Hybristikon - Stefan T. Gruner - E-Book

Hybristikon E-Book

Stefan T. Gruner

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9,99 €

Beschreibung

Hybristikon handelt vom Umgang mit dem Anderen. Es wird am Beispiel des Hermaphroditen durchgespielt. Die medizinische, mythologische und religiöse Sicht dient als Rahmen fürs reale Leben des Betroffenen. Der Form nach Satire, sind die Inhalte kaum zum Lachen. Dem Buch ist eine zu beherzigende Warnung vorangestellt: Es ist für Freaks, Fantaster, geistige Ritzer, Rasierklingenreiter, Gevierteilte, Lichtblicklose und Spitzentänzer in Bleischuhen. Wer's Roman nennt, ist selber schuld.

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Seitenzahl: 689




Warnung:

Dies ist für Freaks,

Fantaster,

geistige Ritzer,

für Rasierklingenreiter

Gevierteilte

Lichtblicklose

für Spitzentänzer

in Bleischuhen

In dem weiß ausgeleuchteten Raum haben sich folgende Persönlichkeiten zusammengefunden: Sir Knox, der Psychologe von Yales Gnaden und sein Assistent, Sir Knoxito, Sir Knax, der erste komplette Arzt aus der Retorte und sein Assistent, Sir Knaxito, Sir Knix, der Dichter einer verkommenen Zeit und Sir Knex, das Schwein.

Sie sitzen, Sir Knox und Sir Knoxito, sowie Sir Knax und Sir Knaxito als Pärchen, Sir Knux – der noch Unerwähnte, am besten der Dazugeschmuggelte genannt – Sir Knix und Sir Knex allein an glasüberzogenen Tischen, die, ebenfalls weiß, um ein weißes, rollbares, drehbares und versenkbares Bett stehen, das von vehement weißen Deckenstrahlern gleißend bis an die Grenze der Überbelichtung ihre – den Tränen nahen – Augen blendet.

Wo sind die Frauen in dem Stück? Ach, es wird nicht der einzige Mangel bleiben! Das vorneweg. Dafür wird im Folgenden, wo’s um Frauen geht, die Masse Überflüssiges geboten, zur Erzeugung von Zorn und Überdruss. Wer den Raum am ehesten verlässt, hat am schnellsten verstanden.

Das vorneweg. Damit es nicht heißt: Das hätte man mir früher sagen können!

Auf dem Bett liegt ein ausgewachsener, an die zwei Meter langer, von Christo in weiße Leinentücher drapierter Körper. Sichtbare Teile des Körpers sind ein kalkweißes Gesicht und zwei kalkweiße Füße. Die Augen des Gesichts sind geschlossen. Die Füße sind im ersten Moment des Hinsehens noch gekreuzt, gleiten dann aber so weit auseinander, dass sich nur noch der rechte große Zeh mit dem linken großen Zeh berührt oder küsst, wie der dazugeschmuggelte Knux für sich denkt, weil er noch nicht zu reden wagt. Und zwar – So Knux – so sanft küsst, dass er von einem Schmetterlingskuss hätte reden können, wenn nicht, wie jeder weiß, zu einem Schmetterlingskuss Wimpern gehören, die jene Zehen vermissen lassen.

Sir Knox hat sechs Blickmöglichkeiten: die ersten vier, wenn er seine beiden Augen entweder durch die oberen Hälften seiner Brille lenkt, um in die Ferne zu sehen, oder in die unteren Hälften, um das Nahe zu erkennen, plus der beiden nackt belassenen Augen, die so nah wie fern unklar sehen, was auch seine Reize hat. Dass er mit dem linken Auge in die obere Hälfte seines linken Glases, gleichzeitig mit dem rechten in die untere Hälfte seines rechten Glases und umgekehrt zu blicken imstande sei, was ihn zu einer nahen Fernsicht befähigt hätte, ist ein Gerücht.

Dafür hat Knoxito, sein Assistent, nur ein Auge. Warum hier dafür steht, bleibt rätselhaft. Es deutet eine Art Kompensation der sechs Blickmöglichkeiten seines Meisters an, als gebe es hier einen Zusammenhang. Es gibt keinen. Es mag andere Zusammenhänge zwischen Knox und Knoxito geben – wäre Knoxito sonst Assistent von Knox? – die Augen gehören nicht dazu. Das Fehlen des einen, durch Glas ersetzten Auges wäre für Knoxito leichter hinzunehmen, wenn er mit dem verbliebenen wesentlich besser als mit dem Glasauge (übrigens ein Meisterwerk der Prothesenkunst – es strahlt wacher als sein Konkurrent aus organischem Material) gesehen hätte, was nicht der Fall ist. Kurz, Knoxito, knapp vor blind, hat aus der Not eine Tugend gemacht und sich zu einem Mann der Intuition entwickelt. Er ist ein Gefühlshuber. Eine sensorische Spürnase fürs Atmosphärische. Ein Ganzkörperseismograf, der auf visuelle Wahrnehmung verzichten kann. Passend zu seiner eingeschränkten Sehkraft scheint sein Gehör nur jedes dritte Wort zu empfangen, was sein Verstehen keineswegs behindert – ein Beweis für die Redundanz unseres üblichen, mit Füllwörtern gespickten Sprachaustauschs.

Knox, der die Untersuchung nicht leitet, wirft nun die Pupillen durch die oberen Teile seiner Gläser auf einen ameisenkopfkleinen Leberfleck an der linken Schläfe jenes vor sich hin schlummernden Gesichts auf dem Bett, erhebt sich, greift eine Karaffe voll Wasser, gießt Wasser aus der Karaffe im dünnen Strahl auf das Gesicht, das daraufhin die Augen öffnet und dankbar lächelt.

Knox stellt die ihn am wenigsten berührende Frage als Aufhänger eines möglichen Gesprächs dort, wo sie hingehört, an den Anfang:

- Was trieb dich zu uns?

(Knix notiert die Wendung trieb mit der Genugtuung eines über fremde Einfälle staunenden Rivalen).

Der Angesprochene anwortet:

- Ich will glücklich werden.

Muss man noch erwähnen, dass nach einer derart raffiniert doppelsinnigen Frage eine derart schlichte, unwissenschaftliche, vom geforderten Niveau der Untersuchung her beleidigende, wo nicht gar an versteckten Hohn grenzende Antwort allgemeine Enttäuschung hervorruft?

Doch Sir Knox wäre nicht Sir Knox, wenn seine Lider gezuckt, seine Lippen sich verzogen hätten.

- Anders gefragt, melodiert Knox in das entstandene Schweigen hinein, warum bist du von Schweiß bedeckt?

- Ich fiebere einer Entscheidung entgegen, antwortet der Zwitter, einer Lösung. Wenn nötig mit einer Operation. Ich weiß nicht, was ich fühle, wohin ich gehöre. Ich weiß nur, dass es so nicht weitergeht. Verwirrung ist nicht das Wort, um meinen Zustand zu benennen. Ich kenne kein treffendes. Als Mann ist meine Haut Kostüm, als Frau Verkleidung. Ich fürchte mich.

- Vor?

- Vor meiner Angst.

- Bruder! Schwester! ruft Knix, Angst, jaha, Angst! Angst ist die Startrampe für alle Kultur-Raketen! Frag nach der wichtigsten Voraussetzung für einen Dichter. Heller Kopf? Talent? Genie? Arbeitseifer? Vergiss diese Märchen! Was zählt ist eine vermasselte Kindheit. Eine verkorkste Jugend. Gefolgt von depessiven Schüben und Panikattacken bis ins höchste Alter. Hör auf mich, pfleg deine Angst, sie hält dich treu und stetig im Sektor des Besonderen. Bruder! Schwester! Halte aus! Halte durch! Du armer begnadeter Wicht!

Erschöpft von dieser Eingabe faltet Sir Knix sich in seine soeben verlassene Sitzposition zurück. Der Rest der Runde erstarrt in Ablehnung.

- Nicht er hat Angst, verbessert Knox den vorlauten Schwärmer von oben herab, vertiefen Sie ihre Sicht ins Psychodynamische: Es hat Angst! Das Es in seinem Er. Soviel Genauigkeit sollte schon sein, Knix, um gar nicht erst ins Populistische abzugleiten. Knoxito, verdammt, nehmen Sie die Unterbrechung zu Protokoll und federn sie durch eine kluge Bemerkung ab.

- Wenn Sie mir über Es reden, folgt Knoxito der Aufforderung, gibt es mindestens drei, wo nicht gar, sofern Sie Isaak den Blinden einbeziehen und ein Anhänger der Kabbala sind, vier Ese.

- Führen Sie diese von mir geklaute, aber Ihrerseits nicht ungeschickt verpackte Überlegung aus, Knoxito. Achten Sie dabei auf die Reihenfolge.

- Das erste Es ist das, was Sie sich vorstellen, wenn Sie den Klienten betrachten und über ihn sprechen. Das zweite Es ist das, was ich mir vorstelle, wenn ich Sie davon sprechen höre. Das dritte Es ist das, was in dem Klienten steckt, der dort liegt und – egal was gesprochen wird – davon keinen Schimmer hat.

- Weil?

- Weil es das oberste Merklmal des Es ist, unbemerkt zu bleiben.

- Ansonsten?

- Ansonsten ins Ich rutscht.

- Und dort im schlimmsten Fall?

- Und dort im schlimmsten Fall vom Überich Prügel bezieht.

- Ausnahme?

- Ausnahme, wenn das Es im Traum erscheint, weil da bekanntermaßen Ich schläft und Überich nicht einschreiten kann.

- Sagt wer?

- Sagt Sig Freud.

- Und liegt damit?

- Und liegt damit aber sowas von daneben.

- Freundlicher ausgedrückt?

- Freundlicher ausgedrückt im Feld des höchst Fragwürdigen.

- Was besonders?

- Was besonders Sir Knox in seiner Aufsehen erregenden Habilitationsschrift zur Psychodynamik hieb- und stichfest darstellte.

- Aha! Und das vierte?

- Das vierte Es, wenn Sie Isaak den Blinden einbeziehen, schwebt als eine Art astraler Doppelgänger im Kosmos. Es heißt bei Isaak: Und wird ein Ding, sei es noch so gering, von ihm in Bewegung gebracht, dann auch jenes obere, das darüber gesetzt ist, denn alles ist wechselseitig untereinander verbunden und geeinigt.

- Gut, Knoxitino, aber auch nicht besser.

Mit dieser Verlobung auf den Lippen wendet sich Sir Knox dank seiner tennisbeschuhten Wendigkeit wieder dem Klienten zu:

- Wenn du dich beschreiben müsstest, womit fingst du an?

- Wenn man eine dritte Person, sagen wir mich, beschreiben müsste, beginnt der Patient, der schon jetzt zweifelt, ob er sich in die richtigen Hände begeben hat (vertraulicher Tipp vom Briefträger, vielleicht nicht zu Unrecht im Mietshaus verschrien als Unglücksbote) dann wäre es angemessen, mit den Füßen zu beginnen. Ich habe es immer als falsch empfunden und widerspreche – obwohl Laie in Fragen des Stils und Spannungsaufbaus – dem üblichen Vorgehen in Romanen, mit dem Kopf zu beginnen, Sitz so vieler Widersprüche, die man unerklärt lässt, während man sich an den Wahrnehmungsöffnungen abarbeitet, als habe man damit schon eine Charakterskizze geliefert. Füße sind da doch fundamentaler. Sie verraten körperliche Gewohheiten, aus denen sich sowas wie Eigenschaften oder Charakter erst entwickeln. Auch geben sie nicht so plakativ wie die Normalo-Gesichter das Geschlecht preis. Sie wirken in der Hinsicht noch eher unpersönlich und doch nicht unwichtig, sondern im Gegenteil fesselnd. So kann das von den griechischen Skulpturen abgeschaute Schönheitsmerkmal eines den größeren Zeh um ein Weniges überragenden zweiten Zehs einem Tölpel wie einem Gelehrten, einem Tugendhaften wie einem Teuflischen gehören. Der Fuß ähnelt einer Klippe, der Knochen sind viele und nur wo er steht, ist Heimat. Er zeigt an, ob man ihn in einen Schuh quetschte oder ob er frei gespreizt laufen durfte. Er verrät den Landarbeiter, den Stadtstreicher, den Sportler, den Faulpelz, die Borsteinschwalbe oder die Ballerina... Mancher Fuß bringt es auf Bratpfannengröße, um besser über Schneefelder laufen zu können.

- Fetischist!

- Tschuldigung.

- Studierst du literarische Fakten?

- Heym studierte Chinesisch...

- Vaterkomplex!

- Tschuldigung.

- So kommen wir

- Tschuldigung.

- nicht weiter. Naturam expellas furca tamen usque recurret. Selbst ein Rückschritt der Natur bringt Fortschritt. Jede Regression ist Progression durch die Hintertür.

- Verzeihung, Knox, wenn ich Sie nochmals unterbreche, unterbricht der Logophile den Psychophilen, es muss sein. Ich befürchte, dass sonst die überaus gelungene Beobachtung eines Romanlesers der Sonderklasse unter den Tisch fällt und von dort nie wieder hervorgeholt wird. Aber Halt! Was hat man da in der Tat bis zum Erbrechen verbrochen. Kaum taucht eine neue Figur auf, müssen wir unfehlbar eine weitere Gesichtsbeschreibung hinnehmen. Und natürlich ist dieses Gesicht – wenn’s was Feineres darstellt – aus Alabaster. Und natürlich ist’s unvermeidlich, auf den vollendet gerundeten Schwung der Augenbrauen hinzuweisen. Und natürlich hebt sich die eben doch fast zu kleine, aber deshalb eben vielleicht auch gerade wenn nicht griechische, so doch tibetanisch filigrane, rosiggelbe, zwischen Marzipan, Marmor und naturbelassenem Bienenwachs schwankende, tiefe Witterung mit geistiger Spannkraft vereinigende und um es wohl noch ein wenig besser auszudrücken hochgradig empfindliche und hochmatt gepuderte – wo war ich? – Nase oder Wange gegen den Glanz der wie poliert anmutenden Schläfen wohltuend ab, einen Kontrast mildernd, der für sich genommen vielleicht unerträglich gewesen wäre und dann auch die seidige Lockenpracht darüber eher wie angeklebte und gefärbte Watte hätte aussehen lassen, statt der in Wahrheit vom Mittelscheitel über das Haupt in feinen Wellen herabrieselnden naturechten Goldsträhnen, die zum Gesamtbild der fast übersensiblen, stellenweise ins Kränkliche abgleitenden Aufnahmefähigkeit bis hin zu einer gewissen - man wagt es ja kaum anzudeuten – epiphanen Fähigkeit Zeugnis ablegen, was dann doch Gott sei Dank von dem sinnlichen, wenn auch nicht offen wollüstigen Mund wieder ins weltliche Lot gerückt wird, wobei wir gespalten bleiben, ob wir den Mund, wie wohlgeformt er auch sei, doch eher zurückhaltend scheu und in seiner wohlgeformten zurückhaltenden Scheue gänzlich unsinnlich finden sollten, nur anfallsweise von Begierde durchrast, was nach Meinung bekannter Physiognomen im ersten Moment paradox, im zweiten Moment so selten nicht ist. Dieser markant paradoxe Kopf ruht in seiner die Widersprüche des Lebens im allgemeinen und die – wie wir sehen werden – noch dramatischeren eigenen im besonderen spiegelnden Züge auf einem in allen Belangen ebenbürtig wohlgeformten Körper, der uns einerseits schmal, schlank und edelblass, andererseits durchtrainiert und energiegeladen entgegentritt, beginnend bei dem weder zu langen noch zu kurzem, weder zu muskulösem noch zu schwächlichen Hals, der---

--- und so weiter und so fort vollendet war!

- In der Tat vollendet war. Und---

--- und damit Schluss! Weil uns, bis wir bei dem Tempo zu den vollendet gestalteten Zehen kommen, schon der Sargdeckel winkt. Sagen wir einfach: Lektion gelernt und ab dafür!

- Was zu beweisen war.

- Jede weitere Drohung wäre lächerlich.

- Jede weitere Träne unbedeutend.

- Oder unnötig?

- Beides.

- Oder unangebracht?

- Auch das.

- Wir rudern ins Wirbelströmige?

- Ich fürchte, ja. Aber muss sein.

- Reculer pour mieux sauter, setzt Knox seinen Gedankengang fort, als hätte es Knix‘ horrende Gesichtsverklitterung nicht gegeben. Die Natur weicht einige Entwicklungsschritte zurück und nimmt auf diese Weise Anlauf, um noch weiter nach vorne zu springen. Mit anderen Worten, kein Futurismus ohne Atavismus. Warum übrigens immer mal wieder mit anderen Worten? Es geht darum, griffig zu sein, um begriffen zu werden. So fordert ein Satz, um griffig zu sein, einen Zusatz, wie wir ja, außer den Chinesen, die mit einer Hand klatschen können, als weniger Begabte zwei Hände brauchen, um etwas sicher zu packen, das heißt, wirklich zu verstehen. Das Gemeinte in die Zange zu nehmen. Das gleiche mit anderen Worten abzurunden. Wobei ich nicht verschweige, dass Dauernörgler hier von störender Redundanz, von überflüssigem Geschwafel reden. Null Kenne, die Armleuchter! Wo Gedanken schmollen, müssen Worte rollen. Schritt zurück also in Wahrheit Sprung vorwärts. Erweiterung der Spielräume. Austrieb neuer Zweige, sei es auf der Geschlechterskala, sei es im Kulturellen, im Spirituellen oder im Dinghaften. Um nicht gleich Leben zu sagen.

- Was Sie hiermit sagen.

- Aha! Haben wir hier einen Schnellmerker? Haben wir hier einen etwas vorlauten Durchblicker erwischt? Ich deute lediglich die bemerkenswerte List der Natur an, neue Triebe zu entwickeln, indem sie den Stamm zurückschneidet. Mehr nicht.

- Oh, Sir Knox, schmeichelt Knoxito, stellen Sie ihr Licht nicht in den Eisschrank.

- Kühlschrank, glaubt Knex korrigieren zu müssen. Am Eisschrank erkennt man die Trinker!

- ...nicht unter den Scheffel, Knoxito, korrigiert der sprachkundige Knix die Entgleisung streng und endgültig: sein Licht soll man nicht unter den Scheffel stellen. Ob der Spruch auf Sir Knox zutrifft, lasse ich hier besser offen.

- Problem ist nur, verehrter Knix, dass kaum einer noch weiß, was ein Scheffel ist. Eisschrank

- Kühlschrank! - kennt jeder.

- Kennen Sie den Witz, wie ein Schotte herausfinden will, ob das Licht im Kühlschrank bei geschlossener Tür auch tatsächlich aus ist?

Knix wittert seine Chance, den Unterschied zwischen einem zur letzten Tiefe vordringenden Fachwissen und einem ansatzweise richtigen, aber im Ansatz steckenbleibendem Flachwissen zu verdeutlichen:

- Was Sir Knox hier für einen Satz andeutet, der einen Zusatz braucht, um rundum begriffen zu werden, nähert sich ansatzweise dem zugrundeliegenden Phänomen, das schon beim Wort beginnt. Wie das, oh kundiger Knix, fragen Sie sich erstaunt. Ich will Ihnen die Lösung des Rätsels verraten. Worte sind Spaltpilze! Sinn erhalten sie nur, wenn sie sich von ihrem Gegenteil absetzen. Benennen ist ans Negieren gebunden – determinatio est negatio, um nicht hinter dem allgemeinen latino-romanischen Niveau zurückzustehen, das hier schon mehrfach zur Einschüchterung der Kollegen zum Einsatz kam. Jeder Satz ist verdammt, Geeintes zu trennen, auch wenn er beabsichtigt, es am Ende wieder zu vereinen. Auf der Ölspur der Sätze schlittern nicht nur Subjekt und Objekt, Zeichen und Bezeichnetes auseinander, die Dinge zerfallen in Beschreibung und Deutung. Das Resultat? Gekränkt zog sich die Anima aus der Sprache zurück. Sie weigerte sich, Schamanen, Propheten und mit dem Jenseits verkabelten Hermaphroditen weitere Auskünfte zu geben, die sie bislang in gewöhnlichen Sätzen an ihre Gefolgschaft weitergaben. Seither werfen sich die Erleuchteten epileptisch zu Boden, schütteln die Fäuste und lallen aus schäumendem Mund, was für die Anwesenden heißt, dass sie in allen Zungen reden und jeder das Seine versteht. Wie beim permanent zugedröhnten Orakel, in dessen Wortwolken der eine eine siegende Faust sieht, der andere einen zerquetschten Wurm, der ihm den Untergang voraussagt.

- Öha, Knix, stößt Knox in gespielter Bewunderung aus, öha! Was wollen Sie ins damit sagen?

- Auf den Punkt gebracht?

- Auf den Punkt gebracht.

- Wer redet lügt, solange er klare Sätze von sich gibt! Er lügt im Sinne einer Wahrheit, die ohne ihr verschwiegenes Gegenteil nicht wahr sein kann. Das, oh Kreis der Zungenwedler, ist der Fluch der Sprache und Quelle aller Poesie. Die üblichen Worte kratzen an der funktionalen Oberfläche. Sie taugen zur Alltagsbewältigung und Selbstbetäubung. Tiefere Seinsgründe, die nur der Poet auslotet, treiben über verständliche Sätze hinaus zum reinen Fluss der Rede, flumen orationis, was wir mit einem Wasserfall aus Klängen übersetzen dürfen, die sich wie Worte anhören, ohne im Sinn eines wahrgenommenen Inhalts noch welche zu sein.

- Äh, nur mal vorsorglich gefragt, flumen orationis, könnte das Ihr Beitrag zu unserem Thema werden?

- Zur Vollendung gebracht: Ja.

- Danke für die Warnung! rufen Knox und Knax wie aus einem Mund.

- Dann werden wir weitere Beiträge von Ihnen zu verhindern wissen, sagt Knox

- Dann werden wir auf ein silentium rigorosum Ihrerseits bestehen müssen, sagt Knax.

- Fahren Sie bitte fort, Sir Knox, ermunter Knax den soeben entdeckten Verbündeten.

- Der Pöbel giert immer nach Synthesen und Symbiosen, nimmt Knox seinen Faden – mehrfach ungebührlich von Unbefugten zerrissen – wieder auf, Synthesen und Symbiosen! Damit bewegen wir uns allenfalls im Vorhof der Wahrheit. Wahr ist allein die Differenz!

- Bravo! ruft Knax.

- Bravo! ruft Knoxito: Differenz!

- Am Anfang aller Dinge steht der Unterschied.

- Was uns immer wieder beschäftigen wird, lieber Knox, bestätigt Knax.

- Der Pöbel sucht nach Vereinigungen des zunächst Unvereinbaren, kurz gesagt nach Harmonie – fürchterlich falsch! Lasst Gegensätze um mich sein! Lasst mich in Widersprüchen zittern! Wie sollte ich die Batterie meines Geistes anders als zwischen einem Plus- und einem Minuspol aufladen!? Wie nennen Fachleute die Vereinigung dieser Pole? Kurzschluss. Damit ist alles gesagt. Stromausfall. Wer sich auf dem Polster einer Synthese ausruht, dem sind die Sicherungen durchgebrannt. Synthese ist ein furchtbares, ein verhängnisvolles Wort. In diesem Wort steckt ein lebensfeindlicher Gedanke, der so alt ist, dass er schon vorgebracht wurde, als man noch gar nicht denken konnte. Als sich Leiber nur leiblich Bescheid stießen. Was wir bei dem Patienten suchen, ist also Differenz. Und wenn er uns wie eine Mann-Frau-Synthese vorkommt, dann handelt es sich in Wahrheit nicht um eine Mann-Frau-Synthese, sondern um eine doppelte Differenz.

- Wenn Sie es sagen, wagt der Patient zu flüstern.

- Und ob ich es sage!

- Ich will doch nur geklärt wissen, wo ich hingehöre. Sitzen meine Gefühle in einem falschen Körper? Habe ich als Zwitter eine Wahl oder ist das Wahllose mein---

- --- sag jetzt nicht Schicksal!!!

- --- mein sag jetzt nicht Schicksal?

- Pah! Zu Recht nennt Paolo Mantegazza die Behauptung Mirabeaus, dass die Seele kein Geschlecht habe, sondern nur der Körper, eine große Dummheit. Alles hat sein Geschlecht, auch du und auch deine Seele. Du kennst es noch nicht, aber du wirst es kennenlernen... Alsdann, hopp, werden wir pragmatisch! Geben wir uns unvoreingenommen... Analyse, Herrschaften, Analyse, nicht Synthese, das sei unsere Mission!

Mit diesen Worten winkt er Dok Knax, Facharzt der Chirurgie, der Anästhesie und Notfallmedizin, Neurologe, Genetiker, Ethnologe und Ethologe mit der Aufforderung aus dem Stuhl, er möge ihnen die medizinische Basis erklären, auf die er – Knox – den psychodynamischen Überbau satteln könne. Gleichzeitig gebietet seine andere Hand dem Tanzbarbesitzer Knex, der zu Recht einen ihn überfordernden Vortrag fürchtet und sich vom Hocker lupft, um Einspruch zu erheben, sich wieder zu setzen, und zwar wortlos – dies umso energischer, als Knox in dem überbeleibten Knex ein Musterbeispiel aus der von Krafft-Ebing herausgegebenen Sammlung der Psychopathia Sexualis sieht, wenn auch noch ungeklärt, in welcher Sparte des Abartigen.

Mit frisch desinfizierten Händen (er leidet unter einem Waschzwang, den er als berufliche Sorgfalt kaschiert) schiebt Dok Knax die Ärmel seines weißen Kittels hoch (sie fallen augenblicklich in die Ausgangslage zurück) und schreitet – bevor er redet – zur Tat. Er befestigt je einen Saugtrichter rechts und links an die Schläfen des Klienten, stülpt anschließend die Schädelkappe mit neunzig Milliarden Nano-Sensoren von der Stirn bis zum Nacken, hart an den Ohren entlang. Man vernimmt saugende Kontaktgeräusche. Die Abbildung der Hirnzellen, durchschnittlich fünfundachtzig Milliarden, bei Yogis mit hundertjährigem Transzendentaltraining auch an der einhundert Milliarden Marke, soll eins zu eins abgebildet werden. Alle damit verbundenen Aktivationsmuster und Vernetzungskombinationen eingeschlossen.

- Die Leute, sagt Knax und spuckt in eine von Knaxito gehaltene Schüssel, da Knax immer spuckt, wenn er einen Satz mit Die Leute hört: Die Leute reden gern vom Rückenmark und vom Hirnstamm, das sie auch Reptilhirn nennen, haha. Sie reden von Kernen, als hantierten wir hier mit Kirschen. Sie reden von einem Gewölbe über dem Hirnstamm, das sie als limbisches System zusammenfassen und zum Sitz, ich wiederhole, Sitz, haha, Sitz aller Affekte erklären. Sozusagen zur Reservatenkammer der Gefühle mit einem Wurmfortsatz fürs Religiöse, eine Art himmlischer Blinddarm, ich wiederhole Blinddarm, haha, getoppt von der über den gesamten Hirnzellen-Blumenkohl gezogenen Badekappe des Großhirns mit seinen angeblich genau lokalisierbaren Arealen für die sogenannten höheren Hirnfunktionen, Lesen, Schreiben, Rechnen, Kombinieren, Komponieren – und Hirnareale lokalisieren!

Haha. AberAchtung! Was sich nach oben an Hirnstrukturen übereinander schichtet, läuft auch Wirbel für Wirbel nach unten, bis zum sogenannten zweiten Gehirn, dem Darm, und weiter über Schenkel und Waden bis zur Sensumotorik der Fußsohlen.

Haha. Jetzt Obacht, Herrschaften! Unser Gehirn ist ja nicht nur geschichtet, es ist auch gespalten. In eine linke und eine rechte Hemisphäre gespalten. Hemisphäre, haha, das klingt auch so schön wuchtig, als wollten die Werbelyriker unseres Denkvermögens hier eine kosmische Dimension einschmuggeln. Sei’s drum, die beiden Gehirnhälften sind durch eine sogenannte Brücke verbunden. Was, fragt sich der aufgeweckte Zeitgenosse, verbindet diese Brücke genau und was fließt unter ihr weg? Antwort lässt nicht lange auf sich warten: rechte Hälfte ist fürs Kreativ-Intuitionistische, linke fürs Rational-Analytische verantwortlich. Die Brücke sorgt nun dafür, das eins dem andern hilft, indem die Fähigkeiten hinüber und herüber transportiert werden, ohne ins Wasser zu fallen, haha. Geht’s noch blöder? Ich glaub kaum.

Vor allem wenn die Leute (er spuckt), von den sich überkreuzenden Nervenbahnen in Kenntnis gesetzt, plötzlich mit links schreiben wollen, um ihre rechte Hirnhälfte zu aktivieren, haha. Nein, Herrschaften, das Hirn ist ein plastisches Organ, das bei einem Neunzigjährigen vielleicht mit einigen etablierten Mustern aufwartet, aber selbst dann noch keine brauchbaren Sätze formuliert, ohne von der Weisheit des Sonnengeflechts geküsst, von einem Reflex im Knie geschliffen, von einem Blitz aus dem Nacken erhellt und von einer Darmperistaltik ins rechte Lot gerüttelt zu werden.

Die Leute (er spuckt), kartographieren das Gehirn als sei’s eine Landkarte, tragen Schichten ab und Funktionen dafür ein – soll’n sie doch! Lasst sie doch! Ist ja im Detail nicht ohne, nur in toto amüsant, deshalb mein haha Lachzwang. Kein Mensch, der seine Sinne beisammen hat, bezweifelt die Arbeitsteilung des Gehirns, nicht falsch verstehen! Keiner bezweifelt, dass es Regionen gibt, in denen sich schwerpunktmäßig ein Leistungsvermögen sammelt. Um das zu belegen brauchen Sie nur diese Regionen zu zerstören. Darüber aber nicht die zugrundeliegende Wechselwirkung und Kompensationsfähigkeit der Zellhaufen aus den Augen verlieren!

Ein Areal lebt vom anderen. Tauscht sich mit ihm aus. Hängt von ihm ab. Kann im Ernstfall einige seiner Aufgaben übernehmen. Bloß weg mit der Behauptung, ein Areal hört, sieht, fühlt, schmeckt, riecht, urteilt, plant, koordiniert, versteht... isoliert von den andern. Darum geht es, wenn wir unserem Hermaphroditen gerecht werden wollen. Keine isolierte Betrachtung, Herrschaften!

Aus der Summe aller Gehirnaktivitäten wächst ein Bewusstsein, heißt es, und aus dem Bewusstsein ein Denken, ein Verstand... Freunde des Lebens, ist das nicht köstlich? Mir zieht keiner den Geist aus der Hirnflasche, mir nicht! Warum? Weil ich mit der ehrlichen Zunge eines Physiologen sage: Stiege sogar ein Engel herab und löste uns das Materie-Geist Rätsel, wir verstünden ihn nicht.

Was ich hier leiste, ist die holografische Bildgebung der Gedanken des Patienten oder Klienten, den ich Proband nennen möchte, um seine Situation besser zu treffen. Ich darf Ihnen hier die Erfindung meines Betatrons vorstellen, das erst in einigen Jahren Furore machen wird, wenn es zum Alphatron gereift ist, das aber heute schon gradheraus erfüllt, was jenes künftig rundum leistet.

- Sind denn nun, verehrter Knax, auch alle motorischen und sensorischen Rinderfelder lückenlos abgedeckt, wagt sich Sir Knox mit seinem neurologischen Grundschulwissen ins Spiel zu bringen, um von Dok Knax unwirsch angefahren zu werden: Wie meinen Sie das?!?

- Nun, äh, ich zapfte seinerzeit von der Hirnbasis die klassischen zwölf paarigen Gehirnnerven an, den nervus olfactorius, opticus, oculomotorius, trochlearis, trigeminus, abduceus, facialis, acusticus, glossopharyngeus, vagus, accessorius und hypoglossus, wem sage ich das---

- ---In der Tat, wem sagen Sie das, Menschenskind!

- ---wobei ich aus psychodynamischen Gründen speziell das Gebiet des oberen Stirn- und vorderen Scheitelhirns noch an gesonderte Echolote geknüpft wissen möchte...

- So? Möchten Sie? Ist ja enorm hilfreich, Ihre Knüpf-Eingabe. Ab jetzt halten Sie sich besser zurück, sonst ziehe ich Ihnen mit meiner Knochensäge einen neuen Scheitel über das von Ihnen so speziell bedachte Scheitelhirn.

- Schon recht, Dok, schon recht, jeder in seinem Fach. Wir haben uns doch eben noch so prächtig verstanden. Dabei soll’s bleiben. Klar, Schuster bleib unter deinesgleichen!

- ...bleib bei deinen Leisten, korrigiert Knix.

- Bleib unter deinen gleichen Leisten? fragt der Klient, den Dok Knax lieber Proband nennt, extra falsch nach – fragt aus dem einzigen Grund nach, damit man nicht vergisst, dass es weniger um einen Schuster als um ihn geht.

- Ja hört denn hier niemand, was ich meine, wenn ich was anderes sage, empört sich Sir Knox, und dann auch noch Nachfragen von einem aus unter den Tüchern! Statt innig zu schweigen, bis er gefragt wird! In welchen Untiefen waten wir?

- Sprecht mir von Untiefen, meldet sich der ansonsten phlegmatische Genussmensch Knex zu Wort, als dauerbefriedigter Mensch ruhig und geduldig wie eine Tulpenzwiebel im Winterschlaf: Verlieren wir nicht unser Thema aus den Augen?

- Verlieren wir nicht unser Thema aus den Augen? echot der dazugeschmuggelte Knux auf der Suche nach einem Verbündeten.

Das finden alle, außer Knix, der nie müde wird zu betonen, dass der kürzeste Weg zum Ziel grundsätzlich der Umweg sei. Wer von A nach B will, ohne C zu streifen, sollte besser gleich auf A bleiben, weil B ohne C – und möglichst noch D und E und F – nicht oder nur uunzulänglich erreicht wird.

Die Knix’sche Umweg-Verteidigung erntet wiederum von Knex und seinem vorübergehenden Echo Knux ein Kopfschütteln, das sich gewaschen hat. Flehende Blicke zur zielführenden Tat richten sich auf Knax. Der weist durch knappe Fingersignale darauf hin, dass es mit dem reinen Gehirn-Screening nicht getan ist. Es bedarf noch einiger Zusatzdaten, um den Probanden bis in die letzten Winkel zu erfassen.

Aus dem Grund gilt es, weitere elektrophysiologische Komponenten abzugreifen. Dok Knax löst die Laken sorgfältig von dem Probanden, damit er sie nach dem Anschließen einiger Elektroden an dessen Körper wieder über ihn – den Körper des Probanden – fachgerecht falten kann. Gut, er ist nicht Christo, aber momentan muss Kunst der Pragmatik weichen.

Die Silberplättchen werden mit einer leitenden Collodium-Haftmasse an den entsprechenden Hautarealen befestigt, wo sie innerhalb einer Minute abhärten. Aufschlussreich sind zum Beispiel die elektromuskulären Aktivitäten am Nacken, weil sich dabei Hypothesen über die entwicklungsgeschichtliche Spaltung vom Ur-Affen zum Erstmensch bestätigen lassen, die allerdings Knax selber, von einer anderen Lehrmeinung überzeugt, nicht weiter beschäftigen.

Unerlässlich erscheint ihm dagegen, Erregungspotenziale an den Extremitäten durch eine Kombination von Elektrodenplättchen an Handfläche und Handrücken sowie Fußsohle und Fußrücken in seinen Datenerfassungsplan einzubeziehen. Damit die Drähte nicht unkontrolliert herumtanzen, werden sie locker von den Füßen um Waden und Schenkel des Probanden geschlungen, durch seine Pospalte gezogen und zusammen mit den von den Händen kommenden locker – es sollen ja noch Bewegungsfreiräume bleiben! – um die Brust gewickelt, ehe sie, hinters Ohr geführt, mit Isolierband an die schon gebündelte Kopfverdrahtung verbracht werden.

Anatomisch geschickt befestigte Haftstreifen verhindert ein Verrutschen der Drähte bei gleichzeitig gesteigertem Wohlbefinden des Probanden, der sich sicher verklebt weiß.

Die Herzstrommessung, im Volksmund Elektrokardiogramm genannt, verlangt zwei zusätzliche Elektroden, die in der beschriebenen Weise mit Collodiumpaste zum einen direkt über dem Herzen, zum anderen etwas tiefer und seitlich, auf Höhe des Sternums, ihren Platz finden. Auch diese Drähte wandern um des Probanden Brust, bevor sie, mit den Fuß- und Handdrähten des Elektromyographen und den Kopfdrähten des zum Betatron erweiterten Elektroenzephalographen verbunden, im Großrechner verschwinden.

Die Messung der Augenbewegungen stieß seinerzeit eine der wichtigsten Tore moderner Schlafforschung auf. Millionen Artikel sind durch dieses Tor geschleust worden, doch mit der Erfassung der bloßen Augenbewegung – etwa indem man dem Probanden je ein Elektrodenplättchen aufs Lid heftete – kann sich ein Knax nicht zufrieden geben. Hier will er nach internationaler Übereinkunft für die Plus- und Minus-Ausschlagrichtung je ein Silberplättchen unter und über dem Auge und je eines an beiden Augenwinkeln anbringen. Die Drähte dieser Augapfelrollregistrierung, von Laien gern Elektrooculogramm genannt, werden nun ebenfalls über den Kopf des Probanden mit den Drähten des EKG, EMG und Betatron-EEG verbündelt, um die möglichen Bewegungen des Probanden nicht zu stören, die sich oft bis ins katatone Herumwerfen, Hochfahren und über die Bettkannte Rollen steigern.

Die Atemerhebung, dem Mann auf der Straße als Respirogramm bekannt, besteht klassischerweise in der Messung der Brustkorbausdehnung mittels Gummischlauch. Diese Technik, seinerzeit hochgelobt und global angewendet, lehnt Dok Delicatus & Aestheticus Knax als zu plump verschnürend rundweg ab. Er benutzt einen Wärmewiderstandsmesser, bestehend aus einem hochempfindlichen Drähtchen in Glas, durch eine Plastikhülle geschützt. Der Atem-Messer wird am Naseneingang angesetzt. Der Atemausstrom verursacht eine Temperaturänderung, registriert als Veränderung des elektrischen Widerstandes. Ein Zusammenhang, an den sich die Metalle seit Georg Simon Ohm und Werner Siemens halten. Die vollisolierte Leitung ist mühelos von der Nase hinter dem Ohr über des Probanden Kopf mit der Betatron-EEG- EMG- EKG-EOG-Verdrahtung zu verknüpfen, ohne weitere Störungen anzurichten.

Nicht minder aussagekräftig für die geheimen Nachrichten aus dem sogenannten Unterbewussten, dessen Existenz bei aller berechtigten Kritik der Gegner dieser Annahme (die hinterlistig zur verführerischen Frage nach dem Überbewussten drängen) hier nicht weiter angezweifelt werden soll, verrät sich am unmissverständlichsten durch die Häufigkeit, Härte und Dauer der Gliedversteifung, sei es in Form des Penis oder der Klitoris, was bei dem Probanden beide Optionen bietet, bei der Erfassung lediglich wegen der technisch leichteren Griffigkeit beim Penis zum Einsatz kommt.

Die fein abgestuften Schwanzerhebungen, die Gosse redet hier von Penislevitationsgraden, treten meist zeitgleich mit den Augenrollphasen auf, die ihre Entdecker übrigens voreilig zu Traumphasen stempelten. Sie stehen jedoch mit jenen primärgenitalen Schwellungen in keinem ursächlichen Zusammenhang.

Die zunächst entwickelte Technik der erektilen Datenerfassung bestand darin, einen mit Wasser gefüllten Polyvynilschlauch um das entspannte Glied zu legen. Je nach Versteifung und der damit einhergehender Umfangvergrößerung stieg der Wasserspiegel im Schlauch. Dank eines Übertropfmechanismus’ konnte das Volumen bis auf den Kubikmillimeter genau erfasst werden. Der Nachteil des Verfahrens lag in der Schwerfälligkeit der Messapparatur, die wie eine eingeschlafene Hand um das Glied hing und dort sogar Ereignisse, die sie lediglich zu registrieren vorgab, allererst hervorrief.

Nach intensiver Forschung stieß man schließlich auf den Befund einer erhöhten Hauttemperatur um bis zu 15° Celsius bei voll ausgefahrenem Ständer, was eine neuartige Messmethode für den fraglichen Körperteil ins Leben rief. Es gelang, den schon beim Respirographen beschriebenen Temperaturwiderstandsmesser nun auch am Glied – Sexualforscher reden vom elften Finger, der Laie vom Penis, der Kardiologe von der Antenne des Herzens – hier gewinnbringend einzusetzen.

Das brachte unter anderem den Vorteil mit sich, die bislang in der Hinsicht vernachlässigten Frauen als Kontrollgruppe heranziehen zu können, denn die vermehrte Durchblutung und somit Temperaturzunahme trat in gleicher Weise an ihren Schwellkörperbereichen – im Fachkreisen Mösenknopf oder Kitzler genannt – ein. Damit bestätigte sich für diesen Teil der Menschheit eine den Männern in nichts nachstehende nächtliche Erregungskurve, die, lange vermutet, endlich ins rechte Licht der Zahl rückte.

Vollkommen glücklich macht diese Technik dann doch wieder nicht, weil die Ergebnisse zu unspezifisch ausfallen: Haut-Hitzesteigerungen können auf zu viele Ursachen zurückgeführt werden! Knax löst das Problem, indem er die ältere Idee auf einer höheren Perfektionsebene wieder aufgreift. Lassoartig legt er einen mit Quecksilber gefüllten Silikonschlauch, Innendurchmesser 1 mm, um den unerregten Zipfel des Probanden, der – das bitte im Auge behalten – zugleich Probandin ist.

Zwei Platinelektroden messen bei erhöhter Ausdehnung den sich verändernden Widerstand, diesmal nach dem Gesetz, dass sich der Widerstand verringert, je dünner der Durchmesser des Leiters wird. Die Leichtigkeit des Messinstruments verbindet sich vorteilhaft mit der Möglichkeit, die genaue Umfangssteigerung Grad für Grad zu skalieren. Einer Standardisierung und somit allgemeinen Vergleichbarkeit steht aus dem Grund nichts mehr im Weg, wenn auch noch unklar ist, was das soll.

Der Proband hat mit Dok Knax einen Experten erwischt, der als gewiefter Tüftler das Ursprungsprodukt auf einen mit Graphitstaub gefüllten Gummischlauch verfeinerte, ganze federhauchige zwei Gramm leicht! Dieser Schlauch legt sich praktisch unfühlbar ums entspannte Glied, öffnet sich jedoch schon bei dem leisesten Innendruck entlang eines hyperflexiblen Zähnchenbandes, das sich bei Objektabschwellung ebenso elegant in die Ausgangsposition zurückzieht.

Die beiden Drähte des Phallogramms werden unter Berücksichtigung des zu erwartenden Spielraums an dem Bauch um die Brust hinter dem Ohr über den Kopf des Probanden mit den Betatron-EEG- EMG- EKG-EOG- RG-Drähten verbündelt, um die ungehemmte Bewegung des ganzkörperlich Erfassten zu erhalten.

Für die Messung der bioelektrischen Hautaktivität stehen zwei Techniken zur Verfügung, die Knax der Einfachheit halber beide nutzt: zum einen die direkte Messung des Hautpotenzials mit Hilfe galvanischer Gesetze – am Stammtisch hat sich der Ausdruck psychogalvanischer Hautreflex durchgesetzt – zum anderen die Messung des elektrischen Hautwiderstandes nach der Ohm’schen Gleichung.

Elektrodenplättchen werden an Handfläche und Handrücken, im Fuß- und Schenkelbereich angeschlossen, darauf achtend, dass es nicht zum Gedränge mit den schon angebrachten Plättchen kommt, alsdann in bewährter Manier um Bein, Arm und Brust gewunden und zu dem aus Betatron-EEG- EMG- EKG- EOG- RG-PhG-Drähten zusammengeflochtenen Gebilde, das man inzwischen schon einen strammen Leitungsast nennen darf, zum Großrechner im Nebenraum geführt.

Zur elektronischen Temperaturmessung, salopp Elektrodermatogramm oder, mit Volkes eigenem Sprachwitz Elektrothermodermatogramm genannt, benutzt Knax die handelsüblichen Thermosensoren, die er, prinzipiell überall anschließbar, von ihm aus Gründen möglicher Leitungsdraht-Überbordung lediglich unter den Achseln und rektal einsetzt.

Es wirft ein schmeichelndes Licht auf den heutigen Stand der Körperanzapf-Technologie, dass weder die Befestigung der Sensoren unter der Achsel ein Kitzelgefühl, noch die Anbringung in den Ausgangsregionen des Darms einen Juck- oder Kratzreflex auslösen.

All dies ist zu bedenken, all dies wird von Dok Knax bedacht. Die Drähte von After und Achsel wandern um die Brust hinters Ohr über den Kopf des Probanden, wo sie mit Isolierband dem Betatron-EEG- EMG- EKG-EOG- RG- PhG- PGR-Drähtemast zugesellt werden, um den Probanden in keiner Weise zu behindern oder auch nur zu beunruhigen.

Jetzt fehlen noch einige Kabel für die Blutdruck- und Pulsfrequenzmessung, außerdem ein Magenfühler für das, um‘s populär auszudrücken, Elektrogastrogramm, sowie ein Ausdunstbeobachter, der unter der Bezeichnung des elektrometrischen Hydrogramms seinen Weg in die Alltagssprache gefunden hat.

Eine spezifische Art dieser Erhebung, bezogen aufs Bettnässen – das Angehörige wie Wissenschaftler bei Kindern und Greisen vergleichbar energisch bekämpfen – wird im Hinterhofjargon als elektrometrisches Urinogramm gehandelt. Pollutionen wiederum fallen nicht in den Datenpool der Hydrogramme, wie der Laie vermuten möchte, wohl aber – und das möge jeder an Luststeigerung beim Sex Interessierte gesondert begrübeln – die saftige Vorstufe der Pollution, die in dem vom Volkslied so gern besungenen Smegmogramm festgehalten wird.

So also, mit seinem ganz persönlichen Betatron-Drähtebaum von EEG- EMG- EKG- EOG- RG- PhG- PGR-EDG- EGG- EHG- EUG-Blutdruck- und Pulsfrequenzmessern über dem Kopf, darf der Proband ihn – den Kopf – ungestört aufs Kopfkissen zurücksinken lassen, in dem lediglich einige empfindliche Zusatzmikrofone verborgen sind.

- Nun denn, meint Knax, die Brille behauchend, um sein Nasenbein zu polieren, jetzt wollen wir als erstes die virile Seite des Probanden anschalten. Bist du bereit?

- Ja doch, antwortet der Proband, und das seit meiner Geburt.

- Dann Augen zu und los!

- Augen sind geschlossen, Sir Knax, meldet Knaxito.

- Erzählen Sie mir was, das ich nicht sehe, knurrt Knax seinen Assitenteh an.

- Wie dürfen wir den Gang der Dinge weiter verfolgen? möchte Knox wissen. Ich sehe keine Bildschirme, keine Monitore.

- Monitore? bellt Dok Knax nun den zusammenfahrenden Knox an, mein Betatron wäre beleidigt, müsst es die so umfassend abgesaugten Bilder in einen Monitor einspeisen. Nein, in der abgedunkelten Ecke des Labors werden wir maßstabsgetreue Hologramme genießen, die gestalterisch so echt erscheinen, dass Sie Ihre Gierfinger zügeln müssen, weil Sie einfach nicht glauben, dass dort keine Wesen aus Fleisch und Blut wandeln. Los geht’s!

Seine Hände bewegen die lautlosen, weil in K40 Kriechöl gelagerten Hebel. Das Hologramm des Probanden A1 – Antonio – erscheint in der abgedunkelten Ecke des Labors wie angekündigt.

Antonio lehnt mit geweiteten Nasenflügeln an der Tuffsteinwand der Kathedrale der Heiligen *** und wartet auf seine Geliebte. BING! BUNG! BENG! schlagen die Glocken als gelte es, sämtliche Gläubige im Umkreis von einhundert Kilometern an den fälligen Kirchgang zu erinnern. Antonie ist im Moment vor allem seine Nase. Seine Nase sortiert die rheinischgermanischen Gerüche auf der Suche nach den Düften des Orients. Seine vorüberflirrenden Wünsche passen zu dem weißlichen Nebel vor seinem Mund, als atme er Wasser ein und Milch aus. Antonio ist ein Mann, der liebt. Prärational. Ein Mann, der wartet. Dessen Unterteile in dieser Erwartung kribbeln, als stünde er bis zum Nabel in einem Ameisenhaufen.

Die linke, unberingte Hand steckt in der Hosentasche. Sie umklammert ein mauskleines Stoffkätzchen (sein Maskottchen, obwohl er wie alle Maskottchen-Träger schwört, nicht abergläubig zu sein). Seine rechte, unberingte Hand steckt zwischen seinem Kragen und seinem Hals. Die Beine sind akkurat nebeneinander aufs kaugummigefleckte Pflaster gestellt, Schuhspitzen parallel ausgerichtet (Kirchgänger sind in Weingegenden bekanntlich die fleißigsten Wrigley’s Spearmint Gum Kauer der Welt, trauen sich aber nicht, ihrem Laster in der Kirche selbst zu frönen und entledigen sich daher vor dem heiligen Portal ihrer Mundfüllung, obwohl Küster auch über die harten Batzen klagen, die von ganz Gerissenen unters Chorgestühl geklebt werden).

Antonios Schuhe sind sauber geputzt, aber nicht spiegelblank poliert wie bei den Luden, Staubsaugervertretern, Konzernbossen und sonstigen Geldwäschern. Was soll man noch vom ersten Eindruck sagen? Mitte dreißig, straßenkötergelbes Haar, kornblumenblaue Augen, schlank, nur um die Brust herum ein wenig wuchtig... kurz das für Spötter fade Weißbrot, für Anhänger das Sahnehäubchen auf der Menschheitstorte. Antonio trägt einen Dreiteiler, allerdings ohne Krawatte, was zugleich seriös und locker wirkt. Sein Hemd ist weiß, der Anzug blau, von so viel Rot und Grün durchsetzt, dass er gelb ist, wenn das Licht senkrecht fällt. Fällt das Licht schräg, steht der Anzug plötzlich violett da.

Wo andern Leuten in der Weste eine Taschenuhr steckt, steckt bei ihm ein Zigarettenetui, in dem er nach Größe geordnet Geldscheine aufbewahrt, weil er Portmonees hasst, die Diebe nicht zu Unrecht Fettmännchen nennen.

Ein Mann der westlichen Welt, kein Zweifel, mit allen degenerativen Verfeinerung, die diesen Menschenschlag auszeichnen. Nein, er hat keinen Hut auf. Nein, auch keine Mütze oder ein Käppi mit Botschaft. Nein, seine Socken sind nicht rot. Nein, auch nicht von unterschiedlicher Farbe. Und nein, er bunkert seinen Kamm nicht in der Gesäßtasche, sondern im Jackett. Vieles mehr könnte noch verneint werden, wenn nicht jede Klarstellung zehn neue Fragen nach sich zöge, und man an der Stelle mit Wehret den Anfängen! gut beraten ist, nichts weiter zum Erscheinungsbild auszuplaudern.

Antonio darf sagen, dass er an und für Frauen gelitten hat. So will er es! Als sei Leiden das Privileg der Schlanken, Blauäugigen, Blondhaarigen hat er gelitten. Er vibriert zwischen Erinnerung und Erwartung. Er kämpft gegen das Verblassen von Eindrücken, nimmt Witterung auf. Die Stellung, die er beim Liebemachen bevorzugt, ist erreicht, wenn er die Nase in die Achselhöhle der Geliebten graben kann. Er will beim Sex nicht herrschen, nicht einmal bestimmen. Er kann auch unten liegen. Passiv. Kann sich lieben lassen. Muss aber nicht. Geht auf Bedarf ein. Ist in keiner Weise untätig. Auch kein Halbidiot. Weiß jedoch, dass der Kodex der Männlichkeit, der sich schlimmer als jede Heuschreckenplage über den Globus verbreitet hat, nicht die wahre Stimme des Geschlechts noch überhaupt eine wahre Stimme ist.

Antonio löst sich von der Mauer und geht los. Gehen ist denken. Schon Frido der Schreckliche warnte: Trau keinem Gedanken, der dir im Sitzen kommt! Er geht. Er denkt an Bea. Er stellt sich immer wieder vor, in ihr ausgelöscht zu sein. Ohne Rückhalt. Ohne Reserve. Wer liebt, sagt er sich, findet nur Halt, wenn er loslässt. Ist Bea also sein kostbarster Besitz?

Bea ist alles für ihn außer Besitz. Sie stimmte mit nichts von dem überein, was er aus sich hervorholt. Sie ist jedes Mal ein wenig fremd, vollständig vertraut, längst in seinen Körper eingewachsen. Wenn er sie betrachtet, anfühlt, schmeckt, umarmt, entgeht ihm nicht, dass Teile von ihr außerhalb bleiben. Eine echte Genugtuung. Er will sich mit ihr vereinen, aber nicht eins werden. Erst wo er aufhört zu lieben, beginnt er zu fragen. Fragen wie Woran denkst du gerade? die das Ende der Verlienbheit einläuten. Vertrauen in das, was ist, weicht der Beunruhigung, was alles sein könnte.

Frage an den Probanden: Du wills also weder besitzen noch wissen?

Schwer zu sagen. Ihm scheint, je mehr er Bea bedrängt, desto mehr zieht sie sich zurück. Wie in den Träumen, wo sie sich umso weiter entfernt, je lauter er sie herbeiruft.

Frage an den Probanden: Also glaubst du an eine Liebe ohne Worte?

Antonio verneint. Hör auf zu reden und küss mich endlich, sagt die Frau zu dem sie anschmachtenden Studenten, was nach entweder-oder klingt. Das trügt. Selbst der Orgasmus, das Musterbeispiel eines wortlosen Gipfelerlebnisses, wäre ein dumpfes Nichts, wenn einem die Worte dafür fehlten. Worte davor und Worte danach. Das macht den Unterschied. Ein Wort ohne Erlebnis ist leer, heißt es, ein Erlebnis ohne Wort blind. So oder so ähnlich. In dem Sinn liebt Antonio nicht blind, erlebt nicht leer, tastet sich im Wechselstrom zwischen erleben und nennen zu dem einen oder anderem Wunder vor. Schlägt sich auch Wunden dabei. Beides zählt. Beides drängt zum Wort und von ihm weg.

Aufforderung an den Probanden: Erzähl uns was über die Macht der Liebe vom biologischen Fundament her, wo sie ihren Ursprung hat.

Antonio stutzt. Ist was dran: biologisches Fundament... Die Tatsache, dass die Verschmelzung zweier Zellen der Kern all dessen ist, um das sich sein körperliches Gebaren, sein Handeln und Wandeln, Wüten und Werben, seine niederste Regung und sein kompliziertestes Denken drehen. Im Grunde ein Anlass für Furcht und Zittern. Ob Sprungmaus oder Bison, Hase, Hirsch, Affe, Mensch, der Selbstverdoppelungsprozess, bei den Einzellern noch autopoetisch, hat sich auf zwei Organismen verlagert: Samenspender und Eierlieferantin. Plus einem dann meist auch unverzichtbaren Andockungsverfahren. Um die dabei mögliche Anstrengung attraktiver zu machen, hat die Natur zu der List gegriffen, die Vereinigung mit einem Moment der Wollust zu versehen. Keine Lustgefühle, keine Zellenverschmelzung. Ein blankes Wunder, das einige ins Okkulte, andere ins Mechano-Physikalische treibt. Wieder andere verzieren das vom Samen zum Ei segelnde Rätsel mit Reimen. Nich zu vergessen die Leute (Knax spuckt), die es kränkt, die sich beleidigt fühlen, die darüber lachen, darauf herumtrampeln, es verleugnen, sich ihm nur auf Zehenspitzen zu nähern wagen, es logisch sezieren oder wollüstig feiern. Die winzige Wanderbewegung zweier Zellen, die alles Übrige, was auf dem Globus geschieht, in Bewegung hält, befeuert den Parterre-Bewohner eines Wolkenkratzers zu kreativer Höchstleistung, während sein Mitbewohner, spirituell bedrückt, sich aus dem dreißigsten Stock in die Tiefe stürzt. Wenn demnach alle Spielarten der Werbung angewandt, alle Gefühlsausbrüche verpulvert, alle Balzrituale ausgeführt und alle Hindernisse überwunden sind, wenn zwei nach gebührendem Vorspiel und gymnastischen Übungen endlich zusammengekrallt ihre Lust auf eine Intensität steigern, dass sie für Momente das Bewusstsein zu verlieren scheinen, was sie mit dem Erlebnis vom kleinen Tod umschreiben, wenn sie unter einigem Seufzen, Kreischen, Schnaufen, Juchzen, Stöhnen, Hecheln ausströmen und auf Grund der Wolkenbildung in den Augen nichts mehr erkennen, bricht für Sekunden der über Jahrtmillionen geschaffene kulturelle Überbau zusammen und es segelt am Fundament des Daseins eine Spermazelle zum Ei. Eine kleine schwimmende Kraft, und doch stärker als alles, was die Krone der Schöpfung je dagegen aufgefahren hat, Religionen, Maschinen, Retorten, Bomben, Einsiedlerbewegungen und sonstige Verhütungsmittel. Frauen wie Männer sind über der kleinen segelnden Kraft dem Wahnsinn verfallen, Reiche wurden erobert, verschenkt, noch schlagende Herzen aus lebenden Körpern gerissen, Verrat auf Verrat, Mord auf Mord, Werbung auf Abwerbung, Schwur auf Schwindel getürmt und zu dem Netz geflochten, das man Geschichte nennt. Im Kern dreht es sich immer nur um die wenigen Sekunden der Wanderung vom Samen zum Ei, winzig und still, mächtiger als alles, was wir ansonsten anstellen.

- Kurz?

- Kurz, alles was wir jahrelang hellwach tun, dient diesen wenigen Momenten, die wir mit verglasten Augen verbringen, um uns verlieren zu können.

- Und Leben über uns hinaus zu schaffen?

Wir sind Zwiebelwesen. Schält eine Schale nach der anderen weg, die wir zur Ablenkung brauchen, bleibt nur diese Kernschmelze übrig. Irgendwie unheimlich, dass wir uns für Nachwuchs abstrampeln, der nur dazu dient, uns überflüssig zu machen.

- Moment! Ich sehe ein stockendes Herz. Knaxito, notieren Sie: stockendes Herz!

Antonios Herz stockt. Kaprylgerüche. Sir Knex lächelt. Odor di femina. Hatte Bea... glandulae vestibularis majores... hatte sie Scheidensekret, Vulvaschweiß ausgesandt? Hatte sie etwa das komplette Arsenal ihrer Pheromone losgeschickt? Potenziert durch aufgetragene Moschus–Bisam–Ambra–Zibeth–Mixtur? Mag sein. Antonio auf dem Weg, seinen Verstand zu verlieren, beziehungsweise, was viel zu selten erwähnt wird, zur Vernunft zu kommen. Zum tieferen Sinn des Daseins vorzudringen, der nicht im Verstand liegt und sich nicht ohne ihn erfüllen kann.

Liebe macht blind, behauptet Volkes Mund, aber auch hellsichtig wie nur was. Schließt die Tore des Wissens und öffnet die der Wahrnehmung. Antonio hingerissen und hergerichtet. Vorhautdüfte antworten Muschimixtur. Sehen und Hören, die Lockzeichen aus der Distanz, weichen Tasten und Schmecken im Nahbereich. Gut. Aber Riechen fasst alles zusammen, ist das chemische Uralphabet, mit dem sich schon Blumen und Bäume verständigten, bevor Ameisen und Neandertaler nachzogen: Bea. Der fremde Kontinent.

- Wo befindest du dich?

Die Uferstraße am Fluss. Antonios Nasenflügel immer noch aufgespannt. Neben Beas Düften erreichen ihn die Brisen, die vom Fluss kommen. Mentholgrün. Vanillegelb. Positive Signale. Beinah wäre er losgetanzt. Er liebt. Vorverstandlich. Grünstreifen. Flussaue. Bocksgesang. Satyre fegen an den Blumenrabatten in der Formation einer Motorradgang vorbei. Birkenblätter sprenkeln Licht. Licht zerfällt in Vokale. Silbergraue Maikätzchen hängen an Weidenzweigen wie pelziger Ausschlag. Auf den Lippen des Flusses schaukeln Landmöwen. Antonio schießt Yokohama in den Kopf. Bea ist jedoch arabische Afrobrasilianerin mit indonesicher Beimischung, den tamilischen Urgroßvater nicht zu vergessen. Sandkuchengoldene Haut. Von weit her. Auf Zufalls Sohlen. Zu Antonio hin.

- Wie hast du sie kennengelernt?

Sie war die siebtjüngste Tochter einer wandernden Schaustellertruppe. Von Bar zu Bar, von Tingel zu Tangel. Das Oberhaupt des Klans nannte sich Babylon, seine Frau Rachel, die Konkubinen Euphrat und Tigris. Natürlich alles Künstlernamen, obwohl von Kunst nur kryptisch gesprochen werden darf. Es gab ebenso viele Söhne wie Töchter. Der jüngste Sohn war so viel jünger, dass er vom ältesten Sohn hätte abstammen können. In der Tat – ohne Wissen Babylons – auch abstammte. Babylon schöpfte keinen Verdacht, da der Jüngste ihm ähnelte, was kaum verwundert, wenn man sich den Verwandtschaftsgrad vor Augen hält. Bevor sich jetzt einer empört, sei daran erinnert, dass, wer Inzest sucht, bei den Göttern anfangen muss.

Babylons Söhne bearbeiteten die Trommeln, Gitarren, Zimbeln, Flöten, Trompeten und Schellen, die Töchter tanzten. Rachel kassierte. Babylon pfiff durch die Zahnlücken und klatschte mit den Händen auf den Lenden seiner Söhne Takt. Er klatschte so lange, bis auch der letzte seiner Sprösslinge ein steifes Glied hatte und die Trikots platzten. Und um die aus den (extra lose genähten) Trikots geplatzten, von prächtigen Adern durchflochtenen, rotköpfigen Ruten wandten sich die Töchter, bis ihre Gelenke unter den immer schneller hetzenden Rhythmen, dem steigenden Lärm und dem anspornenden Gekreische der Zuschauer zuckten und der Saft aus ihren Schößen brach.

Eine Schau, die jedem noch so Geizigen die Brieftasche öffnete, Scheine – keine Münzen, das Geklimper beleidigt Babylons Ohren! – in den herumgereichten Hut regnen ließ (wo nicht, wurde mit Faust und Klinge nachgeholfen). Zum Dank schob sich eine Tochter nach der anderen wie von Dämonen gerüttelt an die Rampe, spreizte die Beine, ging in die Hocke, langte in ihre Scheide, rührte darin wie in einem Topf und segnete die aufheulende Gemeinde von Bewunderern mit dem hervorgeholten Nektar.

Die überhitzten Zuschauer starben dafür. Sie sprangen in die Luft und schnappten danach. Sie spannten Taschentücher aus, um den Segen aufzufangen. Sie leckten es vom Boden, sie leckten es von den Schuhen des Nachbarn ab. Sie krochen unter den Stühlen herum. Sie erschnupperten Restspuren. Ihr Bellen ließ die Zeltwände zittern. Platzwächter – Schlägertrupps, die Babylon aus dem jeweiligen lokalen Bestand rekrutierte – hoben ihre Gummiknüppel, auf deren Oberfläche rote und blaue Funken sprühen.

- Ist die Truppe noch intakt? erkundigt sich Knex. Ist die noch zu haben?

- Schnauze, Knex! fährt Knax den Gewerbetreibenden in Sachen Bühnensex und Tanzbar an, bleiben Sie beim Thema unserer Forschung!

- Sex’n’crime’n’drugs to rock the rollin‘ ducks, singt Knaxito höhnisch: das sind die Knex’schen Beiträge, die wir zu erwarten haben, wenn er mündlich wird.

- Oh, also nur das Unerledigte darf sich Forschung nennen? kontert Knex (in seinen Kreisen Buster Kinky genannt): Lediglich das Spiel, bei dem keiner weiß, wohin die Würfel fallen, ist ernst zu nehmen?

- Zurück zu dir, Antonio, würgt Knox den unwürdigen Teilnehmer ab, du hast hoffentlich weggehört und bist noch bei der Sache. Wir waren bei der Frage, wie du an Bea kamst. Hast du Bea in der, äh, Gauklertruppe des fahrenden Volkes entdeckt?

So begann Antonios Liebe, die Tote geweckt hätte, in der Tat. Er starrte auf die saftige Darbietung, als habe er eben erst Augen bekommen. Die Bewegungen wurden immer rücksichtsloser. Fleisch in Bewegung, aber nicht nur das. Raum, Zeit, Luft, Seele, alles in Bewegung. Betrappelst du den Boden oder der Boden dich?

Bea gab alles. War Bild, Duft, Gesang. Sang im Chor der Brüder und Schwestern, hoch über den Köpfe des Saupacks – von Philanthropen Publikum genannt – nur für ihn, heimlich für ihn, bildete er sich ein, Fünkchen Wahrheit nicht ausgeschlossen, stach er doch als sprachlos hingerissener Junge aus der grölenden Masse heraus. Er empfing ihre Energie auf allen Wellen. Stand vom ersten Moment an im Bea-Fieber. Sie sandte aus, er sog ein. Bevor er das Oberhaupt des Klans um Erlaubnis bitten konnte, hatten sie sich schon vereint.

- Wie konnten solche, äh, Darbietungen öffentlich ausgetragen werden? Du sprachst – nur um dir zu beweisen, wie aufmerksam ich hinhöre – von einem Zelt. Wo stehen Zelte mit solchen, äh, Darbietungen in unserem gottgefällig-sittlichen Land?

- Nirgends. Ich war zu der Zeit in Brasilien auf der Suche nach meinem vor mir geflüchteten Vater, jedenfalls wenn ich Mama glauben darf. Vielleicht aber vor ihr geflüchtet und mich vorgeschoben? Wie auch immer, das Zelt stand in der Interzone zwischen den Hügeln der Favelas und den Villen entlang der Strandpromenade, wo Gemüse und Früchte, abgehangenes Tierfleisch und menschliches Frischfleisch auf einer kilometerlangen Strecke angeboten werden. Es war nicht das einzige Unterhaltungszelt, es gab die Straßen aufwärts ähnliche Zelte und Schaubuden. Hier begeilte sich die Oberschicht am Treiben der sozial Untergepflügten, je derber, desto besser. Sie mussten nur aufpassen, sich nicht am Eingang an eine Schönheit zu hängen und am Ausgang mit durchgetrennter Kehle in einem Müllsack entsorgt zu werden.

Im Vergleich zum Samba-Bambada Gangbang Karneval der Lüste war Babylons Truppenspektakel übrigens noch vergleichsweise zugeknöpft.

- Was trieb dich in die verruchte Gegend?

- Suche nach dem Geflüchteten. Neugier. Langeweile. Unwissenheit. Hoffnung, ermordet zu werden.

- Verruchte Gegend?! empört sich Knex, der Schöpfer möge Ihre Zunge vertrocknen lassen. Aus diesem herrlichen Fleckchen Erde rekrutiere ich meine besten Zugpferde. Bin ich denn hier, um mich, kaum angekommen, ehrenrührig angiften zu lassen?

- Mal eine kleine Zwischenfrage, verehrter Knex, Sie Sau, meldet sich Knoxito, seit wann Sind Sie eigentlich hinter dem Probanden her? Seit wann und in welcher Absicht? Müssen wir hier fragwürdige, müssen wir hier verwerfliche Motive unterstellen?

- Man hat eben seine Verbindungen, flüstert Knex plötzlich bescheiden, zaubert sogar ein Erröten auf seine Wangen. Davon abgesehen ist Sau weiblich, verehrter Knoxito, was nun wahrlich an mir vorbeigeht – soviel Bildung muss sein.

- Einigen wir uns bei Bea auf Tänzerin. Und du hast um sie, äh, geworben?

Antonio wartete bis zum Ende der Vorstellung und fing den Vater ab, um nach dem Namen jener Tochter zu fragen, die ihm, Antonio, die Sinne geraubt, nein, im Gegenteil die Sinne entflammt hatte. Babylon wäre nicht der Mann von der Straße gewesen, wenn er nicht gewusst hätte, was solche Fragen nach dem Namen im Klartext bedeuteten!

Auf dem Weg zu seiner perlmuttweißen Lincoln Federal Stretchcar Proll-Limousine mit den speiweißen Ledersesseln, die er seinem Ruf schuldig war, drehte sich der Herr über Bea und dreizehn weitere Kinder abrupt um und schlug Antonio ein hartes Lachen ins Gesicht: Du willst deine stinkende, untergehende Rasse mit solchen Blumen der Fruchtbarkeit retten? Ihr seid alle zum Kotzen, alle! Nichts wisst ihr. Null Peile. Komplett entsaftet. Winselt nur noch. Winselt und grunzt. Grunz doch mal, Schwachmatikus. Grunz dein wahres Anliegen raus! Mach schon! Du willst dein Rohr in meiner Bea verlegen? Du willst deinen Stecker in ihre Dose schieben? Und alles nur, um deine ausgelaugten Gene mit ihren tausendwattigen Energiezellen aufzuladen? Schlag dir das aus‘m Kopf bevor ich’s tu!

Erneut setzten sie sich nach dieser munteren Belehrung wieder in Trab, da Babylon eingefallen war, dass er noch Socken kaufen wollte, die’s nur bei seinem Hoflieferanten Risotto Ajena gab. Antonio versuchte dem immer einen halben Meter vor ihm her Stürmenden, dessen Bauch nach wenigen Schritten über den Gürtel sprang und sofort wieder, von Schnaufern begleitet, unter den Gürtel zurückgestopft wurde, klar zu machen, dass er keineswegs nur auf Beas Dose scharf war, sondern aufs Ganze dieser einzigartigen Frau, deren Name ihm, Babylon, nun doch versehentlich aus dem Mund rutschte, was er, Antonio, als grundsätzliche Zustimmung zur baldmöglichen öffentlichen Vereinigung deuten zu dürfen zu hoffen wagte.

Siehst du, was ich meine, sagte Babylon, nichts als degeneriertes Zeug im Hirn und auf der Zunge, die deuten zu dürfen zu hoffen wagt, wo’s ein Schlag ein, bester Babylon! auch getan hätte. Ihr alteuropäischen Furzlappen! Vor lauter Überfeinerung nur noch zu verknödelten Sprüchen fähig. Ungenießbar, sag ich, wirr, verquirlt, sinnfrei sowieso. Aber die Jammerfigur will mein Blumenkind bespringen? Will den Nektar aus ihrem Kelch schlürfen? Fort, du Wicht, lass deinen Schatten nicht weiter auf mich fallen! So sprach Babylon, der fette Babylon, und meinte es ernst. Nicht dass Antonio ihn nicht mochte – Gott nein! Er bewunderte Babylons Abwehr, seine gesunden Vorbehalte. Das kraftvolle Land, das aus ihm sprach.

Wieder kam es zum Halt. Ich sehe, sagte Antonio höflich, aber nicht unterwürfig, ich sehe einen Strand voller Strohdachschirme, ein fastnacktes Menschengewimmel, Wellblechhütten, Villen, Zeltkolonien an den Ausfallstraßen, Kindersoldaten, den blau lackierten Himmel, Plastikpalmen, Autos, die vom Schlag ihrer Bassanlagen auf und nieder wippen, stimmt's? Felsige Abschnitte. Weiße Häuser, grüne Fensterrahmen, rot gestrichene Türen, vom Ziegenblut genommen, hoffe ich. Schatten zwischen den Felsen über dem Meer violett. Es ist kühl und trocken dort oben. Matten liegen eingerollt in einer Ecke des ansonsten leeren Zimmers. Nicht ganz zugezogene Jalousien werfen Lichtstreifen auf den Boden. Kinder sitzen draußen und dösen Knie an Knie, Ellenbogen an Ellenbogen vor sich hin. Ohne Vorwarnung bricht aus dem verdorrten Mistelbaum das eine oder andere Wunder. Wenn schon Kraft, dann gnadenlos. Lass mich ein Teil davon sein!

Babylon trabte fort. Wollte seinen Einkauf erledigen. Hörte nicht hin. War nicht zu beeindrucken. Noch weniger für ein Zugeständnis zu gewinnen. Hatte offenbar eine sieben Liter Lunge. Wuchtete seine Massen in einer unglaublichen Geschwindigkeit voran, keuchte nicht, ging nicht zur Schnappatmung über. Schien sein Tempo bis zur anderen Seite des Kontinents – pfeilgrad durch die Pampas, verwinkelt über die Anden, sturzschnell zum Pazifik – durchhalten zu können. Sein Bauch hoppste, das war alles. Ein Donnerwetterkerl. Mischung aus liebender Vater, Ausbeuter und Stinkstiefel.

Könntest du lieben wie ein Stier, wie das sprichwörtliche Karnickel, der rege Hahn, ein Kater in Hochform? Ich renne mit dir bis zum Kreuz des Südens für eine Antwort.

Du nässt in die Hose, aber dein Geist ist trocken. Glaub doch nicht, dass ich glaube, du könntest sie lieben, sie, Fleisch von meinem Fleisch, jeder Zentimeter Magie. Bumsen ja, rammeln, nageln, stoßen und so weiter, die Worte sprechen für sich, aber lieben? Lieben, dass auch ihre Seele brennt? Niemals! Deine Sorte hat sich ausgelebt.

Wieder Laufschritt. Antonio hatte Mühe zu folgen. Ihre Absätze klapperten dissonant übers Pflaster... tikketti-tokketti-trrrü-klapp, klapptti- täkketti-tokkettitrapppöh... Antonio mochte den Mann. Respektierte ihn. Hasste ihn. Je nachdem, welches seiner Beine beim Laufen vorne war. Babylons Wanderleben, seine mobile Heimat, alles was Antonio zur Verzweiflung brachte. Neidisch machte. Wohin als nächstes? Tabor Mountain? Betelville? Der Mensch auf Walze hatte einfach andere Sorgen als sich mit einem Antonio-Kümmerling abzugeben.

Antonio hatte gerade das Ich-respektiere-Babylon-Bein vorgestreckt, als er sich dabei überraschte, Babylon an den Schultern zu packen, ihn herumzuwirbeln und auf das von unzähligen Schlägereien vernarbte Gesicht einzuschlagen. Um diese Attacke zu verstehen, muss man wissen, dass Babylon im Laufe seiner Schmähreden auch die Frage aufgeworfen hatte, ob Antonio fähig sei, einem Mann alle Zähne auszuschlagen und darauf wie auf Klaviertasten in der Fußgängerzone zu klimpern, Sammelbüchse vor den gekreuzten Beinen? Wenn nicht einmal das, was dann?

Antonio schlug hart, doch Babylons Gebiss lockerte sich nicht. Antonio nahm den Kopf des Mannes in beide Hände, hieb ihn abwechselnd gegen eine Hauswand und eine Litfaßsäule. Er stemmte den Kopf aufs Pflaster und stampfte darauf. Er packte Ober- und Unterkiefer und zerrte, einen Fuß als Gegenlast auf Babylons Hals, bis seine Muskeln sich verkrampften. Die Häuserwände wölbten sich vor, platzten in dröhnendem Lachen. Ihre Nacktziegelbäuche zitterten. Er sah sie an. Schrie sie an. Stand auf und schlug dagegen. Seine Fäuste rissen auf. Öffneten sich wie Rosenblüten in der Morgensonne. Er schlug weiter. Ein Stein löste sich. Mit diesem Stein schlug er den Schädel Babylons in Stücke.

Einerseits stolz, andererseits beschämt ging er, die beiden ausgerissenen Zahnreihen aufeinander klappend, durch die Zone, in der die Andenkenbuden standen. Eine nach der andern machte dicht. Touristen wichen den Nachtgestalten, eine Sorte, bei der Antonio mit seinem Gebisseklappern nicht landen konnte, geschweige eine Münze in den Hut bekam.

Bis zu den Ellbogen mit Blut überzogen, streckte Antonio beide Arme von sich, Hilfe, zumindest Vergeltung für seine Untat fordernd. Nacheinander tauchten Babylons sieben Söhne auf, später auch seine Töchter. Sie lösten sich aus Häusereingängen, verfolgten den Schädelzertrümmerer. Ihr Vater rief sie. Sein Gebiss klapperte sie herbei. Sie schienen weit entfernt davon, Antonio böse zu sein. Er begann den Haufen schon zu verdächtigen, den Tod des Vaters zu feiern und ihn, Antonio, nicht hinzurichten, sondern dankbar auf die Schultern zu heben.

In Wirklichkeit umtanzten sie ihn eher gleichgültig. Er wollte fliehen. Seine Waden füllten sich mit Blei. Er fiel hin, schlug auf, rollte zum Bordstein, kroch weiter. Babylons Söhne, Babylons Töcher umringten ihn. Ihre Gelassenheit fand eine schlichte Erklärung: Babylon wuchs aus dem Boden mit intaktem Gebiss, lachte über das billige Imitat, das Antonio immer noch zwischen seinen Händen klappern ließ.

Hatte Antonio sich wirklich eingebildet, einem Babylon auch nur eine Schramme zufügen zu können? Matter Versuch, nicht mehr. Sag schon, Hänfling, liebst du unsern Tanz? Unsre Zauberstückchen? Babylon hob Bea in die Höhe und ließ sie – die Spitze seines Zeigefingers in ihrem Bauchnabelloch – wie einen Propeller rotieren, dass die Luft zu surren begann. Unsere magischen Körper? Liebst du deinen Körper, Antonio? Sag an. Alles an ihm? Du kennst ihn ja nicht! Nicht annähernd! Meine Kinderchen, wollt ihr‘s ihm nicht zeigen, meine Täubchen? Augenblicklich begannen die Söhne und Töchter Babylons Hunde, Kühe, Schlangen, Gnus, Katzen und Käfer zu werden und übereinander herzufallen. Antonios Herz schlug im Hals. Er konnte nicht wegsehen. Sie erschienen selbst hinter seinen geschlossenen Lidern. Sie verbissen sich ineinander, vermengten sich. Was wie Hauen und Stechen aussah, entpuppte sich als Liebe machen, was wie Liebe machen aussah, entpuppte sich als Hauen und Stechen. Das Kaleidoskop dieser ineinandergeschobenen Gestalten überforderte ihn. Zwischen Ekel und Ekstase zerrieb seine bisherige Welt, bis er, das Innerste nach außen gestülpt, zusammenbrach.

Das ist es, was du brauchst, Krummholz, diese Bescherung! Gestehe! Antonio gestand. Er schwor seiner Erziehung ab. Er wollte umdenken, neu fühlen, Bea für eine zweite Geburt gewinnen. Die Söhne und Töchter Babylons verwandelten sich zu fröhlichen Menschen zurück. Babylon lachte und zeigte dabei ein komplett mit dem Gold der Inkas überzogenes Gebiss.

So lernten sie sich kennen. Bea! Er läuft auf der Uferstraße, ihren Körper vor seinen Augen, ihren Geschmack auf seiner Zunge, ihre Gerüche in der Nase. Seine Absätze klappern mit dem Geräusch eines frierenden Gebisses über das Pflaster. Er liebt wie nur wer. Er weiß nicht, was sie an ihm fand. An diesem Abend. Trotz Babylon und dreizehn abweisender Geschwister. Mit der Lust fliegen die Türen des Leidens auf. Sein Puls hämmert. Ein Mosaik von Einfällen. Spiel. Ernst. Schwermut. Jeden Morgen die Knochen einem neuen Tag entgegenstemmen. Er rutscht in Tagträume ab, glaubt zu handeln, wird gehandelt. . Versucht sich in Selbstvergewisserung. Verwirft den Versuch. Fühlt sich unecht, unfertig, unentschieden...

Die Schalter des Betatrons gleiten in die Ausgangsposition zurück.

Sir Knax streichelt, Ellenbogen auf dem Tisch, sein Betatron nach der ersten Bewährungsprobe. Durchaus positive Signale. Gutes Gerät. Virile Impulse des Probanden glaubhaft abgesichert. Wie jeder, der noch nichts Endgültiges weiß, greift er zur Taktik eines schon im voraus zufriedenen Nickens, das erst durch weitere Erkenntnis gerechtfertigt wird. Er nutzt dabei das wirkmächtige Phänomen der selbsterfüllenden Prophezeiung, millionenfach belegt, immer noch nicht völlig begriffen.

Sir Knex ist eingeschlafen.

- Ich bin keinesfalls für eine Trennung von Physis und Psyche, bemerkt Knox, halte im Gegenteil das Auseinanderdenken von Körper und Geist als den wahrscheinlich schlimmsten Griff ins Klo der Philosophiegeschichte, ein Jahrtausende altes Unglück, gekrönt von der cartesianischen Proklamation einer res extensa und einer res cogitans, die uns auf Dauer in Gespenster verwandeln wird, wenn in seinem Sinn der homo digitalis