Mörderjagd auf High Heels - Gemma Halliday - E-Book

Mörderjagd auf High Heels E-Book

Gemma Halliday

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Beschreibung

Maddie knackt den Jackpot

Die Schuhdesignerin Maddie Springer hat ihren Vater nicht mehr gesehen, seit dieser sich mit einer Tänzerin namens Lola nach Las Vegas abgesetzt hat. Doch dann entdeckt sie einen dringenden Hilferuf von ihm auf ihrem Anrufbeantworter vor, der mit einem lauten Knall endet. Ein Gewehrschuss? Oder eine Fehlzündung seines Autos? Maddie muss herausfinden, was da los ist, und macht sich auf den Weg in die "Stadt der Sünde". Dort stößt sie auf einen organisierten Verbrecherring, der mit gefälschten Prada-Pumps handelt, einen gefährlichen Killer und den sexy Cop Jack Ramirez! Maddie nimmt die Ermittlungen auf und setzt alles auf eine Karte ...

eBooks von beTHRILLED - mörderisch gute Unterhaltung!

"Ein erstklassiger, humorvoller Krimi, bei dem man nicht anders kann, als die ganze Zeit zu grinsen und zu kichern." - Romance Reader at Heart

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Seitenzahl: 423

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhalt

Grußwort des Verlags

Über dieses Buch

Titel

Vorwort

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Über die Autorin

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Impressum

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Über dieses Buch

Die Schuhdesignerin Maddie Springer hat ihren Vater nicht mehr gesehen, seit dieser sich mit einer Tänzerin namens Lola nach Las Vegas abgesetzt hat. Doch dann entdeckt sie einen dringenden Hilferuf von ihm auf ihrem Anrufbeantworter vor, der mit einem lauten Knall endet. Ein Gewehrschuss? Oder eine Fehlzündung seines Autos? Maddie muss herausfinden, was da los ist, und macht sich auf den Weg in die »Stadt der Sünde«. Dort stößt sie auf einen organisierten Verbrecherring, der mit gefälschten Prada-Pumps handelt, einen gefährlichen Killer und den sexy Cop Jack Ramirez! Maddie nimmt die Ermittlungen auf und setzt alles auf eine Karte …

GEMMA HALLIDAY

Mörderjagd auf High Heels

Aus dem Englischen von Stefanie Zeller

Vorwort

Glück gehabt

In den letzten vierundzwanzig Stunden war ich in einer Biker Bar gewesen, auf der Beerdigung einer Dragqueen und im Gefängnis. Ich war angelogen, fotografiert und verhaftet worden. Ein Reporter folgte mir, mein Vater rannte mit einer Perücke auf dem Kopf vor mir davon, und sowohl die Mafia als auch die Polizei hatten es auf mich abgesehen. Und jetzt saßen Mom und Mrs Rosenblatt in einem Flugzeug nach Las Vegas.

Ich vergrub das Gesicht in den Händen und fragte mich, welche Prüfungen dieser Tag noch für mich bereithielt.

Und ich sollte es schnell herausfinden.

Ein schwarzer Geländewagen hielt am Straßenrand, und die Beifahrertür wurde geöffnet. Ramirez saß am Steuer, mit einem sexy Bartschatten und seinem dunklen, gefährlichen Blick.

»Steig ein.«

1

Es gibt nur zwei Dinge im Leben, die ich noch mehr hasse, als dass auf mich geschossen wird. Dabei handelt es sich erstens um Birkenstocks – einen Schuh, vom dem ich mit Stolz behaupten kann, dass ich ihn nicht entworfen habe – und zweitens Sit-ups, eine Folter, der mich meine Freundin Dana in diesem Moment auf dem Boden des Sunset Gym unterzog.

»Los, noch zwei, das schaffst du!«

Schnaufend warf ich meiner persönlichen Cheerleaderin einen wütenden Blick zu und gab mir alle Mühe, mich noch einmal aufzusetzen.

»Ich …« Keuch! »… schaffe …« Keuch! »… es nicht …« Meine Bauchmuskeln begannen zu zittern, und ich spürte, wie ein ziemlich unattraktiver Schweißtropfen von meinen blonden Haarwurzeln mitten über mein Gesicht hinunter zu meiner Kinnspitze rollte.

»Los, Maddie, ich weiß, du schaffst noch zwei. Denk daran, wie gut du diesen Sommer in einem Bikini aussehen wirst.«

»Dann kaufe ich mir eben einen Badeanzug«, schnaufte ich.

»Denk daran, wie gut du dich fühlen wirst, weil du deinem Körper Gutes getan hast.«

Ich hob eine Augenbraue. Mein Blick sagte deutlich: Ist das jetzt dein Ernst?

»Okay«, lenkte Dana ein. »Dann denk daran, wie scharf Ramirez auf dich sein wird, wenn er deine trainierten Bauchmuskeln sieht.«

Das motivierte mich dann doch. Mit einem wenig damenhaften Grunzen biss ich die Zähne zusammen und hievte meinen Oberkörper in die Senkrechte.

»Super! Ich wusste, du schaffst es!« Dana stand auf und vollführte einen Siegestanz wie ein Footballspieler in der Endzone. Dana war eine einen Meter siebzig große, rotblonde Fitnesstrainerin, Schrägstrich angehende Schauspielerin mit Körbchengröße 75 E und einem Körper, der Songschreiber zu Rocksongs inspirierte. Wie auf Kommando sahen sich sämtliche Männer im Raum nach uns um.

»Danke«, sagte ich. »Das habe ich gebraucht.«

»Kein Problem. Wozu hat man Freunde?«

»Aber dir ist schon klar, dass du gegen den heiligen Eid verstoßen hast.«

Dana biss sich auf die Lippe und guckte schuldbewusst. »Ups.«

Ich hatte alle meine Freunde und meine gesamte Familie schwören lassen, dass sie in meiner Gegenwart niemals wieder den Namen »Ramirez« in den Mund nehmen würden. Detective Ramirez – oder, wie Dana ihn nannte, der Höschenschmelzer – hatte eines Tages im vergangenen Sommer vor meiner Tür gestanden, die Tasche voller Kondome. Er küsste mich. Ich küsste ihn. Dann fielen nach einigem wilden Gerangel ein paar Kleidungsstücke. Wir waren nur noch einen Push-up-BH und einen Slip vom Schlafzimmer entfernt … als sein Pager losging.

Er verließ mich mit einem platonischen Kuss auf die Stirn und dem Versprechen, am nächsten Tag anzurufen. Ja klar! Zwei Wochen später hatte ich eine Nachricht auf meinem Anrufbeantworter. »Sorry, hatte viel zu tun. Muss schon wieder los. Ruf dich später an.« Und seitdem kein Pieps mehr. Absolut nichts.

Männer!

Aber was hatte ich auch erwartet? Jack Ramirez war ein Cop mit einer großen Pistole, einem großen Tattoo und einem großen … nun, sagen wir einfach, seine Boxershorts ließen an jenem Abend nicht viel Raum für Spekulationen. Daher hätte es mich nicht überraschen sollen. Immerhin war Ramirez verglichen mit meinem Exfreund Richard durchaus eine Verbesserung. Der war nämlich wegen verbotener Absprachen und Veruntreuung verhaftet worden.

Ich hatte wirklich ein Händchen dafür, mir den Richtigen auszusuchen.

»Tut mir leid«, sagte Dana, »aber du musstest das einfach bis zum Ende durchziehen. Du machst das wirklich prima, Süße.«

Und sie hatte recht. Als der, dessen Namen nicht genannt werden durfte, im letzten Juli einfach von der Bildfläche verschwand, tat ich, was jede andere normale und vernünftige Singlefrau auch getan hätte, wenn das Objekt ihrer Zuneigung sie vollständig ignoriert: Ich habe mich mit Junkfood vollgestopft. Und wie. Cheetos, Pizza, Oreos und eimerweise Chunky Monkey von Ben & Jerry’s und Kekse in allen Größen, Formen und Geschmacksrichtungen. Irgendwann ist Dana dann eingeschritten. Sie führte mir vor Augen, dass, wenn ich nicht bald damit aufhörte, a) die Flecken von den Käselocken auf meinen Fingern nicht mehr weggehen würden, b) ich nicht mehr in mein schwarzes Lieblingskleid von Nicole Miller passen und mich c) ganz offiziell für den Club der bemitleidenswerten Loser qualifizieren würde. Sie hatte recht. Das Kleid saß wirklich ein bisschen eng. Deshalb protestierte ich auch nicht (lange), als sie mich ins Fitnessstudio schleppte und mich zu dieser modernen Form mittelalterlicher Folter zwang: Sit-ups.

Schwer atmend ließ ich mich zurück auf die blaue Gymnastikmatte fallen. »Sag mir bitte, dass wir fertig sind.«

Dana (die übrigens nicht einmal ins Schwitzen gekommen war, obwohl wir schon seit fast einer Stunde trainierten) stemmte die Hände in die Hüften. »Aber wir haben bisher noch nicht mal an deinem Hintern gearbeitet.«

»Wenn ich verspreche, zum Abendessen Blattsalat zu essen, kann ich dann den Hintern überspringen?«, bettelte ich. Allerdings dachte ich dabei an Blattsalat zwischen den Brötchenhälften eines doppelstöckigen Burgers.

Eine Falte erschien zwischen Danas rotblonden Augenbrauen. Aber weil sie eine gute Freundin war (und ich immer noch hechelte wie ein Dobermann), ließ sie mich vom Haken. »Na gut. Aber ich will dich am Samstag wieder hier sehen. Dann machen wir Ausfallschritte und Kniebeugen.«

»Aye, aye, Captain.«

Dana hatte Mitleid und half mir auf. Schweißüberströmt schleppte ich mich in den Damenumkleideraum.

»Und«, fragte sie. »Hast du heute Abend was Schönes vor?«

Da es Freitagabend war und ich seit Monaten nur noch hin und wieder ein bisschen Spaß mit einem batteriebetriebenen Gerät namens Rabbit gehabt hatte, musste ich nicht lange nachdenken. »Nö. Warum?«

»Um fünf gebe ich einen Pilates-Kurs, aber danach wollte ich einkaufen gehen. Willst du mitkommen?«

Meine Augen leuchteten auf. »Ich bin dabei.«

Zwanzig Minuten später hielt ich mit meinem kleinen roten Jeep vor dem Haus, in dessen zweiten Stock sich meine Einzimmerwohnung befand, nur zwei Blocks entfernt vom Strand. Meine Wohnung war für mich mein kleines Stück Himmel. Und wenn ich sage »klein«, dann meine ich es auch so. Ein Schlafsofa, ein Zeichentisch und drei Dutzend Paar Schuhe – für mehr war kein Platz. Obwohl mir, kaum war ich durch die Tür, die angebrochene Tüte Chips aus der hintersten Ecke des Küchenschrankes ihre Anwesenheit zuflüsterte, blieb ich standhaft und öffnete eine Dose Cola Light, während ich meine Nachrichten abhörte.

Die erste war von Blockbuster. »Die zweite Staffel von Sex and the City, die Sie bestellt haben, ist reingekommen«, teilte mir ein gelangweilt klingendes Mädchen mit. »Im Computer steht, dass Sie noch Pretty Woman und Harry und Sally haben und …«, sie stockte, und ich glaubte zu hören, wie sie kicherte und sich dann schnell räusperte, »… Two and a Half Men, die komplette Staffel.«

Ja, so weit hatte mich das Leben ohne Mann getrieben.

Ich löschte die Nachricht.

Dann kam die nächste.

»Hi, hier ist Felix Dunn vom L.A. Informer. Wir bringen einen Folgeartikel über das, was Sie im letzten Sommer durchgemacht haben. Ich würde gern einen Termin mit Ihnen für ein Interview vereinbaren und …«

Piep. Gelöscht.

Nachdem mein Exfreund Richard sehr öffentlichkeitswirksam verhaftet und zeitweise sogar des Mordes verdächtigt worden war, war die Presse irgendwie an meine Telefonnummer gekommen. Okay, ich sollte wohl auch noch die kleine »Stecherei« erwähnen, in die ich, eine gewalttätige Exgeliebte, ihr geplatztes Brustimplantat und ein Stilettoabsatz verwickelt gewesen waren, was die Fantasie der Medien wohl beflügelt hatte. Ich hatte nicht weniger als dreimal auf der Titelseite des Informer geprangt. Zweimal als eine Slasher-Filmheldin und einmal als Braut von Bigfoot. Hmmm … vielleicht war das der Grund, warum Ramirez nicht angerufen hatte.

Die Maschine startete die nächste Nachricht.

»Hallo, Liebes, ich bin’s, Mom. Stell dir vor, Ralph hat nun endlich die Bilder von Hawaii entwickeln lassen. Du musst unbedingt kommen und sie dir ansehen. Sie sind super geworden! Ruf mich an!«

Meine Mutter war erst kürzlich von einer langen Flitterreise nach Hawaii mit Ehemann Nummer zwei zurückgekehrt. Oder, wie ich ihn nannte, Stiefpapa. Mein richtiger Vater hatte sich mit einem Showgirl namens Lola nach Las Vegas abgesetzt, als ich drei Jahre alt gewesen war. Meine einzige Erinnerung an ihn war eine Hand an einem Arm, der ein wenig haariger war als normal, die mir aus dem Fenster seines El Camino Baujahr ’74 zuwinkte. Verständlich also, dass Stiefpapa und ich uns auf Anhieb gut verstanden hatten (nicht zuletzt deshalb, weil er einen von Beverly Hills’ exklusivsten Friseursalons besaß und ich so viele Maniküren bekommen konnte, wie ich wollte).

Der AB klickte noch einmal, und eine blecherne Stimme sagte »Ende der Nachrichten«.

Seufz. Kein Ramirez. Kein Brad Pitt. Kein gut aussehender Fremder, der mich in der Schlange bei Starbucks gesehen hatte und meine Nummer im Internet gesucht hatte.

Ich hasste Freitagabende.

Ich trank meine Cola aus und stieg unter die Dusche, um mir den Schweiß von den müden Gliedern zu waschen. Dann zog ich ein Paar Jeans an, streifte mir ein pinkfarbenes Wickeltop über, auf dem kleine silberne Pailletten funkelten, und schlüpfte in brandneue, todschicke Pumps von Ferragamo – die mich, nur ganz nebenbei, mal wieder in Schulden gestürzt hatten. Aber die fünf Zentimeter, die sie meinen ein Meter fünfundfünfzigeinhalb hinzufügten, waren es wert. Ein bisschen Schaum in meine naturblonden Haare, kurz den Fön draufhalten, und ich war fertig.

Dana holte mich mit ihrem braunen Saturn ab, und wir nahmen den Highway 10 in die Stadt. Mittlerweile war der Berufsverkehr etwas abgeklungen, aber es waren immer noch genug Autos unterwegs, sodass die Straße in der frühen Herbstdämmerung wie ein Weihnachtsbaum leuchtete. Als wir auf die linke Spur wechselten, hängte sich ein blauer Dodge Neon an unsere Stoßstange und folgte uns den gesamten Weg nach Osten zur 405. Ich sah auf den Tacho. Wir fuhren 120. Und das in L.A.

Ich versuchte, einen Blick auf den Fahrer zu erhaschen, aber ich sah nur das helle Licht der Scheinwerfer. Ich machte die allgemein gültige Geste für »Verschwinde, Freundchen«.

Nur dreißig Minuten, zwei lüsterne Lkw-Fahrer und einen Beinah-Unfall, an dem ein Handy nicht ganz unschuldig war, später, hielten wir vor unserem Ziel.

Sepulveda Waffen und Munition.

»Äh … was machen wir hier?«

»Einkaufen«, antwortete Dana.

»Daran hatte ich jetzt aber nicht unbedingt gedacht.« Ich musterte die vergitterten Fenster, die Poster der National Rifle Association, eine Vereinigung, die sich für den freien Besitz von Waffen einsetzt, an der Tür und den Obdachlosen, der an die Backsteinwand pinkelte. »Wollen wir nicht lieber zu Macy’s?«

Dana schüttelte den Kopf. »Ich brauche eine Knarre.«

»Eine ›Knarre‹? Wer bist du? Clint Eastwood?«

»Letzte Woche hat Rico gesagt, wir sollten darüber nachdenken, wie wir uns schützen können.«

Nach meiner »Begegnung mit dem Tod« im letzten Sommer, wie meine immer übertrieben dramatische beste Freundin es nannte, beschloss Dana, sich in Selbstverteidigung ausbilden zu lassen, und schrieb sich auf der Stelle in einen Kurs im Freizeitcenter ein. Der Leiter des Kurses, Rico, sah aus wie eine Kreuzung aus Rambo und dem UnglaublichenHulk. Dass Rico eine »Knarre« brauchte, glaubte ich sofort. Die Vorstellung aber, dass Dana mit einer tödlichen Waffe herumfuchtelte, machte mir Angst.

»Weißt du überhaupt, wie man mit einer Pistole schießt?«

»Klar.« Dana lächelte stolz. »Rico hat mir ein paar Privatstunden gegeben.«

Da Dana die unheimliche Gabe besaß, sich ständig Männer auszusuchen, die nur für Kurzzeitbeziehungen taugten, war mir klar, wie Ricos »Privatstunden« ausgesehen hatten.

»Ich weiß nicht.« Misstrauisch beäugte ich den Laden. Der Obdachlose zog seinen Reißverschluss hoch und begann, vorbeifahrende Autos anzuschreien. »Ich spendiere dir auch eine Zuckerzimtschnecke, wenn wir stattdessen zur Glendale Galleria fahren.«

Doch Dana stieg schon aus dem Wagen. »Na los, sei kein Feigling. Rico sagt, das hier sei der beste Laden.«

Ich zuckte die Achseln. Ich kannte Dana seit der siebten Klasse. Unsere gemeinsame Liebe zu Corey Feldmann in The Lost Boys hatte uns zusammengeführt. Und ich wusste, wenn sie einmal einen Entschluss gefasst hatte, konnte ich sie weder davon abbringen, eine Pistole in Hollywood zu kaufen, noch wie damals davon, Corey ihren Sport-BH per FedEx zu schicken. Außerdem konnte es nicht schaden, wenn ich mir bei der Gelegenheit eine Dose Pfefferspray zulegte.

Dana befestigte die Lenkradkralle und schloss den Wagen ab, nachdem sie noch einen Blick auf den Obdachlosen geworfen hatte. Der stand an der Ecke und rief einem Ford Festiva Obszönitäten hinterher.

Eine Klingel ertönte, als wir die Tür aufdrückten, an der ein Poster der NRA hing. Alle Augen richteten sich auf uns. Zwei Gangstertypen in tief hängenden Jeans und mit Baseballkappen beugten sich in der Ecke über ein Sturmgewehr und planten etwas, von dem ich ganz sicher nichts wissen wollte. Ein hochgewachsener Mann mit fettigem blonden Pferdeschwanz und einem großzügig mit Senfflecken verzierten T-Shirt hielt in der Begutachtung eines Präzisionszielfernrohrs inne und musterte uns aus winzigen Äuglein langsam von oben bis unten.

Auf einmal brauchte ich dringend eine Dusche.

Dana packte mich am Arm und zog mich zu einer Frau hinter dem Glastresen, die ein Namensschild trug. MAC stand darauf. Sie war kleiner als ich und hatte dichtes, krauses rotes Haar, das Carrot-Top neidisch gemacht hätte. Und eine Augenklappe. Ehrlich. Eine schwarze Augenklappe wie Johnny Depp, die aussah, als würde sie im Paket mit dem dazugehörigen Papagei verkauft. Ich versuchte, sie nicht anzustarren.

»Was kann ich für Sie tun, Süße?«, fragte sie mit vom jahrelangem Rauchen rauer Stimme. Vielleicht wollte auch sie nur nicht den Geruch des Obdachlosen einatmen, der durch die Belüftungsschächte in der Decke hereinwehte.

Dana trat an den verschmierten Glastresen und machte ganz auf Dirty Harry. »Ich brauche eine Wumme.«

Ich verdrehte die Augen.

Die gruselige Waffentante kniff das unversehrte Auge zusammen.

»Meine Freundin meint«, sagte ich hastig, »dass sie nach einer Einsteigerwaffe sucht. Etwas Kleines. Und Ungefährliches. Sie wissen schon, eine, die nicht gleich losgeht.«

Ihr Auge wurde noch schmaler, und sie stemmte die Hände in die Hüften. »Sie wollen eine ungefährliche Waffe?«

Ich glaubte, den Typen mit dem Pferdeschwanz hinter mir kichern zu hören.

Hilfesuchend sah ich mich zu Dana um, doch die war ganz damit beschäftigt, die Auslage zu betrachten. Den Blick kannte ich. Genauso guckte ich, wenn ich heruntergesetzte Dior-Pumps entdeckte. Meine Angst wuchs.

»Ein bisschen weniger gefährlich als andere vielleicht?«, bot ich an.

Die gruselige Waffentante musterte mich noch einmal von Kopf bis Fuß. Ihr Blick blieb an meinem pinkfarbenen Paillettentop hängen, dass, ganz nebenbei, für einen Einkaufsbummel in der Mall perfekt gewesen wäre.

»Süße, Sie haben noch nie in Ihrem Leben eine Waffe in der Hand gehabt, oder?«

Nein, aber mit einem Stilettoabsatz war ich unschlagbar. »Äh … nee«, erwiderte ich.

Sie schüttelte den Kopf, sodass ihr die roten Haare um den Kopf flogen wie bei Bozo, dem Clown. Obwohl ich ehrlich gestehen muss, dass mein Blick immer noch an der Augenklappe hing. Warum wir uns bis nach North Hollywood hinausgewagt hatten, um eine Pistole zu kaufen, war mir immer noch ein Rätsel. Schließlich gab es auch in Beverly Hills Waffengeschäfte.

»Mir gefällt die da«, sagte Dana und zeigte auf eine Pistole Kaliber 45. In Neonpink.

Die Verkäuferin stemmte erneut die Hände in die Hüften. »Süße, ich kann Ihnen die Waffe verkaufen, aber wissen Sie, was Ihr Angreifer sagen wird, wenn Sie die zum ersten Mal ziehen?«

Dana und ich schüttelten synchron den Kopf.

»Nichts. Weil er nämlich vor lauter Lachen nicht dazu kommen wird.«

Dana nickte feierlich. »Richtig. Kein Pink.« Sie richtete sich auf und machte ein ernstes Gesicht, indem sie die Augenbrauen zusammenzog, als würde sie sehr angestrengt nachdenken. »Ich suche etwas, womit ich mich gegen die schleimigen Typen wehren kann, die einen in Clubs anmachen und einem, wenn man sie abweist, K.-o.-Tropfen in den Drink tun, sobald man zur Toilette geht. Und am nächsten Morgen wacht man dann neben einem Fremden im Bett auf. Wissen Sie, was ich meine?«

Mac hob ihre Augenbraue und sah von Dana zu mir, als wolle sie sagen: »Ist das ihr Ernst?«

»Okay, hören Sie zu. Sie sehen aus, als wären Sie nette Mädchen, und ich will nicht, dass Ihnen was passiert. Wie wäre es mit Pfefferspray?«

»Wie? Sehen wir aus wie Amateure?«, fragte Dana.

Selbst ich konnte den Pferdeschwanztypen verstehen, als er jetzt grunzend auflachte.

Aber Dana gab nicht klein bei. »Rico hat gesagt, Sie würden schon das Richtige für mich finden. Er sagte, Sie wären hier die Besten.«

»Rico?« Das Gesicht der Frau wurde weicher. »Warum haben Sie nicht gleich gesagt, dass Sie Rico kennen?« Sie griff unter die Glasplatte und zog einen silbernen Revolver hervor. »Hier, so etwas braucht Ihr Mädchen. Eine Smith & Wesson LadySmith. Halb automatisch, neun Millimeter, Gummigriffschalen, Edelstahl. Kaum Rückstoß, aber hat einen guten Bums und passt in Ihre Handtasche.«

Danas Augen leuchteten wie die eines Kindes an Weihnachten. »Kann ich sie mal halten?«

Die Waffentante nickte. Dana nahm die Pistole und posierte wie James Bond. Der Typ mit der Baseballkappe wich einige Schritte zurück.

»Dann gibt’s auch noch die Halbautomatische mit Klapplauf.« Mac griff wieder in den Schaukasten und holte eine schwarze Pistole hervor. »Die sind leichter und einfacher zu laden als die LadySmith. Der einzige Nachteil ist, dass sie die leeren Hülsen auswirft. Da kommt man schon mal in Erklärungsnot, wenn die Bullen auftauchen.« Sie zwinkerte mir zu und stupste mich an.

Ich lachte schwach. Ich wollte gar nicht wissen, wie viele »Erklärungen« Mac sich in ihrem Leben schon hatte einfallen lassen müssen.

»Die hier gefällt mir«, sagte Dana, die immer noch die LadySmith hielt und am Lauf entlang ihr Spiegelbild in dem verschmierten Glas anstarrte. Das Leuchten in ihren Augen wurde mir langsam ein wenig unheimlich.

»Die nehme ich.«

Die Verkäuferin strahlte wie eine stolze Mutter. »Und Sie?«, fragte sie.

»Ich glaube, ich bleibe beim Pfefferspray.«

Zwanzig Minuten später hatte ich meine Minidose Pfefferspray und Dana den Kofferraum voller Munition. Sie hatte ihre Visa-Karte nicht nur für die Smith & Wesson gezückt – die sie schon in zehn Tagen abholen konnte, vorausgesetzt sie war nie wegen Waffenschmuggels verhaftet worden –, sondern hatte darüber hinaus noch eine Schachtel mit Patronen, ein Lederholster, Handschellen (ich wollte gar nicht wissen, wofür die gedacht waren!) und last, but not least, einen Elektroschocker in Form eines Handys erstanden. Dana war jetzt bis an die Zähne bewaffnet und brandgefährlich.

Sie setzte mich vor meiner Wohnung in Santa Monica ab, bevor sie zu Rico fuhr, um ihm ihr neues »Spielzeug« zu zeigen. Sie würden Frontalangriffe üben, hatte sie gesagt, um mich zu überreden mitzukommen, aber ich hatte mich damit herausgeredet, ich müsse noch arbeiten, sonst würde mein Auftraggeber mich womöglich doch noch feuern. Was nicht einmal ganz gelogen war. Tot Trots waren nicht sehr begeistert gewesen, von der Stiletto-Stecherei auf den Titelseiten zu lesen (ganz zu schweigen von der Heirat mit Bigfoot!). So etwas war nicht gut für ihr familienfreundliches Image.

Seit ich alt genug war, Barbie ihre glitzernden pinkfarbenen Ballkleider anzuziehen, hatte ich davon geträumt, Model zu werden und in tollen Kleidern und Designerschuhen über die Pariser Laufstege zu stolzieren. Doch in der achten Klasse wurde es mir schmerzlich bewusst, dass selbst die höchsten Absätze mir nicht zur Modelgröße verhelfen würden. Also tat ich das Nächstbeste: Ich studierte Modedesign. Genauer gesagt Schuhdesign. Unglücklicherweise studiert jedes verhinderte Model Mode, und ein bezahlter Auftrag war schwerer an Land zu ziehen als ein Vertrag mit CoverGirl. Irgendwie bin ich dann bei dem einzigen Unternehmen gelandet, das mich nehmen wollte. Tot Trots, einem Hersteller von Kinderschuhen. Gut, das war nicht gerade Haute Couture, aber so konnte ich meine Rechnungen bezahlen. Außerdem konnte ich mir meine Zeit frei einteilen, und meine Spiderman-Flip-Flops waren in der letzten Saison der bestverkaufte Artikel bei Payless gewesen. Im Moment arbeitete ich an Regina-Regenbogen-Sandalen für die Frühjahrskollektion, inklusive der passenden mit Perlen besetzten Anstecker.

Ätsch-Bätsch, Paris.

Ich schloss die Tür zu meiner Wohnung auf und sah nach meinem Anrufbeantworter. Das Licht blinkte. Ich stellte das Pfefferspray auf den Küchentresen und drückte auf Play.

»Sie haben … zwei neue Nachrichten.«

Na also. Mit meinem Privatleben ging es aufwärts.

Ich holte eine Dose Ben & Jerry’s aus dem Gefrierfach (beim Shoppen verbrennt man schließlich viele Kalorien), während ich der ersten Nachricht lauschte.

»Hier ist noch mal Felix Dunn vom Informer. Wir planen einen Artikel über Sie und hätten gern eine Stellungnahme von Ihnen. Rufen Sie mich bitte zurück …«

Gelöscht.

Man sollte doch meinen, dass die Zeitungen sich nach all der Zeit eher Jens neuer Liebschaft und TomKats letzter Kabbelei widmen würden. Ich meine, schließlich hatte ich doch nur eine Brust zum Platzen gebracht!

Ich wartete darauf, dass die nächste Nachricht begann. Erst hörte ich nur Stille, unterbrochen von schwerem Atmen. Dann: »Ich … äh … ich suche Madison Springer. Hoffentlich habe ich die richtige Nummer. Ich habe deinen Namen in der Zeitung gesehen. Hier spricht Larry.«

Wieder Stille.

»Dein Vater.«

Ungläubig starrte ich das Telefon an, während der Löffel mit Chunky Monkey auf halbem Weg zu meinem Mund in der Luft schwebte. Hatte ich richtig gehört?

Dann begriff ich, dass die Nachricht noch nicht zu Ende war.

»Ich weiß, wir haben uns lange nicht gesprochen. Aber ich … äh … ich habe über dich in der Zeitung gelesen. Wie du letzten Sommer der Polizei geholfen hast. Und ich könnte deine Hilfe gebrauchen. Ich … äh …«

Wieder eine Pause. Ich hielt den Atem an. Im Hintergrund hörte ich ein Rascheln.

»Oh Gott … was … nein!«

Ich erstarrte, als ein lauter Knall aus dem AB dröhnte und von den Wänden meiner winzigen Einzimmerwohnung zurückgeworfen wurde.

Vielleicht war heute der Tag, an dem ich den Unterschied zwischen einem .45er und einem .40er Kaliber lernte. Vielleicht lag es auch daran, dass die Erinnerung an mein Aufeinandertreffen mit der mordlustigen Sekretärin noch zu frisch war. Oder es war nur meine überaktive Fantasie.

Aber ich wusste sofort, woher dieses Geräusch rührte. Es war ein Schuss gewesen.

Der AB klickte.

Piep. »Ende der Nachrichten.«

2

Mit angehaltenem Atem starrte ich das Telefon an. Mein Herz klopfte so stark, als wollte es aus meiner Brust springen. Mein Körper erinnerte sich sofort an das letzte Mal, als ich eine Pistole hatte losgehen hören – die nämlich auf mich gerichtet gewesen war! –, und Panik überkam mich. Ich griff nach dem Telefon und wählte die erste Nummer, die mir in den Kopf kam. Ramirez’ Nummer.

Es klingelte dreimal. Dann sprang der Anrufbeantworter an. Mist! Ich versuchte, ruhig zu atmen, während ich auf den Piepton wartete.

»Ich bin’s, Maddie. Ich glaube, ich habe gerade einen weiteren Mord mit angehört. Mein Vater ist erschossen worden. Nicht Stiefpapa, mein richtiger Vater. Der Haarige. Auf ihn ist geschossen worden. Oder er hat auf jemanden geschossen. Ich weiß es nicht genau. Aber ich habe ganz sicher einen Schuss gehört, und er war am Telefon und hat meine Hilfe gebraucht, und jetzt ist, glaube ich, jemand tot. Oder liegt im Sterben. Oder ist zumindest verwundet. Ruf mich an.«

Ich legte auf und wünschte mir, ich würde nicht immer automatisch anfangen herumzufaseln, wenn es kritisch wird. Warum konnte ich nicht eine von diesen ruhigen Frauen sein, die immer einen kühlen Kopf bewahrten und aus einem Tampon und einem Kaugummipapier einen Druckverband basteln können? Stattdessen drehte ich durch wie ein kleines Kind, das im Einkaufszentrum seine Mami verloren hat.

Ich wählte die Nummer meiner Mutter. Es klingelte viermal, dann sprang der AB an. »Hi, Sie haben die Nummer von Betty …«

»… und Ralph gewählt«, meldete sich mein Stiefvater.

»Wir sind im Moment leider nicht zu Hause, bitte hinterlassen Sie Ihre Nummer nach dem Piep …«

»… oder versuchen Sie es im Salon. Ciao!«, endete Stiefpapa.

Ich legte auf. Wenn Ramirez mein Gestottere abhörte, würde er vermutlich mit den Augen rollen und mich überdreht nennen. Aber damit konnte ich leben. Meine Mutter dagegen würde wahrscheinlich die Nationalgarde rufen, um sicherzugehen, dass mir auch wirklich nichts zugestoßen war. War es ja auch nicht.

Dem Mann am anderen Ende der Leitung war etwas zugestoßen.

Meinem Vater.

Ich sank auf mein Schlafsofa und schob mir geistesabwesend einen Löffel Eiscreme in den Mund, während ich mir wieder den haarigen Arm vorstellte, der mir aus dem Fenster des El Camino zugewinkt hatte.

Als ich mitten in der Pubertät steckte, hatte ich meine Mutter gepiesackt, mir etwas über meinen Vater zu erzählen. Nur einmal. Sie hatte mir gesagt, sie hätten sich bei einem Bob-Dylan-Konzert kennengelernt, er sei einen Meter fünfundachtzig groß und allergisch gegen Erdbeeren und mit einem Showgirl namens Lola nach Las Vegas durchgebrannt. An dieser Stelle war sie dann in Tränen ausgebrochen, die mich damals, als Teenager, in Angst und Schrecken versetzt hatten. Seitdem hatten weder sie noch ich das Thema noch einmal angeschnitten.

Ich fragte mich, ob er immer noch in Vegas war. Ich nahm den Telefonhörer und scrollte die Anruferliste herunter. Keine Nummer übermittelt. Tja, das brachte mich nicht weiter. Er konnte von überallher angerufen haben.

Und welche Art Hilfe benötigte er? War er krank? Brauchte er eine Niere? Typisch Mann, nach sechsundzwanzig Jahren wieder in mein Leben zu schneien und mich um ein lebenswichtiges Organ zu bitten.

Aber er hatte sich nicht krank angehört. Sondern … als stecke er in Schwierigkeiten. In heftigen Schwierigkeiten, wenn ich wirklich einen Schuss gehört hatte. Ich versuchte, mir nicht vorzustellen, wie er jetzt womöglich verletzt oder blutend irgendwo lag.

Vielleicht sollte ich 911 anrufen. Aber was konnte ich denen erzählen? Irgendwo ist eventuell auf irgendjemanden geschossen worden? Ich hatte ja keine Ahnung, wo er sich befand. Nicht mal, ob es sich tatsächlich um meinen Vater gehandelt hatte. Seitdem ich kurzzeitig zu Ruhm gelangt war, hatte ich schon viele Scherzanrufe erhalten. Je mehr ich darüber nachdachte, desto unsicherer wurde ich, dass der Knall tatsächlich ein Schuss gewesen war. Vielleicht ja nur die Fehlzündung eines Autos.

In der Hoffnung auf die beruhigende Wirkung der cremigen Schokoladen-Bananen-Köstlichkeit, schaufelte ich mir einen großen Löffel Chunky Monkey in den Mund.

Vielleicht war es eine Fehlzündung gewesen, vielleicht aber auch ein Schuss. Was auch immer, Tatsache blieb, mein Vater hatte mich offenbar angerufen. Und morgen früh würde ich als Erstes noch einmal in Moms Erinnerungen graben.

Ich träumte gerade, dass mich eine einäugige Frau mit einem fehlzündenden Auto verfolgte, als das Klingeln des Telefons mich weckte. Halbherzig tastete ich in die ungefähre Richtung des Apparates, fand aber nichts. Vorsichtig öffnete ich ein Auge, um einen Blick auf den Wecker neben meinem Bett zu werfen. Sieben Uhr morgens. Ich stöhnte. Ich hasste Morgenmenschen. Meine Theorie lautete folgendermaßen: Wenn die Geschäfte erst um zehn Uhr öffnen, warum solle ich dann bitte schön früher aufstehen?

Das Telefon klingelte noch zweimal, dann sprang der Anrufbeantworter an. Ich vergrub meinen Kopf unter dem Kissen und hörte, wie meine eigene Stimme den Anrufer über die Möglichkeit informierte, eine Nachricht zu hinterlassen.

»Maddie? Hier ist Jack.«

Ich schoss in die Höhe und schleuderte dabei das Kissen quer durch den Raum.

Ramirez!

»Ich habe deine Nachricht bekommen. Was zum Teufel ist denn bei dir los?«

Ich sprang aus dem Bett und stürzte zum Telefon. Doch das Handteil war nicht im Ladegerät. Ich sah mich im Zimmer um. Das Schlafsofa an einer Wand, der Zeichentisch an der anderen, überall Haufen von Kleidern und Schuhen. Wo war das Telefon?

»Was erzählst du da von einem Schuss? Ist dir was passiert?« Er machte eine Pause. »Hör zu, ich werde in den nächsten Tagen vielleicht schwer zu erreichen sein, also wenn du da bist, nimm ab.«

Das versuchte ich ja gerade! Ich wühlte unter den Kleidern vom Vortag. Ich fuhr mit den Händen unter die Sofakissen, sah unter meinem Zeichentisch nach, öffnete sogar die Küchenschränke. Wo hatte ich das Ding nur hingelegt, verdammt?

Ramirez schwieg. »Tja, dann bist du wohl nicht da. Ich versuch’s später noch mal.«

»Nein!«, schrie ich. Dann entdeckte ich das Telefon, das aus einer Tüte von Macy’s neben der Tür lugte. »Warte, warte, warte …!«, rief ich. Ich packte das Telefon und schaltete es ein.

Doch es erklang nur das Freizeichen.

Mist.

Eilig tippte ich seine Nummer ein, war aber nicht überrascht, als ich direkt auf seine Mailbox umgeleitet wurde. Mist, Mist, Mist! Wütend knallte ich das Telefon zurück auf die Station.

Da ich ja nun schon mal wach war, machte ich mir eine Kanne starken Kaffee und ging unter die Dusche. Als Zugeständnis an den halben Liter Eiscreme, den ich am vergangenen Abend ganz allein verputzt hatte, zog ich danach eine bequeme marineblaue Gauchohose an, ein Tanktop, ein Bolerojäckchen und kniehohe Kalbslederstiefel. Alles in allem ein sehr passender Look für einen windigen Oktobertag – was so viel hieß wie: Es war nicht mehr neunundzwanzig Grad warm und sonnig wie im Sommer, sondern nur noch dreiundzwanzig Grad und sonnig. In L.A. vertrauen wir nicht mehr aufs Wetter als auf die öffentlichen Transportmittel.

Ein wenig Mascara, ein Hauch Raspberry Perfection auf die Lippen, und schon war ich zur Tür hinaus.

Fernandos Salon befand sich an der ultraschicken Ecke von Brighton Avenue und Beverly Boulevard, einen Block nördlich vom Rodeo Drive, mitten in Beverly Hills’ Goldenem Dreieck. Als Stiefpapa damals von Minnesota an die Westküste gekommen war, war er ganz einfach nur Ralph gewesen, ein blasser Friseur mittleren Alters mit leichtem Bauchansatz. Da er wusste, dass niemand in L.A. sich die Haare von jemandem machen lassen würde, der Ralph heißt, erfand er sich einfach neu: Spanische Vorfahren, zweimal wöchentlich Bräunungsspray, ein Salon in der besten Lage in Hollywood und voilà – Fernando war geboren, Stylist der sehr Reichen und beinah Berühmten.

Stiefpapa konnte nicht nur gut mit Schere und Farbe umgehen, er hatte auch eine Leidenschaft für Innendekoration. (Mom schwört, dass er nicht schwul ist, aber ich habe immer noch meine Zweifel.) Im Moment machte Stiefpapa eine toskanische Phase durch. Die Wände waren in Rostorange gestrichen, und von den Dachsparren hingen rote Plastiktrauben und Weinblätter. Ölgemälde von Weinbergen in goldenen Rahmen schmückten die Wände, und mit dem Geräusch der Föne, Zerstäuber und des neusten Beverly Klatsches mischte sich leise klassische Musik. Die Atmosphäre schrie förmlich nach einem Glas teurem Merlot.

»Maddie!« Marco vom Empfang schoss hinter seinem glänzenden Computer hervor, als ich den Salon betrat, und überhäufte mich mit Küssen. Marco war dünn genug, hübsch genug und trug genug Make-up, um bei America’s Next Top Model mitzumachen und wahrscheinlich auch zu gewinnen. »Wie geht es dir, Schätzchen?«, fragte er mit reinstem San-Francisco-Akzent.

»Ich habe einen Eiscremekater.«

Marco schnalzte mit der Zunge. »Ach, mein armes Baby.«

»Sind Mom und Ralph schon da?«

»Fernando«, erwiderte Marco betont und sah mich mit seinen dunkel umrandeten Augen mahnend an, »macht eine Dauerwelle bei Mrs Simpson.« Er beugte sich vertraulich zu mir und deutete nach hinten in den Raum. »Jessicas Mutter.«

»Ah.« Ich sah über die »verfallenen« Palazzowände des Empfangsbereichs hinweg und entdeckte Ralph, der mit einer Blondine unter einer Trockenhaube sprach. »Und Mom?«

»Deine Mutter ist hinten und wachst die übersinnliche Frau.«

Die »übersinnliche Frau« war Moms beste Freundin, Mrs Rosenblatt. Mrs Rosenblatt wog hundertfünfzig Kilo, war fünfmal geschieden, trug am liebsten Hauskleider in Neonfarben und redete mittels ihres spirituellen Führers Albert mit den Toten. Mrs Rosenblatt war mehr als exzentrisch.

Die beiden kannten sich schon seit Jahren. Damals war meine Mutter zu ihr gegangen, um sich die Zukunft vorhersagen zu lassen. Sie behauptete, alle ihre Vorhersagen wären sofort am nächsten Tag eingetroffen. Gut, der dunkelhaarige, gut aussehende Fremde, den sie treffen sollte, war schließlich Barney, ein schokoladenbrauner Labrador, aber das reichte meiner Mutter. Seitdem waren sie dicke Freundinnen, und alle fünf Tage brauchte meine Mutter eine Aurareinigung von Mrs R.

Ich dankte Marco und schlängelte mich durch die summenden Föne und die chemiegeschwängerte Luft des Salons zum Hinterzimmer, wo die Folienwickel und Wachsbehandlungen im Gesicht gemacht wurden. Zumindest hoffte ich inständig, dass es ihr Gesicht war, das enthaart wurde. Bisher hatte ich erst eine Tasse Kaffee getrunken, und für den Anblick von Mrs Rosenblatt, der die Bikinizone enthaart wurde, würde ich mindestens zwei brauchen. Mit einigen Schuss Whiskey.

Behutsam klopfte ich an die Tür.

»Äh … Mom? Hast du mal eine Sekunde?«, fragte ich und betrat leise den Raum, dessen Wände das Fresko einer italienischen Hügellandschaft zierte.

Ich war erleichtert, als ich sah, dass sich Mom über Mrs Rosenblatts Schnurrbart beugte, obwohl mich ihr Outfit leicht zusammenzucken ließ. Ich liebe meine Mutter. Wirklich. Ich wünschte nur, sie würde sich nicht immer im Dunkeln anziehen. Heute trug sie grellblaue Stretchhosen, pinkfarbene Stulpen und ein pinkfarbenes Sweatshirt mit ausgeschnittenem Hals, dazu hohe schwarze L.A.-Gear-Turnschuhe, ein Modell, das ich seit 1986 nirgendwo mehr gesehen hatte. Ich glaube, sie hoffte auf einen gewissen Jane-Fonda-Schick, sah aber eher aus, als sei sie auf dem Weg zum Seniorensport.

»Hi, Liebes«, begrüßte sie mich und winkte mit einem Wachsstreifen in meine Richtung. »Was führt dich denn hierher?«

»Brauchst du eine Wachsbehandlung?«, fragte Mrs Rosenblatt und betrachtete kritisch meine Oberlippe. »Deine Mutter wirkt Wunder mit Wachs.«

»Äh … nein, ist nicht nötig. Danke.«

»Bist du sicher?« Wieder kniff Mrs R. die Augen zusammen. »Ich meine, ich sehe da oben ein bisschen Flaum.«

Verlegen befühlte ich meine Oberlippe.

»Obwohl Albert ja sagt, in einigen Kulturen werden haarige Frauen verehrt«, fuhr sie fort.

Albert musste es ja wissen. Mrs Rosenblatt behauptete, Albert sei in einem früheren Leben Rechercheur bei der New York Times gewesen.

»Aber hier bei uns in L.A. heißt haarig nur, dass man schon lange nicht mehr bei der Kosmetikerin gewesen ist. Wenn ich ein Date mit dem tollen Typen von der Bowlingbahn haben möchte, muss ich was gegen meinen Schnurrbart tun.« Mrs R. zwinkerte mir zu. »Er ist Italiener. Die haben große Hände, große Nasen und große …«

»Okay, halt jetzt still.«

Das musste ich meiner Mutter lassen, ihr Timing war perfekt.

Mom drückte einen Streifen auf Mrs Rosenblatts Oberlippe und stoppte damit dankenswerterweise den Schwall der allzu intimen Informationen.

»Also, warum bist du hier?«, fragte Mom und verteilte heißes Wachs.

»Na ja, ich … ich … äh …« Ich verstummte, weil ich einfach unsicher war, wie ich ihr beibringen sollte, dass mein leiblicher Vater nicht nur Kontakt zu mir aufgenommen hatte, sondern vielleicht auch noch irgendwo tot in einem Graben lag. »Ich habe einen Anruf bekommen und …«

Mom sah auf und wartete darauf, dass ich den Satz beenden würde. Eine kleine Falte erschien zwischen ihren dick nachgezogenen Brauen. »Was ist, Maddie?«

Ich entschloss mich für die schnelle und schmerzlose Methode, wie bei einem Pflaster. Oder bei einem Wachsstreifen auf der Oberlippe.

»Larry hat mich angerufen.«

Mom erstarrte, und ihr Gesicht wurde so blass, dass Nicole Kidman neidisch geworden wäre. Ihr Mund öffnete und schloss sich wie der eines Goldfischs, dann wurden ihre Lippen zu einem schmalen Strich. »Ich verstehe.«

Sie nahm eine Ecke des Wachsstreifens und riss ihn so schwungvoll ab, dass mir ganz anders wurde.

Mrs Rosenblatt heulte wie ein Kojote.

So viel zum Thema Schmerzlos.

»Mom, alles in Ordnung?«, fragte ich, als sie Mrs Rosenblatts linke Gesichtshälfte in Angriff nahm.

»Alles wunderbar.« Moms Lippen wurden weiß, so fest presste sie sie aufeinander.

Vor lauter Angst, dass sie sich als Nächstes über meinen Oberlippenflaum hermachen würde, redete ich schnell weiter. »Ich will dir nicht wehtun, aber er hat gestern Abend eine Nachricht auf meinem Anrufbeantworter hinterlassen. Nur hat er leider nicht gesagt, von wo er anruft, oder eine Nummer hinterlassen. Angeblich hat er von mir in der Zeitung gelesen und … er brauchte meine Hilfe.«

Moms Lippen blieben fest aufeinandergepresst, während sie den zweiten Streifen abriss. Mrs Rosenblatt schossen die Tränen in die Augen.

»Oy, ich hoffe, der Mann ist es wert«, jammerte sie und rieb sich die Lippe.

Mom holte tief Luft und schloss die Augen für eine kurze Meditation. »Was für eine Art von Hilfe?«

»Ich weiß es nicht. Er … der Anrufbeantworter hat ihn unterbrochen, bevor er es sagen konnte.« Es hatte keinen Sinn, ihr von dem Schuss zu erzählen, bevor ich nicht wusste, ob es wirklich einer gewesen war. Außerdem hatte Mom gerade bewiesen, dass sie durchaus gefährlich war, wenn sie einen Wachsstreifen in der Hand hatte. Entgegen aller Vernunft begann ich langsam, mich vor ihr zu fürchten.

»Ich verstehe«, sagte sie und machte wieder schmale Lippen.

Ich räusperte mich und wünschte mich weit weg. »Sieh mal, ich weiß, ihr beiden …« Ich brach ab, als ihr Blick mich unter puderblauem Lidschatten, wie er in den Achtzigern modern gewesen war, durchbohrte. »Ich weiß, dass er uns für ein Showgirl verlassen hat und dass du deshalb nicht gerade gut auf ihn zu sprechen bist.«

Mom stieß ein Schnauben aus.

»Aber er ist trotz allem immer noch mein Vater. Und … na ja, ich muss es einfach wissen. Hast du eine Ahnung, wo er sein könnte …?«

Mit einem frischen Wachsstreifen in der Hand kam meine Mutter auf mich zu und schnitt mir das Wort ab. »Madison Louise Springer, ich weigere mich, mit dir über diesen Mann zu sprechen.«

Ich machte einen riesigen Schritt zurück. Wenn sie meinen vollen Namen benutzte, wusste ich, dass es ihr ernst war. Normalerweise war meine sehr irische und sehr katholische Mutter die Einzige, die mich Madison nannte. Soweit ich mich erinnern konnte, hatte Mom erst zweimal in ihrem Leben mir gegenüber meinen richtigen Namen benutzt. Einmal in der siebten Klasse, als ich mit einem Schüler von der Highschool unter der Zuschauertribüne erwischt wurde und sie mir daraufhin in quälender Ausführlichkeit die Sache mit den Bienen und den Blumen erklärte und warum ich warten sollte, bis ich dreißig war, bis ich das nächste Mal Kontakt mit dem anderen Geschlecht aufnahm. Und das andere Mal mit achtzehn, als ich in einem Anfall von Liebeskummer-Shopping aus Versehen ihre Kreditkarte überzog. Als Strafe musste ich den ganzen Sommer bei Hot Dog on a Stick arbeiten, um ihr alles zurückzuzahlen.

»Er hat uns verlassen«, sagte Mom. »Ende der Geschichte.«

Ich öffnete gerade den Mund, um zu protestieren, als Mrs Rosenblatt mir ihre pummelige Hand auf die Stirn legte.

»Still, Kindchen, ich habe eine Vision.« Mrs Rosenblatt rollte die Augen nach oben, bis sie aussah wie eine Statistin aus Michael Jacksons Thriller-Video. »Ich sehe Federn und Lippenstift. Sehr viel roten Lippenstift.« Sie machte eine Pause. »Hat dein Vater mal als Kosmetiktester gearbeitet?«

Mom und ich verdrehten gleichzeitig die Augen, und Mom hob die Hände, als wolle sie aufgeben. »Maddie, ich weiß ehrlich nicht, wo er ist.«

Ich betrachtete sie einen Moment und überlegte, ob ich ihr glaubte. »Und selbst wenn du es wüsstest, würdest du es mir nicht sagen, oder?«

Wieder presste sie die Lippen zu einem Strich zusammen und schüttelte den Kopf.

Eigentlich verstand ich ihren Ärger. Der Mann hatte sie schließlich mit einem kleinen Kind sitzen lassen, das sie dann ganz allein großgezogen hatte. Und für ein langbeiniges Showgirl verlassen zu werden, tat einfach weh. Ich versuchte mir vorzustellen, wie ich mich fühlen würde, wenn Ramirez mit einer Oben-ohne-Tänzerin zusammen wäre. Nicht sehr glücklich. Aber was hatte mein Vater so Schlimmes getan, dass auch ich ihn nicht sehen sollte? Nur einmal wenigstens.

Leider sagte mir der grimmige Zug um den Mund meiner Mutter, dass ich nicht mehr aus ihr herausbekommen würde.

»Na gut«, resignierte ich ebenso schmallippig wie sie. Eine Weile versuchten wir, uns gegenseitig niederzustarren, doch keine von uns gewann. Dann ging ich.

Wenn meine Mutter mir nicht helfen wollte, würde ich eben jemand anders finden.

Marco zeigte gerade einer Frau mit einer riesigen roten Frisur ein neues Feuchtigkeitsspray, als ich mich durch den Salon schlängelte. Ich wartete, bis er fertig war, bevor ich an den Empfangstisch trat.

»Kommst du mit dem Ding ins Internet?«, fragte ich und zeigte auf seinen glänzenden schwarzen Computer.

Marco sah mich schräg an. »Wir leben doch nicht in der Steinzeit! Das Ding hat einen Achthundert-Megahertz-Pentium-Prozessor und vier Gigabyte Arbeitsspeicher. Mit diesem Baby kann ich Nacktbilder von Brad Pitt herunterladen, bevor du bis drei zählen kannst.«

Anregender Gedanke …

»Ich wollte dich eigentlich bitten, einen Namen für mich zu googeln.«

»Aber natürlich.« Marco setzte sich vor seinen Computer und klappte den Bildschirm hoch. »Wie lautet der Name?«

Ich blickte nervös über meine Schulter zum Behandlungsraum, weil ich fürchtete, meine Mutter könnte jeden Augenblick auftauchen. »Larry Springer.«

Marco tippte. »Zwölftausend Treffer.«

Na toll.

»Wonach suchst du denn genau?«, fragte er, während er auf die ersten Links klickte. Es waren die Webseite eines Washingtoner Senators und eine Gedächtnisseite für einen Geistlichen, der im Jahre 1842 gestorben war. Nichts also, das mir weiterhelfen konnte.

»Ich weiß es selbst nicht genau«, seufzte ich. »Eine Adresse oder eine Telefonnummer vielleicht.«

»Ah!« Marcos Finger tanzten schnell und routiniert über die Tastatur. Die Telefonauskunft erschien. Er tippte den Namen ein. »Weißt du, in welcher Stadt er wohnt?«

Ich kaute auf meiner Unterlippe und warf erneut einen Blick über meine Schulter. »Versuch mal Las Vegas.«

»Oh, die Stadt der Sünde. Meine Lieblingsstadt, Süße.« Marco wackelte mit den Augenbrauen und fügte die Stadt in das Suchfeld ein. Eine Seite mit Namen und Nummern baute sich auf. »Okay, es gibt Telefonnummern von drei Larry Springers, zwölf L. Springers und zwei Lawrences. Keine Adressen. Wer ist der Typ überhaupt?«, fragte er. »Ein neuer Freund?«

Ich hörte, wie die Tür des Wachsraums geöffnet wurde. Mrs R. kam heraus und rieb sich ihre Oberlippe, die aussah, als habe sie mit Schmirgelpapier geknutscht.

»Äh … nein. Er ist … jemand, den ich suche«, sagte ich ausweichend. Marco war ein Schatz, aber er lebte für den Klatsch. Wenn man Marco ein Geheimnis anvertraute, konnte man auch gleich eine Anzeige in die Cosmo setzen. Jede modebewusste Frau und jeder schwule Mann im ganzen Land würde sofort Bescheid wissen.

»Oh, handelt es sich um einen von Ramir…« Er brach ab und schlug sich die Hand vor den Mund, als ihm der Eid einfiel. »Äh … ich meine, ist es einer der Fälle dieses geilen Cops? Oh Baby, wie gern würde ich mal mit dem zusammenarbeiten.« Marco begann, sich Luft zuzufächeln.

»Nein, es ist … etwas Persönliches.« Ich sah, wie Mom Mrs R. eine Flasche Lotion gab und auf ihre rote Oberlippe zeigte.

»Kannst du die Seite für mich ausdrucken?«, fragte ich und duckte mich hinter den Monitor, damit meine Mutter mich nicht sah.

»Na klar, Süße«, erwiderte Marco, und im nächsten Moment sprang der Drucker mit einem Summen an.

»Super, danke.« Mom und Mrs R., die jetzt zum Empfangstisch kamen, lenkten mich ab.

»Hier, Schätzchen.« Marco gab mir ein Blatt Papier, frisch aus dem Drucker.

»Danke! Ich muss los.« Geduckt sauste ich zur gläsernen Eingangstür. »Ich schulde dir was, Marco!«

»Ciao, bella! Grüß den geilen Cop von mir«, hörte ich ihn mir nachrufen, als ich so schnell, wie es auf meinen Fünf- Zentimeter-Absätzen nur ging, aus dem Laden rannte.

Trotz Danas Versuchen, meine Schokoröllchen durch Hanteln zu ersetzen, war ich schon außer Atem, als ich die eineinhalb Blocks zu meinem Jeep gejoggt war. Drinnen stellte ich die Klimaanlage an und überflog die Liste. Ich versuchte, genug Mut aufzubringen, um nach meinem Handy zu greifen. Eine dieser Nummern war die meines Vaters. Was sollte ich zu ihm sagen? Habe deine Nachricht bekommen, hoffe, du bist nicht tot, warum, verdammt noch mal, bist du so früh abgehauen? Ich wusste es nicht. Ich wusste nur, dass die Vorstellung, er könnte irgendwo tot herumliegen, mich erst loslassen würde, wenn ich tatsächlich mit ihm gesprochen hatte. Ich holte tief Luft, holte mein Handy aus der Tasche und wählte die erste Nummer.

Ich landete bei einem Anrufbeantworter – genauso wie bei den folgenden fünf Nummern, von denen ich die meisten aussortieren konnte. Der erste Larry Springer hörte sich an, als sei er achtzig Jahre alt, und danach meldeten sich ein College-Student und ein Mann mit einem starken spanischen Akzent.

Ich hatte gerade die Hälfte der L. Springers geschafft, als mein Magen so laut knurrte, dass ich zusammenzuckte. Seit dem Eiscremegelage am Vorabend hatte ich nichts mehr gegessen. Ich ließ den Motor an und fuhr zum McDonald’s-Drive-in Ecke Beverly und Wilshire und bestellte einen Hamburger Royal, eine große Portion Fritten und einen Erdbeershake. Dann nahm ich auch noch eine Apfeltasche. Immerhin musste ich gleichzeitig für Frühstück und Mittagessen sorgen.

Als ich schließlich die letzten fettigen Fritten verdrückt hatte und mein Shake zu einem kleinen Rest wässriger Eismilch auf dem Boden des Bechers geschmolzen war, hatte ich nur noch zwei Larrys übrig. Bei der einen Nummer klingelte es, ohne dass abgenommen wurde, und bei der anderen meldete sich die blecherne Stimme des Anrufbeantworters. Beide Anschlüsse konnten zu meinem Vater gehören.

Jetzt musste ich nur noch irgendwie die zugehörigen Adressen herausfinden. Dann würde ich die Polizei in Las Vegas anrufen und sie bitten können, in den jeweiligen Häusern nach einer Leiche mit Schusswunde zu suchen.

Ich warf einen Blick auf meine Digitaluhr. Es war vier Uhr fünfzehn. Danas Schwangerschafts-Pilates-Kurs war bald vorbei, und wenn ich gleich losfuhr, konnte ich sie vielleicht abfangen, bevor ihr Kurs »Stangentanz für Senioren« anfing.

Nachdem ich mich durch den Vor-vor-Berufsverkehr geschlängelt hatte (okay, in L.A. steckt man eigentlich immer irgendwie im Berufsverkehr), stellte ich meinen Jeep auf den Parkplatz des Sunset Gym ab, einem riesigen Bau aus Beton und Glas, in dem sich ein Schwimmbecken olympischen Ausmaßes, sieben Racquetballplätze und ein eigener Starbucks befanden.

Heute stand niemand anders als Danas Exfreund am Empfang, der Mann ohne Hals. Er war einer von Danas zahlreichen Mitbewohnern in dem Apartment gewesen, das sie sich mit einigen anderen Schauspielern, Schrägstrich Personal Trainern teilte. Zwei Wochen lang hatten sie die Finger nicht voneinander lassen können, dann hatte Dana den Halslosen dabei ertappt, wie er mit einem Mitglied des Fitnessstudios anbandelte. Er behauptete, er hätte nur ihre Bauchmuskeln geprüft, aber das kaufte ihm selbst Dana nicht ab. Sie servierte ihn mit dem gefürchteten Satz ab: »Ruf mich nicht an, ich ruf dich an.« Dann gab sie eine Anzeige auf, um einen neuen Mitbewohner zu suchen. Im Moment wohnte in dem alten Zimmer von Halslos jenes Mädchen, das eine Figur wie ein Stock hatte und gerade, so munkelte man jedenfalls, ein Engagement als Lindsay Lohans Körperdouble an Land gezogen hatte.

Ich suchte meine Mitgliedskarte in den Tiefen meiner Tasche (unter einem Snickers und einer leeren M&Ms-Tüte wurde ich fündig) und winkte Halslos zu, bevor ich mich im Erdgeschoss auf die Suche nach Dana machte. Ich fand sie schließlich in einer der Gruppentrainingsräume, wo sie mit ein paar schwangeren Frauen Stretchübungen zum Abkühlen machte. Als die Frauen an mir vorbeiwatschelten und Dana zu mir gelaufen kam, eine Flasche mit Vitaminwasser in der Hand, überprüfte ich schnell, ob mein Atem noch nach Erdbeershake roch.

»Hi, was gibt’s?«, fragte sie und nahm einen Zug aus ihrer Flasche. »Willst du bei meinem Stangentanz-Kurs mitmachen?«

»Oh, schade, ich habe meine Stripklamotten zu Hause gelassen.«

Dana ignorierte meinen Sarkasmus. »Komm schon, das ist super für die Gesäßmuskeln.«

»Vielleicht das nächste Mal. Ich habe gerade gegessen.« Was zwei Stunden her war.

Dana sah mich mit schmalen Augen an. »Sind das Frittenkrümel auf deinem T-Shirt?«

Schuldbewusst wischte ich über den Stoff.

»Maddie, ich dachte, wir wären uns einig, dass du dich besser um deinen Körper kümmerst. Weißt du, wie schlecht Pommes frites für dich sind? Das ist, als würdest du das Fett direkt in deine Venen injizieren.«

Ich seufzte schwer. »Ich komme morgen und mache zur Strafe Sit-ups.«

»Versprochen?«

Widerstrebend nickte ich und fühlte, wie sich meine Bauchmuskeln protestierend um den Hamburger Royal zusammenzogen.

»Also«, sagte Dana und nippte an ihrem Wasser. »Wenn du nicht zum Stangentanzen da bist, warum dann?«

»Ich habe mich gefragt, ob du noch die Nummer von dem Typen hast, der bei der Telefongesellschaft arbeitet.«

»Ted? Ja, klar. Warum?«

Ich berichtete Dana von der Nachricht, die mich so erschreckt hatte, und meinen anschließenden Anrufen, während sie den Rest des Vitaminwassers in sich hineinkippte. Je länger ich redete, desto größer wurden ihre Augen.

»Dann glaubst du also, er ist erschossen worden?«, fragte sie, als ich fertig war.

Ich biss mir auf die Lippe. »Das weiß ich nicht.«

»Ich wette, es war die Mafia. In Vegas ist die Mafia überall.« Dana nickte bekräftigend.

»Es war nicht die Mafia.«

»Rico hat mir gesagt, die Mafia benutzt für all ihre Exekutionen Berettas, Kaliber .45. Hat es sich wie eine .45 angehört?«

Ich verdrehte im Geiste die Augen. »Hör zu, ich weiß ja noch nicht mal, ob er erschossen worden ist. Ich glaube nur … na ja, ich finde, ich sollte der Polizei Bescheid sagen, damit sie mal nach dem Rechten sieht. Vorausgesetzt, dass ich ihr sagen kann, wo ungefähr sie nach dem Rechten sehen soll.«

Dana zuckte die Achseln. »Okay, klar. Ich rufe Ted direkt nach dem Stangentanz-Kurs an und frage ihn, ob er die Adresse besorgen kann.«

»Danke.« Ich gab Dana die Nummern, und sie ging zu der Gruppe achtzigjähriger Möchtegernstripper, die schon auf sie warteten. Ein Schauer lief mir über den Rücken. Vor allem, weil ich feststellten musste, dass alle, als sie anfingen zu I’m too sexy zu tanzen, gelenkiger waren als ich nach drei Margaritas. Eine deprimierende Erkenntnis.

Nach meinem Gespräch mit Dana fühlte ich mich ein wenig schuldig wegen meines kalorienreichen Mittagessens und beschloss, mich beim Abendessen vernünftiger zu verhalten. Auf dem Weg nach Hause hielt ich deshalb kurz bei Magic Happy Time Noddle an und kaufte Moo Shu Huhn (Huhn war doch mageres Fleisch, oder?) mit Reisnudeln (weil man von Reis nicht dick werden kann).