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“Selbst wenn wir unbemerkt hinkämen, wie würden wir das Tor ohne einen velorianischen Magier öffnen?”
“Du übersiehst das Offensichtliche!”, Glen schüttelte den Kopf, “Als die Aliens vor zehn Jahren das verdammte Weltraumtor öffneten, überfluteten sie unser System mit Magie! Wir haben all die menschlichen Magier, die wir brauchen, genau hier!”
~
Ich bin Glen MacAllister, 96, Kriegsheld, Professioneller Dorn im Auge.
Meine hübschen Töchter wurden in den velorianischen Raum gelockt, wie so viele leichtgläubige Mädchen, von denen niemand je wieder etwas hört.
Aber der Feind ist uns auf den Fersen und ich bin gezwungen, mich auf eine Frau zu verlassen, die ich hasse, um die letzten Mitglieder meiner Crew zu befreien und sie sicher vom Mars zu bringen.
Darunter auch unsere “Magierin”.
Ein Mädchen, das nicht ist, wer und was sie vorgibt zu sein.
Lust auf einen Hexenflug ins All?
Wenn du auf charaktergetriebene, actiongeladene Space Opera stehst, die Fantasy und Science Fiction miteinander verbindet, ist dies die richtige Serie für dich!
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2023
Kapitel 1
NICK\\ EIN SCHOTTE UND EIN PILOT GEHEN IN NE KNEIPE ...
Kapitel 2
SUZY\\ WENN KREDITHAIE KREISEN
Kapitel 3
MORGAN\\ DER GROßMAGIER
Kapitel 4
NICK\\ EINE KLEINE RAUFEREI
Kapitel 5
NICK\\ VERSTÄRKUNG
Kapitel 6
NICK\\ VERHANDLUNGEN
Kapitel 7
MORGAN\\ BRAUCHBARE GESCHÄFTSPARTNER
Kapitel 8
SUZY\\ EINE GESCHICHTE VON ZWEI SCHWESTERN
Kapitel 9
GLEN\\ EIN VERFLUCHTER TRAUM
Kapitel 10
NICK\\ ETWAS BEEILUNG, BITTE!
Kapitel 11
NICK\\ NOCH EIN GEFECHT, BITTE
Kapitel 12
EVE\\ DER MARINE UND DER ZWERG
Kapitel 13
SUZY\\ HOLOGRAMME UND SELBSTFAHRENDE AUTOS
Kapitel 14
MORGAN\\ KÖNIGIN DER MARSIANISCHEN UNTERWELT
Kapitel 15
SUZY\NICK\\ TRIFF DIE DURCHGEKNALLTEN TYPEN
Kapitel 16
NICK\\ EINE HOLPRIGE FAHRT
Kapitel 17
EVE\\ UNBEQUEME AUSSICHTEN
Kapitel 18
SUZY\\ FRAGMENTIERTE VISIONEN
Kapitel 19
EVE\SUZY\\ ANFÄLLE, BOMBEN UND EIN ALTER MANN
Kapitel 20
NICK\\ EINE SCHWARZE SCHÖNHEIT
Kapitel 21
MORGAN\\ DIE WUT DER KÖNIGIN
Kapitel 22
SUZY\\ TRIFF DEN BOSS
Kapitel 23
MORGAN\\ INTERESSANTE MÖGLICHKEITEN
Kapitel 24
SUZY\\ UNGEPLANTE MITBEWOHNER
Kapitel 25
SUZY\\ EINE HEXE, SICH SELBST ÜBERLASSEN
Kapitel 26
GLEN\\ EFFEKTIVE WERKZEUGE BEI DER ARBEIT
Kapitel 27
SUZY\\ WARUM HEXEN UND PLÄNE NIE ZUSAMMENPASSEN
Kapitel 28
GLEN\\ PLAN B
Kapitel 29
SUZY\\ DIE HEXE ÜBERNIMMT DAS KOMMANDO
Kapitel 30
NICK\\ MIT KÖPFCHEN FLIEGEN
Kapitel 31
SUZY\\ DIE HEXE, DIE DROHNE UND DER LEICHTE JOB
Kapitel 32
GLEN\\ UNANGENEHME NÄHE
Kapitel 33
SUZY\\ EINMAL MITTELSCHWERE VERWÜSTUNG? KOMMT SOFORT!
Kapitel 34
GLEN\\ IMPROVISATION
Kapitel 35
SUZY\\ WEGE UND VORAHNUNGEN
Kapitel 36
GLEN\\\ OHNE HILFE VON UNSEREM FREUND
Kapitel 37
MORGAN\\ RACHEGEDANKEN
Kapitel 38
EBBON\\ DAS WAHRE GENIE VOM MARS
Kapitel 39
GLEN\\\ DE-BRIEFING
Kapitel 40
SUZY\\ WHISKEY UND HEXEN
Lieber Leser
Hallo, ich bin Kim Nexus!
Auch von Kim Nexus
Hexenflug #02 - Gleich weiterlesen!
Alle Bücher in dieser Reihe
Anmerkung zur 2. Auflage
Dieses Buch ist für Lotte,
die immer stolz auf mich war,
egal, was ich tat.
Ich vermisse dich, Omi!
„So, du hast also endlich dein eigenes Schiff“, sinnierte der alte Mann. Er nahm zwei Walnüsse aus der roten Plastikschale und rollte sie in seinen schwieligen Händen herum, „Käpt‘n Sheridan, aye? Klingt gut.“
„Ja, endlich“, Nick beobachtete, wie ein leichtes Zittern den rechten Zeige- und Mittelfinger des anderen Mannes zucken ließ. Eine Nuss fiel auf den verschrammten Eichentisch. Nick fing sie gerade noch auf, bevor sie über die Kante rollte, und reichte sie zurück. Besorgnis schlich sich in seine Stimme.
„Hast du das untersuchen lassen?“, der junge Mann hob eine Augenbraue und hielt den Blick seines Freundes, während er den letzten Schluck seines Biers leerte. Es war dunkel, bitter und erinnerte Nick an Zuhause.
Der alte Mann zuckte mit den Schultern und kratzte seinen Bart. Die Zahl der weißen Strähnen inmitten des sorgfältig gepflegten roten Durcheinanders hatte seit ihrem letzten Treffen zugenommen.
„Mein KI-Doc sagt, ich halte mich gut. Kommt jedenfalls nicht so oft vor“, Glen drückte die beiden Walnüsse in seiner Faust gegeneinander, bis eine aufplatzte. Er bot sie Nick an, welcher ablehnte, „Es ist eine echte Belastung für meine Trefferquote, sag ich dir. Aber mit 96, was kann man da schon erwarten?“
Glen begann das Fleisch aus der zerbrochenen Nuss zu picken. Waren es schon 96 Jahre? Verdammt, Glen sah keinen Tag älter als 55 aus ... Das war wohl der Effekt von drei Genauffrischungs-Therapien. Nick hoffte, sich selbst so gut zu halten, wenn er in dieses Alter käme.
Er betrachtete seinen Freund mit neuer Wertschätzung. Das Haar, welches immer noch überwiegend rot war, hatte er im Nacken zu einem einfachen Pferdeschwanz gebunden. Die Falten im wettergegerbten Gesicht, von denen Nick wusste, dass sie das Ergebnis einer faszinierenden Reihe von Emotionen waren, die sich dort im Handumdrehen abspielen konnten, hatten sich nur leicht vertieft. Die scharfen smaragdgrünen Augen nahmen ihre Umgebung mit der nachlässigen Leichtigkeit eines Lebens auf, das in allen möglichen Arten von Konflikten verbracht worden war.
Nur eine Sache hatte sich wirklich verändert: Glens Rückgrat war immer grade gewesen und kein noch so beschissener Vorgesetzter, kein noch so schwieriger Untergebener, nicht die Zeit und auch keine Entbehrungen hatten es je zu biegen vermocht. Jetzt wirkte die Haltung des großen Mannes ein wenig geknickt – weniger, als der Tod seiner Frau es für eine lange Zeit bewirkt hatte, aber dennoch spürbar. Und obwohl der subtile Hauch von Autorität, der immer noch wie Tau an einem kalten Morgen an ihm haftete, die dunkle zivile Kleidung wie einen nahen Verwandten der Uniform erscheinen ließ, welche der Admiral mit seiner Pensionierung zurückgelassen hatte, war es immer noch so seltsam, ihn ohne die korrekten Dekorationen und Abzeichen zu sehen ... Es fehlte einfach etwas.
Eine Kellnerin glitt an ihren Tisch heran und ersetzte die leeren Pints durch Whiskeygläser in einer Show wohlgeübter Effizienz. Die kleeblattgrüne Schürze ließ ihre grauen Augen im Kontrast dazu funkeln, während ihr hellblaues Haar im schummrigen Licht des kleinen Pubs leuchtete. Sie schenkte dem jungen Mann ein Lächeln und ein Zwinkern, welches er erwiderte.
„Lass die Flasche einfach stehen, Mädel“, murmelte der alte Mann und nahm sie ihr aus der Hand.
Nick bemerkte das Fehlen eines Rings an ihren langen, kräftigen Fingern. Pianistenhände. Gut für so viele Dinge ... Er kämmte das längere, hellere Haar über seinem aschblonden Undercut mit der rechten Hand zurück und zeigte dabei seinen Bizeps und wie dieser den Ärmel seines Shirts spannte. Er hatte den schelmischen Ausdruck lange geübt, welchen sein jugendliches Gesicht einnahm, sobald die Haarsträhnen erneut vor seine braun-blauen Augen fielen. Die Frau ließ ihre Augen zur Seite gleiten, dann stahl sie einen zweiten Blick, als sie sich abwandte. Japp, funktioniert immer noch wunderbar ...
Glen füllte ihre Gläser mit einer für einen geborenen Schotten ungewöhnlichen Großzügigkeit.
„Also, was gibts, Admiral?“, Nick lehnte sich für einen Moment aus der Sitzecke und genoss den Anblick des davonschlendernden Mädchens. Die Spitze des einfach geflochtenen Zopfes schwang verlockend knapp über ihrem perfekt geformten Hintern.
„Du hast etwas zu feiern, gibt es einen besseren Zeitpunkt um zusammenzukommen?“, Glens Grinsen verriet alles, was er über das Interesse seines jungen Freundes an der Kellnerin zu sagen hatte, während er eines der Gläser herüberschob.
„Wie wäre es mit irgendeinem oder jedem meiner letzten drei Geburtstage?“, Nick verschränkte die Arme und lehnte sich auf seiner Bank zurück.
„Du alterst?“, der alte Mann wackelte spöttisch-überrascht mit seinen buschigen Augenbrauen, „Ist mir gar nicht aufgefallen. Du bist immer noch so verdammt grün hinter den Ohren; 32 und kannst noch immer kein Mädel halten.“
Nick lachte und hob den angebotenen Tumbler zu einem stummen Toast, „Wie auch immer. Was ist mit deinen Mädels? Hast du endlich was von ihnen gehört?“
„Nee“, Adm. Glen MacAllister kostete genüsslich von seinem Whiskey, „Alles, was ich bekomme, sind kurze, spärliche Nachrichten. Die könnte jeder geschrieben haben. Es ist kein Leben darin, kein Feuer. Keine Bilder, keine Anrufe, nichts.“
Nick genoss den musikalischen Rhythmus des schottischen Akzents seines Mentors, auch wenn die resonanten Töne Qualen verbargen. Andere würden es nicht bemerken, aber er kannte den alten Mann zu gut, als dass ihm Glens Kummer nicht in den Ohren knirschen würde. Trotzdem, das war doch übertrieben dramatisch, oder?
„Deine Töchter sind in einem anderen Sonnensystem in einer Pionierkolonie. Sie leben den Traum eines jeden Abenteurers! Wahrscheinlich haben sie keine Zeit, um ihrem alten Herrn einen Epos zu schreiben.“
Glen sah sich um, legte einen Scrambler auf den Tisch und aktivierte ihn, bevor er das Gespräch fortsetzte, „Ne, das glaube ich nicht, Nick. Und das weißt du auch. Etwas stimmt hier nicht. Die Velorianer nehmen unsere Frauen und wir hören nie wieder von ihnen. Wir müssen sie zurückholen.“
Nick lehnte sich vor und schüttelte den Kopf, „Bei dir klingt es, als wären sie entführt worden.“
„Ich glaube, einige von ihnen wurden es. Ich habe Gerüchte über arme Frauen gehört, die überall auf der Erde und ihren Kolonien verschwinden, über verwaiste Teenager und Gefangene, die von kleineren Regierungen in Massen verkauft werden. Niemand will darüber reden, aber irgendetwas stimmt nicht“, Glens Augen waren smaragdgrüne Speere, die sich mit ihrer Zielstrebigkeit in Nicks Schädel bohrten. Verdammt, er meint das wirklich ernst. Aber das kann nicht sein ...
„Dies ist das Zeitalter der freien Information; die Velorianer sind seit fast zehn Jahren hier. Wenn das so wäre, wüssten es dann nicht schon alle?“
„Das ist es, was mich stutzig macht, Bursche“, Glen drehte sein Glas mit nachlässiger Präzision zwischen seinen Händen. Selbst nach vierzig Jahren auf verschiedenen Kapitänsstühlen und sechs im Ruhestand entlarvten ihn diese Hände als den talentierten Nahkämpfer und Scharfschützen, der er war, „Ich habe mit jedem geredet, der etwas zu melden hat und den ich auftun konnte. Ich habe alle Gefallen eingelöst, die ich noch hatte. Nichts. Trotzdem, irgendwas ist los. Ich kann es in meinen Knochen spüren.“
Nicht alle deine Gefallen, dachte Nick. Einen Moment lang juckte sein Rücken mit dem Phantomschmerz längst verheilter Wunden. Die Stille, die das Scramblerfeld erzeugte, war entnervend.
Der Pilot senkte den Blick. „Was sagt das Oberkommando? Du hast doch ein paar Freunde dort, oder?“
Glen schnaubte spöttisch, „Wehleidige Idioten, allesamt. Die meisten haben ihre Nasen so tief im Arsch der IU stecken, dass sie nicht sehen, was vor ihnen passiert. Andere tun so, als würde der Krieg jeden Moment wieder ausbrechen, und beobachten die Russasiaten und die AEC auf jedes Anzeichen von Aufrüstung. Großadmiralin Sorren war die einzige aufrichtige Person, die ich finden konnte.“
„Und?“, Nick schwenkte die bernsteinfarbene Flüssigkeit in seinem Glas und ließ den herzhaften Geschmack von Karamell und Torf durch seine Nase, seinen Mund und seine Lunge ziehen.
Glen schüttelte den Kopf, „Sie ist sich sicher, dass noch jemand im Oberkommando etwas weiß, aber niemand spricht darüber. Es gibt eine Menge Bürokratie und Heimlichtuerei und sie weiß nicht, warum. Es gibt Gerüchte über Leute, die Fragen stellen und dann verschwinden, jedoch keine Beweise.“
Das war ominös. Zugegeben, Sorren war eines der jüngeren Mitglieder des elitären Klubs von fünfzehn Admirälen, welche die Führung der Erdraumflotte bildeten, sie war aber auch eine sehr kluge und hartnäckige Frau. Dass sie nicht auf dem Laufenden war ... das musste ein erstes Mal sein. Auch wenn Nick sie hauptsächlich durch Glens Geschichten kannte, hatte er sie immer als furchtlose, knallharte Strategin wahrgenommen, welche sich nicht einschüchtern ließ. Nicht gerade jemand, den man leicht abwimmeln oder dem man Antworten verweigern konnte.
„Aber sie hat dir das nicht offiziell gesagt, oder?“
„Natürlich nicht“, Glen stieß ein kurzes Lachen aus, „Und wenn ich irgendjemand anderes wäre, hätte sie den Mund gar nicht erst aufgemacht.“
„Wirst du mir diese Geschichte je erzählen?“, versuchte Nick es zum ungefähr tausendsten Mal.
Ginge es um jemand anders, hätte der Pilot auf eine Art romantisches Zwischenspiel gewettet. Aber nicht bei Glen. Der Mann war seit über zehn Jahren Witwer und trug noch immer den einfachen Goldring mit den zwei darauf eingravierten, ineinander verschlungenen Disteln. Und er tat dies nicht nur zur Schau. Glen würde eher als einsamer, unglücklicher alter Bastard versauern, als die Versprechen zu brechen, die er seiner geliebten, verstorbenen Amanda gegeben hatte.
Zumindest glaubte er das jetzt ... Nicks Meinung dazu: Gib einem Mann fünfzig Jahre mehr und lass eine glühend heiße Dame wie diese Kellnerin in sein Leben spazieren ... verdammt, selbst so ein alter Dudelsack wie Glen könnte seine Tonlage ändern.
„Tut mir leid, Junge“, der alte Bär zeigte ihm zwei perfekte weiße Zahnreihen, „die nehm ich mit ins Grab. Schottenehrenwort und so.“
„Na ja, ich musste es versuchen“, Nick kratzte sich die Stoppeln seines Undercuts an der rechten Kopfseite. Ein verhängnisvolles Gefühl, dass die Kacke kurz vorm Dampfen stand und sein sorgfältig rekonstruiertes Leben über den Haufen zu werfen drohte, breitete sich in seinem Hinterkopf aus wie Wolken vor einem Sturm. „Und wie könnte ein kleiner Raumschiffkapitän wie ich dir dann helfen? Der Krieg ist längst vorbei; die Velorianer werden nicht als Bedrohung angesehen. Mein neuer Job ist es, den Asteroidengürtel nach kleinen Piratenverstecken zu durchsuchen. Macht Spaß, bringt genug Geld … aber keinen Einfluss mit sich.“
Glen MacAllister schaute sich um. In der hinteren Ecke spielten eine Gruppe Freunde Dart. Die blauhaarige Kellnerin stand hinter dem massiven Eichentresen und wischte diesen ab. Ansonsten waren sie allein in dem kleinen Pub.
Scheinbar zufrieden lehnte sich der Schotte vor, „Der Einfluss ist kein Problem mehr. Ich habe endlich jemanden gefunden, der zuhört. Jemanden, der bereit ist etwas dagegen zu tun.“
„Wen?“, Nick konnte nicht anders, als sich ebenfalls vorzubeugen.
Glen hob bedeutungsvoll die beiden buschigen Augenbrauen, „KI Ebbon Marshall.“
„Wiebittewas?“, Nick verschüttete fast seinen Drink und schluckte den letzten Schluck hörbar herunter. Der Whiskey brannte in seiner Kehle und er musste ihn aushusten. Bei der Erde! Glen war ein Kriegsheld, ein hochdekorierter Offizier der Raumflotte, aber trotzdem ... „Du hast eine Audienz bei KI Ebbon Marshall bekommen? Wie zur Erde hast du das angestellt?“
„Das ist es ja. Das habe ich nicht. Er ... Es ..., was auch immer, rief mich an. Er beschäftigt sich mit derselben Sache. Frauen verlassen den Mars schon seit Langem in Richtung des velorianischen Raumes. Nicht eine ist zurückgekommen und er will wissen, warum. Er stellt eine Crew zusammen. Er hat ein Schiff“, MacAllister senkte seinen Tonfall noch etwas mehr und füllte die Tumbler nach.
„Was für ein Schiff?“, Nick neigte misstrauisch den Kopf. Wenn die Dinge zu gut klangen, um wahr zu sein ...
„Eines, das durch das Tor kommt“, erwiderte Glen trocken.
Nick lehnte sich verdutzt zurück und schaute sich um. Der große dunkelhaarige Kerl hatte gerade seinen dritten 180er in Folge geworfen – wahrscheinlich eine Sichtverbesserung. Das Mädchen an der Bar polierte eine Reihe von Biergläsern und teilte ein privates Lächeln mit ihm, als sie bemerkte, dass sein Blick auf ihr verweilte.
„Nick, ich brauch deine Hilfe“, MacAllister schob das nachgefüllten Whiskeyglas rüber, „Du bist der beste Pilot, den ich kenne. Keiner kann was du kannst. Wenn uns jemand unbemerkt durch den Asteroidengürtel und nahe ans Tor bringen kann, dann bist du das, Bursche. Hilf mir, meine Mädels zu finden! Hilf mir, all diese verlorenen Frauen zu finden!“
Nick schüttelte den Kopf, „Nein.“
„Bist du nicht das kleinste bisschen neugierig, was da draußen ist? Auf der anderen Seite des Raumtors?“
„Noch mehr leere Sterne. Da sind noch mehr leere Sterne, Glen“, verdammt, das konnte er ihm nicht antun! Er konnte sich das nicht antun! Nick spürte, wie sich leichte Kopfschmerzen bei dem Gedanken an die Implikationen in seinem Schädel ausbreiteten.
„Das sagen uns die Velorianer, aber was ist, wenn sie lügen?“, Glens Stimme war zu einem überzeugenden Flüstern gesunken. Er wusste noch immer, wie man Menschen an ihren Gefühlen packte und mitzog, „Was, wenn sie doch nicht die glorreichen Helden sind, die den Kampf der Menschheit mit sich selbst beendeten? Sie haben uns all diese tolle Technologie gegeben, nur um uns wie ungezogene Kinder in unserem Sonnensystem zu halten, während sie kommen und gehen, wie es ihnen gefällt, während sie unsere Frauen für ihre Kolonien nehmen. Wie kann das richtig sein?“
Glen war sein Freund, verdammt noch mal, sein Mentor. Er war mehr Vater für Nick als es sein richtiger Vater je gewesen war, wenn der junge Mann es sich mal ehrlich eingestand. Und das war er schon so lange. Und genau deshalb konnte Nick nicht mitmachen. Glen konnte es nicht wissen, aber er wäre mit einem anderen Piloten besser dran. Jedem anderen Piloten. Nein, er würde sich da nicht einmischen. Auf gar keinen Fall!
„Das Gras ist immer grüner in anderer Leute Garten, Glen.“
Der alte Bär lehnte sich zurück. Er studierte seinen Freund fast eine Minute lang, bevor er die Frage stellte, die über der eigentlichen lag, der, die er aus Höflichkeit nicht stellen wollte und von der er genau wusste, dass Nick sie sowieso nicht beantworten würde: „Was ist passiert, Nick? Wo ist der junge Midshipman, den ich damals kennengelernt habe, der mit leuchtenden Augen auf mein Schiff stolperte und alles im Weltraum für ein Abenteuer hielt? Wo ist der Midshipman, der mir damals zum ersten Mal die Hand schüttelte, der bereit war, seinen sicheren Platz aufzugeben und durch die Hölle zu gehen, um weiterzukommen, um alles zu lernen, was es zu lernen gab, um besser zu werden?“
Er ist in den Nachwehen eines Krieges gestorben, an den sich heute kein vernünftiger Mensch mehr erinnern will, dachte Nick.
Dann schüttelte er den Kopf und ließ seinen Zeigefinger ganz leicht über den Rand seines Tumblers gleiten, bis das Glas zufrieden zu summen begann, „Du bist in Rente, Glen. Ich habe einen Job. Ich habe endlich mein eigenes Schiff, nach all der Zeit und all der Bürokratie! Ebbon Marshall oder kein Ebbon Marshall, das ist Wahnsinn! Du wirst das Sonnensystem nie verlassen, ohne dass sie es merken. Selbst wenn du es schaffst, unbemerkt hinzukommen, wie willst du es ohne einen velorianischen Magier öffnen?“
„Du übersiehst das Offensichtliche, Nick“, Adm. Glen MacAllister legte den Kopf schief, „Wir brauchen keinen velorianischen Magier. Als sie vor zehn Jahren dieses verdammte Tor öffneten, haben sie unser System mit Magie überflutet. Wir haben all die menschlichen Magier, die wir brauchen, genau hier!“
Suzy sah sich im Hauptbahnhof Bessos City Station um und überlegte, welchen Zug sie nach Hause nehmen sollte. Welcher würde am längsten brauchen oder die aufregendste Aussicht bieten? Verdammt, der Mars im Frühling war der prächtigste Anblick. Nun ... eigentlich war jede Zeit auf dem Mars herrlich. Manchmal war es so schön, dass sie hätte kotzen können.
Und Elonia, die zentrale Kuppel von Ring City, war der Knotenpunkt für alles. So wie RC der Knotenpunkt des Mars war, als Hauptstadt und so. Elonia wurde oft der ‚Smaragd vom Mars‘ genannt, denn ihr größter Teil war ein riesiges Gewächshaus, welches Luft und Nahrung für die acht Dome produzierte, die sich darum drängten. Sogar von Bessos City aus, einer der kleineren Kuppeln, welche mit Elonia verbunden waren, konnte man sehen, wie das Grün die fünf hohen Türme im Zentrum emporwuchs und sich auf 42 Ebenen vertikaler Landwirtschaft zu allen Seiten ausbreitete, bis es am Stahl und Glas endete.
Und das war nur Ring City. Auf dem Mars gab es Städte in allen Formen und Größen, 12.419 Stück zum Zeitpunkt der letzten Zählung. Solange es luftdicht war, war der Rest eine Frage des Designs und der Vorliebe. So viele verschiedene Städte, so viele interessante Dinge zu sehen.
Aber am Ende war es eben alles Mars. Alles war durch die gleichen Hochgeschwindigkeitszüge, Shuttle-Routen und die gleiche Matrix miteinander verbunden und von der gleichen roten, staubigen Sandlandschaft umgeben. Alles ein großer Spielplatz für Marshall Industries. Regiert von KI Ebbon Marshall. Nicht, dass er damit einen lausigen Job gemacht hätte. Kein Durchschnittsbürger einer Kolonie war wohlhabender, gebildeter oder, na ja, egal was, eigentlich. So ziemlich jeder letzte Indikator für menschlichen Wohlstand war auf dem Mars maximal ausgereizt. Bis auf die Gesundheit, natürlich. Keine Kolonie konnte in dieser Hinsicht mit Lunas dritter Kolonie, Sparta, mithalten.
Warum also wollte Suzy immer nur endlich weg von diesem gefrorenen roten Staubball, etwas wirklich anderes, etwas wirklich Neues sehen? Warum blieb ihr Blick nie an der Schönheit vor ihr hängen, sondern wanderte immer nach oben?
„Tut mir leid, Miss. Sind Sie von hier? Können Sie mir helfen? Ich scheine mich verlaufen zu haben“, unterbrach eine hübsche Brünette Suzys Grübelei und drängte sich von der Seite an das Mädchen heran.
Sie wedelte eine transparente Datenfolie mit einer Karte von Ring City in einer absolut übermanikürten Hand; ein Schwebewagen mit einem großen Stück Gepäck hing ihr wie ein Hündchen an den Fersen. Ihre Kleidung wirkte auf Suzy sehr modisch, aber was wusste sie schon? Lucy würde es wissen. Vielleicht würde sie ein Bild in ihrem Kopf knipsen und es ihrer Schwester später zeigen.
„Oh“, die Frau hielt verstört inne, als ihr Blick Suzys traf.
Ja, das war eine Reaktion, die das Mädchen oft bekam. Es lag an ihren leuchtend violetten, mit goldenen Sprenkeln durchsetzten Augen. Suzy lächelte die Brünette freundlich an, und die Frau schüttelte ihren hübschen Kopf, einmal, als müsse sie ihre Gedanken auf diese Weise manuell neu ordnen. Auch eine übliche Reaktion. In Verbindung mit den schulterlangen violetten Haaren, den zwei schwarzen Piercings unterhalb ihrer Unterlippe, einigen mehr in der Helix ihres rechten Ohrs und ihrem allgemein abgewetzten Aussehen kamen die meisten Leute schnell zu dem Schluss, dass Suzy abgefahrene Kontaktlinsen trug oder irgendeine Art von genetischer Veränderung hatte machen lassen, um ihre Augen in diesem unnatürlichen Ton zu färben.
„Ja, ich bin von hier“, Suzy streckte eine Hand aus. Sei immer höflich zu den Touristen, hatte ihre Mutter ihr beigebracht, Die wissen es nicht besser, „Wo wollen Sie denn hin?“
Die Frau reichte ihr die Datenfolie, „Ich muss zur Silicon Station. Dort werde ich aufgesammelt.“
Aber ganz definitiv, dachte Suzy und musterte kurz den üppigen Busen der Frau.
„Kein Problem. Also, wir sind jetzt in der Bessos City Station“, sie tippte auf die Mitte der Kuppel, die auf der Karte der Frau mit ‚Bessos City‘ markiert war, „Sie sollten den Schnellzug nach Silicon in 15 Minuten von Bahnsteig 3 nehmen. Es ist supereinfach, sich hier fortzubewegen. Wenn Sie von einer Kuppel im Ring zur nächsten wollen, gibt es immer einen Zug, der im Uhrzeigersinn und einen, der gegen den Uhrzeigersinn durch alle Kuppeln fährt. Sie können auch einen Zug nach Elonia im Zentrum nehmen und dann wieder nach außen fahren. Das ist meistens schneller, wenn man auf die andere Seite des Rings will.“
„Wow! Ist das Elonia?“, die Frau war Suzys Geste zum Bahnsteig gefolgt, blickte nach oben und deutete nun auf die riesige Kuppel in der Ferne.
„Ja, das ist es“, Suzy rollte mit den Augen, aber nur innerlich. Wer wusste schon, woher die Frau kam. Wenn sie von der Erde war, hatte sie wahrscheinlich seit ... Äh … noch nie so viel gesundes Grün gesehen.
„Ist das …?“, der Zeigefinger der Frau fuchtelte auf und ab.
„Der größte Turm ist die Zentrale von Marshall Industries, ja“, warum hatten alle Touristen immer die gleichen Fragen? Für eine vermeintlich vielfältige Rasse war die Menschheit sehr berechenbar. Zumindest in Form von Touristen auf dem Mars ...
„Sie erkennen es am Logo, sehen Sie?“, Suzy zeigte auf das riesige Logo an der Spitze des Turms, eine einfache Überlagerung der Buchstaben ‚M‘ und ‚I‘.
„Und die anderen?“, die braunen Augen der Frau wurden größer.
„Der Kleine auf der rechten Seite ist der Turm der Magiergilde. In dem auf der linken Seite ist die velorianische Botschaft untergebracht – er ist also größtenteils leer. Die anderen gehören auch zu Marshall Industries“, zählte Suzy ihre Nachbarn auf. Sie tat ihr Bestes, um sich zu beherrschen, hörte im Hinterkopf, wie ihre Mutter sie ermahnte, Verständnis für Unwissenheit aufzubringen. Sie hatte damals nicht Touristen gemeint, aber es war das gleiche Prinzip ...
„Und haben Sie–“, begann die Frau, dann blickte sie nach unten und sah die Funken, die sich um Suzys geballte Faust formten. Sie machte einen langsamen Schritt rückwärts, wobei sie fast über ihren Schwebewagen stolperte, „Also ... da lang, richtig? Bahnsteig 3?“
„Genau“, Suzy nickte und hielt ihr die Datenfolie mit einem süßen Lächeln hin, „Einen schönen Aufenthalt.“
„Ja, danke; ist gut, behalten Sie sie!“, die Frau eilte davon, ihr Wagen folgte ihr dicht auf den Fersen.
Suzy rollte unverhohlen mit den Augen und schlenderte in die entgegengesetzte Richtung, während sie die Karte ihrer Heimat studierte. Sie kannte sie auswendig. Wenn man sein ganzes Leben lang auf eine Stadt beschränkt war, selbst eine so große wie RC, kam man an einen Punkt, an dem man alle Straßen durchwandert und alle Sehenswürdigkeiten gesehen hatte. Nach fast 21 Jahren gab es nicht viel, was sie nicht über die Hauptstadt wusste. Oder über Mars.
„Da ist sie ja!“, schnitt eine raue Männerstimme in die Gedanken der jungen Frau, „Und wir dachten, wir erwischen dich nie außerhalb von Elonia. Ist, als ob du uns aus dem Weg gehst. Magst du uns etwa nicht mehr?“
Ein Ring von Typen, die zu groß waren, um nicht illegale Chemikalien oder Gentherapie missbraucht zu haben, bildete sich um Suzy. Sie sah sich um. Dieser Teil der Station war leer. Anscheinend wollte um diese Tageszeit niemand zum Dyamandis Circle. Die stärker befahrene Strecke zum Kottla-Platz lag nur hundert Meter weiter links, war aber im Moment wegen eines Marketing-Stunts mit drei gigantischen, mehrdimensionalen Holoschirmen außer Sichtweite. Verdammt!
„Drei Milliarden Menschen auf dem Mars, und ich treffe ganz zufällig auf dich? Hast du mich etwa beschatten lassen, Jordan?“, Suzy sah sich nach einem Fluchtweg um und zählte die Hände, die lässig in Taschen steckten, als höchstwahrscheinlich bewaffnet.
„Vielleicht. Du bist echt schwer zu finden“, Jordan schritt in einem langsamen Kreis um sie herum und sie musste sich drehen, um ihn im Blick zu behalten.
„Ich hab noch ne Woche Zeit, also was willst du?“, Suzy war versucht, einen Notruf zu tätigen, aber wenn Jordan mit einem reden wollte, tat man das nicht. Dann passierten schlimme Dinge. Schlimmere Dinge, als wenn man nicht anrief ...
„Ich? Also, was könnte ich schon wollen?“, der blockige Schläger strich seine glatte schwarze Mähne zurück, „Außer vielleicht ein kaltes Bier oder eine heiße Blondine?!“
Klar, als ob irgendjemand jemals dieses hässliche Gesicht küssen würde, außer für Geld ... Okay, und vielleicht seine Mutter, … so nach fünfzehn Pintchen ‚Martian Gold‘. Einige der anderen Kerle lachten. Es waren fünf plus Jordan. Suzy wusste, dass sie es nicht mit allen auf einmal aufnehmen konnte ... ihre Chancen wären hauchdünn gewesen, selbst wenn sie alle eine Reihe gebildet und ihr den ersten Schlag bei jedem überlassen hätten. Suzy war zwar nicht so hilflos, wie sie aussah, aber ihr Körper konnte halt nur so viel Energie kanalisieren ...
Sie änderte ihre Taktik, hörte auf, sich mit dem Vollstrecker zu drehen, und begann, in ihrem eigenen Kreis zu tigern, gegen den Uhrzeigersinn zu Jordan. Dies hielt die großen Kerle davon ab, sich ihr immer weiter zu nähern, und schien den mit dem holografischen Tattoo auf dem Bizeps ein wenig schwindelig zu machen, als er von seinem Boss zu ihr und wieder zurück blickte.
„Okay, also was will Mal?“, dies war ein öffentlicher Bahnhof, verdammt; wo war MSec, wenn man sie brauchte?
„Mal will sichergehen, dass du ihr Geld hast“, Jordan setzte ein Piranha-Grinsen auf. Die freudige Erwartung, die darin lag, verhieß nichts Gutes.
„Ich habe es!“, Suzy ballte trotzig ihre Fäuste.
„Das sagst du. Aber ich sehe nichts“, die Augen des Mannes verengten sich zu Schlitzen und bewegten sich wie glitschige Schlangen an ihrem Körper auf und ab. Es ließ Suzy innerlich erschaudern.
„Weil ich noch eine Woche Zeit habe!“, sie hob protestierend beide Augenbrauen.
„Nicht so frech, Mädchen. Mal mag keine vorlauten, kleinen Gören“, seine Augen wechselten zu einer anderen Nuance raubtierartigen Lichts, „Hey, ist deine Schwester nicht auch blond?“
„Lass ja meine Schwester da raus!“, presste Suzy durch zusammengebissene Zähne, „Ich hab euer Geld.“
Da war wieder diese Enge in ihrer Brust, die immer eintrat, kurz bevor sie sich in Schwierigkeiten brachte. Suzy versuchte, es herunterzuschlucken. Jordan machte sich nur über sie lustig. Wenn er hier wäre, um sie aufzumischen, hätte er sich nicht so einen öffentlichen Ort ausgesucht, oder? ... ODER?
„Also hast du es jetzt nicht?“, er hörte auf zu kreisen, lehnte sich zurück und verschränkte die Arme.
„Ich werde es nächste Woche haben, wie abgemacht. Und jetzt lasst mich, ich verpasse meinen Zug“, Suzy wich aus, um zwischen zwei der Schläger hindurchzuschlüpfen, jedoch schossen deren Hände vor und eine traf sie an der Schulter, sodass sie rückwärts stolperte.
„Siehst du, Mal glaubt nicht, dass du ihr Geld hast. Sie will, dass ich dafür sorge, dass du es auch wirklich besorgst“, Jordan trat in den Ring der Schläger. Er schüttelte sein Handgelenk aus. Ein schwarzer, ausfahrbarer Schlagstock glitt aus seinem Ärmel.
Suzy trat einen weiteren Schritt zurück, „Hör mal, Jordan. Bist du sicher, dass du das willst? Hier? Wie du weißt bin ich ein Magierin.“
„Richtig, ich weiß über euch Magier Bescheid“, der Schläger schwang seinem Schlagstock testweise. Das scharfe, zischende Geräusch ließ Suzys Zähne in Protest gegeneinander knirschen.
Scheiße!
Scheiße, Scheiße, Scheiße!
„Ihr braucht all diese Tränke und Zaubersprüche und Zeugs. Du hast nichts dabei“, das Mädchen stieß an eine Wand aus Fleisch. Jordan nickte knapp. Eine kräftige Faust schoss aus dem Ring, kollidierte mit Suzys Seite und brachte sie dazu, sich zusammenzukrümmen. „Ohne Atem, denk ich, kannst du auch keine Zaubersprüche sprechen.“
Jordan stürzte sich auf sie, Schlagstock in der Hand. Suzy hob die Datenfolie hoch und hielt sie wie einen Schild vor sich. An sich war die kleine, flexible Kunststofffolie kein ernstzunehmendes Hindernis. Die violette Energie, welche ihre Hände verließ und in die Folie schoss, war etwas Anderes. Das Material verhärtete sich und leuchtete wie eine Mini-Supernova. Jordans Augen weiteten sich, aber es war zu spät. Beim Aufprall schoss die Energie durch den Schlagstock in sein Hand. Er grunzte wie ein Gnu im Todeskampf; seine Waffe fiel zu Boden.
„Schnappt sie euch!“, röchelte er, die Hände schützend über seine Augen geschlagen.
„Kommt schon, Jungs! Werdet ihr wirklich so gut bezahlt, dass ihr riskieren wollt, verflucht oder verwandelt zu werden oder so?“, versuchte es Suzy.
Die Typen hielten kurz inne, dann sagte ein Kerl mit einem grünen Buzzcut: „Wir sind fünf und sie ist winzig!“
Marsstaub. Die konnten zählen.
Suzy ging zu Boden und rutschte zwischen zwei Beinen so groß wie Baumstämme durch. Sie packte einen Unterschenkel, während Blitze noch immer ihre Hand durchströmten, und spürte, wie sich die Muskeln zusammenzogen und wie Bretter versteiften. Der wikingerähnliche Hüne ging zu Boden. Etwas Metallisches schlug auf dem Boden auf und klapperte davon.
Eine riesige Hand griff nach ihr, aber sie wich aus und kam im vollen Sprint hoch. Als sie durch den Holoschirm sprang und auf den nächsten Bahnsteig hetzte, wo gerade ein Zug ausfahren wollte, schwebte von rechts ein leerer automatischer Gepäckwagen auf dem Weg zu seinem nächsten Herrn heran. Gerade noch rechtzeitig griff Suzy nach dem Lenker und sprang drüber. Der Wagen hielt sofort an, als seine Sensoren ihre Bewegung registrierten. Genauso wie Buzzcut.
Sie hörte einen dumpfen Aufprall, als Fleisch auf Fleisch stieß, und dann einen zweiten, als Fleisch auf dem Beton aufschlug. Die junge Frau erreichte den Zug, sprang hinein und drehte sich um, um zu sehen was geschah.
Zwei Schläger lagen ausgestreckt auf dem Boden, was einen Dritten total behinderte. Das halbe Dutzend Menschen auf dem Bahnsteig ging ihnen aus dem Weg. Einige bemerkten nicht einmal, dass etwas nicht stimmte.
Die Türen des Zuges waren fast zu. In wenigen Sekunden würde der Zug abfahren, noch bevor die Schläger sie erreichten! Suzys Herz hüpfte vor Freude, jedoch nur für einen Moment. Dann fiel es wie ein Stein.
Ein kleiner Junge stand neben den Holoschirmen. Zu jung, um es besser zu wissen, hob er das auf, was sie nur hatte herunterfallen und davonschlittern hören, und beäugte es neugierig. Suzy war sich nicht sicher, wie, aber sie wusste, dass die Sicherung nicht aktiv war. Der Junge schaute in den Lauf einer geladenen Pistole. Wenn er den Abzug drückte ... Suzy knallte ihre Hand zwischen die Schiebetüren und sprintete wieder auf die Plattform, bevor sie Zeit gehabt hätte, darüber nachzudenken.
„LASS DAS FALLEN!“, schrie sie, die Hand in Richtung des Jungen ausgestreckt.
Natürlich hörte sie niemand, da der Zug in diesem Moment davonrauschte. Die Kraft sammelte sich in ihren Fingerspitzen und verließ sie so rasch, dass es sie ins Stolpern brachte. Der Junge ließ die Waffe hastig fallen und hielt sich die Hände, als hätte er auf eine heiße Herdplatte gefasst. Weinend rannte er zu seiner Mami. Das Schießeisen prallte auf dem Beton ab und fiel in einen Gully.
Suzy blieb stehen und drehte sich hastig um. Sie kam noch etwa zwei Schritte, bevor große Hände sie an den Schultern packten und vom Boden hoben. Sie versuchte, die Hände zu erreichen, aber Buzzcut schlug seine Faust seitlich gegen ihren Schädel. Sterne explodierten vor ihren Augen. Das kribbelnde Gefühl in ihrer Hand verschwand. Verwirrung machte sich breit. Verdammt, warum war auf einmal alles wie in Watte eingepackt? Die vielfarbigen Phantome der Holo-Grafiken umspülten sie, als sie durch die Bildschirme zurückgeschliffen wurde. Warum fiel sie?
Suzy versuchte, sich zu fangen, aber ihre Glieder bewegten sich zu langsam. Schläge und Tritte begannen auf sie herabzuregnen. Ihre Lippe riss auf, und etwas Warmes lief über ihr Gesicht. Scheiße tat das weh.
Der Schmerz hielt eine Ewigkeit an, vermischte sich mit mehr und mehr Schmerz. Dadurch baute es sich zu einem Crescendo auf, von dem sie verzweifelt hoffte, dass es nie kommen würde und welches sie mit einem dumpfen Grauen erfüllte.
Dann verhallte es. Die großen Kerle, welche die Sonne blockierten, traten zurück.
„Also, das ist interessant“, durchbrach Jordans Stimme die Verwirrung. Er kniete sich neben sie, „Ich habe noch nie gesehen, dass ein Magier so einen Scheiß fertig bringt. Hatte dich für eine von diesen verwöhnten elonischen Gören gehalten. Aber du hast was drauf.“
Er stieß ihre Schulter mit etwas Kaltem und Metallischem an. Suzy rollte auf den Rücken, und dort, jenseits der Glaskuppel, war der klare, prächtige Marshimmel, der ihre ganze Sicht ausfüllte. Zumindest dort, wo kein roter Schleier ihn verdeckte. Sie konnte sehen, dass Phobos noch da war. Der Mond rief nach ihr. Das leise Summen eines elektrischen Feldes registrierte sie erst, als sich ein kaltes, rundes Ding mit einem Loch in der Mitte gegen ihre Stirn drückte. Eine Gaußpistole. Tiefsitzende, primitive Angst verdrängte die Trübheit in ihrem Kopf.
„Kein Grund, sich aufzuregen. Du schuldest immer noch Geld. Das hier ist nur ein Vorgeschmack darauf, was passieren wird, wenn du nicht zahlst“, der Druck auf ihren Schädel ließ nach, als er die Waffe langsam zurückzog. Jordans Gesicht bewegte sich ganz nah zu ihrem, seine Stimme ein knirschendes Flüstern, „Und denk dran, Schlampe: Bevor ich dich lege, finde ich deine süße Schwester und geb ihr ne Probefahrt. Schulden bei Mal sind immer Familienangelegenheiten.“
„Wag es ja nicht“, flüsterte Suzy zurück. Der Schmerz in ihren Knochen ließ nach, als eisige Kraft durch sie hindurchglitt, von allen Seiten hereinströmte und sich in ihrem Magen sammelte.
„Was sagst du?“, die Augenbrauen des Vollstreckers senkten sich in stummer Drohung.
„Keiner rührt! ...Meine! ...Schwester! ...AN!“, Suzy hustete und ballte die Fäuste. Sie nahm die Energie in sich auf und schlug ihre Fäuste im Takt mit ihrem letzten Wort auf den Boden. Eine Welle kinetischer Energie fächerte sich um sie herum in alle Richtungen auf. Die Betonplatte unter ihr zerbrach. Die Männer wurden nach außen geschleudert, weg von ihr. Das Schwindelgefühl kam als Nächstes, die übliche Nebenwirkung von zu viel Magienutzung. Es versuchte, sie niederzuringen, aber sie kämpfte dagegen an, hielt sich an der eisigen Energie fest und saugte sie gierig aus dem Beton und der roten Erde darunter auf.
Suzy erhob sich schwankend. Die Schläger lagen überall verstreut. Jordan fummelte nach seiner Waffe. Ohne zu überlegen, streckte Suzy ihre Hand aus. Die Waffe klapperte, als sie über den Boden, direkt vom Bahnsteig und zwischen die Schienen segelte.
„Sag Mal das hier von mir: Mein Wort ist gut. Ich werde ihr das Geld besorgen. Sie soll meine Familie aus der Sache raushalten“, ihre Zähne klapperten, als hätte sie hohes Fieber, und verzerrten ihre Worte.
Jordan, eine tiefe Wunde in seinem Gesicht, hielt Suzys Blick noch einen Moment lang stand. Wo vorher Belustigung, Arroganz und später Verärgerung auf sie gerichtet waren, sah sie jetzt eine Welle aus bodenlosem, brodelndem Zorn. Gerade war es persönlich geworden. Er wollte sie jetzt wirklich umbringen. Verdammt sei ihr Eigensinn! Suzy wünschte, sie hätte einfach die Klappe gehalten und die Prügel eingesteckt, als noch Zeit dafür war. Jetzt hatte sie sich nicht nur verraten, sie würde auch noch so viel Ärger bekommen … von Allen.
Sie wusste, dass sie das alles sehr bald gewaltig bereuen würde.
Schreie hallten von der anderen Seite des Bahnsteigs herüber. Stiefel trampelten über den Boden.
„Hier spricht Marshall Security: Stehen bleiben!“
Jordan fluchte und sprang in einer nicht gerade fließenden Bewegung auf. Die Schläger rannten los und verteilten sich in alle Richtungen.
Zwei Polizisten eilten herbei. Einer von ihnen schoss zwei der Schläger mit Betäubungsbolzen nieder, dann dirigierte er eine Handvoll kleiner Flugdrohnen, um die übrigen zu verfolgen.
Der zweite Beamte näherte sich Suzy, seine Waffe auf sie gerichtet, und trat ganz langsam auf sie zu, „Miss, ich möchte, dass Sie sich hinknien und die Hände auf den Kopf legen.“
„Tolles Timing“, murmelte das Mädchen betrunken, „Marsstaub, Paps wird mich umbringen ...“
Dann fiel Suzy Lisbeth Magecraft, Tochter von Magiergildengroßmeister Trafford Montgomery Magecraft, in Ohnmacht.
Es war so megamäßig peinlich ...
„Warum kommen wir nicht zur Sache?“, Morgan gestikulierte mit der charmanten Höflichkeit, die ihn in seinem Leben schon in die Nähe von so vielen wichtigen Ohren gebracht hatte.
Dem Großmagier noch eine weitere halbe Stunde lang zuzuhören, während er selbst mit dem Kopf wippte und bei passenden Gelegenheiten lächelte, war nicht seine Vorstellung von einem lustigen Nachmittag. Und es schien, als gäbe es hier nichts Neues zu erfahren. Schade.
Als Oberhaupt seiner eigenen Gilde sollte Magecraft eigentlich viele Verbindungen pflegen und in den interessanten Klatsch und Tratsch eingeweiht sein, auch wenn die Magier erst vor nicht ganz zehn Jahren in diesem System aufgekommen waren. Aber damals war die verstorbene Fr. Magecraft der eigentliche Antrieb gewesen und hatte die Gilde um ihren Mann herum aufgebaut, während dieser fröhlich mit seinen neu erworbenen Fähigkeiten spielte. Magecraft selbst war ein Angeber und Aufschneider, dem es gründlich an der nötigen Einsicht und dem Taktgefühl fehlte, um mit nennenswertem Erfolg zu netzwerken. Der Mann hatte seinen Nutzen, ließ sich leicht ablenken und gab bereitwillig die wenigen Informationen, die er besaß, preis. Seine Nähe und seine geschäftlichen Verbindungen zu seinem direkten Nachbarn, Marshall Industries, erhöhten seinen Wert für Morgan deutlich.
Heute jedoch tanzte der Magier mit der Eleganz eines Elefanten um das Problem herum, welches der Informationsbroker für ihn lösen sollte, was dessen Nerven deutlich strapazierte. Trotzdem lächelte Morgan und sprach sanft. Er wusste nur zu gut, welch großen Wert man aus Menschen wie Magecraft ziehen konnte. Sie waren wie Apfelbäume. Man musste sie mit Bewunderung und Komplimenten gießen, ihnen helfen, sich aufzurichten und ihren Platz an der Sonne zu finden. Erst dann trugen sie die reifen Früchte der Information. Das Problem war, dass Magecraft selbst nach fünf Jahren von Morgans Arbeit immer noch nicht richtig Fuß gefasst hatte. Er hatte eine hohe Meinung von sich selbst, war damit jedoch so ziemlich der Einzige. Die Leute respektierten ihn nicht genug, um ihm die wirklich interessanten Dinge anzuvertrauen, sodass Morgan sie auch nicht von Magecraft erfahren konnte. Tage wie heute führten dazu, dass sein Interesse an dem Großmagier schwand. Der Mann war ein Langweiler und zu 95 % der Zeit ziemlich nutzlos. Morgan glaubte langsam, dass seine Zeit hier eine vergeudete Investition darstellte.
Wie es die Leute sagten, vielleicht brauchte die Gilde neue Führung. Obwohl kompetente Menschen schwieriger zu handhaben waren, hatten auch sie ihren Nutzen ...
„Was kann ich also für Euch tun, Großmagier Magecraft?“
„Ja, Sie haben natürlich recht, wie immer“, seufzte Magecraft und drehte seine Teetasse in einer nervösen Geste zwischen seinen Fingern, „Ich habe ein ... Problem, bei dem ich Ihre Hilfe brauche, Hr. Morgan.“
„Und ich helfe wie immer gerne, werter Freund“, Morgan setzte seine Tasse ab. Sie war ein kleines, zierliches Ding, aus echtem Porzellan und auch nicht 3D-gedruckt. Es hatte wahrscheinlich ein Vermögen gekostet, sie in einem Stück zum Mars zu bringen. Morgan juckte es jedes Mal, wenn er hier zum Tee eingeladen wurde, in den Händen, die Tassen auf dem Boden zu zerschmeißen.
„Es ist eigentlich nicht so sehr Hilfe als vielmehr Rat, den ich brauche“, Magecraft ließ seine Tasse in Ruhe und begann stattdessen, seinen Schnurrbart zu zwirbeln.
Er war ein kleiner Mann mit einer Beleibtheit, die nicht zu einem Marsianer passte. Aber Mars und seine Bewohner wurden immer weicher, da der bequeme Lebensstil, den ihr Gouverneur ihnen ermöglichte, die letzten Reste von Härte und Unsicherheit verdrängte, von denen man gemeinhin erwartete, dass sie die tägliche Erfahrung eines Kolonisten prägten. Die Kleidung des Großmagiers ähnelte sehr dem, was Morgan von Zauberern in alten Fantasy-Büchern gesehen hatte: schwingende Roben mit komplizierten Mustern und aufgestickten Runen. Das kurze Haar und der lange Bart des Magiers ergrauten mit gleichmäßiger Beharrlichkeit, obwohl Morgan mit Sicherheit wusste, dass der Mann erst 62 war. Es unterstützte das angestrebte Bild, könnte man sagen.
„Wie Sie wissen, ist meine Tochter sehr gut mit Magie“, begann Magecraft schließlich.
„Das habe ich schon gehört. Sie hat bei den intergalaktischen Magieprüfungen den ersten Platz belegt, nicht wahr?“
„Ja, ja. Sie ist mein Augenstern. Ich möchte mich nie von ihr trennen ... Sie erinnert mich so sehr an ihre Mutter. Nicht, dass ihre Mutter in ihrem Alter Magie hatte – niemand von uns hatte das, wie Sie wissen. Aber trotzdem erinnern mich ihre Strebsamkeit und Entschlossenheit sehr an meine Betty-Sue ...“, Magecraft seufzte und blickte verzagt in den wirbelnden Nexus aus Milch, der sich in seinem süßen Tee auflöste.
Morgan zählte bis 226, bevor er sich erneut vorwagte, „Das klingt alles sehr gut.“
„Ja, ja, das ist es. Das ist es. Aber jetzt will KI Ebbon Marshall, dass ich sie auf irgendeine privat finanzierte, streng geheime Mission schicke“, Magecraft raufte sich höchst dramatisch die Haare.
Morgan wurde hellhörig. Gab es hier doch noch etwas Interessantes zu erfahren? „Was für eine Mission?“
„Oh, ich weiß es nicht“, Magecraft setzte seine Teetasse mit mehr Nachdruck als nötig ab. Es erweckte den Eindruck eines verwöhnten Kindes, welches seinen Teddybär zu Boden wirft, um sich bemerkbar zu machen, „Das ist das Schlimmste daran! Er hat es mir nicht einmal gesagt! Worum es hier geht, meine ich. Er plapperte von einer Art Integrationsübung für ein paar hohe Tiere in seiner Firma, aber als ich nachfragte, wann sie zu Hause sein würde, gestand er mir, dass er sie zum Jupiter oder so schicken wolle. Zum Jupiter! Wir waren noch nie jenseits dieses Planeten, nicht einmal auf der Erde, und er will meine süße kleine Blume zum Jupiter schicken! Er hat mir nicht einmal gesagt, auf welchen Mond! Für ein ganzes Jahr!“
Morgan runzelte die Stirn, „Ich wusste nicht, dass Marshall Industries solche Projekte rund um Jupiter plant.“
„Jedenfalls nicht offiziell. Ich habe die Matrix überprüft. Keine Pressemitteilungen, nichts“, Magecraft sprang von seinem Stuhl auf und begann, hin und her zu wandern, „Das ist unerträglich! Sie haben also nichts davon gehört?“
Morgan schüttelte den Kopf, „Ich kann mich natürlich bei meinen Quellen erkundigen.“
„Tun Sie das, bitte. Ich will wissen, wohin meine kleine Blume fliegen soll“, der korpulente Magier wackelte zum Fenster hinüber und fummelte an den dicken Vorhängen herum. Sie spiegelten den Mann genauso wider wie die übrige Einrichtung des großen Salons: sehr aufdringlich und übertrieben.
„Nun, können Sie nicht ‚Nein‘ sagen?“ Morgan wusste natürlich, wie hoch die Schulden waren, die Magecraft im Laufe der Jahre bei Ebbon Marshall und seinen Firmen angehäuft hatte. Hätte er es nicht gewusst, hätte ihm die Anspannung, die wie reife Gewitterwolken über das Gesicht des anderen Mannes zog, sofort den vollen Durchblick gegeben, „Ich verstehe.“
Ein Aufruhr lenkte die Augen der beiden Männer zur Tür. Sie hörten das empörte Kreischen eines Mädchens, vermischt mit beruhigenden Tönen eines dunklen Männerbaritons und zwei weiteren, weniger markanten Stimmen. Ein scharfes Klopfen tönte durch den Salon.
„Was nun?“, murmelte Magecraft und bürstete unsichtbaren Staub von seiner Robe, während er seine kurze Gestalt aufrichtete, „Herein!“
Ein Sergeant von Marshall Security war der erste, der eintrat, gefolgt von zwei jüngeren Offizieren, welche ein junges Mädchen halb zwischen sich eingekeilt trugen. Die kleine Gruppe zog einen Schweif aus Hauspersonal und Magiestudenten hinter sich her, so wie ein Komet Staub und Geröll nach sich zieht. Das Mädchen veranstaltete ein ziemliches Gezeter, was wahrscheinlich die Ursache für die Versammlung war. Magecrafts Assistentin, eine ältere Frau mit einem immerwährenden milden Gesichtsausdruck, versuchte ihr Bestes, um die kleine Prozession unter Kontrolle zu bringen. Doch ihre leise Stimme erreichte die lärmenden Gaffer nicht. Schließlich drehte sich der Sergeant um und funkelte die Leute an, die sich auf dem Flur tummelten.
„Ich bitte Sie!“, seine Stimme knallte wie eine Peitsche, „Dies ist eine Privatangelegenheit. Seien Sie so freundlich, diesen Zirkus aufzulösen. SOFORT!“
Die Zivilisten fielen zurück in den Korridor, und die Assistentin schloss die Tür mit einem nachdrücklichen Knall. Sie lehnte sich gegen die Tür, und ein verzagtes Schnaufen entwich ihrer kleinen Gestalt, als sie ein Taschentuch hervorzog, um sich damit das Gesicht abzutupfen.
„Verzeihen Sie die Störung, Großmagier“, ihre winzige Stimme zitterte, „Die Herren sagten, es sei wichtig.“
„Es war ein Unfall!“, schimpfte das Mädchen mit den lilafarbenen Haaren und Augen, „Sie waren hinter mir her! Ich hab mich nur verteidigt! Das ist alles ein großes Missverständnis. Ich weiß nicht einmal, wer die waren!“
„Suzy Lisbeth Magecraft, bist du etwa betrunken?“, die Augen des Großmagiers weiteten sich ungläubig. Der Schock in seiner Stimme wirkte ein wenig übertrieben, aber wahrscheinlich meinte er es tatsächlich ernst ...
„Nein!“, es hörte sich aber doch ganz danach an, „Ich habe nichts falsch gemacht, Paps! Ich–“
Magecraft rieb sich die Stirn und hielt seine Linke hoch, um eine Rune in die Luft zu zeichnen. Das Mädchen sprach weiter, aber kein Ton verließ ihre Lippen. Sie versuchte ein paar weitere Worte und stampfte dann mit dem Fuß auf den Boden, ihr Gesicht wutentbrannt. Da er sie in den letzten Jahren oft getroffen hatte, sah Morgan sofort, dass sie in keinem guten Zustand war. Vielleicht war es sogar der schlechteste, in dem er sie je erblickt hatte. Ihre dunkle, schäbige Kleidung war schmutzig und an ungewollten Stellen zerrissen, ihr Gesicht wies zwei zusammengeflickte Platzwunden auf und während er zusah, vertiefte sich ein blauer Ring um ihr linkes Auge. Sie hielt sich wie jemand, der kaum in der Lage war, selbst zu gehen.
„Das ist eine Schande ...“, seufzte Magecraft und schenkte dem Sergeant seine volle Aufmerksamkeit, „Also, was hat sie dieses Mal angerichtet?“
Der Polizist bemühte sich, sein Unbehagen zu verbergen, sodass Magecraft den leicht vorwurfsvollen Tonfall wahrscheinlich nicht bemerkte, „Ihre Tochter wurde von sechs Männern angegriffen; wir sind noch nicht sicher, warum. Sie hat sich mit Magie verteidigt und dabei einen immensen Sachschaden an Bahnsteig 5 in Bessos City Station angerichtet. Soweit wir das beurteilen können, hat sie auch einem Kleinkind das Leben gerettet. Da sie noch minderjährig ist und in dieser Sache das Opfer zu sein scheint, hat Marshall Security beschlossen, sie gehen zu lassen. Wir möchten jedoch, dass Sie ein Auge auf sie haben. Sie darf den Planeten nicht verlassen, bis dieser Fall geklärt ist.“
„Und der Schaden?“, Magecraft seufzte erneut, als ob sich das Gewicht des Mars auf seine Schultern gelegt hätte. Es war wahrscheinlich gut, dass er zu viel Angst hatte, den Planeten zu verlassen. Sollte er jemals auf einer Welt mit ausgeprägteren Gravitationskräften stranden – zum Beispiel auf der Erde – würde er wahrscheinlich nie genug Kraft finden, um aus dem Bett zu kommen.
Die Augen des Sergeants wanderten zwischen Tochter und Vater hin und her und nahmen dabei die allzu dramatische Umgebung in sich auf, „Die endgültige Beurteilung steht noch aus.“
„Ich werde jemanden schicken, der sich das mal anschaut“, Magecraft nickte selbstverloren, „Bahnsteig 5, sagten Sie?“
„Ja. Das würde sicherlich zu ihren Gunsten wiegen“, eine nichtssagende Höflichkeit, da der Sergeant ganz offensichtlich nicht davon überzeugt war, dass dies etwas bringen könnte, „Es ist hauptsächlich kaputter Beton.“
Der Großmagier nickte wieder, nicht ahnend, wie wenig Vertrauen der andere in die Fähigkeiten seiner Magier hatte, „Danke, dass Sie sie nach Hause gebracht haben, Sergeant.“
„Kein Problem. Es tut mir leid, dass wir Ihr ... Treffen gestört haben“, der Mann blickte auf den schön gedeckten Tisch und begegnete Morgans Blick nur eine Sekunde lang, bevor er in dünn verschleiertem Unbehagen wegschaute. Morgan schenkte ihm nichtsdestotrotz ein freundliches Lächeln.
„Einen schönen Abend, meine Herren. Junge Dame“, der Sergeant winkte seinen Männern, das Mädchen gehen zu lassen, und sie zogen sich alle in eifriger Eile zurück.
Suzy Magecraft verschränkte die Arme, ihr Fuß trommelte immer noch lautlos auf den Boden. Ihr Vater seufzte. Sobald die Sicherheitsleute gegangen waren, fiel er in sich zusammen wie ein Luftballon, dem schlagartig die Luft entweicht.
„Ich will es gar nicht wissen“, erklärte er seiner Tochter, „Oh, warum kannst du nicht mehr wie deine Schwester sein?“
Suzy legte den Kopf schief, und ihre Augen verengten sich noch mehr, als sie Morgan erblickte. Sie hatte schon immer mehr gesunden Menschenverstand als ihr Vater besessen.
„Geh ... Geh einfach und mach dich frisch. Wir reden später darüber“, Magecraft machte eine Geste. Die Magie löste sich auf und das Mädchen drehte sich um und stapfte mit mehr Bravour davon, als sie wahrscheinlich verspürte. Morgan konnte sehen, wie ihre Hände zitterten, als sie eine weißknöchelige Faust öffnete, um die Tür aufzustoßen.
„Und was soll ich mit ihr machen?“ Magecraft setzte sich. Er zuckte zusammen, als die Tür zuknallte, „Sie sind Zwillinge. Wie kann die eine so intelligent, fleißig und ganz und gar wunderbar sein und die andere so ... anstrengend?“
„Nun ...“, Morgan machte eine nachdenkliche Geste, „diese beiden Probleme, die Sie haben, könnten eine gemeinsame Antwort beinhalten.“
Magecraft zog die Stirn in Falten, „Wie meinen Sie das?“
Morgans ließ seine Stimme wie Seide und Honig klingen, „Hat Ebbon Marshall Ihnen gesagt, welche Ihrer Töchter er haben will?“
Magecraft drehte sich um und warf einen Blick auf die Tür, „Nicht in so vielen Worten, nein ...“
Er wandte sich wieder an Morgan, „Glauben Sie, das könnte funktionieren?“
Das Lächeln auf dem Gesicht des Informationsmaklers wurde eine sorgfältig kalkulierte Stufe breiter.
Nick setzte das VR-Headset ab und hängte es vorsichtig auf einen Haken in der kleinen Kabine. Obwohl er eigentlich nichts getrunken hatte, kribbelten seine Geschmacksknospen noch immer von dem dunklen, kräftigen Geschmack des guten Scotchs. Oder, um genauer zu sein, von der Erinnerung an einen echten guten Scotch, den er zuvor in MacAllisters Gesellschaft genossen hatte. Die Verschmelzung des Headsets mit seinem Gehirn auf elektronischer Ebene ermöglichte es dem Gerät, die Nervenbahnen und Erinnerungen zu stimulieren, die Nick zuvor mit dem Trinken der bernsteinfarbenen Flüssigkeit verbunden hatte, was das Wiedererleben umso realistischer gestaltete.
Man konnte auch über seine Gehirn-Computer-Schnittstelle (oder Brain Computer Interface/BCI) eine brauchbare VR-Erfahrung genießen, da das Implantat direkt mit den Gedanken und Sinnen verbunden war. Einige Leute waren sogar sehr gut darin. Glen war der lebende Beweis dafür, dass man sein Gehirn zu hoher Effizienz in Bezug auf Realismus und Energieaufwand trainieren konnte. Allerdings hatte nicht jeder den Willen – und die leicht schizophrene Denke –, sein Quartier immer perfekt so aufzubauen, dass es das eigene Zuhause nachahmte, damit man so tun konnte, als würde man mit seiner Familie zu Abend essen oder frühstücken und so manche ungestörte Stunde mit einem AR-Schatten seiner Frau zu verbringen. Oh, und viel Glück bei der Suche nach einer Frau, die bereit war, dieses Spiel jahrzehntelang mitzumachen ...
Ohne diese Art von umfassendem Training wiederum erzeugte eine direkte Übertragung durch das BCI selten eine so realistische Illusion wie ein VR-Headset, vor allem aufgrund der lokalisierten Natur des Implantats und seiner Neigung, die Energiereserven des Gehirns zu erschöpfen, wenn man es so hart arbeiten ließ. Die daraus resultierende Verschwommenheit brachte auch das Risiko mit sich, dass man seine Erinnerungen durcheinanderbrachte und sie zu einem großen Haufen Kauderwelsch verschmolz, da jedes Mal, wenn man auf eine Erinnerung zugriff, die Neuroplastizität eine Umschreibung bedingte.
Aus diesem Grund bevorzugte Nick den Luxus einer VR-Kabine, besonders wenn er längere Meetings erwartete, da er damit einen saubereren Zugang hatte. Sie waren nicht so gut, um neue Dinge zu erleben, da jedes Gehirn anders war und das Headset in diesem Fall nicht erkennen konnte, welche bereits aktiven Bahnen es noch mehr stimulieren musste. Deshalb waren die vollwertigen Spielkabinen auf der anderen Seite des Raumes auch deutlich teurer. Außerdem boten sie mehr Platz, 360°-bewegliche Böden und Holoemitter.
Als er sich wieder im Hier und Jetzt eingefunden hatte, verließ Nick die Kabine und warf nur einen flüchtigen letzten Blick auf die VR-Abteilung, bevor er hinausschlenderte. Sein Treffen mit Glen hatte ein seltsames Gefühl in seinem Magen hinterlassen. Er war sich einfach nicht sicher, was er davon halten sollte. Nachdem er so lange gesessen hatte, brauchten seine Beine Bewegung. Dies half seinem Verstand beim Nachdenken.
Also verließ er den Spielhallenbereich mit seinen Kabinen, Roboter- und Holospielen, um sich unter die rund zwei Millionen Menschen zu mischen, die sich in dieser metallenen Stadt in der Mars-Umlaufbahn tummelten.
Es überraschte Nick immer wieder, wie unterschiedlich die Leute waren. Menschen von überall auf der Erde, dem Mars und aus den Kolonien trafen sich hier, um Geschäfte zu tätigen, Urlaub zu machen oder sich auf den Weg zu einem anderen, weiter entfernten Ziel zu begeben. Hauptsächlich Letzteres. Die Raumstation Wayfinder war ein zentraler Transitpunkt, an dem Menschen und Waren umhergeschoben wurden wie auf einem altweltlichen nahöstlichen Basar.
Nick genoss die geschäftige Betriebsamkeit an diesem Ort. Es war ein willkommener Kontrast zu der stillen Effizienz, welche auf einem Militärschiff außerhalb von Kampfhandlungen herrschte. Seit dem Krieg waren Gefechte nur noch selten. Das Aufspüren von Piraten hatte bisweilen Priorität, aber meistens würde sein Schiff im Patrouillendienst unterwegs sein. Da passierte nicht viel. MacAllisters Angebot war verlockend, da es den Nervenkitzel von etwas Neuem versprach.
Aber es war auch gegen das Gesetz. Man durfte nicht einfach versuchen, durch das Tor zu fliegen, selbst wenn der Magier tatsächlich in der Lage wäre, es zu öffnen. Der Akt an sich könnte zu einem massiven politischen und speziesübergreifenden Konflikt führen. MacAllister war einer der hellsten Köpfe, die Nick je gekannt hatte; wie konnte er das nicht sehen? Er hatte natürlich recht, Frauen verschwanden. Aber dies war nicht gerade ein Geheimnis. Der Ruf nach willigen, abenteuerlustigen Gefährtinnen, den die Velorianer fast von Anfang an propagierten, um mit ihnen neue, weit entfernte Kolonien zu besiedeln, hatte vielen Menschen Hoffnung gegeben. Menschen abseits der strahlenden Zukunft, welche die Raumfahrt regelmäßig zu versprechen und selten zu liefern pflegte.
Außerdem gab es noch andere Gründe, seinem alten Freund abzusagen. Nicht, dass er sich gerne mit diesen beschäftigte. Darüber zu Grübeln könnte sie verwirklichen.
Nick blieb an einem Holoschirm stehen und sah zu, wie irgendeine Berühmtheit mit zu viel genetischer Überarbeitung eine Dose Limonade anpries. Sie hielt die Dose in der Hand, wackelte mit ihren Brüsten und ihrem Katzenschwanz, während sie auf einem Hoverboard in halsbrecherischer Geschwindigkeit über die sonnenverbrannte Oberfläche einer blauen Wüste raste. Ein unnatürlich muskulöser Typ rauschte von der Seite an, und sie teilten einen suggestiven Moment. Nick fühlte dieses Stechen des Verlangens tief in seinem Inneren. Es war menschlich und zu erwarten, wenn man so viel Zeit abseits von Leuten verbrachte, mit denen man anbandeln konnte. Er schüttelte den Kopf, angewidert von sich selbst, und ging weiter.
Der Geruch von würzigen Köstlichkeiten lockte ihn in das Restaurantviertel, wo die Stimmen der Menschen jeden Winkel besiedelten, der nicht bereits überfüllt war. Vor den Restaurants, die den Korridor auf beiden Seiten säumten, stand eine Reihe beweglicher Hütten, welche kleine Imbissbuden enthielten, zwischen denen noch kleinere Wagen mit Fingerfood und Süßkram eingekeilt waren. Es war ein Labyrinth aus Farben, Gerüchen und Stimmen. Es war auch ein taktischer Albtraum und eine Brandgefahr. Nick liebte es! Er liebte es, in das pure, ungehemmte Gefühl von Leben einzutauchen, während er von einem Verkaufsstand zum nächsten schlenderte. Kein Grund zur Eile. Sein neues Schiff lag noch im Dock und würde erst in einer Woche fertig sein. In einem Anfall von koffeingetränktem Eifer hatte er schon vor Wochen alle Handbücher gelesen, den ganzen Papierkram ausgefüllt und konnte sein neues Zuhause bereits mit verbundenen Augen manövrieren.
Kapitän Nick Sheridan.
Das hörte sich gut an. Es war in der Tat ein langer Kampf gewesen. Zu lang, um ihn einfach aufzugeben, egal wie viel angenehmer und aufregender es wäre, wieder unter MacAllister zu dienen ... wieder zu fliegen. Verdammt, dieser Gedanke war Nostalgie. Wenn er seinen neuen Posten einfach sausen ließ und verschwand, war seine Karriere vorbei. Das Oberkommando würde es wahrscheinlich sogar als Vertragsbruch ansehen und ihn hart bestrafen. Sollte er es zurück schaffen.
Nick wurde von einem dunkelroten Gulasch in Versuchung geführt, welches die feinen Härchen in seiner Nase, allein durch den Geruch, der aus dem Topf wehte, spontan verglühen ließ. Der Verkäufer nahm Nicks Geld und gab ihm Brot, 3D-gedruckt in Form einer Schüssel, randvoll gefüllt mit seinem würzigen Essen. Nick verstand kein Wort von dem, was der Mann grummelte, also lächelte er nur zurück, nickte dankend und nahm einen essbaren Löffel aus dem Gestell, auf das der Verkäufer zeigte. Nur gehobene Restaurants und Schiffsmessen machten sich noch die Mühe, echtes, mehrfach verwendbares Geschirr zu benutzen. Und Ressourcen zu verschwenden, indem man etwas nur herstellt, um es später wegzuwerfen, galt im Weltraum als schweres Verbrechen. Es war nicht strafbar, nur sehr verpönt bei allen, die hier ihren Lebensunterhalt verdienten.
Das Gulasch war köstlich, brannte sich seinen Weg abwärts und wärmte Nicks Innereien. Er konnte Koriander und Ingwer darin schmecken. Das hier war weit entfernt von den makro- und mikronährstoffoptimierten Shakes und Riegeln, welche bei der ESF als Essen durchgingen.
Während er durch die Korridore schlenderte und seine Umgebung in Augenschein nahm, erhaschte Nick einen Blick auf blaues Haar und cappuccinofarbene Haut, der ihn innehalten ließ. Er senkte seine Schüssel und reckte den Hals. Da war sie wieder.
Er trat an eine der Hütten heran und spähte um die Verkleidung herum in den dahinter liegenden Korridor. Die Frau stand vor einem Automaten, der mit Elektronik und Souvenirs gefüllt war. Ihr Haar hatte die Farbe eines antiken karibischen Ozeans im Sommer und fiel in einem ordentlichen Zopf bis zum unteren Rücken, wobei die Spitze beinahe ihren wohlgeformten Hintern streifte. Sie war groß, vielleicht 1,90 m. Größer als sie es in der VR-Bar gewesen war.
Aber in der VR konnte man sein, wer immer man sein wollte. Diese Frau war nicht unbedingt die Kellnerin, die MacAllister und seine Drinks serviert hatte. Sie war größer, ihre Körperhaltung gerade und kontrolliert, möglicherweise militärisch. Mit der unscheinbaren Kleidung, die sie trug, dunkel und langweilig neben dem Leuchtfeuer ihres Haares, war es ein Leichtes, sich in jede Menschenmenge einzufügen.
Nick wollte gerade zu dem Schluss kommen, dass diese Frau nicht in seiner VR-Erfahrung gewesen sein konnte, als sie über ihre Schulter blickte. Ihre Augen trafen seine für den kürzesten Moment, und sie lächelte. Es war ein kleines, kokettes Lächeln, genau wie das, welches ihm die Kellnerin geschenkt hatte. Ihr Gesicht war ebenmäßig, mit feinen Linien. Darin dominierten eine gerade Nase und hohe Wangenknochen, unter welchen sich leichte Schatten abzeichneten. Perfekt gezupfte dunkelbraune Augenbrauen, die sich über großen, stahlgrauen Augen wölbten. Alle Proportionen waren perfekt ausbalanciert und schufen eine Blaupause für Schönheit.
Verdammt, diese Frau war im realen Leben noch viel schärfer! Seiner Erfahrung nach war es normalerweise genau umgekehrt. Und sie schien auch noch in seinem Alter zu sein, irgendwo in den Mittdreißigern.
Die Frau drehte sich um und schlenderte in wortloser Herausforderung davon. Nick blickte auf die Schale in seiner Hand. Das war unmöglich ein Zufall. Mit hoher Wahrscheinlichkeit war es eine Falle. Er schluckte noch zwei Löffel mehr von seiner Mahlzeit runter, während er hinter der fremden Frau hereilte. Sie glitt mit der Eleganz einer Schlange durch das Menschengedränge. Ihre langen Beine vergrößerten die Distanz rasch. Nick entdeckte eine Öffnung zwischen zwei Ständen und wagte sich in den Gang, der parallel zu dem verlief, in dem sich die Frau befand.
„Hier, ist lecker“, er streckte das halb verzehrte Essen aus und der Bettler, welcher vor einem geschlossenen Restaurant herumlungerte, schnappte es sich mit einem verdutzten Blick.
„Danke, Mann“, murmelte er und atmete den Geschmack mit einem breiten Grinsen auf seinem hageren Gesicht ein, „Is wohl mein Glückstag!“
Ja, ich wünschte, es wäre auch meiner, dachte Nick. Oder vielleicht war es das ja. Die Freude an der Herausforderung, welche diese seltsame Frau darstellte, erfüllte seinen Körper mit Energie. Sein Verstand kam in Fahrt, während er ihre möglichen Fluchtwege durchdachte. Er hatte sich schon lange nicht mehr so lebendig gefühlt. Es gab keinen Zweifel: Sie wollte, dass er ihr folgte. Die Frage war nur, warum. Und wer war sie?
Nick fand sein Ziel wieder, sah sie durch die wenigen unverbauten Flächen zwischen den Hütten sowie durch die oberen Hälften der kleinen Karren. Sie bewegte sich in einer geraden Linie, was es ihm leicht machte, ihr zu folgen. Bis sie es nicht mehr tat. Von einer Lücke zur nächsten war sie einfach weg.
Nick blieb stehen, kehrte um und quetschte sich zum Parallelweg durch, wobei er die Augen offen hielt. Wohin könnte sie verschwunden sein? Es gab einen weiteren Korridor, der im rechten Winkel abzweigte. Verdammt! Ihr in das Händlerviertel zu folgen, war ein Glücksspiel. Aber hey, was hatte er sonst noch für heute geplant? Während sie die letzten Tests durchführten, durfte niemand außer der Konstruktionsmannschaft an Bord seines neuen Schiffes sein, und ein weiterer Tag, an dem er Spezifikationen und Sicherheitsverfahren studierte, würde ihn vermutlich vor Langeweile umbringen ...
