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Harlan Coben

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Beschreibung

Harlan Cobens bislang beklemmendster Thriller!

Der Teenager Spencer Hill ist tot: Selbstmord. Oder doch Mord? Als sein engster Freund Adam Baye verschwindet, befürchten dessen Eltern Mike und Tia das Schlimmste. In der Sorge um ihren Sohn haben sie heimlich ein Spionageprogramm auf Adams Computer installiert, das schon bald eine bedrohliche E-Mail zu Tage fördert. Alarmiert und schockiert macht sich nun Mike selbst auf, um seinen Sohn nach Hause zu holen – koste es, was es wolle. Doch er und seine Frau sind nicht die einzigen, die andere ausspionieren ...

Virtuos durchkonstruiert und psychologisch perfekt!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 568




Harlan Coben

Sie sehendich

Thriller
Aus dem Amerikanischenvon Gunnar Kwisinski

Buch

Tia und Mike Baye haben ein Spionageprogramm auf dem Computer ihres sechzehnjährigen Sohns Adam installiert. Aus Sorge. Denn seit sich Adams bester Freund Spencer Hill das Leben genommen hat, zieht sich Adam so sehr in die Welt des Internets zurück, dass seine Eltern fürchten, ihr Sohn könnte ihnen komplett entgleiten. Doch noch bevor sie ein klärendes Gespräch mit Adam führen können, überschlagen sich die Ereignisse: Adam kommt nicht von der Schule nach Hause, und am selben Tag filtert die Spy-Software eine alarmierende Nachricht aus seinem Maileingang: »Verhalte dich ruhig, dann passiert dir nichts!«

In der Zwischenzeit stößt Spencers Mutter Betsy in einem Internetforum, das Spencers Mitschüler zu seinem Andenken eingerichtet haben, auf ein beunruhigendes Foto: Spencer in der Nacht seines Todes. Er war nicht allein  – und er hatte Angst. Auch wenn sie es nicht genau erkennen kann, ist sich Betsy sicher, dass es sich bei dem Unbekannten auf dem Foto um niemand anderen als Adam handelt. Schließlich muss sie zusammen mit den anderen Eltern erkennen, dass etwas zutiefst Böses in ihre Gemeinschaft Einzug gehalten hat. Und für Tia und Mike Baye stellt sich die Frage, wie weit sie zum Schutz ihres Kindes zu gehen bereit sind …

Autor

 

Harlan Coben wurde 1962 in New Jersey geboren. Nach seinem Studium der Politikwissenschaft arbeitete er in der Tourismusbranche, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Seine Werke sind bislang in über dreißig Sprachen übersetzt. Harlan Coben wurde als erster Autor mit allen drei wichtigen amerikanischen Krimipreisen ausgezeichnet, dem »Edgar Award«, dem »Shamus Award« und dem »Anthony Award«. Harlan Coben gilt als einer der wichtigsten und erfolgreichsten Thrillerautoren seiner Generation. Er lebt mit seiner Frau und seinen Kindern in New Jersey. Mehr zum Autor unter: www.harlancoben.com

Von Harlan Coben sind im Goldmann Verlag außerdem lieferbar:

 

Kein Sterbenswort. Roman (45251) · Kein Lebenszeichen. Roman (45688) Keine zweite Chance. Roman (45689) · Kein böser Traum. Roman (46084) Kein Friede den Toten. Roman (46160)· Das Grab im Wald. Roman (46599)

 

Aus der Serie um Myron Bolitar:

 

Das Spiel seines Lebens. Roman (46448) · Schlag auf Schlag. Roman (46450) Der Insider. Roman (44534) · Ein verhängnisvolles Versprechen. Roman (46344)

Inhaltsverzeichnis

BuchÜber den AutorWidmungAnmerkung des AutorsKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4 Kapitel 5 Kapitel 6 Kapitel 7 Kapitel 8 Kapitel 9 Kapitel 10 Kapitel 11 Kapitel 12 Kapitel 13 Kapitel 14 Kapitel 15 Kapitel 16 Kapitel 17 Kapitel 18 Kapitel 19 Kapitel 20 Kapitel 21 Kapitel 22 Kapitel 23 Kapitel 24 Kapitel 25 Kapitel 26 Kapitel 27 Kapitel 28 Kapitel 29 Kapitel 30 Kapitel 31 Kapitel 32 Kapitel 33 Kapitel 34 Kapitel 35 Kapitel 36 Kapitel 37 Kapitel 38 Kapitel 39 Kapitel 40 DanksagungCopyright

In liebendem Gedenken an die vier Großeltern meiner Kinder:

 

CARL UND CORKY COBEN JACK UND NANCY ARMSTRONG

 

Wir vermissen euch sehr

Anmerkung des Autors

Die Technologie, die in diesem Roman verwendet wird, existiert. Mehr noch, die Software und die beschriebenen Geräte kann praktisch jeder problemlos und ganz legal kaufen. Die Produktnamen wurden geändert, aber mal ehrlich, wer lässt sich davon schon aufhalten?

1

Zärtlich streichelte Marianne das dritte Glas Tequila in ihrer Hand und staunte wieder einmal über ihre grenzenlose Fähigkeit, auch noch das Wenige, was in ihrem jämmerlichen Leben gut und angenehm war, zu zerstören, als der Mann neben ihr rief: »Pass auf, Süße, Kreationismus und Evolution sind hundertprozentig miteinander vereinbar.«

Sein Speichel traf Marianne am Hals. Sie verzog das Gesicht und warf dem Mann einen finsteren Blick zu. Er hatte einen dichten, buschigen Schnurrbart, der direkt aus einem Pornofilm der Siebziger stammen könnte. Er saß rechts neben ihr. Die zu stark blondierte Frau mit den strohigen Haaren, bei der er mit seiner provokanten These Eindruck schinden wollte, saß links neben ihr. Marianne war also das arme Würstchen in einem ziemlich armseligen Hot Dog. Sie versuchte, ihre beiden Nachbarn zu ignorieren. Sie starrte in ihr Glas, als wäre es der Diamant auf ihrem Verlobungsring. Marianne hoffte, dass der Schnurrbartträger und die strohige Blondine dadurch verschwanden. Es funktionierte nicht.

»Das ist doch totaler Schwachsinn«, sagte die Blondine.

»Moment, Sie müssen mich schon ausreden lassen.«

»Okay, ich hör Ihnen zu. Ich halt das aber trotzdem für Schwachsinn.«

Marianne sagte: »Wollen wir nicht die Plätze tauschen, dann sitzen Sie nebeneinander.«

Schnurrbart legte ihr die Hand auf den Arm. »Immer langsam mit den jungen Pferden, Lady. Sie sollten sich das auch mal anhören.«

Erst wollte Marianne protestieren, doch dann schwieg sie lieber, um keinen Streit anzufangen. Sie starrte wieder in ihren Tequila.

»Okay«, sagte Schnurrbart. »Sie kennen doch die Geschichte von Adam und Eva, ja?«

»Klar«, sagte Strohhaar.

»Glauben Sie das?«

»Dass er der erste Mann und sie die erste Frau war?«

»Ja.«

»Nee, eigentlich nicht. Sie etwa?«

»Ja, klar doch.« Er tätschelte seinen Schnurrbart, als müsste er einen hektischen Hamster beruhigen. »Die Bibel sagt schließlich, dass das so gewesen ist. Erst war Adam da, dann wurde Eva aus seiner Rippe erschaffen.«

Marianne trank. Sie trank bei vielen Gelegenheiten. Vor allem auf irgendwelchen Partys. Aber auch in Bars wie dieser, in denen sie viel zu oft war  – meist um einen Mann kennen zu lernen, in der Hoffnung, dass sich etwas Ernstes daraus entwickelte. Heute Abend hatte sie allerdings kein Interesse an einer Männerbekanntschaft. Heute trank sie, um sich zu betäuben, und bisher mit großem Erfolg. Wenn sie sich etwas entspannte, konnte sie dem hirnlosen Geplapper zur Zerstreuung zuhören. Es vertrieb den Schmerz.

Sie hatte Mist gebaut.

Wie immer.

Alles auch nur halbwegs Rechtschaffene und Anständige in ihrem Leben hatte sie auf der Suche nach ihrem nächsten unerreichbaren Ziel so schnell wie möglich hinter sich gelassen. Dadurch verharrte sie in einem Zustand ewiger Langeweile mit ein paar wenigen, jämmerlichen Höhepunkten. Sie hatte etwas Gutes zerstört, und jetzt, wo sie versucht hatte, es wieder zurechtzurücken, tja, da hatte Marianne auch das noch in den Sand gesetzt.

Früher hatte sie vor allem diejenigen verletzt, die ihr am nächsten standen. Es gab einen exklusiven Club von Personen, die sie emotional verstümmelte hatte  – die Menschen, die sie am meisten liebte. Aber jetzt, in einer neuen Kombination aus Idiotie und Selbstsucht, war es ihr gelungen, auch ein paar Fremde auf die Opferliste des fortlaufenden Marianne-Massakers zu setzen.

Aus irgendeinem unerfindlichen Grund erschien es ihr schlimmer, Fremde zu verletzen. Schließlich fügten wir all denjenigen, die wir liebten, Schmerzen zu. Aber wenn man Unschuldige mit hineinzog, gab das ein schlechtes Karma.

Marianne hatte ein Leben zerstört. Vielleicht sogar mehr als eins.

Wozu?

Um ihr Kind zu schützen. Das hatte sie wenigstens geglaubt.

Blöde Kuh.

»Okay«, sagte Schnurrbart. »Adam hat also Eva hervorgebracht, oder wie immer man das damals genannt hat.«

»Das ist doch vollkommen sexistischer Scheiß«, sagte Strohhaar.

»Aber das Wort Gottes.«

»Das die Wissenschaft längst widerlegt hat.«

»Jetzt warten Sie doch mal kurz, schöne Frau, und lassen Sie mich ausreden.« Er hob die rechte Hand. »Hier haben wir Adam … «, dann hob er die linke, »… und hier Eva. Die sind also beide im Garten Eden, stimmt’s?«

»Stimmt.«

»Adam und Eva kriegen dann zwei Söhne. Kain und Abel. Und dann bringt Abel Kain um.«

»Kain bringt Abel um«, korrigierte Strohhaar.

»Sind Sie sicher?« Er runzelte die Stirn, überlegte kurz und schüttelte dann den Kopf. »Ach, ist ja auch egal. Einer von beiden stirbt.«

»Abel stirbt. Kain bringt ihn um.«

»Sind Sie wirklich ganz sicher?«

Die Strohhaarige nickte.

»Okay, also bleibt Kain übrig. Die Frage lautet also, mit wem sich Kain vermehrt hat. Tja, die einzige verfügbare Frau ist also Eva, und die ist auch nicht jünger geworden. Aber wie hat die Menschheit dann überlebt?«

Schnurrbart sah sich erwartungsvoll um, als wartete er auf Applaus. Marianne rollte die Augen.

»Sehen Sie das Problem?«

»Vielleicht hat Eva noch ein Kind gehabt. Eine Tochter.«

»Und dann hatte er mit seiner Schwester geschlafen?«, fragte Schnurrbart.

»Klar. Damals hat’s doch jeder mit jedem getrieben, oder? Das ging doch schon bei Adam und Eva los. Am Anfang muss es Inzest gegeben haben.«

»Nee«, sagte der Schnurrbärtige.

»Nicht?«

»Inzest wird in der Bibel ganz eindeutig verboten. Darum kommen wir jetzt zur Wissenschaft. Darauf wollte ich von Anfang an hinaus. Wissenschaft und Religion können nämlich wirklich nebeneinander bestehen. Hier kommt jetzt Darwins Evolutionstheorie ins Spiel.«

Strohhaar wirkte wirklich interessiert. »Und wie soll das gehen?«

»Überlegen Sie doch mal. Von wem stammen wir denn ab, wenn wir diesen Darwinisten Glauben schenken?«

»Vom Affen.«

»Genau. Vom Affen. Kain wird also verstoßen und wandert ganz allein über diesen prächtigen Planeten. Können Sie mir soweit folgen?«

Schnurrbart tippte Marianne auf den Arm, um sich auch ihre Aufmerksamkeit zu sichern. Im Schneckentempo drehte sie den Kopf zu ihm um. Wenn du diesen Porno-Schnurrbart abnimmst, dachte sie, würdest du eigentlich ganz anständig aussehen.

Marianne zuckte die Achseln. »Ich denk schon.«

»Prima.« Er lächelte und zog eine Augenbraue hoch. »Und Kain ist doch ein Mann, oder?«

Strohhaar wollte auch wieder beachtet werden. »Klar.«

»Also hat er ganz normale männliche Bedürfnisse, stimmt’s?«

»Stimmt.«

»Er läuft da also über die Erde. Und dabei sticht ihn der Hafer. Das ist ein ganz normales Bedürfnis. Und eines Tages, als er so durch den Wald wandert …«, wieder lächelte er und streichelte seinen Schnurrbart, »… da läuft Kain eine attraktive Affendame über den Weg. Vielleicht eine Gorilladame. Oder Miss Orang Utan.«

Marianne starrte ihn an. »Das soll doch wohl ein Witz sein.«

»Nein. Überlegen Sie doch mal. Kain sieht da so eine Dame aus der Affenfamilie. Das sind schließlich unsere nächsten Verwandten, oder? Er schnappt sich ein Weibchen. Sie  – na ja, Sie wissen schon …« Er machte mit seinen Händen ein eindeutiges Zeichen, für den Fall, dass sie es doch nicht wusste. »Und dann wird die Affendame schwanger.«

Strohhaar sagte: »Das ist ja widerlich.«

Marianne wollte sich wieder ihrem Glas zuwenden, als der Mann ihr erneut auf den Arm tippte.

»Finden Sie nicht, dass das vollkommen logisch ist? Die Affendame kriegt ein Kind, halb Mensch, halb Affe. Es ist noch ziemlich affenartig, aber dann kommt im Lauf der Zeit die Dominanz des Menschen wieder durch. Verstehen Sie? Genau wie ich gesagt habe! Damit sind Evolution und Kreationismus vereinigt.«

Er lächelte, als wartete er auf ein Lob.

»Ich muss da doch noch mal nachhaken«, sagte Marianne. »Gott ist also gegen Inzest, aber ein Anhänger der Sodomie?«

Der Schnurrbärtige klopfte ihr väterlich auf die Schulter und hob dann die Hände.

»Ich wollte nur erklären, dass diese ganzen Klugscheißer mit ihren Doktortiteln, die glauben, dass Religion und Wissenschaft nicht zusammenpassen, einfach keine Fantasie haben. Genau das ist das Problem. Die Wissenschaftler gucken nur durch ihr Mikroskop, und die religiösen Eiferer glauben nur das, was in der Bibel steht. Und darum sehen die dann alle den Wald vor lauter Bäumen nicht.«

»Dieser Wald«, sagte Marianne, »das ist nicht zufällig der, in dem auch die hübsche Gorilladame lebt?«

Die Stimmung veränderte sich mit einem Schlag. Aber vielleicht bildete Marianne sich das auch nur ein. Schnurrbart schwieg. Er starrte sie lange an. Das gefiel Marianne nicht. Irgendetwas war zwischen sie getreten. Etwas Eigenartiges. Seine Augen waren schwarz wie dunkles Glas, sie sahen aus, als hätte man sie einfach irgendwo in irgendwelche Augenhöhlen gedrückt, so vollkommen leblos und leer wirkten sie. Er blinzelte kurz und rückte näher an sie heran.

Er musterte sie.

»Hey, Süße. Haben Sie etwa geweint?«

Marianne drehte sich zur strohhaarigen Frau um. Auch die starrte sie an.

»Weil Ihre Augen ganz rot sind«, fuhr er fort. »Ich will Sie ja nicht belästigen, aber ist alles in Ordnung mit Ihnen?«

»Mir geht’s gut«, sagte Marianne. Sie nahm an, dass sie leicht lallte. »Ich will bloß in Ruhe meinen Tequila trinken.«

»Okay, hab schon verstanden.« Er hob die Hände. »Will ja nicht stören.«

Marianne sah zu Boden. Sie wartete darauf, dass sich am Rand ihres Blickfelds etwas bewegte. Das geschah nicht. Der Mann mit dem Schnurrbart stand immer noch neben ihr.

Sie trank noch einen kräftigen Schluck. Der Barkeeper polierte ein Glas so geschickt, wie man es nur konnte, wenn man das schon sehr lange machte. Sie rechnete fast damit, dass er im nächsten Moment wie in einem alten Western hineinspucken würde. In der Bar war es ziemlich dunkel. Hinter der Theke hing der übliche dunkle Spiegel, in dem man die anderen Gäste in einem rauchigen aber dennoch schmeichelhaften Licht betrachten konnte.

Marianne beobachtete den Schnurrbartträger im Spiegel.

Er musterte sie mit feindseligem Blick. Sie schaute die leblosen Augen an und konnte sich nicht bewegen.

Langsam verwandelte sich sein feindseliger Blick in ein Lächeln, worauf sich ihre Nackenhaare aufrichteten. Als er sich abwandte und ging, stieß sie einen Seufzer der Erleichterung aus.

Sie schüttelte den Kopf. Kain hatte sich mit einer Äffin fortgepflanzt  – na herzlichen Dank, Kumpel.

Sie griff nach ihrem Drink. Das Glas zitterte in ihrer Hand. Diese idiotische Theorie war zwar eine nette Ablenkung gewesen, trotzdem kehrten ihre Gedanken sofort wieder an den finsteren Ort zurück.

Sie dachte daran, was sie getan hatte. Hatte sie das wirklich für eine gute Idee gehalten? Hatte sie es richtig durchdacht  – den Preis, den sie dafür zahlen musste berücksichtigt, die Konsequenzen, die es für die anderen Beteiligten nach sich zog, die Leben, die sich für immer veränderten?

Wohl eher nicht.

Es hatte Verletzungen gegeben. Ungerechtigkeiten. Kränkungen. Blinde Wut und den primitiven Wunsch nach Rache. Und sie meinte nicht diesen biblischen (oder ihretwegen auch evolutionären) »Auge um Auge«-Mist. Wie hatten sie das genannt, was Marianne getan hatte?

Einen massiven Vergeltungsschlag.

Sie schloss die Augen und rieb sich die Augenlider. Ihr Magen rumorte. Das kam wohl vom Stress. Sie öffnete die Augen wieder. Die Bar kam ihr dunkler vor. In ihrem Kopf drehte sich alles.

Dafür war es zu früh.

Wie viel hatte sie getrunken?

Sie hielt sich am Tresen fest, wie man das in den Nächten tat, in denen das Bett anfing, sich zu drehen, wenn man sich nach zu ausgiebigem Alkoholgenuss festklammern musste, weil die Zentrifugalkraft einen sonst durchs Fenster schleudern würde.

Das Rumoren im Magen nahm zu. Dann riss sie plötzlich die Augen auf. Ein stechender Schmerz schoss ihr in den Unterleib. Sie öffnete den Mund, bekam aber keinen Schrei heraus. Die unerträgliche Qual erstickte sie. Marianne klappte zusammen.

»Alles in Ordnung mit Ihnen?«

Strohhaars Stimme. Sie schien sehr weit entfernt zu sein. Marianne hatte furchtbare Schmerzen. Das waren die schlimmsten seit, tja, seit dem Kindbett. Seit sie ihr Kind geboren hatte  – Gottes kleiner Test. Hey, pass mal auf  – dieses kleine Wesen, um das du dich kümmern musst und das du mehr als dich selbst lieben sollst, verursacht dir so unglaubliche Schmerzen, wenn es herauskommt, das kannst du dir gar nicht vorstellen.

Nette Art, eine Beziehung anzufangen, oder?

Was Schnurrbart dazu wohl einfallen würde?

Rasierklingen  – wenigstens fühlte es sich so an  – bohrten sich in ihre Innereien, als wollten sie sie zerreißen. Sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Der Schmerz erstickte alles. Sie vergaß sogar, was sie getan hatte, welchen Schaden sie angerichtet hatte, nicht nur jetzt, sondern im Laufe ihres Lebens. Ihre Eltern waren vorzeitig gealtert, so schockiert waren sie von ihrer Rücksichtslosigkeit als Teenager gewesen. Ihren ersten Mann hatte sie durch unablässiges Fremdgehen vernichtet, ihren zweiten durch das Verhalten, das sie ihm gegenüber an den Tag gelegt hatte, und dann waren da noch ihre Tochter und die wenigen Menschen, mit denen sie länger als nur ein paar Wochen befreundet gewesen war, und die Männer, die sie benutzt hatte, bevor sie sie benutzt hatten …

Die Männer. Vielleicht hatte das alles auch mit Vergeltung zu tun gehabt. Verletze sie, bevor sie dich verletzen.

Sie musste sich übergeben.

»Toilette«, stieß sie hervor.

»Ich helf Ihnen.«

Wieder Strohhaar.

Marianne rutschte vom Hocker. Kräftige Hände griffen ihr unter die Arme und hielten sie aufrecht. Jemand  – Strohhaar  – führte sie nach hinten. Sie stolperte in Richtung Toilette. Ihre Kehle war vollkommen ausgetrocknet. Die Bauchschmerzen waren so stark, dass sie sich vornüber krümmte.

Die kräftigen Hände stützten sie weiter. Marianne sah vor sich auf den Boden. Es war dunkel. Sie sah nur ihre schlurfenden Füße, die sie kaum noch heben konnte. Sie blickte hoch, sah die Tür zur Damentoilette vor sich und fragte sich, ob sie es noch bis dahin schaffen würde. Sie schaffte es.

Und dann ging sie daran vorbei.

Strohhaar stützte sie immer noch unter den Armen. Sie führte Marianne an der Toilettentür vorbei. Marianne versuchte, stehen zu bleiben. Ihr Körper hörte nicht auf den Befehl. Sie wollte etwas sagen, ihrer Retterin mitteilen, dass sie an der Tür vorbeigegangen waren, aber auch ihr Mund reagierte nicht.

»Da lang geht’s raus«, flüsterte die Frau. »Das ist besser.«

Besser?

Ihr Körper wurde gegen die Verriegelungsstange eines Notausgangs gedrückt. Die Tür öffnete sich. Der Hinterausgang. Klar, dachte Marianne, warum sollte man die Toilette einsauen. Eine Gasse hinter dem Haus war besser. Da konnte sie auch frische Luft schnappen. Frische Luft. Frische Luft konnte vielleicht helfen.

Die Tür schwang auf und knallte gegen die Wand. Marianne taumelte nach draußen. Die frische Luft tat ihr tatsächlich gut. Viel brachte sie allerdings nicht. Der Schmerz war immer noch da. Aber wenigstens war es jetzt angenehm kühl auf der Haut.

In diesem Moment sah sie den Lieferwagen.

Er war weiß und hatte dunkel getönte Fenster. Die Hecktüren standen offen, erwarteten sie wie ein riesiger Mund, der sie am Stück verschlingen wollte. Und neben diesen offenen Türen stand der Mann mit dem buschigen Schnurrbart. Er packte Marianne und schob sie hinten in den Lieferwagen.

Marianne versuchte, sich aufzurichten, kam aber nicht hoch.

Schnurrbart warf Marianne wie einen Sack Torf hinten in den Lieferwagen. Mit einem dumpfen Schlag fiel sie auf die Ladefläche. Schnurrbart kletterte hinterher, schloss die Türen von innen und stellte sich vor sie. Marianne krümmte sich auf dem Boden vor Schmerz. Ihr Unterleib tat immer noch weh, noch schlimmer war jedoch die Angst.

Der Mann zog sich den Schnurrbart ab und lächelte auf sie herab. Der Wagen setzte sich in Bewegung. Offenbar fuhr Strohhaar.

»Hi, Marianne«, sagte er.

2

»Sind Sie sicher, dass Sie das machen wollen?«

Manchmal rannte man über eine Klippe. Das war wie in einem Zeichentrickfilm, wenn Coyote Karl mit vollem Tempo rannte und auch dann noch weiter rannte, wenn er schon längst über den Rand der Klippe hinaus war. Irgendwann merkte er, dass etwas nicht stimmte, sah nach unten und akzeptierte resignierend, dass er abstürzen würde und nichts dagegen tun konnte.

Aber manchmal, vielleicht sogar meistens, wusste man nicht genau, ob man wirklich abstürzte. Es war dunkel, man stand ziemlich nah am Rand der Klippe, bewegte sich zwar langsam und vorsichtig, wusste aber gar nicht genau, in welche Richtung man ging. Man tastete sich mit behutsamen Schritten voran, ohne zu wissen, wohin. Man ahnte nicht einmal, wie nah man am Abgrund stand, rechnete nicht damit, dass die weiche Erde nachgeben könnte, dass man nur einmal kurz abzurutschen brauchte, um plötzlich ins Nichts zu stürzen.

Mike wurde erst in dem Augenblick bewusst, wie nah Tia und er diesem Abgrund standen, als der Softwarespezialist, dieser smarte, junge Programmierer mit den dünnen, tätowierten Armen, den langen, schmutzigen Fingernägeln und dem Rattennest auf dem Kopf, sich zu ihnen umdrehte, und mit für sein Alter viel zu besorgter Stimme genau diese Frage stellte:

»Sind Sie sicher, dass Sie das machen wollen …?«

Keiner von ihnen hatte in diesem Zimmer etwas zu suchen. Mike und Tia Baye (sprich: Bye, wie in bye-bye) waren zwar in ihrem eigenen Haus  – einem zu einem McMansion aufgeblasenen ehemaligen Splitlevel im typischen Vorort Livingston  –, aber dieses Schlafzimmer war inzwischen feindliches Gebiet, dessen Betreten ihnen streng verboten war. Mike stellte überrascht fest, dass hier noch erstaunlich viele Relikte aus der Vergangenheit zu sehen waren: Die Eishockeytrophäen, die früher das Zimmer dominiert hatten, waren noch da, schienen sich allerdings hinten im Regal zu verstecken, und die Poster von Jaromir Jagr und Chris Drury hingen auch noch, waren aber von der Sonne und wohl auch durch den Mangel an Aufmerksamkeit verblichen.

Mikes Gedanken schweiften weiter zurück in die Vergangenheit. Er erinnerte sich daran, wie sein Sohn Adam die Gänsehaut- Gruselromane und Mike Lupicas Buch über Kindersportler gelesen hatte, die auf ihrem Weg nach oben unvorstellbare Hindernisse überwanden. Wie ein Talmudschüler hatte Adam die Sportseite studiert, besonders die Eishockeystatistiken. Er hatte seinen Lieblingsspielern geschrieben, sie um Autogrammkarten gebeten und die dann an die Wand gehängt. Wenn sie zu einem Spiel in den Madison Square Garden gegangen waren, hatte Adam darauf bestanden, dass sie am Spielerausgang an der 32nd Street in der Nähe der Madison Avenue warteten, und die Spieler dann gebeten, ihm ein paar Pucks zu signieren.

Das alles war vorbei, und wenn es auch aus diesem Zimmer nicht ganz verschwunden war, so spielte es doch im Leben ihres Sohns keine Rolle mehr.

Adam war da rausgewachsen. Das war normal. Er war kein Kind mehr, eigentlich nicht mal mehr wirklich ein Heranwachsender, sondern er drängte schnell und für seine Eltern viel zu ungestüm ins Erwachsenendasein. Auch wenn sein Schlafzimmer da offensichtlich nicht ganz mithalten konnte. Mike fragte sich, ob dieses Zimmer für seinen Sohn eine Art Verbindung zur Vergangenheit war  – ob Adam sich gern an seine Kindheit erinnerte. Vielleicht sehnte er sich doch noch ein bisschen nach dieser Zeit zurück, als er seinem Vater nacheifern und Arzt werden wollte  – und in der Mike noch der größte Held seines Sohns war.

Doch das war nur Wunschdenken.

Der smarte junge Programmierer  – Mike hatte seinen Namen vergessen, Brett oder so  – fragte noch einmal nach. »Sind Sie sicher?«

Tia stand mit verschränkten Armen neben ihm. Ihre Miene war ernst, aber entschlossen. Obwohl sie älter aussah, fand Mike sie noch genauso schön wie früher. In ihrer Stimme lag kein Zweifel, höchstens ein Hauch von Erschöpfung.

»Ja, wir sind sicher.«

Mike sagte nichts.

Im Schlafzimmer ihres Sohns war es ziemlich dunkel. Nur die Stehlampe war an. Sie flüsterten, obwohl sie hier niemand hören oder sehen konnte. Jill, ihre elfjährige Tochter, war in der Schule. Und der sechzehnjährige Adam war auf einer kurzen Klassenfahrt. Er hatte natürlich nicht mitgewollt  – so etwas war ihm inzwischen einfach zu »öde«  –, aber es war ein Pflichttermin, und selbst die schlaffsten Hänger unter seinen Freunden würden mitfahren, so dass sie sich dort alle gemeinsam im Chor über die unerträgliche Ödnis beklagen konnten.

»Und Sie wissen, wie das funktioniert?«

Tia nickte in perfekter Eintracht mit Mikes Kopfschütteln.

»Die Software registriert jeden Tastendruck«, sagte Brett. »Zum festgesetzten Zeitpunkt werden die gesammelten Daten dann aufbereitet und als E-Mail an Sie geschickt. Sie können darin alles sehen  – jede Website, die Ihr Sohn sich angeguckt hat, jede E-Mail, die er geschickt oder bekommen hat und jeden Chat, an dem er teilgenommen hat. Wenn Adam eine Powerpoint-Präsentation erstellt oder einen Text schreibt, sehen Sie das. Sie sehen alles. Außerdem können Sie ihn auch live überwachen. Dafür brauchen Sie nur hier zu klicken.«

Er deutete auf einen Button, auf dem in roter Schrift »LIVE SPY!« stand. Mikes Blick schweifte durchs Zimmer. Die Eishockey-Trophäen verunsicherten ihn. Mike war überrascht, dass Adam sie nicht weggestellt hatte. Mike hatte in Dartmouth in der Universitätsliga Eishockey gespielt. Danach hatten die New York Rangers ihn unter Vertrag genommen und für ein Jahr nach Hartford in ihre zweite Mannschaft geschickt. Er hatte sogar zwei NHL-Spiele gemacht. Später hatte er dann seine Liebe zum Eishockey an seinen Sohn vererbt. Adam hatte mit drei Jahren angefangen, Schlittschuh zu laufen. Den Trainern in den Jugendmannschaften war sein besonderes Talent als Torwart ins Auge gefallen. In der Einfahrt rostete immer noch das alte Tor mit dem zerrissenen Netz. Mike hatte viele angenehme Stunden damit verbracht, Pucks auf das Tor zu schießen, das sein Sohn hütete. Adam hatte fantastisch gehalten  – er hatte beste Aussichten auf einen Spitzenplatz zumindest in der Universitätseishockeyliga  – und dann hatte er vor einem halben Jahr Knall auf Fall mit dem Eishockeyspielen aufgehört.

Einfach so. Von einem Tag auf den anderen hatte Adam den Schläger, die Polster und die Maske in die Ecke gestellt und verkündet, dass er jetzt fertig damit wäre.

Hatte es damit angefangen?

War dieser Rückzug vom Eishockey das erste Zeichen seines Niedergangs gewesen? Mike hatte versucht, die Entscheidung seines Sohns zu akzeptieren und nicht, wie viele übermäßig ehrgeizige Eltern, die sportlichen Ambitionen mit dem Erfolg im Leben gleichzusetzen. Trotzdem hatte die Entscheidung ihn hart getroffen.

Für Tia war es ein noch härterer Schlag gewesen.

»Wir verlieren ihn«, sagte sie.

Mike war noch nicht davon überzeugt. Schließlich hatte Adam kurz vorher eine ungeheure Tragödie erlebt  – einer seiner besten Freunde hatte Selbstmord begangen  –, und natürlich hatte er dadurch eine pubertäre Angst entwickelt. Er war trübsinnig und schweigsam geworden. Er verbrachte viel Zeit allein in seinem Zimmer, die meiste davon an diesem verdammten Computer, wo er irgendwelche Fantasy-Spiele spielte, mit Freunden chattete oder wer weiß was noch machte. Aber verhielten sich andere Jugendliche nicht genauso? Adam sprach kaum noch mit Tia und Mike  – und selbst wenn, war es eher ein Grunzen als artikuliertes Sprechen. Aber war nicht auch das relativ normal?

Die Überwachung war Tias Idee gewesen. Sie arbeitete als Strafverteidigerin in der Kanzlei von Burton und Crimstein in Manhattan. An einem der Fälle der Kanzlei war ein Geldwäscher namens Pale Haley beteiligt gewesen. Das FBI hatte seine Internetkorrespondenz überwacht und war dadurch an die entscheidenden Beweise gegen ihn herangekommen.

Brett, der Softwarespezialist, arbeitete für Tias Firma. Mike starrte Bretts schmutzige Fingernägel an. Diese Fingernägel berührten Adams Tastatur. Der Gedanke gefiel ihm ganz und gar nicht. Dieser Typ mit den schmutzigen Fingernägeln saß hier im Zimmer ihres Sohns und machte irgendetwas mit Adams wichtigstem Besitz.

»Bin gleich fertig«, sagte Brett.

Mike hatte die E-SpyRight Website aufgerufen, auf der die Werbesprüche sofort in fetten Druckbuchstaben erschienen:

WERDEN IHRE KINDER VON KINDERSCHÄNDERN KONTAKTIERT? WERDEN SIE VON IHREN ANGESTELLTEN BESTOHLEN?

Und dann in noch größeren und dickeren Buchstaben das Argument, das Tia überzeugt hatte:

SIE HABEN DAS RECHT, ES ZU WISSEN!

Auf der Website waren auch ein paar Empfehlungen aufgeführt:

»Ihre Software hat meine Tochter vor dem schlimmsten Alptraum aller Eltern gerettet  – einem perversen Kinderschänder! Danke, E-SpyRight!«

Bob, Denver, Colorado

 

»Ich habe erfahren, dass der Angestellte, dem ich am meisten vertraute, Sachen aus dem Büro geklaut hat. Ohne Ihre Software hätte ich das nie gemerkt!«

Kevin, Boston, Massachusetts

Mike hatte sich dagegen gesträubt.

»Er ist unser Sohn«, hatte Tia gesagt.

»Das ist mir durchaus klar. Glaubst du, ich weiß das nicht?«

»Machst du dir keine Sorgen?«

»Natürlich mache ich mir Sorgen. Aber …«

»Aber was? Wir sind seine Eltern.« Und dann sagte sie so, als würde sie den Werbespruch vorlesen: »Wir haben das Recht, es zu wissen.«

»Wir haben das Recht, in seine Privatsphäre einzudringen?«

»Um ihn zu schützen? Selbstverständlich. Er ist unser Sohn.«

Mike hatte den Kopf geschüttelt.

»Wir haben nicht nur das Recht«, hatte Tia gesagt, und war näher an ihn herangetreten, »wir haben sogar die Pflicht, weil wir für ihn verantwortlich sind.«

»Wussten deine Eltern alles, was du als Jugendliche getan hast?«

»Nein.«

»Wie war das mit deinen Gedanken. Kannten sie den Inhalt aller Gespräche, die du mit deinen Freundinnen geführt hast?«

»Nein.«

»Genau darüber sprechen wir hier aber.«

»Versetz dich doch mal in Spencers Eltern«, hatte sie entgegnet.

Damit hatte sie ihn zum Schweigen gebracht. Sie hatten sich angesehen.

Tia hatte gesagt: »Wenn die beiden noch einmal von vorn anfangen könnten, wenn Betsy und Ron Spencer zurückholen könnten …«

»Das kannst du nicht machen, Tia.«

»Nein, hör mir zu. Wenn die noch mal von vorne anfangen könnten, wenn Spencer noch am Leben wäre, glaubst du nicht, dass sie ihn genauer im Auge behalten würden?«

Spencer Hill, ein Klassenkamerad von Adam, hatte vier Monate zuvor Selbstmord begangen. Natürlich war das ein einschneidendes Erlebnis gewesen, das Adam und seine Klassenkameraden schwer mitgenommen hatte. Mike hatte Tia daran erinnert.

»Meinst du nicht, dass gerade das eine Erklärung für sein Verhalten sein könnte?«

»Spencers Selbstmord?«

»Klar.«

»Zu einem gewissen Grad schon. Aber du weißt doch selbst, dass er sich vorher schon verändert hat. Das hat sich dadurch nur noch beschleunigt.«

»Wenn wir ihm also mehr Freiraum geben …«

»Nein«, hatte Tia in einem Tonfall gesagt, der die Diskussion sofort beendet hatte. »Die Tragödie mag Adams Verhalten verständlicher machen  – ungefährlicher wird das Ganze dadurch aber nicht. Ganz im Gegenteil.«

Mike hatte eine Weile darüber nachgedacht. »Aber wir müssen es ihm sagen«, hatte er dann eingewandt.

»Was?«

»Wir müssen Adam sagen, dass wir seine Aktivitäten im Internet überwachen.«

Sie hatte das Gesicht verzogen. »Und was soll das dann noch bringen?«

»Er muss doch wissen, dass er beobachtet wird.«

»Es geht doch nicht darum, einen Polizisten auf jemanden anzusetzen, damit er nicht zu schnell Auto fährt.«

»Doch, genau darum geht es.«

»Das führt doch nur dazu, dass er solche Sachen bei einem Freund oder irgendwo im Internetcafé macht.«

»Na und? Wir müssen’s ihm sagen. Adam gibt seine ganz persönlichen Gedanken in diesen Computer ein.«

Tia war noch einen Schritt näher an ihn herangetreten und hatte ihm eine Hand auf die Brust gelegt. Selbst nach all den Jahren zeigte ihre Berührung noch Wirkung. »Er steckt in Schwierigkeiten, Mike«, hatte sie gesagt. »Begreifst du das nicht? Dein Sohn hat Probleme. Vielleicht trinkt er Alkohol oder nimmt Drogen oder wer weiß was. Hör auf, deinen Kopf in den Sand zu stecken.«

»Ich stecke meinen Kopf nirgendwohin.«

Ihre Stimme hatte einen fast flehentlichen Ton angenommen. »Du suchst wie immer den einfachen Ausweg. Hoffst du immer noch, dass Adam da mit der Zeit rauswächst?«

»Das mein ich nicht. Aber überleg doch mal. Das ist eine ganz neue Technologie. Er vertraut diesem Computer seine geheimsten Gedanken und Sehnsüchte an. Hättest du gewollt, dass deine Eltern alles über dich erfahren?«

»Wir leben heute in einer anderen Welt«, hatte Tia gesagt.

»Bist du sicher?«

»Es kann doch nichts schaden. Wir sind seine Eltern. Wir wollen doch nur sein Bestes.«

Noch einmal hatte Mike den Kopf geschüttelt. »Man will doch nicht sämtliche intimen Gedanken eines Menschen kennen«, hatte er gesagt. »Manche Dinge müssen einfach geheim bleiben dürfen.«

Sie hatte die Hand von seiner Brust genommen. »Du sprichst von Geheimnissen?«

»Ja.«

»Willst du damit sagen, dass jeder seine Geheimnisse haben darf?«

»Selbstverständlich.«

Sie hatte ihn mit einem seltsamen Blick angesehen, der ihm ganz und gar nicht geheuer gewesen war.

»Verheimlichst du mir was?«, hatte sie gefragt.

»So hab ich das nicht gemeint.«

»Verheimlichst du mir was?«, hatte sie die Frage wiederholt.

»Nein. Aber ich will auch nicht, dass du alle meine Gedanken kennst.«

»Und meine willst du auch nicht wissen?«

Danach hatten beide einen Moment lang geschwiegen, dann hatte sie das Thema gewechselt.

»Wenn ich vor der Wahl stehe, ob ich meinen Sohn beschützen oder seine Privatsphäre respektieren soll«, hatte Tia gesagt, »dann entscheide ich mich fürs Beschützen.«

Diese Meinungsverschiedenheit  – Mike wollte es nicht als Streit betrachten  – hatte sie fast einen Monat lang beschäftigt. Mike hatte versucht, ihren Sohn wieder etwas näher an sie heranzuziehen. Er hatte Adam ins Einkaufszentrum eingeladen, in die Mall, sogar zu Konzerten. Adam hatte alles abgelehnt. Er war nachts immer sehr spät nach Hause gekommen, ohne sich darum zu kümmern, welche Uhrzeit sie ausgemacht hatten. Er war zum Abendessen nicht mehr aus seinem Zimmer heruntergekommen. Seine Schulnoten waren schlechter geworden. Es war ihnen gelungen, ihn zu einem Besuch bei einem Therapeuten zu überreden. Der Therapeut hatte gemutmaßt, dass eine Depression dahinterstecken könnte. Er hatte eine medikamentöse Behandlung vorgeschlagen, Adam aber vorher noch einmal sehen wollen. Adam hatte das rundheraus abgelehnt.

Als sie ihn drängten, noch einmal zum Therapeuten zu gehen, verschwand Adam für zwei Tage. Er ging nicht ans Handy. Mike und Tia waren außer sich gewesen. Hinterher hatte sich herausgestellt, dass er sich nur im Haus eines Freundes versteckt hatte.

»Wir verlieren ihn«, hatte Tia noch einmal gesagt.

Und Mike hatte nichts geantwortet.

»Genaugenommen sind wir doch nur Aufpasser, Mike. Wir kümmern uns eine Weile um sie, dann führen sie ihr eigenes Leben. Ich will doch bloß, dass er gesund und munter bleibt, bis wir ihn mit gutem Gewissen seiner Wege gehen lassen können. Dann liegt es bei ihm.«

Mike hatte genickt. »Also gut.«

»Bist du sicher?«, hatte sie gefragt.

»Nein.«

»Ich auch nicht. Aber ich muss immer wieder an Spencer Hill denken.«

Wieder hatte er genickt.

»Mike?«

Er hatte sie angesehen. Sie hatte ihn schräg angelächelt. Dieses Lächeln hatte er zum ersten Mal an einem kalten Herbsttag

3

Anfangs hatte es keine wirklich besorgniserregenden oder aufschlussreichen E-Mails oder Ähnliches gegeben, drei Wochen später änderte sich das allerdings schlagartig.

Die Gegensprechanlage in Tias Kabine summte.

Eine harte Stimme sagte: »In mein Büro. Sofort.«

Es war Hester Crimstein, die Chefin der Kanzlei. Hester ließ ihre Untergebenen nie von ihrer Sekretärin einbestellen, sie machte das lieber persönlich. Dabei klang sie immer leicht gereizt, als hätte der Gerufene schon vorher wissen müssen, dass sie ihn sehen wollte und sofort wie von Zauberhand in ihrem Büro erscheinen können, bevor sie so viel Zeit mit dem Summer und der Gegensprechanlage verschwenden musste.

Tia arbeitete seit einem halben Jahr wieder. Sie hatte eine Stelle als Anwältin in der Kanzlei Burton and Crimstein bekommen. Burton war schon vor Jahren gestorben. Crimstein, die berühmte und gefürchtete Anwältin Hester Crimstein, war äußerst lebendig und hatte auch allein alles im Griff. Sie war eine international bekannte Strafverteidigerin und hatte sogar eine eigene Fernsehsendung auf Real TV mit dem cleveren Titel Crimstein on Crime.

Hester Crimstein fauchte  – sie fauchte praktisch immer  – aus dem Lautsprecher: »Tia?«

»Bin schon unterwegs.«

Sie stopfte den Ausdruck des E-SpyRight-Berichts in die oberste Schublade und marschierte den Gang zwischen den verglasten, sonnendurchfluteten Büros der Teilhaber und den stickigen, dunklen Kabuffs der Angestellten entlang. Bei Burton and Crimstein herrschte ein rigides Kastensystem mit einem Wesen, das über allen anderen stand. Es gab zwar noch mehr Teilhaber, Hester Crimstein ließ jedoch nicht zu, dass deren Namen aufs Firmenschild kamen.

Tia hatte das große Eckbüro erreicht. Als sie an Hesters Sekretärin vorbeigekommen war, hatte diese kaum den Blick gehoben. Hesters Tür stand wie üblich weit offen. Tia blieb davor stehen und klopfte gegen die Wand.

Hester ging auf und ab. Sie war klein, wirkte aber nicht so. Sie wirkte kompakt, stark und irgendwie gefährlich. Sie marschierte nicht hin und her, um ihre Nervosität zu überspielen, sie schritt ihr Büro ab. Sie strahlte Stärke und Macht aus.

»Sie müssen am Freitag zu einer Vorverhandlung nach Boston«, sagte sie grußlos.

Tia trat ins Büro. Hesters dunkelblonde Haare waren wie immer leicht zerzaust. Sie schien gleichzeitig gepeinigt und doch ganz Herrin der Lage zu sein. Manche Leute zogen die Aufmerksamkeit der Menschen in ihrer Umgebung auf sich  – Hester Crimstein schien alle am Kragen zu packen und zu schütteln, damit sie ihr in die Augen sahen.

»Gut, kein Problem«, sagte Tia. »Welcher Fall?«

»Beck.«

Tia kannte den Fall.

»Hier ist die Akte. Nehmen Sie diesen Computerfachmann mit. Den mit der schlechten Haltung und den Tätowierungen, von denen man Alpträume kriegt.«

»Brett«, sagte Tia.

»Genau den. Der soll den Computer von dem Mann überprüfen.«

Hester reichte Tia die Akte und schritt weiter auf und ab.

Tia sah die Akte an. »Ist das das Transkript der ursprünglichen Zeugenaussage?«

»Ja. Sie fliegen morgen. Gehen Sie nach Hause, und studieren Sie die Akte.«

»Okay, kein Problem.«

Hester blieb stehen. »Tia?«

Tia hatte in der Akte geblättert. Sie versuchte, sich auf den Fall, Beck, die Vorverhandlung und die Reise nach Boston zu konzentrieren. Aber der verdammte E-SpyRight-Bericht ließ sie nicht los. Sie sah ihre Chefin an.

»Ist irgendwas?«, fragte Hester.

»Ich denk nur über die Vorverhandlung nach.«

Hester runzelte die Stirn. »Gut. Der Kerl ist nämlich ein verlogener Haufen Scheiße. Verstanden?«

»Ein Haufen Scheiße«, wiederholte Tia.

»Genau. Es ist nämlich absolut unmöglich, dass er das, was er da erzählt, wirklich gesehen hat. Das kann überhaupt nicht sein. Verstanden?«

»Und das soll ich beweisen.«

»Nein.«

»Nein?«

»Nein. Ganz im Gegenteil.«

Tia runzelte die Stirn. »Jetzt kann ich Ihnen nicht folgen. Ich soll nicht beweisen, dass er ein verlogener Haufen Scheiße ist?«

»Genau.«

»Könnten Sie mir das erklären?«

»Liebend gerne. Ich möchte, dass Sie dem Mann gegenübersitzen, eine Frage nach der anderen stellen und sich alle Antworten mit einem freundlichen Nicken anhören. Tragen Sie enge, körperbetonte Kleidung, vielleicht sogar einen tiefen Ausschnitt. Lächeln Sie ihn an, als ob das Ihre erste gemeinsame Verabredung wäre und Sie alles, was er sagt, faszinierend fänden. In Ihrer Stimme darf auch nicht der leiseste Anflug eines Zweifels zu hören sein. Jedes einzelne seiner Worte ist die reine Wahrheit.«

Tia nickte. »Er soll offen reden.«

»Genau.«

»Sie wollen alles in der Akte haben. Seine ganze Geschichte.«

»Auch das ist richtig.«

»Damit Sie das arme Schwein dann bei der Hauptverhandlung richtig in die Mangel nehmen können.«

Hester zog eine Augenbraue hoch. »Und zwar mit allem Elan, den man zu Recht von mir erwartet.«

»Okay«, sagte Tia. »Verstanden.«

»Ich werd ihm seine eigenen Eier zum Frühstück servieren. Ihre Aufgabe dabei besteht also gewissermaßen darin, die Lebensmittel zu besorgen  – um im Bild zu bleiben. Kriegen Sie das hin?«

Der Bericht von Adams Computer  – was sollte sie damit machen? Als Erstes musste sie Mike Bescheid sagen. Damit sie sich zusammensetzen und darüber nachdenken konnten, was sie als Nächstes unternahmen.

»Tia?«

»Ja, das krieg ich hin.«

Wieder blieb Hester stehen. Sie trat einen Schritt auf Tia zu. Sie war mindestens fünfzehn Zentimeter kleiner als Tia, aber auch das kam Tia nicht so vor. »Wissen Sie, warum ich Sie dafür ausgewählt habe?«

»Weil ich einen Abschluss der Columbia-Universität habe, eine verdammt gute Anwältin bin und Sie mir in dem halben Jahr, seit ich für Sie arbeite, nur Jobs gegeben haben, die selbst ein Rhesusaffe ohne große Mühe hätte erledigen können?«

»Nein.«

»Warum dann?«

»Weil Sie alt sind.«

Tia sah sie an.

»Nein, nicht so. Na ja, wie alt sind Sie? Mitte vierzig? Ich bin mindestens zehn Jahre älter. Aber die anderen angestellten Anwälte hier sind noch Babys. Die wollen Helden sein. Sie würden versuchen, ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen.«

»Und wieso würde ich das Ihrer Meinung nach nicht versuchen?«

Hester zuckte die Achseln. »Wenn Sie es versuchen, sind Sie raus.«

Darauf konnte Tia nichts sagen, also hielt sie den Mund. Sie senkte den Kopf und musterte die Akte, ihre Gedanken kehrten aber immer wieder zurück zu ihrem Sohn, seinem verdammten Computer und dem verdammten Bericht.

Hester wartete ein paar Sekunden lang. Sie sah Tia mit ihrem berühmten Blick an, mit dem sie schon viele Zeugen zum Reden gebracht hatte. »Warum haben Sie sich für diese Kanzlei entschieden?«, fragte Hester.

»Ganz ehrlich?«

»Wenn möglich.«

»Ihretwegen«, sagte Tia.

»Muss ich mich geschmeichelt fühlen?«

Tia zuckte die Achseln. »Sie wollten die Wahrheit hören. Und die lautet, dass ich Ihre Arbeit schon seit langem bewundere.«

Hester lächelte. »Ja. Ich bin echt cool.«

Tia wartete.

»Aber was noch?«

»Das ist eigentlich alles«, sagte Tia.

Hester schüttelte den Kopf. »Da steckt noch mehr dahinter.«

»Ich kann Ihnen nicht folgen.«

Hester setzte sich auf ihren Schreibtischstuhl. Mit einer Geste forderte sie Tia auf, auch Platz zu nehmen. »Soll ich auch das erklären?«

»Gerne.«

»Sie haben sich für diese Kanzlei entschieden, weil sie von einer Feministin geleitet wird. Weil Sie hoffen, dass ich verstehe, warum Sie sich eine jahrelange Auszeit genommen haben, um Ihre Kinder großzuziehen.«

Tia sagte nichts.

»Habe ich Recht?«

»Zum Teil.«

»Eins muss Ihnen dabei aber auch klar sein: Im Feminismus geht es nicht darum, anderen Frauen zu helfen. Es geht um Gleichberechtigung. Es geht darum, Frauen Möglichkeiten zu eröffnen, und nicht, ihnen Garantien zu liefern.«

Tia wartete.

»Sie haben sich für die Mutterschaft entschieden. Sie sollten nicht dafür bestraft werden. Aber Sie sollten dafür auch keine Sonderbehandlung bekommen. Was Ihre Arbeit betrifft, waren das verlorene Jahre. Sie haben die Front verlassen. Und Sie dürfen nicht erwarten, dass Sie Ihren alten Platz ohne Weiteres wieder einnehmen können. Hier haben alle die gleichen Rechte. Wenn ein Mann also so eine Auszeit genommen hätte, um seine Kinder großzuziehen, würde ich ihn genauso behandeln, verstehen Sie?«

Tia zog sich mit einer unverbindlichen Geste aus der Affäre.

»Sie haben gesagt, dass Sie meine Arbeit bewundern«, fuhr Hester fort.

»Das stimmt.«

»Ich habe mich entschlossen, keine Familie zu haben. Bewundern Sie das auch?«

»Da kann man eigentlich nicht von bewundern sprechen.«

»Genau. Und das Gleiche gilt auch für Ihre Entscheidung. Ich habe die Karriere gewählt. Ich bin an der Front geblieben. Was die Anwaltskarriere angeht, bin ich Ihnen also voraus. Dafür kann ich abends aber nicht zu meinem hübschen Doktor, dem Palisadenzaun und den zwei Komma vier Kindern nach Hause gehen. Verstehen Sie, was ich meine?«

»Ja.«

»Wunderbar.« Hesters Nasenlöcher weiteten sich, als sie ihr berühmtes Strahlen noch etwas steigerte. »Wenn Sie also hier im Büro sitzen  – in meinem Büro  – drehen sich daher all Ihre Gedanken einzig und allein um mich, genauer gesagt darum, wie Sie mir dienen und eine Freude machen können, und nicht darum, was Sie zum Abendessen machen oder ob Ihr Kind zu spät zum Fußballtraining kommt. Können Sie mir folgen?«

Tia wollte protestieren, der Tonfall ließ aber keinen Widerspruch zu. »Das kann ich.«

»Gut.«

Das Telefon klingelte. Hester nahm den Hörer ab. »Was ist?« Pause. »Dieser Schwachkopf. Ich hab ihm doch gesagt, dass er den Mund halten soll.« Hester drehte den Stuhl zur Seite. Das war Tias Stichwort. Sie stand auf, verließ das Büro und wünschte sich, dass sie sich nur wegen so belangloser Dinge wie Abendessen und Fußballtraining Sorgen machen müsste.

Als sie im Flur war, blieb sie kurz stehen und atmete tief durch. Sie klemmte sich die Akte unter den Arm und dachte trotz Hesters Ermahnung sofort wieder an die E-Mail, die im E-SpyRight-Bericht erwähnt wurde.

Meistens waren die Berichte sehr lang  – Adam surfte viel im Internet und besuchte dabei sehr viele Websites und viele »Freunde« auf Seiten wie MySpace und Facebook, so dass die Listen oft aberwitzig lang wurden. Normalerweise überflog sie sie nur noch, als ob das Eindringen in die Privatsphäre ihres Sohns dadurch weniger ungeheuerlich würde, aber im Grunde verabscheute sie es, so viel zu wissen.

Sie kehrte schnell an ihren Schreibtisch zurück und sah sich das unvermeidliche Familienfoto darauf an: Mike, Jill, Tia und natürlich Adam  – in einem der wenigen Momente, in denen er sie mit seiner Anwesenheit beehrt hatte  – auf der kleinen Veranda vor dem Haus. Alle lächelten ein wenig gezwungen, trotzdem hatte das Foto etwas Tröstliches.

Sie nahm den E-SpyRight-Bericht aus der Schublade und schlug die E-Mail auf, die sie so erschreckt hatte. Sie las sie noch einmal. Der Text hatte sich nicht verändert. Sie überlegte, wie sie damit umgehen sollte, als ihr bewusst wurde, dass das nicht allein ihre Entscheidung war.

Tia zog das Handy aus der Tasche, tippte einen kurzen Text ein und schickte ihn an Mike.

Mike hatte noch Schlittschuhe an, als ihn die SMS erreichte.

»Deine Regierung?«, fragte Mo.

Mo hatte seine Schlittschuhe schon ausgezogen. Es stank furchtbar in diesem Raum, genau wie in allen Eishockeyumkleidekabinen. Der Schweiß zog in sämtliche Polster der Schutzbekleidung und war nicht wieder rauszukriegen. Ein großer Ventilator schwenkte hin und her. Das brachte auch nicht viel. Eishockeyspieler bemerkten den Gestank gar nicht. Ein Außenstehender wäre davon vermutlich umgefallen.

Mike sah die Handynummer seiner Frau auf dem Display.

»Jau.«

»Mann, du bist echt geschlagen.«

»Na klar«, sagte Mike. »Sie hat mir eine SMS geschickt. Ich steh voll unterm Pantoffel.«

Mo verzog das Gesicht. Mike und Mo waren befreundet seit sie zusammen in Dartmouth studiert hatten. Beide hatten für die Uni in der Eishockeyliga gespielt  – Mike im Sturm als Torjäger, Mo in der Verteidigung als harter Knochen. Fast ein Vierteljahrhundert nach ihrem Abschluss  – Mike war inzwischen Transplantationschirurg, Mo machte undurchsichtige Sachen für die CIA  – waren sie ihren alten Rollen treu geblieben.

Auch die anderen Mitspieler in der Kabine nahmen vorsichtig ihre Schützer ab. Sie wurden alle älter, und Eishockey war ein Sport für junge Männer.

»Aber sie weiß doch ganz genau, dass du um diese Zeit beim Eishockey bist, oder?

»Klar.«

»Warum lässt sie dich dann nicht in Ruhe?«

»Es ist nur eine SMS, Mo.«

»Du reißt dir die ganze Woche lang im Krankenhaus den Arsch auf«, sagte Mo mit diesem Anflug eines Lächelns, bei dem man nie genau wusste, ob er einen auf den Arm nahm oder nicht. »Dies ist unsere Eishockeyzeit, und die ist heilig. Langsam könnte sie das mal mitgekriegt haben.«

Mo war dabei gewesen an jenem kalten Winterabend, als Mike Tia zum ersten Mal gesehen hatte. Genaugenommen hatte er sie sogar noch vor Mike gesehen. Es war beim Saisoneröffnungsspiel gegen Yale in Mikes und Mos vorletztem Studienjahr gewesen. Tia hatte auf der Tribüne gesessen. Beim Aufwärmen vor dem Spiel  – sie fuhren ein paar Kreise und dehnten sich  – hatte Mo ihn mit dem Ellbogen angestoßen und mit einem Nicken in Richtung Tia gesagt: »Hübsche Möpse unterm Pulli.«

So hatte es angefangen.

Mo vertrat die These, dass alle Frauen entweder auf Mike oder eben, tja, auf ihn standen. Mo kriegte die, die sich zu bösen Buben hingezogen fühlten, Mike die, die in seinen babyblauen Augen das Haus im Vorort mit Garten und Palisadenzaun zu sehen glaubten. Im letzten Drittel, Dartmouth lag weit in Führung, fing er also einen Streit an und verprügelte einen Yale-Spieler. Nachdem er seinem Gegenüber richtig eine verpasst hatte, drehte er sich um, blinzelte Tia zu und wartete auf ihre Reaktion.

Die Schiedsrichter gingen dazwischen und brachen den Kampf ab. Bevor Mo zur Strafbank fuhr, beugte er sich noch kurz zu Mike herüber und sagte: »Ist deine.«

Er konnte nicht ahnen, wie Recht er mit diesen Worten haben sollte. Mike und Tia trafen sich nach dem Spiel auf einer Party. Tia war in Begleitung eines Studenten aus dem letzten Studienjahr gekommen, an dem sie aber kein größeres Interesse zeigte. Nach kurzer Zeit unterhielten Mike und Tia sich darüber, was sie früher gemacht hatten. Er hatte gleich zu Anfang ihres Gesprächs erwähnt, dass er Medizin studieren und Arzt werden wollte. Sie hatte gefragt, seit wann er das vorhatte.

»Eigentlich schon immer«, hatte er geantwortet.

Mit der Antwort hatte Tia sich nicht zufriedengegeben. Sie hatte nachgehakt, was sie, wie er bald feststellen sollte, eigentlich immer machte. Schließlich hatte er sich dabei ertappt, wie er ihr erzählte, dass er als Kind ziemlich krankheitsanfällig gewesen war und Ärzte damals zu seinen Helden geworden waren. Sie hörte auf eine Art zu, wie er es noch nie bei einem anderen Menschen erlebt hatte. Man konnte nicht sagen, dass sich daraus dann mit der Zeit eine Beziehung entwickelte  – sie beide hatten sich vielmehr kopfüber in diese Beziehung hineingestürzt. Mittags waren sie gemeinsam in der Cafeteria essen gegangen. Abends hatten sie zusammen gelernt. Mike hatte ihr Wein und Kerzen in die Bibliothek mitgebracht.

»Hast du was dagegen, wenn ich mal eben zwischendurch die SMS lese?«, fragte Mike.

»Das ist vielleicht eine Nervensäge.«

»Du musst deine Gefühle nicht unterdrücken, Mo. Immer raus damit.«

»Würde sie dir auch eine SMS schicken, wenn du in der Kirche wärst?«

»Tia? Ich glaub schon.«

»Gut, dann lies sie. Und dann schreib ihr, dass wir auf dem Weg zu einem fantastischen Sexclub sind.«

»Klar doch. Mach ich.«

Mike drückte eine Taste und las den Text.

Wir müssen reden. Ich hab was im Computerbericht gefunden. Komm direkt nach Haus.

Mo sah den Ausdruck in Mikes Gesicht. »Was ist?«

»Nichts.«

»Gut. Dann fahren wir gleich in den Sexclub?«

»Wir wollten überhaupt nicht in einen Sexclub.«

»Gehörst du etwa auch zu den Weicheiern, die dazu ›Herrenclub‹ sagen?«

»Ist mir scheißegal. Ich kann nicht.«

»Hat sie dich nach Hause beordert?«

»Wir haben ein Problem.«

»Was für eins?«

Das Wort ›privat‹ gehörte nicht zu Mos Wortschatz.

»Es geht um Adam«, sagte Mike.

»Mein Patensohn? Was ist mit ihm?«

»Er ist nicht dein Patensohn.«

Mo war nicht Adams Patenonkel geworden, weil Tia es nicht zugelassen hatte. Das hatte Mo aber nicht davon abgehalten, sich als solchen zu betrachten. Bei der Taufe war Mo in der Kirche tatsächlich mit nach vorne gegangen und hatte sich neben Tias Bruder, den eigentlichen Patenonkel gestellt. Mo hatte ihn nur finster angestarrt, worauf Tias Bruder kein Wort gesagt hatte.

»Und was ist los?«

»Weiß ich noch nicht.«

»Tia ist aber auch überfürsorglich. Das ist dir schon klar, oder?«

Mike sagte nichts. »Adam hat mit dem Eishockey aufgehört.«

Mo verzog das Gesicht so, als hätte Mike gesagt, dass sein Sohn Satanist geworden wäre oder sich der Sodomie verschrieben hätte. »Wa …?«

Mike löste die Schnürsenkel seiner Schlittschuhe und zog sie aus.

»Wieso hast du mir nichts davon gesagt?«, fragte Mo.

Mike griff nach seinen Kufenschonern. Er löste die Schulterpolster. Ein paar Mitspieler gingen vorbei und verabschiedeten sich vom Doc. Die meisten wussten, dass man um Mo auch abseits des Eises am besten einen großen Bogen machte.

»Ich hab dich am Krankenhaus abgeholt«, sagte Mo.

»Na und?«

4

Als Mo in die Straße einbog, in der die Bayes wohnten, sah Mike seine Nachbarin Susan Loriman vor ihrem Haus. Sie tat so, als würde sie Gartenarbeit machen  – Unkraut jäten, etwas pflanzen oder so  –, aber Mike wusste, dass sie das nicht tat. Sie fuhren in die Einfahrt. Mo betrachtete die im Garten kniende Nachbarin.

»Wow, hübscher Hintern.«

»Das sieht ihr Mann vermutlich genauso.«

Susan Loriman stand auf. Mo sah wie weiter an.

»Ja, aber ihr Mann ist ein Arsch.«

»Wie kommst du darauf?«

Mit einer kurzen Bewegung des Kinns deutete er auf die Garage. »Die Wagen da.«

In der Einfahrt stand der Sportwagen ihres Mannes, eine aufgemotzte rote Corvette. Außerdem hatte er noch einen schwarzen BMW 550i. Susan fuhr einen grauen Dodge Caravan.

»Was ist damit?«

»Sind das seine?«

»Ja.«

»Eine Freundin von mir«, sagte Mo, »die heißeste Braut, die du dir vorstellen kannst. Sie ist Südamerikanerin oder Puerto-Ricanerin oder so was. Sie war mal Proficatcherin. Da ist sie unter dem Namen Pocahontas aufgetreten. Erinnerst du dich noch daran, wie sie auf Channel Eleven vormittags diese sexy Kämpfe gezeigt haben?«

»Klar erinnere ich mich daran.«

»Diese Pocahontas hat mir erzählt, was sie oft macht, wenn sie einen Typen in so einem Wagen sieht. Besonders wenn der neben ihr den Motor aufheulen lässt oder sie mit einem obercoolen Blick ansieht. Weißt du, was sie dann sagt?«

Mike schüttelte den Kopf.

»›Die Sache mit Ihrem Penis tut mir wirklich leid.‹«

Mike konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.

»›Die Sache mit Ihrem Penis tut mir wirklich leid.‹ Mehr nicht. Klasse, oder?«

»Ja«, gab Mike zu. »Große Klasse.«

»Da fällt einem erst mal gar nichts zu ein.«

»Stimmt.«

»Und dein Nachbar hier  – ihr Mann, ja?  – hat zwei solche Sportwagen. Was bedeutet das deiner Ansicht nach?«

Susan Loriman sah sie an. Mike fand sie schon immer so hübsch, dass es ihm im Magen kribbelte, wenn er sie sah  – sie war die scharfe Braut des Viertels, das, was die Teenager heutzutage MILF nannten, wobei er diese derben Akronyme nicht mochte. Mike wäre niemals in irgendeiner Hinsicht aktiv geworden, aber man durfte doch wenigstens gucken, solange man atmete. Susan hatte lange, so tiefschwarze Haare, dass sie schon fast blau wirkten. Im Sommer band sie sie zu einem Pferdeschwanz zusammen, dazu trug sie abgeschnittene Jeans, eine modische Sonnenbrille und fast immer umspielte ein schelmisches Lächeln ihre hübschen roten Lippen. Ihr Anblick war wirklich atemberaubend. Mike kannte sogar einen Vater und Trainer einer Little-League-Mannschaft, der Susans Sohn ganz bewusst in sein Softballteam aufgenommen hatte, damit Susan regelmäßig zu den Spielen kam.

Heute trug sie keine Sonnenbrille. Ihr Lächeln wirkte aufgesetzt.

»Die sieht verdammt traurig aus«, sagte Mo.

»Ja. Ich geh mal kurz zu ihr rüber, okay?«

Mo wollte schon eine spitze Bemerkung machen, sah dann aber etwas im Gesicht der Frau. »Klar«, sagte er nur. »Nur zu.«

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1. Auflage Deutsche Erstveröffentlichung Oktober 2009Copyright © der Originalausgabe 2008 by Harlan Coben Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2009 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München Umschlagmotiv: Getty Images / Stone / James CotierRedaktion: Sigrun Zühlke Th · Herstellung: Str. Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad AiblingISBN 978-3-641-08433-2V002 

 

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