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Das Schicksal spielt nach seinen eigenen Regeln. Diese Tatsache musste Liz auf die harte Tour lernen. Seit dem Tod ihrer Mutter kämpft sie mit Schuldgefühlen und sucht Zuflucht vor ihrem alkoholsüchtigen Vater in ihrem Job im Diner. Als sie nach den Sommerferien endlich wieder mit ihren besten Freunden vereint ist, scheint es, als würde der Alltag zurückkehren. Doch dann taucht plötzlich ein Fremder auf, dessen düstere Aura genauso tiefschwarz ist wie seine Kleidung. Trotz aller Warnsignale fühlt sie sich von ihm angezogen wie eine Motte vom Licht. Unaufhaltsam wird sie in eine ihr bisher unbekannte Welt gezogen. Ein Roman über Schuld, Verlangen und die unvorhersehbaren Wege des Schicksals. Hold Me Once ist der erste Teil einer zusammenhängenden, mitreißenden, humorvollen und emotionalen New-Adult Trilogie. Teil 1: Hold Me Once (humorvoll, emotional, slow burn) Teil 2: Hold Me Twice (spicy, spannend, Plottwist) Teil 3: Hold Me ??? → Veröffentlichung 2026
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Nicole Rott
Hold Me
Once
Band 1
New Adult Roman
COPYRIGHT © 2024 by Nicole Rott
Originalausgabe 08/2024
ISBN: 978-3-9505596-0-6
Coverdesign und Umschlaggestaltung
Florin Sayer-Gabor - www.100covers4you.com
Unter Verwendung von Grafiken von Adobe Stock: JanPaulAnthony
Lektorat
Alina Schunk – Lektorat Literally
Storycheck
Sabrina Reck – Lektorat Nachtwind
Korrektorat
Michael Rott
Alle Rechte vorbehalten.
Nachdruck (auch auszugsweise) nur mit schriftlicher Genehmigung von Nicole Rott.
Das Schicksal spielt nach seinen eigenen Regeln.
Diese Tatsache musste Liz auf die harte Tour lernen. Seit dem Tod ihrer Mutter kämpft sie mit Schuldgefühlen und sucht Zuflucht vor ihrem alkoholsüchtigen Vater in ihrem Job im Diner. Als sie nach den Sommerferien endlich wieder mit ihren besten Freunden vereint ist, scheint es, als würde der Alltag zurückkehren. Doch dann taucht plötzlich ein Fremder auf, dessen düstere Aura genauso tiefschwarz ist wie seine Kleidung. Trotz aller Warnsignale fühlt sie sich von ihm angezogen wie eine Motte vom Licht. Unaufhaltsam wird sie in eine ihr bisher unbekannte Welt gezogen.
Ein New-Adult Roman über Schuld, Verlangen und die unvorhersehbaren Wege des Schicksals.
Liz
Manche Menschen haben ihren ganz persönlichen Rückzugsort. Einen Ort, an dem sie versuchen, sich vor der Vergangenheit, der Gegenwart oder der Zukunft zu verstecken. Ich bin einer davon und bei mir ist dieser Ort mein Arbeitsplatz. Aktuell versuche ich, vor der Vergangenheit und der Gegenwart zu fliehen. Wahrscheinlich sitze ich deshalb gerade mit einer heißen Schokolade in der Hand an meinem Lieblingsplatz, anstatt nach Hause zu fahren. Obwohl das Restaurant mittlerweile menschenleer ist, und ich bereits alles erledigt und geputzt habe, habe ich noch nicht die Motivation gefunden zu gehen. Schließlich erwartet mich zu Hause nichts Schönes. Irgendwie hat jemand in den letzten vierzehn Monaten das Skript meines Lebens von einer Komödie in ein Drama umgeschrieben. Das Zuhause von früher existiert nicht mehr, also zieht mich auch nichts dorthin.
Ich lasse meine müden Augen durch das Diner schweifen, das wie eine Filmkulisse für einen Sechzigerjahre-Film aussieht. Der Boden ist von einem schwarz-weißen Schachbrettmuster bedeckt und auf der linken Seite des Diners befinden sich zwölf Tische, die von typisch amerikanischen roten Kunstlederbänken eingebettet sind. Die Barhocker sind mit demselben roten Kunstleder überzogen und hinter der mit LEDs beleuchteten Bar thront ein riesiger, roter Coca-Cola Kühlschrank. Über der Bar hängen potthässliche, silberne Pendelleuchten aus Metall, die aussehen wie UFOs, aber aus unerklärlichen Gründen perfekt ins Bild passen. Das Herzstück des Diners liegt zwischen der Bar und den Tischen, gegenüber des Eingangsbereichs in Richtung der Toiletten: Eine riesige, rot leuchtende Jukebox.
Obwohl ich noch nie in Amerika war, bin ich ein großer Fan dieses Landes. Wahrscheinlich fühle ich mich deshalb hier so wohl, weil eine Reise nach Amerika schon lange ein Traum von mir ist. Dieses Restaurant verkörpert diesen Traum auf perfekte Weise und gibt mir das Gefühl, weit weg zu sein und ein anderes, besseres Leben zu führen, auch wenn es nur für einen Moment ist.
Manchmal fühle ich mich hier tatsächlich wie in einem Film. Die junge Kellnerin mit dem amerikanischen Traum, deren verstecktes Talent von einem fremden Gast erkannt wird, der sie dann innerhalb kürzester Zeit berühmt macht und sie all ihre finanziellen Probleme mit einem Schlag vergessen lässt. Oder so ähnlich … Also Gesangstalent können wir auf jeden Fall schon einmal von der Liste der verborgenen Begabungen streichen. Auch wenn ich es liebe, die Jukebox zu füttern und zu ‘DaydreamBeliever’ oder ‘Lollipop’ lauthals mitzusingen, klinge ich eher wie ein betrunkener Kermit auf Helium. Außer bei ‘A littlelessconversation’, da ist Kermit zusätzlich noch im Stimmbruch.
Meine Gedanken werden durch das Vibrieren meines Handys unterbrochen. Eine neue Nachricht von Jack. Bei seinem Namen auf dem Display legt sich automatisch ein Lächeln auf meine Lippen.
Das lasse ich mir natürlich nicht zweimal sagen. Ich schütte den Kakao in mich hinein und fange an, meine Sachen zusammenzupacken. Jack hat die letzten zwei Monate zur Erholung bei seiner Tante Norma in den Bergen verbracht. Nachdem er in eine Messerstecherei verwickelt war und dabei fast gestorben wäre, haben ihn seine Eltern über den Sommer zur Rehabilitationnach Montaria geschickt. Das liegt irgendwo im Nirgendwo, wo es nicht einmal Handyempfang gibt. Sehr zu meinem Leidwesen. Jack ist mein bester Freund, seit ich denken kann. In den letzten Jahren war er für mich wie ein Familienmitglied, und seit Mums Tod ist er die einzige Person, die sich nochwie Familie anfühlt. Die letzten Wochen haben sich so angefühlt, als würde mir ein Arm fehlen. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn … Bei diesem grausamen Gedanken beiße ich die Zähne zusammen und schüttle den Kopf. Es geht ihm gut! Das ist alles, was zählt. Auch wenn die letzten Wochen hart waren.
Die Tatsache, dass meine beste Freundin Peach den Sommer bei ihren Verwandten in Frankreich verbracht hat, hat mich dazu veranlasst, dieses Diner während der Ferien zu meinem zweiten Zuhause zu machen. Ich habe jede freie Minute hier verbracht, sowohl beruflich als auch privat. Es war eine willkommene Ablenkung von der deprimierenden Stimmung zu Hause. Abgesehen davon erinnert mich alles zu Hause an ein Leben, das nicht mehr existiert und vor allem: an Mum. Es heißt doch ‘Die Zeit heilt alle Wunden’, oder? Ich finde, das ist gequirlte Scheiße. Diejenigen, die mit dieser Standardfloskel um sich werfen, haben anscheinend noch nie einen geliebten Menschen verloren. Die Zeit heilt gar nichts. Sie bringt einen nur dazu, zu akzeptieren, dass das Leben nicht so läuft, wie man es sich vorgestellt hat. Der Schmerz bleibt trotzdem.
Ich schüttle die negativen Gedanken und Schuldgefühle ab und aktiviere die Alarmanlage, bevor ich das Diner abschließe. Als ich mein eigenes Spiegelbild in der Glastür entdecke, bekomme ich einen kleinen Schock. Hätte ich heute noch ein Casting für The Walking Dead, hätte ich gute Chancen, die Rolle eines Zombies zu ergattern. Ich binde mir den Dutt neu und fange die Haarsträhnen ein, die sich während meiner Putzaktion gelöst haben. Besser! Gegen meine Augenringe kann ich allerdings spontan nichts unternehmen. Bleibt nur zu hoffen, dass Jack nicht gleich einen Herzinfarkt bekommt, wenn er mich so sieht. Oder mich mit einem Panda verwechselt und mit Eukalyptusblättern bewirft …
Ich laufe auf den gegenüberliegenden Parkplatz, wo mein Fahrrad schon sehnsüchtig auf mich wartet, und mache mich auf den Weg nach Marryfield. Zu Jack. Der Gedanke daran, ihn endlich wiederzusehen, lässt meine müden Beine plötzlich hochmotiviert in die Pedale treten. Rückblickend betrachtet habe ich keine Ahnung, wie ich die letzten Wochen überstanden habe. Hätte ich nicht die Möglichkeit gehabt, im Diner zu einem Workaholic zu mutieren, wäre ich wahrscheinlich in meiner eigenen Dunkelheit ertrunken.
Jack
Während ich auf Liz warte, ertappe ich mich dabei, wie ich in meinem Zimmer nervös auf und ab laufe. Es fühlt sich so an, als hätte ich gleich ein Blind Date. Was vollkommener Schwachsinn ist. Immerhin kenne ich Liz seit dem Kindergarten.
Auf meinem Handy erscheinen zwei kleine Worte, die mein Herz sofort schneller schlagen lassen. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir schon jemals so lange voneinander getrennt waren. Während ich blitzschnell die Treppen hinauf stürme, stolpere ich fast über meine eigenen Füße. Ich eile zur Eingangstür und atme tief ein, bevor ich sie öffne. Da steht sie.
„Jack“, flüstert sie, als könnte sie es noch nicht ganz wahrhaben, dass ich tatsächlich wieder zurück bin. Ihre langen, blonden Haare sind zu einem Dutt zusammengebunden und ihr hautenges, hellblaues T-Shirt strahlt mit ihren blauen Augen um die Wette. Weil sie einen Kopf kleiner ist als ich, muss sie zu mir aufsehen. Sie lächelt, aber ihre Augen werden jede Sekunde glasiger, weil sie offensichtlich mit den Tränen kämpft. Ich öffne ihr wortlos meine Arme und sie stürmt mir entgegen. Sie drückt mich so fest, als hätte sie Angst, dass ich jederzeit abhauen oder mich in Luft auflösen könnte. Ihr Kopf ruht auf meiner Brust und sie schluchzt in mein T-Shirt.
„Ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht.“
„Alles gut, Liz. Mir geht’s gut“, entgegne ich, küsse sie auf den Kopf und drücke sie noch fester an mich. Es fühlt sich verdammt gut an, wieder vereint zu sein und mir wird erst jetzt bewusst, wie sehr ich sie tatsächlich vermisst habe.
Sie sieht zu mir auf und mustert mein Gesicht, bis ihr Blick auf meiner Narbe hängen bleibt, die seit dem ‘Zwischenfall’ vertikal über mein linkes Auge verläuft.
„Sie gibt meinem Gesicht ein bisschen Charakter, findest du nicht?“, scherze ich, was sie zum Schmunzeln bringt. In den letzten Wochen habe ich gelernt zu akzeptieren, was passiert ist. Man kann seine Vergangenheit vielleicht nicht ändern, aber man kann entscheiden, wie sie einen prägt. Abgesehen davon, würde ich immer wieder so handeln, wie damals. Ich bereue nichts. Außer vielleicht, dass ich kein Messer dabei gehabt habe.
„Komm rein“,fordere ich sie auf, weil wir schließlich nicht ewig an der Türschwelle verweilen können. Ich deute mit meinem Kopf in Richtung der Kellertreppe. Seit dem Umbau teile ich mir mit meinem kleinen Bruder Philipp den Wohnkeller. Jeder hat ein eigenes großes Reich, das doppelt so groß ist, wie es unsere alten Kinderzimmer waren, die wir bis vor ein paar Monaten noch im ersten Stock hatten. Dort oben hat sich Mum jetzt ein Lesezimmer und Dad sein Büro eingerichtet. So hat jeder seinen Rückzugsort im Haus.
Unten angekommen schrecke ich durch Liz’ Aufschrei zusammen.
„Scheiße, Phil, was ist mit deinem Zimmer passiert?“Liz steht mit weit aufgerissenen Augen in Phils Türrahmen und starrt auf das Chaos in seinem Zimmer. Ihn als unordentlich zu beschreiben wäre die Untertreibung des Jahrhunderts.
„Was?!“ Phil sieht nur kurz unbeeindruckt von seinem Bildschirm auf. Vermutlich zockt der Nerd schon wieder World of Warcraft oder so.
„Verdammt, wurdest du ausgeraubt? Hattest du Besuch von Hulk und hast ihn verärgert?“ Liz steht noch immer sichtlich schockiert und mit offenem Mund in seiner Tür.
Phil zuckt nur belanglos mit den Schultern. „Durch Tetris habe ich bereits als Kind gelernt, dass Sachen verschwinden, wenn man zu ordentlich ist. Das Risiko kann ich nicht eingehen.“
Ich lache auf und werfe Liz einen Blick zu. „Er ist einfach nur stinkfaul, das ist alles.“
Phil sieht zu mir, hebt eine Augenbraue und grinst schief. „Du nennst es Faulheit, ich nenne es Routine-Rigorismus.“
Ja, dieses Grinsen kenne ich nur zu gut von mir selbst.
Ich schüttle den Kopf und gehe in mein Zimmer, das im Gegensatz zu seinem noch begehbar ist. Liz folgt mir und schließt die Tür hinter uns, damit wir uns ungestört unterhalten können. Sie legt ihren Rucksack ab und lässt ihren Blick durch das Zimmer schweifen. Ihre Augen bleiben an dem großen Rocky-Plakat an der Wand neben dem Fernseher hängen. ‘The worldain't all sunshine and rainbows’ steht darauf geschrieben – eines meiner liebsten Rocky Zitate. Und es ist einfach so wahr. Ihr Lächeln ist schwach und es verschwindet so schnell, wie es aufgetaucht ist.
„Was ist los, Liz?“ Meine Frage bringt sie dazu, kurz zusammenzuzucken, weil meine Stimme irgendwie tiefer, ernster und lauter als geplant durch den Raum schneidet. Aber ich will endlich wissen, was mit ihr los ist. Immerhin könnte ein Blinder sehen, dass sie offensichtlich unglücklich ist.
Sie dreht sich zu mir um, zuckt mit den Schultern und erwidert ein kurzes: „Nichts.“Dann lächelt sie beschwichtigend. Ein Lächeln, das ich ihr niemals abkaufe.
„Liz?“ Ich hebe die Augenbrauen und starre sie an, in der Hoffnung, dass sie versteht, dass sie mir nichts vormachen kann.
Sie seufzt und lässt sich resigniert aufs Sofa fallen. „Gar nichts, es ist nur …“ Noch ein weiterer Seufzer. „Kompliziert …“ Schweigend setze ich mich zu ihr und gebe ihr die Zeit, die sie anscheinend braucht, um die Worte in ihrem Kopf zu sortieren. „Dad hat vor einem Monat seinen Job verloren. Das mit dem Alkohol ist jetzt noch schlimmer geworden und … Es ist kaum auszuhalten, deshalb suche ich derzeit nach einer Wohnung. Ich habe den ganzen Sommer im Diner gearbeitet und mir schon viel auf die Seite gelegt, aber es gibt kaum freie, leistbare Wohnungen in der Nähe und wegen der Schule kann ich nicht weiter weg ziehen. Außerdem habe ich kein Auto und das kann ich mir wiederum nicht leisten, weil ich jeden Cent für eine eigene Wohnung brauche.“ Sie sieht die ganze Zeit auf den Boden und fummelt nervös am Bund ihres T-Shirts herum. „Du warst nicht da und Peach war die letzten vier Wochen in Frankreich und …“
„Komm her!“ Ich ziehe sie in meine Arme und versuche ihr ein kleines bisschen Halt zu geben. Sie erwidert meine Umarmung und sieht kurz zu mir auf, bevor sie weiterspricht. „Ich habe versucht, so selten wie möglich zu Hause zu sein und hab’ die meiste Zeit gearbeitet. Jedes Mal, wenn Dad mich ansieht, verzieht er das Gesicht, als wäre ich ein Monster. Er wirft mir vor, dass ich Mum umgebracht habe und dass er wünschte, ich würde nicht existieren, weil sie dann noch am Leben wäre. Und irgendwie hat er ja recht, weil …“
„STOP!“ Es bricht mir das Herz, sie so kaputt zu sehen und ich fühle, wie die Wut in mir aufsteigt. Wie kann man so mit seiner eigenen Tochter umgehen? Wie kann man so ein grenzenloses Arschloch sein? „Es war ein Unfall, Liz, und das weißt du!“, schreie ich ihr regelrecht entgegen, damit sie endlich aufwacht und die Dinge klarer sieht. Nämlich so, wie sie wirklich sind. Es war ein tragischer Unfall, aber ihr Vater hat sie die letzten Wochen anscheinend ausgiebig manipuliert und ich Idiot war nicht da, um sie in dieser schwierigen Zeit zu unterstützen. Um ihr zu helfen. Um sie aufzufangen …
„Ja, aber was, wenn ich damals nicht mein Handy vergessen hätte? Was, wenn Mum nicht extra für mich, wegen meiner Vergesslichkeit, noch am selben Tag ins Auto gestiegen und dort hingefahren wäre? Dann wäre sie heute noch am Leben!“ Sie brüllt mich jetzt ebenfalls an und die Tränen fließen ungehindert an ihren Wangen hinunter. Es tut so weh, als könnte ich ihren Schmerz fühlen.
„Hör auf mit 'Was wäre, wenn’ Liz, das bringt überhaupt nichts! Wollen wir ein Spiel spielen? Was wäre, wenn ich damals nicht die Eier gehabt hätte, dem Mädchen zur Hilfe zu kommen? Was wäre, wenn ich einfach weiter gegangen wäre? Was hätten diese Arschlöcher wohl mit ihr angestellt? Und was wäre …“ Ich schließe kurz meine Augen und muss mich zusammenreißen, weil mich die Bilder in meinem Kopf übermannen. „Was wäre …“, fahre ich in einem ruhigen Ton fort. „Wenn das Mädchen nicht geistesgegenwärtig einen Rettungswagen geschickt hätte, weil sie wusste, dass diese Typen mich in Stücke reißen wollten? Was wäre, wenn das Messer ein paar Zentimeter weiter oben in meine Brust gerammt worden wäre …?“ Ich lasse die Worte kurz sacken und sehe ihren schockierten Gesichtsausdruck. Sie starrt mich an, als hätte sie ein Gespenst gesehen. Wahrscheinlich registriert sie erst jetzt, wie nah Leben und Tod beieinander liegen. Ich streife wortlos mein T-Shirt hoch und zeige ihr die Narben, die ich von dem Angriff davongetragen habe. Narben – Plural! Es waren drei Messerstiche, aber nur einer davon hat mich fast das Leben gekostet.
„Scheiße …“, flüstert sie, während sie mit ihren kalten Fingerspitzen über die Narben fährt.
„Allerdings!“ Ich zwinkere ihr zu und versuche, die Stimmung wieder etwas zu heben. „Es tut mir leid, dass ich die letzten Wochen nicht für dich da war, Liz. Es tut mir auch leid, dass ich zum Todestag deiner Mum nicht da war, um bei dir zu sein“, sage ich bedrückt und hasse mich dafür, dass die Stimmung noch immer so trostlos ist.
Sie schlägt mir auf den Oberarm, lacht auf und schüttelt den Kopf. „Du lagst zu dem Zeitpunkt im Koma!“ Sie hat recht. Zum ersten Todestag ihrer Mutter am 18. Juni lag ich noch auf der Intensivstation. Trotzdem nervt es mich unendlich, dass ich nicht für sie da sein konnte, und ich fühle mich wie ein verdammter Versager. Ich merke erst, dass ich gedankenverloren ins Nirwana starre, als Liz ihre Hand auf meine legt und mich damit wieder ins Hier und Jetzt zurückholt. Als ich zu ihr aufsehe, trifft mich ihr wunderschönes Lächeln. Ihre blauen Augen strahlen eine Empathie aus, die mein schlechtes Gewissen zumindest teilweise mindern.
„Tut es noch weh?“ Bei dieser Frage muss ich selbst kurz nachdenken. Die physischen Verletzungen sind gut verheilt, aber die psychischen brauchen wohl noch etwas Zeit. „Nein, aber … Ich leide seither unter Alpträumen“, gestehe ich ihr. „Ziemlich reale und heftige Alpträume. Mittlerweile ist es besser, aber es scheint, als müsste ich noch ein paar Dinge verarbeiten". Jetzt bin ich derjenige, der auf den Boden starrt. „Aber der Aufenthalt in den Bergen hat mir gutgetan. Außerdem ist Tante Norma eine tolle Physiotherapeutin und hat dafür gesorgt, dass die Narben gut verheilen und sich keine störenden Narbenknoten bilden.“
Sie lächelt mich an, was mich wiederum zum Grinsen bringt. „Im Leben geht es nicht darum, wie stark man zuschlagen kann …“, beginnt sie plötzlich. „Es geht darum, wieviel man einstecken und trotzdem weitermachen kann“, sagen wir dann gleichzeitig und brechen in lautes Gelächter aus. Wir haben Rocky wohl das ein oder andere Mal zu oft gesehen und ich bin ihr dankbar, dass die Stimmung endlich wieder dort ist, wo sie sein soll.
„Lust auf einen Marathon?“, will ich wissen, obwohl ich die Antwort schon kenne.
„Ich dachte schon, du fragst nie!“Sie lacht auf und stößt mir ihren Ellbogen in die Rippen. Ich zucke zusammen, krümme mich und tue so, als hätte mir ihr Schlag große Schmerzen bereitet. Ihr Gesicht wird augenblicklich blass.
„Oh Gott, es tut mir leid, ich wollte nicht ... Ich hab’ ganz vergessen ...“
„Reingelegt!“, unterbreche ich sie und ernte daraufhin ein böses Funkeln.
„Du bist so ein verdammter Vollpfosten!“Jap! Da ist sie wieder! Die alte Liz, wie sie leibt und lebt – wurde aber auch Zeit!
Ich starte den ersten Teil von Rocky und mache es mir neben ihr auf dem Sofa bequem. Mit meinem Arm um ihre Schulter ziehe ich sie ein Stück näher an mich. Ich habe sie wirklich vermisst! Dass sie sich in meinem Arm besser anfühlt, als sie es als platonische Freundin sollte, ignoriere ich gekonnt und will meinen ersten Abend zu Hause einfach nur genießen. Es sind kleine Dinge wie diese Momente, die das Leben großartig machen.
~
Nachdem wir uns die ersten drei Teile von Rocky angesehen haben und ich gerade dabei bin, den vierten Teil zu starten, bemerke ich, dass Liz’ Augen geschlossen sind.
„Schläfst du?“, frage ich und stupse sie an ihren Oberarm an.
„Nur kurz die Augen zugemacht …“, nuschelt sie und gähnt daraufhin. Sie setzt sich auf und reibt sich das Gesicht, bevor ihr Blick auf die Uhr fällt. „Ich glaube, ich sollte jetzt gehen. Ich bin hundemüde und morgen fängt die Schule wieder an“, erklärt sie mir eine Tatsache, die mir schon bewusst war.
„Klar. Ich bringe dich noch nach oben.“
Sie sieht zu mir hoch und lächelt mich an, als wäre ich ein Heiliger. Ich folge ihr die Treppen hoch und bemühe mich wirklich, ihr nicht auf den Arsch zu schauen, aber hey: Ich bin auch nur ein Mann!
„Danke für den schönen Abend, Liz.“ Bei der Tür angekommen, nehme ich sie noch ein letztes Mal in den Arm, atme ein letztes Mal ihren Duft ein und lasse sie schließlich gehen. Auch, wenn sich das gerade irgendwie falsch anfühlt.
„Schön, dass du endlich wieder zu Hause bist. Schlaf gut, Jack. Wir sehen uns morgen in der Schule.“ Sie dreht sich um und geht die Auffahrt entlang. Nachdem sie sich auf ihr Fahrrad geschwungen hat, winkt sie mir nochmals kurz zu.
Ja, es tut definitiv wieder gut, zu Hause zu sein. Zugegebenermaßen wäre ich spätestens beim vierten Teil von Rocky ebenfalls eingeschlafen, also ziehe ich mir meine Pyjamahose an und putze mir noch schnell die Zähne. Ich werfe einen Blick auf mein Handy und prüfe, ob ich meinen Wecker richtig gestellthabe. Ab morgen heißt es wieder: Aufstehen! Ich lasse mich aufs Bett fallen und mache es mir bequem. Meine Matratze ist eindeutig bequemer als die von Tante Normas Gästebett und zieht mich in Sekundenschnelle verlässlich in den Schlaf …
Jack
Unter sternenklarem Himmel schlendere ich die menschenleere Straße entlang. Es war heute nicht das erste Mal, dass ich im Lizardzu einem Dart-Duell aufgefordert wurde. Es war auch nicht das erste Mal, dass ich haushoch überlegen war. Die meisten Stammkunden kennen mich und wissen, worauf sie sich einlassen, wenn sie gegen mich spielen. Es gibt aber immer wieder Laufkundschaft, die mit mir noch nie das Vergnügen hatte und ich liebe es, sie in Grund und Boden zu spielen. Vor allem, wenn sie sich davor so proletenhaft aufführen und einen auf ‘unbesiegbar’ machen …
Da um zwei Uhr morgens keine Busse mehr fahren, habe ich mich kurzerhand bei Mike eingeladen. Ich hätte mir auch ein Taxi rufen können, aber irgendwie hatte ich sowieso noch keinen Bock nach Hause zu fahren. Am Wochenende hat Mike ohnehin für die ganze Welt eine Art Tag der offenen Tür, also ist das kein Problem. Er gibt jedermann Asyl, der es kurzfristig benötigt. Klingt, als wäre er ein Heiliger, ist er aber definitiv nicht, wenn man bedenkt, dass die meisten bei ihm vorbeischneien, weil sie ihm etwas Gras abkaufen wollen. Oder Schnee. Aber er ist ein cooler Typ, mit einer Wohnung in der Gegend, einem Bier im Kühlschrank und einem weichen Sofa für meinen Hintern. Der erste Bus nach Marryfield fährt um fünf Uhr, also muss ich nur drei Stunden totschlagen.
Zum Glück hat es aufgehört zu regnen, sonst wäre ich bei meiner Ankunft klatschnass und müsste mir den Arsch abfrieren oder nach trockener Kleidung betteln. Die Luft riecht angenehm frisch und es hat endlich ein paar Grad abgekühlt. Die Tropennächte der letzten Tage gehören der Vergangenheit an und laut Wetterbericht, soll uns eine mehrtägige Kaltfront treffen. Ich bewundere die spiegelglatten Pfützen, die im Licht der Straßenlaternen schimmern, als ein Geräusch meine Aufmerksamkeit erweckt. Ein Wimmern? Ein Flehen? Ich bleibe stehen, um zu lauschen und bemerke neben dem Schluchzen auch männliche Stimmen. Dadurch, dass ich nun ungefähr die Richtung einschätzen kann, marschiere ich geradewegs weiter. In einer kleinen, unbeleuchteten Sackgasse auf der rechten Seite bemerke ich plötzlich drei Gestalten. Zwei Männer und eine Frau. Ein Mädchen! Sie ist wahrscheinlich noch nicht einmal volljährig, wenn ich das richtig einschätzen kann. In diese enge Gasse dringt kaum Licht von den Laternen der Hauptstraße und ich muss mich bemühen, weitere Details zu erkennen. Sie trägt ein hautenges, weißes Top und einen roten Minirock. Ihre schwarzen, schulterlangen Haare sehen zerzaust aus und durch ihre Tränen ist ihre Schminke komplett verlaufen.
„Alles in Ordnung?“ Ich starre die zwei Typen an und versuche sie abzuchecken. Beide sind wahrscheinlich ungefähr zwei bis drei Jahre älter als ich, gut gebaut und bis auf ihre unsympathische Fresse, die sie gerade synchron zu einer Grimasse verziehen, halbwegs ansehnlich.
„Verpiss dich, Mann. Du bist zu der Party nicht eingeladen!“ Aha, der linke Typ, mit den schwarzen Nietenlederarmbändern an seinen Handgelenken, hat hier anscheinend das Sagen. Es sollte ihm einmal jemand erklären, dass weiße Herrentanktops schon lange aus der Mode sind.
Ich blicke kurz zu dem Mädchen, das verschreckt hinter den beiden an einer Mülltonne kauert und vergewissere mich kurz, dass sie nicht verletzt ist. Sie sieht zwar aus wie ein verheultes Häufchen Elend, aber physisch dürfte es ihr gut gehen.
„Sehr schade!“, sage ich lässig. „Aber wenn ich die Party so schnell wieder verlassen muss, würde ich die Kleine da hinten gerne mitnehmen. Scheint, als hätte sie genug für heute.“ Ich versuche schnurstracks an den beiden Kerlen vorbeizugehen und strecke dem Mädchen meine Hand entgegen, als mich der Chef der Bande packt und zurückdrückt.
„Finger weg von meinem Spielzeug, Arschloch! Und wann sie genug hat, entscheide ich selbst“, zischt er mir entgegen.
Ich blicke an meinen rechten Oberarm hinunter, den er noch immer viel zu fest hält und zische ein selbstbewusstes „Loslassen!“ zurück. Okay, checken wir einmal die Lage.
Erstens: Das Mädchen ist bestimmt nicht freiwillig mit den beiden Arschlöchern hier in dieser dunklen Gosse. Wenn sie das zu Beginn war, ist sie es zumindest jetzt bestimmt nicht mehr. Dadurch, dass ihre Kleidung noch unversehrt und sauber ist, kann ich eine Vergewaltigung ausschließen, aber ich kann jetzt bestimmt nicht einfach umdrehen und gehen. Zumal die Alkoholfahne von Arschloch Nummer eins nicht von schlechten Eltern ist. Ich will gar nicht wissen, wozu er in diesem Zustand fähig ist.
Zweitens: Sie sind zu zweit und ich bin alleine. Mit einem von ihnen komme ich locker klar, aber wenn ich betrunken bin, werde ich langsam und die Typen sehen nicht zimperlich aus. Denk nach! Der Kerl lässt endlich meinen Arm los und dreht sich um. Er flüstert seinem Lakaien etwas zu, was ich nicht verstehen kann, aber der Grinser in seinem Gesicht besagt nichts Gutes. Arschloch Nummer eins wendet sich wieder dem Mädchen zu, bedrängt sie vor meinen Augen, während mir sein Schoßhund den Weg versperrt.
„Du findest wohl keine, die dich freiwillig nimmt, oder?“, provoziere ich ihn, um Zeit zu schinden. Und es wirkt.
Er dreht sich wieder um und kommt auf mich zu. „Hältst dich für besonders lustig, hm?“, fragt er mich mit schiefem Kopf und funkelt mich an. Seine Fahne ist abartig. Was hast du getrunken? Desinfektionsmittel?„Mal sehen, ob du dich noch für so lustig hältst, wenn ich dir die Fresse poliere.“ War klar, dass es darauf hinauslaufen wird, wenn ich den Schwanz nicht einziehe und verschwinde.
„Machen wir einen Deal“, schlage ich ihm vor. „Du lässt das Mädchen gehen und darfst mir dafür die Fresse polieren.“ Ich sehe über seine Schulter und beobachte, wie die Kleine kurz den Kopf hebt und mich hoffnungsvoll anstarrt. Erst jetzt erkenne ich, dass sie grüne Augen hat. Wenn das keine Kontaktlinsen sind, dann sind das die krassesten Augen, die ich je gesehen habe. In Kombination mit ihrer schlanken Figur und ihren zarten Gesichtszügen hat sie etwas Elfenartiges an sich.
Ich lass dich nicht alleine mit den zwei Wahnsinnigen, keine Sorge!
„Gegendeal: Ich schlage dich windelweich und du darfst danach zusehen, wie ich diese kleine Schlampe da hinten in alle Körperöffnungen ficke, die ich finde.“
Bei seinen Worten balle ich meine Hände zu Fäusten. Ich brauche unbedingt einen Plan. Scheiß drauf! Angriff ist die beste Verteidigung.
„LAUF!“, schreie ich dem Mädchen zu und nur eine Sekunde später landet meine Faust auf dem Gesicht des Arschlochs neben mir. Volltreffer! Er wankt nach hinten und wirkt desorientiert, fällt aber leider nicht zu Boden, weil er sich mit dem Rücken an der Hausmauer abstützt. Jetzt noch den Schoßhund kastrieren. Arschloch Nummer zwei schaut überrumpelt zu seinem Freund und ich nutze die Gelegenheit, um ihn mit einem Tritt in die Eier zu überraschen. Das Mädchen hat meinen Befehl zum Glück verstanden und ist mittlerweile außer Gefahr. Dafür kommt Arschloch Nummer eins wieder auf mich zu und ist sichtlich verärgert.
„Dafür wirst du büßen“, verspricht er mir. Der Wahnsinn in seinen Augen gefällt mir nicht und als er in seinen Stiefel greift und ein Klappmesser herauszieht, weiß ich, dass ich am Arsch bin. Auf der rechten Seite kommt der Schoßhund wieder auf die Beine und sein Blick wechselt zu dem eines Straßenköters. Scheiße! Ich blicke zurück und sehe, wie sich das schwache Licht der Laternen in der Messerklinge spiegelt.
„Na? Keine Lust mehr zu spielen?“, fragt er mich amüsiert. Er holt aus und will mich im Gesicht treffen, aber ich bin schneller und weiche zum Glück rechtzeitig zurück. Dachte ich zumindest, denn ich spüre auf einmal ein Brennen über meinem linken Auge. Prüfend streiche ich mit meiner Hand über meine Augenbraue und starre dann auf das Blut, das ich gerade abgewischt habe. Er hat mich zwar nur leicht erwischt, aber es reicht für eine kleine Schnittwunde. Nachdem ich das Blut an meiner Jeans abgewischt habe, ist es Zeit für eine weitere Provokation. Mir reicht es jetzt endgültig.
„Zwei gegen eins und Messer gegen Faust? Hast du Angst, dass du verlierst, wenn du fair kämpfst?“, fragt ihn der Alkohol in mir, der mich gerade etwas übermütig werden lässt. Er überlegt kurz, ob er auf meinen Kommentar eingehen soll und das, was er danach macht, überrascht mich tatsächlich. Er nickt kurz zu seinem Lakaien und streckt ihm das Messer entgegen. Der nimmt es ihm kommentarlos ab und verschwindet im Schatten der Hauswand hinter mir. Als mein Blick zurück schweift, trifft mich auch schon der erste Schlag. Ebenfalls ein Volltreffer. Mitten aufs Kinn und im Gegensatz zu ihm vorhin lande ich am Boden.
Mit einem triumphierenden Grinsen sieht er auf mich herab.„Müde?“ Das Einzige, woran ich denken kann, ist, dass ich ihm dieses dämliche Grinsen ein für alle Mal aus dem Gesicht prügeln will. Ich merke, wie sich der metallische Geschmack von Blut in meinem Mund ausbreitet und greife mir instinktiv auf die Lippe.
„Steh auf, Bitch!“, befiehlt er. Während ich aufstehe, balle ich schon meine Fäuste und attackiere ihn. Links. Rechts. Blocken. Rechts. Links. Bauchschlag. Ducken. Ich lasse all meine Wut aus und benutze ihn als Boxsack. Damit hat er nicht gerechnet, dieser Wichser. Er landet auch den ein oder anderen Treffer, aber mein Körper ist so voller Adrenalin, dass ich gerade überhaupt nichts spüre. Meine Sinne sind geschärft und ich befinde mich im Blutrausch.
Von einem Moment auf den anderen fängt er wie ein Geisteskranker lauthals an zu lachen, während ihm Blut aus seinem Mundwinkel tropft. Er erinnert mich gerade an Cameron Conaghan in Joker. Das Ganze bringt mich vollkommen aus dem Konzept.
„Fuck, hörst du das?“, fragt ihn die Stimme hinter mir. Plötzlich packt mich der Straßenköter von hinten und wirft das Messer zu seinem Kumpel, dem der Wahnsinn gerade zu Kopf steigt.
„Schlaf gut, Bitch“, ist das Letzte, was ich von ihm höre. Drei schnelle Bewegungen mit seiner Hand, bevor mich der Straßenköter loslässt und ich auf den Boden sacke. Scheiße! Ich greife zu der Schmerzquelle an meinem Bauch und sehe … noch mehr Blut! Verdammt viel Blut! Fuck! Vor Erschöpfung lasse ich meinen Kopf auf den nassen Asphalt fallen, weil es gerade zu sehr weh tut, ihn zu halten. Ich winde mich, lege mich auf den Rücken und muss plötzlich an Mum denken. Und an Dad und Philipp. Scheiße, wenn ich hier in dieser verdammten Gosse verrecke, würde sie das umbringen. Bei dem Gedanken spüre ich, wie mir die Tränen an den Schläfen herunter rinnen. Du darfst jetzt nicht drauf gehen! Reiß dich zusammen! Heute wird nicht gestorben! Ein Blick auf meinen Bauch und meine Hände reicht, um zu wissen, dass ich schon viel zu viel Blut verloren habe. Ich bemühe mich wirklich durchzuhalten, aber ich habe das Gefühl, dass mit jedem Atemzug mehr und mehr Leben aus meinem Körper entweicht. Mit jeder Minute, jeder Sekunde, wird die Welt um mich herum dunkler.
Ich kann die beiden weder sehen noch hören. Das Einzige, was ich höre, ist mein schmerzerfülltes Stöhnen, das von den Wänden widerhallt. Wahrscheinlich sind sie schon längst über alle Berge auf der Suche nach einem neuen ‘Spielzeug’. Aber da ist noch etwas. Sirenen? War es das, was er meinte, gehört zu haben? War das der Grund, der sie in die Flucht geschlagen hat? Das Geräusch durchbricht den Nebel in meinem Kopf. Ich will nach Hilfe schreien, aber aus meinem Mund kommt kein Laut. Der Versuch bringt mich zum Husten und ich krümme mich unter Schmerzen zur Seite. Blut tropft aus meinem Mund und vermischt sich mit einer kleinen Regenpfütze unter mir. Verdammt! Ich drehe mich zurück auf den Rücken und schließe die Augen. Nur kurz ausruhen. Ich will wieder um Hilfe schreien, aber ich schaffe es nicht. Dafür schluchzte ich jetzt unkontrolliert. Ich will nicht sterben. Noch nicht. Nicht so!
Plötzlich packt mich jemand an den Schultern und schüttelt mich. Ich will ihn anschreien, aber auch das gelingt mir nicht. Meine Augen sind noch immer geschlossen, weil sie einfach zu schwer sind. Schon wieder werde ich geschüttelt. Lass mich in Ruhe verdammt! Hau ab!
„Jack!“Seit wann kennt das Arschloch meinen Namen?
Weil ich nicht mehr geschüttelt werden will, bündele ich all meine Kraft, die noch in meinem malträtierten Körper steckt, und packe die Arme des Angreifers. Ich ziehe ihn neben mich auf den Boden und schleppe mich auf ihn. Meine Hände umfassen seine Kehle und ich drücke so fest ich kann zu. Stirb, du Bastard!
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„Jack, ich bin es!“, sagt eine mir bekannte Stimme. „Ich bin’s! Philipp. Verdammt, Jack! Lass los!“
„Scheiße!“ Ich starre plötzlich in das leichenblasse Gesicht meines Bruders, der seine Nägel in meine Unterarme krallt, weil ich ihn noch immer würge. Schlagartig nehme ich die Hände von ihm weg und weiche zurück. Seine eisblauen Augen mustern mich misstrauisch mit einer Mischung aus Entsetzen und Mitleid. Ich schaue mich um und bemerke, dass ich in meinem Zimmer bin. Auf meinem Bett. Ich schüttle verwirrt den Kopf und verstehe die Welt nicht mehr.
„Du hattest einen Alptraum, Jack. Ich bin rübergekommen, weil ich dich schreien gehört habe. Ich habe nach dir gesehen und wollte dich aufwecken.“ Er reibt sich mit seiner Hand die rote Stelle, an der vor kurzem noch meine Hände gelegen sind. Scheiße, ich habe gerade versucht meinen kleinen Bruder zu erwürgen! Wie kaputt bin ich?
„Fuck, Philipp, das tut mir leid, das wollte ich nicht! Alles okay?“
Er zuckt nur kurz mit den Schultern, während ich ihn von oben bis unten abscanne, um mich von seiner Unversehrtheit zu überzeugen. Seine Atmung ist noch immer viel zu schnell. Meine übrigens auch. Wir stehen beide noch sichtlich unter Schock. Ich atme tief ein und zwinge meinen Puls herunter. Mein Kopf ist wieder halbwegs klar, aber meine Muskeln sind noch angespannt.
„Ich dachte, das mit den Alpträumen war schon so gut wie vorbei?“, fragt er mich prüfend.
„Anscheinend triggert mich die Umgebung. Schließlich ist es die erste Nacht zu Hause. So intensiv war es das letzte Mal vor zwei Monaten.“ Wir mustern uns gegenseitig. „Hab’ ich dich verletzt?“
Ich erhalte wieder ein Schulterzucken von ihm. „Alles gut“, entgegnet er kurz.
„Nichts ist gut! Ich bin dein großer Bruder und sollte dich beschützen und nicht versuchen, dich umzubringen!“
Ich bin fix und fertig. Von den Bildern in meinem Kopf, die sich viel zu real angefühlt haben und von der Tatsache, dass ich meinen kleinen Bruder gerade attackiert und zu Tode erschreckt habe.
„Mir geht's gut, Jack, reg dich ab. Das nächste Mal leere ich dir einen Kübel kaltes Wasser ins Gesicht, damit du aufwachst.“ Er schmunzelt schief und ich liebe ihn dafür, dass er diese Situation meinetwegen so runterspielt.
„Danke. Und kein Wort zu Mum!“ Sie soll sich nicht noch mehr Sorgen machen, als sie es ohnehin schon tut.
„Klar.“ Er macht mit seinen Fingern eine Geste, als würde er sich den Mund zuzippen.
„Und jetzt raus aus meinem Zimmer. Versuch zu schlafen und egal was du hörst: Bleib verdammt nochmal drüben.“ Ich wollte nicht so vorwurfsvoll klingen, aber er muss verstehen, dass ich es ernst meine. Würde ich ihn tatsächlich verletzen, könnte ich mir das nie verzeihen.
„Aye, Sir! Komm rüber, wenn du etwas brauchst. Gute Nacht, Großer.“ Mit diesen Worten dreht er sich um und verschwindet hinter meiner Zimmertüre.
Erschöpft lasse ich mich nach hinten auf mein Bett fallen und schließe die Augen. In den letzten Wochen habe ich mich immer wieder und wieder gefragt, wie es dem Mädchen geht. Woher sie kommt und ob sie genauso unter Alpträumen leidet wie ich. Zu gerne würde ich diese kleine Elfe wiedersehen und mich davon überzeugen, dass es ihr gut geht. Ihr erklären, dass sie mir mit ihrer geistesgegenwärtigen Aktion, die Rettung zu rufen, mein Leben gerettet hat. Ob ich sie jemals wiedersehen werde? Ein Teil von mir hofft es nur zu sehr.
Ich seufze und drehe mich auf die Seite. Eigentlich bin ich extrem müde, aber gleichzeitig habe ich Angst, wieder einzuschlafen. Dieser Flashback war abartig und ich könnte in Zukunft gerne darauf verzichten. Aber irgendwann muss ich sowieso wieder schlafen – ich kann schließlich nicht ewig wach bleiben. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, zwei realitätsnahe Alpträume hintereinander zu haben? Ich hoffe sehr niedrig …
Liz
Ich weiß, ich bin viel zu früh dran, aber ich konnte irgendwie nicht schlafen und bin zugegebenermaßen ein bisschen aufgeregt. Heute ist der letzte erste Schultag – Abschlussjahr! Der Gedanke fühlt sich irgendwie komisch an. Viele hassen die Schule, aber ich habe mich schon darauf gefreut, dass es endlich wieder losgeht. Ich habe viele positive Erinnerungen an die letzten Jahre. Außerdem finde ich hier auch genug Ablenkung, um nicht mit meinen Gedanken in die Dunkelheit abzudriften. Das Lernen ist Nebensache, das läuft irgendwie in zweiter Spur einfach mit.
Als ich am Schulgelände ankomme, sehe ich Peach schon von weitem aus der Masse herausstechen. Es sind bereits mehr Schüler da, als ich um diese Zeit erwartet hätte, und es haben sich schon die üblichen Grüppchen am Hof gebildet. Peach hat mich entdeckt und kommt lächelnd auf mich zu. Ihre fliederfarbenen Haare sind ihr Markenzeichen und sie hat sie heute Morgenoffenbar mit dem Lockenstab gestylt. Nur der Pony hängt kerzengerade nach unten, während ihre schulterlangen Locken beim Gehen freudig auf und ab federn. Sie ist die beeindruckendste Person, die ich kenne und das Einhorn unter den Mitschülern. Ihr pinkes, ärmelloses Shirt zeigt den Großteil ihrer bunten Tattoos, die ihre Arme und Schultern bedecken. Sie sind genauso verspielt, quietschbunt und wirr wie ihre Persönlichkeit. Ihre Augen sind wie immer schwarz geschminkt, als würden sie mit den Emos an der Schule konkurrieren wollen, die übrigens klarerweise haushoch verlieren würden. Allerdings ist Peach nicht der Typ, der es nötig hat, mit irgendeinem Wesen auf der Welt zu konkurrieren. Sie ist einzigartig und spielt in ihrer eigenen Liga. In ihrem Jeans-Minirock, kombiniert mit ihren schwarz-weiß gestreiften Kniestrümpfen wirkt sie wie die moderne Version von Pippi Langstrumpf. In Sachen Selbstbewusstsein, Humor und Unabhängigkeit steht sie Pipi jedenfalls in nichts nach und ihre Reputation ist ihr auch scheißegal. Neben Pippi Langstrumpf vergleiche ich Peach aber gerne auch mit Peter Pan: Sie ist einfach supercool und kein Stück erwachsen. Sie würde für kein Geld der Welt das Nimmerland verlassen, soviel steht fest!
Also fürs Protokoll: Man nehme eine Pippi Langstrumpf, einen Peter Pan, ein Einhorn und einen Emo, werfe diese vier Wesen in einen Mixer und ZACK: Peach!
„Halloooo Schwester!“, ruft sieüberschwänglich und fällt mir um den Hals.
Ich erwidere ihre Umarmung und kann regelrecht spüren, wie ihre positive Energie meinen Körper durchflutet.
Nachdem sie mir gefühlt hundertmal erklärt hat, wie sehr sie mich vermisst hat und wie sehr sie mich liebt, erzählt sie mir aufgeregt Geschichten aus Frankreich. Peach redet wie ein Wasserfall, weshalb ich wie so oft nur geduldig zuhöre. Währenddessen schlendern wir gemütlich in Richtung Haupteingang, bis ich plötzlich abgelenkt werde und ruckartig stehen bleibe.
Ich kenne alle Schüler der Oberstufenklassen, aber an diesen Typen hätte ich mich bestimmt erinnert, wenn ich ihn schon einmal gesehen hätte. Er lehnt lässig an der Hausmauer, die Beine überschlagen, zieht genüsslich an seiner Zigarette und lässt seinen Blick durch die Menge schweifen. Ich starre so offensichtlich, dass es mir peinlich wäre, wenn ich klar denken könnte, aber das funktioniert irgendwie gerade nicht und deshalb mustere ich ihn ungeniert weiter.
Dunkle Augen, die fast schwarz wirken, kantige Gesichtszüge, ausgeprägte Wangenknochen und schwarze, etwas längere Haare. Ein paar dunkle Strähnen fallen ihm über die Stirn und lassen seine helle Haut noch bleicher aussehen. Er trägt schwarze Schuhe, eine schwarze Hose, ein dunkelgraues Shirt und eine schwarze Lederjacke, die er an den Ärmeln lässig hochgekrempelt hat und damit Teile seiner Tattoos zur Schau stellt.Trotz der Tatsache, dass seine Jacke seinen Oberkörper größtenteils bedeckt, versprechen seine breiten Schultern, dass er gut gebaut ist. Dass es für eine Lederjacke heute viel zu heiß ist, ist mir gerade ziemlich egal. Die Aura, die ihn umgibt, ist düster und irgendwie schrillen all meine Alarmglocken. Gleichzeitig verrät mich allerdings meine Libido an den neuen Unbekannten. Vielen Dank auch, Miss Priscilla!
Nachdem ich es endlich geschafft habe, meinen Mund wieder zu schließen, der vor Staunen so weit offen stand, dass man ohne Probleme eine Wurzelbehandlung hätte vornehmen können, gehen mir mehrere Fragen durch den Kopf. Kurz überlege ich, ob er ein GQ-Model ist und gerade ein Fotoshooting hat, verwerfe den Gedanken aber gleich wieder, weil ich weit und breit keinen Fotografen sehen kann. Also stellt sich die Frage: Schüler oder Lehrer? Oh, bitte, sei mein Lehrer! Meine Libido führt gerade einen hoffnungsvollen Freudentanz auf.
„Siehst du den Typ da?“, flüstere ich zu Peach, ohne meine Augen von ihm abzuwenden.
„Nicht zu übersehen, Süße! Mein Badboy-Radar hat schon angeschlagen, bevor du in deine Schockstarre verfallen bist.“
„Glaubst du, er ist ein neuer Schüler?“, frage ich sie, obwohl ich weiß, dass sie genauso ahnungslos ist wie ich.
„Oh, Süße, ich hoffe, er ist unser neuer Lehrer und bestraft mich mit einem Rohrstock, wenn ich keine Hausaufgaben mache. Ich würde nie wieder Hausaufgaben machen“, sagt sie mit einem diabolischen Grinsen im Gesicht. Ich will nicht wissen, welche Bilder ihr gerade durch den Kopf gehen.
„Er sieht zu jung aus, um ein Lehrer zu sein, findest du nicht?“
Peach kneift die Augenbrauen zusammen und wirft mir einen enttäuschten Blick zu, als hätte ich gerade all ihre Tagträume mit einem Schlag zunichte gemacht. Ich kann den Typen überhaupt nicht einschätzen. Für einen Schüler sieht er irgendwie zu alt aus. Für einen Lehrer hingegen zu jung. Jedenfalls kann ich nicht abstreiten, dass ich ihn anziehend finde, obwohl mein Verstand mich anschreit und mir ein riesengroßes Stoppschild vor die Nase hält. Miss Priscilla zertrümmert das Schild und marschiert mit einer Zielscheibe schnurstracks auf den Typen zu. Verdammt! Ich muss meine Libido in den Griff kriegen, bevor sie uns in Teufels Küche bringt. Bei dem Gedanken kneife ich die Augen zusammen und begutachte ihn noch einmal. Diesmal etwas unauffälliger. Hoffe ich zumindest. Vielleicht ist er tatsächlich der Teufel persönlich. Er hat zugegebenermaßen eindeutig etwas Dämonisches an sich. Oder es liegt daran, dass meine letzte Beziehung über ein Jahr her ist und Miss Priscilla seither bei jedem halbwegs gutaussehenden Typen versucht, mich dazu zu überreden, mich auf ihn zu stürzen. Wobei ich zugeben muss, dass unser neuer Biker-Vampir mehr als ‘halbwegs gutaussehend' ist.
„Dominic Dioli“, ertönt eine Stimme wie aus dem Nichts hinter uns und Peach und ich zucken zusammen.
„Was?!“ Überrascht drehe ich mich um und blicke in ein mir bekanntes, engelsgleiches Gesicht. Sally hat sich von hinten an uns ran geschlichen und zieht uns in die Realität zurück, bevor unsere Fantasien weiter ausarten können. Gott sei Dank!
„Dominic Dioli“, wiederholt sie ihre Worte und deutet mit ihrem Kopf zu dem mysteriösen Typen, der noch immer lässig an der Wand lehnt und seine Zigarette genießt. Ich hasse Zigaretten, aber Gott:Wie sexy kann man aussehen, während man raucht?
„Der Typ, den du seit gefühlt zehn Minuten angaffst“, fügt sie lächelnd hinzu.
Sally zählt zu unserem engsten Freundeskreis und ist der personifizierte Sonnenschein. Neben ihr wirkt jedes Glücksbärchen depressiv. Ihre blonden Locken glitzern wie Gold in der Sonne und mit ihrer weißen Bluse sieht sie aus wie ein Engel. Ihre Haut ist makellos, ihre Haare eine Nuance heller als meine und mit ihrem rot karierten Faltenrock wirkt sie wie ein unschuldiges Schulmädchen. Sie grinst von einem Ohr zum anderen, als wüsste sie, welche Gedanken uns gerade durch den Kopf gegangen sind. Unser Dämon hat also einen Namen: Dominic. Ich muss mich zusammenreißen, um nicht wieder wie ein Groupie zu ihm hinüberzustarren, und wende mich entschlossen Sally zu.
„Ich … ähm … habe mich nur gefragt, ob er ein neuer Schüler ist. Er wirkt etwas älter als wir.“ Meine Gehirnzellen dürften ihre gewohnte Arbeit wieder aufnehmen und ich kann wieder halbwegs klar denken.
„Tja, das liegt wohl daran, dass er einundzwanzig ist. Naja, fast jedenfalls, er hat irgendwann demnächst Geburtstag“, erklärt sie. Sally ist die Tochter des Direktors und füttert uns regelmäßig mit Insiderwissen, was sich in diesem Fall als mehr als nur nützlich erweist.
„Das bedeutet, dass er drei Jahre älter ist als wir“, stelle ich überrascht fest. Warum macht er jetzt erst seinen Abschluss? Vielleicht ist er etwas minderbemittelt. Als Gott den IQ verteilt hat, hat er sich anscheinend stattdessen noch eine zweite Portion Sexappeal abgeholt. Das würde zumindest so einiges erklären.
„Ding-ding-ding!“ Peach legt mir eine Hand auf die Schulter „Einhundert Punkte für die Lady in Red.“ Ich brauche ein paar Sekunden, um zu verstehen, dass sie damit meine Berechnung des Altersunterschiedes meint und sehe an mir herab. Ich trage ein rotes Tank-Top, eine enge Röhrenjeans und weiße Sneakers. Langweiliger geht es wirklich nicht. Wäre ich ein Gewürz, wäre ich Mehl. Ich bin nicht hässlich, meine Figur ist auch ansehnlich, aber gerade neben Peach und Sally gehe ich einfach unter. Unscheinbar. Durchsichtig. Weit entfernt von einem Schulmädchenengel oder einem Cybergoth-Regenbogen. Gott, wann bin ich so langweilig geworden?
Irgendwie bin ich ja froh, dass ich nirgends dazu passe und man mich in keine Schublade stecken kann. Man muss aber sehr vorsichtig sein, wer nämlich an der Schule nirgendwo dazugehört, wird schnell ausgegrenzt und an den Rand gedrängt. Mein Blick fängt die Cheerleader ein, die sich gerade in unsere Richtung begeben und eine dieser typischen Gruppen bilden. Mein Gehirn spielt gerade die Folge von How I metyourmother ab, in der Barney Stinson den Cheerleadereffekta.k.a. Brautjungfernparadoxon a.k.a. Kommilitonen-Syndrom beschreibt. Er besagt, dass Cheerleader in der Gruppe attraktiver wirken und einzeln betrachtet Schlittenhunde sind (Barneys Vergleich – nicht meiner). Auch wenn ich mich immer bemühe, keine Vorurteile zu haben, wäre das eindeutig die Clique, der ich als letztes zugehören wollen würde. Wenn ich ihre urteilenden, hochnäsigen Blicke sehe und ihr Gekicher und Getuschel höre, wird mir augenblicklich kotzübel. Sie halten sich für besonders unwiderstehlich – in Wirklichkeit sind sie ein Komplexhaufen mit Make-up. Ok, das war jetzt nicht sehr vorurteilsfrei, aber manchmal sind Klischees nichts anderes als unangenehme Wahrheiten.
Mum sagte immer ‘Leben und leben lassen’ und daran versuche ich mich so gut es mir gelingt auch zu halten. Im Gegensatz zu Peach behalte ich in der Öffentlichkeit meine Meinung lieber für mich und versuche Konflikte zu vermeiden. Was nicht heißen soll, dass ich mich im Falle eines Falles nicht verteidigen kann. Wenn es notwendig ist, entfessle ich die kampflustige Zicke in mir und lasse sie auf Befehl los.
„Aber warum macht er seinen Abschluss erst jetzt?“ Peach reißt mich aus meinen Gedanken und stellt die Frage, die ich mir auch schon gestellt habe.
„Ich habe Dad zwar beim Telefonieren belauscht, aber mir fehlt ein Teil des Anrufs und damit ein paar Details. Anscheinend ist er in der Unterstufe einmal sitzen geblieben. Dadurch, dass er im Herbst Geburtstag hat, kam er ein Jahr später in die Schule. UND jetzt kommt’s: Es gibt Gerüchte, dass er ein paar Monate im Jugendknast verbracht hat!“
Heute komme ich wohl aus dem Staunen nicht mehr raus. Meine inneren Alarmglocken sind mit einem Schlag wieder lauter. Erstaunlicherweise schockiert mich sein dunkles Geheimnis kaum. Außerdem nannte Sally es ein Gerücht. Wer weiß, wie die Wahrheit tatsächlich aussieht? Menschen reden viel und gern – und neigen dabei oft zur Sensationslust. Sie fangen an zu dichten, wenn es um gute Storys geht. Man sollte sich immer beide Seiten anhören.
„Und ihr werdet es nicht glauben, haltet euch fest, Mädels! Dreimal dürft ihr raten, in welche Klasse er geht“, fährt Sally mit einem teuflischen Grinsen fort, das man nur selten auf ihrem Engelsgesicht zu sehen bekommt. Ich sollte eindeutig dringend zum Kieferorthopäden, weil mein Mund schon wieder sperrangelweit offen steht. Mit dem Zeigerfinger deute ich kurz auf sie, was sie dazu bringt, grinsend den Kopf zu schütteln. Das bedeutet also …
„Scheiß doch einer die Wand an!“, platzt es aus Peach heraus. Jap, genau das waren meine Gedanken. Unsere Klasse ist gerade um einen Vampir reicher geworden. Ich spüre plötzlich, dass mein Herz wie wild anfängt zu pochen. Panik? Vorfreude? Seit wann hat es eigentlich um acht Uhr morgens bereits gefühlt vierzig Grad hier am Schulgelände? Okay, okay, ruhig bleiben. Vampire sind schließlich auch nur Menschen – blutsaugende Menschen mit Superkräften.
„Aber warum hat er in unsere Schule gewechselt? Ist er aus seiner alten Schule rausgeflogen? Und seit wann nehmen wir eigentlich Schüler von außerhalb auf?“ Fragen über Fragen und ich hoffe, Sally kann sie mir alle beantworten.
„Laut Dad ist er anscheinend irgendwie mit Mrs. Petty verwandt und hat nach ihrem Tod ihr Haus geerbt.“
„NEIN?!“ Das glaube ich jetzt nicht! Dieser verfluchte Dämon wohnt in meinem
