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In Chalet Désir begegnen sich sechs Menschen, die sich vorher nicht kannten. Es sind zwei Ehepaare und zwei Singles, die das Chalet für eine Woche aufsuchen, um sich selbst auf sexueller Ebene neu zu finden. Dabei sind ihre Beweggründe verschieden und ähneln sich doch auf gewisse Weise. Sei es aus sexueller Frustration, Frustration über das Unverständnis, das ihnen wegen ihrer andersartigen Anschauungen und Erwartungen von ihrer Umwelt entgegen gebracht wird, oder einfach um sich selbst neu zu entdecken und zu verstehen.
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Veröffentlichungsjahr: 2018
Etwas heftiger als üblich schloss er die Wagentür, lehnte sich demonstrativ im Sitz zurück und atmete tief ein und aus. Sein Blick war stur geradeaus gerichtet. “Können wir?” fragte sie, und sah ihn erwartungsvoll von der Seite an. Aber er schien es zu ignorieren. Er legte beide Hände auf das Lenkrad und seine Finger trommelten ein imaginäres Schlagzeugsolo. “Was ist denn?” Es war eine deutliche Wiederholung ihrer Aufforderung von eben. “Kannst Du mir sagen, was das werden soll?” Eine gute Portion Genervtheit lag in seiner Stimme. “Was… was werden soll?” Ein unbedarfter Zuhörer wäre auf den Gedanken gekommen, dass sie keine Ahnung hatte, was er meinte. “Na das auf diesem Chalet De… D… Wie auch immer…” Unwillig wedelte er mit der Hand. Claudes Stimme drückte nun deutlichen Widerwillen aus. “Claude… Ich dachte, wir hätten es ausführlich genug besprochen. Und ich dachte, Du würdest meine Gründe verstehen…” Unverständnis lag in Nadines Blick. “Du willst mich also in eine…” er suchte nach einem passenden Begriff. “…Liebhaberschule schleifen?” Es war mehr eine Feststellung, als eine Frage. “Das ist doch Quatsch, und das weißt Du!” Nadine ließ sich betont heftig in ihren Sitz fallen und legte den Schmollmund auf, den er normalerweise so sehr an ihr liebte. Doch nun fühlte sich Claude in seiner Seele gekränkt. Noch mehr. Nadines Vorhaben rührte an seiner Ehre als Mann. “Du wirst es verstehen, wenn wir erst mal da sind.” Sie machte eine kurze Pause, bevor sie fortfuhr. “Und jetzt schnall Dich an und fahr los” Sie versuchte ärgerlich zu wirken, was ihr aber nicht wirklich gelang. “Reichen Deine drei Koffer? Wir bleiben immerhin über Nacht…” Claude versuchte, die Situation zu entschärfen. Und es schien ihm auch zu gelingen. Aufgebracht, aber nicht glaubhaft wütend drehte sich Nadine zu ihm um, stieß ihm mit der Faust in die Seite und ihr Augen schleuderten Blitze. “Oh, Du… Du… Kretin von einem Mann…!” giftete sie ihn an. Claude lachte, und dieses Lachen übertrug sich auf Nadine. Sie grinste wie ein Kind, dem gerade ein genialer Streich gelungen war. Noch leise vor sich hin lachend startete Claude den Motor, setzte den Wagen rückwärts von der Garageneinfahrt auf die Straße, und fuhr los. “Ist Dir denn eigentlich klar, dass ich deswegen in dieser Woche drei wichtige Termine absagen oder verschieben musste?” Claude unternahm noch einen Versuch, eine Argumentationskette gegen die Reise nach Cahors aufzubauen. Doch Nadine nahm ihm sofort wieder den Wind aus den Segeln. “Wenn Du sie verschieben konntest, dann waren sie sicher nicht so wichtig…” Sie schenkte ihm ein mitleidiges Lächeln. “Außerdem sind wir sowieso schon unterwegs.” “Schlimm genug….” murmelte Claude halblaut vor sich hin. “Was hast Du gesagt?” wollte Nadine wissen. “Ach nichts! Schon gut…” Nach der letzten verbalen Niederlage hatte Claude keine Lust mehr dieses Thema weiter zu diskutieren. “Hab ich Dir schon erzählt, dass Serge sich scheiden lässt?” wechselte er das Thema. “Serge!?” Mit einer Mischung aus Überraschung und Entsetzen im Blick wandte Nadine ihm den Kopf zu. “Und warum? Das verstehe ich nicht. Die beiden sind doch erst seit drei Jahren verheiratet.” “Sie hat ihn eine schwanzgesteuerte Sexbestie genannt. Er sie eine bettfaule Zicke. Ich für meinen Teil glaube eher den ersten Teil der gegenseitigen Anschuldigung.” Abfällig verzog er seinen Mund. “Ich hab neulich mit Nathalie gesprochen. Und ehrlich gesagt, kann ich sie nicht verstehen. Nur weil Serge mehr als zweimal in drei Wochen mit ihr schlafen wollte…” Die Art, wie Nadine den letzten Satz betonte, war ein deutlicher Seitenhieb in Claudes Richtung. Klar, dass sie, wäre sie an Serges Stelle gewesen, noch viel öfter Anlauf zum Beischlaf genommen hätte. “Einmal die Woche wäre ja wohl genug. Bei ihm hab ich sowieso manchmal das Gefühl, als hätte er nur Vögeln im Kopf!” Claude unterstrich seine Ausführung mit einem Fingertippen gegen seine Schläfe. “Siehst Du? Das ist gerade Dein Problem, mein Lieber! Nur mit umgekehrtem Vorzeichen…” empört erhob Nadine ihre Stimme. “Was soll mein Problem sein? Meinst Du ich bring es nicht im Bett?” Claudes Tonfall folgte Nadines Vorbild. “Ich hab nicht gesagt, dass Du es im Bett nicht bringst. Nur nicht oft genug!” “Weißt Du was? Wenn Du ein Mann wärst, dann würde ich Dich jetzt schwanzgesteuert nennen!” Er war um keinen Deut leiser geworden. “Das reicht jetzt! Ich hab keine Lust mehr, weiter zu streiten.” Nadine zeigte Claude den Finger, der ihr meistens als Ersatz diente zwischen zwei monatlichen sexuellen Betätigungen mit ihm im ehelichen Bett. “Du entschuldigst mich für eine Weile…” Sie nahm ihr Buch aus der Tasche, lehnte sich in ihrem Sitz zurück und vertiefte sich demonstrativ in die Zeilen. Claude schaute kurz zu ihr rüber und sein Blick fiel auf den Bucheinband. ‘Sündige Spiele’ stand dort in großen Lettern quer über ein eindeutiges Titelbild. “Bist jetzt wohl eingeschnappt…” “Konzentrier Dich lieber aufs Fahren, und lass mich lesen…” Das war das letzte, was Claude von seiner Nadine für die nächsten zwei Stunden zu hören bekam. Er machte auch keinen weiteren Versuch mehr, das Gespräch wieder in Gang zu bringen. Nadine schaute nur noch stur in ihr Buch. Aber ihr Gehirn nahm die Worte, die da zu lesen waren nicht wirklich auf. Ihre Gedanken wanderten zwei Wochen zurück. Es war der Tag, an dem Claude das letzte mal mit ihr geschlafen hatte. Es war kein schlechter Sex. Wenn sie richtig drüber nachdachte, dann war sie auch fast jedes Mal dabei auf ihre Kosten gekommen. Aber es war trotzdem immer wieder der gleiche Einheitsbrei. Und statt Kuscheln war danach immer Einschlafen angesagt. Einmal hatte sie versucht, etwas Abwechslung ins gemeinsame Liebesspiel zu bringen. Eine Freundin hatte ihr Handschellen gezeigt, und ihr erklärt, dass ihr Mann von Zeit zu Zeit darauf steht, sich ihr völlig zu unterwerfen. Nadine hatte sie gefragt, ob sie sich die Metallfesseln mal für einen Tag ausleihen dürfe. Ihre Freundin hatte nicht gezögert, die Dinger einfach in Nadines Handtasche zu stecken mit den Worten “Probier es aus und mach ihn so richtig fertig!” Bei dem Gedanken an diese Szene musste Nadine noch lächeln. Allerdings nicht mehr bei der Erinnerung daran, wie Claude sie bei dem Versuch, ihn an den Bettpfosten zu fesseln schroff abgewiesen hatte. Er hatte sie gefragt, ob sie nicht ganz dicht wäre, und ob sie jetzt unter die Dominas gegangen wäre. Damit war in diesem Monat die Gelegenheit vertan, denn Claude war so sauer, dass er sie drei Wochen danach nicht mehr anfassen wollte. Auch jeder ihrer Annäherungsversuche in dieser Zeit blieben erfolglos. So in Gedanken versunken, die Seiten des Buches nur mechanisch umschlagend, war ihre Umgebung um sie herum versunken. “…die genaue Adresse?” hörte sie wie aus weiter Ferne. Wie aus einem zähen Morast kam Nadines Aufmerksamkeit in die Wirklichkeit zurück. “Nadine! Redest Du noch mit mir!” fragte Claude ungehalten. “W… Was?” erschrocken blickte sie sich um. “Entschuldige… Ich war mit den Gedanken ganz wo anders…” “Das hab ich gemerkt… Ich kann mir auch denken, wo.” Claude machte eine Mine, als hätte er in eine Zwiebel gebissen. “Ich wollte wissen, wie die genaue Adresse ist. Wir sind gleich da.” “Tatsächlich?” Nadine kramte in ihrer Handtasche. “Hier hab ich den Zettel.” Hastig faltete sie das Stück Papier auseinander und las. “Rue de Marschall 47. Fahr in den Ort rein. Nach ungefähr einem Kilometer geht rechts eine Straße rein. Der musst Du einfach weiter in die Weinberge folgen. Soll ziemlich abgelegen sein.” Claude verließ die Autobahn und folgte dem Wegweiser nach Cahors. Noch 7 km, stand auf dem Schild. Der Verkehr war nicht so dicht, und so musste Claude nicht seine volle Konzentration auf die Straße lenken. Ein Teil seiner Gedanken versuchte, ein Stück in die Zukunft voraus zu eilen. Er versuchte sich vorzustellen, was ihn in dieser kommenden Woche auf diesem ominösen Chalet erwarten würde. Aber so sehr er auch seine Phantasie anstrengte, es blieb alles nur Spekulation. Claude zwang seine Gedanken wieder in die Gegenwart. “Was weißt Du eigentlich über dieses Chalet?” fragte er in unverbindlichem Ton. “Nicht viel… Die Besitzerin ist eine gewisse Madame Couvard. Sie ist die Gastgeberin und unsere Betreuerin in dieser Woche.” Nadine sah aus dem Fenster und betrachtete die Landschaft. Ein schönes Fleckchen Erde, dachte sie. Warum konnten sie nicht hier leben? Weg von dem hektischen Leben in Toulouse. In ihrem Kopf entstand das Bild eines kleinen Landhäuschens mitten in den Weinbergen. Mit einer großen Veranda und einem schönen Garten. Leben vom Weinbau. Gerade so viel, dass sie mit Claude gut davon leben konnte. Dann hätten sie nicht diese Probleme mit ihrem Liebesleben. Auch diese Woche für sie beide im Chalet Désir hätte sich von vorn herein erledigt. “Das ist fürwahr nicht viel…” stimmte Claude zu. Nadine glaubte, eine Spur Sarkasmus in seiner Stimme zu entdecken. “Ach ja…” fügte sie schnell hinzu. “Wir sind nicht die einzigen Gäste. Außer uns verbringen noch vier andere Personen diese Woche im Chalet.” “Na, auf die Gesellschaft bin ich mal gespannt.” Die Betonung des Satzes unterstrich Claudes ohnehin schon mangelnde Begeisterung. “Wohl alle Therapie-Patienten, so wie ich, was?” Diesmal war der Sarkasmus nicht zu überhören. “Jetzt hör aber auf!” schnappte Nadine aufgebracht. “Wir fahren nicht dahin, um von irgendwas geheilt zu werden. Es ist vielmehr so, dass wir etwas lernen sollen. Etwas über uns.” “Da bin ich mal gespannt…” Claudes Missfallen über diese ganze Sache hatte sich noch nicht gelegt, aber er fügte sich in sein Schicksal. “Warts einfach ab…” Nadine legte ihre Hand auf Claudes Arm, und ihre Stimme klang schon wieder versöhnlicher. “Ich weiß auch noch nicht, was kommt.” Sie schenkte ihm ein Lächeln, er legte seine Hand auf die ihre und drückte sie leicht. Sie fuhren in den Ort hinein. Ein malerisches kleines Städtchen, in dem es nicht viele Spuren der modernen Zivilisation gab. Es sah fast so aus, als sei hier die Zeit für eine ganze Weile stehen geblieben. Claude fand schließlich das Straßenschild mit der Aufschrift ‘Rue de Marschall’ und bog von der Hauptstraße ab. Bald ließen sie die letzten Häuser hinter sich. Etwa 15 Minuten fuhren sie die enge, aber immerhin geteerte Straße in die Weinberge hinauf. Dann, nach einer scharfen Linksbiegung hielt er den Wagen vor einem reich verzierten schmiedeeisernen Tor an. Zu beiden Seiten wurde es von je einer Natursteinsäule eingerahmt. An der rechten der beiden Säulen war lediglich ein Klingelknopf und eine Kamera zu sehen. “Und was nun?” fragte Claude. “Was schon? Klingeln wir einfach…” Claude stieg aus und ging zur rechten Säule. Er drückte den Knopf unter der Kamera. Es dauerte nicht lange, und das schmiedeeiserne Tor öffnete sich mit vernehmlichem Quietschen. “Das soll wohl so viel heißen wie ‘Weiterfahren’”, murmelte Claude vor sich hin. Er stieg wieder in den Wagen ein, legte den Gang ein und lenkte das Auto auf den Zufahrtsweg, der, im Gegensatz zur Straße, nur eine Schotterdecke hatte. Nach etwa 500 Metern brachte er den Wagen vor einem alten, aber dennoch gut erhaltenen Landhaus zum Stehen. Eine große Eichenpforte bildete den Eingang, an dem ein Mann - offensichtlich ein Bediensteter - schon auf sie wartete. Ohne Zögern trat er auf den Wagen zu und öffnete die Beifahrertür. Nadine folgte der unausgesprochenen Einladung, und stieg aus. “Danke!” sagte sie mit einem Lächeln. Claude verließ ebenfalls den Wagen, lief um das Fahrzeug herum, stellte sich neben Nadine und legte ihr Besitz ergreifend den Arm um die Taille. Der Mann streckte ihm die Hand entgegen, und sein zuvor unbewegtes Gesicht zeigte jetzt ein verbindliches Lächeln. “Bonjour monsiuer!” Seine Stimme klang freundlich, aber nicht zu übertrieben freundlich. “Soyez le bienvenu, Madame!” Er nahm Nadines Hand und deutete einen formvollendeten Handkuss an. Sie war beeindruckt, was Claude mit eher versteinerter Mine zu Kenntnis nahm. “Herzlich willkommen im Chalet Désir! Mein Name ist Antoine. Ich bin hier sozusagen für fast alles zuständig. Ich bin Gärtner, Elektriker, Chauffeur und Concierge. Wenn sie irgend welche Wünsche oder eine Frage haben, dann können sie sich vertrauensvoll an mich wenden.” Er machte eine einladende Geste in Richtung Eingang. “Bitte… Treten Sie näher! Um Ihr Gepäck werde ich mich kümmern.” Erst jetzt betrachtete Nadine den Mann, der sich als Antoine vorgestellt hatte, etwas genauer. Er trug einen dunklen Anzug, ein weißes Hemd und eine passende Krawatte. Bei den sommerlichen Temperaturen eher etwas unpassend, aber trotzdem seiner Stellung im Haus entsprechend. Antoines Haut war braun gebrannt. Seine schwarzen Harre waren streng und mit Zuhilfenahme von angenehm duftendem Gel nach hinten gekämmt. Selbst durch den perfekt passenden Anzug konnte man sehen, dass er eine athletische Figur besaß. Nadine fragte sich, wie jemand, der unzweifelhaft eine Vielzahl von Aufgaben in diesem Anwesen zu bewältigen hatte, die Zeit fand, seinen Körper so gut im Training zu halten. Als Antoine zum Haus voraus ging, ertappte sie sich dabei, dass ihr Blick etwas länger, als notwendig auf seinem Po ruhte, und fragte sich dabei, ob unter dem Anzug wirklich ein leckerer Knackarsch versteckt war. An der offenen Eingangstür wartete eine junge Frau. Ihrer Kleidung war anzusehen, dass es sich ebenfalls um eine Bedienstete handelte. “Darf ich Ihnen Pauline vorstellen? Pauline ist für alles zuständig, was im Haus für Ihr leibliches und häusliches Wohl vonnöten ist.” Pauline deutete eine leichte Verbeugung an. Auf ihrem Gesicht lag ein herzlich warmes Lächeln. “Bonjours! Auch ich möchte Sie herzlich willkommen heißen! Darf ich Ihnen Ihre Zimmer zeigen?” “Ihre Zimmer?” fragte Claude etwas irritiert. “Ich dachte, meine Frau und ich wohnen zusammen.” “Selbstverständlich wohnen Sie zusammen. Ich sprach deswegen in der Mehrzahl, weil es sich nicht nur um ein Schlafzimmer handelt. Ein separater Wohnraum und die dazu gehörigen sanitären Räume vervollständigen Ihre Unterkunft.” “Siehst Du?” Nadine sah Claude aufmunternd in die Augen. “Es sieht ganz so aus, als würden wir uns hier wohl fühlen…” “Ich beginne, daran zu glauben…” Claudes Stimmlage war irgendwie undefinierbar. Aber er schien für den Moment zufrieden zu sein, und das war alles, was Nadine nach der Diskussion am Anfang der Anreise erwarten konnte. Sie hakte sich bei Claude ein, und zusammen folgten sie Pauline ins Haus. Antoine wandte sich um und kümmerte sich um das Gepäck der neu angekommenen Gäste. Dann parkte er den Wagen in der großzügigen Garage des Anwesens. Das Fahrzeug würden sie bis zu Abreise nicht mehr brauchen. Als das erledigt war, stellte er sich wieder neben die Haustür. Die nächsten Gäste wurden in Kürze erwartet. Es dauerte tatsächlich nicht lange, bis sich der oder die nächsten Gäste durch die Klingel am Tor ankündigten. Ein Blick auf den Überwachungsmonitor zeigte Antoine, dass es sich um das zweite angemeldete Paar handelte. Er betätigte den Öffner und wartete, bis der Wagen die Auffahrt herauf kam. Wie beim ersten Empfang ging er zielsicher auf die Seite des Fahrzeuges zu, wo der weibliche Teil des Paares saß. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit wurde die Tür geöffnet, um der Dame das Aussteigen zu erleichtern. Und auch jetzt wiederholte sich die Szene der Begrüßung. Mit dem geübten Auge des erfahrenen Concierge erkannte Antoine, dass Gegebenheiten in der Beziehung des Paares anders lagen, als bei den zuerst angekommenen Gästen. Die Frau - Julie war ihr Name - ging mit erkennbarer, schon an Scheu grenzender Vorsicht auf das Haus zu, gerade so, als wäre sie auf dem Weg in einen Gerichtssaal, in dem ihre Verurteilung auf sie wartete. Jaques, ihr Mann, gab sich anders. Er war ganz der überlegene, lässige Sporttyp, der in jeder Situation Oberwasser zu behalten schien. Nachdem Antoine die beiden begrüßt hatte, geleitete er die neuen Gäste zur Eingangstür, wo, wie beim ersten Empfang, Pauline in der Tür wartete. Auch sie begrüßte die neuen Gäste auf das Herzlichste und ging voran, um ihnen die Unterkunft zu zeigen. In ihren Zimmern angekommen, bedankte sich Jaques mit einem gewinnenden Lächeln bei Pauline, die sich daraufhin diskret zurückzog. “Nun, da wären wir.” Mit einer allumfassenden Geste drehte sich Jaques halb um die eigene Achse. “Wie gefällt es dir, Julie?” Julie stand immer noch mitten im Zimmer, als hätte sie jemand genau dort hingestellt und ihr untersagt, sich vom Fleck zu rühren. “Ich weiß nicht…” sagte sie zögerlich. “Was tun wir hier? Ich dachte es wird so eine Art Urlaub. Entspannung. Verstehst Du?” “Entspannung ist, glaube ich das richtige Wort…” Sein sinnender Blick lag auf Julies Körper. Sie war heute so schlicht gekleidet, wie sie sich in der körperlichen Liebe gab. Einen grauen, eng anliegenden Rock, der etwa in Höhe der Knie endete. Dazu eine einfache, eierschalenfarbene Bluse ohne irgendeine Verzierung. Die braunen Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden. Sie war schön. Das war Jaques feste Überzeugung, aber diese Schönheit verbarg sie nur allzu oft hinter dieser Fassade der Einfachheit. Und das nicht nur äußerlich, sondern auch in ihrem Inneren. Vergeblich hatte es Jaques versucht, diese Fassade nieder zu reißen. Aber die kleinen Breschen, die er in die Mauer ihrer Fantasielosigkeit reißen konnte, hatte sie schneller geschlossen, als er in der Lage war, durch sie hindurch zu schlüpfen. “Wie meinst Du das?” Julie glaubte plötzlich, einen Fremden vor sich zu haben. “Nicht so wichtig…” Mit einem Kopfschütteln versuchte er, seine letzten Gedanken zu verscheuchen. “Lassen wir diese Woche einfach auf uns zukommen.” Er trat einen schnellen Schritt auf sie zu und legte seine Hände um ihre Hüften. Immer noch unsicher in der ungewohnten Umgebung legte Julie zögernd den Kopf an seine Brust. Jaques hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn und ließ seine Hände weiter gleiten, bis sie auf Julies strammem Hintern lagen. Leicht drückten seine Finger die festen Backen unter dem Stoff. In Gedanken stellte er sich vor, dass sich ihm kein Stoff in den Weg legte, um zu verhindern, dass seine Hände die zarte Haut streichelten. Zu verhindern, dass seine Finger diese wundervollen Rundungen umspannten, in die Ritze dazwischen tauchten, um nach der kleinen Öffnung unter dem Steißbein zu suchen. Diese Vorstellung versetzte sein Blut in leichte Wallungen, was sich in einem leichten, aber spürbaren Spannen im Schritt bemerkbar machte. Und nicht nur für Jaques war dieses Spannen spürbar. “Jaques, was tust du da?” Ihr Stimme klang entrüstet. “Was meinst Du?” Jäh fühlte er sich um seinen eingebildeten Ausflug in süße Wonnen betrogen, die er mit Julie in der Realität noch nie erlebt hatte. “Du weißt, was ich meine!” ereiferte sie sich. “Es ist früher Nachmittag, und bei Dir regt sich die Lüsternheit. Kannst Du damit nicht warten, bis wir heute Abend zu Bett gehen?” Für einige Sekunden rang Jaques mit seiner Fassung. “Genau das meinte ich mit Entspannung! Du musst Dich endlich mal entspannen. Weil Du anscheinend hoffnungslos verkrampft bist. Kannst Du nicht einmal deine verstaubten Vorstellungen vergessen? Einmal einem Zustand ergeben, auch wenn er nicht auf deinem geistigen Tagesplan steht?” “Ich finde es einfach nur lüstern und animalisch…” Angewidert verzog Julie die Lippen. “Das hat doch nichts mit Liebe machen zu tun…” “Du hast recht! Das hat es auch nicht! Es geht einfach um Sex. Und zwar um Sex den man auch haben kann, ohne dass sich die Laken eines Bettes darüber legen…” Julie hatte eine heftige Entgegnung auf den Lippen. Doch das Klopfen an der Tür hinderte sie daran, diese auszusprechen. Sie warf ihm einen letzten kampflustigen Blick zu, drehte sich auf dem Absatz um und wandte sich der Tür zu. Im Stillen war Jaques froh darüber, dass Julie keine Gedanken lesen konnte. Sonst hätte sie ihm nie wieder den Rücken zugekehrt, wenn sie zusammen nackt im Bad standen. “Ich mach auf.” warf sie über die Schulter zurück und hatte die Klinke schon in der Hand. Mit einem Ruck öffnete sie die Tür und sah sich Paulines gewinnendem Lächeln gegenüber. Sofort war ihr Ärger verflogen. Schon bei der Ankunft war ihr das junge Dienstmädchen aufgefallen. Trotz ihrer offensichtlichen Jugend, dem fast naiv anmutenden offenen Blick, schien ihr doch eine gewisse Lebenserfahrung inne zu wohnen. Diese Pauline hatte etwas, das sofort Julies Zutrauen zu dieser jungen Frau weckte. Jetzt fühlte Julie wieder dieses nicht näher definierbare Wohlbefinden, das sie schon bei der ersten Begegnung an der schweren Eichentür gleich nach ihrer Ankunft empfunden hatte. “Oh, Pauline!” Julies Augen bekamen diesen Glanz, als wenn sie eine gute Freundin nach längerer Zeit wiedersieht. “Was gibt es denn?” “Entschuldigen Sie bitte die Störung, Madame.” Ihr Blick war alles andere, als um Entschuldigung bittend. “Madame Couvard bittet Sie, sich in einer Stunde im großen Salon zum Abendessen einzufinden. Sie möchte Sie bei der Gelegenheit offiziell im Chalet Désir willkommen heißen und Ihnen einige Informationen zu Ihrem Aufenthalt in diesem Hause geben.” Julie sah Pauline an, wie sie da vor ihr stand mit ihrem schwarz-weißen Dienstmagd-Kleidchen. Die blonden langen Haaren hatte sie zu einem Zopf geflochten. Ihre Hände waren vor dem Körper übereinander gelegt, was bei ihr zusätzlich den Ausdruck der Kindlichkeit verstärkte. Ohne erklären zu können warum, hätte Julie sie am liebsten in die Arme geschlossen. “Haben Sie vielen Dank, Pauline!” sagte sie mit der gleichen Wärme in der Stimme, die sich bei Paulines Anblick ihrer selbst bemächtigte. “Wir werden pünktlich da sein.” Pauline machte noch einen kurzen Knicks, wandte sich um und verschwand den Gang hinunter. Julie schloss die Tür und drehte sich wieder zu Jaques um. Sie schien völlig vergessen zu haben, warum sie noch Minuten zuvor so wütend auf ihn war. “Hast Du gehört?” fragte sie mit sanfter Stimme. “Wir werden erwartet. Ich will vorher noch duschen und mich ein bisschen zurecht machen.” Jaques Augen weiteten sich ein wenig. Jetzt hatte er den Eindruck, eine Fremde vor sich zu haben. Er rätselte noch darüber, was sie mit ‘zurechtmachen’ meinte. Aber er wollte die weitere Entwicklung sehr genau beobachten. Sie standen zu dritt hinter dem einseitigen Spiegel, der den Blick ins Speisezimmer freigab. Ein Mann und zwei Frauen. Antoine und Pauline hatten die Gäste des Chalets, die dort am Tisch Platz genommen hatten, bereits kennengelernt. Madame Couvard kannte die Gesichter noch nicht, die sie eingehend betrachtete. “Das sind also unsere Gäste in dieser Woche…” sinnierte sie. “Eine interessante Mischung.” “Das ist sie in der Tat, Madame.” stimmte Antoine zu. “Ich denke, es wird eine interessante Woche werden.” “Dessen bin ich mir sicher, Antoine.” Sie nickte bedächtig. “Aber, soviel ich aus den Selbstdossiers herauslesen konnte, muss man bei mindestens zwei von ihnen sehr viel Feingefühl walten lassen.” Lächelnd wandte Sie sich ihren beiden Angestellten zu. “Aber darüber brauche ich mir bei Ihnen beiden keinerlei Sorgen zu machen.” Danach drehte sie sich wieder zum Spiegel. Ihr Blick wanderte noch einmal von einem Gast zum nächsten und blieb schließlich auf dem gedeckten Tisch hängen. “Pauline…” Die Angesprochene zuckte wegen der ernsten Stimme unmerklich zusammen. “Ja, Madame?” Pauline versuchte, das Zittern in ihrer Stimme zu verbergen. Madame Couvard bemerkte es trotzdem und lächelte still vor sich hin. “Die Tischdekoration…” Noch immer lag ein gewisser Ernst in ihren Worten. “Ist sie nicht in Ordnung?” erkundigte sich Pauline und zerbrach sich den Kopf darüber, was sie daran hätte verbessern können. “Ganz im Gegenteil.” Pauline fühlte Madame Couvards Blick wie die wärmende Frühlingssonne an einem Morgen im März nach einer kalten Nacht. “Sie ist Ihnen heute ganz besonders hübsch gelungen.” Pauline errötete leicht und senkte verlegen den Blick. Die Hausherrin legte ihr zwei Finger unter das Kinn und hob es vorsichtig an. “Du hast eine interessante Entwicklung gemacht. Vielleicht bist du bald soweit, mich genauso wie Antoine, zu unterstützen.” “Meinen Sie wirklich?” Paulines Augen begannen zu leuchten. “Wir werden sehen…” Madame Couvads Körper straffte sich. “Gehen wir hinein” beendete sie die kleine Unterhaltung. “Wir wollen unsere Gäste nicht warten lassen.” Ihren Angestellten voraus ging sie auf die Tür zum Speisezimmer zu und öffnete sie. Als sich die Tür öffnete, verstummten die leise geführten Gespräche. Jeder der versammelten Gäste lenkte seine Aufmerksamkeit der elegant gekleideten Frau zu, die in Begleitung von Pauline und Antoine den Raum betrat. Die Aura der Souveränität, die sie umgab, war von den Anwesenden fast körperlich spürbar. Madame Couvard trat an den Tisch heran, während Antoine die Tür schloss und er und Pauline anschließend hinter ihrer Herrin Aufstellung nahmen. Die Gastgeberin deutet eine leichte Verbeugung an und begann zu sprechen. “Nachdem Sie Pauline und Antoine bei Ihrer Ankunft schon kennen gelernt haben, möchte ich mich ihnen nun auch vorstellen. Mein Name ist Louise Couvard, und ich möchte Sie als Ihre Gastgeberin für die nächsten sieben Tage im Chalet Désir auf das herzlichste willkommen heißen. “Ich hoffe, Sie hatten eine gute Anreise, und dass sie alles in Ihren Unterkünften zu Ihrer vollsten Zufriedenheit vorgefunden haben.” Sie machte eine kurze Pause und blickte ihre Gäste der Reihe nach an. “Sie alle werden nun eine Woche hier in der Abgeschiedenheit zwischen den Weinbergen verbringen, und jeder von Ihnen hat seine ganz persönliche Motivation für seinen, oder ihren Aufenthalt in diesem Hause. Eins muss ich Ihnen sagen: Ich kann nicht versprechen, ob Sie in dieser Woche das finden, was Sie suchen, oder das verstehen, von dem Sie noch nichts wirklich wissen. Aber ich kann Ihnen versichern, dass Pauline, Antoine und ich alles dazu beitragen werden, was in unserer Macht steht, um Ihnen zu helfen, Antworten auf Ihre unausgesprochenen Fragen zu finden. Wenn Sie eine Frage, oder ein Anliegen haben, so zögern Sie nicht,” sie deutete auf Pauline und Antoine, “sich vertrauensvoll an meine Helfer zu wenden. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt im Chalet Désir.” Gemäßigter Applaus folgte ihren Worten. Sich dezent räuspernd erhob sich Jaques von seinem Platz. “Madame Couvard, mit Ausnahme meiner lieben Frau Julie” er neigte den Kopf in Richtung der Besagten, “habe ich die übrigen Anwesenden heute zum ersten mal gesehen, und wir müssen uns erst noch kennen lernen. Doch ich bin sicher, dass sich diese Lücke sehr bald schließen wird. Trotzdem möchte ich auch im Namen aller Anwesenden an diesem Tisch, Ihnen meinen Dank für die Gastfreundschaft in Ihrem Hause zum Ausdruck bringen.” Zustimmendes Gemurmel folgte seiner kleinen Rede. Louise Couvard nickte ihm mit einem verbindlichen Lächeln zu, während er sich wieder setzte.Blumige Worte…,
dachte sich Julie mit einem Anflug von Ironie, sich des jüngsten Streitgespräch mit Jaques erinnernd. “Wie gesagt,” fuhr die Gastgeberin fort, “wenn Sie eine Bitte haben, dann sprechen Sie sie aus. Wenn es im Bereich unserer Möglichkeiten ist, werden wir sie erfüllen.” Wieder blickte sie von einem zum nächsten. “Aber ich muss Sie nun bitten, mich zu entschuldigen. Als Eignerin von Chalet Désir habe ich eine Reihe von unliebsamen, aber trotzdem wichtigen administrativen Aufgaben zu erledigen. Wir werden in den nächsten Tagen sicherlich noch Gelegenheit haben, uns etwas eingehender zu unterhalten. Ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Abend. Genießen Sie das Abendessen.” Gemessenen Schrittes wandte sie sich um und verschwand durch die Tür, die ihr von Antoine geöffnet wurde. “Wir werden nun das Abendessen servieren.” sagte er in die Runde und folgte zusammen mit Pauline seiner Chefin. “Eine interessante Frau.” bemerkte Claude, wohl wissend, dass er damit ein peinliches Schweigen verhinderte. “Ja, das ist sie wirklich” stimmte Nadine zu. “Nun, da Sie” sie schaute zu Jaques, “so wie wir alle eine Lücke schließen wollen, möchte ich jetzt einfach mal den Anfang machen. Mein Name ist Nadine. Einfach nur Nadine. Ich denke, darauf können wir es beschränken. Und dieser Herr an meiner Seite” sie blickte zu Claude, “ist mein Mann Claude.” “Ja, das bin ich.” Mit einer fahrigen Bewegung hob er die Hand. Offensichtlich war er für den Moment nicht gewillt, mehr von sich preis zu geben. Erwartungsvoll schaute Nadine in die Runde. Ihr Blick traf sich schließlich mit dem von Julie. Sie fühlte sich fast gefangen von diesen wasserblauen Augen, die Nadine zwar direkt ansahen, aber doch in weite Ferne zu blicken schienen. Nadine musterte dieses Gesicht, das in diesem Moment merkwürdig entrückt anmutete. Julie hatte weiche, sanfte Gesichtszüge. Gleichzeitig war da etwas unergründliches. Nadine hatte den Eindruck, dass da hinter dieser Stirn etwas schlummerte, was bis jetzt eingesperrt war und immer mehr nach Freiheit drängte. Jaques war der nächste, der sich zu Wort meldete. “Mein Name ist Jaques.” stellte er sich vor. Die scheinbare Abwesenheit seiner Frau war im nicht entgangen. “Und diese hübsche Dame,” dabei legte er Julie den Arm um die Schulter, “ist meine Julie. Und wer seid ihr?” Er schaute zu den beiden anderen Anwesenden hinüber, die offensichtlich nicht paarweise zusammen gehörten. “Ich bin Marie” antwortete die blasshäutige junge Frau. Das Kleid, das sie trug war ebenso schwarz, wie ihre langen Haare, die sie offen trug. Der dunkle Lidstrich, den sie aufgetragen hatte, verstärkte den Kontrast zwischen Haut, Haaren und Kleidung noch mehr. “Aber bitte… Urteilt nicht nach meinem Äußeren. Ich bin weder eine Hexe, noch irgendwie eine Teufelsanbeterin.” Sie lachte und auch die beiden Paare schmunzelten. “Wer sich hier einfindet, muss schon eine gewisse Portion Weltoffenheit haben. Nicht war?” Bei den letzten Worten stieß sie ihren Tischnachbarn, der eben als einziger keine Gefühlsregung gezeigt hatte, leicht mit dem Ellenbogen an. “Mein Name ist Franco” sagte dieser nach kurzem Zögern. “Und was die Weltoffenheit angeht…” Er ließ einen tiefen Seufzer hören. “Da bin ich bei mir nicht so sicher. Ich bin eher der zurückhaltende Typ. Ein guter Freund hat mir dringend geraten, für eine Woche hierher zu kommen. Und um ganz ehrlich zu sein, ich habe nicht die geringste Ahnung, was mich hier erwartet.” Als ob diese Worte einen Knoten in Franco gelöst hätten, lockerte er seine zuvor noch verkrampfte Haltung und schaute die anderen offen an. “Mir geht es genauso”, meldete sich nun auch Julie zu Wort. “Ich weiß auch nicht, was in dieser Woche passieren wird.” “Ich auch nicht.” Auch Claude schien seine Zurückhaltung abgelegt zu haben. “Ich weiß auch nicht wirklich, warum wir alle hier sind. Kann mir jemand darauf eine Antwort geben?” “Nun…” das war Marie. “Wir sind hier, weil wir etwas lernen wollen.” “Und was soll das sein?” fragte Claude zurück. Ungewollt war sein Ton um eine Nuance härter geworden. “Etwas über uns, unsere Umwelt, unsere Sexualität… Was auch immer…” “Sexualität? Ist das hier etwa so was wie ein Swinger…” “Rede keinen Unsinn!” wurde Claude von Nadine unterbrochen. “Wenn wir das haben wollten, dann hätten wir es in unserer Nähe billiger haben können. Und außerdem wäre eine Woche in dieser Art doch wohl ein Einstieg für Fortgeschrittene.” “Das kann man wohl sagen.” stimmte Jaques belustigt zu. “Nein, nein. Das ist es sicher nicht. Ich nehme mal Maries Faden auf. Es gibt mit Sicherheit einige Dinge, die wir im Umgang mit anderen und vor allen Dingen mit uns selbst noch nicht verstanden haben. So geht es jedenfalls mir.” Etwas nachdenklich schaute er zu Julie. “Und da bin ich wahrscheinlich nicht der einzige hier am Tisch…” “Meinst Du jemanden Bestimmten?” gab Julie etwas schnippisch zurück. “Vielleicht ist ja an der Theorie was dran.” mischte sich Claude schnell ein, der erkannte, dass die Situation zu eskalieren drohte. Was Frauen an betraf, war er nicht unbedingt der Einfühlsamste, aber er erkannte, dass es Julie noch weniger behagte, hier zu sein, als ihm selbst. Die sich öffnende Tür kam ihm zu Hilfe. “Ah, das Essen!” rief Nadine erfreut. “Ich habe schon darauf gewartet. Mein Magen kann jetzt was Gutes vertragen.” Sie rieb sich genüsslich über den Bauch. Antoine betrat den Raum, dicht gefolgt von Pauline, die den Serviertisch vor sich her schob. Er war beladen mit mehreren zugedeckten Tabletts und einer Suppenterrine. “Was gibt es denn?” erkundigte sich Jaques. Sein Gesicht spiegelte die Vorfreude auf die kommenden kulinarischen Genüsse. “Für Ihren ersten Abend im Chalet haben wir uns etwas Besonderes für Sie ausgedacht.” verkündete Antoine. “Als Entrée servieren wir Broccolicremesuppe. Der Hauptgang sind gebackene Jakobs-Muscheln an blanchierte Artischockenherzen. Und zur Nachspeise lassen Sie sich Erdbeeren mit zarter Vanille-Mousse schmecken.” “Hmmmm!” Marie leckte sich über die dunklen Lippen. “Das hört sich hervorragend an! Da regt sich auch in mir der Hunger.”Eine bunte Mischung Aphrodisiaka…,
dachte sich Claude. Innerlich zweifelte er, ob er mit dem Hinweis auf einen Swinger-Club wirklich so verkehrt gelegen hatte. Unterdessen schob Pauline den Serviertisch von einem zum anderen und versorgte jeden mit der dampfenden Broccolicremesuppe. Nachdem alle Teller gefüllt waren, zogen sich Antoine und Pauline dezent in den Hintergrund zurück. Die am Tisch sitzenden wünschten sich gegenseitig einen guten Appetit und begannen damit, den ersten Gang auszulöffeln. Die Einnahme der Vorspeise verlief wortlos. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Nach dem Auftischen der Hauptspeise löste sich das allgemeine Schweigen wie auf ein geheimes Zeichen. Es wurden anerkennende Bemerkungen über die exquisite Speise gemacht. Man unterhielt sich über dieses und jenes. Jaques philosophierte über die ungeheuerliche Leichtigkeit des Seins, was von Marie heftig in Zweifel gestellt wurde. Claude versuchte das Gespräch auf finanzielle Dinge zu lenken, ließ es aber dann bleiben, als niemand so recht darauf eingehen wollte. Nadine und Julie fanden ein gemeinsames Thema in den Präferenzen ihrer dekorativen Kosmetik. Nur Franco beschränkte sich auf den Part des mehr oder weniger interessierten Zuhörers. Es fiel ihm auch beim besten Willen kein sinnvolles Thema ein, das er in dieser Runde hätte beitragen können. Die meiste Zeit schenkte er seine Aufmerksamkeit dem Rotwein, der zum Essen serviert wurde. Als dann der Nachtisch aufgetragen war, verkündete Antoine, dass er und Pauline sich jetzt zurückziehen würden und wünschte den Anwesenden einen guten Genuss ihrer Nachspeise, sowie einen angenehmen weiteren Abend. Nachdem sich die Tür hinter den beiden geschlossen hatte, lenkte Nadine die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. “Auch auf die Gefahr hin, dass ich jetzt nicht auf ungeteilte Gegenliebe stoße, möchte ich gerne noch mal Maries Theorie von vor dem Essen aufgreifen.” Sie spürte die interessierten Blicke aller auf sich ruhen. Zu Marie gewandt sagt sie: “Du sprachst von einem Lernprozess. Über uns, unsere Umwelt.” Nadine ließ eine kurze Kunstpause folgen. “Und über unsere Sexualität. Was hast Du genau damit gemeint?” Marie überlegte kurz, ob diese Frage provokant oder ernst gemeint war, und entschloss sich, die zweite Möglichkeit anzunehmen. Als müsste sie erst über ihre Antwort nachdenken, fischte sie zuerst eine Erdbeere aus ihrer Vanille-Mousse, bevor sie sprach. “Also… Ich meinte damit, dass die meisten Menschen, und da schließe ich Anwesende mit ein, sich nie Gedanken darüber gemacht haben, dass außerhalb ihres mehr oder weniger eingeschränkten Horizontes, Dinge gibt, die sich vielleicht lohnen würden, näher betrachtet zu werden.” Sie machte eine kurze Pause. Als niemand etwas sagte, fuhr sie fort. “Ich gehe sogar soweit, dass manche dieser Menschen durchaus Angst haben, gewisse Grenzen zu überschreiten.” “Ich kann mir nicht vorstellen, dass es da was geben soll, was mich interessieren würde.” Das war Julie. In ihrem Gesicht stand die feste Überzeugung, zu diesem Thema die letzte Wahrheit gesprochen zu haben. “Bist Du Dir da so sicher?” fragte Nadine. Die Art und Weise, wie sie den Satz dehnte, drückte aus, dass sie mit Julies Bemerkung ganz und gar nicht einverstanden war. “Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass da noch mehr jenseits dieses imaginären Horizontes liegt.” schlug Jaques in die gleiche Kerbe. “Und wie bei allem Unbekannten, interessiert es mich, was es wohl sein mag.” “Glaubst Du nicht, dass es Grenzen gibt, die besser unangetastet bleiben sollten?” wollte Claude wissen. “Aus welchem Grund?” stellte Marie die Gegenfrage. Ihr Blick war eine einzige Herausforderung. “Aus welchem Grund?” echote Claude und versuchte dem Blick der jungen Frau stand zu halten. “Ich meine moralische oder auch ästhetische Gründe.” “Nun, Ästhetik ist doch wohl etwas sehr subjektives!” Die Bestimmtheit, mit der Marie argumentierte, machte den Eindruck, als gelte es für sie, eine Bastion auszubauen. “Und Moral…” Sie ließ den Satz offen und rührte in der Vanille-Mousse. “…wird von der Umwelt gemacht und ist größtenteils was für Spießer…” ergänzte Nadine Maries Bemerkung. Claude warf ihr einen empörten Blick zu. “Hältst Du mich etwa für einen Spießer?” Nadine begegnete seinem Blick mit einem süffisanten Grinsen. “Ich glaube, Du hast Dich gerade dazu gemacht, mein Lieber…” Marie lehnte sich genüsslich zurück und grinste ebenso breit, wie Nadine. Diese Frau fing an, ihr zu gefallen. Am anderen Ende des Tisches rang Julie sichtlich um ihre Fassung. Jetzt stellte sie fest, dass sie es bedauerte, dass Pauline zusammen mit Antoine den Raum verlassen hatte. Denn auch wenn diese nichts sagte, so gab ihr doch ihre pure Anwesenheit einen gewissen seelischen Halt. Und genau den war sie jetzt im Begriff, endgültig zu verlieren. Mit einer entschiedenen Bewegung warf sie ihre Servierte neben den noch halbvollen Teller mit dem Nachtisch. “Also entschuldigt mal!” rief sie, und schaute mit ärgerlicher Mine in die Runde. “Diese Diskussion nimmt Formen an, denen ich nicht mehr gewillt bin, noch weiter zu folgen.” Mit einer schnellen, aber steifen Bewegung erhob sie sich von ihrem Platz, und dabei wäre ihr Stuhl beinahe nach hinten umgekippt. “Ihr entschuldigt mich.” Hilfesuchend schaute sie sich nach Jaques um. Für einen Moment war er versucht, Julie umzustimmen. Aber ein Blick in ihre Augen überzeugte ihn von der Sinnlosigkeit dieses Vorhabens. Resigniert hob er die Schultern und warf Nadine und Marie einen entschuldigenden Blick zu. “Ich komme mit” sagte er und erhob sich ebenfalls. Nachdem die beiden gegangen waren, meinte Claude: “Ich glaube, das war wohl zu viel des Guten… Ich denke, ich werde mich jetzt auch verabschieden.” Er wartete Nadines Reaktion erst gar nicht ab, sondern legte seine Servierte ebenfalls vor sich auf den Tisch und stand auf. “Ich begleite Dich ein Stück.” ließ sich Franco vernehmen, der die ganze Zeit geschwiegen hatte und folgte Claude. Nadine und Marie saßen als letzte da. Ihre Blicke begegneten sich und Marie musste leise lachen. “Kind, da hast Du aber ganz schön was losgetreten…” Nadine schickte ein amüsiertes Lächeln über den Tisch. “Ich muss gestehen, dass ich diese Entwicklung so auch nicht wollte.” Ihre Augen wurden wieder ernst. Aber mit wieder erwachtem Amüsement fügte sie noch hinzu: “Aber ich glaube, es hat den
einen und die