Böses Spiel - Myron Bolitar ermittelt - Harlan Coben - E-Book

Böses Spiel - Myron Bolitar ermittelt E-Book

Harlan Coben

4,4
9,99 €

Beschreibung

Esperanza Diaz ist die Seele von Myron Bolitars Sportagentur, eine wertvolle Geschäftspartnerin und eine seiner besten Freundinnen. Als sie völlig überraschend des Mordes an einem Klienten angeklagt wird, bricht Myron seinen Urlaub ab und stürzt sich Hals über Kopf in die Ermittlungen. Um den wahren Killer zu finden, folgt er einer schwer auszumachenden Fährte, die ihn nicht nur durch düstere Nachtclubs führt, sondern auch auf das gefährliche Terrain gescheiterter Ehen und zerstörter Karrieren. Um am Ende vor der erschreckenden Erkenntnis zu stehen, dass es nur einen anderen wirklichen Verdächtigen gibt: ihn selbst ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 499

Bewertungen
4,4 (14 Bewertungen)
9
2
3
0
0



Buch

Jäh wird Sportagent und Privatdetektiv Myron Bolitar aus einem Traumurlaub gerissen: Seine Freundin und Geschäftspartnerin Esperanza wird des Mordes an einem gemeinsamen Klienten angeklagt, dem Baseballstar Clu Haid. Sofort bricht Myron Richtung Heimat auf – nur um dort zu erfahren, dass Esperanza jegliche Hilfe von ihm strikt verweigert.

Doch Myron bleibt hartnäckig, ermittelt auch gegen Esperanzas Willen. Über Umwege findet er heraus, dass der Mord an Clu anscheinend mit dem Verschwinden von Lucy Mayor zu tun hat, der Tochter der Eigentümerin der New York Yankees – Clus Mannschaft. Nur, dass Lucy schon seit zwölf Jahren vermisst wird. Myron verspricht ihrer Mutter Sophie, sein Möglichstes zu tun, um auch dieses Verbrechen aufzuklären.

Die Spur führt durch diverse düstere Etablissements – und in das Privatleben einiger bedeutender Persönlichkeiten. Myron erfährt nicht nur, warum Esperanza ihn auf keinen Fall an ihrer Seite haben will. Er bringt auch einige Geheimnisse über seine eigene Vergangenheit zum Vorschein – und wird schließlich selbst zum Mordverdächtigen …

Weitere Informationen zu Harlan Coben

sowie zu lieferbaren Titeln des Autors

finden Sie am Ende des Buches.

Harlan Coben

Böses Spiel

Myron Bolitar ermittelt

Thriller

Deutsch von Gunnar Kwisinski und Friedo Leschke

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Die amerikanische Originalausgabe erschien 1999 unter dem Titel 

»The Final Detail« bei Delacorte Press, an imprint of The Random House Publishing Group, a division of Random House, Inc., New York.

Deutsche Erstveröffentlichung Oktober 2017

Copyright © der Originalausgabe 1999 by Harlan Coben

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2017

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Covergestaltung: UNO Werbeagentur, München

Covermotiv: FinePic®, München

Redaktion: Anja Lademacher

Th · Herstellung: kw

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-17842-0V003

www.goldmann-verlag.de

Für Tante Evelyn in Revere

mit ganz viel Liebeund in Gedenken an Larry Gerson

1962 – 1998

Wenn ich die Augen schließe, sehe ich noch immer sein Lächeln vor mir.

1

Myron lag ausgestreckt neben einer umwerfenden Brünetten in einem waffenscheinpflichtigen Bikini. Er hatte einen exotischen Drink in der Hand – ohne Schirmchen –, das türkisfarbene Wasser der Karibik umspielte seine Füße, der feine weiße Sand blendete, und der Himmel strahlte in einem so reinen Blau, wie es nur Gottes leere Leinwand konnte. Der Sonnenschein war so kraftvoll und wohltuend, wie es sonst allenfalls eine schwedische Masseurin war, die zur Entspannung ein Glas Cognac servierte – und er fühlte sich unsäglich elend. Sie waren jetzt etwa drei Wochen zusammen in diesem Inselparadies. Myron hatte sich nicht die Mühe gemacht, die Tage zu zählen. Terese vermutlich auch nicht. Die Insel erinnerte an Gilligan’s Island – und war ebenso abgelegen: kein Telefon, kaum elektrisches Licht, keine Autos, eine Menge Luxus, also ganz anders als bei Robinson Crusoe und, tja, auch keineswegs ursprünglich. Myron schüttelte den Kopf. Man konnte den Menschen den Fernseher nehmen, die Bilder bekam man jedoch nicht aus ihrem Kopf.

Mitten am Horizont erschien die Yacht, schwebte ihnen entgegen, zerschnitt das blaue Wasser und hinterließ einen weißen Saum. Als Myron sie sah, zog sich sein Magen zusammen.

Er wusste nicht genau, wo sie waren, obwohl die Insel tatsächlich einen Namen hatte: St. Bacchanals. Ja, wirklich. Es war ein kleines Fleckchen Erde, das einer dieser Mega-Kreuzfahrtlinien gehörte, die die eine Hälfte der Insel ihren Passagieren zur Verfügung stellte, damit sie dort schwimmen, grillen und einen Tag in ihrem »eigenen, ganz persönlichen Inselparadies« genießen konnten. Ganz persönlich – allein mit den anderen 2500 Turistas auf einem kleinen Streifen Strand. Genau, ganz persönlich und bacchantisch.

Auf dieser Seite der Insel war das allerdings vollkommen anders. Hier gab es nur dieses eine Haus, das einem Geschäftsführer der Kreuzfahrtlinie gehörte, eine Mischung aus Strohhütte und dem Herrenhaus auf einer Plantage. Die einzige Person im Umkreis eines Kilometers war ein Butler. Und die komplette Inselbevölkerung bestand aus ungefähr dreißig Personen, die alle als Bedienstete für die Kreuzfahrtlinie arbeiteten.

Die Yacht glitt mit ausgeschaltetem Motor näher.

Terese Collins nahm ihre Bollé-Sonnenbrille ab und runzelte die Stirn. Drei Wochen lang war mit Ausnahme der riesigen Kreuzfahrtschiffe mit einschlägigen Namen wie Sensation,Ecstasy oder G Spot niemand an ihrem Fleckchen Strand vorbeigekommen.

»Hast du jemandem erzählt, wo wir sind?«, fragte sie.

»Nein.«

»Vielleicht ist es John.«

John war besagter Geschäftsführer der Kreuzfahrtlinie, ein Freund von Terese.

»Eher nicht«, sagte Myron.

Myron hatte Terese erst vor, tja, drei Wochen kennengelernt. Terese machte »Urlaub« von ihrem Job als bekannte Primetime-Moderatorin bei CNN. Genau wie er war sie von wohlmeinenden Freunden genötigt worden, eine Wohltätigkeitsgala zu besuchen, und sie hatten sich sofort zueinander hingezogen gefühlt, als wäre der Schmerz, den sie beide erlitten hatten, magnetisch. Anfangs war es nicht viel mehr als eine verrückte Idee gewesen: Einfach alles stehen und liegen lassen und abhauen. Sich mit jemandem davonmachen, den man attraktiv fand und kaum kannte. Als keiner einen Rückzieher machte, waren sie zwölf Stunden später in St. Maarten und vierundzwanzig Stunden danach hier gewesen. Myron, der in seinem Leben mit insgesamt vier Frauen geschlafen hatte, der One-Night-Stands selbst damals, als sie angesagt und angeblich frei von Krankheiten gewesen waren, nie wirklich ausprobiert hatte, der nie Sex aus reiner körperlicher Begierde und ohne Verwurzelung in Liebe und Hingabe gehabt hatte, kam die Entscheidung zur Flucht überraschend richtig vor.

Er hatte niemandem gesagt, wohin er fuhr und wie lange er wegbleiben wollte – vor allem weil er es selbst nicht wusste. Er hatte Mom und Dad angerufen und ihnen gesagt, sie sollten sich keine Sorgen machen, hätte ihnen aber ebenso gut sagen können, sie sollten sich Kiemen wachsen lassen und unter Wasser atmen. Er hatte Esperanza ein Fax geschickt und ihr die Handlungsvollmacht für MB SportsReps erteilt, die Sportagentur, die sie inzwischen als Partner betrieben. Win hatte er nicht angerufen.

Terese sah ihn an. »Weißt du, wer das ist?«

Myron antwortete nicht. Sein Herz schlug schneller.

Die Yacht kam näher. Vorn öffnete sich eine Kabinentür, und wie Myron befürchtet hatte, trat Win aufs Deck heraus. Panik raubte ihm den Atem. Win kam nicht einfach so auf einen Sprung vorbei. Wenn er herkam, musste irgendetwas richtig aus dem Ruder gelaufen sein.

Myron stand auf. Zum Rufen war es noch zu weit, also winkte er. Win nickte knapp.

»Moment mal«, sagte Terese. »Ist das nicht der Typ, dessen Familie Lock-Horne Securities gehört?«

»Ja.«

»Ich habe ihn mal interviewt. Als die Märkte eingebrochen sind. Sein Name ist ziemlich lang und bombastisch.«

»Windsor Horne Lockwood III«, sagte Myron.

»Genau. Schräger Typ.«

Wenn sie wüsste.

»Sieht verteufelt gut aus«, fuhr Terese fort, »auf diese Country-Club-Art, irgendwie nach Geldadel, mit einem silbernen Golfschläger in der Hand geboren.«

Wie aufs Stichwort fuhr Win sich mit einer Hand durch die blonden Locken und lächelte.

»Ihr habt etwas gemeinsam«, sagte Myron.

»Und das wäre?«

»Ihr glaubt beide, dass er verteufelt gut aussieht.«

Terese musterte Myron. »Du musst zurück?« Ihre Stimme klang leicht besorgt.

Myron nickte. »Sonst wäre Win nicht gekommen.«

Sie nahm seine Hand. Es war der erste intime Moment zwischen ihnen in den drei Wochen seit dem Wohltätigkeitsball. Das klingt zwar merkwürdig – zwei Liebhaber allein auf einer Insel mit reichlich Sex, die sich nie sanft geküsst, gestreichelt oder ein paar zärtliche Worte zugeflüstert haben –, aber ihre Beziehung beruhte auf Vergessen und Überleben: zwei am Boden zerstörte Seelen in den Trümmern ihres bisherigen Lebens, die keinerlei Interesse hatten, irgendetwas wiederaufzubauen.

Terese war viel allein spazieren gegangen, er hatte die Tage am Strand verbracht, hatte Sport getrieben und gelesen. Sie hatten sich zum Essen, zum Schlafen und zum Sex getroffen. Ansonsten hatten sie Abstand gehalten und gehofft, auf diese Weise die Wunden zwar nicht heilen zu können, aber doch zumindest die Blutung zu stillen. Er sah, dass auch in ihr etwas zerbrochen war, dass eine Tragödie sie bis ins Mark getroffen hatte. Er fragte sie jedoch nicht, was passiert war. Und sie fragte ihn auch nicht.

Das war eine unausgesprochene Regel bei ihrer kleinen Liaison.

Die Yacht hielt, und der Anker fiel. Win stieg herunter auf ein motorisiertes Beiboot. Myron wartete. Er trat von einem Fuß auf den anderen, sprach sich Mut zu. Als das Beiboot nah genug am Strand war, schaltete Win den Motor aus.

»Meine Eltern?«, rief Myron.

Win schüttelte den Kopf. »Denen geht’s gut.«

»Esperanza?«

Ein kurzes Zögern. »Sie braucht deine Hilfe.«

Win trat behutsam ins Wasser, fast so, als erwartete er, es würde sein Gewicht tragen. Er kam im weißen Oxford-Hemd mit Button-down-Kragen und bunten Lilly-Pulitzer-Shorts in so schrillen Farben, dass sie Haie abschrecken konnten. Der Yacht-Yuppie. Er war eher schlank gebaut, seine Unterarme wirkten jedoch, als würden sich Schlangen unter der Haut winden.

Terese erhob sich, als Win näher kam. Win bewunderte den Anblick, ohne zu glotzen. Er war einer der wenigen Männer, die Myron kannte, die damit durchkamen. Lebensart. Lächelnd schüttelte er Terese die Hand. Sie tauschten kurz ein paar Höflichkeiten aus, dann ein paar Belanglosigkeiten, die sie mit übertriebener Freundlichkeit quittierten. Myron stand unbewegt daneben und hörte nicht zu. Terese entschuldigte sich und ging zum Haus.

Win ließ sie nicht aus den Augen, als sie davonschlenderte. Dann sagte er: »Weltklasse-Hintern.«

»Meinst du mich?«, fragte Myron.

Win wandte den Blick nicht von seinem, äh, Ziel ab. »Im Fernsehen sitzt sie immer hinter diesem Sprechertisch«, sagte er. »Man würde gar nicht auf die Idee kommen, dass sie so ein Weltklasse-Hinterteil hat.« Er schüttelte den Kopf. »Wirklich jammerschade.«

»Genau«, sagte Myron. »Vielleicht sollte sie während der Sendung gelegentlich aufstehen. Sich ein paar Mal um sich selbst drehen, sich vorbeugen, so etwas in der Art.«

»So ist es.« Win warf Myron einen kurzen Blick zu. »Hast du ein paar Schnappschüsse von der Action gemacht, vielleicht ein Video?«

»Nein, das wäre dann eher dein Stil«, sagte Myron, »oder der eines extrem perversen Rockstars.«

»Schade.«

»Ja, jammerschade. Ich seh’s ein.« Weltklasse-Hintern? »Also, was ist mit Esperanza?«

Schließlich verschwand Terese im Haus. Win seufzte leise und wandte sich an Myron. »In einer halben Stunde ist die Yacht betankt. Dann fahren wir. Darf ich mich setzen?«

»Was ist passiert, Win?«

Er antwortete nicht, setzte sich stattdessen auf eine Liege und lehnte sich zurück. Er legte die Hände hinter den Kopf und schlug die Beine übereinander. »Eins muss man dir lassen. Wenn du ausflippst, machst du es stilvoll.«

»Ich bin nicht ausgeflippt. Ich brauchte eine Auszeit.«

»Mhm.« Win wandte den Blick ab, und Myron schoss ein Gedanke durch den Kopf: Er hatte Wins Gefühle verletzt. Ein verrückter, aber vermutlich wahrer Gedanke. Win mochte ein blaublütiger, aristokratischer Soziopath sein, aber hey, irgendwie war er dennoch ein Mensch. Sie waren seit dem College unzertrennlich gewesen, trotzdem war Myron verschwunden, ohne anzurufen. In vielerlei Hinsicht hatte Win sonst niemanden.

»Ich wollte ja anrufen«, sagte Myron schwach.

Win schwieg.

»Aber ich wusste auch, dass du mich finden würdest, wenn es Probleme gibt.« Das stimmte. Win konnte jede noch so kleine Nadel in jedem noch so großen Heuhaufen finden.

Win tat es mit einer kurzen Geste ab. »Egal.«

»Also, was ist mit Esperanza?«

»Clu Haid.«

Myrons erster Klient. Ein rechtshändiger Baseballwerfer, dessen Karriere sich dem Ende zuneigte. »Was ist mit ihm?«

»Er ist tot«, sagte Win.

Myron bekam weiche Knie. Er setzte sich auf die Liege.

»Wurde mit drei Kugeln in seiner eigenen Bude erschossen.«

Myron senkte den Kopf. »Ich dachte, er hätte sein Leben wieder in den Griff bekommen.«

Win sagte nichts.

»Und was hat Esperanza damit zu tun?«

Win sah auf seine Uhr. »Ungefähr in diesem Moment«, sagte er, »wird sie vermutlich wegen Mordes festgenommen.«

»Was?«

Wieder sagte Win nichts. Er hasste es, sich zu wiederholen.

»Die glauben, dass Esperanza ihn umgebracht hat?«

»Schön zu sehen, dass der Urlaub deine brillanten Deduktionsfähigkeiten nicht beeinträchtigt hat.« Win hielt sein Gesicht in die Sonne.

»Was für Beweise haben sie?«

»Zunächst einmal die Mordwaffe. Dazu Blutflecken. Fasern. Hast du irgendeine Sonnencreme?«

»Aber wie …?« Myron musterte das Gesicht seines Freundes, aber wie üblich war daraus nichts abzulesen. »Hat sie es getan?«

»Ich habe keine Ahnung.«

»Hast du sie gefragt?«

»Esperanza möchte nicht mit mir reden.«

»Was?«

»Mit dir möchte sie auch nicht reden.«

»Ich verstehe das nicht«, sagte Myron. »Esperanza bringt niemanden um.«

»Bist du dir ganz sicher?«

Myron schluckte. Er hatte gehofft, dass seine jüngste Erfahrung dazu beitragen würde, Win besser zu verstehen. Win hatte auch getötet. Oft sogar. Und Myron hatte angenommen, dass jetzt, wo er es auch getan hatte, eine neue Verbindung zwischen ihnen entstehen würde. Offenbar hatte er sich geirrt. Eher im Gegenteil – die gemeinsame Erfahrung schuf ganz neue Abgründe.

Win sah auf die Uhr. »Warum fängst du nicht schon mal an zu packen?«

»Ich brauche nichts zu packen.«

Win zeigte zum Haus. Terese stand da und beobachtete sie schweigend. »Dann verabschiede dich von Miss Hinterteil und lass uns aufbrechen.«

2

Terese hatte einen Bademantel übergezogen. Sie lehnte an der Eingangstür und wartete.

Myron wusste nicht, was er sagen sollte. Er entschied sich für »Danke«.

Sie nickte.

»Willst du mitkommen?«

»Nein.«

»Du kannst nicht ewig hierbleiben.«

»Warum nicht?«

Myron überlegte einen Moment. »Kennst du dich mit Boxen aus?«

Terese schnüffelte kurz. »Habe ich den beißenden Geruch einer herannahenden Sportmetapher in der Nase?«

»Ich fürchte schon«, sagte er.

»Igitt. Fahr fort.«

»Diese ganze Sache ist wie ein Boxkampf«, fing Myron an. »Wir sind ausgewichen, haben uns weggeduckt und versucht, uns vom Gegner fernzuhalten. Das kann man jedoch nicht ewig machen. Irgendwann muss man auch selbst zuschlagen.«

Sie verzog das Gesicht. »Mein Gott, war das lahm.«

»Eine spontane Eingebung.«

»Außerdem stimmt es nicht mal«, fügte sie hinzu. »Versuchen wir es mal anders. Wir haben die Kraft unseres Gegners zu spüren bekommen und sind zu Boden gegangen. Irgendwie ist es uns gelungen, wieder auf die Beine zu kommen. Aber die Beine fühlen sich an wie Gummi, und der Blick ist vernebelt. Bei einem weiteren Volltreffer wäre der Kampf vorbei. Also tänzeln wir lieber weiter. Wir versuchen, einen Treffer zu vermeiden und Abstand zu gewinnen.«

Dagegen konnte man nicht viel sagen.

Beide schwiegen.

Myron sagte: »Wenn du in New York bist, dann ruf mich an und …«

»Klar.«

Schweigen.

»Wir wissen doch, wie das laufen würde«, sagte Terese. »Wir treffen uns auf einen Drink, springen vielleicht noch mal in die Kiste, aber es wird nicht dasselbe sein. Wir werden uns extrem unwohl fühlen. Wir würden so tun, als wollten wir uns wieder treffen, uns aber vermutlich nicht einmal Weihnachtskarten schreiben. Wir sind kein Liebespaar, Myron. Wir sind noch nicht einmal Freunde. Ich weiß nicht, was wir eigentlich sind, aber ich bin dankbar für diese Phase.«

Ein Vogel krächzte. Die kleinen Wellen plätscherten ihr leises Lied. Win stand mit verschränkten Armen in einer erschreckend geduldigen Pose am Strand.

»Lass es dir gut gehen, Myron.«

»Du dir auch«, entgegnete er. Win und er setzten im Beiboot zur Yacht über. Ein Crewmitglied streckte ihm einen Arm entgegen. Myron ergriff ihn und zog sich an Bord. Dann fuhr die Yacht los. Myron blieb an Deck stehen und betrachtete den kleiner werdenden Strand. Er lehnte an einer Teakholz-Reling. Teakholz. Alles auf diesem Schiff war dunkel, prächtig und Teak.

»Hier«, sagte Win.

Myron drehte sich um, und Win warf ihm ein Yoo-Hoo zu, sein Lieblingsgetränk, eine Mischung aus Limonade und Schokomilch. Myron lächelte. »Ich hab seit drei Wochen keins mehr getrunken.«

»Die Entzugserscheinungen«, sagte Win, »müssen dir Höllenqualen bereitet haben.«

»Kein Fernsehen und kein Yoo-Hoo. Ein Wunder, dass ich das überlebt habe.«

»Ja, du hast quasi wie ein Mönch gelebt«, sagte Win. Dann fügte er mit einem Blick zurück auf die Insel hinzu: »Wie ein Mönch, der sehr viel gevögelt hat.« Beide spielten auf Zeit.

»Wie lange brauchen wir für die Rückfahrt?«, fragte Myron.

»Acht Stunden auf dem Boot«, sagte Win. »Auf St. Barths wartet ein Charterjet auf uns. Der Flug dauert etwa vier Stunden.«

Myron nickte. Er schüttelte die Dose und öffnete sie. Dann nahm er einen großen Schluck und drehte sich wieder zum Wasser um.

»Tut mir leid«, sagte er.

Win ignorierte seine Entschuldigung. Oder vielleicht hatte er sie auch akzeptiert. Die Yacht nahm Fahrt auf. Myron schloss die Augen und ließ sich das Gesicht vom Wasser und der sanften Gischt streicheln. Er dachte einen Moment an Clu Haid. Clu hatte Agenten nie getraut – »Die rangieren nur ganz knapp hinter Pädophilen«, hatte er immer gesagt –, daher hatte er Myron gebeten, seinen Vertrag auszuhandeln, obwohl Myron gerade im ersten Semester in Harvard Jura studierte. Myron tat ihm den Gefallen. Es machte ihm Spaß. Und kurz darauf gründete er MB SportsReps.

Clu war ein liebenswerter Chaot gewesen. Immer auf der Suche nach Wein, Weib und Gesang – ganz abgesehen von jedwedem Rausch, den er in die Hände/Nase/Venen bekommen konnte. Eine Party, die Clu nicht gefiel, gab es nicht. Er war ein rothaariger, großer Kerl mit dem Gemüt eines Teddybären, auf jungenhafte Art gutaussehend, ein beinahe altmodischer und unglaublich charmanter Gauner. Alle liebten Clu. Sogar Bonnie, seine leidgeprüfte Ehefrau. Ihre Ehe war wie ein Bumerang. Sie warf ihn raus, er drehte eine Weile frei, und sie fing ihn auf, wenn er zurückkam.

Clu schien etwas ruhiger geworden zu sein. Nachdem Myron ihn immer wieder aus irgendwelchen Schwierigkeiten herausgeboxt hatte – Suspendierungen wegen Drogenmissbrauchs, Anklagen wegen Alkohols am Steuer, und so weiter –, hatte Clu ein wenig Speck angesetzt, und sein Charme half ihm nicht mehr weiter. Trotzdem hatten ihn die New York Yankees unter Vertrag genommen und ihm eine strenge Probezeit auferlegt. Es war seine letzte Chance gewesen. Clu war zum ersten Mal in einer Entzugsklinik geblieben. Er besuchte die Treffen der Anonymen Alkoholiker. Sein Fastball erreichte fast wieder 150 Stundenkilometer.

Win unterbrach seine Gedanken. »Willst du wissen, was passiert ist?«

»Ich weiß nicht recht«, sagte Myron.

»Oh?«

»Ich hab’s beim letzten Mal schon versaut. Du hast mich gewarnt, aber ich habe nicht auf dich gehört. Meinetwegen sind viele Menschen gestorben.« Myron spürte, wie ihm Tränen in die Augen stiegen. Er drängte sie zurück. »Du hast keine Vorstellung, wie übel es ausgegangen ist.«

»Myron?«

Er wandte sich seinem Freund zu. Ihre Blicke trafen sich.

»Komm drüber hinweg«, sagte Win.

Myron gab ein Geräusch von sich, das etwa zu einem Teil aus Schluchzen und zu zwei Teilen aus Kichern bestand. »Ich hasse es, wenn du mich so verhätschelst.«

»Wahrscheinlich wäre es dir lieber, wenn ich mit ein paar nutzlosen Plattitüden aufwarten würde«, sagte Win. Er schwenkte die bräunliche Flüssigkeit in seinem Glas und probierte einen kleinen Schluck. »Wähle eine der folgenden Möglichkeiten, dann können wir weiterreden: Das Leben ist hart. Das Leben ist grausam. Das Leben ist ungerecht. Manchmal sind gute Menschen gezwungen, böse Dinge zu tun. Manchmal sterben unschuldige Menschen. Ja, Myron, du hast es versaut, aber dieses Mal läuft es besser. Nein, Myron, es war nicht deine Schuld, für jeden gibt es eine Grenze der Belastbarkeit, jetzt kennst du deine. Reicht das?«

»Bitte.«

»Dann kommen wir jetzt zu Clu Haid.«

Myron nickte, trank einen weiteren Schluck Yoo-Hoo, leerte die Dose.

»Für unseren alten College-Kumpel schien alles glattzulaufen«, sagte Win. »Er spielte gut. Der Haussegen hing wieder halbwegs gerade. Sämtliche Drogentests waren negativ. Er war immer mehrere Stunden vor Ende der Ausgangssperre zurück. Das alles änderte sich vor zwei Wochen, als ein unangekündigter Drogentest positiv ausfiel.«

»Auf was?«

»Heroin.«

Myron schüttelte den Kopf.

»Den Medien gegenüber hat Clu sich nicht geäußert«, sagte Win, »privat behauptete er jedoch, der Test wäre manipuliert gewesen. Ihm hätte jemand etwas ins Essen gemischt oder ähnlichen Unsinn.«

»Woher weißt du das?«

»Das hat Esperanza mir erzählt.«

»Er hat sich an Esperanza gewandt?«

»Ja, Myron. Als das Testergebnis hereinkam, hat er natürlich Unterstützung bei seinem Agenten gesucht.«

»Oh«, sagte Myron.

»Ich will jetzt nicht über das Fiasko reden, in dem MB SportsReps sich befindet. Es reicht, wenn ich erwähne, dass Esperanza und Cyndi ihr Bestes geben. Aber es ist deine Agentur. Die Klienten haben dich verpflichtet. Einige waren mehr als unglücklich, als du so plötzlich verschwunden bist.«

Myron zuckte die Achseln. Eines Tages würde ihn das wahrscheinlich interessieren. »Clus Test war also positiv?«

»Woraufhin er umgehend suspendiert wurde. Die Medien machten sich bereit, ihm den Todesstoß zu versetzen. All seine Ausrüster-Verträge wurden gekündigt. Bonnie warf ihn raus. Die Yankees warfen ihn raus. Da er sonst niemanden hatte, kam Clu wiederholt zu dir ins Büro. Esperanza erzählte ihm, du seist nicht zu sprechen. Er wurde von Besuch zu Besuch gereizter.«

Myron schloss die Augen.

»Vor vier Tagen stellte Clu Esperanza vor der Agentur zur Rede. Auf dem Parkplatz, um genau zu sein. Schroff und sehr laut. Zeugen berichten, dass Clu ihr ins Gesicht geschlagen hat.«

»Was?«

»Ich habe Esperanza am nächsten Tag gesehen. Ihr Kiefer war geschwollen. Sie konnte kaum sprechen. Trotzdem ist es ihr gelungen, mir mitzuteilen, dass ich mich um meinen eigenen Scheiß kümmern solle. Soweit ich weiß, konnte ein größerer Schaden nur dadurch verhindert werden, dass Mario, unterstützt von anderen Parkplatzwächtern, dazwischengegangen ist. Während sie sie festhielten, soll Esperanza angeblich Drohungen im Sinne von Dafür-wirst-du-büßen-du-schlappschwänziger-Hurensohn ausgestoßen haben.«

Myron schüttelte den Kopf. Das ergab keinen Sinn.

»Am darauffolgenden Nachmittag wurde Clu in seiner Mietwohnung in Fort Lee tot aufgefunden«, fuhr Win fort. »Die Polizei erfuhr von der Auseinandersetzung. Sie haben sich einen Stapel Durchsuchungsbeschlüsse besorgt und die Tatwaffe, eine neun Millimeter, in deinem Büro gefunden.«

»In meinem Büro?«

»Im Büro von MB SportsReps, ja.«

Wieder schüttelte Myron den Kopf. »Die muss jemand reingeschmuggelt haben.«

»Ja, möglich. Es wurden aber auch Fasern gefunden, die zum Teppich in Clus Wohnung passten.«

»Die Fasern haben nichts zu sagen. Clu war in der Agentur. Wahrscheinlich hat er sie mitgeschleppt.«

»Ja, möglich«, sagte Win wieder. »Die Blutflecken im Kofferraum des Firmenwagens sind allerdings schwieriger zu erklären.«

Myron wäre fast umgekippt. »Blut im Taurus?«

»Ja.«

»Und die Polizei hat bestätigt, dass es Clus Blut war?«

»Es war die gleiche Blutgruppe. Das Ergebnis des DNA-Tests kommt erst in zwei Wochen.«

Myron traute seinen Ohren nicht. »Hat Esperanza den Wagen benutzt?«

»Am gleichen Tag. Nach den E-Z-Pass-Aufzeichnungen hat der Wagen die Washington Bridge nach New York City hinein ungefähr eine Stunde nach dem Mord überquert. Und wie ich bereits sagte, wurde Clu in Fort Lee ermordet. Die Wohnung ist rund drei Kilometer von der Brücke entfernt.«

»Das ist doch irre.«

Win sagte nichts.

»Und das Motiv?«

»Die Polizei ist sich da nicht sicher. Es gibt allerdings mehrere Möglichkeiten.«

»Zum Beispiel?«

»Esperanza war seit Neuestem Teilhaberin von MB Sports-Reps. Die alleinige Verantwortung lag bei ihr. Der erste Klient, praktisch der Geburtshelfer der Agentur, wollte sie verlassen.«

Myron runzelte die Stirn. »Das ist ein eher dünnes Motiv.«

»Außerdem hatte er sie kurz vorher angegriffen. Vielleicht hatte Clu ihr die Schuld an all dem Unheil gegeben, das ihm widerfahren war. Vielleicht wollte sie Vergeltung. Wer weiß das schon?«

»Du hast vorhin gesagt, dass sie nicht mit dir reden will?«

»Ja.«

»Also hast du Esperanza zu den Anschuldigungen befragt?«

»Ja.«

»Und?«

»Und sie meinte, dass sie alles im Griff hätte«, sagte Win. »Sie meinte auch, dass ich keinen Kontakt zu dir aufnehmen solle. Sie will nicht mit dir sprechen.«

Myron war verwirrt. »Aber wieso nicht?«

»Keine Ahnung.«

Er dachte an Esperanza, die Latina-Schönheit, die er kennengelernt hatte, als sie als Profi-Wrestlerin unter dem »Künstler«-Namen Little Pocahontas auftrat. Das schien ewig her zu sein. Sie war von Anfang an bei MB SportsReps dabei gewesen, erst als Sekretärin und jetzt, nach ihrem Jura-Studium, als vollwertige Partnerin.

»Aber ich bin ihr bester Freund«, sagte Myron.

»Das weiß ich wohl.«

»Warum sollte sie dann so etwas sagen?«

Win hielt es für eine rhetorische Frage. Er schwieg.

Die Insel war nicht mehr zu sehen. In allen Richtungen gab es nichts als das wogende, warme Blau des Atlantiks.

»Wenn ich nicht abgehauen wäre«, begann Myron.

»Myron?«

»Was?«

»Du wirst wieder wehleidig. Mit Wehleidigkeit kann ich nicht umgehen.«

Myron nickte und lehnte sich gegen das Teakholz.

»Irgendeine Idee?«, fragte Win.

»Sie wird mit mir reden«, sagte Myron. »Verlass dich darauf.«

»Ich habe gerade versucht, sie anzurufen.«

»Und?«

»Keine Antwort.«

»Hast du es bei Big Cyndi versucht?«

»Sie wohnt jetzt bei Esperanza.«

Das überraschte ihn nicht. »Welcher Tag ist heute?«, fragte Myron.

»Dienstag.«

»Da arbeitet Big Cyndi doch noch als Türsteherin bei Leather-N-Lust. Vielleicht ist sie dort.«

»Tagsüber?«

Myron zuckte die Achseln. »Sexuelle Abweichungen machen keinen Feierabend.«

»Gott sei Dank«, sagte Win.

Sie schwiegen, während das Schiff sie sanft schaukelte.

Win blinzelte in die Sonne. »Schön, nicht wahr?«

Myron nickte.

»Nach all der Zeit hast du doch bestimmt die Nase voll davon?«

»Ganz furchtbar«, sagte Myron.

»Komm unter Deck. Das wird dir gefallen.«

3

Win hatte jede Menge Videos eingepackt. Sie sahen sich alte Folgen von Batman an (die beiden mit Julie Newmar als Catwoman und Lesley Gore als Pussycat – doppeltes Miau!), Männerwirtschaft (Oscar und Felix in der Fernsehshow Password), eine Folge Twilight Zone (»Das Buch der Kanamiter«) und, etwas aktueller, Seinfeld (Jerry und Elaine besuchen Jerrys Eltern in Florida). Das war besser als Schokolade, das war das wahre Futter für die Seele. Aber für den unwahrscheinlichen Fall, dass es nicht gehaltvoll genug war, gab es noch Nachos und Käseflips, weiteres Yoo-Hoo und sogar eine aufgebackene Pizza aus der Calabria Pizzeria in der Livingston Avenue.

Win. Er war vielleicht ein Soziopath, aber was für ein cooler Typ.

Der Effekt des Ganzen war mehr als wohltuend: Die Zeit auf See und hinterher in der Luft war so etwas wie eine emotionale Druckkammer, in der Myrons Seele die Gelegenheit hatte, die durch den plötzlichen Wiedereintritt in die reale Welt auftretenden Spannungen abzubauen.

Die beiden Freunde sprachen nicht viel, seufzten nur gelegentlich. Jedes Mal, wenn Julie Newmar in ihrem engen schwarzen Catsuit auf dem Bildschirm erschien, sagte Win: »Puuuurrrrfect.« Sie waren fünf und sechs Jahre alt gewesen, als die Serie das erste Mal gesendet wurde, aber Julie Newmar als Catwoman strafte sämtliche freudianischen Theorien von Latenz Lügen. Und sie wussten beide nicht warum. Vielleicht lag es an ihrer Niederträchtigkeit. Oder es war etwas Ursprünglicheres. Esperanzas Ansicht zu diesem Thema wäre sicherlich auch interessant gewesen. Myron versuchte, nicht an sie zu denken – es war einfach nur sinnlos und zermürbend, weil er nichts tun konnte –, aber es fiel ihm nicht leicht. Als er das letzte Mal einen Tag so verbracht hatte wie diesen, war es mit Win und Esperanza in Philadelphia gewesen. Sie fehlte ihm. Ohne ihre ewigen Kommentare war es einfach nicht dasselbe. Die Yacht legte an, und sie gingen zum Privatjet.

»Wir werden sie retten«, sagte Win. »Schließlich sind wir die Guten.«

»Zweifelhaft.«

»Mehr Zuversicht, mein Freund.«

»Nein, ich meine, ob wir die Guten sind.«

»Das müsstest du doch besser wissen.«

»Ich bin mir da gerade nicht so sicher«, sagte Myron.

Win musterte Myron mit nach vorn geschobenen Kinn, dieser Miene, die wahrscheinlich schon seine Vorfahren auf der Mayflower aufgesetzt hatten. »Deine moralische Krise«, sagte er, »steht dir ganz und gar nicht.«

Eine atemberaubende blonde Sexbombe wie aus einer alten Burlesque-Show begrüßte sie im Lock-Horne-Firmenjet. Kichernd und knicksend servierte sie ihnen Getränke. Win lächelte ihr zu. Sie erwiderte das Lächeln.

»Komische Sache«, sagte Myron.

»Was denn?«

»Dass du immer kurvige Stewardessen einstellst.«

Win runzelte die Stirn. »Bitte«, sagte er, »sie möchte lieber Flugbegleiterin genannt werden.«

»Bitte entschuldige meine gefühlskalte Ignoranz.«

»Versuch einfach, tolerant zu sein«, sagte Win. Dann: »Rate mal, wie sie heißt.«

»Tawny?«

»Nah dran. Candi. Mit einem i. Und sie macht keinen Punkt drauf. Sie malt ein Herz darüber.«

Win hätte ein größeres Schwein sein können, aber wie, war schwer vorstellbar.

Myron lehnte sich zurück. Der Pilot meldete sich über die Lautsprecheranlage. Er sprach sie mit Namen an, dann hoben sie ab. Privatjet. Yacht. Manchmal war es nett, reiche Freunde zu haben.

Als sie auf Flughöhe waren, öffnete Win etwas, das wie eine Zigarrenkiste aussah, und nahm ein Telefon heraus. »Ruf deine Eltern an«, sagte er.

Myron schwieg einen Moment. Eine frische Welle der Schuld überrollte ihn, färbte seine Wangen. Er nickte, nahm das Telefon, wählte. Er umklammerte den Hörer etwas zu fest. Seine Mutter meldete sich.

Myron sagte: »Mom …«

Mom fing an zu weinen. Es gelang ihr, Dad zu rufen. Dad ging an den Apparat unten im Wohnzimmer.

»Dad …«

Und dann fing auch er an zu weinen. Stereo-Weinen. Myron hielt den Hörer ein paar Zentimeter vom Ohr weg.

»Ich war in der Karibik«, sagte er, »nicht in Beirut.«

Beide brachen in Gelächter aus. Dann weinten sie weiter. Myron sah Win an. Win saß teilnahmslos da. Myron verdrehte die Augen, aber natürlich freute auch er sich. Ja, er jammerte viel darüber, aber wer wollte nicht so geliebt werden?

Seine Eltern begannen eine belanglose Unterhaltung – absichtlich belanglos, wie Myron annahm. Und obwohl sie zweifellos Nervensägen sein konnten, hatten Mom und Dad die wunderbare Fähigkeit, immer zu erkennen, wann Zurückhaltung geboten war. Er erklärte ihnen, wo er gewesen war. Sie hörten schweigend zu. Dann fragte seine Mutter: »Von wo rufst du an?«

»Aus Wins Flugzeug.«

Jetzt wurde in Stereo nach Luft geschnappt. »Was?«

»Wins Firma hat einen Privatjet. Ich sagte ja gerade, dass er mich …«

»Und du rufst von seinem Telefon an?«

»Ja.«

»Weißt du, was das kostet?«

»Mom …« Das belanglose Geplapper fand ein schnelles Ende. Sekunden später hatte Myron aufgelegt und lehnte sich zurück. Die Schuldgefühle kamen zurück, brachen als eiskalte Welle über ihn herein. Seine Eltern waren nicht mehr jung. Das hatte er nicht bedacht, als er abgehauen war. Er hatte vieles nicht bedacht.

»Das hätte ich ihnen nicht antun dürfen«, sagte Myron. »Dir auch nicht.«

Win rutschte im Sitz nach hinten – was seine Körpersprache betraf, eine eher große Geste. Candi wackelte wieder heran. Sie ließ eine Leinwand herunter und drückte einen Knopf. Ein Woody-Allen-Film fing an. Die letzte Nacht des Boris Gruschenko. Ambrosia für den Geist. Sie sahen ihn sich schweigend an. Als er zu Ende war, fragte Candi Myron, ob er vor der Landung noch duschen wolle.

»Wie bitte?«, sagte Myron.

Candi kicherte, nannte ihn ein »großes Dummerchen« und zog von dannen.

»Eine Dusche?«

»Hinten im Heck«, sagte Win. »Ich habe mir auch die Freiheit genommen, dir neue Kleidung mitzubringen.«

»Du bist ein wahrer Freund.«

»Das bin ich in der Tat, großes Dummerchen.«

Myron duschte und zog sich um, und dann schnallten sie sich für den Landeanflug an. Das Flugzeug sank ohne Verzögerung herab und setzte so sanft auf, als wäre es eine Choreographie der Temptations. Eine Stretch-Limousine erwartete sie auf der dunklen Rollbahn. Beim Aussteigen aus dem Flugzeug kam Myron die Luft seltsam fremd vor, als besuchten sie einen anderen Planeten und nicht ein anderes Land. Außerdem regnete es heftig. Sie rannten die Stufen hinunter zu den geöffneten Limousinentüren. Dort schüttelten sie die Feuchtigkeit ab. »Ich nehme an, dass du erst einmal bei mir wohnst«, sagte Win.

Myron hatte mit Jessica in einem Loft in der Spring Street gelebt. Aber das war vorher. »Wenn das in Ordnung ist.«

»Das ist in Ordnung.«

»Ich könnte wieder bei meiner Familie …«

»Ich sagte, es ist in Ordnung.«

»Ich finde schon etwas.«

»Hat keine Eile«, sagte Win.

Die Limousine fuhr los. Win legte seine Fingerspitzen aneinander. Das tat er andauernd. Bei ihm sah das gut aus. Mit den zusammengelegten Zeigefingern tippte er sich an die Lippen. »Ich bin nicht die Idealbesetzung, um solche Angelegenheiten zu diskutieren«, sagte er, »aber wenn du über Jessica, Brenda oder wen auch immer …« Er löste die Hände voneinander und winkte mit rechts ab. Win versuchte es. Herzensangelegenheiten waren nicht seine Stärke. Seine Einstellung zu romantischen Verwicklungen konnte man ohne Übertreibung als beängstigend bezeichnen.

»Mach dir darüber keine Gedanken«, sagte Myron.

»Gut.«

»Trotzdem danke.«

Ein kurzes Nicken.

Nach mehr als einem Jahrzehnt der Kämpfe mit Jessica – Jahre, in denen er immer dieselbe Frau geliebt hatte, einschließlich einer größeren Trennung, eines Neuanfangs, einer behutsamen Annäherung, gemeinsamen Fortschritten, worauf er bei ihr einzogen war – war es mit einem Schlag vorbei gewesen.

»Ich vermisse Jessica«, sagte Myron.

»Ich dachte, wir wollten nicht darüber reden.«

»Entschuldige.«

Wieder rutschte Win ein Stück nach hinten. »Nein, sprich ruhig weiter«, sagte er dann, als hätte er sich lieber eine Analsonde einführen lassen.

»Es ist nur … Ich glaube, dass ein Teil von mir immer mit Jessica verbunden sein wird.«

Win nickte. »Wie nach einem Unfall an einer Maschine.«

Myron lächelte. »Ja. So in der Art.«

»Dann amputiere diesen Teil und lass ihn hinter dir.«

Myron sah seinen Freund an.

Win zuckte die Achseln. »Ich habe heimlich die Sally Jessy Raphael-Talkshow geguckt.«

»Das merkt man«, sagte Myron.

»Die Folge hieß Mami hat mir meinen Nippelring weggenommen«, sagte Win. »Ich schäme mich nicht zu sagen, dass ich dabei geweint habe.«

»Schön zu sehen, dass du deine sensible Seite entdeckst.« Als hätte Win eine. »Was machen wir jetzt?«

Win sah auf die Armbanduhr. »Ich habe einen Kontaktmann im Untersuchungsgefängnis von Bergen County. Er müsste jetzt da sein.« Er nahm den Telefonhörer und drückte ein paar Tasten. Sie lauschten dem Rufzeichen. Nach dem zweiten Klingeln sagte eine Stimme: »Schwartz.«

»Brian, hier ist Win Lockwood.«

Das übliche ehrfürchtige Schweigen, wenn der Name fiel. Dann: »Hey, Win.«

»Können Sie mir einen Gefallen tun?«

»Schießen Sie los.«

»Esperanza Diaz. Ist sie da?«

Eine kurze Pause. »Das wissen Sie nicht von mir«, sagte Schwartz.«

»Was weiß ich nicht?«

»Gut, okay. Wir verstehen uns«, sagte er. »Ja, sie ist hier. Wurde vor gut zwei Stunden in Handschellen reingeschleppt. Heimlich, still und leise.«

»Warum heimlich, still und leise?«

»Keine Ahnung.«

»Wann wird sie dem Richter vorgeführt?«

»Morgen früh, nehme ich an.«

Win sah Myron an. Myron nickte. Esperanza musste die Nacht im Gefängnis verbringen. Das war nicht gut.

»Warum haben sie sie so spät festgenommen?«

»Keine Ahnung.«

»Und Sie haben gesehen, dass sie Handschellen trug?«

»Ja.«

»Ihr wurde nicht die Möglichkeit eingeräumt, sich selbst zu stellen?«

»Nein.«

Wieder sahen Myron und Win sich an. Die späte Festnahme. Die Nacht im Gefängnis. Die Handschellen. Irgendjemand bei der Staatsanwaltschaft war offenbar sehr genervt und wollte seine Position deutlich machen. Das war definitiv nicht gut.

»Können Sie mir noch mehr sagen?«

»Nicht viel. Bisher halten sich, wie gesagt, alle sehr bedeckt. Die Staatsanwaltschaft hat noch nicht einmal eine Presseerklärung abgegeben. Aber das kommt noch. Wahrscheinlich vor den 23-Uhr-Nachrichten. Ein kurzes Statement, keine Fragen, so etwas in der Art. Verdammt, ich hätte es auch nicht mitgekriegt, wenn ich nicht ein Riesenfan wäre.«

»Ein Riesenfan?«

»Vom Profi-Wrestling. Na ja, ich habe sie erkannt. Aus ihren alten Wrestling-Zeiten. Wussten Sie, dass Esperanza Diaz früher Little Pocahontas war. Die indianische Prinzessin?«

Win sah Myron an. »Ja, Brian, das wusste ich.«

»Echt?« Brian war jetzt in heller Aufregung. »Little Pocahontas war mein absoluter Liebling, weit vor allen anderen. Eine unglaubliche Wrestlerin. Erste Sahne. Ich meine, sie ist immer in diesem knappen Wildlederbikini in den Ring gekommen, ja, und dann hat sie angefangen, sich mit den anderen Miezen zu schlagen, und die meisten waren wirklich viel größer und kräftiger, hat sich mit denen auf dem Boden gewälzt und so – ich schwör bei Gott, sie war so heiß, dass meine Fingernägel geschmolzen sind.«

»Danke für die lebhafte Darstellung«, sagte Win. »Sonst noch was, Brian?«

»Nein.«

»Wissen Sie, wer ihr Pflichtverteidiger ist?«

»Nein.« Dann: »Oh, eins noch. Sie hat jemanden, na ja, irgendwie bei sich.«

»Irgendwie bei sich, Brian?«

»Draußen. Vor dem Gerichtsgebäude.«

»Ich bin nicht sicher, ob ich Ihnen folgen kann«, sagte Win.

»Draußen im Regen. Sitzt einfach nur auf der Treppe. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich schwören, dass das Little Pocahontas’ alte Tagteam-Partnerin Big Chief Mama ist. Haben Sie gewusst, dass Big Chief Mama und Little Pocahontas drei Jahre in Folge Intercontinental-Tagteam-Meister waren?«

Win seufzte. »Was Sie nicht sagen.«

»Was auch immer Intercontinental heißen soll. Ich meine, was soll das sein, Intercontinental? Und ich rede nicht von den letzten Jahren. Das ist jetzt mindestens fünf Jahre her, wenn nicht acht. Aber, Mann, die waren fantastisch. Wunderbare Wrestlerinnen. Heute hat die Liga diese Klasse nicht mehr.«

»Kämpfende Frauen im Bikini«, sagte Win. »Die sind auch nicht mehr das, was sie früher waren.«

»Genau. Viel zu viel Show heutzutage. Und dann diese aufgeblasenen Busen, seh ich zumindest so. Wenn von denen eine auf dem Bauch landet, dann peng, geht ihrem Busen die Luft aus wie einem platten Reifen. Darum verfolge ich das nicht mehr so. Also, eigentlich nur noch, wenn ich durch die Kanäle zappe und mir was ins Auge fällt. Dann guck ich vielleicht ein bisschen …«

»Sie sprachen von einer Frau draußen im Regen?«

»Richtig, Win, richtig. Entschuldigung. Jedenfalls ist sie da draußen, wer auch immer sie ist. Sitzt nur da. Die Cops sind schon gekommen und haben sie gefragt, was sie da macht. Sie sagte, sie wartet auf ihre Freundin.«

»Ist sie noch da?«

»Ja.«

»Wie sieht sie aus, Brian?«

»Wie der Unglaubliche Hulk. Nur angsteinflößender. Und vielleicht etwas grüner.«

Win und Myron sahen sich an. Kein Zweifel. Big Chief Mama alias Big Cyndi.

»Sonst noch etwas, Brian?«

»Nein, eigentlich nicht.« Dann: »Sie kennen also Esperanza Diaz?«

»Ja.«

»Persönlich?«

»Ja.«

Ehrfürchtiges Schweigen. »Mein Gott, Sie haben ein Leben, Win.«

»Oh, in der Tat.«

»Können Sie mir vielleicht ein Autogramm besorgen?«

»Ich werde mein Bestes geben, Brian.«

»Vielleicht auf einem Foto? Von Little Pocahontas in ihrem Kostüm? Ich bin wirklich ein Riesenfan.«

»Das habe ich begriffen, Brian. Auf Wiederhören.«

Win legte auf und lehnte sich zurück. Er sah Myron an. Myron nickte. Win nahm die Sprechanlage und wies den Fahrer an, zum Gericht zu fahren.

4

Als sie das Gericht in Hackensack erreichten, war es fast 22 Uhr. Big Cyndi saß mit hochgezogenen Schultern im Regen. Myron vermutete zumindest, dass es Big Cyndi war. Von Weitem sah es so aus, als hätte jemand einen VW-Käfer auf der Treppe vor dem Gerichtsgebäude geparkt.

Myron stieg aus der Limo und ging auf sie zu. »Big Cyndi?«

Der dunkle Haufen gab ein tiefes Knurren von sich, wie eine Löwin, die ein unterlegenes Tier, das sich verlaufen hat, warnt.

»Ich bin’s, Myron«, sagte er.

Das Knurren wurde lauter. Der Regen hatte Big Cyndis Igelfrisur an den Kopf gedrückt, als trüge sie eine schlecht geschnittene Kurzhaarfrisur. Ihre aktuelle Haarfarbe war schwer auszumachen – Big Cyndi wechselte die Farbe häufig –, jedenfalls sah es nicht nach einem Farbton aus, der natürlicherweise vorkam. Big Cyndi kombinierte gerne mehrere Haarfärbemittel und probierte, was dabei herauskam. Sie bestand auch darauf, Big Cyndi genannt zu werden. Nicht Cyndi. Big Cyndi. Sie hatte sogar ihren Namen ändern lassen. In offiziellen Dokumenten stand: Cyndi, Big.

»Sie können doch nicht die ganze Nacht hierbleiben«, fing Myron an.

Endlich sagte sie etwas: »Verschwinden Sie.«

»Was ist passiert?«

»Sie sind abgehauen.« Big Cyndis Stimme klang trotzig und verloren.

»Ja.«

»Sie haben uns sitzenlassen.«

»Das tut mir leid. Aber jetzt bin ich ja wieder da.«

Er riskierte einen weiteren Schritt. Wenn er nur irgendetwas hätte, um sie zu besänftigen. Eine Zwei-Liter-Packung Häagen-Dazs-Eis oder eine Opferziege.

Big Cyndi fing an zu weinen. Myron trat langsam näher, streckte ihr die rechte Hand ein Stück entgegen, damit sie daran schnüffeln konnte. Doch das Knurren war inzwischen verschwunden und hatte tiefen Seufzern Platz gemacht. Myron legte seine Hand auf ihre Schulter, die sich wie eine Bowlingkugel anfühlte.

»Was ist passiert?«, fragte er noch einmal.

Sie schniefte. Lautstark. So laut, dass der Kotflügel der Limousine fast eine Beule bekam. »Das darf ich nicht verraten.«

»Warum nicht?«

»Hat sie gesagt.«

»Esperanza?«

Big Cyndi nickte.

»Sie braucht Hilfe«, sagte Myron.

»Ihre will sie nicht.«

Das war ein Tiefschlag. Es regnete weiter. Myron setzte sich neben sie auf die Treppe. »Ist sie wütend, weil ich abgehauen bin?«

»Das darf ich nicht sagen, Mr Bolitar. Tut mir leid.«

»Warum nicht?«

»Hat sie gesagt.«

»Esperanza kann die ganze Last nicht allein schultern«, sagte Myron. »Sie braucht einen Anwalt.«

»Hat sie schon.«

»Wen?«

»Hester Crimstein.«

Big Cyndi schnappte nach Luft, als wäre ihr aufgefallen, dass sie zu viel gesagt hatte, aber Myron fragte sich, ob ihr das nicht absichtlich rausgerutscht war.

»Wie ist sie an Hester Crimstein gekommen?«, fragte Myron.

»Mehr darf ich nicht sagen, Mr Bolitar. Seien Sie mir bitte nicht böse.«

»Ich bin Ihnen nicht böse, Big Cyndi. Ich bin nur besorgt.« Big Cyndi schenkte ihm ein Lächeln, bei dessen Anblick Myron beinahe laut aufgeschrien hätte. »Schön, dass Sie wieder da sind«, sagte sie.

»Danke.«

Sie legte ihm den Kopf auf die Schulter. Fast wäre er zur Seite gekippt, schaffte es aber, sich halbwegs aufrecht zu halten. »Sie wissen doch, wie ich für Esperanza empfinde«, sagte Myron.

»Ja«, sagte Big Cyndi. »Sie lieben sie. Und sie liebt Sie.«

»Dann lassen Sie mich helfen.«

Big Cyndi nahm den Kopf von seiner Schulter. Das Blut zirkulierte wieder. »Sie sollten jetzt lieber gehen.«

Myron stand auf. »Kommen Sie. Wir fahren Sie nach Hause.«

»Nein, ich bleib hier.«

»Es regnet und ist spät. Jemand könnte versuchen, Sie zu überfallen. Hier draußen ist es nicht sicher.«

»Ich kann auf mich selbst aufpassen«, sagte Big Cyndi.

Er hatte eigentlich gemeint, dass es für die Angreifer nicht sicher war, sagte aber nichts. »Sie können doch nicht die ganze Nacht hierbleiben.«

»Ich lasse Esperanza nicht allein.«

»Aber sie weiß noch nicht einmal, dass Sie hier sind.«

Big Cyndi wischte sich mit einer Hand von der Größe eines LKW-Reifens den Regen aus dem Gesicht. »Sie weiß es.«

Myron blickte zum Auto hinüber. Win lehnte jetzt an der Autotür, die Arme gekreuzt, ein Regenschirm ruhte auf der Schulter. Sehr Gene Kelly. Er nickte Myron zu.

»Sind Sie sicher?«, fragte Myron.

»Ja, Mr Bolitar. Oh, und ich komme morgen später zur Arbeit. Ich hoffe, Sie haben dafür Verständnis.«

Myron nickte. Sie sahen sich an, der Regen fiel ihnen ins Gesicht. Aus dem Gefängnis ertönte schallendes Gelächter, sodass beide sich zum festungsartigen Gebäude umdrehten. Esperanza, die Person, die ihnen beiden am nächsten stand, war dort eingesperrt. Myron ging in Richtung Limousine. Dann drehte er sich noch einmal um.

»Esperanza würde niemanden umbringen«, sagte er.

Er wartete, dass Big Cyndi ihm zustimmte oder zumindest nickte. Doch das tat sie nicht. Sie zog die Schultern hoch und tauchte wieder in ihre eigene Welt ein.

Myron stieg in die Limo. Win folgte ihm und reichte Myron ein Handtuch. Sie fuhren los.

»Hester Crimstein ist ihre Anwältin«, sagte Myron.

»Die mit der Gerichtssendung im Fernsehen?«

»Selbige.«

»Ah«, sagte Win. »Wie heißt ihre Sendung noch mal?«

»Crimstein on Crime«, sagte Myron.

Win runzelte die Stirn. »Süß.«

»Sie hat auch ein Buch mit demselben Titel geschrieben.« Myron schüttelte den Kopf. »Das ist verrückt. Hester Crimstein übernimmt praktisch keine Fälle mehr. Wie ist Esperanza an sie herangekommen?«

Win tippte sich mit dem Zeigefinger ans Kinn. »Ganz sicher bin ich mir nicht«, sagte er, »ich glaube aber, Esperanza hatte vor ein paar Monaten etwas mit ihr.«

»Du scherzt.«

»Ja, erwischt. Ich bin so ein heiterer Geselle. Und das war doch echt witzig?«

Klugscheißer. Aber es passte. Esperanza war die perfekte Bisexuelle – perfekt, weil jeder, egal welchen Geschlechts oder mit welchen Vorlieben, sie unglaublich attraktiv fand. Und wenn man schon für alles offen war, half es sehr, wenn alle einen attraktiv fanden.

Myron dachte einen Moment darüber nach. »Weißt du, wo Hester Crimstein wohnt?«, fragte er.

»Zwei Häuser neben mir, Central Park West.«

»Dann besuchen wir sie.«

Win runzelte die Stirn. »Warum?«

»Vielleicht kann sie uns was sagen?«

»Sie wird nicht mit uns sprechen.«

»Einen Versuch ist es wert.«

»Wie kommst du darauf?«

»Unter anderem«, sagte Myron, »weil ich den Eindruck habe, dass ich gerade außerordentlich charmant bin.«

»Mein Gott.« Win beugte sich vor. »Fahrer, geben Sie Gas.«

5

Win wohnte im Dakota, einem der nobelsten Gebäude New Yorks. Hester Crimstein wohnte zwei Blöcke weiter nördlich im San Remo, einem ebenso noblen Gebäude. Dort wohnten unter anderem auch Diane Keaton und Dustin Hoffman, am bekanntesten ist das San Remo aber vielleicht dadurch geworden, dass Madonnas Bewerbung um ein Apartment von der Eigentümervertretung abgelehnt wurde. Das San Remo hatte zwei Eingänge. Vor beiden standen Türsteher, die gekleidet waren wie Breschnew, wenn er über den Roten Platz schlenderte. Breschnew Eins verkündete im Stakkato-Ton, dass Miss Crimstein »nicht präsent« sei. Er verwendete tatsächlich das Wort präsent, was Menschen im wahren Leben nicht sehr oft tun. Er lächelte Myron von oben herab an, was nicht einfach war, weil Myron mindestens zehn Zentimeter größer war als er, sodass Breschnew dazu den Kopf weit nach hinten neigen musste, wodurch seine Nasenlöcher wie der West-Eingang des Lincoln Tunnels aussahen. Warum, fragte Myron sich, benahmen sich die Bediensteten der Reichen und Berühmten noch hochnäsiger als ihre Arbeitgeber? War das einfach Verbitterung? Lag es daran, dass den ganzen Tag auf sie herabgesehen wurde und sie deshalb jede Gelegenheit nutzten, auch einmal auf jemanden herabblicken zu können? Oder – was näher lag – waren die Leute, die solche Jobs ausübten, einfach charakterlose Arschkriecher?

Die kleinen Geheimnisse des Lebens.

»Erwarten Sie Miss Crimstein im Laufe des Abends noch zurück?«, fragte Win.

Breschnew öffnete seinen Mund, hielt inne, betrachtete Myron skeptisch, als fürchtete er, Myron könnte die Gelegenheit nutzen, seinen Darm auf dem Perserteppich zu entleeren. Win las in seinem Gesicht und nahm ihn zur Seite, weg von dem niederen Angehörigen des gemeinen Volkes.

»Sie müsste bald zurück sein, Mr Lockwood.« Aha, Breschnew hatte Win also erkannt. Kein Wunder. »Miss Crimsteins Aerobic-Kurs endet um elf.«

Fitnessübungen nachts um elf. Willkommen in den Neunzigern, wo die Freizeit wie bei einer Fettabsaugung verschwand.

Im San Remo gab es keinen Warte- oder Sitzbereich – selbst willkommene Gäste sollten nicht auf die Idee kommen, dort herumzulungern –, also warteten sie auf der Straße. Gegenüber lag der Central Park. Myron sah, tja, Bäume und eine Steinmauer. Das war auch schon alles. Jede Menge Taxis fuhren nach Norden. Win hatte die Stretchlimousine weggeschickt – sie hatten beschlossen, die beiden Blocks bis zu Wins Apartment zu Fuß zu gehen –, es standen jedoch vier andere Stretchlimousinen in einer Parkverbotszone. Eine fünfte fuhr vor. Ein silberner Stretch-Mercedes. Breschnew eilte zur Autotür, als müsste er dringend pinkeln, und im Wagen wäre die Toilette.

Ein alter Mann, kahl bis auf einen weißen Haarkranz, taumelte heraus, sein Mund war verzerrt wie nach einem Schlaganfall. Eine Frau, runzlig wie eine Trockenpflaume, folgte ihm. Beide trugen teure Kleidung und waren wahrscheinlich schon hundert Jahre alt. Etwas an ihnen gefiel Myron nicht. Okay, sie sahen verschrumpelt aus. Sie waren alt. Myron spürte jedoch noch etwas anderes. Man sprach gerne von reizenden alten Menschen, aber diese beiden bedienten offensichtlich das entgegengesetzte Klischee: wachsame Augen, verschlagene, aggressive und dabei etwas ängstliche Bewegungen. Das Leben hatte sie ausgezehrt, ihnen alles Gute und die Hoffnung der Jugend genommen und ihnen eine Vitalität hinterlassen, die auf Abscheu und Hässlichkeit beruhte. Ihnen war nur Bitterkeit geblieben. Ob diese Bitterkeit sich gegen Gott oder ihre Mitmenschen richtete, konnte Myron nicht sagen.

Win stieß ihn an. Myron wandte den Blick nach rechts und sah eine Person auf sie zukommen, die er aus dem Fernsehen kannte. Es war Hester Crimstein. Sie war eher kräftig gebaut, zumindest gemessen an dem aktuell gültigen, etwas verzerrten Kate-Moss-Standard. Ihr Gesicht war breit und erinnerte an eine Putte. Sie trug weiße Reebok-Sneakers, weiße Socken, eine grüne Stretch-Hose, bei deren Anblick Kate vermutlich zu kichern angefangen hätte, ein Sweatshirt und eine Strickmütze, aus der blondmelierte Strähnen heraushingen. Als der alte Mann die Anwältin sah, blieb er kurz stehen, ergriff die Hand der Trockenpflaume und eilte hinein.

»Miststück!«, stieß er aus der gesunden Gesichtshälfte hervor.

»Du kannst mich auch mal, Lou«, rief Hester ihm hinterher.

Der alte Mann sah aus, als wollte er noch etwas erwidern, humpelte dann aber weiter.

Myron und Win sahen sich an und traten näher.

»Ein alter Prozessgegner«, erläuterte sie. »Kennen Sie das Sprichwort, dass nur die Guten jung sterben?«

»Äh, natürlich.«

Hester Crimstein deutete mit beiden Händen auf das alte Paar, so wie Carol Merrill in der Fernsehshow Geh aufs Ganze bei der Präsentation eines brandneuen Autos. »Da haben Sie den Beweis. Vor ein paar Jahren habe ich seinen Kindern geholfen, den Schweinehund zu verklagen. So etwas hat man noch nicht erlebt.« Sie neigte den Kopf. »Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass manche Leute sich wie Schakale verhalten?«

»Wie bitte?«

»Sie fressen ihre eigenen Jungen. So ist Lou. Ganz zu schweigen von der verschrumpelten Hexe, mit der er zusammenlebt. Eine Fünf-Dollar-Nutte, die den Hauptgewinn gezogen hat. Kaum zu glauben, wenn man sie heute sieht.«

»Verstehe«, sagte Myron, obwohl er das nicht tat. Er versuchte, die Sache voranzutreiben. »Miss Crimstein, ich heiße …«

»Myron Bolitar«, unterbrach sie ihn. »Grauenvoller Name übrigens. Myron. Was haben Ihre Eltern sich dabei bloß gedacht?«

Eine sehr gute Frage. »Wenn Sie wissen, wer ich bin, dann wissen Sie auch, warum ich hier bin.«

»Ja und nein«, sagte Hester.

»Ja und nein?«

»Na ja, ich weiß, wer Sie sind, weil ich Sportfan bin. Ich habe Sie damals oft spielen sehen. Das NCAA-Meisterschaftsspiel gegen Indiana war wirklich verteufelt gut. Daher weiß ich auch, dass Sie von den Celtics in der ersten Runde gedrafted wurden, vor etwa elf oder zwölf Jahren?«

»So etwa.«

»Offen gesagt – und das soll keine Beleidigung sein – bin ich aber nicht sicher, ob Ihr Tempo für einen guten Profi gereicht hätte. Ihr Wurf war gut. Immer schon. Und körperlich konnten Sie auch gut gegenhalten. Aber … wie groß sind Sie, eins fünfundneunzig?«

»In etwa.«

»Sie hätten es in der NBA nicht leicht gehabt. Ist allerdings nur eine Einzelmeinung. Allerdings hat das Schicksal Ihnen die Entscheidung abgenommen und Ihr Knie zerschmettert. Die Wahrheit kennt man nur in einem Paralleluniversum.« Sie lächelte. »War nett, mit Ihnen zu plaudern.« Sie sah Win an. »Mit Ihnen auch, Plappermäulchen. Gute Nacht.«

»Einen Moment«, sagte Myron. »Ich bin wegen Esperanza Diaz hier.« Sie täuschte seufzend Überraschung vor. »Ach, tatsächlich? Und ich dachte, Sie wollten nur in Erinnerungen an Ihre Sportkarriere schwelgen.« Myron sah Win an. »Der Charme«, flüsterte Win.

Myron wandte sich wieder an Hester. »Esperanza ist eine Freundin von mir«, sagte er.

»Und?«

»Und daher will ich helfen.«

»Wunderbar. Ich schicke Ihnen die Rechnungen. Das Ganze wird einen Haufen Geld kosten. Sie müssen wissen, dass ich wirklich teuer bin. Die laufenden Kosten in diesem Haus sind unglaublich. Und jetzt wollen die Portiers auch noch neue Uniformen haben. Malvenfarben, glaube ich.«

»So habe ich das nicht gemeint.«

»Aha?«

»Ich würde gern wissen, worum es geht.«

Sie runzelte die Stirn. »Wo waren Sie die letzten Wochen?«

»Weg.«

»Wo waren Sie?«

»In der Karibik.«

Sie nickte. »Schöne Bräune.«

»Danke.«

»Die könnte allerdings auch aus einem Sonnenstudio stammen. Sie sehen aus wie diese Typen, die viel Zeit in Sonnenstudios verbringen.«

Wieder sah Myron Win an. »Der Charme, Luke«, flüsterte Win in Nachahmung von Alec Guinness als Obi-Wan Kenobi. »Vergiss den Charme nicht.«

»Miss Crimstein …«

»Kann jemand bezeugen, wo Sie in der Karibik waren, Myron?«

»Wie bitte?«

»Schwerhörig? Ich habe gefragt, ob jemand Ihren Aufenthaltsort zum Zeitpunkt des mutmaßlichen Mordes bestätigen kann?«

Mutmaßlicher Mord. Der Mann hatte zu Hause drei Kugeln in den Kopf bekommen, und sie sprach von einem »mutmaßlichen« Mord. Anwälte. »Warum wollen Sie das wissen?«

Hester Crimstein zuckte die Achseln. »Die vermeintliche Tatwaffe wurde angeblich in den Büroräumen von MB SportsReps gefunden. Das ist doch Ihre Firma, oder?«

»Das ist sie.«

»Und Sie nutzen den Firmenwagen, in dem das vermeintliche Blut und die vermeintlichen Fasern angeblich gefunden wurden?«

Win sagte: »Die Schlüsselworte sind mutmaßlich, vermeintlich und angeblich.«

Hester Crimstein sah Win an. »Es spricht.«

Win lächelte.

Myron sagte: »Sie halten mich für einen Verdächtigen?«

»Klar, warum nicht? Das nennt sich begründeten Zweifel säen, Knackarsch. Ich bin Strafverteidigerin. Wir sind große Fans von begründeten Zweifeln.«

»Ich würde Ihnen liebend gerne helfen, aber es gibt eine Zeugin, die meinen Aufenthaltsort bestätigen kann.«

»Wen?«

»Das tut hier nichts zur Sache.«

Noch ein Achselzucken. »Sie waren doch derjenige, der helfen wollte. Gute Nacht.« Sie sah Win an. »Sie sind übrigens der perfekte Mann. Gutaussehend und fast vollkommen still.«

»Vorsicht«, sagte Win zu ihr.

»Warum?«

Win deutete mit dem Daumen auf Myron. »Er wird jeden Moment seinen Charme ausspielen und Ihre Willenskraft in Schutt und Asche legen.«

Sie sah Myron an und brach in schallendes Gelächter aus.

Myron versuchte es noch einmal. »Also, was ist passiert?«

»Wie bitte?«

»Ich bin ein Freund von Esperanza.«

»Ich glaube, das sagten Sie bereits.«

»Ich bin ihr bester Freund. Ich mache mir Sorgen um sie.«

»Schön. Ich werde ihr morgen in der Freistunde einen Zettel zustecken und feststellen, ob sie Sie auch mag. Dann können Sie sich in Pop’s Milchbar treffen und sich ein Spaghetti-Eis teilen.«

»So habe ich das nicht …« Myron schenkte ihr das behäbige Bin-verärgert-aber-hier-um-zu-helfen-Lächeln Nr. 18, Modell Michael Landon, auch wenn das mit dem Verziehen der Augenbrauen noch nicht so recht klappte. »Ich will doch nur wissen, was passiert ist. Das müssen Sie doch verstehen.«

Ihre Miene entspannte sich, und sie nickte: »Sie haben doch Jura studiert?«

»Ja.«

»Und das sogar in Harvard.«

»Ja.«

»Dann haben Sie wohl an dem Tag gefehlt, als es um diese Kleinigkeit ging, die wir Anwaltsgeheimnis nennen. Ich kann Ihnen ein paar sehr gute Bücher zu dem Thema empfehlen, wenn Sie möchten. Oder Sie gucken sich einfach eine Folge von Law & Order an. Normalerweise sprechen sie immer kurz darüber, bevor der alte Staatsanwalt Sam Waterston anraunzt, dass er den Fall vergessen kann und einen Vergleich anstreben soll.«

So viel zum Charme. »Sie wollen sich doch nur den Rücken freihalten.«

»Und das ist kein leichter Job, das kann ich Ihnen sagen.«

»Angeblich sollen Sie doch eine erstklassige Anwältin sein.«

Sie seufzte, verschränkte die Arme. »Okay, Myron, raus mit der Sprache. Warum halte ich mir den Rücken frei? Warum bin ich plötzlich nicht mehr die erstklassige Anwältin, für die Sie mich gehalten haben?«

»Weil Sie Esperanza nicht dazu gebracht haben, sich selbst zu stellen. Weil sie in Handschellen ins Gefängnis gebracht wurde. Weil sie über Nacht festgehalten und nicht am selben Tag auf Kaution entlassen wurde. Warum?«

Sie ließ die Arme sinken. »Gute Fragen, Myron. Was meinen Sie?«

»Weil irgendjemand bei der Staatsanwaltschaft nicht gut auf Esperanzas prominente Anwältin zu sprechen ist. Irgendjemand ist vermutlich sauer auf Sie und lässt das an Ihrer Klientin aus.«

Sie nickte. »Wäre eine Möglichkeit. Ich könnte mir aber auch eine andere vorstellen.«

»Welche?«

»Vielleicht sind sie auf Esperanzas Arbeitgeber nicht gut zu sprechen.«

»Auf mich?«

Sie ging zur Tür. »Tun Sie uns allen einen Gefallen, Myron, und halten Sie sich da raus. Bleiben Sie einfach weg. Am besten nehmen Sie sich auch einen Anwalt.«

Hester Crimstein drehte sich um und verschwand hinter der Tür. Myron sah Win an. Win hatte sich nach vorn gebeugt und starrte auf Myrons Schritt. »Was zum Teufel tust du?«

Weiter starrend: »Ich wollte nur sehen, ob sie wenigstens einen kleinen Rest von deinen Eiern übrig gelassen hat.«

»Sehr witzig. Was meint sie wohl damit, dass jemand Esperanzas Arbeitgeber nicht mag?«

»Keine Ahnung«, sagte Win. Dann: »Du darfst dir nicht die Schuld geben.«

»Was?«

»Für das klägliche Versagen deines Charmes. Du hast einfach eine entscheidende Komponente übersehen.«

»Und die wäre?«

»Miss Crimstein hatte eine Affäre mit Esperanza.«

Myron erkannte, worauf er hinauswollte. »Natürlich. Sie muss eine Lesbe sein.«

»Ganz genau. Das ist die einzige rationale Erklärung dafür, dass sie dir widerstehen konnte.«

»Oder es steckt etwas wirklich Bizarres, Paranormales dahinter.«

Win nickte. Sie gingen den Central Park West hinunter.

»Außerdem ist es ein weiterer Beweis für eine sehr beängstigende Tatsache«, sagte Win.

»Was meinst du?«

»Die meisten Frauen, denen man begegnet, sind Lesben.«

Myron nickte. »Praktisch alle.«

6

Sie gingen die zwei Blocks zu Wins Wohnung, sahen ein wenig fern und legten sich ins Bett. Myron dämmerte erschöpft in der Dunkelheit vor sich hin, aber der Schlaf wollte sich nicht einstellen. Er dachte an Jessica. Er versuchte, an Brenda zu denken, aber der automatische Schutzmechanismus verhinderte das. Es tat einfach noch zu weh. Dann dachte er an Terese. Heute Nacht war sie zum ersten Mal allein auf der Insel. Bei Tag war die Einsamkeit auf der Insel friedvoll, beruhigend und angenehm, nachts aber war sie nichts als dunkle Verlassenheit, wenn die schwarzen Wände der Insel einen still umhüllten wie ein verscharrter Sarg. Terese und er hatten immer eng umschlungen geschlafen. Nun stellte er sich vor, wie sie allein in der tiefen Dunkelheit lag – und machte sich Sorgen um sie.

Am nächsten Morgen um sieben wachte er auf. Win war schon aus dem Haus, hatte aber die Nachricht hinterlassen, dass er sich um neun mit Myron am Gericht treffen würde. Myron griff sich eine Schüssel mit Cap’n Crunch, stellte beim Durchwühlen mit der linken Hand fest, dass Win das Spielzeug schon herausgenommen hatte, duschte, zog sich an, sah auf die Uhr. Acht Uhr. Noch viel Zeit, um rechtzeitig am Gericht zu sein.

Er nahm den Fahrstuhl nach unten und überquerte den berühmten Hof des Dakota. Als er die Ecke 72nd Street und Central Park West erreichte, entdeckte er drei vertraute Personen. Myrons Puls beschleunigte sich. FJ, kurz für Frank Junior, zwischen zwei riesigen Gestalten. Die beiden riesigen Gestalten sahen aus wie fehlgeschlagene Laborexperimente – als hätte jemand sehr wirkungsvoll überschüssiges Drüsensekret mit Anabolika vermischt. Sie trugen Muskelshirts und diese Gewichtheberhosen mit Durchzugsband, die an hässliche Pyjamahosen erinnerten.

Der junge FJ lächelte Myron schmallippig an. Sein blauvioletter Anzug glänzte, als wäre er frisch lackiert. FJ bewegte sich nicht, sagte nichts, lächelte Myron nur schmallippig zu, ohne zu blinzeln.

Das Wort des Tages, liebe Kinder, ist reptilienhaft.

Schließlich trat FJ einen Schritt vor. »Hab gehört, dass Sie wieder in der Stadt sind, Myron.«

Myron verkniff sich eine Erwiderung – sie wäre nicht besonders bissig gewesen, vielleicht etwas über eine nette Willkommensparty – und hielt den Mund.

»Erinnern Sie sich noch an unser letztes Gespräch?«, fuhr FJ fort.

»Vage.«

»Ich hatte wohl irgendwie angedeutet, dass ich Sie umbringen würde, richtig?«

»Gut möglich«, sagte Myron. »Ich erinnere mich nicht. Zu viele harte Typen, zu viele Drohungen.«

Die Buchstützen versuchten, finster zu blicken, aber selbst ihre Gesichter waren so muskulös, dass das zu anstrengend war. Also blieben sie bei dem gleichförmigen Stirnrunzeln und senkten die Augenbrauen ein bisschen.

»Ich war in der Tat drauf und dran, das zu tun«, fuhr FJ fort. »Vor einem Monat hab ich Sie auf einem Friedhof in New Jersey verfolgt. Ich bin Ihnen sogar mit gezogener Pistole hinterhergeschlichen. Komische Geschichte, oder?«

Myron nickte. »Als hätte Henry Youngman sie geschrieben.«

FJ neigte den Kopf. »Wollen Sie gar nicht wissen, warum ich Sie nicht umgebracht habe?«

»Wegen Win.«

Der Klang seines Namens wirkte, als hätte jemand den beiden Buchstützen ein Glas kaltes Wasser ins Gesicht geschüttet. Sie wichen tatsächlich einen Schritt zurück, waren aber schnell wieder einsatzfähig, indem sie ein paar Muskeln anspannten. FJ blieb gelassen. »Vor Win hab ich keine Angst«, sagte er.

»Sogar das dümmste Tier«, sagte Myron, »hat einen angeborenen Überlebensinstinkt.«

FJs Augen trafen Myrons. Myron versuchte den Blickkontakt zu halten, aber das war schwierig. In FJs Augen lagen nur Fäulnis und Verwesung, es war wie der Blick in die zerbrochenen Fenster eines verlassenen Hauses. »Alles nur Gerede, Myron. Ich habe Sie nicht umgebracht, weil Sie, tja, schon so elend aussahen. Es kam mir vor – wie soll ich sagen? –, als wäre es ein Gnadenakt gewesen, Sie umzubringen. Komische Geschichte, wie schon gesagt.«

»Sie sollten überlegen, Stand-up-Comedian zu werden«, stimmte Myron ihm zu.

FJ kicherte und winkte mit seiner sorgfältig manikürten Hand ab. »Egal, lassen wir die Vergangenheit ruhen. Mein Vater und mein Onkel mögen Sie, und ja, wir haben keinen Grund, Win grundlos zu verärgern. Da die beiden Sie nicht tot sehen wollen, will ich das auch nicht.«