Schlamassel verursacht hatte ... Das war alles sowas von daneben.
Sie rieb sich die Schläfe.
„Du musst dich nicht jetzt entscheiden, Suzy. Ich werde es niemandem sagen, bis du es willst.“
„Aber du drohst mir dennoch deswegen?!“, Suzy berührte das Buch leicht mit ihrer linken Hand. Eine Geste, die ihr wieder dieses kalte, raubtierhafte Lächeln einbrachte.
Eves Antwort war sehr ruhig und sehr leise, „Ja. Ich mag dich, Suzy. Und ich brauche dich, um das Tor für mich zu öffnen. Aber wie du sicher schon weißt, gibt es Geheimnisse, die wir für andere hüten, die Vorrang vor unserer eigenen Agenda haben“, Eve tippte auf die gegenüberliegende Seite des Buches, „Dies ist ein Geheimnis, für das ich bereit bin zu töten. Verstehst du?“
Uff! Suzy schluckte schwer. Sie nickte. Marsstaub, war irgendjemand auf diesem Schiff das, was er auf den ersten Blick zu sein schien?
„Gut. Es freut mich, dass wir alle Missverständnisse aus dem Weg räumen konnten“, Eve lehnte sich zurück, „Und es ist ja nicht so, als ob du für dein Schweigen keine Gegenleistung bekommst.“
Suzys Blick verweilte lange auf dem Buch, bevor sie flüsterte: „Ich schätze, die alten Geschichten sind wahr. Es gibt einen Grund, warum all die Geschichten, in denen Menschen einen Flaschengeist um etwas bitten, damit enden, dass sie ihren letzten Wunsch benutzen, um alles wieder verschwinden zu lassen.“
Eve lachte, dieses Mal wirklich amüsiert.
Ihre Stimme klang wie das Klingeln von Glocken, fast fröhlich, aber nicht potent genug, um die Spannung im Raum zu vertreiben.
„Ich glaube, dir ist nicht bewusst, auf welche grundlegende Weise sich unsere Beziehung verändert hat“, Morgans Augen funkelten den blockigen Vollstrecker gefährlich an, „Dies ist jetzt meine Jagd, und du bist nur ein weiterer Kopfgeldjäger, dem es in den Fingern juckt, den Preis zu erhaschen, damit du ihn mir verkaufen kannst.“
