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Eine unerwartete Wendung – empfinden sie mehr füreinander als unbändige Lust? Eigentlich wollte Ava London und damit jeden Gedanken an Alex und das Chaos ihrer Affäre zurücklassen – doch wie immer hat das Schicksal seine eigenen Pläne: Ava ist schwanger. Obwohl sie davon ausgeht, dass Alex sofort das Weite suchen wird, sagt sie ihm trotzdem die Wahrheit – und wird überrascht, denn er ist fest entschlossen, Verantwortung zu übernehmen. Das Problem: Er erhofft sich einen gemeinsamen Neuanfang – aber Ava behütet ihr Herz, das er bereits einmal gebrochen hat. Stattdessen sucht sie Trost bei einem anderen Mann, auch wenn sie sich immer noch nach Alex sehnt, … doch kann es zwischen ihnen je mehr sein als Sex? Band 2 der spicy Hot-Romance-Reihe, die Fans von Vi Keeland begeistern wird!
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Seitenzahl: 415
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Eigentlich wollte Ava London und damit jeden Gedanken an Alex und das Chaos ihrer Affäre zurücklassen – doch wie immer hat das Schicksal seine eigenen Pläne: Ava ist schwanger. Obwohl sie davon ausgeht, dass Alex sofort das Weite suchen wird, sagt sie ihm trotzdem die Wahrheit – und wird überrascht, denn er ist fest entschlossen, Verantwortung zu übernehmen. Das Problem: Er erhofft sich einen gemeinsamen Neuanfang – aber Ava behütet ihr Herz, das er bereits einmal gebrochen hat. Stattdessen sucht sie Trost bei einem anderen Mann, auch wenn sie sich immer noch nach Alex sehnt, … doch kann es zwischen ihnen je mehr sein als Sex?
eBook-Neuausgabe März 2026
Die Originalausgabe erschien erstmals 2016 unter dem Originaltitel »Do you dare – Entflammt« im Selfpublishing.
Copyright © der Originalausgabe by Jennifer Rottinger 2016
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Textbaby Medienagentur, www.textbaby.de
Copyright © der Neuausgabe 2026 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
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Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock
eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (lj)
ISBN 978-3-69076-286-1
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Sophia Chase
Roman
Die letzte Mail, die ich vor meinem Urlaub beantworte, kommt ausgerechnet von meinem Vater, der mir nicht nur ein paar Dateien sendet, sondern auch seine Vorfreude auf meinen Besuch bei ihm und meiner Mutter in England verkündet. Er spricht mir aber auch Mut zu, was mich zumindest schmunzeln lässt, da er selbst seinen Zuspruch wie einen Befehl klingen lässt, frei nach dem Motto: ›Tochter, sei fröhlich. Los, tanz im Kreis und schwing die Hüften!‹
Jedoch währt dieses positive Gefühl bei mir nicht lange, da ich, sobald ich erst einmal in London gelandet bin, nichts mehr zu lachen haben werde.
»Lasst mich doch alle in Ruhe«, fauche ich und verstaue den Laptop in der Tasche, die zwischen meinen Füßen steht. Dann strecke ich die Beine aus, versuche mich an den Vorzügen und Bequemlichkeiten der Business Class im Flugzeug zu erfreuen und zähle innerlich die Stunden, die mich noch von London trennen. Ein beängstigendes Gefühl, nichts weiter als Wasser unter mir zu haben. Doch es passt auf anschaulichste Weise zu meinem Leben. Gut, ich kann mich rein objektiv nicht beklagen – wer würde für eine Fünfzimmerwohnung mitten in Manhattan nicht morden? Aber es ist bloß eine Hülle, die ich mir erschaffen habe, die mich zwar auf den ersten Blick schützt, sich aber weder richtig noch echt anfühlt. Der Mensch, der dahintersteckt, ist weitaus verletzlicher als die Frau, die ich vorgebe zu sein.
Wie immer, wenn ich mir die fatale Veränderung in meinem Leben ins Gedächtnis rufe, werden meine Handflächen schweißnass, meine Schläfen beginnen zu pochen, und ich spüre, wie mir die Luft zum Atmen genommen wird. Jeder Atemzug wird zunehmend mühsamer. Die mir nur allzu vertraute Übelkeit, als habe ich mich viel zu schnell und viel zu lang im Kreis gedreht, steigt in mir auf.
Ich atme ein.
Atme aus.
Alles wird gut, Ava.
Das waren immerhin die Worte meiner Mutter, nachdem ich die Bombe hatte platzen lassen und eine gefühlte Ewigkeit Stille herrschte. Das Haus meiner Eltern, mein Zuhause für so lange Zeit, war niemals der Inbegriff für lautstarkes Toben und Gejohle, da ich ein Einzelkind bin. Doch an diesem Tag kam mir das Ticken der antiken Wohnzimmeruhr meiner Mutter viel lauter vor. Als schreie jemand direkt in mein Ohr. Ich war zappelig und unruhig und hätte mich des Öfteren beinahe übergeben. Mein Vater aber ging mit den Informationen, die ich ihm gegeben hatte, ganz anders um. Ich konnte ihm ansehen, wie er in meinem Gesicht vergeblich nach der braven, anständigen Tochter suchte, die ich einmal gewesen war.
Wie sehr ich mich verändert habe, setzt auch mir zu.
Eine leichte Handberührung an meiner Schulter lässt mich hochfahren. Ich sehe ein freundliches Lächeln, das tatsächlich mir gilt. Die Stewardess, etwa in meinem Alter mit gelocktem, schwarzem Haar und perfekt sitzendem Kostüm, bietet mir eine Erfrischung an, nachdem sie sich über mein Befinden erkundigt hat. Ich nicke, bejahe das Wasser und bedanke mich, bevor ich hastig den ersten Schluck nehme, um die Übelkeit runterzuspülen.
»Ich hätte auch Wasser nehmen sollen, der Kaffee schmeckt wie Spülwasser«, richtet mein Sitznachbar plötzlich das Wort an mich.
Er wirkt freundlich, trägt ein locker sitzendes Hemd – die Krawatte hat er bereits vor dem Start abgelegt, das habe ich noch mitbekommen –, seine kantigen Züge fesseln mich irgendwie, und ich frage mich, wie alt er sein mag. Er könnte achtundzwanzig, aber auch sechsunddreißig sein. Jedenfalls sieht er ziemlich relaxt aus, was man von mir nicht gerade behaupten kann. Er muss mich für sehr seltsam halten.
Ich betrachte den Becher in seiner Hand. »Darum habe ich eben keinen bestellt. Bei Wasser können sie nicht viel falsch machen.« Die wahren Gründe, weswegen ich keinen Kaffee vertrage, behalte ich geflissentlich für mich.
Als er lächelt, blitzen weiße Zähne hervor, und irgendwie steckt er mich mit dem Grinsen an. »Ich bewundere Ihren Mut, dass sie trotz Flugangst den weiten Weg von New York nach London zurücklegen.«
»Das tue ich nicht … ich meine, ich habe keine Flugangst.« Wenn es nur das wäre.
»Oh, entschuldigen Sie. Ich dachte nur, weil sie diese Atemübungen gemacht haben. Vergessen Sie es. Tut mir leid.«
»Kein Problem«, beruhige ich ihn. »Es ist auch nicht der Flug, der mir zusetzt, sondern vielmehr das Ziel meiner Reise.«
»Sie kommen doch aus England – Ihr Akzent«, sagt er fast entschuldigend.
Ich lächle erneut, nehme einen Schluck Wasser und drehe den Becher zwischen meinen Händen. »Ja, das tue ich. Es fühlt sich aber fremd an. London und all das, was dort auf mich wartet«, füge ich hinzu und senke den Kopf.
Der Mann schweigt, doch ich kann spüren, wie er mich ansieht. Daher beschließe ich, lieber die Klappe zu halten, um mich nicht um Kopf und Kragen zu reden und dann zu allem Überfluss vielleicht auch noch zu heulen anzufangen.
Jedoch mache ich die Rechnung ohne ihn, der sich wohl seinen Flug mit ein wenig angewandter Psychologie verkürzen will. »Ich kann Sie verstehen. Ich selbst würde auch lieber in New York bleiben, da der Grund für meine Reise ebenfalls äußerst unliebsam ist. Mein Vater ist letzte Woche verstorben, und nun darf ich mich um seine Beerdigung kümmern.«
»Oh, das tut mir leid. Mein Beileid.«
Er zuckt die Schultern und scheint nicht wirklich betrübt zu sein. »Ich kannte den Mann kaum. Wir hatten keinen Kontakt mehr, seitdem ich drei war. Ein gebrochenes Herz kann aber manchmal schmerzhafter als der totale Verlust eines Menschen sein. Nicht wahr?«
Schachmatt. Da war er wieder: der Beweis dafür, dass ich die Therapie, die ich erfolgreich begonnen hatte, nicht hätte abbrechen sollen.
Wenn es nur ein gebrochenes Herz wäre, könnte ich damit umgehen. In meinem Fall ist es mein tiefstes menschliches Vertrauen, das missbraucht wurde; mein Stolz und mein Lebensmut wurden gebrochen. Nun bin ich erneut vor den Trümmern geflohen und erhoffe mir damit Abstand, Heilung. Fehlanzeige. Denn all die schlechten Gedanken verfolgen mich seitdem. Kaum ein Tag vergeht, an dem ich nicht an ihn denke. Kaum eine Nacht schlafe ich ruhig und träume nicht von ihm. Er hat mich lebendig gemacht, glücklich und mich letztlich doch fallen gelassen. Ob es so besser war für mich oder nicht, sei erst einmal dahingestellt. Denn zuallererst tut es weh. Es tut höllisch weh, und beim Gedanken an Alex reißt die Wunde, die ich für geheilt hielt, erneut auf. Blut quillt aus ihr hervor, und die Tränen nehmen mir die Sicht, als ich meinen Kopf etwas wegdrehe und an den Bändern meines Kleides zu nesteln beginne, um sie vor dem Fremden zu verbergen.
Gott, ich habe auf ganzer Linie versagt. Ich habe meinen Vater enttäuscht. Ich habe ihm gezeigt, dass er mir nicht vertrauen kann, ich vielleicht doch zu jung bin, um diese Verantwortung tragen zu können. Seit jenem Tag vor fast genau vier Monaten fühle ich mich wie zerrissen.
Da ist einerseits mein Verstand, der begreift, was schiefgelaufen ist. Dass alles, was ich mit Alex hatte, nur ein großer, dummer, naiver Fehler war. Dann möchte ich glauben, dass die Entscheidung, die mein Vater und Alex über meinen Kopf hinweg getroffen haben, die einzig richtige war und inzwischen alles besser wurde. Doch meist spricht mein Herz zu mir – oder besser gesagt melden sich die Trümmer, die davon noch übrig sind, zu Wort. Es schmerzt jedes Mal aufs Neue, wenn ich mich meinen Gefühlen hingebe, Alex nachweine und meinen Vater hasse, dass er mir das angetan hat. Ich hätte mir so viel mehr gewünscht – Beistand, Verständnis und vielleicht auch eine Schulter, an der ich mich ausweinen kann. Doch was tat mein Vater? Er schickte mich wie ein freches Kind nach Hause, verfrachtete mich in einen Flieger, um mich raus aus der Gefahrenzone zu bringen. Seitdem verbringe ich meine Abende einsam in dem hohen Rapunzel-Turm, schmore im Sud meiner Strafe und finde nicht einmal mehr meinen alten Job, den ich doch glücklicherweise zurückbekommen habe, spannend. Früher habe ich mir den Arsch aufgerissen, um StillHill in den USA etablieren zu können. Ich war ein richtiger Event-Hopper. Heute erscheint mir mein Büro in der Chefetage des New Yorker Büros wie ein äußerlich hübsches Gefängnis, ein Zwischenstopp auf einer Reise, über deren Verlauf ich mehr als unglücklich bin.
Ich komme mir wie eine Zigeunerin vor. Heimatlos. Auf der Suche nach etwas, das ich nicht mehr zu finden glaube.
Ich merke, dass ich die Augen geschlossen habe, als mich die Müdigkeit langsam übermannt, ich zwischen Wachsein und Dösen schwanke und Bilder und Erinnerungen vor meinem geistigen Auge auftauchen.
»Ihr werdet mit den Konsequenzen für euer Fehlverhalten leben müssen. Ihr werdet es beenden«, erklärt er uns und durchbohrt uns dabei mit seinem Blick. »Ihr werdet lernen müssen, dass jede Tat auch Verantwortung bedeutet. Ihr seid erwachsen, wie könnt ihr nur so dumm sein? Beide! … Ava«, richtet er das Wort an mich und bleibt mir gegenüber stehen, »du weißt, dass ich dich mehr liebe als alles andere, aber es gibt Zeiten, da muss ich dir das Herz brechen, um anstelle von dir die richtige Entscheidung zu treffen.«
»Wie meinst du das?«, frage ich mit einer Spur Furcht in der Stimme und versuche Alex auszublenden, dessen Blicke ich ganz deutlich auf meinem zitternden Körper spüren kann.
»Alexander und ich haben eine Entscheidung getroffen, die für alle Beteiligten das Beste sein wird.«
»Ihr habt eine Entscheidung getroffen? Wo leben wir denn, da euch scheinbar das Recht zusteht, ohne mein Einverständnis über mein Schicksal zu entscheiden?«
»Ava«, mischt Alex sich ein und bringt meine Hand zum Zucken. Wie gerne würde ich ihm eine runterhauen. Das hätte er sich wirklich verdient.
»Halt deinen verdammten Mund«, fahre ich ihn mit zusammengebissenen Zähnen an. »Das war also dein Plan? Meinen Vater gegen mich aufzubringen, nur damit du als der Gute an seiner Seite stehst? Du bist noch viel widerlicher, als ich dachte.«
Ein hämisches Grinsen umspielt seine Mundwinkel, treibt den Speer tiefer in mein Herz und lässt nichts weiter als absolute Kälte zurück.
»Es wird das Beste sein, Ava. Ich möchte, dass du glücklich wirst«, übernimmt nun mein Vater wieder das Wort, als hätten sie sich abgesprochen.
»Redet nicht mit mir, als wäre ich komplett verblödet. Was ist mit ihm? Warum wird sein Standpunkt toleriert? Warum nimmst du ihn aus der Verantwortung?«
Ich zucke zusammen, krampfe meine Finger um die Lehnen meines Sitzes und spüre, wie ich die Lippen fest aufeinanderpresse, als ich Bruchstücke der Unterhaltung zwischen Alex, meinem Vater und mir erneut durchlebe.
»Das tue ich nicht, Ava.« Mein Vater scheint mit seinem Latein am Ende, als er sich durch sein immer schütterer werdendes Haar fährt und mich dann ansieht, als sei ich nach wie vor das kleine Mädchen, das von ihm ununterbrochen beschützt werden muss. »Ich habe Alexander meinen Standpunkt bereits klargemacht. Thomas Wallock wird an seine Seite treten. Er scheint mir der geeignete Mann für die Sache zu sein – schnell, effizient und strukturiert.«
»Thomas Wallock?«, hinterfrage ich ungläubig seine Entscheidung und glaube, der Boden unter meinen Füßen gibt nach. »Der Typ, der seit jeher Honig um dein Maul schmiert. Ich hasse diesen Kerl – was willst du also von ihm?«
»Er wird deinen Posten übernehmen, Ava.«
»Meinen Posten?«
Hilfesuchend blicke ich zu Alex, der sich ausnahmsweise betrüblich gibt und einen imaginären Fleck von seiner Krawatte wischt. Die Sekunden verrinnen unaufhörlich, doch mein Vater bleibt mir eine Antwort weiterhin schuldig. Er schluckt mehrmals, ehe er das Kinn reckt. »Soll das heißen, du feuerst mich, Dad?«
»Feuern … nein, das tue ich nicht«, stottert er und versucht eine Erklärung zu formulieren. »Du wirst deinen alten Posten in New York besetzen. Ich habe mit Frank wegen einer Wohnung telefoniert. Du magst doch Manhattan … die USA waren doch dein Baby. Wir werden deine Mittel verdoppeln, du kannst dich dort auf dem Markt austoben, wie immer dir der Sinn steht. Es ist das Beste so, Ava«, fügt er hinzu und zerstört damit seinen so vernünftig wirkenden Plan, der in mir nichts weiter als Übelkeit hervorruft.
»Eine hübsche Umschreibung für meine Verbannung, die du dir da hast einfallen lassen, die jedoch völlig inakzeptabel ist. Der Markt ist überfüttert … außerdem will ich keine doppelten Mittel … ich will gar nichts.«
Der Frust ist zu massiv, als dass ich klar denken könnte. Ich habe also nicht nur die Chance auf ein Happy End mit Alex verloren, sondern auch meinen Job. Mein Vater hat mich – ausgerechnet mich! – gekündigt. Er will es schön verpacken und es mir so leicht wie möglich machen, jedoch weiche ich ihm aus, als er zu mir tritt, die Arme nach mir ausstreckt und sie um mich legen möchte. »Lass mich«, fauche ich und mache mit eingezogenen Schultern einen Schritt zur Seite. »Ich fasse es einfach nicht, dass du das machst. Wie konnte ich mich in euch beiden nur derart täuschen? Ihr wollt mich loswerden, weil es der kürzeste und bequemste Weg ist. Warum aber nicht ihn?«
»Alex arbeitet seit Jahren hier, er hat sich einen Namen gemacht.«
»Ja, und was für einen!«, höhne ich und schieße innerlich Giftpfeile nach Alex. Der kriegt davon aber nichts mit.
»Kannst du dir, nach allem, was war, vorstellen, noch miteinander arbeiten zu können?«, will nun Alex von mir wissen und steht auf, um sich mir ebenfalls langsam zu nähern.
Wieder weiche ich nach hinten aus und erreiche die Tür, deren Knauf ich hastig umschlinge, als sei dies der letzte Gegenstand auf Erden, der mich retten kann. »Du verzeihst, wenn ich im Moment mit meinen Vorstellungen etwas zurückhaltend bin. Vor allem, wenn sie mit dir zusammenhängen.«
Ich kenne den Ausdruck auf seinem Gesicht – zu oft habe ich ihn in den letzten Tagen gesehen. Also war alles in Wahrheit nur eine Scharade, ein falscher, hinterhältiger Zug von ihm. Wie sehr ich ihn dafür hasse, kann ich im Augenblick noch nicht sagen. Meine Würde aber verbietet einen tränenreichen Zusammenbruch, als beide Männer vor mir stehen und mich begutachten wie ein junges Reh, das sich verlaufen hat.
»Gut«, sage ich dann und atme tief ein. »Du hast vermutlich recht, Dad. Ich war nicht professionell und habe Alex dazu benutzt, mich zu trösten. Ich habe meine Aufgaben und Verantwortungen missachtet und Dummheiten begangen, die man von vielen, aber sicher nicht von mir erwarten würde.« Gut, der Hieb saß, denn Alex kneift die Augen zusammen, als er kapiert, dass ich eine Revanche gegen ihn starte. »Ich nehme sämtliche Schuld auf mich. Ich war es, die sich Alex genähert hat, da ich verletzt war. Mich reizte das Abenteuer, um mich wieder lebendig zu fühlen. Einen solchen Fauxpas darf man nicht einfach dulden. Käme die Geschichte raus, wäre unser Ansehen zerstört. Wer in der Geschäftswelt würde uns noch ernst nehmen? Wer würde mit uns zusammenarbeiten wollen? Ich werde noch heute mein Büro räumen, Chris soll sich um alles kümmern.«
Mein Dad fällt auf den Schwindel – meine vermeintliche Einsicht –, der mich all meine restliche Kraft kostet, herein, da er anerkennend nickt, lächelt und prüfend zu Alex sieht. Dieser durchschaut mich dagegen – er hat längst das Zittern meiner Hände bemerkt, den Kloß, den ich verzweifelt nach unten zu schlucken versuche.
Verdammt, er kennt mich zu gut.
Ich kann nur hoffen, dass er die Klappe hält, meinen Vater gehen lässt und es nicht noch schlimmer macht, als es ohnehin schon ist.
Mein frommer Wunsch wird erhört – Alex sagt nichts. Mein Vater haucht mir einen Kuss auf meine Wange. »Ich werde es deiner Mutter nicht erzählen, Ava.«
»Danke.«
»Es ist spät, und ich sollte langsam los … wie sehr ich mir wünsche, alles wäre anders«, erklärt mein Dad, als er die Hand nach Alex ausstreckt und ihn überraschenderweise umarmt.
Ich glaube zwar, dass er uns mit seinem Abgang vielmehr die Möglichkeit geben möchte, uns auszusprechen. Doch wie immer schiebt er eine falsche höfliche Entschuldigung vor, als mit der Tür ins Haus zu fallen.
Mein Vater – so blind er für das Lesen zwischen den Zeilen auch sein mag – kennt Alex gut genug, um ihn nicht als den perfekten Schwiegersohn zu sehen. Ich frage mich, wie viele seiner Eskapaden er miterlebt habt, wie oft er so getan hat, als wüsste er von nichts, nur um Alex nicht zu beleidigen. Doch seine Tochter ist ihm heilig – das hat er mir oft genug gezeigt. An mich lässt er nur die Besten heran – keinen Alexander Wellington, der mir irgendwann so oder so das Herz gebrochen hätte. Aufgrund seiner unbeholfenen Art, wie er mit Gefühlssachen umgeht, hat mich mein Vater vor einer viel schlimmeren Demütigung bewahrt. Deshalb hat er mich vor vollendete Tatsachen gestellt. Er hat eine Entscheidung getroffen, zu der ich aus eigener Kraft nie gelangt wäre. Darum kann ich ihm nicht böse sein. So muss ich verstehen, dass ich mit meinem Rückzug keine Schwäche, sondern Vernunft zeige.
»Mein Mädchen«, flüstert er in mein Ohr, als er mich schließlich in seine Arme schließt und erneut meine Wange küsst. »Ich liebe dich, das weißt du doch.«
»Das tue ich, Dad. Ich dich auch.«
»Kopf hoch.«
Mein Kopf dröhnt, da ich wie unter Zwang die Tränen zurückzuhalten versuche. Ich will mir keine Blöße geben. Nicht solange Alex noch neben uns steht.
Ich straffe die Schultern, als die stützenden Arme meines Vaters verschwunden sind und mir nicht mehr als ein aufmunterndes Lächeln bleibt, ehe er noch einmal zwischen Alex und mir hin und her blickt und sich schließlich stumm entfernt. All meine Alarmglocken schrillen, als Alex sich neben mir regt, näherkommt und von einem Bein aufs andere tritt. »Ich habe es ihm nicht gesagt, falls du das denkst.«
»Das ist mir scheißegal, Alex. Ich bin froh, wenn ich dich nicht mehr sehen muss.«
»Oh, du bist mir jetzt also feindselig gesinnt. Ja, Ava, das macht es gleich viel leichter.«
Ich schnaube, würde all mein Geld dafür geben, tätlich auf ihn losgehen zu können. Doch mein Stolz verbietet es mir. Ich sollte mich nicht auf eine solch nutzlose Diskussion einlassen, sondern stattdessen in mein Büro gehen, um meine Sachen zu packen. Doch die Herausforderung in seinen Augen ist zu verlockend. Er will mich nicht knien, sondern zusammengebrochen auf dem Boden sehen. Darum steht er noch immer vor mir, bohrt und stochert in der Wunde, anstatt mit meinem Vater mitzugehen. »Bitte, tu nicht so, als sei dir irgendwann etwas an mir gelegen. Ich habe längst verstanden, dass es nicht funktioniert. Ich meine, wir können Berufliches nicht von Privatem trennen – gestern Abend war das beste Beispiel.«
Ein abfälliger Laut ist von ihm zu hören. »Bryams Mindfuck hat Wirkung gezeigt. Es war doch leicht für ihn, mich als den Bösen darzustellen.«
Gut, jetzt sollte ich wirklich gehen. »Der du auch bist, wie du heute eingehend bewiesen hast.«
»Was hätte ich tun sollen, Ava?«
»Zu mir stehen, verdammt«, schreie ich ihn an, noch bevor ich über meine Worte nachdenken kann. »Es war deine Chance, die Karten auf den Tisch zu legen. Ich will einfach nicht glauben, dass all das, was du mir gesagt hast, was wir zusammen getan haben, nur die kalte Fassade eines berechnenden Arschlochs gewesen sein soll, das alles getan hätte, um mich besteigen zu können.«
Seine Augen verengen sich, und einen Moment lang hoffe ich, dass er diese von mir dargebotene Chance nutzt und ein einziges Mal Herz zeigt. Doch er wäre nicht Alex, würde er nicht ein weiteres Messer in meine Eingeweide rammen. »Uns ging es um den Kick …«
»Hör verdammt noch einmal auf, dauernd uns zu sagen und dich zu meinen. Hör auf!«
»Ava«, benutzt er die Stimmlage, mit der er auch mit der Tussi gestern Abend sprach. Es ist seine typische Stimme Frauen gegenüber. Sie treibt mich in den Wahnsinn.
»Vergiss es«, sage ich und schlinge die Arme um meine Mitte. »Ich werde abreisen und dich nicht länger belästigen, Alex. Du hast gewonnen. Ich hätte von Anfang an klüger sein sollen, aber weißt du was – so sind Menschen nun einmal. Sie begehen manchmal Fehler, sie lieben, hassen, lachen und weinen. Es ist keine Schande, angreifbar zu sein und auf sein Herz zu hören. Das macht das Leben aus.«
Er nickt, betrachtet mich und mustert meine Tränen, die sich nun doch eigenständig gemacht haben. Mir ist es egal, was er denkt. Ich will nur noch weg. Weg von der Demütigung. Weg von London. Weg von meinem gebrochenen Herzen.
Ich schrecke hoch, meine Glieder zucken, als das Flugzeug wild umhergeschaukelt wird. Mein Blick richtet sich zum Fenster, wo ich zuckende Blitze, tiefschwarze Wolken und peitschenden Regen sehe.
»Ein kleines Unwetter«, klärt mich mein Begleiter auf und lehnt sich vor, um an mir vorbei durch das schmale Bordfenster sehen zu können.
Ich streiche mein Kleid glatt, versuche Ordnung in meine Haare zu bringen und spüre dabei, wie meine Hände zittern, was jedoch bestimmt nichts mit dem Gewitter, sondern vielmehr mit dem Traum zu tun hat. »Ich bin eingeschlafen«, murmele ich mehr zu mir selbst.
»Sie sahen zufrieden aus, als Sie schliefen«, meint er plötzlich, und wie bei einer alten Jungfer färben sich meine Wangen rot. Es kribbelt in meinem Bauch. »Ihr Traum muss erfreulich gewesen sein.«
»Wie man es nimmt«, erwidere ich und ringe mir ein müdes Lächeln ab.
»Ich bin übrigens Daniel. Ich würde auch gerne Ihren Namen kennen, bevor wir in den Atlantik stürzen.«
»Ava. Aus dieser Katastrophe ließe sich bestimmt ein Blockbuster machen.«
»Zwei verlorene Seelen, die eigentlich gar nicht in diesem Flieger sitzen wollen. Wenn ich bedenke, was mich in London erwartet, wäre mir selbst der Grund des Atlantiks lieber. Das nennt man dann wohl Schicksal«, zwinkert er mir zu und öffnet einen Hemdknopf.
»Wie lange bleiben Sie in London?«
»Zehn Tage. Ich verbinde das Unangenehme mit dem Angenehmen und werde daher ein paar alte Freunde besuchen.«
»So ähnlich klingt auch mein Plan«, nicke ich.
In der letzten Stunde bis zur Landung unterhalte ich mich hervorragend gut mit Daniel. Ich erfahre viele Dinge über ihn, etwa, dass er in der Immobilienbranche tätig, dreiunddreißig Jahre alt ist und kurz nach seinem Studium nach New York zog. Je länger wir reden, je besser ich ihn kennenlerne, desto sympathischer wird mir der zuvor Unbekannte. Er bringt mich zum Lachen – was seit Langem kein Mensch mehr geschafft hat und was vermutlich mit seiner leicht zugänglichen Art zu tun hat.
Er macht mir die Ankunft in Heathrow erträglicher, als sich unser Flieger der Landebahn nähert.
Aufmunternd lächelnd nimmt er mir meine Laptoptasche ab, verlässt hinter mir den Flieger und begleitet mich auch zur Gepäckausgabe. Als der Zeitpunkt des Abschieds naht und mich außerhalb der gläsernen Tür nichts weiter als kalter Londoner Regen erwartet, drehen wir uns einander zu und bleiben stehen. Ich spiele am Griff meines Rollis herum. »Das war’s dann wohl«, sage ich und beachte die Menschen rund um uns nicht. »Danke. Sie waren mir eine echte Stütze – wer weiß, was ohne Ihre Hilfe passiert wäre.«
Er lächelt charmant, wie ich es von ihm während des Flugs zig Male gesehen habe. »Es war mir eine Ehre. Das hier mag zwar weder der geeignete Ort oder Zeitpunkt für Verabredungen sein, aber ich wäre geschmeichelt, wenn Sie mich auf eine der Partys, die mir nun bevorstehen, begleiten würden, Ava.«
Ich halte den Atem an, als mir klar wird, dass das hier eine Einladung zu einem Date ist. Ein Date – Gott! Mit Schrecken erinnere ich mich an mein letztes zurück. Na ja, damals fädelte es meine Mutter ein, und mein Date war kein Geringerer als Patrick Bryam. Daniel hingegen gehört nur mir. Er wäre mein ganz persönlicher Neuanfang.
Komm, was hast du zu verlieren?
Mal abgesehen von dem kleinen Geheimnis, das ich mit mir herumtrage – im wahrsten Sinne des Wortes. Doch was soll’s, aus Daniel und mir muss ja nicht gleich ein Pärchen werden. Wir verstehen uns gut, ich kann mit ihm reden, und ein wenig Spaß wird mir nach all den Tiefschlägen der letzten Wochen bestimmt auch nicht schaden.
So zucke ich zuerst die Schultern, ehe ich doch bejahend nicke. »Warum nicht? Wir sind doch bereits beide Fremde in dieser Stadt, die uns ja gar nicht haben möchte.«
»Das freut mich«, sagt er. »Darf ich Sie anrufen, Ava?«
»Ja.« Schnell tauschen wir unsere Nummern aus, ehe ich mein Handy wieder in meiner Handtasche verstaue und einmal tief durchatme. »Dann rufen Sie mich also an?«
»Ja, das werde ich. Halten Sie die Ohren steif.«
»Sie auch. Ich wünsche Ihnen viel Kraft und ich hoffe, dass sie jetzt noch Frieden mit Ihrem Vater schließen können, auch wenn Sie ihn nicht wirklich gekannt haben. Menschen begehen leider oftmals Fehler, die sie später nicht mehr gutmachen können.«
»Da haben sie recht.« Er reicht mir seine Hand, umschließt damit die meine, die viel kleiner, zittriger und kälter ist als seine, und lächelt mich wieder auf diese bubenhafte Art an. »Ihr Vater wartet bestimmt längst auf Sie. Machen Sie es gut.«
Mit diesen Worten lässt er mich in der großen, von Menschen überfüllten Halle stehen. Rund um mich herrscht ein ohrenbetäubendes Stimmengewirr. Die verschiedensten Sprachen dringen an mein Ohr, Leute verabschieden und begrüßen einander, während andere mit dem Koffer in der Hand die Informationstafeln lesen. Ich stehe mittendrin und schaffe es nicht, mich zu bewegen. Meine Arme und Beine fühlen sich bleischwer an. Die Zeit verstreicht, und ich starre wie benommen auf meine Hand, die Daniel vorhin noch gehalten hat, ehe er verschwand. Ich weiß, dass ich nach draußen gehen muss, da mein Vater bestimmt auf mich wartet und mir nur mehr wenige Augenblicke bleiben, bevor er sorgenerfüllt in der Halle nach mir zu suchen beginnen würde. Dabei wollte ich ihm gar nicht unter die Augen treten. Weder ihm noch meiner Mutter, die mich mit ihrer dezent überfürsorglichen Art bestimmt schon heute Abend auf die Palme treiben wird. Ich sehne mich nach meinem leeren Apartment in Manhattan, dessen Einsamkeit mir der einzig annehmbare Hafen ist, den ich in den letzten Monaten hatte.
Vor mir, auf einer der Anzeigetafeln, prangt meine Rettung. In kleinen Lettern, versteckt zwischen unendlich vielen Reisezielen verteilt quer über den Globus, steht es – New York. Ich könnte einsteigen und dann? Wäre ich ein noch größerer Feigling, als ich es so schon bin? Wäre ich vernünftig? Erwachsen? Kindisch?
Viel zu viele Fragen schwirren in meinem Kopf herum. Dann aber atme ich tief ein, ziehe meinen Koffer an mich und gehe in Richtung Ausgang. Sogleich begegne ich meinem Vater, der wohl schon dabei war, die Halle zu stürmen, um nach mir zu suchen. Als er mich bemerkt, beginnt er zu lächeln, bleibt stehen und streckt die Arme aus, während ich wie ein kleines Mädchen auf ihn zulaufe und mich in die feste Umarmung werfe, die ich in Wahrheit statt meiner Einsamkeit viel dringlicher gebraucht habe. Er küsst meine Schläfe, murmelt meinen Namen, und keiner von uns beachtet die Menschen, die neben uns genervt ein Taxi zu erhaschen versuchen. Für mich zählt nur noch mein Dad, der mich so fest drückt, dass ich mich eine Minute später freikämpfe, um nicht zu ersticken.
»Meine Kleine, ich bin so froh, dass du wieder zu Hause bist.« Wieder ein Kuss, diesmal auf meine Wange, erst dann bemerke ich, dass mein sonst so resoluter Vater mit den Tränen kämpft.
Ich kann mich nicht daran erinnern, ihn jemals weinen gesehen zu haben. Entweder plagt ihn tatsächlich das schlechte Gewissen, oder er wird mit zunehmendem Alter etwas feinfühliger. Jedenfalls steckt er mich damit an, sodass ich einmal aufschluchze und mich zurück in seine Arme schmeiße.
»Dad«, murmele ich und wische meine Tränen in sein Hemd, das so gut nach Nach-Hause-Kommen duftet.
Das nervige Piepsen meines Weckers reißt mich aus einem unruhigen Schlaf, weshalb mein rechter Arm, der unter ihrem Körper begraben ist, leicht zuckt. Ich sehe zur Decke hinauf und gönne mir noch etwas Ruhe, da ich weiß, was dieser Tag bringen wird – oder besser: Ich ahne es.
Ich streiche über ihren nackten Hintern, kneife sie etwas und bringe sie damit zum Kichern. Nun kehrt auch in ihren Körper Leben zurück. Sie schmiegt sich seufzend an mich, fährt durch mein Brusthaar und beginnt hauchzarte Küsse auf meiner Schulter zu verteilen. »Guten Morgen«, flüstert sie mit noch belegter Stimme.
»Morgen«, antworte ich und verkrampfe mich, als ihre Hand nach unten zu meinem Schwanz gleitet, sie ihn umschließt und zu streicheln anfängt. Selbstverständlich spricht meine Morgenlatte auf diese Liebkosung an. Ich hingegen bin gedanklich ganz woanders. Darum lasse ich sie zwar gewähren, beteilige mich aber nicht aktiv, sondern liege einfach nur da.
Der Geistesblitz, der mir bewusst macht, wie abgefuckt ich mich verhalte, kommt viel zu spät … um einige Monate. Ich führe das Leben eines Mannes, der ich in Wirklichkeit nicht bin. Ich liege Nacht für Nacht neben einer Frau, die ich gar nicht liebe, und mit der ich eine Beziehung eingegangen bin, die ich nie wollte. Kirsten hat dort angesetzt, wo Ava mich verlassen hat. Ich habe beide Charaktere miteinander verschmolzen und Kirsten zu Ava gemacht. Ich habe sie vor ihrem herrschsüchtigen Ehemann gerettet, als ob ich ein verdammter Ritter wäre. Dabei bin ich kein Deut besser als er. Ich betrüge sie zwar nicht, bin treu, wie ich es nie von mir selbst erwartet hätte. Doch ich belüge sie und nutze sie aus. Sie soll mich trösten, dabei kann sie das gar nicht.
Trösten … Mann, seit wann benutze ich solche Wörter?
Mittlerweile weiß ich, was ich hätte tun sollen. Ich hätte ein Mann sein sollen, Ava nicht gehen lassen dürfen und die Chance nutzen müssen, ihrem Vater zu sagen, dass ich sie als Lebenspartnerin will. Dass unser Verhältnis nicht bloß ein dummes Missgeschick war ... am Anfang vielleicht, aber heute – heute würde ich alles darum geben, um Ava auch nur ein einziges Mal noch berühren zu dürfen.
Dabei hatte sie mich nach der Unterhaltung mit ihrem Vater noch gefragt … sie wollte wissen, warum ich sie wegstieß, anstatt zu ihr zu stehen. Zum jetzigen Zeitpunkt bezweifle ich, dass ich in absehbarer Zeit über sie hinweg sein werde. Vor allem, da ich sie heute sehen muss – oder darf. Trotz all der Dinge, die zwischen uns vorgefallen sind, sind wir immer noch Partner. Wir müssen an einem Strang ziehen und zusammenarbeiten. Das beinhaltet eben auch, dass wir uns nicht nur über unsere Assistenten austauschen, sondern von Angesicht zu Angesicht miteinander reden müssen. Ich würde meinen Schwanz darauf verwetten, dass sie ihren Vater als Unterstützung mitnimmt und nicht alleine kommt. Nicht, weil sie schwach ist, sondern weil ich es genauso täte, hätte ich die Möglichkeit dazu.
Verdammt, ich habe richtig Schiss vor diesem Treffen. Ich weiß nicht einmal, wie ich mit ihr umgehen soll. Hier schließt sich der Kreis erneut, denn so kenne ich mich nicht. Früher war es mir egal, wenn ich Frauen, mit denen ich ein Verhältnis gehabt hatte, wiedertraf. Ich behandelte sie wie Luft, wechselte maximal ein paar Worte mit ihnen und zog weiter. Da war nie die Sorge, ob es ihnen gut ging, ob sie Angst hatten. Sie waren Schatten, und meist erinnerte ich mich später nicht einmal mehr an ihre Namen. Ganz anders ist es bei Ava, die einen speziellen Platz in meinem Leben eingenommen hat, den ihr wohl nie eine andere Frau abspenstig machen wird.
»Was ist los?«, fragt mich Kirsten und lässt ihre Hand von meinem immer schlaffer werdenden Penis sinken.
»Nichts«, lüge ich, tätschele ihre Hand und hauche ihr einen Kuss auf die Lippen, ehe ich die Decke zur Seite schlage und aufstehe.
Seitlich liegend, betrachtet sie mich, während ich in der Kommode neben meinem Bett nach Socken und Unterwäsche suche. »Ist es wegen ihr? Wegen heute?«
»Ich mag keine Szene gemacht bekommen, und vor allem will ich nicht, dass meine beruflichen Entscheidungen auch nur ansatzweise von meinem privaten Befinden beeinflusst werden.« Ich sehne mich nach einer Dusche, die meinen Verstand reinwaschen soll.
Schmunzelnd erhebt sie sich aus meinem Bett, kommt auf mich zu und drückt ihre nackten Brüste gegen mich. Diese Frau kennt mich zu gut, um sich täuschen zu lassen. »Ach, darum bist du die letzten Tage derart unausstehlich. Jetzt habe ich es kapiert.«
»Dein Sarkasmus überrascht mich, Babe, da du doch diejenige warst, die Ava als Emporkömmling bezeichnete.«
»Was sie auch ist«, bleibt sie bei ihrer Meinung, die sie mir während unserer unzähligen Zankereien aufgrund meiner Zusammenarbeit mit Ava bereits ausführlich mitgeteilt hat. »Aber ich will mich wegen ihr nicht mehr streiten, Alex. Du bringst diesen Termin hinter dich, und ich wette, dass du sie noch genauso arrogant und eingebildet finden wirst, wie damals, bevor du dich von deinem besten Stück hast leiten lassen.« Zum Beweis packt sie besagtes Teil. »Sieh es als Prüfung, die du bestehen musst.«
Mir bleibt die Möglichkeit, ein richtiges widerliches Schwein zu sein und Ava voll gegen die Wand rennen zu lassen. Wenigstens sind wir nicht die ganze Zeit über alleine, sondern dürfen uns mit Präsentationen unserer Zahlen und Jahresprognosen beschäftigen. Das sollte mir zumindest Zeit geben, mich hinsichtlich meines Verhaltens ihr gegenüber entscheiden zu können. Um Kirsten nicht noch mehr zu beunruhigen und ihre Eifersucht zu schüren, lächele ich, lege einen Arm um sie und werfe einen prüfenden Blick auf ihre beiden Vorteile.
»Sie ist ein kleines, verletztes Mädchen«, fährt sie mit leiser Stimme fort. »Ich würde dir an ihrer Stelle auch die Eier ausreißen wollen.«
»Du kannst alles haben, nur nicht meine Eier, Babe. Ich werde sie mit meinem Leben verteidigen.«
Kichernd schlingt sie die Arme um meinen Nacken. »Eine weise Entscheidung, da ich sie noch das ein oder andere Mal brauchen werde.«
»Ich will dich in meiner Dusche. Sofort«, befehlige ich mit fester Stimme und gebe ihr einen Klaps auf den Hintern, der sie quieken und mich küssend ins Badezimmer geleiten lässt.
»Mister Foster hat vorhin nachgefragt, welchen Raum Sie benutzen wollen, Mister Wellington«, lässt mich meine Assistentin wissen, während sie mir ein zweckmäßiges Mittagessen auf den Schreibtisch stellt.
Ich brumme vor mich hin, betrachte das Sandwich, das mich mehr abstößt, als meinen Appetit anzuregen. Diese einfache Frage, die ich nun schon seit Tagen vor mir herschiebe, ist der Startschuss zu diesem beschissenen Tag. Ich kann mich entweder für den großen Konferenzraum ein Stockwerk tiefer entscheiden, in dem Ava und ich damals auf Corman warteten, und wo ich sie leckte, bis sie zitternd in meinem Mund kam. Oder ich nehme den kleineren Raum hier in dieser Etage, dort, wo ich sie wie einen stinkenden Schuh zur Seite geworfen habe. Beide Möglichkeiten erscheinen mir in Anbetracht der Umstände untragbar. Ich kann mich weder betrinken, noch könnte ich ihr zwei Stunden an dem Tisch, an dem sie nackt vor mir gekniet ist, gegenübersitzen.
»Wir bleiben heroben«, beschließe ich deswegen und nehme einen Bissen von dem Sandwich.
Meine Assistentin nickt, bleibt aber weiterhin reglos vor mir stehen, als wolle sie mir noch etwas sagen. Mit hochgezogenen Augenbrauen mustere ich sie und denke nicht einmal im Traum daran nachzufragen. Die gesamte beschissene Firma weiß über Ava und mich Bescheid, was bestimmt mit Avas Tuckenassistent zu tun hat. Seit sie die Firma verließ, ernte ich nur noch böse Seitenblicke. Jeder hält mich für ein Riesenarschloch – was ich genau genommen auch bin, wäre da nicht das Organ in meiner Brust, das mir gebrochen scheint. Aber besser, ich lebe mit dem Image eines Schweins, als dass ich als verweichlicht abgestempelt werde.
»Was?«, fauche ich, als mir der widerliche Geschmack von zu viel Mayonnaise Übelkeit beschert. »Gibt es noch etwas, dass Sie mich fragen wollen?«
»Es geht um die Sitzordnung.«
»Um die Sitzordnung?«, will ich ungläubig wissen und bete, mich verhört zu haben. »Seit wann muss ich mir über solch eine Scheiße Gedanken machen?«
Ihre Wangen werden rot und erinnern mich daran, dass ich das ein oder andere Mal über sie hergefallen bin. Das war vor Ava, und es kostet mich nicht einmal ein müdes Lächeln. Siehst du, es kann funktionieren. Gut, sie ist zwar nur meine Assistentin, aber wir arbeiten immer noch zusammen. Ab und an versüße ich mir den Tag, mich an ihre prallen Möpse in meinen Händen zu erinnern. Ihr Arsch, der gegen meine Hüfte klatschte, als ich sie hier auf meinem Schreibtisch fickte. Als sie kam, schrie sie so laut, dass ich Angst hatte, Spitzenhöschen könnte sie bis in ihr Büro hören und mir die Hölle heißmachen. Ich merke erst, wie sehr ich sie verunsichere, als ich nun ganz offensichtlich ihren Körper entlangblicke. Ein Grinsen entkommt mir, und ich zügele mich, da die Kleine meinen Zorn wirklich nicht verdient hat. »Also, was möchten Sie von mir wissen?«
»Es geht um Miss Hill«, presst sie hervor.
Wusste ich es doch. Gott, wäre ich nur Single, würde ich ihren Arsch für diese Frage spanken, bis er glüht. »Wir werden bestimmt einen Stuhl für sie haben. Oder reden Sie nur um den heißen Brei herum?«
»Ich … es ist nur … nach der ganzen Sache …«
Dieses Gestottere treibt mich in den Wahnsinn. Wenn sich heute alle so dämlich verhalten, nur weil Ava und ich aufeinandertreffen, wird der Tag noch schrecklicher, als ich dachte. »Setzen Sie Miss Hill, wohin Sie wollen. Hauptsache, Sie verschwinden jetzt, damit ich dieses Ding, das Sie mir als Sandwich verkaufen wollen, essen kann. Sie werden mich begleiten und die Gäste empfangen.«
»Sehr wohl, Mister Wellington«, verlässt sie mit Piepsstimme mein Büro.
Als Allerletzter betrete ich den Konferenzraum, wobei meine sonst so festen Schritte aus dem Takt geraten, als ich Avas Rücken, ihren gesenkten Kopf und den mir nur allzu vertrauten Nacken erblicke. Alle haben bereits ihren Platz eingenommen, während ich mich wie ein absoluter Feigling an meine Beute heranpirsche und zu meinem neuen Partner Blickkontakt aufnehme. Dieser erhebt sich nun, und Joseph Hill folgt seinem Beispiel. Die lockere Unterhaltung verstummt, während Ava sichtbar zusammenzuckt, nur um sogleich wieder ihre Schultern zu straffen. Ich umrunde den Tisch, gebe mein Bestes, sie aus meinem Fokus zu halten und mich ein einziges Mal vorbildlich und stark zu verhalten. Ich reiche Joseph meine Hand und erwidere den festen Druck. Dann sind die beiden Männer, die stellvertretend für unsere Firma anwesend sind und an dem Projektor herumfummeln, an der Reihe.
Ein paar kurze, knappe Einleitungsworte. Ich erkundige mich nach dem Befinden der Leute, als würde mich das interessieren, nur um dann vor der schwierigsten Aufgabe zu stehen – Ava.
Noch immer sieht sie mich nicht an. Ich betrachte ihren Brustkorb, der sich in kurzen Abständen hebt und senkt. Ihre Finger, die sie um den schwarzen Stift geschlungen hat. Ich sehe in ihr Gesicht, dieses wunderschöne, mir derart vertraute Gesicht, das sich kaum verändert hat. Nur ihre Haare sind anders, die trägt sie jetzt kürzer. Ein Pony, oder wie die Frauen das nennen. Beinahe muss ich über mich selbst schmunzeln, da ich mir Gedanken über die Bezeichnung ihrer Frisur mache, anstatt mir eine ordentliche Begrüßung einfallen zu lassen, die immerhin vor den Augen der anderen stattfinden wird. Doch mir fällt beim besten Willen nichts ein. Was sollte ich ihr auch sagen, das nicht herablassend oder im schlimmsten Fall erbärmlich klingt?
Mein Puls rast, als ich vor ihrem Stuhl stehe, die Finger ausstrecke, nur um sie dann wieder zu einer Faust zu ballen.
Der Stuhl neben ihr ist frei und scheint aufgrund meiner schlechten Stimmung meiner Assistentin gegenüber nun der meine zu sein. Da ich mir keine vorzeitige Regung von Avas Seite erwarte, nehme ich Platz, wobei ich mehr darauf bedacht bin, sie nicht irrtümlich zu berühren, anstatt mich auf die Blicke der anderen zu konzentrieren. Doch es ist ohnehin Avas Nähe, die mich sofort wieder einnimmt. Ihr Duft, ihre Atmung, ihre Lippen – all das versuche ich in mir aufzusaugen. Wie ein Junkie, der sich einen letzten Schuss erhofft, bevor er den Drogen abschwört. Ich bilde mir ein, alles lauter zu hören. Selbst das Einschenken von Wasser kommt mir verhältnismäßig laut vor. Ich folge dem Sekundenzeiger meiner Uhr, betrachte meine Hand, die neben Avas liegt. Wie oft hat diese sie berührt?
Gott, diese Frau hätte mir gehören können. Die meine – diese beiden Worte schießen durch meinen Kopf, während der Kerl mit dem braunen Anzug den Raum verdunkelt, damit wir die Präsentation über uns ergehen lassen können.
Sie beginnen mit den üblichen Diagrammen, Jahresprognosen und Gewinnen, die mich eigentlich die Handflächen aneinander reiben lassen sollten. Denn wir waren gut. Im Vergleich zum Vorjahr haben wir einen riesigen Zuwachs bekommen. Avas Baby, die USA, werden extra hervorgehoben, sodass ich nicht anders kann, als ihre Reaktion auf das Lob ihres Vaters zu beobachten, der sich ungefragt einmischt. Doch will er seiner Tochter, die er mit meiner Hilfe Tausende Kilometer weit weggeschickt hat, nur Mut zusprechen. Er möchte sie stützen, was in Avas Gesicht aber nur ein müdes Lächeln hervorruft. Sie versucht, den Termin so gut wie möglich hinter sich zu bringen und mich dabei praktisch zu ignorieren. Sie behandelt mich wie Luft, was in Anbetracht unserer gemeinsamen Vergangenheit wirklich nicht verhältnismäßig ist. So hätten bereits bei der Begrüßung die Fetzen fliegen müssen, oder aber wir wären in einem unserer Büros verschwunden, um übereinander herzufallen. Es frustriert mich daher enorm, dass sie die Eisprinzessin spielt und den Kloß in meinem Hals immer größer und größer werden lässt.
Untypisch für mich zappele ich, je länger die Präsentation dauert, auf meinem Stuhl herum. Irgendwann deute ich meiner Assistentin mit ausgestrecktem Zeigefinger näher zu kommen und bestelle mir einen Espresso, den sie mir unverzüglich bringt. Ich lockere meine Krawatte, schütte das brühheiße Getränk in mich hinein und wünsche mir gleichzeitig, es wäre etwas Gehaltvolleres. Doch der Kaffee belebt mich immerhin etwas, was vermutlich auch damit zu tun hat, das Ava eine Frage gestellt hat. Ihre Stimme erschlägt mich dabei regelrecht. Ich erstarre mitten in meiner Bewegung und sehe zu ihr, als handele es sich um ein Gespenst. Wie konnte ich diese sanfte, mit einem Hauch von Spott versetzte Stimme vergessen?
Unsinn, ich habe sie nicht vergessen.
Weder diesen geschäftigen Ton noch ihr Stöhnen oder ihr Lachen. Jeder Laut von ihr hat sich in mein Trommelfell eingebrannt. Sie nun wieder live zu hören übersteigt meinen Pegel an Selbstbeherrschung, und so habe ich keine Ohren für ihre Frage, sondern nur für den Klang ihrer Stimme. Alle in der Runde betrachten sie, ihr Vater jedoch sieht skeptisch von mir zu ihr, was mich schlussendlich zur Vernunft bringt.
Ich versuche, mich zu konzentrieren, es ihr irgendwie gleichzumachen, und kriege noch genug mit, um mich in die Diskussion, die nun entbrennt, einzumischen. Im Endeffekt sind es wieder nur jene Punkte, über die Ava und ich uns dauernd gestritten haben. Es geht um die Arbeitsbedingungen unserer Mitarbeiter, die Herkunft der Produkte und den Lohn all jener, die auf unser Gutdünken angewiesen sind. Dass ich seit Avas Abreise nicht wirklich viel für eine Verbesserung getan habe, wird mir schlagartig klar, als mich ihr eiskalter Blick streift. Die Heilige in ihr tritt also wieder den Dienst an. Doch ihr unzufriedenes Nuscheln wird von ihrem Vater unterbrochen, der eine Pause verlangt, weshalb die Rollläden hinaufgezogen werden und die Sonne zurück in den stickigen Raum fällt.
Alle erheben sich und stürmen das Buffet, an dem meine Assistentin bereits wartet, um sie mit Getränken und kleinen Häppchen zu versorgen.
Da ich weder Lust auf Small-Talk noch auf irgendwelche trockenen Brötchen habe, bleibe ich sitzen, hole mein Handy, das in der Zwischenzeit in regelmäßigen Abständen vibriert hat, aus meiner Hosentasche und überfliege Kirstens Nachrichten. Sie erkundigt sich darin über mein Befinden, Avas Verhalten, und ich kann die Eifersucht zwischen den Zeilen deutlich herauslesen. Schnaubend verstaue ich mein Handy, spare mir eine Antwort, die ohnehin nichts bringen würde, und lehne mich in meinem Stuhl zurück. Zuerst beobachte ich die Männer, die sich mit Joseph Hill am Buffet unterhalten, ehe mein Blick zu der gläsernen Front schweift und auf Ava trifft. Mit einer Tasse in der Hand sieht sie aus dem Fenster, den Rücken zu mir gedreht, die Schultern gerade gerichtet. Auch sie scheint Ruhe zu suchen, da alles heute viel zu aufwühlend ist.
Keiner beachtet uns. Dies wäre meine Chance, ein Gespräch mit ihr zu beginnen. Schneller als ich mir über die Vor- und Nachteile meines Handelns Gedanken machen kann, stehe ich auf und pirsche mich an sie heran, um schlussendlich vorgeblich gleichgültig neben ihr zu verharren. Aus meinen Augenwinkeln betrachte ich ihr Profil, das nur sehr wenig über ihr Innenleben verrät – sie tut gar so, als wäre ich nicht da. Räuspernd trete ich aufs andere Bein und zwinge mich, meine Eier aus dem Schraubstock zu holen. »Wie läuft es drüben?«
Anstatt mir zu antworten, grinst sie abwertend, nimmt einen Schluck Kaffee und runzelt anschließend ihre Stirn. »Hervorragend.« Der Sarkasmus ist nicht zu überhören, und ich reiße mich zusammen, sie nicht gereizt anzufahren.
»Du kannst dir in den USA deine ganz eigene Marke aufbauen. Diese Chance bekommt nicht jeder.«
»Ja, vor allem nicht du«, schnauzt sie mich an. »Und speziell nicht unter denselben Umständen.«
Ich stecke meine Hände in die Hosentaschen, gebe mich cooler und als ich im Augenblick wirklich bin.
»Hör mal, Alex, bewahre uns beide vor weiteren Peinlichkeiten, und lass uns solche Unterhaltungen vermeiden. Wir haben unsere wahren Gesichter einander doch bereits gezeigt, du hast mich auf dem Boden gesehen. Reicht dir das nicht?«
»Ich versuche, mich erwachsen zu verhalten.«
»Ach ja, seit wann?« Ihre Stimme wird merklich lauter, und dieser kämpferische Ausdruck kehrt auf ihr Gesicht zurück, als sie sich zu mir umdreht. »Ich kann es nicht verhindern, dich ab und an treffen zu müssen. Aber rein menschlich ist nichts mehr zwischen uns. Ich werde versuchen, beruflich mit dir klarzukommen, aber mehr nicht. Keine Fragen, wie es mir geht, was ich mache …«
Als sie verstummt und einen Arm um ihre Taille schlingt, wird mir zum ersten Mal bewusst, was ich ihr angetan habe. Ja, das schlechte Gewissen plagt mich schon viel länger, aber ich wusste nicht, wie schlimm die Verletzung ist, die ich ihr zufügte. Sie ist gebrochen, und ich kann nichts anderes machen, als dazustehen und so zu tun, als ginge mir das alles am Arsch vorbei.
Was es tatsächlich nicht tut.
Es zerreißt mich innerlich, den traurigen Ausdruck in ihren Augen zu sehen. Es kostet mich meine gesamte Kraft, sie nicht von hier wegzuziehen, nur um sie berühren zu dürfen. Die Sekunden verrinnen, und ich stehe regungslos da, blicke auf sie herab und entscheide mich dann für die einzige Antwort, die mir bleibt: »Ich dachte nur, du würdest auf etwas Small Talk stehen. Einen Versuch war es wert.«
Ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, drehe ich mich um, nähere mich den Männern und lasse Ava alleine zurück. Ich mag ein Paradebeispiel für das totale Arschloch abgeliefert haben und hätte mir diese Aussage am Schluss wirklich sparen können, doch diente mein Verhalten meinem Eigenschutz. Ich kann und will es mir trotz allem einfach nicht leisten, vor Ava als Schwächling dazustehen.
Die Tür fällt scheppernd ins Schloss.
Ich sinke mit dem Rücken zur Wand zu Boden und vergrabe mein Gesicht in meinen Händen. Ich bin alleine in der Wohnung, in der früher meine Eltern gelebt haben, bevor mein Vater in Pension ging und die beiden nunmehr das Landleben vorziehen.
Das Haus, in dem die beiden leben, befindet sich nicht sehr weit weg von London. Mitten im Wald gelegen, beherbergt es viele schöne Kindheitserinnerungen mit meinen damaligen Freundinnen. Wir gingen im Sommer im Teich schwimmen, donnerten im Winter mit dem Schlitten die Hügel hinab und verbrachten überhaupt immer viel mehr Zeit draußen als drinnen. Ich kann verstehen, weshalb meine Eltern nicht nur der ländlichen Idylle, sondern auch den Erinnerungen an damals nachjagen.
Es war eine unbeschwerte Zeit, selbst wenn mein Vater nur am Wochenende nach Hause kam und meine Mutter sich unter der Woche alleine um mich kümmern musste. Erst viel später zog ich nach London, um mein Studium zu beginnen. Meine Mutter allerdings blieb im Haus, denn sie liebte den Garten, die Freiheit, Weite und Stille. London ist ihr immer fremd und zu hektisch gewesen. Hier hat sie sich nie richtig wohlgefühlt.
