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Maddie, Mord und Manolos
Das Leben der Schuhdesignerin Maddie Springer besteht nur aus Shoppen, Glitzer und Glamour. Doch dann verschwindet ihr Freund, der Rechtsanwalt Richard spurlos - und mit ihm 20 Millionen Dollar! Maddie nimmt die Suche selbst in die Hand und findet heraus, dass Richard ein Doppelleben geführt hat. Als dann auch noch Richards Boss ermordet wird und die einzigen Hinweise auf den Täter zwei blonde Haare und der Abdruck eines Stilettos sind, gerät Maddie in das Blickfeld des ermittelnden Detectives Jack Ramirez. Und der attraktive Cop bringt ihr Herz ganz schön aus dem Takt ...
eBooks von beTHRILLED - mörderisch gute Unterhaltung!
"Eine freche Kombination aus Romantik und Spannung - einfach unwiderstehlich!" - Chicago Tribune
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Seitenzahl: 413
Veröffentlichungsjahr: 2023
Grußwort des Verlags
Über dieses Buch
Titel
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Über die Autorin
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Impressum
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Das Leben der Schuhdesignerin Maddie Springer besteht nur aus Shoppen, Glitzer und Glamour. Doch dann verschwindet ihr Freund, der Rechtsanwalt Richard spurlos – und mit ihm 20 Millionen Dollar! Maddie nimmt die Suche selbst in die Hand und findet heraus, dass Richard ein Doppelleben geführt hat. Als dann auch noch Richards Boss ermordet wird und die einzigen Hinweise auf den Täter zwei blonde Haare und der Abdruck eines Stilettos sind, gerät Maddie in das Blickfeld des ermittelnden Detectives Jack Ramirez. Und der attraktive Cop bringt ihr Herz ganz schön aus dem Takt …
GEMMA HALLIDAY
Spionin in High Heels
Aus dem Englischen von Stefanie Zeller
Für Mary Ellen Halliday Thompson.
Sie trug nie Manolos, Pradas oder Choos, aber mit ihrem unnachahmlichen Stil machte sie gleichwohl ihren Weg. Niemand wird je ihren Platz einnehmen können.
Wir vermissen dich, Großmutter.
Ich war spät dran.
Und damit meine ich nicht, dass ich zu lange gebraucht hatte, um mir die Haare zu machen, und deswegen jetzt im Stau feststeckte. Ich meine, ich war wirklich spät dran. Den Warnhinweis auf der Kondompackung, dass kein Verhütungsmittel hundertprozentige Sicherheit garantiere, vor meinem inneren Auge, umklammerte ich das Steuer und dachte verzweifelt: Warum ich? Warum, ach, warum ich? Ich bin doch eine Frau des neuen Jahrtausends. Ich habe immer brav im Sexualkundeunterricht aufgepasst. Ich trage immer ein Notfallkondom in meiner Handtasche mit mir herum. Und nach der ersten außerordentlich peinlichen Erfahrung auf dem Rücksitz von Todd Hansons 82er Chevy nach dem Abschlussball der 11. Klasse, bin ich immer vorsichtig gewesen. Ausgerechnet ich war spät dran. Und ich stand am Rande eines Nervenzusammenbruchs.
»Dana?« Stille. »Dana, ich muss mit dir reden.« Stille. »Ich schwöre bei Gott, wenn du da bist und nicht drangehst, werde ich nie wieder ein Wort mit dir sprechen.«
Ich nahm mein Handy in die andere Hand, als ich die Spur wechselte und dabei beinahe mit einem Pick-up zusammengestoßen wäre, auf dem »Wasch mich« in die dicke Staubschicht geschrieben stand, bevor ich weiter verzweifelt den Anrufbeantworter meiner besten Freundin anflehte.
»Dana, bitte, bitte, bitte, nimm ab! Bitte!« Ich lauschte. Nichts. »Okay, dann bist du wohl wirklich nicht da. Aber bitte, bitte ruf mich zurück, sobald du diese Nachricht abhörst. Ich meine pronto. Dies ist ein Code Red, ein echter Notfall. Ich muss mit dir reden, jetzt sofort!« Beim letzten Wort drückte ich kräftig auf die Hupe, als ein Glatzkopf in einem Kabriolett mich schnitt und dann auch noch die Dreistigkeit besaß, mir den Finger zu zeigen. Willkommen in L.A.!
Ich klappte mein Telefon zu. Dabei brach ich mir einen „French“ manikürten Fingernagel ab und versuchte, bis zehn zählend, mich an die Entspannung versprechende Atemtechnik zu erinnern, die ich in dem Yoga-Kurs gelernt hatte, zu dem Dana mich letzten Monat mitgeschleppt hatte. Leider war ich damals ganz damit beschäftigt gewesen, mich beim nach unten schauenden Hund nicht auf die Nase zu legen, wobei ich, glaube ich, sogar zu hyperventilieren begann.
Ich fädelte mich auf den Freeway ein, warf einen Blick auf die digitale Armaturenuhr und stellte nicht ohne Ironie fest, dass ich jetzt nicht nur spät dran war, sondern auch zu spät kommen würde. Und zwar zu einer Verabredung zum Mittagessen mit meinem Freund, Richard Howe. Er hatte um ein Uhr einen Tisch bei Giani’s reserviert, und jetzt war es schon zwölf Uhr achtundfünfzig. Ich drückte meine Wildlederstiefel (die meine Kreditkarte bis zu ihrem Maximum ausgereizt hatten, aber sie waren es wirklich wert!) noch ein wenig mehr auf das Gaspedal, nachdem ich mich im Rückspiegel vergewissert hatte, dass keine Polizei in Sicht war. Nicht, dass ich zu schnell gefahren wäre. Nicht viel zu schnell. Aber so, wie der Tag begonnen hatte, war ich nicht gerade scharf auf eine Begegnung mit der Staatspolizei.
Während ich mich nach Motorradpolizisten umsah, warf ich gleichzeitig einen prüfenden Blick in den Spiegel. Nicht schlecht, wenn man bedachte, dass ich gerade den Schock meines Lebens hinter mir hatte. Mein aschblondes Haar war zu einer hübschen halben Banane hochgesteckt – ein paar Strähnen hatten sich gelöst, aber der zerzauste Look war ja in. Ich tupfte ein wenig Raspberry Perfection Lipgloss auf meine Lippen und übersah geflissentlich die obszönen Gesten des Typen im Wagen neben mir. Hey, wenn eine Frau in einer Krise keinen Lippenstift hatte, was blieb ihr dann noch?
Bis ich meinen kleinen, roten Jeep (mit Dach heute, um meine Frisur zu schonen) in die Parkgarage an der Ecke 7th und Grand fuhr, zeigte man mir nur noch zweimal den Finger. Ich befestigte sorgfältig die Lenkradkralle und machte mich auf den Weg zur Kanzlei meines Freundes, wo ich ihn in … – ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr – Mist, vor zwölf Minuten hätte treffen sollen! Nun, wenn er den Grund dafür erfuhr, würde er wohl bald andere Sorgen haben als meine Verspätung.
Ich hatte fürchterliche Angst vor diesem Gespräch. Im Kopf hatte ich es schon durchgespielt: Hi, Richard, tut mir leid, dass ich zu spät komme; übrigens, ich bin vielleicht schwanger. Dann würde so ein Geräusch wie im Zeichentrickfilm zu hören sein, wenn Richard so schnell wie der Road Runner durch die Tür war. Seufz! Es gab einfach keinen Weg, ihm so etwas schonend beizubringen. Wir waren erst seit ein paar Monaten zusammen und noch nicht einmal in dem Stadium, wo man untergehakt durch Möbelhäuser schlendert, und jetzt führten wir schon dieses Gespräch? Ich zog im Gehen meinen BH-Träger unter mein Tanktop, sehr darum bemüht, den Anschein einer Frau zu erwecken, die alles im Griff hatte. Die nicht versuchte, sich daran zu erinnern, welche Fernsehwerbung für Schwangerschaftstests frühe Ergebnisse und Digitalanzeigen versprach.
Mit genau vierzehn Minuten Verspätung betrat ich die Kanzlei von Ab, Zocker und Haue. Eigentlich hieß die Firma ja Abrahams, Zucker und Howe, aber ich konnte nicht widerstehen, sie zu verballhornen.
Hinter den Milchglasscheiben führte ein kastanienbrauner Teppich durch den Empfangsraum und dämpfte das Geräusch meiner Absätze, als ich zur Rezeption ging. Das große Oval aus dunklem Holz erstreckte sich an der hinteren Wand des weitläufigen Raumes, zu beiden Seiten flankiert von weiteren Milchglastüren. Dort ging es zu den Konferenzräumen und den Büros. Im Hintergrund waren das leise Klicken von Tastaturen und gedämpfte Unterhaltungen zu hören, die mit vierhundert Dollar pro Stunde in Rechnung gestellt wurden.
»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte die Barbiepuppe hinter der Rezeption. Jasmine. Oder wie ich sie gerne nannte: PP. Plastikpuppe. Jasmine gab zwei Drittel ihres Monatsgehaltes für kosmetische Eingriffe aus. Diese Woche waren ihre Lippen dank Kollagen auf Proportionen angeschwollen, die Angelina Jolie alle Ehre gemacht hätten. Letzten Monat waren es neue Möpse gewesen, natürlich Doppel-D. Wie immer hatte sie ihr gebleichtes blondes Haar mit reichlich Schaumfestiger bearbeitet, was ihr noch einmal fünf Zentimeter zusätzlich zu den ohnehin schon ärgerlichen ein Meter achtundsechzig verschaffte. Ich bin, könnte man sagen, eher klein und bringe es an guten Tagen auf beeindruckende ein Meter und fünfundfünfzigeinhalb Zentimeter – die Mindestgröße für die Hälfte aller Attraktionen in Six Flags, dem Vergnügungspark.
»Ich möchte zu Richard«, teilte ich Miss PP mit.
»Haben Sie einen Termin bei Mr Howe?« Ihre blauen Augen plinkerten unschuldig (und nicht ohne Mühe, wegen des Stirnliftings vor zwei Monaten), doch ich wusste, sie war alles andere als unschuldig. Jasmines einziges Vergnügen hier bei Ab, Zocker und Haue bestand darin, sich als Herrin über den Zutritt zu den heiligen Hallen hinter den Milchglasscheiben aufzuspielen. Ich sah sie mit schmalen Augen an. »Ja. Zufälligerweise habe ich einen Termin.«
»Ihr Name, bitte?«
Ich versuchte, nicht die Augen zu verdrehen. Seit fünf Monaten holte ich Richard jeden Freitagmittag zum Essen ab. Sie wusste, wer ich war, und dem winzigen Lächeln auf den Angelina-Lippen nach zu schließen, freute sie sich geradezu diebisch über unser Spielchen.
»Maddie Springer. Seine Freundin. Ich habe eine Verabredung zum Mittagessen.«
»Tut mir leid, Miss Springer, aber Sie müssen warten. Er ist gerade mit jemandem im Konferenzraum.«
»Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?«, brummte ich und setzte mich in einen der braunen Ledersessel für Besucher. Jasmine antwortete nicht, sondern verzog die überdimensionalen Lippen zu einem Grinsen (das sehr an Elvis erinnerte), während sie, wie ich vermutete, eine Partie Solitaire auf ihrem Computerbildschirm öffnete und so tat, als sei sie sehr beschäftigt. Ich nahm eine Cosmo vom Beistelltisch und blätterte durch die Seiten voller erstrebenswerter Designerklamotten, die ich mir niemals würde leisten können. Und in die ich auch nicht hineinpassen würde, falls ich tatsächlich schwanger war. Oh Gott, was für ein deprimierender Gedanke!
Nach einer, wie mir schien, Ewigkeit, in der ich dem Klicken von Jasmines Acrylnägeln auf ihrer Tastatur zugehört hatte, betrat Richard die Lobby. Trotz meiner stetig wachsenden ängstlichen Unruhe entfuhr mir ein kleiner, zufriedener Seufzer, als ich ihn sah. Richard war eins fünfundachtzig groß, schlank und muskulös. Er war ein leidenschaftlicher Läufer, der in seiner Freizeit für sämtliche Wohltätigkeitsorganisationen Zehn-Kilometer-Läufe mitmachte. Muskeldystrophie, Autismus, sogar der Brustkrebslauf im April. Ganz zu Anfang unserer Bekanntschaft hatte er einmal versucht, mich zu überreden, mit ihm zusammen zu laufen. Nur einmal. Meine Vorstellung von einem Herz-Kreislauf-Training bestand darin, mir während des halbjährlichen Schlussverkaufs einen Weg durch Nordstrom zu bahnen. Joggen war nichts für mich. Außerdem hatte ich mir ausgerechnet, dass ich zu Fuß auf dem kurzen Weg von meiner Wohnung zu Starbucks genauso viele Kalorien wie beim Joggen derselben Strecke verbrannte – vorausgesetzt die Absätze waren hoch genug.
Heute waren Richards blonde Haare sorgfältig zu einer lässigen Welle gegelt, die an den jungen Robert Redford erinnerte. Er trug einen dunkelgrauen Anzug, ein weißes Hemd und eine Krawatte mit geschmackvollem Paisleymuster. Er sah einfach toll aus, und am liebsten hätte ich mich gleich an Ort und Stelle in seine Arme geworfen und all meine Sorgen auf seinen schicken Schultern abgeladen.
Ein zweiter Mann war bei ihm, und die beiden waren in ein Gespräch vertieft. Ich konnte nicht verstehen, um was es ging, aber Richard zog besorgt die sandfarbenen Augenbrauen zusammen.
Der andere Mann trug eine abgetragene Levi’s mit verblichenen Stellen an Oberschenkeln und Hintern und einen marineblauen Blazer über einem eng anliegenden schwarzen T-Shirt. Seine Schultern waren breit, und er hatte eine dieser kompakten Figuren, die einen sofort an einen Preisboxer denken ließen. Eine weiße Narbe lief, durch seine Bräune gut sichtbar, durch seine Augenbraue. Er hatte dunkles Haar, dunkle Augen und strahlte eine Härte aus, die man gewöhnlich mit Knasttattoos assoziierte. Ich hoffte, dass Richard sich nicht zusätzlich auf Strafverteidigung verlegt hatte.
Ich wartete, bis sie sich die Hände geschüttelt hatten und der andere Mann die Lobby verließ, bevor ich zu Richard ging.
»Hi, Schatz«, sagte ich und stellte mich auf die Zehenspitzen, um ihm einen Kuss auf die Wange zu geben.
»Hi!« Er starrte immer noch dem mutmaßlichen Verbrecher hinterher, und sein Ton war abwesend, als hätte ich ihn gerade beim Football-Gucken gestört.
»Wer war das denn?«
»Niemand.«
Doch die Art, wie Richard diesem Niemand weiter hinterherstarrte, sagte mir, dass das nicht ganz der Wahrheit entsprach. Wie auch immer, ich hatte andere Sorgen als Richards neuesten Mandanten.
»Du bist spät dran.«
»Was?« Ich wirbelte herum, und Panik stieg in mir hoch wie Galle. Guter Gott, sah er es mir etwa schon an? Wie eine Ertappte blickte ich auf meinen Bauch, als wenn der sich in den letzten dreißig Sekunden bereits gewölbt hätte.
»Wir hatten den Tisch für ein Uhr reserviert.«
Oh. Er meinte, ich kam zu spät.
»Tut mir leid, es war viel Verkehr auf der 405. Dann gehen wir eben woandershin. Wie wäre es mit der Cabo Cantina?«
Richards Blick war noch immer auf die Glastüren gerichtet, durch die der Niemand verschwunden war, und ich fragte mich erneut, wer der Mann wohl gewesen war. Er sah nicht aus wie einer von Richards typischen Mandanten, aber er roch auch nicht nach neuem Wagen wie ein anderer Rechtsanwalt.
»Ich, äh, ich glaube, ich habe heute doch keine Zeit für ein Mittagessen. Es ist etwas dazwischengekommen.«
»Oh, schade!« War ich ein schlechter Mensch, weil ich tatsächlich ein wenig erleichtert war? Wenigstens mussten wir jetzt nicht das Gespräch führen. Das verschaffte mir Zeit, um mir zu überlegen, wie ich die Bombe besser platzen lassen konnte, als mit einem »Richard, wir müssen festere Kondome kaufen«. Hmmm … Ich fragte mich, ob ich den Kondomhersteller deswegen verklagen könnte.
»Sorry, Maddie! Ich rufe dich später an, ganz sicher.«
»In Ordnung. Ich verstehe schon. Dann sprechen wir uns heute Abend?«
»Natürlich. Heute Abend.« Er drückte mir schnell einen Kuss auf die Wange, bevor er zurück in seine Kanzlei eilte. Jasmine sah gerade lange genug hoch, um noch einmal die Elvis-Lippe zu machen, bevor sie sich wieder ihrem Solitaire-Spiel zuwandte.
Auf dem Weg zurück zu meinem Jeep hinterließ ich eine weitere Nachricht auf Danas Anrufbeantworter. Wenn sie nicht bald ans Telefon ging, würde ich mich gezwungen sehen, Bewerbungen für den Posten der besten Freundin anzunehmen. Der Motor meines Jeeps röhrte durch die ganze Parkgarage. Statt zurück auf den Freeway fuhr ich über den Grand zum Beverly Boulevard. Ich steuerte einen McDonald’s Drive-in an und bestellte einen Big Mac, eine große Portion Pommes und einen Strawberry Shake. Heute war nicht der Tag, Kalorien zu zählen.
Ich stellte mich auf den Parkplatz und genoss die Nervennahrung allein in meinem voll klimatisierten Jeep. Den letzten Rest meines Shakes schlürfend, dachte ich darüber nach, was als Nächstes zu tun war. Eigentlich hätte ich mich an die Arbeit begeben müssen, die ich seit heute Morgen, als ich voller Entsetzen auf meinen Kalender gestiert hatte, vernachlässigt hatte. Aber der Gedanke, jetzt kreativ zu sein, schien mir wenig realistisch.
Als kleines Mädchen hatte ich immer davon geträumt, Model zu sein und auf den Laufstegen in Mailand unter den Ahs und Ohs des staunenden Publikums die neusten Kreationen der Designer vorzuführen. Aber in der achten Klasse war dann klar, dass ich niemals Model-Größe erreichen würde. Deswegen begnügte ich mich mit dem Nächstbesten und wurde Modedesignerin. Nach vier Jahren auf der Academy of Art University in San Francisco war ich bereit, mir in der Modewelt einen Namen zu machen. Aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass es fast genauso schwer war, in der Modebranche Fuß zu fassen wie im Modelgeschäft. Nach einigem Bitten und Betteln und dem Versprechen, jedem, der in der Modewelt in Los Angeles etwas zu sagen hatte, das Auto zu waschen, durfte ich dann schließlich und endlich Kinderschuhe für Tot Trots entwerfen. Okay, es war nicht Mailand, aber ich konnte davon leben. Meistens.
Das Gute war, ich bestimmte meine Arbeitszeiten selbst, arbeitete zu Hause und sah das Ergebnis meiner Arbeit überall an den Füßen modebewusster Knirpse, zum Beispiel die Barbie-Jelly-Sandalen letztes Frühjahr und die SpongeBob-Pantoffeln in der Herbstkollektion. Im Moment arbeitete ich an Emily-Erdbeer-High-Tops – erhältlich in Schiller-Pink und Glitzerlila, wenn Sie’s genau wissen wollen.
Aber im Moment war die Aussicht, den Tag mit Mode für Winzlinge zu verbringen, nicht allzu verführerisch. Kinderschuhe ließen mich an Kinder denken, die mich wiederum an Babys denken ließen, was mich auf Kondome brachte, die ohne ersichtlichen Grund platzen und damit Frauen in eine Lage wie die meine bringen können.
Ich warf einen Blick auf die Uhr des Armaturenbretts. Viertel vor zwei. Dana war sicher gerade auf dem Weg ins Fitnessstudio zu ihrem Step-and-Sculpt-Kurs. Zwischen Castings und kleinen Filmrollen arbeitete Dana als Aerobic-Lehrerin im Sunset Gym. Wenn ich die 101 nähme, würde ich sie vielleicht zwischen zwei Kursen abfangen können.
Ich stellte meinen Shake-Becher ab und legte den Rückwärtsgang ein. In Rekordzeit fuhr ich vor dem Sunset Gym vor, einem riesigen Gebäude aus Beton und Glas. Ich lehnte den Parkservice ab und stellte mein Auto selbst auf dem Parkplatz ab. Oh ja, in L.A. sparen sich die Leute die zweihundert Meter vom Parkplatz zum Fitnessstudio, bevor sie dann auf einem Laufband fünf Kilometer rennen. Unglaublich, aber wahr!
Als ich das Studio betrat, hielt mich ein großer Typ mit kurz rasierten Haaren und Popeye-Armen an der Rezeption an. Er musterte meine fünf Zentimeter hohen Absätze, den Rock von Ann Taylor und meine Schulter, über der keine Sporttasche von Nike hing. Er hatte mich durchschaut. Meine Mitgliedschaft nutzte ich nur, um eine Runde im Pool zu drehen, wenn es draußen mindestens 60 Grad Celsuis hatte.
Nachdem ich meine Mitgliedskarte gezückt und den Pförtner auf Anabolika zufriedengestellt hatte, betrat ich das Erdgeschoss und suchte die Ergometerreihen nach Dana ab. Ich entdeckte sie in der Nähe der Fenster, vor einer Gruppe, die sich die Lunge aus dem Leib steppte. Einen kurzen Augenblick fühlte ich mich schuldig wegen der Unmengen Kalorien, die ich mir zum Mittagessen gegönnt hatte, aber das Gefühl hielt nicht lange an. Auf jeden Fall nicht lange genug, dass ich mich umgezogen hätte und selbst auf ein Step-Board gesprungen wäre.
Stattdessen schnappte ich mir eine eselsohrige Elle und machte es mir auf einer Bank an der Wand gemütlich, um zu warten. Die rotierenden Stepper waren bald fertig und brachen in selbstgefälligen Beifall aus. Die Leiterin des Step-Kurses kam mit wippendem rotblondem Pferdeschwanz zu mir gelaufen. Mit ihrer perfekten Größe 36 sah sie aus, als sei sie gerade den Seiten von Sports Illustrated entstiegen. Und nicht der Ausgabe über Bademoden, sondern der »Frauen-die-Gewichte-heben-und-Männer-die-solche-Frauen-toll-finden«-Ausgabe.
»Was gibt’s?« Sie betrachtete stirnrunzelnd meine hochhackigen Stiefel.
»Ich habe gerade erst gegessen«, sagte ich zu meiner Verteidigung.
Dana sah mich zweifelnd an, hakte aber nicht nach. Stattdessen begann sie, auf der Stelle zu laufen, während sie weiterredete. »Ich habe deine Nachricht bekommen. Was ist denn so furchtbar dringend?«
»Ich, äh …« Ich sah über meine Schulter, als wenn ich es besser nicht laut aussprechen sollte. »Ich bin spät dran.«
»Okay, wir beeilen uns. Was gibt’s?«
»Nein, nein. Nicht so. Anders zu spät.«
Dana legte nachdenklich den Kopf schief. Dann begriff sie. »Oh mein Gott! Du meinst, du hattest deine Periode nicht?«
»Na ja. Ich bin nur ein bisschen spät dran.«
»Kein Wunder, dass du ausflippst.«
»Ich flippe nicht aus. Ich bin … nur ein bisschen spät dran.«
Dana sah mich mit diesem nachsichtigen Blick an, den ich kannte, seitdem wir dank unserer gemeinsamen Liebe zu New Kids on the Block in der siebten Klasse Freundinnen geworden waren. »Aha. Und deswegen hast du mir heute Morgen vier Nachrichten hinterlassen?«
Ich zuckte zusammen. Waren es tatsächlich vier gewesen? »Okay, schon gut. Ich flippe aus. Aber nur ein bisschen.«
»Hast du schon einen Test gemacht?«, fragte sie und hüpfte jetzt wie ein Hampelmann auf und ab.
»Einen Schwangerschaftstest?«
»Nein, einen Algebratest. Jesses, man könnte meinen, du wärst noch nie spät dran gewesen.«
Ehrlich gesagt, war ich das auch nicht. Und das machte mir noch mehr Sorgen. Seitdem ich meine Periode hatte, war ich immer auf die achtundzwanzig Tage pünktlich gewesen. Daher ja meine Panik und die stalkermäßigen Nachrichten auf dem Anrufbeantworter meiner besten Freundin. Hey, Moment mal, wenn sie meine Nachrichten bekommen hatte …
»Warum hast du mich nicht zurückgerufen?«
Dana setzte ein unheilvolles Lächeln auf, was bedeutete, dass sie entweder einen neuen Freund hatte oder kurz davorstand, jemandem zwanzig Liegestütze aufzubrummen.
»Ich war ja nicht allein.«
»Will ich wissen, wer es ist?«
»Sasha Alesandrov«, sagte sie und begann abwechselnd zweimal auf einem Bein zu hüpfen.
Dana kicherte. Ja, erwachsene Frauen mit einem Prozent Körperfett kichern wie Schulmädchen mit Zahnspangen, wenn es um Männer geht. »Er ist ein russischer Kontorsionist. Sasha ist der Boden der menschlichen Pyramide im Cirque Fantastique.«
Ich versuchte, nicht die Augen zu verdrehen. Dana hatte die unheimliche Gabe, sich immer Männer auszusuchen, die nur für eine Kurzzeitbeziehung gemacht waren. »Und wo hast du den Boden der menschlichen Pyramide kennengelernt?«
»Hier. Er kam letzte Woche mit dem spanischen Trapezkünstler, um zu trainieren. Ich bot ihm an, ihm zu zeigen, wie die Cybex-Maschine funktioniert. In Russland kennt man sie nämlich nicht.«
»Natürlich nicht.«
»Und wir haben uns gleich gut verstanden. Er hat mich gefragt, ob ich seinen Auftritt sehen will.«
Ich hätte wetten können, dass Dana, ohne zu zögern, Ja gesagt hatte. Sie steht auf muskulöse Männer.
»Das reicht. Ich will gar nicht mehr hören«, sagte ich und hielt mir die Ohren zu. Dana kicherte wieder.
»Okay, also … wie lange bist du schon fällig?«, fragte sie.
»Drei Tage.«
»Und deswegen rufst du mich vor zwölf Uhr mittags an? Süße, drei Tage ist doch gar nichts.«
»Dana, ich war noch nie drei Tage zu spät.«
»Dein Glück, dass ich einen Notfall-Schwangerschaftstest zu Hause habe. Ich habe nur noch einen Kurs; dann gehen wir zu mir, und ich mache uns einen Pitcher Margaritas, während du auf das Stäbchen pinkelst. Das wird lustig, du wirst sehen.«
»Nein. Keine Margaritas, Dana. Ich darf das Zeug nicht trinken; ich bin vielleicht schwanger.«
Daraufhin hielt Dana in ihren Aerobicübungen inne und stand ganz still. Sie starrte mich an, und ihr wohlgeformter kleiner Mund stand offen. »Du denkst doch nicht etwa wirklich daran, ein Kind zu bekommen, oder?«
Dachte ich daran?
»Nein. Ich meine, ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, was ich tun werde, wenn ich … wenn … du weißt schon.«
»Wenn wir einen rosa Streifen sehen?«
»Ja.«
»Na gut! Keine Margaritas fürs Erste. Aber auf das Stäbchen pinkelst du heute Abend, das steht fest.«
Glücklicherweise konnte ich Dana davon überzeugen, dass man alleine sein musste, um auf einen Schwangerschaftstest zu pinkeln, und überließ sie ihrem Kurs »Kickboxen für Senioren«. Ich hielt bei einem Drogeriemarkt an, um einen Test mitzunehmen – der peinlichste Kauf meines Lebens, inklusive des ersten Mals, als ich Kondome gekauft und aus Versehen nach »genoppt & gerippt für ihre maximale Stimulierung« gegriffen hatte. Außerdem kaufte ich einen Ein-Liter-Becher Limonade, sodass ich, als ich in die Einfahrt des Hauses, in dessen erstem Stock sich meine Wohnung befand, bereit war. Physisch zumindest. Mental war ich ein Wrack.
Ich schloss meinen Jeep ab und stieg die Holztreppe zu meiner Wohnung hoch. Drinnen warf ich die Schachtel aus der Drogerie auf den Küchentresen. Trotz der Tatsache, dass ich dringend pinkeln musste, traute ich mich nicht, mit dem Schwangerschaftstest ins Badezimmer zu gehen. Auf einmal fielen mir so viele Fragen ein, auf die ich keine Antwort wusste, dass der Test mir mehr Angst einflößte als ein Film von Wes Craven. Was sollte ich tun, wenn er sich tatsächlich rosa färbte? Wollte ich wirklich ein Kind? Ich sah mich in meiner gemütlichen (sprich: engen) Einzimmerwohnung um, in die neben meiner ausklappbaren Schlafcouch und dem Zeichentisch nicht viel mehr hineinpasste. Wo sollte ich denn mit einem Baby hin?
Ich war immer davon ausgegangen, dass ich irgendwann einmal Kinder haben würde. Aber obwohl ich stramm auf die dreißig zuging (und ich weigere mich zu verraten, wie stramm), schien dieser Zeitpunkt weit, weit in der Zukunft zu liegen. Wenn ich ruhiger sein würde, häuslicher. Verheiratet. Oh Gott, würde Richard denken, ich wollte, dass er mich heiratete? Wollte ich das?
Ich begann wieder zu hyperventilieren.
Ich ging ohne das Stäbchen auf die Toilette und hörte dann meinen Anrufbeantworter ab. Keine Nachrichten. Vor allem keine von Richard. Ich nahm den Hörer ab, wählte seine Nummer und wartete. Sein Anrufbeantworter sprang an, und ich hinterließ eine für die Umstände bewundernswert entspannte Nachricht.
Ich ließ mich auf das Sofa fallen und stellte den Fernseher an, um mit Jerry Seinfelds Sitcom auf Richards Rückruf zu warten. Als die Late Show with David Letterman anfing, hatte ich immer noch nichts von ihm gehört. Was nicht nur ärgerlich, sondern auch ein bisschen beunruhigend war. Schließlich hatte er versprochen, heute Abend anzurufen. Und es sah Richard gar nicht ähnlich, nicht auf meine Nachrichten zu reagieren. Ich versuchte, ruhig zu bleiben, und beschloss, den Schwangerschaftstest, sofort nachdem ich mit Richard gesprochen hatte, zu machen.
Ein Entschluss, der mir noch leidtun würde.
Drei Tage später hatte Tante Rosa sich immer noch nicht gemeldet. Und Richard auch nicht.
Ich begann mir Sorgen zu machen. Um Richard, obwohl der ungeöffnete Schwangerschaftstest auf dem Küchentresen auch nicht gerade zu meinem Seelenfrieden beitrug. Noch nie hatte Richard meine Anrufe so hartnäckig ignoriert. Normalerweise hörte er seine Nachrichten stündlich ab und antwortete mir wenigstens mit einer SMS und einem Smiley oder einem »Hallo, meine Hübsche«. Aber jetzt hatte ich schon unzählige Nachrichten hinterlassen und noch keinen einzigen Smiley zurückbekommen.
Samstagmorgen hatte ich eine weitere fröhlich-unbeschwerte Nachricht hinterlassen: »Hi, wie geht’s, wahrscheinlich warst du gestern Abend zu beschäftigt, um zurückzurufen.« Mittags rief ich in seinem Büro an, landete aber auch da bei der Voicemail. Mit dem nächsten Anruf wartete ich bis fünf Uhr nachmittags, sprach ihm auf die Voicemail, sein Handy, auf den AB zu Hause und emailte ihm ganz viele Smileys mit der Frage: »Wo bist du?«
Dann schritt Dana ein und kündigte an, mir die Hände auf dem Rücken zu fesseln, wenn ich den Mann nicht endlich in Ruhe ließ. Sie hatte ja recht. Ich begann bald selbst, mich wie Glenn Close zu fühlen, wenn sie das Kaninchen kocht. Deshalb rief ich den ganzen Sonntag nicht ein einziges Mal an, bis die fröhliche Sprecherin auf Channel Two in den Spätnachrichten von einem Einbruch in Reseda berichtete und für den nächsten Tag Rekordtemperaturen ankündigte. Dann hinterließ ich drei weitere Nachrichten. Aber er rief mich immer noch nicht zurück.
Das sah Richard überhaupt nicht ähnlich. Und sosehr ich es auch versuchte, ich wurde das dumpfe Gefühl nicht los, dass Richards Beziehungsradar irgendwie aufgeschnappt hatte, dass ich meine Periode nicht bekommen hatte, und er die Flucht ergriffen hatte.
Montagmorgen wachten meine überaktive Fantasie und ich auf, fest entschlossen, meinen abtrünnigen Lebensgefährten endlich zu stellen. Ich duschte, schlüpfte in meine Lieblingsjeans, ein grünes, ärmelloses Seidentop und smaragdgrüne Riemchensandalen. Nachdem ich kurz den Fön in die Haare gehalten und das unverzichtbare Lipgloss aufgetragen hatte, war ich startklar. Es war gerade erst zehn Uhr, als ich in der Garage unweit von Ab, Zocker und Haue parkte, aber der Bürgersteig flimmerte schon vor Hitze. Zu was so eine kleine Smogschicht doch gut sein konnte.
Zwei Häuserblocks und drei Obdachlose weiter betrat ich die klimatisierten Räume von Richards Kanzlei. Selbstverständlich stand Jasmine Wache an der Rezeption.
»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte sie und machte ein Gesicht, als würde sie die Antwort schon kennen.
»Ich möchte zu Richard.«
»Haben Sie einen Termin?«
Das würde der Grabsteinspruch dieser Frau sein: Hier liegt Jasmine »Haben Sie einen Termin?« Williams. Ruhe in Frieden!
»Nein. Aber ich bin sicher, dass er mich empfangen wird, wenn Sie ihm sagen, dass ich da bin.«
»Ihr Name bitte?«
Ich sah sie scharf an. »Maddie Springer. Seine Freundin.« Das letzte Wort betonte ich besonders.
»Es tut mir leid, Miss Springer, aber Mr Howe ist nicht im Büro. Er hat sich ein paar Tage freigenommen. Aber ich hinterlasse ihm eine Nachricht.« Diese Aussicht schien ihr besonders viel Freude zu bereiten.
»Warum haben Sie mir nicht sofort gesagt, dass er nicht hier ist?«
Jasmines Schlauchlippen verzogen sich zu einem Lächeln. Wenigstens hielt ich es für ein Lächeln. Möglicherweise war es auch ein höhnisches Grinsen. »Danach haben Sie nicht gefragt.«
Ich holte tief Luft und machte mir klar, dass, wenn ich über den Tisch griff und ihr die Augen auskratzte, meine Maniküre umsonst gewesen wäre. »Na gut! Hat er gesagt, wohin er wollte?«
»Tut mir leid«, sagte sie mit einem – dieses Mal unzweifelhaft – höhnischen Grinsen, »aber es steht mir nicht frei, es Ihnen mitzuteilen.«
»Schon gut«, schnitt ich ihr das Wort ab. Für heute hatte ich ohnehin schon genug für Jasmines Unterhaltung gesorgt. Stattdessen drehte ich mich um, drückte die Absätze in den braunen Teppich, stolzierte zurück zum Aufzug und überließ Jasmine wieder ihrem Solitaire.
Also war Richard nicht im Büro. Nächster Halt – seine Wohnung.
Richard wohnte in einem zweistöckigen Haus mit Eigentumswohnungen in Burbank, inmitten einer geschlossenen Wohnanlage mit glatt verputzten mehrstöckigen Häusern. Alle Häuser waren in einem blassen Taupe gestrichen, auf dem man den Schmutz nicht so sah. Bei starkem Smog hatte der Himmel genau dieselbe Farbe. Richards Haus war das dritte auf der rechten Seite.
Ich parkte auf der anderen Seite der Straße, dankbar, dass ich einen Platz am gleichen Häuserblock gefunden hatte, nachdem ich zweimal die Runde gedreht hatte, und befestigte das Sicherheitsschloss am Lenkrad.
Ich gab den Eingangscode am Eisentor ein und durchquerte den kleinen Hofgarten mit Yucca-Palmen, dicht belaubten grünen Büschen und blühenden Schmucklilien. Vor Richards Tür blieb ich stehen, holte tief Luft und steckte meinen Schlüssel ins Schloss.
Ich hatte fast erwartet, dass sich ein paar Mafia-Schläger auf mich stürzen würden oder dass ich die Wohnung in völliger Unordnung vorfinden würde, als wenn Richard gegen seinen Willen hinausgezerrt worden wäre, um sich tretend und schreiend: »Wartet, lasst mich nur schnell meine Freundin zurückrufen!«
Ich wurde enttäuscht. Drinnen sah es genau so aus wie immer. Elegante schwarze Ledersofas standen in dem tiefer gelegten Wohnraum, flankiert von zwei Beistelltischen aus Chrom und Glas. Die Küchenecke zur Rechten war blitzblank. Die grünen Granitarbeitsflächen schimmerten in der Morgensonne, die durch die Schiebeglastüren fiel, die auf den Balkon hinausführten.
»Hallo?«, rief ich in die Stille hinein. Aber instinktiv wusste ich, dass ich keine Antwort bekommen würde. Die Wohnung wirkte unbewohnt, und die Luft war ein wenig abgestanden, als wenn die Fenster seit Tagen nicht mehr geöffnet worden wären. Was nicht gerade zu meiner Beruhigung beitrug.
Richard war nicht hier. Und auch nicht in seinem Büro. Nun wusste ich nicht mehr, wo ich sonst noch nach ihm suchen sollte. War es möglich, dass er plötzlich hatte verreisen müssen? Vielleicht wegen eines Notfalls in der Familie? Seine Mutter lebte allein in Palm Springs – vielleicht war sie krank geworden.
Ich durchquerte den Raum und bog in den engen Flur ein, der zu dem marmorverkleideten Badezimmer, Richards Schlafzimmer und dem Extrazimmer führte, das Richard als Büro nutzte. Ich öffnete die Bürotür und warf einen vorsichtigen Blick hinein. Kein Richard. Aber das Lämpchen des Anrufbeantworters auf seinem Schreibtisch blinkte aufgeregt. Als ich auf die Play-Taste drückte, zwickte mich das schlechte Gewissen – aber nur ein klitzekleines bisschen.
Unglaublich, aber wahr: Alle zwölf Nachrichten waren von mir. Du lieber Himmel! Schnell löschte ich alle bis auf eine. So, das hörte sich schon eher wie eine vernünftige, gelassene Freundin an.
Ich sah mich eilig weiter im Büro um. Keine Flugtickets zu den Bahamas, keine Telegramme, in denen stand: »Mom ist krank, komm sofort.« Ich ging weiter ins Schlafzimmer. Meine Absätze klapperten laut auf dem glänzenden Hartholzboden.
Wie der Rest des Hauses schien auch das Schlafzimmer unberührt. Das Bett war gemacht, der burgunderfarbene Überwurf faltenlos. Auf der Kommode befand sich der übliche Krimskrams: eine Dose mit Münzgeld, eine alte Sonnenbrille, ein Streichholzheftchen, eine Schachtel Vitamine und zwei Bic-Kulis. Als ich die Adresse auf dem Streichholzheftchen las, fühlte ich mich ein bisschen wie Columbo. Es war aus einem Club, in den er mich letzte Woche ausgeführt hatte. Verflixt! Weiter reichten meine brillanten Detektivfähigkeiten nicht.
Ich öffnete die oberste Schublade der Kommode. Auch in den Reihen ordentlich zusammengelegter Socken und Hanes-Slips fanden sich keine Hinweise, wo er abgeblieben war. Ein komisches Gefühl im Magen sagte mir, dass mich von jetzt an nur noch reine Neugier trieb. Ich suchte weiter und zog eine Grimasse, als ich auf ein Paar lilafarbene Rautensocken stieß. Ich öffnete eine zweite Schublade. T-Shirts und Sportshorts. Ich wühlte ein wenig darin herum und hielt plötzlich neonblaue Elastanlaufshorts in den Händen. Allmächtiger! Fort damit, aber schnell. Ich warf sie in den Papierkorb, überzeugt, dass Richard mir später dafür danken würde.
Ich wollte mich gerade der Schublade mit den Pyjamas widmen, als ich noch einen anderen Laut als mein missbilligendes Schnalzen hörte. Die Haustür öffnete sich.
Mein erster Gedanke war: Richard. Der seine neurotische Freundin auf frischer Tat ertappte. Dann hörte ich jemanden rufen.
»Hallo? Richard, sind Sie hier?«
Ich erstarrte. Es war die Stimme eines Mannes, aber nicht Richards. Guter Gott, was sollte ich nur tun, wenn es einer seiner Freunde war? Richard hatte mir zwar den Schlüssel zu seiner Wohnung gegeben, aber nicht, damit ich heimlich seine Garderobe inspizierte, wenn er nicht da war. Auf die Gefahr hin, auf ewig »diese Verrückte, die in seinen Sachen gewühlt hat« zu sein, sprang ich schnell in den Kleiderschrank und schloss die Gleittüren hinter mir.
Ich hörte, wie die Haustür geschlossen wurde und Schritte durch das Haus hallten. Küchenschränke wurden geöffnet und wieder geschlossen. Leder rieb sich quietschend an Leder, als er die Kissen auf Richards Sofas hin und her schob.
Schritte klackten durch den Flur und hielten dann abrupt inne, vermutlich vor der Tür zu Richards Büro. Dann setzten sie wieder ein und wurden schwächer, als der Mann es betreten hatte. Ich öffnete die Schranktür einen Spalt und lugte hinaus. Ich konnte nichts sehen. Auf Zehenspitzen schlich ich zur Schlafzimmertür. Ich hörte, wie der Anrufbeantworter piepte, und dann hallte meine Stimme durch das Haus.
»Hi, Richard, ich bin’s. Ich frage mich nur, was los ist. Ich habe schon lange nichts mehr von dir gehört. Na ja, nicht wirklich lange, aber ich dachte, du wolltest gestern Abend anrufen. Nicht, dass ich gewartet hätte oder so. Aber vielleicht hast du es vergessen. Oder du hattest zu viel zu tun. Was ich natürlich total verstehe, weil du ja echt viele Fälle hast und an vieles denken musst und so. Ich meine, nicht, dass ich glauben würde, du würdest nicht an mich denken. Das tust du bestimmt. Aber du hast eben viel um die Ohren, deshalb könnte ich es verstehen, wenn du vergessen hast, mich anzurufen. Also, äh …, wie dem auch sei, ruf mich an, wenn du kannst. Okay?«
Oh Gott, hörte ich mich wirklich so an? Kein Wunder, dass mein Freund über alle Berge war.
Ich glaube, ich hörte den Mann leise lachen, als die Maschine sich mit einem weiteren Piepen abschaltete. Gott sei Dank hatte ich die anderen Nachrichten gelöscht.
Ich hörte, wie Schubladen aufgezogen und zugeschoben wurden und Papier durchwühlt wurde. Offensichtlich suchte dieser Typ ebenfalls nach etwas. Was für ein Freund war das denn? Ich hoffte nur, dass er fand, was er suchte, bevor er ins Schlafzimmer kam.
Pech gehabt.
Wieder näherten sich Schritte. Ich gab ein leises Quietschen von mir, sprang zurück in den Kleiderschrank und zog hastig die Türen zu, als die Schritte lauter wurden. Ich kauerte mich auf den Boden und drückte mich zwischen einen Stapel Winterpullover und Richards Slipper von Bruno Magli.
Ich hörte, wie der Mann die Schubladen der Kommode öffnete und darin kramte, genau wie ich noch vor ein paar Minuten. Was suchte dieser Typ denn bloß? Meine Neugierde war stärker als ich, und ich drückte die Tür einen Spalt auf, um einen Blick auf ihn zu werfen.
Ich erkannte ihn sofort. Die kräftige Gestalt, die sich über Richards Kommode beugte, die abgetragene Jeans, das dunkle Haar. Es war derselbe Typ, den ich vor einigen Tagen mit Richard zusammen gesehen hatte. Der Niemand. Wieder trug er ein schwarzes T-Shirt, aber dieses Mal der Hitze wegen keine Jacke. Die Ärmel seines T-Shirts spannten sich stramm über seinem Bizeps. Ich glaubte, ein schwarzes Tattoo unter dem Bündchen hervorblitzen zu sehen, konnte aber das Motiv nicht erkennen.
Und dann sah ich sie. Die Pistole.
Ich erstarrte, die Augen auf das schimmernde Stück Metall gerichtet, das im Bund seiner Jeans steckte, eng gegen seinen festen Bauch gepresst. Nach Luft schnappend, suchte ich fieberhaft nach einem Grund, warum ein Mann mit einer Pistole Richards persönliche Sachen durchsuchte.
Der bewaffnete Unbekannte brummte etwas vor sich hin, während er die Schublade mit Richards Unterwäsche öffnete. Ich spitzte die Ohren, um zu hören, was er sagte.
»Komm schon, komm schon … Ich weiß, du hast hier etwas hinterlassen … was zum –?« Er stockte und hielt die lilafarbenen Rautensocken in die Höhe. Er schüttelte den Kopf und ließ einen Laut hören, der irgendwo zwischen einem Schnauben und einem Lachen lag, bevor er sie zurück in die Schublade warf. Na, wenigstens hatte der Mann Geschmack! Ich beobachtete, wie er sich der nächsten Schublade zuwandte. »Komm schon, komm schon … sag mir nicht, der Mistkerl hat alles eingepackt.«
Moment … eingepackt?
Meine Augen hatten sich mittlerweile an die Dunkelheit gewöhnt, und ich musterte die aufgereihten Anzüge, Poloshirts und gebügelten Hosen. Ja, in der Tat, da waren gut sichtbare Lücken. Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog. War das etwa schon die Schwangerschaftsübelkeit? Verschwundene Kleidung, verschwundener Freund. Ein Mann mit einer Pistole, der Richards Unterwäsche durchwühlte. Und ich hockte in einem Haufen warmer Pullover und hoffte inständig, dass mir vor Angst und nicht wegen der Schwangerschaftshormone schwarz vor Augen wurde. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Ich wusste zwar nicht, was hier vor sich ging, aber es war definitiv nichts Gutes.
Und dann kam es noch schlimmer.
Er drehte sich zum Schrank um. Ich hielt den Atem an und hoffte, er würde wieder kehrtmachen. Aber nein, er kam direkt auf mich zu. Ich kniff die Augen fest zusammen und machte mich so klein, wie ich konnte. Ich sagte ein stilles Gebet, versprach, öfter zur Kirche zu gehen, die Hälfte meines Gehalts den Armen zu spenden und an diesem Thanksgiving wirklich in einer Suppenküche zu arbeiten, statt es nur meiner Mutter gegenüber als Vorwand zu benutzen, um nicht ihren verbrutzelten Truthahn essen zu müssen.
Ich hörte, wie die Holztür aufgezogen wurde und öffnete vorsichtig ein Auge. Dann dankte ich im Stillen dem Herrn, weil es die andere Seite des Schrankes war und ich immer noch im Dunklen saß. Mein Herz raste, und ich war überzeugt, dass jeder Schlag meines Herzens in der Stille wie ein Hammerschlag zu hören war.
Der Unbekannte musterte die im Schrank hängenden Kleidungstücke. Er tat es beinahe so, als würde er sie zählen.
»Scheiße!«, zischte er, drehte sich dann um und marschierte aus dem Zimmer. Seine Stiefel hallten den Flur hinunter und die Tür hinaus, die er mit einem solchen Knall hinter sich schloss, dass meine Zähne aufeinanderschlugen. Aber vielleicht hatten sie das schon die ganze Zeit getan. Ich merkte erst jetzt, dass ich zitterte und legte einen Wollpullover um meine Schultern. Dann blieb ich noch weitere zwei Minuten sitzen, bevor ich mich aus dem Schrank wagte.
Keine Ahnung, was der Mann getan hätte, wenn er mich entdeckt hätte, aber die Pistole unter seinem Hosenbund war alles andere als vertrauenerweckend gewesen.
Vorsichtig streckte ich den Kopf aus der Schlafzimmertür. Kein böser Mann in Sicht. So schnell ich konnte, schlich ich den Flur hinunter, aus der Haustür und rannte über die Straße zu meinem Wagen, als wenn ich verfolgt würde. Ich verriegelte die Türen von innen, löste das Sicherheitsschloss und gab Gas. Meine Hände zitterten, als ich die Klimaanlage zurückdrehte.
Ich schloss die Augen und machte tief ein- und ausatmend eine Bestandsaufnahme. Ich war unverletzt. Der Unbekannte mit der Pistole hatte mich nicht gesehen. Niemand hatte auf mich geschossen, und ich hatte mir nicht vor Angst in die Hose gemacht. Alles war gut.
Okay, nicht alles war gut. Richard hatte offensichtlich seine Sachen gepackt, um zu verreisen. Diesen Schluss hatten sowohl der Unbekannte als auch ich gezogen. Wohin war er verreist? Und warum? Richard hatte mir nichts von einer Reise gesagt, und aus der Tatsache, dass ein bewaffneter Mann in sein Haus eingebrochen war, schloss ich, dass es sich nicht um einen sorgfältig geplanten Kurzurlaub im Club Med handelte. Versteckte er sich irgendwo? Steckte er in Schwierigkeiten? Nicht sehr wahrscheinlich. Schließlich hielt Richard es sogar für ethisch nicht vertretbar, ein Mittagessen mit mir als Spesen abzurechnen.
Ich überlegte, ob ich die Polizei rufen sollte. Aber ich war mir nicht einmal sicher, ob ein Mann ein Verbrechen beging, wenn er in das Haus eines anderen einbrach und in seiner Unterwäsche wühlte. Eigentlich wusste ich ja nicht einmal, ob er wirklich eingebrochen war. Hatte ich die Tür auch wirklich hinter mir ins Schloss fallen lassen? Ich war mit den Gedanken woanders gewesen und hatte nicht darauf geachtet.
Gott, hoffentlich war Richard nichts passiert. Aber was, wenn doch? Was würde das für … für das Ausbleiben meiner Periode bedeuten? Wieder spürte ich, wie Schwangerschaftsübelkeit, von der ich nicht wusste, ob es eine war, in mir hochstieg. Ich schwor bei Gott, wenn Richard sich nur auf den Bahamas vergnügte, würde ich ihn umbringen.
Meine Handtasche klingelte. Ich schrak so heftig zusammen, dass ich beinahe ans Autodach gestoßen wäre. Adrenalin pumpte durch all meine Glieder. Ich steckte die Hand in meine Tasche und klappte mein Motorola auf. Die Nummer meiner Mutter erschien auf dem Display. Wenn es jemand anders gewesen wäre, wäre ich nicht drangegangen. Aber wie ich meine Mutter kannte, würde sie die Nationalgarde nach mir ausschicken, wenn ich nicht nach dem vierten Klingeln abnahm.
»Hallo?«
»Maddie, du hast es doch nicht vergessen, oder?«
»Natürlich nicht.« Ich dachte fieberhaft nach. Was hatte ich vergessen?
»Gut. Denn wir haben für fünf Uhr reserviert, und Ralph sagt seinen letzten Termin ab, um auch dabei sein zu können.«
Richtig. Ralph, von mir auch Stiefpapa genannt, der Inhaber von Fernando’s, dem angesagtesten Friseur auf dem Rodeo und bald mein Stiefvater. Ich war immer noch nicht zu hundertzehn Prozent überzeugt, dass Stiefpapa hetero war, aber zum Familienrabatt manikürt zu werden, ließ ich mir gern gefallen.
Mom war Ralph begegnet, als sie nach sechsundzwanzig Jahren als Alleinerziehende die Freuden der Partnersuche im Internet für sich entdeckt hatte. Um sich für ihre große Rückkehr auf den Singlemarkt zu rüsten, war sie zu Fernando’s zu einer Rundumerneuerung gegangen, wo Ralph ihre Haare zu einem wahren Meisterwerk geschnitten, gestylt und gefärbt hatte. Nach drei Monaten Flirten beim Waschen, Schneiden, Legen hatte Mom zu ihrer Überraschung erfahren, dass Ralph nicht nur (angeblich) hetero war, sondern auch an mehr als an ihren Locken interessiert war. Kaum fünf Minuten später planten sie auch schon eine wunderschöne Hochzeit in Malibu, mit Blick auf den Ozean, Samstag in einer Woche. Ich würde die Brautjungfer sein, und heute Abend würde mich Mom mit einer der zahlreichen offiziellen Pflichten einer Brautjungfer betrauen: der Planung ihres Junggesellinnenabschieds.
Ich überlegte kurz, ob ich mir einen Vorwand ausdenken sollte, um das Dinner ausfallen lassen zu können. Meine Hände zitterten immer noch. Obwohl mein Herz nicht mehr mit Formel-1-Geschwindigkeit schlug, spürte ich immer noch dieses nervöse Gefühl in der Brust, als würde jeden Augenblick etwas Schreckliches passieren. Aber wie ich meine Mutter kannte (siehe Stichwort Nationalgarde), würde mein Fernbleiben nur noch mehr Fragen nach sich ziehen, die ich nicht beantworten wollte. Also gab ich nach.
»Richtig. Nein, ich komme. Halb sechs, oder?«
»Fünf!«, schrie meine Mutter ins Telefon.
»Stimmt, ja.« Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr. Vier Uhr siebenundvierzig. Um diese Zeit war auf der 134 viel Verkehr, aber ich konnte es gerade noch schaffen. »Ich bin dabei, ins Auto zu steigen, Mom. Ich treffe dich dort.«
»Gut. Und komm nicht zu spät.«
Ich tat so, als hätte ich die letzte Bemerkung nicht verstanden. »Ich kann dich jetzt nicht mehr hören, Mom. Tut mir leid, ich lege auf.«
Um genau neunundzwanzig Minuten nach fünf fuhr ich vor Garribaldi’s Restaurant in Studio City vor. Ich wäre vielleicht pünktlich gewesen, wenn ich nicht den ganzen Weg über im Rückspiegel nach dem geheimnisvollen Unbekannten Ausschau gehalten hätte. Aber er war nirgendwo in Sicht gewesen. Lektion Nummer eins für Paranoide: Nur weil ich ihn nicht gesehen hatte, hieß das nicht, dass er nicht da gewesen war.
Ich fand einen freien Platz auf der Straße und stellte mich parallel zu einem Jaguar und einem aus dem letzten Loch pfeifenden Dodge Dart. Glücklicherweise trug ich meine Spiga Slingbacks, damit war ich für alles gerüstet. Deshalb taten mir nach dem kurzen Sprint meine Füße auch nur ganz wenig weh. Stiefpapa stand draußen vor der Tür und sprach in sein Handy, einen konzentrierten Ausdruck auf dem gebräunten Gesicht. Künstliche Bräune, natürlich. Als Ralph damals in Beverly Hills ankam, hatte er sich von einem Bauernjungen aus dem Mittleren Westen in Fernando, den europäischen Haarkünstler verwandelt, weil die Chancen, wie er sich ganz richtig ausgerechnet hatte, dass die 90210-Schickimickis einen Salon namens »Ralph’s« frequentierten, sehr gering bis nicht existent waren. Unglücklicherweise stammte seine Familie aus der deutschen Schweiz, deswegen war er gezwungen, zur Pflege seiner falschen spanischen Wurzeln zweimal wöchentlich zum Bräunungsspray zu greifen.
Auf Ralphs Gesicht breitete sich ein Lächeln aus, als er mich ankommen sah. Er hob die Hand zum Gruß und deutete auf die Tür.
Die Hostess, ganz in Schwarz bis hin zu dem schwarzen Eyeliner und dem schwarzen Lippenstift im Goth Chic, brachte mich zu einem Tisch mit Leinendecke in der Mitte des Raumes, an dem meine Mutter saß, den Blick auf ihre Armbanduhr gerichtet, die dünnen Lippen geschürzt.
»Maddie, du bist spät dran.«
Ich wünschte, es würden mich nicht alle ständig mit der Nase darauf stoßen.
Ich beugte mich zu ihr herunter und hauchte ihr einen Kuss auf die Wangen. »Sorry, Mom, es war viel Verkehr.«
Mom verdrehte die Augen, braungrün wie meine. Den hellblauen Lidschatten hatte Mom schon verwendet, als er noch nicht wieder modern war. Sie trug eine Steghose wie aus dem Jahr 1986 und ein Tanktop aus Sweatshirtstoff, auf das ein Glückskätzchen gestickt war. Ich dankte im Stillen den Göttern, dass ich nicht ihren Sinn für Mode geerbt hatte.
»Du hattest es ganz vergessen, nicht wahr?«, sagte sie.
»Es wäre mir schon wieder eingefallen.«
»Natürlich.« Keine von uns beiden war davon überzeugt. »Wie dem auch sei«, fuhr sie fort, während ich mich setzte, »ich habe einen vorläufigen Sitzplan, den ich dir zeigen möchte. Und«, fügte sie mit einem neckischen Funkeln in den Augen hinzu, »ich habe den perfekten Ort für den Junggesellinnenabschied gefunden.«
Aha!
»Wo?«, fragte ich, die Antwort schon fürchtend.
»Das Sixpack.«
Meine Furcht war berechtigt gewesen.
»Das Sixpack?«
»Da gibt es …« Mom lehnte sich zu mir vor und flüsterte: »Stripper.« Sie wackelte vielsagend mit den Augenbrauen, und mir wurde wieder ganz flau im Magen.
»Willst du nicht lieber mit den Mädels einen Tag im Spa verbringen?«, fragte ich flehentlich.
»Ach, komm schon, Maddie. Entspann dich! Das wird bestimmt lustig. Außerdem handelt es sich um meine Hochzeit, nicht um meine Beerdigung. Schöne Männerkörper weiß ich immer noch zu schätzen.«
Jawohl, ich würde mich gleich übergeben.
»Oh, und wir müssen noch einmal alles für den Empfang durchgehen. Ich habe nur ein Zelt für das Büfett bestellt und bete, dass es nicht regnet.« Mom machte ein kleines Kreuzzeichen.
»Wir sind in L.A., Mom. Hier regnet es nie.« Eine kleine Übertreibung, aber da die Einwohner sieben Zentimeter Niederschlag bereits für einen Monsun hielten, waren wir wahrscheinlich auf der sicheren Seite. Außerdem war es Juli. Die Wettergötter würden es nicht wagen, mitten in der Hauptsaison Regen zu schicken. Dann würde Charlton Heston sie mit seiner Schrotflinte heimsuchen.
»Also«, fragte Mom und musterte die Gäste hinter mir, »wo ist Richard?«
Das würde ich auch gerne wissen.
»Er hat es heute Abend nicht geschafft«, antwortete ich, in der Hoffnung, sie würde nicht weiter nachbohren. Ich fragte mich immer noch, was ich von dem unbekannten Muskelmann in Richards Wohnung halten sollte, aber ich war ganz sicher, dass ich keine Antwort parat hatte, die für die Ohren meiner Mutter geeignet gewesen wäre.
»Oh, wie schade!«, sagte sie.
Glücklicherweise bewahrte mich ein beschürzter Kellner, der drei Teller mit Salat brachte, davor, weitere Auskünfte über den ungewissen Aufenthaltsort meines Freundes geben zu müssen.
»Was ist das?«, fragte ich. Ich hatte seit heute Morgen nichts gegessen und bekam plötzlich einen Bärenhunger.
»Reife Sommerbirnen und Gorgonzola auf frischem Babysalat«, deklamierte Mom.
Ich nahm einen Bissen. Köstlich. Gut, ich würde vielleicht Details über den gefürchteten Junggesellinnenabschied zu hören bekommen, aber wenigstens war das hier viel besser als die Packung Miracoli, die in meinem Küchenschrank auf mich wartete.
Ich spießte ein zweites Stück Birne auf und machte hm…hm, um zu zeigen, dass es mir schmeckte, als Ralph sich endlich zu uns gesellte. Er beugte sich zu mir herunter und gab mir einen Kuss auf die Wange, bevor er neben mir Platz nahm. »Tut mir leid, meine Damen, ich musste das Telefonat annehmen. Ein Dauerwellennotfall.«
»Dauerwellennotfall?«, fragte Mom.
»Ich hatte Francine ausdrücklich erklärt, sie dürfe ihr Haar achtundvierzig Stunden nach der Dauerwelle nicht färben, aber hört sie auf mich? Nein. Jetzt sieht sie aus wie ein kastanienbrauner Pudel. Sie kommt morgen früh zur Schadensbegrenzung.«
Mom und ich nickten angemessen mitfühlend.
»Also«, sagte Mom, legte die gefalteten Hände vor sich auf den Tisch und straffte die Schultern. »Jetzt, da ihr beide hier seid, habe ich euch etwas zu sagen.« Sie sah mich an. »Rate mal, wer schwanger ist.«
Ein Stück reife Birne blieb in meiner Kehle stecken.
Sie konnte es doch unmöglich wissen, oder etwa doch? Sah man es mir vielleicht schon an? Hatte ich schon dieses rosige Schimmern wie angeblich alle Schwangeren? Ich hätte mich wohl doch noch schnell im Auto pudern sollen.
Aber bevor ich damit herausplatzen konnte, dass ich spät dran war, beendete Mom ihr Ratespiel. »Molly!«
Erleichtert schluckte ich das Stück Birne hinunter. Natürlich. Meine Cousine Molly. Oder, wie sie in meiner Familie genannt wurde, die Gebärmaschine. In vier Jahren hatte sie drei Teppichratten in die Welt gesetzt. Als wollte sie einen Rekord aufstellen. Was meine Großmutter selbstverständlich sehr glücklich machte. Nichts lieben irisch-katholische Familien mehr als eine produktive Gebärmaschine.
»Das ist ja toll«, sagte ich mit ungefähr genauso viel Enthusiasmus wie ein Lithium-Abhängiger.
»Toll? Das ist einfach fantastisch!«, rief Stiefpapa.
Okay, ich war zu achtzig Prozent sicher, dass er hetero war.
