Undercover in High Heels - Gemma Halliday - E-Book

Undercover in High Heels E-Book

Gemma Halliday

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Beschreibung

Maddie und der schöne Schein

Geheime Affären, gutaussehende Gärtner und verzweifelte Hausfrauen - als Kostümassistentin bei einer erfolgreichen Fernsehserie ist die Schuhdesignerin Maddie Springer ganz in ihrem Element. Doch der Traumjob wird schnell zum Albtraum, als eine junge Schauspielerin tot am Set aufgefunden wird. Um dem gutaussehendem leitenden Ermittler Jack Ramirez zu helfen, beginnt Maddie selbst zu ermitteln. Aber Lügen und Täuschung gehören in Hollywood zum Alltag und schon bald gerät Maddie in ein Netz von Intrigen, das auch ihr eigenes Leben in Gefahr bringt ...

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"Dieser amüsante Krimi ist ein Volltreffer!" - Publishers Weekly



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Seitenzahl: 445

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhalt

Grußwort des Verlags

Über dieses Buch

Titel

Widmung

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Über die Autorin

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Impressum

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Über dieses Buch

Geheime Affären, gutaussehende Gärtner und verzweifelte Hausfrauen – als Kostümassistentin bei einer erfolgreichen Fernsehserie ist die Schuhdesignerin Maddie Springer ganz in ihrem Element. Doch der Traumjob wird schnell zum Albtraum, als eine junge Schauspielerin tot am Set aufgefunden wird. Um dem gutaussehendem leitenden Ermittler Jack Ramirez zu helfen, beginnt Maddie selbst zu ermitteln. Aber Lügen und Täuschung gehören in Hollywood zum Alltag und schon bald gerät Maddie in ein Netz von Intrigen, das auch ihr eigenes Leben in Gefahr bringt …

GEMMA HALLIDAY

Undercover in High Heels

Aus dem Englischen von Stefanie Zeller und Frauke Lengermann

Für Nicky, meinen Lieblings-Hauptdarsteller

1

»Warte, Chad, geh nicht. Ich … ich muss dir was sagen.«

»Nichts, was du sagst, könnte mich nach all diesen Lügen dazu bewegen, bei dir zu bleiben, Ashley.«

»Bitte, Chad! Du weißt, dass ich dich liebe. Ich habe das alles doch nur für uns getan. Du darfst jetzt nicht gehen … Wir bekommen ein Baby!«

Ich schnappte nach Luft und griff nach einer weiteren Handvoll Popcorn, als der Sender einen Werbespot für Deodorant einspielte.

»Oh mein Gott, das Baby ist vom Gärtner?«, rief meine beste Freundin Dana, die auf dem Sofa neben mir saß. »Ihr Mann wird total ausrasten.«

»Keine Sorge«, sagte ich und nahm einen Schluck Diätcola. »Der liegt doch immer noch im Koma, schon vergessen? Er wird es nie erfahren.«

»Oh, stimmt ja. Die Folge hab ich verpasst. Und was ist mit der Frau, die ihn angefahren hat? Sitzt sie im Gefängnis?«

Ich schüttelte den Kopf. »Neee. Deren Mann hat den Staatsanwalt erpresst, die Anklage fallen zu lassen. Allerdings gab es die Auflage, dass sie eine Entziehungskur macht. Doch stattdessen ist sie dann mit ihrem Schwager durchgebrannt und zu ihm in sein Haus am See gezogen.«

»Ooooooh«, rief Dana aus. »Deswegen versucht die Schwester also, ihren Ehemann zu vergiften!«

Ich nickte. »Pssst, es geht weiter.«

Dana und ich wurden still, und unsere Blicke klebten förmlich am Bildschirm, als Chad und Ashley sich leidenschaftlich in die Arme fielen. Ich schäme mich nicht, es zuzugeben: Ich war dieser Serie total verfallen. Magnolia Lane war die beste Primetime-Sendung, die ausgestrahlt wurde, seit Brandon und Brenda nach »Beverly Hills 90210« gezogen waren. Gegen diese Art von Trash-Serien war ich einfach machtlos.

Das Handy in meiner Handtasche ging los.

»Du klingelst«, sagte Dana.

Ich winkte ab. »Telefonwerbung«, nuschelte ich zwischen zwei Mundvoll Popcorn und ließ den Bildschirm nicht aus den Augen. Chad fragte gerade Ashley, wie sicher sie sei, dass das Baby von ihm und nicht dem komatösen Ehemann stamme. Natürlich klebte während des gesamten Gesprächs Ashleys neugierige Nachbarin an der Schlafzimmertür und lauschte.

Sie wechselten gerade den Schauplatz und zeigten Ashleys Ehemann auf der Intensivstation, als es in meiner Tasche wieder zu klingeln begann.

»Bist du sicher, dass du nicht rangehen willst?«, fragte Dana.

Abermals schüttelte ich den Kopf. »Machst du Witze?! Ashleys Mann erwacht gerade aus dem Koma.«

Ich ignorierte die »Wilhelm-Tell-Ouvertüre«, die aus meiner Kate-Spade-Tasche erklang, und nahm mir eine weitere Handvoll Popcorn, während sich Schwester Nan über den komatösen Preston Francis Barton III beugte. In Anbetracht der Tatsache, dass sie die geheim gehaltene böse Zwillingsschwester seiner Frau Ashley war, kamen für mich nur zwei Handlungsoptionen infrage: Entweder Nan erstickte ihn mit einem Kissen, oder sie würde den Stecker ziehen.

Die Schwester beugte sich weiter vor und ließ ihre Hand Richtung Stecker wandern.

Dana und ich schnappten nach Luft.

In diesem Moment wurde ein Werbespot für Lebensversicherungen eingespielt, in dem ein reifer Herr in Lederhosen zu einem Jimi-Hendrix-Song eine Luftgitarren-Performance hinlegte.

»Ich hasse es, wenn sie das tun!«, sagte Dana und warf Popcorn zum Bildschirm. Es war natürlich frei von Butter, Öl, Salz und Geschmack. Dana war eine Aerobictrainerin, Schrägstrich Möchtegern-Schauspielerin und mit Kurven ausgestattet, die Autounfälle auf dem Pacific Coast Highway verursachten. Ihr Körper war ihr heilig. Meiner hingegen gierte in regelmäßigen Abständen nach cremegefüllten Oreo-Keksen, Cheeseburgern und Popcorn, das mit einer großen Menge hellgelbem Butterersatz angereichert war, dessen Inhaltsstoffe ich nicht mal aussprechen konnte. Meine Theorie dazu? Solange mir meine Lieblings-Cavalli-Jeans passte, war alles in Ordnung. (Okay, in letzter Zeit war sie an den Hüften etwas eng geworden, aber ich kriegte den Reißverschluss immer noch zu!)

Während Dana weiter Popcorn gegen den Bildschirm pfefferte, griff ich in meine Tasche und schaute auf das Display meines Handys. Zwei unbeantwortete Anrufe. Beide Male dieselbe Nummer. Eine, die dazu führte, dass ich ein kleines Freudentänzchen auf dem Sofa vollführte. Es war die von Ramirez.

Detective Jack Ramirez war nicht nur das Schärfste, was die Polizeibehörde von L.A. zu bieten hatte, seit letztem Herbst gehörte er auch noch mir. Mir ganz allein.

Okay, ich war bisher noch nicht offiziell von ihm bei allen als seine Freundin vorgestellt worden, aber erst letzte Woche hatte er das Wort in den Mund genommen: Freundin. Was immerhin ein Anfang war. Ramirez verkörperte nicht unbedingt die Art von Mann, bei dem sich spontan Heirats- und Familiengründungsfantasien einstellten. Er arbeitete bei der Mordkommission, hatte einen ziemlich großen Revolver, ein noch größeres Tattoo und war ziemlich experimentierfreudig im Bett. Eher der böse Bube à la Russell Crowe und weniger der Ward-Cleaver-Familienvatertyp. Aber glauben Sie nicht, dass ich mich beschwere. (Guter Sex tröstet über so manches hinweg.)

Wir hatten geplant, uns nach seiner Schicht »auf einen Drink oder so …« zu treffen.

Ich tippte meine PIN ein und wartete auf die Nachricht, während das Magnolia Lane-Thema vom Fernseher herüberschallte und der Abspann vor einer Kulisse aus gepflegten Vorgärten und einer makellosen Vorort-Einfamilienhaus-Siedlung lief.

»Hey, Maddie, ich bin’s«, erklang die Stimme von Ramirez. »Hör zu, mir ist was dazwischengekommen. Ich muss jemanden im Cabana Club treffen, deshalb kann ich unsere Verabredung nicht einhalten. Tut mir leid. Ich ruf dich morgen an.«

Na toll …

Ramirez’ größter Schwachpunkt war seine Neigung – wie Sie sich jetzt wahrscheinlich schon denken können –, Verabredungen zu treffen und dann nicht einzuhalten. Auch wenn ich nur noch wenige Millimeter vom Freundinnen-Status entfernt war, hatte ich Ramirez seit vergangenem Freitag nicht mehr gesehen, als sich ein gemeinsames Abendessen mit anschließendem Kinobesuch plötzlich in einen Vorspeisenteller und eine überstürzte Taxifahrt nach Hause verwandelt hatte, weil er zu einer Schießerei in Compton gerufen worden war. Und nun tat er es schon wieder und sagte unser »… oder so« ab. Ich kniff die Augen zu Schlitzen zusammen und starrte wütend mein Handy an, während ich mich fragte, wer zum Teufel dieser jemand wohl sein mochte.

»Was ist los?«, fragte Dana, die meinen enttäuschten Gesichtsausdruck bemerkte.

»Ramirez. Er hat unser Treffen abgesagt.« Schon wieder.

»Was, schon wieder?«, fragte Dana und sprach meine Gedanken aus.

»Ich weiß! Er sagt, er müsse jemanden treffen. Was soll das heißen?«

Dana zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung.« Sie steckte sich Popcorn in den Mund.

»Ich meine, reden wir hier von jemandem, mit dem er arbeitstechnisch zu tun hat, oder verfolgt er persönliche Motive? Gesetzt den Fall, es ist Letzteres. Warum fragt er seine Freunde dann nicht einfach, ob sie auf ein paar Drinks dazukommen wollen? Warum sagt er das Treffen mit mir ab? Schämt er sich für mich? Will er mich seinen Freunden nicht vorstellen? Das ist kein gutes Zeichen, oder? Das kann nichts Positives bedeuten. Der hat doch Hintergedanken, was diese ganze Beziehungssache angeht, oder? Ich wusste es ja. Ich wusste, dass das nicht gut gehen kann. Mir war klar, dass er nicht sesshaft werden und eine Familie gründen will. Oh Gott, meinst du, er denkt aber, dass ich sesshaft werden und eine Familie gründen will? Ist es das? Enge ich ihn zu sehr ein? Klammere ich etwa? Ich klammere zu sehr, stimmt’s?«

»Whoa. Mach mal ’ne Pause, Gilmore Girl. Kein Wunder, dass der mal einen Abend Ruhe von dir braucht.«

Dana hatte recht. Ich fing schon an, zu hyperventilieren.

»Hör zu, er ist wahrscheinlich heute Abend einfach nur mit seinen Kumpels unterwegs. Du weißt doch, wie diese Cops sind. Der reinste Männerverein.«

»Stimmt.« Ich holte tief Luft. »Wahrscheinlich will er einfach nur einen Abend mit seinen Kumpels verbringen. Es ist ja nicht so, dass er nicht gern mit mir zusammen wäre. Warum auch? Ich bin ja keine von diesen Kletten.« Ich hielt inne. »Nur für den Fall, was hältst du von einem Doppeldate dieses Wochenende?«

Dana warf mir einen raschen Blick zu. »Doppeldate?«

»Es ist wirklich schwer, bei einem Doppeldate zu klammern. Außerdem würde es bestimmt Spaß machen. Ramirez und ich, du und …« Ich schwieg, da ich nicht wusste, mit wem sie sich zurzeit vergnügte. So sehr ich meine beste Freundin auch mochte, ich musste zugeben, dass ihre Begabung, sich stets Männer auszusuchen, die nur für kurze Affären taugten, geradezu unheimlich war. Ihr letzter Freund Rico zum Beispiel war ein selbsternannter Stadtsoldat gewesen, der sich schließlich einer Gruppe von Söldnern angeschlossen hatte, die versuchte, in Afghanistan die letzten Taliban aufzuspüren. Dana war noch immer damit beschäftigt, ihr angeschlagenes Ego zu pflegen – weil sie für ein paar staubige Höhlen am anderen Ende der Welt verlassen worden war.

Sie biss sich auf die Unterlippe, und zwischen ihren rotblonden Augenbrauen bildete sich eine Sorgenfalte auf der Stirn. »Tut mir leid, Maddie, aber ich kann kein Doppeldate mit euch machen.«

»Bitte! Es ist ja nicht so, dass ich von dir verlange, meinetwegen eine dauerhafte Beziehung zu führen. Ich brauche nur einen kleinen Puffer.«

Dana schüttelte den Kopf. »Nein, nein. Darum geht’s gar nicht. Ich will mich nicht verabreden. Männer können mir zurzeit gestohlen bleiben.«

»Oh nein, erzähl mir nicht, dass du wieder lesbisch werden willst«, sagte ich und nippte an meiner Diätcola.

Dana schüttelte abermals den Kopf. »Nein, das ist es nicht. Es ist … nun ja … ich darf keinen Sex haben.« Sie legte mir die Hände auf die Schultern und drehte mich zu sich herum, sodass ich ihr ins Gesicht sehen konnte, während sie eine ernste Miene aufsetzte. »Ich habe ein Problem.«

»Ein Problem? Was denn? Etwa eine Geschlechtskrankheit?«

Sie schüttelte noch einmal den Kopf. »Nein, Mads. Diesmal ist es schlimmer.«

Ich zog eine Augenbraue hoch. »Okay, klär mich auf: Was ist schlimmer als eine Geschlechtskrankheit?«

»Ich bin sexsüchtig.«

Ich rollte mit den Augen. »Na, toll. Und ich dachte schon, es wäre etwas Ernstes«, merkte ich sarkastisch an und griff nach dem Popcorn.

»Das ist etwas Ernstes!«, widersprach sie.

»Dana, du bist supersexy. Die Männer lieben dich. Wieso ist das plötzlich ein Problem?«

»Das ist nicht wahr, Maddie. Ich bin krank.«

»Du kannst dich glücklich schätzen. Hast du eine Ahnung, wie viele Push-ups ich besitze? Nur um halb so viel Dekolleté zu haben wie du!«

Ich besaß tatsächlich ziemlich viele. Ich war mir ziemlich sicher, dass Jack Black und ich die einzigen Personen in L.A. waren, die Körbchengröße B trugen.

Dana beachtete mich nicht weiter. »Sexsucht ist genauso schlimm wie jede andere. Es ist eine Krankheit. Ich muss das akzeptieren und lernen, damit umzugehen, dass ich nur einmal am Tag Sex haben kann. Ich praktiziere deshalb sexuelle Enthaltsamkeit im positiven Sinn.«

Ich kaute energisch auf dem Popcorn herum, um mir das Lachen zu verkneifen. »Sexuelle Enthaltsamkeit im positiven Sinn?«

Dana nickte. »Hmmm. Therapeut Max sagt, dass dies der einzige Weg sei, um den Teufelskreis zu durchbrechen.«

Ich blinzelte. »Du nimmst den Rat von jemandem an, der sich ›Therapeut Max‹ nennt?«

Dana nickte wieder. »Ja, Maddie. Bei den AS duzen wir uns gegenseitig. Auch mit den Therapeuten.«

Ich wusste schon vorher, dass ich es bereuen würde, nachzufragen. »AS?«

»Anonyme Sexsüchtige.«

Aaahhh so. »Und ich hatte gedacht, Magnolia Lane wäre abgefahren.«

»Oh, Maddie«, sagte Dana, und ihre Augen begannen zu leuchten, »du musst unbedingt mal mit zu einem Treffen kommen. Es gibt dort total heiße Typen und jedes Mal sind supernette, neue Mädels dabei.«

Darauf möchte ich wetten. »Danke, nein. Übrigens habe ich einen Freund. Irgendwie jedenfalls«, fügte ich etwas kläglich hinzu und dachte an meinen Tanga von Victoria’s Secret, den ich an diesem Abend völlig umsonst tragen würde. »Meinst du wirklich, dass Ramirez mich nicht loswerden will?«

Dana öffnete eine Mineralwasserflasche und nahm einen großen Schluck. »Da bin ich mir sicher.«

»Na gut. Dann werde ich mich heute Abend auch nicht mehr länger darüber aufregen, versprochen. Ich meine, wenn er mit seinen Kumpels in den Cabana Club gehen will, dann werde ich mich jetzt nicht wie eine dieser Kletten verhalten und deswegen auch noch herumjammern.«

Danas riss ruckartig den Kopf hoch und verschluckte sich an ihrem Wasser. »Der Cabana Club?!«

Oh-oh. »Ja … warum?«

»Maddie, bist du jemals dort gewesen?«

Ich schüttelte den Kopf. Um ehrlich zu sein, verbrachte ich einen Abend in der Stadt in der Regel mit Abendessen in Ventura und einem Abstecher zum Beverly-Hills-Center, was schließlich durch den Kauf von einem Paar Pumps gekrönt wurde. Ich war nicht unbedingt eine von jenen Frauen, die sich beim Clubbing die Nächte um die Ohren schlugen.

»Oh mein Gott, Maddie. Das ist der ultimative Aufreißer-Schuppen. Sag mir nicht, dass Ramirez ausgerechnet dort hingeht!«

Oh, verdammt. Ich spürte, wie sich mir der Magen umdrehte, sprudelnde Diätcola vermischte sich mit vor Butterersatz strotzendem Popcorn, und obendrauf kam auch noch pures Entsetzen. »Oh Gott. Es ist so weit. Er schießt mich ab, stimmt’s? Es ging nur darum, mich herumzukriegen. Jetzt, da er mich dort hat, wo er mich haben wollte, verliert er das Interesse an mir! Er langweilt sich mit mir, Dana! Ich bin wie ein alter Bagel, den keiner mehr haben will! Oh Gott, was soll ich nur tun?«

»Tut mir leid, Süße.« Dana legte eine Hand auf meinen rechten Arm und bedachte mich mit demselben mitleidigen Blick, den sie mir schon in der siebten Klasse zugeworfen hatte, als mir von meiner Mutter ein Bob mit Pony verpasst worden war. »Hör zu, das hat sicher nichts zu bedeuten. Ich bin mir sicher, dass er nur …« Sie sprach nicht weiter, auf der Suche nach einer überzeugenden Lüge.

»Na klar.« Ich nahm einen großen Schluck Diätcola. Die Kohlensäure brannte in meiner Speiseröhre. »Du hast nicht zufällig Lust auf einen Drink?«

Der Cabana Club befand sich an der Ecke La Brea und Sunset und war ein weitläufiges, pinkfarben gestrichenes Backsteingebäude, das von einer Reihe glitzernder, neonfarbener Flamingos flankiert wurde. Da wir Freitagabend hatten, stand die übliche Warteschlange von Partygängern vor der Tür. Zum Glück kannte Dana jeden Türsteher aus L.A. persönlich (die meisten intimer als ich meinen Gynäkologen), sodass wir uns auch schon im Inneren des Clubs befanden, ehe man auch nur »Lindsay Lohan« hätte sagen können.

Als sich meine Augen an die schummrige Beleuchtung gewöhnt hatten, die von pinkfarbenen und grünen Laserblitzen durchzuckt wurde, dämmerte mir, dass Dana recht hatte: Der Club stank förmlich nach Aufreißer-Schuppen. Rechts von uns, auf der überfüllten Tanzfläche, bewegten sich die heißesten Körper Los Angeles’ – Schauspielerinnen, Schrägstrich Kellnerinnen, Models, Schrägstrich Kellnerinnen, einige angesagte Serien-Schauspieler und dieses Mädel von Survivor, das alle hassten. Sie alle produzierten sich in einer Art und Weise auf der Tanzfläche, dass nicht mal der freizügige Sender HBO es gewagt hätte, dies auszustrahlen. Zu meiner Linken gab es Tische, an denen kleine Männer- und Frauen-Grüppchen saßen, die herumknutschten, riesige Cocktails tranken und sich unter den Tischen befummelten. Hinter der Bar vor uns standen zwei Barkeeper. Der Tresen war dicht besetzt von Singles, auf der Jagd nach einem Martini und einer Telefonnummer. Ich blinzelte in die Dunkelheit und betete, dass mein Freund nicht unter ihnen war.

»Das ist absolut nicht das, was ich unter einem Kumpelabend verstehe«, schrie ich gegen den Technobeat an, der pulsierend von den Wänden widerzuhallen schien.

»Und es ist absolut nicht der Ort, an dem eine Sexsüchtige auf dem Weg der Besserung ihren Freitagabend verbringen sollte.« Dana beäugte einen Typen an der Bar, der Lederhosen und ein aufgeknöpftes Hemd trug sowie ein »Na, wie wär’s mit uns?«-Lächeln aufgesetzt hatte.

Er zwinkerte ihr zu.

Dana biss sich auf die Unterlippe. »Lass uns nach Ramirez suchen und schnell wieder hier abhauen, bevor ich etwas tue, das ich später bereue«, sagte sie.

Ich hatte nichts dagegen einzuwenden. Wir bahnten uns einen Weg durch die Menge und umrundeten die Bar. Eine Olsen-Zwilling-Doppelgängerin stieß mir einen Ellenbogen in die Seite, und ein Typ mit Cowboyhut verschüttete Margarita über meine Caprihose, doch es war mir egal. Ich hatte eine Mission. Ich hatte viel Geduld mit Ramirez gehabt. Ich hatte ihm viele Freiräume gelassen. Ich hatte rekordverdächtige zwei Monate lang gewartet, ehe ich mit ihm ins Bett gegangen war. (Nicht unbedingt ganz freiwillig, aber das tut hier nichts zur Sache.) Kurz: Ich hatte alles getan, was eine Frau tun konnte, damit es zwischen ihr und ihrem Mann funktionierte. Und was machte dieser Kerl? Er hatte mich versetzt, um die Nacht in einem Aufreißer-Schuppen zu verbringen. »Verschmähte Frau in Rage« brachte nicht mal ansatzweise auf den Punkt, was ich fühlte, während ich den Club nach ihm absuchte.

Dann sah ich ihn. Er saß im hinteren Teil des Ladens an einem Tisch. Vor ihm stand ein halb leeres Bierglas. Ich knirschte mit den Zähnen, und das Blut schoss mir in den Kopf, als ich mit meiner schlimmsten Befürchtung konfrontiert wurde.

Neben Ramirez saß eine Frau – eine große Frau. Und wenn es etwas auf dieser Welt gab, das mein ein Meter fünfundfünfzig großes Ich noch mehr hasste, als abgeschossen zu werden, dann war das, für eine große Frau abgeschossen zu werden.

Ihre Beine waren fast so lang wie mein gesamter Körper. Sie hatte sie unter dem Tisch übereinandergeschlagen und trug einen winzigen Lederminirock. Auch ihr Oberteil ließ nicht viel Raum für Fantasie. Der Ausschnitt reichte ihr bis zum Bauchnabel und gab den Blick auf ein Dekolleté frei, bei dem ganz offensichtlich etwas nachgeholfen worden war. Darüber hatte sie ein kurzes, rotes Bolerojäckchen an, das eher als modisches Accessoire diente, als etwas zu bedecken. Ihr langes Haar trug sie offen. Es schien ihren Rücken herabzufließen und verlieh ihr ein geheimnisvolles, exotisches Aussehen, wie es bei einer englisch-irischen Promenadenmischung wie mir niemals der Fall sein würde.

Und dann legte sie ihm auch noch eine Hand auf den Oberschenkel.

Ich spürte, wie meine Nasenflügel zu beben begannen und ich meine Hände zu Fäusten ballte. Das war’s – Cop oder nicht: Ich würde ihm den Hals umdrehen.

Wie aus weiter Ferne rufend, hörte ich Dana: »Maddie, warte!«, aber ich konnte mich nicht mehr bremsen, selbst wenn ich es gewollt hätte. Mein Körper hatte längst auf Autopilot umgeschaltet, als ich zielstrebig auf das glückliche Paar zumarschierte.

»Du Superarschloch!«, brüllte ich, sobald Ramirez mich hören konnte.

Ramirez drehte sich um und zog besorgt seine dunklen Augenbrauen zusammen, als er mich sah. Trotz meiner Wut war es, als hätte ich tausend Schmetterlinge im Bauch – wie immer, wenn ich ihn sah. Ramirez hatte den düsteren Gangster-Look perfektioniert. Sein schwarzes Haar war ein wenig zu lang, der Ausdruck in seinen dunkelbraunen Augen ein bisschen zu kühl und der geschmeidige Panther, den er auf den Arm tätowiert hatte, etwas zu groß, um von seinem schwarzen T-Shirt gänzlich verdeckt zu werden. Seine linke Augenbraue durchzog eine dünne, weiße Narbe, die sich deutlich von seiner gebräunten Haut abhob. Zudem besaß er stets einen sexy Bartschatten. Der Böser-Junge-, Schrägstrich Sexgott-Effekt, den er mit diesem Aussehen erzielte, bewirkte, dass die meisten Mädels bei seinem Anblick wie angewurzelt stehen blieben.

Meistens jedenfalls.

»Ich kann nicht glauben, dass du mir wegen der da abgesagt hast!«, schrie ich wütend und deutete auf die Amazone. Sie sah mich erstaunt an und ließ ihren Blick unruhig hin und her wandern, als wollte sie herausfinden, woher ich so plötzlich gekommen war.

»Maddie, was machst du hier?«, fragte Ramirez, die Augenbrauen immer noch besorgt zusammengezogen.

»Dasselbe könnte ich dich fragen.« Ich stach mit der Zeigefingerspitze auf seine im Fitnessstudio gestählten Brustmuskeln ein. »Wofür zum Teufel hältst du dich eigentlich? Denkst du wirklich, dass ich mich von dir an der Nase herumführen und dann wegen einer anderen Frau abschießen ließe?«

»Maddie«, sagte Ramirez leise und bestimmt. »Geh nach Hause. Ich erklär’s dir später.«

»Na klar! Ich geh jetzt nach Hause – damit du dich hier in aller Ruhe mit diesem Flittchen amüsieren kannst.« Inzwischen schrie ich so laut, dass die Paare an den angrenzenden Tischen trotz der wummernden Tanzmusik zu uns herüberstarrten.

»Wer ist das?« Die Amazone blickte unruhig zwischen mir und Ramirez hin und her. »Ich hatte Ihnen doch gesagt, dass Sie allein kommen sollen.«

»Maddie«, sagte Ramirez und durchbohrte mich förmlich mit seinem Blick. »Hör bitte auf damit!«

»Damit aufhören? Ich soll damit aufhören?! Was mache ich denn? Du bist doch derjenige, der sich mit abnorm großen Frauen trifft, obwohl du eigentlich mit mir verabredet warst!«

»Ramirez?«, fragte die Amazone und rutschte nervös auf ihrem Stuhl hin und her.

»Maddie«, sagte Ramirez in warnendem Tonfall.

»Du Bastard!«, schrie ich, griff nach dem halb leeren Glas und schüttete ihm den Inhalt ins Gesicht.

»Herrgott noch mal!«, prustete er, sprang auf und wischte sich Budweiser aus den Augenwinkeln.

»Und was Sie angeht …«, sagte ich und wandte mich der Amazone zu.

Doch ich kam nicht mehr dazu, meine Drohung auch auszusprechen.

Sie schnellte von ihrem Stuhl hoch, und bevor ich wusste, wie mir geschah, hatte sie einen Revolver aus ihrem kleinen, roten Bolerojäckchen hervorgezogen (ganz offensichtlich doch nicht nur ein modisches Accessoire) und mich bei den blonden Haaren gepackt. Ich stieß einen unterdrückten Schrei aus, als sie einen Arm um meinen Hals schlang und mich festhielt.

»Okay, keiner bewegt sich!«, rief sie den entsetzten Paaren um uns herum zu, deren Münder offenstanden, während sie staunend die Geschehnisse an unserem Tisch mitverfolgten. Die Amazone drückte den Revolverlauf gegen meine Schläfe. »Oder Blondie ist tot.«

2

Heiliger Bimbam! Der erste irrationale Gedanke, der mir durch den Kopf schoss, als ich den Revolverlauf der Amazone an der Schläfe spürte: Ramirez ließ mich also für eine Frau sitzen, die nicht nur groß, sondern auch noch total irre war! (Hey, ich weiß, irrational.) Im nächsten Augenblick kam Dankbarkeit hinzu – darüber, dass Ramirez über so gute Reflexe verfügte. In Sekundenbruchteilen hatte er seine Waffe gezogen und sie auf die Amazone gerichtet. Die beiden standen sich nun in einer Pattsituation gegenüber.

»Isabel, legen Sie bitte den Revolver hin«, kommandierte er und blieb trotz der allgemeinen Hysterie, die sich mittlerweile im Club ausbreitete, ruhig.

Kaum hatten die Amazone und Ramirez ihre Revolver gezogen, waren die Leute kreischend auseinandergelaufen. Das Survivor-Mädel hechtete gerade unter einen Tisch, die Soap-Schauspieler trampelten in ihrem Bemühen, den Ausgang zu erreichen, die Olsen-Zwilling-Doppelgängerin nieder, und der DJ ließ vom Mischpult ab und ging hinter den Lautsprechern in Deckung. Die einzigen Geräusche, die man vernahm, waren zersplitterndes Glas sowie ein hysterisches Stimmengewirr, in dem immer wieder die Frage nach dem Polizeinotruf laut wurde. Ich war mir ziemlich sicher, Danas Stimme dabei herauszuhören.

»Isabel«, versuchte Ramirez es noch einmal.

»Auf gar keinen Fall!«, rief die Amazone und verstärkte ihren Griff so sehr, dass mir schwindelig wurde. »Verdammt noch mal, auf keinen Fall!«

»Isabel, bleiben Sie ganz ruhig.«

»Ich will mich aber nicht beruhigen, Schweinehund. Das hier ist eine Falle. Ich habe doch gesagt, keine anderen Cops!«

»Sie ist nicht von der Polizei, Isabel«, stieß Ramirez zwischen zusammengepressten Zähnen hervor.

»Das stimmt!«, quietschte ich. »Selbst als Pfadfinderin war ich der totale Reinfall!«

»Schnauze«, befahl sie und drückte den Lauf des Revolvers noch fester gegen meine Schläfe.

Also hielt ich lieber den Mund.

»Isabel, hören Sie mir zu«, sagte Ramirez. Er kam Millimeter für Millimeter näher, die Hand mit der Waffe vor sich ausgestreckt. »Legen Sie einfach die Pistole hin, und Sie können gehen, wohin Sie wollen. Niemand muss verletzt werden.«

Sie schüttelte den Kopf, sodass ihr die langen schwarzen Haare ins Gesicht flogen. »Hmm, klar. Auf gar keinen Fall, Freundchen. Ich bin mir sicher, dass der Club bereits umstellt ist. Draußen warten schon die Cops auf mich. Sie haben mich reingelegt. Kommen Sie ja nicht näher!«

Ich hörte, wie Ramirez leise »Herrgott noch mal« knurrte, dann warf er mir einen weiteren bösen Blick zu. »Ich habe Ihnen keine Falle gestellt, Isabel. Sie ist …« Er hielt inne.

Ich hielt den Atem an und beugte mich vor. Eine Verabredung? Geliebte? Freundin? Zur Hölle noch mal, Mann, beende den Satz endlich!

»… eine gute Freundin«, schloss er schließlich.

Mistkerl!

»Mir ist scheißegal, wer oder was sie ist«, erwiderte die irre Isabel. »Sie wird mit mir mitkommen.« Sie lockerte ihren Griff ein wenig, fasste mit einer Hand meinen Arm und presste mir mit der anderen den Lauf des Revolvers in die Rippen.

»Und wagen Sie es ja nicht, mir zu folgen, Sie Bastard. Ich bringe sie um. Es würde mir nicht das Geringste ausmachen, ihr Gehirn im ganzen Club zu verteilen.«

Ich zuckte zusammen. Zugegeben, diese ganze Sache hier bewies mal wieder, dass ich ohnehin nicht besonders viel davon besaß. (Warum nur war ich nicht wie jedes normale Mädchen zu Hause geblieben und hatte mich mit neurotischen Selbstzweifeln geplagt?) Und dennoch wollte ich mein Gehirn gern in jenem Zustand belassen, in dem es sich gerade befand.

Ich konnte sehen, wie Ramirez seine Kiefermuskeln anspannte, seine Waffe jedoch nicht sinken ließ. »Tun Sie nichts Unüberlegtes, Isabel.«

Die Amazone beachtete ihn nicht, sondern zerrte mich rückwärts zum nächstgelegenen Ausgang. Ramirez blieb wie angewurzelt stehen, ließ uns aber nicht aus den Augen, während sich der Abstand immer weiter vergrößerte.

Was für ein Mist! Den eigenen Freund mit einer anderen Frau zu erwischen, war schon ziemlich blöd, aber das hier? Das hier war ein riesengroßer, gequirlter Haufen Scheiße.

Isabel schob sich durch den Notausgang und löste damit einen Feueralarm aus, der die hysterische Menschenmenge erneut in Panik versetzte. Einer der Barkeeper schrie: »Feuer!«, und ich konnte beobachten, wie zwei Mädels in Neckholder-Tops Dana aus dem Weg schubsten und sich wie Linebacker zum Vorderausgang durchboxten. Leider krachte meine Freundin in Mr »Na, wie wär’s«, sodass dieser rücklings stolperte und mit Ramirez kollidierte, der wiederum seinerseits nach hinten taumelte – was zur Folge hatte, dass er mit den Armen ruderte und die Waffe nicht mehr auf Isabel gerichtet war. Diese packte die Gelegenheit beim Schopf.

»Na los, Blondie«, sagte sie, als die Tür hinter uns zufiel. Ohne meinen Arm loszulassen, kickte sie ihre High Heels zur Seite und sprintete über den Parkplatz.

»Wohin laufen wir?«, fragte ich, während ich hinter ihr herstolperte, meinen Absatz verlor und mir den Zeh am Asphalt aufscheuerte.

»Mund halten!«, befahl sie, bevor sie plötzlich stoppte und den Parkplatz absuchte. »Ich brauche ein Auto.«

Ich zeigte auf einen grünen VW-Käfer. »Wie wäre es mit dem da?« Nicht, dass ich besonders interessiert daran gewesen wäre, ihr zur Flucht zu verhelfen. Aber ich dachte mir, je schneller sie hier wegkäme, desto besser stünden die Chancen, dass ich mir nicht vor Angst in die Hose pinkelte. Denn wenn es auf der Welt etwas gab, das ich hasste, dann waren es Waffen, die auf mich gerichtet wurden.

»Ein Käfer? Ich bin doch keine Zwergin!«, sagte sie und schüttelte ihr langes Haar.

Ich kniff die Augen zu Schlitzen zusammen. War das eine Anspielung auf meine Größe gewesen?

»Okay, was ist dann mit dem da?« Ich deutete auf einen blauen Pick-up mit einem COWGIRL-UP-Sticker auf der Heckscheibe.

Isabel ging auf mich los. »Halten Sie mich für einen Prolo?«

»Für eine Frau auf der Flucht sind Sie ganz schön wählerisch.«

»Halten Sie den Mund!« Isabel hielt mir schon wieder die Revolvermündung unter die Nase.

Die Chancen, dass ich mir heute doch noch in die Hose machte, stiegen enorm. Ich biss die Zähne zusammen.

Isabel blickte über meine Schulter hinweg und erspähte offensichtlich einen Wagen, der ihr gefiel. »Schon besser.« Sie verstärkte den Griff um meinen Arm und zerrte mich hinter sich her, bahnte sich den Weg durch die Reihen von parkenden Autos, bis wir an einem großen schwarzen Escalade ankamen, der in einer Ecke abgestellt worden war. Sie warf einen Blick durch das Fenster auf der Fahrerseite. Der Mann vom Parkservice hatte den Schlüssel stecken lassen.

»Na, wer sagt’s denn«, meinte sie mit einem irren Grinsen.

Isabel machte sich gerade am Türknauf zu schaffen, als die Tür des Notausgangs aufflog und Ramirez’ Stimme über den Parkplatz herüberhallte. »Isabel!«

Ohne eine Sekunde lang zu zögern, wirbelte die Gerufene herum, hob den Revolver und feuerte in die Richtung, aus der die Stimme kam. Eine Kugel schlug durch das Beifahrerfenster des Volkswagens.

»Verdammter Mist«, hörte ich Ramirez brüllen, während Isabel drei weitere Kugeln auf das Zwergenauto abfeuerte. »Maddie?«, rief er.

»Ich bin in Ordnung!«, schrie ich zurück. »Sie hat einfach was gegen den Käfer.«

»Schnauze!«, herrschte mich Isabel an. »Sind Sie komplett bescheuert? Was verstehen Sie nicht an: ›Mund halten‹?«

Ich presste die Lippen zusammen und machte eine Geste, die verdeutlichen sollte, dass mein Mund versiegelt und der Schlüssel weggeworfen worden war.

»Isabel, lassen Sie uns darüber reden. Gemeinsam kriegen wir das wieder in den Griff«, rief Ramirez aus seiner Deckung hinter dem VW zu uns herüber. In der Ferne konnte ich bereits vage das Heulen von Polizeisirenen hören.

Isabel musste sie auch wahrgenommen haben, denn ihre einzige Reaktion bestand darin, auf die hinteren Fenster des Käfers zu schießen. Offensichtlich war sie nicht in der Stimmung, zu reden.

Es hatte jedoch einen Vorteil, dass die Irre jetzt auf meinen Freund zielte: Die Waffe war nicht mehr auf mich gerichtet.

Ich holte tief Luft und trat mit meinem noch intakten Absatz so fest ich konnte auf ihren nackten Fuß.

»Teufel noch mal!«, schrie sie auf. Einen Moment lang war Isabel abgelenkt genug, um meinen Arm loszulassen. Mehr Zeit brauchte ich nicht. Ich drehte mich um und rannte auf einem Absatz so schnell ich konnte in die entgegengesetzte Richtung. Gerade noch rechtzeitig gelang es mir, hinter einen Ford Festiva zu hechten, schon konnte ich hören, wie eine Kugel den Reifen zerfetzte.

»Du blondes Miststück!«, kreischte Isabel und schickte mehrere Kugeln quer über den Parkplatz in meine Richtung.

Ich duckte mich, hob beide Hände schützend über den Kopf und betete, dass der Festiva nicht so kostensparend konstruiert worden war, wie er aus der Nähe den Eindruck machte. Wäre ich doch nur hinter einem Hummer in Deckung gegangen.

»Maddie?«, rief Ramirez wieder von der anderen Seite des Parkplatzes herüber. Aber ich war ehrlich gesagt starr vor Angst und konnte nicht antworten. Ich hockte einfach nur da, die Arme schützend über den Kopf gehoben, die Knie angezogen, und mein Herz schlug schneller als auf dem Stepper im Fitnessstudio, wenn Dana mich dazu anspornte, auf Stufe sechs zu beschleunigen.

Für einen Moment fielen keine weiteren Schüsse, dann erklang plötzlich das Geräusch quietschender Reifen. Ich lugte durch die zerschossene Heckscheibe des Festiva und konnte gerade noch sehen, wie Isabels lange Haare wild aus dem Fenster des Escalade flatterten, während der Wagen vom Parkplatz jagte.

»Maddie?« Zersplittertes Glas knirschte unter Ramirez’ Schuhen, als er über den Parkplatz zu der Stelle sprintete, wo ich noch immer in fötaler Haltung kauerte.

»Ich bin in Ordnung.« Sozusagen. Ich blickte an mir hinunter. Beim Sprung hinter den Festiva hatte ich mir beide Knie aufgeschlagen. Der große Zeh meines rechten Fußes blutete, sodass meine sorgsam pedikürten, pinkfarben lackierten Fußnägel wie aus einem Horrorfilm entsprungen aussahen, und auch meine Nina-Pumps würden nie wieder dieselben sein. Aber immerhin hatte ich mir nicht in die Hose gepinkelt.

»Ganz sicher?«, fragte Ramirez, der plötzlich an meiner Seite stand. Er richtete mich auf und untersuchte schnell meine Arme und Beine. Für meinen Geschmack etwas zu schnell, wenn Sie mich fragen. Es hätte mir nichts ausgemacht, wenn er mit seinen Händen ein bisschen länger auf meinen Oberschenkeln verweilt hätte. Jep, ich war dermaßen verknallt in Ramirez, dass selbst Schüsse meinem überaktiven Hormonhaushalt nichts anhaben konnten. Himmel, vielleicht sollte ich doch mal darüber nachdenken, Dana zum nächsten AS-Treffen zu begleiten.

»Mir geht’s gut, ehrlich«, sagte ich und verdrängte die unpassenden Gedanken wieder.

Beruhigt trat er einen Schritt zurück und musterte mich. Der besorgte Ausdruck in seinen dunklen Augen wich langsam der Wut – und es handelte sich dabei nicht um die Art, die man verspürte, wenn einen Vertreter genau zur Essenszeit anriefen. Es war eher jene, die einen überkam, wenn die neurotische Freundin eine irre Amazone dazu trieb, sie als Geisel zu nehmen, und das Ganze mit einem Schusswechsel endete, in dessen Verlauf auf einen geschossen wurde. Jep, das war genau die Art von Wut, die bewirkte, dass die kleine blaue Vene an seinem Hals pochend hervortrat und er seine Kiefermuskeln anspannte, bis sie härter waren als die Granitladentheke am Stand von Clinique.

Ich biss mir auf die Unterlippe, scharrte verlegen mit meinem absatzlosen Schuh auf dem Asphalt und musterte sein bierbeflecktes Shirt. »Ähem … Das mit dem Budweiser tut mir leid.«

Er schüttelte nur den Kopf und brummte wieder: »Herrgott noch mal«.

Zwei Stunden später wimmelte es auf dem Parkplatz des Cabana Clubs nur so von Polizisten, und Ramirez schaute immer noch böse zu mir herüber. In eine hässliche, grüne Decke gewickelt saß ich im Heck des Krankenwagens, wartete auf das Okay der Sanitäter und fühlte mich ungerecht behandelt. Immerhin hatte ich es ja nicht darauf angelegt, als Geisel genommen zu werden. Mal ganz abgesehen davon, dass ich nicht diejenige gewesen war, die auf ihn geschossen hatte. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir uns an diesem Abend ohnehin bei mir zu Hause befunden – und zwar ausgestreckt auf meinem Futon, wo wir uns dem »… oder so« gewidmet hätten. Folglich war dies alles Ramirez’ Schuld. (Was soll ich sagen? Zwölf Jahre katholische Mädchenschule haben mich gelehrt, solche Situationen ganz neu zu interpretieren.)

»Oh mein Gott, Süße, schau dir diesen Cop auf drei Uhr an«, bemerkte Dana, die neben mir stand. Nachdem die panischen Singles aus dem Club geflüchtet waren, hatte sie mich auf dem Parkplatz gefunden, wo ich gerade Polizeibeamten dabei zugesehen hatte, wie sie Absperrband um die Überreste des Volkswagens zogen. Ich war dankbar dafür, dass mir jemand die Hand hielt, zumal mir Ramirez mit seinen Blicken deutlich zu verstehen gab, dass wir beide nicht so schnell wieder Händchen halten würden. Doch der Anblick so vieler Männer in Uniform war zu viel für Miss Sexuelle Enthaltsamkeit.

Ich wandte mich nach links um.

»Nein«, korrigierte Dana und deutete nach rechts. »Ich sagte, auf drei Uhr.«

»Warum sagst du nicht einfach ›rechts‹?«, brummte ich und nahm das Objekt ihrer Begierde in Augenschein. Es war ein großer, schlanker Typ mit Hakennase und dunklem Haar, der eine blaue Uniform trug und in lässiger Haltung am Clubeingang stehend den Olsen-Zwilling befragte.

»Was für ein Prachtkerl!« Dana machte »Mmmmh«, was ich mir normalerweise nur für das Tiramisu im Gianni’s vorbehielt.

»Ich dachte, du übst in Sachen Männer zurzeit Zurückhaltung?«

»Mh, na ja … Oh!« Sie keuchte. »Maddie, auf elf Uhr! Blond, blaue Augen und trainierte Oberarme, für die man sterben möchte!« Fast hätte sie gesabbert.

»Dana, wann hattest du zum letzten Mal Sex?«

Sie seufzte und beobachtete, wie Mr Bizeps Glasscherben in einen Beweisbeutel tat. »Auf jeden Fall ist es zu lang her.« Sie legte den Kopf schief, als er sich über den VW beugte und dabei seinen Hintern präsentierte, der zugegebenermaßen sogar mich zum Hingucken animierte. »Am Montag. Vor ganzen vier Tagen!«

Oh Mann.

»Wenn ich eine Woche lang durchhalte, bekomme ich ein Abzeichen.«

»Dir ist aber schon klar, dass ich bereits Nagelhautverletzungen hatte, die länger als eine Woche angedauert haben?«

Dana ignorierte meine Bemerkung. »Oh-oh. Auf vier Uhr ist Ärger im Anmarsch.«

Ich wandte mich nach links.

»Nein.« Dana griff nach meinem Kinn und drehte meinen Kopf nach rechts. »Auf vier Uhr.«

»Oh-oh« war absolut berechtigt. Ramirez bahnte sich gerade seinen Weg durch Glassplitter, kriminaltechnische Beweiskegel und zerschossene Autoteile, um zu uns zu gelangen. Und so, wie er die Schultern zurückgenommen hatte, machte es nicht gerade den Eindruck, als wäre er auf nettes Geplänkel aus.

»Ähem, vielleicht sollte ich … ähem …« Dana sprach nicht weiter und lief zu der Menge von Gaffern herüber, die sich hinter dem Absperrband versammelt hatte, wobei sie klugerweise einen großen Bogen um den »bösen Cop« machte.

Dieser beachtete sie nicht weiter, als sie an ihm vorbeimarschierte, durchbohrte mich dafür aber förmlich mit seinem Blick. Die Arme vor der Brust verschränkt, baute er sich vor mir auf und schüttelte den Kopf. Seine verschlossene »Böser-Cop-Miene« erinnerte mich an jenen Gesichtsausdruck, den meine irisch-katholische Großmutter aufzusetzen pflegte, wenn sie mich im Alter von fünf Jahren gefragt hatte, von welchem »kreativen« kleinen Mädchen wohl ihre Küchenwände mit Fingerfarbe bemalt worden seien.

Schweigend und mit kühlem Blick musterte er mich. Ich biss mir auf die Unterlippe und schwor innerlich, nicht als Erste das Wort zu ergreifen. Okay, ich hatte diesen Abend ziemlich gegen die Wand gefahren. Aber er war selbst schuld daran – indem er sich mit dieser irren Isabel verabredet hatte.

Also saß ich die Situation aus, verschränkte ebenfalls die Arme vor der Brust und kniff die Augen zu Schlitzen zusammen.

Fünf volle Sekunden lang standen wir uns so gegenüber.

Jetzt raten Sie mal, wer zuerst einknickte.

»Okay, also, das war so: Ich hab mir diesen neuen, total süßen Tanga gekauft, und es wäre Verschwendung gewesen, ihn nur bei einem Fernsehabend zu Hause zu tragen. Und das Ganze hätte mir eigentlich auch überhaupt nichts ausgemacht, wenn unser ›… oder so‹ nicht von dir abgesagt worden wäre. Im Gegensatz zu Dana hatte ich seit über einer Woche kein ›… oder so‹ mehr – bei den AS reicht das sogar aus, um ein Abzeichen zu erhalten! Und dann ist dir was dazwischengekommen, und du wolltest nicht, dass ich deine Freunde kennenlerne. Und das, obwohl ich überhaupt nicht klammere. Und dann fand deine Verabredung auch noch in so einem Aufreißer-Schuppen statt. Ich meine, du hättest mir ruhig sagen können, dass sie bewaffnet ist, dann wäre ich nicht gekommen. Oder hätte zumindest draußen gewartet. Also, es tut mir leid, dass auf dich geschossen wurde.«

Ramirez schüttelte den Kopf, sodass ich mir nicht sicher war, ob er mich bedauernswert fand oder sich ein Lächeln verkniff. »Maddie, hast du tatsächlich gedacht, ich hätte hier ein Date?«

»Ähem, nun ja – ja. Ich meine, bei der Nachricht, die du hinterlassen hast, und dem Schuppen, was hätte ich da auch sonst annehmen sollen?«

Ramirez rollte mit den Augen. »Isabel ist eine Informantin, Maddie. Sie ist die Freundin von einem der größten Drogendealer in Los Angeles, und wir haben uns getroffen, weil sie mir Details bezüglich der nächsten Lieferung übermitteln wollte. Informationen, die wir gut hätten gebrauchen können, um diese Leute von der Straße zu kriegen.«

Je länger er sprach, desto mehr schrumpfte ich gefühlt zusammen. »Ups.«

»Ups?!« Er zog eine Augenbraue hoch. »Ups! Sieben Verletzte, Tausende Dollar Sachschaden, ein gestohlenes Auto und drei Wochen investigative Arbeit für die Katz – und alles, was dir dazu einfällt, ist ›Ups‹?«

Wenn ich noch mehr in mich zusammengesunken wäre, hätte ich meinen kaputten Schuh von unten betrachten können. »Ups, es tut mir leid?«

Er kniff die Augen zusammen und machte ganz tief unten in seiner Kehle ein knurrendes Geräusch.

Unvermittelt wünschte ich mir, Isabel hätte mich mitgenommen.

»Es wäre eine Sache«, stieß er zwischen zusammengepressten Zähnen hervor, »wenn wir es hier mit einem Einzelfall zu tun hätten. Aber das war nicht das erste Mal, dass du in eine Polizeiaktion geplatzt bist. Wie soll ich das denn jetzt bitte meinen Vorgesetzten erklären?«

Ich biss mir wieder auf die Unterlippe und lutschte damit endgültig auch noch den letzten Rest meines Lipglosses herunter. Er hatte recht. Leider war es nicht das erste Mal, dass ich meine Nase in seine Polizeiarbeit steckte. So waren wir uns schließlich über den Weg gelaufen. Er hatte wegen Verdachts auf Betrug und später auch Mord gegen meinen Exfreund, einen bekannten Anwalt, ermittelt. Ich selbst war unfreiwillig mitten in die polizeilichen Untersuchungen geraten, als ich ein Brustimplantat der wahren Mörderin zum Platzen gebracht und ihr meinen Stiletto in die Halsschlagader gerammt hatte. Und im darauffolgenden Herbst war da noch dieser Zwischenfall gewesen, in den neben meinem Vater auch noch eine ganze Horde Dragqueens und die Mafia verwickelt gewesen waren. Eine Sache, die damit geendet hatte, dass ich entführt wurde und Dana einem Typen mit ihrer Waffe ein Loch in die Brust gepustet hatte. Folglich konnte ich durchaus verstehen, warum diese Angelegenheit hier ein wunder Punkt war. Seine Vorgesetzten mal ganz außen vor gelassen.

»Hör zu, Jack, es tut mir echt total leid.«

Er holte tief Luft und schüttelte abermals den Kopf. Dann öffnete er den Mund, um etwas zu sagen, wurde jedoch von dem Beamten mit dem sexy Hintern unterbrochen.

»Hey, Ramirez?«

»Was ist?«, rief er über die Schulter zurück.

»Der Boss ist dran.« Der Typ mit dem Hintern aus Stahl hielt ein Handy in die Höhe. »Er möchte mit Ihnen sprechen.«

Ramirez schloss für zwei Sekunden die Augen. »Verdammter Mist.« Er drehte sich um und nahm das Handy entgegen, hielt dann jedoch inne, um mit einem Finger in meine Richtung zu zeigen. »Und du – gehst jetzt nach Hause. Wir reden später weiter.«

Ich nickte verschämt. Später war gut. Später würde er Zeit gehabt haben, sich zu beruhigen, sodass er diese Sache mit seiner pochenden Halsschlagader hoffentlich wieder unter Kontrolle hatte.

Nachdem Stahlhintern meine Aussage aufgenommen hatte (ich versuchte, die Ereignisse des Abends so wiederzugeben, dass nicht der Eindruck entstand, sein Kollege ginge mit einer Verrückten aus) und die Sanitäter mir endlich erlaubt hatten, zu gehen (Kratzer und unattraktive blaue Flecken, aber nichts Schlimmeres), sackte Dana mich ein und fuhr mich in ihrem Saturn nach Hause. Sie bot mir zwar an, die Nacht bei mir zu verbringen, aber als ich sah, wie sie bei jedem Typen, an dem wir vorbeikamen, fast zu sabbern anfing (selbst vor dem Tankwart der Chevron-Tankstelle mit den fettigen Haaren machte sie nicht halt), gewann ich den Eindruck, dass sie ihr AS-Treffen dringender brauchte als ich eine Freundin zum Händchenhalten.

Also erklomm ich die Treppe zu meiner gemütlichen Einzimmerwohnung im zweiten Stock allein. Gemütlich und bequem sind natürlich die unter Immobilienmaklern gebräuchlichen Umschreibungen für winzig. Ein ausziehbares Futonbett, ein Zeichentisch und drei Dutzend Paar Schuhe sorgten dafür, dass mein Apartment überfüllter als Paris Hiltons Blackberry wirkte. Immerhin befand sich das Meer in der Nähe, es war relativ ruhig, und jetzt kommt das Wichtigste: Ich konnte es mir bequem leisten.

Als junges Mädchen hatte ich davon geträumt, Laufstegmodel in Paris zu werden. Aber da ich, wie bereits erwähnt, größentechnisch nicht einmal an Tom Cruise heranreichte, vereitelten die Gene meine Karrierepläne. Stattdessen besuchte ich die Kunsthochschule und schaffte einen Abschluss in Modedesign – Schuhdesign, um genau zu sein. Leider klingt der Job glamouröser, als es sich auf dem Konto bemerkbar macht. Als unbekannte Designerin war es mir bisher lediglich gelungen, regelmäßig Projekte bei dem Kinderschuhhersteller Tot Trots zu ergattern. Doch dank meiner jüngsten Zusammenstöße mit dem Gesetz wurden auch diese Aufträge immer seltener. Sicher, ich arbeitete immer noch an den Pretty-Pretty-Princess-Lacklederschuhen, die bereits zu Ostern herausgebracht werden sollten, aber den Zuschlag für die Superman-Badelatschen sowie die komplette Sommerkollektion wasserfester Sandalen mit Disneymotiven hatte jemand anderes bekommen. In der Hoffnung, eines Tages mehr entwerfen zu dürfen als SpongeBob-Pantoffeln, war ich deshalb ein wenig freiberuflich tätig geworden – und zwar tatsächlich, Wunder gescheh’n – im Bereich Erwachsenen-Modelle. Ich hatte also zum Geburtstag meines Vaters ein Paar lilafarbene, mit Pailletten verzierte High Heels in Größe siebenundvierzig designt und diese auch selbst hergestellt. (Ja, Sie haben richtig gehört: »Vater«. Er ist Tänzer in einer Las-Vegas-»Showgirl«-Revue mit ausschließlich männlicher Besetzung.) Und neulich erst hab ich letzte Hand an mein erstes Paar Maddie-Originale angelegt, die ich selbst tragen wollte: pinkfarbene Pumps mit Sieben-Zentimeter-Absätzen, Lederriemchen und winzigen Strassverzierungen an den Schnallen. Alles in allem war ich ziemlich stolz auf mein Werk.

Ich schloss die Tür zu meinem Apartment auf, streifte meine ruinierten Pumps von den Füßen und ging erst einmal duschen, um mir vorsichtig alle Glassplitter aus dem Haar zu spülen. Mit einem übergroßen Guns-N’-Roses-T-Shirt bekleidet, ein Überbleibsel aus Collegetagen, rollte ich mich schließlich mit der Fernbedienung in der Hand auf meinem Futon zusammen. Drei Folgen Cheers später war ich fest eingeschlafen.

Ich war mir nicht sicher, wie lange ich geschlafen hatte, aber ich wusste, dass es nicht lang genug gewesen sein konnte. Das Klingeln des Telefons riss mich aus dem Tiefschlaf und aus einem herrlichen Traum von Ramirez und mir, in welchem wir uns in horizontaler Lage auf meiner Küchenanrichte vergnügt hatten. Mühsam öffnete ich ein Auge und warf einen Blick auf die Digitaluhr an meinem Bett: Viertel nach sechs. Uuuh … Ich bin nicht unbedingt das, was man einen Morgenmenschen nennt. Ich bin mehr der »Um-zehn-aus-dem-Bett-stolpern-und-beim-nächsten-Starbucks-haltmachen«-Typ. Was auch der Grund dafür sein mochte, warum meine Stimme sich rau wie Sandpapier anhörte, als ich »Hallo?« ins Telefon krächzte.

»Maddie! Oh mein Gott, Liebes, was ist passiert?«

Instinktiv hielt ich den Hörer weiter von meinem Ohr weg. Um Viertel nach sechs sollte es niemandem erlaubt sein, dermaßen laut zu sprechen.

»Mom?«, krächzte ich. »Du musst nicht so schreien. Ich kann dich gut verstehen.«

»Tut mir leid. Ich rufe dich vom Handy aus an, Häschen«, brüllte sie immer noch.

Ich spürte, wie es hinter meiner Stirn zu pochen begann.

»Maddie, was ist denn los? Ich war gerade mit Mrs Rosenblatt beim Frühstück, und da haben wir einen Mann am Nebentisch gesehen, der im L.A. Informer blätterte. Liebes, dein Foto ist auf dem Titel. Du warst letzte Nacht in einen Schusswechsel verwickelt?«

Ich schlug mir mit der Handfläche gegen die Stirn. War ja klar. Ließ man es zu, dass das widerlichste Boulevardblatt in ganz Los Angeles über ein einfaches Missverständnis zwischen einem Mädchen und ihrem Kerl berichtete, wurde daraus prompt ein Wild-West-Showdown am O.K. Corral. »Es war kein Schusswechsel, Mom. Nur ein … Missverständnis.« Okay, zugegeben, sprach man es laut aus, kam die Informer-Version der Wahrheit tatsächlich näher.

»Geht es dir gut? Dort stand, dass du als Geisel genommen wurdest!«

Ich stöhnte. »Mom, es geht mir gut. Ganz ehrlich.«

»Oh, Liebes, ich bin schon unterwegs zu dir.«

»Nein!« Ich schrie fast in den Hörer. Verstehen Sie mich jetzt nicht falsch, ich liebe meine Mutter. Aber bei ihrem letzten Besuch hatte sie darauf bestanden, meinen Wäscheschrank neu zu organisieren, meine Herdplatten mit Aluminiumfolie abzudecken und mein Apartment nach Feng-Shui-Regeln neu einzurichten, mit dem Ergebnis, dass mein Fernseher im Badezimmer und mein Futon neben dem Kühlschrank gelandet waren. »Nein, es geht mir wirklich gut, Mom. Es ging mir nie besser.« Mal abgesehen von dem Kopfschmerz, der sich immer weiter in meinem Schädel auszubreiten schien.

»Nicht doch, Mads, versuch jetzt nicht, die Erwachsene und Unabhängige zu spielen. Ich weiß ganz genau, wann mein kleines Mädchen mich braucht.«

»Mom …«

»Nein. Keine Chance.«

»Aber …«

»Und auch kein Aber.«

Ich rieb mir die Schläfen und hoffte inständig, noch immer die Großpackung Aspirin in der Handtasche zu haben. »Okay, was hältst du davon: Ich komme später bei dir im Salon vorbei? Dann musst du nicht so weit fahren und ich kann gleichzeitig noch meinen Pediküretermin wahrnehmen?«, fragte ich, in der Hoffnung, dass dieser Kompromiss meine Wohnung vor weiteren Neuarrangements bewahren würde.

Meine Mutter schwieg und dachte nach. Zum Glück wusste ich, wie sehr sie es hasste, auf der 405 zu fahren. »Nun ja, wenn du dir sicher bist, dass bei dir alles in Ordnung ist …«

»Ich bin so munter wie ein Fisch im Wasser!«, bekräftigte ich und versuchte es mit kesser Cheerleader-Fröhlichkeit.

»Na gut. Warum kommst du nicht nach dem Frühstück im Fernando’s vorbei und erzählst mir alles?«

Ich seufzte erleichtert. »Wunderbar. Dann bis später.«

Dann legte ich auf und ließ mich wieder in die Kissen fallen. Es war nun zwanzig Minuten nach sechs, und ich hatte bereits die erste Krise bewältigt. Das versprach, ein großartiger Tag zu werden.

3

Der Friseursalon Fernando’s befand sich in der superschicken, megateuren Gegend zwischen Beverly Hills und Brighton Avenue, nur einen Block vom Rodeo Drive entfernt, direkt im Zentrum von Beverly Hills’ goldenem Dreieck. Es war die Art von Geschäftsvierteln, in welcher der Champagner kostenlos ausgeschenkt wurde und Pumps mehr als ein kleines Land kosteten. Mein Stiefvater, Ralph (von mir immer liebevoll Faux Pa genannt), hatte sein erstes Geschäft in einer kleinen Einkaufsstraße in Chatsworth eröffnet, sich aufgrund seines herausragenden Frisier- und Färbetalents jedoch schnell einen Platz in den Herzen (und an den Haarschöpfen) der Reichen und Fast-Berühmten gesichert. Da ein Salon mit dem Namen »Ralph’s« jedoch nicht so recht mit den klangvolleren Namen des Viertels wie Versace, Blahnik und Vuitton zusammenpassen wollte, hatte sich Ralph quasi neu erschaffen, und er hegte seine falsche spanische Abstammung ebenso, wie er zweimal wöchentlich zum Bräunungsspray zu greifen pflegte – und voilà: Schon war Fernando, der europäische Haarkünstler, geboren.

Als ich ihn zum ersten Mal getroffen hatte, war ich davon überzeugt gewesen, er sei schwul. Doch in Anbetracht der Tatsache, dass meine Mutter und er seit mittlerweile neun Monaten miteinander verheiratet waren, ging ich nun davon aus, mich wahrscheinlich geirrt zu haben.

Neben seinem Geschick am Haartrockner überzeugte Faux Pa als ziemlich begabter Inneneinrichter (hey, ich sagte: wahrscheinlich), was durch die Metamorphosen veranschaulicht wurde, die sein Salon alle paar Monate durchlief. Als ich dieses Mal durch die auf Hochglanz polierten Glastüren marschierte, erwartete mich ein Karibik-Thema. Die Wände hatte Faux Pa in einem verwaschenen Türkisblau gestrichen, und an der Decke hingen verknotete Seile, die an Girlanden erinnerten. Alles war mit farbenfrohen Bildern von exotischen Stränden sowie Teilen von Fischernetzen gepflastert und wurde hier und da durch auf alt getrimmte Pflanzkübel, in denen üppige Grünpflanzen und bunte, tropische Blumen wuchsen, aufgelockert. Selbst den Empfangstresen hatte er mit weißen Schindeln vertäfelt und ihn an seinen Seiten mit Blumengirlanden aus Seide beklebt. Außerdem – und das ist jetzt kein Scherz – stand in einer der Ecken ein etwa ein Meter hoher Vogelkäfig mit einem hellgrünen Papagei darin.

Als ich mich der Theke näherte, begann er laut zu krächzen. »Hips don’t lie. Kraaah!«

Ich wandte mich an Marco, Faux Pas Empfangschef, schmal gebaut, spanischstämmig und wahrscheinlich die einzige Person auf der Welt, die genauso süchtig nach Project Runway war wie ich. »Was hat er da eben gesagt?«, erkundigte ich mich.

Marco rollte mit den lidstrichumrandeten Augen. »Ach, Herzchen, hör mir bloß damit auf«, sagte er gedehnt mit unverfälschtem San-Francisco-Akzent. »Der vorherige Besitzer war anscheinend ein großer Popmusik-Fan. Dieser verdammte Vogel trällert schon den ganzen Tag über Shakira.« Marco drohte dem Vogel mit erhobenem Zeigefinger. »Jetzt ist aber Schluss, Pablo, du böser Junge!«

Pablo, der Papagei, legte den Kopf schief. »Hips don’t lie. Kraaah.«

»Ay, ay, ay!« Marco schnalzte mit der Zunge und verdrehte abermals die Augen. »Ein netter, ruhiger Goldfisch war ja nicht drin. Neeiiin, es musste ja unbedingt ein Papagei sein.«

»Tut mir leid«, erwiderte ich mitfühlend.

»Also …« Marco beugte sich über den Empfangstresen. »Ich habe von der Schießerei gehört, in die du gestern Abend verwickelt warst. Seeehr spannend«, sagte er.

Diesmal rollte ich mit den Augen. »Das war keine Schießerei. Das war einfach nur … ein Missverständnis.« So lautete meine Version, und ich würde daran festhalten.

»Erzähl mir alles, Liiiebste«, ermunterte er mich.

Da Marco Tratsch so sehr brauchte wie die Luft zum Atmen, und der Informer sich der Story ohnehin schon angenommen hatte, berichtete ich ihm schließlich alle Details dieses wenig glanzvollen Augenblicks in meinem Leben. Und da mich die Geschichte in der Tat nicht gerade glänzen ließ, fühlte ich mich beim Erzählen immer schlechter und schlechter. Himmel, hatte ich wirklich geglaubt, Ramirez würde mich betrügen? Wie paranoid war ich eigentlich? Ehrlich gesagt hatte Ramirez alles Recht der Welt, wütend auf mich zu sein. Da gab es nichts zu leugnen. Nur ich war dazu in der Lage, ein abgesagtes Date in eine ausgewachsene Schießerei zu verwandeln.

Ich meine natürlich, in ein Missverständnis.

Getreu seinem Ruf, Beverly Hills’ Tratschtante Nummer eins zu sein, hing Marco förmlich an meinen Lippen, und als ich zu dem Teil kam, wo Ramirez mir die kalte Schulter gezeigt hatte, schien er fast in Ohnmacht zu fallen und begann, sich Luft zuzuwedeln. »Dieser Mann ist schärfer als das Chili con Carne meiner Mutter, Herzchen.«

Dem war nicht zu widersprechen. Leider besaß er jedoch auch das entsprechende Temperament. »Ja, nun ja, ich nehme an, dass er momentan ein bisschen wütend auf mich ist. Und wenn wir schon von wütenden Leuten sprechen …« Ich ließ meinen Blick durch den Raum schweifen und suchte die Frisierstationen und summenden Trockenhauben ab. »Sind Mom und Ralph da?«

»Fernando«, korrigierte mich Marco, »kümmert sich gerade um eine Kundin. Er frisiert derzeit Mrs Banks.« Er beugte sich vor und flüsterte so laut, dass das ganze Tal hätte mithören können: »Tyras Mom.«

»Oh.« Ich nickte, angemessen beeindruckt.

»Aber deine Mutter ist hinten und macht eine Pediküre.« Marco zeigte auf den hinteren Teil des Salons, wo eine Reihe von Fußbadewannen die türkisfarbene Rückwand flankierte.

»Danke.« Ich winkte zum Abschied.

»Hips don’t lie, Hips don’t lie!«, hörte ich es hinter mir krächzen. Dann ein weiteres »Ay, ay, ay …« von Marco.