Himmel, Herz & Halleluja - Karin Melchert - E-Book

Himmel, Herz & Halleluja E-Book

Karin Melchert

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Beschreibung

Er war perfekt, dieser Mann. Zu perfekt, um wahr zu sein. Und dazu auch noch attraktiv. Vielleicht stimmten die Gerüchte? Sicher war nur eines: Er verhielt sich ganz und gar nicht wie ein Priester. Was verbirgt sich hinter seiner makellosen Fassade, und warum ist er ausgerechnet in dieses kleine Dörfchen versetzt worden? Um das herauszufinden, wagt Anne, die zur Kirche steht wie der Teufel zu Weihwasser, drei Wochen vor Weihnachten einen ungewöhnlichen Schritt: Sie tritt dem Kirchenchor bei – offiziell, um ihre Singstimme zu verbessern. Doch schon bald bringt er nicht nur ihre Stimme, sondern auch ihr Herz aus dem Takt.

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Seitenzahl: 110

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Buchbeschreibung
Prolog
Papa und der Priester
Gloooooria!
Leise rieselt der Schnee
O Holy Night
Danksagungen
Vom Singen und von Liebesdingen
Das Lied vorm Tod
Garaus im Weinhaus
Fachbücher von Karin Melchert

Karin Melchert

Himmel, Herz & Halleluja

Eine Weihnachtsgeschichte

Kurzroman

Texte: © 2025 Copyright by Karin Melchert

Cover: © 2025 Copyright by Karin Melchert

[email protected]

Herstellung: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Köpenicker Straße 154a, 10997 Berlin

Buchbeschreibung

Er war perfekt, dieser Mann. Zu perfekt, um wahr zu sein. Und dazu auch noch attraktiv. Vielleicht stimmten die Gerüchte? Sicher war nur eines: Er verhielt sich ganz und gar nicht wie ein Priester.

Was verbirgt sich hinter seiner makellosen Fassade, und warum ist er ausgerechnet in dieses kleine Dörfchen versetzt worden?

Um das herauszufinden, wagt Anne, die zur Kirche steht wie der Teufel zu Weihwasser, drei Wochen vor Weihnachten einen ungewöhnlichen Schritt: Sie tritt dem Kirchenchor bei – offiziell, um ihre Singstimme zu verbessern. Doch schon bald bringt er nicht nur ihre Stimme, sondern auch ihr Herz aus dem Takt.

Prolog

Unser lieben Frauen Der traumete ein Traum, Wie unter ihrem Herzen, Gewachsen wär ein Baum. Kyrie Eleison. Und wie der Baum ein Schatten gab Wohl über alle Land, Herr Jesus Christ, der Heiland, Also ist er genannt. Kyrie Eleison.

Wie es passieren konnte, dass Anne Mertens, bekennende Atheistin und mit der Kirche auf Kriegsfuß, freiwillig dieses geistliche Volkslied – das höchstwahrscheinlich irgendwann vor 1602 geschrieben wurde – voller Inbrunst am Heiligen Abend in der Dorfkirche ihres Heimatortes schmetterte, davon erzählt die folgende Geschichte.

Papa und der Priester

Es war kurz nach 10:00 Uhr, als die Haustürklingel zum zweiten Mal an diesem Morgen krächzte wie ein Rabe – meinen Vater störte der heisere Klang offenbar nicht, sonst hätte er das Ding längst repariert. Beim ersten Mal hatten die Nachbarn von gegenüber mit einer Flasche Sekt und einer Tüte Plätzchen vor der Tür gestanden. Diesmal war es ein Mann. Genauer gesagt, ein Baum von einem Mann. Ein Exemplar, das mir auch dann aufgefallen wäre, wenn es sich nicht mit hoheitsvoll erhobenem Haupt und stolzer Brust vor mir aufgebaut hätte, als gehöre ihm unser Haus. Seine blendend weißen Zähne und die freundlichen Augen strahlten mich auf gleicher Höhe an – dabei stand er auf der vorletzten Treppenstufe und ich nicht. Er trug eine schwarze Anzughose, einen schwarzen Pullover und hatte pechschwarze Haare mit ein paar distinguierten grauen Strähnen. Überhaupt war alles an ihm – bis auf die Hautfarbe – schwarz. Und makellos. Nur die Fußbekleidung, spitz zulaufende rotbraune Schlangenlederstiefeletten, die wohl eher in eine Cowboybar gepasst hätten, harmonierten so gar nicht mit dem Rest. Es war der Anblick dieses Restes, der mir vorübergehend die Sprache verschlug, weswegen mir die naheliegendste Frage nicht über die Lippen kam: Was will der hier?

»Bin ich hier richtig bei Heinz Mertens?«, fragte der Baum, der makellose. Fast makellose. Eine winzige Kleinigkeit – sie befand sich am Kragen, direkt überm Adamsapfel – sprang mir irritierend ins Auge. Sie war es auch, die alle meine Fragen auf einen Schlag beantwortete. Leider. Denn die Antwort gefiel mir nicht. Sie bestand aus einem weißen Rechteck. Dieses stellte recht anschaulich dar, dass es sich bei ihm nicht um eine Solo-Version von der Sorte handelte, die normalerweise im Doppelpack erscheint, um jedem, der es hören mag oder nicht, die Rettung vor dem prophezeiten Ende der Welt versprach. Es handelte sich vielmehr um einen Anhänger einer anderen Gattung: der christlich-katholischen. Und damit um den Dorfpriester. Trotzdem blieb die Frage: Was will der hier? Die Antwort lag eigentlich auf der Hand: In unserem Provinznest war es Tradition, dass bei runden Geburtstagen ab der großen Acht die halbe Dorfbevölkerung auf der Matte stand – eingeladen oder nicht. Dazu gehörte neben Nachbarn, Freunden, dem Bürgermeister und dem Metzger des Vertrauens natürlich auch der lokale Seelenhirte. Und der lächelte mich schief an, während er in meine leicht verstörte Miene blickte. Mein Papa und ich waren keine regelmäßigen Kirchgänger. Nicht einmal unregelmäßige. Genau genommen waren wir, was Kirchenbesuche anging, strenge Abstinenzler und hatten das Gotteshaus seit der Beerdigung meiner Mutter vor fünf Jahren, wenn überhaupt, nur von außen gesehen. Zugegebenermaßen sah meine Frequentierung der Kirche vor ihrem Tod auch nicht besser aus, trotz ihrer Bemühungen, mich zu einer vorbildlichen Katholikin zu erziehen. In dieser Hinsicht kam ich ganz nach meinem Vater. Meine Mutter dagegen hielt zeitlebens an ihrem Glauben fest und verpasste weder eine Messe noch eine Rosenkranzandacht. Als sie noch lebte, lebte auch Pfarrer Humperdinck noch. Er hatte meine Eltern getraut, mich zwei Jahre später getauft, nach weiteren acht Jahren durch den Kommunionsunterricht geführt und mir die erste Hostie auf die Hand gelegt. Wenige Jahre später hatte er den Heiligen Geist über mich gerufen. Glaubt man meinen Eltern, war der nie angekommen – sonst wäre ich neurologische Fachärztin, Staranwältin oder Ingenieurin im Fachbereich Nukleartechnik geworden. Die Wahrheit war, ich war ein Naturmensch und liebte Pflanzen – egal ob Blumen, Bäume, Zierpflanzen oder Kräuter. Hauptsache Botanik. Und damit wollte ich beruflich zu tun haben. Den Wunsch hatte ich mir erfüllt. Ich war Floristin geworden. Den Traum, einen eigenen Blumenladen zu besitzen, musste ich nach der Heirat leider begraben. Mein Mann Frank liebte es, mit mir durch die halbe – ach, was sage ich – die ganze Welt zu reisen, vorzugsweise 1. Klasse, 5-Sterne und niemals unter Champagner-Niveau. Da sein Einkommen dafür nicht ausreichte und ein Blumenladen keine sicheren Einnahmen versprach, nahm ich eine Stelle in einer Gärtnerei an. Bis heute bin ich ihr treu geblieben. Normalerweise wäre ich auch an diesem Montagmorgen dort, wenn ich nicht anlässlich des Geburtstages meines Vaters auf dessen Schwelle stünde – vor einem wildfremden Geistlichen, wegen dem mir tausend Fragen durch den Kopf schossen: Woher wusste er von dem Geburtstag? Wieso kam er, obwohl mein Vater nie in die Kirche ging? Wie würde Papa reagieren? Worüber sollte man mit einem Kirchenmann reden? Oder präziser: Worüber sollte ich mit ihm reden? Papa war nicht gerade der geborene Plauderer. Alles, was nichts mit Holz- und Zimmerarbeiten (seinem Beruf) oder Fotografieren (seinem Hobby) zu tun hatte, kommentierte er mit höchstens drei Worten. Und ich war mir ziemlich sicher, der Herr vor unserer Haustür wollte weder ein neues Regal bauen noch die Lichtverhältnisse für Landschaftsaufnahmen diskutieren.

Also, warum stand er hier? Wäre es nicht viel logischer – und für mich nervenschonender –, wenn anstelle dieses stämmigen Exemplars von einem Mann der Nikolaus an der Tür geklingelt hätte? Mit roter Mütze, Rauschebart und einem Sack voller Süßigkeiten. Schließlich war heute der 6. Dezember. Das hätte zumindest etwas weihnachtliche Stimmung verbreitet und mich weniger verunsichert. Aber nein, stattdessen bekam ich einen Geistlichen, der mich mit seiner makellosen Erscheinung aus dem Konzept brachte. »Baumgarten«, stellte sich mein Gegenüber vor, und ich musste mich stark zusammenreißen, um nicht loszulachen. Ein Baum namens Baumgarten – das passte ja wie die Faust aufs Auge.

»Alles okay?«, fragte der Baum mit besorgt hochgezogenen dunklen Brauen, von denen sich eine deutlich mehr bog als die andere. Irgendwie niedlich.

Ich räusperte mich ausgiebig und brachte ein wenig überzeugendes »Oh, nur was im Hals« hervor, wobei ich sicher noch weniger souverän aussah als zuvor.

Gedämpfte Stimmen aus dem Wohnzimmer, ein Klirren von Sektgläsern, gefolgt von einem Toast der Gäste auf meinen Vater, erinnerten mich daran, warum der ungebetene Gast hier war. Es wurde höchste Zeit, ihm Einlass zu gewähren. Mein Vater streckte bereits den Kopf zur Küchentür heraus. Dies zum Anlass nehmend trat Pastor Baumgarten unaufgefordert ein und marschierte direkt auf meinen Vater zu, der ihm die Hand entgegenstreckte. Der Geistliche ergriff sie beherzt und schüttelte sie mit den Worten: »Gott segne Sie.« Dann folgte er Papa in die Küche. Ich schloss die Haustür und schlurfte den beiden mit zwiespältigen Gefühlen hinterher. Einerseits sah der Kirchenmann ja sympathisch aus, andererseits bereitete mir seine Anwesenheit Kopfschmerzen. Der auf der Eckbank sitzenden, fünfundsiebzig Jahre alten Nachbarin mit nahezu leerem Sektglas schien es ähnlich zu gehen. Als sie den Pfaffen sah, verschluckte sie sich an der angeknabberten Salzstange. Ihr unwesentlich älterer Ehemann, der sich gerade noch über ihre Trinkgewohnheiten ausgelassen hatte, verstummte. Er sagte auch nichts, als sie den Rest des Glases auf Ex runterkippte. Vielmehr sah er aus, als wollte er es ihr nachtun, um möglichst schnell die Biege zu machen. Er und seine Frau gehörten – genau wie wir – der ehrenwerten Bruderschaft an, die Kirchensteuer als überflüssig und Religion als Hauptursache zahlreicher Übel ansah.

»Grüße Sie Gott«, rief Pastor Baumgarten charmierend in den Raum, trat ein und steuerte mit gewinnendem Lächeln und ausgestreckter Hand auf die beiden zu. Ihnen blieb nichts anderes übrig, als seinen Gruß händeschüttelnd zu erwidern und sich zu einem Lächeln durchzuringen. Das von Nachbar Ed sah deutlich gezwungener aus als das von seiner Ehefrau Netty. Sie schien sogar von dem freundlichen Herrn angetan zu sein. Kein Wunder. Einen so adretten Gottesdiener hatten wir im Dorf noch nie gesehen. Pastor Humperdinck und seine Kollegen, die ihn manchmal vertreten hatten, waren allesamt Männer gewesen, denen man auch im Alter noch angesehen hatte, dass sie in der Jugend kaum Chancen bei Frauen gehabt hätten. Oder kein Interesse am anderen Geschlecht. Vor einem hatte ich mich als Kind sogar gefürchtet. Er hatte Quasimodo aus der 1939 verfilmten Version von »Der Glöckner von Notre Dame« ähnlichgesehen. Mit sechs Jahren war ich bei der Szene, als Quasimodo Esmeralda kidnappte, panisch aus dem Wohnzimmer geflüchtet. Das auf dem Fernsehbildschirm Gesehene hatte mir anschließend Albträume beschert. Unser neuer Pastor entsprach so ganz und gar nicht meiner Vorstellung eines Priesters. Weder vom Aussehen noch von seiner offenen, herzlichen Art, mit der er meinen Vater nach seinem Befinden fragte und die Nachbarn scherzhaft mit einem Bibelspruch belehrte: Ein fröhlich Herz macht das Leben lustig, aber ein betrübter Mut vertrocknet das Gebein. Mit einem Augenzwinkern fügte er hinzu: »Damit das Gebein nicht vertrocknet, wird ja hier bestens gesorgt.« Das als Stichwort nehmend, holte ich ein weiteres Glas aus dem Schrank und schenkte unserem Gast ein. Kurz darauf schmolz die eisige Stimmung. Nichtsdestotrotz beeilte sich das nachbarliche Ehepaar sehr, die Gläser zu leeren – das von Netty hatte ich nochmal bis zur Hälfte auffüllen müssen, damit auch sie mit dem Pfarrer auf den Ehrentag meines Vaters anstoßen konnte. Mein Flehen in den Augen, das so viel bedeutete wie »Ach bitte, redet doch weiter über eure Krankheiten und Wehwehchen, tratscht über Nachbarn oder wettert über Politiker (das taten die beiden sonst immer), aber lasst Papa und mich nicht mit dem Pfaffen allein«, übersahen sie geflissentlich. Kaum waren die Gläser geleert, sprang Netty auf mit den Worten: »Ich muss unbedingt das Fleisch aus dem Tiefkühler nehmen, damit es bis zum Mittagessen aufgetaut ist.« Ihr Angetrauter folgte ihr mit den Worten: »Und ich muss mit dem Hund raus.«

Herrgott, steh uns bei!, dachte ich, nachdem Papa und ich die Nachbarn hinausgeleitet hatten, und wir wieder am Tisch Platz nahmen – Papa am Tischende, ich auf dem Stuhl gegenüber von Baumgarten, der auf der Eckbank saß. Mir war zwar nicht klar, wie der Herrgott das anstellen sollte – vor allem, weil ich ja nicht einmal an ihn glaubte. Trotzdem schickte ich noch ein Stoßgebet hinterher: Oder gib uns wenigstens ein Gesprächsthema!

Im selben Moment klingelte es.

Danke, lieber Gott, vielleicht sollte ich das mit deiner Existenz noch mal überdenken!

Papa wollte aufstehen, aber ich war schneller. Sein teils böser, teils verzweifelter Blick entging mir zwar nicht, aber der Pastor war schließlich sein Gast. Da musste er jetzt durch.

Vor der Tür stand Marie, meine ehemalige Schulfreundin. Sie wohnte nur weniger Häuser entfernt. Nach der Geburt ihrer beiden Kinder war unser Verhältnis deutlich distanzierter geworden, wie das halt so ist zwischen Müttern und Nicht-Müttern. Trotzdem hatte ich sie eingeladen. Ich wollte mir nicht den lieben langen Tag nur Diskussionen über Gesundheitsprobleme, anstehende Arztbesuche und Geschichten aus früheren Jahrzehnten anhören.

»Schön, dich zu sehen. Dich hat der Himmel geschickt!«, rief ich und fiel ihr um den Hals. Gleichzeitig fragte ich mich, ob der Himmel sie wirklich geschickt hatte. Leicht verstört erwiderte sie meine Umarmung. Eine solch überschwängliche Begrüßung gehörte nicht zu unseren üblichen Ritualen.

»Papa hat bereits Besuch. Der Pastor ist hier«, erklärte ich. Daraufhin grinste sie bloß. Meine religiöse Einstellung war ihr nicht fremd. Sie hatte dieselbe. Denn uns verband das gleiche Schicksal: Aufgewachsen unter streng katholischen Müttern mussten wir freitags Fisch essen, in der Fastenzeit auf Süßigkeiten verzichten, jeden Sonntag vor dem Altar auf die Knie fallen und alle paar Wochen die begangenen Sünden durch eine gelöcherte Wand im Beichtstuhl aufzählen. In der Regel beschränkten sich meine auf wenige Sätze: Ich habe bei den Hausaufgaben geschummelt. Ich habe meine Eltern belogen. Ich habe im Religionsunterricht nicht aufgepasst. Und im Sommer kam dann noch ein „Ich habe einen Schulkameraden im Freibad vom Beckenrand geschubst“ hinzu – der Typ ärgerte mich und die anderen Mädels auch immer. Im Winter wurde dann ein ›den Füller geklaut‹, ›den Stuhl weggezogen‹ oder ›das Matheheft versteckt‹ daraus – je nachdem. Im geschlechtsreifen Alter wurden die Sünden und das mit der Formulierung kniffliger. Da debattierte ich stundenlang, ob ich den Satz ›Ich habe unkeusche Gedanken gehabt‹ hinzufügen oder es auf den Punkt bringen sollte: ›Ich versuche herauszufinden, was ein Orgasmus ist und wie das mit dem anderen Geschlecht funktioniert, und deswegen lese ich regelmäßig die Bravo