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"Es ist die Erinnerung, die mir Hoffnung gibt und mir sagt: Es wird alles besser. Es wird alles wieder gut." Hoffnung ist universell. Ohne Hoffnung können wir nicht leben. Sie ist es, die uns bei Enttäuschungen, Rück- und Schicksalsschlägen nicht verzagen lässt. Sie stärkt das Rückgrat in Krisenzeiten. Wenn wir hoffen können, ist Aufgeben keine Option – stattdessen rappeln wir uns auf und folgen dem Silberstreif am Horizont. Doch was ist Hoffnung, woraus speist sie sich? Sind Grundbedürfnisse wie Sicherheit, Liebe, Freiheit unabdinglich, um hoffen zu können? Die Journalistin Nermin Ismail geht einem der urmenschlichsten Gefühle auf den Grund, trifft Menschen, denen die Hoffnung fast abhanden kam, redet mit ihnen über ihre schwersten Stunden und darüber, was ihnen geholfen hat. Sie hinterfragt, wer worauf hoffen darf und wann eine positive Sicht auf die Zukunft zur Realitätsverweigerung wird. Und nicht zuletzt zeigt sie uns, wie wir alle uns gegenseitig Zuversicht geben können und warum wir manchmal zurückblicken müssen, damit ein hoffnungsvolles Morgen immer wieder möglich wird.
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Seitenzahl: 101
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Nermin Ismail
Für die Hoffenden. Auf dass die Hoffnung ihr stetiger Begleiter ist und sie niemals verlässt.
Für meine Mutter Azza El-Sondosy Ali.
Die Person, die mich lehrte zu hoffen.
Der Grund dafür, dass ich niemals aufgeben werde.
Für meinen Vater Hassan Galal Ismail.
Den Menschen, der mir immer Hoffnung gibt.
Der Grund dafür, warum ich immer das Gute im Menschen sehe.
Und für all jene in meinem Leben, die mir Mut machen, mir Gutes zusprechen und an mich glauben. Denn das ist es, was ich brauche, um die Hoffnung niemals zu verlieren.
Für jeden Menschen, der bereit ist, das Menschsein in den Vordergrund zu stellen, um Gemeinsamkeiten zu erkennen und sich gegen jede Form von Hass zu stellen. Weil die Liebe für die Hoffnung unverzichtbar ist.
Für jeden Menschen, der anderen ermöglichen will, zu hoffen.
Für jeden von uns, der hoffte, enttäuscht wurde, aber dennoch weitermacht.
Für die Hoffnungslosen. Auf dass sie die Hoffnung wiederfinden, leben und weitergeben.
Für Dich.
Prolog
Was Hoffnung ist
Sicherheit gibt Hoffnung
Freiheit ist Hoffnung
Hoffnung braucht Liebe
Danksagung
Quellen
„Vielleicht gibt es schönere Zeiten, aber diese ist die unsere.“
Jean Paul Sartre
Gäbe es die Hoffnung nicht, würden Sie dieses Buch jetzt nicht in Ihren Händen halten. Denn ich hätte schon viel früher aufgegeben. Vielleicht schon damals, als meine Deutschlehrerin verwundert darüber war, dass ich es überhaupt ins Gymnasium geschafft hatte. Sie war davon überzeugt, dass ich nicht hierhergehörte. Meine Deutschnoten waren schlecht, vor lauter Angst, einen Artikel falsch zu sagen, verstummte ich irgendwann und traute mich nicht mehr zu sprechen. Erst Jahre später, als ich einen Deutschlehrer bekam, der mich zu fördern wusste, begann ich an Selbstbewusstsein zu gewinnen, zu sprechen, ich selbst zu sein und zu mir zu stehen.
Oder vielleicht hätte ich aufgegeben, als mir nach meinem Schulabschluss ein anderer Lehrer sagte, dass es nicht so einfach sei, die unzähligen Träume, die ich damals schon hatte, zu verwirklichen. Weil ich so heiße, wie ich heiße, so aussehe, wie ich aussehe, mich kleide, wie ich mich kleide. Eine Konfrontation mit der harten Realität, mit den Ungerechtigkeiten, die ich bis dahin noch nicht ausreichend kannte und bis heute nicht hinnehmen will. Ich würde mir selbst meinen Weg verbauen, wurde mir gesagt. Als sei nicht die Gesellschaft rassistisch und diskriminierend, sondern ich nicht bereit, mich anzupassen.
Oder vielleicht hätte ich am Anfang meiner journalistischen Karriere aufgegeben, als ein Kollege erstaunt feststellte, dass ich die Einzige im Haus bin, die ein Hijab trägt, aber keine Putzfrau ist. Oder in einer anderen Redaktion, in der mir nicht geglaubt wurde, dass Deutsch die Sprache ist, mit der ich journalistisch arbeite, und nicht Türkisch oder Arabisch.
Aber ich ließ mir die Hoffnung nicht nehmen. Ich hoffte weiter. Darauf, zu werden, wer ich sein möchte, zu sein, wer ich bin und meinen Weg selbst wählen zu können und selbstbestimmt zu leben. Ich hoffte, Ungerechtigkeiten aus dem Weg zu räumen. Ich hoffte, dass wir alle die Chancen bekommen, die wir verdienen. Ich hoffte, dass jedes Kind, egal, wo es aufwächst, frei ist in seinen Entscheidungen, sich entfalten kann und nicht ständig eingeschränkt wird, weil es die „falsche“ Hautfarbe, die „falsche“ Herkunft hat oder den „falschen“ Namen trägt. Ich habe nicht aufgegeben, weil ich an mich und an das, was ich machen wollte, glaubte. Ich hoffe weiterhin darauf, mit meiner Arbeit jenen eine Stimme geben zu können, die selten gehört werden. Ich hoffe weiter darauf, Stück für Stück für mehr Gleichberechtigung und Diskriminierungsfreiheit in unserer Gesellschaft zu sorgen. Ich hoffe weiter, Vorurteile abzubauen und das Gemeinsame hervorzuheben, sodass wir uns stets als Menschen begegnen, einander unterstützen und die Hoffnungen des jeweils anderen stärken können, ohne Angst zu haben, selbst nicht hoffen zu dürfen.
Und ja, es waren die Putzfrauen beim Österreichischen Rundfunk, die mir tagtäglich Hoffnung gaben. Die mich mit großen Augen ansahen und in gebrochenem Deutsch sagten: „Du arbeiten hier? Super! Ich stolz. Mashallah!“ Als würden sie sagen: Wir haben es nicht geschafft zu tun, was wir gerne täten in dieser Gesellschaft, aber dafür schafft ihr es, die neue Generation. Es waren die ägyptischen Taxifahrer, die mich zu meinen Nacht- und Frühdiensten fuhren und mir erzählten, wie glücklich und zuversichtlich sie sind. Einer begann, mir von seinen eigenen Träumen und Hoffnungen zu erzählen. „Als ich jünger war, noch in Ägypten, wollte ich Nachrichtenmoderator werden. Aber das Leben wollte es anders. Es gab keine Perspektive. Ich bin hergekommen, um Zeitungen zu verkaufen, Blumen zu verkaufen. Damit ich studieren und heiraten kann. Aber die Umstände erlaubten es nicht. Aber meine Kinder studieren jetzt.“ Er hoffte, seine Tochter, sein Sohn würden eines Tages ihre eigenen Träume leben können. Ohne Kompromiss.
Jeder von uns hat ganz individuelle Sehnsüchte, Wünsche, Träume, Ziele. Aber gibt es etwas, worauf wir alle hoffen? Unabhängig davon, wo wir herkommen, wie wir heißen oder aussehen? Ich habe durch meine Arbeit als Journalistin mit so vielen unterschiedlichen Menschen gesprochen, bin um die Welt gereist. Auch deswegen ist diese Frage für mich ziemlich einfach zu beantworten: Wir wollen glücklich sein. Ein gutes Leben führen. Kein Mensch würde dieser Aussage widersprechen. Auch wenn sich unsere Definitionen von Glück nicht eins zu eins decken werden, so gibt es bestimmte Bedürfnisse, die wir alle haben und ohne deren Erfüllung wir nicht glücklich sein können. Denn ganz egal, wie unsere Biografien aussehen, welche Sprachen wir sprechen und welchen Bildungsstatus wir haben: Wir sind Menschen. Eine Tatsache, an die in Zeiten von doppelten Maßstäben, Populismus, Ausgrenzung und Extremismus immer wieder erinnert werden muss. Eine Tatsache, die uns zusammenbringt und verbindet. Wir sind Menschen, die in Sicherheit und Frieden leben wollen, lieben und geliebt werden, Anerkennung finden und frei und selbstbestimmt leben wollen.
Sicherheit, Freiheit und Liebe sind Grundbedürfnisse, die wir haben und die uns alle einen. Gleichzeitig sind es auch Privilegien, die wir teilweise als selbstverständlich erachten. Privilegien, die wir erst dann, wenn wir sie missen, als solche erkennen und verstehen, wie reich wir gewesen sind. Wenn wir wie in der Coronakrise unsere Bewegungsfreiheit einschränken müssen, um uns selbst und andere zu schützen, wird uns klar, wie wertvoll unsere Grundrechte sind. Dann setzen wir uns vielleicht eher für andere ein, die diese Rechte nicht haben. Vielleicht, weil sie einer Minderheit angehören, die Diskriminierung erfährt. Oder weil sie an einem unsicheren Ort leben, an dem sie täglich um ihr Leben bangen müssen. Wenn wir Menschen begegnen, die aus ihrer Heimat flüchten mussten, weil dort Krieg ausgebrochen ist, wenn Eltern nicht garantieren können, dass ihre Kinder unversehrt bleiben können, verstehen wir, dass ein Leben in Frieden ein Privileg ist, auf das wir keinen alleinigen Anspruch haben, das wir verteidigen und für andere ermöglichen müssen.
Hoffnung an sich ist universell. Wir können ohne Hoffnung nicht leben. Weil sie es ist, die uns bei Enttäuschungen und Rückschlägen nicht verzagen lässt. Vor allem die Pandemiezeit hat gezeigt, wie vergänglich und fragil unsere Welt und unsere Systeme sind. Die grundsätzliche Endlichkeit und Unvorhersehbarkeit des Lebens müssen wir akzeptieren. Mir persönlich haben die vergangenen eineinhalb Jahre gezeigt: Nichts ist wichtiger als gute, funktionierende Beziehungen. Und dass wir Menschen um uns haben, die uns Mut machen, uns Halt geben und uns stützen. Sie können unsere Hoffnung sein. Wenn wir auf diese Kontakte verzichten müssen, ist das eine sehr schwierige Situation für uns, denn wir brauchen einander. Die Coronakrise hat nicht nur manche Missstände sichtbar gemacht, sie hat viele sogar verstärkt. Ob es die schlechten Bedingungen in der Sorgearbeit sind, die soziale Ungerechtigkeit oder die patriarchalen Strukturen, die bis heute Frauen systematisch benachteiligen. Klar ist jedenfalls: Wir haben noch nicht die gesellschaftlichen Bedingungen geschaffen, die allen Teilhabe und faire Behandlung ermöglichen. Es stellt sich die Frage: Wessen Aufgabe ist es denn eigentlich, uns Hoffnung zu geben? Ist es die Politik? Ist es unser Umfeld oder ist es eine Idee, ein Glaube – oder etwas, das aus uns selbst kommen muss?
Es scheint, als wäre dieser Moment, die Zeit, in der wir gerade leben, die schwierigste Zeit, um über die Hoffnung zu sprechen. Wir leben in einer Zeit voller Krisen. Krisen, die wir gemeinsam bewältigen müssen. Die Erderwärmung muss gestoppt werden, ein Virus muss bekämpft werden, dem Extremismus jeder Art muss entschieden und auf mehreren Ebenen entgegengetreten werden, genauso wie dem Rassismus und dem Hass. Von individuellen Krisen ganz zu schweigen. In einem Alltag, in dem sich viele von uns allein gelassen fühlen, kann die Hoffnung auch mal schwinden.
Doch aus jeder persönlichen oder politischen Krise ergeben sich noch nicht betretene Wege. Und aus jeder Situation, die als das Ende betrachtet wird, entsteht neue Kraft.
Das Cover dieses Buches ziert eine Brücke. Für mich symbolisiert diese Brücke die Hoffnung. Die Hoffnung auf das Finden und die Erreichbarkeit der eigenen Ziele, Bedürfnisse und Träume. Die Hoffnung auf ein Ankommen. Unsere Hoffnungen verbinden uns miteinander, so wie die Brücke zwei Orte verbindet. Gleichzeitig verbindet sie uns mit uns selbst. Die Brücke ist das, was uns trägt, wenn es nicht einfach ist, wenn der Weg, den wir zu beschreiten haben, noch lang ist. Die Brücke kann auch die Hoffnung selbst sein. Sie ist zwar stabil, kann aber auch ins Wanken geraten, wie unser Glaube daran, dass unsere Situation in der Zukunft eine bessere sein wird. Sie ist eine Stütze, die vielen Belastungen standhält. Manche Brücken brauchen eine gewisse Spannung, damit sie überhaupt stehen. Auch wir müssen in gewissen Situationen Spannung aushalten können, damit wir wachsen können. Wie die Brücke unter Spannung steht, stehen auch wir mal unter Spannung, sind verängstigt und gestresst. Oft weil wir eine Vorstellung von unserem Leben haben, Pläne und schmieden und daran festhalten, wie das Leben auszusehen hat. Doch nach und nach erfahren wir: Es läuft nicht alles so einfach und reibungslos ab wie in unserer Vorstellung. Wie sehen ein: nicht jede Familie ist glücklich, nicht jede Beziehung muss funktionieren, nicht jeder Job ist erfüllend, nicht jede Person, der wir begegnen, wohlwollend. Manchmal liegen uns Steine im Weg. Wir geraten in Panik, neigen dazu, die Hoffnung zu verlieren. Um dann aber zu erkennen, sobald wir den Schock überstanden haben: Es geht weiter. Trotz allem. Wir begreifen im Nachhinein oft: Diese Herausforderung habe ich gebraucht, diese Schwierigkeit war wichtig, denn nur so bin ich zu dem Menschen geworden, der ich heute bin, und nur so konnte ich zur Hoffnung zurückfinden.
Hoffnung begleitet mich schon ein Leben lang. Und Gott sei Dank ist es so. Aber ich habe mich noch nie mit der Hoffnung so intensiv auseinandergesetzt wie jetzt. Als ich anfing, mich mit der Hoffnung zu beschäftigen, stellte ich mir die Frage: Worauf hoffen wir? Und was brauchen wir, um hoffen zu können? Ziemlich rasch kam ich auf drei Begriffe: den Frieden, die Freiheit und die Liebe. Egal, mit wem ich über meine Gedanken sprach, traf ich auf Zustimmung. In Frieden und sicher leben, frei und selbstbestimmt sein, Liebe und Solidarität erfahren: Was macht dies mit unserer Hoffnung? Ich will herausfinden, was die Hoffnung mit uns macht und wie der Zustand der Hoffnungslosigkeit aussieht. Ich versuche Antworten zu finden, auch auf die Frage: Wie können wir unsere Hoffnungen als Gesellschaft gegenseitig stärken – und welche Verantwortung tragen wir füreinander?
Wenn wir bedenken, dass alles vergänglich ist. Nichts unendlich ist. Die einzige Konstante die Veränderung ist. Dann müssen wir eine Entscheidung treffen: Wollen wir uns den negativen Entwicklungen, den schlechten Nachrichten, den Herausforderungen ergeben und unglücklich sein? Oder wollen wir in jeder Krise, in jeder Schwierigkeit und in jeder Situation, die uns nicht gefällt, eine Chance sehen, hoffen und etwas tun, damit morgen und übermorgen besser sein können und durch uns besser werden? Es ist unsere Verantwortung, darauf zu schauen, dass die Veränderung, die Entwicklung unserer Gesellschaft, stets eine positive ist. Und wenn es gar nicht weitergeht, hilft es, sich selbst und auch anderen zu sagen: Durchatmen! Es ist nur ein Kapitel. Das ist nicht die ganze Geschichte. Denn wie unsere Geschichte weitergeht, das bestimmen wir.
„Auf dieser Erde gibt es, wofür es sich zu leben lohnt.“
Mahmoud Darwish
