Honeymoon - Harlan Coben - E-Book

Honeymoon E-Book

Harlan Coben

5,0
9,99 €

Beschreibung

Für Exmodel Laura und Basketballstar David war es Liebe auf den ersten Blick. Nach der Hochzeit scheint das Glück perfekt – bis es auf der Hochzeitsreise zur Katastrophe kommt: Bei einem morgendlichen Ausflug zum Strand verschwindet David spurlos und wird nach vergeblicher Suche zum Opfer der tückischen Strömung erklärt. Laura ist ebenso fassungslos wie ungläubig. David war Leistungssportler, ist er wirklich ertrunken? Oder steckt etwas anderes hinter seinem Verschwinden? Hat sie dem falschen Mann vertraut? Laura stellt eigene Nachforschungen an und kommt einer Verschwörung auf die Spur, die mehr als nur ein Opfer fordern wird ...

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Buch

Für Exmodel Laura und Basketballstar David war es Liebe auf den ersten Blick. Nach der Hochzeit scheint das Glück perfekt – bis es auf der Hochzeitsreise zur Katastrophe kommt: Bei einem morgendlichen Ausflug zum Strand verschwindet David spurlos und wird nach vergeblicher Suche zum Opfer der tückischen Strömung erklärt. Laura ist ebenso fassungslos wie ungläubig. David war Leistungssportler, ist er wirklich ertrunken? Oder steckt etwas anderes hinter seinem Verschwinden? Hat sie dem falschen Mann vertraut? Laura stellt eigene Nachforschungen an und kommt einer Verschwörung auf die Spur, die mehr als nur ein Opfer fordern wird …

Weitere Informationen zu Harlan Coben sowie zu lieferbaren Titeln des Autors finden Sie am Ende des Buches.

Harlan Coben im Goldmann Verlag:

Kein Sterbenswort. Thriller

Kein Lebenszeichen. Thriller

Keine zweite Chance. Thriller

Kein böser Traum. Thriller

Kein Friede den Toten. Thriller

Das Grab im Wald. Thriller

Sie sehen dich. Thriller

In seinen Händen. Thriller

Wer einmal lügt. Thriller

Ich vermisse dich. Thriller

Ich finde dich. Thriller

Ich schweige für dich. Thriller

In ewiger Schuld. Thriller

In deinem Namen. Thriller

Honeymoon. Thriller

Die Thriller mit Myron Bolitar:

Das Spiel seines Lebens·Schlag auf Schlag·Der Insider·Preisgeld·Abgeblockt·Böses Spiel·Seine dunkelste Stunde·Ein verhängnisvolles Versprechen·Von meinem Blut·Sein letzter Wille·Der Preis der Lüge

Alle Bücher sind auch als E-Book erhältlich.

HARLAN COBEN

Honeymoon

Thriller

Deutsch vonCharlotte Breuer und Norbert Möllemann

Die Originalausgabe erschien 1990 unter dem Titel »Play Dead« bei British American Publishing, Latham, NY.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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Deutsche Erstveröffentlichung August 2019

Copyright © 1990, 1993 der Originalausgabe by Harlan Coben

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2019

by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: FinePic®, München

Redaktion: Anja Lademacher

Th · Herstellung: kw

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-17847-5V001

www.goldmann-verlag.de

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Vorbemerkung des Autors

Okay, wenn dies das erste Buch von mir ist, das Sie in der Hand haben, legen Sie es am besten gleich weg. Geben Sie es zurück. Suchen Sie sich ein anderes aus. Kein Problem. Ich warte.

Falls Sie aber immer noch dranbleiben sollten, denken Sie bitte daran, dass ich Honeymoon seit mindestens zwanzig Jahren nicht gelesen habe. Ich wollte es nicht überarbeiten und als neues Buch ausgeben. Ich kann es nicht leiden, wenn ein Autor sowas macht. Dies ist also genau das Buch, das ich geschrieben habe, als ich ein naiver junger Kerl von Anfang zwanzig war, in der Reisebranche ­arbeitete und mich fragte, ob ich in die Fußstapfen meines Vaters und meines Bruders treten und – o Graus – Jura studieren sollte.

Ich urteile hart, aber tun wir das nicht alle, wenn es um unsere frühen Werke geht? Erinnern Sie sich noch an den Schulaufsatz, für den Sie eine Eins bekommen haben, den Aufsatz, unter den Ihr Lehrer »Großartig!« geschrieben hat? Wenn Ihnen der Aufsatz irgendwann beim ­Aufräumen in die Finger fällt und Sie ihn lesen, denken Sie: »Gott, was hab ich mir denn dabei gedacht?«

So geht es manchen Autoren auch mit ihren ersten ­Romanen.

Im Lauf der Jahre habe ich mir das eine oder andere aus diesem Buch hier geborgt – Namen, Orte, sogar die eine oder andere Figur. Einigen meiner treuen Leser wird das vielleicht auffallen, und es wird ihnen hoffentlich ein ­Lächeln entlocken.

Aber letztlich mag ich dieses Buch – mit all seinen Fehlern und Schwächen. Honeymoon hat eine Energie und Risikobereitschaft, die ich heute nicht mehr besitze. Die Jugend, so heißt es, ist eigentlich zu schade für junge Menschen. Dieser junge Mensch bin ich nicht mehr, aber das ist in Ordnung. Niemand stagniert in seinen Leidenschaften und in seinen Werken. Und das ist gut so.

Im Angedenken an meinen Vater,Carl Gerald Coben,den besten Dad auf der ganzen Welt

Prolog

29. Mai 1960

Es wäre ein Fehler, sie direkt anzusehen, während sie redete. Ihre Worte konnten ihm nichts anhaben, das wusste er, ihr Gesicht und ihr Körper schon.

Sinclair wandte sich ab und schaute aus dem Fenster, als sie die Tür schloss. Es war ein warmer Tag, draußen genossen viele Studenten die Sonne. Einige spielten Touch Football, aber die meisten hatten es sich mit Decken auf dem Rasen bequem gemacht, Pärchen kuschelten verliebt, neben sich offene Lehrbücher, so als hätten sie tatsächlich vorgehabt zu pauken.

Aus dem Augenwinkel sah er einen Blondschopf in der Sonne aufleuchten. Er schaute in die Richtung und erkannte die hübsche Kleine aus seinem Mittwochsnachmittagskurs, die allen den Kopf verdrehte. Sechs, sieben Jungs standen um sie herum und wetteiferten um ihre Aufmerksamkeit, um ein Lächeln von ihr. Aus einem Fenster dröhnte Buddy Hollys neuester Hit über den Rasen. Noch einmal schaute er zu der hübschen Blondine rüber, die allerdings der Brünetten, die hinter ihm stand, nicht das Wasser reichen konnte.

»Nun?«, fragte er.

Die schöne Frau nickte, dann merkte sie, dass er sie immer noch nicht anschaute. »Ja.«

Er seufzte schwer. Vor seinem Fenster entfernten sich ein paar der Jungs mit enttäuschter Miene von der Blondine, als hätten sie bei einem Wettbewerb schlecht abgeschnitten, was wohl tatsächlich der Fall war.

»Bist du dir sicher?«

»Natürlich bin ich mir sicher.«

Sinclair nickte, ohne recht zu wissen, warum. »Was hast du jetzt vor?«

Sie sah ihn ungläubig an. »Korrigiere mich, wenn ich mich irre«, sagte sie gereizt, »aber ich denke, du hängst da mit drin.«

Wieder nickte er ohne Grund. Auf dem Rasen war ein weiterer Jüngling aus dem Rennen geflogen, so dass nur noch zwei übrig blieben, die weiter um die Gunst der Blondine buhlten. Er ließ den Blick zu dem Touch-Football-Spiel hinüberwandern, wo gerade ein Ball durch die schwüle Luft segelte. Ein Junge mit nacktem Oberkörper streckte die Hände aus. Der Ball torkelte in seine Richtung, glitt von seinen Fingern ab und landete im Gras.

Sinclair konzentrierte sich auf das Spiel, spürte die Enttäuschung des Jungen, gab sich alle Mühe zu ignorieren, welche Macht die Frau hinter ihm über seine Gedanken hatte. Unwillkürlich wanderte sein Blick zurück zu der Blondine. Ein Sieger war erkoren worden. Der Zweitplatzierte verzog sich mit langem Gesicht.

»Würdest du dich bitte zu mir umdrehen?«

Ein Lächeln umspielte Sinclairs Mundwinkel, aber er war nicht so dumm, sich umzudrehen und sich ihren töd­lichen Waffen auszusetzen, zuzulassen, dass sie ihn mit ihrer Sinnlichkeit verzauberte. Er schaute zu dem jungen Mann hinunter, der gerade die Blondine erobert hatte. Selbst von seinem Fenster im ersten Stock aus konnte Sinclair die Begierde in seinen geweiteten Augen sehen, als er sich seiner Beute näherte. Er küsste das Mädchen. Seine Hände begannen zu wandern.

Der Sieger bekommt alles.

Er schaute zur Bibliothek hinüber, denn er hatte das Gefühl, die Privatsphäre der jungen Leute zu verletzen, jetzt, wo ihre Beziehung körperlich wurde. Er steckte sich eine Zigarette in den Mund. »Raus.«

»Wie bitte?«

»Verschwinde. Tu, was du willst, aber ich will dich nicht mehr hierhaben.«

»Das kann nicht dein Ernst sein.«

»Doch.« Er zündete sich die Zigarette an. »Ist es.«

»Aber ich wollte es …«

»Untersteh dich, es irgendwem zu erzählen. Es ist aus und vorbei.«

Einen Moment lang herrschte Stille. Als sie wieder sprach, klang ihre Stimme flehend, ihr Ton zerrte an seinen Nerven. »Aber ich dachte …«

Er sog den Rauch der Zigarette tief ein, so als wollte er sie mit einem einzigen Zug inhalieren. Vom Rasen her hörte er ein lautes Klatschen. Die Blondine hatte dem Jungen Einhalt geboten, als er versucht hatte, die Grenzen des unschuldigen Fummelns zu überschreiten. »Da hast du falsch gedacht. Und jetzt mach, dass du wegkommst.«

»Du Schwein«, flüsterte sie kaum hörbar.

Er nickte schon wieder, aber diesmal ganz und gar mit ihr einer Meinung. »Verschwinde einfach aus meinem Büro.«

»Du Schwein«, sagte sie noch einmal.

Er hörte die Tür zuschlagen. Ihre Schritte hallten vom Holzboden des Korridors wider, als die schönste Frau, die er je gekannt hatte, aus dem mit Efeu bewachsenen Gebäude stöckelte.

Er schaute aus dem Fenster ins Leere. Seine Welt verschwamm zu einem Gewirr aus grünem Rasen und braunen Backsteinmauern, während ihm der Kopf schwirrte mit Was-wäre-wenns.

Er sah ihr Gesicht vor sich. Er schloss die Augen, konnte das Bild jedoch nicht verscheuchen.

Ich habe das Richtige getan. Ich habe das Richtige getan. Ich habe …

Er riss die Augen auf. Panik überkam ihn. Er musste sie finden, er musste ihr sagen, dass er das alles nicht so gemeint hatte. Er wollte sich gerade in seinem Sessel umdrehen, aufspringen und hinter ihr herrennen, als er etwas Metallisches im Nacken spürte.

Ein eiskalter Schauder überlief ihn.

»Du Schwein.«

Ein Schuss zerriss die Stille.

1

17. Juni 1989

Laura öffnete das Fenster und spürte die tropische Brise an ihrem nackten Körper. Mit geschlossenen Augen genoss sie das wohlige Prickeln, das der Wind, der durch die Palmen fuhr, ihr bescherte. Ihre Beinmuskeln zitterten immer noch ein bisschen. Sie drehte sich zum Bett um und lächelte David an, der dieses Zittern bewirkt hatte.

»Guten Morgen, Mr Baskin.«

»Morgen?«, wiederholte David. Er warf einen Blick auf den Wecker auf dem Nachttisch. Es war ein stiller Tag, nur das Krachen der Wellen vor dem Fenster war zu hören. »Es ist schon Nachmittag, Mrs Baskin. Wir haben fast den ­ganzen Tag im Bett verbracht.«

»Ist das eine Beschwerde?«

»Ganz und gar nicht, Mrs B.«

»Dann hast du wohl nichts gegen noch ein bisschen Bewegung?«

»Was schwebt dir denn vor?«

»Wie wär’s mit Schwimmen?«

»Ich bin erledigt«, sagte er und ließ sich in die Kissen sinken. »Ich würde mich nicht mal bewegen, wenn das Bett in Flammen stünde.«

Laura lächelte verführerisch. »Sehr schön.«

Davids Augen weiteten sich vor Bewunderung, als sie langsam auf das Bett zukam. Er musste an den Moment denken, als er diesen Körper zum ersten Mal gesehen hatte, als die Welt diesen Körper zum ersten Mal gesehen hatte. Das war jetzt fast zehn Jahre her, und dann hatte es noch ganze acht Jahre gedauert, bis sie sich kennengelernt hatten. Als Siebzehnjährige hatte Laura ihr Debüt als Covergirl von Cosmopolitan gegeben, bekleidet mit – ach verdammt, wen interessierte schon das Kleid? Er studierte damals an der University of Michigan, und er erinnerte sich noch gut daran, wie ihm und den anderen Basketballspielern die Klappe runtergefallen war, als sie das Heft vor dem Final-Four-Spiel an einem Kiosk in Indiana gesehen hatten.

Jetzt tat er erschrocken. »Wo willst du hin?«

Ihr Lächeln wurde breiter. »Zurück ins Bett.«

»Bitte nicht.« Er hob abwehrend eine Hand. »Du machst mich krankenhausreif.«

Sie blieb nicht stehen.

»Aber nur mit Ecstasy«, sagte er. »Bitte.«

Sie kam näher.

»Ich schreie um Hilfe.«

»Mach doch.«

Kaum hörbar flüsterte er: »Hilfe!«

»Entspann dich, Baskin. Ich tu dir nichts.«

Er sah sie enttäuscht an. »Nicht?«

Sie schüttelte den Kopf und ging in eine andere Richtung.

»Warte«, rief er ihr nach. »Wo gehst du hin?«

»Zum Whirlpool. Ich würde dich ja einladen mitzukommen, aber ich weiß ja, wie müde du bist.«

»Es geht mir schon wieder besser.«

»Wirklich unglaublich, wie schnell du dich erholst.«

»Danke, Mrs B.«

»Aber du bist trotzdem nicht in Form.«

»Nicht in Form?«, wiederholte David. »So anstrengend ist es auch wieder nicht, gegen die Lakers zu spielen.«

»Du brauchst mehr Training.«

»Okay, Coach, ich werd mir mehr Mühe geben. Sag mir einfach, was ich tun soll.«

»In den Whirlpool«, befahl sie.

Sie warf sich einen seidenen Morgenmantel über die Schultern, um ihren phantastischen Körper zu bedecken, der sie zum bestbezahlten Model der Welt gemacht hatte, bis sie sich vor vier Jahren im zarten Alter von dreiundzwanzig Jahren aus dem Geschäft zurückgezogen hatte. David schlug die Satinlaken zurück und stand auf. Er war hochgewachsen, mit eins zweiundneunzig für einen professionellen Basketballer jedoch eher klein.

Laura betrachtete seinen nackten Körper voller Bewunderung. »Kein Wunder, dass es heißt, du hättest das Spiel revolutioniert.«

»Was meinst du damit?«

»Deinen Hintern, White Lightning. Die Frauen gehen nur deshalb zu den Spielen, um deinen Arsch übers Feld wackeln zu sehen.«

»Jetzt mach mal halblang.«

David ließ die runde Badewanne mit heißem ­Wasser volllaufen und schaltete die Massagedüsen ein. Dann entkorkte er eine Flasche Sekt und ließ seinen muskulösen Körper ins Wasser gleiten. Laura löste den Gürtel ihres Morgenmantels. Es war das Paradies. Alles war perfekt. Das Telefon klingelte.

Laura verdrehte die Augen. »Ich geh ran«, sagte sie nach kurzem Zögern, band den Gürtel wieder zu und ging wieder ins Schlafzimmer. David lehnte sich zurück und ließ die Beine im Wasser schweben. Die kraftvollen ­Wasserstrahlen massierten seinen schmerzenden Körper. Seine Muskeln brannten immer noch von den rauen Play-offs, ­obwohl die schon einen Monat her waren. Er lächelte. Die Celtics ­hatten gewonnen, es waren gute Schmerzen.

»Wer war das?«, fragte er, als Laura zurückkam.

»Niemand.«

»Niemand hat in Australien angerufen?«

»Nur einer von der Peterson Group.«

»Peterson Group?«, wiederholte er. »Ist das nicht die Firma, von der du möchtest, dass sie die Svengali-Linie im Südpazifik vertreiben?«

»Genau die.«

»Die Firma, mit der du seit einem halben Jahr ein Treffen zu arrangieren versuchst?«

»Du hast es erfasst.«

»Und?«

»Sie wollen sich heute mit mir treffen.«

»Und wann gehst du hin?«

»Ich gehe nicht hin.«

»Hä?«

»Ich hab denen gesagt, dass ich auf Hochzeitsreise und deswegen unabkömmlich bin. Mein Mann ist nämlich sehr besitzergreifend, weißt du.«

David seufzte laut. »Wenn du dir diese Gelegenheit durch die Lappen gehen lässt, wird dein Mann dir in den Hintern treten. Außerdem, wie willst du ihm den Lebensstil bieten, an den er sich gewöhnt hat, wenn du dir solche Riesenchancen entgehen lässt?«

Lauras Morgenmantel glitt zu Boden, und obwohl er ihren Körper so oft gesehen hatte, seit sie sich vor zwei Jahren ineinander verliebt hatten, blieb ihm die Spucke weg. Sie stieg zu ihm in den Whirlpool, schloss die Augen und stieß einen langen, wohligen Seufzer aus. David sah, wie ihre Brüste ins Wasser tauchten. Ihr schwarzes Haar breitete sich um ihre Schultern aus und rahmte ihr ebenmäßiges Gesicht ein.

»Keine Sorge«, sagte sie und öffnete ihre traumhaft blauen Augen. Sie schenkte ihm einen Blick, der Stahl durchdringen konnte. »Ich verspreche dir, dass es dir an nichts mangeln wird.«

Er schüttelte den Kopf. »Was ist nur aus dem karrieregeilen Miststück geworden, in das ich mich verliebt hab?«

Sie tastete mit einem Fuß zwischen seinen Beinen. »Sie mag es, wenn du obszön wirst.«

»Aber …«

»Vergiss es, Baskin. Ich werde meinen Mann keine Minute allein lassen.«

Er stöhnte. »Hör zu, wir haben drei ganze Wochen vor uns. Wenn ich drei Wochen lang vierundzwanzig Stunden am Tag mit dir verbringe, dreh ich durch. Geh hin, mir zuliebe. Geh zu diesem Treffen. Du gehst mir jetzt schon auf die Nerven.«

»Du Charmeur. Kein Wunder, dass ich dir verfallen bin.« Sie beugte sich vor und massierte ihm die kräftigen Waden. »Hab ich dir schon mal gesagt, dass du tolle Beine hast?«

»Schon oft. Was sollen all die Komplimente? Hast du vor, mir den Kopf zu verdrehen?«

Ihr Fuß kreiste noch ein wenig zwischen seinen Beinen und blieb dann dort liegen. »Fühlt sich an, als wäre mir das schon gelungen.«

Er sah sie schockiert an. »So redet die Frau, die letztes Jahr zur Geschäftsfrau des Jahres gekürt wurde? Ich bin verblüfft, beschämt … und erregt. Na ja, hauptsächlich erregt.«

Sie glitt dicht an ihn heran, so dass er ihre großen, festen Brüste spürte. »Dann sollten wir vielleicht was dagegen unternehmen.«

»Nur wenn du mir versprichst, dass du hinterher zu dem Meeting mit der Peterson Group gehst.«

Ihre Lippen fanden sein Ohr. »Manchmal versteh ich dich nicht«, flüsterte sie. »Es heißt doch immer, Männer würden sich von einer erfolgreichen Frau bedroht fühlen.«

»Du meinst, von sehr erfolgreichen Frauen«, korrigierte er sie stolz. »Und wenn ich zu diesen Männern gehörte, hättest du mir längst den Laufpass gegeben.«

»Niemals«, erwiderte sie sanft. »Aber wenn ich zu dem Meeting gehe, was machst du dann die ganze Zeit, während ich weg bin?«

Er packte ihre Pobacken mit seinen kräftigen Händen und hob sie über sich. Ihre Nippel waren nur Zentimeter von seinen Lippen entfernt. »Ich werd ein paar Körbe werfen«, sagte er. »Du hast ja eben selbst gesagt, dass ich schlecht in Form bin. Versprichst du’s mir nun oder nicht?«

Sie spürte seinen Atem an ihrer Haut. »Männer. Wenn sie sich durchsetzen wollen, schrecken sie vor nichts zurück, nicht mal vor Körpereinsatz.«

»Versprochen?«

Sie spürte seine Erektion unter sich. Sie wollte ihn in sich haben. Ein Beben ging durch ihren Körper. Sie brachte es mit Mühe fertig zu nicken.

Er ließ sie auf sein Becken sinken. Sie schnappte nach Luft, dann schrie sie auf und umschlang seinen Kopf mit den Armen. Ihr Körper bewegte sich vor und zurück, sie krallte sich in seinen Haaren fest und drückte sein Gesicht an ihre Brüste.

Laura stand aus dem Bett auf, küsste den schlafenden David sanft auf die Lippen und stieg unter die Dusche. Sie trocknete ihren geschmeidigen Körper ab, die langen, schlanken Beine. Sie schminkte sich kaum, legte nur einen Hauch Lidschatten auf. Ihr dunkler Teint brauchte kein Make-up, um ihren gottgegebenen Schimmer zu betonen. Laura zog ein graues Kostüm mit Svengali-Label an, dazu eine weiße Bluse.

Laura war vollbusig – ihre Brüste waren nicht riesig, aber als sie vor zehn Jahren als Model anfing, galten sie als zu groß, es hieß, sie könne nur für Badeanzüge und Gesichtsaufnahmen posieren. Ihre Agentur hatte von ihr verlangt, sich für Auftritte auf dem Laufsteg die Brüste abzubinden, was sie mit dem Argument abgelehnt hatte, dass Männer sich auch nicht die Hoden an den Oberschenkel binden würden. Aber nachdem sie einmal auf der Titelseite der Cosmopolitan gewesen war, konnte nichts mehr ihre Karriere aufhalten. An Lauras Gesicht und Körper konnte man sich gar nicht sattsehen, und zusammen mit Kolleginnen wie Paulina Porizkowa und Elle Macpherson trug sie dazu bei, dass Busen wieder gefragt war.

David öffnete die Augen, setzte sich auf und schaute die Frau an, die seit vier Tagen seine Ehefrau war. »Die Verwandlung ist komplett.«

»Verwandlung?«

»Von der Nymphomanin zur Geschäftsfrau mit Haaren auf den Zähnen. Der Typ von der Peterson Group tut mir jetzt schon leid.«

Laura lachte. »In ein, zwei Stunden bin ich zurück.« Sie legte ihre Ohrringe an und gab David einen Kuss. »Werde ich dir fehlen?«

»Kein bisschen.«

»Du Mistkerl.«

David schlug die Laken zurück und stand auf. »Küsst du auch deine Mutter mit diesen Lippen?«

Kopfschüttelnd ließ sie den Blick über seinen durchtrainierten Körper wandern. »Unglaublich«, murmelte sie. »Erwartest du wirklich von mir, dass ich auch nur eine Stunde lang von diesem Körper ablasse?«

»Oh, oh.«

»Was?«

»Es gibt ein Problem mit der Verwandlung, Captain. Ich spüre immer noch ein paar Moleküle der Nymphomanin unter der geschäftsmäßigen Fassade.«

»Da spürst du richtig.«

»Laura?«

»Ja?«

David nahm ihre Hand. »Ich liebe dich«, sagte er mit feuchten Augen. »Du machst mich zum glücklichsten Mann auf der Welt.«

Sie umarmte ihn und schloss die Augen. »Ich liebe dich auch, David. Ohne dich könnte ich nicht mehr leben.«

»Lass uns zusammen alt werden, Laura. Ich verspreche dir, dass ich dich immer glücklich machen werde.«

»Abgemacht«, sagte sie. »Ich hoffe, dass du Wort hältst.«

»Bis an mein Lebensende«, sagte er.

Da küsste Laura ihn, ohne zu ahnen, dass dies das Ende ihrer Flitterwochen war.

»Guten Tag, Ma’am«, sagte der Empfangschef.

»Guten Morgen«, erwiderte Laura lächelnd. Sie wohnten im Reef Resort Hotel in Palm Cove, gut dreißig Kilometer von Cairns entfernt. Das abgelegene Hotel war ein stilles Fleckchen Erde, ein lauschiges kleines Paradies mit Blick auf den Pazifik. Es lag verborgen unter jahrhundertealten Palmen und den üppigen tropischen Gewächsen Nordaustraliens. In welche Richtung man auch mit dem Boot hinausfuhr, man stieß unweigerlich auf das Great Barrier Reef, dieses farbenprächtige Meisterwerk der Natur mit seinen bizarren Korallen und exotischen Fischen, ein Unterwasserpark, von Menschen sowohl erkundet als auch bewahrt. In entgegengesetzter Richtung konnte man durch dichten Regenwald wandern, wo tosende Wasserfälle Erfrischung boten, oder Ausflüge in die Ausläufer des berühmten Outback machen. Es war ein Ort, wie es auf der Welt keinen zweiten gab.

Der Empfangschef sprach mit einem breiten australischen Akzent. »Ihr Taxi kommt in ein paar Minuten, Ma’am. Genießen Sie und Ihr Mann Ihren Aufenthalt bei uns?«

»Ja, sehr.«

»Es ist schön hier, nicht wahr?«, sagte der Mann voller Stolz. Wie die meisten Einheimischen hatte er von der intensiven Sonnenstrahlung einen braun-rötlichen Teint.

»Ja, es ist wunderbar.«

Der Mann klopfte mit dem Bleistift auf seinen Schreibtisch, während er sich nervös umblickte. »Darf ich Sie was Persönliches fragen?«

»Bitte.«

Er zögerte. »Ihren Mann hab ich gleich aus dem Fernsehen erkannt. Selbst hier draußen werden wichtige Basketballspiele übertragen – vor allem die von den Boston Celtics. Aber Sie kommen mir auch irgendwie bekannt vor, Ma’am. Sie waren doch früher auf den Titelseiten von Zeitschriften zu sehen, oder?«

»Ja, früher«, sagte Laura, verwundert darüber, wie weit verbreitet manche Zeitschriften waren und was für ein gutes Gedächtnis manche Leute hatten. Vier Jahre waren vergangen, seit Laura mit dem Modeln aufgehört hatte; seitdem war ihr Konterfei nur noch ein einziges Mal auf einer Titelseite erschienen, und zwar auf dem der letzten Novemberausgabe von Business Weekly.

»Wusste ich’s doch, dass ich Ihr Gesicht schon mal gesehen hab. Aber keine Sorge, Ma’am, ich sag’s nicht weiter. Ich werde dafür sorgen, dass Sie und Mr Baskin weiterhin ungestört bleiben.«

»Danke.«

Draußen hupte es. »Das wird Ihr Taxi sein. Schönen Tag!«

»Danke.« Sie ging nach draußen, nickte dem Fahrer zum Gruß zu und nahm auf der Rückbank Platz. Die Klimaanlage war so stark aufgedreht, dass es beinahe zu kalt war in dem Wagen, trotzdem war es angenehm, einen Moment lang aus der Hitze herauszukommen.

Laura lehnte sich zurück und sah zu, wie das tropische Blattwerk zu einer grünen Wand verschwamm, als das Taxi in Richtung Stadt fuhr. Hin und wieder tauchte ein kleines Haus inmitten des Grüns auf, der eine oder andere Bungalow, eine Poststation und ein Lebensmittelladen. Sie hielt die Aktentasche mit den Katalogen ihrer neuesten Svengali-Kollektion umklammert. Ihr rechtes Bein wippte ungeduldig auf und ab.

Laura hatte schon mit siebzehn als Model angefangen. Nach ihrem Debüt bei Cosmopolitan hatten Mademoiselle und Glamour sie noch im selben Monat auf der Titelseite gebracht, und die jährliche Bademodenausgabe von Sport’s Illustrated hatte ihren Namen dann allgemein bekannt gemacht. Das Titelfoto war bei Sonnenuntergang an der australischen Goldküste aufgenommen worden, achthundert Kilometer von Palm Cove entfernt. Auf dem Foto stand Laura knietief im Wasser, den Blick direkt in die Kamera gerichtet, während sie sich das nasse Haar aus dem Gesicht schob. Sie trug einen schwarzen, trägerlosen Badeanzug, der ihre Kurven betonte. Es wurde die meistverkaufte Bade­modenausgabe, die Sports Illustrated je verkauft hatte.

Von da an wuchs die Anzahl der Titelfotos und Werbefotos etwa im selben Tempo wie ihr Bankkonto. Es kam vor, dass sie in vier, fünf Monaten hintereinander auf dem Titelbild einer Zeitschrift erschien, aber anders als bei den meisten Models war nie eine Übersättigung zu spüren gewesen. Die Nachfrage ließ nicht nach.

Es war wirklich merkwürdig. Als Kind war Laura dick und unscheinbar gewesen. Ihre Klassenkameradinnen hatten sie gnadenlos verspottet wegen ihres Gewichts, ihrer strähnigen Haare, ihrer dicken Brillengläser, und als junges Mädchen hatten sie sie wegen ihrer Kleidung gehänselt, und weil sie sich nicht schminkte. Sie hatten sie beleidigt und ihr Spitznamen verpasst. Nirgendwo war Laura vor den Sticheleien ihrer Mitschülerinnen sicher gewesen, sie verfolgten sie auf dem Flur, auf dem Schulhof, im Sportunterricht.

Lauras Kindheit war die Hölle gewesen.

Manchmal wurde sie sogar von ein paar besonders beliebten Mädchen im Wald hinter dem Schulhof verprügelt. Aber die Schläge hatten Laura nie so wehgetan wie die verbale Grausamkeit. Der Schmerz eines Tritts oder einer Kopfnuss verging. Aber die gemeinen Worte blieben hängen.

Häufig kam Laura weinend von der Schule nach Hause und warf sich ihrer Mutter in die Arme, die eine der schönsten Frauen der Welt war und nicht verstehen konnte, warum ihre kleine Laura nicht das beliebteste Mädchen in ihrer Klasse war. Mary Simmons Ayars war schon immer außergewöhnlich schön und in der Schule sehr beliebt gewesen. Alle Mädchen hatten ihre Freundin sein wollen, und die Jungs hatten sich immer erboten, ihr die Schultasche zu tragen, und heimlich gehofft, ihre Hand halten zu dürfen.

Lauras Vater, ihrem lieben, guten Vater, brach es das Herz, seine Tochter so leiden zu sehen. Es drehte ihm den Magen um, wenn er sie abends in ihrem Zimmer weinen hörte. Auch er versuchte zu helfen, aber was konnte ein Vater in einer solchen Situation schon tun?

Einmal, als Laura in der siebten Klasse war, kaufte ihr Vater ihr ein teures weißes Designerkleid. Laura war hingerissen von dem Kleid. Sie war sich ganz sicher, dass es ihr Leben ändern würde. Sie sah hübsch aus darin. Ihr Vater bestätigte es ihr. Sie würde es zur Schule tragen, beschloss sie, und die anderen Mädchen würden bestimmt sehen, dass sie hübsch war. Sie würden sie endlich mögen – selbst Lisa Sommers, das hübscheste Mädchen in der Klasse. Sie würde in der Cafeteria mit den anderen am Tisch sitzen dürfen anstatt allein hinten in der Ecke. Sie würden sie einladen, mit ihnen Gummitwist zu spielen, anstatt ihr die kalte Schulter zu zeigen. Und vielleicht würde Lisa Sommers sie sogar fragen, ob sie nach der Schule noch mit zu ihr gehen wollte.

Vor lauter Aufregung konnte Laura in der Nacht vorher kaum schlafen. Am nächsten Morgen stand sie ganz früh auf, duschte sich und zog ihr neues Kleid an. Ihre ältere Schwester Gloria, die bei den Jungs sehr beliebt war, half ihr, sich fertig zu machen. Sie bürstete ihr das Haar und schminkte sie sogar ein ganz kleines bisschen. Dann trat sie zurück, damit Laura sich im Spiegel betrachten konnte. Sie musterte sich selbst mit kritischem Blick, aber sie fand, dass sie wirklich hübsch aussah.

»Was meinst du?«, fragte sie ihre Schwester hoffnungsvoll.

Gloria umarmte sie und streichelte ihr übers Haar. »Du siehst perfekt aus.«

Als sie zum Frühstück nach unten kam, lächelte ihr Vater sie an. »Ah, da kommt ja meine Prinzessin!«

Laura kicherte glücklich.

»Du siehst sehr hübsch aus«, sagte ihre Mutter.

»Heute werden die Jungs sich auf dem Schulhof um sie prügeln«, bemerkte ihr Vater.

»Soll ich dich zur Schule bringen?«, fragte Gloria.

»Au ja!«

Freudestrahlend ließ Laura sich von Gloria zur Schule begleiten. Am Tor zum Schulhof umarmte Gloria ihre kleine Schwester zum Abschied. Laura fühlte sich sicher und geborgen in den Armen ihrer Schwester. »Ich hab nach der Schule Cheerleadertraining«, sagte Gloria. »Wir sehen uns heute Nachmittag zu Hause, okay?«

»Okay.«

»Dann kannst du mir von deinem Tag berichten.«

Laura schaute ihrer Schwester nach, die die Straße hinunter in Richtung Highschool ging. Dann wandte sie sich ihrem Schulhof zu. Sie konnte es gar nicht erwarten, die Kommentare ihrer Mitschülerinnen zu hören, wenn sie sie sahen. Das würde ihr großer Tag werden. Endlich. Sie holte tief Luft und ging zu den Mädchen aus ihrer Klasse hinüber, die in einer Gruppe zusammenstanden.

Noch ehe es klingelte, kamen die ersten Bemerkungen. »Seht mal, die dicke Laura hat ein neues Zelt an!« Von überall her ertönten grausame Stimmen. »Sie sieht aus wie der weiße Wal!« »Hey, Dickmadam, können wir dich, so weiß, wie du bist, als Filmhintergrund benutzen?«

Lisa Sommers kam auf sie zu, musterte sie von oben bis unten und packte sie dann an der Nase. »Du bist widerlich«, zischte sie schadenfroh.

Alle lachten. Es war ein grausames Lachen, das in Lauras junges Herz schnitt wie eine scharfe Glasscherbe.

Nach der Schule lief sie weinend nach Hause. Dort angekommen setzte sie ein tapferes Gesicht auf und versuchte zu verbergen, dass Lisa Sommers ihr in der Pause ein Loch in ihr neues Kleid gerissen hatte. Aber Eltern spüren es ­sofort, wenn ihr Kind leidet. Als Lauras Vater das zerrissene Kleid fand, geriet er in Wut. Er stürmte in das Büro des Schuldirektors und berichtete ihm, was vorgefallen war. Die Mädchen wurden bestraft.

Aber das führte natürlich dazu, dass sie Laura noch mehr hassten.

Während ihrer leidvollen Schulzeit lernte Laura ungemein fleißig. Wenn sie schon nicht beliebt war, dann wollte sie wenigstens klug werden.

Außerdem hatte sie ja Gloria. Laura fragte sich oft, ob sie all die harten Jahre überlebt hätte ohne ihre besten Freunde: ihre Schulbücher und ihre Schwester Gloria. Gloria war eine dralle Sexbombe, auf die alle Jungs in der Schule scharf waren. Aber sie hatte auch ein großes Herz und war unglaublich liebenswürdig. Wenn Laura das Gefühl hatte, dass für sie die Welt zusammenbrach, nahm Gloria sie in die Arme und tröstete sie. Gloria versicherte ihr, dass alles gut werden würde, und eine Zeitlang war alles gut. Manchmal sagte Gloria sogar eine Verabredung mit einem Jungen ab, um zu Hause zu bleiben und Laura zu trösten. Sie nahm Laura mit ins Kino oder zum Bummeln in die großen Kaufhäuser oder ging mit ihr in den Park oder zum Rollschuhlaufen. Laura wusste, dass sie die beste Schwester der Welt hatte. Sie liebte Gloria über alles.

Und deswegen war Laura am Boden zerstört, als Gloria von zu Hause weglief und um ein Haar Selbstmord begangen hätte.

Lauras Metamorphose vollzog sich im Sommer vor dem elften Schuljahr. Ja, sie ging regelmäßig ins Fitnessstudio. Ja, sie begann, Kontaktlinsen zu tragen. Ja, sie machte eine Diät (das heißt, sie hörte praktisch auf zu essen). Aber all das hätte die große Veränderung nicht erklären können. All das mochte den Prozess beschleunigen, aber die Verwandlung hätte sich auch so vollzogen. Ihre Zeit war einfach gekommen. Ganz plötzlich blühte sie auf, und niemand in der ganzen Schule traute seinen Augen. Kurze Zeit später wurde sie von einer Modelagentur entdeckt, und dann gab es kein Halten mehr.

Anfangs konnte Laura es selbst nicht glauben, dass sie schön genug war, um Model zu sein. Die dicke, hässliche Laura Ayars ein Model? Unmöglich.

Aber Laura war weder blind noch dumm. Sie schaute in den Spiegel und sah, worüber alle Welt redete. Schon bald gewöhnte sie sich daran, attraktiv zu sein. Eine Laune des Schicksals hatte aus dem hässlichen Kind ein hochbezahltes Supermodel gemacht. Plötzlich suchten die anderen Mädchen ihre Gesellschaft, ahmten ihren Kleidungsstil nach, rissen sich darum, ihre Freundin zu sein. Bloß weil sie auf einmal hübsch war, betrachteten sie dieselben Mädchen, die sie früher bespuckt und verspottet hatten, als etwas Besonderes. Laura begann, die Beweggründe der Menschen ernsthaft zu hinterfragen.

Das Modeln war leicht verdientes Geld für Laura. Mit gerade mal achtzehn hatte sie schon eine halbe Million Dollar eingestrichen. Doch die Arbeit als Model erfüllte sie nicht. Die Arbeitsstunden waren strapaziös und zogen sich ewig hin, gleichzeitig war die Tätigkeit an sich nicht besonders anspruchsvoll. Für ein paar Schnappschüsse zu posieren war weiß Gott keine große Herausforderung. Es war regelrecht langweilig. Laura hätte lieber etwas ganz anderes gemacht, aber die Welt schien vergessen zu haben, dass sie ein Gehirn besaß. Es war alles so lächerlich. Als sie hässlich gewesen war und eine Brille getragen hatte, hatten alle sie für einen Bücherwurm gehalten. Jetzt, wo sie schön war, hielten alle sie für einen Hohlkopf.

Damals machte Laura kaum On-Location-Shootings – nur einmal in Australien und zweimal an der französischen Riviera –, weil sie im Gegensatz zu vielen ihrer Kolleginnen die Schule nicht abgebrochen hatte. Es war nicht einfach, aber sie schaffte den Highschoolabschluss, und vier Jahre später beendete sie ihr Studium an der Tufts University. Als sie ihr Diplom in der Tasche hatte, nahm Laura sich die Mode- und Kosmetikindustrie vor. Diese jedoch waren auf ihren Angriff nicht vorbereitet. Im Juni 1983 erschien sie zum letzten Mal auf dem Titelbild einer Frauenzeitschrift, dann gab sie im zarten Alter von dreiundzwanzig Jahren den Beruf des Models auf. Sie investierte ihr inzwischen beachtliches Vermögen, um ihr eigenes Konzept zu entwickeln, Svengali, eine Marke für die moderne Frau auf Achse, mit der sie einen Stil kreierte, der das Praktische und Elegante mit dem Weiblichen und Sinnlichen verband.

Ihr Slogan lautete: Sei dein eigenes Svengali.

Zu behaupten, das Konzept sei gut angekommen, wäre das Understatement der Achtziger gewesen. Anfangs hatten die Kritiker sich lustig gemacht über das Model, das sich als Unternehmerin beweisen wollte, und prophezeit, es handle sich um eine von diesen Eintagsfliegen, die nach wenigen Monaten schon wieder von der Bildfläche verschwanden. Zwei Jahre nachdem sie Damenkleidung und Kosmetik auf den Markt gebracht hatte, erweiterte Laura ihr Angebot um bequeme Schuhe und eine eigene Duftlinie. Als sie sechsundzwanzig war, ging Svengali an die Börse, und Laura war Hauptaktionärin und Chefin eines beachtlichen Mischkonzerns.

Das Taxi bog scharf rechts ab. »Die Niederlassung der Peterson Group auf der Esplanade, richtig, Missy?«

Laura lachte in sich hinein. »Missy?«

»War nur so dahergesagt«, meinte der Fahrer. »Nicht bös gemeint.«

»Schon gut. Ja, zur Esplanade bitte.«

Firmen, die ihre Marke nachahmten, waren aus dem Boden geschossen wie die Pilze, alle in der Hoffnung, eine Scheibe vom Erfolg von Svengali abschneiden zu können, alle auf der Suche nach dem Geheimnis von Lauras Erfolg. Aber keiner dieser Firmen gelang es, auf dem Markt Fuß zu fassen. Lauras Mitarbeiter kannten das Geheimnis, das ihre Konkurrenten zu enträtseln suchten, sie wussten genau, was Svengali einzigartig machte: Laura selbst. Mit ihrer harten Arbeit, ihrer Entschlusskraft, ihrer Intelligenz, ihrem Gespür für Stil und ihrer Warmherzigkeit leitete sie jede Entwicklungsphase ihres Unternehmens. Es klang abgedroschen, sicher, aber die Frau war die Firma.

Alles war nach Plan verlaufen – bis sie David Baskin kennengelernt hatte.

Das Taxi hielt an. »Wir sind da.«

Das Pacific International Hotel in Cairns befand sich ganz in der Nähe des Gebäudes der Peterson Group im Zentrum der Stadt und gegenüber des Marlin-Jetty-Yachthafens, wo die meisten der Touristen- und Taucherboote ablegten. Das Hotel war sehr beliebt bei Urlaubern, ideal für solche, die die australischen Tropen genießen wollten, aber nicht die Einsamkeit suchten.

Aber die Person in Zimmer 607 war nicht gekommen, um Urlaub zu machen.

Sie schaute aus dem Fenster, interessierte sich jedoch nicht im Geringsten für die atemberaubende Schönheit der Natur. Es gab wichtigere Dinge, die die Person beschäftigten. Schlimme Dinge. Dinge, die in die Hand genom­men werden mussten, egal, wie tragisch die Konsequenzen waren. Dinge, die so grauenhaft waren, dass nicht einmal die Person in Zimmer 607 das ganze Ausmaß ihres ­Schreckens kannte.

Und es musste sofort etwas gegen diese Dinge unternommen werden.

Die Person wandte sich von der phantastischen Aussicht ab, an der andere Besucher sich stundenlang ergötzten, und ging zum Telefon. Es war nur sehr wenig Zeit für die Planung gewesen. Als die Person jetzt den Hörer abnahm, tauchte kurz die Frage auf, ob es noch eine andere Option gab.

Nein. Es gab keine andere Option.

Die Person hob den Hörer ans Ohr und wählte.

»Das Reef Resort. Was kann ich für Sie tun?«

Die Person schluckte die Angst hinunter. »Ich möchte bitte mit David Baskin sprechen.«

Die Besprechung zog sich hin. Die ersten zwei Stunden waren ziemlich glattgelaufen, und der Deal stand kurz vor dem Abschluss. Aber jetzt ging es um die Details, und wie immer gab es ein paar Haken. Laura warf einen Blick auf ihre Armbanduhr und stellte fest, dass sie später zurück sein würde als erwartet. Sie fragte nach einem Telefon, entschuldigte sich und rief im Hotel an. Als sich in ihrem Zimmer niemand meldete, ließ sie sich mit der Rezeption verbinden. Derselbe Empfangschef war im Dienst.

»Ihr Mann ist vor ein paar Minuten weggegangen«, sagte er. »Er hat eine Nachricht für Sie hinterlassen.«

»Würden Sie sie mir bitte vorlesen?«

»Selbstverständlich. Einen Moment bitte.«

Sie hörte, wie der Hörer auf dem hölzernen Empfangstresen abgelegt wurde, dann, wie jemand herumkramte. »Hier habe ich sie.« Papier raschelte. Ein kurzes Zögern. »Die Nachricht ist … sie ist … äh, ziemlich persönlich, Mrs Baskin.«

»Kein Problem.«

»Soll ich sie Ihnen trotzdem vorlesen?«

»Ja, Sie haben sie ja schon gelesen.«

Der Empfangschef räusperte sich. Dann las er vor, was David geschrieben hatte. »Bin kurz spazieren. Bin gleich wieder zurück.« Erneut räusperte sich der Empfangschef. »Schwarze Strapse und Strümpfe liegen auf dem Bett. Zieh sie an und warte auf mich, mein … äh … mein sexy Kätzchen.«

Laura musste ein Lachen unterdrücken. »Vielen Dank. Würden Sie meinem Mann etwas ausrichten, wenn er zurückkommt?«

»Lieber nicht, Ma’am. Er ist ziemlich kräftig gebaut, wie Sie wissen.«

Diesmal lachte sie laut. »Nein, keine Sorge. Sagen Sie ihm einfach, dass ich ein bisschen später zurückkomme als erwartet.«

»Wird gemacht«, erwiderte der Mann erleichtert. »Überhaupt kein Problem.«

Laura legte auf, holte tief Luft und kehrte an den Verhandlungstisch zurück.

Zwei Stunden später war der Vertrag unter Dach und Fach. Die kleinen Probleme waren aus dem Weg geräumt worden, und schon bald würden die Kaufhäuser in ganz Australien und Neuseeland Svengali-Produkte im Angebot haben, vielleicht sogar schon vor der Weihnachtssaison. Laura lehnte sich auf dem weichen Rücksitz des Taxis zurück und lächelte.

So weit das Geschäftliche.

Als sie vor dem Hotel aus dem Taxi stieg, wurde es schon dunkel, und die letzten Sonnenstrahlen erloschen über Palm Cove. Aber Laura war nicht müde. Die Arbeit beflügelte sie – die Arbeit und das Wissen, dass David ganz in ihrer Nähe war und auf sie wartete …

»Mrs Baskin?«

Es war der Empfangschef. Sie ging lächelnd zum Tresen.

»Ihr Mann hat Ihnen noch eine Nachricht hinterlassen.«

»Würden Sie mir die wohl auch vorlesen?«, fragte sie.

Der Mann lachte und reichte ihr einen verschlossenen Umschlag. »Ich denke, die lesen Sie besser selber.«

»Danke.« Sie öffnete den Umschlag und nahm die Nachricht heraus.

LAURA,

BINBALDZURÜCK. BINIMMEERSCHWIMMEN. ICHWERDEDICHIMMERLIEBEN. VERGISSDASNIE.

DAVID

Verdattert faltete Laura das Blatt und ging auf ihr Zimmer.

Die schwarzen Strümpfe lagen auf dem Bett.

Laura zog sie über die Füße und rollte sie an ihren schlanken Beinen hoch. Sie knöpfte ihre Bluse auf und legte sie ab. Sie griff sich an den Rücken, um ihren BH zu öffnen, der von ihren Schultern in ihre Armbeugen glitt.

Sie legte sich den Strumpfgürtel um und befestigte die Strümpfe daran. Sie stand auf und betrachtete sich im Spiegel. Dann tat sie etwas, was kaum jemand angesichts eines solchen Anblicks tun würde. Sie lachte laut.

Dieser Mann hat mir vollkommen den Kopf verdreht, dachte sie kopfschüttelnd. Sie musste daran denken, was für ein anderer Mensch sie gewesen war, bevor David vor zwei Jahren in ihr Leben getreten war. Sie erinnerte sich daran, dass es keine Liebe auf den ersten Blick gewesen war – im Gegenteil, ihre erste Begegnung war etwa so romantisch gewesen wie ein Autounfall.

Sie waren sich im Juli 1987 an einem schwülen Abend in Boston begegnet, bei einer Gala für die Boston Pops. Der Saal war brechend voll gewesen. Alles, was in Boston Rang und Namen hatte, war anwesend.

Laura konnte solche Veranstaltungen nicht ausstehen. Vor allem war ihr der Grund zuwider, aus dem sie daran teilnahm (sie fühlte sich dazu verpflichtet), ebenso wie all die Gesichter mit dem falschen Lächeln und all die geheuchelten Nettigkeiten. Am schlimmsten waren die Männer, die bei solchen Veranstaltungen auftauchten – großspurige, aufdringliche, anmaßende Neoplayboys mit Egos so groß wie ihre Unsicherheit. Sie war auf derartigen Galas schon so oft angebaggert worden, dass die ganzen Annäherungsversuche nur noch an ihr abperlten. Mit den Jahren war sie diese Typen so leid geworden, dass sie regelrecht grob auf sie reagierte. Aber manchmal half einfach nichts anderes als ein Schuss vor den Bug.

Laura hatte einen Schutzwall um sich herum hochgezogen – besser gesagt einen haiverseuchten Schutzgraben. Sie wusste, dass sie inzwischen in dem Ruf stand, ein »eiskaltes Miststück« zu sein, eine Frau, die »genau wusste, was für eine heiße Braut sie war, und glaubte, dass ihre Scheiße nicht stinkt«. Aber sie wusste auch, dass das nicht stimmte. Trotzdem tat Laura wenig, um dem entgegenzuwirken, denn es half ihr, sich die Lüstlinge vom Hals zu halten.

Auf jener Gala damals hatte sie in der Nähe des Büfetts gestanden und ungläubig beobachtet, wie elegant gekleidete Gäste sich über das Essen hermachten wie die Hungernden in Bangladesch. Irgendwann hatte sie sich angewidert abgewandt und war mit David zusammengestoßen.

»Verzeihung«, murmelte sie, ohne den Mann eines Blickes zu würdigen.

»Gruselig, was?«, sagte David und zeigte auf die heißhungrige Meute am Büfett. »Wie die Heuschrecken.«

Sie nickte knapp und ging weiter.

»Warten Sie«, rief David hinter ihr her. »Ich will ja nicht klingen wie ein Groupie, aber sind Sie nicht Laura Ayars?«

»Ja.«

»Darf ich mich vorstellen? Ich bin David Baskin.«

»Der Basketballspieler?«

»Genau der. Sind Sie Basketballfan, Miss Ayars?«

»Kein bisschen, aber man kann unmöglich in Boston wohnen, ohne Ihren Namen zu kennen.«

»Sie bringen mich zum Erröten.«

»Oh, das tut mir leid. Wenn Sie mich entschuldigen wollen.«

»So schnell lassen Sie mich abblitzen? Bevor Sie gehen, Miss Ayars, erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, dass Sie heute Abend ganz bezaubernd aussehen.«

»Sehr origineller Spruch, Mr Baskin«, entgegnete sie sarkastisch.

»Nennen Sie mich David«, sagte er ruhig. »Und fürs Protokoll: Ich mache keine Sprüche. Darf ich Sie fragen, warum Sie Basketball nicht mögen?«

Typisch Sportler, dachte Laura. Er glaubt, die Welt dreht sich nur, weil erwachsene Männer schwitzend und grunzend hinter irgendwelchen Bällen herlaufen. Den bin ich bald los. Der ist es wahrscheinlich nicht gewöhnt, Gespräche zu führen, die aus kompletten Sätzen bestehen.

»Da staunen Sie, was?«, sagte sie. »Sie können sich wahrscheinlich nicht vorstellen, dass es denkende Menschen gibt, die keine Freude daran haben, ungebildeten Männern, deren Gehirngröße sich umgekehrt proportional zu ihrer Körpergröße verhält, dabei zuzusehen, wie sie einen runden Gegenstand durch einen metallenen Ring rammen.«

Seine Miene änderte sich nicht. »Sind wir heute ein wenig unleidlich?«, fragte er. »Was für große Worte. Sehr eindrucksvoll. Waren Sie schon mal im Boston Garden und haben sich ein Spiel der Celtics angesehen?«

Laura schüttelte den Kopf und machte ein Gesicht des Bedauerns. »Nein, das Glück war mir noch nicht beschieden.« Sie warf einen Blick auf die Uhr, ohne richtig hinzusehen. »Ach je, wie die Zeit vergeht. War nett, mit Ihnen zu plaudern, aber ich muss wirklich …«

»Wir müssen nicht über Basketball reden, wissen Sie.«

»Ach nein?« Der Sarkasmus war immer noch da.

Er lächelte unbeirrt. »Nein. Ob Sie’s glauben oder nicht, ich bin durchaus in der Lage, über anspruchsvollere Themen zu diskutieren: Wirtschaft, Politik, der Nahe Osten – was auch immer.« Er schnippte mit den Fingern, und sein Lächeln wurde breiter. »Ich hab eine Idee. Wir könnten doch über was richtig Intellektuelles reden – zum Beispiel darüber, wie es ist, als Model zu arbeiten. Oder vielleicht lieber nicht. Sie können sich wahrscheinlich gar nicht vorstellen, dass ein denkender Mensch keinen Spaß daran hat, Menschen, deren Gehirngröße sich proportional zu ihrem Körperfettindex verhält, dabei zuzusehen, wie sie versuchen, menschliche Schaufensterpuppen darzustellen.«

Einen Moment lang begegneten sich ihre Blicke, dann senkte Laura den Kopf. Als sie wieder aufblickte, lächelte David sie versöhnlich an.

»Entspannen Sie sich, Laura«, sagte er sanft. Es waren Worte, die sie noch oft hören sollte. »Ich wollte mich nur ein bisschen mit Ihnen unterhalten, mehr nicht. Ich habe viel über Sie und Ihre Marke Svengali gelesen – ja, manche Basketballspieler können tatsächlich lesen –, und ich dachte, es wäre bestimmt interessant, Sie kennenzulernen. Das war alles. Aber so schön, wie Sie sind, glauben Sie bestimmt, dass das auch wieder nur so ein Spruch ist. Ich nehm’s Ihnen nicht übel. Vielleicht stimmt es ja sogar.«

Er verbeugte sich. »Ich will Sie nicht länger belästigen. Genießen Sie die Party«, fügte er hinzu und wandte sich zum Gehen.

Laura schaute ihm nach. Sie schalt sich für ihre Kratzbürstigkeit und fragte sich, warum sie jedem Mann grundsätzlich unlautere Motive unterstellte. Er hatte mit ihr gesprochen, als wäre ihre Stirn ein Fenster, durch das er ihre Gedanken lesen konnte. Aber egal wie, der Kerl würde sowieso nicht zu ihr passen. Ein Sportler? Undenkbar. Sie beschloss, David Baskin zu vergessen. Seltsamerweise gelang ihr das nicht.

In ihrem Hotel in Australien streckte sie jetzt die Hand nach dem Wecker aus.

22:15 Uhr.

In der Dunkelheit vor dem Fenster waren die Urwaldgeräusche zu hören. Wenn es nicht um David ginge, würde sie sich jetzt ernsthaft Sorgen machen. Aber David war ein so hervorragender Schwimmer, dass er an den Olympischen Spielen hätte teilnehmen können, und vor allem war er immer gut für eine Überraschung, immer bereit, dem Leben eine andere Wendung zu geben. Das war einer der Gründe, warum die Sportpresse ihn so verehrte. Er war der Erste, den die Reporter nach einem Spiel aufsuchten, weil sie wussten, dass sie von ihm das perfekte Zitat für die Morgenausgabe bekommen würden. Er war der höfliche und zugleich freche Superstar, dem es immer gelang, seine gewagten Vorhersagen, wie ein Spiel ausgehen würde, in die Tat umzusetzen.

Laura warf sich eine Decke über. Die Nachtluft war kühl und verursachte ihr ein Kribbeln auf der Haut. Die Stunden kamen und gingen, und mit ihnen gingen die Erklärungen, die Lauras Angst in Schach gehalten hatten.

Um halb eins zog sie sich an und ging hinunter in die Lobby. Derselbe Empfangschef hatte immer noch Dienst. Laura fragte sich, ob der Mann jemals schlief.

»Verzeihung«, sagte sie, »haben Sie meinen Mann gesehen?«

»Mr Baskin? Nein, Ma’am. Nicht seit er schwimmen ­gegangen ist.«

»Hat er irgendwas zu Ihnen gesagt?«

»Keinen Ton, Ma’am. Er hat nur den Schlüssel auf den Tresen gelegt und die Nachricht, die ich Ihnen gegeben habe. Hat mich nicht mal angesehen.« Der Empfangschef bemerkte ihren besorgten Blick. »Ist er noch nicht zurück?«

»Nein.«

»Na ja, ich würde mir keine großen Sorgen machen. Aus der Zeitung weiß ich, dass Ihr Mann ein ziemlicher Draufgänger ist. Spätestens morgen früh ist er wieder da.«

»Wahrscheinlich haben Sie recht«, sagte sie, obwohl sie nicht davon überzeugt war. Sie überlegte, ob sie David suchen gehen sollte, sagte sich jedoch, dass das zwecklos wäre und eigentlich nur ihrem Bedürfnis entgegenkäme, nicht tatenlos im Zimmer herumzusitzen. Außerdem würde eine Amerikanerin, die allein im dunklen australischen Busch herumstapfte, bestimmt nicht weit kommen, und am Ende würde David im Hotel auf sie warten, während sie in der Gegend herumirrte.

Laura ging nach oben auf ihr Zimmer, fest entschlossen, nicht in Panik zu geraten, zumindest nicht vor dem nächsten Morgen.

Als der Digitalwecker 7:00 Uhr anzeigte, geriet Laura in Panik.

2

»Der Anruf wird durchgestellt, Ma’am.«

»Danke.«

Laura lehnte sich zurück und betrachtete das Telefon. Aufgrund des Zeitunterschieds war es in Boston erst kurz vor neun am Abend, und sie fragte sich, ob T.C. überhaupt schon zu Hause war. Seine Schicht endete normalerweise um kurz nach acht, und sie wusste, dass er häufig länger im Dienst blieb.

Lauras Hände zitterten, und sie hatte dunkle Ränder unter den Augen nach der scheinbar endlosen Nacht, die sie hinter sich hatte. Sie schaute aus dem Fenster. Die Sonne schien. Die hellen Sonnenstrahlen und der Wecker auf ihrem Nachttisch waren die einzigen eindeutigen Anzeichen dafür, dass es Tag geworden war, dass die Nacht tatsächlich vorüber war. Aber für Laura dauerte die Nacht an, sie war gefangen in einem Alptraum, der kein Ende fand.

Sie schloss die Augen und dachte an ihre zweite Begegnung mit David Baskin. Drei Wochen waren seit der Gala in Boston vergangen, drei Wochen, in denen das kurze Gespräch mit David in ihrem Kopf herumgeisterte wie ein dumpfes Pochen, nicht schmerzhaft, aber doch intensiv genug, um sich jedes Mal bemerkbar zu machen, wenn sie versuchte, es zu vergessen.

Unbewusst (so behauptete sie später) begann sie, einige der vielen Artikel über David zu lesen. Die Presse überhäufte ihn mit Lob für sein Talent, seinen Sportgeist und seinen positiven Einfluss auf das Team, doch Laura interessierte sich mehr für die wenigen Informationen über seine Kindheit, seine akademischen Leistungen an der University of Michigan, seine Zeit in Europa als Rhodes-Stipendiat und seine ehrenamtliche Arbeit für Behinderte. Sie bekam ein schlechtes Gewissen wegen ihrer Unfreundlichkeit ihm gegenüber und hatte plötzlich das Bedürfnis, es wiedergutzumachen, um nicht für immer in seiner Schuld zu stehen. Vielleicht sollte sie sich nochmal mit ihm treffen, um sich zu entschuldigen und ihm zu zeigen, dass sie in Wirklichkeit gar nicht so unterkühlt war.

Also begann sie, Einladungen zu Veranstaltungen und Galas zu akzeptieren, auf denen sie ihm zu begegnen hoffte. Natürlich würde sie niemals zugeben, dass David Baskin etwas mit ihrer Freizeitplanung zu tun hatte. Das sei alles reiner Zufall, versuchte sie sich einzureden. Svengali müsse sich schließlich bei solchen Events präsentieren, und falls David Baskin ebenfalls dort aufkreuzte, tja, so spielte das Leben eben manchmal.

Zu ihrer Bestürzung jedoch ließ David sich immer nur ganz kurz blicken, lächelte in die Runde, schüttelte ein paar Hände und verschwand wieder. Laura meinte, einen leichten Widerwillen in seinem Gesicht zu sehen, wenn all diese Wichtigtuer sich um ihn drängten, aber das konnte sie sich auch eingebildet haben.

David kam nie auf sie zu, würdigte sie keines Blickes. Schließlich entschloss sich Laura, etwas wirklich Kindisches zu tun. Als sie ihn während einer Gala in der Nähe des Tresens entdeckte, verlegte sie sich auf eine Teenagerstrategie und ging so dicht an ihm vorbei, dass sie um ein Haar »aus Versehen« mit ihm zusammengestoßen wäre. Es funktionierte. Er bemerkte sie. Er lächelte sie freundlich an (oder lag da etwas Spöttisches in seinem Lächeln?) und ging wortlos weiter. Sie konnte es nicht fassen.

Wutschäumend fuhr sie in ihr Büro. Sie war wütend über ihr eigenes Verhalten, es war ihr peinlich, dass sie sich aufführte wie ein Schulmädchen, das sich in den Kapitän des Footballteams verknallt hatte. Sie wusste selbst nicht, warum ihr so viel daran lag, nochmal mit ihm zu reden. Lag es daran, dass er sie düpiert hatte? Dass er sie dazu gebracht hatte, ihr Verhalten und ihre Schutzmechanismen zu überdenken? Oder fühlte sie sich tatsächlich von ihm ange­zogen? Sicher, er sah nicht übel aus, im Gegenteil, ein bisschen wie ein Holzfäller auf einer Bierreklame. Seine grünen Augen waren warmherzig und freundlich, das dichte Haar trug er kurz geschnitten. Im Grunde sah er richtig gut aus, er wirkte viel natürlicher und echter als die männlichen ­Models, mit denen sie früher zusammenge­arbeitet hatte.

Aber auch wenn David Baskin nicht der typische egozentrische, unreife Sportler war, so war er immer noch ein Sportler, von Jugendlichen aller Altersstufen als Held verehrt, ein Mann, der sein Geld mit einem Kinderspiel verdiente. Zweifellos war er ein Playboy, umschwärmt von lauter Groupies, die nur darauf aus waren, mit ihm ins Rampenlicht zu geraten. Und als Groupie betrachtet zu werden war das Allerletzte, was Laura wollte. Offensichtlich repräsentierte David Baskin das Gegenteil von dem, was sie sich von einem Mann wünschen würde, falls sie sich denn überhaupt für eine Beziehung interessierte. Im Moment war in ihrem Leben sowieso kein Platz für einen Mann. Svengali war ihr Baby, ihr Traum und ihr Partner.

Laura kippte ihren Stuhl nach hinten und legte die Füße auf den Schreibtisch. Ihr rechtes Bein zitterte, so wie immer, wenn etwas sie belastete oder wenn sie über etwas nachgrübelte. Ihr Vater hatte die gleiche nervtötende Angewohnheit. Es machte die Leute um sie herum verrückt, denn es war nicht nur ein leichtes Zittern, das Bein zappelte regelrecht. Wenn das Zappeln bei ihr oder ihrem Vater erst einmal anfing, dann bebten der Stuhl, der Schreibtisch, das ganze Büro. Es war ein für alle Anwesenden unangenehmes Schauspiel, und Laura hatte schon oft vergebens versucht, es sich abzugewöhnen.

Irgendwann vibrierte jetzt ihr Schreibtisch so stark, dass ihr Bleistifthalter herunterfiel, aber sie hob ihn nicht auf. Nachdem ihr Bein noch eine Weile gezappelt hatte, gelang es ihr schließlich, den Basketballspieler aus ihren Gedanken zu vertreiben. Im selben Moment betrat ihr Marketingchef Marty Tribble das Büro, ein breites Grinsen im Gesicht.

Marty Tribble war kein Mann, der während der Arbeitszeit viel lächelte. Jetzt kam er vergnügt in ihr Büro marschiert, schob sich ein paar Strähnen seines schütteren grauen Haars aus dem Gesicht und strahlte sie an wie ein Erstklässler nach seinem ersten Homerun.

»Wir haben grade den Werbecoup des Jahres gelandet«, verkündete er.

So hatte Laura ihn noch nie erlebt. Marty arbeitete mit ihr zusammen, seit sie Svengali konzipiert hatte. Er war ein ernster Manager, ein konservativer Pragmatiker in einem freisinnigen, kapriziösen Business. Im ganzen Unternehmen war er dafür verschrien, dass ihm jeder Sinn für ­Humor abging. Marty mit einem Witz ein Lachen entlocken zu wollen war etwa so aussichtsreich wie der Versuch, einen Aktenschrank zu kitzeln. Er war der ruhende Pol der Firma, kein Mann, der sich über Banalitäten ereiferte.

»Für welches Produkt?«, fragte Laura.

»Unsere neue Linie.«

»Die Straßen- und Sportschuhe?«

»Genau.«

Sie lächelte. »Setzen Sie sich und lassen mich hören.«

Der schwerfällige Marty (er wollte eigentlich Martin genannt werden, und genau aus diesem Grund nannten ihn alle Marty) hüpfte praktisch auf den Stuhl und wirkte so aufgekratzt wie noch nie.

»Diesen Herbst starten wir eine Werbekampagne im Fernsehen. Wir werden der Öffentlichkeit die gesamte Linie präsentieren.«

Laura wartete darauf, dass er das noch weiter ausführte, doch das tat er nicht. Er saß einfach da und strahlte sie an wie der Gastgeber einer Quizshow, der versucht, die Spannung zu erhöhen, indem er mit der Bekanntgabe der Antwort bis nach dem Werbeblock wartet. »Das haut mich jetzt nicht unbedingt vom Hocker«, bemerkte Laura.

Marty beugte sich vor. »Und was ist, wenn ich Ihnen sage, dass wir den Sportler des Jahres für die Kampagne verpflichtet haben?«, sagte er ganz langsam. »Und wenn ich Ihnen sage, dass dieser Sportler des Jahres noch nie für irgendein Produkt geworben hat?«

»Wer?«

»David Baskin alias White Lightning, Superstar der ­Boston Celtics und dreimaliger Basketballer des Jahres.«

Der Name traf sie wie ein Schlag in die Magengrube. »Baskin?«

»Sie haben von ihm gehört?«

»Natürlich. Aber Sie sagen, er hat noch nie für irgendwas Werbung gemacht?«

»Nur für dieses Programm für behinderte Kinder.«

»Und warum macht er das jetzt für uns?«

Marty Tribble hob die Schultern. »Was weiß ich? Jedenfalls brauchen wir im Herbst während der Basketballspiele nur ein paar gute Werbespots zu schalten, dann werden seine flinken Füße unsere Svengali-Sneakers an die Spitze der Sportwelt katapultieren. Mit ihm werden wir uns endgültig auf dem Markt etablieren. Das kann gar nicht schiefgehen. Der Mann ist ungeheuer beliebt.«

»Und wie sieht unser nächster Schritt aus?«

Marty langte in seine Brusttasche, in der er seinen goldenen Federhalter und den dazu passenden goldenen Druckbleistift von Cross aufbewahrte, und zog zwei Tickets heraus.

»Wir beide gehen heute Abend in den Boston Garden.«

»Wie bitte?«

»Wir sehen uns ein Spiel der Celtics gegen die Nuggets an. Anschließend werden die Verträge unterzeichnet.«

»Und wieso müssen wir uns vorher das Spiel ansehen?«

Wieder hob er die Schultern. »Was weiß ich? Aus unerfindlichen Gründen hat Baskin das zur Bedingung gemacht. Er meinte, es wäre gut für deine Seele oder so.«

»Das soll wohl ein Witz sein.«

Er schüttelte den Kopf. »Es ist Teil des Vertrags.«

»Moment mal. Willst du mir damit sagen, wenn ich nicht zu dem Spiel gehe …«

»… gibt’s keinen Vertrag. Du hast es erfasst.«

Laura kippte ihren Stuhl wieder nach hinten, verschränkte die Finger und stützte sich mit den Ellbogen auf die Armlehnen. Ihr rechtes Bein begann erneut wie verrückt zu zappeln. Dann nickte sie und lachte in sich hinein.

Marty musterte sie argwöhnisch. »Also?«

Einen Moment lang herrschte Stille im Raum. Laura schaute ihren Marketingchef an.

»Das Spiel kann beginnen.«

Was sie im Boston Garden erlebt hatte, war total schockierend gewesen. Als Laura den alten Schandfleck über der North Station betrat, war sie skeptisch. Dieses schäbige alte Gebäude sollte der berühmte Boston Garden sein? Es wirkte eher wie ein Gefängnis. Die meisten Stadien im Land waren moderne Bauten aus Glas und Chrom mit Klimaanlagen und gepolsterten Sitzen. Aber das hier? Das Heimstadion der Celtics war ein heruntergekommener Betonklotz, wo es nach schalem Bier stank und eine beklemmende Hitze herrschte. Die splittrigen Holzsitze waren hart und unbequem. Als Laura sich umsah, fühlte sie sich eher an einen Roman von Charles Dickens erinnert als an eine Sportveranstaltung.

Doch dann sah sie die zahlreichen Fans, die ins Stadion strömten wie Gläubige zur Christmette. Für diese Leute war das Klima paradiesisch, für sie duftete es nach Rosen, für sie waren die Sitze weich und bequem. Es war, als blühten diese Menschen beim Betreten des Stadions ihrer geliebten Celtics regelrecht auf. Das hier war der Boston Garden, wo Millionen von Schülern und Studenten und Freizeitsportlern davon geträumt hatten, den entscheidenden Jump Shot zu werfen, den entscheidenden Rebound abzufangen. Laura schaute zu den rostigen Eisenträgern unter dem Dach hoch, von denen die Meisterschaftsbanner und die nicht mehr vergebenen Nummern der berühmtesten ehemaligen Spieler herabhingen. So lächerlich das klingen mochte, aber dieser Ort gehörte zur Geschichte Bostons, er war ebenso Teil der Stadt wie das Bunker Hill Monument und Paul Reveres Haus. Allerdings gab es einen großen Unterschied: Die Celtics waren lebende Geschichte, ständig in Veränderung begriffen, unberechenbar, von ihrer schönen Stadt geliebt und verwöhnt.

Die aufgeregte Menge jubelte, als die Spieler aufs Feld kamen, um sich aufzuwärmen. Laura entdeckte David sofort. Von ihrem Platz in der dritten Reihe aus versuchte sie, seinen Blick einzufangen, aber er bewegte sich, als wäre er allein auf dem Spielfeld und würde von den tausenden Fans um ihn herum gar nichts mitbekommen. Sein Blick war wie weggetreten, es war der Blick eines Mannes, der sich einer Mission verschrieben hat. Aber Laura meinte auch so etwas wie einen inneren Frieden in seinen Augen zu sehen, die Ruhe eines Mannes, der genau da war, wo er sein wollte.

Dann: der Sprungball, mit dem das Spiel eröffnet wurde.

Lauras Skepsis ließ immer mehr nach. Nach dem ersten Viertel begann sie zu lächeln. Nach dem zweiten lachte sie. Dann begann sie, die Mannschaft anzufeuern. Sie war ­hingerissen. Nach einem Korb für die Celtics drehte sie sich um und klatschte den jubelnden Mann hinter sich ab. Das Spiel erinnerte sie daran, wie sie als Fünfjährige zum ersten Mal zu einer Aufführung des New York Ballet gegangen war. Die Bewegungen der Basketballspieler waren ähnlich kunstvoll und geschmeidig, ähnlich kompliziert und gut choreographiert wie bei einem Tanz, der von unvorhersehbaren Hindernissen unterbrochen wurde, aber das machte das Ganze nur noch aufregender anzusehen.

Und David war der Startänzer.

Sie begriff, warum alle so von ihm fasziniert waren. David war Poesie in Bewegung, er hechtete, sprang, wirbelte herum, rannte, duckte sich, drehte Pirouetten. Seine Bewegungen hatten eine zähe, aggressive Anmut. In einem Moment war er der coole Teamkapitän, im nächsten der Draufgänger, der wie ein Comic-Held das Unmögliche versuchte. Er zog zum Korb, wurde von einem Gegenspieler gestoppt, um dann wie ein wahrer Künstler hochzuspringen und zum freien Mitspieler zu passen. Wenn er den Ball warf, klebte sein Blick mit einer derartigen Konzentration am Korb, als könnte er das Brett damit zersplittern. Er schien einen sechsten Sinn zu besitzen, brauchte bei Pässen gar nicht hinzusehen, der Ball tanzte auf seinen Fingerspitzen. Wenn er dribbelte, war es, als wäre der Ball eine Verlängerung seines Arms, ein Teil von ihm, mit dem er auf die Welt gekommen war.

Und dann die Schlussphase.

Nur noch wenige Sekunden blieben, der Ausgang des Spiels war ungewiss. Die Bostoner Jungs waren einen Punkt im Rückstand. Ein Mitspieler passte den Ball zu David. Zwei Spieler des gegnerischen Teams klebten an ihm. Noch eine Sekunde. David drehte sich und feuerte im hohen Bogen seinen einzigartigen Fadeaway-Sprungwurf ab. Der Ball flog sehr hoch und aus einem unmöglichen Winkel auf den Korb zu. Die Fans sprangen auf. Lauras Puls raste, während sie zusah, wie der Ball sich langsam senkte, während alle Spieler und die Zuschauer seine Flugbahn gebannt verfolgten. Die Schlusssirene ertönte. Der Ball streifte sanft das Brett aus Acrylglas und tanzte dann unten im Netz. Zwei Punkte. Die Menge tobte. Laura schrie.

Die Celtics hatten gewonnen.

»Das Telefon klingelt, Mrs Baskin«, sagte die Frau mit dem australischen Akzent.

»Danke.«

Laura drehte sich auf den Bauch, das Telefon in der Hand. Sie fragte sich, ob sie sich bei diesem Wurf in David verliebt hatte. Sie hörte ein Klicken, dann das Klingeln, das von Boston aus um die halbe Welt bis in das kleine australische Palm Cove reiste.

Nach dem dritten Klingeln wurde am anderen Ende abgenommen. Eine Stimme meldete sich in der knisternden Leitung.

»Hallo?«

»T.C.?«

»Laura? Bist du das? Bist du nicht auf Hochzeitsreise?«

»Hör zu, T.C., ich muss mit dir reden.«

»Was ist passiert?«