Hitlers Scheitern in München - Robert J. Huber - E-Book

Hitlers Scheitern in München E-Book

Robert J. Huber

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Beschreibung

Hitler hatte sich verkalkuliert. Sein martialisches Auftreten im Münchner Bürgerbräukeller am 8. November 1923 überrumpelte die anwesende bayerische Staatsführung nur scheinbar. Noch in der Nacht organisierte sich der Widerstand gegen seinen Putschversuch. Der vermeintliche Triumphmarsch von über eintausend schwer bewaffneten 'Hitlerianern' endete tags darauf an der Feldherrnhalle im Kugelhagel der Polizei. Nach kurzer Flucht in Uffing verhaftet, musste sich Hitler einer Hochverratsanklage stellen. In dieser bildreichen Darstellung der dramatischen Ereignisse finden viele Originaldokumente Verwendung. Ergänzt um ausgewählte Berichte damaliger Tageszeitungen ergibt sich ein Erkenntnisgewinn, mit welchen Mitteln der demokratische Staat rechtsradikalen Bewegungen wirksam entgegentreten kann.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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In Erinnerung

an die Mutigen, die sich Adolf Hitler in den Weg stellten.

Inhalt

Einleitung

1. Der verlorene Krieg

2. Revolution und Neuanfang

3. Bayern als „Ordnungszelle“ des Reiches

4. Die Putschisten Hitler und Ludendorff

4.1 Adolf Hitlers politischer Aufstieg

4.2 Erich Ludendorffs politischer Abstieg

5. Der Putsch wird vorbereitet

6. Schicksalsjahr 1923

7. Der November-Putsch 1923

8. Die Verhaftung Hitlers

9. Aufarbeitung des Putsches

9.1 Bewertung durch die Tagespresse

9.2 Juristische Konsequenzen

9.3 Hitlers Ehrenkult

10. Fazit

Literaturverzeichnis

QR-Code-Verzeichnis

Das (unvermeidliche) Kleingedruckte:

Der Text enthält als Fußnoten zahlreiche aktive Links zu nach Meinung des Verfassers interessanten Webseiten mit weiterführenden Informationen. In Klammern steht dahinter das Datum des Aufrufs der Seiten im Internet. Das ist zwar in der E-Book–Version praktisch, zwingt aber den Autor, sich ausdrücklich von Werbeinhalten auf diesen Seiten zu distanzieren und keine Haftung für die Inhalte und das Funktionieren der Links zu übernehmen!

Für die Leser der Print-Ausgabe werden am Ende des Buches, nach Seitenzahlen sortiert, die Internet-Quellen als Text und als QR-Code wiederholt. Mit dem Smartphone ist damit schnell die betreffende Website erreicht.

Die wissenschaftlich geübte Leserschaft wird um Verständnis dafür gebeten, dass des Öfteren Zitate aus regionalen Zeitungen Verwendung finden, um die politische Stimmung der damaligen Zeit wiedergeben zu können.

Bild auf der Umschlagvorderseite: US National Archives NARA, public domain, eigene Bearbeitung.

EINLEITUNG

Im November 1918 erfuhr die deutsche Öffentlichkeit endlich die Wahrheit: Die Propaganda vom „Siegfrieden“ in greifbarer Nähe – eine Lüge. Der Weltkrieg war verloren, die Monarchie am Ende. Die im Kaiserreich lange geschmähten Demokraten übernahmen die Verantwortung, baten um Frieden und machten den Staat zur „res publica“, zur öffentlichen Sache. Es glückte relativ rasch, ein von Mann und jetzt erstmals auch Frau gewähltes Parlament zu installieren. Allerdings gelang es den Regierenden nicht, die im Laufe des Krieges entstandene große Not der Bevölkerung spürbar zu lindern. Dem standen die harten Bedingungen der alliierten Siegermächte entgegen. Vor allem das politische Verhalten Frankreichs verschärfte die ohnehin prekäre Lage im Deutschen Reich immer mehr. Gegenmaßnahmen der Berliner Regierung ruinierten letztendlich im Jahr 1923 die Währung. Ein deshalb ständig wachsendes Heer der Unzufriedenen forderte schnelle Lösungen. Adolf Hitler nutzte diese Stimmung geschickt, log über die Ursachen der Krise, predigte Rassenhass und versprach goldene Zeiten unter seiner Führung. Mit seiner Redekunst gelang es ihm, sich in München an die Spitze der „nationalen“ Bewegung zu setzen. Mehrmals versuchte er den Umsturz; sein Putsch im November 1923 endete schließlich im Kugelhagel bayerischer Polizisten. Die Demokratie wehrte sich erfolgreich, die „Hitlerianer“ mussten fliehen.

Dieses Buch beschreibt den Ablauf der Putsch-Ereignisse und forscht nach den Ursachen für Hitlers Scheitern. Es verwendet dabei zahlreiche Details aus Artikeln damaliger Tageszeitungen. Die Frage, weshalb staatliche Organe trotz zahlreicher warnender Stimmen die Gefahren aus dem politisch rechten Spektrum falsch einschätzen, stellt sich heute wieder. Ziel des Buches ist auch ein Erkenntnisgewinn, mit welchen Mitteln der demokratische Staat den rechtsradikalen Bewegungen wirksam entgegentreten kann.

1. Der verlorene Krieg

Die wahren Gründe für die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg blieben der Bevölkerung durch die kaiserliche Zensur lange Zeit verborgen. So war es für Hitler relativ einfach möglich, lautstark eine alternative Version der Fakten zu verbreiten. Um das Ausmaß seiner Geschichtsklitterung zu verdeutlichen, seien die historischen Tatsachen hier kurz dargestellt:

Mit der Thronbesteigung Wilhelms II. im Jahre 1888 änderte sich die Außenpolitik im deutschen Kaiserreich fundamental. Ein Krieg gegen Frankreich und Russland schien unvermeidlich. Der junge Monarch überschätzte seine Fähigkeiten, bootete den strategisch denkenden Reichskanzler Bismarck aus und pflegte im Gegensatz zu seinen Vorgängern stark imperialistisches und antisemitisches Gedankengut.1 Das preußische Offizierskorps fühlte sich damals nur dem Kaiser verpflichtet. Der Generalstab plante den seiner Meinung nach unvermeidlich bevorstehenden „großen Krieg“ unabhängig von diplomatischen Erwägungen. Dabei schränkten gerade diese Planungen und die daraus folgende Aufrüstung den sicherheitspolitischen Handlungsspielraum des Reiches in zwei Punkten entscheidend ein: Zum einen verärgerte das letztlich nutzlose deutsche Schlachtschiffbauprogramm die Seemacht England nachhaltig.2 Wilhelm II., Enkel der englischen Königin Viktoria (!), verspielte damit das ihm anfangs entgegengebrachte Vertrauen der britischen Oberschicht. So wechselte das vorher neutrale britische Empire auf die Seite der potentiellen Gegner. Zum anderen ergaben die Analysen des deutschen Generalstabs folgerichtig, dass ein lang dauernder Waffengang gleichzeitig an zwei Fronten wahrscheinlich nicht zu gewinnen wäre. Russland und Frankreich mussten also zwingend nacheinander bekämpft werden. Generalstabschef Helmuth Graf von Moltke (der Ältere) empfahl deshalb zuerst einen Präventivkrieg gegen Russland. Sein Nachfolger im Amt, Alfred Graf von Schlieffen, zielte in die andere Richtung. Er sprach sich für eine möglichst schnelle erste Operation gegen Frankreich aus, bevor Russland über große Entfernungen hinweg seine Kräfte an der Front mobilisieren konnte. Dazu sah sein nach ihm benannter Plan eine Umgehung der starken französischen Befestigungen an der Grenze zum Deutschen Reich vor. Das war allerdings nur unter Verletzung der Neutralität Belgiens, Luxemburgs und eventuell der Niederlande möglich. Interessant ist seine abenteuerliche Begründung, weshalb Belgien in Wirklichkeit nicht mehr neutral wäre und demzufolge besetzt werden dürfe:3

Dieses Land gilt als neutral, ist es aber in der Tat nicht. Es hat vor mehr als dreißig Jahren Lüttich und Namur zu starken Festungen gemacht, um Deutschland ein Eindringen in sein Gebiet zu verwehren, gegen Frankreich aber seine Grenze offen gelassen. Die Franzosen können daher nach Belieben die Besatzung der Stellungen verstärken…

So ein völkerrechtswidriges imperialistisches Gedankengut findet man auch in heutiger Zeit, zum Beispiel in Putins Begründung für den Einmarsch in die Ukraine: Dieses Land habe sich gegenüber Russland abwehrbereit gezeigt und gleichzeitig seine Grenzen nach Westen offengelassen. Für Putin, einen Großmachtpolitiker aus der Zarenzeit, ist damit keine Neutralität mehr gegeben, eine Besatzung quasi erlaubt.

Schlieffen wusste um die ernsten Konsequenzen eines deutschen Einmarsches in das Nachbarland.4 Im Vertrag von London5 hatte das Deutsche Reich Belgiens Neutralität anerkannt, England garantierte als Schutzmacht die Einhaltung des Abkommens und müsste bei einem Vertragsbruch handeln. Wohl wissend, dass diese große militärische Auseinandersetzung nur unter ganz besonders günstigen Umständen zu gewinnen war, unterließ es der deutsche Generalstab, genügend deutlich auf die Risiken hinzuweisen. Zwar schreibt Schlieffen:6

„Ein glücklicher Durchmarsch durch Belgien auf beiden Ufern der Maas ist also die Vorbedingung eines Erfolges. “,

Er schwächt aber gleich im nächsten Satz ab:

„Er wird ohne Zweifel gelingen, wenn nur die belgische Armee ihn zu hindern sucht. “

Nun folgt die entscheidende Vorbedingung und damit die Erklärung für die einseitige und überhastete Kriegserklärung des Deutschen Reiches an Frankreich am 3. August 1914:

„Es wird aber sehr schwierig sein, wenn die englische, vielleicht auch die französische Armee zur Stelle sind. “

Deutschland musste also zwingend Erster auf dem Schlachtfeld in Belgien sein, um überhaupt den Schlieffen-Plan7 erfolgreich umsetzen zu können. Schlieffens Nachfolger General Helmuth von Moltke (der Jüngere) drückte das noch deutlicher aus:8

Abbildung 1: Original-Karte der "Denkschrift" des deutschen Generalstabes 1905 (Schlieffen-Plan). Eintrag der Grenzlinien (rot) und Städtenamen durch den Autor. Quelle: US National Archives, ID 287357869/Page154, public domain.

„Conditio sine qua non: Lüttich im Handstreich nehmen “.

Mit anderen Worten, ohne die rasche Eroberung der belgischen Festung Lüttich konnte es keinen siegreichen Feldzug geben. Dem deutschen Kaiser als Oberbefehlshaber wurde nur diese eine Möglichkeit des Handelns vorgetragen, eine Auswahl gab es für ihn nicht. Professionelle Generalstabsarbeit sieht anders aus. Es ist zu bezweifeln, dass die zivile politische Spitze im Reich den geheimen Plan überhaupt kannte. Und wenn, dann wirkte die weit verbreitete fatalistische Einstellung, ein Krieg wäre ohnehin überfällig und sei nur Sache der „Experten“. Jede Einmischung der Politik wäre besser zu unterlassen. Ein gewaltiger Irrtum, mit Ursache für den Kriegsausbruch und die folgende Niederlage.

Angesichts der „Flaschenhalsplanung“ durch Belgien erscheint es heute unbegreiflich, weshalb in den Jahren vor 1914 nur die Hälfte der tauglichen Wehrpflichtigen tatsächlich eingezogen wurde.9 Dem Wehrgesetz von 1888 entsprach das nicht. Dieses sah für alle Tauglichen eine Wehrpflicht vom 17. bis zum 45. Lebensjahr vor. Der deutsche Soldat gehörte sieben Jahre lang zum Heer, davon drei, später zwei Jahre aktiv, die restliche Zeit als übender Reservist. Danach erfolgte die Versetzung in die nur im Kriegsfalle zu aktivierende „Landwehr“. Die ungedienten Wehrpflichtigen sollten als „Landsturm“ bei einer Mobilmachung möglichst hinter der eigentlichen Front zum Einsatz kommen.10Dabei bot die Armee vielen weniger gut gestellten jungen Männern eine echte Alternative: Als Zeitsoldaten erhielten sie moderne Unterkünfte. Nicht wenige hatten jetzt zum ersten Mal ein eigenes Bett und passende Schuhe. Die gute Verpflegung und nach 12 Jahren Dienstzeit eine Übernahmegarantie in die zivile Landesverwaltung taten ein Übriges. Hier herrschte in Friedenszeiten kein Nachwuchsmangel.11 Das galt auch für die bayerische Armee, die mit einem eigenen Kriegsministerium eine Sonderstellung einnahm. Als Soldat zu dienen galt hierzulande als Ehre, Uniformierte hatten eine geachtete Stellung in der Gesellschaft. Das Herrscherhaus der Wittelsbacher stellte zudem mit Kronprinz Rupprecht und seinem Onkel Prinz Leopold in diesen Jahren sehr fähige Offiziere im Generalsrang.

Kaiser Wilhelm II. hatte also durchaus eine schlagkräftige Armee zur Verfügung, allerdings nur einen mit erheblichen Risiken behafteten strategischen Plan A und keinen Plan B. Es mag sein, dass er die Defizite angesichts seiner leider eingeschränkten intellektuellen Fähigkeiten gar nicht erkannte. Vermutlich träumte er von einer Wiederholung des siegreichen Feldzuges seines Großvaters gegen den „Erbfeind“ Frankreich.12 Jedenfalls schürte der Kaiser 25 Jahre lang den Glauben an eine militärische Überlegenheit, die es so nicht gab.

Das Attentat auf den österreichischen Thronfolger am 28. Juni 1914 in Sarajewo13 musste nicht zwangsläufig in einen Weltkrieg münden. Österreich erklärte erst einen Monat später Serbien den Krieg, nachdem der deutsche Kaiser militärischen Beistand versprach. Wilhelm II. sah wohl die lang ersehnte Gelegenheit zum Krieg und rief zuerst gegen Russland (1. August 1914) und dann gegen Frankreich (3. August 1914) zu den Waffen. Das führte zu einer überschwänglichen Kriegsbegeisterung im ganzen Reich. Angesichts der jahrzehntelangen kaiserlichen Propaganda – und Zensur anderer Ansichten – kein Wunder.

Abbildung 2: Bayerische Soldaten am Münchner Hauptbahnhof im August 1914. Noch glaubten viele der Propaganda, es ginge nur um eine "Spazierfahrt" und man wäre Weihnachten wieder zuhause. Welch ein Irrtum. Das viel gezeigte Foto: US National Archives NARA, public domain.

In Königreich Bayern befanden sich jetzt von den gut dreieinhalb Millionen männlichen Einwohnern eine halbe Million als Soldaten im Ausland. Sie fehlten als Arbeitskräfte in der Landwirtschaft und Industrie. Nicht zu vergessen die vielen hunderttausend vom Militär als Zugtiere für Wagen und Geschütze requirierten Pferde, die als Transport- und Arbeitstiere ebenfalls nicht mehr zur Verfügung standen.14 Bereits im Erntesommer 1914 kam es aus diesen Gründen zu erheblichen Produktionsausfällen, die sich mit jedem Kriegsjahr immer weiter verschärften.15

Zudem konnte die deutsche Militärführung ihre Versprechungen nicht halten. Es gab nach kleinen Anfangserfolgen, vor allem der bayerischen Truppen bei Metz, keinen raschen „Ausflug nach Paris“. Der Schlieffen-Plan schlug komplett fehl. Unzulänglich koordiniert scheiterte der deutsche Angriff schon nach gut vier Wochen am 9. September 1914 an der Marne. Die Kommandeure vor Ort hielten das weitere Angreifen für zu gefährlich und gingen zur Verteidigung über.16 Anschließend hetzten beide Seiten ihre Fußsoldaten und Pferdegespanne in Richtung Kanalküste mit der Absicht, den Gegner zu umfassen, was nicht gelang.17 An den versprochenen raschen „Siegfrieden“ war jetzt nicht mehr zu denken, bestenfalls stand noch eine Art „Unentschieden“ im Raum. Die kaiserliche Zensur verhinderte das Bekanntwerden dieser Fakten und schilderte auch kleinste militärische Erfolge in leuchtenden Farben. So erfuhr eine überraschte Öffentlichkeit die Wahrheit erst Jahre später aus der Tageszeitung.18 Aufmerksame Beobachter bemerkten nur, dass der Kaiser einen neuen Chef des Generalstabes berief: Erich von Falkenhayn. Siegreiche Generale tauscht man nicht aus. Es entwickelte sich eine starre Front mit mehr oder weniger stark befestigten Schützengräben. Angesichts der annähernd gleichen Truppenstärken zu Beginn des Krieges im Westen auch keine Überraschung.19 Nur durch rasche Verlagerungen der Kräfte konnte die deutsche Generalität zeitweise eine lokale Überlegenheit herstellen, jedoch keinen Gesamtsieg erreichen. Trotz dieser ihm bekannten Fakten setzte von Falkenhayn rücksichtslos auf taktisch und strategisch sinnlose Frontalangriffe gegen stark befestigte feindliche Stellungen. Das führte auf deutscher Seite zu mehr Gefallenen und Verwundeten, als neue Rekruten gewonnen werden konnten. So sank die Kampfkraft stetig.20

Abbildung 3: Die Begeisterung schwand rasch, als man sich im nasskalten Schützengraben unter Dauerbeschuss wiederfand. Foto: privat

Auch im zivilen Bereich verschlechterte sich die Lage mit jedem Kriegsmonat. Es fehlte an nahezu allen Gütern des täglichen Bedarfs, breite Bevölkerungsschichten litten Hunger. Bestenfalls hätte man jetzt noch zu einem Verständigungsfrieden kommen können, denn die Lage zeigte ein klares „Unentschieden“ an der Westfront. Dafür plädierten mehrere hochrangige Militärführer, darunter auch der bayerische Kronprinz Rupprecht, inzwischen aufgrund besonderer Leistungen zum Generalfeldmarschall ernannt. Doch davon wollte weder der Kaiser noch seine engsten Berater etwas wissen. Stattdessen wurde zum zweiten Mal die deutsche Oberste Heeresleitung ausgetauscht. Jetzt übernahm auf dem Papier der 69-jährige Paul von Hindenburg das Kommando. Tatsächlich führte sein engster Berater, General Erich Ludendorff, auf den später in diesem Buch noch genauer eingegangen wird. Beide erhofften sich von einem unbegrenzten Einsatz der deutschen U-Boote gegen alle Schiffe der Alliierten eine entscheidende Schwächung vor allem der englischen Volkswirtschaft. Zwar versenkten die gut 150 deutschen U-Boote mehrere tausend Versorgungs- und Kriegsschiffe im Atlantik und dem Mittelmeer, erwischten dabei aber auch welche mit Flagge der USA. Das blieb nicht ohne Folgen:

Mit dem Kriegseintritt der US-Amerikaner im Jahre 1917 konnte Deutschland den Krieg nicht mehr gewinnen.21 Das durfte die Bevölkerung natürlich nicht wissen, wenn auch immer mehr klar denkende Zeitgenossen Böses ahnten. Die kaiserliche Zensur verhinderte jede kritische Berichterstattung und forderte von der Bevölkerung maximale Opferbereitschaft.

Erst Jahre danach las man Klartext, so z. B. im Weilheimer Tagblatt am 9. Juli 1924:

Wie geringschätzig hatte man sich in Deutschland vor Kriegseintritt der Vereinigten Staaten geäußert über Amerikas Leistungen im Kriege. Da hieß es, Amerika braucht 5 Jahre, bis es eine ständige Armee hat, Amerika hat keine Schiffe, um die Truppen nach Europa zu bringen, und wenn sie Schiffe bringen, versenken wir sie. Welch schwere Irrtümer! In einem Jahre standen eine Million, im 2. Jahre 2 Millionen Soldaten da und Amerika war entschlossen, 10 Millionen Soldaten zu schicken; in einem halben Jahre wurden hunderte von Holzschiffen gebaut. Die Deutschen haben kein einziges amerikanisches Holzschiff versenkt. Das waren schwere, psychologische Fehler, Irrtümer, die an höherer Stelle begangen wurden.

Später behaupteten Hitler und seine Gesinnungsgenossen, Deutschland wäre durch meuternde Soldaten im Hinterland um einen Sieg im Felde betrogen worden, gewissermaßen einem „Dolchstoß“ in den Rücken erlegen.22 Um das klar entkräften zu können, sei hier kurz auf das Kriegsende eingegangen:

Die deutsche Militärführung, die dritte „Oberste Heeresleitung“ (OHL) mit Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff an der Spitze, kam auch im Frühjahr 1918 noch zu keiner realistischen Lagefeststellung. Hatten sie doch mit einer angeblichen diplomatischen Meisterleistung den russischen Revolutionären Lenin und Trotzki zur Macht verholfen23 und dann Russland mit militärischem Druck zum Frieden von Brest-Litowsk gezwungen.

Abbildung 4: Ludendorff unterstützte die Revolutionäre Lenin und Trotzki, auf dass sie an die Regierung in Russland kämen und Frieden mit Deutschland schlössen. Der Plan ging auf, am 3. März 1918 unterzeichneten beide Staaten in Brest-Litowsk den Friedensvertrag. Lenin verzichtete – nicht freiwillig, sondern durch Deutschland erzwungen – auf ein Gebiet doppelt so groß wie das Deutsche Reich und entließ 60 Millionen Menschen in die Unabhängigkeit. Finnland, Estland, Lettland, Litauen und die Ukraine wurden selbstständige Staaten. Es könnte sein, dass die Folgen bis heute nachwirken und Putin sich eine Wiederherstellung des damals auf deutschen Druck hin aufgelösten russischen Großreiches vorstellt.

Mit dem Ende des Zweifrontenkrieges schien Ludendorff nun der Sieg im Westen machbar. Friedenssignale des US-Präsidenten Woodrow Wilson ignorierte er. Ein aussichtsloses Unterfangen gegen einen mit US-amerikanischer Unterstützung täglich stärker werdenden Gegner. Die letzten Reserven verheizte diese OHL mit taktisch unklugen und deshalb erfolglosen Gegenoffensiven an der Westfront. Erst als im Herbst 1918 die Verbündeten Österreich-Ungarn und Bulgarien um einen Waffenstillstand ersuchten, blieb angesichts der feindlichen Übermacht nur noch die Kapitulation oder der heldenhafte Untergang. Ludendorff blieb nur der militärische Offenbarungseid – eine Bitte um Waffenstillstand zu den Bedingungen der Alliierten. Die erst im August 1918 neu geschaffene Seekriegsleitung mit Admiral Scheer an der Spitze wollte sich dem nicht anschließen. Stattdessen entwickelte sie rasch einen streng geheimen Plan für den Einsatz der deutschen Hochseeflotte.24 Man plante, mit allen Kräften die englische Küste zu beschießen und britische Schiffe frontal anzugreifen. Angesichts der gewaltigen zahlen- und kräftemäßigen Überlegenheit der englischen Marine, der „Grand Fleet“, ein verantwortungsloses Himmelfahrtskommando mit den veralteten Dampfschiffen und den wenigen noch einsatzbereiten U-Booten. Wie genau die Besatzungen von dem Plan erfuhren, ist nicht bekannt, jedenfalls meuterten auf den Großlinienschiffen „Helgoland“, „Ostfriesland“ und „Thüringen“ eine größere Anzahl der bis dahin jahrelang lediglich mit Reinigungs- und Wartungsarbeiten beschäftigten Matrosen. Sie hatten kein Interesse am Heldentod in den letzten Kriegstagen. Es war dann der aus Weilheim stammende Kommandeur der kaiserlichen Hochseeflotte, Admiral Franz von Hipper, der eigenmächtig diesen mörderischen Befehl nachts widerrief.25

Es ist anzunehmen, dass sein Vorgesetzter, Admiral Scheer, tags darauf darüber nicht erfreut reagierte. Scheers Absicht war es ja, die Waffenstillstandsverhandlungen im wahrsten Sinne des Wortes zu torpedieren.

Abbildung 5: Plan für den Einsatz der deutschen Hochseeflotte gegen England Ende Oktober 1918. Karte aus US National Archives, public domain.

Die Seekriegsleitung musste neu planen. Nun sollten wenigstens die deutlich kleineren Torpedoboote einen Angriff auf England fahren. Leider sah sich Admiral Hipper außer Stande, diesen Plan umzusetzen. Wieder führten manche Besatzungen die Befehle nicht aus. Das arrogante Auftreten einiger Offiziere in diesen Tagen führte letztlich zum Kieler Matrosenaufstand und danach zur Revolution.26

1 Wilhelm II., 1859 geboren, regierte nach dem alten Prinzip „teile und herrsche“. Er versuchte die zivile Regierung, den Reichstag und das militärische Oberkommando gegeneinander auszuspielen und sah sich – realitätsfern – als absoluten Herrscher. Der alte Reichskanzler Bismarck war ihm dabei im Wege, er drängte ihn auf üble Art und Weise zum Rücktritt. Siehe dazu den aufschlussreichen Artikel von John C.G. Roehl: Verschwörung: "Denn parirt muß werden!" | ZEIT ONLINE

2 Als machtbewusster Protagonist der maritimen Aufrüstung wirkte Alfred Tirpitz (ab 1900 „von“), der Deutschlands vermeintliche Großmachtrolle – ganz im Sinne des Kaisers – unbedingt auch zur See abbilden wollte. Ziel war eine im Vergleich zur britischen „Grand Fleet“ zwei Drittel so große Flotte an Kriegsschiffen. Doch die mit Kohle befeuerten deutschen Dampfschiffe waren ab 1906 den neueren englischen Modellen mit Ölmotoren an Geschwindigkeit und Reichweite unterlegen. Eine sehr teure Fehlinvestition. Sie kamen im Ersten Weltkrieg deshalb kaum zum Einsatz.

3 Siehe dazu das handschriftliche Original und Transkript im US Nationalarchiv: https://catalog.archives.gov/id/287357869?objectPage=160 (04.01.2024)

4 Graf Schlieffen schreibt in seiner Denkschrift von 1905 unter anderem: „Auch die Engländer könnten zur Stelle sein, sie haben gedroht, mit 180.000 Mann in Antwerpen zu landen. Kämen diese Verstärkungen rechtzeitig in Belgien an, würde das die Ausgangslage erheblich zu Ungunsten der deutschen Operationsführung verändern.“ Siehe: https://catalog.archives.gov/id/287357869?objectPage=160 (04.01.2024)

5 Siehe Londoner Konferenz (1838–1839) – Wikipedia (05.01.2024)

6 Quelle: Siehe Fußnote 4. Schlieffen plante den Großangriff mit 25 regulären Korps (19 preußische, 3 bayrische, 2 sächsische, 1 aus Württemberg) mit je 45.000 Mann. Die Friedensstärke betrug nur je 25.000 Soldaten; Reservisten waren zu mobilisieren. Dazu kamen 11 Reservekorps mit weniger ausgebildeten Freiwilligen, also insgesamt etwa 1,6 Millionen Mann. Höchstens 100.000 davon blieben für die Verteidigung im Osten übrig. Die in der Literatur häufig angegebene deutsche Truppenstärke bei Kriegsausbruch umfasste auch den „Landsturm“ und bis dato ungediente Männer und kommt so auf 4,5 Mill. Soldaten. Siehe z.B. (Neugebauer 2009), Band II, S. 30

7 Das Originaldokument (mit Kartenmaterial) im US-Nationalarchiv online einsehbar: https://catalog.archives.gov/id/287357869?objectPage=152 und ff. (15.05.2025)

8 Von Moltke (der Jüngere), eher vorsichtig veranlagt, erkennt das Risiko. Siehe: https://s3.amazonaws.com/NARAprodstorage/lz/(15.05.2025)

9 Die geburtenstarken Jahrgänge ab 1890 überforderten wohl die Militärbürokratie.

10 Eine Wehrgerechtigkeit gab es nicht. Für Angehörige des Hochadels sah das Gesetz eine generelle Wehrpflichtbefreiung vor. Hatte man es bis zum Ende der 10. Klasse geschafft (i.d.R. am Gymnasium) und konnten die Eltern etwa 3.000 Mark zahlen (drei Jahreseinkommen einer Arbeiterfamilie), verkürzte sich die Dienstzeit auf ein Jahr. Diese „Einjährig-Freiwilligen“ übernahm die Armee gerne in die Reserveoffizier-Laufbahn, bewährte Unteroffiziere dagegen nicht. Siehe (Neugebauer 2009), S. 425 f.

11 Siehe (Neugebauer 2009), S. 448 ff.

12 Siehe dazu z. B.: LeMO Kaiserreich - Das Reich - Deutsch-Französischer Krieg 1870/71(dhm.de) (15.01.2024)

13 Anschaulich schildert Marc von Lüpke die Ereignisse hier: Attentat in Sarajevo 1914: Dilettantischer Mord löste Weltkrieg aus - DER SPIEGEL (15.08.2024)

14 Traktoren gab es in Bayern damals praktisch noch nicht. Die wenigen Exemplare stammten aus den USA. Siehe dazu: Traktor – Wikipedia (15.01.2025)

15 Selbst unter Friedensbedingungen konnte Bayern in den Jahren vor dem Krieg nur rund 75-85 % der erforderlichen Lebensmittel im Land selbst erzeugen. Die Quote sank mit Kriegsbeginn rasch auf 50 % im Jahr 1917. Lageverschärfend wirkte die Seeblockade der Engländer, die Nahrungsimporte aus Südamerika verhinderte.

16 Das lag weniger an der Kampfkraft der französischen Verteidiger, sondern vielmehr an der fehlenden Gesamtübersicht des deutschen Generalstabs mit seinem Hauptquartier in Luxemburg. So schätzten die Kommandeure vor Ort die Lage falsch ein, hielten den Gegner für zu stark und brachen den Angriff 50 km vor Paris ab.

17 Ein Armeekorps hatte eine Straßenmarschlänge von 29 km (!) und bewegte sich nur sehr langsam – die Fuß-Marschgeschwindigkeit der Infanterie und bespannten Artillerie ohne Feindeinwirkung lag bei 3 km/h. Eine der Lageentwicklung angepasste Operationsführung scheiterte auch an zu langsamer Kommunikation. Neben Meldereitern und -fußsoldaten standen nur ortsfeste Telegrafenstationen und äußerst selten Funkstationen zur Verfügung. Bei Kriegsbeginn gab es im ganzen Heer nur 40 Stück. Siehe zu den Funkgeräten: cntmng (e-periodica.ch) (10.01.24)

18 Z. B. durch einen Bericht im „Weilheimer Tagblatt“ vom 14. Februar 1922 S.1.

19 Die Truppenstärken einschließlich der Reserven bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges betrugen: Deutschland: 4,5 Mill., Frankreich: 4 Mill., Belgien: 0,3 Mill. Soldaten. Siehe (Neugebauer 2009), Band 2, S. 30.

20 Es sei hier beispielhaft auf die letztlich erfolglosen Kampfhandlungen um Verdun verwiesen, die auf beiden Seiten insgesamt über 700.000 Todesopfer forderten.

21 Der bayerische General der Infanterie Albert Ritter von Schoch schreibt in der deutsch-nationalen Kreuzzeitung Nr. 30 vom 19.01 1923 treffend: „Der Weltkrieg ist durch das Eintreffen von fast zwei Millionen amerikanischen Soldaten in Frankreich entschieden worden“. Ritter von Schoch, Namensgeber der ehemaligen Landshuter Bundeswehrkaserne, galt als hervorragender Stratege. Als Träger des bayer. Militär-Max-Joseph-Ordens in den Adelsstand erhoben. Siehe: Albert von Schoch – Wikipedia

22 Diese Version der Geschichte verbreitete nach dem Krieg auch die Oberste Heeresleitung, namentlich General Ludendorff und Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg. Siehe auch: Die Dolchstoßlegende | Anne Frank Haus (31.08.2023)

23 Die im Schweizer Exil lebenden Revolutionäre Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, und Lew Dawidowitsch Bronstein, genannt Trotzki, durften auf Geheiß Ludendorffs in einem verplombten Eisenbahnwaggon durch Deutschland reisen, um dann per Schiff in die damalige russische Hauptstadt St. Petersburg zu gelangen. Der deutsche Generalstab unterstützte mit Umsturzplänen und einer Million Goldmark.

24 Der an der Planung maßgeblich beteiligte Chef des Stabes, Konteradmiral Magnus von Levetzov, versuchte als Sachverständiger vor Gericht 1925 diesen Entschluss zu erklären. Dabei wurden die Motive deutlich: Ziel war ein „heldenhafter“ und „ehrenvoller“ Untergang der eigenen Flotte. Siehe dazu das Protokoll im US National Archiv NARA https://catalog.archives.gov/id/289861832?objectPage=812 (Hinweis: Die Seiten sind in umgekehrter Reihenfolge verfilmt, rückwärts blättern)

25 Als verantwortlich denkender Kommandeur der deutschen Hochseeflotte setzte er diesen am 29. Oktober 1918 ausgefertigten Befehl am Folgetag um 02:00 Uhr morgens außer Kraft, nachdem es Stunden zuvor zu Ausschreitungen auf mehreren Schiffen gekommen war. Er verhinderte damit eine militärische Katastrophe.

26 Siehe dazu: Kieler Matrosenaufstand – Wikipedia und Details bei https://catalog.archives.gov/id/289861832?objectPage=132 (ff.)(10.08.2025)

2. Revolution und Neuanfang

Die Tageszeitungen berichteten landesweit vom Aufstand der Matrosen in Kiel. Daraufhin brach in der langen unwissend gehaltenen Bevölkerung ein Sturm der Entrüstung los. Damals stellten Tageszeitungen die wichtigste und oft die einzige Informationsquelle für die große Mehrheit dar. Die kaiserliche Zensur verhinderte bis November 1918, dass irgendwelche Zweifel am „großen Sieg“ den Weg in die Druckwerke fanden. Ganz anders bei den Sozialdemokraten. Otto Wels27, während des ersten Weltkrieges Mitglied des SPD-Parteivorstandes und Reichstagsabgeordneter, gab dazu als Zeuge im „Dolchstoß-Prozess“ interessante Einblicke:28

Abbildung 6: Demonstration in Berlin im November 1918. Reichswehrtruppen marschieren über die Wilhelmstraße und versuchen Ordnung zu schaffen. Foto: US National Archives NARA, ID 165-ww-159A-018, public domain.