Ich vermisse dich - Harlan Coben - E-Book

Ich vermisse dich E-Book

Harlan Coben

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9,99 €

Beschreibung

Kat Donovan, Detective bei der New Yorker Kriminalpolizei, ist überzeugter Single, seit sich einst ihre große Liebe einfach aus dem Staub machte. Jetzt, 18 Jahre später, starrt sie fassungslos in die Augen desselben Mannes – auf dem Profilbild einer Dating-Website. Noch während sie überlegt, ob sie ihn kontaktieren soll, wird der Mann auf dem Foto zum Verdächtigen in einem Mordfall – und Kats Ermittlungen führen tief in ihre eigene schmerzhafte Vergangenheit. Währenddessen belauert ein Mörder aus der Ferne jeden einzelnen von Kats Schritten. Denn ihre Nachforschungen drohen einen sorgfältig ausgeklügelten Plan zu stören. Einen Plan, der mit den Sehnsüchten und Hoffnungen einsamer Herzen spielt, bei dem es um viel Geld geht – und der schon so viele Menschenleben gekostet hat, dass es auf eins mehr nicht ankommt …

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Online-Dating war noch nie ihr Ding – Kat Donovan, Detective bei der New Yorker Kriminalpolizei, ist überzeugter Großstadtsingle. Bis sie sich aus schierer Langeweile doch bei YouAreJustMyType.com anmeldet – und ihre Welt für einen Augenblick zum Stillstand kommt. Denn von ihrem Bildschirm lächelt ihr – unter falschem Namen, aber unverkennbar – der Mann entgegen, der ihr vor 18 Jahren das Herz brach: ihr Ex-Verlobter Jeff, der von einem Tag auf den anderen völlig spurlos aus ihrem Leben verschwand.

Während Kat noch zögert, ob sie alte Wunden wieder aufreißen soll, gibt ein Jugendlicher auf Kats Revier eine Vermisstenanzeige auf: Seine Mutter Dana habe auf einer Dating-Website einen Mann kennengelernt, sei vor einigen Tagen zu einem romantischen Treffen mit ihm aufgebrochen – und seitdem spurlos verschwunden. Kat sieht sich das Profilbild von Danas Online-Liebhaber an … und blickt in Jeffs wohlbekannte Augen. Welches falsche Spiel spielt ihre ehemalige große Liebe?

Währenddessen belauert auf einer abgelegenen Farm weit jenseits der Stadtgrenzen ein Mann jeden einzelnen von Kats Schritten. Denn sie droht seinen sorgfältig ausgeklügelten Plan zu stören. Einen Plan, der mit den Sehnsüchten und Hoffnungen einsamer Herzen spielt, bei dem es um viel Geld geht – und der schon so viele Menschenleben gekostet hat, dass es auf eins mehr nicht mehr ankommt …

HARLAN COBEN

ICH VERMISSE DICH

THRILLER

DEUTSCH VON GUNNAR KWISINSKI

PAGE&Turner

Die Originalausgabe erschien 2014unter dem Titel »Missing you« bei Dutton, a member of Penguin Group USA (Inc.), New York.

Words and music to the song »Demon Lover« composed by Michael Peter Smith, Bird Avenue Publishing-ASCAP, © 1986, used with permission. All rights reserved.

Page & Turner Bücher erscheinen im Wilhelm Goldmann Verlag, München, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.1. Auflage

Copyright © der Originalausgabe 2014 by Harlan Coben

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2015

by Page & Turner/Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Redaktion: Anja Lademacher

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: © Rodney Harvey/Trevillion Images;

© Andy & Michelle Kerry/Trevillion Images; Fine Pic®, München

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-15642-8V002

www.pageundturner-verlag.deBesuchen Sie den Page & Turner Verlag im Netz

FÜR RAY UND MAUREEN CLARKE

EINS

Kat Donovan drehte sich auf dem Hocker, auf dem schon ihr Vater gesessen hatte, von der Theke weg, um aufzustehen und den Pub zu verlassen, als Stacy sagte: »Was ich getan habe, wird dir nicht gefallen.«

Ihr Tonfall stoppte Kat mitten in der Bewegung. »Was hast du getan?«

Das O’Malley’s war früher eine Polizistenkneipe vom alten Schlag gewesen. Schon Kats Großvater hatte hier rumgehangen. Später auch ihr Vater und seine Kollegen vom NYPD. Inzwischen hatte es sich in einen Yuppie-Schuppen voller Preppies, Masters-of-the-Universe, Poser und Arschlöcher verwandelt, lauter Typen in gestärkten und gebügelten weißen Hemden unter schwarzen Anzügen, mit Dreitagebart, die gerade so viel hatten enthaaren lassen, dass sie noch machohaft und unrasiert wirkten. Sie grinsten viel, diese soften Männer, mit ihren Extrem-Gel-Frisuren, und bestellten Ketel One statt Grey Goose, weil die Werbung ihnen erzählt hatte, dass das der Wodka für echte Männer wäre.

Stacys Blick streifte durch die Bar. Ein Ablenkungsmanöver. Kat gefiel das ganz und gar nicht.

»Was hast du getan?«, wiederholte Kat.

»Vorsicht«, sagte Stacy.

»Maulheld bei fünf Uhr.«

Kat drehte sich nach rechts um.

»Siehst du ihn?«, fragte Stacy.

»Klar.«

Die Einrichtung des O’Malley’s hatte sich im Lauf der Jahre kaum verändert. Der alte Röhrenfernseher war zwar durch eine Unzahl Flachbildschirme ersetzt worden, auf denen zu viele unterschiedliche Sportereignisse gleichzeitig liefen – wen interessierten schon die Spiele der Edmonton Oilers? Abgesehen davon war das Cop-Kneipen-Feeling im O’Malley’s jedoch noch erhalten. Und genau das zog diese Poser an, die Pseudo-Authentizität, die dadurch entstanden war, dass sie den Schuppen übernommen und alles vertrieben hatten, was den Laden früher ausgemacht hatte, sodass der Pub zu einer Disney-Version seines früheren Selbst geworden war.

Kat war die einzige Polizistin, die noch herkam. Die anderen gingen nach der Schicht entweder nach Hause oder zu einem Meeting der Anonymen Alkoholiker. Kat kam immer noch und versuchte, in aller Ruhe gemeinsam mit den Geistern der Vergangenheit auf dem alten Hocker ihres Vaters zu sitzen – ganz besonders an diesem Abend, wo die Gedanken an die Ermordung ihres Vaters ihr wieder einmal schwer zu schaffen machten. Sie wollte einfach nur hier sein, die Gegenwart ihres Vaters spüren, um – so kitschig das auch klingen mochte – daraus Kraft zu schöpfen.

Aber diese Weicheier ließen sie einfach nicht in Ruhe.

Und dieser spezielle Maulheld – Stacys und ihr Kosename für all die wahren Helden, die einen aufs Maul verdient hatten – beging eine typische Maulhelden-Sünde. Er trug eine Sonnenbrille. Abends um elf. In einer schlecht beleuchteten Kneipe. Andere Anklagen wegen Maulheldentums wurden für angekettete Brieftaschen, im Nacken gebundene Kopftücher, offene Seidenhemden, übermäßig viele Tattoos (strafverschärfend: Tribals), das Tragen von Militär-Erkennungsmarken, ohne beim Militär zu sein, und wirklich große, weiße Armbanduhren erhoben.

Sonnenbrille grinste und prostete Kat und Stacy zu.

»Er mag uns«, sagte Stacy.

»Lenk nicht ab. Was wird mir nicht gefallen?«

Als Stacy sich wieder zu ihr umdrehte, sah Kat über ihre Schulter hinweg die Enttäuschung in Sonnenbrilles Gesicht, das vor überteuerter Lotion glänzte. Sie hatte diesen Blick schon unzählige Male gesehen. Männer mochten Stacy. Und das war noch stark untertrieben. Stacy war furchteinflößend, umwerfend, zähne-, knochen- und metallerweichend heiß. In Stacys Gegenwart bekamen Männer weiche Knie und benahmen sich albern. Ziemlich albern. Extrem albern.

Vielleicht war es ein Fehler, mit so einer Frau in die Kneipe zu gehen, denn viele Männer kamen zu dem Schluss, dass sie bei dieser Frau nicht landen konnten. Sie erschien ihnen unerreichbar.

Ganz anders als Kat.

Und so nahm Sonnenbrille denn auch Kat ins Visier und machte sich auf den Weg, wobei er eher auf seinem eigenen Schleim dahinzugleiten schien als zu gehen.

Stacy unterdrückte ein Kichern. »Das wird spaßig.«

In der Hoffnung, ihn abzuschrecken, musterte Kat ihn mit leerem Blick und missbilligendem Stirnrunzeln. Doch Sonnenbrille war nicht zu bremsen. Er tänzelte im Rhythmus eines Soundtracks heran, der nur in seinem Kopf spielte.

»Hey, Babe«, sagte Sonnenbrille. »Heißt du zufällig Wi-Fi?«

Kat wartete.

»Ich spüre da nämlich so eine Verbindung.«

Stacy prustete los.

Kat starrte ihn nur an. Er fuhr fort.

»Ich mag euch kleine Bräute, weißt du? Ihr seid einfach entzückend. Weißt du, was gut auf mir aussehen würde? Du.«

»Jemals Erfolg mit den Sprüchen gehabt?«, fragte Kat.

»Ich bin noch nicht fertig.« Sonnenbrille hustete sich in die Hand, zog sein iPhone heraus und streckte es Kat entgegen. »Hey, Babe, Glückwunsch, du stehst ganz oben auf meiner To-do-Liste.«

Stacy war begeistert.

Kat fragte: »Wie heißen Sie?«

Er zog eine Augenbraue hoch. »Wie immer du willst, Baby.«

»Wie wäre es mit Dummschwätzer?« Kat öffnete die Jacke und zeigte ihm ihre Pistole am Gürtel. »Ich werde jetzt zu meiner Waffe greifen, Dummschwätzer.«

»Verdammt, Mädel, du bist wohl mein neuer Chef?« Er deutete auf seinen Schritt. » Weil du mir gerade was erhöht hast. Wenn auch nicht meinen Lohn.«

»Verschwinden Sie.«

»Meine Liebe für dich ist wie Durchfall«, sagte Sonnenbrille. »Ich kann sie einfach nicht in mir halten.«

Kat starrte ihn entgeistert an.

»War das zu viel?«, fragte er.

»Oh Mann, das ist einfach widerlich.«

»Mag sein, aber ich wette, den Spruch hast du noch nie gehört.«

Die Wette hätte er gewonnen. »Verschwinden Sie. Sofort.«

»Ehrlich?«

Stacy konnte sich vor Lachen kaum auf den Beinen halten.

Sonnenbrille wollte sich abwenden. »Moment. Das ist ein Test, oder? Nennst du mich Dummschwätzer, um mich scharf zu machen?«

»Verschwinden Sie.«

Er zuckte die Achseln, drehte sich um, sah Stacy an und dachte, was soll’s? Er musterte ihren langen Körper von oben bis unten und sagte dann: »Das Wort des Tages ist Beine. Vielleicht sollten wir beide mal in uns gehen und die Untiefen dazwischen ausloten.«

Stacy war immer noch begeistert. »Nimm mich, Dummschwätzer, sofort. Auf der Stelle.«

»Wirklich?«

»Nein.«

Dummschwätzer drehte sich zu Kat um. Kat legte die Hand auf den Pistolengriff. Er hob die Hände und ging.

Kat sagte: »Stacy?«

»Hm.«

»Warum glauben diese Typen eigentlich immer wieder, sie hätten eine Chance bei mir?«

»Weil du hübsch und keck aussiehst.«

»Ich bin nicht keck.«

»Nein, aber du siehst keck aus.«

»Jetzt mal ehrlich, seh ich wirklich wie eine totale Versagerin aus?«

»Du siehst beschädigt aus«, sagte Stacy. »Ich sag das nicht gerne. Aber der Schaden … du strahlst es aus wie ein Pheromon, dem diese Weicheier nicht widerstehen können.«

Beide tranken einen Schluck.

»Also, was wird mir nicht gefallen?«, fragte Kat.

Stacy sah dem Dummschwätzer hinterher. »Jetzt tut er mir leid. Vielleicht sollte ich ihm einen Quickie gönnen.«

»Fang nicht wieder damit an.«

»Wieso?« Stacy schlug die angeberisch langen Beine übereinander und lächelte Dummschwätzer zu. Er zog ein Gesicht, das Kat an einen Hund erinnerte, den man zu lange im Auto gelassen hatte. »Findest du diesen Rock zu kurz?«

»Rock?«, sagte Kat. »Ich dachte, es wäre ein Gürtel.«

Stacy gefiel das. Sie genoss es, im Mittelpunkt zu stehen. Sie riss gerne Männer auf, weil sie glaubte, eine Nacht mit ihr wäre für die Typen eine Erfahrung, die ihr Leben verändern würde. Außerdem war es Teil ihres Jobs. Zusammen mit zwei anderen hinreißenden Frauen besaß Stacy eine Privatdetektei. Ihre Spezialität? Männer, die fremdgingen, zu überführen (oder sagen wir besser, zu verführen).

»Stacy?«

»Hmm.«

»Was wird mir nicht gefallen?«

»Das hier.«

Während sie weiter mit Dummschwätzer kokettierte, reichte sie Kat einen Zettel. Kat sah den Zettel an und runzelte die Stirn.

KD8115HottestSexEvah

»Was ist das?«

»KD8115 ist dein Benutzername.«

Ihre Initialen und die Nummer ihrer Polizeimarke.

»HottestSexEvah ist dein Passwort. Oh, achte auf die Groß- und Kleinschreibung.«

»Und wofür sind die?«

»Eine Internetseite. YouAreJustMyType.com.«

»Was?«

»Eine Online-Partnerbörse.«

Kat verzog das Gesicht. »Bitte sag mir, dass das ein Scherz ist.«

»Ist was Seriöses.«

»Das sagt man auch über manche Striptease-Clubs.«

»Ich habe dich da angemeldet und für ein Jahr bezahlt.«

»Das soll ein Witz sein, oder?«

»Ich mache keine Witze. Ich arbeite gelegentlich für die Firma. Die ist gut. Und machen wir uns nichts vor, du brauchst jemanden. Du willst jemanden. Und hier wirst du ihn nicht finden.«

Kat seufzte, stand auf und nickte dem Barkeeper zu, einem Mann namens Pete, der aussah wie ein Charakterdarsteller, der immer die Rolle des irischen Barkeepers in einem Pub bekam, was er in diesem Fall tatsächlich war. Pete erwiderte das Nicken und schrieb Kats Drinks auf ihren Deckel.

»Wer weiß«, sagte Stacy. »Vielleicht findest du da den Richtigen.«

Kat ging zur Tür. »Wahrscheinlich aber auch wieder nur einen Dummschwätzer.«

Kat rief »YouAreJustMyType.com« auf, gab ihren Benutzernamen und das peinliche Passwort ein. Sie runzelte die Stirn, als sie die Kurzbeschreibung oben im Profil sah, die Stacy für sie ausgewählt hatte:

Hübsch und keck!

»Immerhin hat sie beschädigt weggelassen«, murmelte Kat.

Es war nach Mitternacht, aber Kat schlief nicht sehr viel. Die Wohnung, in der sie lebte, war eigentlich viel zu exklusiv für sie – eine Dachwohnung an der West 67th Street in der Nähe vom Central Park. Vor hundert Jahren hatten in diesem Haus und in den Nachbargebäuden, zu denen auch das berühmte Hotel des Artistes gehörte, Schriftsteller, Maler, Intellektuelle und andere Künstler gewohnt. Das geräumige, anheimelnde Apartment ging zur Straße hinaus, die kleineren Künstlerateliers nach hinten zum Hof. Irgendwann waren die alten Ateliers zu Einzimmerwohnungen umgebaut worden. Kats Vater, ein Polizist, der gesehen hatte, wie seine Freunde durch den Kauf von Immobilien reich geworden waren, hatte versucht, irgendwie daran teilzuhaben. Ein Mann, dem Dad das Leben gerettet hatte, hatte ihm die Wohnung billig verkauft.

Kat war zu Beginn ihres Studiums an der Columbia University hier eingezogen. Die Ausbildung an der Eliteuniversität hatte sie mit einem Stipendium der New Yorker Polizei bezahlt. Ihre Lebensplanung hatte ein Jurastudium und den Beitritt in eine führende Anwaltskanzlei in New York City vorgesehen, um dem Polizeidienst, dieser verfluchten Familientradition, zu entkommen.

Leider war es anders gekommen.

Neben der Tastatur stand ein Glas Rotwein. Kat trank zu viel. Sie wusste, dass das ganz dem Klischee entsprach. Polizisten, egal ob männlich oder weiblich, tranken zu viel. Aber manchmal sind diese Klischees eben nicht ganz grundlos entstanden. Sie funktionierte. Bei der Arbeit trank sie nicht. Es beeinträchtigte ihr Leben nicht merklich, aber wenn Kat spätnachts zum Telefon griff oder eine Entscheidung traf, war diese oft von einer gewissen, sagen wir, Nachlässigkeit gekennzeichnet. Im Lauf der Jahre hatte sie gelernt, das Handy auszuschalten und nach zehn Uhr abends keine E-Mails mehr zu schicken.

Aber jetzt saß sie spätnachts am Schreibtisch und sah sich wahllos Typen auf einer Partnervermittlungs-Webseite an.

Stacy hatte vier Fotos auf Kats Seite hochgeladen. Kats Profilbild, ein Porträt, war ein Ausschnitt aus einem Gruppenbild der Brautjungfern bei einer Hochzeit im letzten Jahr. Kat versuchte, es mit einem objektiven Blick zu betrachten, was ihr aber nicht gelang. Sie konnte das Foto nicht ausstehen. Die Frau darauf sah unsicher aus, lächelte flau und wirkte, als rechnete sie damit, im nächsten Moment eine Ohrfeige zu bekommen oder so etwas. Als sie sich schließlich an das schmerzliche Ritual machte, sich sämtliche Fotos anzusehen, stellte sie fest, dass es sich bei allen um Ausschnitte aus Gruppenbildern handelte – und dass Kat auf allen etwas verhuscht aussah.

Okay, Schluss mit ihrem eigenen Profil.

Bei der Arbeit traf sie nur Polizisten. Sie wollte keinen Cop. Cops waren gute Menschen, aber furchtbare Ehemänner. Das wusste sie nur zu gut. Als Oma unheilbar krank wurde, war Opa, der nicht damit zurechtkam, abgehauen und erst wieder aufgetaucht, als es … tja … zu spät war. Opa hatte sich das nie verziehen. Das war jedenfalls Kats Theorie. Er war einsam, und obgleich er für viele ein Held war, hatte er gekniffen, als es am wichtigsten gewesen wäre. Er hatte damit nicht leben können – und sein Dienstrevolver war immer zur Hand, dort auf dem obersten Regal in der Küche, wo er immer lag. Und irgendwann hatte Kats Großvater dort hineingegriffen, die Waffe heruntergenommen, sich allein an den Küchentisch gesetzt und …

Ka-boom.

Dad war immer wieder auf Sauftour gewesen und für mehrere Tage am Stück verschwunden. Mom hatte sich dann jedes Mal besonders fröhlich gegeben, was das Ganze nur noch gruseliger und unheimlicher gemacht hatte. Entweder behauptete sie, dass Dad in geheimer Mission unterwegs sei, oder sie ignorierte sein Verschwinden komplett und lebte ein buchstäbliches »Aus den Augen, aus dem Sinn«, bis Dad, vielleicht eine Woche später, frisch rasiert, mit einem breiten Lächeln im Gesicht und einem Dutzend Rosen für Mom wieder antanzte und alle so taten, als wäre das vollkommen normal.

YouAreJustMyType.com. Sie, die hübsche und kecke Kat Donovan, studierte die Seite einer Partnerbörse im Internet. Mannomann, keine Spur von wohldurchdachter Planung. Sie hob das Weinglas, toastete dem Bildschirm zu und trank einen kräftigen Schluck.

Leider war die Welt nicht mehr so eingerichtet, dass sie einem automatisch einen Lebenspartner präsentierte. Sex war etwas anderes. Das war kein Problem. Und genau das war auch die überwiegende Erwartungshaltung bei der Partnerbörse, für jedermann leicht erkennbar, ohne dass darüber gesprochen wurde. Und obwohl Kat die fleischlichen Freuden ebenso schätzte wie jede andere junge Frau, wusste sie doch genau, dass die Chance für eine langfristige Beziehung extrem sanken, wenn man mit jemandem zu früh ins Bett ging – ganz egal, ob es einem in dem Moment richtig oder falsch vorkam. Das war keine moralische Wertung. Das war einfach Fakt.

Ihr Computer piepte. Ein Nachrichtenfenster öffnete sich.

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Kat trank den Wein aus. Sie überlegte, ob sie sich noch ein Glas einschenken sollte, aber nein, es reichte. Sie ging kurz in sich und wurde sich einer offensichtlichen, wenn auch bisher unausgesprochenen Wahrheit bewusst: Sie wollte jemanden, mit dem sie ihr Leben teilen konnte. Zeit, sich das einzugestehen, okay? Sosehr sie ihre Unabhängigkeit auch schätzte, wollte Kat doch einen Mann, einen Partner, jemanden, der nachts neben ihr lag. Sie schmachtete nicht danach, forcierte es auch nicht, gab sich wahrscheinlich nicht einmal viel Mühe, jemanden zu finden. Trotzdem war sie nicht fürs Alleinsein geschaffen.

Sie fing an, durch die Profile zu klicken. Man muss schon mitspielen, um gewinnen zu können.

Erbärmlich!

Manche Männer konnte sie bereits nach einem kurzen Blick aufs Profilfoto ausklammern. Ja, wenn man darüber nachdachte, war genau das der Schlüssel zum Erfolg. Das Profilbild, das der Mann sorgfältig ausgesucht hatte, war meist der erste, sehr bewusst gewählte Eindruck. Es sprach also Bände.

Daher: Wenn du die bewusste Entscheidung getroffen hast, einen Filzhut zu tragen, ist das ein automatisches Nein. Wenn du dich entschieden hast, kein Hemd zu tragen, ganz egal, wie gut du gebaut bist – ein automatisches Nein. Wenn du einen Bluetooth-Ohrhörer trägst – herrje, was bist du wichtig – automatisches Nein. Wenn du ein Unterlippenbärtchen oder eine Weste trägst, blinzelst, irgendwelche Gesten mit den Händen machst, ein orangefarbenes Hemd anhast (persönliche Abneigung) oder die Sonnenbrille oben auf der Stirn balancierst – automatisches Nein, Nein, Nein. Wenn dein Profilname das Wort Hengst enthält oder Sexy-Smile, RichPrettyBoy, LadySatisfier lautet – Sie merken schon, worauf das hinausläuft.

Kat öffnete ein paar Seiten von Männern, die, in ihren Augen … zugänglich aussahen. Alle Texte strahlten eine traurige, deprimierende Gleichförmigkeit aus. Sämtliche Männer auf der Webseite liebten Strandspaziergänge, gingen gern essen, trieben Sport, unternahmen Fernreisen, gingen zu Weinproben, in Theater und Museen, waren aktiv, abenteuerlustig und scheuten das Risiko nicht – gleichzeitig blieben sie aber auch gern zu Hause, um gemeinsam einen Film anzusehen, Kaffee zu trinken, sich zu unterhalten, zu kochen, ein Buch zu lesen und andere schlichte Freuden des Lebens zu genießen. Jeder Mann behauptete, die wichtigste Eigenschaft, die er in einer Frau suche, sei ihr Sinn für Humor – sowieso, auf jeden Fall –, was so weit ging, dass Kat sich fragte, ob »Sinn für Humor« eine Umschreibung für »dicke Titten« war. Natürlich beschrieb jeder Mann den bevorzugten Körperbau als sportlich, schlank und feminin.

Das klang schon richtiger, zeigte vielleicht sogar einen Anflug von Ehrlichkeit im Wunschdenken.

Die Profile entsprachen nie der Realität. Statt zu zeigen, wer man war, stellten sie wunderbare, wenn auch nutzlose Übungen dar zu beschreiben, wofür man sich hielt – oder wofür der potenzielle Partner einen halten sollte. Oder, was vielleicht noch wahrscheinlicher war, die Profile zeigten einfach (und ja, es wäre ein Fest für jeden Psychologen), wie man gerne wäre.

Fast jeder hatte ein persönliches Motto, und sie hätten unterschiedlicher nicht sein können, aber wenn man sie alle in einem Wort hätte zusammenfassen wollen, träfe Melasse es wahrscheinlich am besten. Das erste Motto lautete: »Das Leben ist jeden Morgen wieder wie eine leere Leinwand, die darauf wartet, bemalt zu werden« … klick. Einige versuchten, Ehrlichkeit zu beschwören, indem sie mehrmals wiederholten, dass sie ehrlich wären. Manche täuschten Aufrichtigkeit vor. Manche gaben sich hochtrabend, arrogant, unsicher oder bedürftig. Eigentlich wie im richtigen Leben, dachte Kat. Die meisten waren einfach zu bemüht. Wie billiges Parfüm verströmte der Computer-Monitor wabernde Wolken des Ruchs der Verzweiflung. Das allgegenwärtige Geschwafel über Seelenverwandtschaft war bestenfalls abtörnend. Im richtigen Leben, dachte Kat, ist keiner von uns in der Lage, einen Menschen zu finden, mit dem er mehr als einmal ausgehen will, aber aus irgendeinem Grund glauben wir, dass wir auf YouAreJustMyType.com sofort die Person entdecken, mit der wir den Rest unseres Lebens verbringen wollen.

Wahnhaftes Verhalten? Oder starb die Hoffnung wirklich zuletzt?

Das war die andere Seite der Medaille. Es war leicht, zynisch zu sein und Witze zu reißen, aber wenn sie das Ganze mit ein wenig mehr Abstand betrachtete, wurde Kat etwas klar, das sie bis ins Mark traf: Hinter jedem Profil steckte ein Leben. Banal, ja, aber hinter jedem noch so klischeebeladenen, Bitte-liebe-mich-Profil verbarg sich ein Mitmensch mit Träumen, Zielen und Wünschen. Diese Leute hatten sich nicht umsonst angemeldet, Gebühren bezahlt und den Fragebogen ausgefüllt. Wenn man sich das überlegte: Jede einzelne dieser einsamen Personen war in der Hoffnung auf diese Internetseite gekommen – hatte die Anmeldeprozedur erledigt und auf Profile geklickt –, dass es dieses Mal anders laufen würde, hoffte, allen Widrigkeiten zum Trotz, dass sie hier auf den einen Menschen stoßen würde, der am Ende der wichtigste Mensch ihres Lebens wurde.

Wow. Einen Moment lang drohte diese Erkenntnis sie zu überwältigen.

Kat hatte sich gedankenverloren mit relativ konstanter, vielleicht leicht zunehmender Geschwindigkeit durch die Profile geklickt. Die Gesichter der Männer – Männer, die sich in der Hoffnung angemeldet hatten, hier »die Eine« zu finden – verschwammen vor ihren Augen zu einer breiigen Masse, als plötzlich ein Bild daraus hervorstach.

Ein, vielleicht zwei Sekunden lang traute sie ihren Augen nicht. Dann dauerte es noch eine Sekunde, bis der Finger aufhörte, die Maustaste zu bedienen, eine weitere, in der die Profilbilder langsam ausliefen und zum Stillstand kamen. Kat lehnte sich zurück und atmete tief durch.

Das war unmöglich.

Während sie über die Männer hinter den Bildern sinnierte, über ihre Leben, ihre Bedürfnisse, ihre Hoffnungen nachdachte, hatte sie extrem schnell geklickt. Ihr Gehirn, das in Kats Job gleichermaßen ihre Stärke als auch ihre Schwäche war, hatte sich mit den umherschweifenden Gedanken beschäftigt und sich nicht auf die Bilder vor ihr konzentriert, trotzdem hatte es das Wesentliche erfasst. In der Sprache der Strafverfolgungsbehörden bedeutete das, dass sie in der Lage war, Möglichkeiten wie Fluchtrouten, Alternativ-Szenarien oder eine versteckt lauernde Gestalt ausfindig zu machen, sowie Verdunkelungen, Hinderungsgründe oder Vorwände zu erkennen.

Es bedeutete aber auch, dass Kat das Offensichtliche manchmal übersah.

Sie fing an, langsam auf den Zurück-Pfeil zu klicken.

Es war vollkommen unmöglich.

Das Foto war nur kurz aufgeflackert. Die ganzen Gedanken über wahre Liebe, einen Seelenverwandten, die eine Person, mit der man sein Leben verbringen wollte … wie sollte sie ihrer Fantasie vorwerfen, ihr einen Streich gespielt zu haben? Es war achtzehn Jahre her. Sie hatte ein paarmal mehr oder weniger betrunken seinen Namen gegoogelt, aber nur ein paar alte Artikel von ihm gefunden. Nichts Aktuelles. Das hatte sie überrascht, ihre Neugier geweckt – Jeff war ein toller Journalist gewesen –, aber was sollte sie machen? Kat war zwischenzeitlich versucht gewesen, gründlicher nach ihm zu suchen. Das wäre in ihrer Position ohne allzu großen Aufwand möglich gewesen. Aber sie mochte es nicht, ihre Verbindungen zu den Strafverfolgungsbehörden für private Zwecke zu nutzen. Natürlich hätte sie auch Stacy fragen können, aber auch da galt: Was sollte es bringen?

Jeff war weg.

Einen Ex-Lover zu verfolgen oder auch nur zu googeln, war einfach nur jämmerlich. Okay, Jeff war mehr als das gewesen. Viel mehr. Geistesabwesend fuhr Kat mit dem Daumen über ihren linken Ringfinger. Leer. Das war er aber nicht immer gewesen. Jeff hatte um ihre Hand angehalten, hatte alles richtig gemacht. Er hatte ihren Vater um Erlaubnis gefragt. Er war vor ihr niedergekniet. Nichts Kitschiges. Er hatte den Ring nicht im Dessert versteckt oder die Frage im Madison Square Garden an die Anzeigetafel schreiben lassen. Es war stilvoll, romantisch und traditionell gewesen, weil er wusste, dass sie es sich genauso gewünscht hätte.

Tränen traten ihr in die Augen.

Kat klickte sich über den Zurück-Pfeil durch ein Potpourri aus Gesichtern und Frisuren, durch die vereinten Nationen verfügbarer Junggesellen, dann stoppte ihr Finger. Einen Moment lang starrte sie einfach mit angehaltenem Atem auf den Monitor und traute sich nicht, sich zu bewegen.

Dann stieß sie einen leisen Schrei aus.

Der zuvor tief verborgene Kummer war sofort wieder da. Die alte Wunde fühlte sich so frisch an, als wäre Jeff gerade erst durch die Tür gegangen und nicht vor achtzehn Jahren. Ihre Hand zitterte, als sie sie zum Monitor ausstreckte und sein Gesicht berührte.

Jeff.

Immer noch so verdammt attraktiv. Er war etwas gealtert, die Schläfen waren leicht angegraut, aber, Mann, das stand ihm gut. Kat hatte das nicht anders erwartet. Ihr war damals schon klar, dass Jeff zu den Männern gehören würde, die im Lauf der Jahre attraktiver wurden. Sie streichelte sein Gesicht. Eine Träne löste sich aus ihrem Augenwinkel.

Oh Mann, dachte sie.

Sie versuchte, sich zusammenzureißen, versuchte, etwas runterzukommen und die Dinge ins rechte Licht zu rücken, aber um sie herum drehte sich alles, und sie sah keine Möglichkeit, die Bewegung zu bremsen. Sie legte ihre noch immer zitternde Hand auf die Maus und klickte auf das Profilbild.

Die nächste Seite öffnete sich. Da stand Jeff in einem Flanellhemd und Jeans, die Hände in den Taschen und mit so blauen Augen, dass man unwillkürlich nach dem Rand einer Kontaktlinse suchte. Er war sehr attraktiv. Sah so verdammt gut aus. Er wirkte fit und sportlich, und trotz allem machten sich andere Regungen tief in Kats Innerem bemerkbar. Sie riskierte einen kurzen Blick ins Schlafzimmer. Sie hatte schon damals, als sie mit ihm zusammen war, hier gewohnt. Nach ihm waren andere Männer in diesem Schlafzimmer gewesen, aber nichts war dem Hochgefühl nahe gekommen, das sie mit ihrem Verlobten erlebt hatte. Sie wusste, wie sich das anhören musste, aber als sie mit Jeff zusammen war, hatte er alles in ihr zum Klingen gebracht. Es lag nicht an einer Technik, der Größe oder sonst irgendetwas. Es lag – so unerotisch das auch klang – am Vertrauen. Dieses Vertrauen hatte den Sex so umwerfend gemacht. Kat hatte sich bei ihm sicher gefühlt. Sie war selbstsicher, schön, furchtlos und frei gewesen. Er hatte sie zwar gelegentlich herausgefordert, die Kontrolle übernommen, aber sie hatte sich bei ihm nie verletzlich oder befangen gefühlt.

Bei anderen Männern hatte Kat nie richtig loslassen können.

Sie schluckte und klickte auf den Link zum vollständigen Profil. Sein persönliches Motto war kurz und, wie Kat fand, perfekt: Lass uns sehen, was passiert.

Kein Druck. Keine grandiosen Pläne. Keine Bedingungen, Versprechungen oder hochgesteckten Erwartungen.

Lass uns sehen, was passiert.

Sie klickte auf seinen Status. Im Lauf der letzten achtzehn Jahre hatte Kat sich unzählige Male gefragt, wie es ihm ergangen war. Die erste Frage war also naheliegend: Was war in Jeffs Leben passiert, dass er auf einer Internetseite für Singles gelandet war?

Andererseits: Was war in ihrem Leben passiert?

Der Status lautete: Witwer.

Noch ein Wow.

Sie versuchte, sich das vorzustellen – wie Jeff eine Frau geheiratet, mit ihr zusammengelebt hatte, bis sie schließlich verstorben war. Der Gedanke ließ sie nicht los. Noch nicht. Sie sperrte sich gegen die Vorstellung. Das war okay. Mach einfach weiter. Es gab keinen Grund, sich länger damit aufzuhalten.

Witwer.

Dann ein weiterer Schock: Ein Kind.

Alter und Geschlecht waren nicht angegeben, aber das spielte natürlich auch keine Rolle. Jede Enthüllung, jede neue Information über den Mann, den sie einmal von ganzem Herzen geliebt hatte, drohte ihre Welt erneut aus der Bahn zu werfen. Er hatte ein ganzes Leben ohne sie gelebt. Warum überraschte sie das? Was hatte sie erwartet? Ihre Trennung war sowohl plötzlich als auch unvermeidlich gewesen. Auch wenn er sie letztendlich verlassen hatte, war es doch ihre Schuld gewesen. Er war einfach verschwunden, ganz plötzlich, und mit ihm das ganze Leben, das sie gekannt und geplant hatte.

Jetzt war er wieder da, als einer von ein- oder zweihundert Männern, durch deren Profile sie sich geklickt hatte.

Stellte sich nur die Frage, wie sie damit umgehen sollte.

ZWEI

Gerard Remington hatte nur wenige Stunden davorgestanden, Vanessa Moreau einen Heiratsantrag zu machen, als es um ihn herum schwarz wurde.

Der Heiratsantrag war, wie so viele Dinge in Gerard Remingtons Leben, sorgfältig geplant gewesen. Erster Schritt: Nach ausgiebiger Recherche hatte Gerard einen Verlobungsring gekauft: 2,93 Karat, exquisiter Schliff, Reinheit VVS1, Farbe F, Platinring mit runder Fassung. Er hatte ihn bei einem namhaften Juwelier im Diamantenviertel in Manhattan gekauft – nicht in einem der überteuerten, größeren Läden, sondern an einem Stand weiter hinten an der Ecke zur 6th Avenue.

Zweiter Schritt: Ihre Maschine würde als JetBlue Flug Nummer 267 um 7 Uhr 30 am Bostoner Logan Airport abheben und um 11 Uhr 31 in St. Maarten landen, wo er und Vanessa in eine kleine Klapperkiste nach Anguilla umsteigen und um 12 Uhr 45 auf der Karibikinsel ankommen würden.

Schritt drei, vier etc.: Sie würden sich in der zweigeschossigen Villa vom Viceroy Anguilla Hotel mit Blick auf Meads Bay entspannen, sich kurz im hauseigenen Infinity-Pool erfrischen, sich lieben, duschen und sich anziehen und im Blanchards essen gehen. Das Abendessen war für 19 Uhr reserviert. Gerard hatte angerufen und eine Flasche von Vanessas Lieblingswein vorbestellt, einen Château Haut-Bailly Grand Cru Classé 2005, einen Bordeaux aus dem Gebiet Pessac-Léognan. Nach dem Abendessen würden Gerard und Vanessa barfuß, Hand in Hand am Strand entlangspazieren. Er hatte im Mondphasenkalender nachgesehen und wusste, dass es beinahe Vollmond war. Einhundertachtundneunzig Meter den Strand hinab (er hatte es ausmessen lassen) stand eine schilfgedeckte Hütte, die tagsüber für den Verleih von Schnorcheln und Wasserski genutzt wurde. Nachts war sie leer. Ein örtlicher Blumenhändler würde die Vorderveranda mit einundzwanzig (die Anzahl der Wochen, die sie sich kannten) weißen Callas schmücken (Vanessas Lieblingsblume). Außerdem würde sie dort ein Streichquartett erwarten. Auf Gerards Stichwort würde das Quartett Somewhere Only We Know von Keane spielen, der Song, den Vanessa und er sich als den ihren erwählt hatten. Und weil beide Traditionen mochten, würde Gerard vor ihr niederknien. Gerard konnte Vanessas Reaktion vor seinem inneren Auge aufziehen lassen. Sie würde überrascht nach Luft schnappen. Tränen würden ihr in die Augen steigen. Sie würde erstaunt und erfreut die Hände vors Gesicht schlagen.

»Du bist in mein Leben getreten und hast es für immer verändert«, würde Gerard sagen. »Wie ein Superkatalysator hast du dieses einfache Stück Lehm in etwas unendlich Bedeutsameres, Glücklicheres und Lebensfroheres verwandelt, als ich es mir je hätte vorstellen können. Ich liebe dich. Ich liebe dich von ganzem Herzen. Ich liebe alles an dir. Dein Lächeln gibt meinem Leben Farbe und Struktur. Du bist die schönste und leidenschaftlichste Frau auf der Welt. Würdest du mich heiraten und mich damit zum glücklichsten Mann auf der Welt machen?«

Am exakten Wortlaut hatte Gerard noch gearbeitet – er musste perfekt sein –, als es um ihn herum schwarz wurde. Aber jedes Wort entsprach der Wahrheit. Er liebte Vanessa. Er liebte sie von ganzem Herzen. Gerard war nie ein großer Romantiker gewesen. Sein Leben lang hatten die Menschen ihn immer wieder enttäuscht. Anders als die Wissenschaft. Ehrlich gesagt war er immer am zufriedensten gewesen, wenn er allein war und Mikroben und andere Organismen bekämpft, neue Medikamente und Gegenmittel entwickelt hatte, um die Kriege gegen sie zu gewinnen. Er war vollkommen zufrieden gewesen in seinem Labor bei Benesti Pharmaceuticals, wenn er an der Tafel eine Gleichung löste. In der Beziehung war er etwas altmodisch, wie seine jüngeren Kollegen immer wieder betonten. Er mochte die Tafel. Sie half ihm beim Denken, er mochte den Geruch der Kreide, den Staub, die schmutzigen Finger, die Leichtigkeit, mit der sich alles wieder wegwischen ließ, denn in der Wissenschaft sollte nur Weniges ewig währen.

Ja, in diesen verlorenen, einsamen Momenten war Gerard am zufriedensten.

Zufrieden. Aber nicht glücklich.

Seit er Vanessa kennengelernt hatte, war er das erste Mal im Leben glücklich gewesen.

Gerard öffnete die Augen und dachte an sie. Mit Vanessa war alles bis in die zehnte Potenz erhöht. Keine andere Frau hatte ihn je geistig, emotional und, ja, natürlich, körperlich so bewegt. Keine Frau, die er kannte, würde das jemals können.

Er hatte die Augen geöffnet, doch die Dunkelheit blieb bestehen. Erst fragte er sich, ob er irgendwie doch noch zu Hause wäre, aber dafür war es viel zu kalt. Sein digitaler Thermostat stand immer genau auf 21,9 Grad. Immer. Vanessa hatte ihn oft wegen seiner Präzision aufgezogen. Im Laufe seines Lebens hatten einige Leute Gerards Bedürfnis nach Ordnung für eine anale Fixierung oder sogar für eine Zwangsstörung gehalten. Vanessa hingegen verstand ihn. Sie schätzte es und betrachtete es manchmal sogar als Vorteil. »Das macht dich zu einem großen Wissenschaftler und einem fürsorglichen Mann«, hatte Vanessa einmal zu ihm gesagt. Sie erläuterte ihm ihre Theorie, dass Personen, die wir heute als »etwas schräg« einordnen, in der Vergangenheit die Genies in Kunst, Wissenschaft und Literatur gewesen waren, die wir inzwischen mit Diagnosen und Medikamenten zurechtstutzten, sie gleichschalteten und ihre Sinne abstumpften.

»Genie entspringt dem Ungewöhnlichen«, hatte Vanessa ihm erklärt.

»Und ich bin ungewöhnlich?«

»Im allerbesten Sinne, mein Süßer.«

Doch während ihm vor Erinnerung das Herz überging, konnte Gerard doch den seltsamen Geruch nicht ignorieren. Es roch muffig, alt und moderig und wie …

Wie Erde. Wie frische Muttererde.

Panik erfasste ihn. In der pechschwarzen Dunkelheit versuchte Gerard, die Hände zum Gesicht zu führen. Es ging nicht. Seine Handgelenke waren gefesselt. Mit einem Seil oder, nein, etwas Dünnerem. Vielleicht Draht. Er versuchte, die Beine zu bewegen. Sie waren zusammengebunden. Er spannte die Bauchmuskeln an und versuchte, beide Beine nach oben zu schwingen, sie trafen jedoch auf etwas. Holz. Direkt über ihm. Als wäre er in …

Sein Körper fing an, sich vor Angst aufzubäumen.

Wo war er? Wo war Vanessa?

»Hallo?«, rief er. »Hallo?«

Gerard versuchte, sich aufzusetzen, doch er konnte sich nicht bewegen. Er wartete darauf, dass seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnten, aber es ging nicht schnell genug.

»Hallo? Hört mich jemand? Bitte helfen Sie mir!«

Er hörte etwas. Direkt über sich. Es klang wie ein Kratzen oder Schlurfen oder …

Oder Schritte?

Schritte direkt über ihm.

Gerard dachte an die Dunkelheit. Er dachte an den Geruch frischer Erde. Plötzlich kannte er die Antwort, auch wenn sie vollkommen unlogisch war.

Ich bin unter der Erde, dachte er. Ich bin unter der Erde.

Dann fing er an zu schreien.

DREI

Kat wurde eher bewusstlos, als dass sie einschlief.

Wie an jedem Wochentag weckte ihr iPod sie um sechs Uhr morgens mit ihrem Lieblings-Zufallssong – an diesem Morgen war es Bulletproof Weeks von Matt Nathanson. Es war ihr sehr wohl bewusst, dass sie in ebenjenem Bett schlief, in dem sie auch vor all den Jahren mit Jeff geschlafen hatte. Der Raum war immer noch mit dunklem Holz getäfelt. Der Vorbesitzer war Geiger bei den New Yorker Philharmonikern gewesen und hatte beschlossen, dass die komplette Fünfzig-Quadratmeter-Wohnung wie das Innere eines alten Schiffs aussehen sollte. Überall dunkles Holz und Bullaugen als Fenster. Jeff und sie hatten sich darüber amüsiert und alberne, doppeldeutige Bemerkungen gemacht, dass sie das Boot ins Schaukeln oder zum Kentern bringen würden, oder sie hatten nach einem Rettungsfloß gerufen.

In der Liebe konnte einen die Sentimentalität schon einmal überwältigen.

»Diese Wohnung«, sagte Jeff, »das bist so ganz und gar nicht du.«

Natürlich hatte er seine studentische Verlobte für freundlicher und fröhlicher gehalten als ihre Umgebung. Doch inzwischen, achtzehn Jahre später, fand jeder, der ihre Bleibe betrat, dass sie perfekt zu Kat passte. Es war wie bei Ehepartnern, von denen man sagt, dass sie sich im Lauf der Jahre immer ähnlicher werden, allmählich glich sie dieser Wohnung. Kat überlegte, ob sie im Bett bleiben und noch eine Mütze Schlaf nehmen sollte, aber in einer Viertelstunde begann ihr Kurs. Ihr Lehrer, Aqua, ein winziger Transvestit mit schizophrener Persönlichkeitsstörung, akzeptierte allenfalls lebensbedrohliche Situationen als Grund fürs Nichterscheinen. Außerdem könnte Stacy kommen, und Kat hoffte, ihr von diesen ganzen Entwicklungen in Sachen Jeff berichten zu können. Kat schlüpfte in die Yoga-Hose und das Trägertop, schnappte sich eine Flasche Wasser und ging zur Tür. Ihr Blick streifte den Computer auf ihrem Schreibtisch.

Ach, ein schneller Blick konnte nicht schaden.

Die Homepage von YouAreJustMyType.com war noch geöffnet, nach zwei Stunden Untätigkeit war Kat jedoch automatisch ausgeloggt worden. Ein Fenster warb für ein »fantastisches Einführungsangebot« für »Neueinsteiger« (wer sonst käme für ein Einführungsangebot auch infrage?), das einen Monat unbegrenzten Zugang (was immer das bedeutete) mit diskreter Abrechnung (hä?) über die Kreditkarte für nur 5,74 Dollar bot. Glücklicherweise hatte Stacy ihr ein ganzes Jahr finanziert. Hurra!

Kat gab ihren Namen und das Passwort wieder in die entsprechenden Felder ein und drückte ENTER. Sie hatte inzwischen Nachrichten von mehreren Männern, beachtete sie aber nicht. Sie ging direkt auf Jeffs Seite, die sie natürlich in ihren Lesezeichen gespeichert hatte.

Sie klickte auf ANTWORTEN. Ihre Finger lagen auf der Tastatur.

Was sollte sie schreiben?

Nichts. Jedenfalls nicht sofort. Denk drüber nach. Die Zeit wurde knapp. Der Kurs begann gleich. Kat schüttelte den Kopf, stand auf und verließ die Wohnung. Wie jeden Montag, Mittwoch und Freitag joggte Kat zur 72nd Street und ging dort in den Central Park. Der Bürgermeister von Strawberry Fields, ein Performancekünstler, der von den Trinkgeldern der Touristen lebte, war schon dabei, seine Blumen auf dem Mosaik zum Gedenken an John Lennon auszulegen. Er machte das fast jeden Tag, war aber selten so früh da. »Hey, Kat«, sagte er, und reichte ihr eine Rose.

Sie nahm sie. »Morgen, Gary.«

Sie eilte über die obere Terrasse vom Bethesda. Der See war noch ruhig – es waren noch keine Boote darauf –, aber das Wasser, das der Springbrunnen in die Luft sprühte, glänzte wie ein Perlenvorhang. Kat nahm den linken Pfad, der an der riesigen Hans-Christian-Andersen-Statue vorbeiführte. Wie jeden Morgen saßen Tyrell und Billy, die beiden Obdachlosen (wenn sie denn obdachlos waren, woher sollte sie wissen, ob die beiden nicht im San-Remo-Gebäude lebten und sich nur so kleideten), an einem Tisch und spielten, ebenfalls wie jeden Morgen, Gin Rommé.

»Toller Arsch, Mädel«, sagte Tyrell.

»Deiner auch«, antwortete Kat.

Tyrell war begeistert. Er stand auf, tanzte ein paar Schritte, wackelte dabei kurz mit dem Hintern und klatschte sich mit Billy ab, wobei er seine Karten fallen ließ. Billy musterte ihn mit finsterem Blick.

»Heb die auf!«, schrie er.

»Beruhig dich wieder, okay?« Dann zu Kat: »Yoga heute Morgen?«

»Ja. Wie viele sind da?«

»Acht.«

»Ist Stacy schon vorbeigekommen?«

Als ihr Name fiel, nahmen beide Männer den Hut ab und legten ihn respektvoll aufs Herz. Billy murmelte: »Herr, erbarme dich.«

Kat runzelte die Stirn.

Tyrell sagte: »Noch nicht.«

Sie ging rechts weiter ums Conservatory Water herum. Hier fanden schon so früh am Morgen Modellbootrennen statt. Hinter Kerbs Boathouse saß Aqua im Lotussitz. Seine Augen waren geschlossen. Aqua, das Produkt eines afroamerikanischen Vaters und einer jüdischen Mutter, beschrieb seine Hautfarbe gern als Mokka-Latte mit einem Hauch Sahne. Er war zierlich und geschmeidig und saß jetzt vollkommen bewegungslos da, ein Anblick, der im absoluten Widerspruch zu dem manischen Jungen stand, mit dem sie vor vielen Jahren befreundet gewesen war.

»Du kommst zu spät«, sagte Aqua, ohne die Augen zu öffnen.

»Wie machst du das?«

»Was? Mit geschlossenen Augen gucken?«

»Ja.«

»Das ist ein spezielles Geheimnis von uns Yogameistern«, sagte Aqua. »Wir New Yorker Yogis nennen es linsen. Setz dich.«

Das tat sie. Kurz darauf stieß auch Stacy zur Gruppe. Aqua ermahnte sie nicht. Früher hatte Aqua den Kurs auf dem Great Lawn gegeben – bis Stacy auftauchte und ihre Geschmeidigkeit in der Öffentlichkeit präsentierte. Plötzlich zeigten viele Männer ein enormes Interesse an Yoga. Aqua gefiel das nicht, also machte er aus der morgendlichen Gruppe kurzerhand einen reinen Frauenkurs, der versteckt hinter dem Bootshaus stattfand. Der für Stacy »reservierte« Platz lag direkt an der Mauer, sodass diejenigen, die aus der Ferne gaffen wollten, keine freie Sicht hatten.

Aqua führte sie durch eine Reihe Asanas. Jeden Morgen, ob es regnete, die Sonne schien, sogar bei Schnee, unterrichtete Aqua an diesem Ort seinen Kurs. Er nahm keine feste Gebühr. Man gab das, was man für angemessen hielt. Er war ein wunderbarer Lehrer – informativ, freundlich, motivierend, aufrichtig und komisch. Er korrigierte deinen Nach unten schauenden Hund oder den Krieger II mit einer leichten Berührung, die aber alles in einem bewegte.

Meistens verlor Kat sich in den Stellungen. Ihr Körper arbeitete schwer. Ihr Atem verlangsamte sich. Ihr Gehirn kapitulierte. Im normalen Leben trank Kat, rauchte gelegentlich eine Zigarre und ernährte sich schlecht. Ihr Job konnte ein reiner, unverschnittener Schuss Gift sein. Aber hier spülte Aquas besänftigende Stimme all das üblicherweise davon.

Heute nicht.

Sie versuchte loszulassen, sich dem Moment hinzugeben und diesem ganzen Zen-Kram, der unsinnig klang, es sei denn Aqua sprach darüber, aber Jeffs Gesicht – das, das sie kannte, das, das sie gerade gesehen hatte – verfolgte sie. Aqua sah, dass sie abgelenkt war. Er beäugte sie misstrauisch und nahm sich etwas mehr Zeit als sonst, um ihre Stellungen zu korrigieren. Aber er sagte nichts.

Am Ende jedes Kurses, wenn die Schüler in der Totenstellung ruhten, belegte Aqua einen komplett mit seinem Entspannungszauber. Alles kapitulierte. Man dämmerte weg. Dann wünschte er allen einen gesegneten und besonderen Tag. Die Teilnehmer blieben noch kurz liegen, atmeten ein paarmal tief durch, die Fingerspitzen kribbelten. Langsam öffneten sie die Augen – wie Kat es jetzt machte –, und Aqua war verschwunden.

Kat erwachte langsam wieder zum Leben. Das galt auch für die anderen Schülerinnen. Schweigend rollten sie ihre Matten auf, waren kaum in der Lage zu sprechen. Stacy gesellte sich zu Kat, und gemeinsam gingen sie ein paar Minuten am Conservatory Water entlang.

»Erinnerst du dich an den Typen, mit dem ich so halbwegs zusammen war?«, fragte Stacy.

»Patrick?«

»Genau der.«

»Der schien sehr nett zu sein«, sagte Kat.

»Ja, ich musste ihm den Laufpass geben. Hab festgestellt, dass er was richtig Übles macht.«

»Was?«

»Einen Spinning-Kurs.«

Kat verdrehte die Augen.

»Komm schon, Kat. Der Typ geht zu einem Spinning-Kurs. Was kommt da noch, Kegeln?«

Es war komisch, mit Stacy spazieren zu gehen. Nach einer Weile fielen einem die Blicke und Pfiffe nicht mehr auf. Man war weder beleidigt, noch ignorierte man sie. Sie verschwanden einfach. Kat konnte sich keine bessere Tarnung vorstellen, als neben Stacy herzugehen.

»Kat?«

»Ja.«

»Verrätst du mir, was los ist?«

Ein großer Mann mit Fitnessstudio-Muskeln, hervortretenden Venen und zurückgegelten Haaren blieb vor Stacy stehen und senkte den Blick bis auf ihre Brust. »Hey, das ist ja ein echt gewaltiger Vorbau.«

Auch Stacy blieb stehen und senkte den Blick auf seinen Schritt. »Hey, das ist ja ein echt winziger Schwanz.«

Sie gingen weiter. Okay, vielleicht waren sie doch nicht ganz verschwunden. Stacy reagierte unterschiedlich auf Annäherungsversuche, je nach Art der Anmache. Aufgesetzten Mut, Pfiffe und jede Art von Ungehobeltheiten konnte sie nicht ausstehen. Die scheuen Typen, diejenigen, die ihren Anblick einfach bewunderten und sich daran erfreuten, an denen erfreute sich auch Stacy. Manchmal lächelte sie, winkte sogar, fast wie eine Berühmtheit, die etwas von sich preisgibt, weil es für sie nur eine Kleinigkeit ist und andere glücklich macht.

»Ich war gestern auf dieser Internetseite«, sagte Kat.

Stacy lächelte: »Schon?«

»Ja.«

»Wow, das ging ja fix. Hast du zu jemandem Kontakt aufgenommen?«

»Nicht direkt.«

»Was sonst?«

»Ich habe dort meinen ehemaligen Verlobten entdeckt.«

Stacy blieb mit weit aufgerissenen Augen stehen: »Sag das noch mal.«

»Er heißt Jeff Raynes.«

»Moment. Du warst verlobt?«

»Ist lange her.«

»Aber verlobt? Du? So mit Ring und allem Drum und Dran?«

»Warum bist du so überrascht?«

»Ich weiß nicht. Ich meine, wie lange sind wir jetzt befreundet?«

»Zehn Jahre.«

»Genau, und in der ganzen Zeit hast du nicht ein einziges Mal an so etwas wie Liebe geschnüffelt.«

Kat zuckte kurz die Achseln. »Ich war zweiundzwanzig.«

»Mir fehlen die Worte«, sagte Stacy. »Verlobt. Du.«

»Könnten wir diesen Teil jetzt beenden?«

»Ja, okay, ’tschuldigung. Und gestern Nacht hast du sein Profil auf der Internetseite entdeckt.«

»Ja.«

»Wie war seine Seite?«

»Die Seite von wem?«

»Wessen Seite.«

»Was?«

»Nicht die Seite von wem. Es heißt wessen Seite.«

»Schade, dass ich meine Waffe gerade nicht dabeihabe«, sagte Kat.

»Was hast du, äh, Jeff geschrieben?«

»Nichts.«

»Bitte?«

»Ich hab ihm nicht geschrieben.«

»Wieso nicht?«

»Er hat mich sitzen lassen.«

»Ein Verlobter.« Wieder schüttelte Stacy den Kopf. »Und du hast mir noch nie etwas von ihm erzählt? Ich komme mir vor, als hätte man mich übers Ohr gehauen.«

»Wieso das?«

»Ich weiß nicht. Ich dachte immer, wenn’s um Liebe geht, wärst du genauso eine Zynikerin wie ich.«

Kat ging weiter. »Was denkst du wohl, wie ich zur Zynikerin geworden bin?«

»Punkt für dich.«

Sie suchten sich einen Tisch im Le Pain Quotidien im Central Park in der Nähe der West 69th Street und bestellten Kaffee.

»Tut mir wirklich leid«, sagte Stacy.

Kat tat es mit einer Geste ab.

»Ich habe dich auf der Internetseite angemeldet, damit du dich flachlegen lassen kannst. Herrje, du musst dringend mal flachgelegt werden. Also, von allen, die ich kenne, bist du diejenige, die am dringendsten mal flachgelegt werden muss.«

»Tolle Entschuldigung«, sagte Kat.

»Ich wollte keine bösen Erinnerungen heraufbeschwören.«

»Ist keine große Sache.«

Stacy sah sie skeptisch an. »Willst du darüber reden? Natürlich willst du das. Ich bin neugierig wie nur irgendwas. Erzähl mir alles.«

Also erzählte Kat ihr die ganze Geschichte mit Jeff. Sie erzählte ihr, wie sie sich an der Columbia University kennengelernt hatten, wie sie sich verliebt hatten, wie es ihr vorgekommen war, als wäre es für die Ewigkeit, wie leicht und richtig es sich angefühlt hatte, als er ihr den Heiratsantrag gemacht hatte, wie sich alles verändert hatte, als ihr Vater ermordet worden war, wie sie sich immer weiter zurückgezogen hatte, wie Jeff sie schließlich verlassen hatte, wie sie zu schwach oder vielleicht zu stolz gewesen war, um ihn zurückzuholen.

Als sie fertig war, sagte Stacy: »Wow.«

Kat trank einen Schluck Kaffee.

»Und jetzt, fast zwanzig Jahre später, siehst du deinen alten Verlobten auf einer Partnervermittlungsseite im Internet?«

»Ja.«

»Single?«

Kat runzelte die Stirn. »Viele Verheiratete sind da nicht zu finden.«

»Klar, logisch. Und wie sieht’s aus? Ist er geschieden? Hat er wie du zu Hause gesessen und die ganze Zeit geschmachtet?«

»Ich hab nicht die ganze Zeit geschmachtet«, sagte Kat. Dann: »Er ist verwitwet.«

»Wow.«

»Hör auf mit diesem ›Wow‹. Du bist doch nicht mehr sieben!«

Stacy ignorierte den kurzen Ausbruch. »Er heißt Jeff, richtig?«

»Richtig.«

»Gut. Als Jeff sich von dir getrennt hat, hast du ihn da noch geliebt?«

Kat schluckte. »Ja, natürlich.«

»Glaubst du, dass er dich nicht geliebt hat?«

»Offenbar nicht.«

»Hör auf mit dem Quatsch. Denk darüber nach. Vergiss mal für einen Moment, dass er dich sitzen gelassen hat.«

»Das ist irgendwie schwierig. Ich gehöre zu den Frauen, die finden, dass Taten mehr als Worte sagen.«

Stacy beugte sich zu ihr. »Es gibt nicht viele Leute, die die Kehrseite der Liebe und der Ehe deutlicher gesehen haben als meine Wenigkeit. So weit sind wir uns doch einig, oder?«

»Ja.«

»Man erfährt viel über Beziehungen, wenn der eigene Job gewissermaßen darin besteht, sie zu zerstören. Die Wahrheit ist aber, dass es in fast jeder Beziehung Bruchstellen gibt. Jede Beziehung hat Risse und Sprünge. Das heißt nicht, dass sie bedeutungslos, schlecht oder unglücklich ist. Wir wissen, dass alles in unserem Leben komplex ist und sich in Grautönen abspielt. Aber irgendwie erwarten wir von unserer Beziehung immer, dass alles einfach und perfekt abläuft.«

»Das ist alles richtig«, sagte Kat, »ich versteh aber nicht, worauf du hinauswillst.«

Stacy beugte sich vor. »Als ihr beiden euch getrennt habt, hat Jeff dich da noch geliebt? Und komm mir jetzt nicht damit, dass Taten mehr als Worte sagen. Hat er dich noch geliebt?«

Und dann sagte Kat, ohne wirklich darüber nachzudenken: »Ja.«

Stacy starrte ihre Freundin nur wortlos an: »Kat?«

»Was ist?«

»Du weißt, dass ich nicht abergläubisch bin«, sagte Stacy, »aber das kommt mir ein bisschen vor wie Schicksal, Kismet oder was weiß ich, wie man das nennt.«

Kat trank noch einen Schluck von ihrem Kaffee.

»Ihr seid beide Single. Ihr seid frei. Ihr seid beide schon einmal durch die Mühle gedreht worden.«

»Beschädigt«, sagte Kat.

Stacy dachte darüber nach. »Nein, das meinte ich … Ja, das gehört auch dazu, klar. Aber ich meine weniger beschädigt als vielmehr … realistisch.« Stacy lächelte und wandte den Blick ab. »Oh, Mann.«

»Was ist?«

Als Stacy sie wieder ansah, lächelte sie immer noch. »Das könnte ein echtes Märchen werden, weißt du?«

Kat sagte nichts.

»Aber mehr noch. Ihr beide habt gut zueinander gepasst, oder?«

Kat sagte immer noch nichts.

»Verstehst du nicht? Dieses Mal könnt ihr beide das mit einem klaren Blick angehen. Es könnte ein Märchen werden, aber ein reales. Ihr seht die Risse und Sprünge. Ihr geht mit Ballast, Erfahrung und ehrlichen Erwartungen hinein. Mit Verständnis für das, was ihr beide vor langer Zeit verbockt habt. Hör mir zu, Kat.« Stacy streckte die Hand über den Tisch und ergriff Kats Hand. Sie hatte Tränen in den Augen. »Das könnte sehr, sehr gut werden.«

Kat antwortete immer noch nicht. Sie traute ihrer Stimme nicht. Sie erlaubte sich nicht einmal, daran zu denken. Aber sie wusste es. Sie wusste genau, was Stacy meinte.

»Kat?«

»Wenn ich wieder zu Hause bin, schicke ich ihm eine Nachricht.«

VIER

Während Kat duschte, überlegte sie, was genau sie Jeff schreiben sollte. Sie ging ein Dutzend Möglichkeiten durch, aber eine klang lahmer als die andere. Sie hasste dieses Gefühl. Sie hasste es, sich Sorgen darüber zu machen, was sie einem Typen schreiben sollte, als würde sie ihm eine Nachricht in seinem Spind hinterlassen, wie in der Highschool. Bah. Konnten wir da nie herauswachsen?

Ein Märchen, hatte Stacy gesagt. Aber ein reales.

Sie zog ihre Kripo-Ziviluniform an – Jeans und Blazer – und schlüpfte in ein Paar TOMS-Espadrilles. Sie band sich die Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen. Kat hatte nie den Mut aufgebracht, sich die Haare kurz zu schneiden, trug sie aber gern nach hinten gebunden, sodass sie ihr nicht ins Gesicht hingen. Jeff hatte das auch gemocht. Den meisten Männern gefiel es besser, wenn ihre Haare in Wellen herabfielen. Jeff nicht. »Ich liebe dein Gesicht. Ich liebe die Wangenknochen und die Augen …«

Sie zwang sich, damit aufzuhören.

Zeit, zur Arbeit zu gehen. Sie konnte sich später noch überlegen, was sie schreiben wollte.

Der Bildschirm des Rechners schien sie zu verspotten, als sie vorbeiging, schien sie aufzufordern zu gehen. Sie blieb stehen. Der Bildschirmschoner führte seinen kleinen Tanz auf. Sie sah auf die Uhr.

Kat setzte sich und rief YouAreJustMyType.com auf. Als sie sich einloggte, sah sie, dass sich »aufregende, passende Partner« gefunden hätten. Es war ihr egal. Sie öffnete Jeffs Profil, klickte aufs Foto und las noch einmal sein persönliches Motto.

Lass uns sehen, was passiert.

Wie lange, überlegte sie, hatte Jeff gebraucht, um auf etwas so Schlichtes, so Verlockendes, so Entspanntes, so Unverbindliches, so Einnehmendes zu kommen? Es erzeugte keinen Druck. Es war eine Einladung, mehr nicht. Kat klickte auf das Ikon, um ihm eine persönliche Nachricht zu schreiben. Das Textfeld öffnete sich. Der Cursor blinkte ungeduldig.

Kat tippte: Ja, lass uns sehen, was passiert.

Bah.

Sie löschte es sofort wieder.

Sie startete ein paar weitere Versuche. Rat mal, wer hier ist; Lang, lang ist’s her; Wie geht’s dir, Jeff; Schön, dein Gesicht mal wieder zu sehen.LÖSCHEN, LÖSCHEN, LÖSCHEN.Jeder dieser Versuche war im höchsten Maße lahm. Vielleicht, dachte sie, lag das in der Natur dieser Dinge. Es war schwierig, schwungvoll, selbstbewusst oder entspannt zu sein, wenn man auf einer Internetseite nach der Liebe seines Lebens suchte.

Eine Erinnerung erzeugte ein wehmütiges Lächeln. Jeff hatte ein Faible für kitschige Musikvideos der Achtziger. Das war, bevor YouTube es so einfach gemacht hatte, alles und jedes auf der Stelle anzugucken. Man musste herausfinden, wann auf VH1 ein Special oder etwas in der Art lief. Plötzlich stellte sie sich vor, was Jeff gerade tat, wie er vor seinem Computer saß und sich alte Videos von Tears for Fears, Spandau Ballet, Paul Young oder John Waite ansah.

John Waite.

Waite hatte einen frühen MTV-Klassiker gesungen, einen quasi New-Wave-Popsong, der sie jedes Mal berührte, selbst heute noch, wenn sie ihn zufällig im Radio hörte oder in einer Bar, in der Hits der Achtziger liefen. Sobald Kat John Waite Missing You singen hörte, musste sie an das wahrhaft schmalzige Video denken, in dem John allein durch die Straßen geht und wiederholt ausruft »I ain’t missing you at all«, mit einem Schmerz in der Stimme, der die nächste Zeile (»I can lie to myself«) so überflüssig macht, da sie viel zu viel erklärt. Dann sieht man John Waite in einer Bar, wo er seinen unübersehbaren Kummer zu ertränken versucht, während der Chor im Hintergrund weiter beteuert, dass er sie kein bisschen vermisst. Oh ja, wir wissen, dass das eine Lüge ist. Wir hören sie, wir sehen sie in jedem Moment, in jeder Bewegung. Schließlich, am Ende des Videos, geht der einsame John nach Hause und setzt seinen Kopfhörer auf, um seinen Kummer in Musik statt in Alkohol zu ertränken. Und so kann er – es gemahnt an eine shakespearsche Tragödie in einer schlechten Sitcom – nicht hören, wie – schluchz – seine Geliebte zu seiner Wohnung zurückkehrt und an die Tür klopft. Noch einmal klopft seine große Liebe, mit der er für immer zusammenbleiben wollte, legt das Ohr an die Tür, geht und lässt John Waite mit gebrochenem Herzen zurück, der immer noch beteuert, dass er sie nicht vermisse, und sich so bis in alle Ewigkeit selbst belügen wird.

Welche Ironie, rückblickend betrachtet.

Das Video war zu einer Art Running Gag zwischen Jeff und ihr geworden. Jedes Mal, wenn sie sich trennten, selbst wenn es nur für kurze Zeit war, hinterließ er Nachrichten, in denen er ihr mitteilte: »Ich vermisse dich kein bisschen«. Und manchmal antwortete sie darauf, dass er sich vielleicht selbst belüge.

Ja, auch glückliche Liebschaften haben nicht nur schöne Seiten.

Aber wenn Jeff es ernst meinte, setzte er den Titel des Songs unter seine Notizen, und völlig gedankenverloren betrachtete Kat jetzt ihre Finger, wie sie soeben genau diese Worte in das Textfeld eingaben.

MISSING YOU.

Sie betrachtete sie einen Moment lang und überlegte, ob sie auf Senden klicken sollte.

Es war zu viel. Er war so wunderbar subtil mit seinem »Lass uns sehen, was passiert«, und sie überfiel ihn mit MISSING YOU. Nein. Sie löschte es und versuchte es noch einmal, dieses Mal zitierte sie eine Textzeile aus dem Refrain:

»I ain’t missing you at all.«

Das kam ihr zu schnoddrig vor. Wieder LÖSCHEN.

Okay, Schluss.

Dann fiel ihr etwas ein. Kat öffnete ein weiteres Browserfenster und suchte einen Link zum alten Video von John Waite. Sie hatte es seit, na ja, wahrscheinlich zwanzig Jahren nicht mehr gesehen, aber es hatte immer noch diesen schmierigen Charme, genau wie damals. Ja, dachte Kat und nickte. Perfekt. Sie kopierte den Link und fügte ihn ins Textfeld ein. Ein Bild der Bar-Szene aus dem Video erschien. Kat wartete nicht, weil sie fürchtete, es sich noch einmal anders zu überlegen.

Sie klickte auf Senden, stand schnell auf und verließ beinahe rennend den Raum.

Kat wohnte an der 67th Street in der Upper West Side. Das 19. Revier, in dem sie ihren Dienst versah, lag auch an der 67th Street, wenn auch im Osten, in der Nähe vom Hunter College. Sie mochte ihren Arbeitsweg, ein Spaziergang quer durch den Central Park. Ihr Revier war in einem Wahrzeichen der Stadt, einem Gebäude aus dem Jahr 1880, das, wie man ihr einmal erzählt hatte, im Stil des Renaissance-Revivals gebaut worden war. Die Büros der Detectives waren im zweiten Stock. Im Fernsehen hatten Detectives normalerweise ein Spezialgebiet, arbeiteten zum Beispiel bei der Mordkommission, aber die meisten dieser Unterteilungen und Bezeichnungen waren Vergangenheit. In dem Jahr, in dem ihr Vater ermordet wurde, wurden in Manhattan fast vierhundert Menschen ermordet. Dieses Jahr waren es bisher zwölf. Sechsköpfige Mordkommissionen und Ähnliches wurden nicht mehr gebraucht.

Als sie an der Rezeption vorbeikam, sagte Keith Inchierca, der diensthabende Sergeant: »Du sollst sofort zum Captain kommen.« Dabei deutete Keith mit seinem fleischigen Daumen zur Treppe, als wüsste sie nicht, wo das Büro des Captains lag. Auf dem Weg in die erste Etage nahm sie immer zwei Stufen gleichzeitig. Trotz ihrer privaten Verbindung zu Captain Stagger wurde sie nur selten in sein Büro gerufen.

Sie klopfte mit den Fingerknöcheln leicht an die Tür.

»Herein.«

Sie öffnete die Tür. Sein Büro war klein und asphaltgrau. Er saß gebeugt und mit gesenktem Kopf an seinem Schreibtisch. Plötzlich hatte Kat einen trockenen Mund. Auch an jenem Tag vor achtzehn Jahren hatte Stagger den Kopf gesenkt, als er an ihre Wohnungstür klopfte. Kat hatte es nicht verstanden. Anfangs nicht. Sie hatte immer gedacht, sie würde es spüren, wenn sie dieses Klopfen hörte, glaubte, sie würde irgendeine Vorahnung haben. Hundertmal war sie die Szene im Kopf durchgegangen: spätnachts, Dauerregen, ein dröhnendes Klopfen. Schon bevor sie die Tür öffnete, würde sie wissen, was sie erwartete. Sie würde einem Cop in die Augen sehen, den Kopf schütteln, sein langsames Nicken sehen, auf die Knie fallen und »Nein!« schreien.

Doch als es dann tatsächlich klopfte, als Stagger kam, um die Nachricht zu überbringen, die ihr Leben grundlegend veränderte und eine neue Kat hervorbrachte – vorher war sie ein ganz anderer Mensch gewesen –, hatte unbeeindruckt die Sonne geschienen. Sie hatte sich gerade auf den Weg in die Bibliothek der Columbia University machen wollen, um an ihrem Essay über den Marshall Plan zu schreiben. Daran erinnerte sie sich noch. Der verdammte Marshall Plan. Also hatte sie die Tür geöffnet, um sich auf den Weg zur U-Bahnlinie C zu machen, als Stagger vor ihr stand, den Kopf gesenkt – genau wie jetzt –, und sie hatte keine Ahnung gehabt. Er hatte ihr nicht in die Augen gesehen. Die Wahrheit war – die bizarre, beschämende Wahrheit –, dass Kat, als sie Stagger im Flur sah, zuerst gedacht hatte, dass er ihretwegen gekommen wäre. Sie hatte angenommen, dass Stagger ein bisschen in sie verknallt war. Junge Polizisten, besonders die, die Dad als eine Art Vaterfigur betrachteten, hatten sich häufiger in sie verliebt. Als Stagger damals also auf ihrer Türschwelle erschienen war, hatte sie gedacht, dass er, obwohl er wusste, dass sie mit Jeff verlobt war, mal vorsichtig vorfühlen wollte. Nicht aufdringlich. Dafür war Stagger – sein Vorname war Thomas, den benutzte aber niemand – nicht der Typ. Aber ein paar nette Komplimente hatte sie erwartet.

Als sie das Blut auf seinem Hemd sah, verengten sich ihre Augen, trotzdem kam sie nicht auf die Wahrheit. Dann sagte er drei Worte, drei einfache Worte, die aufeinanderprallten, in ihrer Brust detonierten und ihre Welt in Schutt und Asche legten.

»Sieht übel aus.«

Stagger ging inzwischen auf die fünfzig zu, war verheiratet und hatte vier Jungs. Sein Schreibtisch war von Fotos übersät. Ein altes von Stagger mit seinem verstorbenen Partner, dem Detective der Mordkommission Henry Donovan, auch bekannt als Dad. So lief das. Wenn man im Einsatz starb, stand dein Foto überall. Für einige war es ein nettes Andenken. Für andere eine eindringliche, schmerzliche Mahnung. An der Wand hinter Stagger hing ein Foto von seinem Ältesten bei einem Lacrosse-Spiel ein Jahr vor dem Highschoolabschluss. Stagger und seine Frau besaßen eine Wohnung in Brooklyn. Klang nach einem ganz angenehmen Leben, dachte Kat.

»Du wolltest mich sprechen, Captain?«

Außerhalb des Reviers nannte sie ihn Stagger, aber wenn es um berufliche Angelegenheiten ging, gelang ihr das einfach nicht. Als Stagger den Blick hob, stellte sie überrascht fest, dass sein Gesicht aschfahl war. Unwillkürlich trat sie einen Schritt zurück, rechnete fast damit, die drei Worte noch einmal zu hören, aber dieses Mal kam sie ihm zuvor.

»Was gibt’s?«, fragte sie.

»Monte Leburne«, sagte Stagger.

Der Name entzog dem Raum die Luft. Nach einem unwürdigen Leben, das nur Zerstörung gekannt hatte, saß Monte Leburne jetzt eine lebenslange Gefängnisstrafe für den Mord an Detective Henry Donovan ab.

»Was ist mit ihm?«

»Er stirbt.«

Kat nickte, versuchte, Zeit zu gewinnen, sich zu sammeln.

»An?«

»Bauchspeicheldrüsenkrebs.«

»Seit wann hat er den?«

»Weiß ich nicht.«

»Warum erzählst du mir das gerade jetzt?«

Ihre Stimme klang schärfer als beabsichtigt. Er sah zu ihr hinauf. Sie entschuldigte sich mit einer Geste.

»Ich habe es selbst gerade erst erfahren«, sagte er.

»Ich habe versucht, ihn zu besuchen.«

»Ich weiß.«

»Früher hat er mich reingelassen. Aber in letzter Zeit …«

»Weiß ich auch«, sagte Stagger.

Schweigen.

»Ist er immer noch oben in Clinton?«, fragte sie. Clinton war das Hochsicherheitsgefängnis im Norden des Staats New York in der Nähe der Grenze zu Kanada, und damit einer der einsamsten, kältesten Orte der Erde. Im Auto brauchte man von New York City sechs Stunden. Kat hatte die deprimierende Fahrt schon zu oft gemacht.

»Nein. Sie haben ihn nach Fishkill verlegt.«

Gut. Das war viel näher. Da konnte sie in anderthalb Stunden sein. »Wie viel Zeit bleibt ihm noch?«

»Nicht viel.«

Stagger stand auf, wollte zu ihr gehen, um sie zu trösten oder zu umarmen, blieb dann aber stehen.

»Das ist gut, Kat. Er hat den Tod verdient. Er hat viel Schlimmeres verdient.«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein.«

»Kat …«