Hollywood Gossip - Vier Schnappschüsse und ein Todesfall - Gemma Halliday - E-Book

Hollywood Gossip - Vier Schnappschüsse und ein Todesfall E-Book

Gemma Halliday

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Beschreibung

Cameron Dakota ist Starfotografin beim berüchtigten Klatschmagazin L.A. Informer. Nichts und niemand ist vor ihrer Paparazzi-Kamera sicher. Als sie eines Abends dem attraktiven Schauspieler Trace Brody auflauert, um ein paar exklusive Fotos von ihm zu schießen, muss sie mit ansehen, wie dieser entführt wird. Die Polizei hält die Entführung für einen inszenierten Publicity Gag, daher macht sich die Fotografin allein auf die Suche nach dem vermissten Schauspieler ...

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»Halliday schreibt die Art von Büchern, die einen zum Schmunzeln bringen und für gute Laune sorgen. Ich würde diesen witzigen Roman sowohl Liebesroman-Leserinnen als auch Krimi-Fans empfehlen.« Enchanted By Books



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Seitenzahl: 388

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhalt

Grußwort des Verlags

Über dieses Buch

Titel

Widmung

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Danksagung

Über die Autorin

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Impressum

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Über dieses Buch

Cameron Dakota ist Starfotografin beim berüchtigten Klatschmagazin L. A. Informer. Nichts und niemand ist vor ihrer Paparazzi-Kamera sicher. Als sie eines Abends dem attraktiven Schauspieler Trace Brody auflauert, um ein paar exklusive Fotos von ihm zu schießen, muss sie mit ansehen, wie dieser entführt wird. Die Polizei hält die Entführung für einen inszenierten Publicity Gag, daher macht sich die Fotografin allein auf die Suche nach dem vermissten Schauspieler …

GEMMA HALLIDAY

Hollywood Gossip

VIER SCHNAPPSCHÜSSE UND EIN TODEFALL

Aus dem Englischen von Frauke Lengermann

Dieses Buch ist Tommy, dem Jüngsten unter

meinen Schriftstellerkollegen, gewidmet.

Und natürlich den »Wiggles«, Tommys Kumpels,

ohne die dieses Buch niemals geschrieben worden wäre.

1

»Komm schon, Baby, nur ein Stückchen nach rechts …« Ich verlagerte das Gewicht und spürte, wie meine Füße taub wurden. »Das ist es«, beschwor ich ihn. »Genau da, so ist es recht … ja!«

Ich drückte auf den Auslöser und machte fünf schnelle Aufnahmen, bevor mein Motiv wieder hinter dem Vorhang aus Magnolienbäumen verschwand, die dem Anwesen Schatten spendeten. Ich stützte mich auf den Ellenbogen, um mein Werk im Display zu begutachten. Sexy. Ich hatte Trace Brody ohne T-Shirt und mit einem Bier in der Hand erwischt. Trotz des Teleobjektivs war ich zu weit weg, um das Etikett auf der Flasche erkennen zu können, aber ich wusste, dass er immer Bier trank, wenn das Thermometer über dreißig Grad kletterte. Für fruchtige Weine war er zu männlich und für die trendigen Martinis, die seine Nachbarn in Malibu bevorzugten, nicht prätentiös genug.

Ich beobachtete Trace nun schon mehrere Wochen lang, seit dem Moment, als sein Pressesprecher endlich die Gerüchte bestätigt hatte, dass sich der knackige junge Schauspieler mit Jamie Lee Lancaster verlobt hatte, Amerikas süßester Nachwuchsschauspielerin. Stellen Sie sich einfach Angelina und Brad vor, nur ohne die Tattoos und die Kinderschar. Dann sind Sie ziemlich nah dran. Dann stellen Sie sich vor, dass die beiden plötzlich ankündigen, eine Hochzeit unter freiem Himmel auf einer Klippe über der Küste von Malibu abhalten zu wollen. Die gesamte Presse machte sich vor Begeisterung in die Hose. Mein Chef, Felix Dunn, Chefredakteur des L. A. Informer, war da keine Ausnahme. Plötzlich war es nicht mehr so wichtig, die gute Britney zu überwachen. Nein, ich sollte jeden einzelnen Schritt, den Mr Brody bis zum großen Tag tat, nahtlos dokumentieren.

Nicht, dass es mir etwas ausgemacht hätte. Ich verbringe meine Zeit lieber auf dem Hang über Trace’ Milliarden-Dollar-Anwesen, inmitten einer Superreichen-Siedlung, als Britney bei ihrem nächsten Starbucks-Besuch nachzujagen. Immerhin bekam ich ihn auf diese Weise ohne T-Shirt zu sehen.

Ich streckte mich wieder im Gras aus und ignorierte das Kitzeln der Grashalme an meinem nackten Bauch, der zwischen der tief auf der Hüfte sitzenden Jeans und dem zu kurzen T-Shirt hervorlugte. (Der Fluch der über 1,80 Meter großen Frau – kein Kleidungsstück ist jemals lang genug.) Ich wischte mir eine Schweißperle von der Oberlippe, nahm die Kamera wieder hoch und suchte geduldig die Baumkronen ab – vielleicht konnte ich ja noch einen weiteren Blick auf mein Motiv erhaschen.

»Komm schon, Trace. Sei so lieb!«

Wie durch ein Wunder tauchte er genau in diesem Augenblick direkt vor meiner Linse auf. Manchmal hätte ich schwören können, dass er mich hörte.

»Du bist wirklich toll! Jetzt zur Seite drehen und … lächeln!«

Ich beobachtete, wie er das Bier auf dem Tisch abstellte. Er reckte die Arme gen Himmel, streckte sich und gähnte so ausgiebig wie ein sattes Raubtier.

»Müde? Ein Filmstar zu sein ist ganz schön stressig, was?« Ich machte noch ein paar Aufnahmen.

Trace legte den Kopf schräg und massierte sich den Nacken. Ich verlor ihn einen Moment lang aus den Augen, als er den Innenhof überquerte und auf den riesigen Swimmingpool zusteuerte, der mit einem unechten Wasserfall und einem als schäumende Lagune getarnten Whirlpool ausgestattet war. Ich bekam ihn wieder vor die Linse, als er geradewegs auf das Sprungbrett zumarschierte.

»Lust auf eine kleine Runde im Pool?«, erkundigte ich mich bei dem verlassenen Berghang.

Wie zur Antwort hielt Trace einen Zeh in das Wasser. Offensichtlich war er mit der Wassertemperatur zufrieden, denn er zuckte mit den Achseln und kletterte auf das Sprungbrett.

Ich drückte auf den Auslöser und machte drei schnelle Aufnahmen. Er federte ein wenig auf dem Sprungbrett auf und ab und starrte hinunter in das kristallklare blaue Wasser. Aber er sprang nicht. Stattdessen glitten seine Hände zum Bund seiner Badehose, und in einer einzigen geschmeidigen Bewegung rutschte sie auf seine Knöchel hinab.

Ich erstarrte. Wie gebannt blickte ich durch die Linse, und eine kleine Schweißperle rann zwischen meinen Brüsten hinab. Möglicherweise vergaß ich sogar, Luft zu holen. Immerhin, der Finger am Auslöser schien noch zu funktionieren, denn ich schoss Fotos wie eine Verrückte. Felix würde einen Herzanfall bekommen, wenn er diese Bilder zu Gesicht bekam.

Um mir dann eine Gehaltserhöhung anzubieten.

Trace kickte die Badehose mit dem Fuß zur Seite und bewegte seinen herrlich nackten Körper bis zur Sprungbrettkante.

»Herr im Himmel, was für ein Prachtstück!«, flüsterte ich. Nicht, dass ich weniger erwartet hatte. Schließlich war er ein Filmstar. Aber das hier war mal ein Kerl, der ohne Bildnachbearbeitung auskam. Wie er es schaffte, so nahtlos braun zu sein, war mir ein Rätsel. Eins war sicher – würde er nackt in der Sonne baden, wüsste ich das inzwischen. Sein Körper hatte eine gleichmäßige, warme Honigfarbe – vom stahlharten Sixpack bis zum stahlharten … na ja, Sie wissen schon!

»Jamie Lee scheint mir eine ausgesprochen glückliche Frau zu sein, was, Trace?«

Er beachtete mich nicht. Logisch. Irgendwo in meinem Hinterkopf wusste ich, dass es merkwürdig war, laut mit ihm zu sprechen. Aber ich konnte nicht anders. Er wusste nicht, dass es mich gab, und war doch seit sechs Wochen mein ständiger Begleiter. Aus sicherer Entfernung, versteht sich. Hätte ich ihm jemals tatsächlich von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden, wäre mir wahrscheinlich der Schweiß ausgebrochen. Aber mit einer Kameralinse und einem Fußballfeld zwischen uns war ich so cool wie eine Gurke in der Wellness-Oase. Im persönlichen Gespräch? Tja, lassen Sie es mich so ausdrücken: Ich war noch nie besonders gesellig. Ich mag andere Menschen, aber intelligente Gespräche mit dem anderen Geschlecht zu führen und dabei charmant und geistreich zu wirken, ist nicht gerade meine Stärke. Wenn ich mich mit einem Mann unterhalte, laufe ich öfter mal rot an, und die wirklich schlagfertigen Antworten fallen mir immer erst dann ein, wenn der süße Typ zu der geistreichen Brünetten am Nebentisch weitergezogen ist.

Man könnte es auch so sagen: So wie es Leute gibt, die mit ihren Topfpflanzen reden, rede ich eben mit Filmstars, die nicht wissen, dass ich existiere.

Und jetzt gerade war dieser Filmstar so nackt, wie Gott ihn schuf.

Ich beobachtete, wie er die Hände über den Kopf hob, einmal auf und ab federte und dann in das klare blaue Wasser eintauchte.

Schweiß lief mir über den Rücken, und ich konnte regelrecht spüren, wie das süße, kalte Nass meinen Körper umspülte. Ich erschauderte, und auf meinen Armen bildete sich eine Gänsehaut, während ich noch ein paar Fotos davon schoss, wie Trace aus den Fluten auftauchte.

»Baby, das war umwerfend«, sagte ich zu ihm und hatte plötzlich Sehnsucht nach einer Zigarette.

Ich beobachtete, wie er sich aus dem Wasser hievte; funkelnde Tröpfchen bedeckten seinen durchtrainierten Körper, und er wickelte sich ein Handtuch um die Taille, bevor er sein Bier vom Tisch nahm und ins Haus ging.

Ich richtete mich auf und legte die Kamera weg. Die Entfernung zwischen meinem einsamen Berghang und seinem schicken Pool wurde sofort offensichtlich, und ich stieß einen langen Atemzug aus, als sich die Glastür hinter ihm schloss.

Ich bin mir nicht sicher, wie lange ich diese geschlossene Tür angestarrt hatte und den Anblick von Trace im Adamskostüm wieder und wieder vor meinem geistigen Auge Revue hatte passieren lassen, als plötzlich das Handy in meiner Hosentasche klingelte.

»Cameron Dakota«, meldete ich mich.

»Cam«, hörte ich die Stimme meines Bosses sagen, »wo sind Sie gerade?«

»In Malibu. Warum?«

»Wir haben einen Tipp bekommen, dass Jamie Lee im Augenblick in Beverly Hills Brautkleider anprobiert«, sagte er. Sein britischer Akzent verlieh seinen Worten einen melodiösen Rhythmus. »Wie schnell können Sie dort sein?«

Ich biss mir auf die Innenseite meiner Wange. »Wenn ich beim Rasen erwischt werde, bezahlt die Zeitung dann den Strafzettel?«

Ich konnte förmlich hören, wie Felix’ Geldbörse in der Stille am anderen Ende der Leitung einen Schmerzensschrei ausstieß. Schließlich gab er nach: »Okay.«

»Geben Sie mir zwanzig Minuten!«

Felix rasselte die Adresse der Boutique herunter, in der Jamie Lee gesehen worden war. Dann fügte er hinzu: »Wenn sie sich heute für ein Kleid entscheidet, dann möchte ich der Erste sein, der ein Foto davon hat, verstanden?«

»Aye, aye, Boss!«

»Und, Cam?«

»Ja?«

»Haben Sie heute ein paar gute Fotos von Trace geschossen?«

Ich öffnete das Sichtfenster und betrachtete die Serie von Nacktfotos, die sogar ein Boulevardblatt wie der Informer würde zensieren müssen. Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen.

»Hab ich Sie je enttäuscht?«

Was soll ich sagen? Starfotografin zu sein ist ein schmutziges Geschäft, aber irgendwer muss es ja tun.

2

Drei Stunden später war ich mit meinem Jeep unterwegs zu den Büros des L. A. Informer. Die Zeitungsredaktion war in einem alten Gebäude untergebracht, das einst als Apartmentkomplex für die aufstrebenden Sternchen des goldenen Hollywoodzeitalters gedient hatte. Doch leider war seit den legendären Vierzigern kaum etwas daran gemacht worden. Die Außenfassade wies noch immer denselben faden Beigeton auf wie damals, und die vielen Jahre kalifornischer Sonneneinstrahlung hatten zur Folge, dass die Farbe abblätterte. Über der Eingangstür wölbte sich noch immer dieselbe verblichene Markise, und dieselbe verrostete Feuertreppe klammerte sich halbherzig an die Seite des Gebäudes. Alles in allem sah es genauso heruntergekommen aus wie viele der ehemaligen Bewohner heute. Nur dass die Filmsternchen – im Gegensatz zum Gebäude – alle ein Facelifting hinter sich hatten.

Allerdings war die Miete günstig, die Lage erstklassig, und es gab jede Menge Parkplätze. Das war mehr, als man in L. A. üblicherweise erwarten konnte.

Ich sprang in den Aufzug und fuhr in den zweiten Stock, wo der Informer seine Büros hat. Anmutig schlängelte ich mich um die zahlreichen Büroboxen herum, in denen die Mitarbeiter des Informer geschäftig an ihren Kolumnen für die morgige Ausgabe tippten; ihre Gesichter waren in das blaue Leuchten der Computerbildschirme getaucht. Ich glitt in eine der Boxen, die sich ganz am hinteren Ende befand, meinem privaten Rückzugsort.

Während es um mich herum nur so wimmelte von Postern, farbigen Stifthaltern, Nippes und – im Falle unserer Büromanagerin – Kobolden und kleinen Püppchen, bevorzuge ich einen geordneten und pragmatisch eingerichteten Arbeitsplatz. Auf meinem Schreibtisch befand sich das absolute Minimum an Büromaterialien, und die stoffbezogenen Trennwände waren mit glänzenden, nüchternen Schwarz-Weiß-Aufnahmen bedeckt. Die meisten von ihnen zeigten Landschaften. Mit vielen Bäumen. Auf keiner einzigen war eine Berühmtheit zu sehen, die vor der Kamera herumstolziert.

Ich verband die Kamera mit meinem Computer, und einige Klicks später öffnete sich auf meinem Flachbildschirm eine Fotoserie, die die temperamentvolle Miss Jamie Lee Lancaster zeigte.

Die gebürtige New Yorkerin war vor drei Jahren zum ersten Mal auf dem Radar Hollywoods aufgetaucht. Sie hatte bei einem Independent-Filmprojekt mitgewirkt, das eine rekordverdächtige Anzahl von Oscarnominierungen eingeheimst hatte – und eine davon hatte der bis dahin völlig unbekannten Schauspielerin gegolten. Auch wenn sie in der Oscarnacht gegen eine alte Hollywoodveteranin verlor, die eine Nonne verkörpert hatte, so hatte sie sich doch in die Herzen (und die gewinnbringende Aufmerksamkeit) von Hollywood gespielt. Im darauffolgenden Sommer bekam sie die Hauptrolle in einer romantischen Komödie, die sich zum Überraschungserfolg der Saison entwickelte, und ein Jahr später ergatterte sie die Rolle ihres Lebens an der Seite von Trace Brody – in dem Actionstreifen Stirb schneller, der als Eröffnungsfilm am Memorial Day gezeigt wurde. Sie hatte Millionen verdient und das Interesse von Hollywoods begehrtestem Junggesellen geweckt – dessen Junggesellenstatus sie nun schnellstmöglich zu ändern gedachte.

Ich scrollte durch die Fotos, die ich an diesem Nachmittag von ihr gemacht hatte. Jamie Lee in einer weißen, trägerlosen Robe. In einem elfenbeinfarbenen Kleid mit Spaghettiträgern. In einem schneeweißen Ding mit Puffärmeln, das sich wie ein Chiffontörtchen um ihre Knöchel bauschte. Insgesamt fünfzehn Kleider. Wie Sie sich denken können, hatte sie sich an diesem Tag für keines entschieden. Stattdessen hatte ich beobachtet, wie sie über die Unzulänglichkeit jedes einzelnen gejammert und wie sie in ihrer Hast, das nächste anzuprobieren, die hochpreisigen Kleider so achtlos beiseitegepfeffert hatte, als wären es T-Shirts vom Grabbeltisch. Angesichts der Tatsache, dass die Hochzeit bereits in drei Wochen stattfinden sollte, hätte man etwas mehr Entscheidungsfreudigkeit erwarten können. Doch in Jamie Lees Welt vollbrachten Schneiderateliers Wunder, wenn es um Änderungsarbeiten in letzter Minute ging. Von diesem Kleid hing die Zu- oder Absage für ihren nächsten Filmvertrag ab, und solange Fotografen wie ich sie jagten, war es unwahrscheinlich, dass wir die endgültige Version des meisterlichen Brautgewands vor dem gesegneten Tag selbst zu Gesicht bekommen würden.

Ich suchte ein paar der besten Aufnahmen aus, die ich, so gut es eben ging, durch die Glasfront von Bebes Brautmoden gemacht hatte, und speicherte sie in meinem Fotobearbeitungsprogramm. Dann machte ich mich an ein paar kleine Verschönerungsarbeiten – ich hellte die weißen Flächen weiter auf, schnitt den Obdachlosen heraus, der vor dem Salon herumhing, und retuschierte ein paar lose herumfliegende Strähnen um Jamie Lees Ohr herum. Dann schickte ich die Bilder über das sichere Informer-Netzwerk an Felix.

Als Nächstes warf ich einen Blick auf meine tägliche Aufgabenliste. Und stöhnte. Satte zwanzig Fotos.

Mein Boss war nicht gerade das, was man spendierfreudig nennt. Genau genommen war ich die einzige festangestellte Fotografin, die der Informer zurzeit beschäftigte; Felix zog es vor, hin und wieder Fotos von Selbstständigen zu kaufen, statt ein weiteres Gehalt zu zahlen.

Was zur Folge hatte, dass ich es war, die jedes einzelne Bild, das in unserem Büro landete, schneiden, bearbeiten und formatieren musste. Ich sah auf meine Armbanduhr. Zwanzig vor fünf. Wie standen meine Chancen, dass Felix mir die Überstunden bezahlte?

»Hey, Cam!«

Ich sah nach rechts und entdeckte ein Paar blutunterlaufene Augen, die mich über den Rand meiner Box hinweg musterten. Sie befanden sich in einem Gesicht mit Hängebacken, das von einem unordentlichen grauen Haarschopf umrahmt wurde – und dem ein neuer Haarschnitt spätestens im vergangenen Monat gut angestanden hätte. Max Beacon, der einzige Angestellte des Informer,der von Anfang an mit dabei gewesen war. Der Mann war ein Urgestein in mehr als einem Sinne – wenn man ihn so sah, machte er den Eindruck, als hätte er mindestens seit der Erfindung des Rades beim Informer gearbeitet. Um Max’ Alter wiederum rankten sich zahlreiche Gerüchte. Manche behaupteten, dass seine Leber mindestens 103 sein musste; sie hatte schon mit einer täglichen Überdosis Jim Beam fertig werden müssen, als die anderen Mitarbeiter der Zeitung noch nicht einmal gezeugt waren – und daran hatte sich bis heute nichts geändert.

Max schrieb für den Informer die Nachrufe, und seine eigene Todesanzeige, in der er detailliert seinen Tod durch Leberzirrhose beschreibt, war bereits fix und fertig. Er hatte sie an die stoffbezogene Wand seiner Bürobox geheftet – direkt über das Poster eines flauschigen Kätzchens, das sich mit einem trotzigen ›Halte durch, Baby‹ an einen Ast klammerte. Zu behaupten, dass er ein Original war, wäre eine Untertreibung gewesen. Schwierig, eine Type wie ihn nicht zu mögen.

»Hey, Max! Was ist los?«, fragte ich.

»Ich brauche dringend ein Foto für meine Story.«

»Ein Toter?«

Max nickte. »Mädel. Jennifer ›Tootsie‹ Wilson. Hollywood-Sirene aus den Vierzigern.«

»Cooler Name.« Obwohl er wahrscheinlich nicht echt war. Vermutlich lautete ihr richtiger Name Gertrude Burnbaum; oder irgendeine ähnlich grässliche Kombination. Die meisten Promis jener Zeit hatten sich augenblicklich falsche Namen zugelegt, als sie an der Westküste aufschlugen – eine Praxis, die immer noch nicht vollständig ausgestorben war, wie Sie an P. Diddy und Lady Gaga sehen können.

»Wie ist sie gestorben?«, fragte ich.

»Sie wurde ’45 ermordet. Ich schreibe anlässlich ihres Todestages über sie.«

»Ermordet, mmh? Ganz schön ›Film noir‹.«

»Meinst du, dass du mir ein Bild von ihr raussuchen könntest?«

Ich betrachtete meine ellenlange Aufgabenliste. »Ähm … nun ja …«

»Danke, Kleines. Ich weiß das zu schätzen.«

»Kein Problem.« Ich öffnete die Hollywood-Archivseite. »Also, wer hat sie umgebracht?«, fragte ich und gab das Jahr in die Suchmaschine der Seite ein. »Eifersüchtiger Ehemann? Liebhaber?«

Max zuckte mit den Achseln; dabei kollidierten seine Schultern mit seinen Hängebacken. »Weiß nicht. Die Polizei hat den Fall nie aufgeklärt.«

Ich pfiff leise durch die Zähne. »Das wird sich gut verkaufen.«

»Das kann ich nur hoffen. Felix droht mir ständig, meine Artikel nur noch wöchentlich zu bringen. Er sagt, die Leute in Hollywood würden die Boulevardpresse nur lesen, um nachzuschauen, ob sie erwähnt werden. Und meine Klientel? Die sind zu tot zum Lesen.«

»Autsch! Tut mir leid.«

Er zuckte wieder mit den Achseln. »Ich hab schon Schlimmeres überstanden.«

»Ich schicke dir ein Bild von deinem ermordeten Starlet, sobald ich eins gefunden habe«, versprach ich.

Max nickte, dann verschwand er hinter der Trennwand und schlurfte zurück zu seiner eigenen Bürobox.

Ich gab Tootsies Namen in das Suchfeld ein und fand ein halbes Dutzend Aufnahmen von der bewussten Schauspielerin. Ich klickte die erste an, ein Schwarz-Weiß-Foto, und vergrößerte sie auf volle Bildschirmgröße. Tootsie war eine schlanke Frau, und die glänzende Vierzigerjahre-Frisur fiel ihr in einer sanften Welle auf die Schultern. Sie posierte auf einem Divan, hinter dem ein hauchdünner Vorhang herabfloss. Genau die Art von Inszenierung, die einem ›ehemaliger Hollywood-Glamour‹ entgegenschrie. Sie hatte blasse, ebenmäßige Haut und dunkle Lippen, die, wie ich nur mutmaßen konnte, mit dem blutroten Lippenstift bemalt waren, der damals so beliebt war. Eine Perlenkette war achtlos um ihren Nacken gewunden, und ihr blondes Haar saß perfekt. Ich konnte sie geradezu vor mir sehen, wie sie zusammen mit Cary Grant oder Clark Gable vor der Filmkamera stand und ihre Rolle tadellos beherrschte. In ihren Augen leuchtete eine gelassene Zuversicht, die mir sagte, dass sie das ebenfalls wusste.

Im Vergleich zu Jamie Lee wirkte sie geradezu intellektuell.

Ich gab meinen Benutzernamen und mein Passwort ein und zahlte das Honorar. Im Gegenzug wurde ich auf eine Seite mit einer hochaufgelösten Version des Fotos ohne Wasserzeichen weitergeleitet. Ich lud es rasch herunter und bearbeitete das Bild, um das Gesicht der Schauspielerin etwas zu vergrößern; dann schickte ich es Max.

Nachdem ich das erledigt hatte, machte ich mich an Felix’ Aufgabenliste. Eine Stunde später hatte ich sie schließlich abgearbeitet und eine beeindruckende Auswahl von Fotos für die morgige Ausgabe vorliegen. Bevor ich ging, überprüfte ich noch ein letztes Mal meine E-Mails und durchsuchte sie nach Hinweisen auf Promi-Veranstaltungen, die heute Abend angesagt waren und eine zeitnahe Betreuung benötigten. Oben auf den Hügeln fand eine Party statt, bei der die üblichen Verdächtigen erwartet wurden. Nichts wirklich Interessantes. Ein Gerücht, dass Courtney Cox einen Babybauch hätte, was ich mir zur späteren Überprüfung vormerkte. Wenn das stimmte, dann würde ich sie am Sonntag auf dem Obst-und-Gemüse-Markt erwischen. In einer Mail stand, dass Joan River eine neue Nase hätte – schon wieder. Offen gestanden war es mir ein Rätsel, wie man die eine von der anderen unterscheiden sollte. Aber ich notierte mir trotzdem, bald die Schönheitschirurgenrunde zu machen. Diese Post-OP-Fotos, in denen die Promis bandagiert wie Mumien waren, verkauften sich immer sehr gut.

Ich tat gerade meine Pflicht als brave Informer-Angestellte, indem ich mein Twitterpublikum über das Neueste von der Promi-Hochzeitsvorbereitungsfront informierte, als ich eine Hand auf meiner Schulter spürte. Ich sah hoch und stellte fest, dass eine Frau mit auberginenfarbenen Strähnchen und einem pinken, mit Totenschädeln verzierten T-Shirt vor meinem Schreibtisch stand.

»Hat sie sich schon für ein Kleid entschieden?«, fragte sie und schielte auf den Tweet auf meinem Bildschirm.

Tina Bender war unter den Tratschkolumnisten des Informer die exzentrische und unumstrittene Königin. Sie brachte es fertig, die schmutzigen Geheimnisse jedes einzelnen Menschen in dieser Stadt zutage zu fördern, Trace und Jamie Lee nicht ausgenommen. Als ich vor zwei Jahren vom Informer angeheuert wurde, hatten Tina und ich uns sofort angefreundet. Äußerlich hätten wir nicht unterschiedlicher sein können, aber ich hatte ihren frechen, direkten Stil von Anfang an bewundert. Die meiste Zeit wünschte ich mir, nur halb so viel Mumm zu haben wie sie.

»Nö. Die Kleiderfrage ist immer noch nicht entschieden. Aber du wirst es als Erste erfahren.«

»Verdammt! Ich hab heute nichts Vernünftiges und hatte auf etwas gehofft, mit dem ich meine Kolumne etwas aufpeppen kann.«

Ich zog eine Augenbraue hoch. »Wie wäre es mit einem Schauspieler der ersten Liga, der nackt beim Schwimmen erwischt wurde?«

Tina boxte mich in die Schulter. »Raus damit! Ehrlich? Wer?«

»Trace Brody.«

»Mannomann!« Sie beugte sich vor. »Du hast Trace’ Pipimann gesehen?«

Ich nickte. Dabei konnte ich mir ein dümmliches Grinsen nicht verkneifen, als ich an seinen Bilderbuchkörper dachte. Wahre Kunst, sag ich Ihnen!

»Schieß los!«

»Was willst du wissen?«

»Nürnberger oder Thüringer Rostbratwurst?«

Ich unterdrückte ein Lachen. »Ähm, definitiv die Rostbratwurst.«

»Jamie Lee hat wirklich Glück.«

Und wie! Ich schielte auf meine Schreibtischuhr. »Alles Weitere kann ich dir beim Abendessen erzählen. Chinesisch?«

Tina biss sich auf die Lippen. »Ach, ich wünschte, ich hätte Zeit. Aber ich habe heute Abend schon was vor.«

Ich hob eine Augenbraue. »Heißer Tipp?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nee, ich geh mit Cal zu einer Feuerwaffenmesse.«

Ich grinste. »Waffenmesse? Nennt man das heutzutage so?«

Cal war der hochgewachsene Leibwächter, mit dem sich Tina seit Kurzem traf. Und wenn ich sage ›treffen‹, dann meine ich damit, dass sie jeden wachen Moment zusammen verbrachten und umeinander herumscharwenzelten wie zwei Teenager. Die meiste Zeit bewegten sie sich auf dem haarfeinen Grat zwischen unglaublich romantisch und Übelkeit erregend. Aber Cal war der erste Mann, bei dem Tina es offenbar ernst meinte, deswegen war ich nachsichtig.

»Nein«, erklärte sie. »Ich meine eine echte Waffenmesse. Cal möchte, dass ich mir eine Knarre zulege. Er will mir dabei helfen, eine auszusuchen.«

»Hast du jemals eine Pistole abgefeuert?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Es gibt für alles ein erstes Mal. Ich hoffe nur, dass sie auch ein pinkfarbenes Modell haben.«

Ich grinste. »Viel Glück«, sagte ich. »Ich schicke dir die Brody-Fotos.«

»Wundervoll! Und hey, tu mir einen Gefallen …« Tina hielt über beide Schultern nach Zuhörern Ausschau und fuhr dann fort: »Falls heute Abend noch irgendwas Interessantes reinkommt, schickst du es mir dann weiter? Allie ist mir in letzter Zeit immer zuvorgekommen, und das lässt mich gar nicht gut aussehen.«

Allie Quick war der Neuzugang unter den Informer-Mitarbeitern und hatte es irgendwie geschafft, sich in die Rolle von Tinas Erzfeindin zu manövrieren. Was, wenn man die beiden nebeneinanderstellte, unvermeidbar erschien. Allie war blond, temperamentvoll und hatte die Figur eines Playboy-Häschens – war also so ziemlich die Verkörperung von allem, was Tina nicht war. Ich persönlich hatte keine Probleme mit ihr, allerdings musste ich auch nicht mit ihr um Seitenanteile konkurrieren.

»Mach ich«, versprach ich, während Tina schon mit einem Abschiedswinken weitermarschierte.

Was vermutlich hieß, dass ich allein zum Chinesen musste.

Schon wieder.

Nachdem ich mir beim vegetarischen Imbiss um die Ecke einen Karton mit Brokkoli-Sojaquark geholt hatte, fuhr ich mit meinem Jeep nach Hause, in meinem Fall ein Studio-Loft zwei Stockwerke über einem Surfer-Laden in Venice. Obwohl das Gebäude fast einen Block vom Strand entfernt war, lag mein Studio hoch genug über den trendigen Geschäften und Touristenattraktionen, sodass ich einen erstklassigen Blick auf den Ozean hatte – und das zum Schnäppchenpreis. Okay, zugegeben, vom Schlafzimmer aus sah ich nur ein Eckchen vom Ozean, zumindest wenn ich auf den Zehenspitzen stand und mir den Nacken verrenkte – um an dem Kiffer-Shop gegenüber vorbeigucken zu können. Aber wenn ich auf das Dach kletterte, war die Aussicht unbezahlbar.

Was ich auch tat, sobald ich zu Hause ankam.

In meiner Wohnung ließ ich die Kameratasche fallen, holte meine Nikon heraus und nahm sie mit in die Küche. Ich steckte mir eine Gabel für den Sojaquark in die Gesäßtasche und kramte im Kühlschrank nach einer Flasche Chardonnay. Auf ein Glas verzichtete ich, kickte stattdessen meine Schuhe in eine Ecke und tapste barfuß nach draußen zur Feuerleiter. Vorsichtig meinen Imbiss und den Wein balancierend, kletterte ich aufs Dach und ließ mich in den Klappstuhl in der Nähe der Entlüftung der Klimaanlage fallen.

Zuerst ließ ich mir das Abendessen schmecken und nahm dann einen großen Schluck vom Chardonnay, dessen Kühle den perfekten Kontrast zum würzigen Tofu bildete und mir gleichzeitig das Herz erwärmte. Ich lehnte den Kopf gegen die Rückenlehne und beobachtete, wie die Sonne rosafarbene, violette und goldene Farbschattierungen auf die Oberfläche des Ozeans malte. Genussvoll sog ich die Luft ein, die nur ganz schwach nach Salzwasser duftete, ein Geruch, der sich nur schwer gegen den Abgasgestank durchsetzen konnte, der vom Pacific Coast Highway herüberwehte.

Ich muss zugeben, dass ich nicht immer ein Fan der kalifornischen Lebensart gewesen bin. Als ich vor zehn Jahren aus Montana hergezogen war, hatte mir die Stadt den totalen Kulturschock versetzt. Ich war an unsere Familienranch gewöhnt, an Pferde, an einen Himmel, der so klar wie auf einem Gemälde leuchtete, und an Luft, die so sauber war, dass sie stets nach frischem Regen duftete. Und ruhig war es dort. Etwas, das in L. A. unmöglich zu finden ist. Diese ersten Wochen trieben mich fast in den Wahnsinn, und ich hatte solches Heimweh, dass ich mich jede Nacht in den Schlaf weinte.

Allerdings war ich damals auch erst sechzehn Jahre alt, und nur der Traum, das Cover eines Hochglanzmagazins zu zieren, hatte mich in L. A. gehalten, während ich mich nach den stillen Hügeln meiner Heimat sehnte.

Entdeckt worden war ich von einem gewissen Hal Levine von der Modelagentur Levine. Nachdem dieser bei einem Fotoshooting für die Cosmo einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte, hatte ihm sein Therapeut zu einem schönen, ruhigen Urlaub auf einer Farm in Montana geraten. Hal hatte widerwillig zugestimmt und die darauffolgenden drei Wochen damit verbracht, sich auf einem Pferderücken wunde Stellen am Hintern und Mückenstiche einzuhandeln. Ich hatte auf derselben Ranch einen Sommerjob angenommen, der darin bestand, sich um die Pferde zu kümmern, für die ich, nachdem sie den ganzen Tag von übergewichtigen Touristen geritten worden waren, mehr Sympathie aufbringen konnte als für das Leid feiner Pinkel aus der Stadt. Aus irgendeinem Grund fand Hal Gefallen an mir, und er drückte mir seine Karte in die Hand. Zuerst warf ich sie weg. Ich meine, wie oft hat man schon Geschichten über sogenannte »Agenten« gehört, die unschuldige Teenager in die Stadt locken, deren Gesicht man dann einige Wochen später in den Zehn-Uhr-Nachrichten wiedersieht? Im Übrigen bin ich nicht gerade das, was man als »niedlich« bezeichnen würde. Während die kalifornischen Mädchen mit Barbiepuppen spielten und Ballettstunden nahmen, habe ich in einem abgetragenen Overall Matschkuchen gebacken. Ein Supermodel zu werden war das Letzte, was ich mir als meine Zukunft vorstellte.

Trotzdem, nachdem Hal mir eine Woche lang damit in den Ohren gelegen hatte, dass er mich berühmt machen würde (und nachdem ich ihn ausgiebig gegoogelt hatte, um sicherzugehen, dass er ein echter Agent war und kein Serienkiller), stimmte ich schließlich zu, für ein Probeshooting mit ihm nach L. A. zu fliegen.

Zwölf Jahre später lebte ich immer noch hier. Meine Modelzeiten waren inzwischen allerdings nur noch eine ferne Erinnerung.

Und das war mir nur recht so.

Ich aß die letzten Bissen von meinem Imbiss und griff nach meiner Kamera, hob die Linse vors Auge und begann damit in meiner Nachbarschaft herumzuspionieren – mein allabendliches Ritual.

Zur Rechten hatte ich durch die Wohnzimmerfenster Sicht auf eine Frau mit einem Baby auf der Hüfte und zwei weiteren Kindern, die an einem abgewetzten Esstisch saßen und Spaghetti hinunterschlangen. Die Lopilatos. Zwar kannte ich sie nicht, aber mindestens einmal am Tag nahm ich von dieser Stelle aus Einblick in ihr Leben. Ich bemerkte, dass das ältere der beiden Kinder sich kürzlich Ohrlöcher hatte stechen lassen. Kleine Goldsternchen. Niedlich. Ich machte eine Aufnahme, als das Licht der letzten Sonnenstrahlen, die sich ihren Weg durch die Vorhänge gebahnt hatten, die Ohrringe aufblitzen ließ. Mama Lopilato sah heute müde aus. Vielleicht hatte das Baby sie letzte Nacht wach gehalten? Die größte Verpflichtung, die ich je eingegangen war, bestand darin, eine Zimmerpflanze zu gießen; ich konnte mir nicht vorstellen, die Verantwortung für drei kleine menschliche Wesen zu übernehmen. Arme Mama!

Ich zoomte sie heran und fing den erschöpften Ausdruck in ihrem Gesicht ein, der einen scharfen Kontrast zu den frischen Pausbäckchen des Babys auf ihrer Hüfte darstellte.

Viele Eingeborenenstämme glauben, dass ein Foto imstande ist, einem Menschen die Seele zu rauben. Ich finde schon, dass da was Wahres dran ist. Vielleicht ist es an und für sich kein richtiger Diebstahl, aber ein Foto kann die Barrieren durchbrechen, die wir um uns herum errichten, und einen Moment bannen, in dem unsere Seele, für alle sichtbar, zum Vorschein kommt. Es ist für mich immer wieder ein Wunder, wie die Kameralinse Dinge sieht, die das nackte Auge ein Dutzend Mal am Tag betrachtet, ohne sie wirklich wahrzunehmen.

Ich schwenkte die Kamera nach links und stattete meinen südlich gelegenen Nachbarn einen Besuch ab. Ein russisches Paar, das im Dachgeschoss eines Gebäudes mit Eigentumswohnungen lebte. Er war im internationalen Bankgeschäft tätig, und sie war wohl seine zwanzig Jahre jüngere Vorzeigefrau. Genau genommen war ich mir nicht mal sicher, ob er sie nicht seinen Wünschen entsprechend bestellt und dann hatte liefern lassen. Heute Abend gab es bei ihnen Sushi, das Lieblingsgericht der Ehefrau. Allerdings aß der Mann nicht eben viel. Normalerweise verbrachte er den Großteil des Abends am Handy und schrie irgendjemanden am anderen Ende an. Die Frau aß schweigend ihr Sushi und starrte aus dem Fenster.

Ich zoomte ihr Gesicht heran und drückte auf den Auslöser meiner Nikon. Ihr Gesichtsausdruck war wehmütig. Ich fragte mich, woran sie wohl dachte. Hatte sie Heimweh? War sie einsam? Träumte sie von irgendeinem jungen russischen Hengst, den sie in der Heimat zurückgelassen hatte?

Sie warf ihrem Ehemann einen flüchtigen Blick zu, und ich machte eine Serie von Aufnahmen, die ihr Gesicht von wehmütig bis hin zu todtraurig zeigten. Dann neigte sie den Kopf, um einen weiteren Bissen von ihrem Sushi zu nehmen, und ihr Gesicht verschwand aus meinem Sichtfeld.

Vielleicht würde ich sie eines Tages kennenlernen. Einfach hinübergehen und mich als ihre Nachbarin vorstellen. Sie sah aus, als könnte sie eine Freundin brauchen.

Ich richtete die Kamera auf den Strand und machte ein paar Schnappschüsse von den wenigen umherstreifenden Touristen, die die letzten Sonnenstrahlen ausnutzen wollten.

Als es zu dämmern begann, beschloss ich, Feierabend zu machen und früh ins Bett zu gehen, um am nächsten Tag meinen anstrengenden Hochzeitsüberwachungspflichten nachkommen zu können.

3

Wie immer klingelte mein Wecker pünktlich um sechs Uhr. Ich griff mir eine Tasse schwarzen Kaffee und zog mich für meine morgendliche Joggingrunde an, während die Beatles die »Revolution« ausriefen. Ich machte eine ordentliche Runde hinunter zum Strand, joggte an der Promenade von Venice entlang, die zu dieser Tageszeit fast leer war, und lief dann zurück zu meinem Apartment, während die Sonne einen weiteren glühend heißen Tag ankündigte.

Ich duschte im Eiltempo, zog ein Paar Jeans, ein schwarzes Tank-Top und Flip-Flops an und sprang in meinen Jeep, um schnellstmöglich alles über die neuesten Pläne des glücklichen Paares herauszufinden.

Derer es eine Vielzahl zu geben schien. Ich verfolgte Jamie Lee zum letzten Besuch bei ihrem Cateringunternehmen (dem Star der rasanten Kochshow Ofen des Hades), zu ihrem Floristen (dem Star aus der TLC-Sendung Flower Boss) und zum Büro ihres Hochzeitsplaners (dem Star der Bravo-TV-Sendung Wedding Wars). Alle drei waren erstklassig, alle drei verlangten für ihre Dienste mehr, als ich in einem Jahr verdiente, und sie alle waren, wie ich leider feststellen musste, unbestechlich – und ließen mich keinen schnellen Blick auf ihre Werke werfen. Was ätzend war, aber immerhin gelangen mir ein paar gute Aufnahmen von der zukünftigen Braut, als sie eine Bäckerei verließ und sich Zuckerguss von den Fingern leckte.

Während ich wegen Jamie Lee durch die ganze Stadt hetzte, verbrachte Trace den Großteil des Tages mit der Nachbearbeitung seines letzten Actionstreifens Tödliche Geiselnahme. Der Film sollte pünktlich zum Weihnachtsgeschäft in die Kinos kommen, aber das Gelände der Sunset Studios war eine undurchdringliche Festung – einer der wenigen Orte auf Erden, die gegen mein Teleobjektiv gefeit waren. Dennoch, sobald Jamie Lee nach Hause fuhr (dieses ungezogene kleine Modepüppchen fuhr zu schnell und telefonierte auch noch gleichzeitig mit dem Handy), parkte ich draußen vor den Toren des Studios und wartete darauf, dass Trace sich blicken ließ. Derweil aß ich einen Müsliriegel, hörte Radio und las die ersten drei Kapitel eines Krimis auf meinem E-Reader. Erst als es dunkel wurde, konnte ich einen flüchtigen Blick auf den Actionhelden werfen, wie er seinen großen schwarzen Geländewagen vom Parkplatz steuerte.

Ich legte mein E-Book zur Seite und hängte mich an seine Stoßstange. Leider war ich nicht allein. Vier andere Autos mit gierigen Paparazzi hatten ebenfalls gewartet. War ja klar!

Ich schloss mich der kamerabehängten Meute an und erkannte sofort den Wagen, in dem die Jungs vom Entertainment Daily saßen – unserem Konkurrenzblatt. Oder, wie wir Informer-Mitarbeiter die Zeitung liebevoll nannten: E. D. (Und, ja, wir meinten damit genau diese Art von E. D. – nämlich »Erektile Dysfunktionalität«. Sie haben keine Ahnung, wie häufig ich diese Jungs dabei beobachtete, wie sie ihre Kamera herausholten, nur um ins Leere zu zielen oder unbrauchbare Nahaufnahmen von Ellenbogen, Knien oder Latte-Macchiato-Bechern zu machen.)

Mike und Eddie waren Fotografen des E. D. Sie waren Zwillinge, trugen identische Bäuche vor sich her, die sie aussehen ließen, als wären sie schwanger, und hatten schmuddelige Bärte, in denen für gewöhnlich gelbe Erdnussflips-Krümel hingen. Sie fuhren einen abgewrackten Chevrolet Impala, rochen nach alten Sportsocken und hatten – zumindest meinem Wissensstand nach – mindestens vier einstweilige Verfügungen gegen sich am Laufen. Alle von Promis, die sie verfolgt hatten. (Nicht, dass ich besagte Promis nicht ebenfalls verfolgt hätte, aber Mike und Eddie mussten erst einmal die hohe Kunst der subtilen Beobachtung erlernen.)

Als wir den Sunset Boulevard hinunterfuhren, warf Mike mir vom Beifahrersitz ihres Autos aus Kusshände zu, wobei sie mich gleichzeitig rechts überholten. Ich unterdrückte den aufsteigenden Brechreiz, trat das Gaspedal durch und zog an der nächsten Ampel an ihnen vorbei. Eddie brachte seinen Motor auf Touren, worauf eine schwarze Wolke aus seinem Auspuffrohr explodierte. Dann beschleunigte er, bis wir auf gleicher Höhe waren – bei diesem Manöver entging er nur knapp dem Zusammenstoß mit einem BMW, der vor einem Sonnenstudio in zweiter Reihe geparkt hatte.

Mein Wettkampfgeist gewann nun endgültig die Oberhand, während wir uns gegenseitig durch Hollywood jagten, das eine Auge auf den Konkurrenten und das andere auf die Rücklichter von Trace’ Auto gerichtet, das etwa einen halben Block Vorsprung hatte. Vier Straßen weiter bremste es schließlich ab und parkte am Bordstein des Boom Boom Room. Trace stieg aus und übergab seine Schlüssel dem Parkservice.

Meiner Kehle entrang sich ein entnervtes Stöhnen. Ich musste meinen Wagen jetzt sehr schnell loswerden, wenn ich ein Foto davon machen wollte, wie er hineinging, denn ich war mir sicher, dass Felix mir die Kosten für den Parkservice nicht erstatten würde.

Ich bog scharf nach links ab, überquerte drei durchgezogene Linien, raste auf eine Tankstelle zu und kam neben dem Toilettengebäude zu stehen, wo ein Obdachloser gerade beim Pinkeln war. Draußen, vor dem Gebäude. Gegen die Tür.

Willkommen in Hollywood!

Ich ignorierte ihn und schnappte mir stattdessen meine Kamera, verschloss hastig die Autotür und schaffte es gerade noch beim Überqueren der Straße, einem Taxi und zwei Porschefahrern auszuweichen.

Als ich schließlich die Tür des Clubs erreichte, stand Trace wundersamerweise immer noch draußen. Er trödelte dort herum, begrüßte seine Kumpels, warf sich in Pose und gab sich dabei Mühe, völlig natürlich zu wirken, als würde er die Kameras überhaupt nicht bemerken. Das war eine Fähigkeit, die alle jungen Hollywood-Nachwuchsschauspieler perfektionierten, sobald sie das erste Mal im Rampenlicht standen, und Trace war ein Meister dieser Kunst.

Direkt hinter der Absperrung aus rotem Samtband befand sich ein Dutzend Paparazzi, die bereits vor mir angekommen waren; ihre Kameras blitzten alle im selben Moment auf, machten Aufnahme um Aufnahme, und manche wagten sich sogar gefährlich nahe an das perfekt modellierte Gesicht des Schauspielers heran.

Man musste Trace zugutehalten, dass er weder herumstolzierte wie die Kardashians noch à la Russell Crowe einen auf angepisst machte. Wenn es einen Mann gab, dem es gelang, Alpha-Männchen-Gehabe und Eleganz zu vereinen, dann war das Trace.

Ich schielte nach einem guten Platz in der Meute der Sensationsjäger, die Kamera bereits am Auge. Leider schienen alle anderen höhere Spesenkonten zu haben als ich, denn die guten Positionen waren bereits von denen besetzt, die den Parkservice genutzt hatten. Was zur Folge hatte, dass ich in der hinteren Reihe der gierigen Wolfsmeute festsaß, während die anderen »Trace, hierher! Schauen Sie hierher!« brüllten.

Eine Aufforderung, die er – erfahren, wie er war – natürlich ignorierte. Stattdessen gab er sich Mühe, der Menge seine »gute« Seite zu zeigen, wobei seine Lässigkeit nicht durch das Bewusstsein beeinträchtigt wurde, von einem Dutzend Augen beobachtet zu werden. Auch nicht durch die Tatsache, dass die geschossenen Fotos am nächsten Morgen höchstwahrscheinlich in einem Dutzend verschiedener Länder von Fans betrachtet werden würden.

Ich machte ein paar Aufnahmen von seinem Ellenbogen, doch durch das Gerangel und meine superbeschissene Position war es schwer, irgendetwas Nützliches auf Zelluloid zu bannen.

»Na, doch noch geschafft, uns einzuholen, Cammy?«, sagte Mike und verstellte mir mit seiner killerwalförmigen Gestalt die Sicht.

»Steck’s dir sonst wohin, Mikey!« Lahm, ich weiß. Aber, wie ich schon sagte, die cleveren Antworten fallen mir nie im richtigen Moment ein. Im Übrigen, selbst wenn mir was eingefallen wäre – an Mike wäre die Mühe ohnehin verschwendet gewesen. Er hatte den IQ eines Donuts. Stattdessen hielt ich den Atem an, als ich mich neben ihn drängelte, um seinen jedem Deodorant trotzenden Gestank besser zu ertragen.

»Wenn du willst, besorg ich’s dir die ganze Nacht, Baby«, entgegnete er und warf mir eine weitere Kusshand zu.

Igitt!

»Nur in deinen feuchten Träumen.« Ich stand auf den Zehenspitzen und brachte eine Aufnahme von Trace’ Haarschopf zustande, als er gerade dem Türsteher die Hand schüttelte.

»Trace!«, rief Eddie und schubste einen Rothaarigen mit einer Kamera um den Hals aus dem Weg. »Werden Sie sich schon vor der Hochzeitsnacht von Jamie Lees körperlichen Vorzügen überzeugen?«

»Wirklich geschmackvoll, Eddie«, brummte ich.

Doch falls Trace Eddie gehört hatte, war er Gentleman genug, den Kommentar zu ignorieren. Stattdessen drehte er sich um, schenkte der Menge ein weiteres entspanntes Lächeln und glitt dann am roten Seidenband vorbei in den Club.

Ein kollektives Stöhnen erfasste die vor dem Eingang versammelte Menge. Ich stellte da keine Ausnahme dar. Eine Aufnahme von Trace’ Ellenbogen war kaum das, was Felix für die Titelseite im Auge hatte.

»Hey, Cammylein«, sagte Eddie. »Tut uns leid, dass du kein ordentliches Bild machen konntest.« Er kicherte. Es war offensichtlich, dass es ihm kein bisschen leidtat.

»Vielleicht hast du beim nächsten Mal mehr Glück«, fügte Mikey hinzu, und seine Gesichtszüge spiegelten das spöttische Grinsen seines Zwillingsbruders.

»Wenn du willst, könnten wir dich vordrängeln lassen, wenn er wieder rauskommt«, bot Eddie an. Dann stieß er ein lautes »Späßle gemacht!« aus und kicherte wie ein Zwölfjähriger über seinen Witz.

»Sehr erwachsen«, brummte ich.

Allerdings musste ich zugeben, dass die Zwillinge – vorausgesetzt, dass sie nicht das Feld räumten – recht behalten würden. Ich hatte keine Chance, eine ordentliche Aufnahme von Trace zu machen. Vor dem Club herrschte ein dichtes Gedränge – lauter Paparazzi, die es alle irgendwie geschafft hatten, ihre Chefredakteure davon zu überzeugen, dass der Parkservice eine notwendige Aufwendung war. Entweder das, oder sie riskierten Knöllchen im Parkverbot. Was für mich keine Option darstellte, wenn ich nicht wollte, dass mein Jeep abgeschleppt wurde. Ich hatte bereits sieben unbezahlte Strafzettel. Berufsrisiko.

So viel war klar – wenn ich ein Bild von Trace machen wollte, das es wert war, in der morgigen Ausgabe abgedruckt zu werden, dann brauchte ich einen besseren Standort.

Ich ließ das Duo infernale bei einer Diskussion darüber zurück, ob Jamie Lee beim Sex lieber oben oder unten lag (im Ernst, wie alt waren die beiden, fünfzehn?), und beschloss, den Rest des Gebäudes zu inspizieren. Wenn ich Glück hatte, dann gab es ein Fenster oder einen Balkon, der zur VIP-Lounge führte. Irgendeinen Ort, von dem aus ich einen Blick auf Trace werfen könnte.

Ich umrundete den Club und gelangte in eine schmale Gasse, in der es zwei grüne Müllcontainer, einen Haufen leerer Bacardi-Kartons und eine ausgemergelte Katze gab. Ohne auf das Fauchen der Katze zu achten, kämpfte ich mich bis zur Rückseite des Gebäudes vor. Es grenzte an einen Maschendrahtzaun, hinter dem ein Parkplatz lag. Keine Fenster. Keine Balkone.

Mist!

Aber immerhin befand sich in der Rückseite des Gebäudes eine Metalltür mit einem rechtwinkligen Fenster darüber. Das Glas war geschwärzt, sodass niemand Uncooles, dem der Eintritt in den Club verwehrt worden war, einen Blick auf die ultracoolen Dinge werfen konnte, die sich drinnen abspielten. Es wirkte auch gut gegen Paparazzi, wie ich missmutig feststellte. Ich blinzelte und richtete meine Linse darauf. Verdammt, ich konnte nicht das Geringste sehen.

Okay, ich hatte drei Möglichkeiten. Erstens: Ich konnte zurück nach vorne gehen und beten, dass sich zwischen den fetten Brüdern eine Lücke auftat, die für meine Nikon groß genug war und es mir ermöglichte, eine halbwegs annehmbare Aufnahme von Trace zu machen. Zweitens: Ich konnte mir mein Scheitern eingestehen, Feierabend machen und darauf hoffen, dass mir am nächsten Tag ein besseres Foto gelang. Oder drittens: Ich konnte mich hier niederlassen – in der Hoffnung, dass Trace versuchen würde, durch den Hintereingang zu entschwinden. Ich überlegte, eine Münze zu werfen, um das Schicksal entscheiden zu lassen. Aber im Grunde stand die Sache schon fest. Zurück zur Vorderseite zu gehen hätte bedeutet, das hirnverbrannte Gelaber von Mike und Eddie zu ertragen – und das möglicherweise stundenlang. Oje. Würde ich nach Hause gehen, müsste ich mir am nächsten Tag eine Strafpredigt von Felix anhören. Kaum besser. Auch wenn das Gässchen nicht unbedingt der schönste Ort war, an dem man einen Abend verbringen konnte, machte das Warten an der Hintertür doch schließlich das Rennen. Was soll ich sagen? Ich bin eine Frau, die gerne was riskiert.

Nachdem ich die schmale Durchgangsstraße nach einem guten Versteck abgesucht hatte, entschied ich mich für eine Holztreppe, die sich am nächstgelegenen Gebäude hochschlängelte. Dort war es dunkel, und ich konnte mich setzen. Perfekt.

Ich kletterte hoch zu einem Balkon im zweiten Stock und versteckte mich hinter einer Reklametafel, die die letzte Staffel von Heroes auf DVD anpries. Ich suchte mir eine einigermaßen saubere Ecke mit einem freien Blick auf die Hintertür des Clubs und setzte mich auf die Holzbretter, um zu warten.

Und zu warten.

Und zu warten.

Ich wartete so lange, dass mir die Füße einschliefen. Fünfzehn Mal zählte ich die Stufen auf meiner Seite des Gebäudes. Ich ging die Namen aller fünfzig Bundesstaaten durch, aller fünfundvierzig Präsidenten und der sieben Zwerge. Ich machte im Geist eine Einkaufsliste, formulierte einen Dankesbrief an meine Großmutter für den Scheck über fünfzehn Dollar, den sie mir letzten Monat geschickt hatte, und dachte mir einen schmutzigen Limerick aus, in dem Mike, Eddie, eine Ziege und ein paar käufliche Damen eine Rolle spielten.

Zwei Stunden später war das Einzige, was ich zu sehen bekommen hatte, ein Lieferwagen gewesen, der im Gässchen neben den Müllcontainern gehalten hatte. Ich wollte gerade aufgeben und die Nacht zur Totalpleite erklären, als sich die Hintertür des Clubs schließlich öffnete.

Ich verlagerte das Gewicht nach vorn, hob die Kamera ans Auge und hielt den Atem an. Die Tür ging auf …

… und eine Kellnerin in einem winzigen Cocktailkleid kam heraus und zündete sich unter der Reklametafel einen Joint an.

Großartig.

Ich lehnte mich wieder zurück. Ganz offensichtlich machte sich mein Einsatz heute Abend nicht bezahlt. Ich wartete, bis Smoky fertig war, den Stummel unter ihren Pfennig-Absätzen zerdrückt hatte und wieder im Club verschwunden war, bevor ich aufstand und mit dem Bein aufstampfte, um wieder etwas Gefühl in meinen rechten Fuß zu bekommen. Ich massierte mir gerade das Prickeln aus dem Fuß, um die Treppe hinuntergehen zu können, als ich hörte, wie sich die Hintertür erneut öffnete. Ich rechnete schon mit einer weiteren Zigarettenpause, als ein bekanntes Profil mit einem goldenen Haarschopf auftauchte.

Trace.

Mir stockte der Atem, und im Geiste zeigte ich den Jungs vom Entertainment Daily den Stinkefinger. Schweigend hob ich die Kameralinse vor das Auge. Ich machte drei Aufnahmen von Trace, wie er das Gässchen betrat und die Arme über den Kopf streckte. Er lehnte sich gegen die Außenseite des Gebäudes, und seine normalerweise perfekte Körperhaltung erschlaffte, als er den Kopf gegen die mit Stuck verzierte Mauer lehnte und die Augen schloss.

Obwohl mein journalistischer Instinkt mir sagte, dass unsere Leser mehr an einer Ganzkörperaufnahme interessiert waren, zoomte ich sein Gesicht heran. Ich konnte die feinen Linien um seine Augen herum sehen – Beweise für die Müdigkeit, die normalerweise sorgfältig wegretuschiert war. Das Kinn hatte er einmal nicht vorgereckt, und da er sich zum Glück nicht bewusst war, dass er beobachtet wurde, waren seine Gesichtszüge völlig entspannt. Eine Seltenheit. Für einen kurzen Augenblick war er kein Filmstar, sondern einfach nur ein Typ, der versuchte, in dem stürmischen Leben, das er sich ausgesucht hatte, einen Moment Frieden zu finden.

Seine langen Wimpern warfen dunkle Schatten auf seine Wangen und verliehen ihm ein jungenhaftes Aussehen, angesichts dessen ich mich unwillkürlich fragte, wie Trace gewesen war, bevor er der Trace Brody geworden war. Die Gerüchteküche glaubte zu wissen, dass er in einer Kleinstadt irgendwo im Mittleren Westen aufgewachsen war. Ob er das Kleinstadtleben wohl insgeheim ein wenig vermisste?

Ein Geräusch bereitete seiner Ruhepause ein jähes Ende. Er öffnete die Augen, und seine Körperhaltung versteifte sich wieder zur Pose.

Ich folgte seinem Blick zu dem Lieferwagen, der ganz vorne am Ausgang der Gasse geparkt war. Zwei Männer stiegen aus, beide in unscheinbaren grauen Overalls. Sie waren überdurchschnittlich groß; der eine hatte rabenschwarzes, zurückgegeltes Haar, das die Stirn frei ließ, der andere einen Bürstenhaarschnitt. Bürstenschnitt sah kräftiger aus, als hätte er ziemlich viel Zeit im Boxring verbracht. Oder im Fitnessraum eines Gefängnisses, falls der Katalog an Tattoos auf seinem Arm als Indiz betrachtet werden konnte. Der andere Typ erinnerte mich an ein Frettchen – er war auf eine Art mager und geschmeidig, dass ich ihn nur ungern berührt hätte.